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Der Rabe
Edgar Allan Poe

Übersetzung von Hans Walter Sundermann

Mitternacht ging träg vorüber, müde brütend sann ich über krausen, alten Schriften, ob ich lang Vergeßnes draus erführ. Fast vom Schlaf schon unterbrochen, nickt ich, plötzlich scholl ein Pochen, wie wenn sanft ein Fingerknochen pochen tät an meine Tür. "Ein Besucher ist es sicher, der da pocht an meine Tür; das ist alles" sagt ich mir.

Draußen war, ich sehs noch heute, tiefster Winter. Mir zur Seite warfen halbverglühte Scheite grause Schatten an die Wand. Sehnlichst wünscht ich, daß es tagte, fruchtlos mich beim Lesen plagte, weil der Kummer in mir nagte um Lenor, die mir entschwand. Einzige Lenor, so strahlend dort den Engeln nun bekannt, hier für immer ungenannt.

Düster flüsternde Chimären purpurseidener Portieren tief mith schreckten, weckten tolles, unbekanntes Graun in mir. Drum, mein banges Herz bezwingend, wiederholt ich, mit mir ringend, "Ein Besucher ist's, der dringend Einlaß heischt an meiner Tür; ja, ein später Gast, der dringend Einlaß heischt an meiner Tür. Alles spricht gewiß dafür."

Schon begann mein Mut zu steigen, und ich brach das bange Schweigen: "Meine Dame oder Herr, war, was Ihr gewiß verzeiht, schon ins Traumland auf der Reise, und Ihr klopftet auch so leise, und auf so verstohlne Weise leise Ihr gekommen seid, daß ich meinem Ohr nicht traute." - Auf tat ich die Tür nun weit - : Nichts als Dunkel weit und breit.

In das Dunkel starrt ich lange, ratlos stand ich da und bange, träumte zweifelnd, was zu träumen kein Mensch wagte je zuvor. Aber nichts durchbrach das Schweigen, seine Nähe zu bezeigen, flüsternd in das Dunkel steigen hört ich nur das Wort "Lenor" selber sprach ich's, und als Echo kam es leis zurück - : Lenor. Weiter nichts drang an mein Ohr.

Als ich nun zurück mich wandte, und mein Herz noch in mir brannte, hört ich abermals ein Klopfen, diesmal nicht mehr ganz so sacht. "Sicher", dacht ich, "ist's ein Schaden dort an meinem Fensterladen; will doch sehen, was sich da denn so obskur bemerkbar macht. Still, mein Herz, gewiß ist alles, was sich dort bemerkbar macht, ..........nur der Sturm der Winternacht."

Auf, das Fenster! Und verdattert stand ich, denn hereingeflattert kam ein stattlich stolzer Rabe: Sagenhaft kam er mir vor. Schien nicht Achtung mir zu zollen, keinen Aufenthalt zu wollen, schwang sich stracks mit hoheitsvollen Airs zum Türgesims empor; schwang sich auf die Palasbüste über meiner Tür empor, saß dort reglos wie Dekor.

Mein betrübtes Stirnerunzeln wandelte dies Tier in Schmunzeln, mit so bitterernster Miene, so viel Würde um sich her. "Wohl am Helmbusch - Ritters Zier - nicht an Kühnheit mangelt's dir", rief ich, "grimmes Märchentier aus dem Reich der Nacht. Erklär, welchen edlen Namen trägst du dort in Plutos dunkler Sphär?" Rief der Rabe: "Nimmermehr."

Staunend hört aus seinem Schnabel ich solch menschliche Vokabel, war die Antwort auch an Inhalt und an Aufschluß ziemlich leer. Und man wird mir zugestehen, keinem noch ist's je geschehen, Vogel oder Tier zu sehen, das vom Türgesimse her, von der auf dem Türgesimse aufgestellten Büste her rief, es heiße Nimmermehr.

