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Das graue Meer

© 2007 Sebastian Schenk


PROLOG

1


Es war Nacht.

Er lief schneller. Hinter sich hörte er die Alarmanlagen und die verwirrten Rufe der Sicherheitsbeamten. Mit Anlauf sprang er über die Straßenbegrenzung und landete im weichen Gras, wo er, eng an den Boden gepresst, liegen blieb. Gerade noch rechtzeitig, denn in diesem Moment glitt, kaum merklich, eine Scanwelle über ihn hinweg. Schnell stand er auf und durchquerte im Laufschritt den kleinen Park. Kaum auf der anderen Seite angekommen, sah er durch seine Spezialbrille die nächst Welle herannahen.

Seit nach Mitternacht in diesem Bereich der Stadt Ausgangssperre herrschte, wurden passiven Scans eingesetzt, um sicherzustellen, dass niemand sein Quartier verließ. Wer sich nicht daran hielt, wurde von der Sicherheit abgeholt, und kaum einer wusste, was dann passierte. Manche vermuteten, man brachte sie ins Zentralgefängnis oder transportierte sie zu Arbeitslagern auf den Quantas- Monden.

Lautlos verschwand er in einer unbeleuchteten Gasse und schwang sich in seinen Gleiter. Mit ausgeschaltetem Licht verschwand er. An der nächsten Kreuzung reite er sich zügig in den Verkehr ein. Er schaltete den Gleiter auf Automatik und lehnte sich zurück. Kiro nahm seine verdunkelte Brille ab und streifte die viel zu warme Gesichtsmaske herunter. Sie ließ nur die Augenöffnungen frei und war angeblich zu 100% hautfreundlich. Das hatte ihm zumindest der zwielichtige Händler in einer Nebenstrasse der Zentralpromenade von Pinor-Prime versichert. Kiros Hautjucken bestätigte ihm nun das Gegenteil. Aber das war jetzt zweitrangig. Er musste seinen Auftraggeber treffen um ihm seine neueste Errungenschaft zu verkaufen. Lächelnd zog er die kleine Plastik-Disk aus der Jackentasche. Sie war hellgrün, durchsichtig und gerade so groß, wie das Ziffernblatt einer Armbanduhr. Tersa, sein Auftraggeber, hatte ihn nicht informiert, was auf ihr gespeichert war, aber das interessierte Kiro auch nicht besonders. Gewöhnlich erledigte er seine Aufträge ohne Fragen zu stellen. Diesmal würde es für Tersa aber teurer werden, denn es hatte einen Toten gegeben: Als er gerade durch ein defektes Kraftfeld in den Laborkomplex der Parabolica-Intergen Zentrale eingedrungen war, traf er auf eine Wache, die dort unplanmäßig pattroulierte. Es hatte sich hierbei anscheinen um einen kurzfristigen Schichtwechsel gehandelte, denn der Uniformierte, auf den er traf, wirkte verschlafen und unaufmerksam. Mit ein paar Schritten war Kiro bei ihm und ehe der Mann reagieren konnte, hatte er ihm den Arm um den Hals gelegt und das Genick gebrochen. Das war die einzige Möglichkeit gewesen sich zu verteidigen, denn hätte Kiro irgendeine Art von Waffe angewendet, wäre er von den Detektoren auf dem Gelände mit Sicherheit entdeckt worden. Tersa hatte ihm Pläne der Sicherheitsanlagen und die Routen der Wachen zukommen lassen. Entweder waren sie absichtlich ungenau, oder er wollte Kiro auf die Probe stellen. Dieser unbeabsichtigte Tote würde Tersa aber nicht sonderlich zu schaffen machen.

Nachdem Kiro seine Gesichtsmaske und den schwarzen Anzug unter dem Hintersitz verstaut hatte, übernahm er wieder die Steuerung über den Gleiter. Es bestand keine Notwendigkeit die Sachen weiter zu verstecken. An der nächsten Ausfahrt fuhr er ab. Hier begann die Promenade.

Um diese Uhrzeit herrschte reges Treiben auf den Straßen und Gassen und man konnte diverse Spezies sehen, die sich tagsüber kaum aus ihren Quartieren getraut hätten. Er war mit Tersa im „Barclays“ verabredet. Bis zum Treffen war aber noch über eine Stunde Zeit. Genug um sich vorher noch zu duschen und umzuziehen. Kiro parkte seinen Gleiter vor einem einige hundert Stockwerke hohen Bauwerk und stieg aus. Neben ihm auf der Straße befand sich ein Metallpfeiler in Meterhöhe mit einem roten Knopf. Das war der Fingerabdruckscanner für Bewohner. Nachdem er es zweimal vergeblich versucht hatte, verlor Kiro die Geduld und schlug einmal kräftig auf den Schalter. Sofort leuchtete er grün, eine Stahlplatte unter seinem Gleiter öffnete sich, und dieser verschwand im Boden. Das war eine nützliche und Platz sparende Sache, wenn es denn funktionierte. Kiro betrat durch den Haupteingang die Halle. Von hier führten Magnetlifte zu den Wohnetagen, wenn man diese den als Wohnung bezeichnen konnte. Eine Wohnung bestand aus einem winzigen Zimmer, einer Kochecke und einer Dusche mit einklappbarem Waschbecken in der Wand daneben. Jede der Wohnungen sah gleich aus. Kiro stieg in den Lift und fuhr los. Der Lift erreichte innerhalb weniger Sekunden den 352. Stock. Er stieg aus und ging die wenigen Meter zu seiner Tür. Mit seiner ID-Karte öffnete er die Tür und betrat das Zimmer. Ohne das Licht anzumachen, ließ er sich auf sein Bett fallen. Kiro wollte sich nur kurz ausruhen, um nachher beim Treffen fit zu sein. Aber nach ein paar Minuten war er eingeschlafen.


Er war allein auf einer steinigen Ebene, die sich in alle Richtungen bis zum Horizont erstreckte. Der Himmel war grau. In der Ferne konnte man die Umrisse von Bergen sehen. Als er sich umsah, erblickte er einen Totenschädel und einige zerbrochene Knochen auf dem Boden neben ihm. Er bückte sich und sah, das etwas in den Schädel eingeritzt war: Ein Symbol. Es kam ihm bekannt vor, er wusste nur nicht woher. Er richtete sich auf und erschrak: Der Himmel hatte eine blutrote Färbung angenommen...


Tersa wurde langsam ungeduldig. Er hasst es, wenn Kiro ihn warten ließ. Das geschah nicht selten und heute war er schon eine Viertelstunde überfällig. Aber Tersa war auf die Fähigkeiten Kiros angewiesen. Für ihn einen Ersatz zu finden, war beinahe unmöglich. Vor allem hier auf diesem verkommenen Planeten. Auf Pinor-Prime gab es zwar ein paar Städte mit Raumhäfen, aber die waren veraltet und heruntergewirtschaftet. Das einzig Gute an Pinor-Prime war der Schwarzmarkt, denn der blühte hier.

Tersa war ein kleiner, rundlicher Mann und ging auf die Fünfzig zu. Er hatte Kiro schon immer wegen seinem athletischen Körperbau bewundert. Aber was tat er schon dafür, er saß in einem Muntabanischen Restaurant und ließ sich einen Ölfisch schmecken. Im „Barclays“ wurde der beste Ölfisch der Stadt serviert und auf diese Gaumenfreude wollte er um keinen Preis verzichten.

Endlich kam Kiro durch die Tür und ging zügig auf den Tisch zu. „Na Tersa, tust du wieder was für dein Volumen?!“ „Quatsch nicht blöd, warum hast du mich solange warten lassen?“ „Das Ganze hat ein bisschen länger gedauert, als geplant war.“ Kiro setzte sich. „Aber ich habe die Ware.“ „Das will ich auch hoffen.“

Tersa hatte seine Mahlzeit beendet und legte das Besteck auf den Teller. Sofort kam eine leichtbekleidete Muntabanische Kellnerin an den Tisch und räumte ihn ab. Nach dem er sich den Mund abgewischt hatte fuhr er mit ernster Mine fort:

„Diesmal ist die Ware von außerordentlicher Wichtigkeit.“ Kiro verschränkte die Arme vor der Brust und sah Tersa in die kleinen, stechenden Augen. „Der Preis ist gestiegen.“ Tersas Ohren zuckten kaum merklich. „Ich frage am besten gar nicht. Wie viel willst du?“

Eine kurze Pause entstand. „34.000“, sagte Kiro und lehnte sich zurück. „34.000. Das sind viertausend mehr als vereinbart!“ „Nun tu nicht so als ob dich das überraschen würde. Deine Informationen waren ungenau und deshalb musste jemand ins Gras beißen!“ „Gut, und wo ist jetzt meine Ware?“ Kiro griff in seine Jackentasche und legte die kleine CD auf den Tisch. Tersa griff danach, aber Kiro zog sie zurück. Er wusste, dass er Tersa nicht trauen konnte. „Erst das Geld“, sagte er. Tersa verzog das Gesicht, aber er aktivierte das Computerterminal, das seitlich in die Tischplatte eingelassen war. Mit wenigen Tastendrücken überwies er Kiro die abgemachte Summe. Dieser prüfte es nach, nickte zufrieden und übergab Tersa die CD. Tersa nahm sie in Empfang und steckte sie weg. Einen solchen Datenträger konnte man nicht fälschen, auch wenn man sich noch so viel Mühe gab. Es bestand also keine Notwendigkeit den Inhalt zu prüfen. Tersa stand auf und reichte Kiro die Hand. „Bis dann Kiro, ich hoffe wir sehen uns bald wieder!“ Kiro schüttelte ihm die Hand, und Tersa verschwand mit erstaunlicher Geschwindigkeit aus dem „Barclays“. Kurz danach verließ auch Kiro das Restaurant


2


Nadja verlor langsam die Geduld. „Wie lange soll denn das hier noch dauern. Ich muss ein Transferschiff erreichen!“ „Einen Augenblick noch“, sagte der Zollbeamte und lächelte. „Das sagen sie mir jetzt schon seit zehn Minuten!“ rief sie aufgebracht. Konnten diese lästigen Formalitäten nicht schneller gehen. Wenn sie den Transporter nicht rechtzeitig erreichte, würde er mit Sicherheit nicht auf sie warten. „Wir bitten um ihr Verständnis wegen der kleinen Verzögerung. Ihre Identität wurde bestätigt. Bitte begeben sie sich zu Schleuse 45b.“

Nadja griff sich ihre ID-Karte und durchquerte mit ihrem Gepäck den Sicherheitsbereich. Dieser Raumhafen war doch das Letzte, dachte sie, während sie auf dem Weg zur Schleuse 45b war. Nach einigem Suchen fand sie diesen auch und blieb erst einmal völlig regungslos stehen. So viel Pech an einem Tag war doch gar nicht möglich. Durch ein großes Fenster neben der Schleuse konnte sie das „Raumschiff“ sehen, mit dem sie fliegen sollte. Was da vor der Schleuse lag war wohl der älteste Frachter, den sie je gesehen hatte. Das Display der Schleuse wies dieses Schiff als die „Garios-2“ aus. Baujahr 2689. Dieser Transporter war tatsächlich 63 Jahre alt. So sah er auch aus. Die Außenhülle war mit Dellen und Schweißnähten übersäht und der Name darauf war kaum noch zu erkennen. Der schematischen Karte auf dem Display nach, bestand das Schiff aus einer Reihe von gleichgroßen Quadern, die je durch zwei dünne Module miteinander verbunden waren. Die ganze Konstruktion sah nicht besonders vertrauenswürdig aus. Jetzt war Nadja auch klar, warum der Flug so billig gewesen war.

Aber was blieb ihr übrig. Das war in der nächsten Zeit der einzige Flug zur Barachnios- Orbitalstation. Diese Station wurde nur sehr selten angeflogen, weil es kaum jemanden gab, der sich dort freiwillig hinbegab. Die alte Bergbaustation war schon seit langem verlassen, weil die Erzvorkommen auf dem Planeten zur Neige gegangen waren. Lieber wollte Nadja mit dieser Antiquität fliegen als noch länger auf so einem Verbrecherplaneten zu bleiben, auf dem man nirgends wirklich sicher war. Aber da gab es eben diese Nachricht:

Als sie gestern Abend vom Schichtdienst im Sicherheitsbüro der Magnetbahnzentrale nach hause gekommen war, hatte sie die Nachricht gefunden. Es war eine kleine gebräuchliche Chipkarte ohne Aufdruck. Nadja hatte sie aus ihrer Schutzhülle entfernt und später an ihrem Computerterminal gelesen. Was dort stand versetzte sie in helle Aufregung:





An Nadja Chantalos – Zentralhabitat 3928 Pinor-Prime:


Schwester Nadja, Sie werden umgehend dazu aufgefordert sich zur Barachnios – Orbitalstation, Raumkoordinate (215-487-541), zu begeben. Dort findet ein Treffen der „Verstummten“ statt, bei dem ihre Anwesenheit dringend erforderlich ist. Wir verlassen uns auf ihre Diskretion und rechnen fest mit ihrem Kommen!


Ihr Bruder Andros


Nachdem Nadja die Nachricht gelesen hatte saß sie erst einmal ein paar Minuten da ohne sich zu regen. Die „Verstummten“ hatten sich tatsächlich wieder gemeldet. Es gab sie also tatsächlich immer noch. Eigentlich hatte Nadja gehofft, nie wieder etwas von ihnen zu hören. Sie hätte diesen Teil ihres Lebens gerne vergessen.

Die „Verstummten“, wie sie sich selbst nannten, waren eine interplanetar operierende Terroristengruppe. Sie mordeten und sprengten im Namen ihres Glaubens. Auf ihr Konto gingen in den letzten fünf Jahren etwa 30 Ermordungen von Politikern und Zivilpersonen. Auch hatten sie sich immer wieder mit Bomben und Giftgasanschlägen in Erinnerung gerufen. Die Verfolgung durch die Justiz hatte so gut wie nichts gebracht, weil diese Gruppe, bestehend aus Söldnern und religiösen Fanatikern, sehr gut organisiert und daher nicht aufzufinden war. Die Gruppe war der festen Überzeugung, sie müsste jedermann zu ihrem Glauben bekehren.

Nadja war durch einen Zufall an die „Verstummten“ geraten. Damals, vor etwa drei Jahren hatte sie an einem Seminar über eine Forschungsmission teilgenommen, auf der Nathan Andros einen Vortrag über die Vorzüge von Langstrecken-Forschungsmissionen gehalten hatte. Nach diesem Vortrag hatte sie sich kurz mit ihm unterhalten und irgendwie waren sie auf das Thema Glauben gekommen. Andros hatte ihr von einer Gruppe erzählt, in der er Mitglied war. Nadja hatte Interesse gezeigt und so hatte sie ihn einmal zu einem Treffen der Gruppe begleitet.

