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Auf gleicher Frequenz
©2006 by Marc Pomplun

    Roman

Kapitel 1

 

Er wollte es einfach nicht begreifen. "Aber... aber weshalb bekomme ich denn jetzt ständig diese verfluchten Mahnungen? Gilt etwa mein Überweisungsauftrag plötzlich nicht mehr? Oder ist er vielleicht verjährt? Was soll ich bloß tun?"

Die große analoge Wanduhr zeigte es an: noch eine Viertelstunde bis zum ersehnten Dienstschluß und somit gleichzeitig dem Wochenende, denn heute war Freitag. Katrin setzte noch einmal ein etwas gequält freundliches Lächeln auf und antwortete mit ruhiger Stimme: "Ach, das ist nicht so tragisch. Ihre Miete ist kürzlich erhöht worden, aber Ihr Überweisungsauftrag ist ja immer noch auf den alten Betrag ausgestellt. Der Vermieter hat natürlich keine Befugnis, ihn zu ändern; das müssen Sie schon selbst veranlassen. Machen Sie sich darüber keine größeren Sorgen, das kriegen wir schon hin."

Nichts und Niemand konnte ihr mehr die gute Laune verderben, auch keine noch so schwachsinnige Frage. Ihre Banklehre bei JASON'S SPAR-O-THEK, wo sie sich mittlerweile gut eingearbeitet hatte, härtete in dieser Hinsicht ab. Der Job war wirklich nicht schlecht, aber dennoch freute sie sich auf das bevorstehende Wochenende, genau wie an jedem anderen Freitag.

Ihre Gedanken waren schon seit langem mit der Planung ebendieses Wochenendes beschäftigt. Was könnte sie heute abend mit Bernd unternehmen? Vielleicht in ihre Stammdisco "Heart & Mind" gehen, das wäre eine Idee. Oder sie könnte Daniela und Ralf fragen, ob sie Lust auf einen Videoabend hätten. Letztes Mal hatten Bernd und Ralf zu solch einem Anlaß Spaghetti gekocht, und die Küche sah anschließend aus wie nach dem Ausbruch eines Zimmervulkans. Sollten sie doch lieber den neuen Pizza-Service ausprobieren?

Im Kino waren sie auch seit Monaten nicht mehr gewesen. Im Moment liefen allerdings keine Filme, die sie besonders vom Hocker reißen konnten. Da waren zum Beispiel "Auf der Suche nach dem pinkfarbenen Krokodil mit der weißen, dreieckigen Mütze" mit Harrison Ford, "Destruktor III - das Massaker" mit Arnold Schwarzenegger oder "Das etwas andere Restaurant" von Monty Python. Sie erinnerte sich nur zu gut und mit Grauen an einen anderen widerlichen Film von Monty Python. Ihr wäre beinahe übel geworden, während Bernd sich brüllend auf dem Boden wand, Tränen lachte und kurz vor dem Herzinfarkt stand. Nein, auf solche Filme wollte sie lieber verzichten. Aber stattdessen könnten sie natürlich auch...

"Äh, Fräulein Hertz, ich möchte wirklich nicht aufdringlich erscheinen, aber wir werden die Filiale jetzt abschließen, und ich bin nicht sicher, ob sie das ganze Wochenende hier am Schalter verbringen möchten."

Katrin schreckte hoch. Ihr Chef stand vor ihr, seine Schlüsselsammlung in der Hand, und grinste über sein ganzes Gesicht. "Oder habe ich Unrecht?" fügte er hinzu. "Nein, ganz und gar nicht", antwortete sie schnell. "Ich bin so gut wie verschwunden. Schönes Wochenende noch!"

"Danke, Ihnen auch!"

Wenige Sekunden später saß sie in ihrem VW Golf, genauer gesagt: dem Zweitwagen ihres Vaters, den er sich nach jahrelangem familieninternen Ringen schließlich doch zugelegt hatte. Der Weg nach Hause war zwar nicht weit, aber es regnete schon den ganzen Tag in Strömen, so daß Katrin sicherheitshalber den Wagen benutzt hatte.

Nach einer kurzen Fahrt, die einer Wagenwäsche gleichkam, hielt sie vor dem hellgrünen Haus in der Murmeltierstraße, das sie zusammen mit ihren Eltern bewohnte. Sie stieg aus, und trotz des prasselnden Regens umrundete den Wagen noch einmal, um ihre Einparkleistung zu bewerten. Dies hatte sie sich angewöhnt, obwohl sie bereits keinerlei Probleme mehr mit dem Einparken oder überhaupt mit dem Autofahren hatte. So war sie auch diesmal zufrieden und ging zur Haustür. Sie trat ein, ging durch ihre geräumigen Zimmer und ließ sich auf das Sofa fallen. Diese Arbeitswoche wäre geschafft!

Ihr Blick fuhr über das Bücherregal, blieb stehen bei "Das Gemetzel" von Stephen King, das sie erst bis Seite 1257 gelesen hatte. Aber eines Tages würde sie weiterlesen, wenn sie einmal so richtig viel Zeit hätte und ihre Angewohnheit überwinden könnte, beim Lesen sofort einzuschlafen. Daneben lag "Onkel Sams Differentialgeometrie für Laien", das ihr Bernd vor einem Jahr geliehen hatte. "Das muß man einfach gelesen haben", hatte er damals beharrlich behauptet. Auch das würde sie irgendwann einmal erledigen, aber nicht gerade heute.

Sollte sie etwa zum Tischtennis-Training gehen? Ach nein, Bernd wollte um halb neun am Bahnhof "aufschlagen", wie er es beim letzten Telefongespräch formuliert hatte. Beim Thema Telefon fiel ihr ein, daß sie ihrem Vater noch 53 DM Gebühren für die "Smalltalks" mit Bernd schuldete. Warum mußte er auch 300 Kilometer entfernt studieren? Die Fachhochschule in der Stadt war ihm wohl nicht gut genug gewesen! Aber eigentlich machten ihr diese Unkosten nicht viel aus, und sie wollte auch nicht auf das Telefonieren verzichten.

Auf dem Tisch lag die Post.

"Sie haben soeben 250.000 DM gewonnen! Der Gewinn wird mit Ihrer nächsten Bestellung gültig!" Hochinteressant.

"Bei MiniFrisch im Angebot: 25 Kilo Erbsen für nur noch DM 69,95. Greifen Sie zu!" Sehr verlockend. Was stand in der Lokalzeitung?

"London. Königin Elisabeth II. wurde Schmuck im Wert von mehreren tausend Pfund gestohlen. Sie erlitt einen schweren Schock. Ganz England trauert."

Katrin ließ sich zurücksinken. "Das ist doch alles Blödsinn", dachte sie "Ich werde mich jetzt lieber duschen!"

In Hörsaal 13 rauschte ein Overhead-Projektor. Er warf verschiedene Skizzen, Differentialgleichungen und Definitionen an die Wand, etwas verzerrt, aber durchaus lesbar. Neben ihm stand ein älterer Mann mit fast weißen Haaren und einer Brille, durch die er abwechselnd Folie, Projektion und Hörerschaft betrachtete. Er sprach klar und deutlich, machte manchmal Pausen in den Sätzen, als ob er kurzzeitig den Faden verlöre, und zeichnete dabei in verschiedenen Farben auf der Folie. Er war völlig in seinem Element, und es gelang ihm, die zahlreichen Zuhörer in dem verdunkelten Saal für sein Thema zu interessieren.

"Eine einfache Anwendung des Prinzips ist diese kleine Schaltung hier", erklärte er und hielt eine Platine mit vielen unterschiedlichen Bauteilen hoch. Bernd saß, wie so häufig, etwas weiter hinten und konnte nichts davon identifizieren.

"Den Schaltplan habe ich Ihnen ja schon vorhin gezeigt. Nun schließe ich es an... und berühre diese Elektrode hier." Er ging auf einen Studenten zu, der in der ersten Reihe saß, und reichte ihm die Hand.

"Guten Tag!" begrüßte er ihn in freundlichem Ton. Der Angesprochene zögerte etwas, stand dann aber auf und wollte den Gruß erwidern. Als seine Hand fast die des Professors berührte, hörte sogar Bernd ein leises "Klack!" und sah, wie sein Kommilitone erschrak. Ein kleiner bläulicher Funke war übergeschlagen. Der Dozent lächelte, und im Publikum erhob sich ein lauteres Murmeln.

"Keine Angst", forderte er. "Dieses Experiment war völlig ungefährlich. Aber überlegen Sie es sich gut, ob Sie einem Professor der Physik die Hand geben. Ich danke für Ihre Aufmerksamkeit, wir sehen uns am Dienstag wieder."

Aus dem Hörsaal 13 strömte jetzt eine Traube von Studenten in die Richtung der Mensa, denn es war höchste Zeit zum Essen. Frank, Sebastian und Bernd entschieden sich für Gericht Nr. 2, Schnitzel mit Pommes Frites und Salat. Die Warteschlangen waren nie besonders lang, nur als Katrin hier einmal zu Besuch war, fiel natürlich das Fließband aus, und sie mußte einige Zeit auf ihr Gericht warten, das ihr dann noch nicht einmal schmeckte. Da Essen zu ihren Hobbys zählte, war dies einer der schwärzesten Tage in ihrem Leben.

Beim Verschlingen der Mahlzeit unterhielten sich die Studenten typischerweise über weltbewegende Themen: "Gestern ist mein Rechner abgestürzt, so ein Schrott!", meinte Sebastian.

"Was ist denn daran so schlimm?", fragte Frank. "Das macht meiner ständig."

"Ja, aber nicht aus dem fünften Stock!" Gelächter.

"Kennt ihr den schon?", fragte Bernd rhetorisch, "Ein Ingenieur und ein Mathematiker sollen mit einer Rolle Draht und ein paar Pfählen eine möglichst große Fläche einzäunen. Der Ingenieur umzäunt eine Kreisfläche und ist siegessicher. Daraufhin spannt der Mathematiker den Draht um seine Taille und sagt: 'Ich definiere: Ich stehe außerhalb.'" Nach einer kurzen Denkpause fiel auch diesmal der Groschen.

"Fährst du eigentlich übers Wochenende nach Hause?" erkundigte sich Frank.

"Na Logan, damit ich wenigstens zwei Tage lang nicht euer langweiliges Gelaber anhören muß!" lautete Bernds höfliche Antwort. Nach dem Essen verließen sie den riesigen Glaskasten namens Universität, verabschiedeten sich und fuhren mit ihren alten Damenrädern zu ihren Wohnheimen. Man benutzte jetzt als Student nur noch möglichst wertlose Räder, weil sich der Fahrraddiebstahl als ein neuer Breitensport etabliert hatte. Sein teures Trekking-Bike hielt Bernd, aus Erfahrung klug geworden, strengstens unter Verschluß.

In seinem Wohnheimzimmer angekommen, goß er zunächst die üppigen Zimmerpflanzen und packte dann seine Reisetasche. Wichtig war eigentlich nur der Rasierapparat, ach ja, und das neue Buch über Prolog-Programmiertechniken. Vielleicht würden seine Eltern ein paar Pfennige dazusteuern. Er schaute sich noch einmal gründlich im Zimmer um. Hatte er auch nichts vergessen? Bananen beispielsweise sind nicht besonders lange lagerfähig, das war ihm mittlerweile bekannt. Er wußte nur zu genau, daß sie nach einer gewissen Zeit klein und schwarz werden. Allerdings war er diesmal nur für lächerliche achtundvierzig Stunden abwesend, da konnte nicht allzu viel passieren. Ein Blick auf seine Armbanduhr, die stets drei Minuten vorging, damit er immer pünktlich war, verriet ihm, daß es nun besser war zu gehen. Der Bus zum Bahnhof fuhr nämlich nur zweimal stündlich.

Katrin hatte sich ausgiebig geduscht und fühlte sich so richtig wohl. Der ganze Streß dieser Arbeitswoche war längst vergessen, und sie freute sich auf den heutigen Abend, auch wenn sie noch keine Ahnung hatte, was sie eigentlich unternehmen wollten.

"Wir möchten jetzt essen!" schallte es aus dem oberen Stockwerk, und Katrin folgte ohne Zögern diesem Aufruf. Im Eßzimmer waren bereits ihre Eltern und ihr Bruder versammelt, bereit, über das Abendessen herzufallen. Sie setzte sich, und die Schlacht konnte beginnen.

"Wir werden doch schon heute abend nach München fahren", eröffnete ihr Vater das Gespräch. "Die Autobahnen sollen an diesem Wochenende dermaßen überfüllt sein, daß wir es lieber über Nacht versuchen wollen. Björn und sein Fahrrad nehmen wir auch noch bis Würzburg mit, damit er nicht mit der Bahn zum Startpunkt seiner Radtour fahren muß."

Björn, Katrins Bruder, hatte gerade Schulferien und wollte mit ein paar Freunden eine Tour durch Bayern starten. "Dann könnt ihr euch gar nicht mehr von Bernd verabschieden!" erwiderte Katrin.

"Nein, aber grüß' ihn doch bitte von uns. Wir sind ja in einer Woche schon wieder hier." meinte ihre Mutter.

"Von mir kannst du dich sogar zwei Wochen lang erholen", fügte Björn hinzu.

Eine Stunde später fand die große Verabschiedung vor der Garage statt. "Und denk' an die Blumen!" wurde Katrin von ihrer Mutter erinnert.

"Und an die Spinnen im Gewächshaus!" sagte ihr Vater mit fröhlicher Stimme. Katrin konnte Spinnen nicht ausstehen! Sie schüttelte sich bei dem Gedanken, irgendwo im Haus einer Spinnen-Bande zu begegnen.

"Laßt euch von den Bayern nicht unterkriegen!" rief sie ihnen noch nach, als sie mit dem Kombiwagen auf die Murmeltierstraße bogen.

Nun würde sie für sieben Tage allein im Haus sein. Aber die beiden kommenden Tage würde sie ja zum Glück mit Bernd verbringen können. Da durchfuhr sie plötzlich siedendheiß ein bestimmter Gedanke, und sie schaute zur Wanduhr. "Oh nein, schon Viertel nach acht, ich muß doch gleich am Bahnhof sein!" rief sie sich selbst zu und machte sich in einem Höllentempo zur Abfahrt bereit.

"Ihren Fahrausweis bitte!" forderte der lange, dünne Mann in Uniform, der soeben die Abteiltür geöffnet hatte. Bernds Gedanken verließen schlagartig das Gestrüpp der "Introduction to Artificial Intelligence", welche er nun beiseite legte, um seine Fahrkarte aus der Jackentasche zu ziehen. Der Schaffner bearbeitete sie vorschriftsgemäß, reichte sie ihm zurück und verschwand mit einem kurzen "Danke" aus dem Abteil.

Bernd sah durch das Abteilfenster in die Unendlichkeit. Er stellte sich die bevorstehenden Tage mit Katrin bildhaft vor, wie sie ihn abholen würde, mit ihm im Kino sitzen würde, einfach bei ihm sein würde. Er freute sich schon seit Tagen auf sie, ebenso darauf, seine Eltern, Verwandte, Bekannte und die alten Schulfreunde wiederzusehen, wozu er nun nicht mehr so oft die Möglichkeit hatte. Völlig gedankenverloren saß er an der Scheibe, gegen die der Regen trommelte, und ließ sich durch die norddeutsche Landschaft treiben.

Mindestens eine halbe Stunde mußte so vergangen sein, als Bernd durch das Geräusch der Schiebetür in die Realität zurückgeholt wurde. Eine ältere Dame trat ein und stellte die allseits beliebte Frage: "Sind diese Plätze noch frei?"

"Sie haben die freie Auswahl", antwortete Bernd. Sie setzte sich ihm gegenüber ans Fenster und warf einen flüchtigen Blick auf das Buch, das immer noch mit dem Rücken nach oben neben Bernd lag.

"Sie sind wohl so ein Computer-Student, nicht wahr?" fragte sie und schaute ihn dabei über ihre Brillengläser hinweg an.

"So ungefähr könnte man es nennen." Bernd hatte es aufgegeben, anderen Leuten die genaue Bezeichnung seines Studienganges zu nennen.

"Also, ich möchte Ihnen etwas sagen", belehrte sie ihn in ernstem Ton. "Lernen Sie lieber etwas Vernünftiges! Die Wissenschaft ist unser Verderben. Wir geben unserer Steuergelder dafür her, daß uns die Computer immer stärker beherrschen, daß Kriege immer grausamer werden und daß Menschen nach Wunsch im Labor hergestellt werden. Forschung sollte verboten werden."

Bernd blieb ganz ruhig, wie es seine Art war, obwohl ihm derartige Aussagen überhaupt nicht gefielen.

"Gut, Sie haben sicherlich recht, daß erst die Wissenschaft Dinge wie beispielsweise die Atombombe ermöglichte." Er machte eine kurze Pause und fuhr dann fort: "Aber ohne die Wissenschaft könnten wir nicht in dieser Bahn sitzen, Sie hätten keine Brille, kein Fernsehen, kein Radio. Forschung ist nie völlig wertfrei, man kann mit ihren Ergebnisse auch großes Unheil anrichten. Aber ich versichere Ihnen: Nie werden die Computer die Macht übernehmen, nie werden Menschen konstruiert werden wie Maschinen und nie werden Computer dem Menschen in jeder Hinsicht gleichwertig sein. Diese Szenarien sind nichts anderes als weit verbreitete Irrtümer. Sie sollten die Wissenschaft lieber als unsere Hoffnung für die Zukunft ansehen."

Die Dame lächelte nur und sagte: "Junger Mann, das können Sie doch gar nicht beurteilen. Meine Lebenserfahrung sagt mir, daß Wissenschaft etwas Schlechtes für uns Menschen ist."

Jetzt reichte es Bernd: "Ich möchte Ihnen nicht zu nahe treten, aber haben Sie schon einmal darüber nachgedacht, daß die Menschen früher, bevor es die medizinische Forschung gab, höchstens fünfzig Jahre alt wurden? Mit anderen Worten, Sie haben der Wissenschaft Ihr jetziges Leben zu verdanken!"

Sie schaute ihn verdutzt an, fing sich jedoch schnell wieder und meinte: "Ich glaube, das Studium hat sich bereits negativ auf Sie ausgewirkt. Solche völlig verdrehten Sichtweisen können nur Wissenschaftler haben."

Bernd gab auf. Dieser Frau war nicht zu helfen. Außerdem mußte er sich zum Aussteigen vorbereiten, denn sein Zielbahnhof würde gleich vorbeikommen. Seine Gedanken waren nun wieder völlig auf den heutigen Abend ausgerichtet, und seine Laune stieg um Größenordnungen.

Katrins Stimmung war ebenfalls gut. Sie hatte doch tatsächlich einen Parkplatz direkt vor dem Hauptbahnhof gefunden, was ungefähr so wahrscheinlich ist wie ein Sechser im Lotto. Sie schlug die Fahrertür zu und ging mit schnellen Schritten zum Eingang. Ein Blick auf die Uhr verriet ihr, daß sie sogar pünktlich sein würde. In der Bahnhofshalle zog ein alter Mann, der neben dem Fahrkartenautomaten an der Wand saß, ihre Aufmerksamkeit auf sich. Neben ihm lag sein großer Hund, der vermutlich ein paar Schäferhunde in seiner Ahnenreihe gehabt hatte. Der Mann trug einen jahrzehntealten Bundeswehr-Parka, sein Gesicht war zerfurcht und die Haare sahen wild aus. Vor seinen Füßen lag eine Schiebermütze mit ein paar Groschen darin.

Sie konnte doch nicht einfach an ihm vorbeigehen! Es machte ihr Freude, anderen Menschen zu helfen, und deshalb suchte sie aus ihrem Portemonnaie sämtliche Pfennigstücke und Groschen heraus. Als er sah, wie das Metall in seine Mütze fiel, schaute er zu Katrin hoch, räusperte sich kurz und sagte leise "Vielen Dank". Sein Blick folgte ihr noch lange, als sie nun zielstrebig Gleis Nummer fünf anpeilte.

In diesem Augenblick erklomm Bernd gerade die letzten Stufen der Bahnsteigtreppe. Sie wären fast zusammengeprallt. Beide lachten vor Freude und vergaßen die Welt um sich herum, denn das Wiedersehen war einfach zu schön. Erst Minuten später schlenderten sie Arm in Arm zum Auto.

"Perfekt geparkt", bemerkte Bernd. "Fahren wir zuerst zu meinen Eltern? Dann könnte ich noch ein paar Sachen mitnehmen."

"Aber klar doch! Anschnallen, festhalten, es geht los!"

Der Regen hatte mittlerweile aufgegeben, und die Sonne schien auch zu dieser Tageszeit noch, denn es war Juli, der 15. Juli, um genau zu sein. Das kleine Nilpferd neben dem Lenkrad schien noch mehr zu grinsen als sonst, genau wie die restlichenInsassen.

"Ach, übrigens, ist für heute abend irgendetwas geplant?" fragte Bernd beiläufig.

"Nein, Daniela und Ralf sind heute zum Geburtstag eingeladen, und von den anderen Freaks ist niemand in der Stadt."

"Na, ich bin zuversichtlich, daß uns etwas einfallen wird. Notfalls leihen wir uns 'Der Ekel-Imbiß' aus der Videothek."

"Notfalls", stimmte Katrin mit ängstlichem Unterton zu.

Bernds Eltern wohnten in einer Mietwohnung im ersten Stock, wo noch immer ein Zimmer für ihn eingerichtet war, welches er an Wochenenden oder in den Semesterferien häufig nutzte. Die Holztreppen im Hausflur knarrten so laut, daß Bernds Mutter die Ankunft der beiden erahnt und die Tür bereits geöffnet hatte.

"Hallo! Wie geht's euch denn so?" fragte sie zur Begrüßung. Die Antworten waren wahrheitsgemäß positiv.

"Hallo Katrin!" Bernds Vater kam aus dem Wohnzimmer. "Na, Mac, was macht die Quantenphysik?" Er nannte seinen Sohn meistens 'Mac'; die Gründe hierfür zu erläutern, würde den Rahmen des Buches sprengen.

Mac alias Bernd bekam noch einen Teller mit belegten Broten vorgesetzt, da er seit dem nicht besonders üppigen Mensaessen keine Energiezufuhr mehr erhalten hatte. Dabei unterhielten sich alle über die vergangene Woche. Besonderen Lacherfolg konnte Katrin mit ihren Berichten über gewisse Kunden der SPAR-O-THEK erzielen. Bernd zog sich den Ärger seiner Mutter zu, weil er nicht bemerkt hatte, daß sie das ganze Zimmer mit Blumen aus ihrem Schrebergarten geschmückt hatte. Man nahm ihm so etwas aber nicht mehr übel. Es hatte sich allgemein die Ansicht durchgesetzt, daß Bernds Wahrnehmung offenbar nur auf die Dinge seines speziellen Interesses gerichtet war.

"Katrin, du mußt ihn erst einmal richtig erziehen!" empfahl sein Vater. "Wir haben es seit seiner Geburt versucht, aber alle Bemühungen waren vergeblich."

"Ich werde es versuchen", versprach Katrin und schaute grinsend in Bernds Augen.

"Keine Chance", stellte dieser emotionslos fest.

Schließlich hatte Bernd das Abendessen verschlungen und fühlte sich nun fit genug, um noch etwas zu unternehmen. "Ich habe Dir noch gar nicht meine neue Stereoanlage vorgeführt", bemerkte Katrin. "Jetzt wird dir meine Musik noch besser gefallen!" Das war nicht völlig ernst gemeint, denn ihre Musikvorlieben waren kaum miteinander zu vereinbaren. Dennoch gab es einige

Gruppen, die beide gern hörten, und sie waren sogar schon gemeinsam auf Konzerten gewesen. Bernd stimmte jedenfalls einer Vorführung der Anlage zu.

"Okay, dann nichts wie weg hier!" forderte er. Sie machten sich reisefertig und verabschiedeten sich von Bernds Eltern.

"Am Sonntag komme ich wieder", versprach Bernd.

"Keine Drohungen bitte!" antwortete seine Mutter. Seine Eltern standen anschließend noch auf dem Balkon und beobachteten, wie Katrin den Wagen aus der Parklücke manövrierte. Es gelang ihr hervorragend, und kurz darauf sahen sie die Rücklichter in der Dunkelheit verschwinden.

 

 

 

Kapitel 2

 

Die Stereoanlage war wirklich nicht zu verachten. Aber auch ohne dieses neue Prunkstück hatte Bernd Katrins Wohnung schon immer gefallen. Er war einfach gern hier. Jetzt spielte er an der Sendereinstellung herum, es pfiff und zischte aus den großen schwarzen Lautsprecherboxen, manchmal hörte man Wortfetzen aus einer Nachrichtensendung, dann spielte wieder für Sekundenbruchteile ein klassisches Orchester. Plötzlich horchte er auf und drehte den Knopf langsam zurück. Er hatte die zarten Klänge seiner Lieblingsgruppe "Tod durch Strom" vernommen. Er schraubte die Lautstärke etwas höher und ließ die Frequenz nun unverändert. Er fand die Musik einfach genial, obwohl er kaum jemanden kannte, der diese Meinung mit ihm teilte.

"Mo... uei... assi... en", tönte es aus der Richtung des Hausflures.

"&%*!&*!% Interferenz!" dachte Bernd, und seine dem Englischen entnommene Wortwahl war so furchtbar, daß man sie nicht wiedergeben darf, wenn man keine extreme Jugendgefährdung riskieren will.

Er verminderte den Lärm, der aus den Boxen schoß, auf menschenwürdiges Niveau und fragte höflich zurück: "Was wolltest du mir gerade mitteilen, bitte?"

"Ich fragte, ob du vielleicht etwas trinken möchtest", kam die geduldige Antwort. Bernd brauchte keine lange Bedenkzeit: "Etwas Mineralwasser wäre nicht schlecht!" rief er zurück. Tagsüber hielt er sich meistens an dieses geschmacks- und joulelose (physikalisch korrekte Bezeichnung für "kalorienlose") Zeug, während er abends häufig ein Bier trank. Es konnten auch elfeinhalb sein.

Katrin dagegen trank keinen Tropfen Alkohol, nicht einmal Weinbrandbohnen waren in ihrer Nähe gefährdet. Selbst Bernds wissenschaftliche Feststellung, jeder Mensch habe stets mindestens 0.05 Promille Blutalkohol auch ohne die Hilfe hochversteuerter Lebensmittel, konnte nichts an ihrer Einstellung ändern. Aber es war überhaupt keine Änderung bei den beiden erforderlich, denn sie hatten nicht die geringsten Probleme damit. Vielleicht bestand ihr einziges Problem in ihrer totalen Unfähigkeit, sich Probleme zu schaffen.

In der Hoffnung, keiner mutierten Monster-Spinne zu begegnen, ging Katrin in die Garage, wo die Getränkevorräte aufbewahrt wurden. Tatsächlich waren noch ein paar Flaschen der weltberühmten "Schloßquelle" vorhanden. Sie zog ein Exemplar aus dem Leihkasten und machte sich schnell auf den Rückweg, um den Spinnen nur minimale Angriffschancen einzuräumen. Mehr als diese Flasche brauchte sie nicht zu holen, denn sie war ebenfalls ein Mineralwasser-Fan. Manchmal kochten sie sich auch Tee, aber das war jetzt zu aufwendig.

Sie angelte sich zwei achteckige Gläser aus der Küche, rief ein freundliches "Kommst du mit ins Wohnzimmer?" in die Richtung Bernds und ging in ebendieses Wohnzimmer voran. Dort stellte sie Flasche und Gläser dekorativ auf und setzte sich auf die Couch. Im selben Augenblick hörte sie auch schon Bernds schleifende Schritte, wobei das schleifende Geräusch von den schönen bunten Hausschuhen verursacht wurde, die sie ihm geliehen hatte. Offenbar war es ihm gelungen, sich von dem Beschallungsgerät zu lösen, ausgeschaltet hatte er es allerdngs nicht, denn Katrin konnte noch deutlich die Musik im Hintergrund spielen hören. Nun ja, er war eben immer etwas zerstreut.

Bernd setzte sich neben sie und goß das Wasser in die Gläser, wodurch es wild zu sprudeln begann. "Prost!" sagte er. Katrin schaute ihn an und antwortete: "Prost!". Es war richtig gemütlich, und sie hatten gar keine Motivation mehr, das Haus heute noch zu verlassen. Morgen war doch auch noch ein Tag! Die Kuscheltier-Nilpferde, von denen man in diesem Zimmer stets umzingelt war, schienen ihnen zuzustimmen, und so blieben sie sitzen. Es war alles still um sie herum, nur die Klänge der neuen Stereoanlage drangen aus dem Schlafzimmer.

Plötzlich hörten sie ein Knirschen, Pfeifen, das gesamte Morsealphabet und Stimmengewirr, wo eben noch Musik gespielt hatte. Es hörte sich genau so an wie Bernds Experimentieren mit der Sendereinstellung, das er vorhin beendet hatte. Katrin hatte sofort eine Erklärung parat: "Erinnerst du dich noch an den Radiowecker, den ich mir vor ungefähr einem Jahr gekauft hatte? Der war auch nicht in der Lage, eine Stunde lang denselben Sender beizubehalten."

Bernd erinnerte sich nur zu genau. Der Wecker war zwar nicht besonders teuer gewesen, aber er verstellte dennoch absolut zuverlässig jede Stunde den Sender und weckte stets mit Piepton und Musik gleichzeitig. Ein Wunderwerk moderner Elektronik! Überall außerhalb Katrins Schlafzimmer funktionierte er jedoch perfekt, so daß sie ihn nicht umtauschen konnte. Schließlich erbarmte sich ihre Mutter und kaufte ihr das Gerät ab.

"Sollte ich etwa schon wieder so ein verdammtes Pech mit dieser Anlage haben?" Katrin war kurz davor, sich aufzuregen, und die gemütliche Stimmung war mit einem Schlag - oder besser: einem Geräusch - verschwunden. War vielleicht mit ihrem Zimmer etwas nicht in Ordnung? Stimmte die Theorie der Erdstrahlen womöglich doch? Diesmal hatte sie eindeutig zuviel Geld für die Anlage ausgegeben, als daß sie diesen Fehler auf die leichte Schulter nehmen konnte.

"... begrüßen wir Sie zur volkstümlichen Hitparade. Auf Platz zwanzig sind die Neueinsteiger 'Die Herzl Buam' mit ihrem heimattreuen Lied 'Alpenglühn am Königssee'..."

Jetzt reichte es ihr! Entschlossen stand sie auf und ging zielstrebig zum Schlafzimmer. Bernd nahm einen Schluck aus seinem Glas und wartete ab, was passieren würde. Katrin tastete nach dem Lichtschalter und traf ihn im zweiten Versuch. Die Lampe blitzte jedoch nur kurz auf, und anstatt das Zimmer zu beleuchten, zersprang die Glühbirne mit lautem Knall, und Glasscherben fielen auf den Boden. Katrin zuckte zusammen. Hatte sie etwa einen kurzen Schrei gehört? Oder selbst geschrien? Sie war für kurze Zeit völlig verwirrt. Dann kam Bernd herein und fragte: "Na, hast du die Glühlampenindustrie angekurbelt?"

"Sieht so aus."

"So eine Dunkelkammer hat aber auch ihre Vorteile", meinte Bernd. Sie stimmte ihm zu, und sie setzten sich dorthin, wo sie das Bett vermuteten.

"Der Sender scheint jetzt stabil zu sein", erkannte Katrin eine halbe Stunde später.

"So ein eigenwilliges Gerät", kommentierte Bernd. Um dieses Phänomen weiter zu beobachten, verbrachten sie im Namen der Wissenschaft noch einige Zeit in dem fast völlig lichtleeren Raum.

Dies hätten sie auch problemlos weiter fortgesetzt, wären da nicht diese eigenartigen Geräusche aus der gegenüberliegenden Zimmerecke gewesen. Zunächst hörten sie ein leises Rascheln, dann ein Summen und verschiedene Pfeiftöne. Katrin und Bernd waren wie versteinert.

"Ist da jemand?" fragte Katrin unsicher. Keine Antwort. Sie sprachen kein Wort und hörten ihre eigenen Pulsschläge wie Trommeln. Jetzt - ein Räuspern! Wer konnte das nur sein? Die Spannung wurde unerträglich.

"Wer ist dort?" versuchte Bernd zu erfahren, und er bemühte sich, keine Angst zu zeigen. Wieder keine Reaktion. Was sollten sie bloß tun? Für Sekunden herrschte Totenstille im Raum.

Eine leise, aber deutliche Stimme erklang: "Haben Sie bitte keine Angst!"

Der Satz verfehlte seine Wirkung total. Die beiden wußten nun überhaupt nicht mehr, was hier passierte. "Wer ist dort?" wiederholte Bernd, und seine Stimme überschlug sich.

"Ich bin ein Reisender und werde Ihnen alles erklären. Bitte beruhigen Sie sich! Sie brauchen sich wirklich nicht vor mir zu fürchten."

Sie versuchten, die Umrisse der Person zu erkennen, doch es war einfach zu dunkel. "Weshalb sind Sie hier?" fragte Katrin, die langsam ihre Fassung zurückgewann.

"Sie werden es vermutlich nicht verstehen", erläuterte die Stimme, "aber ich reise durch das Frequenzspektrum dieser Erde. Dieses Zimmer hier entspricht koordinatengemäß meinem Arbeitszimmer, deshalb bin ich genau hier angekommen."

Der ungebetene Gast hatte völlig recht: Sie verstanden es wirklich nicht. "Sind Sie sicher, daß Sie nicht direkt vom Mars kommen?" fragte Bernd spöttisch, der diese Erläuterungen für lächerlich hielt, weil sie aus seiner wissenschaftlichen Sicht ganz einfach nicht wahr sein konnten. Er glaubte, daß sie die Opfer eines Witzboldes waren, eines schlechten Witzboldes obendrein. Katrin hingegen spielte das Spiel mit und fragte interessiert: "Heißt das vielleicht, daß Sie gar kein Mensch sind wie wir?" Bernd konnte es nicht fassen. Es sah tatsächlich so aus, als würde sie diesem Spinner glauben.

"Genau so ist es", hieß auch prompt die Antwort. "Ich bin etwas kleiner als durchschnittliche Menschen Ihrer Frequenz, habe praktischerweise vier Arme und bin am ganzen Körper dicht behaart."

Katrin begann die Sache zu faszinieren, während Bernd die letzte Aussage als "einfach schwachsinnig" bezeichnete und ins Nebenzimmer verschwand, um mit einer Taschenlampe in der Hand zurückzukommen. "So, jetzt werden wir unseren kleinen Vierarmer mal bei Licht betrachten!" rief er siegessicher und richtete den Lichtkegel auf den Eindringling.

Zum wiederholten Mal stockte beiden der Atem. Tatsächlich stand dort ein katzenähnliches Wesen, jedoch aufrecht auf den Hinterbeinen und etwa einen Meter vierzig groß. Und es hatte - Bernd war schockiert - wirklich vier Arme mit feingliedrigen Händen daran. Über seinem Fell trug es einen einteiligen Anzug aus dünnem schwarzen Stoff, der einem Arbeitskombi sehr ähnelte. Auch seine Schuhe erinnerten an Arbeitskleidung. Vor dem überproportional großen Kopf schwang etwas, das wie ein Mikrofon aussah, und in einem der Ohren steckte vermutlich ein kleiner Lautsprecher. Die Kabel dieser Instrumente liefen in einem schwarzen Rucksack, den das Wesen trug, zusammen.

Bernd war sprachlos. Er wußte nicht, was er davon halten sollte. Deutlich unverkrampfter sah Katrin die Situation. Sie ging auf das Wesen zu und bemerkte, daß es eigentlich einen sehr freundlichen Gesichtsausdruck aufgesetzt hatte.

"Wollen wir uns nicht lieber nebenan hinsetzen, damit wir diese alberne Taschenlampe nicht mehr brauchen?" fragte sie.

"Nichts lieber als das", entgegnete "es", das sich von der Taschenlampe offensichtlich geblendet fühlte.

"Schalt' doch bitte die Funzel aus", sagte sie zu Bernd, der die Welt nicht mehr verstand. Er trottete den beiden ins Wohnzimmer hinterher, wo sie sich an den Tisch setzten.

"Wie heißen Sie?" fragte Katrin neugierig.

"Mein Name lautet..." begann es und machte dann ein Geräusch, das sich wie eine Klospülung anhörte.

"Ich weiß", fuhr es fort. "Sie können diesen Namen schlecht in Ihre Sprache einbinden. Denken Sie sich einfach einen Namen für mich aus, der Ihnen gefällt."

Bernd hatte sich mittlerweile wieder gefangen und fragte reaktionsschnell: "Dazu müßten wir erst einmal wissen, ob Sie männlich oder weiblich sind."

"Dort, wo ich herkomme, gibt es keine verschiedenen Geschlechter. Ich werde Ihnen das später noch genauer erklären, wenn es Sie tatsächlich interessiert."

"Damit sind Sie ein für die deutsche Sprache sehr ungeeignetes Objekt", kommentierte Bernd grinsend. "Aber mit derartigen Problemen sollten wir uns nicht aufhalten. Ich stimme aus naheliegenden Gründen für den Namen 'Quadro'. Bist du einverstanden, Katrin?"

