Cookies sind für die korrekte Funktionsweise einer Website wichtig. Um Ihnen eine angenehmere Erfahrung zu bieten, nutzen wir Cookies zum Speichern Ihrer Anmeldedaten, um für sichere Anmeldung zu sorgen, um statistische Daten zur Optimierung der Website-Funktionen zu erheben und um Ihnen Inhalt bereitzustellen, der auf Ihre Interessen zugeschnitten ist. Klicken Sie auf „Stimme zu und fortfahren“, um Cookies zu akzeptieren und direkt zur Website weiter zu navigieren.
Header1.jpg
Komm, lass uns töten

© 2003
Marcus Wallner
 
"Komm, lass uns ein paar Schritte gehen. Wir bringen ein paar Leute um. Der Abend ist so herrlich. Wir gehen runter zum Park, dort finden wir immer welche, die sich eignen."

Sie stellten weder die Musik ab, noch schalteten sie das Licht aus. Joe und Cindy küssten sich und verließen die Wohnung. Sie schlenderten gemütlich die Parkstraße hinunter, vorbei an den alten Backsteinhäusern. Die Sonne hatte den ganzen Tag glühend gestrahlt und somit hatte sich die Erde mal wieder bis zum Anschlag aufgeheizt. Sie hätten ihre Jacken nicht tragen müssen. Ein T-Shirt oder ein luftiges Hemd hätte auch ausgereicht. Allerdings bestand keine Alternative, die großkalibrigen Pistolen unauffällig mit zu nehmen.

Schon nach wenigen Metern wechselten die Beiden die Straßenseite, um auf den gepflasterten Bürgersteig zu gelangen.

Wie so oft, an einem Sonntag, trafen sie sich gleich nach dem Aufstehen in Joes Wohnung, um die Waffen zu reinigen und zu pflegen. Sie feierten sich, da es ihnen immer wieder aufs neue gelang, unbehelligt Menschen zu töten. Es war auch an jenem Sonntag so, dass Cindy gegen 13:00 Uhr bei Joe gegen die Wohnungstür trat, um Einlass zu bekommen. Zweimal kurz und einmal heftig. Genau, wie sie es liebte, geliebt zu werden.

Sie lebte seit geraumer Zeit nicht mehr bei ihren Eltern. Sie verließ ihr Kinderzimmer, nachdem sie endlich einen Ausbildungsplatz in einer Filiale der Landesbank bekommen hatte. Ihre Eltern haben nur ein Jahr später die Scheidung eingereicht, was Cindy nie erfahren hatte, da sie den Kontakt vollständig abgebrochen hatte. Die Landesbank hatte zu der Zeit einige wirtschaftliche Probleme, und so konnten nicht alle Lehrlinge übernommen werden. Cindy setzte sich mit einem der besseren Ergebnisse durch. So konnte sie sich in den von Gott gewollten Alltagstrott einer jungen Frau mit Karriereaussichten fallen lassen.

Sie traf sich ab und zu mit ihren Arbeitskollegen, um mit ihnen ins Kino zu gehen oder auch mit einigen Freundinnen, um den Jungs in den Discotheken die Köpfe zu verdrehen.

Im Sommer, erhielt sie und ihre Kollegen eine Einladung von ihrem Chef. Er veranstaltete ein Grillfest in seinem Garten. Dort lernte sie auch Margarete, die Frau ihres Chefs, kennen. Margarete war die Spießigkeit in Person. Nett und zuvorkommend und mehr als jeder andere Mensch dieser Erde, konservativ. Sie hatte einen achtzehnjährigen Sohn, der das Klischee eines verzogenen, rebellierenden Jungen perfekt ausfüllte. Er ließ sich auf dem Grillfest nicht blicken. Seine Mutter entschuldigte sich dafür bei jedem der Gäste mindestens zweimal. Eine schrecklich langweilige Frau.

Cindy konnte nach einigen Gläsern Bowle nicht anders und begann mit einigen Arbeitskolleginnen über Margarete her zu ziehen, wie es wohl der gutaussehende Chef mit dieser "Ziege" aushalten könne. Nachdem Lampions die verschwundene Abendröte ersetzten, und die meisten Gäste sich bereits verabschiedet hatten, begann ihr Chef damit, sie auf einfache und direkte Weise an zu baggern. Cindy genoss dies und ließ sich auf dieses verbotene Spiel ein.

Bereits am ersten Montag, nach diesem Abend blieb sie länger im Büro, um nach Geschäftsschluss mit Robert, ihrem Chef, zu schlafen. Sie trieben es im Kopierraum, zweimal kurz und einmal länger. Robert war danach völlig überanstrengt und schlapp. Cindy hingegen setzte die frei gewordene Energie in Partylaune um. Sie machte sich in einer Diskothek außerhalb der City einen Spaß mit den jungen Männern, die verzweifelt auf ihrer Suche nach einem One-Night-Stand unzählige Abende dort verbrachten.

Einer gefiel ihr sehr gut, und Cindy bat ihn, ihr zu folgen. Sie entführte ihn in eine dunkle Seitenstraße, wo sie sich mit ihm vergnügte. Damals wusste sie noch nicht, dass es Joe war. Doch, wenn sie gewusst hätte, wen sie da vor sich hatte, hätte sie wohl erst recht ihn auserwählt.

Cindy war eine wunderschöne junge Frau. Sie hatte stets ein leichtes Spiel mit den Männern. Joe, der Sohn ihres Chefs, versuchte nach dieser Zeit Cindy ganz für sich zu erobern, was ihr oft stark auf die Nerven ging. Schließlich wollte sie ihm nichts von der Affäre mit seinem Vater erzählen. Dadurch könnte sie ihren Job verlieren und sie müsste auf den hervorragenden Sex mit den beiden verzichten. Sie wollte Beides nicht verlieren. Ein heikles Spiel, aber sie bekam es innerhalb kürzester Zeit in den Griff, und so konnte sie alles für sich erhalten.

Die meisten Wochenenden verbrachte sie bei Joe. Er lebte in einer schlichten Studentenwohnung, welche auf Grund finanzieller Mittel der reichen Eltern aber nicht wie eine solche möbliert und ausgestattet war. Joe hatte seit seiner Kindheit einen Waffentick, und vor allem seit er seine Volljährigkeit errungen hatte, eine beachtliche Stückzahl von modernen und historischen Handfeuerwaffen zusammengetragen. Cindy entdeckte schnell eine Vorliebe für das kalte Metall, vor allem, um ihn damit scharf zu machen. Wenn sie den Lauf eines Revolvers über ihre Brustwarzen gleiten ließ, oder ihre Lippen diesen liebkosten, verfiel er ihr wie hypnotisiert.

Joe tat alles für Cindy, und sie wusste dies vortrefflich zu nutzen. Sie hatte alles. Auch sein Vater stand ihm hinsichtlich dessen in Nichts nach. Sie hätte schon alleine von seinen Geschenken leben können. Robert ließ sich immer wieder hinreißen, ihr zu versprechen, Margarete zu verlassen, um dieses Versteckspiel nicht mehr mitmachen zu müssen. Er gelobte die Scheidung, wie es alle verheirateten Männer ihren jungen Geliebten versprachen. Das beeindruckte sie jedoch nicht. Einzig, der Gedanke, die rechtmäßige Eigentümerin seines Vermögens zu sein, ließ einen teuflischen Glanz in ihren Augen aufleuchten.

Joe nahm sie schon nach kürzester Zeit mit zum Schießstand, wo sich eine Begabung offenbarte. Cindy legte an, drückte ab und traf und traf und traf. Jeder Schuss ein Treffer. Bereits nach wenigen Monaten hatte sie ihren eigenen Waffenschein und sie besorgte sich zwei ultraleichte Halbautomatikpistolen, mit Schalldämpfern und mehreren Magazinen Munition. Illegal, denn ein Gesetz verbot seit dem Krieg den privaten Besitz solcher Handfeuerwaffen.

Doch fällt es einer hübschen jungen Frau, mit den Taschen voller Geld nicht schwer, an so etwas heran zu kommen. Sie musste dazu nur ein einziges Mal mit dem Vorstand des Waffenvereins schlafen, was nicht sehr angenehm aber durchaus nützlich war. Er besorgte ihr ohne Fragen zu stellen seither alle Pistolen und Revolver, die sie sich wünschte. Munition inklusive. Eine teuflische Angst trieb ihn dazu, denn Cindy hatte den dicken verheirateten Mann mit eindeutigen Fotographien jenes Beischlafes in der Hand.

Im Stadtpark wimmelte es von Menschen. Zu viele Familien mit kleinen Kindern und zu viele Pärchen mit ihren lästigen Hunden füllten die schmalen, geteerten Wege. Doch tat es Cindys Lust zu töten keinen Abbruch. Auch Joe blieb davon unbeeindruckt. Er spielte mit dem Sicherungsstift der Magnum, die so schön nach dem Reinigungsmittel roch. Die Magnum hatte er sich erst zwei Tage zuvor besorgt und er war scharf darauf, sie zu testen.

Wenn man die Beiden spazieren gehen sah, erkannte man in ihnen ein glückliches junges Paar, dass wie all die anderen, ihren letzten Abend des Wochenendes genossen. Die Abendsonne verlor sich hinter den Baumkronen und die Laternen neben den Parkbänken flackerten auf und erleuchteten die Wege. Endlich entstanden dunkle Schatten. Beide verspürten ein herrliches Kribbeln im Nacken. Das Adrenalin weitete ihre Pupillen und dann bogen sie nach links in einen dichter bewachsenen Waldweg ab.

Ein riesiger Schwarm Stechmücken schoss auf sie zu. Joe spuckte eines der Viecher aus, es entfachte ein loderndes Feuer des Hasses in ihm. Er verfluchte das widerliche Getier. Cindy bemühte sich um Ruhe, wusste sie doch um die Gefahr, wenn Gefühle den Verstand lähmten, könnten zu leicht Fehler entstehen. Fehler machen hieß, erwischt zu werden und das durfte nicht sein.

Das durfte einfach nicht sein.

Ein letzter Sonnenstrahl durchbohrte sich seinen Weg durch die Äste und traf auf sein Gesicht. Diese freundliche Wärme und das sanfte Streicheln ihrer Finger beruhigten ihn. Er sah ihr mit einem Blick in die Augen, der Verständnis wiederspiegelte. Sie ließ von ihm ab und sie marschierten weiter. Weiter, den schmalen Grad einen leichten Hang hinab zu der Hütte, in der tagsüber eine ältere Dame ihren Kiosk führte. Doch um diese Zeit waren die hölzernen Fensterläden bereits geschlossen und mit einem goldenen Vorhängeschloss verriegelt.