Die Gruppe bestand damals aus acht Männern und drei Frauen. Sie setzten sich in einem verdunkelten Raum in einem Kreis auf den Boden. Erst war es ihr vorgekommen wie ein Gottesdienst, aber nach einer Weile war sie von den Worten des Sprechenden, der über die Befreiung des Geistes sprach, ganz schläfrig geworden und war schließlich in einen Zustand der völligen Entspannung versunken.

Als das Treffen nach einigen Stunden zu Ende war, hatte sie sich so wohl wie nie zuvor gefühlt, konnte sich aber nicht mehr daran erinnern, was in den letzten Stunden passiert war.

In den folgenden Monaten hatte sich Nadja immer wieder mit der Gruppe getroffen und war schließlich Mitglied geworden. Sie kannte die anderen Mitglieder der Gruppe nicht und sie stellten sich ihr auch nie vor. Sie wusste nur, dass sie sich selbst als die „Verstummten“ bezeichneten. Nach einiger Zeit wurden die Treffen immer seltener und sie sah Andros auch kaum noch, bis sie schließlich zu einem Treffen kam, wo sie überhaupt niemanden antraf. Am folgenden Tag wollte sie Andros in seiner Wohnung aufsuchen, musste aber feststellen, das sie verlassen war Sie hatte es noch in der zentralen Meldestelle von Pinor-Prime versucht, konnte aber auch dort nichts über seinen Verbleib erfahren. Etwa ein Jahr später hatten dann die Mordanschläge begonnen, zu denen sich die „Verstummten“ bekannten. Als Nadja davon in den Nachrichten hörte, begab sie sich umgehend zu einem der Treffpunkte der „Verstummten“ und traf dort auf Andros, aber er hatte sich völlig verändert. Als sie ihn fragte, ob er denn mit diesen Morden etwas zu tun hätte, packte er sie am Arm und schrie sie an, sie wüsste ja, was mit ihr passieren würde, wenn sie auch nur ein Wort zu irgend jemandem sagte. Schließlich war sie auch Mitglied der Gruppe und müsste diese schützen. Da bekam es Nadja mit der Angst zu tun. Sie verbarrikadierte sich in ihrer Wohnung und ging eine ganze Weile nicht mehr auf die Strasse. Die Anschläge der „Verstummten“ gingen in den folgenden Wochen zwar weiter, aber weitgehend auf anderen Planeten. Und nach einer Weile hörten die Berichte in den Nachrichten auf.


Ein leichtes Tippen auf ihre Schulter riss sie aus den Gedanken. „Miss, sind sie Nadja Chantalos?“ Erschrocken drehte sie sich um. „Ja, die bin ich. Und wer sind sie?“ „Ich bin Martin, der Pilot dieses betagten Gefährts. Sie wollen zur alten Barachnios-Station? Da haben sie aber Glück, dass wir in die Richtung fliegen. Warum wollen sie eigentlich dort hin, da lebt doch schon seit einer ganzen Weile niemand mehr.“ „Ich glaube nicht, dass sie das etwas angeht!“ entgegnete Nadja spitz. „Schon gut, ich wollte ihnen nicht zu nahe treten. Man wird ja fragen dürfen.“ Nadja musterte ihn. Martin war ein recht großer, schlanker Mann. Sie schätzte ihn auf Anfang dreißig. Er sah wirklich nicht aus, wie jemand, der sie gleich ermorden würde, dachte Nadja und entschuldigte sich. „Es tut mir leid, ich war gerade in Gedanken woanders. Sie haben mich nur etwas erschreckt.“ Martin grinste freundlich. „Kommen sie, ich zeige ihnen ihr Quartier, es wird ein langer Flug.“ Sie gingen zusammen durch die Luftschleuse und folgten einem hell erleuchteten Gang. „Wann starten wir?“ fragte Nadja. „Gerade werden noch die letzten Frachtcontainer verladen und es fehlt noch einer der Passagiere, aber spätestens in einer halben Stunde fliegen wir ab.“ Nadja war erstaunt. „Ich wusste gar nicht, dass es noch mehr Passagiere gibt, ich dachte dies wäre ein reines Frachtschiff.“ „Ist es eigentlich auch, aber auf unserem Weg kommen wir an einigen Kolonien und Stationen vorbei, zu denen die Flugverbindungen schlecht sind, und so nehmen wir auch oft Leute mit. Wir sind ein Geheimtipp für diejenigen, die auf größeren Reisekomfort verzichten können und für die, die nicht so viel Geld haben. Bei diesem Flug haben wir noch neunzehn Gäste, außer der Crew natürlich. Während des Fluges werden sie die Anderen höchstwahrscheinlich kennen lernen Mit ihnen sind jetzt alle da, und ich hoffe Nummer zwanzig kommt auch bald, sonst fliegen wir ohne ihn ab!“

Inzwischen waren sie bei einer Metalltür mit der Aufschrift „Z14“ angekommen. Martin blieb stehen und betätigte den Türöffner. Die Tür glitt mit einem zischenden Geräusch zur Seite und gab den Blick auf einen kleinen, rechteckigen Raum frei. An der Wand stand ein Bett und in der Mitte des Raums befand sich ein Metalltisch mit zwei Stühlen. „Ich hoffe, es gefällt ihnen. Wenn sie Hunger haben, gehen sie einfach den Gang hinunter bis zum Ende. Da sind die Küche und der Aufenthaltsraum. Dort ist immer jemand, der ihnen etwas Essbares zubereiten kann.“ Er wies auf ein kleines Terminal an der Wand der Kammer. „Über das Interkom erreichen sie immer jemanden von der Crew, aber benutzen sie es bitte nur im Notfall. Alle Quartiere haben einen eigenen Waschraum, sodass sie morgens mit niemandem zusammenstoßen. Wir werden etwa vier Tage brauchen, bis wir Barachnios erreichen. Haben sie sonst noch eine Frage?“ Nadja schüttelte den Kopf. „Okay, dann wünsche ich ihnen einen guten Flug!“ und er ging den Gang zurück den sie gekommen waren. Die Tür schloss sich hinter ihm. Nadja setzte sich auf das Bett. Es war zwar etwas hart, würde aber reichen. Durch das Fenster in der Außenwand konnte man einen Teil des Raumhafens mit dem riesigen Andockring sehen. Nadja schaltete das Licht aus und legte sich ins Bett. Innerhalb weniger Minuten war sie eingeschlafen.


3


Kiro ging gerade noch rechtzeitig hinter einem Container in Deckung, denn in diesem Moment zischte ein Energiestrahl dicht über seinem Kopf hinweg und schlug funkenschlagend in die Wand ein. „Komm raus Kiro. Du hast keine Chance!“ „Das werden wir ja sehen“, rief Kiro zurück, sprang aus seiner Deckung und feuerte eine kurze und gezielte Plasmaladung auf Ortega ab. Dieser wich geschickt aus und feuerte ebenfalls. Er verfehlte Kiro knapp, der wieder hinter einem anderen Container Deckung gesucht hatte. Langsam verlor Ortega die Geduld. „Verdammt, gib endlich auf. Ich schwöre, ich lasse dich am Leben!“ „Das glaubst auch nur du!“, Kiro lachte. Wieder gab er aus der Deckung heraus einen Schuss ab, der Ortega nur knapp verfehlte. „Der Teufel soll dich holen. Du willst es ja nicht anders“

Er hakte eine Plasmagranate von seinem Gürtel ab, machte sie scharf und warf sie hinter die Container. Dann duckte er sich hinter eine Tonne, hielt sich die Ohren zu und wartete auf die Explosion, die Kiro mit Sicherheit außer Gefecht setzen würde. Aber da kam keine Explosion.

Verwundert wollte Ortega aufstehen, aber in diesem Moment spürte er das kalte Metall einer Waffe an seinem Hals. Instinktiv griff er an seinen Gürtel. „Das würde ich lieber bleiben lassen!“ Kiro stand hinter ihm und drückte ihm seine Waffe an den Hals. „Das nächst Mal solltest du vielleicht eine Markengranate kaufen! „Mist“, entfuhr es Ortega. „Wer hat dich geschickt? Los, raus mit der Sprache!“ Ortega grinste. „Du glaubst doch nicht wirklich, das ich dir das verrate, oder?!“ „Na ja, eigentlich schon!“, sagte Kiro und versetzte ihm mit seiner Waffe einen heftigen Schlag gegen den Kopf, sodass er taumelte und auf den Boden der Lagerhalle fiel. „Du verdammter Scheißkerl!“, Ortega schrie vor Schmerzen. „Und, hast du mir jetzt was zu sagen?“ „Verpiss dich! Von mir erfährst du nichts.“ Ortega rieb sich den Kopf vor Schmerzen. Aus diesem Mann würde er nichts mehr herausbekommen. Aber vielleicht hatte er etwas Interessantes dabei. Kiro feuerte einmal mit seiner Waffe auf Ortega, worauf dieser vornüber auf den Boden kippte. Er hatte die Waffe umgestellt. Ortega würde eine Weile schlafen. Kiro durchsuchte ihn und fand neben seiner ID-Karte und ein paar Zigaretten eine Karte mit Aufdruck:


„BERINA-LABORE –Wir helfen ihnen in der Not! Rufen sie an, oder kommen sie vorbei. Sie finden uns auf Quantas3 im Brex-Sektor.“


Kiro steckte die Karte ein und verließ die Lagerhalle durch einen Seiteneingang.

Er hatte ein wertvolles Amulett beschaffen sollen und Ortega hätte ihm den Aufbewahrungsort nennen müssen. Aber er wollte diesen, aus welchem Grund auch immer, nicht preisgeben. In dem folgenden Wortgefecht hatte Ortega schließlich die Nerven verloren und seine Waffe gezogen. Die Information war von entscheidender Wichtigkeit, denn Kiros Auftraggeber, einer seiner anonymen Kunden, hatte sich unmissverständlich ausgedrückt. Entweder würde er das Amulett innerhalb einer Woche beschaffen und eine saftige Belohnung kassieren, oder man würde ihm einen Besuch abstatten, der nicht sehr förderlich für Kiros Gesundheit wäre. Er konnte es sich nicht leisten, diesen Auftrag in den Sand zu setzen, denn sein anonymer Kunde hatte offensichtlich belastendes Material über Kiro in der Hand. Wenn das die Behörden zu Gesicht bekämen, würde Kiro schnell in irgendeiner Strafkolonie verschwinden. Er hatte, außer Ortega, keine weiteren Hinweise auf den Verbleib des Amuletts erhalten. Nur sein Name war ihm bekannt. Es handelte sich um das „Heilige Amulett der Verstummten“. Kiro wusste mit dieser Bezeichnung nichts anzufangen. Er hatte noch nie von etwas Derartigem gehört. Als Kiro zwei Stunden später in seinem Quartier ankam, erwartete ihn eine Nachricht auf dem Terminal. Sie stammte von seinem Auftraggeber:


Ich weiß von Ortega. Er wird keine Probleme mehr machen. Begeben sie sich zum Raumhafen und steigen sie in den Frachter „Garios-2“ auf Rampe 45b. Sie werden bereits erwartet. Alles weitere erfahren sie vor Ort. – E.R.


Eine Reise ins Nirwana. Das kam ja wie gerufen. Aber für diese Bezahlung würde Kiro fast alles machen. Er hatte 50.000 im Voraus erhalten und sollte noch einmal 200.000 bei erfolgreichem Abschluss des Auftrags bekommen. So etwas ließ man sich nicht entgehen. Kiro verließ seine Wohnung und fuhr mit dem Magnetexpress die etwa 2500 Kilometer lange Strecke zum Raumhafen von Pinor-Prime. Die einstündige Fahrt verbrachte er schlafend, bis ihn eine Stewardess aufweckte und ihm mitteilte, dass sie sich am Reiseziel befanden. Auf dem Raumhafen angekommen, fand Kiro nach einigem Suchen die Rampe 45b und bestieg den Frachter. Martin, der Pilot, wies ihm sein Quartier zu und ließ ihn dann allein. Kiro verriegelt die Tür und rief dann die auf dem Terminal gespeicherte zweite Nachricht ab. Es war eine Audiomitteilung. Die Stimme wurde verzerrt, aber man konnte dennoch alles verstehen:

 

Es tut mir leid, dass sie so kurzfristig abreisen mussten, aber diese Angelegenheit ist von sehr großer Wichtigkeit. Auf diesem Frachter befindet sich eine Zivilperson. Ihr Name ist Nadja Chantalos. Sie ist Mitglied einer Organisation, die sich selbst „Die Verstummten“ nennt. Mann hat ihr, ohne ihr Wissen, eine Speicherkern in den rechten Unterarm implantiert. Auf diesem Speicherkern befinden sich wichtige Informationen, welche die Verstummten an einen uns unbekannten Ort schmuggeln wollen. Ebenfalls sind darauf Informationen betreffend das Amulett gespeichert. Wir haben eine Nachricht abgefangen, woraus hervorgeht, dass Nadja Chantalos auf dem Weg zur Barachnios - Orbitalstation ist. Ihre Aufgabe besteht nun darin, egal auf welche Weise, zu verhindern, dass Nadja Chantalos dort eintrifft, und den Speicherkern zu bergen. Wir haben dafür gesorgt, dass sie in der Kabine neben Nadja Chantalos (Z14) untergebracht werden. Für diese außergewöhnlichen Arbeiten erhalten sie einen Bonus von 30.000. ... er wurde soeben überwiesen. Diese Sache ist außerordentlich wichtig und könnte viele Menschenleben retten. Wenn sie den Speicherkern haben, kehren sie umgehend nach Pinor-Prime zurück und treffen sich mit einer meiner Kontaktpersonen.


Das wäre alles – E.R.


4


23.00 Uhr.

Mit zwei dumpfen Schlägen lösten sich die Andockklammern der „Garios-2“. Langsam schwebte das lange Transportschiff aus dem Raumdock und bewegte sich auf das Sprungtor zu. Der Frachter beschleunigte auf Lichtgeschwindigkeit und war im nächsten Moment im Ring des Sprungtores verschwunden.

Vier Stunden nachdem die „Garios-2“, Pinor-Prime verlassen hatte, legte sie auf einem unbemannten Larinar-Außenposten an und nahm zusätzliche Ladung an Bord. Alles an Bord schlief und niemand bemerkte den blinden Passagier, der sich in einem der Frachtcontainer an Bord schmuggelte. Noch befand er sich in Kryostase, aber bald würde er erwachen.


Acht Stunden später erwachte Kiro. Ein lauter Gong hatte ihn aus dem Schlaf gerissen. Er rieb sich die Augen und gähnte. „Wehrte Fluggäste. Wir befinden uns nun an einer Handelsstation der Klasse 9 im stellaren Raumcluster 95/83 Beta. Sie haben hier in den nächsten zwei Stunden unseres Aufenthalts die Möglichkeit zum Einkauf und Handel. Vielen Dank für ihre Aufmerksamkeit!“ Es folgten noch diverse Angaben über Anschlussflüge die innerhalb der nächsten Stunden von der Station abgingen.