"Klar doch! So, Quadro, der Mensch dort heißt Bernd", erklärte sie und zeigte auf ihren Freund. Quadro schaute ihn an und nickte.

"Und diese liebe Person dort drüben nennt sich Katrin", ergänzte Bernd.

"Katrin - Bernd - Quadro", wiederholte der, die oder das Angesprochene (Anmerkung: Von nun an wird der Einfachheit halber nur noch die männliche Form verwendet).

"Ich finde, wir sollten uns duzen", empfahl Katrin, woraufhin sich alle anschauten und nickten.

"Darauf müssen wir einen trinken." Diesen Satz sagte Bernd nicht zum ersten Mal. "Was möchtest du, Quadro? Tee, Kaffee, Saft, Mineralwasser, Leitungswasser, Bier, Wein...?"

"Ich habe mir selbst etwas mitgebracht, bitte nehmt es mir nicht übel. Es ist nicht sicher, ob mir eure Nahrungsmittel bekommen." Er öffnete seinen Rucksack und holte eine kurzhalsige Flasche mit einem eigenartigen Bügelverschluß hervor. Seine geschickten Finger hatten keine Mühe, die Flasche zu öffnen und auf den Tisch zu stellen, und ein eigenartiger, völlig unbekannter Geruch breitete sich langsam im Wohnzimmer aus.

Bernd nahm Katrins Getränkewunsch entgegen und verließ den Raum, um die Verpflegung sicherzustellen. Er empfand die Situation jetzt wieder als völlig normal, als unterhielte er sich täglich mit vierarmigen Riesenkatzen. Seine Neugierde auf das, was der Besucher erzählen würde, überwog alle Befürchtungen bei weitem. Schnell zog er ein paar Flaschen aus den Getränkekästen und kehrte ins Wohnzimmer zurück, um kein Wort zu verpassen. Dort angekommen, holte er Gläser aus dem antiken Schrank, placierte sie auf dem Tisch und füllte sie auf. Anschließend ließ er sich in den Sessel sinken, erhob sein Glas und sagte eines seiner Lieblingswörter: "Prosit!"

Die anderen folgten seinem Beispiel, Katrin schnell, Quadro mit Verzögerung, denn letzterem waren diese Rituale noch nicht vertraut. Sie nahmen einen Schluck, und kurze Zeit später waren zwei Augenpaare erwartungsvoll auf Quadro gerichtet. Er hatte sich zurückgelehnt, die beiden unteren Arme vor seinem Bauch verschränkt, eine Hand spielte mit dem Bügelverschluß und der vierte Arm stützte seinen Kopf. Er sah nachdenklich aus.

"Was möchtet ihr zuerst hören? Interessieren euch meine Welt und meine eigene Geschichte, oder eher die physikalischen Tatsachen, die es mir ermöglichten, zu euch zu kommen?" fragte er zunächst.

Katrin sah Bernd an, dessen Augen plötzlich zu leuchten begannen. "Ist schon gut", meinte sie. "Erzähl' uns doch bitte zuerst etwas über Physik, dann können wir vermutlich deine persönliche Story besser verstehen. Außerdem gibt Bernd sonst keine Ruhe."

Dieser konnte sich ein lautes Lachen nicht verkneifen, womit er Quadro etwas erschreckte. Nichtsdestoweniger fing der mit seinem Gastvortrag an: "Hoffentlich langweile ich euch nicht, denn ich muß weit ausholen, äußerst weit sogar. Vor ein paar Milliarden Jahren, kurz nach der Entstehung unseres Sonnensystems, ereigneten sich Dinge, auf die keiner eurer Forscher jemals gestoßen ist, die auch mit Hilfe eurer derzeitigen physikalischen Theorien nicht zu verstehen sind. Ich möchte deshalb keine exakten Erklärungen geben, sondern nur versuchen, euch die unmittelbaren Auswirkungen zu verdeutlichen.

Und zwar geriet damals unsere gesamte Galaxie in... sagen wir... ein Kraftfeld, welches fundamentale Wirkungen auf ihre Materie ausübte. Die Elementarteilchen erhielten unterschiedliche... nun... Eigenfrequenzen, wobei nur Teilchen und Wellen gleicher Eigenfrequenzen überhaupt miteinander in Wechselwirkung treten können. Kurzum, ich will damit sagen, daß damals die Erde aufgespalten wurde in unterschiedliche Frequenzbereiche. Von nun an existierten hier parallel tausende verschiedene Welten, die nichts voneinander wußten. Aus der Sicht jeder einzelnen Welt gab es die anderen überhaupt nicht, genau wie ihr bis heute geglaubt habt, eure Welt sei die einzige."

Katrin schaute zu Bernd hinüber und klappte seinen Unterkiefer hoch, der weit herabhing. "Also, irgendwie habe ich das nicht ganz verstanden", sagte sie dann etwas verlegen. Bernd sah sie an, dann wandte er seinen Blick wieder zu Quadro. Wäre Bernd ein Computer, so würde man sagen, er sei abgestürzt und ein Neustart sei nötig.

"Ich gebe zu, daß diese Tatsachen für euch nur schwer zu begreifen sind, und ich werde versuchen, die Dinge anschaulich darzustellen", beteuerte Quadro und fuhr fort:

"Schon seit Jahren wohne ich hier, und damit meine ich wirklich hier, genau an diesem Ort. Ihr konntet mich allerdings nicht wahrnehmen, denn meine Materie hatte eine andere Frequenz, so daß sie für euch nicht existierte, und umgekehrt konnte auch ich euch nicht sehen oder fühlen. Die Landschaften, die Atmosphäre, das Klima und so weiter sind in meiner Welt ähnlich wie in eurer, denn sie haben ja einen gemeinsamen Ursprung. Die Erdoberflächen aller Welten sind gleichzeitig erkaltet und haben sehr ähnliche Lebensbedingungen geschaffen. Nur die Lebewesen haben sich recht unterschiedlich entwickelt, wie ihr an mir erkennen könnt.

Es gibt hier ein Gerät, an dessen Beispiel ihr vielleicht das Verhältnis der verschiedenen Welten zueinander verstehen könnt, nämlich das Empfangsgerät dort in dem dunklen Zimmer. Vorhin habe ich etwas daran herumgespielt, müßt ihr wissen." Daraufhin murmelte Katrin: "Dann bin ich ja beruhigt", was Quadro nicht verstand und einfach weitererzählte:

"Man kann dort verschiedene Frequenzen einstellen und empfängt unterschiedliche Sender, die sich nicht im geringsten gegenseitig beeinflussen. Habe ich 101.5 Megahertz eingestellt, so ist von dem Sender auf 103.6 Megahertz absolut nichts mehr zu hören. Für den Hörer gibt es zur gleichen Zeit immer nur einen Sender. Die Frequenzen existieren alle nebeneinander, jedoch völlig unabhängig voneinander. Genauso verhält es sich mit unseren Welten: Wir lebten auf unterschiedlichen Frequenzen, bis es mir gelang, auf eure Frequenz zu gelangen und so für euch Realität zu werden."

Daraufhin herrschte Schweigen im Raum, denn die beiden Gastgeber versuchten, das eben Gehörte zu verarbeiten, was Bernds Kinnlade wiederum herabsinken ließ. Quadro nutzte die Gelegenheit, um einen kräftigen Schluck seines mysteriösen Getränks zu nehmen. Leicht belustigt schaute er wie bei einem Tennisspiel von Katrin zu Bernd, von Bernd zu Katrin. Schließlich brach Bernd das Schweigen: "Und wie ist dir das gelungen?"

"Das ist eine lange Geschichte, und ich hoffe, daß ihr nicht mittendrin einschlaft." Er machte eine kurze Pause und nahm dann den Faden wieder auf: "Nun gut, wie ich schon sagte, ist meine Welt der euren ziemlich ähnlich. Wir besitzen vergleichbare soziale Strukturen wie Familien, Zweierbeziehungen, Freundeskreise und Vereine. Wir üben, genau wie ihr, bestimmte Berufe aus oder werden ausgebildet. Im Durchschnitt werden wir etwa neunzig bis hundert Jahre alt. Dazu muß man allerdings sagen, daß unsere Medizin weiter fortgeschritten ist als eure. Übrigens haben sich die Zeitmaße in beiden Welten ähnlich entwickelt, da sie mit gleicher Geschwindigkeit um dieselbe Sonne kreisen und natürlich auch dieselbe Eigenrotation besitzen.

Vorhin mußte ich euch enttäuschen, als ihr nach meinem Geschlecht erfahren wolltet.Unsere Fortpflanzung ist nicht durch eine Zweiteilung der Gesellschaft, wie sie bei euch herrscht, eingeschränkt. In unserer Welt besitzt jedes Individuum die körperlichen Möglichkeiten, mit jedem anderen Nachkommen zu zeugen, jedoch nicht mit sich selbst. Genau wie es hier üblich ist, finden sich auch bei uns in der Regel jeweils zwei Personen zusammen, um möglicherweise eine Familie zu gründen. Es ist bestimmt kein Weltenpatriotismus, wenn ich behaupte, daß unsere Methode vorteilhaft ist. Es gibt für jedes Individuum die doppelte Anzahl möglicher Partner, was der Evolution mehr Kombinationsmöglichkeiten bietet. Vermutlich ist unsere Entwicklung aus genau diesem Grund weiter vorangeschritten als eure. Wir hatten dieselben Startbedingungen zur selben Zeit, doch unser Weg war etwas schneller."

Katrin und Bernd saßen wie hypnotisiert in ihren Sesseln und verfolgten, wie der Erzähler sein Glas leerte und die restliche Flüssigkeit aus der Flasche hineinfüllte.

"Und welche Rolle spielst du in deiner Welt?" fragte Katrin neugierig.

"Darauf wollte ich gerade zu sprechen kommen", erwiderte er. "Vor etwa vierzig Jahren wurde ich geboren, nicht weit von hier, räumlich gesehen. Meine Eltern arbeiteten in der Weltgestaltung, sozusagen einer Behörde, die derartige Fehlentwicklungen, wie ihr sie massenweise produziert, verhindern sollte, was ihr auch weitgehend gelang. Damit meine ich vor allem Dinge wie Umweltzerstörung, ungerechte Güterverteilung, Abgrenzung von Gruppen gegeneinander und so fort. Der größte Erfolg der Weltgestaltung war die Beendigung sämtlicher Kriege und die Verhinderung weiterer bis zum heutigen Tage. Nachteilig daran ist, daß wir auf größeren Wohlstand verzichten müssen, weil diese Einrichtung sehr kostspielig und wirtschaftlich gesehen 'unproduktiv' ist. Aber wir nagen nicht am Hungertuch, und Wohlstand ist nicht die wichtigste Lebensqualität, Wirtschaftlichkeit nicht das höchste Ziel. Früher oder später wird diese Einsicht auch in eurer Gesellschaft an Boden gewinnen, davon bin ich absolut überzeugt.

Doch ich wollte eigentlich etwas mehr über mich erzählen, erinnere ich mich. Entschuldigt, daß ich manchmal etwas vom Thema abdrifte, aber es gibt einfach zuviel zu berichten. Also, mit zwanzig Jahren begann ich etwas, was ihr wohl als 'Physikstudium' bezeichnen würdet. Ich spezialisierte mich auf das Gebiet der Elementarteilchen, so daß ich nach meinem Studienabschluß in einem Forschungsinstitut arbeitete, welches sich mit der 'Weltenteilung' befaßte.

Auf diesem Gebiet wird bei uns schon seit Jahrzehnten geforscht, und es gibt bereits viele tausend Textspeicher, sozusagen Bücher, darüber. In unserer Theorie nennt sich eure Welt schlicht und einfach EB-213.00, unsere hingegen EB-173.91. Das klingt nicht sehr romantisch, ist aber praktisch in der Anwendung. Das 'E' steht für 'existent', denn auf den extremen Frequenzen gibt es die Erde überhaupt nicht. Das ist auch nützlich, wenn man beispielsweise Experimente in der Schwerelosigkeit durchführen möchte. Da die Bahn eines beliebigen Körpers in der Umlaufbahn um die Sonne praktisch unabhängig von seiner Masse ist, setzt man auch ohne Anwesenheit der Erde deren Bahn weiter fort. Aber ich komme schon wieder vom Thema ab.

Das 'B' steht für 'betretbar', und daraus folgt, wie ihr sicherlich schon kombiniert habt, daß es unbetretbare Welten gibt. Bei der Weltenspaltung haben nur die Welten in einem bestimmten Frequenzband ungefähr gleich viel Materie erhalten, so daß sich ähnliche Entwicklungen bezüglich Oberfläche und Atmosphäre ergeben haben. Außerhalb dieses Bandes ist die Erde jedoch so stark zusammengeschrumpft, daß sich dort kein Leben entwickeln konnte und ein Betreten ohne Spezialanzug sofort tödlich wäre.

Die Zahl, also die 213.00 beziehungsweise 173.91, gibt die Frequenz an, auf der die betreffende Welt liegt. Die EB-Frequenzen befinden sich zwischen 27.50 und 882.42, und die EU-Welten um jeweils circa acht Einheiten außerhalb dieses Bereichs. Unsere Forschungstrupps haben noch längst nicht alle Welten bereist, aber diese hier, EB-213.00, kennen sie äußerst gut. Meine Arbeit an dem Forschungsinstitut brachte es mit sich, daß auch ich schon an mehreren Expeditionen hierher teilgenommen habe. Ihr seid einfach zu drollige Beobachtungsobjekte!"

Katrin und Bernd schauten sich an. Sie waren also 'drollig'. "Weshalb haben wir noch nie etwas davon gehört? Betrachtet ihr uns wie Tiere im Zoo? Weshalb sollen wir nichts von den anderen Welten erfahren?" fragte Katrin aufgeregt.

"Das liegt doch auf der Hand", kam prompt Quadros Antwort. "Ihr seid einfach unberechenbar. Bei euch gibt es mehr Kriege als warme Mahlzeiten! Wir können nicht zulassen, daß ihr in unsere Welt eindringt. In tausend Jahren können wir vielleicht darüber nachdenken, wenn ihr euch bis dahin nicht gegenseitig vernichtet habt, aber heutzutage ist das undenkbar."

"Aber du hältst dich offenbar nicht daran", bemerkte Bernd.

"Das ist richtig, ja..." Quadro suchte nach Worten. "Es ist so...", begann er langsam. "Ich bin nicht in öffentlichem Auftrag hier. Es ist mir vor einigen Tagen gelungen, einen TEFT in meinem privaten Arbeitszimmer zu konstruieren. Ach ja, schon gut", winkte er ab, weil er in ratlose Gesichter schaute, "Ihr wollt wissen, was ein TEFT ist. Es handelt sich um einen Teilchen-Eigenfrequenz-Transformer, der es einer oder mehreren Personen ermöglicht, ihre Materie auf eine beliebige Eigenfrequenz einzustellen, sich also in andere Welten zu 'beamen', wie man sagen könnte."

Er öffnete seinen schwarzen Rucksack und holte einen kleinen und einen großen quaderförmigen Gegenstand heraus. Bernd betrachtete neugierig den großen Kasten, der völlig glatt und verspiegelt aussah. "Das ist bloß die Energieversorgung, du Idiot!" meinte Quadro, der mittlerweile einen recht lockeren Ton angeschlagen hatte. Vielleicht war sein eigenartiges Getränk daran schuld?

"Hier", er zeigte mit allen vier Armen auf das kleine Kästchen. "Hier ist das Meisterwerk."

Katrin schaute es mißtrauisch an und fragte verdutzt: "Was für komische Zeichen erscheinen denn dort auf der Oberfläche? Wer soll die entziffern?"

"Ziffern, ganz richtig!" antwortete Quadro. "Dort steht die Zahl 213.00, also die Frequenz dieser merkwürdigen Welt hier, aber natürlich in meiner Sprache und meiner Schrift."

"Wieso? Wir sprechen doch offensichtlich dieselbe Sprache. Sprichst du etwa noch weitere?" warf Bernd verblüfft ein.

"He, Mann, das kann doch nicht dein Ernst sein!" rief Quadro aus. "Du glaubst doch nicht wirklich, daß sich in völlig isolierten Welten zufällig exakt dieselben Sprachen entwickeln, obwohl es schon allein auf EB-213.00 mehrere tausend verschiedene Sprachen und Dialekte gibt? Und das hier", er tickte sein Mikrofon und den Ohrhörer an. "Das ist wohl mein Walkman, und ich ziehe mir gerade Heavy-Metal-Musik rein, weil ihr mich so langweilt? He, du geistiger Nichtschwimmer, das glaube ich einfach nicht!"

Bernd war völlig irritiert. Er stammelte nur: "Ja, aber... wie... ich meine... also..."

"Es ist ganz einfach", unterbrach ihn Quadro und packte einen weiteren Apparat aus, der den anderen äußerlich verdächtig ähnelte und dessen Kabel zum Kopfhörer und zum Mikrophon führten. "Dies hier ist ein Übersetzungsgerät, das zwischen beliebigen Sprachen arbeitet. Derzeit sind etwa zweitausend Sprachen eingespeichert, aber es kann jederzeit weitere dazulernen, und zwar selbständig. Wenn es eine Sprache nicht kennt, analysiert es sie und beherrscht sie meist schon nach kurzer Zeit. Zu diesem Zweck besitzt es optische und akustische Sensoren.

Wenn ich nun einen Satz in meiner Sprache in das Mikrofon spreche, so übersetzt ihn der Apparat synchron in die eure und gibt ihn über den Lautspecher am Rucksack aus, so daß ihr ihn hören könnt. Umgekehrt nimmt der Übersetzer euer Geschwätz per Mikrofon auf, und ich kann es in meiner Sprache mittels dieses Ohrhörers verstehen."

Um sich für Quadros Beleidigungen zu rächen, unterdrückte Bernd sein Erstaunen über das Gerät, sagte nur knapp: "Ich muß mal eben auf Toilette" und verließ das Zimmer. Quadro zeigte sich davon allerdings unbeeindruckt.

Katrin war einfach überwältigt von den Ereignissen dieses Tages. Sie schaute auf die Uhr: schon halb drei! Kein Wunder, daß sie todmüde war. "Möchtest du uns morgen wieder besuchen?" fragte sie höflich. "Ich glaube, wir sollten dies alles erst einmal überschlafen."

Quadro schaute sie verwundert an. "Ach ja", erinnerte er sich dann, "Ihr schlaft ja nachts. Welch eine eigenartige Angewohnheit." Plötzlich horchte er auf und schaute sich hektisch im Wohnzimmer um.

"Was ist los?" fragte Katrin besorgt.

"Mir war so, als habe jemand meinen Namen gerufen", erwiderte Quadro. Katrin begriff die Situation und lachte aus vollem Hals.

"Nein", prustete sie heraus. "Das war die Klospülung!"

Quadro war etwas verlegen. "Hätte ja sein können", sagte er leise.

In diesem Augenblick kam Bernd von seinem Ausflug zurück und ließ sich mit enormer Wucht in den Sessel fallen. "Na, Leute, wollen wir vielleicht morgen weiterdiskutieren? Ich bin einfach hundemüde."

"Nun gut, mit euch ist heute wohl nichts mehr anzufangen. Wollt ihr nicht lieber mich morgen besuchen?" fragte Quadro.

"Oh ja!" stieß Katrin hervor. Auch Bernd war von der Idee begeistert.

"Ich hole euch morgen früh um acht Uhr im Schlafzimmer ab." Quadro begann, seine Sachen mit Hilfe sämtlicher vier Arme einzupacken. "Äh, um zwei Uhr nachmittags wäre auch nicht schlecht", wandte Katrin vorsichtig ein.

"Ihr seid wohl Murmeltiere, oder wie sagt man hier?" Quadro berührte den TEFT und verabschiedete sich mit den Worten: "Also gut, um zwei Uhr. Gute Nacht!"

Die Luft um ihn herum begann zu flimmern, ein kühler Wind wehte durch denRaum. Quadros winkende Gestalt wurde undeutlich, immer blasser und blasser, bis sie restlos verschwand. Katrin und Bernd schauten noch immer auf den leeren Sessel, als sich der Wind bereits gelegt hatte und sie ganz allein in völliger Stille dasaßen.

 

 

 

Kapitel 3

 

Noch nie waren sie samstags derartig früh aufgestanden. Es war noch nicht einmal ein Uhr nachmittags, und sie saßen bereits an ihrem kombinierten Mittags-Frühstuck, das heute hauptsächlich aus Spaghetti Bolognese bestand. Sie machten sich viele Gedanken darüber, was sie wohl heute erleben würden, denn immerhin war es ihr erster Besuch in einer anderen Welt.

"Er hat uns eigentlich nicht viel über sich erzählt", bermerkte Katrin, während sie ein paar Dutzend Spaghettis um ihre Gabel wickelte. "Wir wissen nicht einmal, ob er eine Familie hat oder ein Single ist."

Bernd konnte nicht sofort antworten, weil er gerade damit beschäftigt war, ein paar überlange Nudeln in seinen Mund zu stopfen. Mit kurzer Verzögerung sagte er: "Genaugenommen wissen wir überhaupt nicht, was uns erwartet und was er von uns will. Ich kann mir kaum vorstellen, daß er die Gesetze seiner Welt bricht, indem er uns zu sich holt, nur weil er besonders gastfreundlich ist."

"Das stimmt wohl. Aber ich vermute, daß es sich um eine gerechte Sache handelt. Er hat gestern wirklich einen sehr positiven Eindruck auf mich gemacht."

"Das sehe ich genauso. Auf jeden Fall bin ich unheimlich gespannt, was heute mit uns passieren wird."

Jetzt stürzten sie sich auf den Nachtisch, während ihre Gedanken weiter rotierten. Plötzlich holte sie die Haustürklingel wieder in die Wirklichkeit zurück. Katrin murmelte: "Wer kann das bloß sein?", stand auf und ging zur Tür. Als sie öffnete, standen dort weder der Postbote noch der Weihnachtsmann, sondern vielmehr Manuela, Katrins frühere Mitschülerin.

"Ach, Manuela, was für eine Überraschung!" rief Katrin etwas gequält aus.

"Ich wollte doch 'mal sehen, wie es dir so geht!" rief Manuela in einem zuckersüßen Tonfall zurück, während sie bereits in der Wohnung stand und ihre Jacke auszog. Manuela hatte sich in der Schule immer dann besonders hervorgetan, wenn es darum ging, die Meinung des Lehrers zu untermauern oder ihm unwürdige Tätigkeiten abzunehmen, wie zum Beispiel das Tragen seiner Tasche. Sie hatte immer gute Zensuren und nie Probleme gehabt, sich mit unnötiger Freizeit herumschlagen zu müssen. Jetzt lernte sie bei MONETÄR-KRUSE, einem Konkurrenzunternehmen von JASON'S SPAR-O-THEK. In der Berufsschule begegneten sie sich hin und wieder, wenn Katrin es nicht verhindern konnte.

"Komm' doch herein", bat Katrin sie überflüssigerweise. "Wir sind gerade mit dem Essen fertig."

"Das ist schön, dann komme ich ja genau im richtigen Augenblick!" Manuela hängte ihre Jacke an einen Kleiderhaken und folgte Katrin in die Küche, wo Bernd in Windeseile den restlichen Nachtisch heruntergeschluckt hatte.

"Hallo Bernd!" tönte es ihm bereits aus dem Flur entgegen. "Hallo!" antwortete er kurz, denn er hatte ihren Name nicht schnell genug parat. Er kannte sie auch nur flüchtig, und laut Katrins Schilderungen sollte er diesen Umstand nicht zu sehr bedauern.

Die beiden Mädchen setzten sich an den Tisch und begannen damit, den neuesten Klatsch zu diskutieren, wobei Katrin regelmäßig Blicke zu Bernd hinüberwarf, die sagen sollten: "Ich kann doch auch nichts dafür." Bernd sah unbemerkt auf die große Uhr über der Tür und zuckte zusammen: Es war bereits zehn Minuten vor zwei!

"Äh, Katrin", unterbrach er die Unterhaltung. "Ich mache mich jetzt fertig. Wir haben ja gleich eine Verabredung."

"Oh, natürlich, unsere Verabredung! Ach, das tut mir aber wirklich furchtbar leid, daß wir jetzt gar keine Zeit mehr haben. Aber wir sehen uns bestimmt in den nächsten Wochen wieder, da bin ich ganz sicher."

Manuela wirkte sehr interessiert. "Wen wollt ihr denn besuchen, wenn ich fragen darf? Vielleicht könnte ich ja mitkommen, denn ich habe die früheren Freunde schon lange nicht mehr gesehen."

Das war kein Wunder, dachte Katrin und mußte beinahe lachen, sagte jedoch: "Das ist wirklich sehr schade, aber wir fahren zu... Gerd, Bernds Kommilitonen, und dessen Freundin... Jessica. Wenn wir demnächst wieder alte Klassenkameraden besuchen, werden wir dich auf jeden Fall vorher anrufen."

"Klaro. Könnt ihr mich noch ein Stück mitnehmen? Wo wohnen die beiden denn?"

"Oh, das wird kaum möglich sein, denn wir wollen mit dem Fahrrad fahren", log Katrin wie aus der Pistole geschossen, doch als sie den Regen gegen das Küchenfenster prasseln hörte, fügte sie leise hinzu: "Du mußt wissen, Bernd hat im Moment einen totalen Fitneß- und Ökofimmel, den kriegen keine zehn Planierraupen in ein Auto hinein."

"Das ist ja furchtbar", flüsterte Manuela mitleidig, die nun genug zum Weitererzählen erfahren hatte. "Dann werde ich mit dem Bus nach Hause fahren. Tschüß, Katrin! Ich komme bestimmt mal wieder vorbei."

"Das wäre schön", heuchelte Katrin, winkte ihr noch kurz nach, schloß die Tür mit einem lauten Knall und atmete tief durch. Was einem doch so alles passieren konnte!

Sie hatte sich kaum erholt, als sie ein eigenartiges Geräusch aus der Küche hörte. Hatte Bernd vielleicht der "kleine Hunger zwischendurch" gepackt, oder ließ er etwa seine Wut über ihren ungebetenen Besuch an der Kücheneinrichtung aus? Katrin stürmte sofort zum vermeintlichen Tatort und war mehr als erstaunt, daß sie Bernd dort gar nicht vorfand.

Stattdessen wackelte der Kühlschrank, als wolle er eine Waschmaschine imitieren, und produzierte dabei Lärm wie ein startendes Flugzeug. Katrin wußte erst nicht recht, was sie tun sollte, und zog dann kurzentschlossen den Netzstecker des tollwütigen Küchenmöbels aus der Steckdose. Auch das half nichts! Katrin war auf dem besten Wege, in mittelschwere Panik zu geraten, als sich der Spuk plötzlich von selbst beendete.

Absolute Stille herrschte nun, bis Bernds Schritte hörbar wurden und erschließlich den Raum betrat. "Was treibst du hier eigentlich für einen Unsinn?" fragte er Katrin erstaunt.

Sie schaute ihn aufgeregt an.

"Das war nicht ich, sondern der Kühlschrank, oder auch nicht, auch ohne Stecker, aber jetzt ist er ruhig..."

Bernd verstand überhaupt nichts. Da hörten sie auf einmal eine dumpfe, verärgerte Stimme, die offenbar aus der Richtung des mysteriösen Gerätes kam: "Verdammter TEFT, so eine Fehlkonstruktion! Der letzte Schrott! Brrr, ist das saukalt! Hier muß ich doch irgendwie rauskommen!"

Plötzlich öffnete sich die Kühlschranktür, und einige Milchtüten schlitterten über den gekachelten Küchenboden. Gleichzeitig zwängte sich eine behaarte Gestalt aus dem Gerät heraus - es war Quadro! Ein halbes Pfund Butter mitsamt Butterschale klebte auf seinem Kopf, als wolle er eine neuartige Hutmode präsentieren. Nach dem ersten Schreck konnten sich Katrin und Bernd jetzt ein Lachen nicht verkneifen.

"Ja, ihr habt gut lachen!" meinte Quadro, während er die Butter von seinem Kopf nahm, kurz betrachtete und dann sorgfältig in Kühlschrank zurückstellte.

"Ich dachte schon, ich hätte mich völlig verirrt", fügte er hinzu. "Aber offensichtlich gibt es kleine Unterschiede zwischen den Erdrotationen in unseren Welten, so daß ich diesmal nicht im Schlafzimmer, sondern hier gelandet bin." Er warf einen verärgerten Blick auf den Kühlschrank.

"Hauptsache, du bist da", freute sich Katrin. "Dann können wir jetzt deine Welt besichtigen."

"Sofort, sofort", bremste Quadro. "Ich mache mich noch etwas frisch. Ihr könnt währenddessen die TEFTs, die ich euch mitgebracht habe, irgendwo an eurer Kleidung befestigen. Es sind übrigens Mini-TEFTs mit integrierter Energieversorgung, die man nach jeder zehnten Reise aufladen sollte." Er warf ihnen die Kästchen zu und verschwand im Badezimmer. Sie sahen sich fragend an, wischten dann den Senf von den Apparaten und befestigten sie an ihren Hosengürteln.

Nachdem sie sich davon überzeugt hatten, daß die TEFTs niet- und nagelfest waren, beseitigten sie das Chaos in der Küche. Schließlich kam Quadro wieder zum Vorschein, sein Fell war sauber und sein Rucksack wieder schwarz. "Ja, worauf warten wir noch?" fragte er gutgelaunt holte drei dünne Kabel hervor, um die drei TEFTs miteinander zu verbinden.

"Seid ihr bereit? Dann geht es jetzt los!" rief er. Sie waren unheimlich aufgeregt, und ihr Puls dürfte bei 160 bis 180 Schlägen pro Minute gelegen haben. Gespannt verfolgten sie, wie Quadro seinen TEFT bediente, der nun eine enorme Wärme auszustrahlen schien. Es ging los! Die Konturen der Küche verwischten mehr und mehr, und ein starker Wind wirbelte ihre Haare durcheinander. Um sie herum spielten sich unglaubliche Dinge ab, Szenarien wechselten in Sekundenbruchteilen, die Schwerkraft spielte verrückt, nur sie selbst blieben unverändert. Sie klammerten sich an Quadro, wollten ihn in dieser furchterregenden Situation nicht verlieren.

Doch dann beruhigte sich die Umgebung, und sie schienen nun in einem großen Zimmer zu stehen. Die Gegenstände, die überall völlig unordentlich herumlagen, wurden immer deutlicher, bis sich ihr Zustand stabilisierte. Katrin und Bernd lösten sich langsam aus ihrer Erstarrung und wagten die ersten vorsichtigen Schritte in der fremden Welt.

"Willkommen auf EB-173.91, Leute!" sagte Quadro feierlich und entkoppelte die TEFTs. "Danke", antwortete Bernd geistesabwesend, denn seine Aufmerksamkeit galt vollständig der Erkundung dieses Raumes. Quadro bemerkte das und erzählte nicht ohne Stolz: "Dies hier ist mein Arbeitszimmer, wo ich Geräte wie den TEFT entwickle. Es ist nicht besonders gut aufgeräumt, aber das stört ja keine großen Geister wie euch. Seht euch ruhig in meiner Junggesellenbude um!"

Er war also tatsächlich nicht verheiratet, aber auch diese neue Erkenntnis spielte momentan nur eine untergeordnete Rolle. Über seinem Bett hing eine Holografie zweier älter aussehender Wesen. "Meine Eltern", erläuterte er kurz. Vermutlich hatten wegen seines enormen Forschungsdrangs keine weiteren Personen in seinem Leben Platz.

Sämtliche Räume waren schlicht, aber praktisch eingerichtet, mit wenig Möbeln, viel Technik, in hellen Farben und mit großen Fenstern. Katrin schaute hinaus und sah nicht etwa eine futuristische Technikwelt, sondern eine Landschaft mit Wiesen und Bäumen. Der einzige Unterschied bestand darin, daß diese nicht grün, sondern eher türkis gefärbt waren. Ein Vogel landete direkt vor dem Fenster, schaute in alle Richtungen und flog wieder davon. Sie mußte über ihn lachen, denn er benutzte seine Schwanzfedern wie einen Propeller als Antrieb, was einfach witzig aussah.

"Ist dies hier ein LCD-Fernseher?" fragte Bernd neugierig und deutete auf einen flachen, rechteckigen Gegenstand, der an der gegenüberliegenden Wand hing.

"So würde ich den Echtdarsteller GX-MU1/2 aber nicht nennen", erwiderte Quadro, machte eine schnelle Handbewegung, und der Apparat begann leise zu sirren. Dann verschwanden die Umrisse des Zimmers, und sie standen plötzlich auf der Tribüne eines gewaltigen Fußballstadions. Um sie herum brüllten Hunderttausende von Katzenmenschen irgendein unverständliches Zeug, doch niemand schien die drei zu beachten.

"Das hier ist der Sportkanal, die Übertragung des heutigen Endspiels im Raketenball. Wartet einen Augenblick, ich hole euch zwei Übersetzer, damit ihr mehr davon habt." Mit diesen Worten verschwand Quadro aus dem Stadion, löste sich einfach in Luft auf. Ein umherfliegender, gefüllter Getränkebecher traf Katrin an der Schulter. Sie spürte, wie sich die Flüssigkeit in ihrer Kleidung ausbreitete. Doch dies Gefühl ließ schnell nach, und als sie ihre Bluse abtastete, war diese völlig trocken! Es handelte sich hier also um eine fast perfekte Simulation des Stadions, nicht jedoch um das Stadion selbst. Der Echtdarsteller täuschte die Situation nur vor, in Wirklichkeit befanden sie sich immer noch in Quadros Wohnung, und es konnte ihnen nichts passieren. Das Wort "Wirklichkeit" hatte mittlerweile jedoch für Katrin und Bernd an Bedeutung verloren.

Quadro kehrte zurück, legte ihnen mit geübten Handgriffen Mikrofone und Ohrhörer an und heftete die Übersetzer wie Walkmen seitlich an ihre Hosengürtel. Jetzt verstand Bernd endlich, was sein aufgeregter Nachbar ständig schrie: "Erschlagt die Brunsburg-Schweine! Bringt sie um!"

Nun, so hochgradig zivilisiert, wie Quadro behauptet hatte, war man auf EB-173.91 wohl doch nicht. Hin und wieder bekamen sie ein paar Schläge und Tritte aus allen Richtungen; dies war hier offenbar so üblich.

Als die Spieler, die auf kleinen, raketenartigen Flugapparaten saßen, sichtbar wurden, erhob sich im Stadion ein Gejohle, das die Lautstärke nochmals verdreifachte. Der Schiedsrichter gab den Ball frei, und das Spiel konnte beginnen. Sämtliche Spieler trugen dicke Schutzkleidung, die Katrin

an antike Ritterrüstungen erinnerte. Aber schnell wurde deutlich, weshalb sie sich derartig eingepackt hatten: Mehrere Teilnehmer stürzten sich sofort und ohne Rücksicht auf Verluste mit Hilfe ihrer Untersätze auf den Ball. Dieser prallte gegen die Wand und flog in die Richtung eines der beiden Tore, und als ihn der Torwart gerade wegschlagen wollte, wurde er von einem Gegner mit ungefähr hundert Kilometern pro Stunde gerammt und gegen die Bande geschleudert. Es stand eins zu null, und die Sanitäter flogen auf das Spielfeld.

Katrin hatte genug gesehen. "Kannst du uns vielleicht ein anderes Programm zeigen?" bat sie Quadro. Der fackelte nicht lange, und plötzlich standen sie in einem völlig leeren, blau gefärbten Raum, und ein paar weiße Zeichen, vermutlich Buchstaben, schwebten direkt vor ihren Köpfen.

"Da steht: 'Der Weltenreport. Heute: EB-213.00'", erklärte Quadro, "Das ist eine Sendung, die über verschiedene Welten der EB-Klasse berichtet. Diesmal ist eure Welt das Thema, denn - wie gesagt - wir beobachten euch gerne."

Die blaue Umgebung verschwand, und sie schienen nun über dem Eiffelturm zu schweben. Katrin klammerte sich an Bernd, denn sie hatte eine ziemliche Höhenangst. Doch sie gewöhnte sich schnell an diese Art fernzusehen, und es begann, ihr zu gefallen. Sie flogen über verschiedene Gebirge, Vulkane, Tropenwälder, Ozeane und Großstädte. Ein unsichtbarer Kommentator redete ununterbrochen, lieferte geschichtliche Fakten und Daten.

Doch nun klang seine Stimme düster, als er sagte: "Die gesellschaftlichen Unzulänglichkeiten dieser Welt wurden während des zweiten Weltkriegs in besonders grausamer Weise deutlich." Jetzt saßen sie wieder inmitten einer Menschenmenge, doch es war nicht das Stadion, sondern ein mit riesigen Hakenkreuzen geschmückter Saal. An einem Rednerpult stand ein hagerer Mann, dem die Menge zujubelte. Seine bisherige Rede schien sie total aufgeputscht zu haben.

Katrin und Bernd konnten ihn auch ohne Übersetzer verstehen. Schließlich brüllte er ins Mikrofon: "Und deshalb frage ich das deutsche Volk: Wollt ihr den totalen Krieg?"

