Cookies sind für die korrekte Funktionsweise einer Website wichtig. Um Ihnen eine angenehmere Erfahrung zu bieten, nutzen wir Cookies zum Speichern Ihrer Anmeldedaten, um für sichere Anmeldung zu sorgen, um statistische Daten zur Optimierung der Website-Funktionen zu erheben und um Ihnen Inhalt bereitzustellen, der auf Ihre Interessen zugeschnitten ist. Klicken Sie auf „Stimme zu und fortfahren“, um Cookies zu akzeptieren und direkt zur Website weiter zu navigieren.
Header1.jpg

Die Autoren von BookOla.de erstellen Rezensionen von Romanen, Kurzgeschichten
und allem was von bekannten und unbekannten Autoren zu Papier gebracht wird.
Die Links zu Amazon sind sogenannte Affiliate-Links.
Wenn du auf so einen Affiliate-Link klickst und über diesen Link einkaufst, bekomme ich
von Amazon eine kleine Provision. Für dich verändert sich der Preis nicht, aber dieser kleine
Betrag hilft mir, die Unkosten der Seite zu bestreiten.

und nun findet man auch unsere ersten Gehversuche auf Mastodon

Das Projekt

© 1998-2002 by Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!
   

1

   

Irgendwie fühlte er sich heute nicht recht wohl. Und dieses Gefühl, dass etwas nicht stimmte, ließ ihn nicht los.

 

2

 

Seit nunmehr 12 Jahren arbeitet Richard Goldmann im Leichenschauhaus der Gerichtsmedizin des städtischen Universitätskrankenhauses. Er mag seinen Job. Gut, er hat es sich zur Berufung gemacht, Leichen aufzuschneiden, um deren Todesursache festzustellen; er musste zugeben, diese Tatsache war für ihn und seine Frau Norma sicherlich nicht gerade förderlich auf dem Weg in die ‘Wer-hat-den-größten-Freundeskreis-Topliste’. Doch dieser Umstand störte weder ihn noch seine Frau sonderlich. Sie lebten schon zu Beginn ihrer Ehe vor 15 Jahren ein wohl eher zurückgezogenes Leben. Und ihre wenigen intensiven Freundschaften pflegten sie um so mehr.

 

Norma begnügt sich damit, als zufriedene Hausfrau nebenbei ein Buch im Jahr zu verfassen, deren Inhalt sich fast ausschließlich um die ehelichen Gefilde von Liebe, Sex und Zärtlichkeit drehen und sich somit wohl hauptsächlich an die breite Masse der Frauen richtet, die sich in ihrem Leben für die vielversprechende Karriere der Ehe- und Hausfrau entschieden haben. Sicherlich nicht der Stoff aus dem Bestseller bestehen, aber das war auch nicht ihre Absicht und bisher hatte sie selten Probleme, ihre Bücher bei irgendwelchen Verlagen unterzubringen.

 

Richard hatte sich nach seinem Schulabschluss mit Auszeichnung, seinem Studium der Medizin und fünf Jahren in der chirurgischen Abteilung des St. George-Krankenhauses schließlich dazu entschlossen, seine Versetzung in die Gerichtsmedizin zu beantragen. Er wurde prompt übernommen und darf sich heute Dr. med. Richard Goldmann, Leiter der gerichtsmedizinischen Abteilung nennen.

 

Wie gesagt, er mag seinen Job und die Tatsache, dass er den ganzen Tag in Räumen verbringt, in denen sich die Leichen nur so stapeln, macht ihm seit jeher nichts aus. Er opfert sich vielmehr für seinen Job auf und ertappt sich immer wieder an manchen Tagen alleine im Obduktionssaal, über einen gerade verschlossenen Leichnam gebeugt und beim Blick auf die Uhr feststellend, dass es wieder einmal spät in der Nacht geworden war.

   

So war es letztlich auch heute wieder gewesen. Nur heute war irgend etwas anders...jedoch konnte Richard sich nicht erklären, was es war. Sicherlich hatte es was mit dem seltsamen Fund zu tun, den er gerade entdeckt hatte, aber da war noch was anderes...