Kiro stand auf und ging in den Waschraum. Nach einer ausgiebigen Dusche verließ er sein Quartier und betrat die Station durch eine Luftschleuse. Auf den Gängen herrschte reges Treiben. Über einen Lift erreichte er das Promenadendeck der Station und erkundigte sich bei einem Informationsterminal nach einem guten Restaurant. Eine überaus attraktive, computergenerierte Dame wies ihm den Weg. Nachdem Kiro ausgiebig gefrühstückt hatte schlenderte er über die Promenade und besah sich die vielen Läden mit den unglaublichsten Waren. Der eine verkaufte korellianische Mini-Fische, von denen der Kleinste etwa zwei Meter lang war, der andere bot Androiden für jeden Gebrauch an. Hier und da gab es düstere Bars und an manchen Ecken standen Taschenspieler und zogen die Zuschauer mit kleinen Tricks in ihren Bann.

In einem abgelegenen Teil der Promenade, wo nicht mehr so viel los war, fiel Kiro ein kleiner Laden auf. Die Leuchtreklame über der Tür wies den Laden als „Fargos kleinen Klangstein“ aus. Etwas an dem Laden übte eine starke Anziehungskraft auf Kiro aus. Er betrat ihn und im gleichen Moment als er die Tür öffnete, kam ihm eine Welle von den verschiedensten Düften entgegen. Nicht unangenehm, aber unerwartet. Der kleine Raum war schwach beleuchtet und überall an den Wänden des Raumes befanden sich Regale mit allen Arten von Meditationssteinen.

„Kann ich ihnen helfen?“ Kiro fuhr erschrocken herum und bemerkte einen älteren Mann, offensichtlich Fargo selbst, der auf einen Stock gestützt, hinter einer kleinen Theke stand und ihn mit wachsamen Augen musterte. „Ich weiß nicht genau. Ich möchte mich nur etwas umsehen. Kiro drehte sich wieder um und nahm weiter die Steine in Augenschein. Er konnte die Blicke des Alten fast schon auf seiner Haut spüren. Seine Augen brannten von den Dämpfen im Raum und er fühlte sich zunehmend unwohl. „Ich denke, ich könnte ihnen etwas empfehlen!“

„Nur zu, ich kenne mich sowieso nicht besonders gut mit Meditationssteinen aus“, sagte Kiro und rieb sich die Augen. Das entsprach nicht unbedingt der Wahrheit, denn er kannte sich mit solchen Steinen überhaupt nicht aus, aber das brauchte der Alte ja nicht zu wissen. Der war inzwischen hinter seiner Theke hervorgekommen und bewegte sich langsam humpelnd auf eins der Regale zu. Der Alte erinnerte Kiro auf eine sonderbare Weise an seinen alten Lehrer Rima. Der hatte auch ausgesehen, als ob er jeden Moment zusammenbrechen würde und trotzdem hatte er erstaunliche Kräfte besessen, sodass Kiro Mühe hatte im Kampf gegen ihn anzukommen. Rima hatte ihn in der Kunst des Diebstahls unterwiesen und das, wie Kiro glaubte, recht erfolgreich.

Währenddessen hatte der alte Fargo einen der Steine aus dem Regal gegriffen. Er war unregelmäßig geformt, etwa Handtellergroß und schimmerte tiefblau. „Ich denke dieser hier ist der Richtige!“ Kiro nahm den Stein in die Hand. Er fühlte sich warm an. „Wie viel kostet er?“

„Für sie mache ich einen Freundschaftspreis – Vierhundert.“ Der Alte grinste. „Vierhundert für einen kleinen Stein! Das ist ja Wucher!“ Nach einigem Handeln einigte er sich mit Fargo auf eine akzeptable Summe. Der Stein wurde in ein kleines Kästchen gelegt, Kiro bezahlte und verließ den Laden. Draußen atmete er einmal tief durch und ging dann weiter. Warum er sich diesen Stein hatte aufschwatzen lassen, war ihm selbst unklar.


5


Nadja war schon wach gewesen, als die Computer-Durchsage kam. Sie hatte nicht schlafen können weil ihr immer noch die Geschichte mit den Verstummten im Kopf herumgegeistert war. So kam die Handelsstation wie gerufen, um etwas Zerstreuung zu finden. Wie Kiro, aß auch sie erst etwas in einem Restaurant und kaufte sich dann noch einen hübschen, silbernen Armreif. Danach kehrte sie auf die „Garios-2“ zurück, denn die Handelsstation war ihr ein wenig zu unheimlich. Im Aufenthaltsraum des Schiffes lernte Nadja den Karparianer Mugh kennen. Er war ihr auf Anhieb sympathisch und beide unterhielten sich eine ganze Weile. Sie fand heraus, dass Mugh mit Erzen handelte und nun schon seit fast zwanzig Jahren deswegen ständig unterwegs war. Er erzählte ihr von seiner Frau und ihren drei kleinen Kindern: Zwei Mädchen im Alter von zwölf und ein Junge im Alter von dreizehn Jahren. Seine Familie konnte er leider nur selten besuchen, weil das Erzgeschäft nicht so viel einbrachte. Nun war er auf dem Weg zur Barachnios-Orbitalstation, um dort ein weiteres Geschäft abzuschließen. Als er hörte, dass Nadja ebenfalls dorthin reiste, war Mugh überrascht. Nadja erzählte ihm aber nichts von den „Verstummten“.

Um 13.00 Uhr legte die „Garios-2“ ab. Drei Stunden später passierte das Raumschiff die Grenze der Katmios-Ausdehnung. Innerhalb dieser stellaren Ausdehnung gab es keine bekannten bewohnten Planeten oder Stationen und es dauerte in der Regel mehrere Tage sie zu durchqueren. Seit mehreren Jahrzehnten hatte kein Schiff mehr diesen Raumsektor passiert. Für die schnellen, neueren Frachter gab es sichere, dafür aber längere Routen.


Die nächsten zwei Tage verbrachte Nadja hauptsächlich lesend und nachdenkend in ihrem Quartier oder im Aufenthaltsraum, wo sie noch einige andere Passagiere kennen lernte: Den Koch Connor, dessen Spitzname „Mac Peanut“ war, weil er im Vergleich zu seiner Größe extrem dick war; den Maschinisten Fletcher, der meistens total verdreckt war - Laut Mugh sollte er fast siebzig Jahre alt sein, aber das konnte sich Nadja bei seinem Aussehen kaum vorstellen – und

den Söldner Wartins, der, wenn Nadja auf ihn traf, immer betrunken war. Dann gab es da noch den Navigator Merver, der ständig und über alles lachte, was auf die Dauer recht anstrengend für alle anderen war. Der einzige mit dem Nadja bisher noch kein Wort gewechselt hatte, war ein dunkelgekleideter junger Mann, der bei allen Mahlzeiten immer am hintersten Tisch saß. Jedes Mal, wenn Nadja versuchte ihn anzusprechen, antwortete er nicht, oder drehte sich weg.


In der Nacht vom zweiten zum dritten Tag in der Ausdehnung passierte es dann. Es kam unerwartet und Nadja erinnerte sich in der Zukunft nur ungern an diese Nacht.


Nadja hatte sich gerade ins Bett gelegt und das Licht gelöscht, als sie plötzlich eine gewaltige

Erschütterung spürte, die so heftig war, dass zwei der Metallstützen des Bettes abrissen und es so in Schräglage geriet. Nadja rollte vom Bett herunter und stieß sich den Kopf schmerzhaft an einem der Metallbeine des Tisches. Fluchend stand sie auf und wollte Licht machen. Aber der Schalter funktionierte nicht und es blieb dunkel. Durch eine Reihe weiterer schwerer Erschütterungen, die sich wie Explosionen anhörten, verlor Nadja den Boden unter den Füssen. Sie schlug hart mit dem Kopf auf der Stuhllehne auf und verlor das Bewusstsein.


Zwischenspiel


Die beiden Gegner nahmen am Tisch platz. Sie befanden sich im Zustand totaler Entspannung. Jeder von ihnen kannte sein Gegenüber genau. Beide hatten einander über einen langen Zeitraum studiert und beobachtet und doch war noch kein einziges Wort zwischen ihnen gefallen. Auf dem aus dunklem Holz gefertigten Tisch befanden sich die Figuren. Fein säuberlich aufgestellt auf einem Brett, dass matt glänzte. Der Ältere von beiden spielte mit Weiß, der jüngere mit Schwarz. Diese Ordnung war für beide selbstverständlich, wie ein ungeschriebenes Gesetz. Sie fixierten einander. Lange.

Nach einer Zeit, die dem Jüngeren fast wie eine Ewigkeit vorkam, hob der Ältere seine Hand und berührte leicht seinen Knopf der Uhr, die neben dem Schachbrett stand. Die Uhr begann zu laufen und der Ältere eröffnete die Partie. Weißer Bauer von E-Zwei nach E-Vier. Das Spiel hatte begonnen.


Das wüste Land


6


Zu dem Zeitpunkt, als Nadja das Licht bei sich im Quartier gelöscht hatte, befand sich Kiro gerade mit Martin zusammen in dessen Quartier und beide waren tief in die technische Bau- und Schaltpläne des Schiffes vertieft. Tags zuvor hatte Kiro Interesse am Antriebssystem der „Garios-2“ gezeigt, woraufhin Martin eingewilligt hatte, ihm die Pläne der Systeme zu zeigen. Die Erschütterungen kamen unerwartet, aber sie waren nicht ganz so unvorbereitet wie Nadja in ihrem Bett. Gerade setzte Kiro zu einer Frage, betreffend den Schutzschild an, als ihn die erste Erschütterung unvermittelt vom Stuhl riss. Sein Sturz wurde aber schnell von der Metallwand gebremst, sodass er sich nicht weiter verletzte. Im selben Moment erlosch das Licht.

„Was war denn das?!“ Kiro rappelte sich hoch und rieb sich die Seite. Martin, der sich gerade noch hatte festhalten können, sprang schnell zur Tür und versuchte sie zu öffnen. „Die Tür lässt sich nicht öffnen, wahrscheinlich ist die Energieversorgung des Öffnungsmechanismus unterbrochen. „Passiert so was öfter, oder warum sind sie so gelassen?“ fragte Kiro erstaunt. „Nein, oft nicht, aber gelegentlich fällt die Energie schon mal aus - auf so einem alten Frachter.“ Martin hatte seinen Satz gerade beendet, da gab es eine weitere Erschütterung, die so heftig war, dass sie die beiden Männer von den Füssen riss. Durch den Ausfall der Energie war es im Raum fast ganz dunkel. Nur durch das Fenster kam etwas Licht von den Sternen herein. „Sind sie in Ordnung, Martin?“ „Ich denke schon, aber sie haben Recht, diese Erschütterungen sind in der Tat mehr als ungewöhnlich. Sie hörten sich fast wie Explosionen an. Wir sollten uns auf dem schnellsten Weg zur Kommandobrücke begeben.“ „Aber die Tür ist doch blockiert!“ „Sie lässt sich auch manuell öffnen.“

Martin tastete sich an der Wand entlang zur Tür und entfernte eine Metallplatte unterhalt des Türöffners. Mit der Hand griff er hinein und verschob mit einer Drehbewegung den Sperrbolzen des Schlosses. „Helfen sie mir mit der Tür!“ Kiro tastete sich zu Martin und mit vereinten Kräften zogen sie die massive Tür so weit auf, dass sie sich in den Gang hinauszwängen konnten. Auch hier war die gesamte Energie ausgefallen und die Beiden mussten sich tastend bis zur Kommandozentrale voranarbeiten. Auf halbem Weg dorthin durchfuhr noch eine Erschütterung das Schiff. Durch die Vibrationen war die Verschalung der Metallwände an mehreren Stellen gebrochen. Aus den Löchern und Spalten sprühten Funken. Auf diese Weise entstanden gespenstische Schattenspiele auf den Wänden und Kiro machte sich nun ernsthafte Sorgen. Schließlich erreichten sie die Kommandobrücke und öffneten auch dort die Tür manuell. Was sich ihnen bot, als sie den Raum betraten, war ein Bild des Schreckens. Alle vier Besatzungsmitglieder, die hier Dienst hatten, waren tot. Zwei waren nur noch verkohlte

Leichen. Sie hatten sich nicht in Sicherheit bringen können, als ihre Terminals explodiert waren. Ein anderer war von einem herabstürzenden Metallträger erschlagen worden und der letzte hatte anscheinend versucht zu einer der Rettungskapseln zu gelangen, kam aber auf dem Weg dorthin mit einem Energiekabel in Berührung und war dadurch auf der Stelle getötet worden. Durch die immer wieder sporadisch auftretenden hellen Blitze von den zerstörten Energieleitungen war das ganze Szenario umso grauenhafter. Kiro war es, der das Schweigen schließlich brach. „Mein Gott. Was ist hier passiert?“ flüsterte er. „Ich weiß es nicht, aber es muss sehr schnell gegangen sein.“ Martins Stimme war brüchig.

Langsam ging er zu einer der wenigen, noch intakten Konsolen hinüber und gab eine Reihe von Befehlen ein. In die vordere Wand des Kontrollzentrums war ein großer Wandmonitor eingelassen. Auf diesem zuckten jetzt zunächst nur ein paar weiße Blitze. Dann hellte sich aber der ganze Monitor auf und aus dem schwarzweiß flimmernden Bild lösten sich langsam Konturen heraus. Erst dachte Kiro, der Bildschirm hätte eine Fehlfunktion, aber dann wurde das Bild besser und man konnte etwas erkennen. Es war ein Planet. Die große graue Kugel hob sich im Kontrast zu dem sternenarmen Weltall stark ab. Sie ähnelte einem Spielball, denn jemand einfach vergessen hatte. Laut den Sternenkarten sollte sich hier kein Planet befinden. Diese perfekte Kugel war trotz ihrer Farbe auf eine geheimnisvolle Weise schön. Martins Stimme riss Kiro aus den Gedanken. Er war erstaunlicherweise recht ruhig als er verkündete.

„Wir sind in die Gravitation des Planeten geraten. Wir werden abstürzen.“ „Das scheint sie aber nicht besonders zu beunruhigen“, erwiderte Kiro bissig. „Was könnten wir schon tun! Der Antrieb ist zerstört, die Außenhülle beschädigt und die Energie ausgefallen.“ Martin war wütend auf sich selbst. Er hätte hier sein sollen. Überlebt hatte er nur, weil er seine Schicht für dieses Mal getauscht hatte. „Gibt es denn keine Rettungskapseln?“ fragte Kiro. „Doch, aber die funktionieren ohne Energie nicht. Man könnte die Schaltungen zwar vom Maschinenraum aus umgehen, aber der Weg dorthin ist nicht so einfach und bis einer von uns dort ist, sind wir längst abgestürzt.“ „Aber es muss doch einen Weg geben zu überleben!“, Kiro wurde immer aufgeregter. „Ja, vielleicht.“ Martin ging zu einer anderen Konsole hinüber und betrachtete die Anzeigen. „Wenn wir es schaffen, das Habitatmodul vom Rest des Schiffes abzutrennen, können wir versuchen eine Bruchlandung auf dem Planeten hinzulegen. Er hat eine Klasse „T“ Sauerstoffatmosphäre, in der man überleben kann. Wir würden dabei das gesamte Frachtsegment des Schiffes verlieren, aber es ist unsere einzige Chance zu überleben.“ „Worauf warten wir dann noch!“, Kiro war ungeduldig. Martin stand auf. „Kommen sie. Das wird ein ganzes Stück Arbeit.“ Gemeinsam gingen sie durch den Gang zurück, bis zum Ende des Habitatmoduls.