Neben einer Mülltonne lag eine zerdrückte Limodose auf dem Weg und Joes Zeigefinger juckte. Ein solch spielerisches Ziel für seine neue Waffe. Eine leere Blechdose, so wehrlos und einladend. Seine rechte Hand umklammerte die Magnum und er zog sie genüsslich aus dem Schulterhalfter. Mit der Linken nahm er einen schwarzen Schalldämpfer aus der Seitentasche und schraubte ihn liebevoll auf die Pistole. Als er auf die Dose zielte erkannte sie sein Vorhaben und wollte eingreifen.

Zu spät. Das Geschoss traf, wie es zu erwarten war, mit der Präzision eines ausgebildeten Scharfschützen. Die Dose blieb auf ihrem Platz liegen. Die Patrone bohrte sich ihren Weg durch das dünne Blech und blieb in dem Asphalt unter der Dose stecken. Niemand bemerkte etwas von dem Schuss. Der Dämpfer arbeitete erstklassig und Joe lachte sich seine Freude von der Seele.

Sie trat mit voller Wucht gegen sein Schienbein und er verstummte. Er sollte ihren schönen Abend nicht mit kindischen Spielereien verderben.

Wenige Minuten später, wenige Schritte tiefer im Wald, landete plötzlich ein Holzstock vor ihren Füssen. Cindy schreckte hoch und nur einen Augenschlag später flitzte ein großer Schäferhund aus dem Dunkel, schnappte sich den Stock und rannte wieder zurück. Er verschwand so schnell, wie er gekommen war.

Sie hasste Hunde. Alle Hunde. Sie wünschte sich ein Gesetz, dass es verbieten sollte Hunde zu halten. Das sind wilde Tiere, die ausgerottet oder in den Zoo gehörten. Doch niemals durften Hunde frei umherlaufen. Cindy tötete zuerst viele Hunde, bevor sie Gefallen am Töten der entsetzten Besitzer fand.

Die erstarrten Augen, der Angstschweiß und ihr letzter Atemzug erfüllten sie mehr, als das Töten eines ahnungslosen Tieres.

Das Paar verharrte an dem Ort und sie drehten ihre Köpfe, um zu hören, aus welcher Richtung sich der Hund und dessen Besitzer ihnen nähern würden. Cindys Gehör empfing das Rascheln des Laubes als erste. Sie zog ihre Waffe aus dem Halfter, beließ sie jedoch noch bedeckt von ihrer Weste. Auch er hatte seine Hand fest um den verlängerten Griff seiner neuen Pistole gelegt. Ein leichter Luftzug durchfuhr sein Haar und der Schäferhund rannte ganz dicht an ihnen vorbei. Doch die beiden hatten für das schnelle Tier kein Auge.

Aus dem Schwarz der dichten Bäume formte sich eine menschliche Gestalt. Langsam näherte sie sich den Beiden und in Bruchteilen erkannte Cindy eine ältere Frau. Sie war allein. Sie pfiff nach ihrem Hund. Als die Dame die beiden wahrnahm, entschuldigte sie sich sofort, da sie aus ihren kalten Augen vermutete, dass sie ihr Hund erschreckt hatte. Cindy trat ihr zwei Schritte entgegen, ohne ihren Gesichtsausdruck zu verändern.

Sie zog ihre Pistole hervor und presste sie fest von unten an den Bauchnabel der Dame. Wieder der ersehnte Blick, der geliebte Angstschweiß und Cindys Wangen empfingen den letzten Atem der Dame. Sie hatte zweimal abgedrückt und schob den schweren Körper in die Büsche, wo er in sich zusammenbrach. Die Frau lag regungslos da, der Schäferhund kroch heran und setzte sich ruhig neben sein Frauchen. Joes Lippen verzogen sich zu einem undefinierbaren Lächeln und er setzte seine Waffe an den Kopf des Tieres. Einmal, zweimal, dreimal drückte er ab und dann spazierte das Pärchen weiter in die Finsternis des Parks.

Nach wenigen hundert Metern zündeten sich beide eine Zigarette an und sogen genussvoll daran. Sie rauchten ihre Zigaretten mit aller Ruhe zu Ende, dann machten sie kehrt und spazierten zurück. Am Ort des Geschehens befanden sich bereits mehrere Schaulustige. Auch Joe und Cindy blieben. Es gehörte zum Ritual. Sie blieben stets so lange, bis der Krankenwagen oder die erste Polizeistreife auftauchte. Erst dann begaben sie sich unbemerkt auf ihren Heimweg.

Die Eingangstür rastete kaum ins Schloss ein, als sie sich ihre Oberteile vom Leib riss. Sie nahm sich Joe, so wie sie es gerne hatte. Danach schlief er ein. Sie rauchte noch eine Zigarette, bevor sie sich unter die Dusche begab. Danach zog sie sich an und setzte sich in ihr Auto, um nach Hause zu fahren. Es war bereits nach Mitternacht, als sie den Fernseher ausschaltete und sich schlafen legte. Am Montag Morgen rief sie in der Bank an, und meldete sich krank. Sie wusste, dass daraufhin Roberts Nervosität schlagartig anstieg. Denn immer, wenn sie sich montags krank meldete, kam ihr besorgter Chef in der Mittagspause zu ihr, um nach dem Rechten zu sehen.

An jenem Montag reichte die kurze Mittagspause aber nicht aus, um ihre Lust vollends zu befriedigen. So verspätete sich der Bankchef um einige Minuten, worüber sich aber keiner der Angestellten negativ äußerte. An jenem Tag verstarb auch Cindys Vater.

Sie las nachmittags in der Zeitung den Bericht über den grausamen und brutalen Mord an der älteren Dame und deren Schäferhund. Die wichtigste Zeile war am Ende des Textes untergebracht, denn laut den Ermittlungen der Polizei gab es keine konkreten Hinweise auf den Täter. Das hieß, dass es wieder keine Zeugen gab. Erleichtert sank sie nach hinten und ihr Körper machte es sich auf der weichen Couch gemütlich.

Wie automatisiert öffneten ihre Finger eine Schachtel Zigaretten und sie zündete sich eine davon an. Den Rauch durch die Nase blasend spiegelte sich teuflische Befriedigung in ihrem sonst so süßen Gesicht wieder. Ein kurzer Blick aus dem Fenster zu ihrer Rechten veränderte diesen Gesichtsausdruck ruckartig in Verwunderung. Die letzten Tage waren stets sonnig und nun machten sich tiefschwarze Gewitterwolken auf, die ganze Stadt unter sich zu begraben. Nur wenige Zigaretten später zuckten im Sekundentakt die Blitze über den Dächern, gefolgt von ohrenbetäubenden Donnern. Doch auch aus diesem lebensfeindlichem Unwetter zog sie sich etwas Positives. Spuren, welche die Polizei bis zu diesem Zeitpunkt nicht fand, würden nun für immer verschwunden sein.

Etwas später saß Cindy wieder in ihrem Wagen und fuhr den direkten Weg zu Joes Wohnung. Normalerweise nahm sie diese kürzeste Strecke nicht, um sicherzustellen, dass ihr niemand folgte. Sie bog gerne in ruhigere Seitenstraßen ab. Mittlerweile kannte sie beinahe alle Straßen, die nördlich von der Innenstadt lagen. Sie sah sich dabei die überteuerten Einfamilienhäuser mit ihren hochgezüchteten Vorgärten besonders gerne an. Doch liebte sie auf ihrem Weg nichts mehr, als in den Kreisverkehren mehrere Runden zu drehen. Spätestens dann hätte sie jeden möglichen Verfolger bemerkt und mit ihrem rasanten Fahrstil nur wenige hundert Meter später abgehängt.

Von ihrer Wohnung zu Joes Apartment lagen etwa 25 Autominuten, auf der kürzesten Strecke. Bei dem schlechten Wetter dauerte es aber etwas länger.

Kurz nach 17 Uhr störte der Verkehrsfunk die herrliche Stimme von Sandra Nasic, der Sängerin von den "Guano Apes". Cindy sang bei jedem Titel den ihre Kassette vom Band ließ inbrünstig mit. Sie liebte diese Musik.

Sie schlug mit geballter Faust gegen das Autoradio, was aber außer einem auftretendem Schmerz nichts veränderte. Die einschläfernde Stimme des älteren Sprechers spulte Stau um Stau herunter. Wie fertige Ware vom Fabrikfließband sich auf den bereitgestellten Paletten stapelt, ertönte ein Kilometerstand nach dem anderen. Sie parkte ihr Auto im Halteverbot vor Joes Wohnung, zog den Zündschlüssel und die nervende Stimme aus dem Radio verstummte.

Die gläserne Haustür lehnte wie so oft nur an und so konnte sie direkt zur Wohnungstür ihres Freundes gehen. Sie trat wie gewohnt dagegen und schon wurde ihr geöffnet. An dem Montag, an dem ihr Vater starb, an dem sie sich krank meldete und an dem Montag an dem sie mit Joes Vater in ihrer Wohnung Sex hatte, drückte sie Joes neue Pistole an seine Brust und forderte ihn auf, mit zu kommen. Er wollte nachfragen, wohin es gehen sollte, doch hatte er diese Situation schon einmal miterlebt und verkniff sich seine Worte.

Er zog sich seine Sportjacke über und versteckte die geladene Waffe in der vergrößerten Innentasche. Mit verblüfftem Blick nahm er auf dem Beifahrersitz ihres Wagens platz. Es war ein sehr überraschender Besuch und eigentlich hatte er auch keine Zeit einen Ausflug zu machen. Doch sie duldete keinen Widerspruch und bestrafte so etwas mit hartem Liebesentzug. Der Regen ließ nach, als sie mit überhöhter Geschwindigkeit in südlicher Richtung die Stadtgrenze überfuhren. Ihre Lieblingskassette schnurrte im Laufwerk und die Lautsprecher begannen zu kratzen. Sie drehte diese Musik immer so laut es irgend ging. Joe hatte nichts dagegen.

Er mochte noch härtere Klänge lieber, aber er wusste es zu schätzen, eine Freundin zu haben, die nicht auf Techno oder gar Boygroups stand. Sie sang vor sich hin, als erneut die widerliche Stimme des Radiosprechers erklang. Mit aller Wut schrie sie ihren Frust heraus. Ihr Beifahrer erkannte das Problem sofort und änderte die Einstellung des Autoradios, damit der störende Verkehrsbericht nie wieder die gewünschte Musik zerreißen könnte. Ihre schönen Augen strahlten vor Freude. Sie ließ sich kurz erklären, was er gemacht hatte und dankte es ihm mit einem Kuss auf die Wange.