 

3

 

Er stand gerade über dem toten Körper eines jungen nicht identifizierten Mannes - Alter: ca. 24, Größe: 1,81 m - und nähte die beiden Schädelhälften provisorisch zusammen. Der Mann wies deutliche Spuren eines Gewaltverbrechens auf. Würgemale am Hals und Blutergüsse über den gesamten Körper verteilt. Doch Richard vermutete, dass dies nicht die eigentlichen todbringenden Faktoren waren.

 

Er erinnerte sich an drei weitere Fälle der vergangenen vier Wochen seines Kollegen Dr. Brunner, bei denen die Opfer, alle männlich, auf ähnliche Weise traktiert worden, die Todesursache jedoch weder das Erwürgen noch die unzähligen Schläge gewesen waren. Dr. Brunner hatte verzweifelt jeweils nach der eigentlichen Ursache gesucht, musste sich dann aber in allen Fällen damit begnügen, in der Spalte ‘Todesursache’ des Untersuchungsberichtes ‘ungeklärt’ einzutragen.

 

Die Beamten der zuständigen Mordkommission hatten sich natürlich erhofft, die Aufdeckung der tatsächlichen Todesursache würde wichtige Hinweise auf den Täter oder den Kreis, der vermeintlichen Verdächtigen geben. Inzwischen sah es fast nach einem Serienkiller aus, der auf scheinbar erstaunlich gerissene und vor allem äußerst rätselhafte Weise seine Opfer zur Strecke brachte.

 

So lag es nun auch bei diesem Fall. Richard gab sich alle Mühe, Licht in das Dunkel zu bringen. Und er stand unter sehr starkem Druck, da inzwischen auch die Presse von diesen mysteriösen Morden Wind bekommen hatte und langsam begann, neben der Polizei auch die Gerichtsmedizin in den Medien zu zerreißen. Natürlich waren er und seine Kollegen zu strengster Geheimhaltung verpflichtet, um die Ermittlungen nicht zu behindern. Doch eins stand inzwischen scheinbar unwiderruflich fest: keiner der vier Männer wurde irgendwo vermisst und die üblichen Identifikationsverfahren führten zu letztlich zu Männern, welche definitiv nicht vermisst wurden.

   

Am heutigen Tag jedoch hatte er etwas entdeckt, was ihm zu denken gab. Nein vielmehr erschrec<...K...>te es ihn. Es war ein winziges Loch an der Oberseite des rechten Gehörganges, welches er nur durch einen Zufall entdeckt hatte. Doch er wusste, dass es genau diese Zufälle waren, die ihn und seine Kollegen in manchen Fällen erst auf die richtige Spur führten.

 

Während der Untersuchung dieses scheinbaren Einstiches, wurde ihm allmählich bewusst, dass es sich hierbei um mehr als nur einen simplen Stich durch eine Nadel oder Spritze handeln musste. Er entschloss sich, den Schädel zu öffnen, um zu sehen, wie weit dieser Einstich in den Kopf des Mannes hineinragte, und das Ergebnis war schockierend.

 

Das Ende des Einstichkanals befand sich inmitten des Stammhirnes und an dieser Stelle entdeckte er nach intensiver Suche ein fast mikroskopisch k<...L...>eines Etwas. Und wäre nicht der unverkennbare Einstich gewesen, hätte eine Suche nach eben diesem ‘Ding’ die gleichen Erfolgschancen gehabt, wie die berühmte Suche nach der Nadel im Heuhaufen.

 

Aber er hatte ‘es’ gefunden und mit zitternden Händen in ein Schälchen mit einer konservierenden Flüssigkeit gelegt, um es später unter dem Mikr<...O...>skop genauer zu analysieren.

 

Er hatte gerade die beiden Schädelhälften wieder zusammengenäht - und dachte sich noch insgeheim, wobei er lächeln musste,

 

"Keine Sorge Freundchen, Dein Gehirn nehme ich mir nachher noch mal vor, wenn ich dieses Ding untersucht habe...lauf mir bloß nicht weg!" –

 

als ihn wieder dieses Gefühl befiel. Einen kurzen Moment musste er sich am Tisch festhalten, um nicht ins Schwanken zu geraten. Sein Herz ging schnell und kleine kalte Schweißtröpfchen bildeten sich auf seiner Stirn. "Schwester, würden sie mir bitte den Schweiß von der Stirn wischen!" sagte er in den leeren Raum hinein und musste wieder über sich selbst schmunzeln.