Sie schlossen die Luftschleusen zum Rest des Schiffes und trennten dann manuell die Modulverbindungen. Durch das Fenster sahen sie das Frachtmodul langsam davon driften.

Martin und Kiro begaben sich zurück in die Kommandozentrale. Jetzt begann der schwierigste Teil ihres Vorhabens: Die Sichere Landung auf dem Planeten.


All das bekam Nadja in ihrem Quartier nicht mit. Auch als das Habitatmodul zwanzig Minuten später in die äußere Atmosphäre eintauchte und heftig durchgeschüttelt wurde, war sie noch immer bewusstlos. Dreißig Minuten später schlug das Modul mit ungeheuerer Gewalt auf der Oberfläche des Planeten auf. Es bildete sich ein tiefer Krater, aber das Schiff selbst hielt dem Aufprall stand.


Zwischenspiel


Der Ältere hatte seinen Zug beendet und seine Uhr gestoppt. Der Jüngere war am Zug. Er zögerte. Aber nicht sehr lange. Entschlossenheit zuckte über sein faltenloses Gesicht. Er hatte keine bestimmte Taktik. Er verfolgte nur das Ziel sein Gegenüber zu besiegen - mit allen Mitteln, die ihm das Spiel bot. Der Jüngere ging in die Offensive und attackierte. Er führte seinen Zug aus. Schwarzer Springer von G-Acht nach F-Sechs.


7


„Wo bin ich?“- verwundert. „Du bist hier!“ „Wo ist Hier?“ ...Stille...

Eschnak.“ „Was ist Eschnak?“- vorsichtig. ...Stille...

Hier.“ „Also ist hier Eschnak?“- zaghaft. …Stille…

„Wie komme ich hierher?“- ängstlich. ...Stille...

„Hilf mir!“- verzweifelt. ...Stille...

„Verdammt, hilf mir!“ ...Stille...

„Ich kann nichts tun, ... aber Nalataja.“

„Wer ist Nalataja?“ ...Stille...


Mit fürchterlichen Kopfschmerzen wachte Nadja auf. Sie versuchte sich aufzurichten, aber in diesem Moment fuhr ihr ein solcher Schmerz durch den Schädel, dass ihr schlecht wurde. Sie öffnete die Augen ganz. Zuerst sah sie nur die kahle Metalldecke. Langsam drehte sie ihren Kopf. Das Fenster ihres Quartiers war geborsten. Durch das entstandene Loch wehte ein kalter Wind. Der Raum war in graues Licht getaucht. Nadja fröstelte und zog die Beine enger an den Körper. Hatte nicht gerade jemand ihren Namen gerufen? Jetzt war es still. Wahrscheinlich hatte sie sich das nur eingebildet. Oh, diese Kopfschmerzen. Nadja wagte es kaum sich zu bewegen. Sie versuchte sich zu erinnern. Langsam kamen die Ereignisse zurück. Fast wie in Zeitlupe schob sie sich langsam an der Wand hinauf in eine sitzende Position. Sie sah sich um. Das Mobiliar war aus seiner Verankerung gerissen und lag überall umher. Der Türrahmen hatte sich verzogen und die Tür würde wahrscheinlich nie wieder aufgehen. Erst jetzt merkte Nadja die heißen Blutstropfen, die ihren Hals hinunterliefen. Sie strich mit der Hand über ihren Kopf und wieder durchzuckte sie eine heftige Welle von Schmerzen. Nadja betrachtete ihre Hand. Sie war rot vor Blut. Mit einem ungeheuren Kraftaufwand schleppte sie sich zum Bett, was nun gänzlich am Boden lag und riss einen Streifen Stoff vom Laken ab. Damit verband sie notdürftig ihre Wunde. Dann ließ sie sich auf die Matratze fallen und schloss die Augen.

Ein paar Minuten lag Nadja so da und sammelte Energie. Dann gab sie sich einen Ruck und stand auf. In der ersten Sekunde dachte sie: „Das ist das Ende!“ Aber dann ließ der Schmerz nach und sie blieb, an die Wand gelehnt, stehen. Die Tür war nicht aufzubekommen, also blieb nur das Fenster. Sie bückte sich nach einer der abgebrochenen Bettstützen, wobei ihr wieder schlecht wurde. Mit dem Metallstück und ihren Händen entfernte sie die restlichen Splitter des Fensters aus dem Rahmen. Das war gar nicht so einfach, denn das Glas war außerordentlich hart. Schließlich hatte sie es aber geschafft. Nadja schleppte sich zu ihrem Gepäck. Sie nahm ihren einzigen Mantel heraus und hüllte sich darin ein. Auf einmal vernahm sie ein leises, knarrendes Geräusch. Es wurde immer lauter. Sie sah zur Raumdecke herauf und erstarrte. Die Metallträger der Decke waren durch den Aufprall des Schiffes stark beschädigt worden und bogen sich nun immer stärker durch. Überall waren kleine Risse zu erkennen, die immer größer wurden. Früher oder später würde hier alles zusammenstürzen. Nadja begab sich so schnell sie konnte zur Fensteröffnung und zog sich mit aller ihrer noch verbliebenen Kraft hinauf. Auf der anderen Seite ging es etwa fünf Meter steil nach unten, bis der Kraterboden kam. Er war übersäht mit verschieden großen Steinen und allerlei Trümmern des Schiffes. Langsam und vorsichtig ließ sie sich am Fenster hinab und sprang das letzte Stück herunter. Keinen Augenblick zu früh, denn in diesem Moment krachte unter lautem Getöse die Decke ihres Quartiers herab.


8


Kiro und Martin hatten den Aufprall der „Garios-2“ relativ unbeschadet in einem Schutzraum überstanden. Die wenigen Steuerungsmanöver während des Sturzfluges hatte der Computer übernommen. Nachdem das Schiff zum Stillstand gekommen war, begaben sich beide wieder in die Kommandozentrale, wo sie feststellen mussten, dass die „Garios-2“ nun nur noch ein Haufen Schrott war, der jeden Moment kollabieren konnte. Zusammen arbeiteten sie sich zu den Quartieren der Passagiere vor und suchten in überall nach Überlebenden.

Den Koch fanden sie tot, aufgespießt von einem Metallträger. Im Quartier von Navigator Merver war ein Plasma-Leck entstanden und hatte ihn im Schlaf überrascht. Er war in seinem Bett verbrannt. Den Maschinisten konnten sie gemeinsam aus dem Maschinenraum retten. Mugh und der Soldat Wartins hatte im Aufenthaltsraum unter einem der großen Tische überlebt. Kiro fand beide dort zitternd und an sich gekauert vor. Zu Fünft suchten sie noch eine Weile im Wrack des Schiffes, fanden aber nur noch Leichen und gaben es wenig später auf. Sie verließen das Schiff durch eine Seitenluke. Immer wieder hörte man das Krachen von kollabierenden Strukturen.

Gemeinsam stiegen sie die steilen Kraterwände hinauf. Oben angelangt bot sich ein beeindruckender Anblick. Sie befanden sich auf einer riesigen Ebene. Soweit das Auge reichte befand sich so gut wie nichts. Im Norden und Nordosten erhoben sich am Horizont einzelne Berge und im Südosten versperrte ein einzelnes Bergmassiv die Sicht. Aber sonst dehnte sich in alle Himmelsrichtungen die mit Steinen übersäte Ebene aus.

In einigen Kilometern Entfernung, am Fuß eines kleinen Berges war das Frachtmodul gelandet. Man konnte die Flammen sehen, die aus dem Wrack schlugen. Hier auf der Ebene wehte ein starker und unangenehm kalter Wind. Das Grau des Himmels ließ keine Sonne erkennen. Diese Landschaft war nicht nur unwirtlich für jede Art von Leben, sondern auch trostlos und etwas unheimlich. Das einzige Geräusch, was man hören konnte, war das Heulen des Windes. Bei diesem Anblick sank allen der Mut. Ein Ruf ließ Kiro aus seiner Erstarrung schrecken.

„He, ... Hallo, ist da jemand?“ Kiro drehte sich um und sah jemanden am Boden des Kraters vor dem Schiff stehen. Er trug eine, offenbar bewusstlose, Frau auf den Armen. „Wir sind hier!“ Kiro winkte. Gemeinsam stiegen sie den Krater wieder hinab.

Als sie unten angekommen waren, durchfuhr ein Kiro wie ein Blitz. Dies war Nadja Chantalos. Er erkannte sie vom dem Bild wieder, das er erhalten hatte. Kiro ließ sich jedoch nichts anmerken, und fragte mit gespielter Sorge: „Ist sie tot?“ „Nein, ich denke nicht. Aber sie hat eine schwere Verletzung am Kopf. Soviel ich mitbekommen habe, ist ihr Name Nadja. Kiro sah ihn durchdringend an. „Legen sie sie erst mal auf den Boden,“ sagte Martin „Mugh, Kiro, versuchen sie in die Krankenstation oder die Küche zu kommen, dort müssten sie ein Notfallset finden. Und beeilen sie sich!“ Während die anderen zurückblieben, bahnten sich Kiro und Mugh einen Weg durch die Trümmer des Schiffes. Sie sprachen kaum miteinander. Bisher hatte Kiro einen Kontakt zu dem kleinen, dicken Händler weitgehend unterbunden. Er wollte das jetzt auch nicht ändern. Im Moment kreisten seine Gedanken nur um ein Thema: Wie sollten sie von diesem Felsblock von Planeten wieder wegkommen? Sein Auftrag war wichtig, um ihn jetzt noch zu erfüllen, musste er einen neuen Plan entwickeln.

Sie kamen nur langsam voran. Immer wieder mussten sie Trümmer beiseite schaffen oder durch enge Öffnungen kriechen. In der Krankenstation fanden sie nichts, außer ein paar Decken und einigen Wasserbehältern, aber in der Küche wurden sie fündig. Neben Essens-Notrationen fanden die auch ein Notfallset. Es war aus seiner Wandhalterung gefallen und lag jetzt unter der Leiche des Koches. Das Vorhandensein der Leiche war für Kiro weniger ein Problem, als ihr Gewicht. Weil Mugh sich weigerte den Toten zu berühren, musste sich Kiro alleine mit ihm abmühen. Schließlich schaffte er es, den Leichnam wegzuwälzen und sie verließen auf dem schnellsten Weg das Wrack. Inzwischen war es mit der hereinbrechenden Dunkelheit noch kühler geworden. Nadja war aufgewacht und nachdem Martin ihre Wunden versorgt hatte, hüllten sich alle in die Decken. Wartins hatte aus dem Wrack etwas brennbares Material besorgt mit dem sich jetzt ein kleines Feuer entfachen ließ. Außerdem hatte er die vertrockneten Zweige eines toten Baumes gefunden. Schon bald war es finster um sie herum. Der Feuerschein spiegelte sich auf den Gesichtern. Niemand hatte viel gesprochen. Alle waren noch benommen von den Ereignissen des Tages. Keiner bemerkte die dunkle Gestalt, die sie vom Kraterrand aus beobachtete. Später in der Nacht, als alle eingeschlafen und das Feuer heruntergebrannt war, verschwand sie.


9


Am nächsten Morgen war es Kiro, der als erstes aufwachte und feststellte, das diese Einöde doch nicht ganz so ohne Leben war, wie er zuerst gedacht hatte. Denn am oberen Kraterrand konnte er ein kleines Tier sehen, das im sandigen Untergrund wühlte. Immer wieder rutschten dadurch kleine Sandlawinen die Kraterwände herunter. Er sah dem Tier interessiert zu, aber dann überlegte er, ob es nicht eine vorzügliche Mahlzeit abgeben würde. Ihre Essensrationen reichten vielleicht für eine, bestenfalls für anderthalb Wochen. Und so bald würden sie von diesem Planeten, der wohl in kaum einer Sternenkarte verzeichnet war, nicht gerettet werden. Kiro weckte Martin und zeigte ihm das Tier. Der teilte Kiros Meinung. Beide, nur mit einem Metallstück und einem spitzen Stein bewaffnet, näherten sich dem Tier. Es sah aus, wie eine Kreuzung zwischen einem Hund und einem Hasen. Sein Fell war grau, wodurch man es schlecht auf dem Untergrund ausmachen konnte. Als sie schon ganz nah herangekommen waren, schreckte das Tier hoch und gab ein hohes, erschrecktes Quieken von sich. Diese Sekunde der Erstarrung nutzte Martin und schlug fest zu. Das Tier taumelte, lief einige Schritte wankend weiter und brach dann zusammen. Später nahmen sie das Tier aus und brieten es über dem Feuer. Die Anderen wurden durch den Geruch des Fleisches aus ihren Nachtlagern getrieben. Das Fleisch war essbar, jedoch kein Genuss. Alle aßen etwas, außer Nadja. Ihr war offenbar nicht gut. Nach und nach wich die Kälte der Nacht. Es wurde zwar nicht warm, aber man konnte es aushalten.

Ihren Chronometern nach, hatten sie etwa sechs Stunden geschlafen. Allem Anschein nach waren die Nächte auf diesem Planeten recht kurz. Nach dem Essen, machten sie eine kurze Bestandsaufnahme ihrer Vorräte und besprachen, wie sie als nächstes vorgehen wollten. Sie hatten für etwas mehr als eine Woche Nahrung in Form von Not-Rationen und Wasser, die vielleicht etwas länger reichten, wenn man sparsam mit ihnen umging. Dann war da noch das Notfallset mit Wundverbänden, einem Lasercutter, verschiedenen Messern und einem Wasserscanner. Nicht viel aber immerhin etwas.

Zunächst wurde beschlossen zum Frachtmodul zu gehen. Vielleicht waren dort noch mehr Vorräte zu finden. Aus einer Decke und ein paar Schnüren stellte man einen provisorischen Rucksack her, in dem das Wenige, was ihnen geblieben war, transportiert wurde. Wartins bot sich freiwillig an den Rucksack zu tragen, und so brachen sie schließlich auf.

Während des Fußmarsches trafen sie immer wieder auf vereinzelt herumliegende Bäume. Sie waren verdorrt und grau. Fast sahen die Bäume so aus, als ob sie hier schon seit hunderten von Jahren liegen würden und kurz davor wären zu Stein zu werden. Sie mussten immer wieder rasten, weil Nadja noch nicht so schnell laufen konnte. Der junge Mann, der so wenig sprach, half ihr und stützte sie so gut es ging.

