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... wie ein Sog in eine Welt ohne Schmerzen...

© 2004 Konz

Tell me if you got a problem
Tell me if it's in your way
Tell me if there's something bothering you
Tell me what should I say

 

 Reamonn: Star

Kapitel 1

"Ich liebe dich, Sandra!" Diese Worte hallten viel zu laut im winzigen Zimmer.

Das Mädchen blickte nach oben, zu ihrem Bett, auf dem, die Arme von sich gestreckt, der Junge lag, der eben diesen Satz mit seinen Lippen formuliert hatte. Benjamin.

Zuerst war ihr zumute, als hätte ihr jemand in den Bauch geboxt, wie es ihr Vater fast regelmäßig getan hatte, bevor er sie und ihre Mutter vor knapp 3 Jahren verlassen hatte.

Sie sprang auf, lief auf das Bett zu und umarmte ihn. Er trug noch immer das grell weiße, bis über die Knie reichende, mit blauen, winzigen Punkten gesprenkelte Hemd. Seine Füße waren bloß, sein Körper ausgezehrt. Sie drückte ihn an sich, ihr tiefschwarzes Haar glitt über seine Schultern, nun bedeckte sie seine Wangen mit Küssen. Bartstoppeln, die ihm gewachsen waren, erzeugten ein leichtes Kribbeln auf ihren schmalen, blassen Lippen. Sie küsste ihn . . .

. . .so wie sie es getan hatte, als er auf dem Bürgersteig lag. Benjamin lag ohne Bewusstsein auf dem Bürgersteig. Und überall Blut. Die Typen, die ihn zusammengeschlagen hatten, waren davon gerannt. Feige Schweine.

Es ging um Geld. Natürlich. Dabei hatte Beni höchstwahrscheinlich kaum mehr im Portmonee als die fünf Kerle. Es ging denen nicht besser als ihm und Sandra.

Auch diese Schläger zogen täglich durch die Straßen, hatten mit hoher Wahrscheinlichkeit keine Eltern mehr, so wie es bei Benjamin der Fall war, oder wollten nicht mehr zu ihnen zurück, so verhielt es sich bei Sandra und ihrer Mutter.

Sie wollte sich mit Beni treffen, am gleichen Ort wie immer, im Park. Sandra war auf dem Weg dahin, sie musste nur noch die Straße überqueren und dann waren es noch einige Meter. Um sie herum lebte die Stadt Berlin. Unzählige Menschen liefen ihr entgegen, verschiedenste Fahrzeuge rasten neben ihr auf dem Asphalt entlang.

Da hörte sie Benjamin schreien. Er jaulte ihren Namen. Und um Hilfe flehte er. Diese Stimme war unverkennbar, oft hatte sie sie schon vernommen. Beni machte zwar nach außen hin einen starken und selbstbewussten Eindruck, vermochte jedoch kaum, sich gegen Andere wehren zu können. In ihm drin sah es anders aus. Schüchtern sein und Opfer der Agressionen Anderer zu werden gehörte zu den Dingen, die er perfekt beherrschte.

Es fehlte ihm an Selbstvertrauen, erst recht, seitdem er allein war.

So auch an diesem Nachmittag.

Die namenlosen Junkies ( auf Sandra machten sie den Eindruck von abhängigen Individuen: glasige Augen, ein müdes Grinsen auf den Lippen, storksten sie auf dem Bürgersteig entlang) standen zum Großteil im Halbkreis um Einen herum, der es geschafft hatte, Benjamin zu packen.

Bulliger als der Rest und mit Augen, die schmal und unscheinbar, nur als winzige Schlitze zwischen Hautpolstern ersichtlich waren, knöpfte er ihn sich richtig vor, obwohl sich Sandras Freund kaum noch auf den Beinen halten konnte.

Nachdem er Benjamin zu Boden getreten hatte, packte dieser Kerl ihn mit beiden Händen im Genick, zerrte ihn wieder hoch, drückte ihm die Luft ab. Er wehrte sich nicht, sondern fuchtelte nur hilflos mit den Armen umher.

Nun schoben und drückten sie sich gegenseitig an der Bordsteinkante entlang, es mutete wie ein merkwürdiger Tanz auf dem Gehweg an.

Sandra stand stocksteif auf der anderen Seite der Straße.

Der Junkie schaffte es schließlich, Benjamin in Richtung der nächsten Laterne zu treiben, nachdem dieser ihn unzählige Male versucht hatte, zu treten und ihm die Beine zu stellen.

Doch ohne Erfolg. Mittlerweile standen sie direkt vor der Laterne. Immer noch im Würgegriff dieses Arschlochs gefangen, rang Beni um Atem.

Er hatte in dem Moment verloren, als die kräftigen Hände um seinen Hals ihn erst eine Armlänge zurück rissen und in einem Stoß wieder in Richtung Laterne wuchteten.

Tonlos prallte sein Kopf an den Metallmast.

Sandra beobachtete das voller Panik, nun schaffte sie es endlich, hinüber zu rennen, ohne jedoch auf den starken Verkehr zu achten. Es erfolgte ein Konzert von Autohupen, Geschrei erboster Autofahrer. Sandra hörte nicht darauf.

Benjamin blickte nach oben, seine Augen begannen zu leuchten, das merkte Sandra sofort, er schaute nur ein einziges Mal nach vorn und direkt in ihre Augen hinein.

Auch sie genoß diesen Augenblick.

 

Sie verglich diese Augen aufgrund ihrer Farbe immer mit Smaragden, auch wenn Beni das nicht sonderlich gefiel. Er hielt es für übertrieben.

Wenn sie ihn daraufhin fragte, was er denn an ihr besonders fand, eine Eigenart von ihr, die sie selbst verabscheute, aber nicht dagegen ankämpfen konnte, dann sagte er stets: "Dein schwarzes Haar hat für mich die gleiche Anziehungskraft wie meine grünen Augen auf dich.... Wenn deine Augen schwarz wären, entstünde eine perfekte Harmonie!"

Dem folgte immer ein Grinsen.

Aber er hatte recht. Auch ihr gefiel ihr schwarzes Haar, welches sie stets offen trug. Fast bis zum Po wallte diese Mähne ihren Rücken herab.

Es verlieh ihrer Person Stärke, die sie dringend nötig hatte. Sie war sehr groß und schlank. Ihre Arme waren ebenfalls lang und dürr.

Noch dazu hatte sie ungewöhnlich blasse Haut und sehr starke Augenränder, hinter denen ihre rehbraunen Augen beinahe verschwanden.

Ihr Vater hatte einmal scherzhaft gesagt, Sandra habe Ähnlichkeit mit einem Fieberthermometer, würde man sie nackt ausziehen und ihr eine Flasche Kirschsaft zu trinken geben.

Sie litt an Schlaflosigkeit. Sie war schon bei mehreren Ärzten gewesen und diese bescheinigten ihr alle das Selbe: Das es wirklich die Ausmaße einer krankhaften Schlaflosigkeit waren.

Eine Erklärung hatten sie jedoch nie parat. Sie hoffte auf viel versprechende Hilfe, erntete jedoch ständig Enttäuschung. Sie verlangte keine wissenschaftliche Definition, weshalb sie ihre Augen nachts nicht mehr zu bekam, denn im Gegensatz zu den Ärzten wusste Sandra genau, warum ihr seit über 30 Monaten der Schlaf fehlte, sondern nur eine Methode, wieder nächtliche Ruhe zu finden.

Die ersten Symptome zeigten sich wenige Wochen nachdem ihr Vater eines Abends Zigaretten holte und nicht zurückkehrte. Der Bruch ihrer Familie raubte ihr den Schlaf.

Auch wenn sie und ihre Mutter ohne ihn und die Prügel, die er sowohl seiner Frau, als auch seiner Tochter zukommen ließ, ein besseres Leben führten, so vermisste sie ihren Vater doch sehr. Von ihm hatte sie diesen skurillen Körperbau geerbt.

Als sie ein kleines Kind war, kümmerte sich ihr Vater rührend um sie, das heißt, wenn er nicht betrunken war oder einfach Lust verspürte, jemandem Schmerzen zuzufügen. Ganz im Gegensatz zu ihrer Mutter. Die hatte nur ihre Arbeit im Kopf.

Zu dieser Zeit hatte sie wenigstens noch einen Arbeitsplatz drängte sich dann ein Gedanke in ihr Hirn und nistete sich da ein, mit der Absicht, lange zu bleiben. Doch nachdem Vater verschwunden war, wuchs ihre Zuneigung auch nicht. Zu Hause wechselten sie die nötigsten Worte und so war es auch nicht verwunderlich, dass Sandra sich bald nicht mehr dort blicken ließ. Obwohl sie seine Misshandlungen zu erleiden hatte, fühlte sie sich bei ihrem Vater geborgener als bei ihrer Mutter. Darüber dachte sie selten nach, gab es für das Phänomen doch sogar eine plausible wissenschaftliche Schlussfolgerung: Der Ödipus – Komplex.

Eine vollkommen andere bestätigte ihre Mutter dafür um so intensiver:

Nach Sandras Einschulung hatte die Ehe ihrer Eltern an Reiz verloren. Mit steigendem Alter Sandras zeigte ihr Vater immer mehr Interesse an seiner Tochter.

Ihrer Mutter bereitete die Vermutung Angst, ihr Mann würde eines Tages mehr Gefallen an Sandra als an ihr finden. Doch er hatte es nie getan. Geschlagen hat er seine Tochter oft, aber niemals hatte er sie an Stellen berührt, welche ihn an seiner Frau eventuell nicht mehr heiß machten. All die Sorge war unbegründet. Je älter sie wurde, um so mehr Mut musste er außerdem aufbringen, ihr wirklich weh zu tun. Die Angst vor Gegenwehr Sandras lähmte auch ihn. Er liebte seine Tochter. Und sie liebte auch ihn, Schläge hin oder her.

Doch ab und zu quälte sie ihr schlechtes Gewissen und wenn sie ehrlich war auch der Wunsch nach Geld in die Wohnung ihrer Mutter zurück. Sie hatte Sandra zu einer guten Christin erzogen, ihrem Vater bedeutete Glauben nicht viel. Auch wenn sie viele Rituale der Kirche mit Misstrauen beobachtete, so unterzog sie sich ihnen doch, vielmals aus Angst und Respekt vor ihrer Mutter. Sie urteilte in dieser Hinsicht sehr streng und Sandra war ihr nach all den Jahren dankbar dafür. Auch wenn Sandra ständig versuchte, sich von der Kirche abzuwenden, gelang es ihr bis heute niemals.

Es gab Momente, da kapselte sich Sandra vollständig von allem ab. Wenn sie überhaupt sprach in solchen Momenten, dann redete sie von ihrem Vater. Sie sinnierte darüber, wie toll es wäre, wenn er zu ihr zurück kommen würde. Nicht selten dachte sie dann auch laut über Selbstmord nach. Benjamin war der Einzige, der ihr zuhörte. Und ausschließlich Benjamin war dann in der Lage, sie zurück zu holen, ihr einen Schub zu verpassen.

Benjamin war also jemand, der ihr half. Benjamin bildete in vielen Situationen den Vaterersatz für Sandra. Und Sandra war für Benjamin wie die Mutter, die er nicht mehr hatte.

Es gab Abende, da weinte sich der Eine in den Armen des Anderen in den Schlaf. Sie bildeten eine eigene Familie, ohne Kinder zwar, aber dafür war es zweifelsohne zu früh. Wenn es um Trost und Liebe und Zuneigung ging, brauchten Sandra und Beni keine Eltern. Dann hatten sie sich selbst füreinander.

Auf Fremde wirkte Sandra müde, bisweilen abwesend und desinteressiert.

Viele Freunde besaß sie nicht und dieses Leiden teilte sie mit Beni. Aber der Vorteil war: Wenig Freunde bedeuten auch wenig Feinde.

Wenn sie Probleme hatten, dann nur mit ihresgleichen, es ging fast ausschließlich um Geld und wenn sie den radikalen Bettelmethoden entgehen konnten, dann klärte sich manchmal völlig von allein, dass auch sie arm dran waren. Öfter gab es jedoch Auseinandersetzungen wie die an jenem Nachmittag mit den Junkies.

So zogen sie und Benjamin oft stundenlang allein durch Berlin, immer auf der Suche nach etwas zu Essen, einem Platz zum Schlafen.

Sandra schlief, sofern es ihr vergönnt war noch relativ oft zu Hause. Sie nannte es nur niemals so. Wenn sie sich entschloss, zu ihrer Mutter zu gehen, dann sprach sie immer nur von dem Ort "wo Mama lebt".

Meist suchten sie auch nach netten Menschen, mit denen sie ihre Zeit verbringen konnten, doch dies gelang ihnen äußerst selten.

Beziehungen zu Mitmenschen aufzubauen, fiel beiden enorm schwer. Sie waren zwei Einzelgänger. Kämpfer nur für sich und den Partner, vereint durch ihre Liebe.

Meist brachte Sandra Benjamin mit in ihre Wohnung. Was ihre Mutter davon hielt, war Sandra egal, sie bemerkte es oft nicht und wenn sie von ihr deshalb zur Rede gestellt wurde, ignorierte sie die Worte oder schrie ihre Mutter an, versuchte ihr einzutrichtern, sie sei alt genug um selbst zu entscheiden, was gut für sie sei.

Solche Streitigkeiten mit ihrer Mutter waren der Auslöser für die Augenblicke in denen Sandra ins Nichtstun, die tiefe Depression und die Suizidgedanken verfiel.

Es gab dem zu Folge manchmal Situationen, wo Benjamin und Sandra sich wünschten, alles hinter sich zu lassen und abzuhauen.

Benjamin wusste auch schon wohin. Ihre Abschlussfahrt in der 10. Klasse hatte sie ins Ausland geführt, nach Polen. Die Veranstaltung fand in einer Jugendherberge statt, in einem Ort namens Nova Kaletka in den Masuren. Benjamin hatte Fotos gemacht. Eines zeigte einen See in der Nähe der Herberge. Dort hatten sie am letzten Abend Lagerfeuer gemacht.

Man konnte einen traumhaften Sonnenuntergang genießen.

Dieser zeigte sich auf einem Foto, welches Benjamin noch immer besaß und für gewöhnlich bei sich trug. Und wenn es Sandra mies ging, holte Beni das Foto heraus, wenn Benjamin Trübsal bließ, erinnerte Sandra ihn an das Bild und wenn sie beide niedergeschlagen beisammen saßen erinnerten sie sich daran, holten es hervor, sahen es minuten – oder gar stundenlang an und sprachen über ihre Flucht in dieses wunderschöne Gebiet.

Das Foto zeigte den See, der Horizont dahinter wurde durch den Wald gebildet. Er verlief als schwarze, wogende Grenze zwischen Himmel und Wasser. Darüber tauchte die untergehende Sonne den Himmel in kräftige, dunkle Orangetöne, von denen sich langgezogene, dunkelblaue Wolkenfetzen abhoben, die schlussendlich einen dichten, von mehreren hellen Stellen durchzogenen Ozean bildeten.

All das spiegelte sich auf dem Wasser des Sees.

Alle Sorgen hinter sich lassen und diesem Sonnenuntergang entgegen fahren. Oder trampen. Irgendwie würden sie das schon schaffen.

Das hoffte Sandra.

Die Abschlussfahrt. Das Lagerfeuer. Dieser Sonnenuntergang. Das war der Beginn ihrer Liebe gewesen. Damit war allerdings ein katastrophaler Ausgang der Reise einher gegangen.

Danach, wie als Bestrafung, stürzte das Unglück in ihr Leben hinein: Eine Woche nach ihrer Rückkehr fuhren Benjamins Eltern Verwandte besuchen. Benjamin fuhr nicht mit. Ihr Auto kam von der Straße ab. Beide starben. Das war vor 3 Jahren. Kurz darauf verschwand Sandras Vater.

Seit diesem Sommer hielt Beide nur die gewohnte Umgebung und ihre Liebe zueinander in der Stadt. Sie stellten fest, dass sie nun voneinander abhängig waren und das bekräftigte ihre Liebe. Ihnen wurde klar, was sie sich wirklich bedeuteten und wie sehr sie einander brauchten.

Ein Ruf riss sie aus ihren Gedanken. Ihr Freund war noch immer in der Gewalt dieser Brutalos und sie stand da und tat nichts.

"Sandra, hilf mir!", quengelte Benjamin und dann war es vorbei.

Sein Kopf prallte erneut auf hartes Metall, sie hatte keine Ahnung, wie oft er dies inzwischen schon erlitten hatte, doch dieses Mal wurde er nicht zurück geworfen.

Ein Geräusch, welches sich anhörte als würde man einen verfaulten, matschigen Apfel auf den Boden fallen lassen, ertönte.

Winzige Blutstropfen sprenkelten auf den Beton des Pflasters.

Benjamin entglitt dem Griff des Typen.

Dieser sah jetzt was geschehen war, seine Augen stierten groß und entsetzt nach unten.

"Scheiße, weg hier, lasst uns verschwinden!"

Das ließen sich seine Kumpane nicht 2 mal sagen. Sie stürzten davon. Sandra sah sie nie wieder und konnte deshalb später auch Keinem sagen, wie sie aussahen. Aber ihr war klar, wozu sie Geld brauchten: Drogen.

Damit hatten Beni und sie noch keinen Kontakt gehabt, es brachte nur unnötig Probleme.

Benjamin hatte bis vor einigen Monaten noch geraucht, dann hatte er es geschafft, davon loszukommen. Des Geldes wegen, wie er meinte. Und er hatte durchgehalten. Willensstark war er. Nahm er sich etwas vor, dann wollte er es um jeden Preis durchsetzen.