 

Es war inzwischen 23:45 Uhr und er erklärte sich diesen Schwindelanfall dadurch, dass er nun schon seit knapp 14 Stunden arbeitete. Na und dann war da ja auch noch dieser eigenartige Fu<...N...>d im Schälchen drüben auf seinem Schreibtisch. Das hatte ihn wohl ein wenig aus der Bahn geworfen.

 

4

 

Vielleicht würde er ja in Kürze triumphierend ins Büro des leitenden Polizeibeamten Peter Lorenzo stürzen und ihm erzählen, dass es sich bei dem Serienkiller wohl um einen medizinisch geschulten Psychopaten handelt, der seine Opfer erst bewusstlos schlagen und würgen würde, um ihnen dann mit einer 20 cm langen Injektionsnadel eine mikroskopisch kleine Giftpatrone ins Stammhirn zu implantieren. Ja und da es sich bei diesem Gift um...er stutzte...ja um was für ein verfluchtes Gift sollte es sich denn handeln, dass er und Dr. Brunner es nicht schon längst im Blut oder Gewebe der Opfer hätten nachweisen können...?

 

Apropos, er nahm sich vor, gleich nachdem er die Analyse abgeschlossen haben würde, Dr. Brunner anzurufen, ganz gleich wie spät es war. Immerhin könnte das den Durchbruch bedeuten.

 

Er und Frederick ‘Fred’ Brunner waren über die Jahre der Kollegenschaft zu guten Freunden und Norma und Freds Frau Claudia inzwischen ebenfalls unzertrennlich geworden. So hatten sie wenigsten jemanden, mit dem sie ihr Leid, über die unmöglichen Arbeitszeiten ihrer Männer teilen konnten.

 

Es würde also kein Problem darstellen, Fred mitten in der Nacht aus dem Bett zu klingeln - es wäre schließlich auch nicht das erste Mal.

 

Aber erst wollte er dieses Scheißding selbst unter die Lupe nehmen. Und es sollte doch mit dem Teufel zugehen, wenn er nicht wenigsten dessen <...EXPERIMENT...> Identität zweifelsfrei belegen konnte.

 

Er legte die Nadel mit dem Rest Faden daran auf den Bestecktisch, begab sich in sein nebenan liegendes Büro und setzte sich an seinen Schreibtisch. "So, jetzt bist Du an der Reihe...Spot an!", flüsterte er und schaltete das Licht am Mikroskop ein. Mit einer Pinzette verfrachtete er das Corpus delicti auf ein Glasplättchen und legte es unter die Vergrößerungsvorrichtung. Er stellte das Gerät auf 250fache Vergrößerung und setzte sein Auge an die Linse. Zuerst konnte er nichts erkennen. Er drehte an einem Rädchen, um die Schärfe zu regulieren...das Schwarze Ding nahm Kontur an und...<PROJEKT K.L.O.N. ´88>...ihm lief ein kalter Schauer über den Rücken. Er hatte einiges erwartet, vielleicht tatsächlich irgendeine Form einer Mikro-Ampulle, ein Teil einer giftigen Pflanzenspore oder aber auch etwas, dass sich medizinisch als vollkommen harmlos herausstellen würde. Doch was er sah, war nichts von alledem und es ließ ihm vor Grauen das Blut in den Adern gefrieren. Seine Kopfhaut zog sich zusammen und die Gänsehaut, die ihn überkam, verursachte ihm regelrecht Schmerzen. Ruckartig hob er seinen Kopf, um sich diesem Anblick zu entziehen.

   

Es dauerte Minuten, ehe er sich wieder bewegen konnte. Und das erste, wozu er sich fähig oder vielmehr genötigt fühlte, war der Griff nach dem Telefonhörer. Als er das monotone Tuten des Freizeichens in der Leitung hörte, fühlte er sich einen Augenblick lang besser. Er drückte die Speichertaste und dann die 3 - das war der Speicherplatz, hinter welchem sich Freds Privatnummer verbarg.