Die Autoreifen schrieen erbärmlich, wie ein brennendes Tier. Das Quietschen übertönte die Musik. Nach dem Kuss kamen die rechten Rädern ihres Wagens von der Fahrbahn ab und sie riss erschrocken das Lenkrad nach links. Joe klammerte sich verbissen am Haltegriff oberhalb der Tür fest. Seine Fingerknöchel schienen weiß durch die Haut. Der Schreck war noch nicht vorüber, als sich der Wagen bereits stabilisierte und scheinbar unverändert auf seiner Spur weiterraste. Die letzte Ziffer des alten Kilometerzählers drehte wie verrückt. Sie erreichten den kleinen Ort, den sich Cindy als erstes Ziel ihres Ausflugs ausgesucht hatte in weniger als 75 Minuten Fahrt. Joe las auf dem Ortsschild "Orro". Doch sollte er sich geirrt haben, was auf Grund der hohen Geschwindigkeit verzeihlich war.

Der überschaubare Ort "Lonno" lag etwa 100 Kilometer südwestlich von der Stadtgrenze. Hier lebten damals etwa 3000 Menschen. Sie ließ ihren Wagen neben einer Zapfsäule der Tankstelle von Lonno zum Stehen kommen. Sie blickte nur kurz und scharf zu Joe hinüber und er stieg sofort aus, um voll zu tanken.

Cindy vertat sich die Beine. Sie schlenderte provozierend langsam über die Straße. Dort saßen zwei junge Mädchen beim Eisessen. Sie lächelte den Beiden zu und die Schwestern winkten ihr fröhlich zurück. Ihre schwarzen Stiefel überholten sich im Zeitlupentempo, wenige Zentimeter an den Mädchen vorbei. Sie sah ins Schaufenster des Supermarktes. An der einzigen besetzten Kasse, saß ein kahlköpfiger Mann, dessen linkes Auge zugewachsen schien. Cindy drehte sich schnell um, was nach ihren langsamen Schritten zuvor wie ein Raketenstart wirkte. Sie sah zu ihrem Freund hinüber. Er steckte gerade den Zapfhahn zurück in die Säule und seine müden Augen suchten nach ihr. Mit einer Handbewegung deutete sie ihm an, dass sie in den Supermarkt gehen wollte. Er winkte ihr Verständnis zu und bekräftigte es mit einem Nicken.

Joe öffnete die schwere Beifahrertür ihres Wagens, um seine Brieftasche aus dem Handschuhfach zu holen. Er legte sie immer ins Handschuhfach, wenn er länger in einem Auto saß. Er schob Cindys Geldbeutel zur Seite, denn auch seine Freundin hatte diese Angewohnheit. Ein kurzer prüfender Blick ließ ihn erkennen, dass er mit seiner Karte zahlen musste. Er hatte kein Bargeld mehr und sein erster Gedanke galt der Provinz, ob die Leute hier draußen überhaupt Kreditkarten kannten. Doch beim Überfliegen der Süßigkeiten unterhalb der Kasse fanden seine Blicke das vertraute Plastikkästchen mit den zwölf flachen Tasten stehen. Er streckte die Karte dem jungen Fräulein hinter der Theke entgegen, ohne nur ein Wort mit ihr zu wechseln. Den Kassenbon ließ er zurück und verstaute die Karte in seinem Portmonee.

Joe öffnete erneut seine Tür und auch das Handschuhfach, um seine Brieftasche zurück zu legen. Cindys Börse stahl wie erwartet niemand, obgleich er nicht abgeschlossen hatte. Da dämmerte es ihm. Ruckartig drehte er sich um, und blickte auf die Rücksitzbank. Cindy hatte ihre Jacke mitgenommen. Er handelte schnell und überlegt. Er rutschte auf den Fahrersitz und startete mit dem steckengelassenem Schlüssel den Wagen. Automatisch spulte wieder die Musik vom Band und er setzte das Auto wenige Meter vor. Nervös blickte er auf die andere Straßenseite. Eine kurze Drehbewegung seines Kopfes später, rannte sie über die Straße. Die Beifahrertür schloss sich erst nach einigen Metern, in denen Joe voll im Gas stand. Sie jubelte und lachte.

Pünktlich mit der Dämmerung schalteten sich die Straßenlaternen ein. Das Auto des Pärchens raste weiter in südlicher Richtung, der Nacht entgegen. Die zwei jungen Mädchen standen auf, um nach Hause zu gehen. Sie mussten stets mit dem Erleuchten der Straßenlaternen zurück zu ihren Eltern. Betty und Luise waren guterzogene Schwestern und deshalb wollten sie sich auch noch bei dem Supermarktbesitzer, den sie Onkel Richard nannten, für das spendierte Eis bedanken und sich verabschieden. Doch er saß nicht an seiner Kasse. Betty rief nach ihm, doch sie bekam keine Antwort. Luise rannte im Mittelgang nach hinten, um alle Seitenwege in Augenschein zu nehmen. Vergebens.

Betty fand den toten, vierzigjährigen Mann zwischen Kassentisch und Bürostuhl, auf dem Onkel Richard immer seine Schicht absaß. Sein zähes Blut bahnte sich seinen Weg durch die Schlitze der Holzverkleidung. Von nun an war auch Richards rechtes Auge für immer geschlossen und Bettys Augen sollten noch eine sehr lange Zeit brauchen, bis sie wieder eine ganze Nacht geschlossen blieben.

Cindy griff nach ihren Zigaretten und zündete sich und Joe jeweils eine davon an. Die Kassette wurde gewendet. Diese seltenen Sekunden der Ruhe nutzte Joe, um ein `Warum´ in den Innenraum des Wagens zu werfen. "Ist doch egal, warum! Seit wann fragen wir nach dem ´Warum`?" Wollte sie wissen. "Er hatte mich blöde angeschaut. Er war ein Trottel!" Joe schwieg. Der junge Mann trat mitten auf der nächsten Kreuzung in die Bremsen. Der Wagen hielt brav seine Spur. Seine, von toten Insekten verschmierte Schnauze sank sich und doch ließ er sich wie auf Schienen führen. Joe wendete.

"Was zum Geier soll das?" Fuhr sie ihn an.

"Wir brechen eine Tradition," antwortete er.

"Was? Was soll das heißen?" Sie war ganz verwirrt.

"Wir brechen unsere Tradition auf die Bullen zu warten. Wir brechen unsere Tradition, uns ab zu sprechen." Durch die einbrechende Dunkelheit schränkte sich ihre Sicht stark ein. Mit 130 km/h rasten sie an dem Hinweisschild vorbei, auf dem stand, dass Lonno noch zehn Kilometer entfernt lag.

"Scheiße, was hast du vor? Wenn wir jetzt noch in das Kaff fahren, werden sie uns erwischen. Willst du, dass sie uns erwischen?" Er sah kurz zu ihr hinüber. In seinem Blick spiegelte sich Wut, Verwirrung und Ohnmacht. Sie bat ihn wiederholt doch wenigsten für einen kurzen Augenblick an zu halten, damit sie alles besprechen konnten. Nur noch sechs Kilometer.

Joes Gedanken verliefen sich in dem Irrgarten seines Gehirns. ´Wie lange es wohl dauert, bis die Polizei die Suche nach ihnen aufnahm? Gab es denn eine Polizeistation in dieser kleinen Stadt? Eine Polizeistation in Lonno? Einer solch unbedeutenden Stadt, in der es nur eine einzige Tankstelle gab. In Lonno gab es einen Supermarkt, der es sich leisten konnte, einen einzigen Kassierer einzustellen, der noch dazu auf einem Auge blind war. Lonno und eine Polizeistation? Wahrscheinlich hatten die so etwas wie einen Dorfpolizisten, der sich mit den wichtigen Männern des Städtchens traf, um diese zu Hilfspolizisten zu ernennen.`

Er lenkte ein, bremste das Auto ab und fuhr linker Hand auf einen Feldweg. Die Stoßdämpfer ergaben sich den Schlaglöchern. Nach etwa 60 Metern, als das vierte Lied auf der Kassette endete, stand der Wagen eine Autolänge tief in einem Wald. Stille. Joe senkte langsam seinen Kopf auf das Lenkrad. Mit beiden Händen umklammerte er es, als bot es den letzten Halt vor einem tiefen Abgrund. Er holte noch einmal tief Luft, richtete sich auf und drehte den Lichtschalter zurück. Jetzt herrschte die Dunkelheit.

Der Wald vor ihnen fraß das allerletzte Licht auf. Die harten Schatten, die eben noch die hellen Scheinwerfer den Bäumen abverlangten, verschwanden. Cindy griff blind nach ihren Zigaretten und in dem Moment als sie mit der Flamme des Feuerzeugs wieder Schatten erzeugte, blinkten blaue Lichtfetzen im Rückspiegel auf. Mit Blaulicht rasten zwei Streifenwagen in südlicher Richtung vorbei. Reflexartig duckte sich das Pärchen, um im selben Augenblick zu begreifen, dass das sinnlos war.

"Fuck! Jetzt ist die Kacke am dampfen," hörte Cindy ihren Freund gegen die Windschutzscheibe fluchen.

In Lonno versammelte sich eine große Menschenmenge um den polizeilich abgesperrten Bereich. Betty und Luise waren unfähig, den Beamten weiter zu helfen. Die Polizisten, insgesamt acht an der Zahl

(es existierte nämlich eine kleine Polizeistation in Lonno)

bekamen nur eine wage Beschreibung von der Tochter des Tankwarts. Ein dunkler Wagen, ein junger Mann und eine Frau galt es zu finden. An mehr konnte sie sich nicht erinnern. Und sie sagte auch aus, dass sie nicht beschwören könnte, dass die Frau die Täterin war, wenn es vor Gericht gehen sollte. Die Kassiererin liebte Krimis. Sie kannte alle Folgen von "Matlock" und "Columbo" auswendig. Für sie stand fest, dass oftmals Unschuldige vom Tatort flüchteten. Später benötigte es einen guten Anwalt oder einen Kommissar mit Weitblick, damit die eiligst Angeklagten nicht unschuldig im Gefängnis endeten. Kopfschüttelnd nahm der Polizist, mit dem verhängnisvollen Namen Adolf, die Aussage auf.