Jetzt lag er vor ihr, bewusstlos, auf der Seite, so dass sie sah, was ihm angetan wurde.

Auf seinem Hinterkopf klaffte ein großes, rissartiges Loch. Es blutete stark. Seine blonden Haare klebten blutverschmiert rundherum.

Sein linkes Auge war angeschwollen und auch sonst sah sein Gesicht nicht besonders freundlich aus: Überall erblühten bläulich – rote Inseln, umrandet von mit Blut gefüllten Bächen.

Benjamins Brieftasche lag aufgeklappt neben ihm, der gesamte Inhalt verstreut: Kleingeld, zwei 10 € - Scheine, Personalausweis, Taschenkalender, ein Foto von ihnen Beiden, auf dem ein Blutstropfen trocknete, und noch einiges mehr, darunter auch das Abbild des Sonnenuntergangs in Nova Kaletka.

Sie sammelte all dies schnell ein, stopfte es in die Tasche des langen schwarzen Ledermantels, den sie vor einigen Monaten in der S – Bahn gefunden hatte, und wandte sich dem Jungen zu.

Sie klatschte ihm mit der flachen Hand abwechselnd auf die rechte und linke Wange, vorsichtig, sie wollte ihn mit den Ringen, welche sie trug nicht verletzen. All diese Ringe. 10 Stück, an jedem Finger einer. Keiner glich dem Anderen. Doch Beni wachte nicht auf. Auch Küssen und Streicheln brachte nichts. Wieder den Kopf über den Seinen gebeugt, strich der sternförmige kleine Anhänger ihrer Halskette über seinen Kehlkopf. Diesen Anhänger und fünf von den Ringen mochte sie besonders. Es waren Geschenke von Benjamin gewesen.

Sie dachte an Nova Kaletka. Dort hatten sie sich kennen und lieben gelernt.

Fest stand eines: Mit der Verletzung musste er ins Krankenhaus. Wie sollte sie ihn dahin bekommen? Wer konnte ihr helfen? Keine Passanten in der Nähe? Hatte niemand mitbekommen, was hier vor sich gegangen war?

Sie schaute die Straße hinauf und hinunter...überall fuhren Autos, doch keiner beachtete sie.

Sie hatte den Eindruck, dass alle Menschen auf dem Bürgersteig teilnahmslos an ihr vorbeiliefen. Wer konnte ihr nur helfen, ihren Freund ins nächste Hospital zu bringen und zwar auf dem schnellsten Wege?

Sie konnte ihn doch hier nicht auf der Straße liegen und verbluten lassen. Sie war für ihn verantwortlich. Er hatte seine Eltern verloren. Sandra war für Benjamin die einzige Stütze. Aber wenn sie nicht schnell etwas unternahm, würde er das hier nicht überleben. Sie hatte ihre Pflicht zu erfüllen, aber wie verdammt?

Plötzlich schien um Beide herum alles zu verschwimmen. Sie versanken in der Hektik, die sie umgab. Es gab jetzt nur noch Sandra und Benjamin.

Dieses Gefühl war nicht neu, Sandra hatte schon oft solche Wahrnehmungen gehabt, doch jetzt waren sie intensiver als je zuvor. Vielmals waren sie umhergegangen und kamen sich vor, als seien sie die einzigen Wesen auf diesem Planeten. Der Rest der Menschheit war ihnen in solchen Momenten egal, es gab nur sie Beide.

Sie waren der ruhende Punkt in einer sich drehenden Welt.

Dieser Satz umschreibt am besten den Zustand. Sandra weiß auch, wo sie ihn gelesen hat.

Er steht in einem ihrer Bücher. Ein Gedichtband von T.S. Eliot.

Jetzt war es wieder einmal so. Nur war die Lage äußerst ernst. Keiner schien sie zu beachten, jetzt waren sie wirklich allein in der Welt.

Sandra lief. Schleppend kam sie vorwärts. Etwas Schweres drückte ihre Arme nach unten, doch sie gab nicht auf. Lief weiter. Schneller. Rannte. Rannte ins Ungewisse, immer mehr zehrte die Last an ihren Armen und beutelte ihren schmalen Körper. Wohin auch immer sie unterwegs war, sie dachte nur an Beni und daran, dass er in Sicherheit kommen musste.

Um sie herum eine pessimistische Mixtur aus Tageslicht, Wolken, Beton, Asphalt, Metall, Holz, Wasser und Blut. Auf ihren Schuhspitzen sammelte sich Blut.

Sie sprintet immer weiter, dieses Gewicht in ihren Armen. In die verschwommene Umgebung gesellen sich Geräusche. Undeutliche Klänge und Töne, aus keiner bestimmten Richtung kommend. Sandra blickt hastig um sich, mehrmals nach links und rechts, hinter sich, auch nach oben und wieder hinunter auf ihre blutbefleckten Stiefel.

Dabei klatschen ihr die gigantischen Ohrringe, die sie trägt, ins Gesicht. Es sind Traumfänger.

Zwei monströse, die Seiten ihres Kopfes beherrschende Glücksbringer, wie sie sie selbst nennt.

Hoffentlich träume ich das alles nur.

Ihr wird schwindlig, sie schaut herunter auf ihre blutigen Schuhe. Rot schimmernd erscheinen sie vor ihren Augen.

Das letzte woran sie denkt beim Anblick der schwarzen Lederstiefel, die für ihren Blick nun rot sind, ist das Bild von Dorothy aus dem Film Der Zauberer von Oz, welche die Hacken ihrer magischen Schuhe zusammenschlägt und sich wünscht, nach Kansas zurück zu kehren. Es ist alles nur ein Traum . . . nur ein . . .

Kapitel 2

. . . Traum. Doch es war kein Traum. Niederschmetternd. Es war die Realität. Sandra saß auf einem Stuhl in einer Reihe von vielen an der Wand angebrachten Polsterstühlen. Graues Plastik. Und dieses häßliche Grün als Polsterfarbe. Für mintgrün zu dunkel und für blattgrün zu hell.

Wie lange sie schon hier wartete, wusste sie nicht. Sie operierten Benjamin noch immer. Und niemand hatte bis jetzt mit ihr gesprochen. Sie weinte und blickte hinunter auf ihre Hände. Diese Ringe. Sie hatte Benjamin nie gefragt, wie er sie bekommen hatte.

Man ließ sie im Unklaren darüber, was sie mit Beni anstellten. Neugier, Angst und Ungewissheit knabberten an ihrem Nervenkostüm, welches in den letzten Stunden deutlich abgenutzt worden war.

Neugier. Angst. Unwissen. Das alles waren äußere Einflüsse, die sich nach innen fraßen. Zu ihrem Herzen hin. Und das Harte daran war: Sie krochen dafür noch über ihre Seele. So empfand sie es. Aber sie fühlte auch noch etwas. Etwas Größeres, Mächtigeres. In ihrem Herzen, aus ihrer Mitte heraus, strömte etwas Anderes. Es kam von innen, ging von ihr selbst aus und vielleicht war es aus dem Grund stärker als die drei anderen ungebetenen Gäste, die sich mit allen Mitteln Eintritt verschaffen wollten.

Hoffnung. Hoffnung keimte in ihr und war bereit, sich Angst, Unwissen und Neugier entgegen zu stellen.

Wer den Kampf gewinnen würde? Keine Ahnung. Im Augenblick stand es unentschieden, wenn man das so ausdrücken will.

Die Hoffnung war zwar allein gegen die Drei, aber dennoch war sie fähig, präsent zu sein und ihren Platz zu wahren, so lange diese drei Monster noch nicht in Sandra sein würden um dort ihr Unwesen zu treiben.

Und die Hoffnung brachte verlorengegangenes zurück.

Sowohl die 3 Eindringlinge als auch der Bewohner ihres Herzens ernährten sich von der gleichen Sache. Ohne diese Sache würden sie nicht existieren und das würde auch das Ende von Sandra heißen. Noch nicht ihr körperliches Ende, aber wenn der Geist einmal angegriffen war, wurde auch der Körper in Mitleidenschaft gezogen.

Die Zeit. Solange die Zeit vorhanden war, war Sandra in Sicherheit. Denn das Warten, dieses scheinbar sinnlose Herumsitzen auf diesem gräßlichen Stuhl in diesem gräßlichen Flur dieses gräßlichen Krankenhauses schuf die Grundlage für Zeit, die zur Verfügung stand.

Die Zeit verbündete sich also mit der Hoffnung und zusammen gaben sie Sandra etwas wieder, was sie am Nachmittag auf dem Fußweg vor dem Park verloren hatte:

Fassung. Ruhe. Ausgeglichenheit.

Sie fand wieder zu sich, beruhigte sich, ihr Nervenkostüm wurde von Zeit und Hoffnung neu kreiert und geschneidert.

Und das tat verdammt gut. Sie war kurz davor, durchzudrehen, als sie Haarschopf und Antlitz ihres Freundes betrachtet hatte. Wie die Haare langsam das Blut aufgesaugt hatten, erst rot und dann häßlich braun geworden waren. Das war das Schlimmste gewesen.

Fortwährend außer Atem versuchte sie, ihre Gedanken zu ordnen, langsam war sie in der Lage dazu, eine Chronologie dieses Nachmittags anzufertigen.

Für sie war es ein ewiger Zeitraum gewesen, welchen sie jetzt versuchte, zu rekonstruieren.

In Wirklichkeit war es jedoch nur etwa eine halbe Stunde gewesen, zählte man die Zeit nicht mit, die sie hier drinnen mit Warten verbracht hatte.

Es war unglaublich, aber sie hatte Benjamin zum Krankenhaus getragen. Ihre psychische Erschöpfung hatte ihr nur Signale gesendet, die sie jetzt deuten konnte. Das Blut auf ihren Stiefeln. Das war Blut von Beni.

Sie war gelaufen, ihren Freund auf den Armen haltend. Wie sie den Weg zum Krankenhaus gefunden hatte, war ihr schleierhaft. Allerdings war dies auch von geringem Interesse, wichtiger, viel wichtiger war, dass sie den Weg überhaupt gefunden hatte.

Auch irritierte sie die Vorstellung des Bildes, das sie für die Menschen abgegeben hatte: Eine junge Frau rennt, mit einem Jungen, dessen Kopf zum Großteil aus einem blutigen Klumpen besteht, auf dem Arm, durch die Stadt. Ihr tiefschwarzer Mantel weht, wie die farbidentischen Haare, im Wind und gibt den Blick frei auf ein weißes Hemd, welches sie darunter trägt.

Hatte sie geschwiegen während dieses Laufes? Oder womöglich doch wild und laut um sich geschrien? Hier versagte ihr Gedächtnis. Schnell klammerte sie sich an die erste Variante.

Erstens war es schon schwer genug damit fertig zu werden, dass sie überhaupt etwas gerufen haben könnte und zweitens wollte sie, wenn dies der Fall war, gar nicht erst ausgemalt bekommen, was sie gerufen haben könnte.

All die Fragen waren nicht einfach und schon gar nicht einfach zu beantworten, aber sie schufen eine Ablenkung. So quälte sie sich wenigstens nicht ewig mit der Sorge um Benjamin.

Seelisch und nun auch körperlich ein Wrack, wurden ihr all diese Fragen zu viel. Vielleicht war es das Beste, sie würde einfach schlafen? Wenn es Neuigkeiten gibt, weckt mich sofort einer der Dutzend Ärzte, die ich hier habe herum rennen sehen, dachte sie.

Wenn sie Sandra vorhin, als sie völlig erschöpft im Krankenhaus ankam, wegschicken konnten, mit der Versicherung, für Benjamin das Mögliche ( Alles in unserer Macht Stehende, wie Ärzte es gerne formulieren ) zu tun, waren sie auch dazu in der Lage.

Benommen sank sie auf dem Stuhl zusammen und schlief ein.

Licht. Von irgendwo weit her drang Licht in ihr Denken. Und Druck. Ein unregelmäßiger Druck auf ihre Schultern. Dann Wortfetzen. Schließlich war sie wieder aufnahmefähig.

Vor ihr manifestierte sich eine schlanke Gestalt in weißer Krankenhauskleidung.

"Sind Sie die junge Frau, die Herrn Benjamin Jung hergebracht hat?"

Sandra wischte sich die Augen und schaute nach oben. Sie war während des Schlafes leicht nach unten gerutscht und nun hatte sie ihre liebe Not damit, sich aufrecht zu setzen und gleichzeitig den Arzt wahrzunehmen, der vor ihr stand.

Er trug weiße Krankenhaussandalen, eine ebenfalls weiße Hose und ein dazu passendes Hemd. Sein kurzes, leicht gelocktes Haar war farblich eine Mischung aus kräftigem Braun, aschgrau und schwarz. Wie Kastanien, die schon ewig dem Sonnenlicht ausgesetzt sind.

Er trug eine Brille mit silbernem Gestell und runden, randlosen Gläsern.

Die Nase, auf welcher die Brille ruhte, war im Verhältnis zum Rest seines Gesichtes zu klein. Seine blaugrauen Augen musterten Sandra ebenfalls.

Seine Worte wurden von Lippen geformt, die unwahrscheinlich breit und dunkel für einen Weißen waren.

"Ja...Also, ich meine,...Ja, die bin ich.", stotterte Sandra schlaftrunken.

Die Mundwinkel des Mannes zuckten, fielen leicht nach unten. Er schluckte, sein Kehlkopf begann zu vibrieren. Die Augen wurden hinter den starken Brillengläsern noch größer, den Bruchteil einer Sekunde lang schien sein ganzer Körper zu zucken.

Er hob die Augenbrauen, seine Stirn legte sich in Falten. Kleine, rundliche, trotzdem geschickte Hände erhoben sich vor sein Gesicht, ergriffen die Brille, jede Hand einen Bügel, und zogen sie herunter. Seine Hände zitterten noch immer. Mechanisch klappten seine Finger sie zusammen, dann fiel die Brille in seine rechte Hand, diese schob sich unverzüglich in seine Hosentasche, legte die Errungenschaft ab und befreite sich wieder.

Sandra registrierte noch wie beide Hände vor seinem Gesicht gefaltet wurden, dann sprach er durch diese Wand zu ihr.

"Bitte lachen Sie mich jetzt nicht aus, aber das ist das erste Mal, dass ich so etwas jemandem sagen muss." Die Tonlage seiner Stimme wechselte hierbei ständig. Ein Schluchzen folgte.

Sandra sprang auf: "Was müssen Sie mir sagen?"

Sie standen sich nun gegenüber, Beide ängstlich und verunsichert.

"Nun gut, machen wir es so schnell und schmerzlos wie es nur geht. Wir konnten Benjamins Wunde versorgen. Die Platzwunde an seinem Hinterkopf war zwar riesig, aber auch das haben wir hin bekommen." Er sprach sehr leise, scheinbar der eigenen Beruhigung wegen.

"Das ist die gute Nachricht. Ihr Freund ist am Leben. Aber er..."

Sandra war klar, das nun die schlechte Nachricht folgte.

"Er liegt im Koma. Nach der Operation ist er nicht wieder aufgewacht."

Sandra taumelte. Gänsehaut überflutete ihren Körper. Jedes einzelne Haar an ihr richtete sich auf. Sie suchte Halt. Der junge Arzt hielt die Arme auf. Tränen flossen.

"Sind Sie sich da sicher?", heulte sie an seiner Schulter. "Es ist ganz sicher nur die Narkose. Wenn die Wirkung nachlässt, wird er aufwachen nicht wahr?"

"So leid es mir tut, aber ich muss Sie enttäuschen. Sie haben sehr lange geschlafen. Wir haben abgewartet. Benjamin hätte spätestens vor einer Dreiviertelstunde zu sich kommen sollen. Dies war nicht der Fall. Einige Kollegen wollten Ihnen sofort Bescheid geben, aber das wusste ich zu verhindern. Auch ich habe bis eben noch fest daran geglaubt, er würde noch zurückkommen.

Eine unangenehme Spannung hatte sich zwischen Sandra und dem Mann gebildet, der ganz sicher noch nicht lange hier tätig war.

Sandras braune Augen bohrten sich nun in seine und stellten wortlos diese Frage, die ihr weder er noch ein anderer Arzt beantworten konnte: Warum? Wieso, verdammt noch mal? Wie konntet ihr das zulassen? Wie konnte das passieren?

Das Blaugrau seiner Augen antwortete mit Entsetzen, Unsicherheit und Angst. Er schien jetzt tatsächlich Angst vor dem Mädchen im schwarzen Mantel zu bekommen, das vor ihm stand, fast einen Kopf größer als er. Der junge Arzt rang um Fassung.

Die Tatsache, dass dieser Moment sowohl ihn als auch Sandra mitgenommen hatte, trug eventuell dazu bei, dass die Situation nicht eskalierte. Beide sollten mit etwas fertig werden. Schließlich brach das Häufchen Elend im weißen Krankenhausdress das Schweigen:

"Wollen Sie zu ihm?"

Der einzige Satz der ihm jetzt plausibel erschien.

Sandra war verwirrt: "Darf ich denn das so ohne Weiteres? Kann ich da jetzt einfach hinein?"

"Natürlich. Wir können zwar immer noch hoffen, dass es nur eine nicht planmäßig lange Narkosephase ist, aber das heißt in diesem Falle auch nur Warten. Das Einzige, was wir tun können, ist abwarten."

"Dann will ich jetzt zu ihm." Sie lief los, ohne Orientierung in diesem großen Gebäude. Wo wollte sie denn überhaupt hin? Sie wusste ja gar nicht, wo Benjamin sich befand. Sie war im Begriff, sich nochmals umzudrehen, als eine Hand ihre ergriff.