Die Zuhörer waren nicht mehr zu halten. Sie standen auf und schrien: "Ja!", "Sieg Heil" und ähnliches. Minutenlang. Der Kommentator sagte hierzu: "Wie Sie sehen, neigen die Menschen dieser Welt kollektiv zu Haß, Gewalt und Naivität bis zur Selbstzerstörung. Doch erinnern wir uns: Bevor die Weltgestaltung eingerichtet wurde, kam es bei uns zu ähnlich irrationalen Aktionen."

"Aber die Leute im Stadion wirkten nicht unbedingt weise und friedlich", flüsterte Bernd Quadro zu, als könnten ihn die Leute im Saal hören.

"Das ist richtig", gab dieser zu. "Auch wir sind keine Maschinen, wir haben Gefühle, niedere Instinkte und irrationale Wünsche, was ja das Menschsein ausmacht. Aber das muß nicht zu Krieg und Zerstörung führen, sondern kann in geeignetere Bahnen gelenkt werden, wie die Weltgestaltung beweist. Wir können und wollen nicht uns selbst ändern, aber die Beziehungen der Menschen untereinander positiv beeinflussen. Szenen wie diese hier sind bei uns undenkbar."

Plötzlich wurde es völlig schwarz um sie herum, und Millionen weißer Punkte flackerten überall auf, sprangen umher und verschwanden wieder. Es war ein furchtbares Geflimmer, das in den Augen wehtat und von einem lauten Rauschen begleitet wurde. Sie wurden von den Punkten angestoßen, die am ganzen Körper kribbelten.

"Oh, der Sender muß ausgefallen sein", meinte Quadro und gab dem Darsteller ein Handzeichen. Schlagartig standen sie wieder in seinem ruhigen Zimmer. "Damit kann euer Schnee auf der Mattscheibe nicht mithalten, was?" fragte er belustigt. Katrin und Bernd waren froh, ihm zustimmen zu können.

"Möchtet ihr vielleicht zur Erholung ein Glas Orangensaft trinken?" wollte Quadro wissen.

"So etwas habt ihr hier auch?" fragte Katrin erstaunt zurück.

"Normalerweise nicht. Allerdings kenne ich seine chemische Zusammensetzung und kann ihn daher mit Hilfe meiner Apparaturen jederzeit herstellen."

"Gib schon her", forderte Bernd ungeduldig.

Sie setzten sich an seinen Arbeitstisch, den Quadro mit einer weiten Armbewegung leerfegte. Die Geräte und Werkzeuge landeten auf dem Boden, aber das schien ihm nichts auszumachen. Daraufhin servierte er den Saft, und zu ihrem Erstaunen schmeckte er wirklich echt, schade nur, daß Quadro seine Analyse offenbar an einem Billigsaft durchgeführt hatte.

"Ich finde, wir sollten jetzt zum Kern der ganzen Angelegenheit vorstoßen." meinte Katrin und fragte deshalb: "Weshalb hast du Kontakt zu uns aufgenommen?"

"Das ist ganz einfach zu erklären. Ich möchte ein Buch schreiben mit dem Titel 'EB-213.00 - Das Spiegelbild unserer Vergangenheit'. Ihr seid sozusagen meine Forschungsobjekte, und ich werde mit euch Reisen in verschiedene Welten unternehmen, um eure Reaktionen und Eindrücke aufzuzeichnen. Für euch ist das eine fantastische Gelegenheit, Dinge zu sehen, die noch niemand eurer Mitmenschen je gesehen hat oder in näherer Zukunft sehen wird."

Katrin und Bernd waren begeistert! Das konnte ja ein toller Urlaub werden! "Wann starten wir denn?" fragte Katrin aufgeregt.

"Wir könnten heute noch beginnen", meinte Quadro. "Aber vorher muß ich noch über einige Punkte mit euch reden."

"Dann schieß los!" Bernd konnte es kaum erwarten, all die angekündigten Dinge kennenzulernen.

"Also, ihr müßt ständig in meiner Nähe bleiben, da ihr keine Erfahrung mit anderen Welten besitzt und allein kaum eine Überlebenschance hättet. Eure TEFTs sind so programmiert, daß sie nur zusammen mit meinem funktionieren. Das gewährleistet, daß wir immer dieselbe Zielfrequenz eingestellt haben und am gleichen Ort ankommen werden. Außerdem könnt ihr euch auf diese Weise nicht versehentlich in eine andere Welt "beamen", wo ich euch niemals wiederfinden könnte.

Wenn wir auf intelligente Lebewesen treffen, dann überlaßt mir das Reden. Nicht überall sieht man uns gerne, darauf könnt ihr Gift nehmen. Manchmal muß man mit Formulierungen vorsichtig sein, wenn man nicht sozusagen im Kochtopf landen will. So, ich glaube, jetzt habe ich genug gelabert und..."

In diesem Augenblick begann die Luft zwischen ihnen zu flimmern, und irgendetwas materialisierte sich auf dem Arbeitstisch. Ein kühler Windhauch strich um ihre Köpfe herum. Jetzt konnten sie es erkennen: Es war ein Lebewesen, und zwar eines, das Quadro zum Verwechseln ähnlich sah! Quadro jedoch schien darüber keineswegs erfreut zu sein, sondern bekam einen bestürzten Gesichtsausdruck und stammelte: "Oh nein, das darf doch nicht wahr sein!"

"Oh doch!" triumphierte der Überraschungsgast, sprang von der Tischplatte und federte locker auf dem Boden ab.

"Habe ich es mir doch gedacht!" fuhr er mit aufgeregter Stimme fort. "Du hast die Ergebnisse unserer jahrelangen Forschungsarbeit dazu mißbraucht, diese Barbaren herzuholen und in die Geheimnisse einzuweihen. Wie kannst du nur so unverantwortlich handeln?"

Quadro schoß von seinem Stuhl hoch, ging auf seinen Kollegen zu und sagte in fast weinerlichem Ton, während er wild mit allen Händen gestikulierte: "Das siehst du doch völlig verdreht! Ich möchte nur unserer Gesellschaft helfen, denn diese Geschöpfe dort können uns als fantastisch schlechtes Beispiel dienen!" Er zeigte auf die beiden Besucher.

Katrin und Bernd waren schockiert. Daß man sie beleidigte, war nicht das Schlimmste, sondern das Verhalten Quadros, aus dem sie schließen konnten, daß die Situation bedrohlich war. Angespannt verfolgten sie den weiteren Dialog.

"Das ist ja das Lächerlichste, das ich je gehört habe!" brüllte der Fremde. "Du hast nur an den Profit gedacht, den du mit deinem widerlichen, dreckigen Buch einfahren wolltest! Du hättest sogar ein Gerichtsverfahren riskiert, das den Verkauf noch weiter angekurbelt hätte!"

"Das ist nicht wahr! Ich wollte den Erlös der Weltgestaltung stiften! Die Bestrafung hätte ich in Kauf genommen, um uns allen zu helfen! So glaub' mir doch!"

"Nein, du hast aus Geldgier den Weltenfrieden aufs Spiel gesetzt! Ich werde nicht zulassen, daß diese Primitivlinge von EB-213.00 hier ein- und ausgehen können wie durch eine Bahnhofshalle!"

"Du kannst mein Projekt nicht verhindern!" Quadros Stimme klang jetzt wieder fest und selbstsicher. "Wir werden jetzt sofort aufbrechen!"

"Vergiß es", erwiderte sein Gegenüber mit überlegenem Lächeln. "Ich habe doch die Software für die TEFTs entwickelt, nicht wahr?" Quadro nickte.

"Sicherheitshalber", fuhr er genüßlich fort, "habe ich ein kleines Extra in das Programm eingebaut. Wenn jemand, der in Sichtweite eines TEFTs steht, eine bestimmte Handbewegung macht, so transportiert dieser TEFT seinen Träger auf eine völlig zufällige Frequenz."

Quadro zuckte zusammen und stotterte: "Ja... aber... das bedeutet für diese Individuen hier, daß sie vermutlich nie wieder nach Hause kommen werden! Ihre Geräte arbeiten doch nur, wenn ich dabei bin! Hab' doch ein Erbarmen mit ihnen!"

"Nein! Die Sache hat sogar zwei Vorteile: Erstens können diese Unterentwickelten nichts an ihre Artgenossen weitererzählen, und zweitens wird es dir eine Lehre sein, du mieser Verräter!"

Es herrschte nun völlige Stille, knisternde Spannung lag in der Luft. Niemand wußte etwas zu sagen, alle schauten nur auf den Fremden. Der wirkte wildentschlossen und stellte sich breitbeinig in der Mitte des Raums auf. Plötzlich schrie er: "Es sei!" Die Anwesenden trauten ihren Augen nicht, als er eine Hand zur Faust ballte, weit ausholte und sich selbst mit voller Wucht gegen die Kinnlade schlug. Katrin und Bernd sahen ihn noch rückwärts taumeln, undeutlicher werdend. Alles um sie herum verschwamm, sie waren auf dem Weg ins Ungewisse.

 

 

 

Kapitel 4

Das Gefühl des Weltenreisens kannte Katrin diesmal bereits, und deshalb war es erträglicher. Ein knalliges Blau umgab sie, das immer intensiver wurde. Jetzt spürte sie wieder Boden unter ihrem rechten Fuß, aber der linke schien in der Luft zu hängen. Noch bevor sie darüber nachdenken konnte, stürzte sie bereits einen Abhang hinunter. Sie überschlug sich mehrmals, versuchte sich festzuhalten, rutschte aber noch etwa hundert Meter weiter, bis ein Baum ihre Talfahrt recht unsanft beendete.

Sie blieb sekundenlang regungslos liegen und spürte, wie ihr Körper überall schmerzte. Während sie sich langsam erholte, sagte zu sich selbst: "Eigentlich habe ich Glück gehabt, denn ich bin noch am Leben. Der Apparat hätte mich ja auch in eine unbetretbare Welt schicken können, wo es keinen Sauerstoff gibt oder kein Festland. Trotzdem, einige Details des Weltenreisens sind nochverbesserungswürdig. Quadro hatte ja auch seinen Spaß in unserem Kühlschrank."

Ihre Laune verbesserte sich wieder, und sie wagte es aufzuschauen. Das tiefe Blau stammte von den Bäumen! Sämtliche Pflanzen, die sie umgaben, präsentierten sich indiesen Farbton. Ansonsten sah alles bekannt aus: Die Erde und die Baumstämme waren bräunlich, der Himmel strahlend hellblau und die kleinen, flockigen Wolken leuchtend weiß.

Nun betrachtete sie sich selbst: Die Hose war am linken Knie aufgerissen, und sie konnte etwas Blut erkennen. Der rechte Ärmel ihrer Bluse hatte sich schon fast von ihr verabschiedet, mit einem kräftigen Ruck gab sie ihm dem Rest. Es war ohnehin ziemlich heißes Wetter, und vielleicht war es in dieser Welt gerade modern, nur einen rechten Ärmel zu tragen. Das Mikrofon und den Kopfhörer hatte sie an ihren Kabeln hinterhergeschleift, sie sahen zum Glück unversehrt aus.

Langsam richtete sie sich auf, indem sie sich am Baum hochzog. Sie konnte tatsächlich stehen, und eine kurze Überprüfung ergab, daß sie sich wahrscheinlich nichts gebrochen hatte. Sie wischte den Sand von ihrer Kleidung, dem TEFT und dem Übersetzer. Ihre Kommunikationsgeräte steckte sie jetzt an ihren Gürtel, denn sie rechnete nicht damit, sie in nächster Zeit zu benötigen. Sie lehnte sich an den Baum, betrachtete ihre Bremsspur und überlegte, was sie jetzt am besten tun sollte.

Als sie sich umdrehte, schaute sie auf eine etwa tausend Meter tieferliegende blaue Ebene, die sich bis ins Unendliche auszudehnen schien. Das Ende der Bergkette, auf der sie sich befand, war ebenfalls zu keiner Seite abzusehen. Die Landschaft hätte von einem Mathematiker entworfen sein können, so glatt und exakt sah sie aus. Katrin fühlte sich hier unwohl, denn diese Gegend machte einen völlig unnatürlichen Eindruck auf sie.

Die einzige Möglichkeit, heute noch auf intelligentes Leben oder zumindest trinkbares Wasser zu stoßen, bestand also darin, über diesen Berg hinüberzusteigen und sich auf der anderen Seite umzusehen. "Ich hasse die Berge!" schrie sie ins Tal, und das Echo war derselben Meinung. Sie atmete tief durch, doch als sie aufbrechen wollte, hing sie mit einer Hand im Geäst des Baumes fest. Sie wollte sich losreißen, doch ohne Erfolg. Da erkannte sie, daß sich ein Ast mehrfach um ihr Handgelenk geschlungen hatte!

Sie schrie auf und bog mit der freien Hand den Ast entgegen der Windungsrichtung. Mit großer Mühe konnte sie schließlich ihre Hand befreien. Ein Glück, daß diese &%*!&*!% Bäume sich so langsam bewegten, dachte Karin, womöglich waren es Fleischfresser. Jetzt machte sie sich endgültig auf den Weg.

Meter um Meter erklomm sie den steilen Berg, doch auch nach einer Stunde war der Gipfel noch nicht in Sicht. Kein Wanderweg war weit und breit zu erkennen, von Wanderern ganz zu schweigen. So war es wirklich eine Plackerei, und die Tatsache, daß Bernd manchmal in den Ferien freiwillig auf Berge kraxelte, erschien ihr jetzt noch absurder als sonst. Aber sie durfte im Augenblick nicht an Bernd denken, durfte sich nicht ablenken lassen, denn sie befand sich in einer sehr kritischen Situation.

Sie war vollkommen durchgeschwitzt und mußte eine Pause einlegen. Voller Wut riß sie jetzt auch den anderen Ärmel der Bluse ab, wodurch sie wieder halbwegs symmetrisch gekleidet war. "So läßt es sich vielleicht besser aushalten", sagte sie, obwohl sich absolut niemand in ihrer Umgebung befand, der mit diesem Satz etwas hätte anfangen können.Sie erkannte nun, daß sich die Sonne langsam gen Horizont neigte und wahrscheinlich nicht mehr länger als zwei Stunden sichtbar sein würde. Bis dahin mußte sie unbedingt eine Lichtung gefunden oder die Baumgrenze erreicht haben. Die Nacht inmitten dieser wild um sich grapschenden Bäume verbringen zu müssen, war ein furchtbarer Gedanke!

Während sie sich dazu zwang, Höhenmeter zu gewinnen, dachte sie darüber nach, ob sie das Wasser dieser Welt überhaupt trinken dürfte, wenn sie welches fände. Es könnte für sie ja giftig sein oder gefährliche Bakterien enthalten, gegen die ihr Immunsystem keine Chance hätte. Aber schon bald sah sie ein, daß diese Überlegungen sinnlos waren. Sie mußte das Risiko eingehen, denn ohne Wasser könnte sie höchstens ein paar Tage überleben.

Plötzlich schoß ihr eine Idee durch den Kopf! Sollte sie nicht versuchen, diese verhängnisvolle "Handbewegung" nachzumachen, die sie hierhergebracht hatte? Würde ihr TEFT darauf reagieren und sie in eine andere Welt befördern? Sie blieb stehen. Nein, das war auch nicht die Rettung. Die Gefahr, auf diese Weise in einen Frequenzbereich zu gelangen, in dem die Erde gar nicht existierte, war einfach zu groß! Wenn sie ohne Schutzanzug ins Weltall geriete, wäre sie wahrscheinlich schon tot, bevor sie einen weiteren Weltensprung aktivieren könnte. Den TEFT sollte sie wirklich nur im äußersten Notfall benutzen.

Doch nun konnte sie zum ersten Mal durch die Bäume hindurch das Ende der Steigung sehen, etwa zweihundert Meter entfernt. Mit neuer Energie nahm sie diesen Endspurt in Angriff. Das Ziel rückte näher und näher und ihre Müdigkeit war wie weggeblasen. Noch zehn Schritte, dann müßte sie ins gegenüberliegende Tal schauen können, noch drei, zwei... Katrin riß die Arme hoch, vollführte einen Freudensprung und jubelte: "Gerettet, ich bin gerettet!"

Sie konnte nämlich ganz deutlich die bunten Hausdächer einer kleinen Stadt erkennen, meist rechtwinklig angeordnet, und ein Straßensystem, das dieHäusermiteinander verband. Details konnte sie allerdings nicht ausmachen, denn sie befand sich jetzt in einer Höhe vonmindestens 1500 Metern über den Dächern. Verblüfft stellte sie fest, daß die Stadt vollständig von dem Gebirgswall umschlossen wurde. Dieser warf einen gewaltigen Schatten, so daß für die Bewohner die Sonne bereits untergegangen sein mußte.

Katrin war sich der Tatsache bewußt, daß es stockdunkel sein würde, noch bevor sie die Stadt erreichen konnte. Aber dennoch mußte sie den Abstieg noch am selben Tag wagen, da sie um keinen Preis draußen übernachten wollte. Also forcierte sie ihr Tempo um einige Einheiten und eilte dem Tal entgegen.

Etwa vier Stunden später hatte sie es geschafft, wobei ihr der strahlende Vollmond geholfen hatte, nicht jeden einzelnen Baum umzurennen. Sie ging ein paar hundert Meter weiter und kam auf eine Straße, wo sie ein paarmal gegen die Bordsteinkante trat, um die Erde loszuwerden, die sich nur ungern von ihren Schuhen trennte. Kurz darauf ging das Licht hinter einem der vielen Fenster an, welches kurz darauf geöffnet wurde. Jemand lehnte sich heraus und brüllte irgendein unverständliches Zeug, während er mit den Händen in der Luft herumfuchtelte. Er sah wie ein Mensch unserer Welt aus, dachte Katrin, aber weshalb redete er so undeutlich? Ach ja, sie sollte vielleicht den Ohrhörer und das Mikrofon wieder installieren. Dies tat sie auch, und schon wurde die Person, vermutlich ein älterer Mann, zumindest akustisch verständlicher:

"... und wenn Sie unbedingt Dreck abladen wollen, dann gehen Sie auf die Müllkippe, aber nicht in unsere saubere, reine Stadt! Wo kämen wir denn da hin? Machen Sie sofort die Straße sauber!"

In Katrin stieg eine ziemliche Wut empor, weil sie derartiges Verhalten nicht ausstehen konnte, aber sie war auf die Einwohner angewiesen und wollte daher keinen Streit riskieren, auch wenn dies nicht ihren Gewohnheiten entsprach. So sammelte sie die Erde wortlos auf und warf sie auf eine Wiese, die etwas weiter außerhalb der Stadt lag. Offenbar waren die Leute hier nicht besonders fremdenfreundlich. Am besten sollte sie so tun, als käme sie aus dieser Welt, um nicht ganz so fremd zu erscheinen. Hinsichtlich des körperlichen Aussehens sollte das kein Problem sein.

Auf ihrem Weg in die Innenstadt begegnete ihr eine seltsame Truppe: Zwei Männer in imposanten Uniformen saßen in einer Art Kutsche, die von zwei weiteren, einfach gekleideten Männern gezogen wurde. Der Uniformierte mit den breiteren Schulterstücken brüllte "Anhalten!" zu den Ziehenden, schaute Katrin mit ernstem Blick an und fragte sie: "Was tun Sie hier?"

"Ich bin auf Wanderschaft", antwortete Katrin wahrheitsgemäß. "Ich suche eine Unterkunft für die Nacht."

"So, Sie sind also fremd hier", erkannte er scharfsinnig, "Dann steigen Sie ein, ich bringe Sie ins Fremdenlager!"

Katrin folgte seiner Aufforderung, auch wenn ihr die beiden menschlichen Zugpferdeleidtaten, die jetzt den Befehl "Weiter zum Fremdenlager!" entgegennahmen.

"Weshalb müssen diese Männer solch eine erniedrigende Arbeit verrichten?" fragte Katrin entsetzt.

"Diese scheußlichen Kreaturen haben unseren Herrn Bürgermeister öffentlich beleidigt. Jetzt können sie der Polizei und damit der Stadt einen Dienst erweisen. Das wird sie zu besseren Menschen machen."

Es handelte sich also tatsächlich um Polizisten, wie sie es sofort vermutet hatte. Sie war äußerst gespannt darauf, was man hier wohl unter einem "Fremdenlager" verstand. Plötzlich starrte der ranghöhere Polizist entsetzt auf Katrins Hände und schrie sie an: "Wo haben Sie denn Ihren Handschuh gelassen?"

Katrin erschrak. Schnell erkannte sie, daß alle Männer an der rechten Hand einen weißen Handschuh trugen. "Oh nein, ich muß ihn auf der Wanderung verloren haben!" erwiderte sie geistesgegenwärtig und setzte eine verzweifelte Miene auf. Ihr Gegenüber kramte hektisch in seiner Jackentasche, holte einen alten, viel zu großen Gummihandschuh heraus und zog ihn über Katrins linke Hand. "Da haben Sie aber noch einmal Glück gehabt", behauptete er. "Ich werde es auch niemandem erzählen."

Katrin wagte nicht, irgendwelche Fragen zu stellen, denn damit konnte sie sich nur Schwierigkeiten einhandeln. Auf der restlichen Fahrt mußte sie ihren Übersetzer als Tagebuch-Diktiergerät ausgeben, ansonsten gab es keine Probleme mehr. Das Fremdenlager befand sich weit außerhalb der Stadt, am Fuß des Bergrings. Katrin stieg aus, bedankte sich kurz und ging auf das Gebäude zu. Jetzt erkannte sie, daß es sich um ein großes Zelt handelte, dessen Plane alt und löchrig aussah. Sie öffnete den Eingang, und ein kleines Tier, sehr mausähnlich, zischte an ihr vorbei. Sie betrat die gastliche Stube und tastete sich ins Dunkel voran. Etwa vierzig Feldbetten standen hier, und in der Mitte war ein großer Holztisch aufgestellt. Katrin identifizierte eine Art Petroleumlampe, doch der Schütteltest ergab, daß sie leer war.

Sie war offenbar zur Zeit der einzige "Gast", und es mußte viel Zeit vergangen sein, seit das letzte Mal jemand seinen Fuß in dieses Zelt gesetzt hatte. Allerdings war sie viel zu müde, um irgendwelche Ansprüche zu stellen oder sich auch nur weitere Gedanken darüber zu machen. Das nächstliegende Feldbett war ihr gerade recht, um sich dort hineinfallen zu lassen. Es verging keine Minute, bis sie in kilometertiefen Schlaf fiel.

Am nächsten Morgen wurde sie von den ersten Sonnenstrahlen geweckt. Sie fühlte sich gut erholt, aber extrem hungrig und durstig, und sie glaubte, daß man ihr Magenknurren bis in die Stadt hören könnte. Noch nicht einmal Waschräume gab es hier, also beschloß sie, die öffentlichen Toiletten im Zentrum anzusteuern.

Auf dem Weg dorthin begegnete sie vielen Menschen, die eine offensichtliche Gemeinsamkeit aufwiesen. Sie trugen alle einen weißen Handschuh, die Frauen links, die Männer rechts. Die ganze Stadt sah aus, als wäre sie gerade gebohnert und blankpoliert worden. Es war wirklich kein Staubkorn auf der Straße zu finden, und auch die Einwohner waren auffällig ordentlich angezogen. Ansonsten gab es nur geringe Unterschiede zu Katrins Heimatwelt. Vielleicht ist es noch erwähnenswert, daß die Leute hier stärker ausgeprägte Augenhöhlen und -brauen aufwiesen, wodurch sie einen ziemlich ernsten Eindruck erweckten.

Mit ihrer vom Bergsteigen gezeichneten Kleidung machte Katrin hier eine ganz schlechte Figur, und sie beobachtete, wie sie die Menschen anstarrten und miteinander flüsterten, wenn sie vorbeiging. Aber sie hatte jetzt ganz andere Sorgen, und ein Schild mit den Piktogrammen einer Frau und eines Mannes lenkte ihre Aufmerksamkeit auf sich. Doch als sie sich dem ersehnten Gebäude näherte, schob sich ein uniformierter, ziemlich dicker Mann zwischen sie und die Tür.

"Ja, wie laufen Sie denn herum?" fuhr er sie an. "Herumtreiber wie Sie wollen wir hier nicht sehen! Sie sind eine Schande für unsere schöne Stadt! Wahrscheinlich bestehlen Sie anständige Bürger, und nun wollen Sie auch noch die öffentlichen Waschräume auf Kosten der Steuerzahler verdrecken!"

Katrin war weißglühend vor Wut, hielt sich aber zurück und sagte: "Aber ich bitte Sie! Ich bin gestürzt und möchte mich etwas waschen, um wieder ordentlich auszusehen. Dann schade ich auch diesem fantastischen Stadtbild nicht mehr."

Der Beamte reagierte leider anders, als sie erhofft hatte: "Sie haben also an einem Werktag nichts anderes zu tun, als Berge hoch- und runterzulaufen? Solch asoziales Pack können wir hier nicht gebrauchen! Verschwinden Sie, bevor ich mich vergesse!"

"Sie würden sich wohl kaum vermissen!" Katrin machte sich sicherheitshalber aus dem Staub, denn der Mann mit bewegte sich jetzt mit drohenden Gesten auf sie zu. Als ihr Gesprächspartner außer Sichtweite war, bremste Katrin wieder auf Standardgeschwindigkeit ab und begann heftig darüber nachzudenken, was sie bloß tun sollte. Kein Mensch würde ihr helfen, solange sie so unorthodox gekleidet war. Aber ohne fremde Hilfe konnte sie kein neues Outfit bekommen; es war ein Teufelskreis. Vielleicht mußte sie etwas stehlen, wenn sie überleben wollte. Den Leuten ging es hier wirtschaftlich sehr gut, dachte sie, daher brauchte sie kein übermäßig schlechtes Gewissen zu haben.

Aus der Tatsache, daß ihr ständig Frauen mit gefüllten Einkaufstaschen entgegenkamen, schloß sie detektivisch, daß sie auf dem besten Weg zum Marktplatz war, wo sie etwas zum Essen bekommen konnte. Auf welche Weise ihr dies gelingen würde, mußte man abwarten. Tatsächlich erreichte sie in wenigen Minuten das Ziel, das aus etwa hundert Marktständen, tausend Hausfrauen und einem großen Fahnenmast in der Mitte bestand. Männer waren nur vereinzelt als Verkäufer zu sehen, den Einkauf erledigten offenbar ausschließlich Frauen.

Aber dort am Fahnenmast stand eine Ansammlung von Männern, ganz in Weiß gekleidet und damit beschäftigt, eine Fahne mit einem eigenartigen, eckigen Symbol zu hissen. Einer von ihnen blies in ein gewaltiges Musikinstrument, das Ähnlichkeit mit einer Tuba aufwies. Der röhrende Klang übertönte das Markttreiben, und alle Leute drehten sich schlagartig zum Mast, faßten sich mit ihrer behandschuhten Hand in den Nacken und schwiegen. Plötzlich herrschte Totenstille, und Katrin sah sich vorsichtig um. Als sie bemerkte, daß ihr mißtrauische Blicke zugeworfen wurden, nahm auch sie an dieser Gymnastikübung teil und beobachtete, wie die Fahne hochgezogen wurde. Eine weitere markerschütternde Melodie beendete das Ritual, und das Leben ging weiter, als hätte es diese Unterbrechung nie gegeben, als habe der Lauf der Zeit einen Aussetzer gehabt.

In Katrins Gehirn begannen nun gerade kriminelle Ideen zu rotieren, da spürte sie plötzlich einen leichten Stoß gegen ihren rechten Fuß. Sie schaute dorthin und erkannte einen langen Stock, der in der Hand einer Frau endete, welche ungefähr vierzig Jahre alt war und eine dunkle Brille trug.

Das war die Lösung! Eine Blinde würde Katrins unzulängliche Kleidung nicht bemerken und ihr gegenüber offener sein als die anderen Einwohner. Schnell faßte sie einen Plan und schrie: "Aua! Mein wunder Zeh!"

Die blinde Frau zuckte zusammen und sagte mit aufgeregter Stimme: "Oh nein, das tut mir furchtbar leid. Es war wirklich keine Absicht, ich bin nämlich vollkommen blind, müssen Sie wissen."

"Ach, ist das ärgerlich!" erwiderte Katrin. "Ich habe keine Medikamente dabei, und wenn der Zeh nicht behandelt wird, entzündet er sich womöglich."

"Dann kommen Sie doch mit in meine Wohnung, dort kann ich Ihnen helfen. Können Sie denn noch hundert Schritte gehen?"

Katrin bejahte die Frage, und sie gingen gemeinsam weiter. Bis jetzt klappte alles hervorragend.

Sie betraten ihre große Wohnung, die mindestens genauso aufgeräumt aussah wie die restliche Stadt. Eine fast unendliche Ahnengalerie erstrecktesich über die Wohnzimmerwände, die Möbel sahen antik aus und waren bis ins Detail verziert. Nach Aufforderung setzte sich Katrin nur ganz vorsichtig in einen der Sessel, weil er sehr wertvoll aussah. Ihre Gastgeberin ging derweil in ein Nebenzimmer, und Katrin hörte sie leise sagen: "Liebling, wir haben Besuch!"

Katrin erschrak. Daß sie daran nicht gedacht hatte! Der Ehemann würde sofort erkennen, daß sie gar nicht am Zeh verletzt war, und sie für eine Betrügerin halten, zumal ihr Outfit nicht optimal war. Gerade wollte sie aufstehen und fliehen, doch die gefürchtete Person kam bereits ins Zimmer. Es war zu spät! Katrin ergab sich ihrem Schicksal und blieb einfach sitzen. Sie schaute ihn an und sah... und sah, daß er sich an der Wand entlangtastete und ebenfalls eine dunkle Brille trug! Erleichtert atmete sie auf.

"Guten Tag!" wünschte er. "Eigentlich lassen wir keine Fremden in unser Haus, aber solch ein Notfall ist natürlich eine Ausnahme!"

"Im Badezimmer finden Sie alles, was Sie benötigen", sagte seine Ehefrau und deutete auf eine der vielen Türen. "Ich werde währenddessen das Abendessen vorbereiten. Möchten Sie zum Essen hierbleiben?"

Es war Katrin offensichtlich gelungen, ihr ein schlechtes Gewissen zuzufügen, und das nutzte sie jetzt wie selbstverständlich aus. "Ja, gerne!" antwortete sie, ging in das angebotene Zimmer und schloß die Tür hinter sich. Jetzt hatte sie alles erreicht, was sie wollte, und das sogar, ohne zu stehlen. Nun ja, fast alles. Das wichtigste Problem blieb bestehen: wie sollte sie bloß in ihre Mutterwelt (oder hieß es Vaterwelt?) zurückkommen?

Zunächst aber war sie froh, eine Toilette benutzen und sich waschen zu können. Nachdenklich betrachtete sie ihr leicht verwundetes Knie und stellte zufrieden fest, daß es wohl gut verheilen würde. Sie mußte an Bernd denken, der seit einer besonders geschickten Aktion beim Squashspielen mit einem dicken Knie herumlief. Aber sie wollte doch nicht an ihn denken, kein Selbstmitleid angesichts ihrer ungünstigen Situation bekommen!

Als sie wieder das Wohnzimmer betrat, saß das Ehepaar bereits am Tisch, auf dem die verschiedensten Speisen standen. Katrin setzte sich und betrachtete die Eßwaren, die für mindestens acht Personen gereicht hätten. "Greifen Sie ruhig zu", ermunterte sie der Mann, und das brauchte er wirklich nicht zweimal zu sagen. Obwohl sie die tiefblaue Farbe der pflanzlichen Lebensmittel zuerst etwas irritierte, fand sie dennoch schnell Geschmack an den unbekannten Speisen. Wären ihre Gastgeber nicht blind gewesen, sie wären mit Sicherheit in Panik geraten angesichts Katrins Eßgeschwindigkeit.

Die Frau eröffnete das Tischgespräch: "Wo wohnen Sie denn, wenn ich fragen darf?" Katrin hatte mittlerweile das Gefühl, bei vernünftigen Menschen zu sein, und antwortete daher mehr oder weniger wahrheitsgemäß: "Ich bin auf Wanderschaft und komme von weither." Sekundenlanges Schweigen. "Sie... Sie kommen also nicht aus der Stadt?" fragte der Mann zögerlich.

Katrin schüttelte den Kopf, bemerkte diesen Fehler aber sogleich und fügte ein "Nein" als akustische Information hinzu. Damit brachte sie ihre Gastgeber in Verlegenheit, die jetzt kein Wort mehr herausbrachten. Diesen Zustand wollte Katrin unbedingt beenden, und stellte daher eine Frage, die sie schon seit gestern beschäftigte: "Weshalb tragen hier alle Menschen einen weißen Handschuh?"

Der Herr des Hauses ließ vor Schreck seine Gabel fallen. "Was soll diese Frage bedeuten?" entgegnete er scharf, "Weshalb sind Kugeln rund? Weshalb sind Zwerge klein?" Er stand hektisch auf, so daß sein Stuhl umfiel. Sein Körper zitterte vor Erregung, und mit hochrotem Kopf tastete er sich zur Ahnengalerie, die er nun von hinten nach vorne durcharbeitete.

"Auch meine Eltern haben weiße Handschuhe getragen, ebenso meine Großeltern, meine Urgroßeltern, Ururgroßeltern, genau wie deren Eltern und Großeltern, die noch beim Bau des Großen Walls mitgewirkt haben. Man trägt einfach diesen Handschuh, weil man ihn eben trägt. Ich kann Ihre Frage nicht verstehen!"

Katrin, die gerade den Stuhl aufgerichtet hatte, ließ ihrer Neugierde freien Lauf: "Was hat es denn mit dem Bau des Großen Walls auf sich?"

"Sie kennen ja nicht einmal die elementarsten Ereignisse unserer Vergangenheit!" Der blinde Mann war entsetzt und seine Stimme so unkontrolliert laut, daß ihn sogar die Leute auf der Straße noch verstehen konnten.

"Aber die Vergangenheit ist das Wichtigste im Leben, Gegenwart und Zukunft werden nämlich auch irgendwann Vergangenheit sein. Erinnern Sie sich noch daran, wie Sie hereingekommen sind? Vorhin war es noch Gegenwart, jetzt ist es vorbei und unveränderlich. Erkennen Sie die Macht der Vergangenheit?"

Die Angesprochene war davon nicht besonders überzeugt, aber bevor sie ihm dies mitteilen konnte, fuhr er bereits fort: "Der Große Wall ist das bedeutendste Bauwerk der Geschichte. Sie haben ihn bestimmt schon gesehen, denn er ist gigantisch und umschließt die gesamte Stadt."

"Diese riesige Bergkette wurde künstlich angelegt?" Katrin konnte es kaum glauben.

"Viele Generationen haben an diesem gewaltigen Projekt gearbeitet. Nach über fünfhundert Jahren war der Große Wall vollendet und ist bis heute in seiner Form erhalten geblieben. Er hat uns seitdem erfolgreich vor dem üblen Einfluß des Fremden bewahrt."

Diese Einstellung konnte Katrin, die anderen Menschen gegenüber sehr aufgeschlossen war, überhaupt nicht verstehen und fragte erstaunt: "Weshalb versteckt ihr euch vor dem Rest der Welt?"

Jetzt mischte sich die Gastgeberin vehement ins Gespräch ein: "Wir verstecken uns nicht, sondern schützen uns! Die Anderen kennen wir nicht und können ihnen daher nicht trauen. Man sagt, sie wollten mit den Traditionen brechen, mit den Ritualen und den bewährten Ansichten. Aber, wie gesagt, die Vergangenheit ist unser Hab und Gut, und wir werden nichts von ihr opfern. Niemals!"

Diese Aussagen provozierten natürlich Katrins heftigste Kritik: "Es ist doch total widernatülich, sich derartig abzusondern! Ihr müßt ja langsam degenerieren, wenn ihr die Evolution auf diese Weise umgeht. Außerdem wird man geistig unflexibel, wenn man keine neuen Ideen an sich heranläßt und nur der Vergangenheit nacheifert."

"Damit sind Sie eindeutig zu weit gegangen! Verlassen Sie sofort unser Haus und kommen Sie niemals wieder!" Der Mann ging auf sie zu, doch er brauchte sich nicht zu bemühen, weil Katrin bereits freiwillig die Haustür geöffnet hatte. Sie rief noch kurz "Tschüß", verließ das Gebäude und ließ die Tür hinter sich ins Schloß fallen. Oh nein, welche Ansichten diese Leute hatten! Hier konnte ihr bestimmt niemand dabei helfen, in ihre Welt zurückzukehren, dachte sie traurig.

Auf der anderen Straßenseite erspähte sie eine Gruppe von ungefähr zwanzig Männern, die alle schwarz gekleidet waren und das gleiche Symbol auf der Brust trugen. Ja genau, es war das eckige Zeichen, das sie bereits auf der Flagge gesehen hatte. Ein besonders dickes Gruppenmitglied fiel ihr sofort auf. Wo war sie diesem fiesen Gesicht schon einmal begegnet? Sie überlegte einige Sekunden lang, bis die Erleuchtung kam: Es war dieser besonders freundliche Mensch, der sich als Toilettenwächter betätigt hatte.

Im selben Augenblick schien auch bei ihm der Groschen gefallen zu sein. "Ja, wen haben wir denn da?" brüllte er herüber, und vierzig Augen starrten Katrin an.