Gegen Ende des Nachmittags erreichten sie das Wrack am Fuß des Berges. Es war über Nacht ausgebrannt. Hier und da züngelten noch Flammen und Rauch stieg auf. Das Frachtmodul hatte keinen Krater in den Booden gerissen, was wohl auf eine härtere Bodenbeschaffenheit zurückzuführen war. Zusammen durchsuchten sie das Wrack, während sich Nadja auf einem Stein ausruhte. Viel hatte das Feuer nicht übrig gelassen. Die meisten Container waren durch die Hitze geplatzt oder geschmolzen. Zwei Handfeuerwaffen und noch ein vollständiges Notfallset hatten das Feuer überstanden. In einem kleinen Container fanden sie schließlich, neben den verkohlten Überresten einiger Pflanzen, auch einen Luft-Dehydrator mit drei funktionierenden Energiezellen. Schließlich machten sie eine Entdeckung, die neue Hoffnung in ihnen aufkommen ließ. In einer Metalltruhe mit Antiquitäten fanden sie einen alten, aber noch funktionsfähigen Kompass.

Als Kiro gerade das Wrack verlassen wollte, entdeckte er Blutspuren und Fußabdrücke, die aus einer Seitenluke, weg vom Frachtmodul führten. Er behielt diese Entdeckung für sich, denn er wollte keine Unruhe heraufbeschwören, aber das Ganze kam ihm doch sehr seltsam vor.

Die Nacht verbrachten sie am Frachtmodul. Wieder wurde wenig gesprochen. Man aß ein wenig und ging früh schlafen. In der Nacht wurden sie wieder unbemerkt von der dunklen Gestalt beobachtet.

Am nächsten Morgen zogen sie früh weiter. Man hatte beschlossen das Felsmassiv zu umgehen um festzustellen, was sich auf der anderen Seite befand. Kiro und Wartins waren damit zuerst nicht einverstanden, fügten sich aber später. Das beständige Pfeifen des Windes begleitete sie dabei immer. Der Berg erwies sich kleiner als sie angenommen hatten. Jeder von ihnen hoffte insgeheim auf etwas Besonders. Was genau das war, hätte aber keiner mit Bestimmtheit sagen können. Jedoch wurden sie enttäuscht. Es war dasselbe Bild wie auch schon vorher: Bis zum Horizont erstreckte sich die flache Ebene. Vereinzelte tote Bäume, Steine sonst nichts.


Zwischenspiel


Der Ältere lächelte. Er hatte den Zug des Anderen vorausgesehen. Noch brauchte er sich keine Sorgen zu machen, aber er war sich des Potentials bewusst, das in seinem Gegner steckte. Nachdem ein wenig Zeit verstrichen war, lehnte er sich vor, in der Absicht seinen Zug auszuführen. Aber dann hielt er mitten in der Bewegung inne. Er zögerte. Doch dann hellte sich sein Gesicht auf und mit ruhiger Hand bewegte er seinen Bauern von D-Zwei nach D-Drei. Nun wusste er, wie er spielen und den Anderen besiegen würde.


10


„Ich gehe keinen Schritt weiter!“ Mugh ließ sich erschöpft zu Boden sinken und verschränkte die Arme trotzig vor der Brust. „Was genau wollen sie damit andeuten? Wir können nicht einfach hier bleiben, wo es nichts außer Steinen und toten Bäumen gibt!“ Martin ärgerte sich über das Verhalten von Mugh. Seit sie vor vier Tagen in Richtung der Berge aufgebrochen waren, hatte er nur herumgejammert und sich über jede Kleinigkeit beklagt. Durch die Strapazen der Wanderung verbrauchten sie mehr Wasser, als sie angenommen hatten. Das Gelände stieg zu den Bergen hin unmerklich an, sodass das Laufen jeden Tag mehr Kraft kostete. Ein paar Mal kamen sie an Wasserlöchern vorbei, aber dieses Wasser war ungenießbar. Fletcher trank etwas davon. Ein paar Stunden später bekam er hohes Fieber und konnte zwei Tage lang nichts essen. Martin, der unfreiwilligerweise zum Führer der Gruppe geworden war, hatte nicht mehr viel Hoffnung. Sie kamen den Bergen nur langsam näher.

Am letzten Abend war er noch ein wenig länger wach geblieben als die anderen und hatte in die Stille der Nach gehorcht. Als er gerade einschlafen wollte, hatte er deutlich ein Geräusch gehört. Er blickte sich um und versuchte vergeblich in der undurchdringlichen Finsternis etwas zu erkennen. Das Geräusch kam nicht wieder, aber das unbestimmte Gefühl, das sie beobachtet würden, blieb. Und das nicht erst seit letzter Nacht. Er hatte selbst ein wenig Angst, erzählte aber niemandem von seinen Gefühlen.

„Wir werden alle sterben!“ Mugh heulte. Kiro zog ihn unsanft wieder auf die Beine. „Niemand wird sterben, solange wir nicht aufgeben. Reißen sie sich zusammen!“ „Lassen sie mich los, sie ungehobelter Grobian, sie!“ Mugh redete schnell und schrill. Jetzt hörte er sich fast so an wie einer von den „Wüstenhunden“. So hatten sie die grauen Tiere getauft, die sie bisher noch zweimal als Nahrungsergänzung benutzt hatten. Durch die unfreiwillige Komik der Situation musste Martin lachten. Erst schauten ihn die anderen nur erstaunt an, aber dann lachten sie doch mit und die angespannte Atmosphäre lockerte sich auf. Gegen Ende des Nachmittags, sie waren wieder nur langsam vorangekommen, blieb Kiro plötzlich stehen. „He Leute, bleibt mal stehen! Seht ihr das auch?“ Er deutete auf einen verschwindend kleinen Punkt am Horizont. “Was sollen wir sehen?“ Martin kniff die Augen zusammen und starrte in die Ferne. „Da, das Haus dort!“ „Welches Haus?“ Martin konnte nichts erkennen. „Er hat Recht!“ – Erstaunt wandte sich Martin um. Nadjas Helfer war herangekommen und blickte in die Selbe Richtung wie Kiro. Auch er wunderte sich. „Wie kannst du das von hier aus erkennen?“ „Ich bin nur zur Hälfte menschlich. Meine Mutter war eine Scenari. Diese Spezies ist bekannt für ihre enorme Sehschärfe.“ „Dann lasst uns keine Zeit verlieren!“ sagte Mugh und stürmte voraus. Martin und Kiro wechselten erstaunte Blicke über den neuen Wandereifer bei Mugh, kamen dann aber hinterher.

In den folgenden fünf Stunden bis zum Einbruch der Dunkelheit kamen sie dem Haus ein ganzes Stück näher und konnte seine beachtliche Größe bald erkennen. In der Nacht schlief kaum jemand und am nächsten Morgen brachen sie früh auf. Bis zum Mittag kamen sie gut voran, aber dann wurde das Gelände mit einem Mal sehr abschüssig und schließlich standen sie vor einer etwa 400 Meter breiten und sehr tiefen Felsspalte. Sie erstreckte sich bis zum Horizont parallel zu den Bergen. Die Felswände waren zerklüftet und scharfkantig. Am Boden der Spalte konnten sie einen Fluss erkennen, der sich träge durch die Schlucht wand. Überall in den Felswänden waren die schwarzen Öffnungen von Höhlen zu erkennen. “Da werden wir wohl herunter müssen!“ Martin blickte in die Runde und musste zu seiner Belustigung feststellen, das Mugh ganz bleich im Gesicht wurde. Er hielt sein Grinsen aber zurück, da er sehr wohl den Ernst der Lage begriff. Keiner erhob Einspruch und so begannen sie mit dem Abstieg. Zu Anfang zögerte Nadja noch, aber dann überwand sie sich doch. Ihr Kopf hörte nicht auf zu schmerzen und ihr wurde schon übel, wenn sie nach unten schaute.


Zwischenspiel


Der Jüngere war wütend. Der Alte hatte offenbar seinen Plan durchschaut. Er war sich dessen sicher. So war es bisher jedes Mal gewesen und immer war es ihm früher gelungen. Aber diesmal nicht! Er würde ihm zeigen, dass er nicht der dumme Junge war, der ihm auf den Leim ging. Seine Schwächen waren im bewusst, jedoch konnte er sie bisher nie überwinden. Er war zu Impulsiv. Seine Gefühle hatten eine zu große Macht über ihn. Seine Wut und sein Hass steuerten ihn. Er mahnte sich zur Ruhe und führte dann den Zug aus. Schwarzer Bauer von D-Sieben nach D-Fünf. Er hatte einen neuen Plan.


Kalte Angst


11


Der Abstieg nahm den Rest des Tages in Anspruch. Als sie endlich am Boden der Spalte ankamen, wartete eine angenehme Überraschung auf sie. Das Wasser des Flusses war kristallklar und trinkbar. In einigen Bodenmulden fanden sie in ein grünes, flechtenähnliches Gewächs, das zwar, laut Martin, nicht essbar war, aber eine herrlich weiche Unterlage zum Schlafen bot. Am Abend mussten sie auf ein Feuer verzichten. Es war kein Holz zu finden. Dafür unterhielten sie sich noch lange im Dunkeln. Später in der Nacht setzte starker Wind ein, der in den Felsen einen unheimlichen Ton erzeugte. Nadja tat in dieser Nacht kein Auge zu.

Der Aufstieg am nächsten Tag war mühsam und gefährlich. Wartins kletterte voran. Auf halber Höhe stürzte Martin fast ab, als ein Felsvorsprung unter ihm abbrach. In letzter Sekunde konnte Kiro ihn noch am Arm packen. Um die Mittagszeit errichten sie den Rand der Spalte. Nach einer längeren Pause setzten sie ihren Weg zu dem seltsamen Gemäuer fort. Man konnte es jetzt deutlich erkennen. Gegen Abend kamen sie an. Es war ein dreistöckiges Haus. Aus roten Ziegeln gebaut. Vom Grundriss her war es rechteckig und an der Vorderseite etwa 50 Meter lang. Über dem Portal aus Holz, zu dem fünf Stufen hinaufführten, prangte in großen Lettern das Wort „Hotel“. Wobei das „o“ komplett fehlte. Kiro fand es später neben den Stufen. Das gesamte Haus befand sich in einem sehr schlechten Zustand. Fast alle Fenster waren zerbrochen. Die restlichen Scheiben waren grau und blind. Einzig das Dach machte einen passablen Eindruck. „Bin ich der Einzige, den es wundert, wie dieses Haus hierher kommt?“ Mugh stemmte die Hände in die Hüften und runzelte die Stirn. „Halten sie den Mund, Mugh!“, Kiro war zornig. Mugh ging ihm auf die Nerven. Jeder war angespannt und erschöpft. „Gehen wir rein, oder bleiben wir draußen?“ Wartins sah Kiro und Martin herausfordernd an. „Kommen sie, wir sehen uns erst mal um.“ Zusammen gingen sie die Stufen hoch. Fletcher kam hinterher. Die Anderen richteten das Nachtlager. An der massiven Holztür war ein Schild aus Metall befestigt. Wartins wischte den Dreck ab. Man konnte die Schrift gerade noch lesen:


-GANZTAGS GEÖFFNET-


„Hat eine gewisse Komik!“ Kiro grinste und betätigte die Klinke. Zuerst rührte sich nichts. Dann zogen Kiro und Martin mit vereinten Kräften. Die Tür gab ein lautes Knirschen von sich und schwang überraschend auf, sodass Kiro das Gleichgewicht verlor und zu Boden ging. Gemeinsam betraten sie das Haus. Sie standen in einer großen Empfangshalle. Die Wände hingen voller Bilder, die ausnahmslos Landschaften darstellten. Auf dem Boden lag ein dicker Teppich, der wohl einmal schön gewesen sein musste, jetzt aber Löcher hatte und, wie fast alles hier, mit einer dicken Staubschicht bedeckt war. In der Mitte des Raumes führte eine breite Doppeltreppe hinauf zu einer Galerie. Unmittelbar an der Wand neben dem Eingang befand sich eine große Tafel auf der in kunstvollen Buchstaben stand:

Sei willkommen Wanderer,

wo auch immer du herkommen magst.

Dieses Haus steht dir offen,

und allen deiner Gefährten.

Dein Wohlergehen liegt uns am Herzen,

Dein Dank ist uns Lohn genug.


Langsam wurde es Kiro unheimlich. Ein Hotel im Nirgendwo und auch noch in einem solchen Zustand. Irgendetwas konnte hier nicht stimmen. Gegenüber der Treppe befand sich der Empfang. Auf dem Tresen stand eine Glocke. An der Wand dahinter hingen fein säuberlich die Schlüssel der Zimmer. Offensichtlich gab es davon Zweiundsechzig. An einer anderen Wand entdeckte Kiro noch etwas. Dort war eine Landkarte aufgehängt. Als sie näher betrachtete, stellte er fest, dass es wohl eher eine Weltkarte war. Die Überschrift lautete „Eschnak“.

Das Hotel war als kleiner Punkt auf dem südlichen Kontinent nahe dem Äquator markiert. Insgesamt waren vier kleine Kontinente eingezeichnet, die sich über den gesamten Planeten verteilten. Der Rest des Planeten war laut dieser Karte von Wasser bedeckt. Außer dem Hotel waren noch drei weitere Orte markiert. Vier Punkte, jeweils einer auf jedem Kontinent, waren mit den kryptischen Bezeichnungen „Nalataja, Ebetaminor, Solejier, Warkandoblan“ versehen. Auf einer fünften, verschwindend kleinen Insel weitab im Ozean war noch ein weiterer Ort beschriftet, aber an dieser Stelle hatte die Karte Schaden genommen und die Buchstaben konnte man nicht mehr zu entziffern. Kiro und Martin waren ganz in die Karte vertieft, sodass sie gar nicht bemerkt hatten, dass sich Wartins von ihnen getrennt hatte und die Treppe heraufgestiegen war. Oben war er in eins der Zimmer gegangen. Von dort rief er: „He, kommt mal alle her!“ Oben angekommen bot sich ihnen ein erstaunlicher Anblick. Die Betten waren noch intakt und auch die Matratzen. Die Bezüge hatten zwar größtenteils große Löcher, aber man konnte in diesen Betten auf jeden Fall bequem schlafen. Fletcher ging hinaus um die Anderen zu holen, denn inzwischen hatte die Dämmerung eingesetzt. Nadja freute sich, denn jetzt gab es die Möglichkeit endlich einmal wieder durchzuschlafen. Es wurde beschlossen den nächsten Tag noch hier zu bleiben und ein wenig das Gebäude zu erkunden. Müde und erschöpft schliefen alle ein.