"Kommen Sie mit. Ich werde Sie zu ihrem Freund bringen."

Sandra wurde durch endlose Flure geführt, entweder weiß oder hellgrün gestrichene Wände bedrängten sie von überall. Sie dachte wieder daran zurück, wie sie Benjamin auf dem Fußweg liegen sah. Und als sie dann loslief, mit ihm in den Armen, da ging es ihr genau so wie jetzt. Rundherum alles verschwommen.

Nur Farben und wenige Geräusche nahm sie wahr.

Und wieder denkt sie an Dorothy und ihre Zauberschuhe. Aber es war kein Traum. Nichts wünschte sie sich sehnlicher, als das dieser ganze Nachmittag nur ein Traum wäre. Das sie jetzt die Augen aufschlagen könne und alles wäre vorbei. Normal. So wie immer.

Doch es waren keine Träume. All die Ereignisse, seitdem sie heute auf der Straßenseite gegenüber kurz vorm Eingang des Parks erspäht hatte, wie irgendwelche nach Drogen geilen Penner ihren Freund verprügelt hatten, waren kleine, gehässige Botschaften der Welt an Sandra. Sie sollten ihr nur Eines vermitteln: Das Schicksal existiert. Und heute ist es ganz und gar böse gelaunt. Wie ein teuflisches Gegenstück zum Weihnachtsmann schickte das Schicksal Sandra an diesem Tag viele kleine Päckchen. Und an jedem Paket, in dem sich eine neue boshafte Überraschung, ein Rückschlag, eine deprimierende Erkenntnis oder ein Schock befindet, ist eine kleine aufklappbare Karte befestigt. Aber da stehen nicht etwa Glückwünsche drin: Nein. Auf diesen Kärtchen stehen einzelne Wörter oder Wortgruppen.

Und mit dem letzten Geschenk, was sie soeben erhalten hat und dessen Inhalt aus der Erkenntnis besteht, das dies hier alles die schonungslose Realität ist, ist das, was man ihr sagen will, komplett. Reiht man all die Worte von den Kärtchen aneinander, so steht da folgendes: Die Welt hat Zähne. Und mit denen beißt sie zu, wann immer sie es will.

Das ist also die Quittung. Das Dankeschön dafür, dass du deine Mutter verlassen hast und sie jetzt ganz alleine lebt. Dein Freund liegt im Koma und du hast jetzt niemanden mehr, der dir beisteht. Deine Mutter? Die wird dich auslachen, wenn du angekrochen kommst.

Sie liebt dich nicht mehr, weil du sie nicht liebst und überhaupt bist du es nicht mehr Wert zu leben. Verschwinde von hier. Mach dich weg. Befördere dich selbst ins Jenseits, am besten mit Benjamin zusammen, der ist ja schon auf dem besten Weg dahin.

Mach dem Elend ein Ende. Was dich danach erwartet, ist viel schöner. Deine Mama hat dich doch gut und christlich erzogen, oder etwa nicht? Also los, komm, das Paradies ist nur eine kleine Fahrt entfernt.

Der einzige Haken: Du erreichst das Paradies nur mit dem Leichenwagen. Aber das hat dich ja noch nie gestört, Sandra.

Stell dir doch nur mal vor, wen du alles triffst, wenn du die richtige Entscheidung fällst: Benjamins Eltern, eine Menge berühmter Persönlichkeiten. Und vielleicht triffst du ja auch endlich deinen Vater auf der anderen Seite. Das wünschst du dir doch schon so lange. Stell dir vor, ihr wäret zusammen, auf ewig. Aber weißt du, was das Schönste daran ist?

Wenn du es geschafft hast, diesen Weg zu gehen, dann wird dir deine Mutter folgen und ihr seid vereint. Die ganze Familie wieder zusammen. Sind das nicht deine wirklichen Träume? Ist es nicht das, was du willst? Dann beende dein Dasein in dieser schrecklichen Welt und du kannst es alles haben. Kostenlos natürlich.

Nein, Nein, Nein ! ! ! Sandra wehrte sich gegen den Psychoterror, mit welchem sie von ihrem Gewissen gequält wurde.

Inzwischen waren sie in einem Raum angelangt, dessen vordere Wand eine Glasscheibe war. Riesengroß. Auf der anderen Seite der Glaswand lag Benjamin. In einem Bett mit unzähligen Apparaten und Anzeigen rundherum.

Eine ebenfalls durchsichtige Tür führte in den Raum hinein.

Ihre Augen waren vollkommen auf Benjamin fixiert.

"Ich glaube, Sie wollen jetzt ein paar Minuten allein mit ihm sein."

Sie nickte nur. Weder wendete sie den Kopf nach hinten, noch gab sie eine Antwort. Denn sie kannte diese Stimme und war sicher, dass diese Art der Kommunikation ausreichend war.

Diese Stimme hatte sie vorhin aufgeweckt.

Sie versuchte, sich zurück zu erinnern. Das einzige Wort, das in ihrem Kopf noch Platz fand, war das Wort Träume.

Ihr Gewissen hatte ihr einreden wollen, dass nach einem eventuellen Selbstmord alle ihre Träume, ihre echten Träume, sich erfüllen würden.

Aber sie war stark und reif genug, um zu erkennen, dass das falsch war. Das waren nicht ihre wirklichen Träume. Sie hatte andere. Und die waren nur in den Hintergrund gerückt und so war es möglich, dass sie wieder ihrem Vater nachtrauerte und das Ende ihres Lebens herbei sehnte.

Ihre wirklichen Träume waren verbunden mit dem, der da lag und scheinbar nur schlief. Benjamin. Er war der Auslöser für all ihre Träume gewesen. Nur weil er jetzt nicht bei ihr war, war es möglich gewesen, ihn und die Träume zu vergessen, jetzt wo er im Koma lag und ihr nicht zur Seite stand.

Aber jetzt zwang sie sich, alles aus ihrem Denken zu verbannen, was nichts mit Benjamin zu tun hatte. Ihre Konzentration lag nur auf ihm. Nun war es ihr auch möglich, die Träume und Wünsche, die sie mit ihm verband, heraufzubeschwören.

Sie griff in ihre Manteltasche. Ihre knochigen Finger suchten nach etwas, ertasteten sich vorsichtig den Innenraum.

Leder. Leder auf Leder. Ganz schön schwer in einem Ledermantel einen Gegenstand zu ertasten, der ebenfalls aus Leder ist.

Schließlich fühlte sie eine Form, die ihr vertraut erschien. Voll freudiger Erwartung zog sie das, was sie da in der Hand hielt, heraus.

Benis Portmonee.

Beinahe entglitt es ihrem Griff, sie schaffte es, es zu öffnen. Panisch wühlte sie darin herum, zerrte an Klett - und Reißverschlüssen, zog an Druckknöpfen, drückte sie wieder zu und fummelte in Grifffächern.

Kleingeld. Verschiedenste Mitgliedskarten. Taschenkalender. Ausweise.

Als sie den Personalausweis herauszog, raschelte dahinter etwas.

Etwas gefaltetes, dreckig Weißes landete lautlos auf dem Boden. Sie steckte das Portmonee in die Tasche zurück und kniete sich nieder. Der Mantel streifte geräuschvoll über das Linoleum.

Sie nahm, was da unten lag und faltete es vorsichtig auseinander.

Sie hatte es gefunden. Sie betrachtete es. Alles war da. Der See. Das märchenhafte Orange des Himmels. Und der düstere Wolkenteppich.

Mit dem Foto des Sonnenuntergangs von Nova Kaletka in der Hand kniete sie noch dort.

Wenn man etwas ins Auge bekommt, blinzelt man und schlägt mehrmals hintereinander die Augen sehr schnell auf und zu. Das Bild der Umgebung flackert. Das dauert zwar nie lange, aber es ist ein Zeitraum.

Genau so lange hockte Sandra noch, dann sprang sie auf und machte sich in schreitenden Bewegungen auf den Weg zur Glastür. Ihre Hände verkrampften sich, die Fingernägel kratzen über die Oberfläche des Bildes.

Es war inzwischen zerknittert vom vielen Falten und etwas verblaßt, aber dennoch reichte es aus, um bei Sandra wieder alle Einzelheiten hervor zu rufen. Moment für Moment nahm ihre Abschlussfahrt vor 3 Jahren Gestalt an.

Sie hatte die Tür erreicht, instinktiv griff die freie Hand nach vorn und drückte die Klinke hinunter. Schwer öffnete sie sich nach innen, Sandra stemmte ihr ganzes Körpergewicht dagegen.

Schritte nach vorn. Die Tür glitt hinter ihr in Richtung Schloß.

Ein Ton, ähnlich einem Krachen, nur viel leiser, ertönte, als sie selbstständig hinein fiel.

Sandra steht im Raum, noch immer einige Schritte von Benjamin und seinem Krankenbett entfernt.

Es mag idiotisch klingen, aber sie wurde von Ratlosigkeit geplagt. Sie wusste nicht, was sie tun sollte. Beni lag vor ihr im Bett, konnte sie nicht sehen und ganz sicher konnte er sie auch nicht hören oder fühlen. Darin stritt sich ja bis heute die Wissenschaft. Viele Ärzte lehnten die Ansicht ab, den Komapatienten versuchsweise durch Zuneigung zurück zu holen.

Sie wollte ihn einfach nur sehen, ihm nahe sein, doch jetzt schien ihr dieser Gedanke absurd.

Was sollte ihm das schon nützen?

Nichts desto Trotz trieb sie eine starke, unbekannte Kraft an. Sie wollte sich ihren Liebling einfach nur ansehen. Also ging sie weiter auf ihn zu.

Er.

Genau das war es. Diese Kraft. Das war Benjamin. Er trieb sie an. Nicht ihm nützte das etwas, sondern Sandra selbst. Wenn sie jemals wieder zur Ruhe kommen wollte, musste sie sich vergewissern, das Benjamin noch lebt, noch da ist, existiert.

Weiter bestreitet sie den Weg. Fast ist sie bei ihm. Er liegt, regungslos, bis zum Brustkorb zugedeckt, da.

Sein Kopf ist mit einen Verband versehen. Sein blondes Haar ist fort. Darunter versteckt. Die Schwellungen sind zurückgegangen, nur ganz leicht. Einige Pflaster zieren sein Gesicht. Schläuche, Kabel und Drähte verbinden ihn mit den Armaturen. Sie hat Angst um ihn. Seine Augen sind geschlossen, sie kann ihn nicht ansehen, nicht in ihn hinein sehen.

Sie scheinen verloren ohne diese grünen Augen, alle Beide.

Nun steht sie an seinem Bett. Sie weiß nicht recht, was sie tun soll. Langsam beugt sie sich nach vorn. Sie stützt sich auf die Matratze des Bettes auf, das Foto legt sie behutsam auf die Bettdecke.

Die rechte Hand entreißt sich ihrer Gewalt und schwebt in Richtung des Kopfes von Beni.

Die Hand nähert sich der Stirn, hält schließlich da inne, wo die Haut in den Stoff des Verbandes übergeht. Millimeter für Millimeter nähern sich ihre Fingerkuppen seiner Haut. Als der Kontakt hergestellt wird, ist sie erschrocken.

Die Finger tänzeln über die Stirn, die Schläfe, die Wange. Sie spürt etwas wahnsinnig Intensives. Ihr Tastsinn läuft auf erfreuliche Art und Weise Amok.

Sie spürt jede Pore, jede Unebenheit, jede Vernarbung und jedes Haar auf seinem Gesicht.

So nahe war sie Benjamin noch nie in ihrem Leben, scheint es.

Doch es ist zwecklos. Keine Reaktion. Er spürt absolut nichts. Nicht ein Muskel seines Körpers ist in Bewegung.

Na und?, sagt sie sich, denn jetzt ist sie für das bereit, was sie sich vorgenommen hat. Eine Zeitreise. Ihre Hand löst sich von Benjamin und ergreift das Foto. Mit beiden Händen hält sie es jetzt vor sich. Sie schaut darauf. Dann dreht sie es herum und zeigt es Beni.

Eine Weile steht sie da, ein Außenstehender würde sie für verrückt erklären. Dann dreht sie das Foto wieder herum und führt es mit der Oberseite ihren Lippen entgegen. Sie küsst das Bild. Ein widerlicher Geschmack. Es schmeckt nach Leim. Doch sie hält durch.

Als sie fertig ist, ist ein feuchtes Glänzen an der Stelle, wo ihre Lippen waren. Sie beugt sich erneut nach unten und flüstert: "Hier für dich. Ich hoffe es wirkt."

Sie küsst Benjamin auf den Mund. Lang und leidenschaftlich. Sie schließt die Augen. Er schmeckt nach Blut, dieser Kuss.

Jetzt ist es soweit. Ihr Trip in die Vergangenheit ist in greifbare Nähe gerückt.

Das erste Bild, was sich ihr zeigt, ist kein Sonnenuntergang. Es ist etwas anders. Es ist . . .

Kapitel 3

. . . der Bus. Endlich ist er da. Ihre Abschlussfahrt kann also los gehen. Sandra steht dem Ganzen eher kritisch gegenüber. Natürlich zählt der Spaß untereinander, den werden sie zweifelsohne haben, aber sie verreisen insgesamt nur 3 Tage. Heute werden sie gegen Abend ankommen, dann heißt es Quartier beziehen. Morgen werden sie dann einen Vormittagsausflug unternehmen, der Nachmittag besteht aus Freizeit. Am Abend dann gemeinsamer Ausklang am Lagerfeuer, Abfahrt am nächsten Morgen. Wahnsinnig toll!!! Sie steht mit einer kleinen Gruppe anderer Mädchen zusammen.

Es ist Montag und die gesamte Klasse 10 a steht vor ihrer Schule. Einige hocken auf der kleinen Mauer, die das Schulgelände abgrenzt. Andere befinden sich auf dem Fußweg vor der Mauer und haben ihre Gepäcktaschen vor sich stehen oder sitzen darauf.

Sandra ist von ihrem Vater hergebracht worden.

Zusammen mit ihrer Freundin Nina und weiteren Mädels stehen sie in einer Art Halbkreis da und quatschen. Natürlich über Jungs.

Sandra und Nina sind noch Jungfrauen, aber die zwei Mädels, die noch zu ihrer kleinen Gruppe gehören, nicht mehr. Kristin und Jessica haben es schon hinter sich, dieses geheimnisvolle erste Mal.

Sandra fragt sich, was daran so toll sein soll. Na klar, sie schwärmt für den schnuckeligen Benjamin. Seine Frisur ist so toll. Und diese Augen erst!

Kein Wunder das Sandra sofort von ihm redet, als die anderen Mädels sich umschauen und versuchen die Frage zu beantworten, welche gerade die Runde in ihrem Gesprächskreis macht: Welche Typen aus der Klasse sind so richtig toll?

Nach ihrer Antwort erntet Sandra einen neidischen Blick von ihrer besten Freundin. Wenn es um Jungs geht, versteht Nina seltsamer Weise keinen Spaß mehr.

Da werden sie auch schon aufgefordert, ihre Taschen dem Busfahrer anzuvertrauen. Dieser stapelt sie sogleich in den gigantischen Stauraum im unteren Bereich des Busses.

Unsere Klasse kann sich wirklich glücklich schätzen. Sie dürfen ins Ausland. Es ist 8 Uhr morgens.

Sie werden zwar erst um 6 heute Abend in Nova Kaletka ankommen, aber Busfahrten sind eigentlich nie langweilig.

Als schließlich alle Platz genommen haben, zählt Frau Schneider, ihre Klassenlehrerin, noch einmal durch. 23 Schüler. Dazu sie selbst und der Vater von Jessica.

Er fährt schon das dritte Mal als Begleiter mit. Ein wirklich netter Mensch, was man von seiner eingebildeten Tochter nicht immer behaupten kann.

Aber auf die ist Sandra nicht angewiesen. Sicher, ein paar mehr Freunde würden ihr guttun, aber des Öfteren hatte sie in den vergangenen Schuljahren das Gefühl, dass Keiner wirklich etwas mit ihr zu tun haben wollte. Sie ist einfach anders. Dabei ist sie heilfroh, das Nina sie weitestgehend so akzeptiert, wie sie ist. Nur wenn es um Jungs geht, wird Nina zur Furie. Deswegen, aber auch wegen anderer Kleinigkeiten zoffen sie und Sandra sich manchmal. Aber wie das nun mal so ist: Die Eine kommt ohne die Andere nicht aus. Im Bus sitzen sie natürlich nebeneinander. Als Sandra gerade ihren Discman aus dem Rucksack kramt, starrt Nina gebannt nach vorn.

Sandra befreit den Discman und sieht nun wie Nina völlig weggetreten nur noch den Sitz wahrnimmt, der sich 2 Reihen weiter vorn gegenüber von ihnen befindet.

Da sitzt Benjamin. Allein.

"He sag mal, was ist denn mit dir los?" Sie stößt Nina in die Seite. Empört keift sie zurück: "Sag mal musst du mich so erschrecken?" "Oh ja, stimmt, ich vergaß", witzelt Sandra zurück, "Du warst ja abgelenkt!." "Ach halt die Klappe!".

Nun schaut auch Sandra zu Benjamin hinüber. Und muss feststellen, dass sie an Ninas Stelle genau so zu ihm geglotzt hätte.

Er beansprucht beide Sitze für sich, hat die Knie angewinkelt und schaut einfach nur vor sich hin. Die Sonne scheint ihm vom auf der anderen Seite befindlichen Fenster aus direkt ins Gesicht, doch er verzieht keine Miene.