"Diese Mißgeburt dort hat mich heute morgen in übelster Weise beleidigt. Außerdem ist sie eine Fremde", erläuterte er, wobei er das Wort "Fremde" so aussprach, als müsse er sich übergeben. Der ganze Trupp setzte sich jetzt in Bewegung, und zwar exakt in Katrins Richtung. Zu ihrem Entsetzen bemerkte Katrin, daß sie mit Knüppeln bewaffnet waren. Katrin konnte nicht mehr fliehen, denn sie wurde blitzschnell von ihren Gegnern umzingelt. Sie klopfte an die Tür, die sie eben gerade ungeschickterweise geschlossen hatte, und schrie: "Helfen Sie mir, die Kerle wollen mich umbringen!" Doch ihre ehemaligen Gastgeber schien das überhaupt nicht zu stören. Für sie war Katrin Luft.

Sie hoffte vergeblich, daß die Bevölkerung eingreifen würde. Im Gegenteil, die Einwohner versammelten sich wie zu einem Fußballspiel und schauten begeistert zu. Aus dem allgemeinen Gemurmel hörte sie Ausdrücke wie "zerlumpte Fremde", "asozialer Abschaum" und "linke Ratte" heraus.

Schon wurde sie an Händen und Füßen gepackt und zum nächstgelegenen Laternenmast transportiert. Sie versuchte, sich zu wehren, hatte aber keine Chance gegen die zahlenmäßige Überlegenheit ihrer Gegner. "Vielleicht hättest du dich heute früh etwas besser benehmen sollen", sagte einer der Schwarzgekleideten, wobei er sein fiesestes Grinsen aufsetzte. "Aber jetzt ist es zu spät."

Katrin wurde starr vor Schreck, als er ihr ein langes Seil zeigte, dessen eines Ende zu einer Schlinge geknüpft war. Jetzt sah sie nur noch einen möglichen Ausweg. Geistesgegenwärtig rief sie: "Es ist doch Tradition, daß man vor der Hinrichtung noch einen letzten Wunsch hat!" Ihre selbsternannten Scharfrichter berieten sich kurz und mußten ihr zustimmen. Es war ihnen auch in diesem Fall unmöglich, gegen die Traditionen zu handeln.

"Sag' schnell, welchen Wunsch hast du?" fragte der Dicke.

"Es tut mir furchtbar leid, was ich getan habe. Ich möchte Ihnen zur Entschuldigung die Hand geben, um mit reinem Gewissen sterben zu können."

"Das ist eine Falle!" zischte ihm ein kleinerer Kollege zu.

"Ach was, das kleine Mädchen kann doch gegen uns nichts ausrichten. Erfüllen wir ihren Wunsch, wie es unsere Urahnen auch getan hätten", erwiderte er und befahl dann: "Laßt ihre rechte Hand los!"

Man gehorchte ihm, und er streckte ihr seine linke entgegen. Offenbar gab man sich hier stets die unbekleidete Hand. Doch Katrin tat keineswegs das, was alle in diesem Moment erwarteten. Stattdessen schrie sie: "Lebt wohl, ihr Verrückten!" und schlug sich zum Erstaunen aller gegen ihr eigenes Kinn. Es funktionierte! Während der Schmerz nachließ, hörte sie noch lautes Männergelächter und Sprüche wie: "Jetzt ist sie total durchgedreht!" Aber die Stimmen wurden leiser, die Menschen zu Farbflecken und selbst der Große Wall verblaßte. Sie war ihrerHinrichtung entgangen, aber um welchen Preis?

 

 

 

Kapitel 5

Irgendetwas kitzelte an Bernds Ohr. "Huch!" entfuhr es ihm, als er ein bärengroßes, sechsbeiniges Wesen erkannte, das gerade damit befaßt war, ihn abzulecken. Er ging einen Schritt zur Seite, doch das Tier schien Geschmack an ihm gefunden zu haben und folgte ihm. Seufzend gab Bernd die Gegenwehr auf und schaute sich erst einmal um. Sie standen mitten auf einer großen scharlachroten Wiese, deren Umzäunung in alle Richtungen gerade noch am Horizont sichtbar war. Sein zutraulicher Begleiter war kein Einzelstück, Bernd konnte Dutzende von ihner Art sehen. Sie besaßen jeweils drei Beinpaare, einen großen, runden Kopf, lustig aussehende Kugelaugen und dichtes, schwarzes Fell.

Sie sprangen auf der Wiese umher, so daß der Boden unter Bernds Füßen heftig vibrierte. Er schätzte, daß die ausgewachsenen Tiere das Gewicht von Kleinwagen auf die Waage bringen dürften. Es waren aber auch jüngere Exemplare dabei, die noch keine meterweiten Sätze hinlegen konnten, aber genau wie ihre Eltern ständig "Hagar, hagar!" brüllten. Alle schienen zufrieden zu sein, und auch Bernd gefiel es hier, so daß er sich zunächst einmal ins Gras setzte und dem Treiben zuschaute.

Dabei fiel ihm auf, daß die ganze Umgebung von schnurgeraden Spuren durchzogen war. Woher stammten die bloß? Es steckte offenbar kein Plan hinter dieser Erscheinung, denn die Spuren führten kreuz und quer in alle beliebigen Richtungen, ohne ein Schema erkennen zu lassen. Bernd dachte eine Weile darüber nach, doch ohne Erfolg. Schließlich wandte er seine Aufmerksamkeit dem Himmel zu und stellte erfreut fest, daß dieser kein bißchen anders aussah als in seiner Heimatwelt.

Plötzlich hörte er das Geräusch einer Bohrmaschine, das lauter und lauter wurde. Jetzt erkannte er den Verursacher: eine Art Medizinball, der mit mindestens hundert Kilometern pro Stunde genau auf ihn zuraste. Bernd starrte das Objekt wie gelähmt an. Der Lärm wurde ohrenbetäubend, als es nur noch etwa fünfzig Meter entfernt war. Es war ein riesiges Schneckenhaus!

Nun sah er auch das Augenpaar auf den Fühlern, die erst länger wurden und dann mit einem Schlag völlig im Rumpf verschwanden. Das Maschinengeräusch verwandelte sich in ein unerträgliches Quietschen, das von der Reibung mit den Grashalmen herrührte. Die Schnecke geriet ins Schleudern, konnte jedoch gerade noch eine Kollision mit Bernd verhindern.

Sie war zum Stillstand gekommen, und vorsichtig fuhr sie nun ihre Fühler wieder aus. Sie schaute zu Bernd, dann auf ihre Bremsspur und wieder zu Bernd zurück. "Entschuldigung!" sagte sie und fuhr im Halbkreis um Bernd herum, um dann ihre Fahrt in ursprünglicher Richtung fortzusetzen. Bernd sah ihr noch lange nach, bis sie hinter einem Hügel verschwand und ihr Geräusch nur noch ganz leise zu hören war.

Moment mal, dachte Bernd in diesem Moment, hatte die Schnecke "Entschuldigung" zu ihm gesagt, oder bildete er sich das nur ein? Jetzt fiel ihm auf, daß sich das ihn umgebende, nervtötende "Hagar, hagar!" in deutschsprachige Sätze verwandelt hatte. Es war also kein sinnloses Geblöke, sondern Konversation. Bernd konnte nun einiges davon verstehen, wie zum Beispiel:

"He, komm' doch her, hier ist das Gras viel höher",

"Wollen wir einen Spaziergang um den Baum dort hinten unternehmen?",

"Ach, da waren wir doch gestern schon" oder auch

"Bist du öfter hier?"

Okay, sehr geistreiche Dinge hatten sich die Tiere nicht gerade zu sagen. Aber erstaunlich war es allemal, daß der Übersetzer dazu in der Lage war, auch tierische Laute in menschliche Sprache umzuformen. "Eigentlich müßte das auch umgekehrt funktionieren", überlegte sich Bernd und sagte zu dem Tier neben ihm, das sich mittlerweile hingelegt hatte: "Hallo du! Ich heiße Bernd." Erschrocken sah es ihn mit seinen Kulleraugen an und antwortete: "Hallo, ich heiße Grrrmpf. Ich wußte gar nicht, daß du sprechen kannst!"

"Ich komme aus einer anderen Welt."

"Soso."

"Ja, ehrlich!" beteuerte Bernd, doch er sah bald ein, daß sein Gesprächspartner kein Interesse an der Weltentheorie aufbringen würde. Deshalb stellte er lieber eine wichtige Frage: "Diese Wiese hier ist umzäunt; heißt das vielleicht, daß ihr... einen Arbeitgeber habt?"

"Nein, keineswegs, wir haben einen Manager. Wir geben ihm am Jahresende unsere Felle, weil uns dann nämlich neue wachsen. Von ihm werden wir dafür gefüttert und bekommen dieses Gelände zur Verfügung gestellt."

Das hörte sich interessant an. Bernd hakte nach: "Erzähl' mir mehr über ihn!" Gemächlich kam die Antwort: "Also, genauer gesagt ist es eine Sie. Sie ist eine Zweibeinige wie du, hat aber einen größeren Kopf, wahrscheinlich auch mehr Grips. Sie wohnt in dem Haus dort", er schaute in die Richtung, aus der die Schnecke gekommen war. "Es liegt gleich hinter dem Horizont."

Bernd war wenig begeistert, denn das Land war dort so flach wie in Schleswig-Holstein, und es war absolut nichts von einem Haus zu sehen. Grrrmpf und seine Kollegen hielten jetzt ausnahmslos Mittagsschlaf, als hätte jemand das Signal dazu gegeben. Die Situation war eindeutig: Ein langer Fußmarsch stand Bernd bevor. Schwerfällig hob er seine achtzig Kilo aus dem Gras und machte sich auf den Weg.

Diese Gegend war wirklich nicht besonders abwechslungsreich. Hin und wieder begegneten ihm ein Mittagsschläfer oder ein Baum, manchmal hörte er das entfernte Geräusch einer Motorschnecke, aber ansonsten glich die Landschaft einer Ebene im mathematischen Sinne. Als nach einer Stunde und somit etwa fünf Kilometern noch immer kein Haus in Sichtweite war, fiel Bernd endgültig in tiefe Langeweile. Er mußte erst mit seinem inneren Schweinehund diskutieren, bevor er die Wanderung fortsetzte.

Bald war er so müde, daß er kaum noch den Kopf aufrecht halten konnte, und ihm wurde so heiß unter der Schädeldecke, daß ihm der Schweiß in kleinen Bächen die Stirn hinunterrann. Er fuhr sich mit der Hand durch die Haare, um diese aufzulockern. Überrascht blieb er stehen, als ein lautes "Huch!" ertönte und er merkte, daß sein Kopf plötzlich wieder viel leichter war. Er hörte, wie unmittelbar hinter ihm etwas ins Gras fiel, und drehte sich instinktiv um. Dort lag ein überdimensionaler Marienkäfer auf dem Rücken und strampelte wild mit allen sechs Beinen!

Bernd gab ihm einen leichten Stoß, so daß er wieder zum Stehen kam. Jetzt konnte er erkennen, daß zumindest die Augen dieses Wesens höher entwickelt waren als bei herkömmlichen Käfern; sie glichen mehr den menschlichen. Ein weiterer kleiner Unterschied bestand darin, daß dieses Geschöpf Größe und Gewicht einer Melone hatte, was herkömmliche Marienkäfer nur in der Nähe von Atomkraftwerken erreichen.

Die erwähnten Augen kreisten etwas, und Bernd hörte eine etwas müde Stimme sagen: "Oh Mann, ich muß einfach eingeschlafen sein."

Jetzt konnte der Käfer seinen Blick auf Bernd ausrichten, musterte ihn von oben bis unten und sprach ihn schließlich an: "He, Fremder, sprichst du unsere Sprache?"

"Ja, mit Hilfe dieses Gerätes schon", antwortete Bernd und klopfte gegen den Übersetzer.

"Was es doch alles gibt", meinte der Sechsbeiner nachdenklich, der nun langsam wieder wach zu werden schien. "Mein Name ist (hier folgte ein knirschendes Geräusch), und wer bist du?"

"Ich heiße Bernd", stellte sich dieser vor. "Darf ich dich 'Knirsch' nennen?"

Der Angesprochene nickte, und Bernd fuhr fort: "Ich komme aus der Welt EB-213.00 und bin durch... nun... unglückliche Umstände hierher katapultiert worden."

Der Käfer war keineswegs überrascht, sondern erzählte folgendes: "Ja, früher haben auch wir Weltensprünge unternommen. Ich kenne EB-213.00, und es wundert mich, daß du es als 'unglücklich' empfindest, zu uns gekommen zu sein. Deine Welt ist im Vergleich zu unserer in einem katastrophalen Zustand."

"Das mag ja sein. Aber ich habe mein ganzes Leben dort verbracht und möchte um jeden Preis wieder dorthin zurück. Man kann nicht mal eben die Welt wechseln wie ein altes Hemd." In diesem Moment mußte er an Katrin denken, und alles um ihn herum schien düsterer und trostloser zu werden.

"Ich verstehe dich schon, Bernd", lenkte Knirsch ein.

"Weshalb habt ihr eigentlich damit aufgehört, andere Welten zu besuchen?" wollte Bernd wissen.

"Das liegt daran, daß man dort teilweise völlig unsoziale Verhaltensweisen vorfindet, wie zum Beispiel bei euch. Nach jahrhundertelanger Demokratie haben wir uns vor einigen Jahren in einer globalen Volksabstimmung für die Einführung der Anarchie entschieden. Du wirst es vielleicht aufgrund deiner Erfahrungen auf EB-213.00 nicht für möglich halten, aber es funktioniert bestens. Allerdings sind wir auf das soziale Verhalten aller Bewohner angewiesen, um diesen Zustand aufrechterhalten zu können. Einige Welten, in denen Verbrechen an der Tagesordnung sind, könnten als schlechtes Vorbild dienen und unseren Frieden gefährden."

Bernd war verblüfft. Totale Anarchie? Kaum zu glauben! Doch schnell formte sich in ihm ein Gedanke, den er auch sofort aussprach: "Laß mich raten: noch am Tag der Abstimmung habt ihr beschlossen, sämtliche TEFTs und alle Aufzeichnungen zu diesem Thema zu vernichten, damit niemand auch nur in Versuchung käme, Kontakt zu anderen Welten aufzunehmen. Na, liege ich richtig?"

"Bingo!" sagte Knirsch knapp. Nach langem Schweigen meinte Bernd mißmutig: "Ist ja toll! Dann ist es euch also völlig unmöglich, mich nach Hause zu beamen?"

"So ist es, Bernd."

Man mußte kein Sherlock Holmes sein, um Bernds Traurigkeit zu bermerken, und daher versuchte der Käfer, ihn auf andere Gedanken zu bringen. "Weißt du überhaupt, weshalb ich vorhin auf deinem Kopf gelandet bin?" fragte er ihn und gab die Antwort gleich selbst: "Weil du genau in meine Richtung gegangen bist! Jawohl! Ich wollte nämlich gerade zur Fellverwalterin, die wir in schon längst erreicht hätten, wenn du deine Haare in Ruhe gelassen hättest."

Bernd wurde hellhörig: "Zur Fellverwalterin?" fragte er neugierig. "Ist das zufällig eine Zweibeinige, so wie ich?"

"Ja, ganz genau. Ich brauche nämlich einen neuen Wintermantel und..."

"Das ist ja Wahnsinn!" unterbrach ihn Bernd mit lauter Stimme. "Dann haben wir dasselbe Ziel! Den ganzen Tag bin ich gewandert, und jetzt habe ich... haben wir es gleich geschafft. Los, laß uns weitergehen!"

Die Grashalme bogen sich unter ihm, und ein kräftiges Summen ertönte, als sich der Käfer in die Luft schwang. Der Flug war jedoch schnell vorbei und endete auf Bernds Kopf. "Ich bin eben ein bißchen flugfaul", entschuldigte sich Knirsch.

Nach kurzer Zeit kam tatsächlich das langersehnte Haus in Sicht, und Bernds Stimmung besserte sich. Als sie sich näherten, konnte Bernd erkennen, daß es eine mehrstöckige, reichlich verzierte Villa war, woraufhin er seinen Passagier fragte: "Wenn es wirklich wahr ist, daß hier totale Anarchie herrscht, wie kommt es dann, daß eine Person in solchem Luxus lebt, während die große Mehrheit nicht einmal ein Dach über dem Kopf hat?"

"Anarchie muß ja nicht Gleichheit bedeuten. Wir brauchen keine Häuser, um glücklich zu sein. Die Hauptsache ist doch, daß niemand die Freiheit des anderen einschränkt."

"Wenn euch das zufriedenstellt..." Bernd öffnete eine niedrige Pforte, um in den Vorgarten des Grundstücks zu gelangen. Sie mußten noch hundert Meter Rasenfläche und vierundzwanzig Stufen hinter sich lassen, bis sie schließlich die imposante Eingangstür erreichten.

Knirsch verließ nun Bernds Kopf, wobei er einen furchtbaren Wind verursachte und Bernds Haare völlig durcheinanderwirbelte. Im Flug drückte der Käfer mit seinem rechten Vorderbein auf einen Knopf neben der Tür, um anschließend auf Bernds Schulter zu landen. Mehrstimmiger Gesang drang durch die Tür, und sie hörten kurze, schnelle Schritte näherkommen. Hektisch versuchte Bernd, das Chaos seiner Haare zu sortieren.

Ohne jedes Geräusch öffnete sich die Tür, und Bernd schaute in eine prachtvolle Eingangshalle, in deren Mitte ein goldener Brunnen plätscherte. Doch wer hatte die Tür geöffnet? Überraschend nahm er eine freundlicheStimme von unten heraufklingen: "Herzlich willkommen! Kommt doch herein! Meine Gattin hat gerade ihren Mittagsschlaf beendet!"

Nun entdeckte Bernd einen "laufenden Meter", der einen überproportional großen Kopf mit männlichen Gesichtszügen trug und blaß, fast weiß aussah. Sie folgten der Einladung und wurden durch die Halle, eine vergoldete Wendeltreppe hinauf und einen Flur entlanggeführt, der alle fünf Meter einen glitzernden Kronleuchter aufweisen konnte. "Das muß ja eine gewaltige Arbeit sein, alle Räume in solch blitzblankem Zustand zu erhalten", vermutete Bernd.

"Ach was, das schaffe ich ganz allein. Es ist meine Lebensaufgabe." Man konnte deutlich den Stolz in der Stimme des Zwerges hören. Er klopfte an eine Tür, öffnete sie und führte seine Gäste hindurch. "Seid gegrüßt!" Diese Worte kamen von einem anderen Wesen, das lässig auf einer Art Couch lag. Es sah ebenso blaß aus, jedoch eher weiblich, und war ungefähr einen Meter siebzig groß. Bernd vermutete ganz richtig, daß es sich um die Ehefrau des Zwerges handelte.

"Setzt euch doch! Was möchtet ihr trinken, Frtzghd, Zuggjss oder vielleicht Khgjlnz?" fragte sie freundlich.

"Oh, ich hätte gerne etwas Zuggjss", antwortete Knirsch.

"Äh... ich auch", fügte Bernd schnell hinzu.

"Engelchen, gibst du bitte den Jungs Zuggjss-Schläuche? Das ist nett." bat die Frau ihren Bonsai-Ehemann. Dieser zog daraufhin zwei Schläuche aus einer großen Schlauchmatrix an der gegenüberliegenden Wand, reichte einen dünnen an Knirsch und einen dicken an Bernd. Bernd saugte an der Schlauchmündung, und tatsächlich spürte er eine Flüssigkeit in seinen Mund laufen, die ihm allerdings nicht besonders gut schmeckte. Na ja, in der Mensa bekam man häufig ähnliche Getränke, dachte er und trank tapfer Schluck für Schluck, zumal sich sein Durst in den letzten Stunden ins Unerträgliche gesteigert hatte. Die Fellverwalterin beobachtete ihre beiden Gäste interessiert. Nach kurzer Zeit fragte sie Bernd: "Ich habe dich noch nie gesehen, wer bist du und woher kommst du?"

Bernd nahm den Schlauch aus seinem Mund und antwortete wahrheitsgemäß, erzählte, was seit seiner Begegnung mit Quadro passiert war.

"Das ist wirklich traurig", kommentierte seine Zuhörerin, nachdem er seinen viertelstündigen Vortrag beendet hatte. Mit einem unauffälligen Ellbogenstoß weckte Bernd Knirsch, der in der Zwischenzeit eingeschlafen war. Knirsch schreckte hoch, sah sich irritiert um und griff dann wieder zum Schlauch. Keiner wußte etwas zu sagen, es herrschte Totenstille. Draußen knatterte eine Schnecke vorbei.

Bernd brach das Schweigen: "Bist du absolut sicher, daß es keinen einzigen TEFT mehr in dieser Welt gibt?" fragte er die Hausherrin. Nach kurzem Überlegen erwiderte sie: "Einem Gerücht zufolge soll es in diesem Planetensektor eine kriminelle Gruppe geben, die stehlend und zerstörend durch die Gegend zieht. Angeblich sollen sie nach der Volksabstimmung der TEFT-Vernichtungskommission ein solches Gerät unterschlagen haben. Man sagt sogar, mit Hilfe ihrer Kenntnisse hätten sie permanente Durchgänge zu anderen Welten geschaffen."

Bernd hörte ihr mit wachsendem Interesse zu, doch zu seiner Ernüchterung lachte sie nun laut auf und sagte: "Aber das gehört wohl eher ins Reich der Kindermärchen. Wir leben doch glücklich in dieser Welt, wir sind frei und haben alles, was wir brauchen. Weshalb sollte jemand diesen perfekten Zustand stören? Das ist doch völlig absurd!"

Seine letzte Hoffnung war zerstört. Regungslos schaute Bernd durch eines der vielen Fenster in die Dunkelheit, die mittlerweile eingetreten war. Er sah sein eigenes Spiegelbild und konnte beobachten, wie Knirsch den Schlauch beiseite legte und in seine Richtung krabbelte. Der Käfer tickte ihn an und meinte: "He, Mann, du wirst deine Welt bald wiedersehen. Ich werde dir dabei helfen."

Bernd wandte ihm träge den Blick zu. "Wie willst du das tun? Mir einen TEFT schnitzen? Dann leg' los!"

"Sei doch nicht so fies zu mir", bat der Sechsbeiner. "Ich habe größere Fähigkeiten, als du denkst. Wir werden es schaffen, Mann! Komm, jetzt legen wir uns aufs Ohr, und morgen nehmen wir die Sache mit neuer Energie in Angriff. Du kippst ja vor Müdigkeit schon fast vom Stuhl."

Bernd war wenig begeistert. "Wollen wir uns jetzt draußen ins Gras packen, oder schlafen wir lieber im Stehen?" fragte er sarkastisch.

"Ihr könnt natürlich bei uns übernachten", mischte sich die Gastgeberin ins Gespräch ein.

"Das wäre ja fantastisch!" meinte Bernd, der aus seinem Halbschlaf erwachte.

"Aber das ist doch überhaupt kein Problem", behauptete sie und sagte zu ihrem Mann, der die ganze Zeit schweigend im Raum gesessen hatte: "Schnuckelchen, führe unsere Besucher doch bitte ins Gästezimmer und sorge dafür, daß sie nicht hungern müssen!"

"Gerne doch. Kommt bitte mit!"

Bernd verabschiedete sich: "Gute Nacht und vielen Dank!"

"Gute Nacht!"

Knirsch hatte bereits wieder den Stammplatz auf BerndsSchulter eingenommen, als dieser aufstand und dem kompakten Ehemann folgte. Sie gingen in den dritten Stock und kamen in ein großes, rundes Zimmer, in dem fünf Betten mit goldenen Gestellen gleichmäßig verteilt waren. Der Hausmann begann sogleich, die Vorhänge vor die riesigen Fenster zu ziehen.

"Dort sind die Waschräume." Er deutete auf eine goldverzierte Tür. Im nächsten Moment verließ er den Raum, und die beiden Gäste setzten sich auf eines der völlig identischen Betten.

"Das ist wirklich ausgesprochen großzügig von den Leuten, uns hier übernachten zu lassen", bemerkte Bernd. Noch im selben Augenblick stürmte der Zwerg mit einem goldenen Servierwagen ins Zimmer und bremste direkt vor ihnen.

"Hoffentlich schmeckt es euch. Also dann, gute Nacht!" Noch bevor sie einen Ton herausbrachten, war er schon wieder verschwunden, und sie hörten nur noch seine leiser werdenden Schritte auf dem Flur. Obwohl Bernd die servierten Speisen nicht kannte, folgte er dem Beispiel des Käfers, nahm das gefährlich aussehende Besteck und schlug hemmungslos zu.

"Wir werden hier tatsächlich sehr freundlich behandelt", nahm Knirsch das Gespräch wieder auf.

"Aber wir sind ja auch an sehr wohlhabende Gastgeber geraten. Es ist nicht schwer, großzügig zu sein, wenn man selbst genug besitzt."

"Sücherlüch", erwiderte Bernd, der mit einem übergroßen Bissen kämpfte. "Aber ehrlich gesagt: Es ist mir vollkommen egal, wer uns bewirtet. Die Hauptsache ist doch, daß wir nicht draußen schlafen und Regenwürmer essen müssen."

"Richtig! Übrigens, was sind eigentlich Regenwürmer?"

"Ach, das sind kleine, dünne Tiere, die sich durch den Boden wühlen."

"Widerlicher Gedanke."

Schließlich beendeten sie das Mahl, benutzten die sogenannten Waschräume und gingen zu Bett. "Licht aus!" befahl der Käfer, und das Licht gehorchte. Bernd war begeistert von dieser Technologie, und sein Spieltrieb zwang ihn dazu, das System zu testen.

"Licht an!" brüllte er. Es funktionierte perfekt. Der Käfer gab ein kurzes, überlegenes Lachen von sich und schrie dann: "Licht aus und auf meinen nächsten Befehl warten!" So sehr sich Bernd nun bemühte, er hatte keinen Einfluß mehr auf die Beleuchtung.

"Gewonnen!" triumphierte der Sechsbeiner.

"Na gut, ich gebe mich geschlagen", resignierte Bernd. "Trotzdem gute Nacht!"

"Gute Nacht!"

Bernd fiel sofort in einen tiefen Schlaf, denn der Tag war sehr anstrengend gewesen. Er träumte von zuhause, träumte, daß er mit Katrin im "Johann Sebastian" saß, einer Gaststätte in ihrer Heimatstadt, wo die Gäste größtenteils jünger waren, als die Polizei erlaubt, wie man so schön sagt. Bernd war erstaunt, denn er konnte sich nicht erinnern, Katrin hier jemals gesehen zu haben. Noch ungewöhnlicher wurde die Situation, als Katrin vorschlug, zu "Harrys Grill" zu gehen. Dieser nicht besonders vornehme Stehimbiß war nämlich ihr erklärtes Feindbild, während Bernd und seine Freunde ihn zur Kultstätte erhoben hatten. Man traf hier so interessante Leute wie zum Beispiel den Trompeter, der allerdings neulich vom Wirt verprügelt worden war.

Anschließend gingen sie in die Disco, wo die Lautstärke der Musik diesmal nahezu unerträglich war. Ein monotoner Rhythmus hämmerte Bernds Gehirnwindungen langsam weich. Er wurde immer lauter und lauter. Warum tat denn niemand etwas dagegen? Jetzt begann der Boden zu wackeln, mit jedem Schlag wurde Bernd durchgeschüttelt...

Er wachte auf. Welch ein Alptraum! Aber die dumpfen Schläge hörten nicht auf, sondern brachten sein Bett zum Beben. Noch etwas schlaftrunken stand er auf und wankte zum Fenster, wo Knirsch bereits die Vorhänge geöffnet hatte und nun vom Fensterbrett aus das Geschehen im Morgengrauen beobachtete. Bernd konnte kaum fassen, was dort geschah: Mindestens hundert Wesen von der Bauart ihrer Gastgeber machten sich am Haus zu schaffen. Einige verwüsteten den Garten, andere bearbeiteten die Villa mit Kettensägen und einer weiteren Gruppe war es mit dem bewährten System "Rammbock" gelungen, die Eingangstür zu öffnen.

Jetzt hörte man sie mit lautem Gebrüll ins Haus eindringen und durch die Flure laufen. Knirsch war sichtlich aufgeregt und rief Bernd etwas zu, aber der hatte natürlich seine Übersetzerapparatur abgelegt und konnte ihn nicht verstehen. Hastig lief er zum Bett zurück, zog sich an und machte alle Geräte einsatzbereit.

"Wir müssen die Polizei rufen oder das Militär! Diese Idioten zerstören doch sonst das ganze Haus!" schrie Bernd entsetzt.

"Vergiß es, Mann! So etwas gibt es hier nicht! Wir leben doch in Anarchie!"

Plötzlich sprang die Tür auf, und einer der Angreifer stand ihnen gegenüber. Er trug einen löchrigen Rucksack, aus dem einige goldglänzende Gegenstände herausragten. "Macht's gut, ihr &$%*!&*!$%!" schrie er sie an und verschwand wieder. Diese Beleidigung war allerdings furchtbarer als alles, was die beiden je gehört hatten, so daß sie für einige Sekunden völlig erstarrten.

Erst der Brandgeruch brachte Bernd dazu, auf den Flur zu laufen. Sofort kehrte er um, denn dort war es heiß wie in der Hölle, und Flammen loderten überall.

"Wir müssen über das Dach entkommen!" rief er und öffnete das Fenster. Das Dach führte weit nach unten, doch bis zum Boden blieben noch ein paar Meter Unterschied. Er sah, wie die Verbrecher geschlossen davonliefen, laut brüllend und mit großer Geschwindigkeit.

"Ich werde sie verfolgen, denn vielleicht sind es ja diese Verbrecher, von denen die Fellverwalterin gestern erzählt hat. Ich komme wieder hierher zurück." Mit diesen Worten sprang Knirsch aus dem Fenster und flog der Horde hinterher.

"Der hat es gut", dachte Bernd und schaute nach unten. Doch das Feuer war bereits in das Zimmer eingedrungen und machte weiteres Nachdenken überflüssig. Er stieg durch den Fensterrahmen und wollte langsam hinunterklettern, doch das Dach war spiegelglatt. Er verlor das Gleichgewicht und rutschte immer schneller in Richtung Erdboden. Am Ende des Daches erkannte er gerade noch eine Regenrinne, an der er sich blitzschnell festhielt.

Jetzt baumelte er etwa vier Meter über dem scharlachroten Gras des Vorgartens. "Na, dann Hals- und Beinbruch", dachte er und ließ sich fallen. Dieses Gefühl kannte er schon von seinem Wehrdienst, doch der Aufprall war diesmal ungleich heftiger. Seine Knie, mit denen er ohnehin immer Probleme hatte, schmerzten, aber er mußte sich zwingen aufzustehen, denn jetzt fielen brennende Teile vom Dach herab, und das gesamte Haus schien nicht mehr sehr stabil zu sein. Er humpelte zur Gartenpforte, durch die er gestern hereingekommen war, setzte sich auf den Boden und benutzte sie als Lehne. Von hier konnte er das ungleiche Ehepaar sehen, das sich weinend umschlungen hielt und keinen Blick auf das Haus riskierte, welches gerade zur Ruine wurde. In diesem Augenblick gaben die Wände nach, und das Haus brach in sich zusammen. Ein riesiges Lagerfeuer war alles, was übrigblieb.

Bernd wagte es nicht, die Trauernden anzusprechen, sondern blieb sitzen, um seinen Knien etwas Erholung zu gönnen. Jetzt bemerkte er erst, daß sich Dutzende von Käfern, Schnecken und "Hagar, hagar!"-Tieren versammelt hatten, um die Szene zu beobachten. Sie taten dies ganz offensichtlich mit Genugtuung. Der übertriebene Luxus dieses Gebäudes schien ihnen schon immer ein Dorn im Auge gewesen zu sein. Als schließlich die letzte Flamme erlosch, was erstaunlich schnell passierte, rotteten sie sich zusammen und tuschelten miteinander. Kurz darauf verschwanden sie in einem kleinen Waldstück, und Bernd war wieder mit den Eheleuten allein.

Er wußte immer noch nicht, was er zu ihnen sagen könnte, und war deshalb froh, als plötzlich Knirsch auf seiner Schulter landete. Er spürte deutlich die schnellen Pulsschläge des Käfers und hörte ihn, völlig außer Atem, berichten: "Sie sind... ha-püh... etwa drei Kilometer... ha-püh... weit gelaufen zu einem... ha-püh... großen Felsen und sind dort... ha-püh... in einer Höhle verschwunden."

Während sich Knirsch langsam erholte, fragte ihn Bernd: "Meinst du, daß sie dort einen Weltentunnel eingerichtet haben?"

"Ich bin ziemlich sicher. Zwar konnte ich ihnen nicht folgen, weil sie den Eingang mit einer Steinplatte verschlossen haben, aber aus ihrer Unterhaltung ging hervor, daß sie auf dem Weg in eine andere Welt waren."

"Dann sollten wir keine Zeit verlieren, der Sache auf den Grund zu gehen."

Knirsch stimmte zu, und Bernd erhob sich langsam. Seine Knie fühlten sich zwar nach wie vor nicht neuwertig an, aber einen Marsch von drei Kilometern sollten sie überstehen können. Knirsch jedenfalls war froh, daß er diesmal nicht zu fliegen brauchte.

 

Kapitel 6

Schon bald sahen sie die Spitze des Felsens, die genau auf die Morgensonne zeigte. Als sie näher herankamen, deutete der Käfer auf einen großen Stein, der an den Felsen gelehnt war. "Den müssen wir irgendwie beiseite räumen."

"Das schaffen wir nie", behauptete Bernd und versuchte trotzdem, den Stein zu bewegen, was ihm jedoch nicht gelang. Er probierte es mit Schieben und Ziehen, rutschte plötzlich ab und fand sich im Gras liegend wieder. Eines der sechsbeinigen, bärenartigen Geschöpfe hatte die Aktion beobachtet und schrie "Boroho! Boroho!", während es mit den Vorderbeinen auf den Boden klopfte. Offensichtlich lachte es ihn aus.

"Dann komm' doch her und mach's besser!" Bernd klopfte den Dreck aus seiner Kleidung. Tatsächlich kam das Tier angetrabt, ohne mit dem Lachen aufzuhören, und sagte zu Bernd: "Geh' aus dem Weg, Suppenkasper!"

Bernd gehorchte sicherheitshalber, und das Wesen drehte sich um, so daß esmit seinen Hinterbeinen direkt vor dem widerwilligen Objekt stand.

"Und nun paß auf!" Mit einem blitzschnellen Tritt schleuderte es den Stein weg. Zum Erstaunen der Zuschauer flog dieser etwa hundert Meter durch die Luft, bevor er mit einem dumpfen Knall einen Krater in den Boden riß.

"Nichts zu danken", sagte der Helfer und stolzierte triumphierend davon.

"Alle Achtung!" Bernd nickte anerkennend. Der Käfer inspizierte die freigelegte Öffnung und behauptete: "Dort führt eine Treppe hinunter."

Sie folgten den Stufen und kamen in einen unterirdischen, völlig dunklen Raum. "Licht an!" schrie Knirsch, und es funktionierte. Ein bläuliches Licht machte unregelmäßige, in den Fels geschlagene Konturen sichtbar. Einen scharfen Kontrast dazu bildeten fünf hochkant stehende, rot glimmende Rechtecke, die etwa zwei Meter hoch und einen Meter breit waren. Neben ihnen leuchteten jeweils Schriftzeichen, die Bernd nicht entziffern konnte. So sehr der Übersetzer für gesprochene Sprache auch geeignet war, bei Schriftsprache versagte er völlig.

Das war in diesem Moment jedoch kein Handicap, da sich Knirsch bereits mit den Hinweisschildern befaßte, wobei er ganz links anfing. "Diese Tür hier führt nach EB-103.24, dort war ich schon einmal. Die Bewohner denken rein logisch, und Logik ist das Höchste für sie. Fremden gegenüber sind sie arrogant und stellen ihnen Aufgaben und Rätsel, um ihnen ihre geistige Unzulänglichkeit zu beweisen. Ich glaube nicht, daß uns diese Leute weiterhelfen werden."

Er flog zum nächsten Rechteck. "Hmmm... EB-199.95... kenne ich nicht. Vielleicht sollten wir darauf später noch einmal zurückkommen. Mal weitersehen... oha, EB-182.41! Das ist eine große Ausnahmeerscheinung, denn dort hat sich aus bisher unerforschten Gründenausschließlich pflanzliches Leben entwickelt. Es ist auch niemand dorthin übergesiedelt, denn, wie du schon sagtest, so ein Weltenwechsel ist ja etwas anderes als ein Wohnungswechsel. Wie auch immer, dort liegt jedenfalls nicht die Lösung unseres Problems.

So, hier geht's nach NU-2012.72, ab ins Leere! Wozu die Leute diese Tür brauchen, ist mir völlig schleierhaft. Und was bietet das letzte Rechteck? Schade, das ist EB-251.73. Die Bewohner dort bauen mit unglaublichem Aufwand Wälle und Schutzanlagen, um ihre Städte gegen andere abzugrenzen. Sie gehen total in ihren Traditionen auf, tragen beispielsweise einen weißen Handschuh, um ihre Gruppenzugehörigkeit zu zeigen. TEFTs haben sie jedoch noch nicht entwickelt, und dazu wird es so schnell auch nicht kommen, da sie keinerlei Forschung betreiben."