 

Es knackte in der Leitung...es knackte viel zu lange für seine Begriffe...Richard starrte noch immer wie hypnotisiert auf sein Mikroskop und für einen kurzen Moment dachte er, als hätte sich dort etwas bewegt...es knackte erneut und er meinte, als hörte er ein Klingelzeichen ... einmal ... zweimal ... dreimal ... doch das Rauschen wurde immer lauter, bis es das Tuten überlagerte und er auf die Gabel schlug, um die Wahlprozedur zu wiederholen. Wieder knackte und rauschte es im Hörer...sein Blick war die ganze Zeit nicht von der Apparatur vor ihm gewichen... als endlich wieder das Klingelzeichen aus der Hörmuschel ertönte, diesmal ohne störende Nebengeräusche.

 

"Nur ein Knoten in der Leitung zwischen hier und dem anderen Ende der Stadt", dachte er und atmete leicht auf.

 

Er hoffte nur noch, dass der Apparat der Brunners laut genug eingestellt war, so dass das Klingeln in wenigstens einen der Träume von Fred oder Claudia eindringen würde, bevor der Anrufbeantworter ansprang.

   

 

 

 

5

 

Diese Leichtigkeit zu fliegen, war ein unbeschreibliches Gefühl. Er fühlte sich wie ein Vogel, der sich, über den tosenden Ozean hinweg gen Süden treiben lässt. Die Luft roch nach Meerwasser und der Wind, der an seinem Körper vorbeiwehte ließ ihn angenehm erschauern.

 

Doch ganz plötzlich verlor er die Balance und es war, als würde ihn irgendetwas nach unten ziehen. Und so sehr er auch mit den Flügeln schlug, er bekam keinen Aufwind mehr. Ein grelles Geräusch lag ihm in den Ohren, es wurde immer lauter und kratzte schmerzend an seinem Verstand.

 

Wie ein nasser Sack schlug er auf dem Wasser auf und schreckte hoch. Er war benommen und benötigte einige Sekunden, ehe er begriff, dass er gerade aus einem Traum gerissen worden war. Ein Blick zu der Digitaluhr mit den rot leuchtenden Ziffern auf seinem Nachttisch verriet ihm, dass es kurz vor Mitternacht war. Aber was hatte ihn geweckt? Neben ihm sah er im matten Mondlicht die Wölbung unter der Decke. Seine Frau schlief tief und fest und im Haus war es völlig ruhig. Und als er sich wieder auf sein Kopfkissen zurückgleiten ließ, hörte er Claudia neben sich ruhig und gleichmäßig atmen. Er schloss die Augen und versuchte, das letzte Bild seines Traumes einzufangen, um sich wieder in die Luft zu schwingen.

 

Gerade breitete er seine Flügel aus, als dieses scheinbar ohrenbetäubende Geräusch mit einem Mal wieder die nächtliche Ruhe zerriss. Es war das Telefon. Das hatte ihn also geweckt. Aber wer zur Hölle rief um diese Zeit noch an? Und während er noch nach dem Hörer griff, glaubte er bereits die Stimme von Richard zu spüren!

 

"Hallo?"

 

Er versuchte sich in diesem einen Wort so verschlafen und ärgerlich wie nur möglich anzuhören. Claudia war inzwischen auch wach geworden, und sie schaute verschlafen zu ihrem Mann herüber, der gerade im Bergriff war, die Nachttischleuchte anzuknipsen. Nun war auch die Dunkelheit besiegt.

 

"Rich, bist Du das?"

 

Er hatte sich aufgerichtet und schwang seine Füße aus dem Bett.

 

"Hey, nun mach mal halblang! Es ist fast Mitternacht. Lass mich wach werden. Und beruhige Dich vor allem erst mal!"

 

Seine Frau umarmte ihn von hinten und flüsterte ihm ins Ohr, wer dran wäre. Frederick winkte ab und versuchte sich so gut wie möglich auf Richard zu konzentrieren.

 

"Wie stellst Du dir das vor, Kumpel? Hast du schon mal auf die Uhr gesehen? Ich denke das hat doch vielleicht bis morgen Zeit, oder?"

 

Die Antwort von Richard war laut genug, um auch für Claudia noch verständlich zu sein.

"Es hat nicht bis morgen Zeit, verdammt noch mal! Schwing Dich in Deinen Wagen und sieh zu, dass Du hier her kommst! Was ich hier habe..."