Das ist so faszinierend an ihm. Dieses scheinbar grenzenlose Desinteresse. Seine Verschlossenheit. Kein Mädchen kam bis jetzt bei ihm an. Nicht mal Jessica.

Die hatte nur herum posaunt, er sei sehr wählerisch, was Mädchen betrifft. Blöde Kuh. Sie war nur sauer und unzufrieden, weil sie ihn nicht weichkochen konnte, so wie sie es bis jetzt bei jedem ihrer Partner getan hatte.

Und das waren nicht wenig denkt Sandra noch und dann wird sie von einem Ruck in den Sitz gepresst. Der Bus startet. Es geht los.

Sie haben eine lange Fahrt vor sich, die ersten Stunden bringt Sandra mit ihren CD’s über die Runden. Sie hat sich reichlich eingedeckt. Unter anderem auch mit der neuen Reamonn CD. Dieser Sänger ist einfach phänomenal. Und die Ballade Star ist göttlich.

Und mit dem Anblick von Benjamin. Die ganze Fahrt über schaut sie ihn phasenweise minutenlang an und das, obwohl er sich gar nicht bewegt.

Ihre erste Rast erfolgt gegen Mittag an einer Tankstelle mit kleinem Imbiss.

Und auch außerhalb des Busses kleben Sandras Augen ständig an Beni.

Im Moment lehnt Sandra am Bus, allein, sie hat genug Reiseproviant und hat sich nicht solange am Imbiss aufgehalten wie die Anderen. Jetzt starrt sie gebannt auf die Tür zu den Toiletten, die sich neben der Verkaufsstelle der Tankstelle befinden. Benjamin ist da vor kurzem rein gegangen und nun wartet sie auf den Augenblick, wenn die Tür sich öffnet und er wieder heraustritt.

Sie schaut auf ihre Armbanduhr. Jetzt ist er schon bald 5 Minuten da drin. Wo bleibt der nur? Gerade als sich die Tür öffnet und ein blonder Haarschopf erkennbar ist, versperrt ihr etwas ( oder jemand ) die Sicht. Sie stößt das störende Objekt zur Seite.

Erst als es: "Sandra...Also wirklich, was ist denn in dich gefahren?", ruft, erkennt sie, dass es Frau Schneider ist.

"Oh, Entschuldigen Sie bitte vielmals, aber Sie haben mein Blickfeld eingeschränkt."

Frau Schneider schaut hinüber zu den Toiletten. Benjamin ist inzwischen wieder da und macht sich auf den Weg zum Bus.

"Soso, wenn ich gewusst hätte, dass ich Ihnen ein Hindernis beim Zublinzeln ihres Superstars bin, hätte ich natürlich vorher gefragt."

"Wie bitte, was meinen Sie?"

Die Antwort kommt prompt im ironischen, aber typischen Frau Schneider – weiß – Alles – Tonfall: "Naja Benjamin natürlich. Man muss schon blind und taub gleichzeitig sein, um nicht mitzubekommen, wie Sie zu ihm aufblicken. Aber machen Sie ruhig weiter so, Sie sind jung, verliebt sein ist was Wunderbares. Nur strengen Sie sich nicht zu doll an. Die Konkurrenz ist nicht nur vielzählig, sondern auch äußerst aufmerksam. Und jetzt kommen Sie mit, wir fahren jeden Moment weiter."

Mit diesen Worten steigt sie in den Bus ein und fordert auf dem Weg dahin noch mehr Schüler zum Einsteigen auf.

Sandra setzt sich in Bewegung und als sie sich in die kleine Schlange, die sich nun vorm Buseingang gebildet hat, einreiht und langsam die wenigen Stufen hinauf gedrückt wird, lächelt sie.

Denn ihre Lehrerin hat Recht. Sie hat wirklich die Situation bestens erkannt.

Die Fahrt geht weiter. Sandra verweilt schweigend neben ihrer Freundin und denkt über die Worte von Frau Schneider nach. Ist sie so vernarrt in Benjamin, dass sogar eine Lehrerin es mitbekommt?

Anscheinend schon. Denn dieses Gefühl, das Kribbeln im Bauch wenn sie Benjamin sieht, die völlige Unfähigkeit in seiner Gegenwart vernünftige Sätze zu artikulieren. Das ist alles neu für sie. Das hat sie noch nie erlebt. Soll sie sich ihren Gefühlen ausliefern? Was würde wohl Nina dazu sagen?

Sie und ein paar andere Mädchen aus der Klasse teilen dieses Schicksal. Nur würde es in diesem speziellen Fall nach hinten los gehen, würde man sich verbinden und gemeinsam etwas gegen das Problem tun. Natürlich weiß jedes Mädchen von den anderen, was sie im Bezug auf Beni fühlen, aber sie würden es nie voreinander zugeben.

In Sandras Discman läuft die letzte CD. Gleich wird sie wohl eine andere Beschäftigung brauchen. Im Moment möchte sie alles tun, nur nicht mit Nina reden.

Auch sie hat bis jetzt nichts Besseres zu tun gehabt, als Benjamin anzustarren. Würde sie mit ihrer Freundin sprechen, so hätte es auf lange Sicht keinen Zweck.

Auch wenn beide elegant um das Thema: "Der Junge schräg rechts vor uns" herum diskutieren sollten, wäre das nur geheuchelt und früher oder später kämen sie dann doch darauf. Und die Fetzen würden fliegen.

Der letzte Titel der CD läuft aus. Sandra tut das Erste, was ihr einfällt: Sie behält die Ohrhörer auf und schaut nach draußen. Sie sitzt an der Fensterseite und so schaut es nur aus, als beobachte sie die Landschaft Polens. Sie inspiziert akribisch Orts – und Hinweisschilder, auf denen Begriffe und Namen stehen, welche sie nicht lesen kann. Aber wenigstens ist sie beschäftigt und muss sich nicht um Nina kümmern.

Der Bus beschreibt eine starke Rechtskurve. Das Grün der Bäume rauscht an Sandra vorbei. Der Bus stoppt. Sandra blickt sich um. Sie stehen neben einem kleinen Gebäude, das unheimlich alt aussieht. Es steht schon ewig hier. Aber der Schriftzug über dem Eingang ist neueren Datums. Sie kann nicht erkennen, worum es sich handelt. Sie schaut nach hinten, auf die Straße zurück und da entdeckt sie ein Hinweisschild. Ein Symbol prangt darauf. Eine Gabel gekreuzt mit einem Messer.

Eine Gaststätte. Eine polnische Gaststätte.

Da ertönt Frau Schneiders Stimme: "Einige verspüren seit geraumer Zeit einen gewissen Drang."

Mein Gott, der Humor dieser Frau ist wirklich zu schön um wahr zu sein, denkt Sandra. "Also verrichtet jetzt hier bitte alle Verrichtungen, die ihr zu verrichten habt."

Sandra presst schnell ihre Hände auf die Lippen, um nicht laut loszulachen. Das wird auch nicht besser, als von einer der hinteren Sitzreihen jemand ruft: "Ja, zum Beispiel pissen gehen!"

Mehrere Schüler verlassen, von Gelächter begleitet, den Bus, darunter auch Nina. Sandra blickt ihr hinterher. Ihr roter Haarschopf wippt auf und ab.

Sandra schaut sich um. Ungefähr die Hälfte aller Schüler ist noch im Bus. Weiter wandern ihre Augen. Ist Benjamin noch hier? Sie rutscht hinüber auf Ninas Platz, um einen besseren Überblick zu bekommen.

Da dringt von links eine Stimme an ihr Ohr:

"Du bist doch Sandra, nicht wahr?" Sie schaut auf. Da steht Benjamin. Direkt vor ihr. Und Nina ist nicht in der Nähe. "J – Ja. Wieso?"

Sandras Blick wandert zu seinem Gesicht. Nun schauen sie sich direkt an. Es kommt Sandra so vor, als würde die Temperatur im Bus rapide ansteigen. Dieses hypnotisierende Grün. Schimmernd und geradezu aufdringlich einladend.

Benjamins Lippen öffnen sich. Sie wartet völlig ungeduldig auf den Grund, welcher dafür verantwortlich ist, dass er tatsächlich mit ihr spricht.

"Ich habe mir sagen lassen, du hast das Reamon – Album Beautiful Sky dabei. Könnte ich es mal leihen. Nur zum Hören für die Fahrt. Du musst wissen, seine Musik finde ich klasse und "Star" ist mein absolutes Lieblingslied."

Sandras Augen werden immer größer. Das ist nicht wahr. Sie ist so perplex, das sie gar nicht mitbekommt, was als nächstes geschieht.

Auf dem Gang entsteht Gedränge und Benjamin ist gezwungen, neben Sandra Platz zu nehmen. Sie hört seine Stimme, die sie darum bittet, rüber zu rutschen. Das tut sie.

Hatte sie sich da eben verhört oder haben Benjamin und sie tatsächlich den gleichen Musikgeschmack und noch dazu den gleichen Lieblingssong?

Sie greift nach unten, tastet aufgeregt nach ihrem Rucksack. Sie bekommt ihn nicht in die Finger. Nun beugt sie sich nach unten.

Jetzt berühren die Hände vertrauten Stoff. Sie reißt den Oberkörper wieder aufrecht und dabei prallt ihr Kopf an die Rückenlehne des Platzes vor ihr.

"Aua!"

Doch sie kümmert sich nicht weiter darum, sondern wuselt mit zittrigen Händen am Reißverschluss des Rucksackes herum. Eine Hand streicht über ihr Haar.

"Hast du dir weh getan?" Es ist Benis Hand.

In diesem Moment finden ihre Finger das Ziel und der Rucksack klafft auf. Sie greift hinein, grapscht nach der ersten Hülle die sie spürt und zieht sie heraus. Es ist tatsächlich Beautiful Sky.

"Ne – ne – nein, es ist alles ok...Hier ist die CD."

Mein Gott war das peinlich.

Benjamin nimmt die Hand aus Sandras Haar und ergreift damit die Hülle.

"Danke. Und sei das nächste Mal vorsichtiger mit deinem Kopf." Ein breites Lächeln entspringt seinem Gesicht. Sandra kann nur zaghaft zurücklächeln.

"Wenn ich durch bin sag ich dir Bescheid. Kannst ja auch mal eine von meinen Scheiben haben wenn du magst.... Hallo? Hörst du mir zu?"

"Wie...äh, entschuldige, was sagtest du?"

"Wenn ich sie angehört habe, kannst du eine von meinen bekommen!"

"Ist in Ordnung", stammelt Sandra zurück. Benjamin erhebt sich und geht zu seinem Platz.

Sandras Puls rast. Er hat sie angesprochen. Einfach so. Sie ist zwar nicht scharf auf die Gerüchte, welche in der Klasse und in ihrer Schule kursieren, ganz einfach deshalb, weil viele auch sie selber betreffen, aber man bekommt die meisten Dinge doch unfreiwillig mit.

Alle hielten Benjamin für schüchtern, weil er noch nie mit einem Mädchen gesprochen hatte. Daraufhin drängte sich für besonders wichtige Menschen an der Schule die Frage auf, ob er denn eventuell homosexuell sei. Typisch. Kaum interessiert sich ein gut aussehender junger Mann nicht für das andere Geschlecht, wird er als Schwuler hingestellt.

Aber das änderte nichts an der Tatsache, dass Sandra soeben zum ersten Mädchen geworden war, mit dem Benjamin sich unterhalten hatte.

Die Meinung und Reaktion ihrer Mitschüler darauf wäre Sandra so oder so egal, jedoch fragte sie sich nun selbst, was das zu bedeuten haben könne.

Er hatte sie nicht nur angesprochen. Er hatte ihren Kopf gestreichelt. Er hatte gewitzelt. Sie schloss die Augen. Lehnte sich in ihren Sitz zurück. Schritte ertönten. Die letzten Schüler stiegen in den Bus ein. Sandra ließ die Augen zu, in der Hoffnung, niemand habe das Gespräch zwischen Beni und ihr mitbekommen. Am allerwenigsten Nina.

Sie würde einfach so sitzen bleiben und sich nicht anmerken lassen, was eben vorgegangen war.

Eine kaum spürbare Vibration breitet sich, vom Sitzpolster ausgehend, über Sandras Körper aus.

Nina hat Platz genommen.

Sie wird stärker durchgerüttelt. Der Motor springt an.

"Na endlich geht es weiter, ich hoffe nur, dies war der letzte Stopp, den wir eingelegt haben. Nur noch 4 Stunden und wir sind am Ziel. Das wird so riesig!", trällert Nina neben ihr. Sie ist froh, das nur hören zu müssen, den Anblick ihres freudestrahlenden Gesichtes kennt sie nur zu gut. Langsam aber sicher belastet der sie. "Findest du nicht auch? Gib mir doch bitte deine Reamonn CD, Sandra, so kann ich mir die Zeit vertreiben."

Erst jetzt bemerkt Nina, dass ihre Nachbarin mit geschlossenen Augen neben ihr verweilt.

"Huhu? Erde an Sandra....Wo sind Sie?"

Ihre Augen öffnen sich. Sie hat vernommen, was Nina geäußert hat, nur kann sie dafür kein Interesse aufbringen. Davon abgesehen, das sie von Anfang an nicht von der Fahrt begeistert war, ist ihr momentan egal, was ihre beste Freundin sagt.

Statt dessen wendet sie ihre Augen Benjamin zu. Noch immer sitzt er regungslos auf der Stelle, der

CD – Spieler auf den Knien, die Ohrhörerkabel verschwinden zu beiden Seiten in seinem Kopf.

Nina schnattert weiter, halb empört, halb belustigt: "Ich vergaß, Madame empfindet die beginnende Abschiedsreise nicht sonderlich berauschend. Ihr steht der Sinn nach anderen Dingen."

Sie wendet den Kopf in Richtung Benjamin und lästert weiter in ihrer "Feine Dame – Stimme".

Sandra gibt Contra : "Kümmere du dich um deine Angelegenheiten, da steht genug Arbeit an!"

"Genau das werde ich tun. Ich kümmere mich um mich. Und ich fange sofort damit an. Doch dazu benötige ich deine Hilfe. Ich möchte etwas für mein Wohlbefinden tun, dazu brauche ich den Wunderschönen Himmel von Reamonn." Sie unterstützt ihre Bitte mit einer greifenden, fordernden Handbewegung.

"Du wirst es nicht gern hören, doch du musst dich gedulden. Diesen Teil kann ich zu deinem Wohlfühlprogramm nicht beisteuern, da musst du schon Benjamin fragen."

Ninas Stirn legt sich in Falten, die Augen werden größer. Sie versteht nicht.

"Ich habe sie ihm ausgeliehen. Sei so nett, geh zu ihm hin und sage ihm, er möge sie direkt an dich weitergeben, wenn er fertig ist."

Nun zeigen ihre Augen auch Entsetzen.

Insgeheim freut sich Sandra. Sie hat zwei Fliegen mit einer Klappe geschlagen. Zum einen konnte sie ihrer Freundin eins auswischen und sie wirklich aus dem Konzept bringen. Das was Nina da eben vernehmen musste, wird schwer verdaulich sein. Zum Anderen hat sie sich kunstvoll um eine weitere Konversation mit Benjamin gebracht. Das verschafft ihr Zeit, ihre Gedanken und Gefühle zu ordnen.

Die restliche Fahrt über wechseln Nina und Sandra kein einziges Wort mehr miteinander.

Sandra legt den Kopf auf ihre linke Schulter und beschließt, ein wenig zu schlafen. So vergeht für sie ebenfalls die Zeit. Darin stimmt sie noch mit Nina überein: Sie will, dass diese Busfahrt möglichst bald ihr Ende findet.

Das wird sie jedoch nicht tun. Ganz klar, wir werden ewig umherirren, bis wir den Ort endlich gefunden haben, glaubt Sandra. Es ist 18:40 Uhr. Vor einer halben Stunde wollten sie da sein. Doch nun wird es laut Information des Busfahrers noch eine reichliche Stunde dauern, bis sie endlich ihre Quartiere beziehen können. Wenigstens die sind echt außergewöhnlich. Es sind Bungalows, aber keine gewöhnlichen. Es sind Finnhütten mit kleiner eigener Küche und einem Tisch mit mehreren Stühlen im unteren Bereich. Sandra weiß schon genau, mit wem sie sich eine dieser schönen Wohnungen teilen wird: Die gleichen Mädels, mit denen sie heute morgen, vor über 10 Stunden, auf den Bus wartete: Jessica, Kristin und Nina.

Viel lieber würde ich mein Quartier mit Benjamin teilen. Ihr schießt Hitze in die Wangen. Sie muss jetzt aussehen wie eine Tomate. Um Himmels Willen, habe ich das gerade wirklich gedacht? Nein das kann einfach nicht wahr sein. Hoffentlich bemerkt keiner ihren Anblick. Panisch streifen ihre Augen das Umfeld ab: Nina und andere sind eingenickt. Einige hören Musik oder reden miteinander.

Niemand schenkt ihr Aufmerksamkeit. Puuhh! Glück gehabt. Wahrlich sehr viel Glück gehabt.

Natürlich sollen diese Tage dazu dienen, Benjamin besser kennen zu lernen, er hat jetzt einmal Kontakt zu ihr aufgenommen, da wäre es fatal, das eben mühsam Aufgebaute wieder, aber die Doppeldeutigkeit dieser Überlegung versteifte alle Glieder in Sandras Körper. Liebte sie ihn denn wirklich? Ja. Zumindest sagte ihr das ihr Herz.