"Was sollen wir also tun?" fragte Bernd, der ihm interessiert zugehört hatte.

"Die größten Erfolgschancen warten hinter der zweiten Tür. Aber natürlich auch die größte Ungewißheit."

"Ich glaube, wir müssen es riskieren." Bernd ging langsam, aber entschlossen auf das zweite Rechteck zu. Es hatte keinen Sinn, lange zu überlegen, denn er mußte der Empfehlung seines sechsbeinigen Partners vertrauen.

Knirsch wollte ebenfalls einen quälenden Entscheidungsprozeß vermeiden."Gut, auf 'Drei' springen wir! Eins... Zwei... Drei!" kommandierte er, und exakt gleichzeitig durchquerten sie das Weltentor.

Das Gefühl des Weltenübergangs kannte Bernd nun schon allzugut, und es war icht mehr so aufregend wie zuerst. Der Käfer hingegen schien sich richtig zu vergnügen, als wäre er im Begriff, ein neues Hobby zu entdecken. Aber eine Sache war diesmal anders als sonst: Es wurden keine Umrisse einer anderen Welt sichtbar, sondern alles wurde schwarz. Bernd wartete noch einen Augenblick, doch es änderte sich nichts mehr. Sie tappten im Dunkeln. Bernd hörte ein dumpfes Geräusch. "Igitt, ich bin gerade gegen eine feuchte Wand geflogen."

"Es ist überhaupt sehr feucht hier und riecht nicht unbedingt nach Rosen", ergänzte Bernd und wurde in dieser Erkenntnis bestätigt, als er versuchte, einen Schritt nach vorne zu machen. Sein Fuß versank in einer Flüssigkeit, von der er hoffte, daß es sich um Wasser handelte, und er zog ihn blitzartig zurück. "Verdammt ungemütlicher Ort!"

Er drehte sich jetzt vorsichtig um die eigene Achse, denn damit konnte er am wenigsten falsch machen. Unmittelbar hinter ihm schwebte ein rötlich glimmendes Rechteck in der bekannten Form, was ihn sehr beruhigte. Der Rückzug war also jederzeit möglich.

"Licht an!" schrie Knirsch verärgert, doch diesmal war kein Sensor anwesend, den dies interessiert hätte. Es blieb dunkel, und der Schrei verhallte langsam. Offenbar befanden sie sich in einem weiten Gangsystem.

Währenddessen ertastete Bernd seine Umgebung und entdeckte Metallgriffe, die in gleichen Abständen senkrecht übereinander in der Wand verankert waren. Wohin führten sie wohl? Bernd schaute aufwärts und sah, wie in großer Höhe Licht durch einige parallele Spalte drang. "He, Knirsch, sieh doch 'mal nach oben!" rief er seinem Begleiter aufgeregt zu, der sofort zur Lichtquelle hinaufbrummte. Anschließend flog er wieder dorthin, wo er Bernd vermutete, und erstattete seinen Bericht: "Dort geht es tatsächlich ans Tageslicht. Wir müssen lediglich einen massiven Deckel anheben und beiseite schieben."

"Das werden wir schon schaffen", behauptete Bernd siegessicher und begann, sich Schritt für Schritt an den Griffen hochzuarbeiten. Dies wurde dadurch etwas erschwert, daß der erschöpfte Knirsch auf seinem Kopf Platz genommen hatte und ihn so als Fahrstuhl benutzte.

"Diesmal muß uns kein Kraftpaket unterstützen." Bernd hatte das Hindernis endlich erreicht und etwas näher untersucht. Mit einer kurzen Kraftanstrengung seines rechten Arms gelang es ihm, den Deckel hochzuheben. Er schob ihn ein Stück zur Seite, so daß er durch den entstandenen Ausgang hindurchpaßte. Zunächst steckte er nur seinen Kopf hindurch und schaute sich in alle Richtungen um. Als er sah, daß die Luft rein war, zog er seinen restlichen Körper hinterher. Knirsch folgte ihm, und so saßen sie erst einmal auf dem Boden und betrachteten die unbekannte Welt.

Aus dieser Perspektive waren keine Unterschiede zu Bernds Welt zu erkennen. Sie befanden sich auf einer asphaltierten Straße mit Bürgersteigen, die zwischen zwei langen Häuserreihen hindurchführte. Insgeheim hoffte Bernd, daß die Beschriftung des Rechtecks falsch gewesen war und sie in seiner Heimatwelt gelandet waren. Merkwürdig war jedoch, daß sich morgens um Viertel nach Neun noch absolut niemand auf der Straße zeigte, auch wenn heute Sonntag war. Ach nein, dachte er, das galt ja nur für sein Zuhause. Ob es hier überhaupt eine Wocheneinteilung gab oder gar eine Sieben-Tage-Woche, war völlig unklar. Es herrschte jedenfalls absolute Stille, von einem leisen Vogelgezwitscher einmal abgesehen.

Jetzt entdeckte er eine weitere Ungewöhnlichkeit: Über die Häuserfassaden hinaus ragte ein riesiges Gebäudeteil, das eine gewisse Ähnlichkeit mit herkömmlichen Kirchtürmen aufwies. Das allein war noch nichts Besonderes, aber dafür umso mehr die Tatsache, daß der Turm schätzungsweise tausend Meter hoch sein mußte! Bernd verwarf die Vermutung, daß dies hier seine Welt wäre.

Knirsch holte ihn wieder in die Realität zurück, indem er die Stille unterbrach. "Diese Idioten haben den Weltendurchgang doch tatsächlich in der Kanalisation installiert", meine der Käfer fassungslos. Bernd machte bereits vorausplanende Überlegungen, was für ihn nicht gerade typisch war: "Wir müssen diesen Gullydeckel unbedingt markieren, damit wir ihn wiederfinden, wenn wir in deine Welt zurückkehren wollen!"

"Das wird nicht nötig sein. Ich orientiere mich mit Hilfe des Erdmagnetfeldes und kann diesen Ort jederzeit wiederfinden, sogar mit verbundenen Augen."

"Okay, ich vertraue dir", sagte Bernd nach kurzem Zögern. Er zerrte den Deckel wieder in seine Ausgangslage, um die Einwohner vor möglichen Abstürzen zu schützen. "Wollen wir uns die Stadt ansehen?" fragte er, und noch während er sprach, saß Knirsch bereits wieder auf seiner Schulter.

Sie peilten zunächst die gigantische Kirche an, denn dort vermuteten sie das Stadtzentrum. Die Straßen waren überall wie leergefegt, als liefe gerade die Fernsehübertragung eines enorm wichtigen Fußballspiels. Um eine Geisterstadt konnte es sich nicht handeln, denn sowohl die Gebäude als auch die Straßen waren in einem ausgezeichneten Zustand. Den beiden Frequenzreisenden fielen besonders die gleichseitigen Dreiecke auf, die an den Hauswänden angebracht oder als Skulpturen dargestellt waren. Sie kamen an einem Platz vorbei, auf dem Tausende von bearbeiteten Steinen standen, und ausnahmslos fanden sich Dreiecke auf ihnen. "Sieht fast aus wie ein Friedhof", kommentierte Knirsch.

Ein paar Straßen später konnten sie erstmals das zentrale Bauwerk von oben bis unten betrachten und waren beeindruckt von seinen Ausmaßen. Die Grundfläche war rund, soweit man dies beurteilen konnte, mit einem Durchmesser von mindestens fünfhundert Metern. Nach oben verjüngte sich das Bauwerk stufenweise und endete in etwa einem Kilometer Höhe in einem aufrecht stehenden - man sollte es nicht vermuten - gleichseitigen Dreieck, und zwar einem der größeren Sorte, nämlich mit geschätzten hundert Metern Kantenlänge.

"Da passen bestimmt sämtliche Einwohner der Stadt gleichzeitig hinein", glaubte Bernd. In diesem Augenblick öffneten sich wie auf ein Kommando die Tore des Gebäudes, und schwarzgekleidete Wesen strömten heraus. In dem Turm mußten sich riesige Lautsprecher befinden, denn jetzt hallte es durch alle Straßen: "Der Erhebliche ist überall! Befreit euch von der Sünde, denn Der Erhebliche wird kommen als Richter und euch in die ewige Finsternis verbannen! Gelobt sei Der Erhebliche! Befolgt Seine Gebote..."

"Ich verstehe nichts!" beklagte sich Knirsch.

"Ach ja, du hast ja kein Übersetzungsgerät." Bernd machte eine abwertende Handbewegung. "Ist aber nur irgendein religiöses Gefasel mit keinerlei Bedeutung."

Die ersten Geschöpfe kamen jetzt näher und boten einen merkwürdigen Anblick: Sie waren etwa zwei Meter groß, hatten zwei Beine und drei Arme, wobei der dritte dem Kinn entsprang, hellgrüne Hautfarbe und keinerlei Haare. Auffällig war, daß sie ihre Oberkörper weit vorbeugten und so ständig auf den Boden schauten. Nur gelegentlich blickten sie waagerecht, um Kollisionen zu vermeiden. Alle trugen schwarze Kleidung, und ungefähr die Hälfte von ihnen war völlig vermummt, so daß nur noch das rechte Auge freiblieb. Keiner sprach ein Wort, als wären sie bei einem Trauermarsch, und keiner nahm wesentliche Notiz von den beiden Zugereisten. Es wurden immer mehr und mehr, so daß allmählich auf den Straßen die Farbe Schwarz Überhand nahm. "Dort war tatsächlich die ganze Stadt versammelt", folgerte Knirsch.

Nun kam Leben in die Stadt, wenn auch kein besonders fröhliches. Dunkle Autos und Busse fuhren langsam auf den Straßen entlang, Läden wurden geöffnet und spielende Kinder liefen umher. Letztere gingen nicht so gebückt wie ihre Eltern und Großeltern. "Vielleicht haben sie den Ernst des Lebens noch nicht erkannt", überlegte Bernd und mußte dabei grinsen.

Als der Menschenstrom nachließ, setzten sie ihren Erkundungsmarsch fort. Sie gelangten in eine schmale Seitenstraße mit kleineren, offenbar älteren Häusern. Hierher verirrten sich anscheinend nur die Anwohner, denn es war niemand zu sehen, und man hätte die sprichwörtliche Stecknadel fallen gehört.

Doch plötzlich hörten sie Schreie und dumpfe Schlaggeräusche durch ein geöffnetes Fenster dringen, an dem sie gerade vorbeispazierten. Bernd schaute sich in alle Richtungen um, bevor er seiner Neugierde nachgab und vorsichtig hindurchspähte. Auch die Augen des Sechsbeiners weiteten sich, als sie dort ein Wesen auf dem Teppich knien sahen, das mit einem schweren Hammer weit ausholte und ihn gegen die eigene Stirn krachen ließ. Es brüllte laut auf, doch wiederholte die Prozedur immer wieder und wieder. "Oh Erheblicher!" flehte es jetzt unterwürfig. "Sei gnädig mit mir, wenn ich einmal zu Dir treten werde! Ich bin voller Sünde!" Jetzt schlug es wieder zu. "Ich bin der letzte Dreck! Oh Erheblicher, Du bist so herrlich!"

"Das kann man doch nicht mitansehen", flüsterte Bernd Knirsch zu, "Da muß man doch etwas tun!"

"Nur zu!"

Bernd räusperte sich mehrfach und fragte schließlich in freundlichem Tonfall: "Entschuldigen Sie bitte, daß ich so neugierig bin, aber weshalb tun Sie das?"

Der Angesprochene zuckte zusammen und sah ihn erstaunt an. Nachdem er die beiden Fremdlinge gründlich gemustert hatte, antwortete er: "Ich weiß nicht, woher Sie kommen, aber ich kann Ihnen nur empfehlen, es ebenfalls zu tun."

"Warum?" fragte Bernd interessiert.

Das Wesen schien sich über diese Frage aufzuregen und antwortete mit lauter Stimme: "Wie kann man nur so dumm fragen! Ich schlage mich, um für meine Schuld zu büßen und mich von der Sünde zu befreien." Er wischte sich ein paar Tropfen dunkelgrünes Blut vom Gesicht und gab dann eine ausführliche Erklärung: "Der Erhebliche hat in Seiner unendlichen Güte diesen Planeten geschaffen, wofür wir Ihm untertänigst dankbar sind und Ihm dies auch zeigen, indem wir Menschenopfer darbringen und Kirchen bauen, die weithin sichtbar sind.

Er schuf auch uns, und zwar zunächst nur eine Frau und einen Mann, um zu sehen, wie sie sich verhalten würden. Sie hatten alles, was sie brauchten, und durften tun, was sie wollten; nur den Wichtigen Fisch, der in einem kleinen See schwamm, sollten sie in Ruhe lassen. Doch eines unglückseligen Tages gelang es der Frau, den Mann dazu zu verführen, den Wichtigen Fisch zu fangen und zu verspeisen, obwohl er eigentlich gar kein Fischesser war.

Der Erhebliche war zutiefst enttäuscht, daß sie sein Vertrauen gebrochen hatten, und ergriff einige drastische Maßnahmen. Sie sollten sich von nun an zwar vermehren können, aber dafür auch sterblich sein. Nach dem Tod entscheidet Der Erhebliche, ob dem Betreffenden die Gnade widerfährt, wiedergeboren zu werden, oder ob er in ewiger Finsternis verschwindet.

Um überhaupt auf eine Reinkarnation hoffen zu können, muß man Seine dreiundneunzig Befehle befolgen, und zwar vom vierzehnten Lebensjahr bis zum Tod. Dazu gehören zum Beispiel der tägliche Kirchgang, die unterwürfige Körperhaltung und für Frauen die vollständige Bedeckung des Körpers. Die Frau trifft die wesentliche Schuld an dieser Entwicklung, weil sie den Mann verführt hat. Damit dies nicht mehr so leicht fallen soll, muß sie nun ihre Gestalt verhüllen. Nachdem es viele Unfälle gegeben hatte, entschloß sich der Kirchenvorstand kürzlich zu der Erlaubnis, das rechte Auge freizulassen.

Ob es einem weiblichen Wesen aber überhaupt möglich ist, seine Erbsünde zu kompensieren, so daß es wiedergeboren werden kann, ist zumindest fraglich. Aber auch wir Männer tragen die Urschuld in uns und müssen hart daran arbeiten, uns zu bessern. Was ihr hier gesehen habt, das ist meine tägliche Sündenaustreibung."

Bernd faßte den Bericht für Knirsch zusammen, der die Sprache dieser Welt ja nicht verstehen konnte. Beide waren erschüttert über die geschilderte Lebenseinstellung, auch wenn Bernd derartige Geschichten nicht völlig unbekannt waren. "Denen werden wir kaum helfen können", sah der Käfer ein.

"Auf Wiedersehen und viel Spaß noch!" wünschte Bernd dem Knienden, der dies freundlich erwiderte. Bernd wandte sich ab, während die Hammergeräusche wieder einsetzten.

"Meinst du, daß wir hier einen TEFT oder einen Durchgang zu deiner Welt finden werden?" fragte Knirsch entmutigt.

"Es sieht nicht unbedingt danach aus. Aber wir müssen es wenigstens versuchen. Vielleicht finden wir ja in der Kirche weitere Anhaltspunkte."

"Das könnte möglich sein."

Nach kurzer Zeit erreichten sie eines der Kirchentore, denn solch ein gigantisches Gebäude konnte selbst Bernd, der kein Orientierungskünstler war, nicht verfehlen. Es war ein Seiteneingang, nicht größer als ein Scheunentor, so daß Bernd ihn öffnen konnte; beim Haupteingang wäre dies sicherlich nicht so einfach gewesen. Sie traten ein und standen in einer gewaltigen Rundhalle, deren Wände reichlich mit Dreiecken verziert waren. Auf einem etwa anderthalb Kilometer langen Kreisweg konnte man den Saal umrunden, in dem hunderttausend Stühle standen, wie Bernd schätzte. Sie waren alle exakt auf einen Altar ausgerichtet, der auf einem zwanzig Meter hohen Dreieck stand. Durch die künstlerisch gestalteten Fenster flutete Licht in allen Farbtönen den Saal. Knirsch und Bernd staunten nicht schlecht über dieses Mega-Gotteshaus.

Es gingen auch vereinzelte einheimische Besucher durch die Kirche, tief gebückt, als trügen sie eine schwere Last. Bernd versuchte herauszufinden, ob es wohl eine Treppe bis zur Turmspitze gab, denn das wäre noch eine Steigerung zur höchsten Kirche seiner Welt, dem Ulmer Münster, das er kürzlich erklommen hatte und das mit seinen 162 Metern Höhe im Vergleich zu dieser Konstruktion wie ein Flachbau anmutete. Es gab jedoch keinen Hinweis auf solch eine Treppe; wahrscheinlich war der Tourismus in dieser Welt kein wichtiges Thema.

Hinter einem Vorhang hörte Bernd die verzweifelte Stimme eines Einwohners, und etwas leiser die Stimme seines Gesprächspartnes, der sich in einer kleinen Kabine direkt daneben befand. Bernd blieb unauffällig stehen, um das Gespräch mitzuverfolgen. Diese Szenerie erinnerte ihn an die Beichte in der katholischen Kirche, die er allerdings nur vom Hörensagen kannte. Glücklicherweise verstärkte der Übersetzer leise Stimmen, so daß er sich nicht an den Vorhang stellen mußte. Knirsch konnte daran nicht teilhaben und flog in die Richtung des Altars, wobei er wegen der Akustik des Raumes einen Riesenlärm produzierte. Bernd bekam trotzdem jedes einzelne Wort mit: "Meine Ururgroßeltern haben an der Weltenmission mitgewirkt", sagte die traurige Stimme.

"Das war doch eine ehrenvolle Tat, mein Sohn", antwortete der Mann in der Kabine, den Bernd für einen Pastor hielt, und ergänzte: "Unsere Vorfahren haben damals alles versucht, um die Botschaft von Dem Erheblichen in alle übrigen Welten zu verbreiten. Sie mußten Millionen Menschen töten, die sich nicht bekehren lassen wollten, und Millionen von ihnen wurden zu Märtyrern im Kampf für das Gute. Ihre Gegner drängten sie schließlich zurück und sich selbst ins Verderben, indem sie sich Dem Erheblichen verweigerten. Unsere Urahnen sahen damals ein, daß man niemanden zu seinem Glück zwingen kann, insbesondere wenn er kräftemäßig überlegen ist. Das war das Ende der Weltenmission."

"Genau. Und sie vernichteten alle Geräte, mit denen man Kontakt zu den Ungläubigen in den anderen Welten aufnehmen konnte", fügte der Beichtende hinzu.

Das schien wohl eine Modeerscheinung in sämtlichen Welten zu sein, kommentierte Bernd insgeheim.

"So war es", stimmte der Pastor zu. "Und auf den Besitz derartiger Apparate steht seitdem konsequenterweise die Todesstrafe."

Der Andere schwieg für einen Moment und erzählte dann zögerlich: "Als ich neulich... also... gestern meinen Keller aufräumen wollte, ja, also da fand ich... in der hintersten Ecke, wirklich der allerhintersten, einen alten... alten Koffer, der völlig verstaubt, also total verstaubt war. Ich erkannte sofort... also kurz darauf, daß er von meinen Urgroß... nein, Ururgroßeltern stammte, die an dieser Weltenmission teil... also teilgenommen hatten. Ich öffnete ihn, den Koffer, wissen Sie, und sah, also sah in diesem... äh... Koffer so ein Gerät, ja, eines von diesen... diesen TEFTs, und..."

"WAAAAAS? Du hast einen TEFT in deiner Wohnung?" schrie der Pastor auf. "Du bist wohl lebensmüde! Hast du denn keine Angst vor der Inquisition? Geh' sofort in deine Wohnung und bring' ihn her, damit wir ihn für alle Zeiten vernichten können!"

"Ich..."

"Los! Oder die ewige Finsternis ist dir sicher!"

Das wirkte offensichtlich, denn jetzt flog der Vorhang zur Seite und der Angesprochene ging im Eiltempo zum Ausgang. Das war seine Chance, glaubte Bernd und folgte ihm. In diesem Augenblick fühlte er Knirsch wieder auf seiner Schulter, den er in der Aufregung beinahe vergessen hätte. Bernd informierte ihn über alles, ohne dabei die Beschattung des TEFT-Besitzers zu vernachlässigen.

"Der Junge ist aber nicht gerade ein Handtuch", wandte der Käfer ein. "Wie sollen wir ihm das Gerät bloß abnehmen?"

"Also, auf Gewaltanwendung habe ich weniger Lust."

"Die Leute hier benutzen ihre Gehirne anscheinend nur als Kopfbeschwerer, deshalb sollten wir sie austricksen. Den Typen dort können wir ruhig gehen lassen, ich habe einen besseren Plan".

Sie tuschelten kurz miteinander, und Bernds Miene hellte sich immer mehr auf, bis seine Mundwinkel schließlich die Ohren erreichten. Sie nickten sich verschwörerisch zu und begannen mit der Ausführung. Der Käfer flog zu einem der vielen gleichseitigen Dreiecke, die überall an der Wand befestigt waren. Es gelang ihm, das etwa einen Meter hohe Exemplar zu lösen und durch die Luft zu transportieren. Währenddessen klopfte Bernd hektisch an die Kabinentür, hinter der sich der Beichtvater befinden mußte, und schrie hindurch: "Herr Pastor, jemand will die Kircheneinrichtung zerstören! Im Namen Des Erheblichen, tun Sie doch etwas!"

Jetzt hörte er, wie sich ein Schlüssel im Schloß drehte. Im nächsten Moment sprang die Tür auf. Ein Wesen mit besonders gebückter Haltung und einem hohen schwarzen Hut stand vor ihm.

"Was ist hier los?" fragte es scharf. Bernd konnte sich eine Antwort sparen, denn es hatte bereits Knirsch entdeckt, der mit dem Symbol ein paar Meter vor und über ihm schwebte. Entsetzt rief der Pastor: "Das ist Blasphemie! Wenn Sie jemals wiedergeboren werden wollen, dann..."

Doch da hatte der Käfer das Dreieck bereits fallengelassen. Es benötigte zwei Sekunden, bis es am Boden mit einem unerträglich hohen Klirren in winzige Einzelteile zerschellte. Einige Scherben waren nicht größer als Staubkörner, so daß sich vom Aufschlagpunkt dichter, heller Rauch ausbreitete. Alle Besucher drehten sich gleichzeitig dorthin um und waren vor Schreck wie versteinert.

Ganz anders verhielt sich der Beichtvater, der nun aufgeregt auf Knirsch zulief und mit ernster Stimme sagte: "Die Finsternis wird Sie umschlingen, denn Der Erhebliche ist unser Richter! Wer den Wichtigen Fisch nicht als Warnung nimmt, der... NEIN! Lassen Sie das!" Der Käfer steuerte das nächste Wanddreieck an.

"Polizei!" brüllte der Pastor. "Holt die Polizei!" Er rannte den Gang entlang und verschwand in einer Nische.

Bernd nutzte die allgemeine Verwirrung, um in die Kabine zu gelangen. Er schloß die Tür ab und setzte sich in einen komfortablen Sessel, der den kleinen Raum fast völlig ausfüllte. Nur ein Regal mit einigen Zeitschriften paßte noch hinein. Neugierig griff er sich eine davon heraus, obwohl er wußte, daß der Übersetzer keine Texte verarbeitete. Doch es zeigte sich, daß dies auch gar nicht erforderlich war. "Wer hätte das gedacht?" fragte er sich erstaunt. Zumindest kannte er jetzt die weibliche Anatomie in dieser Welt, die doch sonst immer vollständig verpackt war.

Er mußte sein wissenschaftliches Interesse zurückstellen, als er hörte, wie jemand den Vorhang des Nebenraumes öffnete. Durch eine Membran in der Zwischenwand konnte er die Stimme vernehmen, die er zu hören gehofft hatte: "Ich habe das furchtbare Gerät mitgebracht, Vater!"

"Sehr schön", erwiderte Bernd. "Ist es verpackt?"

"Natürlich, ich zeige es doch nicht öffentlich herum", war die entrüstete Antwort, während draußen gerade wieder ein Dreieck zersplitterte.

"Gut, mein Sohn", meinte der Ersatzpastor. "Dann laß es einfach liegen und gehe in Frieden nach Hause. Der Erhebliche wird deiner Familie und dir die Nachlässigkeit verzeihen."

"Danke, Vater!" Die Stimme klang deutlich erleichtert. Bernd hörte wieder den Vorhang, gefolgt von den mittlerweile gewohnten Splittergeräuschen. Vorsichtig öffnete er die Tür und spähte hinaus. Dort war alles in dichten Rauch gehüllt, durch den ein paar Schatten aufgeregt und unschlüssig hin- und herliefen. "Dieser Raucheffekt vereinfacht die Sache enorm", dachte Bernd zufrieden.

Er schlich in den Nebenraum und holte den TEFT heraus, der in eine Art Plastiktüte eingewickelt war. Ganz ruhig ging er zum nächstgelegenen Ausgang und verließ die Kirche. Draußen klopfte er sich zunächst den Staub von der Kleidung, bevor er zu der Seitenstraße spazierte, in der sie dem Hammerschwinger begegnet waren. Ihm kamen Dutzende von Autos entgegen, die periodische, durchdringende Pfeiftöne von sich gaben und mit Uniformierten besetzt waren. "Knirsch werden sie kaum erwischen können", beruhigte sich Bernd.

Mit dieser Einschätzung lag er richtig, denn als er sein Ziel erreichte, wartete dort der Käfer bereits auf ihn und sprang begeistert in die Luft, als er Bernd mit der Beute kommen sah. "Alles klar?"

"Alles klar!" sagte Bernd, doch als er den Apparat auspacken wollte, hielt ihn Knirsch zurück: "Nein, wir sollten den TEFT nicht öffentlich zeigen! Ich traue den Menschen hier nicht, und ich habe kein Interesse, hingerichtet zu werden."

"Schon gut", gab Bernd nach und schloß die Tüte wieder.

Sie stürzten sich erneut in die Menschenmassen auf der Hauptstraße, um zum Ausgangsgully zu gelangen. Hin und wieder sah Bernd andersartige Wesen, die kleiner und blasser waren und aufrecht gingen. Bernd dachte gerade darüber nach, ob er sie nicht von irgendwoher kannte, als ihm Knirsch zuflüsterte: "Die Verbrecherbande aus meiner Welt ist also gerade hier zu Besuch."

Der Orientierungssinn des Käfers hatte tatsächlich funktioniert: Sie standen nun wieder an der Stelle, an der sie das Licht dieser Welt erblickt hatten, um diese uralte Redewendung einmal in einem neuen Kontext zu gebrauchen. Nach einer Viertelstunde fühlten sie sich erstmals unbeobachtet und nutzten diesen Umstand sofort aus.Bernd öffnete den Deckel und stieg hinunter, was ihm wegen seiner sagenhaften Ungelenkheit nicht leichtfiel. Als er sich unterhalb der Straßenebene befand, schloß er den Gully wieder und kam dem glimmenden Rechteck Stufe um Stufe näher. Knirsch hatte es sich natürlich längst auf seinem Kopf bequem gemacht. "Auf Nimmerwiedersehen, EB-199.95!", sagte dieser zum Abschied, als Bernd durch das Weltentor sprang.

Nach der üblichen Frequenzwechsel-Prozedur standen sie wieder in der bläulich beleuchteten Felshöhle mit den fünf Rechtecken. Knirsch war wieder in seiner Heimatwelt. "Eine Sache sollten wir noch erledigen", forderte er. "Kannst du einmal testen, ob die Rechtecke beweglich sind?" Bernd packte den Rahmen, durch den sie gerade gekommen waren, mit beiden Händen. Mit einiger Mühe konnte er dessen Lage im Raum tatsächlich verändern.

"Super!" rief der Sechsbeiner. "Dann klapp' dieses Rechteck doch bitte vor seinen rechten Nachbarn, so daß nichts mehr dazwischenpaßt!"

Bernd führte dies widerspruchslos aus, fragte jedoch anschließend: "Und was soll der Unsinn?"

"Das ist kein Unsinn. Wenn die Verbrecher jetzt wieder hierher zurückkehren wollen, werden sie sozusagen umgeleitet. Sie kommen in

die Welt, in der es nur Pflanzen gibt, und haben keine Chance mehr, auf meiner Frequenz Unheil anzurichten. Es bleibt nur zu hoffen, daß sie keine Möglichkeit bekommen, TEFTs zu konstruieren."

"Das dürfte ihnen in den nächsten Jahrzehnten kaum gelingen", vermutete Bernd, doch seine Gedanken waren jetzt beim TEFT, den er hastig auspackte. Vielleicht hatte es Katrin ja bereits geschafft, nach Hause zurückzukommen. Er war furchtbar aufgeregt.

 

Kapitel 7

Nach ihrer Bruchlandung beim letzten Frequenzwechsel war Katrin diesmal auf das Schlimmste gefaßt. Sie trug es daher auch mit Fassung, als sie sich im Geäst eines hohen Baumes wiederfand. Glücklicherweise hatte sie jahrelang Geräteturnen betrieben, so daß sie der Abstieg vor keine größeren Probleme stellte.

Sie zog ihren weißen Gummihandschuh aus, der ihr mittlerweile mehr als lästig geworden war, und hängte ihn über einen Ast. Hoffentlich würde man hier nicht auf ähnliche Weise schikaniert, dachte sie und war froh, daß ihre linke Hand wieder Luft bekam. Doch nun wollte sie nicht länger an das Vergangene denken, sondern sich auf diese neue Welt konzentrieren.

Obwohl sie sich in einem Wald befand, mußte sich Katrin erst einmal an die erhöhte Helligkeit gewöhnen, denn in dieser Welt waren offenbar alle Pflanzen leuchtend gelb gefärbt. Völlig unerwartet kam ein dunkelgrüner Squashball direkt auf sie zugesprungen. Noch bevor sie reagieren konnte, klammerte er sich bereits an ihrem linken Hosenbein fest. Katrin erkannte jetzt, daß der Ball zwei Facettenaugen, unzählige kleine Beine und einen Saugrüssel besaß, den er über ihre Hose schwenkte, als wolle er sie reinigen.

Doch das Tier verlor schnell das Interesse an dieser Tätigkeit, zog Beine und Rüssel wieder ein und ließ sich fallen. Mit weiten Sprüngen entfernte es sich, von Katrins Blicken verfolgt. Es landete in der tellergroßen Blüte einer Rankelpflanze, die sich um einen der Bäume geschlungen hatte. Ihre Blütenblätter hatten fast genau dieselbe blaue Farbe wie Katrins Jeanshose.

Das war wohl eine Verwechslung, dachte sie. Jetzt wurde ihr wieder bewußt, daß sie keine "Expeditionen ins Tierreich" unternehmen wollte, sondern hochentwickelte Lebewesen suchte, die sie in ihre Welt zurückschleusen konnten. Sie schlug sich durch das Gestrüpp, bis sie einen ausgetretenen Pfad erreichte. Erfreut stellte sie fest, daß es auf dieser Welt Menschen geben mußte, denn hier waren einige Äste so sauber gestutzt worden, wie man es nur mit Werkzeugen erreichen kann.

Kurzerhand entschied sie sich für eine der beiden möglichen Richtungen, in der Hoffnung, schon bald auf eine Stadt oder zumindest ein Dorf zu stoßen. Doch bereits nach der ersten Biegung traf sie auf ein Hindernis: Jemand hatte dicke Seile kreuz und quer über den Weg gespannt, vom Boden bis zu den Baumwipfeln, die etwa dreißig Meter in die Höhe ragten. Katrin berührte ein Seil, welches sich als stahlhart und straff gespannt erwies. Sollte sie nun einfach durch diese Konstruktion hindurchsteigen oder sie als Warnung betrachten, lieber nicht weiterzugehen? Sie trat ein paar Schritte zurück, um das gesamte Gebilde betrachten zu können. "Hmmm... eigentlich sieht es gar nicht so unordentlich aus", überlegte sie laut, "Da steckt ein System dahinter! Also, irgendwie erinnert es mich sogar an ein überdimensionales..."

Sie konnte den Gedanken nicht mehr zuendeführen, denn in diesem Augenblick stürzte sich ein großes, schwarzes Tier mit löwenartigem Gebrüll aus einer Baumkrone genau über ihr herunter. Sie konnte gerade noch ausweichen, so daß es direkt neben ihr aufschlug und dadurch so starke Bodenwellen verursachte, daß die ganze Umgebung zitterte. Katrin wurde fast wahnsinnig vor Schreck, denn es handelte sich um eine riesige Spinne mit einem medizinballgroßen Körper und zehn langen, dicht behaarten Beinen. Sie brüllte nocheinmal und kroch auf Katrin zu, die mit rekordverdächtiger Geschwindigkeit kreischend davonlief.

Erst Minuten später schaute sie sich um und stellte fest, daß die Verfolgerin nicht mehr zu sehen war. Sie stellte das Laufen ein, woraufhin sich ihr hämmernder Puls und ihre beschleunigte Atmung langsam wieder beruhigten. Also mußte sie die andere Richtung ausprobieren, entschied sie, und ihr Optimismus baute sich wieder auf.

Jetzt verhielt sie sich jedoch vorsichtiger, indem sie alle Baumkronen genau betrachtete, bevor sie unter ihnen hindurchging. In manchen Baumstämmen entdeckte sie die Spuren gewaltiger Zahnreihen, die sich dort hineingeschlagen haben mußten. Katrin mochte sich gar nicht ausmalen, wie die Tiere aussehen mochten, die derartige Gebißabdrücke hinterließen. Nein, in dieser Welt wollte sie auf keinen Fall den Rest ihres Lebens verbringen. Dagegen war die Welt, die sie zuvor besucht hatte, das reinste Paradies.

In der nächsten halben Stunde passierte nichts, was man unbedingt erwähnen müßte. Dies war Katrin zwar einerseits recht, weil sie nicht mehr von Spinnen angefallen wurde, andererseits hatte sie furchtbaren Durst und wünschte sich nichts dringender, als auf Zivilisation zu treffen. Sie orientierte sich an der Sonne, die noch fast im Zenit stand, um nicht im Kreis zu laufen. Schließlich kam sie an eine annähernd runde Lichtung, deren Durchmesser etwa zweihundert Meter betrug. Hier gab es keinen Bewuchs bis auf vereinzelte Grassoden. Wesentlich interessanter war jedoch eine andere Beobachtung: Zwischen den Bäumen auf der gegenüberliegenden Seite stieg eine dünne Rauchfahne empor, was ein Zeichen für intelligentes Leben sein konnte.

Aufgeregt überquerte Katrin die Lichtung, doch als sie sich genau auf dem Mittelpunkt befand, hörte sie wildes Schnauben und Knurren hinter sich. Sie schaute sich um und erstarrte vor Schreck: Dort stand ein furchterregendes Monster! Es war größer als ein Bär, besaß vier Beine, sechs nach vorne gerichtete Augen und einen ansonsten krokodilähnlichen Kopf, und es zeigte seine Zähne, die wie Fleischmesser aussahen. Sein violettfarbenes, zotteliges Fell war verschmutzt, vermutlich vom Blut anderer Tiere.

Katrin schrie und ergriff die Flucht in den Wald, denn vielleicht konnte das Ungeheuer nicht klettern. Doch es verfolgte sie mit unglaublicher Geschwindigkeit, und sie glaubte schon, seinen keuchenden Atem in ihrem Nacken zu spüren. Dann stolperte sie auch noch über den einzigen Stein auf der Lichtung, verlor den Boden unter den Füßen und fiel auf den Bauch. Sie schloß die Augen und hoffte, das Monster würde sie kurz und schmerzlos töten.

Als sich jedoch nach einiger Zeit immer noch nichts getan hatte, wagte sie es, die Augen wieder zu öffnen. Zu ihrem Erstaunen lag das Tier ein paar Meter hinter ihr auf der Seite und bewegte sich nicht mehr. Jetzt erkannte sie, daß Dutzende von Speeren seinen Körper verzierten. Während sie sich aufrichtete und überlegte, woher diese wohl gekommen sein konnten, bemerkte sie eine Gruppe von menschenähnlichen Gestalten, die sich ihr langsam und vorsichtig näherten.

Sie waren stärker behaart als die Menschen in Katrins Welt und trugen violettfarbene Felle am Körper; wahrscheinlich erlegten sie diese Monster häufiger. Zunächst war sie außer sich vor Freude, daß ihr diese Leute das Leben gerettet hatten. Doch allzu schnell fiel ihr wieder ein, was sie eigentlich erreichen wollte. Wenn mich diese Menschen nach Hause bringen konnten, dann würde sie hundert Besen mit Senf fressen, dachte sie resignierend.

Als Katrin aufstand, wichen die Speerwerfer ein paar Schritte zurück. Um keine Mißverständnisse aufkommen zu lassen, rief sie ihnen zu: "Ich will euch nichts tun! Ihr habt mir geholfen, und ich möchte mich bei euch bedanken!" Daraufhin hörte sie leises Gemurmel und immer wieder den Satz: "Sie spricht mit uns!"

Niemand wollte jedoch mit ihr reden oder ihr auchnur ein Zeichen geben. So sehr Katrin sich bemühte, Kontakt mit ihnen aufzunehmen, es gelang hr einfach nicht. Die Fellträger hielten einen festen Sicherheitsabstand zu ihr und benahmen sich so, als könnten sie sie nicht verstehen, obwohl Katrin absolut vom Gegenteil überzeugt war. Keiner wandte allerdings seinen Blick von ihr ab.