Seine Stimme war wieder auf Normallautstärke gesunken, so dass Claudia die restlichen Worte nicht mehr verstehen konnte.

 

"Das kann doch nicht sein...! Okay Rich, ich bin in einer halben Stunde da. Am besten Du rührst nichts mehr an, bis ich da bin!" ... "Ja ich beeile mich!"

 

Er legte auf und ehe seine Frau ihn mit Fragen bombardieren konnte, war er schon im Badezimmer verschwunden.

 

Als er kurze zeit später wieder raus kam, wirkte er fast ausgeschlafen, doch in seiner Unruhe und Hektik konnte Claudia ein wenig Benommenheit erkennen. Oder war es Angst?

 

"Was wollte er?"

 

Fred zog seine Hose und ein zerknittertes Hemd an und schlüpfte ohne Socken in seine Halbschuhe.

 

"Er war sehr aufgeregt und sagte etwas von einem Ding und Experimenten aus den achtziger Jahren! Er ist in seinem Labor. Er meinte, ich müsste es mir ansehen und zwar pronto subito!"

 

Er legte seine Armbanduhr an, schob seine Brieftasche in eine Hosentasche und setzte sich zu seiner Frau auf´s Bett. "Hör zu, was auch immer Rich sich da hat einfallen lassen, er hörte sich sehr verstört an. So habe ich ihn noch nie erlebt. Es scheint also etwas ernstes zu sein. Es ist möglich, dass ich den Rest der Nacht in seinem Labor verbringen werde."

 

"Was für ein Ding, Schatz?"

 

"Ich weiß es nicht."

 

Doch er wusste, dass er log.

 

"Aber mach Dir keine Sorgen. Schlaf weiter, ich melde mich morgen früh bei Dir. Dann kann ich dir hoffentlich mehr erzählen!"

 

Er küsste sie zärtlich auf die Wange und lächelte ihr zu.

 

Dann ging er hinunter in sein Arbeitszimmer. Er holte eine Mappe mit der Aufschrift ‘Projekt K.L.O.N.`88’ aus der untersten Schreibtischschublade und suchte nach einem bestimmten Zeitungsartikel, der im August `88 im Ärztefachblatt ‘Medizin 2000‘ erschienen war. Er hatte mächtig Angst, dass sich sein Verdacht bewahrheiten könnte. Die Mappe war dick und voll mit Artikeln, so dass er sie sich komplett unter den Arm klemmte, seine Autoschlüssel schnappte und sich zu seinem Auto begab.

 

Er fuhr mit erhöhter Geschwindigkeit in Richtung Stadtautobahn.

 

6

 

Richard ließ den Hörer auf die Gabel sinken. Er fühlte sich ein wenig besser, obwohl er genau wusste, was sich seinem Auge zeigen würde, wenn er sich wieder über die Linse beugte. Er glaubte eigentlich noch nicht ganz, was er gesehen hatte und hoffte inständig, dass ‘es’ jetzt, wo es außerhalb des Gehirnes war, bereits tot oder wenigstens nicht mehr einsatzfähig war. Doch vorerst wagte er keinen erneuten Blick ins Mikroskop.

 

Seine Gedanken fuhren mit ihm Achterbahn. Es ging rauf und runter und er verspürte eine immer stärker werdende Übelkeit. Er schaltete das Licht des Mikroskops aus und konnte sich schließlich nur noch mit letzter Mühe auf die Toilette retten, wo er die Kontrolle über sich und seinen Mageninhalt an die Übelkeit abtrat.

 

Er übergab sich ganze vier mal, ehe er sich vom Klo erhob, um sich im Waschbecken das Gesicht zu waschen. Er nahm einen Schluck Leitungswasser und sah dann in den Spiegel. Seine sonst so gesunde Gesichtsfarbe war einem kranken Beigeton gewichen und die Ringe unter seinen Augen waren fast faustgroß.

 

"Du siehst zum Kotzen aus", dachte er.

 

Und auf dieses Stichwort kam es ihm wieder hoch und er entleerte sich diesmal ins Waschbecken.

 

"So eine Sauerei! Und das wegen diesem DING, welches wahrscheinlich so tot ist, wie Dein eigener Großvater. MAUSETOT!"