Es gab noch eine zweite Begegnung und da hatte es bei Sandra gefunkt. Nur war sie sich unsicher sich selbst und ihren Gefühlen gegenüber. Warum musste es aber auch ausgerechnet dieser Junge sein?

Sie dachte an ihre zweite Konfrontation zurück. Nina war sich natürlich zu feige, Benjamin nach dem Reamonn – Album zu fragen. Und so trug sich folgendes zu: Sandra starrte, während der Bus durch die Landschaft fuhr, vor sich hin. Auf einmal tauchte Benjamin auf, mit ihrer CD in der Hand.

"Hi, Sandra.", sagte er, "Hier hast du deine CD wieder. Und nochmals vielen Dank." Sie schaute zu Beni auf. Nina auch. Sag etwas, bettelte Sandra im Stillen, Herrgott, nun sprich schon endlich und verklickere ihm, das du sie jetzt haben willst. Aber Nina schwieg.

Benjamin ließ wieder sein Lachen aufblitzen. Jetzt schaffte Sandra es, zurück zu lachen. Ohne Zwänge. Die Worte, die nun aus ihrem Mund an ihn gerichtet wurden, erscheinen Sandra unecht. Wie von allein, ohne ihr Zutun entgleiten sie ihr, mechanisch und in einer beängstigenden Art auch sonderbar passiv. Voller Desinteresse. Sie achtet nicht darauf, was sie spricht und ist voll damit beschäftigt, Benjamin anzusehen.

"Gib sie Nina, die wollte sie haben, wenn du fertig bist." Ein eigenartiges, fesselndes Glitzern liegt in seinen Augen und lässt sie nicht mehr los. Grün wie Smaragde. Sie symbolisieren Einverständniss, Zusammengehörigkeit. Denkt er im Moment das Selbe wie ich? Mag er mich auch?

Oder wird es für immer beim Leihen dieser CD bleiben, welche Beide schon verbindet? Das Glitzern in diesen, seinen Augen scheint Sandra entgegen zu schreien.

Endlich ist da jemand, der dich kennt, der genau so fühlt wie du. Einer der dich versteht. Der mehr von dir und deinem Leben wissen möchte. Ist es nicht so? Greifen diese Augen nicht nach dir, ziehen dich in einen Bann?

Sie weiß es nicht sicher. Aber sie wird es noch herausfinden. Um jeden Preis.

"Ok!" Er wendet sich Nina zu. Überreicht ihr die Plastikhülle. Die sagt gar nichts. War auch zu erwarten. Sie nimmt das an, was ihr gebracht wurde, balanciert mit unsicheren Fingern die kleine runde Silberscheibe aus der Hülle heraus in ihr Abspielgerät hinein. Ihre Augen haften auf ihm. Kein Ton wird gesprochen. Alle drei harmonieren in Stillschweigen. Doch gerade diese Ruhe spricht Bände. Wortlos dreht der blonde Junge den zwei jungen Frauen den Rücken zu. Sandra und Nina würdigen sich keines Blickes. Richtungsweisend. Sie haben sich nichts mehr zu sagen. Zwei beste Freundinnen reden nicht mehr miteinander. Warum? Das wissen nur sie selbst. Ihnen ist das Wichtigste gelungen. Sie haben sich nicht blamiert. Das nur zählt. Nicht jede für sich und auch keine die Andere. Sandra hat sich nicht selbst blamiert. Nina hat sich nicht selbst blamiert. Nina hat Sandra eine Blamage erspart und Sandra hat Nina eine Blamage erspart. So könnten sie ganz zufrieden sein. Sind sie jedoch nicht. Beide denken sie im Stillen: Diesen Kampf habe ich verloren, aber der Krieg ist noch nicht entschieden!

Und mit eben diesen Worten in ihrem Gedächtnis sitzen sie noch immer nebeneinander. Nina und Sandra im Bus auf seinem Weg nach Nova Kaletka. Es geht auf sieben Uhr am Abend zu. Draußen, jenseits der Fensterscheibe, beginnt die Sonne langsam ihren Abstieg in Richtung Horizont. Hier, weit östlich von ihrem Zuhause entfernt, am Himmel über den Masuren.

Was in Nina vorging, wusste Sandra nicht, was in Sandra vorging, wusste Nina nicht. Aber Sandra schämte sich für die Bilder, die nun ihren Geist überfluten.

Viel lieber würde ich mein Quartier mit Benjamin teilen.

Hätte sie die Dinge ausgesprochen, wie sie nur in ihrer Phantasie existierten, hätte sie zunächst einmal eine Schelte von ihrer Mutter bekommen. Und zwar wegen sündiger Gedanken. Eine Flut von Obszönitäten, so würde ihre Mutter es ausdrücken.

Wie sie sich langsam einander näherten, Benjamins Hände, die ihren Körper ertasteten, sie Beide, das Bett teilend, welches nur für 1 Person bestimmt war, ihr Haar, offen wallend, lang genug, um ihre Brüste zu verdecken. Sie spürte seinen Atem auf ihrer Haut. Über all diese Zärtlichkeiten wachten grün funkelnde augenförmige Edelsteine. Sein Blick. Benjamins Blick war allgegenwärtig.

Überhaupt besitzt er eine Präsenz, die umwerfend stark ist. Obwohl in diesem Bus knapp 30 Menschen sitzen, erscheint es Sandra und wahrscheinlich auch Nina so, als wären außer ihnen Dreien keine weiteren Personen anwesend. Für Sandra gibt es nur Benjamin und die neben ihr fest gewachsene Nina. Aus Ninas Blickwinkel sind nur Benjamin und Sandra anwesend.

Und wen oder was sieht Beni? Das ist die große Preisfrage. Wenn Sandra doch nur wüsste, ob er ihre Gefühle wirklich erwidert. Diese Augen sagen einfach "JA", aber das heißt ja nicht automatisch, dass sein Verstand damit übereinstimmt. Und wie steht es mit ihrer Freundin? Was hält Benjamin von ihr? Ist sie nur Luft für ihn oder existiert sie zumindest? Ist sie mehr als nur existent? Bedeutet die ihm etwas? Sandra wird das Gefühl nicht los, dass demnächst ein großer Knoten gelöst wird. Dieser Knoten wurde zwar erst hier im Bus angefertigt, als sie eingestiegen sind, aber sie spürt förmlich, dass bald etwas geschehen wird. Aber was? Was wird sich ereignen? Sie hat keinen blaßen Schimmer.

Sie weiß nur eins: Die folgenden Stunden und Tage sind für sie dazu geschaffen, etwas ins Rollen zu bringen, dafür zu sorgen, dass es passiert. Und notfalls ist sie dazu verdonnert, die Konsequenzen zu tragen.



Kapitel 4

 

Ankunft. Sie hatten endlich das Jugendcamp erreicht. Nach quälenden Stunden der Pein, des Haderns und Zweifelns. An und für sich waren Busfahrten immer wunderbar gewesen, aber diese war endlos und schrecklich. Woran das lag? Auf gar keinen Fall an Benjamin. Nicht direkt.

Dann schon eher an Nina. Sie konnte Beni nicht unterstellen, er sei an allem Schuld, als er jedoch ihre CD haben wollte, geriet alles aus den Fugen. Er war unschuldig, konnte nicht dafür. Er hatte nur Musik hören wollen. Wäre das Album nicht in seine Hände geraten, würde jetzt alles normal sein. Dem war nicht so. Sandras beste Freundin sprach kein Wort mehr mit ihr. Pure, wilde, ungezügelte Eifersucht war der Keim ihres Schweigens. Und Sandras Unklarheit im Bezug auf den Umgang mit dieser Situation. Also war auch sie selber schuldig. So oft sie die Schuld auch versuchte, zwischen Nina, Benjamin und sich selbst hin und her zu wälzen, eine Lösung fand sie nicht. Ganz im Gegenteil. Alles wurde so nur noch komplizierter. Was habe ich großartig falsch gemacht? , fragt Sandra sich, als der Bus hält. Diesmal endgültig. Sich in einen Jungen zu verlieben, noch dazu das allererste Mal im Leben, war doch kein Verbrechen. Nina scheint das nicht akzeptieren zu können. Das ist ihr Problem, leider kann ich ihr da nicht helfen. Doch vorwerfen kann man ihr ebenfalls nichts. Ihr nächster Gedanke ist die Rolle Benjamins in diesem Spiel. Da ist wieder der Moment. Sandra ertappt sich rechtzeitig dabei, wie sie wieder ausprobiert, die ganze verzwickte Angelegenheit auf den Schultern der Beteiligten abzulegen.

Das funktioniert nicht so einfach, meine Liebe, wird ihr vom Gewissen eingetrichtert.

Aber was kümmert sie denn Nina wirklich? Eigentlich gar nichts. Natürlich wird und kann sie versuchen, Rücksicht auf deren Befinden zu nehmen, doch wie soll sie es bewerkstelligen?

Es ist das Beste, sich jetzt auf Benjamin zu konzentrieren. Immerhin liegt es in seinen Händen. Entscheidet er sich für sie oder Nina? Sandra kann ihm die Entscheidung nicht abnehmen. Aber sie kann enorm dazu beitragen, das er sich gegen Nina entscheidet. Nina für ihren Teil wird alles daran setzen, ihn für sich zu gewinnen, aber eben diese Chancengleichheit der Mädchen gestaltet die nächsten Stunden als äußerst fairen Wettkampf.

Wettkampf.

Sandra und Nina sind plötzlich Konkurrentinnen. Das scheint erst paradox. Doch dann grübelt Sandra nach. Ihr wird klar, das Liebe alles möglich macht. Ohne Ausnahme. Die Liebe ist Ursache und Auslöser für alle weiteren der Menschheit bekannten Gefühle und Eigenschaften. Ohne Liebe kein Hass, ohne Liebe keine Eifersucht, ohne Liebe keine Trauer, ohne Liebe keine Angst, ohne Liebe kein Leid, keine Freude, kein Stolz, keine Rache. Kein Lachen ohne Liebe. Keine Tränen ohne die Liebe. Und die Konkurrenz. Ohne Liebe keine Konkurrenz.

Liebe macht alles möglich. Die unerfüllte noch stärker als die erfüllte.

"...und somit wünsche ich uns allen viel Spaß!" Frau Schneider. Sie hat soeben eine kleine Ansprache gehalten und Sandra hat sie ignoriert. Nur dieser letzte Satzfetzen dringt wahrnehmbar an ihr Ohr.

Schüler erheben sich von den Sitzen und drängeln nach vorn und hinten. Sandra, noch benebelt und sich gerade von ihren Gedanken losreißend, braucht dazu Zeit und die nimmt sie sich auch. Der Bus ist beinahe leer, da steht sie auf und sucht einen Ausweg.

Hinter ihr verlassen noch 5 weitere Personen den Bus. Frau Schneider, Jessicas Vater sowie 3 Schüler. So kommt sie wenigstens problemlos an ihre Tasche und muss nicht dieses Gedränge und Geschubse vor dem Gepäckstauraum über sich ergehen lassen. Sie hievt ihre Tasche heraus, tritt zurück und schaut um sich. Der Busfahrer, ein wirklich netter Mann Mitte 30, mit schwarzem Haar und Sonnenbrille, schließt die Gepäckklappe zu. Der Tag neigt sich dem Ende, die Sonne verschwindet als rot – orange glühender Ball am Horizont.

Sie stehen auf einem einfachen Betonweg, an den rechts eine Wiese angrenzt. Links von diesem füllt das Gras noch etwas 200 Meter weit das Gelände. Dann schließen sich ein Tennisplatz, ein Volleyballfeld sowie ein Abschnitt mit Markierungen und Basketballkörben an.

Auf einer Anhöhe dahinter befindet sich, durch steile Treppen erreichbar, ein gigantischer Betonklotz mit Fenstern und eine großen Glastür.

Das Hauptgebäude. Hier befindet sich Verwaltung, Rezeption und ein kleines Hotel mit Speisesaal, Bar und einem winzigen Shop, wie Sandra später herausbekommen wird.

Auf der Rasenfläche zu ihrer Rechten stehen zehn Finnhütten verteilt. Ihre Holzverkleidung zeigt ein dunkles, dreckiges Braun. Das ist Sandra bereits aus dem Reiseprospekt bekannt. Hier werden sie also "wohnen."

Frau Schneiders Stimme ertönt: "Nochmals für alle, zum Mitschreiben: Wir gehen jetzt da rauf ins Hauptgebäude und werden dort warten, bis jemand vom Personal auftaucht. Es wird eine Belehrung geben. Danach bekommt ihr Abendessen und anschließend beziehen wir die Quartiere." Während sie das sagt, zeit ihre Hand in Richtung des großen Hauses.

Nun zeigt ihr Arm in die entgegen gesetzte Richtung. "So wie mir zu Ohren kam, habt ihr ja schon Pläne, was die Aufteilung der Räume betrifft. Hervorragend, klären wir alles nachher."

Und so trottet die Klasse mitsamt ihrer Rucksäcke, Taschen und Beutel nach oben.

Sie erklimmen die Stufen, Sandra läuft ziemlich weit hinten allein. Ihre Lehrerin führt sie an zwei Telefonboxen vorbei in einen Raum, wo mehrere Tische stehen. Simple, weiß gestrichene Holztische mit den dazu passenden Stühlen. Nach Frau Schneiders Aufforderung sich zu setzen, suchen alle einen Platz. Sandra starrt nach unten. Beiges, fleckiges Linoleum. Der Essensraum. Im hinteren Bereich des Raumes befindet sich eine kleine Holztheke, an deren Seiten, nach außen geschoben, Holzrahmen mit eingefasstem gelb schimmerndem Glas befestigt sind. Dahinter sind Rufe, Schritte, die über gefließten Boden wetzen und das Klirren und Scheppern von Tellern, Gläsern und Töpfen zu hören. Die Küche. Ein fremder, beißender Geruch strömt herüber.

Nach ungefähr 20 Minuten Wartezeit, die die meisten Anwesenden mit Fragen an die Begleiter der Reise überbrückt haben, erscheint eine junge Frau im Zimmer. Sie ist nicht älter als 28 und hat schulterlanges, blondes Haar. Sie begrüßt die Klasse in sehr gebrochenem Deutsch mit einem witzig klingenden Akzent. Doch das ist nicht das wirklich Seltsame an ihrer Art, sich auszudrücken. Die Frau hat anscheinend noch nie etwas von Betonung in Sätzen gehört. Für einen außenstehenden, deutschen Beobachter klingt sie lächerlich. Mitten im Satz hebt sie ihre Stimme und auch am Ende eines Satzes, wo man normalerweise die Stimme senkt und Endungen bisweilen verschluckt oder abkürzt, schwillt ihre Stimme wiederum bedrohlich an, wobei sie sämtliche vorkommende Vokale ungeheuerlich dehnt. Sandra nimmt ihre schrecklich leiernden Moralpredigten zur Kenntnis und wird nur gegen Endes ihres nervtötenden Vortrages hellhörig: Sie spricht noch kurz von Sehenswürdigkeiten und Besonderheiten der Region, die nicht unbedingt auf ihrem sowieso schon mickrigen Ausflugsplan stehen.

Fasziniert lauscht sie den Ausführungen der Mitarbeiterin über eine alte, verwahrloste Schlossruine, die, nach ihren Angaben, nur wenige 100 Meter von dem Gelände, auf welchem sie sich befinden, steht. Sandra hat sie bereits auf der Hinfahrt erspähen können und weiß, wovon die Dame redet. Enttäuscht ist sie nur, zu hören, dass jeglicher Zutritt verboten ist: "Auch wenn Sonnenuntergang von diesem Ort aus wunderhübsch anzusehen ist, so muss ich sie doch bitten, diesen nur auf Foto festzuhalten. Das Betreten des Gemäuers ist aus Denkmalschutzgründen strengstens untersagt."

Sandra lächelt. Zum Einen, weil die Sprache der Frau, die da vor ihr steht, wirklich zum Totlachen komisch ist und zum Anderen, weil sie an die Ruine denkt, sie vor ihrem geistigen Auge aufgetürmt sieht. Im Grunde nur Reste. Schund. Dreck. Übereinander gehäufte Steinansammlungen. Mehr nicht. Und doch wahnsinnig anziehend. Verbote sind da, um gebrochen zu werden.

Die Nacht brach herein. Natürlich war alles so verlaufen, wie Sandra es prophezeit hatte: Sie bekam eine Unterkunft mit Nina, Jessica und Kristin. Von den zehn der Klasse zur Verfügung gestellten Häuser wurden logischerweise nur 7 benötigt. Frau Schneider und Jessicas Vater bezogen ein eigenes Haus. Alle Gebäude standen nebeneinander in einer Reihe, jedoch leicht versetzt zueinander. Im dritten von der Straße aus betrachtet, auf der der Bus sie absetzte, kampierten Sandra und die Mädels.

Dahinter, zentral also, schliefen die Erwachsenen. Daran schloss sich der Bungalow an ( Nr.5 ), in welchem Benjamin die Tage verleben würde. Von ihren Mitbewohnerinnen, die noch einen Rundgang gemacht hatten, erfuhr Sandra, dass alle Hütten in etwa einen ähnlichen Aufbau besaßen.

Man trat ein durch eine Tür, die zu 90% aus einer Glaseinfassung bestand. Vorhänge, allerorts häßliche, weiße, mit hellgrünen Mustern verzierte Mottenfänger, völlig vergilbt, waren innen befestigt. Direkt links und rechts am Eingang befanden sich die ersten 2 Betten. Dunkle weinrote Liegen, klobig, starr, unsagbar häßlich für Sandras Geschmack. Dazu Überdecken die etwas farbenprächtiger aber dennoch abstoßend bedrohlich wirkten.