Weder die Überwachungskamera des Supermarktes, noch die der Tankstelle konnten weiterhelfen. Die Kamera der Tankstelle zeichnete nicht auf. Die unscharfen Bilder aus dem Supermarkt zeigten lediglich die kleine Luise, wie sie den Mittelgang nach hinten lief, um kurz darauf wieder auf dem Bild zu erscheinen. Das Objektiv war so schlecht eingestellt, dass man nur den dritten oder vielleicht vierten Kunden einer wartenden Schlange hätte erkennen können. Stunden vergingen.

Gegen 22:00 Uhr drehte Cindy den Knopf ihres Autoradios. Der Mord aus Lonno bestimmte die Nachrichten von dem kleinen Sender, den sie hier am Waldrand am besten empfangen konnten. Nach den Nachrichten ließ der Sender ein bewegendes Pianostück laufen, um direkt im Anschluss einen Sonderbericht "live" aus Lonno zu senden. Lonno, die kleine saubere Stadt, nur wenige Kilometer in südwestlicher Richtung von diesem Waldstück gelegen.

Der Täter hatte nichts geraubt, er hatte einzig Onkel Richard hingerichtet. Niemand in der Stadt konnte sich vorstellen, dass ihn jemand bewusst erschossen hatte. Alle meinten, dass es ein Wahnsinniger, ein entflohener Irrer sein musste, der dies getan hatte. Umso verwunderter waren die Blicke, so der Reporter, wenn sie erfuhren, dass die Polizei eine Frau suchte. Mitte 20, schlank mit langem Haar. Wieder ertönte ruhige Musik. Joe drehte den Schalter zurück. Die Fenster des Wagens beschlugen. Sie kurbelte ihr Beifahrerfenster herunter, zündete sich erneut eine Zigarette an und stützte ihren Kopf am Türrahmen ab. Sie blies den Rauch weit aus dem Fenster.

Joe brach wieder die Stille: "Du hättest wenigstens was zum Trinken mitgehen lassen können, wenn du schon diesen Idioten erschießen musstest." "Oh, ja. Da hast du recht. Ich könnte jetzt auch einen kräftigen Schluck vertragen. Am besten, wir fahren noch mal nach Lonno und gehen kurz einkaufen. Ich habe gehört, die hatten da mal einen sehr freundlichen, zuvorkommenden und hilfsbereiten Supermarktbesitzer. Der drückte auch mal nach Ladenschluss ein Auge zu, um seine Freunde mit dem Notwendigstem zu versorgen." Da musste er lauthals lachen und auch sie konnte sich nicht mehr halten.

Joe hatte mittlerweile das Auto tiefer in den Wald gefahren.

"Wir werden wohl noch eine Weile hier bleiben müssen. Hast du eine Decke im Kofferraum?" Wollte er dann noch wissen. Darauf sie:"Nein."

Die Einwohner von Lonno machten sich kurz vor Mitternacht auf, in ihre Häuser zurück zu kehren. Sie mussten am nächsten Tag wieder zur Schule oder in die Arbeit. Außerdem wollten die Polizisten auch, dass weniger Schaulustige ihre Arbeit behindern würden. Zu dieser Zeit untersuchten bereits Spezialisten aus der Hauptstadt die Leiche und den Tatort. Die Kleinstadtpolizisten sahen diese Spezialisten nicht gerne. Die Kriminalbeamten lobten die saubere Schusstechnik des Mörders mit den Worten: "Wenigstens wusste der Killer, was er da machte. Er hatte ihn sauber zur Strecke gebracht." Es waren zwei Einschusslöcher in der Bauchnabelgegend des Opfers. Dies ließ den Polizeifotografen stutzig werden und er erinnerte seinen Vorgesetzten an die alte Frau im Stadtpark. Der Fotograf war der Einzige, der auch gestern bei dem Mord in der Innenstadt Dienst hatte.

Laut den Studien gab es eigentlich keine weiblichen Serienmörder, aber diese beiden Fälle hatten dann wohl doch einen Zusammenhang. Noch vom Tatort aus ließ der Kripobeamte seinen Kollegen in der Dienststelle damit beginnen, die letzten Morde nach solchen Einschüssen zu überprüfen. Dank der modernen Technik brauchte man nur ein paar Knöpfe zu drücken und man bekam das gewünschte Ergebnis.

Noch in den nachtfinsteren Morgenstunden, am Tag, nachdem Cindys Vater starb, startete Joe wieder den Motor. Langsam rollten sie zurück zur Hauptstraße und sie bogen nach links ab. Mit betont zugelassener Höchstgeschwindigkeit und ohne Musik von der Kassette kamen sie nach wenigen Minuten (oder auch nach zwei Zigaretten) an dem Ortsschild von Lonno vorbei. Die Straßenbeleuchtung reflektierte sich in den flatternden Absperrungen um den Supermarkt. Kein Mensch stand da. Sie schliefen bereits in ihren Betten oder kehrten in die Hauptstadt zurück. Aus dem Radio erfuhren sie von den Straßensperren, welche die Polizei südlich von Lonno errichtet hatte. Wie erhofft, wie erwartet und mit Stoßgebeten gefordert, verließen sie Lonno unbehelligt in nördlicher Richtung.

Gegen 6.30 Uhr setzte Joe das Auto auf den freien Parkplatz seines Nachbarn. Cindy stieg ohne ein Wort aus, rieb sich die Augen und setzte sich auf den freigewordenen Fahrersitz. "Wir sehen uns besser einige Zeit nicht," flüsterte sie Joe zu, als er seinen Kopf durchs offene Fenster steckte. Er nickte nur kurz und vergrub seine linke Hand in der Hosentasche, um seinen Wohnungsschlüssel hervor zu holen. In dem Augenblick, als er sich zum Haus wandte, funkte es in seinem Kopf. Er drehte sich blitzartig und verhinderte mit einer Handbewegung die Abfahrt. Seine flache rechte Hand legte er dabei klatschend auf die Windschutzscheibe. Joe öffnete die Beifahrertür und holte sich seine lederne Brieftasche aus dem Handschuhfach.

Cindy überlegte kurz und meinte noch: "Joe! Hast du mit deiner Karte bezahlt, oder bar? Joe, in der Tankstelle, wie hast du bezahlt?" Er antwortete:"Mit Karte. Wieso?" "Gib sie mir. Gib mir die Karte," forderte sie ihn auf. Er folgte und sie fuhr davon.

Sie steuerte ihre Wohnung an und fuhr auch selbst übermäßig nach Vorschrift. In ihrem Kopf drehte sich alles. Sie musste ihre Gedanken sammeln, sich einen Plan zusammenstellen, wie sie vorgehen sollte. Zu Hause angekommen hatte sie es plötzlich sehr eilig. Sie duschte verhältnismäßig kurz und zog sich den edlen, weinroten Rock und einen leichten schwarzen Kaschmir-Pullover an. Die Tasse mit dem schwarzen Kaffee trank sie nicht leer. Sie hastete zurück zum Auto und fuhr direkt zur Arbeit. Dort schlug die alte Kirchturmuhr der benachbarten gotischen Franziskuskirche genau 8:00 Uhr.

Sie öffnete den Eingang für die Mitarbeiter mit ihrer Ausweißkarte und machte sich sogleich auf, an ihren Schreibtisch zu kommen. Sie tippte die Daten von Joe und dessen Karte ein. Sie änderte geschickt das Datum und meldete die Karte seit Montag 17:00 Uhr als gestohlen. Doch da bemerkte sie den Fehler. Montags schloss die Bank bereits um 16:00 Uhr und beinahe hätte sie das übersehen. Sie änderte ihre Eingaben noch einmal auf 15:56 Uhr und ließ sich danach in ihren Sessel zurückfallen. So war die Karte seit jenem Zeitpunkt offiziell als gestohlen gemeldet, jedoch noch nicht gesperrt. Dies konnte erst am nächsten Arbeitstag vollzogen werden und dies tat sie sogleich auch.

Das alles am Morgen, nach dem Tag, als ihr Vater starb.

Ihre Arbeitskolleginnen grüßten freundlich, als diese der Reihe nach herein kamen. Per SMS verständigte sie Joe, was sie getan hatte und er antwortete mit einem kurzen OK. Nach einem schwachen Kaffee, den ihr ihre Arbeitskollegin Jennifer hinstellte, brach die schwere Last der Müdigkeit über sie ein. Cindy kämpfte, um nicht auf zu fallen, doch es gelang ihr nicht. Jennifer nahm sich kein Blatt vor den Mund und unterstellte ihr ein aufregendes, verlängertes Wochenende mit einem Mann, der sie auch in der Nacht auf Dienstag auf Trab hielt. Cindy verdrehte ihre Augen und antworte nur damit, dass sie sich so etwas mehr gewünscht hätte, als das ganze Wochenende krank im Bett zu liegen. Sie fügte hinzu, wohl noch nicht ganz auskuriert zu sein.

Jennifer bot ihr an, doch wieder nach Hause zurück zu gehen, um sich richtig zu erholen. Ihr Zustand barg nur ein Risiko. Fehler in ihrer Branche konnten schon mal schnell ein Chaos verursachen. Die zwei jungen Frauen arbeiteten in der Kreditkartenabteilung und wenn man hier nur eine Ziffer vertauschte, vergaß oder falsch setzte hätte dies ärgerliche Nachspiele haben können. Doch Cindy wollte sich nicht überreden lassen und verbrachte noch den restlichen Tag an ihrem Platz hinter ihrem Schreibtisch.

Joe hingegen verließ seine Wohnung an jenem Tag nicht. Er schlief bis 14:00 Uhr. Dann weckte ihn ein lautes, boxendes Klopfen gegen seine Tür. Er hörte nicht die vertrauten Tritte seiner Freundin, sondern schnelle, männliche Schläge. In Shorts und T-Shirt öffnete er die Tür. Die Türkette verhinderte den überstürzten Eintritt seines Nachbarn. Sein Nachbar, Golly genannt, verfluchte ihn. Schließlich hätte er ihm die eiligst benötigten Unterlagen bereits am gestrigen Montag abend vorbeibringen sollen. Joe rieb sich das Gesicht und durch seine gelverklebten Haare.

Er erinnerte sich wieder.

Zurückgeworfen, in den Alltag eines einfachen Studenten. Golly war ein unsportlicher Typ, der sich mit Computern und Musik seine Zeit vertrieb. Wenn man die neuesten Lieder seiner Lieblingsinterpreten kostengünstig erwerben wollte, war er der richtige Ansprechpartner. Auch bei technischen Problemen mit Heimcomputern kam man gerne auf Golly zur Behebung zurück. Für ein paar nette Worte und eine Tasse Tee machte Golly sehr viel. Leider gab es niemanden in dem Haus, der eine ehrliche Freundschaft zu ihm pflegte. Doch bemerkte das auch niemand, da die sogenannten Freundschaften meist nur auf gegenseitiges Geben und Nehmen beruhten.