Nadja wachte am nächsten Morgen erst spät auf. Das Zimmer, welches sie sich mit dem Stillen geteilte hatte, war leer. Vom geöffneten Fenster her wehte ein angenehmer Wind durch den Raum. Die Schmerzen in ihrem Kopf hatten merklich nachgelassen. Langsam stand sie auf. Sie trank etwas Wasser und verließ dann das Zimmer. Nadja ging die Treppe herunter zum Empfang. Durch eine kleine Tür betrat sie die Verwaltungsräume. Dort herrschte Ordnung. In dem Büro befand sich alles an seinem Platz, auch wenn sie manche Gegenstände nicht eindeutig zuordnen konnte. Und genau das war das Sonderbare. Wieso war alles an seinem Platz, alles sah so unbenutzt aus. Nadja schlug das Gästebuch auf. Es war bis etwa zur Hälfte gefüllt mit Namen und Daten. Der letzte Eintrag lautete:


Mr. und Mrs. Baker-Johnson 13.06.1918 bis 16.06.1918 (Barzahlung)


Nadja konnte mit den Datumsangaben nichts anfangen. Die Daten, wie sie sie kannte wurden anders geschrieben. Sie maß dem nicht viel Bedeutung zu, beschloss aber den Anderen davon zu erzählen. Beim Durchstöbern der Räume stieß sie auch auf die Küche. Alles schien auch hier unberührt, aber als sie hinter einen Tisch trat, konnte sie einen Entsetzensschrei nicht unterdrücken. Auf dem Boden lag, unnatürlich verkrümmt, ein menschliches Skelett. Die leeren Augenhöhlen glotzten sie durchdringend an. Nadja beherrschte sich und trat näher. In diesem Moment ging die Tür.

„Nadja, ich hab’ dich schon gesucht ... Oh, meine Güte!“ – Es war Fletcher. „Wo kommt der denn auf einmal her. Sind nicht mehr ganz so frisch aus.“ „Beherrsch dich mal ein bisschen! Schon mal was von Achtung vor Toten gehört?“ „Schon gut, ich bin ja ruhig!“ Fletcher streckte die Hand aus und berührte das Skelett an einem der knochigen Arme. In diesem Moment zerfiel es mit einem leichten Rascheln vollkommen zu Staub. Als wäre es nie da gewesen. „Das lag wohl schon sehr lange hier“, bemerkte Fletcher und stand auf. „Kommst du mit? Wir wollen jetzt mal alle in den Keller gehen und sehen was es da so gibt.“ Nadja war einverstanden und zusammen gingen sie zu den Anderen in die Empfangshalle.

Gemeinsam öffneten sie die schweren Kellerluken. Unten roch es muffig und feucht. Durch die schmalen Fensterschlitze an der Decke drang ein fahles Licht in den Raum. Nadja fröstelte, hier war es unangenehm kalt. Vor ihnen lag ein dunkler Gang. Links und rechts befanden sich in unregelmäßigen Abständen Metalltüren. Jede war mit einer Nummer versehen: Die Erste „299“, die Zweite „298“, die Dritte „297“ und immer weiter. Am Ende des Ganges zweigte links und rechts ein Gang ab. Sie beschlossen sich zu trennen. Nadja ging mit dem Stillen, Martin und Fletcher rechts, die anderen mit Kiro nach links. Nach etwa Fünfzig Metern zweigte vom rechten Gang ein weiterer links ab. „Was jetzt?“ fragte Nadja. Martin überlegte. „Man sagt doch, dass man sich nicht verirren kann, wenn man sich immer links hält, also lasst uns hier abbiegen.“ Nadja und Fletcher folgten ihm


Sie kamen noch an zwei weiteren Wegkreuzungen vorbei, an denen sie immer links hielten. Die Raumnummern waren weiter abgefallen, inzwischen bis „234“. Hin und wieder fehlte eine Nummer, aber nie fanden sie eine offene Tür. Keine hatte ein Schlüsselloch oder eine Klinke. Als sie um die nächste Ecke bogen, fiel Nadja auf, dass auf beiden Seiten vom Boden bis zur Decke des Ganges eine schmale Metallschiene entlanglief. Sie schenkte dem aber keine weitere Beachtung. Fletcher war einige Meter zurückgefallen. Sie war zwei Schritte weitergegangen, als sie ein leises Klicken und direkt darauf ein lautes Poltern hörte. Erschrocken drehte sie sich um. Von der Decke war ein Fallgitter heruntergekommen und blockierte nun den Gang. Fletcher befand sich auf der einen Seite, Nadja, Martin und der Stille auf der Anderen.


Zwischenspiel


Weiß am Zug.

Der Jüngere hatte sich Zeit gelassen. So kannte ihn der Ältere. Er wollte ihn besiegen, das wusste er. Ebenso war ihm klar, dass dieses Unterfangen sinnlos war. Der Jüngere würde ihm immer unterlegen sein. Sie hatten Seite an Seite gekämpft, und einander beigestanden wenn einer von ihnen Hilfe gebraucht hatte, aber im Schach kannte er keine Gnade. Seit nunmehr Fünfzig Jahren versuchte der Jüngere es immer wieder. Aber jedes Mal unterlag er. Dies sollte das letzte Spiel sein. Dann würde er den Jüngeren nie mehr wieder sehen. So war der Lauf der Dinge. Er konnte daran nichts ändern, selbst wenn er gewollt hätte. Er zog. Springer von B-Eins nach C-Drei.





12


Kiro hörte den Schrei als Erster. Danach Rufe. Erst waren sie leise, aber dann wurden sie immer lauter. „Das ist Martin!“ Kiro war aufgeregt. „Woher kommt das Geräusch?“ Wartins horchte. „Das ist hier ein Labyrinth. Kommt mit, ich glaube das Geräusch kommt von hier.“ „Halt!“ Kiro hob die Hand. „Wir müssen aufpassen, dass wir und nicht verirren. Woher sind wir gekommen?“ „Von dort, denke ich.“ „Nein ich bin mir sicher, von da!“ Mugh hatte wieder seinen aufsässigen Gesichtsausdruck. Kiro verzog das Gesicht. „Kommt jetzt. Die Rufe werden immer lauter.“ Sie rannten den Gang hinunter. „178“ ... „174“ ... „167“. Immer in Richtung der Rufe. Als sie um die nächste Ecke bogen, hielt Kiro die Anderen an.

Die Türen in diesem Gang hatten kleine Sichtgitter. Kiro trat an eines heran und sah hindurch. Der Anblick war schauderhaft. In einem kleinen, steinernen Raum hingen an den Wänden in Ketten und Fesseln mehrere Skelette. Kiro wandte seinen Blick ab. Die Skelette wiesen grobe Verletzungen an den Knochen auf. Wahrscheinlich waren sie gefoltert worden. Mugh hielt nach einem Blick in den Raum für die restliche Zeit den Mund. Und das war auch gut so. Sie beeilten sich weiterzukommen. Immer wieder mussten sie die Richtung wechseln. Jetzt hatten fast alle Räume, an denen sie vorbeikamen ein Sichtgitter. Überall bot sich ein ähnliches Bild. Schließlich waren sie nahe bei den Anderen. Kiro begann zu rufen. Er erhielt nicht sofort eine Antwort, aber dann rief Martin zurück. „Kommt her, beeilt euch!“ Nach der nächsten Biegung sah Kiro Martin. Er, der Stille und Nadja waren auf der einen Seite von einem Metallgitter, das den Gang versperrte. „Wo ist Fletcher?“ „Dort durch die Tür. Sie stand offen, er ging hinein und hat geschrieen. Dann fiel die Tür zu.“ Nadja war den Tränen nah. „9“ stand auf der Tür. Kiro drückte dagegen. Dann halfen ihm Wartins und Mugh. Die Tür bewegte sich nicht. Kiro warf sich dagegen und schlug auf die Tür ein, aber sie blieb geschlossen.

Hilflos standen sie da. Dann begann Martin von dem Gitter zu erzählte und Kiro berichtete von den Toten in den Räumen. „Ich denke wir haben genug gesehen!“ Kiro und Wartins stimmten ihm zu. „Lasst uns versuchen, ob wir das Gitter gemeinsam hochbekommen.“ Mit vereinter Kraft konnten sie es dann tatsächlich hoch drücken. „Wir können ihn doch nicht einfach so zurücklassen!“ „Was denkst du denn, was wir tun können, Nadja? Hast du einen Schlüssel? Wir sollten uns lieber selber retten, solange es noch geht.“


Martin ging voraus und Nadja kam hinterher, aber es ging ihr nicht gut damit Fletcher zurückzulassen. Nach einer Weile fragte Kiro: „Bist du sicher, wo wir langgehen müssen?“ Martin antwortete nicht. Er sah besorgt auf die Fenster. Es wurde ständig dunkler. Seit sie losgelaufen waren, war das Licht des Tages immer mehr zurückgegangen. Sie konnten unmöglich die Tageszeit bestimmen, denn das letzte Chronometer hatte schon vor einer Weile den Geist aufgegeben. Vor allem wurde es immer schneller dunkel. Sie beeilten sich, aber viel Zeit blieb ihnen nicht mehr. Martin trieb sie zur Eile an, aber sie konnten es nicht länger leugnen. Sie hatten sich verirrt. Einige Zeit später war es dann völlig finster. Sie setzten sich auf den Boden. Kiro ärgerte sich, er hätte sich sicher nicht verirrt. Er hielt nichts von Martin als Führer. Sie hatten eine Weile so dagesessen, und gerade wollte Kiro etwas sagen, aber im selben Moment spürte er einen heftigen Schlag auf den Kopf und verlor das Bewusstsein. Er träumte wieder.


Erneut befand er sich auf der weiten Ebene. Sie glich der, die sie überquert hatten, aber doch war etwas anders. Der Boden war übersäht mit Knochen soweit das Auge reichte. Aus dem Boden quoll Blut. Voller Ekel wollte er sich abwenden. „Was tust du hier?“ Die Stimme war tief. Er fuhr herum und erblickte den alten Fargo aus dem „Klangstein“. Seine Augen waren schwarz und auf seiner Stirn war ein Zeichen. Ein Kreis und in der Mitte ein Dreieck. Aber so sehr sich Kiro auch versuchte zu erinnern, er konnte es nicht zuordnen. „Ich weiß nicht, wie komme ich hierher?“ „Dein Geist ist mächtig, Kiro. Nur wenige erreichen diese Bewusstseinsebene. Teile dein Wissen. Nalataja ist der Schlüssel...!“ Fargos Gestalt begann zu schwinden.

„Wer ist Nalataja? ...Warte. Du musst mir helfen!“ Aus der Ferne und schon ganz leise drang Fargos Stimme. „Sie wird dich führen! Aber seit auf der Hut. Eschnak ruht nicht. Er wird euch finden!“ Und er war verschwunden. Plötzlich verspürte Kiro schreckliche Schmerzen am ganzen Körper. Er wurde durchschüttelt von Krämpfen, sah unwirkliche Dinge. Dunkle Nebelschwaden trübten seinen Blick. Er versuchte die Augen zu schließen, aber er konnte es nicht. Vor Schmerz schrie er. Der Schrei hallte tausendfach wieder und tat in seinen Ohren weh. Er war in einer der Zellen. Er war auf Pinor- Prime. Dann war es still. Dunkelheit senkte sich über ihn. Stimmen wurden lauter. Er presste seine Hände auf die Ohren, aber sie wurden nicht leiser. Sein Kopf wollte bersten. Kiro schien ins Bodenlose zu fallen. Er hatte Angst. Kalte Angst.


Zwischenspiel


Viel wusste der Jüngere nicht von seinem Gegenüber. Zwar hatten sie einige Zeit zusammen verbracht, aber nie hatte der Andere ihm irgendetwas von sich selbst erzählt. Er hatte ihn auch nicht gefragt. Dafür war die Achtung vor dem Älteren viel zu groß. Schach schien die einzige Möglichkeit für beide zu sein, durch die sie einander besser kennen lernen konnten. Nach der Eröffnung herrschte Ruhe. Ruhe vor dem Sturm. Das war offensichtlich. Er würde abwarten. Inzwischen war viel Zeit verstrichen. Er zog. Schwarzer Läufer von C-Acht nach G-Vier.


Der Schatten


Den Absturz hatte er überlebt. Sein Arm war verletzt, aber das würde heilen. Wichtiger war jetzt der Auftrag. Der erste Versuch war fehlgeschlagen. Sie hatten den Absturz ebenfalls überstanden und waren aufgebrochen. Da er mit dem Frachtmodul heruntergekommen war, hatte er einen gewissen Vorsprung. Nicht viel, aber etwas. Genug um unentdeckt zu bleiben. Als sie um den Berg herumgewandert waren, hatte er in verschiedenen Höhlen Schutz gesucht. Danach war er ihnen immer in großem Abstand gefolgt. Meist bei Nacht hatte er sich ihrem Lager genähert und sie beobachtet. Seine Kräfte kehrten schon bald zurück. Er benötigte keine Nahrung. Er hatte nur ein Ziel. Und das würde er auch erreichen - Früher oder später. Wenn nötig, würde er auch dafür sterben. Er kannte diesen Ort nicht, aber das sollte kein Hindernis sein. Des Nachts suchten ihn Dämonen heim und raubten ihm den Schlaf. Er hatte keine Ruhe. Rastlos blickte er mit seinen grauen Augen in die Ferne. Bald ... bald!


13


Kiro erwachte. Er rechnete mit Kopfschmerzen und war schon fast misstrauisch, als sich keine einstellten. Der Traum war fürchterlich gewesen. Aber er konnte sich nur noch an wenig erinnern. Eigentlich war er schon wie weggeblasen. Er öffnete die Augen. Neben ihm auf dem Boden lagen Nadja, Martin, Wartins, Mugh und der Stille. Sie befanden sich in der Empfangshalle des Hotels. Die Tür nach draußen stand offen. Ein leichter Wind wehte herein. So als wäre nichts geschehen. Ungläubig sah er sich um. Der Raum schien um Jahre gealtert. Die Treppe war eingestürzt, die Wände braun und kahl. Kein Teppich.