Ebenfalls rot waren sie, heller als die Betten, dafür mit Musterungen in Blau- und Lilatönen, die jeglichen gestalterischen Gesetzen strotzten. Die bereit gelegten Bezüge waren von einem schmutzigen Weiß.

Die Farbwahl der Kopfkissen und Decken war auch nicht gerade aufbauend.

Das Bettzeug war von einem Grün, das so aussah wie Grashalme, welche, nach tagelangem Zelten, durch den Zeltboden bedeckt und plattgedrückt, wieder zu Tage kommen.

Neben dem Bett auf der rechten Seite befanden sich ein niedriger Tisch umsäumt von 4 Stühlen aus hellem Eichenholz. Sandra entschied sich für die Liege auf der gegenüberliegenden Seite. Dort stand ein mittelprächtiges Regal, geschunden von vielen vorherigen Besuchen, aber dennoch stabil.

Hinter den Sitzmöbeln führte eine steile Treppe in die obere Etage. Sandra kam dort niemals hin. Links neben dem Treppenaufgang, also zentral an der hinteren Wand des ersten Raumes führte eine Tür in einen schmalen dunklen Gang. Deren Klinke und auch die Tür selbst hatten schon bessere Zeiten erlebt.

In besagtem Gang dahinter thronten auf halbem Weg zur endgültigen Rückwand der kleinen Unterkunft abermals 2 Türen, gegenüberliegend und genau so geschändet wie die erste. Die rechte Tür, deren Klinke bei zu starkem Handgriff jedesmal abfiel, führte in eine winzige Küche mit Spülbecken, 2 kleinen Schränken, einem winzigen Kühlschrank und einem verwahrlostem Tisch. Diese Gegenstände waren, wie die gesamte Einrichtung mit häßlichen Brauntönen gesegnet. Eine Ausnahme bildete der Kühlschrank. Er war knallrot. Mit einem silbernen Griff. So wirkte er in der Küche wie ein weitgereistes Objekt, fremd, ein Raumschiff aus einer fernen Galaxis. Wenn man ihn öffnete, erwartete man, kleine grüne Männchen oder ekel erregende graue Schleimmonster zu erblicken.

Links war das Bad. Versehen mit einer total kitschigen Toilette, ein dunkelblaues Klobecken mit orangefarbener Klobrille und passendem Deckel, Duschkabine und einem einfachen Waschbecken, über welchem ein kreisrunder Spiegel hing. Darunter war eine unterarmlange, weiße Ablage montiert.

Sandra hatte sich dazu breit schlagen lassen, noch ein Tennisdoppel mit ihren Klassenkameradinnen auszufechten, der Platz war beleuchtet, also kein Problem. Gegen 21.00 Uhr hatte sie sich zurück gezogen. Um zu lesen, sagte sie den Anderen. Das versuchte sie auch, doch in Wirklichkeit brauchte sie nur Ruhe und Abstand, um über Beni nachzudenken. Das Buch, was sie mitgebracht hatte, sollte sie eigentlich ablenken. Doch dies war nicht der Fall. Sie hatte es sich für den Aufenthalt bewahrt. Im fahrenden Bus war es ihr nicht möglich, zu lesen. Sie bewunderte die Menschen, welche das problemlos schafften. Fing sie einmal an, bekam sie nach wenigen Minuten stechende, migräneartige Kopfschmerzen, eine Mischung aus Pochen und Stechen in ihrem Hinterkopf. Sie konnte sich nicht mehr auf die Zeilen konzentrieren und die einzelnen Buchstaben verschwammen vor ihren Augen.

Hier, allein, war das schon angenehmer. Auch wenn sie jetzt gar keinen Draht zur Literatur finden konnte.

Sie legte das Buch beiseite, es klappt zu, der Titel ist nun erkennbar. Die Selbstmord – Schwestern von Jeffrey Eugenides. Spannend. Ein Thriller, der von einer Familie handelt.

Angesiedelt in einer US –amerikanischen Kleinstadt Mitte der 70er Jahre. Die Eltern, beide Lehrkräfte, schotten ihre 5 bildhübschen Töchter von der Außenwelt ab, bis diese schließlich alle innerhalb eines Jahres aus unerfindlichen Gründen Selbstmord begehen.

Ihre Gedanken schweifen ab zu Benjamin. Was er wohl gerade tut? Es ist kurz nach halb zehn am Abend, um zehn müssen alle in ihren Hütten sein. Natürlich haben Jessica, Nina und Kristin andere Pläne. Benjamin könnte, nur 2 Häuser entfernt, ebenfalls gerade auf seinem Bett hocken.

Doch Sandra ist viel zu schüchtern um hinüber zu gehen. Noch dazu allein und ohne jeglichen Grund oder gar gespielten Vorwand. Es fällt ihr im Augenblick zumindest kein plausibler ein.

Die Mädchen wollen sich in einer anderen Hütte mit Jungs treffen. Das ist natürlich verboten, doch wen kümmert das. Ob sie mitgeht, steht noch nicht fest. Eher nicht.

Zu groß ist die Gefahr, Benjamin zu begegnen. Wenn sie sicher wäre, ihn irgendwo allein anzutreffen, dann wäre das Problem der Kontaktaufnahme schon deutlich geringer, aber auch in seiner eigenen Hütte wird sie ihn wahrscheinlich nur im Beisein der anderen Jungs finden.

Sie löscht das Licht, greift sich ihre Decke, welche sie, wie das Kopfkissen ebenfalls, nicht bezogen hat, nur das Bettlaken ist ausgebreitet, legt ihr Buch auf das Regal und schläft ein.

Als sie am nächsten Morgen erwacht, ist es kurz nach 7. Sie hatte sich einen Wecker, den sie selber mitgebracht hatte, auf um 8 gestellt, da es um 9 mit ihrem Ausflug in die nächstgrößte Stadt Olsztyn los gehen sollte und eine halbe Stunde vorher soll es Frühstück geben. Nun war sie wach. Sie richtete sich auf, schaute zu Ninas Bett hinüber. Ein großes Knäuel ruhte reglos unter der Decke. Sie schlief noch. Genau wie Kristin und Jessica über ihnen. Nina manifestierte sich zum Schlafen jedesmal zu einem embryonenhaften Objekt. Die Knie hochgezogen, fast stießen sie ans Kinn, mit den Armen umschlang sie ihre Schenkel, die Finger festgekrallt im Stoff ihrer Pyjamahose. Meist trug sie noch ein T – Shirt.

Sandra kleidete sich auch des Nachts genau wie am Tage in Schwarz. Sie hatte einen Pyjama aus schwarzem Seidenstoff an, der mit weißen chinesischen Schriftzeichen bestickt war. Auf der Brust des Oberteils prangten etliche Symbole sowie auf der Höhe ihrer Knöchel und der Oberschenkel auf der Hose. Sie stößt die Decke bei Seite und schwingt ihre Beine aus dem Bett, tastet mit den Zehen vorsichtig nach ihren Hausschuhen. Sie schaut kurz herunter, als ihre Füße den richtigen Weg gefunden haben und nun wie von allein in die Filzpantoffeln schlüpfen. Auch sie sind schwarz und auch hier befinden sich weiße Stickereien, welche Sandra allerdings eigenhändig angefertigt hat. Es sind kunstvoll geschwungene Buchstaben. Auf jedem Schuh 3 Stück.

San auf dem rechten und dra auf dem linken.

Benommen wandert sie ins Bad. Sie tritt durch die erste Tür auf den Gang und biegt dann links ab. Ihre Waschtaschen und Handtücher haben die Mädchen gestern nach der Ankunft bereits hierher verfrachtet. Langsam geht sie weiter in Richtung Duschkabine. Daneben ist der Handtuchhalter befestigt. 3 Stangen. Ihr Handtuch hängt über der mittleren. Es ist überflüssig zu erwähnen, welche Farbe es hat. Sandra streift ihren Pyjama ab und wirft beide Teile behende in Richtung Tür. Sie landen auf der Klinke, doch nur die Hose bleibt hängen. Das Oberteil segelt hinunter auf die sandgelben Bodenkacheln. Sie besteigt die Dusche, greift den Duschkopf, dreht ihn von sich weg und dreht am Knauf mit dem roten Punkt. Ihre Hände ertasten das herausschießende Wasser, warten ,bis es warm genug wird. Abertausende Tropfen der klaren Flüssigkeit scheren zur Seite aus und zerspringen lautlos an den Innenseiten der Kabinenwand. Heißes Wasser strömt über ihren Körper, sie seift sich ein, anschließend wäscht sie ihr Haar. Das dauert seine Zeit. Schließlich dreht sie das Wasser ab, öffnet die Kabine und tritt nach außen. Greift nach ihrem Handtuch. Schlägt es um ihren Körper. Durch ihre Größe bedeckt es mit Müh und Not ihre Blöße.

Der Stoff endet, nachdem sie es bis unter ihre Achselhöhlen gezogen hat, eine Hand breit über ihren Knien. Sie ergreift ihre Waschtasche, tritt vor den Spiegel und kämmt ihr langes, schwarzes Haar. Perlen abrinnenden Wassers streifen ihre Haut hinunter. An den Schultern, zwischen ihren Beinen. Es überkommt sie ein überwältigendes Gefühl. Ein Begehren nach Benjamin.

Ihre Phantasie beschert ihr lüsterne Empfindungen. Jeder dieser Wassertropfen ist eine Fingerkuppe von Benjamins zarten Händen, die über ihren Körper wandern.

Sie beobachtet ihr Gesicht im Spiegel, der langsam beschlägt, und erkennt, wie schön sie aussieht. Die nasse Mähne ihres Haares. Treue, tiefbraune Rehaugen. Und die winzigen Vernarbungen pubertärer Akne. Entzündete rötliche Überreste. Größer, aber nicht wirklich störend in diesem Antlitz. Natürlichkeit. Kein Make – Up. Kein Schönheitsideal. Einfach nur von der Natur beseelt. Starke Wangenknochen.

Sie reibt ihren Körper trocken. Läuft zurück zu ihrem Bett, kramt in ihrer Tasche nach den Sachen, die sie heute tragen möchte. Ein Blick auf die Uhr. 20 Minuten vor 8.

Sie kehrt ins Bad zurück, mit Klamotten bepackt, kleidet sich dort an und geht anschließend hinaus. Hier befindet sich eine im Boden befestigte kleine Bank.

Sie setzt sich darauf und verbringt die Zeit bis zum Erwachen der Anderen mit der Beobachtung der aufgehenden Sonne, die sich, wie jeden Morgen aufs neue, ihren Weg von Osten nach Westen am Himmel der Nordhalbkugel bahnt.

Die an diesem zweiten Tag stattfindende Fahrt verlief ohne weitere nennenswerte Zwischenfälle. Sandra und der Rest der Klasse waren sehr deprimiert, als ihnen mitgeteilt wurde, dass der Bus für die Stadtführung ausgefallen war und diese nun zu Fuß bewältigt werden musste. Den ganzen Aufenthalt in Olszytn über gelang es ihr nicht, Benjamin in ein Gespräch zu verwickeln.

Am Nachmittag, als sie gegen 14.00 Uhr wieder eintrafen, zeigte sich das Wetter von seiner schönsten Seite. Die Sonne schien und es herrschten erträgliche 25 Grad Celsius. Der Großteil der Schüler packte seine Badesachen ein und machte es sich am Ufer des zur Herberge gehörenden Sees bequem. Sandra, ein empfindlicher Hauttyp, schmierte sich von oben bis unten mit starkem Sonnenöl ein und legte sich mit ihrem schwarzen Bikini bekleidet in die Sonne, startete einen Versuch, ihrer Haut wenigstens etwas Farbe zukommen zu lassen. Andere bließen Bälle und Luftmatratzen auf, ein Dutzend lieferte sich Hahnenkämpfe im seichten Wasser. Ein Bademeister in rot – gelber Kluft überwachte das Geschehen.

Während sie in der Sonne liegt, erkennt Sandra, dass sie in 24 Stunden bereits wieder im Bus sitzen wird und gut die Hälfte der Busfahrt nach Hause hinter sich hat. In Sachen Benjamin hat sich noch nichts getan. Sie grübelt einfach viel zu lange. Ständig wirft sie sich vor, handeln zu müssen, nur weiß sie um Gedeih und Verderb nicht, wie. Die Sonne erwärmt ihre blaße, von der Sonnencreme eingefettete Haut. Um sie herum das Johlen und Gröhlen von Klassenkameraden, die Beachvolleyball spielen. Die Hahnenkämpfer sind inzwischen auf 2 Paare minimiert. Sie dreht sich auf die Seite, greift nach ihrem Rucksack, um auf die Uhr zu schauen, als sie ein Stechen in der Seite verspürt. Und Kälte. So als würde man sie mit mehreren kühlen, breiten Sticknadeln pieksen. Sie schaut auf die betreffende Stelle, bewegt ihren Körper und somit rollt die Ursache dieser scheinbaren Nadelstiche über ihre Haut. Wassertropfen. Sie blickt, nach der Ursache forschend, nach oben. Zuerst sieht sie weitere Perlen des Seewassers, die ihr auf die Wangen, die Lippen und ins Auge klatschen. Instinktiv reiben ihre Hände in den Augen, damit sie wieder klar sehen kann.

Über ihr schwebt ein ebenso kalkiges Gesicht, wie das ihrige. Nur hat dieses Gesicht anstatt brauner Augen grüne und statt glatter schwarzer Haare einen wirren, tropfenden blonden Haarschopf. Sandra bereut ihre erste, vorschnelle Reaktion sofort: "He du Trottel, kannst du nicht aufpassen!" Da merkt sie, dass Benjamin über sie gebeugt ist. Sie richtet sich auf, zieht die Knie an den Körper und verschränkt die dürren Arme davor. Demutshaltung. Scham. Oder einfach nur Angst.

"Sorry, tut mir Leid, Sandra, aber ich habe ein Bedürfnis, und da du die Einzige bist, die ich fragen kann, konnte ich nur so handeln."

Unglaublich ,denkt Sandra, er kann sich an meinen Namen erinnern. Sie möchte lässig wirken, streckt die Beine wieder aus und stützt sich mit den Händen auf den Boden. Dabei zittert sie. Es muss sehr dämlich aussehen. Aber nein, das reicht nicht, sie ist auch noch so tollkühn und versucht, zu sprechen. Das Ergebnis ist jedenfalls mehr als enttäuschend: "U – Und w –w – w –wie kann ich d – d – dir helfen?" "Rauchst du? Meine Zigaretten sind alle und ich hab jetzt kein Geld hier, um mir neue zu besorgen. Wäre wirklich sehr nett.

Die Anderen würden mich nur rumschubsen und mir sagen, ich solle sie in Frieden lassen. Aber da du gestern im Bus so freundlich warst und mir die CD gegeben hast, dachte ich, vielleicht kannst du mir auch jetzt helfen."

Helfen. Sandra lief plötzlich ein kalter Schauer den Rücken herab. Die Magie dieses Wortes fesselte sie. Aber nicht des Klanges wegen, sondern weil Benjamin es gesagt hatte. Die Vorstellung, ihm zu helfen ließ Sandra an ihre wilden Träume zurück denken.

Sie schüttelte nur verwirrt den Kopf. Benjamin verstand erst nicht, sein Gesicht drückte Verwunderung aus. Dann verzogen sich seine Lippen zu einem schwachen Halbmond und er schien zu begreifen.

"Du rauchst also nicht." Sandra bejahte mit einem hastigen, übertriebenen Kopfnicken, ein Zucken, das einen Außenstehenden, der nicht eingeweiht in die Situation war, erschrocken hätte.

"Was hast du denn heute Nachmittag noch so vor? Vielleicht könnte man ja mal zusammen was unternehmen, Zeit haben wir ja. Und wenn nicht, sehen wir uns spätestens am Lagerfeuer oder?" Sandra hatte wieder ihre gehockte, verkrampfte Haltung eingenommen.

Schnell, kaum hörbar, huschte ein unsicheres "Weiß nicht" über ihre Lippen. Benjamin wusste nicht, was er nun antworten sollte. Er schlug die Augenlieder mehrere Male auf und zu und sagte dann: "Ok, bis dann eventuell. Ich werde jetzt weiter Zigaretten suchen. Nina raucht, nicht wahr? Denkst du, sie wird mir eine abgeben?" Schulterzucken von Sandras Seite. Benjamin gab ein eben solches zurück, machte kehrt und lief davon.

Sandra war aufs Neue überwältigt. Benjamin hatte sich nicht nur an ihren Namen erinnert, nein, er hatte sie sogar als die Person bezeichnet, welche ihm bis jetzt am Nächsten stand. Er wusste sicher nicht viel über sie und sie noch weniger über ihn, aber nach diesem Moment war sie überzeugt, dass auch er Interesse an ihr zeigte. Das heißt natürlich nur, wenn sein Interesse an Nina nicht größer ist oder größer wird, sollte sie ihm tatsächlich eine Zigarette geben. Da konnte sie Beide nicht einschätzen. Würde Beni diese Tat als einen Akt von so gigantischer Dimension und Tragweite betrachten, dass er seine so eben geäußerte Meinung änderte? Wichtiger war die Frage, ob Nina ihm wirklich zum Rauchen verhelfen würde. Sie könnte es tun, um Pluspunkte bei ihm zu sammeln, jedoch kannte Sandra Nina noch immer gut genug. Nina war unsagbar geizig. Sie hatte noch nie einem schlauchenden Menschen den Gefallen getan, etwas abzugeben.