Erst als laute, rhythmische Trommelschläge hörbar wurden, die sich der Gruppe näherten, drehten sie sich um und begannen, sich in zwei Gruppen aufzuteilen, so daß zwischen ihnen eine breite Gasse entstand. Die Trommeln verstummten, und das einzig verbliebene Geräusch produzierte jetzt Katrin, indem sie sich den Sand von ihrer Kleidung wischte. Doch auch sie bemerkte nun, daß niemand mehr sprach und offenbar alle auf etwas sehr Bedeutsames warteten.

Sie brauchte nicht lange zu spekulieren, was dies wohl bedeuten könnte, denn in diesem Augenblick erkannte sie eine große Gestalt, die sich gemächlich auf dem freigeräumten Weg in ihre Richtung bewegte. Zunächst sah sie nur einen hohen Hut, der vermutlich aus Holz geschnitzt war und an einen Miniatur-Totempfahl erinnerte, wogegen die Köpfe der Zuschauer ausnahmslos unbedeckt waren.

Bald gelangte auch der Träger des Hutes in Katrins Blickfeld: Es war ein älterer Mann, wie Katrin annahm, denn seine Haare waren am ganzen Körper ergraut. Um seinen Hals hing eine lange Kette mit diversen glitzernden Steinen und einigen messerscharfen Zähnen, die von einem dieser Monster stammen mußten, deren zuletzt erlegtes Exemplar noch immer die Lichtung zierte. Auf der Fellbekleidung des Mannes prangte ein großer, gelber Kreis, was ebenfalls allein ihm gestattet zu sein schien.

Er trat aus der Gasse hervor und näherte sich ungefähr zehn Meter dichteran Katrin an, als es seine Artgenossen wagten, so daß er ihr nur noch wenige Schritte entfernt gegenüberstand. Sie war völlig überrascht, weil er sich jetzt auf den Boden kniete, die Kopfbedeckung ablegte und sich verneigte, bis seine Stirn die Erde berührte. Danach blickte er zu Katrin auf und reichte ihr einen geheimnisvoll funkelnden Stein.

Katrin empfand es als etwas unangenehm, wie eine Göttin verehrt zu werden. Sie nahm den Stein entgegen, um ihn genauer zu betrachten, und erklärte anschließend: "Ich bin ein Mensch wie ihr, den ihr nicht zu fürchten oder anzubeten braucht. Gibt es einen Grund dafür, weshalb niemand mit mir reden möchte?"

Der Kniende wirkte nervös, und Katrin erkannte, daß er seine tiefsitzende Angst mühsam zu überwinden versuchte. Hätte sie in diesem Moment "Buh!" gerufen, wäre er bestimmt schreiend davongelaufen. Sie ließ ihm jedoch genung Zeit, um ausreichend Mut zu sammeln, bis er schließlich mit unsicherem Blick stammelte: "Warum... warum sprichst du mit uns?"

Angstschweiß stand auf seiner Stirn, und seine Muskeln waren sichtbar angespannt, um notfalls eine blitzschnelle Flucht zu ermöglichen. Katrin freute es, daß er zumindest diese eine Frage hervorgebracht hatte, und beantwortete sie sogleich: "Warum denn nicht? Ich bin nicht besser oder wichtiger als du."

Ihr Gesprächspartner war bei ihren ersten Worten zusammengezuckt, doch nun machte er bereits einen etwas gefestigteren Eindruck. "Deine Brüder und Schwestern tun das nicht. Wir sprechen sie an. Sie töten uns. Wir gehen zu ihnen. Sie töten uns."

Katrin ging ein Licht auf: Vermutlich gab es in dieser Welt eine weitere Menschenrasse, die Katrin äußerlich ähnelte, und ein höheres technisches Niveau erreicht hatte, mit dessen Hilfe sie dieses Volk unterdrückte.

"Zu denen gehöre ich nicht", erläuterte sie. "Ich komme aus... einem fernen Land."

Der alte Mann war sichtlich erfreut über diese Aussage, was sich in einem vorsichtigen Lächeln widerspiegelte. Jetzt wagte er sogar aufzustehen und seinen Hut aufzusetzen, womit er ein Raunen in der Menge hervorrief. Offenbar war er den Zuschauern eine Erklärung für dieses respektlose Verhalten schuldig. Er wandte Katrin seinen graubehaarten Rücken zu und sprach laut und deutlich zu ihnen: "Meine Untertanen! Diese Frau tötet nicht. Sie ist freundlich. Sie kommt nicht aus dem kahlen Land."

Als sie diese Worte vernommen hatten, brachen die Adressaten in lautes Gebrüll aus und verhielten sich plötzlich viel ausgelassener als zuvor. Katrin wußte nicht so recht, wie sie reagieren sollte, als die Menge nun auf sie zugestürmt kam. Doch sie besaß ohnehin keine Chance zur Gegenwehr, denn noch bevor sie diesen Gedanken zuende führen konnte, wurde sie schon von unzähligen Händen ergriffen und in die Luft gehoben. Unter lautem Gejohle trugen sie Katrin wortwörtlich auf Händen und im Laufschritt in ungefähr die Richtung, in der sie vorhin die Rauchfahne beobachtet hatte.

Eigentlich war es gar kein schlechtes Gefühl, derartig behandelt zu werden. Vielleicht sollte Bernd sich ein Beispiel daran nehmen, dachte sie insgeheim. Ihre Situation erinnerte sie jedoch ganz unwillkürlich an die albernen Kannibalenwitze, in denen zumeist zwei Urlauber in einem großen Kochtopf brutzeln und dazu irgendeinen Kommentar abgeben. Nein, diese Menschen hier wirkten viel zu sympathisch, als daß sie Katrin schon auf ihre Speisekarte gesetzt haben konnten.

Wenige Minuten später erreichten sie eine mit Steinen umrandete Feuerstelle, deren Durchmesser etwa drei Meter betrug. Ein Haufen dicker Äste verbrannte dort unter lautem Knistern und strahlte dabei eine enorme Wärme ab, die Katrin schon aus zwanzig Metern Entfernung deutlich auf ihrer Haut spürte. Auf Baumstämmen um das Feuer herum saßen Hunderte von Menschen, darunter ein großer Anteil von Kindern. Als Katrin in ihr Blickfeld getragen wurde, unterbrachen sie sofort sämtliche Tätigkeiten und starrten sie ängstlich an.

Katrin wurde nun wieder auf die eigenen Füße gestelt.

"Der König wird sprechen. Wir müssen warten." erklärte ihr ein junger, besonders kräftiger Mann, der eben noch maßgeblich an ihrem Transport mitgewirkt hatte. Diese Pause gab Katrin die Gelegenheit, das Urzeit-Volk genauer zu studieren. Nur mit Mühe und keiner absoluten Sicherheit konnte sie Männer und Frauen voneinander unterscheiden, denn sie ähnelten sich sehr. In der Gruppe, die das Monster erlegt und sie selbst hergebracht hatte, befand sich offenbar keine einzige Frau, wie sie jetzt etwas enttäuscht feststellte. Die Rollen waren hier eindeutig verteilt: Die Frauen sorgten für die Kinder und blieben zuhause am Feuer, während der Männerverein zur Jagd ging.Bis zur Gleichberechtigung würde es noch ein weiter Weg sein, dachte sie.

Zwei kleine Trupps betraten nacheinander im Gleichschritt die Szene, verbunden durch einen langen Baumstamm, den sie in Schulterhöhe trugen. Daran hing, mit den Beinen nach oben, das Riesentier, in dessen Magen sich Katrin jetzt ohne weiteres hätte befinden können. Mittlerweile hatten sie die Speere aus seinem Körper entfernt und hielten sie in den Händen. Die Spitzen ihrer Waffen waren hellgrün gefärbt, was wohl an dem Blut des Tieres lag. Sie legten ihr Gepäck neben dem Feuer ab und banden den Kadaver los, woraufhin eine andere Gruppe herbeieilte und sofort damit begann, die Beute mit spitzen Steinen zu zerschneiden. Einzelheiten sollen an dieser Stelle nicht näher beschrieben werden, da dies zu akuter Appetitlosigkeit führen könnte.

Nun kam wieder einmal der Hut des Königs in Sicht und kurz darauf auch der König selbst mitsamt einem Dutzend Gefolgsleuten. Ihn konnte anscheinend nichts aus der Ruhe bringen, denn nur ganz gemächlich näherte er sich einem großen Stein, der nicht weit von Katrin entfernt etwa einen Meter aus dem Boden ragte. Ein Squashball sprang gegen seine Kopfbedeckung, wodurch ein xylophonähnlicher Ton erklang. Unbeirrt stieg der König auf sein spartanisches Rednerpult und wandte sich seinem Volk zu, wogegen sein Gefolge in gebührendem Abstand hinter ihm stehenblieb.

"Meine Untertanen!" begann er die Rede in bewährter Manier. "Eine Bloßhäutige besucht uns. Sie kommt nicht aus dem kahlen Land."

Nach diesen Worten löste sich die Anspannung der Zuhörer, und sie schienen jegliche Angst verloren zu haben. Der Redner wandte sich zu Katrin und fragte sie: "Wie heißt du?"

"Ich heiße Katrin."

"Ihr Name ist Karla!" rief er seinem Volk begeistert zu, welches den Namen hundertstimmig wiederholte und durch den Wald schallen ließ. Katrin verzichtete auf eine Richtigstellung, denn möglicherweise hatten Übersetzung und Rückübersetzung diesen kleinen Fehler verursacht.

Nach getaner Arbeit stieg der Oberste würdevoll auf den Erdboden herab und ging zielstrebig, aber langsam zu Katrin. "Folge mir bitte ans Feuer, Karla!" bat er sie und schlenderte bereits in die entsprechende Richtung. Sie setzten sich nebeneinander auf einen Baumstamm, wo ihnen sofort zahlreiche Leute Gesellschaft leisteten. Jemand reichte ihnen jeweils einen Speer und ein großes, grünliches Stück Fleisch, das mindestens ein Pfund wog und sicherlich von dem Monster stammte.

Der König spießte das Fleisch auf und hielt es in die Nähe der Flamme, wo er es langsam hin- und herdrehte. Obwohl ihr der Anblick des Fleischstücks nicht unbedingt gefiel, folgte Katrin seinem Beispiel. Mit dieser Tätigkeit verbrachten sie die folgenden Minuten. In der Zwischenzeit wurde sie von einem jungen Mann gefragt, weshalb sie denn hier sei. "Ich bin auf einer großen Reise und möchte verschiedene Völker kennenlernen" log sie, um das Gespräch nicht unnötig kompliziert werden zu lassen.

Als das Oberhaupt sein Essen aus dem Feuer nahm, tat Katrin dasselbe, denn er sollte aus Erfahrung wissen, wie lange man es erhitzen mußte. Er packte es mit beiden Händen und schlug seine Zähne hinein, so daß es knirschte. Katrin war zwar noch immer nicht von der Genießbarkeit ihrer mittlerweile olivgrünen Mahlzeit überzeugt, biß aber dennoch furchtlos hinein. Erstaunt stellte sie fest, daß es gar nicht so schlecht schmeckte, wie sie befürchtet hatte. Der Appetit kommt ja bekanntlich beim Essen, und so dauerte es keine halbe Stunde, bis sie den Brocken restlos verspeist hatte.

Eine ältere Frau gab ihr anschließend eine Frucht, die hinsichtlich Form, Farbe und Größe einem Fußball ähnelte. Auf der Oberseite hatte jemand ein Loch in die dicke, lederartige Schale gerissen. "An den Mund halten und trinken", riet ihr die Überbringerin. Katrin befolgte die Empfehlung und war erneut überrascht, daß dieses Getränk ebenfalls einen akzeptablen Geschmack aufwies. Sie bedankte sich und leerte den Ball in wenigen Zügen.

Sie fühlte sich wohl in dieser fellbekleideten Gesellschaft, und wenigstens für eine kurze Zeit konnte sie ihr großes Problem vergessen. Die Trommler spielten nun wieder rhythmische Musik, die ihr ungemein gefiel und sie an afrikanische Klänge erinnerte. Ein paar Mädchen und Jungen kamen herbeigelaufen und blieben ein paar Meter von ihr entfernt stehen. Endlich überwand ein Junge seine Schüchternheit. "Wir haben eine Hütte gebaut. Für dich, Karla."

Karla alias Katrin wußte zunächst nicht, was sie davon halten sollte. Sie folgte den Kindern zu einem Platz, auf dem dicht an dicht riesige Büsche wuchsen. Bei näherem Betrachten fand sie jedoch heraus, daß es sich um künstlich angelegte Zelte aus quadratmetergroßen Blättern handelte. Vor einer dieser vollständig biologisch abbaubaren Behausungen blieben sie schließlich stehen, und eines der Mädchen machte eine einladende Handbewegung. "Das ist jetzt dein Zuhause."

Vorsichtig bog Katrin ein Blatt zur Seite, das offenbar als Eingangstür diente, und erhielt einen Blick in das Zeltinnere. Dort konnte sich wirklich nur eine Person hineinlegen, ein Ballsaal war es nicht gerade. Sie testete die Moosmatratze und befand sie für sehr bequem. Zweifellos würde sie die Nacht hier gut verbringen können.

"Vielen Dank", sagte sie zu den Konstrukteuren, nachdem sie das Zelt wieder verlassen hatte. "Das habt ihr ausgezeichnet hinbekommen." Die Kinder waren sichtlich stolz und erfreut über dieses Kompliment.

Ihre gute Laune endete leider sehr abrupt, als sie Motorengeräusche aus der Richtung der Feuerstelle hörten. "Das sind Menschen aus dem kahlen Land", erklärte ein kleiner Junge mit angsterfülltem Blick.

Sie liefen zurück bis zu einem Gebüsch und krochen hindurch, um bei der Annäherung an die Feuerstelle nicht gesehen zu werden. Wenn diese Leute wirklich so skrupellos waren, dann hatte es jetzt keinen Sinn, Heldenmut zu beweisen, falls man überleben wollte. Sie arbeiteten sich solange weiter vor, bis sie durch die Zweige hindurch die Situation überblicken konnten. Auf der gegenüberliegenden Seite des Platzes stand eine Art Lastwagen, der früher wahrscheinlich einmal weiß gewesen war, mittlerweile aber durch Kratzer und Dreckspritzer entstellt aussah.

Er wies sechs Achsen auf, zwischen denen er Gelenke besaß, so daß er sich vermutlich wie eine Schlange bewegen konnte. Vor der Fahrerkabine befand sich ein Propeller aus langen Messerklingen, mit dessen Hilfe sich das Fahrzeug wohl seinen Weg durch den Wald bahnen konnte. Tatsächlich hatte es eine breite Schneise hinterlassen, in der nur noch Blätter und gehäckselte Zweige lagen.

Zwei Männer und eine Frau verließen in diesem Augenblick den Wagen. Katrin hätte sie niemals von Menschen aus ihrer Welt unterscheiden können, denn nicht nur ihr Aussehen, sondern auch ihre Art, sich zu bewegen, waren absolut identisch. Sie trugen schmutzige Arbeitskleidung und völlig ungeordnete Frisuren, von denen man ablesen konnte, auf welcher Seite sie in der vergangenen Nacht bevorzugt geschlafen hatten. In ihrer rechten Hand hielten sie jeweils ein metallisch glänzendes Gerät, das verdächtig einem Revolver ähnelte.

Die Frau beendete die Totenstille, die seit ihrer Ankuft herrschte. "Na, möchte einer von euch freiwillig mitkommen?" Sie lachte.

"Zu schade, daß diese häßlichen Primitivlinge zu dumm zum Reden sind", fand ihr Kollege. "Man könnte sonst lustige Spielchen mit ihnen veranstalten."

"Ja, zum Beispiel Russisches Roulette", ergänzte der Dritte und verursachte damit einen kollektiven Lachanfall seines Teams.

Diese Idioten hatten noch nicht einmal herausgefunden, daß "ihr" Volk sprechen konnte, dachte Katrin verärgert. Sie mußte tatenlos mitansehen, wie sie auf den König zugingen, der noch immer auf einem Baumstamm saß.

"Du trägst ja eine heiße Mütze, mein Alter!" rief ihm einer der Männer zu. Im nächsten Moment hob er seinen Revolver und schoß. Der Totempfahl-Hut fiel zu Boden und trug seitdem ein großes, ausgefranstes Loch. Sein Besitzer schrie auf, wurde bleich im Gesicht und kippte kurz darauf vom Baumstamm. Offensichtlich hatte er einen schweren Schock erlitten.

"Jetzt hört mit diesen Albernheiten auf!" befahl die bewaffnete Frau streng. "Wen sollen wir denn nun mitnehmen?"

Sie gingen durch die Reihen und musterten jeden Anwesenden ganz genau, wobei sie insbesondere für die Männer zu interessieren schienen. "Der hier sieht brauchbar aus", behauptete ihr Mitarbeiter. Die beiden anderen sahen sich an und nickten zustimmend, woraufhin er sein auserwähltes Opfer grob am Arm packte und zum Aufstehen zwang. Der grünhäutige Mann überragte ihn zwar fast um einen Kopf, wehrte sich aber aus Furcht vor den Schußwaffen nicht dagegen, daß er nun zum Heck des Lastwagens geführt wurde.

Als sich die Tür zum Frachtraum des Wagens öffnete, stürmte plötzlich eine Frau aus der Menge hervor und rief: "Laßt ihn hier! Ihr dürft ihn nicht mitnehmen!"

Sie lief zu dem Gefangenen und wollte gerade nach ihm greifen, als ein Schuß fiel und sie sofort lautlos zusammenbrach. Die Frau im Arbeitsanzug blies lässig über die Mündung ihres Revolvers. "Dieses hysterische Weib kann uns jetzt nicht mehr stören."

Mit Entsetzen sahen sowohl die Leute am Feuer als auch die Beobachter im Busch, wie sich eine hellgrüne Blutlache um die Angeschossene bildete. Niemand konnte so recht fassen, was hier geschah. Der Gefangene sank ohnmächtig in den Lastwagen, so daß ihn sein Entführer nur noch hineinzuschieben brauchte, bis auch die Füße im Wagen verschwunden waren. Es überraschte wenig, daß es bei der Gefangennahme von vier weiteren Männern zu keinerlei Gegenwehr mehr kam.

"Fünf Exemplare sind genug", kommentierte einer der Männer. "Wir brauchen uns nicht länger unter diesen Tieren aufzuhalten." Er schloß den Laderaum ab und ging zur Fahrerkabine, in der seine beiden Kollegen bereits platzgenommen hatten. Er warf die Tür zu und startete den Motor, der sich nicht besser anhörte als die Motoren in Katrins Welt. Es folgte ein längeres Wendemanöver, weil er offenbar dieselbe Schneise für den Rückweg wiederverwenden wollte.

Katrin mußte sich jetzt zu einer Entscheidung durchringen: Sollte sie hierbleiben und versuchen, den Waldbewohnern zu helfen, oder sollte sie besser den Entführern folgen und deren Aktionen sabotieren? Sie hatte eine derartige Wut im Bauch, daß sie die Eindringlinge am liebsten an Ort und Stelle umgebracht hätte. Aber wäre es schlau, ihnen zu folgen? Ein weiterer Aspekt mischte sich in ihre Überlegungen: Solange sie sich in der Gesellschaft der Grünhäutigen befand, würde es ihr zwar gutgehen, aber sie hätte keine Chance, jemals ihr wirkliches Zuhause wiederzusehen. Ob die andere Rasse bereits TEFTs entwickelt hatte, war zweifelhaft, aber sie mußte dieses Risiko einfach eingehen. Notfalls könnte sie sich ja immer noch mit Hilfe eines Faustschlags in eine andere Welt katapultieren, auch wenn dies möglicherweise tödlich wäre.

"Habt keine Angst mehr!" ermutigte sie die Kinder, die noch immer neben ihr kauerten und die Ereignisse der letzten Minuten nicht begreifen konnten. Entschlossen biß sie die Zähne zusammen und robbte durch das Gebüsch, bis sie sich dem Hinterteil des Lastwagens auf wenige Meter genähert hatte. Sie sprang blitzschnell hervor, sprintete zu dem Fahrzeug und stieg auf die hintere Stoßstange. Während ihr Puls auf Rekordhöhe kletterte, hielt sie sich verkrampft am Griff der Laderaumtür fest. Anscheinend hatten die Insassen ihre Aktion nicht bemerkt, denn die Wendeprozedur lief unverändert weiter. Einige der Menschen am Feuer hatten Katrin beobachtet und starrten sie nun fassungslos an. Als der Lastwagen endlich die Feuerstelle verließ, wurde sie von den Blicken der gesamten Gruppe verfolgt. Sie hielten sie jetzt vielleicht für eine Verräterin, dachte Karin, aber sie würde ihnen helfen, so gut sie konnte.

 

Kapitel 8

Sie fuhren mit reichlich hoher Geschwindigkeit über den freigeschnittenen Weg, und Katrin hatte erhebliche Mühe, sich auf der Stoßstange zu halten. Als sie eine Viertelstunde später den Wald verließen und nun auf einer rosafarbenen, befestigten Straße weiterreisten, atmete sie erleichtert auf. Sie kamen in immer dichter besiedeltes Gebiet, bis sich schließlich Hochhaus an Hochhaus reihte. Darunter waren auch architektonisch interessante Bauwerke mit teilweise komplizierten geometrischen Konstruktionen, von denen Katrin total fasziniert gewesen wäre, hätte sie sich nicht in solch einer ungemütlichen Situation befunden.

Inzwischen war der Lastwagen jedoch nicht mehr das einzige Fahrzeug auf der Straße, sondern steckte in einem dichten Verkehrsgewühl. Katrin fiel auf, daß die Personenwagen ähnlich wie in ihrer Heimat aussahen, auch wenn sie etwas windschnittiger geformt waren. Ebenso ähnelte das Verhalten der Autofahrer dem ihrer Gegenstücke in EB-213.00. Als sie Katrin sahen, hupten einige von ihnen ohrenbetäubend, andere gaben ihr eigenartige Zeichen und wieder andere erklärten ihr in nicht besonders höflicher Form, daß sie ihr Verhalten für unvernünftig hielten.

Diese Sprüche konnten Katrin nicht beeindrucken, aber sie mußte damit rechnen, daß es auch in dieser Welt Polizisten gab, die mit ihrer Fortbewegungsweise nicht einverstanden sein konnten. Mit Fremden ging man hier anscheinend nicht zimperlich um, so daß eine Polizeikontrolle gefährlich für sie sein könnte. Als der Laster das nächste Mal hielt, nutzte sie daher die Gelegenheit, um von der Stoßstange zu steigen und ihren Weg auf dem Bürgersteig fortzusetzen. Sie lief dem dreckigen Fahrzeug noch so lange hinterher, bis es aus ihrem Blickfeld verschwand. So oft wie an diesem Tag war sie in ihrem ganzen Leben noch nicht gejoggt, stellte sie erstaunt fest.

Sie befand sich nun in einer kleinen Seitenstraße, denn der verfolgte Lastwagen hatte die Hauptstraße längst verlassen. Dies mußte eigentlich bedeuten, daß er nicht mehr weit fahren würde. Am Ende der Straße kam ihr eine ältere Dame entgegen, die zentimeterdick geschminkt war und glitzernde Kleidung trug, als wollte sie in die nächste Discothek stürmen. Katrin bemerkte außerdem ein kleines, hundeähnliches Tier mit gefärbten Haaren und Haarspangen, das sie an einer kurzen Leine mitführte. "Haben Sie zufällig einen weißen, schmutzigen Lastwagen gesehen?" fragte Katrin höflich.

Die Frau schaute sie über ihre kompliziert geformte Brille an und musterte sie von oben bis unten, wobei ihr Gesicht immer mehr den Ausdruck von Abscheu annahm. Schließlich wandte sie sich ihrem Hund zu. "Komm, Hätschel-Tätschel! Mit dieser verwahrlosten Frau wollen wir nichts zu tun haben." Sie setzte ihren Weg fort, ohne Katrin eines weiteren Blickes zu würdigen, und ihr rattengroßes Begleittier folgte mit kleinen, schnellen Schritten.

Katrin war sprachlos. Sie blieb wie angewurzelt stehen und schaute den beiden nach. Ob sich hier alle Menschen so benahmen? In der folgenden Zeit erkannte sie, daß die meisten Menschen für ihr Empfinden übertrieben herausgeputzt auftraten und sie im allgemeinen völlig ignorierten. Es gab jedoch ebenso einige Ausnahmeerscheinungen, die in zerrissenen Klamotten durch die Gegend spazierten. Einem Mann im mittleren Alter, der einen abgewetzten Mantel trug, stellte sie wiederum die Frage nach dem Lastwagen. Er schaute sie nachdenklich an und meinte: "Nein, habe ich leider nicht. Weshalb interessiert Sie das, wenn ich fragen darf?"

Katrin hatte ohnehin mit keiner positiven Antwort gerechnet, denn es war mittlerweile länger als eine halbe Stunde her, daß sie das Fahrzeug aus den Augen verloren hatte. Sollte sie sich ihm anvertrauen? Er sah aus, als könne er ihre Situation möglicherweise verstehen, und keinesfalls schien er mit den Entführern unter einer Decke zu stecken. Vielleicht konnte er ihr helfen, sich in dieser eigenartigen Welt zurechtzufinden.

"Das ist eine lange Geschichte", antwortete sie daher.

"Ich mag lange Geschichten", erwiderte der Mann. "Möchten Sie mich nicht auf ein Gläschen Feitsel-Sporf in meine Stammkneipe begleiten?"

"Ist Ihre Kneipe denn in der Nähe?"

"Klar, gleich hinter dieser Straßenecke."

"Okay, dann komme ich mit."

Die Bezeichnung "Kneipe" erwies sich als ein Mißgeschick des Übersetzungsgerätes, denn es handelte sich um eine vornehme, perfekt durchgestylte Gaststätte mit Designermöbeln. Sie setzten sich an einen dreizehneckigen, leicht schrägen Tisch und warteten auf die Bedienung. Auffällig war besonders, daß die anderen Gäste ausnahmslos wie für einen Staatsempfang gekleidet waren, während sie beide wie Teilnehmer der Clochard-Jahresversammlung aussahen.

"Weshalb gehen Sie ausgerechnet in dieses Lokal?" fragte Katrin ungläubig. "Das paßt doch überhaupt nicht zu Ihnen."

Ihr Gesprächspartner nahm seine Brille mit den quadratischen Gläsern ab. "Alle Kneipen in dieser Gegend sehen so oder ähnlich aus, weil nahezu alle Menschen diese Form bevorzugen. Die nächste Außenseiter-Gaststätte befindet sich ungefähr zehn Kilometer von hier entfernt. Deshalb gehe ich lieber hierher, denn hier werde ich wenigstens bedient, wenn auch nicht besonders schnell." Er schaute auf seine Uhr.

Endlich ließ sich die Bedienung dazu herab, an ihren Tisch zu kommen. "Zwei Feitsel-Sporf mit einer Prise Hürg, bitte!" bestellte der Mann, ohne Katrin eine Wahlmöglichkeit zu lassen.

Nun saßen sie sich schweigend gegenüber und waren sich nicht sicher, wie sie ihr Gespräch eröffnen sollten. Katrin startete einen Versuch, indem sie sagte: "Mein Name ist Katrin, und wie heißen Sie?"

"Ich heiße Lemmosburfy-Cheyrus-Krohlsjerg-Bartarfunol."

"Oh, äh... stört es Sie, wenn ich einfach 'Lemmy' zu Ihnen sage?"

"Das ist schon in Ordnung, Katrin." Glücklicherweise stimmte er zu. Nach einer kurzen Pause sagte er dann: "Sie wollten mir doch Ihre lange Geschichte erzählen."

Katrin holte tief Luft und berichtete ihm alles, was ihr in den letzten beiden Tagen widerfahren war. Anschließend war es fast eine Stunde später, Katrin annähernd heiser und die Stirn ihres Zuhörers lag in tiefen Falten. "Das ist ja Wahnsinn, was Sie durchgestanden haben!" bemerkte er anerkennend.

Im selben Moment brachte der Kellner die bestellten Getränke in Gestalt zweier würfelförmiger, etwa zehn Zentimeter hoher Gläser, die mit einer in allen Farben glitzernden Flüssigkeit gefüllt waren. Auf deren Oberfläche fuhr zwischen vielen verschiedenartigen Fruchtstückchen jeweils ein kleines, motorgetriebenes Schiff umher und spielte eine mehrstimmige Melodie, die eine ebenso angenehme wie melancholische Atmosphäre schuf. Ein wendelartig gebogener Strohhalm phosphoreszierte grünlich und lud zum Trinken ein.

Lemmy holte eine abgenutzte Brieftasche hervor und zog eine Plastikkarte aus ihr heraus, die er auf den Tisch legte. Die Bedienung fuhr mit einem Stift über die Karte, bis ein Pfeifsignal ertönte. Sie bedankte sich und verschwand, während Lemmy seine Karte wieder verstaute. "So schnell bin ich hier noch nie bedient worden." Man konnte große Begeisterung von seinen Augen ablesen. "Ich sollte öfter am Nachmittag herkommen."

Er faßte an den Strohhalm, schaute Katrin an und sagte: "Trinken wir auf Ihre erfolgreiche Rückkehr nach EB-213.00!"

"Danke, hoffentlich geht es in Erfüllung." Katrin probierte vorsichtig einen Schluck des ungewöhnlichen Getränks. Es schmeckte zwar nicht besonders überzeugend, aber es schien ihr Kraft zu geben, und sie fühlte sich umso wohler, je mehr sie davon getrunken hatte. Enthielt es womöglich Alkohol? Das wäre weniger schön, weil sie doch momentan ihre Sinne unbedingt beisammenhalten mußte.

Jetzt rückte Lemmy näher an sie heran und senkte die Stimme, damit niemand außer ihr hören konnte, was er ihr mitteilte. "Wahrscheinlich handelten die Entführer im Auftrag des städtischen Rassenforschungsinstituts RFI. Dort läuft derzeit ein Projekt mit dem Namen ZK-683 unter völliger Geheimhaltung, und es gibt kaum undichte Stellen, so daß nur wenig Information nach außen dringt. Das Forschungsziel besteht angeblich darin, eine Möglichkeit zu finden, die Waldmenschen als Arbeiter nutzbar zu machen."

"Was soll das bedeuten?"

Lemmy beugte sich noch etwas weiter über den Tisch und erklärte: "Wir können den Grünhäutigen bis jetzt keine Arbeiten übertragen, und zwar aus dem einfachen Grund, daß keine Verständigung mit ihnen möglich ist. Ebensowenig sind wir dazu in der Lage, Übersetzungsapparate zu konstruieren, zumal meines Erachtens hier niemand weiß, daß diese Menschen überhaupt eine Sprache besitzen. Allerdings haben Wissenschaftler herausgefunden, daß sich ihre Gehirne nur unwesentlich von unseren unterscheiden. Man weiß schon seit Jahrzehnten, wie Gehirne durch Prunsgerfer-Strahlung gezielt verändert werden können. In ZK-683 geht es darum, auf diese Weise dem Denken der Waldmenschen diejenige Form aufzuprägen, die uns am nützlichsten ist. Auf jeden Fall soll das Sprachzentrum bearbeitet werden, so daß sie unsere Sprache verstehen.Desweiteren möchte man ihren Wunsch nach einem bescheidenen Lebensstil aufrechterhalten, um ihnen weniger Lohn zahlen zu müssen. Natürlich wird ihnen zudem ein erweitertes technisches Verständnis implementiert werden, um sie auch für anspruchsvollere Tätigkeiten verfügbar zu machen."

"Aber das ist ja Sklaverei, Völkermord, Ausbeutung!" rief Katrin entsetzt aus. "Pssst!" machte Lemmy sofort, doch es schauten bereits sämtliche Gäste zu ihnen herüber. Lemmy lief knallrot an, griff schnell zu seinem grünlich glimmenden Strohhalm und trank. Für ein paar Augenblicke war es dermaßen still in der Gaststätte, daß nur noch die leisen, sanften Melodien der Miniaturschiffe zu hören waren. Da sich nun aber nichts Spektakuläres mehr an ihrem Tisch ereignete, drehten sich die Schaulustigen allmählich in ihre Ausgangspositionen zurück und nahmen ihre Gespräche wieder auf.

Als Lemmy sicher sein konnte, daß sie nicht länger im Mittelpunkt des Interesses standen, ließ er von seinem Getränk ab und sprach mit gedämpfter Stimme weiter: "Sicher ist es das. Aber unsere Gesellschaft betrachtet die Grünhäutigen nicht als Menschen, sondern als Tiere, aus denen man jetzt Nutztiere machen möchte. Es kursiert das Gerücht, daß die gewaltige Antenne auf dem Dach des RFI dazu dienen soll, die entsprechende Prunsgerfer-Strahlung über Hunderte von Kilometern auszustrahlen. Falls die Sache tatsächlich funktioniert, werden sich alle Waldmenschen innerhalb dieses Gebietes in Fronarbeiter verwandeln und aus eigenem Antrieb in die Städte ziehen. Natürlich werden die Strahlen ebenso die Gehirne unserer eigenen Rasse treffen, uns machen die bewirkten Veränderungen allerdings nichts aus. Unsere Sprache beherrschen wir schon, und ein etwas besseres technisches Verständnis könnte einigen Leuten ohnehin nicht schaden."

Jetzt betraten zwei Männer das Lokal, deren Anzüge wie Weihnachtsbäume geschmückt waren. Sie glänzten und glitzerten einfach überall, und Duftschwaden von herbem Parfüm erfüllten den Raum. Ihre Haare hatten sie streng nach hinten gekämmt und trugen leicht verdunkelte Brillen, die sie nun praktisch synchron mit einer lässigen Handbewegung abnahmen. Langsam schritten sie auf Katrin und Lemmy zu und wählten schließlich deren Nebentisch. Sofort kam die Bedienung angelaufen, um eifrig ihre Bestellung entgegenzunehmen.

Obwohl sie stark geschminkt waren, glaubte Katrin, einen der beiden Männer bereits irgendwo einmal gesehen zu haben. Sie dachte angestrengt nach. Es konnte eigentlich nur in dieser Welt gewesen sein. Genau, der Groschen war gefallen: Es handelte sich um einen der Entführer! Aufgeregt, aber dennoch mit beherrscht leiser Stimme teilte sie dies ihrem Gegenüber mit, woraufhin sie das Gespräch der Tannenbäume zu belauschen begannen.

"Oh Mann, ich habe mich vorhin im Spiegel betrachtet und eingesehen, daß ich eigentlich zu schön für meine Freundin bin. Ich sehe ganz einfach fantastisch aus."

"Das ist absolut richtig, aber sie ist doch auch nicht ohne."

"Sicherlich, sie trägt ein Stahlkorsett und geht jeden Monat zum Schönheitschirurgen. Aber mit ihrer Kleidung liegt sie nie völlig im Trend, und es ist mir furchtbar peinlich, mit ihr gesehen zu werden."

"Läßt sie denn nicht mit sich darüber reden?"

"Nein, sie lehnt es störrisch ab, sich wöchentlich neu einzukleiden, wie es alle halbwegs zivilisierten Menschen tun. Ich habe es einfach satt, mich mit dieser Schlampe abzugeben. Mit meiner umwerfenden Schönheit sollte ich mich lieber auf die Suche nach einer Neuen begeben, anstatt mich von ihr laufend erniedrigen zu lassen."

Bislang erwies sich ihre Unterhaltung als nicht allzu informativ.

"Das ist ein für unsere Gesellschaft ganz typischer Dialog", kommentierte Lemmy im Flüsterton, und in der Hoffnung auf einen baldigen Themenwechsel horchten sie weiter.

"Unser Wachmann ist ganz schön neidisch auf uns, seitdem sein linker Daumen amputiert wurde."

"Der Typ ist auch zu blöd, um eine Brotschneidemaschine zu bedienen."

"Ha, ha, mit dem Krüppel spricht jetzt natürlich keiner mehr."

"Dazu würde ich mich auch nicht herablassen. Das wäre ja mein gesellschaftlicher Ruin, wenn mich jemand beim Gespräch mit einer minderwertigen Kreatur erwischte."

"Sein Daumen kommt ihn teuer zu stehen, denn jetzt besäuft er sich täglich bis zur Ohnmacht. Um diese Zeit liegt er bestimmt schon wieder volltrunken im Wachraum und singt Seemannslieder."

"Igitt, Seemannslieder. Die waren vielleicht vor zwanzig Jahren angesagt, aber doch heute nicht mehr."

"Wenn das die Vorgesetzten im RFI wüßten! Jetzt könnte doch jeder problemlos über den Zaun steigen, unbehelligt an ihm vorbeigehen und wäre praktisch schon im Hauptlabor."

Ofensichtlich gelangte das Gespräch nun in interessantere Bahnen. Katrins Ohren weiteten sich, und sie hielt einen Stift und ein paar Bierdeckel bereit, um sich gegebenenfalls Notizen machen zu können.

"Wie steht es eigentlich mit ZK-683?"