Abhängigkeiten verleiten einen schnell, zu glauben, befreundet zu sein.

Golly pochte verbissen auf seine wichtigen Kopien. Doch Joe war so durcheinander, dass er noch zweimal aufgefordert werden musste, die Türkette zu lösen. Golly packte Joe mit beiden Händen und schüttelte ihn. "He, Mann! Was hast du bloß für ein Zeug geraucht? Geht es wieder? Oder bist du krank?" Sein Kopf arbeitete langsam wieder und lies ihn auf Gollys fragen antworten: "Nichts. Nein, ich habe nichts geraucht. Ich habe mich wohl gestern erkältet. Ich war eine Zeit draußen in dem Mistwetter. Sorry, Golly. Ich habe Deine Kopien. Sie liegen auf meinem Schreibtisch. Einen Moment, bitte."

Joe drehte sich zum Arbeitstisch, schob ein dickes Buch zur Seite und nahm die darrunterliegende rote Mappe zur Hand. Golly stand vor einer der großen Vitrinen. Er interessierte sich nicht für Waffen. Eigentlich. Aber er war immer wieder aufs neue überrascht, wie das möglich war. Weshalb es legal war, hier so viele Schusswaffen in einem simpel abgesicherten Glaskasten auf zu stellen. Golly bekam die gewünschte Mappe von hinten über seine linke Schulter gehalten. Ohne den Kopf zu drehen griff er mit seiner rechten Hand danach. "Sind sie nicht wunderschön?" Wollte Joe wissen.

"Du weißt, was ich davon halte. Ich muss wieder weiter." Golly drehte den Türknauf nach rechts und verließ die kleine Wohnung. Die leichte Tür schnappte ins Schloss und Joe sah zu seinen Lieblingspistolen: "Und, sie sind es doch. Sie sind wunderschön." Er musste an seine letzte Errungenschaft denken. Die neue Magnum. Er hatte erst vier Schüsse damit abgefeuert und nun lag sie für immer in Lonno begraben.

Er hatte noch in der Nacht alle drei Waffen in deren Einzelteile zerlegt. Von jener Nacht an sollte sich der feuchte Waldboden um die endgültige Unbrauchbarkeit kümmern. Joe vergrub die verschiedenen Teile an mindestens 20 Stellen in und um den Wald, in dem sie die Nacht verbrachten. Die größeren Teile vergrub er auch etwas tiefer, als die kleineren. Alleine die Vorstellung, dass sich gerade zu diesem Zeitpunkt weiße, schleimige Würmer um den edlen Griff oder das Magazin schlängelten, ekelte ihn. Joe liebte alle seine Waffen. Er schmollte in sich hinein, wie ein kleiner Junge, dessen neues Spielzeug kaputtging. Er überlegte kurz und kam zu dem Schluss, dass er seine Magnum nicht hätte zerlegen müssen. Er tat dies nur, weil er Cindys Pistolen vernichten musste, um diese Spuren zu verwischen.

Er hätte mit seiner gereinigten Waffe jeder Prüfung standgehalten. Kein Polizist dieser Erde hätte sie ihm wegnehmen dürfen. Nichts, absolut Nichts hätte ihn in Verbindung mit einem Mord bringen können. Selbst den sogenannten Fingerabdruck einer Waffe, die Spuren, die der Lauf auf einer abgefeuerten Patrone hinterließ hatte er verändert. Joe hatte da seine Möglichkeiten. Schließlich konnten die Ermittler drei seiner Patronen aus dem Schäferhund untersucht haben. Joe ging zum Kühlschrank, nahm einen kräftigen Schluck aus der Saftflasche und legte sich wieder hin.

Die Autos fuhren bereits mit eingeschaltetem Licht, als er wieder erwachte. Nach einer ausgiebigen Dusche und dem Kürzen seiner Barthaare schnappte er sich sein Handy und tippte eine Nachricht an Cindy. Sie antwortete nicht. Mittwochs stand Joe früher auf als sonst. Er trabte zum Supermarkt und kaufte sich Zigaretten und die Tageszeitung. Akribisch suchte er nach dem Bericht über den Mord von Lonno. Er fand nicht eine Zeile. Nichts. Verwundert blätterte er die Seiten ein drittes und danach ein viertes Mal durch. Nichts. Er tippte die 2 auf der Fernbedienung des Sony-Fernsehers und ärgerte sich erneut, dass kein Ton zu vernehmen war. Er hatte das Gerät erst knapp zwei Jahre und diesen Fehler kannte er bereits so gut, dass er wie selbstverständlich die On/Off-Taste noch zweimal betätigte und sich das Bild daraufhin mit Ton auftat.

Er hatte auf dem zweiten Kanal den Stadtsender eingespeichert, wie er es von zu Hause gewohnt war. In den Nachrichten reihte sich nach den stadtpolitischen Problemen und einigen unwichtigen Verkehrsunfällen noch ein Bericht über Greenpeace-Aktivisten. Einer dieser "radikalen Umweltterroristen" lebte wohl einst in der Hauptstadt. Erst danach folgte ein kurzer Satz: "Bei den Ermittlungen des tödlichen Überfalls vom letzten Montag in Lonno tappt die Polizei weiterhin im Dunkeln," so die Sprecherin. Noch während sie an ihre Kollegin zum Sport abgab überkam es ihn. Er hatte die Mittwochsausgabe der Zeitung gekauft. Mittwoch, nicht Dienstag. Er packte seine Lederjacke, die neben ihm auf dem Sessel lag und verließ die Wohnung, ohne sich um den Fernseher oder das Licht zu kümmern.

Er machte sich im Schnellschritt in Richtung Universität auf. Dort ging er dann bereits in angepasster Geschwindigkeit, weiter zum Block E. Block E war das Bibliothekarsgebäude der Uni. In diesem Backsteinhaus warteten aber nicht nur sämtliche Medien auf ihre wechselnden Besitzer, sondern dort gab es auch Diskussionsräume für die Studenten. Er wusste um die rege Benutzung dieser Räumlichkeiten und auch, dass die angehenden Journalisten stets den ersten Saal für sich in Anspruch nahmen. Er vermutete, hier am einfachsten an die gestrige Ausgabe der Zeitung zu kommen. Sie lag sicherlich noch auf irgendeinem Tisch.

Joe war ein Glückskind. Wie bestellt lagen sogar noch ganze drei Exemplare auf einem Fensterbrett. Er nahm die Werbung aus der Mitte und lag diese auf die anderen beiden Zeitungen. Das Fenster gestattete einen schönen Blick auf die parkähnliche Anlage zwischen den Blöcken E und D. An jenem Mittwoch, also genau zwei Tage nach dem Tod von Cindys Vater, hatte sich wieder sonniges Spätsommerwetter eingestellt. Die Rasenflächen waren wieder trocken und so erholten sich viele Studenten zur Mittagszeit im Schatten der Bäume. Eine junge blonde Frau erweckte sein Interesse. Sie war ganz in schwarz gekleidet. Sie saß auf einem der Tische und zog genüsslich an ihrer Zigarette. Ihre weiblichen Kurven waren an den richtigen Stellen sehr gut ausgeprägt und die enge Lederhose und das leichte Trägershirt verstärkten die Wirkung noch zusätzlich. Joe starrte sie noch bis zum Ende ihrer Zigarette an und als sie aufstand rollte er die Zeitung zusammen.

Er verließ wieder Block E und machte sich auf den Rückweg. Seine versäumten Stunden in den Hörsälen kümmerten ihn nicht im Geringsten. Kaum, dass er die schwere blaugestrichene Tür mit dem vergitterten Sicherheitsglas aufgedrückt hatte, qualmte seine Zigarette auch schon. Er schlüpfte trotz der wärmenden Sonnenstrahlen in seine Lederjacke, kramte die verchromte Sonnenbrille heraus und setzte sie sich auf. Just in jenem Moment stieß er dann mit dem Mädchen von eben zusammen.

Er ließ seine Zeitung fallen und beide entschuldigten sich mehrfach für ihre Unachtsamkeit. Joe war kein schüchterner Mensch und so kam er schnell mit Paula, wie sie sich vorstellte, ins Gespräch.

Cindy war zu jener Mittagszeit auch auf dem Universitätsgelände, um sich nach einem Gespielen für ihre Mittagspause um zu sehen. Sie hatte dies sicherlich schon ein Dutzend mal getan. Sie fand Gefallen daran, weil hier immer hübsche junge Männer wie vom Fliesband an ihr vorüberzogen und sie nie Probleme hatte, einen geeigneten Partner zu finden.

Doch an jenem Tag verschlug es ihr beinahe die Stimme, als sie ihren Joe mit einer großbusigen Blondine in Block E verschwinden sah. Sie verfolgte das Pärchen, denn Eifersucht überkam sie schneller, als ein Pfarrer "Amen" sagen konnte. Trotz ihres eigenen freizügigen Lebensstils konnte sie nicht damit umgehen, wenn eine andere ihr "Spielzeug" nehmen wollte. Sie erhaschte noch einen kurzen Blick von Paulas Rücken, der gerade in die Damentoilette verschwand. Damit war alles klar.

Sie trat mit voller Wucht den Aschenbecher vor der blaugestrichenen Eingangstür um. Erst jetzt erstickte Joes glimmende Zigarette unter dem Quarzsand, der sich auf dem gepflasterten Boden verteilte. Nervös tanzte sie auf der Stelle. Dann öffnete sie die schwere Tür, schritt langsam zur Damentoilette und fand die Beiden während sie gerade Sex hatten.

Cindy packte ihn an der Schulter und zog ihn von ihr runter. Danach drückte sie den aufgeschraubten Schalldämpfer einer Marksman Halbautomatik auf Paulas speichelbesudeltes Kinn.

"Ich hasse dich, du Schlampe!" Fauchte sie. Joe wollte einschreiten, doch als er nur den Mund öffnete um dies zu tun, zielte Cindy mit der schweren Waffe direkt auf seinen Kopf und er verstummte. Paula schrie um Hilfe, was ihr eine gebrochene Nase einbrachte. Cindy begann mit Paula zu reden: "Hast du Angst? Hast du große Angst, Kleine?" Sie drückte den Lauf ihrer Pistole in Paulas Bauch. "Wenn du Joe noch ein einziges Mal nur ansiehst, werde ich dich töten, du dumme Kuh, hast du das verstanden? Hast du mich verstanden?"