Doch der Rabe - einsam ragte auf dem stillen Haupt er - sagte nur dies Wort, als legte darein seine ganze Seele er. Bis ich, da er nicht mehr muckte und mit keiner Feder zuckte, murmelte, es halb verschluckte: "Manchen Freund gab ich schon her, morgen wird auch er entschwinden, wie mein Hoffen lang vorher!" Rief der Rabe: "Nimmermehr."

Aufgeschreckt, da was er schwatzte, passend in mein Schweigen platzte, dacht ich, auf dies Wort beschränkt sich wohl sein mündlicher Verkehr. Hat's von einem, den ein stummer, gnadenloser Schicksalskummer jede Nacht verfolgt im Schlummer, bis all seine Lieder er, bis die Grabgesänge seiner Hoffnung melancholisch er all gereimt auf 'nimmermehr'.

Doch der Rabe stimmte weiter mich trotz meinem Herzweh heiter. Statt vor Tür und Tier zu stehn, rollt ich einen Sessel her. Ließ mich in die Polster nieder, reihte sinnend Glied an Glieder, fragte wieder mich und wieder, wie dies Tier zu deuten wär, wie dies grimme, grause, dürre Unglückstier zu deuten wär und sein krächzend "Nimmermehr".

Dies zu raten saß ich brütend, doch zu sprechen mich wohl hütend zu dem Vogel, dessen Blick mich heiß durchbohrte wie ein Speer. Vieles ward von mir erwogen, weich der Kopf zurückgebogen auf das Polster, samtbezogen, warm beglänzt vom Leuchter her. Doch dies Polster, samtbezogen, warm beglänzt vom Leuchter her, sie, ach, drückt es nimmermehr!

Füllten da nicht Weihrauchdüfte aus verborgnem Faß die Lüfte? Und Seraphen schwenkten's, schritten wie auf Matten leis umher. "Ärmster", rief ich, "sieh, Gott spendet durch die Engel, die er sendet, Lindrung dir: mit Lethe endet bald Lenors Gedächtnis er. Labe dich nun am Vergessen! Länger nicht Lenor entbehr!" Rief der Rabe: "Nimmermehr."

"Unhold", tief ich, "prophezeist du? - Wohl denn, wärst auch Höllengeist du! Ob dich der Versucher sandte, ob ein Sturm dich trieb hier her: hoffnungslos doch dreist in Zonen, die verhext sind von Dämonen, in dies Haus voll Angstvisionen, - sag mir wahr, ich bitt dich sehr: Gibt es - gibt's in Gilead Hedung? Sag's mir, sag's, ich bitt dich sehr!" Rief der Rabe: "Nimmermehr."

"Unhold!" rief ich, "tilg die Zweifel! Sei Prophet - ob Tier ob Teufel! Bei dem Himmelszelt, beim Schöpfer, dem Gebeugten hier erklär: Wird in Edens Paradeisen ihm ein Mägdlein Gunst erweisen, heilig und Lenor geheißen von den Engeln um sie her - strahlend und Lenor geheißen, sie, die ich zurückbegehr?" Rief der Rabe: "Nimmermehr."

"Mag denn dieses Wort uns scheiden, Untier!" schrie ich, wild vor Leiden. "In die Stürme troll dich wieder und in Plutos dunkle Sphär! Keine Feder mehr erzähle schwarz die Lüge deiner Seele! Laß mich einsam! Ich befehle: Fort von meiner Tür dich scher! Hacke mich ins Herz nicht länger! Packe dich, hinweg dich scher!" Rief der Rabe: "Nimmermehr."

Und der Rabe rührt sich nimmer, sitzt noch immer, sitzt noch immer auf der weißen Palasbüste überm Türsims wie vorher: einem Dämon gleich mit seinen Augen, die zu träumen scheinen. Unten auf erhellten Steinen liegt sein Schatten schwarz und schwer. Und es hebt sich aus dem Schatten dort am Boden schwarz und schwer meine Seele - nimmermehr.

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