"Oh, es ist eigentlich alles zur endgültigen Aktion bereit; wir warten nur noch auf die Genehmigung von oben. Vorhin haben wir das letzte Experiment mit der kleinen Antenne durchgeführt. Mir wurde die Prunsgerfer-Elektrode an der Stirn befestigt, und einer der fünf neuen Primitivlinge stand vor der Antenne. Wir wählten den Total-Transfer-Modus, so daß sein Verhalten nach der Bestrahlung nicht mehr von meinem zu unterscheiden war. Anschließend mußten wir ihn natürlich töten, weil er eine immense Gefahr für uns alle darstellte."

"Scheint ja nicht schlecht zu laufen. Als wir im Wald euer Versuchsmaterial besorgt haben, wollte uns eines der Weibchen in die Quere kommen. Mit einem blitzsauberen Schuß haben wir es niedergestreckt. Ach, dieses grüne Blut sieht einfach witzig aus! Aber um Verluste brauchen wir uns keine Sorgen zu machen, denn es gibt noch ausreichenden Vorrat."

Jetzt wurden die bestellten Getränke ean ihren Tisch gebracht, weshalb sie ihre Unterhaltung kurzzeitig unterbrechen mußten. "Los, mischen wir das RFI auf!" flüsterte Katrin Lemmy zu. Der sah sie zunächst verdutzt an, doch dann konnte man förmlich seine Gedanken rotieren und den Haß in ihm aufsteigen sehen, bis er schließlich leise, aber energisch sagte: "Dann laß uns aufbrechen!"

Sie wolten gerade aufstehen, als Katrin plötzlich einen weiteren hochinteressanten Gesprächsfetzen vom Nebentisch auffing und Lemmy sofort ein Zeichen zum Sitzenbleiben gab.

"Was ist eigentlich mit dem TEFT in Raum 103 los?"

"Ach, den muß man einfach nur kräftig treten. Genau wie die Frauen!" Sie brachen in heftigstes Gelächter aus, während sich Katrin und Lemmy verschwörerisch anschauten. Sie hatten nun ausreichende Informationen gesammelt, um einen erfolgreichen Plan aushecken zu können. Deshalb verließen sie jetzt endgültig und entschlossen das Lokal.

"Wie lange sind wir bis zum RFI unterwegs?" fragte Katrin, nachdem sich die Tür hinter ihnen geschlossen hatte.

"Nicht länger als eine Viertelstunde", behauptete Lemmy und deutete auf ein hohes, dünnes, spitz zulaufendes Gebilde. "Dort siehst Du die Antenne."

Während sie durch die Straßen marschierten, entwarfen und diskutierten sie verschiedene Varianten ihrer bevorstehenden Aktion. Schließlich gelangten sie an ein zwei Meter hoch umzäuntes Grundstück, in dessen Mitte ein mehrstöckiges, weißes, kastenförmiges Gebäude stand, das die Antenne trug. Sie umrundeten das Gelände, bis sie auf einen zerbrochenen Zaunpfahl trafen. "Hier können wir den Zaun einfach umkippen und problemlos hinübersteigen", schlug Katrin vor.

Lemmy schaute sich nachdenklich um. "Vielleicht sollten wir noch warten, bis in zwei, drei Stunden die Dämmerung einsetzt. Jetzt könnten wir leicht beobachtet werden."

Katrin stimmte ihm keineswegs zu: "Dann werden aber diese riesigen Scheinwerfer das RFI beleuchten. Bei Tageslicht wirkt unsere Aktion viel unverdächtiger, zumal der Wächter ohnehin sternhagelvoll ist."

Hinzu kam natürlich, daß sie möglichst schnell nach Hause gelangen wollte, was sie jedoch in diesem Zusammenhang nicht erwähnte.

"Überzeugt!" lenkte der Mann im alten Mantel ein, drehte sich sicherheitshalber noch einmal um die eigene Achse und stemmte sein ganzes Gewicht gegen den Zaun, der sich daraufhin stark nach unten bog. Als sich Katrin beteiligte, lag der Zaun schnell besiegt am Boden. Zugleich gingen sie ein paar Schritte voran und sprangen über den Stacheldraht an der ehemaligen Oberseite. Sofort schnellte der Zaun laut zischend in die aufrechte Position zurück, doch er hatte versagt, denn die beiden Eindringlinge standen nun auf dem Hof des RFI.

"Wir müssen den Wachraum finden", forderte Lemmy, der das fremde Gespräch genau verfolgt und sich den wichtigen Hinweis eingeprägt hatte. "Dann ist es nicht mehr weit zum Labor."

Um keinen Verdacht zu erwecken, gingen sie so natürlich wie möglich zu dem Klotzgebäude, als wären sie auf dem Weg zum Brötchenholen. Dort angekommen hörten sie entfernt eine männliche Stimme, die höchst eigenartige Laute produzierte.

"Das muß der Wachmann sein", flüsterte Katrin. Sie folgten den Geräuschen, wobei sie sich dicht an die Wand drückten. Schon bald gelangten sie an ein offenes Fenster, hinter dem sich die lärmende Person befinden mußte. Diese wechselte in einer Weise die Tonlage, daß man davon ausgehen konnte, es handelte sich um Gesang: "Wir lagen vor Swirzhogbernuls und hatten den Gorn an Bord..."

Sie riskierten einen Blick in die Wachstube und entdeckten einen Uniformierten, der zwischen einigen leeren und halbvollen Flaschen am Boden lag und gerade versuchte, seine Mütze auf der Nase zu balancieren, was ihm jedoch mißlang. "Ich glaube, der stellt keine echte Gefahr für uns dar", erkannte Lemmy. Leise öffneten sie die Eingangstür, die sich unmittelbar neben dem Wachraum befand, und schlichen sich an der Schnapsleiche vorbei.

"Da hinten ist das Labor", flüsterte Lemmy und deutete auf ein Türschild. Katrin war froh, daß sie ihn dabeihatte, denn ohne ihn hätte sie keine Schrift lesen und sich wohl kaum orientieren können. Er faßte an den Griff der betreffenden Tür - und sie war unverschlossen! "Diese Wissenschaftler sind aber wirklich unvorsichtig", bemerkte Katrin erfreut.

In der Mitte des Labors stand eine Liege, auf deren Kopfende eine Elektrode ruhte, vermutlich die ständig erwähnte Prunsgerfer-Elektrode. Ein Kabel führte von ihr zu einem breiten Schrank, dessen Vorderseite mit einer großflächigen, kompliziert aussehenden Schalttafel geschmückt war. Von diesem Schrank gingen zwei weitere Drähte aus: ein dünner, der quer durch den Raum gespannt war, und ein sehr dicker, der senkrecht an der Wand verlegt war und in der Decke verschwand. Auf einem niedrigen Tisch lagen neben ein paar leeren Getränkeflaschen fünf Helme, die Katrin zuerst für Motorradhelme hielt. Eine Gittertür versperrte den Zugang zu einem Nebenraum.

Hinter dem Gitter erschien jetzt ein Waldmensch, den der Anblick der beiden Besucher in helle Aufregung zu versetzen schien. "He, Karla! Rette uns, rette uns!" rief er ihr zu. Nun erschienen drei weitere seiner Artgenossen an der Tür und schlossen sich seiner Bitte an. "Wir werden euch helfen!" versprach Katrin. "Aber seid bitte nicht so laut, sonst geht die Sache womöglich schief!"

Währenddessen befaßte sich Lemmy mit der Schalttafel und glaubte schon kurze Zeit später, den totalen Durchblick zu besitzen. "Dort auf dem Tisch liegen Schutzhelme gegen die Prunsgerfer-Strahlung", stellte er sachlich fest. "Wir können also Plan C in die Tat umsetzen."

Plan C hatte Katrin gleich am besten gefallen, aber sie erkannte ein Problem: "Die Gittertür ist fest verschlossen. Wie sollen wir denn bloß an einen der Grünhäutigen herankommen?"

Daran hatte Lemmy offensichtlich auch nicht gedacht, denn er blieb sekundenlang regungslos stehen. Dann nahm er die Elektrode und ging mit ihr zum Gitter, so daß sich das Kabel spannte. "Steck' deinen Kopf so weit wie möglich durch die Gitterstäbe", bat Katrin einen der vier Gefangenen, der dies unter großer Anstrengung befolgte. Mit roher Gewalt verlängerte Lemmy den Draht um einige Zentimeter, bis er die Elektrode auf der vorgestreckten Stirn befestigen konnte.

"Alles klar?" fragte er Katrin.

"Alles klar!"

Sie setzten sich die Helme auf. Lemmy ging zur Schalttafel und rief feierlich: "Es geht los!" Er drückte auf einen kleinen blauen Knopf, was ein lautes, tiefes Brummen im Raum verursachte und das Licht dunkler werden ließ. Die Menschen im Nebenraum liefen etwas irritiert umher, bis Lemmy einen gelben Knopf benutzte, um das Spektakel zu beenden. Nachdem er die Elektrode entfernt und sie die Helme abgenommen hatten, schien alles wieder wie vorher zu sein.

Sie gingen zum Wachmann zurück, wo Lemmy fast in Freudensprünge ausgebrochen wäre, weil er seinen Gesang nicht mehr verstehen konnte. Das lag nicht etwa daran, daß ihn dessen Seemannslieder besonders genervt hätten, sondern daß dies ein erstes Zeichen für den Erfolg ihrer Aktion war. Aufgeregt liefen sie in das oberste Stockwerk, um das Geschehen in der Umgebung zu beobachten.

Einige Leute stiegen aus ihren Fahrzeugen und schauten sich verwundert um, andere betrachteten skeptisch ihre aufgetakelte Kleidung und zogen sie einfach aus. Überall sah man sich Gruppen bilden, die sich auf die Bordsteinkanten setzten, um miteinander zu reden. Katrin und Lemmy fielen sich vor Freude in die Arme. Es hatte geklappt!

 

Was hatte geklappt? Ganz einfach: Die beiden Saboteure hatten die große Dachantenne in Betrieb genommen. Sie wählten den 90-Prozent-Modus, so daß sämtliche Menschen im Umkreis von von mehreren hundert Kilometern die Mentalität des Waldmenschen im wesentlichen übernahmen, ohne dabei ihre Individualität zu verlieren, was im Total-Modus geschehen wäre.

"Hoffentlich nimmt diese Welt jetzt eine bessere Entwicklung", wünschte sich Katrin.

"Wir haben jedenfalls alles dafür getan", ergänzte Lemmy. Sie schauten sich noch ein paar Minuten lang das veränderte Leben in der Stadt an, bis schließlich Katrin darauf drängte, den TEFT ausfindig zu machen. Sie holte einen Bierdeckel aus ihrer Hosentasche hervor, den sie als Notizzettel mißbraucht hatte, und sagte in ernstem Tonfall: "Wir müssen das ZimmerNummer 103 finden!"

Instinktiv suchten sie es im ersten Stockwerk, hatten jedoch keinen Erfolg. Die Numerierung der Labor- und Büroräume schien völlig willkürlich zu sein. Sie hetzten durch alle Flure auf allen Etagen, so daß ihnen bald die Zungen wie rote Krawatten aus den Mündern hingen. Dann stießen sie im Keller auf eine alte, ziemlich morsch aussehende Tür, deren Nummernschild fehlte.

Lemmy entdeckte es auf einem verstaubten Regal, das einsam im selben Gang stand, und las seine Aufschrift vor: "Zimmer 103". Da offenbar sämtliche anderen Türen ihre Schilder noch besaßen, mußte dies hier der langgesuchte Raum sein.

Er war zwar verschlossen, aber Lemmy brauchte die Tür quasi nur anzuhauchen,um sie zu öffnen. Katrin schaltete das Licht ein und schaute nun in einen kahlen Raum, auf dessen Boden eine Kreisfläche gekennzeichnet und neben ihr ein kleiner Kasten mit Tastatur an der Wand befestigt war. Lemmy hatte einen Katalog entdeckt, in dem er aufgeregt blätterte. "Hier sind die Zahlen vermerkt, die man eingeben muß, um in eine bestimmte Welt zu gelangen", erklärte er. "Das funktioniert wie beim Telefonieren."

"Oh nein!" rief er einen Augenblick später aus. "Deine Welt ist hier nicht eingetragen. So ein &#%&!*$#&!" Dieser Schock ließ Karin gegen die Wand taumeln. Was sollte sie jetzt bloß tun? Sie versuchte, einen klaren Kopf zu bewahren und zu überlegen, wohin sie stattdessen reisen konnte.

"Natürlich, ich hab's!" schrie sie plötzlich zu Lemmys Erstaunen laut durch das Zimmer. "Ich werde zu Quadro reisen! Er kann mich bestimmt nach Hause bringen!" Sie wandte sich an ihren Mitverschwörer. "Kannst du bitte nachschauen, ob die Welt EB-173.91 in deinem Wälzer verzeichnet ist?"

Der Angesprochene blätterte ein paar Seiten vor und zurück und antwortete dann: "Ja, in der Tat!"

"Dann möchte ich genau dorthin reisen. Hast du dein Ziel auch schon gefunden?"

"Ja, meine Traumwelt steht ebenfalls in dem Katalog. Ach, ich freue mich schon auf das angenehme Klima und die gesprächsfreudigen, sozialeren Menschen dort. Allerdings tut es mir schon etwas leid, daß ich meine Heimatwelt und auch dich niemals wiedersehen werde."

"Ich finde es unheimlich nett von dir, wie du mir geholfen hast. Das werde ich dir niemals vergessen." Sie stellte sich auf den Kreis, und Lemmy folgte ihr mit dem aufgeschlagenen Katalog in der Hand. Er blieb außerhalb der Markierung stehen und beugte seinen Oberkörper vor, um die Tastatur erreichen zu können. Abwechselnd schaute er in den Katalog und auf die Tasten, während er seine Eingabe laut vorlas: "3, 4, 6, 1, 6, 5, 9, 7, 6, 0, 7. Leb wohl, Katrin!"

"Du erst recht, Lemmy!"

Es passierte jedoch überhaupt nichts. Lemmy war erstaunt und kontrollierte nochmals die Zahlen auf der Anzeige. "Ach ja, ich erinnere mich!" Er holte weit mit seinem rechten Bein aus und ließ es schwungvoll gegen den TEFT krachen. Noch im selben Moment konnte Katrin ihn nur noch schemenhaft wahrnehmen, ebenso wie der Rest des Raums. Sie spürte einen leichten Wind in ihren Haaren, der schnell wieder verebbte. Sie war wieder einmal zwischen den Welten unterwegs.

 

 

Kapitel 9

Bernd konnte es nicht fassen. "So ein Schrottgerät!" brüllte er durch die Höhle. "Ich bin auch einfach zu bescheuert! Wie soll ich denn jetzt die richtige Frequenz einstellen? Hier kennt doch niemand die Schriftzeichen auf dem Ding! Verdammter Mist! Und in der anderen Welt werden wir exekutiert, wenn wir diesen Müllapparat vorzeigen! Es ist doch zum Haareausreißen!" Er war auf dem besten Weg, dies in die Tat umzusetzen, bis Knirsch ihn beruhigte.

"He, Mann, wir werden die Fellverwalterin um Rat fragen. Sie weiß viel über fremde Welten, und vielleicht kann sie dir weiterhelfen." sagte er mit ruhiger Stimme.

"Ich habe ja keine andere Wahl", maulte Bernd und verließ die Felshöhle. Der Käfer auf seiner Schulter, der sich als Lotse betätigte, sagte mitleidig zu ihm: "He, du wirkst so schlapp! Möchtest du etwas essen?"

Bernd war gerade nicht besonders gut aufgelegt und antwortete gereizt: "Ich will dir was sagen, du fauler Sack! Wenn du meinst, du könntest dich den ganzen Tag lang von mir kutschieren lassen und müßtest dann auch noch dumme Sprüche bringen, dann liegst du bei mir falsch! Soll ich vielleicht das Gras fressen?"

"Äh... also, ehrlich gesagt, ja!" erwiderte der Sechsbeiner vorsichtig.

"Na dann los!" Bernd hatte die Nase voll. Er warf sich der Länge nach ins Gras, riß es büschelweise aus und stopfte es sich in den Mund. Jetzt war er völlig durchgedreht, dachte Knirsch, der sich nach Bernds Hechtsprung zweimal überschlagen hatte und nun zum Stillstand gekommen war.

Bernds wütende, unkontrollierte Bewegungen beruhigten sich jedoch schnell, und ein Staunen war in seinem Gesicht zu lesen. "Hmmm... das schmeckt ja gar nicht schlecht!" rief er aus und nahm eine ausgiebige Mahlzeit. Knirsch gönnte sich ebenfalls ein paar scharlachrote Grashalme und war erleichtert, daß sich Bernds Laune wieder gebessert hatte. Schließlich setzten sie den Marsch fort und kamen bald zu der Stelle, wo heute morgen noch die Villa gestanden hatte.

Deren Überreste waren bereits vollständig beseitigt, und nun stand dort stattdessen eine bescheidene Holzhütte. Bernd klopfte an die Tür, und die Fellverwalterin öffnete sie. "Oh, ihr seid wieder da! Wie schön! Kommt herein!" rief sie erfreut aus. Sie traten ein und sahen ihren kleinen Ehemann am Tisch sitzen, ein Schachbrett mit Figuren vor sich. "Wir haben gerade ein bißchen gespielt", erklärte seine Gattin. "Setzt euch bitte!"

Sie nahmen auf einem hölzernen Hocker Platz und hörten sich an, was das Ehepaar zu erzählen hatte. "Wir waren nervlich am Ende", berichtete der Zwerg, "Doch dann kamen unsere Nachbarn wieder, die so plötzlich im Wald verschwunden waren. Sie brachten diese herrliche Hütte mit, die sie dort gebaut hatten. Wir waren richtig gerührt." Man sah ihm an, daß er die Wahrheit sagte.

"Und dieses tolle Spiel haben sie geschnitzt!" ergänzte seine Frau mit Begeisterung, "Früher haben wir nie gespielt, denn wir mußten uns um das Management kümmern und die Villa reinigen. Unser Leben ist ja so viel schöner geworden!" Ihr Mann nickte zustimmend, und die beiden Gäste schauten sich verblüfft an. Innerhalb weniger Stunden hatten diese Menschen einen Wandel durchlaufen, wie ihn viele andere in ihrem gesamten Leben nicht vollbringen können.

Jetzt erzählte Bernd, was Knirsch und er währenddessen auf EB-199.95 erlebt hatten. Als er schließlich von der Tatsache berichtete, daß er den TEFT nicht bedienen konnte, wäre beinahe wieder die Wut in ihm hochgestiegen. Die Hüttenbewohner hörten ihm interessiert zu und schauten sich das Gerät an, doch sie konnten die Zeichen ebenfalls nicht entschlüsseln.

"Es gibt für dich nur eine Möglichkeit", erklärte der Bonsai, "Du mußt dich den Logikern auf EB-103.24 stellen! Sie kennen alle Sprachen und alle Arten von TEFTs. Sie werden dir mühelos helfen können, wenn sie es wollen."

Das letzte Wort betonte er in einer Weise, daß es Bernd kalt den Rücken herunterlief. Sollte er wirklich dorthin gehen? Die Situation war eindeutig; er hatte gar keine andere Wahl.

"Du mußt es versuchen", ermunterte ihn der Käfer, "Ich werde dich bis zur Höhle begleiten."

Bernd zwang sich aufzustehen und reichte den Gastgebern die Hand. "Ich danke euch, daß wir in eurer Villa übernachten durften, auch wenn wir etwas unsanft geweckt wurden. Hoffentlich gefällt euch euer neues Leben auch weiterhin." Sie wünschten ihm alles Gute, was ja durchaus angebracht war, und winkten noch so lange, bis sie außer Sichtweite waren, vielleicht sogar noch länger.

Sie stiegen die Treppe zur Höhle hinab und gingen langsam zum äußerst linken Rechteck. "Ich danke dir für deine Hilfe, Knirsch", sagte Bernd traurig. "Eines Tages komme ich wieder, wenn ich die Chance dazu habe."

"Leb wohl! Zeig's den Logikern!" Knirsch hob von Bernds Schulter ab.

"Und vergiß diesmal nicht, das Licht zu löschen! Ist doch Energieverschwendung!" meinte Bernd zum Abschied.

"Geht klar!" Die winzigen Gesichtszüge des Käfers formten sich zu einem Lächeln.

Mit einem Sprung stürzte sich Bernd durch das Weltentor, und sein Körper durchwanderte einen weiteren Frequenzübergang. Diesmal landete er in einem langen, dunklen Tunnel, in den von einer Seite her schwaches Licht drang. Als sich seine Augen der Dunkelheit angepaßt hatten, erkannte Bernd zwei parallele Metallstreifen, die den Tunnel der Länge nach durchzogen. Ihn erinnerte dies alles an ein U-Bahn-System, weshalb er sich nun dicht an der Wand entlang in die Richtung des Lichtes bewegte.

Das rötlich leuchtende Rechteck war bereits außer Sichtweite, als er plötzlich ein Zischen hörte. Er preßte sich sofort gegen die Wand, und Sekundenbruchteile später rauschte ein Zug mit enormer Geschwindigkeit an ihm vorbei. Der Sog schleuderte Bernd durch die Luft, und als sich der Zug entfernte, landete er unsanft auf den Gleisen. Er war jedoch nicht ernsthaft verletzt, kam schnell wieder auf die Beine, schnappte sich die Tüte mit dem TEFT und rannte weiter, so schnell er nur konnte. Eine weitere Begegnung dieser Art wollte er auf jeden Fall verhindern.

Völlig außer Atem erreichte er den Bahnsteig, auf dem etwa zwanzig Leute standen, die ihn verwundert anschauten. Bernd erwiderte diese Blicke auf die gleiche Weise, denn sie sahen merkwürdig aus. Im wesentlichen glichen sie Bernds Artgenossen, jedoch waren die Köpfe auf Kosten des Halses verlängert und saßen direkt auf den Schultern. Ihre Gesichter hatten eine ziemlich rote Farbe, als hätten sie extremen Bluthochdruck, und die meisten von ihnen waren ziemlich korpulent, um es vorsichtig auszudrücken.

Ihr Interesse für Bernd sank jedoch auf den Nullpunkt, als der nächste Zug eintraf, und sie stiegen zielstrebig ein. Bernd schaute sich um und sah mindestens zehn Aufzüge, aber auch eine Treppe, die allerdings sehr schmutzig und verstaubt aussah. Bernd entschied sich dennoch für sie, denn mit den Fahrstühlen konnte er sicherlich nicht umgehen. Er mußte zwar einige Spinnennetze beseitigen, die übringens exakt rechtwinklig konstruiert waren, aber kam trotzdem gut voran. Nach über hundert Stufen erreichte er die nächste Ebene, die ihn in Erstaunen versetzte.

Er stand auf einer Verkehrsinsel in einem gewaltigen Straßensystem, auf dem Tausende von Autos fast lautlos umherfuhren. Alle hielten denselben Abstand von ungefähr zehn Metern; wahrscheinlich waren sie computergesteuert. Es war ein riesiges Gewirr von Leitplanken, Markierungen und Hinweisschildern, das für Pflanzen keinen Platz übrigließ. Vereinzelte Pfeiler stützten die Decke, die sich in zwanzig Metern Höhe befand und hellblau gefärbt war, um einen Himmel vorzutäuschen. Bernd war verblüfft von dieser Konstruktion, die sich in alle Richtungen bis zum Horizont fortsetzte. Er erklomm die nächsten Stufen und war gespannt darauf, was ihn wohl im folgenden Stockwerk erwartete.

Dort herrschte eine viel freundlichere Atmosphäre, wie Bernd erfreut feststellte. Zwar war der Himmel auch hier gefälscht, aber es gab nur Wiesen, Wälder und Parks mit breiten Fuß- und Fahrradwegen. Autos durften hier offensichtlich nicht fahren, und man hörte stattdessen ein paar Vögel zwitschern. Es waren viele Spaziergänger unterwegs, die sich unterhielten. Zufrieden bemerkte Bernd, daß der Übersetzer ihre Sprache beherrschte. Radfahrer waren eher eine Seltenheit und fuhren meistens ganz langsam auf sehr bequemen Rädern. Hier blieb Bernd schon etwas länger, war jedoch neugierig auf die weiteren Ebenen und setzte daher seinen Aufstieg fort.

Endlich! Er war an der Oberfläche angekommen, denn dieser Himmel mußte einfach echt sein. Ansonsten sah die Umgebung leider nicht sehr freundlich aus. Der Boden war so glatt und eben wie Parkett und durch schnurgerade, parallele Linien mit jeweils etwa fünf Metern Abstand zueinander in Quadrate eingeteilt. In den Ecken dieser Quadrate befanden sich Schriftzeichen, die Bernd erwartungsgemäß nicht lesen konnte. Stattdessen konnte er in der Ferne gigantische Hochhäuser entdecken, die perfekt quaderförmig aussahen und teilweise die Wolkendecke durchstießen.

Hier war kein Lebewesen zu sehen und kein Geräusch zu hören. Bernd wußte nicht so recht, was er tun sollte, bis er sich entschloß, wieder eine Ebene tiefer zu steigen. Doch bevor er dies in die Tat umsetzen konnte, schoß plötzlich eine Maschine auf ihn zu, die gewisse Ähnlichkeit mit einem Staubsauger aufwies.

"Weshalb befinden Sie sich auf Ebene 1?" wollte das Haushaltsgerät mit mechanisch klingender Stimme wissen. Bernd musterte seinen Gesprächspartner, dessen Rumpf ein flacher, metallisch glänzender Kasten war, der ein paar Zentimeter über dem Boden schwebte. Ein langer, schlauchartiger Hals verband ihn mit dem ebenfalls flachen Kopf, auf dessen Stirnseite zwei nebeneinanderliegende Rechtecke in grellem Rot leuchteten.

"Ich kenne mich hier nicht aus", antwortete Bernd den Tatsachen entsprechend. "Ich komme nämlich von EB-213.00."

"Dann bringe ich Sie zum Ausweltleramt", erklärte die Maschine knapp. Im nächsten Moment spürte Bernd eine ungeheure Kraft auf seinen Körper einwirken, deren Ursache er jedoch nicht ermitteln konnte. Er wurde durch die Luft gezerrt und flach auf den Staubsaugerrumpf gelegt, ohne daß er sich hätte wehren können. Das Gerät beschleunigte jetzt in wenigen Sekunden auf ungefähr zweihundert Kilometer pro Stunde, wodurch Bernd das Atmen nicht unbedingt leichter fiel.

Sie jagten zwischen den Wohnblöcken hindurch, und das Quadratmuster des Bodens verschwamm in Bernds Augen. Er war unendlich erleichtert, als sie vor einem verspiegelten, besonders breiten Hochhaus hielten. Endlich konnte er den verkrampften Griff lockern, mit dem er den eingetüteten TEFT festhielt. Sie schwebten in einen Aufzug, und die Maschine sagte: "Vierhundertsiebenundsechzig".

Bernd spürte, daß er zunächst gegen den Roboter gepreßt und einen Augenblick später fast schwerelos wurde. Die Fahrstuhltür öffnete sich, und sie gelangten auf einen stark bevölkerten Flur, wo Bernd zum allgemeinen Bestaunen herhalten mußte. Sie schwebten bis vor eine der scheinbar unendlich vielen Türen, die sich daraufhin automatisch öffnete, wie es Bernd von "Raumschiff Enterprise" kannte. Nachdem sie eingetreten waren, packte ihn erneut ein unsichtbares Kraftfeld, richtete ihn auf und stellte ihn auf den Fußboden. Anschließend verließ der Roboter den Raum wieder, was die Tür zum Schließen veranlaßte.

Neugierig schaute Bernd sich um. Er befand sich in einem kleinen Bürozimmer, dessen Wände und Möbel vollständig in Weiß gehalten waren. Ein Scheibtisch bildete das Zentrum, und ein Fenster ermöglichte den Blick auf benachbarte Häuserklötze.

An den Wänden hingen Bilder, die geometrische Objekte in verschiedenen Formen und Farben darstellten. Gar nicht so schlecht, fand Bernd, wenn der Raum bloß nicht ganz so kalt und steril eingerichtet gewesen wäre. Er setzte sich auf einen Stuhl vor dem Schreibtisch und wartete ab, was wohl als nächstes passieren würde.

Er brauchte sich nicht lange zu gedulden, denn in diesem Augenblick öffnete sich eine Seitentür, die er vorher gar nicht bemerkt hatte. Ein großer, ausnahmsweise schlanker Mann im weißen Kittel betrat das Zimmer und setzte sich auf den Sessel jenseits des Schreibtisches. Er faßte sich mit einer reflexartigen Bewegung an seine kleine Brille, fuhr mit der Hand durch seine hellgrauen Haare und schaute Bernd so wohlwollend an wie der Arzt einen hoffnungslos Geisteskranken.

"Sie kommen also aus EB-213.00", eröffnete er das Gespräch. "Weshalb sind Sie hier?"

Bernd packte den TEFT aus, wischte etwas Staub von dessen Oberfläche und reichte ihn über den Schreibtisch. "Dieses Gerät stammt von EB-199.95", erklärte er. "Ich bin nicht dazu in der Lage, es zu bedienen. Mein einziger Wunsch ist, nach Hause zurückzukehren, und bitte Sie, mir dabei zu helfen."

Mit Abscheu nahm sein Gegenüber den Apparat in die Hand und betrachtete ihn verächtlich. "Welch eine unbeholfene, primitive Konstruktion", kommentierte er in einem arroganten Tonfall. "Statt sich gegenseitig ihrem Gott zu opfern, sollten diese geistigen Tiefflieger lieber ihre wenigen Gehirnzellen anstrengen. Man müßte ihre monströsen Kirchen dem Erdboden gleichmachen, um sie zur Vernunft zu bringen." Die Röte seines Kopfes steigerte sich noch um einige Prozentpunkte, und seine Gesichtszüge nahmen fast einen Ausdruck von Wahnsinn an, als er den TEFT in einen Behälter auf dem Tisch fallen ließ.

"Werden Sie das Gerät trotzdem für mich einstellen?"

"Harharhar", der Mann im Kittel wand sich vor Lachen. "Ihr tolles Gerät hat leider gerade die Welt NU-2412.69 erreicht, die wir als globalen Mülleimer verwenden. Ist das nicht wunderbar? Keinerlei Entsorgungsprobleme, an denen zum Beispiel Ihre Welt zu ersticken droht! Mit NU-2412.69 können wir ein ganzes Universum vollkippen und werden unseren Abfall niemals wiedersehen. Ein geniales System!"

Bernd ließ sich nicht von seiner Begeisterung anstecken, sondern rief entsetzt aus: "Sie haben den TEFT weggeworfen? Weshalb tun Sie so etwas?"

"Wir haben es überhaupt nicht nötig, uns mit solchem Schrott zu befassen. Wenn wir jemanden in eine andere Frequenz befördern wollen, so tun wir dies mit unseren eigenen, perfekten Geräten. Wir lassen uns von niemandem helfen, denn wir sind die Intelligenz und die geistigen Führer sämtlicher Welten."

Plötlich löste sich Bernds TEFT, den Quadro ihm gegeben hatte, von seinem Hosengürtel und verschwand ebenfalls in dem postmodernen Mülleimer. Bernd schaute ihm hilflos nach, woraufhin der Logiker erklärte: "Das geschieht nur, damit Sie auf keine dummen Gedanken kommen!"

Er war jetzt so richtig in Redelaune geraten und fuhr vehement mit seinem Vortrag fort: "Sie haben doch bestimmt unsere Vier-Ebenen-Aufteilung bewundert. Diese durchdachte Konstruktion werden sie in keiner anderen Welt finden, ebensowenig wie die ideal bebaubare Erdoberfläche. Mit Hilfe unserer Wissenschaften, insbesondere der Logik, haben wir uns optimale Lebensbedingungen geschaffen. In dieser Welt verschwenden die Menschen keine Zeit mit irgendwelchen sinnlosen Hobbys, sondern trainieren in jeder freien Sekunde ihr logisches Denkvermögen."

Jetzt unterbrach ihn Bernd, indem er fragte: "Bringt denn solch ein Leben Spaß?"

Der Logiker fuhr hoch, als hätte er sich auf eine heiße Herdplatte gesetzt. "Wissen ist Macht!" schrie er Bernd wütend an. "Sehen Sie, ich könnte Sie jetzt ebenfalls nach NU-2412.69 befördern, ohne daß Sie auch nur die geringste Verteidigungschance besäßen. Sie befinden sich in meiner Gewalt, denn ich brauche nur ein Zeichen zu geben, und Sie werden vom Sicherheitssystem entsorgt."

Er wanderte hinter dem Tisch hin und her, und seine Stimme klang nun irgendwiefeierlich: "Sie sind mir hoffnungslos ausgeliefert, weil meine Kollegen und ich mit unserer phänomenalen Intelligenz Maschinen bauen konnten, denen Sie ganz einfach nicht gewachsen sind. Auf diese Weise bin ich Ihnen nicht nur intellektuell, sondern auch physisch überlegen. Ist Überlegenheit nicht das schönste Gefühl überhaupt? Dafür leben wir, und nicht für Albernheiten und Sinnlosigkeiten, wie man das bei Ihnen tut, mein Freund!"

"Was haben Sie mit mir vor?" Bernd wurde langsam ängstlich.

Der Mann setzte sich wieder, nahm seine Brille ab und lächelte ihn freundlich an. "Sie sollen in der Tat die Möglichkeit erhalten, Ihre Welt EB-213.00 wiederzusehen. Dabei werden Sie erkennen, wie wichtig logisches Denkvermögen ist. Außerdem möchte ich erreichen, daß Sie Ihre geistige Unzulänglichkeit einsehen und diese herrliche Welt, EB-103.24, bewundern, auch wenn es nur für kurze Zeit sein wird."

Bernd verstand überhaupt nichts mehr. "Was soll das bedeuten, 'nur für kurze Zeit'?"

Die Antwort kam in eiskaltem Ton: "Es bedeutet, daß Sie wahrscheinlich sterben werden!"

Als er das Wort "sterben" hörte, zuckte Bernd zusammen, und sein Pulsschlag glich einem Preßlufthammer. Würde er jemals wieder nach Hause kommen? Sein Gegenüber ließ ihm keine Zeit, darüber nachzudenken, sondern begann, sein Vorhaben zu erläutern: "Sie haben sicherlich schon oft von Geschichten gehört, in denen ein Gefangener vor die Wahl gestellt wird, eine von zwei Türen zu öffnen."

Bernd, der Gefangene, nickte.

"Wählt er die richtige Tür, so kann er die Dame heiraten, die sich dahinter verbirgt, anderenfalls zerfleischt ihn ein Tiger. Welche Variante die grauenvollere ist, bleibt dabei jedoch unklar", erzählte der Überlegene, doch Bernd war in diesem Augenblick nicht locker genug, um über diesen Scherz lachen zu können.

Deshalb fuhr der Erzähler fort: "In den interessanteren Erzählungen wird dies mit logischen Aussagen verknüpft, die auf den Türen stehen. Nun kann die Versuchsperson allein durch logisches Denken die gewünschte Tür herausfinden und ist nicht mehr auf ihr Glück angewiesen. Nun, was halten Sie von derartigen Geschichten?"

Nach kurzem Überlegen antwortete Bernd nervös: "Also, ich finde so etwas menschenverachtend!"

"Sehr richtig!" rief der Kittelträger erfreut aus. "Und ich verachte Sie wegen ihrer geistigen Trägheit! Für mich sind Sie kein Mensch, sondern eine Art Versuchskaninchen, mit dem man solche Experimente durchführen kann. Doch zurück zum Thema: Sie denken jetzt vermutlich daran, daß Sie in unserem Beispiel eine Überlebenschance von 50 Prozent hätten, stimmt's?"

Bernd hatte tatsächlich diesen Gedanken gehabt, doch nun fürchtete er zurecht, daß er ihn wieder verwerfen könnte. Noch bevor er sich eine Antwort zurechtlegen konnte, schrie ihn der Mann in Weiß erregt an:

"Das ist doch alles Kinderkram! Sie werden sich mit härteren Bedingungen auseinandersetzen müssen. Ich lasse Ihnen die Wahl zwischen zehn Türen, von denen genau eine in ihre dreckige Welt führt, die ich von nun an der Einfachheit halber "Primitivo" nennen werde. Die restlichen neun Durchgänge führen ins Nichts. Vielleicht treffen Sie dort ja Ihren widerlichen TEFT; Wiedersehen macht Freude!"

Die letzten Worte konnte er nur noch mit Mühe herausbringen, dann brach er in schallendes Gelächter aus. Nachdem er sich wieder gefangen hatte, wurde er konkreter: "Sie bekommen eine Liste mit sechs Aussagen über die Türen, von denen exakt eine Aussage falsch ist. Wenn Sie ausreichend intelligent wären, könnten Sie aus diesen Aussagen und meinen bisherigen Erklärungen eindeutig ermitteln, durch welche Tür Sie gehen sollten. Sie haben fünf Minuten Bedenkzeit. Der Versuchsraum wird während dieser Zeit ständig schmaler und zwingt Sie zu einer raschen Entscheidung, wenn Sie nicht als Pfannkuchen enden wollen. So, haben Sie noch irgendwelche Fragen?"

"Äh... Ja! Ich kann doch Ihre Schrift nicht lesen!"