Das Mädchen konnte nur nicken und begann zu zittern. Angstschweiß und ein erstarrter Blick erfreuten Cindys Herz. "Zieh dich wieder an du Schlampe!" Die Muskeln von Joe entspannten sich und er ließ sich sitzend auf den Boden vor der Tür nieder. Paula fuchtelte wild mit ihren Händen und schlüpfte dann in ihre Hosen. Sie drehte sich nicht mehr zu Cindy, die bereits am Fenster der Toilette stand, um.

Die junge Frau griff noch nach ihrer Tasche und sah Joe ängstlich in die Augen, als sie sich auf den rettenden Ausgang zu bewegte. Der zielsichere Schuss zerfetzte die Wirbelsäule von Paula. Ihr Blut spritzte Joe ins Gesicht und er ekelte sich, wie noch nie.

"Sie sollte dich nie wieder ansehen. Das war so abgemacht," rechtfertigte sie sich. "Sag mal, bist du denn jetzt vollkommen durchgedreht?" Joe war entsetzt. ´Wie sollten sie denn hier wieder rauskommen, ohne erwischt zu werden?` "Man kann nicht eine Studentin in der Uni erschießen und glauben, dass sich das so im Sande verläuft, wie es bei all den anderen war. Scheiße. Was machen wir denn jetzt mit ihr? Wir hatten vereinbart uns nicht mehr zu sehen und du läufst hier auf meiner Uni herum und erschießt einfach die Leute!"

Zwei Sekunden der Stille folgten, bis sie reagierte. "Warte hier!" Nur etwas später klebte ein großer Zettel auf der Außenseite der Toilettentür. Unter dem Wort "Defekt" stand noch "Out of Order" geschrieben. "Ich finde, das passt." Cindy nahm einige Meter vom Klopapier und stopfte das faustgroße Loch in Paulas Rücken damit voll.

Als Joe die Tote in einem der Abteile verstaut hatte, kletterte er über die Wand, um das Abteil abgeschlossen zu hinterlassen. Cindy verwischte die Blutspuren und spülte einige Fleischfetzen in einer der Toiletten hinunter. Sie verlor kein Wort mehr über die Aktion von Joe und dem Mädchen. Er schnappte sich seine Zeitung und dann verschwand das Pärchen wieder vom Campus. Sie setzte Joe vor dessen Wohnung ab und fuhr zurück zur Bank. Nachmittags las er den Artikel über den Mord von Lonno.

Volle 48 Stunden später, es war in der Mittagspause der Bibliothekarin der Universitätsbücherei, brachen Ermittlungsbeamte die verschlossene Kabinentür in Block E auf. Die Schusswunde passte nicht ins Bild der Beamten, die einen Serienmörder in ihrer Gegend vermuteten. So verwarf die Presse auch diese Theorie.

An jenem ersten Freitag im September des Jahres 1998 bekamen einige Mitarbeiter der Landesbank wieder eine Einladung zum Gartenfest von Robert, ihrem Chef. Cindy wusste bereits einige Tage zuvor davon. Margarete beschäftigte sich seit mehr als einer Woche intensivst mit den Vorbereitungen. Joe auf die Party einzuladen vermied sie in jenem Jahr.

Die acht Tage vergingen für Cindy und Joe in unaussprechlich langsamer Geschwindigkeit.

Am 12. September hingen wieder die Lampions und die ersten Gäste trafen pünktlich um 19:00 Uhr auf dem Grundstück ihres Chefs ein.

In den letzten zwei Wochen stießen die Polizisten immer wieder an ihre Grenzen. Egal, welche Spur sie verfolgten, die Suche endete stets in einer Sackgasse. Alle gefundenen Fingerabdrücke, die EC-Karte von Joe oder auch die Suche nach einer passenden Waffe aus seiner Sammlung blieben vergebens. Auch die Zufälligkeit, dass Joe auf der Unglücks-Uni studierte mussten die Behörden als eine solche zu den Akten legen. Joe drohte mit Anwälten, als sechs uniformierte Beamte seine gesamte Waffensammlung vorübergehend beschlagnahmten.

Obwohl keine Verbindung zu seiner Sammelleidenschaft und den Morden hergestellt werden konnte, ordnete die Schulbehörde ein absolutes Schusswaffenverbot an. Joe löste dieses kleine Problem mit einem kurz entschlossenem Umzug in eine Privatwohnung. Golly half ihm dabei und bekam dafür die alte Couch und den Sony-Fernseher. Der Fernseher war für Joes überreizte Nerven ungesund und die graue Kunstledercouch passte so gar nicht in die neue Wohnung.

In den letzten Tagen sahen sich Joe und Cindy nicht. Sie schickten keine Nachrichten mehr und telefonierten auch nicht mehr miteinander. Man fand auch keine neuen Leichen mehr. Cindy wusste nichts von dem Umzug. Auf der Gartenparty ihres Chefs langweilten sich die meisten Gäste. Jeder bot gute Miene zum bösen Spiel. Nur die wenigsten hatten den Mut, nicht auf dem Fest zu erscheinen. Cindy verstand es geschickt, nicht in eine peinliche Situation mit Margarete und Robert zu gelangen. Margaretes Mann machte es seiner Geliebten aber auch nicht besonders schwer. Er mied jeglichen Kontakt.

Bereits gegen 21:00 Uhr verließ sie die Party. Margarete sah sie gehen und beeilte sich, der Etikette genüge zu tun. Sie verabschiedete sich mit einem netten Geschenk. Cindy warf mit dem kleinen Blumentopf die dritte Straßenlaterne auf ihrem Nachhauseweg ein. Wesentlich fröhlicher stieg sie danach in ein Taxi und ließ sich nach Hause chauffieren.

Sie langweilte sich bald und gegen 22:30 Uhr verließ sie wieder ihre Wohnung. Sie spazierte umher und wunderte sich über die leeren Straßen. Die wenigen Bäume ließen ihre Blätter vom sanften Wind streicheln und nur wenige Zigaretten später glitten ihre zarte Finger über die weiße Motorhaube eines parkenden Cabrios. Das Verdeck war offen und der Schlüssel steckte. Der Besitzer war kurz ausgestiegen, um sich hinter den Büschen zu erleichtern, brachte nur wenige Stunden später ein Beamter zu Protokoll. Als er zurückkam war sein Auto verschwunden.

Cindy brauste mit dem weißen Wagen in die Nacht. Sie steuerte in einen liebgewonnenen Kreisverkehr und drehte einige Runden, weil sie sich nicht entscheiden konnte, welche Himmelsrichtung sie einschlagen sollte. Erst als ein Polizeiauto auf das geteerte Rondell rollte setzte sie den Blinker und bog in die Straße, aus der die Beamten kamen ab. Ein kurzer Blick in den Rückspiegel versprach eine ruhige Weiterfahrt. Erst jetzt bemerkte Cindy, dass sie sich auf das Viertel mit den spießigen Einfamilienhäusern zu bewegte. Sie ließ jedoch die Nebenstraßen mit den besagten Gärten unbefahren und verließ die Stadt.

Eine volle Stunde später hatte sie keine Zigaretten mehr und sie hielt an einer geschlossenen Tankstelle, um sich neue zu kaufen. Der Automat führte erwartungsgemäß nicht ihre Marke und so kaufte sich eben ihre "Ausweichkippen". Nahe der Zapfsäulen zündete sie sich die erste davon an. Hinter der Tankstelle führte ein beleuchteter Weg zu einem kleinen See. Die weißen Lichtkegel der Laternen spiegelten sich zauberhaft auf der glatten Wasseroberfläche wieder.

Ein junges Liebespaar lag auf einer Wolldecke und sie sahen verträumt nach den Sternen. Angeblich war es die Nacht der Sternschnuppen, doch bisher hatte weder Peter noch seine minderjährige Freundin eine einzige davon gesehen. Das Pärchen hatte auch einen Hund bei sich, durch den sie auf Cindy aufmerksam gemacht wurden. Er bellte einige Male in ihre Richtung. Cindy blieb kurz stehen, hatte sie den Hund doch erst durch sein Bellen bemerkt. In ihrem Kopf tobte es, ihr Puls stieg schlagartig hoch. Ein dicker Schwall Blut schoss ihr durch die Halsschlagader in den Kopf. Sie drehte sich um, verschraubte den Dämpfer im Schutz ihrer Jacke und machte erneut kehrt.

"Wenn mir euer scheiß Köter zu nahe kommt, kann ich für nichts garantieren!" "Benny tut ihnen nichts, er ist nur verspielt," antwortete Peter. Cindy näherte sich dem Steg und musste dazu dicht an dem Pärchen vorbei. Benny stand bereits auf allen Vieren und hielt seine Schnauze in ihre Richtung. Das machte sie nervös und sie blickte unentwegt um sich. Es schien niemand anderes in der Nähe zu sein.

Rund ein Jahr zuvor nahm ihm Peters Mutter die Entscheidung über den Kauf eines Hundes ab. Sie schenkte ihm das Tier, damit er mehr Verantwortungsgefühl bekommen sollte. Außerdem hatte sie kurz zuvor einen netten deutschen Spielfilm gesehen, in dem es darum ging, dass männliche Hundebesitzer nur kurz Single blieben. Peter war damals 24 Jahre alt und seine letzte Beziehung hatte er vier Jahre zuvor beendet. Seine Mutter war es leid, dass ihr hübscher Junge nie eine potentielle Mutter ihrer ersehnten Enkel mitbrachte. Doch nach jener Nacht sollte sie nichts mehr bereuen, als ihrem Sohn einst dieses verhängnisvolle Präsent überreicht zu haben.

Nachdem der kleine Vierbeiner auf Cindy zurannte und sie ihn mit einem kräftigen Tritt zurückschleuderte, setzte sie bei Peter aus etwa zwölf Meter Entfernung einen gezielten Kopfschuss. Innerlich klopfte sich Cindy auf die Schulter und hörte die heisere Stimme ihres Schießlehrers großes Lob aussprechen.

Das rothaarige Mädchen blieb wie erstarrt liegen und Cindy setzte sich auf sie. Wieder konnte sie ihre Wünsche befriedigt sehen. Cindy sprach kein Wort und doch hörte sie sich. ´Na du kleine rote Hexe, war wohl ein Fehler heute hierher zu kommen? Hast du Angst? Ich werde dich jetzt töten.` Und mit zwei Schuss aus der Pistole beendete sie das Leben der jungen Schülerin aus Tulom.