 

Er blickte wieder in den Spiegel und grinste. Doch es war kein glückliches Grinsen. Denn wenn das da draußen das war, wofür er es gehalten hatte, dann war dies hier alles andere, als zum Lachen.

 

Während er sein Spiegelbild betrachtete, schweiften seine Gedanken ab ins Jahr...

 

7

 

"...1988. Wie aus inzwischen bestätigten Kreisen verlautet, ist der Stanford Universität der Durchbruch im Bereich ‘Klonen erwachsener Menschen’ gelungen. Angeblich liegen die ersten positiven Ergebnisse der Versuchsreihe ‘Projekt K.L.O.N. ´88’ vor."

 

Frederick Brunner befand sich auf der Stadtautobahn in Richtung Norden. Er hatte sich beim Fahren den von ihm gesuchten Artikel aus der Mappe geholt. Dieser lag nun vor ihm auf dem Lenkrad, und bei 150 km/h las er weiter.

 

"Wissenschaftler haben, wie bereits in unserer letzten Ausgabe ausführlich berichtet, eine Art Bakterie mit künstlicher Intelligenz geschaffen. Diese, vom Gehörgang aus, mit einer Injektionsnadel in das Stammhirn des zu klonenden Menschen eingesetzt, besitzt die einzigartige Fähigkeit, ihren ‘Speichermit allen nötigen DNA-Informationen und vor allem auch mit dem bereits im Gehirn gespeicherten Wissen zu speisen. Dieser Vorgang dauert nur ungefähr 30 Minuten.

So gespeist, wird die Bakterie dem Zentralgehirn wieder entnommen und auf einen speziellen Nährboden gesetzt, wo sie innerhalb von nur weiteren 2 Stunden komplett zum originalgetreuen Gegenstück der geklonten Person heranwächst. ... Weitere Tests ergaben, dass diese Bakterien (Größe: 1/1000 mm à siehe Illustration Seite 217), die alle aus einer Versuchsreihe stammen, wahrscheinlich von Mal zu Mal eine immer eigenständigere und sich selbst weiterentwickelnde Intelligenz aufbauen. ... Der zuvor beschriebene Vorgang des Klonens dauerte zu Beginn der Versuchsreihe ca. 2 Tage. Prof. Jenkins dazu: "Das ist der Durchbruch in der Forschung der Molekular-Genetik. ... Die inzwischen erreichte Dauer des Klonvorganges ist beinahe erschreckend. ..."

Frederick überkam eine schreckliche Vision. Vor seinem geistigen Auge erschien ihm das Bild dieser intelligenten Bakterie. Eine grauenvolle Vorstellung. Sein Wagen schleuderte und er musste vom Gas gehen. Dann lenkte er den Wagen auf den Standstreifen, wo er ihn schließlich zum Stehen brachte. Er dachte daran zurück, wie er und Rich, damals diese Nachrichten mit Entsetzen verfolgt hatten.

 

Der Mensch hatte einen Weg gefunden, sich in beliebiger Zahl zu reproduzieren. Und zwar genau nach dem alten arischen Prinzip: nur das BESTE würde vervielfältigt. Oder aber, man pflanzt jedem Menschen eine solche Bakterie ins Gehirn und wenn dieser unverhofft stirbt, entnimmt man der Leiche die Bakterie und lässt den Betreffenden einfach wieder auferstehen. Welch ein Gedanke...!? Aber dieses war ja nicht der letzte Entwicklungsstand. Er kramte erneut in der Mappe und fand den Artikel seiner Begierde. Er stammte aus dem Jahr...

 

8

 

...1990. Richard erinnerte sich, dass diese Versuchsreihen noch weitere zwei Jahre fortgesetzt wurden. Man wollte schließlich alle Risiken ausschließen und so wurde getestet und getestet und der Staat zahlte und zahlte, immer höhere Forschungszuschüsse wurden genehmigt. Bis es am 23. Oktober zum totalen Eklat kam, als einer der Tests fehlschlug...