"Benutzen Sie diesen Bildübersetzer!" Bernd nahm eine Art Opernglas entgegen. "Szenario T10-C5-213 aufbauen!" befahl der Versuchsleiter einem kleinen Kasten auf seinem Schreibtisch. Dieser spuckte daraufhin einen Zettel aus, den der Mann sofort an sich nahm. "Sind Sie bereit?" fragte er Bernd mit ernster Stimme.

Bernd wußte nicht, was er tun sollte. Daß eine Flucht unmöglich war, glaubte er dem Logiker aufs Wort. Er würde ihn sicherlich umbringen, ohne mit der Wimper zu zucken. Vielleicht waren dies die letzten Minuten seines Lebens, vielleicht würde er seine Welt niemals wieder betreten und Katrin zum Single werden. Weshalb hatte er eigentlich nie ein Testament hinterlegt? Nein, das waren jetzt völlig unsinnige Überlegungen, er sollte sich stattdessen lieber konzentrieren und seine einzige Chance nutzen. Zum Spielleiter sagte er selbstsicher: "Es kann losgehen!"

"Kommen Sie mit!" Die Seitentür öffnete sich wieder, und sie gingen hindurch. Das Inventar des Nebenraums kam Bernd bekannt vor: Nicht weniger als zehn rötlich glimmende Rechtecke schwebten dort, als würden sie am Fließband produziert. Ansonsten war das Zimmer völlig leer, fensterlos und weiß. Als Bernd durch den Bildübersetzer schaute, erkannte er die Zahlen Eins bis Zehn über den Weltentoren.

"Wir sollten keine Zeit verschwenden", befand der Logiker. "Ich wünsche Ihnen viel Glück, denn das werden Sie als geistiger Nichtschwimmer brauchen. Hier sind die Aussagen."

Er reichte ihm den Zettel und verließ den Raum. Die Tür schob sich hinter ihm zu, so daß ihre Umrisse nicht mehr zu erkennen waren.

Jetzt lief die Zeit! Bernd ließ seine Blicke nervös über das Papier gleiten. Dort stand folgendes:

 

 

Aussage 1: Tür 2 führt zum selben Ziel wie Tür 7.

 

Aussage 2: Wenn Tür 5 nach Primitivo führt, so tut dies auch Tür 10.

 

Aussage 3: Durch Tür 1 und Tür 3 gelangt man zu verschiedenen Zielen.

 

Aussage 4: Die Türen 1 und 9 führen ins Nichts, falls Tür 5 dies ebenfalls tut.

 

Aussage 5: Die Türen 6 und 7 führen zu einem anderen Ziel als Tür 5.

 

Aussage 6: Führt Tür 9 ins Nichts, dann erreicht man durch Tür 4 dasselbe Ziel wie durch Tür 8.

In diesem Augenblick wünschte sich Bernd, bei den Logik-Vorlesungen im letzten Semester besser aufgepaßt zu haben. Doch nun war es zu spät, dies nachzuholen.

"Wenn ich bloß wüßte, welche der Aussagen falsch ist!" rief er verzweifelt aus. Er spürte jetzt einen starken Druck gegen seinen Rücken, und als er sich umdrehte, stieß seine Nase gegen die Zimmerwand. Erschrocken wich er zurück und beobachtete, wie die Wand lautlos näherrückte. Die Breite des Raumes hatte sich mittlerweile halbiert.

"Ich darf mich nicht ablenken lassen!" befahl er sich selbst und starrte angestrengt auf den Zettel, als könne er die Lösung aus ihm herauspressen. Angstschweiß stand auf seiner Stirn, bis er plötzlich murmelte: "Moment mal... das muß doch... das ist doch... das ist es!" Hektisch betrachtete er die Zahlen über den Rechtecken und eilte durch den Raum, der sich in einen schmalen Flur verwandelt hatte. Er vergewisserte sich mit einem kurzen Blick, ob er wirklich vor der auserwählten Tür stand. Entschlossen sprang er hindurch, wohlwissend, daß dies vielleicht die letzte Aktion in seinem Leben war.

War sie es? Welche Tür hätte er nehmen sollen? Es kann wohl nicht ausgeschlossen werden, daß einige Leser, die sich besonders gut mit dem Logiker aus EB-103.24 identifizieren können oder gar aus dessen Welt stammen, gern den Versuch unternehmen möchten, das Rätsel eigenhändig zu lösen. Für diese Minderheit steht nach dem letzten Kapitel ein Anhang bereit, in dem die richtige Lösung nicht nur genannt, sondern sogar begründet wird.

Die Leser mit EB-213.00-Mentalität hingegen, denen die Lösung im Grunde genommen völlig egal ist, sollten den Anhang einfach ignorieren. Sein Inhalt ist für die transuniversale Handlung dieses Romans absolut irrelevant. Es wäre stattdessen vorteilhaft, die gesamte Konzentration auf das nun folgende, letzte Kapitel zu lenken.

 

Kapitel 10

Katrin war erstaunt. Diese eigenartige Telefonzelle im RFI funktionierte anscheinend besser als Quadros TEFTs, denn diesmal stürzte sie keinen Abhang hinunter und saß in keiner Baumkrone, sondern stand auf festem Boden. Optimistisch stimmte sie die türkisfarbene Landschaft, die sie bisher nur in Quadros Welt gesehen hatte. Vielleicht hatte der Frequenzwechsel ja tatsächlich einmal in der gewünschten Weise funktioniert!

Allerdings befand sie sich in einer Gegend, in der das Leben nicht gerade tobte, wie man so schön sagt. Ein hügeliges, baumloses Gelände mit fleckenartigem Grasbewuchs und niedrigem Gebüsch umgab sie. Die klirrende Kälte zwang Katrin dazu, sich in Bewegung zu halten. Dabei wedelte sie wild mit den Armen, um nicht einzufrieren. Jetzt bereute sie es, ihre Ärmel abgerissen zu haben, aber wahrscheinlich hätte sie sich gestern sonst zu Tode geschwitzt.

Ohne ihr Sportprogramm zu unterbrechen, schaute sie sich genauestens um, konnte aber nicht die geringsten Anzeichen von Zivilisation erkennen. Es war auch keine TEFT-Anlage zu sehen, mit der sie diese Welt hätte verlassen können. Nur ein paar kleine, kugelrunde Tiere mit dickem Fell huschten umher. Sie kamen Katrin nicht zu nahe, denn offensichtlich waren ihnen deren eigenartige Bewegungen nicht ganz geheuer.

Hier würde in den nächsten tausend Jahren kein Mensch vorbeikommen, befürchtete Katrin. Sie mußte versuchen, eine Siedlung erreichen, sonst würde dieses Gelände zu ihrem Friedhof. Hoffentlich gab es überhaupt menschliches Leben hier. Von diesen unangenehmen Gedanken angetrieben lief sie in die Richtung, die zumindest anfänglich bergab führte. Ein paar Minuten später wurde ihr richtig warm, und zum ersten Mal in ihrem ganzen Leben hegte sie keine Haßgefühle mehr gegen das Dauerlaufen. Menschliche Lebenszeichen konnte sie allerdings immer noch nicht wahrnehmen. Sie fragte sich, wie lange sie jetzt noch laufen müßte und ob sie überhaupt Erfolg haben würde.

Ihre Gedanken wurden urplötzlich unterbrochen, denn ein Gegenstand von der Größe eines Kleinwagens, den sie vorher überhaupt nicht bemerkt hatte, schlug ein paar Meter vor ihr mit einem Donnerschlag auf dem Boden auf. Die gesamte Umgebung vibrierte erdbebenartig. Das Objekt prallte ab, überschlug sich mehrmals und rollte langsam aus. Die kleinen Fellbüschel flüchteten sternförmig in alle Himmelsrichtungen, wobei sie ängstliche Quieklaute ausstießen.

Gleichzeitig hörte sie ein ohrenbetäubendes Zischen, das sich blitzartig von ihr entfernte und schließlich hinter den Hügeln verstummte. Nachdem sich Katrin den Sand aus den Augen gewischt hatte, der durch den Aufprall aufgewirbelt worden war, erkannte sie, daß es sich um eine eiförmige, spiegelglatte, metallisch glänzende Kapsel handelte.

Die Spannung stieg ins Unermeßliche, als Katrin eine seitliche Öffnung in dem Gebilde entdeckte, die sich langsam vergrößerte. An den Rändern kamen vier Hände zum Vorschein, die kurz darauf den restlichen Körper ans Licht beförderten. Als die Gestalt vollständig sichtbar wurde, bestand für Katrin kein Zweifel mehr: Es war Quadro!

"Hallo Katrin!" rief er ihr zu, wankte ein paar Schritte auf sie zu, stolperte zur Seite und fiel der Länge nach auf den Boden. Besorgt lief Katrin zu ihm und sah, daß er zwar bei Bewußtsein war, aber seine Pupillen schnell im Uhrzeigersinn rotierten. Sie richtete seinen Oberkörper auf, stützte ihn und fragte aufgeregt: "Ist alles in Ordnung? Was ist passiert? Wie hast du mich gefunden?"

"Ich bin topfit", antwortete er, während seine Augen zum Stillstand kamen. "Ich habe mir gerade ein neues Fahrzeug gekauft und bin mit der Steuerung noch nicht so gut vertraut. Bis auf das Landen habe ich das Ding aber schon ganz ordentlich im Griff. Wie ich dich finden konnte? Mit meinem Ortungsscanner natürlich!"

Mühsam stellte er sich wieder auf die eigenen Beine und klopfte den Sand aus seinem schwarzen Arbeitskombi, den er häufig zu tragen schien. Er rollte sein "Fahrzeug" um eine Vierteldrehung zur Seite, woraufhin sich eine Schiebetür öffnete. Nun konnte Katrin neugierig hineinsehen und erkannte zwei Sitze, ein kompliziert aussehendes Armaturenpult und im Heck viel lose herumliegendes Werkzeug. Quadro holte einen kleinen Apparat aus dem Handschuhfach, um ihn Katrin zu zeigen. "In diesem Gerät sind die genetischen Codes aller meiner Bekannten und Verwandten gespeichert", erklärte er. "Wenn ich nun wissen möchte, wo sich jemand von diesen gerade aufhält, so kann ich schon Sekunden später auf dieser Anzeige die Richtung und Entfernung seiner Position ablesen."

"Das ist ja Wahnsinn! Wie funktioniert das bloß?"

"Nun, der Apparat durchsucht den gesamten Planeten mit... tja... sagen wir... einer Art von Radarwellen, wobei ihm ein paar Millionen Satelliten zur Verfügung stehen, jedenfalls in unserer Welt. Leider kann er die gesuchte Person nicht aufspüren, wenn sie sich in einer anderen Welt befindet. Deshalb bin ich seit gestern wie ein Verrückter durch über hundert verschiedene Welten gereist, um euch zu finden, aber ohne Erfolg. Erst vor ein paar Minuten bin ich wieder auf diese Frequenz zurückgekehrt, um endlich etwas zu essen. Sofort meldete der Ortungsscanner deine Anwesenheit, und so kam ich hierher."

Katrin war tief beeindruckt von dem Apparat, ebenso faszinierte sie Quadros modernes Transportmittel. Sie umrundete das glänzende Ei, um es von allen Seiten zu betrachten. "Das ist nur eine geringfügige Weiterentwicklung der Automobile in deiner Welt", untertrieb Quadro. "Es kann zwar in beliebiger Höhe fliegen und ist etwas schneller, bis zu zwanzigtausend Kilometer pro Stunde, aber sonst..."

"Und es hat sogar ein Schiebedach", ergänzte Katrin.

"So könnte man es nennen. Ich benutze es allerdings nur als Notausstieg, wenn ich wieder einmal eine Bruchlandung hingelegt habe. Während der Fahrt sollte man es nicht öffnen, wenn man seine Körperform beibehalten möchte." Dies wollte Katrin durchaus und merkte sich deshalb seine Warnung.

"Weißt du vielleicht, wo Bernd sich jetzt aufhält?" fragte Quadro und wechselte damit das Thema. Katrin sah ihn traurig an und mußte antworten: "Nein, seit dem Zwischenfall in deiner Wohnung habe ich nichts mehr von ihm gehört." Quadro war es äußerst unangenehm, daran erinnert zu werden, daß das unglaubliche Durcheinander der letzten Tage allein seine Schuld und die seines Kollegen war.

"Möglicherweise ist er schon wieder zuhause, während uns hier Eiszapfen wachsen." Er wollte Katrin etwas aufmuntern.

"Das stimmt!" erkannte sie. "Wir sollten auf jeden Fall nachschauen!" Ihre Augen leuchteten auf, und noch bevor Quadro etwas sagen konnte, war sie bereits in sein Fahrzeug eingestiegen und saß startbereit auf dem Beifahrersitz. "Bitte die Sicherheitsgurte anlegen", forderte Quadro, nachdem er am Armaturenbrett platzgenommen hatte. Katrin zweifelte keine Sekunde lang an der Zweckmäßigkeit dieses Kommandos, und nach einer kurzen Einweisung war sie dazu in der Lage, sich anzuschnallen.

Quadro betätigte ein paar Knöpfe und Schalter. "Höhe tausend Meter, Geschwindigkeit null, Frequenz 213.00", teilte eine Stimme mit, die Katrin dem Bordcomputer zuschrieb. Tatsächlich stiegen sie senkrecht in die Höhe und blieben dort stehen. "Auf diese Weise verhindern wir, in deiner Welt in einem geschlossenen Gebäude aufzutauchen oder ähnliche Pannen zu erleben", erklärte der Pilot. Seiner Beifahrerin waren derartige Probleme allerdings nur zu gut bekannt.

Von außen sah das Ei zwar aus, als wäre seine Schale aus dickem Metall, aber nun stellte Katrin fest, daß sie von innen durchsichtig war, so daß sie einen vollständigen Rundumblick besaß. Das begeisterte sie aufgrund ihrer Höhenangst jedoch wenig, und sie schaute stur den Horizont an, um nicht in Panik zu geraten.

Glücklicherweise setzte schon wenige Sekunden später der Weltenübergang ein, wie ihn Quadro mit seinem Bordcomputer vereinbart hatte. Alles um sie herum verlor seine Form, bis sich ein neuartiges Szenario langsam aufbaute und verfeinerte. Katrin wunderte sich und behauptete verunsichert: "Ich glaube, deine Geräte haben uns in die falsche Welt befördert. Diese streng geometrischen, riesigen Bauwerke gibt es in meiner Welt nicht."

Auch Quadro war überrascht, denn diese Gegend sah wirklich völlig anders aus als beispielsweise Paris, London oder New York, die er als typische EB-213.00-Strukturen kannte. Nervös unterhielt er sich mit dem Computer, und seine Finger wanderten über die Tasten, doch schließlich sagte er nachdenklich: "Wir müssen hier aber in deiner Welt sein, sonst verstehe ich gar nichts mehr."

Plötzlich durchfuhr es Katrin, und sie rief aus: "Oh nein, so etwas Blödes! Natürlich sind wir hier richtig, denn diese Objekte sind die Pyramiden von Gizeh. Es tut mir leid, daß ich sie nicht gleich erkannt habe, aber ich hätte wirklich nicht vermutet, daß..."

"Ist schon gut", wurde sie von Quadro unterbrochen. "Wir sollten uns jetzt lieber auf die Suche nach deinem verschollenen Freund begeben!"

Dazu mußte er sie nicht erst lange übereden, und so starrten sie nun wie gebannt auf den Ortungsscanner, den der Vierarmige eingeschaltet hatte. Sie wünschte sich in diesem Augenblick nichts sehnlicher als ein Signal dieses Gerätes, das einem Lebenszeichen Bernds gleichbedeutend wäre. Die Sekunden verstrichen jedoch, Quadros Gesicht nahm ernste Züge an und Katrins Hoffnung schwand.

"Er ist nicht in EB-213.00" kommentierte der Pilot knapp.

"Was können wir jetzt bloß tun?"

Nach kurzem Zögern antwortete er: "Wir sollten etwas essen. Meine letzte Mahlzeit war mein gestriges Frühstück."

Katrin konnte es kaum fassen und schrie ihn an: "Mein Freund schwirrt hilflos durch fremde Welten, und du denkst nur daran, wie du dein nächstes Steak würzen willst! Bedeutet dir denn ein Menschenleben weniger als ein Mittagessen?"

"Nein, natürlich nicht", antwortete Quadro gereizt. "Ich habe doch seit eurem Verschwinden jede Sekunde genutzt, um euch zu suchen. Jetzt bin ich völlig erschöpft und muß mich stärken, um die Aktion fortsetzen zu können. Wenn wir alle Welten durchsuchen wollen, werden wir noch lange damit beschäftigt sein. Falls er überhaupt noch am Leben ist."

"Was soll denn dieser furchtbare Pessimismus?" fuhr ihn Katrin an. "Wir müssen einfach alles versuchen, um ihn zu retten! Ich kann nicht begreifen, weshalb es..."

In diesem Moment begann der Ortungsscanner wild zu pfeifen. Aufgeregt las Quadro die Zeichen auf der Anzeige und rief: "Er ist soeben in diese Welt gekommen. Allerdings ist er nicht in Deutschland gelandet, sondern... oh nein, er ist irgendwo mitten im Atlantik!"

Beim Wort "Atlantik" schrie Katrin auf und war kurz davor, die Fassung zu verlieren. "Schnell, wir müssen ihm helfen!" forderte sie.

Energisch ergriff Quadro den Steuerknüppel und drückte ein paar Tasten. Das Fahrzeug verlor drastisch an Höhe, so daß die Insassen schwerelos wurden. Im letzten Augenblick erlangte der Pilot wieder die Kontrolle über die Steuerung, und sie schrammten knapp am Boden und der Sphinx vorbei. Hätte sie ihre Nase nicht schon längst verloren gehabt, spätestens jetzt wäre sie zu Bruch gegangen.

In Schlangenlinien zischten sie zwischen den Pyramiden hindurch, denn Quadros Hände zitterten vor Aufregung. Nur langsam schien er die Situation in den Griff zu bekommen. Sie stiegen nun ein wenig auf und beschleunigten, so daß sie fest in die Sitze gepreßt wurden. Ständig korrigierte Quadro die Flugrichtung gemäß der Scanneranzeige. "In ein paar Minuten haben wir die Stelle erreicht", erklärte er. Beide waren furchtbar angespannt.

Quadro bremste ihre Fahrt jetzt ab und senkte ihre Flughöhe, wodurch sie plötzlich in den Gurten hingen. Schließlich schwebten sie nur noch wenige Meter über dem Atlantischen Ozean und bewegten sich nicht schneller als ein Auto auf einer Landstraße. Hier gab es nur Wasser, nichts als Wasser, bis zum Horizont.

"Hoffentlich hat er so lange durchhalten können", hoffte Katrin. "Er ist doch noch nie länger als eine Viertelstunde am Stück geschwommen."

"Gleich werden wir ihn sehen, falls er sich oberhalb des Wasserspiegels befindet", versprach Quadro und kassierte einen verärgerten Blick für diese Formulierung.

"Dort bewegt sich etwas!" schrie Katrin aufgeregt. Quadro wollte das fliegende Ei abbremsen, verlor jedoch dabei die Gewalt über sein Fahrzeug. Sie drehten sich ein paarmal um verschiedene Achsen und kamen sich vor wie die Kugeln bei der Ziehung der Lottozahlen. Anschließend tauchten sie mit einem lauten "Platsch!" ins Meer, wodurch sie endlich Geschwindigkeit verloren. Sie erhielten nun einen reizvollen Blick in die Unterwasserwelt des Atlantiks, den sie jedoch in diesem Moment nicht zu würdigen wußten. Ein großer Fisch schaute das Ei mißtrauisch an.

Langsam bewegten sie sich wieder zur Wasseroberfläche zurück, bis sie schließlich auftauchten. Erschrocken stellten sie fest, daß Bernd nirgendwo zu sehen war. Quadro schlug mehrmals gegen seinen Ortungsscanner, der wilde Tonfolgen von sich gab. "Dieses $%&*!&/$#* Gerät spielt völlig verrückt!" schimpfte er. "Es zeigt nach Norden, dann nach Süden und manchmal nach Westen!"

"Dann ist er vermutlich am Sinken und befindet sich genau unter uns", befürchtete Katrin.

"Stimmt! Ich werde ihn holen, denn ich habe das oktaedrische Lebensrettungsabzeichen mit den fünf gebogenen Säbeln." Quadro löste seinen Gurt und befahl dem Computer, das Schiebedach zu öffnen, denn durch die Seitentür konnte er nicht aussteigen, weil das Fahrzeug zur Hälfte ins Wasser eingetaucht war.

"Es liegt eine große Portion Müll auf der Oberseite", stellte Quadro fest, was allerdings durch die transparente Bordwand schon lange sichtbar gewesen war. "Den muß ich zuerst beseitigen, um hier herauszukommen."

"Moment mal!" schrie Katrin und hielt einen seiner vier Arme fest, "Ich glaube, das ist kein Müll! Es ist Bernd!"

Nun erkannte auch Quadro seinen Irrtum, und mit vereinten Kräften zerrten sie ihn herein, um ihn auf die Sitze zu legen. Katrin gab ihm einen Kuß, der zwar ziemlich salzig schmeckte, aber seine Wirkung nicht verfehlte. Langsam öffneten sich Bernds Augen. "Er lebt!" rief Katrin aus und war ebenso begeistert wie Quadro. Bernd richtete sich auf, hauchte ein leises "Hallo" und schaute sich verwundert um.

"Das ist mein neues Fahrzeug", erklärte der Besitzer stolz, "Mann, ich freue mich wirklich, daß wir dich aufgegabelt haben!"

"Das beruht auf Gegenseitigkeit", erwiderte Bernd gequält. Es dauerte noch eine Weile, bis er sich wieder einigermaßen gesammelt hatte. Schließlich schaute erKatrin an und sagte: "Ich bin so froh, daß wir wieder auf gleicher Frequenz sind." Er sah jedoch noch ziemlich geschafft aus, und seine salzwassergetränkte Kleidung erzeugte kleine Bäche auf den Sitzen.

"Am besten fände ich es, wenn wir jetzt zu dir flögen, Katrin", meinte der Vierarmige, "Dann müßte ich nur noch einen Weltensprung unternehmen und wäre ebenfalls zuhause. Mittlerweile habe ich nämlich einen ziemlichen Hunger bekommen." Die beiden Einheimischen stimmten ihm in jedem Punkt zu.

"Ich setze mich freiwillig nach hinten", opferte sich Bernd. Dort lagen Unmengen fremdartigen Werkzeugs, aber auch ein Sicherheitsgurt, wahrscheinlich ein älteres Modell, denn er erinnerte Bernd an gewöhnliche Sitzgurte. Er nahm zwischen ein paar Schraubenschlüsseln Platz, schnallte sich an und rief: "Alles klar!"

Bei diesem Start blieb Katrin gelassen, denn hier gab es absolut nichts, was sie rammen oder zerstören könnten. Tatsächlich gelang es dem Piloten diesmal, das Ei elegant auf Touren zu bringen. "Wie hast du es eigentlich geschafft, ausgerechnet hier zu landen, Bernd?" fragte Katrin nun interessiert.

Jetzt vergegenwärtigte sich Bernd die vergangenen Stunden, sein Blick verfinsterte sich und mit wütendem Unterton erzählte er: "Der Staubsauger des Logikers entführte mich und brachte mich zu ihm in den 467. Stock. Er machte sechs Aussagen über zehn Rechtecke in dem Raum, der ständig schmaler wurde. Ich nahm die richtige Tür und fand mich zehn Meter über dem Wasserspiegel wieder. Dieser hundsgemeine Kittelträger, dieser asoziale Spinner, dieser dreckige Betrüger, dieser widerliche..."

Katrin und Quadro sahen sich bedeutungsvoll an, und Katrin flüsterte ihm zu: "Er redet total wirres Zeug. Wir sollten ihn nicht mehr darauf ansprechen, bis er sich wieder völlig erholt hat." Quadro nickte.

"... dieser eingebildete Neureiche, dieser schleimige Abtrünnling, dieser weltfremde Abschaum, dieser verkorkste Drecksack, dieser..." hörte man Bernd mit unverminderter Lautstärke fluchen.

Quadro verringerte die Fluggeschwindigkeit, und man mußte befürchten, daß nun eine weitere dieser katastrophalen Landungen bevorstand. "Wie willst du überhaupt landen, ohne daß es jemand mitbekommt?" fragte Katrin besorgt.

Er überlegte kurz und meinte dann: "Laßt euch überraschen! Bernd, kannst du dich auf den Beinen halten?"

"Und ob ich kann!" erwiderte der Angesprochene scharf, "Wenn dieser verfluchte Idiot im weißen Kittel nicht solchen Bockmist veranstaltet hätte, dann..." Aber das interessierte mittlerweile niemanden mehr.

Wenn Katrin es gewagt hätte, nach unten zu schauen, so wäre ihr aufgefallen, daß sie jetzt etwa fünfhundert Meter über dem Waldstück neben der Murmeltierstraße schwebten. Die Dämmerung hatte bereits eingesetzt, was ihr Vorhaben begünstigte. "Bitte festhalten", bat Quadro, denn nun fiel das Fahrzeug wie ein Stein zu Boden. Diesmal gelang ihm das Abbremsen ausnahmsweise perfekt; sie blieben einen halben Meter über einem Wanderweg stehen.

"Endstation! Alles aussteigen!" kommandierte der Pilot, während sich die Türen öffneten. Bernds Bewegungen sahen zwar noch ungeschickter aus als sonst, aber es gelang ihm, den anderen nach draußen zu folgen. Quadro zog einen großen Koffer unter den Sitzen hervor. "Jetzt paßt auf!" forderte der Vierarmige und berührte ein paar Tasten auf dem Armaturenbrett. Schnell zog er seine Hand zurück, denn das Ei begann zu schrumpfen, wobei es ein brummendes Geräusch von sich gab. Als es die Größe eines Hühnereies erreicht hatte, war der Vorgang beendet.

"Damit wären alle Parkplatzprobleme gelöst", kommentierte Bernd erstaunt.

"Richtig", stimmte Quadro zu. "Die Sache hat nur einen Haken: Das Fahrzeug hat seine Masse von etwa dreihundert Kilogramm beibehalten. Es befindet sich zwar im Gravitationsmodus Null, schwebt also in der Luft, aber seine Trägheit ist nach wie vor dieselbe. Ich werde jetzt zusammen mit dem Ei in diesen Koffer steigen, damit ihr mich unbemerkt nach Hause transportieren könnt. Aber seid gewarnt: Es wird anstrengend!"

Seine vier Hände ergriffen das Ei, um es mit sichtbarer Anstrengung in den Koffer zu zerren. Er legte sich selbst ebenfalls dort hinein, woraufhin Katrin den Deckel schloß. Mit Bernds Unterstützung schaffte sie es, den Koffer anzuheben. Sobald er in Schwung gekommen war, bewegte er sich fast von allein. An einer Weggabelung wäre Bernd mitsamt Koffer beinahe mit einem Baum zusammengestoßen, weil das Gepäckstück nur ungern seine Bewegungsrichtung änderte. Ein Pilzsammler, der sie seit der Landung beobachtet hatte, schüttelte nur den Kopf und murmelte: "Das glaubt mir doch wieder kein Mensch!"

Es gelang ihnen jedoch, die Murmeltierstraße zu erreichen, wo sie sich besondere Mühe gaben, nicht aufzufallen. Bernd war überrascht, daß es Katrin trotz der Ereignisse der letzten Tage nicht geschafft hatte, ihre Haustürschlüssel zu verlieren. Sie atmeten erleichtert auf, als sie in ihrer Wohnung angekommen waren und die Tür hinter sich geschlossen hatten. Katrin erlöste Quadro von seinem Gepäckdasein, der sofort nach Luft schnappte.

"Bevor ich mich verabschiede, möchte ich mich noch mit euch unterhalten", wünschte sich Quadro.

"Kein Problem", antwortete Katrin. "Gehen wir doch ins Wohnzimmer." Sie setzten sich wieder genauso an den Tisch, wie sie es achtundvierzig Stunden zuvor getan hatten. Bernd schützte den Sessel mit einem Handtuch vor seinen Salzwasserklamotten.

"Es tut mir leid, daß ihr meinetwegen solchen Ärger hattet", begann Quadro. "Ich sehe ein, daß es ein Fehler war, mit euch Kontakt aufzunehmen. Niemand in meiner Welt duldet solche Aktionen, und auch die meisten anderen Welten distanzieren sich von euch. Ihr werdet den TEFT selbst erfinden müssen, was wohl noch sehr lange dauern wird. Aber eure Gesellschaft wird sich bis dahin auf ein vernünftiges Niveau entwickelt haben, wenn ihr euch nicht zuvor gegenseitig umbringt. Es hat keinen Sinn, in das Geschehen eurer Welt einzugreifen, und daher bitte ich euch, mir die TEFTs wiederzugeben."

Katrin löste den TEFT von ihrem Gürtel und überreichte ihn an den Vierarmigen. Bernds TEFT befand sich im riesigen Mülleimer der Logikwelt, was er Quadro ausführlich erklärte. Nun begriffen alle, was er mit seiner konfusen Erzählung während der Fahrt sagen wollte. Katrin nahm dies als Anlaß, ihre Erlebnisse ebenfalls zu berichten, und die Zuhörer staunten nicht wenig.

"Auf jeden Fall habt ihr Dinge erlebt wie vermutlich noch keiner eurer Frequenzgenossen", stellte Quadro fest, um seine Tat in ein etwas besseres Licht zu rücken. Katrin und Bernd mußten ihm zustimmen, auch wenn er sie mehrfach in Lebensgefahr gebracht hatte.

"Ich darf euch niemals wiedersehen", sagte er leise und verbreitete damit eine traurige Stimmung.

"Wir werden dich nicht vergessen", tröstete ihn Katrin, und Bernd nickte zustimmend.

"Ich euch ebenfalls nicht", versprach Quadro. "Machen wir es kurz!" Er stand auf und ging zu seinem Koffer zurück, aus dem er das Ei herauszerrte. "Reicht denn der Platz im Flur aus?" erkundigte sich Bernd.

"Das sieht so aus", antwortete Quadro geistesabwesend, während bereits wieder das bekannte Brummen einsetzte.Das Fahrzeug wuchs und wuchs, bis es fast die gesamte Breite des Flures einnahm. Quadro warf seinen Koffer hinein und setzte sich an den Steuerknüppel. "Lebt wohl", sagte er bedrückt, bevor sich die Türen schlossen. Sie winkten sich ein letztes Mal zu, als das Ei undeutlicher wurde und ein starker Wind aufkam. Dann war er verschwunden, und die beiden Einheimischen standen nun allein im Flur.

Sie fielen sich in die Arme, wodurch nun auch Katrin in den Genuß salziger Kleidung kam. Ein paar Minuten später schlug sie vor: "Vielleicht sollten wir uns erst einmal gründlich duschen!" Bernd war einverstanden, denn er fühlte sich nicht unbedingt wohl in seinen nassen Sachen. Als sie sich ausziehen wollten, bemerkte Katrin, daß sie noch immer das Übersetzungsgerät trug. Sie hatte sich so daran gewöhnt, daß ihr der leichte Druck der Mikrofonhalterung gar nicht mehr aufgefallen war.

Bernd hatte seinen Übersetzer vermutlich dem Atlantik geschenkt, doch er bemerkte plötzlich einen Gegenstand in seiner Hosentasche. Es war der Bildübersetzer! Und er funktionierte sogar noch, denn durch den Apparat betrachtet erschienen die englischen Titel auf Katrins Schallplattenhüllen in deutscher Sprache.

Die langersehnte Dusche war eine unglaubliche Wohltat, und auch die Tatsache, wieder saubere und unbeschädigte Kleidung zu tragen, war nicht zu unterschätzen. Jetzt saßen sie in der Küche und kochten Makkaroni. Das sah wie gewöhnlich so aus, daß Katrin Nudeln und Soße zubereitete, während Bernd den Käse raspelte und dabei höllisch aufpaßte, nicht seine Finger zu zerkleinern. Auch diesmal gelang das Essen wieder hervorragend, und sie aßen mit einem ungeahnten Heißhunger.

"Jetzt ist es schon fast zehn Uhr", fiel Bernd auf. "Und morgen ist Montag. Wir haben das ganze Wochenende in irgendwelchen fremden Welten verheizt."

"Ach, das ist doch nicht so tragisch", erwiderte Katrin, als sie gerade ein paar Nudeln um ihre Gabel wickelte. "Am nächsten Wochenende sehen wir uns dafür umso länger."

"Was sollen wir bloß den anderen erzählen?" fragte Bernd nachdenklich. "Wenn wir die Wahrheit sagen, halten die uns doch für total abgedreht."

"Ach, wir behaupten einfach, daß wir überhaupt nicht aufgestanden seien."

"Ja, das klingt glaubwürdig", meinte Bernd und verschwand unter dem Tisch, weil ihm wieder einmal eine Nudel entkommen war.

Anschließend wuschen sie gemeinsam ab, was sich so richtig lohnte, weil sie gestern einfach alles stehen- und liegengelassen hatten. "So, das hätten wir erledigt", bemerkte Bernd und warf das Geschirrhandtuch beiseite.

"Soll ich dich jetzt zu deinen Eltern fahren?" bot ihm Katrin an.

"Hmmm... in fünf Minuten vielleicht", schlug Bernd vor, was sie gern akzeptierte und sich mit ihm auf die Wohnzimmercouch setzte.

Eine knappe Stunde später saßen sie in Katrins Wagen und verließen die Einfahrt. "Auch wenn wir nie wieder in andere Welten reisen werden, wir haben immerhin die Übersetzer als Souvenirs", erinnerte Bernd.

"Die werden wir noch gut gebrauchen können", stimmte Katrin zu, während sie durch schwach beleuchtete Straßen fuhren.

Schon bald erreichten sie ihr Ziel und stiegen Hand in Hand die Treppe hinauf, die heute wieder einmal besonders heftig knarrte. Als Bernd die Tür aufschloß, waren seine Eltern mehr als überrascht. Mit einer Zahnbürste bewaffnet kam seine Mutter aus dem Badezimmer hervor und meinte erstaunt: "Na, ihr Beiden? Mit euch haben wir ja überhaupt nicht mehr gerechnet!"

Sein Vater unterbrach sein abendliches Ritual, das Wohnzimmer für den nächsten Morgen vorzubereiten. "Hallo Katrin, hallo Mac!", begrüßte er sie. "Schon so früh hier? Dein Zug fährt doch erst morgen früh um Sechs!"

Noch bevor Bernd etwas entgegnen konnte, spekulierte seine Mutter bereits: "Ihr müßt ja enorm viel unternommen haben, daß ihr euch jetzt erst sehen laßt."

Katrin schaute zu Bernd, mußte ein Lachen unterdrücken und antwortete: "Also, langweilig war es wirklich nicht."

 

Anhang

Gratulation! Sie gehören zu den ehrgeizigen Gehirnakrobaten, die sich tatsächlich mit dem Rätsel befassen. Vermutlich wohnen Sie auf EB-103.24, sitzen gerade in einem weißen, kahlen Zimmer und lesen die digitale Ausgabe dieses Buches auf einem kleinen Monitor. Wie auch immer, versuchen wir nun, uns der Lösung zu nähern.

Betrachten wir zunächst Aussage 2. Falls diese wahr ist, so muß Tür 5 ins Nichts führen, denn falls sie nach Primitivo führte, täte dies laut Aussage 2 ebenfalls Tür 10. Das ist jedoch ein Widerspruch zur Aussage des Versuchsleiters, daß nämlich genau EINE Tür nach Primitivo führt. Bis hierhin noch alles klar?

Nun wird Aussage 5 interessant, denn sie läßt sich damit nicht vereinbaren. Sie behauptet jetzt, daß sowohl Tür 6 als auch Tür 7 Primitivo als Ziel besitzen. Dies ist allerdings, wie bereits erklärt, nicht möglich. Was sagt uns das? Eine der Aussagen 2 oder 5 ist die von Bernd so dringend gesuchte falsche Aussage!

Jetzt kommt die Aussage 3 ins Spiel, die ja implizit verlangt, daß entweder Tür 1 oder Tür 3 nach Primitivo führt. Nehmen wir nun einmal an, Aussage 5 sei wahr und Aussage 2 damit automatisch falsch. Daraus folgt unmittelbar, daß Tür 5 nach Primitivo führt. Das verträgt sich aber nicht mit Aussage 3, wie Sie sicherlich einsehen. Die Folgerung aus diesem Dilemma: Aussage 5 muß falsch sein und somit alle anderen wahr; es gibt keinen anderen Ausweg.

Wir kommen dem Ziel schon sehr nahe, wenn wir mit diesem Wissen Aussage 4 betrachten. Zweifellos führen also die Türen 1 und 9 ins Nichts. Nun brauchen wir nichts weiter zu tun, als diese Erkenntnis auf Aussage 3 anzuwenden. Da Tür 1 ins Nichts führt, ist unsere gesuchte Tür die Nummer 3!

Dies erkannte natürlich auch Bernd noch gerade rechtzeitig und wählte ebendiese Tür, was ihm das Leben rettete. Vielleicht haben Sie seinen Streß durch das Lösen der Aufgabe nachempfinden können, auch wenn Sie sich dabei höchstwahrscheinlich nicht die Situation eines schrumpfenden Raumes begeben haben.

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