Sie schleppte die beiden toten Körper runter zur Böschung und Benny warf sie in die Mülltonne neben der alten Birke, deren weiße Rinde sich schön im Schein des Halbmondes reflektierte. Der Hund winselte noch leise vor sich hin, doch wollte sie das Tier nicht von seinen Qualen befreien und verließ das Szenario, ohne einen Blick zurück zu werfen. Das weiße Cabrio parkte nach wie vor neben dem Zigarettenautomaten. Sie startete, setzte kurz zurück und wendete in Richtung Hauptstadt. Der Radiosprecher verkündete die Geisterstunde und die Landeshymne erklang.

Das nervte, aber Cindy war unbeholfen. Die Technik von Autoradios war ihr unverständlich und sie konnte keine Taste finden, die den Kanal wechseln würde. Ein Kassettendeck war nicht vorhanden, was sie sehr überraschte. ´Wer kauft sich schon ein Cabrio und hat dann nur den einfachsten Radio eingebaut?`

Zurück in der Stadt stellte sie das Auto in einer dunklen Seitenstraße ab und verwischte alle eventuellen Fingerabdrücke. Von dort aus marschierte sie eine halbe Stunde stadteinwärts. Sie war wieder in dem Viertel der spießigen Gärten. Hier gab es jedoch weit und breit keine Telefonzelle. Gegen 1:00 Uhr nachts schmerzten ihre Füße. Sie marschierte weiter und am anderen Ende des Viertels fand sie endlich eine Kneipe.

Sie sah sich in dem gutbesuchten Lokal nach einem freien Platz um. An der Bar eröffnete sich die Möglichkeit sich zu zwei Frauen mittleren Alters zu setzen. Eindeutig zwei Freundinnen, die hier ihren Frauenabend verbrachten. Sie setzte sich auf den Bambushocker und bestellte sich einen weißen Tequilla. Ohne zu zahlen stand sie auf und ging zu den Toiletten. In dem Seitengang stand neben dem Zigarettenautomaten auch ein Telefonapparat und sie wählte die bekannte Nummer des Taxiservices. Nachdem sie sich die Hände gewaschen hatte steuerte sie wieder die Bar an und bemerkte, dass ihr Platz nicht mehr frei war.

Ein angetrunkener Mann hatte sich zu den beiden Frauen gesetzt und versuchte sein Glück. Cindy ärgerte sich kurz, musste aber nach einer genaueren Begutachtung des Mannes lachen und drückte sich zwischen ihn und den zwei Freundinnen, um noch einen Tequilla zu bestellen. Prompt stand dieser auf dem Tresen und sie leerte das Glas mit einem Satz. Dieses mal bezahlte sie und verließ das Lokal. Das bestellte Taxi stand wie versprochen vor der Tür und sie ließ sich erneut nach Hause fahren.

Wenige Minuten vor dem Ziel begann es leicht zu regnen und Cindy schmunzelte. Sie musste an das Cabrio denken und an die hilfreiche Hand des Regens.

In der Wohnung legte sie ihre beschwerte Jacke auf den Esstisch und suchte nach ihrem Handy. Es lag unter einer weißen Bluse auf der Couch. Die Bluse wollte sie eigentlich bei dem Gartenfest ihres Chefs tragen, doch schien sie ihr dann zu aufreizend und sie beließ es bei einem ihrer leichten Rollkragenpullover.

Kein Anruf in Abwesenheit, keine Kurznachricht. Etwas enttäuscht schloss sie das Handy am Netzgerät an und legte sich wenig später ins Bett, wo sie auch sofort einschlief. Gegen 11:00 Uhr erwachte sie aus einem unruhigen Schlaf.

Nach der Morgentoilette setzte sie sich in ihren Wagen und fuhr auf Umwegen zu Joes Studentenbude. Sie parkte auf einem der freien Plätze vor dem Haus. Die Haustür stand offen und so kam sie wieder direkt vor die Wohnungstür. Wenige Minuten vor 13:00 Uhr trat sie zweimal kurz und einmal heftig dagegen. Noch in Gedanken kramte sie in ihrer großen ledernen Handtasche nach ihrer gestrig benutzten Waffe. Sie wollte Joe gleich davon erzählen und ihn um die Bearbeitung des Laufs bitten.

Mit verschlafenem Blick öffnete eine junge Studentin die Tür. Sie war einzig mit einem schlichten weißen Shirt bekleidet. Cindy war verblüfft und ließ die Waffe in der Tiefe ihrer Tasche verschwinden.

"Wer bist du?" Wollte sie wissen und weiter fragte sie: "Wo ist Joe?"

"Joe? Wer ist Joe? Ich wohne hier seit vorgestern, vielleicht hieß mein Vorgänger Joe," antwortete die Kleine mit einer ausgetrockneten Stimme. Sie hatte ihren Einzug groß gefeiert und war noch nicht richtig auf den Beinen. Cindy machte ohne weitere Worte kehrt und wusste vorerst nicht, was sie tun sollte. In ihrer morgendlichen Müdigkeit hatte sie wieder ihr Handy liegen lassen und ärgerte sich sehr über ihren einfältigen Kopf. Mit krachenden Lautsprechern, aus denen gerade "Lords of the Boards" dröhnte, raste sie auf der kürzesten Strecke zurück.

Joe saß indes auf seiner neuen Couch und ließ sich vom langweiligen Fernsehprogramm berieseln. Er verschwendete keinen Gedanken mehr daran, sich bei Cindy melden zu müssen. Sie wollte den Kontakt abbrechen und er wollte ihr nicht den Gefallen tun und bettelnd zurückkommen.

Sein neuer Fernseher war eines dieser Hochleistungsprodukte. Der Panasonic hatte einen flachen Bildschirm und war mit einer Dolby-Anlage ausgestattet. Ein Gerät ohne Fehler. Über der TV-Anlage hing ein altes poliertes Sturmgewehr aus dem zweiten Weltkrieg. Er hatte es von seinem Vater geschenkt bekommen. Eine schrille Melodie jagte ihn wenig später aus seiner Sänfte. Sein Handy schrie nach ihm. Folgsam sprang er auf und erlöste sich und das Telefon von dem unnatürlichen Geräusch.

Am anderen Ende war Cindy. Sie klang verärgert aber auch verwirrt. Er erklärte ihr vorerst nichts genaueres und bot an, zu ihr zu kommen. Doch Cindy verweigerte ihm dies. Cindy hatte ihn noch nie zu sich mitgenommen oder im je Einlass gewährt. Zu groß war die Gefahr, dass Robert auftauchen konnte. Sie einigten sich auf eine Wegbeschreibung und sie setzte sich wieder in ihr Auto. Ihr Handy hatte sie bei jener Fahrt dabei.

Nach 40 Minuten hatte sie die besagte Straße gefunden und suchte bei langsamster Fahrt nach der Hausnummer 45. Ein älteres Ehepaar spazierte ihr neben der Straße entgegen. Verwundert und ermahnend schüttelten beide ihre Köpfe, da sie sich von dem Krach aus ihrem Radio gestört fühlten. Cindy reagierte erst nicht darauf, gestikulierte aber nur einen Wink später mit ihrem Mittelfinger zurück.

Sie fand Nummer 41 und ihr Puls stieg unmerklich an. Sie hasste es, sich ins Auto zu setzen, ohne genau zu wissen, wohin es gehen sollte. In der Hauptstadt gab es sehr viele Einbahnstraßen und Sackgassen. Zu oft musste sie umkehren und den Stadtplan bemühen, um nicht in dem steinernen Labyrinth verloren zu gehen. Die nächste Nummer die ihre Augen sahen war dann die 47. "Wo zum Henker war die beschissene 45?" Fragte sie sich laut.

Sie hielt hinter einem blauen Mercedes, dessen Besitzer das Einparken wohl erst noch erlernen musste. Der vordere rechte Reifen quälte sich mit dem Randstein ab und das Heck war mit seiner linken Seite etwas weit auf der Straße zurückgeblieben. Sie nahm ihr Handy aus der Ledertasche und wählte Joes Nummer. Nur eine Zigarette später stand sie mit ihm in seiner neuer Wohnung. Sie war wesentlich geräumiger und die großen Fenster bescherten den Zimmern einen freundlichen Touch. Cindy war das alles egal und sie begann von ihrem nächtlichen Ausflug mit dem Cabrio zu erzählen.

Joe war überrascht, dass sie einen Wagen gestohlen hatte und ihn interessierten mehr diese Details, als das junge Pärchen und der lästige kleine Hund, der in der Mülltonne verendete.

 

Nach der zweiten Zigarette war wieder alles wie vor der kurzen Trennung. Nichts, so schien es, hatte sich zwischen den Beiden verändert. Er schlug vor, noch an diesem Sonntag mit ihr eine Runde spazieren zu gehen, nachdem er den Lauf ihrer Marksman präpariert hatte. Sie lächelte nur und schon war die Abendgestaltung geplant. An jenem Nachmittag rauchten die Beiden eine Unmenge an Zigaretten und sie schliefen auch wieder miteinander. Joe bereitete seine Jacke vor und Cindy kontrollierte ein letztes Mal ihre Magazine. Noch beim Verlassen des Hauses zündeten sich sie eine Zigarette an und sie ließ sich von ihm an der Hand genommen führen.

Das Paar kam an einer großen Zoohandlung vorbei. Durch sechs verschmierte Schaufenster konnten sich die Passanten Aquarien, Käfige, Tierspielzeug und Futter, aber auch Hundewelpen, Hasen und andere kleinere Tiere ansehen. "Eine Rauchbombe können wir wohl nicht durch den Lüftungsschacht werfen?" Scherzte Cindy. Joe schmunzelte und ohne eine Antwort zu geben bog er mit ihr um die Hausecke. Sie erreichten eine belebte Gasse. Hier fanden sie mehrere kleinere Lokale.

Teilweise saßen die Gäste noch draußen an ihren Tischen an der von Musik geschwängerten Luft. Es roch nach gebratenem Fisch und wenige Schritte später stieg einem der Duft von Knoblauch in die Nase. Es war immer noch angenehm warm, doch fiel das Pärchen an jenem Abend nicht mehr auf, nur weil sie ihre Jacken trugen. Es war bereits Herbst und die finstere, kalte Nacht rückte näher. Cindy und Joe schlenderten zwischen den Bestuhlungen die gepflasterte Gasse entlang weiter.

In etwa der Mitte verbreiterte sich ihr Weg zu einem runden Platz, in dessen Mitte ein kleiner Brunnen stand. Eine der drei Düsen schien defekt. Ihr Wasserstrahl traf nicht ins Becken, sondern benässte mit sturer Kontinuität einen unbesetzten Tisch des ansässigen italienischen Restaurants. Am Straßenstand holte sich Joe eine Waffel mit drei Kugeln Eis. Zitrone, Erdbeere und Schokolade. Er liebte diese Kombination, das wusste sie sogar, obwohl die Beiden eigentlich kaum ein Eis zusammen gegessen hatten. Mit dem Verschwinden der letzten Waffelkrümel fragte sie: "Wo?" Er schluckte noch kurz und antwortete: "Gleich, es dauert nicht mehr lange, versprochen."