 

Einem freiwilligen damals 23jährigen Studenten aus Schweden, Lasse Trendhal, wurde wieder eine solche Bakterie, die man inzwischen liebevoll ‘The Einsteins’ getauft hatte, eingesetzt. Zuerst ging alles glatt. Man entnahm die Bakterie nach gerademal 2 Minuten und setzte sie auf den Nährboden. Den Berechnungen zufolge, dürfte es nur noch ca. 10 Minuten dauern, bis Trendhals Gegenstück gewachsen sein sollte. Professor Jenkins, der den Test überwachte, stand direkt vor dem Becken mit dem Nährboden und dem ‘wachsenden Schweden’, als dieser noch während des Wachstums seine Arme hob und nach Jenkins griff.

 

Die daraufhin erschienenen Veröffentlichungen sind sich alle nicht ganz einig, über den genauen weiteren Verlauf und grenzten eher an Spekulationen.

   

Richard schreckte aus seinen Erinnerungen hoch und sah wieder in sein Gesicht im Spiegel. Er hatte ein Geräusch aus dem Labor gehört. Er öffnete die Tür...

 

9

 

...und stieg aus seinem Wagen aus, um kurz Luft zu schnappen. Seine Gedanken waren schwer wie Felsbrocken und sie schmerzten in seinem Kopf. Was hatte er da zum Schluss gelesen?

 

"Letzten Berichten zufolge, nahm die Kreatur, während sie Professor Jenkins mit beiden Händen den Hals umfasste, für kurze Zeit die äußere Form der Bakterie an und verwandelte sich schließlich in ein exaktes Gegenstück des Professors. Als es voll ausgewachsen war, schleuderte es den echten, vor Entsetzen erstarrten Professor mit aller Kraft durch das Versuchslabor. ... Der anwesende Sicherheitsbeamte - diese waren vom Gesetz her vorgeschrieben - erschoss kurz darauf die Kreatur. ... Professor Jenkins starb kurze Zeit später an den Folgen seines Schocks. ... Die Versuchsreihe wurde auf Eis gelegt und vorerst alle existierenden Bakterienstämme vernichtet."

 

Das war inzwischen fast 8 Jahre her und das letzte Mal, dass er von diesen Versuchen gehört hatte. Anscheinend hatte diese Katastrophe der Wissenschaft einmal mehr den Spiegel vor die Nase gehalten und das ‘Projekt K.L.O.N. ´88’ wurde tatsächlich at akta gelegt und zur Geheimsache erklärt.

 

Ein schwerer Lastwagen preschte an seinem Wagen vorbei und riss den Faden der Erinnerung mit sich.

 

Er scheute auf die Uhr. "Verdammt!", fluchte er. Es war inzwischen zwanzig Minuten nach Mitternacht und er hatte noch mindestens eine viertel Stunde Fahrt vor sich.

 

Er stieg in seinen Wagen und trat das Gaspedal voll durch, nachdem er sich in seinem Rückspiegel vergewissert hatte, dass nicht noch weitere LKW von hinten nahten. Bei dem Gedanken, dass das Ding, welches Rich entdeckt hatte, tatsächlich eine dieser ‚Einsteins’ sein könnte, trat er noch härter ins Pedal. Er sah erneut in den Rückspiegel...

 

10

 

...und das erste, was er sah, war, dass das Licht am Mikroskop brannte. Hatte er es nicht ausgeschaltet kurz bevor er in der Toilette verschwand? Er war sich ziemlich sicher. Langsam ging er zu seinem Schreibtisch und sah vorsichtig und mit trockener Kehle durch die Linse...Grauen packte ihn...ES WAR WEG!!! Er drehte noch an einigen Rädchen herum, doch das Glasplättchen war eindeutig leer.

 

Fred hatte gesagt, er solle nichts anfassen, bis er kam. Aber er hatte doch auch nichts angefasst, wie zum Teufel konnte dieses Ding...nur...aus...<die Flüssigkeit>...<der Nährboden>...

 

"WAS IN GOTTES NAMEN GEHT HIER VOR???", schrie er.

 

Ihm war, als würde jemand lachen. Jemand, der ganz in der Nähe zu sein schien. Ruckartig fuhr er herum...und da stand er bzw. es, hinter der Toilettentür, in Gestalt des Namenlosen (...Bösen...) Toten aus seinem Labor. und grinste Richard finster an.