Kiro sah nach den Anderen. Sie erlangten nacheinander alle wieder das Bewusstsein. Still verließen sie das Haus. Die Tür fiel hinter ihnen zu. Ohne sich umzusehen entfernten sie sich vom Hotel, ließen es hinter sich. Ihnen war nicht viel geblieben. Zwei Aqua- Packs, drei Decken und ein paar Notrationen. Aber daran dachte jetzt niemand. Jeder hing seinen Gedanken nach. Martin hatte wieder die Führung übernommen. Viel wurde nicht gesprochen. Alle waren noch betroffen von den Geschehnissen im Hotel-Labyrinth. Sie waren den Bergen inzwischen so nahe gekommen, um zu erkennen das es sich nicht, wie sie vermutet hatten, um eine geschlossene Bergkette handelte, sondern um viele einzelne Berge. Teilweise waren sogar recht große Abstände zwischen ihnen. Die Bergkuppen reichten teilweise bis in die geschlossene graue Wolkendecke. Der Wind hatte nachgelassen und eine unheimliche Stille senkte sich nun über die Ebene. Nur ihrer Füße auf der staubigen Erde waren zu hören. Und auf einmal war da dieses Geräusch. Erst war es leise und schwoll dann immer weiter an. Ein dumpfes monotones Dröhnen. Es erfüllte die Luft und brachte sie zum Vibrieren. Ein leichter Wind setzte ein, der in Richtung der Berge wehte. Das Geräusch hielte eine Weile an. Dann wurde es leiser und verebbte schließlich. Während dessen waren alle stehen geblieben und hatten dem Geräusch andächtig gelauscht. Es hatte etwas Faszinierendes an sich. „Was kann das gewesen sein?“ Wartins blickte zu den Bergen. „Für einen Wind war es zu laut. Vielleicht stammt es von irgendeiner technischen Einrichtung, oder dort sind Menschen. Wir sollten weitergehen.“ Sie stimmten Martin zu und sie setzten sich wieder in Bewegung. In den nächsten acht Tagen kamen sie den Bergen immer näher. Das Geräusch begleitete sie dabei stets. Jeden Abend und jeden Morgen war es zu hören. Je näher sie den Bergen kamen, desto lauter wurde es. Endlich erreichten sie den Fuß der Berge. Vor ihnen öffnete sich eine große Lücke in der Bergkette. Das Gelände fiel sanft ab und dann lag es vor ihnen. Das Meer. Grau schimmernd erstreckte es sich bis zum Horizont. Am Strand befanden sich viele kleine, windschiefe Hütten. Endlich Menschen. Nadja bekam neue Hoffnung auf Rettung von diesem Planeten. Ihre Wasser und Nahrungsvorräte waren aufgebraucht. In den letzten Tagen waren auch Nadjas Kopfschmerzen zurückgekehrt. Langsam und vorsichtig näherten sie sich dem Dorf. Hier herrschte reges Treiben. Dunkle, verhüllte Gestalten liefen geschäftig umher. Aber dabei verursachten sie keine Geräusche. Es war nur das Rauschen des Meeres zu hören. Die Gestalten waren verhältnismäßig klein und daher mutete das Ganze recht sonderbar an. Bei keiner der Gestalten war ein Gesicht zu erkennen. Es schien, als ob sie nicht wirklich da wären. Sie kamen noch näher, blieben aber an einer Hüttenwand in Deckung und beobachteten nur.

Endlich übermannten sie Hunger und Durst, und sie traten aus ihrer Deckung hervor auf einen kleinen Platz mit einem Brunnen. Sofort hörten die Wesen mit ihrem Tun auf und kamen langsam auf sie zu. Immer noch verursachten sie keinerlei Geräusch. Die Kreaturen bildeten einen engen Kreis um die sechs ausgehungerten Gestalten. Es kamen noch einige von den Wesen aus den Hütten dazu. Einige Zeit verblieben sie in dieser Position. Nadja hatte keine Angst. Ein Gefühl der Sicherheit stieg in ihr auf. In diesem Moment schlug eines der Wesen die Kapuze seines Umhangs mit einer schnellen Handbewegung zurück. Zum Vorschein kam ein menschliches Gesicht. Es war ein altes Gesicht, durchzogen von vielen Falten. Die Augen des Wesens leuchteten grau.

„Seit willkommen Fremde, wir haben euch erwartet!“ Seine Stimme war unerwartet klar und gut verständlich. „Kommt mit! Ruht euch aus und kommt zu Kräften.“ Martin wollte etwas sagen, aber Nadja hielt ihn zurück. Der Kreis öffnete sich und das Wesen leitete sie zu einer abseits gelegenen, kleinen Hütte. Die anderen Wesen blieben zurück. Kiro und Martin hätten Einwände erhoben, als sie die Hütte betraten, aber sie waren viel zu erschöpf dazu. In der Hütte waren sechs Lager vorbereitete. In der Ecke standen zwei gefüllte Wasserkrüge und Brot. Nachdem das Wesen die Hütte verlassen hatte, sanken sie müde auf die Lager und schliefen bald ein.

Wie lange sie wirklich geschlafen hatte konnte später keiner mehr sagen, aber als Nadja aufwachte war es Abend. Sie sah sich um. Die Anderen schliefen noch und sie wollte keinen von ihnen wecken. Sie aß und trank ein wenig. Jeder von ihnen hatte frische Kleidung neben sein Lager gelegt bekommen. Ihre eigene Kleidung hatte unter dem Absturz und den langen Wanderungen stark gelitten. Nadja legte ihre alte Kleidung ab und zog die neue an. Sie bestand aus einer dicken, dunklen Robe mit Kapuze und Gürtel, wie sie die selbst Wesen trugen. Diese passte Nadja wie angegossen. Vor allem aber bot sie guten Schutz vor der Kälte der Nacht und den schneidenden Winden, die in den Letzten Tagen stärker geworden waren.

Nadja trat vor die Hütte. Die Wesen saßen um einige Feuer und jetzt konnte sie es hören. Ganz leise wurde gesprochen. Kaum vernehmbar, aber doch keine Einbildung. Nadja ging zu einem der Feuer um sich zu wärmen. Durch das Meer war die Temperatur noch weiter gefallen. Eines der Wesen nahm einen Gegenstand zur Hand, der wie eine deformierte Kugel aussah und setzte ihn an den Mund. Im selben Augenblick entwichen dem Gegenstand Töne. Erst schienen sie sinnlos aneinandergereiht, aber dann fügten sie sich zu einer wunderschönen Melodie. Diese Melodie war wohl das Schönste, was Nadja je gehört hatte. Sie wirkte beruhigend und einschläfernd. In diesem Moment passierte es. Erst war es leise, dann wurde es immer lauter. Das Geräusch, das sie schon die ganzen Tage vorher gehört hatten war wieder da. Panisch sprangen die Wesen von den Feuern auf und verschwanden in ihre Hütten. In wenigen Sekunden war der ganze Platz leer. Nadja, aus ihren Gedanken gerissen, sah auf das offene Meer hinaus, von wo das Geräusch offenbar kam. Bis zum Horizont erstreckte sich die Wasserfläche, nichts war zu sehen. Doch was war das, dort am Horizont, ganz schwach, war ein Blinken zu sehen. In regelmäßigen Abständen leuchtete es auf und verlosch dann wieder. Immer noch erfüllte das laute, dumpfe Geräusch die Luft. Dann, nach wenigen Minuten verebbte es langsam. Das Leuchten hingegen blieb. Nadja drehte sich wieder herum. Langsam kamen die Wesen wieder aus ihren Hütten hervor. Ängstlich schauten sie umher. Dann begaben sie sich wieder an die Feuer. Eines von ihnen kam auf Nadja zu.

„Er ist jetzt bereit, dich zu empfangen!“ „Wer ist bereit?“ Nadja war erstaunt. „Komm!“ Das Wesen nahm Nadja an seine kleine, verschrumpelte Hand und führte sie zu der größten Hütte. Sie traten ein. „Warte hier!“ Nadja ließ sich gehorsam auf eine bereitgelegte Matte nieder. In der Mitte des dunklen Raumes brannte in einem verformten Feuerkorb ein wenig Glut. Angenehme Düfte durchzogen den Raum. Die Wände waren kahl. Nadjas Augen brannten leicht. Ein wenig unangenehm wurde es mit der Zeit doch. Eine Gestalt kam auf sie zu. Sie näherte sich aus einer dunklen Ecke des Raumes. Langsam trat sie in den Lichtkreis und ließ sich nieder. Es war keine der kleinen Kreaturen. Es war ein sehr alter Mann. „Lange habe ich auf dich gewartet, Nadja.“ Er atmete leise Röchelnd ein. „Ich bin nicht mehr jung und werde bald sterben. Daher will ich dir das Wissen weitergeben, was für dich bestimmt ist.“ Der Alte räusperte sich und begann zu erzählen.


Vor vielen Jahrtausenden war Paladius-Eschnak ein blühender Planet. Die Kultur der Waragon befand sich in einem hoch entwickelten Zustand. Sie erforschten den Weltraum, und erschufen immer größere technische Wunder. Aber dann im dritten Jahrtausend als sich die Bevölkerung dem Zustand der Vollkommenheit näherte, kam ein Schatten über Eschnak. Die Unterdrückten und Verstoßenen, die nicht in die Gesellschaft gepasst hatten, begannen einen Krieg. Zuerst schienen sie wenig Erfolg zu haben, aber dann setzten sie sich durch. In rasender Wut und ohne zurückzuschauen, vernichteten sie sich gegenseitig. Gegen Ende des Krieges wurden Massenvernichtungswaffen eingesetzt. Weite Teile Eschnaks wurden verseucht und auf lange Zeit hin unbewohnbar gemacht. Nur wenige überlebten den Krieg. Sie waren mehr tot als lebendig. So beschlossen sie, die Mächte der vier Winde, die ihre Gottheiten waren, für immer zu bannen und eine Botschaft in den Weltraum zu senden um andere Kulturen vor einem ähnlichen Schicksal zu bewahren. Eine Kapsel mit der Geschichte von Eschnak und einem weiblichen DNA-Code wurde abgeschossen. Nachdem die vier Mächte gebannt waren, zogen sich die Überlebenden zurück. Sie führten ein Leben in Genügsamkeit und Abgeschiedenheit. Das ist nun mehrere Jahrtausende her. Und nun, nach so langer Zeit, hat sich Eschnak noch immer nicht erneuert. Einige wenige haben den Planeten besucht. Niemand ist geblieben. Wir sind die letzten Nachkommen der Waragon. Von unserem ursprünglichen Aussehen ist uns in dieser Zeit nicht mehr viel geblieben. Eschnak ist tot und wahrscheinlich wird niemals wieder das Leben zurückkehren. Seit einiger Zeit ist aber etwas im Gange. Die Siegel der Mächte der vier Winde brechen auf. Raum und Zeit bekommen Risse. Es geschehen Dinge, die nicht geschehen dürften. Eine alte Prophezeiung sagt, dass die Wirklichkeit durch die Mächte der vier Winde zusammengehalten wird, und wenn diese nicht kontrolliert werden, hören wir auf zu existieren. Nicht nur wir, sondern das ganze Universum. Es gibt eine Möglichkeit dieses zu verhindern, aber ich kann dir dabei nicht helfen, denn ich weiß zu wenig darüber. Wenn du die Richtige bist, wovon ich überzeugt bin, wirst du den wahren Weg finden. Dabei wirst du nicht allein sein. Deine Gefährten werden dir zur Seite stehen. In den Welten von Eschnak gibt gefangene Seelen und unwirkliche Wesen. Sie sind erfüllt von dem Bösen der alten Tage. Auch wandelt ein Schatten hier. Nehme dich vor ihm in Acht.


Der Alte war verstummte. Das alles kam Nadja nicht fremd vor. Sie hatte diese Geschichte schon einmal gehört, nur wusste sie nicht wo. Dem Alten ging es sichtlich schlecht. Seine Augen waren blutunterlaufen und er zitterte. Nadja, die die ganze Zeit über gebannt zugehört hatte, wollte viele Fragen über das Warum und Weshalb stellen, sah aber ein, dass jetzt nicht der richtige Zeitpunkt war. Darum stellte sie nur eine kurze Frage. „Was ist das für ein Geräusch, das jeden Abend und Morgen so laut zu hören ist, und warum habt ihr solche Angst davor?“ „Das ist der Gott des grauen Meeres. Er bewacht das Meer und erinnert uns an die Taten unserer Vorfahren. Er ruft schon seit Ewigkeiten über das Meer. Sein Auge blitzt am Horizont, damit niemand sich auf das Meer wagt. Es ist ein heiliges Meer. Die Letzten die es gewagt haben hinauszufahren, sind nie wieder zurückgekehrt. Ich bin jetzt müde. Gehe zu deinen Gefährten zurück und lass mich allein.“


Nadja verließ die Hütte. Sie kehrte zu den Anderen zurück. Die waren inzwischen aufgewacht und hatten die neue Kleidung angelegt. Nadja fand sie in einer aufgeregten Diskussion. „Na, da ist ja unsere Frühaufsteherin!“ Martin lachte verächtlich. „Wo bist du gewesen?“ Ihr stiller Begleiter hatte sich wohl wirklich Sorgen gemacht. Auf eine Weise fühlte sich Nadja mit ihm verbunden. Er drückte so vieles aus ohne ein Wort zu sagen. „Der Dorfälteste hat mich zu sich gerufen. Es war sonderbar. Er kannte meinen Namen und wusste von unserem Kommen.“ Dann begann sie den Anderen die Geschichte des Alten zu erzählen. Sie hörten gespannt zu. Als Nadja geendet hatte, war es Kiro, der das Wort ergriff. „Wieso sollen wir hier die Welt retten? Wir haben mit diesen Leuten nichts zu tun. Sie erwarten von uns Dinge, die uns nichts angehen und zu denen wir nicht einmal in der Lage wären. Offensichtlich wollen sie uns nicht helfen. Ich habe nicht vor, auf diesem Planeten zu sterben!“ Martin und Wartins stimmten Kiro zu. „Willst du etwa nicht von hier verschwinden?“ Kiro sah sie herausfordernd an. „Doch, natürlich. Aber du hast es ja gehört. Was hier geschieht, betrifft uns alle.“ Nadja wurde immer aufgeregter. „Ich glaube nicht, dass plötzlich das Universum untergeht. Wieso sollte das passieren und warum ausgerechnet hier und jetzt? Ich halte das für dummes Geschwätz!“ Kiros letzte Worte kamen nicht mehr ganz so überzeugend herüber. Man merkte ihm an das er Zweifel hatte. Sie diskutierten noch eine Weile über das Thema. Martin und Wartins wollten unbedingt dem Geheimnis des Geräusches und des Lichtes auf den Grund gehen. Darum wurde beschlossen, dass die Beiden mit einem Boot oder etwas ähnlichen am nächsten Tag auf das Meer herausfahren sollten. Nadja und die Anderen wollten ihre Rückkehr abwarten. Sollten sie nach vier Tagen immer noch nicht zurück sein, würde Kiro mit den Anderen nach einer anderen Möglichkeit der Rettung suchen.


Zwischenspiel


Der letzte Zug des Jüngeren war offensiv gewesen, aber nicht wirklich gefährlich. Damals, als der Krieg ausgebrochen war, hatte der Ältere das letzte Mal Angst gehabt. Von vorneherein war jedem klar gewesen, das es keinen Sieger geben würde. Doch was änderte das schon. Das war kein Grund die Waffen niederzulegen. Im Laufe der Jahre war er abgestumpft. So viel Leid wie er gesehen hatte, konnte ein Mensch kaum verkraften. Die Einzige Möglichkeit zu überleben war das Abschotten von der Wirklichkeit gewesen. Er hatte blind gekämpft. Bis eines Tages die Kapsel gelandet war. Er zog. Weißer Bauer von F-Zwei nach F-Drei.


14


Die Wesen hatte zuerst erschreckt reagiert, als sie von dem Plan hörten. Keiner von ihnen konnte es glauben, dass sich Martin und Wartins freiwillig in eine solche Gefahr begeben wollten. Sie merkten jedoch bald, dass sie die Beiden kaum davon abbringen konnte, so gaben sie ihnen dann ein kleines Segelboot. Auch versorgten sie Martin und Wartins mit Proviant für die Reise. Die Vorbereitungen dauerten bis zum Mittag, dann endlich legten beide vom Ufer ab. Das Meer war weitgehend ruhig. Nur hin und wieder kräuselte eine leichte Böe die Wellen. Die ungewöhnliche Färbung des Meeres rührte von dem längst vergangenen Kriege her. Damals war durch Giftstoffe das Wasser verseucht worden. In diesem Meer lebte nichts mehr.