Sandra erhebt sich, schaut sich um, inspiziert den See und seine Umgebung auf Spuren von Nina. Nichts zu finden. Sie läuft das Ufer ab und sucht nach ihr. Dann wird Benjamin es auch nicht leicht haben, sie zu finden. Trotzdem beschleicht Sandra in den nun vergehenden Nachmittagsstunden eine stetig anwachsende innere Unruhe. Es muss bald etwas passieren. Sie muss handeln, sonst hat sie all ihre Chancen, die sich an diesen drei Tagen geboten haben, verspielt. Natürlich würde sie gern etwas mit ihm unternehmen, doch die Panik davor, sich zu blamieren, ist enorm hoch. Sie packt ihre Badesachen zusammen, holt sich an der Rezeption im Hauptgebäude den Schlüssel für die Hütte ab und begibt sich auf schnellstem Wege dahin. Unterwegs hält sie Ausschau nach Nina und Benjamin, doch sie sind nirgends zu sehen. Kurz bevor sie die Hütte erreicht, trifft sie jemand anderen.

Frau Schneider sitzt auf einer der Bänke auf dem Rasen und schreibt etwas.

"Hallo!" ruft Sandra spontan. Frau Schneider schaut auf. Sie trägt ihre Brille zum Schreiben.

"Na, Sandra, genug Sonne getankt?" "Ich denke schon. Können Sie mir sagen, wie spät es ist?"

Sie blickt auf ihre Armbanduhr. "Gleich halb fünf." "Danke...darf ich fragen, was Sie da schreiben?" "Natürlich, ist eine Art Tagebuch. Ich schreibe jeden Tag, nicht nur auf Klassenfahrt, auch im normalen Schulalltag, Erlebnisse des Tages auf und was ich darüber denke." Sandra ist erstaunt. Diese Seite ihrer Lehrerin kannte sie bis dato noch nicht.

"Und was hast du jetzt vor? Ist dir der Trubel am See zu viel geworden?" "Ja ich brauche etwas Ruhe. Die findet man am Besten beim Lesen." "Ist gut", antwortet Frau Schneider, "Aber denk daran, in zweieinhalb Stunden ist Treff am Lagerfeuerplatz." Frau Schneider lacht. Sandra lächelt zurück. Sie geht in Richtung der Tür ihres Bungalows, als sie aufschließt und eintritt, ruft Frau Schneider noch hinterher: "Hast du Benjamin getroffen? Er hat vorhin nach dir gefragt." Sandra will antworten, doch da knallt die Tür in den Rahmen und trennt beide Frauen voneinander.

Drinnen ist niemand. Sandra legt ihre Badesachen zu den anderen vor ihr Bett und geht hinter ins Bad. Dort duscht sie. Lange. Ausgiebig. Mehrmals hintereinander. Heiß und kalt. Sie bemerkt nicht, dass die Tür, nachdem sie heran gedrückt wurde, wieder zurück federt und sich öffnet.

 

Kapitel 5

Als sie der Dusche endgültig Lebewohl sagte und mit verschrumpelter Haut durch das Bad taumelte, hatte sie jegliches Zeitgefühl verloren.

Egal wie viel Zeit vergangen war, das Duschen hatte ihr geholfen. Sie hatte nun genau vor Augen, was zu tun war. An diesem Abend würde sie Benjamin endlich ihre Liebe gestehen. Sie entschloss sich zu folgendem: Während des Lagerfeuers, wenn sicherlich alle schon mit Gesprächen oder gar Gesang

beschäftigt waren, der von Frau Schneider, die ihre Gitarre mitgebracht hatte, begleitet wird, würde sie Beni entführen.

Ihn mitnehmen. Nicht weit weg, nur ein paar hundert Meter Fußmarsch. Zur Ruine des alten Schlosses. Gemeinsam würden sie den Sonnenuntergang genießen. Die Stimmung wird dermaßen romantisch sein, dass sie nicht sonderlich viele Worte wechseln brauchten. Natürlich barg der Ausflug ein Risiko, doch wenn sie mit ihm allein sein wollte, musste sie es eingehen. Da blieb ihr keine andere Wahl. Gestärkt und zu allem bereit, stolzierte sie aus dem Bad. Ihr Handtuch vergaß sie. Nackt und völlig nass ging sie an ihr Bett und suchte sich Sachen für den Abend heraus. Ein Blick auf die Uhr. Viertel nach 6. Perfekt. Bis ihre Zimmergenossinnen auftauchen, dauert es noch etwas. Ihre Kombination für diesen besonderen Abend überrascht doch etwas: Schwarzer BH mit dazu gehörigem Slip, dünne Söckchen der gleichen Farbe, eine dunkle Jeans und eine weiße Bluse. Im Bad angelangt, trocknet sie sich ab, wobei durch das Reiben einige kleine Hautschuppen im Frottee des Handtuches hängen bleiben oder auf den Boden rieseln. Nachdem sie fertig ist, zieht sie sich an, geht zum Spiegel und tut etwas, was sie vorher noch nie tat. Sie schminkt sich. Schwarzen Lidschatten besitzt sie selbst. Sie hat sich heute in der Stadt dazu durchgerungen, ihn zu kaufen. Aus Ninas Hygieneauswahl stibitzt sie sich einen roten Lippenstift. Sie trägt ihn auf. Als sie sich ansieht, fragt sie sich, ob sie den überhaupt nötig hat. Es wirkt sehr aufgebrezelt, stellt sie fest. Sie nimmt ein Papiertaschentuch, führt es an den Mund und presst es zwischen ihren Lippen zusammen. Das wärs! Abgeschminkt.

Da wird an der Klinke gerüttelt. Sandra hat vergessen, abzuschließen. Die Tür geht auf. Nina steht davor. Beide sind nach wie vor sprachlos, wenn sie einander sehen. Ein Klacken ertönt. Sandra hat den Lippenstift fallen lassen. Ihre Lippen geben nach, das Taschentuch schwebt ins Waschbecken. Im Affekt packt sie all ihren Kram, stößt Nina zur Seite und rennt aus dem Bad. Nina hebt ihren Lippenstift auf. Sie blickt Sandra nach. Diese stürmt auf die Wiese hinaus, ihre Schuhe in der rechten Hand.

Abend. Am Lagerfeuer hat sich die Klasse versammelt. Die Sonne steht am Himmel, rotorange, ein riesiger Feuerball, glühend, setzt sie das Wasser des Sees in Brand. Sandra sitzt zusammen mit Jessica und Kristin am Feuer. Ein paar Meter daneben hockt Nina. Allein. Viele Schüler quatschen miteinander. Jessicas Vater und Frau Schneider sind ebenfalls ins Gespräch vertieft. Zwischen den vier Mädchen allerdings entwickelt sich keine Konversation.

Sandra denkt sich, während sie durch die lodernden Flammenzungen schaut, auf der Suche nach Benjamin, dass nun der richtige Moment wäre, um ihn sich zu schnappen und abzuhauen. Keiner würde es merken und die die es sehen, fragen nicht nach. Die Erwachsenen, größte Gefahr, sind abgelenkt.

Doch sie findet Benjamin nicht. Alle sind hier. Nur er nicht. Sandra hat sich bei Nina dafür entschuldigt, den Lippenstift genommen zu haben. Das war völlig unnütze Mühe.

Sie waren Beide nicht mehr fähig, miteinander zu reden. Das alles nur wegen eines Jungen. Beide hatte die Liebe voll erwischt, mit dem Unterschied, dass es bei Sandra das erste Mal überhaupt war.

Sie steht auf und geht zu Frau Schneider. Es wird wohl kaum ins Gewicht fallen, wenn sie kurz in ihrem Gespräch unterbrochen wird. Danach werden sie munter weiter reden. Die Sonne wandert weiter dem Horizont entgegen. Als sie vor Frau Schneider und dem Vater von Jessica steht, räuspert sie sich kurz, um Aufmerksamkeit zu bekommen. Beide drehen ihre Köpfe in Sandras Richtung.

"Haben Sie Benjamin irgendwo gesehen? Ich suche ihn schon den ganzen Abend." "Nein", entgegnen die Zwei. Frau Schneider setzt hinzu: "Hier habe ich ihn auch nicht erblickt, vielleicht ist er noch in seinr Hütte, er ist ein so verschlossener Junge, das hier missfällt ihm wahrscheinlich.

Geh doch mal nachsehen, ich bin überzeugt davon, das du an ihn rankommst und ihn auftauen kannst, das ist mir bisher nicht gelungen. Einen Versuch ist es wert. Tu dein Bestes, Sandra. Schönen Abend noch. Und denk dran. Heute ausnahmsweise erst um 11 Nachtruhe."

"Ja, danke, ich werde nachsehen." Mehr kann sie nicht erwidern. Sie geht weiter geradeaus. Nicht zu den Unterkünften, sondern Richtung Ufer. Sie setzt sich hin, hinter ihr vermischt sich das Knacken des brennenden Holzes mit den Stimmen ihrer Mitschüler.

Zentimeter vor ihren Schuhen kommt das heran brausende Wasser zum Stillstand und zieht wieder zurück. Sie sitzt da, verlassen, isoliert von den Anderen, so war es an sich schon immer.

Und Benjamin teilte dieses Schicksal. Schon deshalb sind sie füreinander bestimmt. So vieles haben sie gemeinsam. Und sicher noch mehr. Sie müssen sich nur besser kennenlernen.

Sie beginnt zu schluchzen und einige Zeit bleibt dieses Geräusch das einzige, was sie von sich gibt. Sie spürt wie Tränen in ihren Augen aufsteigen, schafft es, sie zu unterdrücken. Sie schließt die Augen und vergräbt den Kopf zwischen ihren Beinen.

Eine Hand wird auf ihre Schulter gelegt. Sie weiß nicht wie lang sie so hier hockte, genau so wenig weiß sie, ob sie eingeschlafen ist oder nicht. So drängt sich nun die Frage auf ob dies ein Traum ist oder Wirklichkeit. Die Hand drückt fester zu, stark, so intensiv, es muss Realität sein. Sie schaut über die Schulter hinweg und da steht Benjamin. Plötzlich ist sie sich unsicher, weiß nicht, ob es eventuell doch ein Traum ist.

"Hallo", sagt er, "Weshalb weinst du? Es gibt keinen Grund. Komm mit, ich möchte dir was zeigen."

Seine grünen Augen forderten sie auf, mitzukommen. Sie stand auf und ergriff seine Hand.

"Wohin willst du? Warum ausgerechnet mit mir?" "Das wirst du schon noch sehen. Es ist eine Überraschung." Sein Haar stand wirr vom Kopf ab, er atmete sehr schnell und unregelmäßig. "Bist du etwa gerannt?", fragte Sandra. "Ja, ich wollte dich noch rechtzeitig erwischen. Aber jetzt komm!" Er zog sie mit sich, sie ließ sich erst nur gegen ihren Willen wegzerren, doch dann lief sie mit. Sie schlichen hinter Bäumen an den Anderen vorbei.

Sandra wurde es schwindlig. Als sie vom Lagerfeuer weit genug weg waren, bat sie Benjamin, anzuhalten. Dieser stoppte. "Was ist los?" ,fragte er. "Lass mich nur eines wissen: Hast du heut nachmittag noch eine Zigarette bekommen oder nicht?" "Nunja, das war so eine Sache, ich habe Nina gefragt, sie hat mir eine gegeben und hinterher sagte sie nur noch, dass ich mich gar nicht weiter anstrengen brauchte, wenn so ein Glimmstengel das Einzige bleibt, was ich von ihr haben wolle. Da habe ich mich bedankt, ihr die Zigarette zurück gegeben und habe eine Entscheidung getroffen."

"Was denn für eine Entscheidung?" , fragte Sandra, obwohl sie sich vorstellen konnte, worum sich diese Entscheidung drehte.

"Alles zu seiner Zeit. Du wirst schon früh genug begreifen, das verspreche ich dir. So und jetzt sei still, nimm die Arme runter und beweg dich nicht."

Sandra tat das, was ihr befohlen wurde. Sie war wie hypnotisiert. In ihrem derzeitigen Zustand hätte sie alles getan, was Benjamin ihr sagt. Er geht um sie herum, sie stehen in völliger Dunkelheit zwischen dem Hauptgebäude und den Quartieren auf der Wiese.

"Schließ die Augen." Sandras Augen fallen zu. Sie hört ein leises Rascheln. Stoff der über Haut streicht. Etwas Kühles wird von hinten um ihren Kopf gelegt, verbindet ihr die Augen. Am Hinterkopf knoten geschickte Hände es zusammen. Sie greift an die improvisierte Augenbinde. Seide. Ein vertrautes Material. Sie fährt einmal darauf entlang, um den ganzen Kopf herum. Sie gelangt an die Stelle, wo ihre Wirbelsäule endet. Hier hebt sich etwas vom Stoff ab. Sie spürt etliche zusammengeführte Fasern, Fäden. Eine Stickerei. Sie fühlt weiter. Mehrere ineinander verlaufende Linien. Mit Entsetzten stellt Sandra fest, dass sie einen Teil ihres Pyjamas umgewickelt bekommen hat.

Entrüstet, aber jetzt blind stellt sie in die Leere, an Beni gerichtet, die Frage: "Wie zum Teufel kommst du an meinen Pyjama?" Benjamin trägt augenblicklich zur Aufklärung bei: "Nun ja, heute nachmittag, so gegen um fünf, kurz nachdem ich Nina ihre Zigarette wieder gab, war ich auf dem Weg zu meiner Hütte. Und da kam ich an eurer vorbei und da stand die Tür offen. Also bin ich rein. Da war niemand zu finden, aber auf der linken Seite lagen Sachen überall verstreut. Und das waren alles schwarze Sachen und mir wurde klar, das können nur deine Sachen sein.

Also schnappte ich mir kurzerhand das Oberteil und nahm es mit. Ich wollte einfach etwas von dir besitzen, die Gelegenheit war günstig. Sandra, du bist ein faszinierendes Mädchen. So viele Jahre habe ich dich beobachtet und es sollte bis zur Klassenfahrt dieser 10. Klasse dauern, wo ich mir endlich über meine Gefühle klar wurde und mir sicher war, es sei der richtige Zeitpunkt. Ich liebe Dich."

Sandra ist sprachlos. Zunächst einmal, weil sie wirklich den ganzen Tag über so vernarrt an Benjamin gedacht hatte und nach ihrer Marathondusche endlich wusste, wie sie ihn ködern kann, dass sie in ihrer Verliebtheit und Eile gar nicht bemerkt hatte, dass die Hälfte ihres Schlafanzuges fehlte.

Dann begreift sie erst, was Benjamin als letztes gesagt hatte. Unter dem Seidenstoff rinnen nun salzige Tränen hervor. Ein Finger streicht sie behutsam von ihrer Wange. "Beni, ich...ich...ich liebe dich auch."

Arme umschließen sie, sie spürt einen warmen Körper an ihrem.

"Komm mit, ich habe noch eine Überraschung für dich, wenn wir uns nicht beeilen, ist es zu spät." "OK."

Nun geht sie noch viel lieber mit ihm mit. Endlich sind all ihre Sorgen und Ängste ausgestanden.

Sie lässt sich von seiner Hand führen.

Es geht über Wiesen, Beton, Feldwege. Und Sandra weiß natürlich schon längst, wohin Benjamin sie führen möchte, doch sie schweigt weiterhin und ihre Vorfreude steigert sich bald ins Unermeßliche.

Schließlich wird der Weg hart, steil und steinig. Jetzt sind wir fast am Ziel, glaubt Sandra zu wissen. Nun wird sie Stufen hinauf geleitet und es wird mit einem Mal kühler um sie herum. Bald hallen ihre Schritte an Steinmauern wieder. Sandra ist angewiesen auf die Welt der Geräusche. Plötzlich pfeift der Wind wesentlich lauter. Ihre Empfindung spielt ihr nur Streiche, da sie ohne Augenlicht ist. Es ist sehr wohl kühler geworden, aber der Wind pfeift nur in ihren Ohren lauter.

Jetzt sind sie auf einer größeren freien Fläche angelangt, der Hall ist verschwunden und es zieht stärker. Benjamins Hand löst sich aus ihrem Griff. Nun arbeiten seine Finger daran, die Augenbinde von ihrem Kopf zu entfernen. Sie weiß was sie erwartet, in ihrem Geist sieht sie vor sich, was sie gleich erwartet, wenn ihr Oberteil die Sicht freigibt.

Doch es ist schöner. Viel wärmer und gewaltiger als sie es in ihren Träumen sah. Der gesamte Himmel ist orange, keine einzige Wolke trübt dieses breite Band. Und mitten über ihnen, mit dem untersten Rand schon die tiefschwarze Horizontlinie berührend, steht die Sonne. Ein blutroter Wächter. Eine Wächterin. Sie wacht über den Himmel und seine vollendete Schönheit. Nichts von Menschen geschaffenes erreicht jemals die Herrlichkeit und Vollkommenheit dieses Sonnenuntergangs.

Die Hände von Sandra und Benjamin finden sich wieder. Sie laufen nach vorn in Richtung ein paar übriggebliebener Zinnen der Mauer. Jeder setzt sich auf eine von ihnen, in der Lücke dazwischen baumeln ihre fest ineinander verschränkten Hände. In seiner freien Hand hält Beni noch den Seidenstoff von Sandras Pyjama.

Und dann küssen sie sich. Seltsamerweise stellen sie diese Handlung jetzt und auch später nie in Frage. Es ist einfach passiert. Noch bevor sie überhaupt mehr voneinander wussten als Namen und das sie sich liebten. Und ihrer beider Liebe zu Reamonn.