 

"Da denkt Ihr oberschlauen menschlichen Kreaturen doch allen Ernstes, Ihr könntet mal eben eine intelligente Bakterie erfinden, um Euch nach Belieben zu reproduzieren. Und da wir ja soooo klein sind, braucht Ihr Euch auch keine Sorgen zu machen, wir könnten aus Versehen zu einer bakteriellen Intelligenz mutieren. Es tut mir leid Doktorchen, weit gefehlt...wer sich die Suppe einbrockt...!"

 

Während dieser Worte kam er auf Richard zu. Doch dieser konnte sich beim besten Willen nicht vom Fleck bewegen. Das blanke Entsetzen hatte von ihm Besitz ergriffen. Sein Körper war schwer wie Blei und er schien beim Anblick des Untoten in eine andere Bewusstseinsebene zu fallen. Wahr und unwahr, echt und unecht, Gut und Böse, Materie und Antimaterie schienen in seinem Geiste zu verschmelzen und als riesiger schmerzender Koloss nun durch seine Eingeweide zu rasen.

 

Sein Körper drohte zu implodieren, doch konnte er sich weder bewegen noch den Mund zu einem Schrei öffnen. Er konnte nur noch mit ansehen, wie die einstmals kleine Bakterie aus seinem Schälchen auf ihn zukam und langsam ihre Arme nach ihm ausstreckte. Ein fauliger Geruch ging von ihr aus.

 

Als sich ihre Arme um seinen Hals schlossen und sie anfing, sich erst in ihre Urform und dann in ihn zu verwandeln, zerriss der Schock seinen Lebensfaden entgültig...

 

11

 

Der Polizist, den Frederick in seinem Rückspiegel entdeckt hatte, kostete ihn neben dem Bußgeld für überhöhte Geschwindigkeit auch noch ungefähr zehn Minuten seiner bereits ausreichend vergeudeten Zeit. Und letztlich hinderte er ihn auch nicht daran, nun erst recht seinen Bleifuss einzusetzen.

   

Es war genau 0 Uhr 48, als Frederick Brunner das Labor von Richard Goldmann betrat.

 

"Hey Fred, es tut gut Dich zu sehen!", sagte Richard. "Es tut mir leid, dass ich Dich mitten in der Nacht zu Tode erschrecke, Dich hier her kommen lasse, nur um Dir jetzt kleinlaut zu beichten, dass ich anscheinend über meiner Arbeit eingeschlafen sein muss."

 

"Wie darf ich das denn jetzt verstehen?", fragte Frederick und in seiner Hand hielt er die Mappe mit der Aufschrift ‘Projekt K.L.O.N ´88’.

 

"Nun, ähm, ich habe einfach nur schlecht geträumt und Dich in einem Anfall von Wahnvorstellungen angerufen. Ehrlich...Es tut mir leid. Hiermit ist der Rote Alarm beendet!"

 

Er lachte und Fred musste schon nach kurzer Zeit in sein Lachen einstimmen. Das tat gut, nach all der Anspannung auf der Fahrt hierher.

 

"Und es ist wirklich alles in bester Ordnung?", fragte Fred noch mal.

 

"Es war noch nie besser, hoch und heilig!", sagte Rich und grinste bis über beide Ohren

 

"Mach das bloß nicht noch einmal, Du Workaholic. Ich werde Dir das Arbeiten sonst gänzlich verbieten, wenn Du noch mal so über´s Ziel hinausschießen solltest! Hast Du verstanden?"

 

Richard nickte und kratzte sich am Ohr.

 

"Und Du solltest hier mal lüften. Es riecht bei Dir wie...in der Leichenhalle."

 

Das brachte beide wieder an den Anfang ihres Lachanfalls zurück.

 

"Ey ey Boss! Ich bin hier fertig.", sagte Rich, nachdem er sich wieder erholt hatte. "Gehen wir noch auf ein "Rich-tut-das-hier-echt-mächtig-leid-Bierchen" zu Sam’s?"

 

Fred öffnete die Tür und ging voraus.

 

12

 

Es drehte sich noch mal um dachte: "Naja, ganz bin ich hier noch nicht fertig!", grinste und folgte Fred schließlich nach draußen...

   

 

 

Ende

Berlin, 18. April 1998
Copyright 2022 by www.BookOla.de
Joomla templates by a4joomla