Zwischen einem anderen italienischem Restaurant und einer geschlossenen Buchhandlung führte ein schmaler Weg, an dessen Ende eine Holztür offen stand. Joe führte sie hindurch und dann bot sich ihr ein bezaubernder Anblick. "Hier." Hörte Cindy ihren jungen Liebhaber. Er schloss noch die hölzerne Tür und verriegelte sie mit dem rostigen Metallstift.

Cindy stand urplötzlich in einem großangelegten Feld von Apfelbäumen. Die Bäume standen gut zurecht getrimmt in vier Reihen aufgeteilt. Die Äste waren voll mit reifen Früchten. Es duftete herrlich. Doch war der entzückte Blick Cindys nicht auf Grund der Schönheit der Anlage entstanden. In Mitten der Bäume saß ein ältere Herr mit einem verschmierten Kittel auf einem Hocker und pinselte Ölfarbe auf eine Leinwand.

Er malte die Bäume im schwachen Licht zweier Öllampen, die er einen kindlichen Steinwurf vor sich platziert hatte. Joe flüsterte ihr noch ins Ohr: "Er gehört dir." Er drehte sich zur Seite, um den schmalen Weg hinter sich zu beobachten. Sie spielte verliebt mit ihrer Waffe und setzte den Schalldämpfer mit einer Erotik auf den Lauf, dass ihrem Freund ganz heiß wurde.

Mit hinter dem Rücken verschränkten Armen bewegte sie sich auf den Alten zu. Mit einer warmen verliebten Stimme grüßte sie ihn. Der Maler grüßte zurück, obgleich er nicht wusste, was diese junge Frau hier verloren hätte. Der abgeschirmte Garten gehörte ihm, was auch auf dem verblichenem Schild draußen am Tor zu lesen war. "Kann ich ihnen irgendwie helfen, junge Dame?" Wollte der Mann von ihr wissen. Sie log, dass sie von ihm gehört hätte, und weil sie doch seit vier Jahren Kunst studierte, wollte sie ihn eben mal kennen lernen. Wie es hieß, war er ein sehr begabter Maler.

"Nun, das ehrt mich. Was wollen sie denn wissen, junges Fräulein?" Cindy trat ganz dicht an ihn heran und sagte: "Haben sie denn keine Angst? Ich meine hier an diesem verlassenen Platz, des Nachts, so ganz alleine. Wer weiß, welche finsteren Gestalten da zum Tor hereinkommen könnten? Man könnte sie überfallen und niemand bekäme etwas davon mit."

Mit sturem Blick auf sein Gemälde antwortete er: "Ja, da ist schon was dran. Niemand würde mich vermissen und ich könnte hier eine halbe Ewigkeit liegen, ohne gefunden zu werden. Aber, wer sollte mich hier mit bösen Absichten aufsuchen? Bei mir kann man nicht reich werden. Ich habe doch gar nichts. Da fällt mir ein, sind sie öfters hier in dem Viertel? Ich vermisse seit gestern meinen Hund. Einen dunkelhaarigen Dackel. Er hört auf "Prutus". Ich habe ihn schon ein halbes Hundeleben lang und er war noch nie länger als einige Minuten verschwunden. Haben sie vielleicht einen kleinen Dackel gesehen?"

Cindy überlegte kurz und sagte: "Nun, bestimmt hat ihn ein Irrer erschossen. Haben sie schon den ganzen Garten nach ihm abgesucht? Er liegt bestimmt irgendwo hier rum." Der alte Mann verlor vor Schreck seinen Pinsel im tiefen Gras unter den Apfelbäumen: "Um Gottes Willen? Warum sollte jemand meinen Prutus einfach erschießen? So etwas macht doch kein Mensch! Was geht denn in ihnen vor, junge Dame?"

"Täuschen sie sich da mal nicht. Ich kenne schon Menschen, die so etwas machen. Ich kenne sogar Menschen, die nicht nur diese stinkenden Hunde erschießen, sondern auch ganz gerne deren Besitzer. Haben sie denn immer noch keine Angst, hier draußen alleine herum zu sitzen? An ihrer Stelle hätte ich große Angst. Denn diese Nacht wird ihre letzte Nacht sein. Ich werde sie den morgigen Sonnenaufgang nicht mehr erleben lassen." Cindy flüstere all dies in das linke Ohr des alten Mannes.

Kleine Schweißperlen formten sich an seiner Stirn und sie roch den Schweiß der sein Hemd tränkte. Als der Maler das kalte Metall des Schalldämpfers an seinem Kehlkopf spürte, quollen seine Augen an und ein warmer Rinnsal verfärbte seine Hosen.

Sie schlug dem Alten mit der Waffe in den Bauch und mit ihrem Handrücken berührte sie den warmen Urin. Ein quälender Laut war zu hören und sie presste die Waffe mit aller Kraft gegen ihr Opfer.

Sie drückte mit einem zweifellos bösen aber zufriedenen Gesichtsausdruck zwei mal ab. Die erste Kugel verlor sich in den Wirren der Eingeweide. Die zweite Kugel bahnte sich einen Weg nach draußen, um in einem der Apfelbäume für immer zu verschwinden. Sie entfloh ihrem ursprünglichem Ziel durch dessen Hals. Das Austrittsloch war im Halbdunkel des Gartens nicht zu erkennen.

Noch, bevor der leblose Körper zu Boden sank, ging Joe auf ihn zu. Er half seiner Freundin, die Leiche weiter hinten zu verstecken. Er wusste bereits, wo er den Toten hinlegen wollte. Hinter einer kleinen Reihe von Hagebuttensträuchern krabbelten eine Unmenge von Ameisen über den Kadaver des kleinen Dackels Prutus. Dort lag wenig später ein alter unbescholtener Hobbymaler, dessen Leichnam spielende Kinder erst volle neun Tage später fanden.

An diesem besagten Tag, es war ein Dienstag, verstarb auch Cindys Mutter.

Cindy und Joe hatten gelernt, Brieftasche und Habseeligkeiten ihrer Opfer mit zu nehmen. Es sollte von da an immer nach einem Raubmord aussehen, was ihre Chance zu entkommen wesentlich vergrößerte. Nachdem das mordende Pärchen von den polizeilichen Ermittlungen verschont blieb, feierten sie bereits eine Woche nach dem Mord bei dem gemütlichen Italiener, dessen Restaurant an einem großen Garten mit vielen Apfelbäumen grenzte.

Beim Nachhauseweg bat Cindy um eine letzte Runde durch den Park, um den Abend perfekt zu beenden, wie sie es nannte. Joe lächelte wieder zustimmend. Schon eine halbe Stunde, bevor das Pärchen den Park erreichte, schalteten sich die Laternen ein. Anscheinend saßen alle Städter an ihren Fernsehapparaten. Das Paar war ganz allein. In ihr kochte es. Sie hatte sich so sehr auf einen sabbernden Hund und dessen verblödeten Besitzer gefreut.

Es stimmte sie stets fröhlich, wenn sie die Panik in den Augen ihrer Opfer sehen konnte. Ein Blick, der den bevorstehenden Wahnsinn orakelte und nur sie hatte die Macht, den Menschen vor dem Wahn zu beschützen, ihn davor zu retten. Mit einem einfachen Knick ihres Zeigefingers konnte sie das verhindern. Doch an jenem Abend rannten keine Hunde umher. An jenem Abend schlenderten keine alten Damen am Teich vorbei. An jenem Abend waren sie alleine. Niemand konnte vor ihrem erzeugten Wahnsinn erlöst werden.

Cindy fluchte still in sich hinein und ihr Partner verstand ihre Wut. Auch er wollte den Adrenalinschub spüren. Er erinnerte sich an eine Unterhaltung mit ihr, in der es um dieses Thema ging. Cindy nannte es, ´Gott zu spielen, diese unübertroffene Entscheidungsgewalt zu haben ist es, wonach sie eifert.` Und Joe hörte sich selbst antworten ´nein, nicht Gott. Gott entscheidet nur wer lebt. Wir entscheiden, wer stirbt. Wie es nur der Teufel macht`.

Sie presste wütend ihren Rücken gegen die Lehne einer Holzbank. Joe nahm nach einem kurzem Wink neben ihr Platz. Sie hatten sich schon des öfteren unter freiem Himmel geliebt und er ahnte, was sie nun von ihm wollte. Sie streichelte ihm über die Brust. Mit ihren zärtlichen Fingern schlich sie verspielt in die Innenseite seiner Jacke und zog wenig später seine Waffe aus dem Halfter. Sie küsste ihn gleichzeitig leidenschaftlich.

"Ich will..." flüsterte sie ihm ins Ohr, "ich will dich." Weil ihm ihr leises Stöhnen am Ohrläppchen den Verstand raubte bemerkte er nicht, dass Cindy zwischenzeitlich seine Pistole entsicherte. Sie drückte den Lauf mit aller Kraft auf den Bauch unter seine Rippen, so dass er erschrocken aufsah.

"Ich will dich jetzt töten", flüsterte sie wieder. "Dich, nur dich. Hast du jetzt Angst?"

In seinem Kopf rasten die Gedanken wie irrgewordene Ratten auf einem sinkenden Schiff umher. Sie stießen mit aller Kraft gegeneinander und verursachten einen Stau. Er konnte nicht mehr antworten. Nie mehr. Zwei Kugeln beendeten sein junges Leben.

Cindy wusch sich noch im Teich das warme Blut von ihrer Hand und schlenderte zurück zu ihrem Wagen.

Sein Vater bemerkte erst 14 Tage nach der Beerdigung seines Sohnes, dass Cindy weg war. Sie hatte nicht gekündigt, erschien aber auch seit Joes Todestag nicht mehr zur Arbeit. Margarete wiesen die Ärzte in eine Anstalt am Meer ein. Sie hatte den Verlust nicht verkraftet. Doch als man in dieser Anstalt eine aufgespießte Katze im Gang fand, und noch in der selben Nacht sich eine junge Frau aus dem Fenster zu Tode stürzte, floh sie aus der Klinik. Margarete blieb ebenso, wie Cindy, für immer verschwunden.

Wenn sie heute im Park eine schöne junge Frau kennen lernen, achten sie genau darauf, ob sie mit ihnen wirklich nur spazieren gehen will.

Copyright 2019 by www.BookOla.de
Joomla templates by a4joomla