Dann schwiegen Beide sehr lange. Anscheinend wollte keiner, nachdem nun der erste getan war, den zweiten Schritt wagen. Normalerweise fing man jetzt an, miteinander zu reden. Miteinander und übereinander. Interessen, Eltern, Schule, irgendwas. Aber nichts dergleichen kam zur Sprache. So saßen sie noch länger auf der Mauer und bestaunten die untergehende Sonne. Bald würde sie verschwinden und ihren Wachposten an den Mond abgeben.

Der war dann Hüter über die Nacht.

Als die Sonne noch zur Hälfte über dem Horizont thronte, jetzt kräftiger rot und schöner denn je, stellte Sandra plötzlich eine Frage. Sie war zwar an Benjamin gerichtet, doch während sie sprach, schaute sie weder zu ihm noch hatte ihre Ausdrucksweise den Anschein, die Frage wäre als Frage für Beni bestimmt. Sie glotzte nach vorn, schien mit der zum Halbkreis gewordenen Sonne zu kommunizieren.

"Sag mal, ist es dir auch schleierhaft, warum wir unsere Gefühle zueinander erst jetzt entdecken und ausleben? Warum nicht schon viel eher. Warum nicht in der 6.,7. oder 8. Klasse?"

Benjamins Antwort kam sehr schnell, dafür war sie äußerst prägnant und präzise: "Weil wir einander begehrt haben und das noch immer tun. Aber dieser Prozess ist ein langwieriger.

Weißt du, was wir begehren? Wir beginnen das zu begehren, was wir jeden Tag sehen. Was sich tagtäglich vor unserem eigenen Auge präsentiert oder abspielt. Und von Tag zu Tag wächst unsere Liebe und unsere Lust, steigert sich unser Wunsch, dieses Begehrenswerte haben, zu wollen, es zu besitzen. Und genau so war das bei uns Beiden.

Wir haben einander irgendwann vor langer Zeit ins Auge gefasst und beobachtet.

Und haben ständig abgewägt und mit unserem Gewissen gehadert, eine Entscheidung haben wir bis heute jedoch nie treffen können. Und so wurde unsere Lust aufeinander, auch wenn das etwas drastisch klingt, immer größer."

Das klang überhaupt nicht drastisch, fand Sandra. Es spiegelte die Wahrheit wider. Oder hatte sie in letzter Zeit nicht andauernd Träume, die sich nur um Benjamin drehten? Ein deutliches Zeichen dafür, das ihre Lust immer mehr angeschwollen war.

"Das war mehr, als ich als Antwort je erwartet hatte. Danke. Du hast den Nagel auf den Kopf getroffen. Aber jetzt genug geredet." Nach diesen Worten beugte sie sich zu ihm hinüber und drückte ihm ihre Lippen auf den Mund. Wild schoben sich ihre Münder übereinander, ihre Zungen vermochten das Gleiche zu tun. Dieser Kuss sprach von Leidenschaft, Liebe und Verlangen. Verlangen nach mehr. Beide wollten sie mehr als nur Küsse. Doch noch nicht jetzt. Und vor allen Dingen nicht hier an diesem Ort. Sie ließen voneinander ab und schauten einander in die Augen. Sandra wollte tatsächlich mehr vom Besitzer dieser Augen. Mehr Wissen. Und auch Benjamin schaute nun fordernd in die braunen tiefen Augen seines Gegenübers. Und so begann ein langes Gespräch, welches durch Benjamin eingeleitet wurde: "Erzähl mir mehr von dir. Es ist wirklich unglaublich, aber war: Wir gehen seit 6 Jahren in die gleiche Klasse und wissen voneinander nicht mehr als die Namen." Also fing Sandra an: "Meine Eltern sind Christen, das heißt, vor allem meine Mutter. Und sie hat auch immer versucht mich zu einer solchen zu machen. Und zwar zu einer guten. In wie fern das geklappt hat, kann ich selber schlecht beurteilen..."

Und so redeten sie den ganzen Abend miteinander über Gott und die Welt. Als die Sonne vollends verschwunden war, bedeutete dies noch lange nicht das Ende ihres Palavers.

Benjamin holte zwischendurch den Fotoapparat heraus. Als es noch einigermaßen hell war, schoß er Dutzende Bilder vom Sonnenuntergang und von Sandra und von Sandra und ihm.

Keiner der zwei achtete darauf, wie die Zeit verging an diesem Abend. Die Welt war ewig und nur sie existierten. Nicht im Entferntesten dachten sie daran, auf die Uhr zu sehen. Die Herberge mit ihren Klassenkameraden sowie Frau Schneider und Jessicas Vater waren in ihrem Verstand zu kleinen, meilenweit abgelegenen Punkten geworden. Hätte diese Vorstellung doch nur mit der Realität harmoniert. Denn sie hatten keine Vorstellung davon, wie lange ihr Gespräch wirklich gedauert hatte.

Es war mittlerweile nach 23 Uhr, bei der Kontrolle der Schlafquartiere waren Sandra und Benjamin nicht anwesend. Keiner hatte mitbekommen, wie sie sich vom Lagerfeuer entfernt hatten und ehrlich gesagt hatte es auch keinen ihrer Mitschüler ernsthaft interessiert, wo sie abgeblieben sind. Bis 23 Uhr natürlich. Danach war die Aufregung und das Gerede groß. Die absurdesten Gerüchte machten die Runde. Eine Suche innerhalb des riesigen Geländes war ohne Erfolg gewesen. Die Handys beider Schüler befanden sich bei ihrem Gepäck. Also waren auch Anrufe vollkommen zwecklos.

Davon ließen sich Sandra und Benjamin indes nicht beeindrucken, wie auch, waren sie doch gar nicht im Bilde.

Sie hatten alles um sich herum vergessen, die Tatsache, man würde sie suchen, kam ihnen nicht in den Sinn. Sicherlich war dieses Verhalten töricht, gefährlich, verantwortungslos, blauäugig und leichtsinnig. Aber sie hatten eben an diesem Abend erfüllte Liebe gefunden und wahre Gefühle füreinander entdeckt und entwickelt.

Eine weitere Suchaktion mit mehreren Helfern, die sich aus einigen Schülern der Abschlussklasse zusammensetzte, blieb erfolglos. Und so wurde die Suche schließlich offiziell für beendet erklärt. Frau Schneider teilte dem Verantwortlichen der Jugendherberge mit, sie würden die Polizei informieren. Dies hielte sie für das Beste.

Die Elternhäuser beider Jugendlicher sollten informiert werden. Da es jedoch Dienstag Nacht war und bereits nach 0 Uhr, nachdem die Suche abgebrochen wurde, erreichte man niemanden mehr. Diese Tatsache bereitete Frau Schneider dann sehr großes Unbehagen und so fasste sie alsbald einen Entschluss, der, sollte jemand davon Wind bekommen, ihre Stelle als Lehrerin mehr als nur arg gefährden würde.

Benjamin und Sandra saßen noch immer im oberen Bereich der Ruine. Nur hatten sie sich einen neuen Platz gesucht. Sie lehnten an der Innenseite der Mauer, auf der sie während des Sonnenuntergangs gesessen hatten.

Arm in Arm, die Köpfe aneinander gestützt, saßen sie dort und beschenkten sich in der Dunkelheit abwechselnd mit Küssen. Doch sie waren nicht allein und es war auch nicht vollkommen dunkel. Eine klarer Nachhimmel ließ den Mond, welcher unbeweglich über der Ruine hing, sein fahles Licht in ihren Rücken scheinen. Milliarden von Sternen beobachteten das Pärchen ebenfalls. Langsam aber sicher kamen sie wieder zu klarem Verstand und machten sich nun Gedanken über das, was in der Herberge vor sich ging. Daran, dorthin zurück zu kehren, dachten sie vorerst allerdings nicht.

Doch irgendwann sprach Sandra es an. Es muss so gegen halb ein Uhr nachts gewesen sein.

"He, Benjamin, sollten wir nicht langsam zurück gehen. Da unten ist bestimmt die Hölle los. Alle werden wie verrückt nach uns suchen. Wir bekommen so oder so mordsmäßigen Ärger, wenn wir aber hingehen und es nicht darauf ankommen lassen, dass irgendwer uns findet, wirkt das vielleicht strafverringernd. Viele, bestimmt alle werden wissen, dass wir zusammen weg sind und nicht jeder für sich. Frau Schneider hat bei mir schon auf der Hinfahrt gemerkt, das ich total in dich verschossen bin. Und vorhin am Lagerfeuer, da habe ich nach dir Ausschau gehalten und kurz bevor du aufgetaucht bist, habe ich sie sogar noch gefragt , ob sie wüsste, wo du dich rumtreibst."

"Du hast ja so recht, aber ich möchte einfach mit dir hier allein sein, das willst du doch auch oder? Wir bekommen, wie du schon sagtest, so oder so genug Probleme, aber die sind es mir wert, wenn ich dafür mit dir zusammen sein kann. Sieh es mal so: Morgen reisen wir ab. Früher nach Hause schicken können sie uns gar nicht mehr. Wir sind am Ende der 10. Klasse, in einigen Wochen verlassen wir unsere Schule für immer, was wollen sie uns für Strafen aufbrummen? Was unsere Mitschüler anbetrifft, da gilt das Selbe. Sie haben uns nie sonderlich gemocht. Und jetzt müssen wir damit leben, dass der Rest unserer Schulzeit ein Höllentrip wird, doch offen gesagt stört mich das weniger. Und unsere Eltern? Sie werden sie informieren. Na klar, aber so wie ich meine Eltern einschätze werden sie mir so oder so Stress und Terror servieren, wenn ich ankomme zu Hause und bei deinen wird es ähnlich laufen.

Das Wichtigste für mich bleibt nach wie vor die Tatsache, mit dir zusammen zu bleiben. Das siehst du doch auch so?"

Sandra sah ein, dass dies alles plausible Argumente waren. Auch wenn sie mit dem letzten nicht ganz übereinstimmte. Die Meinung ihrer Eltern hatte sie in solcherlei Hinsicht noch nie gekratzt.

Sie kuschelte sich an Benjamins Schulter.

"Natürlich. Nur du und ich zählen. Und jetzt halt mich fest." Beni gehorchte und schloss seinen Arm noch fester um Sandra.

Beiden fallen für Sekunden die Augen zu und sie begehen damit einen Fehler.

Ein Rufen weckt sie. Beide hören ihren Namen und sind im Glauben, der andere erkundige sich nach ihrer Person. Beide reißen also die Augen auf. Wieder dieser Ruf: "Sandra, Benjamin!" Nachdem sie im Halbschlaf unfähig waren, die Rufe zuzuordnen, sind sie nun geschockt als sie erkennen, um wessen Stimme es sich handelt. Der Zusatz zu ihren Namen, welcher als nächstes gebrüllt wird, macht es noch offensichtlicher: "Seid ihr da oben, dann zeigt oder meldet euch!!!"

Es ist ihr Begleiter, der Vater von Jessica. Frau Schneider hat das Verschwinden ihrer beiden Schüler keine Ruhe gelassen und so hatte sie ihn gebeten, sich außerhalb des Herbergsgebietes umzusehen.

Nach einigen Verhandlungen hatte er zugestimmt, zumal die Polizei erst nach 24 Stunden aktiv werden konnte, was ihnen gar nichts nützte. Wenn sie morgen früh nicht mit versammelter vollzähliger Mannschaft abreisten, so würde das zu schlimmen Konsequenzen führen.

Nun wirbelte der Lichtkegel einer Taschenlampe durch die Umgebung und näherte sich. Stocksteif, aneinander geschmiegt, verweilten Sandra und Benjamin noch immer und sagten kein Wort. Würde der Suchende die Ruine betreten? Benjamin war sich unsicher. Fest stand eines:

Noch hatten sie die Chance, zu flüchten, zurück zur Herberge zu rennen, ohne das Jessicas Vater etwas bemerkte. Es konnte aber auch gründlich in die Hose gehen, dieses Unterfangen.

"B – B – Benjamin, was sollen wir jetzt tun?", flüstere Sandra. "Ich weiß nicht, meinst du, wir sollten abhauen?" "Und was dann? Bitte sag mir, was dann!"

Benjamin konnte nur mit den Achseln zucken.

Schritte näherten sich der Ruine. "Es gibt einen Hinterausgang, hinter der Treppe, die wir gingen, als wir hoch liefen. Noch scheint er nicht hier zu sein. Wir müssen nur schnell genug die Treppe runter, dann einen Haken nach rechts schlagen und weiter rennen. Wenn wir draußen sind, verbergen uns Trümmer. Wir laufen weiter über die Wiese zurück. Dann ist es nur noch ungefähr ein halber Kilometer bis zum Eingang der Herberge. Eine immense Abkürzung gegenüber des Hinweges." Sein Vortrag wurde von weiteren Rufen begleitet. Noch war der Vater von Jessica nicht auf die Idee gekommen, einfach die Ruine zu betreten, so wie sie Beide vor ca. 4 Stunden das getan hatten. Aber wer weiß, vielleicht überlegte er es sich noch anders.

"Seid ihr hier? Kommt runter, es passiert nichts, wenn ihr euch zeigt, alle machen sich Sorgen um euch!"

Benjamin schaut zu Sandra: "Meinst du, wir schaffen das, Schatz? Kommst du mit mir?"

Sandra blickte in seine Augen. Wieder ist sie gebannt von ihrer mächtigen Präsenz. Diesen Augen kann sie nichts abschlagen, sie muss einfach Ja sagen. Doch sie sagt nichts. Sie nickt einfach nur ihrem ersten Freund zu und greift ganz fest seine Hand. Noch einmal nickt sie ihm bejahend entgegen, diesmal entschlossener als heute Nachmittag am Badesee.

"Also dann, bei 3 rennen wir los. Egal was passiert, ich bin bei dir, vergiss das nicht." Er gibt ihr einen Kuss auf die Stirn, hockt sich auf und beginnt zu zählen. "1". Auch Sandra geht in Hockstellung. "2". Jetzt steht Benjamin auf. Sandra tut es ihm gleich. Jetzt stehen Beide da, das Mondlicht wirft ihre Schatten lang nach vorn. "3". Benjamin rennt los, auch Sandra setzt sich in Bewegung. Sie laufen auf den Eingang zu, der zur rettenden Treppe führt. Sie schießen hinab in die völlige Dunkelheit. Steile Treppenstufen liegen nun vor ihnen. Beni schwebt nach unten und reißt Sandra mit. Ihr ist, als würde sie fliegen. Die Hälfte der Treppe ist geschafft.

Plötzlich fällt Benjamin nach vorn. Seine Hand entgleitet der Sandras. Eine Verbindung wird auseinander gerissen. Sie reißt den Mund auf, ein lautloser Schrei der Angst, der Einsamkeit und des Entsetzens.

Benjamin sackt zusammen. Wahrscheinlich ist er über seine eigenen Füße gestolpert. Er liegt quer auf der Treppe und rollt in diesem Zustand noch einige Stufen hinunter. Dann bleibt er liegen, mit den Armen fuchtelnd. Sandra ist natürlich zu schnell. Sie stolpert über Benjamins zuckenden Körper, ihre Beine werden kurz hoch gerissen, bevor sie mit dem rechten Fuß zuerst wieder auf hartem Stein landet und umknickt. Sie wird hin und her geschleudert, fällt zur Seite, aber auch gleichzeitig nach unten. Ihr Kopf prallt gegen hunderte Jahre altes Mauerwerk. Am Fuß der Treppe bleibt sie liegen und bewegt sich nicht.

Benjamin, inzwischen wieder auf den Beinen, kommt die Treppe herunter und hockt sich panisch neben seine Freundin. Diese liegt mit geschlossenen Augen am Boden, ihr weißes Gesicht bildet einen hervorstechenden Fleck in der Dunkelheit. Die Stille, welche herrscht, wird von einer Stimme unterbrochen, die wenige Meter entfernt ihren Ursprung hat. Jessicas Vater.

Benjamin reagiert blitzschnell, ohne auch nur einen einzigen Gedanken an etwas zu verschwenden. Geistesgegenwärtig schiebt er eine Hand unter Sandras Rücken und drückt diesen nach oben. Nun verharrt sie in einer scheinbar sitzenden Haltung. Die andere Hand steckt er unter ihre angewinkelten Beine, in die Kniekehlen. Mit aller Kraft richtet er sich auf.

Seine Freundin in den Armen, steht er am Fuß der Treppe. 5 Meter vor ihm eine dunkle Gestalt. Er weiß, diese Gestalt wird ihm folgen. Er macht sofort kehrt und flüchtet in den Gang nach hinten in die Freiheit. Erleichterung, Schmerzen, Angst, Hoffnung. Das alles schwirrt in seinem Verstand. Unebener Boden erschwert ihm das Laufen. Er hat schon genug Fehler begangen, so tut er auch jetzt nicht den, hinter sich zu schauen. Durch immer höher stehendes Gras flüchtet er. Es streift Sandras Körper und kitzelt seine Unterarme. Er kommt ins Straucheln. Wählt sein Verfolger den gleichen Weg? Es ist ihm egal. Ein Zaun kommt in Sicht. Die Abgrenzung des Herbergsgeländes.

Das Gras nimmt an Höhe ab. Er wird langsamer. Sandra hustet. Er schwitzt. Sie liegt wohl behütet. In Benjamins Armen fühlt sie sich geborgen. Hier empfindet sie Sicherheit und Wärme. Sie fühlt sich wie...


to be continued ...
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