Nachdem sie das Land verlassen hatten, passierte lange Zeit nichts. Der Wind trieb das Boot langsam vom Festland weg. Weiter draußen frischte der Wind auf und wurde stärker. Das Steuern beanspruchte nun mehr Kraft. Hin und wieder tauchten Wellen mit Schaumkronen auf. Das Land verschwand am späten Nachmittag ganz aus ihrem Blickfeld. Sie hielten sich in Richtung des Blinkens, das immer heller wurde. Der Kompass und Wartins Wissen über die Seefahrt halfen dabei. Auf dem offenen Meer hatten sie wenig Zeit, miteinander zu reden. Das Segeln erforderte höchste Konzentration. Gegen Abend hörten sie wieder das Geräusch. Jetzt war es ganz nah. Auch das Leuchten hatte an Stärke zugenommen. Die Nacht brach herein und ihre einzige Lichtquelle war die Laterne des Bootes. Der Wind blies stärker und sie kamen zügig voran. Sie fuhren die ganze Nacht hindurch. Am Morgen war das Geräusch wieder da. Wartins und Martin waren müde. Sie hatten sich in der Nacht gegenseitig wach gehalten mit Geschichten aus ihrer Vergangenheit. So hatten sie manches übereinander erfahren. Später war Martin eingenickt und Wartins hatte ihn schlafen lassen.

Fast hätte Wartins das Land am Horizont nicht bemerkt, aber dann sah er nochmals hin und war sich sicher. Er weckte den schlafenden Martin. Sie richteten das Segel neu aus und hielten auf das Land zu. Gegen Mittag waren sie dem Land schon so nah gekommen, dass sie einzelne Felsformationen erkennen konnten. Am Nachmittag schließlich erreichten sie eine steinige Bucht am Fuße von steilen Felsen, an denen sich die Wellen brachen. Gemeinsam zogen sie das Boot auf den Kies. Der Streifen Strand war hier nicht sehr breit. Der Felsen wich an einer Stelle etwas zurück. Dort war er gebrochen und ein schmaler, steiler Pfad führte nach oben. Martin und Wartins nahmen ihren Proviant und die Laterne aus dem Boot und kletterten den Pfad entlang. Oben angekommen, hatten sie einen weiten Ausblick über das Land und so erkannten sie, dass es sich um eine hügelige aber weitgehend flache Insel handelte. Auf dem Boden wuchs in vereinzelten Büscheln langes Gras. Auch ein paar windschiefe Bäume gab es. Auf der anderen Seite der Insel befanden sich ein Strand und Sanddünen. Was aber kaum zu übersehen war und den Beiden sofort ins Auge stach, war der Turm. Er stand etwa in der Mitte der Insel. Es handelte sich offenbar um einen Leuchtturm. Er war aus dunkelroten Ziegelsteinen gebaut. Der Durchmesser des runden Turms nahm mit zunehmender Höhe ab. In etwa achtzig Metern Höhe befand sich die Lichtkabine mit der Leuchte, die sogar jetzt noch blinkte. Martin war der Mechanismus völlig unbekannt. Er hatte lediglich in einem alten Archiv einmal etwas über diese Türme gelesen. Dort stand aber nichts Genaues über die Funktionsweise. Über der Lichtkabine jedoch wurde der Turmbau seltsam. Dort erstreckten sich in alle Richtungen und Winkel Metallene Rohre und Röhrchen. Sie hatten völlig verschiedene Größen und Längen. Die meisten sahen wie antike Orgelpfeifen aus. Sie bildeten eine bizarre Krone. Martin und Wartins näherten sich dem Turm. Das Mauerwerk schien sehr alt zu sein. Der graue Putz bröckelte überall und die Meeresluft hatte die Steine an vielen Stellen fast zerstört. Sie gingen um den Turm herum. An der Rückseite befanden sich eine Tür und daneben ein Schild, das in die Wand eingelassen war. Auf ihm stand folgendes:


Turm der Zeit“

Erbaut im Jahre 1761

Höhe: 87 Meter


Dieser Turm möge ewig stehen

und den Lauf der Zeiten überdauern.

Er soll seine Stimme erheben,

lange nachdem alles Leben verloschen ist.

Sein Auge soll wachsam sein,

selbst wenn Alles tot und ausgedörrt ist.“


Die Tür bestand aus dunklem Holz. Sie war kunstvoll mit Metall verstärkt, das schon stark rostig und an manchen Stellen völlig zerfressen war. Sie musste einst schön ausgesehen haben. Martin versuchte die Tür mit dem schweren Metallring zu öffnen, der statt einer Klinke da war. Sie gab jedoch nicht nach. Nach einigen vergeblichen Versuchen die Tür zu öffnen, griff Wartins zu heftigeren Maßnahmen. Er nahm Anlauf und rannte mit voller Wucht gegen die Tür. Die Tür bewegte sich nicht im Geringsten. Das Einzige, was Wartins erreichte, war eine schmerzende Schulter. Martin jedoch wollte nicht so schnell aufgeben. Er untersuchte noch einmal sorgfältig die Tür. Er fand heraus, dass sich der Metallring in seiner Verankerung drehen ließ. Martin drehte ihn mit aller Kraft. Der Ring bewegte sich langsam und viel Rost fiel zu Boden. Dann zog er an dem Ring und mit lautem Quietschen schwang die Tür auf. Ein modriger Gestank schlug ihnen entgegen. Im ersten Moment wandten sie sich angeekelt ab, nahmen sich aber dann zusammen und betraten mit der Laterne in der Hand den düsteren Turm.


Der Schatten


Er war nicht in die unmittelbare Nähe des Lagers vorgedrungen. In einer Entfernung am Hang eines Berges hatte er sich in einer Erdmulde versteckt und aus der Höhe das Treiben im Dorf beobachtet. Noch war es nicht Zeit für ihn sich zu zeigen. Er hatte gesehen, wie die Zwei in das Boot gestiegen und davon gesegelt waren. Seitdem waren einige Tage vergangen. Die Anderen wurden unruhig, er konnte es spüren. Ihre Angst gab ihm Kraft und neue Hoffnung. Er würde ihnen folgen.


15


Nadja, der Stille, Mugh und Kiro hatten die ersten zwei Tage hauptsächlich damit verbracht, sich zu erholen. Danach hielt Nadja sich oft bei dem Dorfältesten auf und führte mit ihm lange Gespräche. Kiro durchstreifte die nähere Umgebung und ging mit einigen der Wesen auf die Jagd. Der Stille verbrachte seine Zeit überwiegend mit Meditieren und Mugh half in der Dorfküche mit. Am Ende des vierten Tages wurden sie unruhig. Es wurde beschlossen, den beiden noch ein bis zwei Tage mehr Zeit zu lassen. Die folgenden Tage zogen sich endlos hin. Niemand hatte richtig Lust irgendetwas zu tun. Die meiste Zeit verbrachten sie mit Warten. Als dann am nächsten Morgen immer noch kein Boot in Sicht war, beschlossen sie, etwas zu unternehmen. Sie trafen sich am Feuer. Kiro ergriff das Wort.

„Ich bin dafür dass wir nicht mehr länger warten. Offensichtlich ist ihnen etwas zugestoßen. Jetzt müssen wir in erster Linie daran denken, wie wir von hier weg kommen...“ Nadja fiel ihm ins Wort: „Du willst sie zurücklassen, wie Fletcher im Hotel? Das ist nicht dein Ernst! „Jetzt fang nicht wieder davon an. Was hätten wir denn schon für ihn tun können? Mir ist ja auch nicht wohl bei dem Gedanken.“ Kiro verschränkte die Arme vor der Brust und starrte ins Feuer. „Ohne mich!“ Nadja stand auf. „Ich werde ihnen nachsegeln! Wer schließt sich mir an? Sie sah in die Runde. Der Stumme stand auf und kam zu ihr. Widerwillig kam auch Mugh. Kiro blieb allein sitzen. „Komm mit uns, Kiro. Ohne dich wird es viel schwerer!“ Zuerst sagte er nichts, aber dann stand er auf. „Ist euch klar, worauf ihr euch da einlasst? Wir haben kaum Ahnung vom Segeln und wir wissen nicht einmal, ob sie überhaupt angekommen sind. Vielleicht ist ihr Boot gesunken!“ „Das ist es mir wert! Es geht schließlich um Menschenleben!“ Nadja ging verärgert weg. Sie verschwand für ein paar Minuten in einer Hütte und kam dann mit einem der Wesen zurück. Sie bekamen ein Boot zugewiesen. Die Wesen hatte es aufgegeben, sie davon zu überzeugen, nicht den Anderen hinterherzufahren. Ihrer Meinung nach hatte ihr „Gott des Meeres“ Martin und Kiro zu sich gerufen. Eines der Wesen zeigte Kiro die Grundlagen des Segelns und nachdem alle Vorbereitungen getroffen waren, verabschiedeten sie sich und legten ab. Immer in Richtung des Blinkens, was gut zu erkennen war, da es am Tag durch den völlig grauen Himmel nie richtig hell wurde. Ihre Reise war weitaus schwieriger, als die von Martin und Wartins. Sie hatten mit stürmischerem Wetter zu kämpfen und einmal wäre ihr Boot beinahe gekentert. Aber letztendlich siegten sie über die Naturgewalten. Mugh vertrug offenbar das Schaukeln des Boots weniger, denn er musste sich schon am Ende des ersten Tages übergeben. Er war ganz grün im Gesicht und sagte kaum noch etwas. Durch den Wind kamen sie ein paar Mal leicht vom Kurs ab, sodass sie etwas länger brauchten als Martin und Wartins. Endlich jedoch erreichten sie die Insel. Sie fanden das Boot der Anderen in der Bucht und gingen auch dort an Land. Im Boot von Wartins und Martin lagen die Beiden friedlich schlafend. Kiro und Nadja weckten sie. Sie waren sichtlich überrascht Kiro und die Anderen schon so bald wieder zu sehen, waren sie doch nach eigenen Angaben erst seit einem Tag auf der Insel. Das stellte alle vor ein Rätsel. Die Zeit auf der Insel schien deutlich langsamer zu vergehen. Es bestand eine Differenz von mehreren Tage. Auch Wartins und Martin hatten etwas Seltsames erlebt. Jetzt erzählten sie davon.


Sie hatte den Turm betreten, nachdem sie die Tür geöffnet hatten. Es roch dort nicht sehr angenehm. Trotzdem die Tür offen stand, war der Raum so dunkel, das sie die Laterne brauchten um etwas zu sehen. Fast schien es so, als ob der Turm alles Licht verschluckte. In der Mitte des Runden Raumes wand sich eine schmale Wendeltreppe um eine metallene Röhre hinauf. Gemeinsam stiegen sie diese empor. Immer wieder waren kleine Fenster in die Turmwand eingelassen, die aber vom Schmutz der Zeiten schwarz und undurchsichtig waren. Die Laterne warf gespenstische Schatten auf die Wände. Martin und Wartins hatte kein gutes Gefühl bei dieser Sache. Immer höher stiegen sie hinauf. Endlich erreichten sie die Lichtkammer. Über ihren Köpfen kreiste ein riesiger Spiegel um eine starke Lichtquelle und erzeugte so das Blinken des Leuchtturmes, was man bis zum Land sehen konnte. Die Lichtquelle war keine gewöhnliche, wie sie Wartins und Martin kannten, sondern einfach eine unregelmäßige Ansammlung von Licht. Man konnte unmöglich sagen woher das Leuchten kam. Es war ganz einfach da. Lange waren sie von diesem Anblick gefesselt. Dann ließ Martin seinen Blick durch den Raum wandern. Viele Rohre verliefen von der Decke zum Boden und vereinigten sich zu einer großen Röhre, die in der Mitte des Raumes im Boden mündete. Wie ein gewaltiger Baum mit vielen kahlen Ästen. Überall an den verglasten Wänden waren verschiedene technische Geräte. Auf manchen von ihnen blinkten ein paar bunte Lichter, aber die meisten waren wohl außer Betrieb. Auf allem lag eine dicke Staubschicht. Von dem Gerät, was Martin am nächsten war, wischte er den Staub weg. Mehrere noch intakte Messapparaturen waren zu erkennen. Offensichtlich handelte es sich bei den Messwerten um Druck und Sauerstoffgehalt von Luft. Ebenfalls war noch eine Countdown-Anzeige zu sehen. Sie befand sich gerade bei 1 Stunde und 13 Minuten. Jetzt wurde Martin langsam klar worum es sich hier handelte, und was die Rohre auf dem Turm zu bedeuten hatten. Hier wurde in regelmäßigen Abständen Luft eingesaugt. Offensichtlich gab es irgendetwas unter dem Turm, was mit Sauerstoff versorgt werden musste. Daher auch das Laute Geräusch, was durch das Einsaugen der Luft entstand. „Hey Martin, komm mal her!“ Martin drehte sich um. Wartins stand an der anderen Seite des Raumes über einen hölzernen Tisch gebeugt. Martin kam zu ihm hin. „Hier, ein Kalender. Er zeigt das letzte, von Hand eingestellte Datum. 19.03.1882. Irgendetwas stimmt hier überhaupt nicht.“ Sie beschlossen in das Untergeschoss des Turmes herunter zu steigen. Hier oben war nichts, mit dem sie etwas anfangen konnten. Sie mussten sich beeilen, denn wenn in knapp einer Stunde wieder die Luft eingesaugt würde, wäre es ratsam, bei dem Lärm der dabei entstand, nicht in der Nähe zu sein. Vorsichtig stiegen sie die feuchten Stufen wieder nach unten. Immer weiter, am Eingang vorbei. Schließlich stießen sie auf eine Gittertür, die ihnen den Weg versperrte. Das verrostete Schloss brach aber nach wenigen festen Schlägen auf. Es wurde immer finsterer, je tiefer sie kamen. Dann endlich hörte die Treppe auf, und sie befanden sich in einem großen, runden Raum. Auch hier gab es ein paar technische Geräte, aber lange nicht so viele wie oben. Die große Röhre, um die sich offenbar die Treppe wand, verschwand auch hier im Boden. An der Wand befand sich eine Tür. Sie war aus Metall und hatte keinen sichtbaren Öffnungsmechanismus. Ein großes Symbol befand sich auf ihr. Ein Kreis und in der Mitte ein Dreieck. Martin streckte die Hand aus und berührte das Symbol. Im selben Augenblick durchströmte ihn wie eine Flutwelle Wärme. Er hatte ein sonderbares Gefühl. Nicht schlecht, aber sehr ungewöhnlich. Er nahm die Hand weg und das Gefühl war verschwunden. In diesem Moment hörte man ein lautes Klicken. Rote Warnlampen an den Wänden leuchteten auf und ein Alarm ging los. Mehrere der Maschinen erwachten zum Leben. Ein starkes Vibrieren war zu spüren und dann ging es los. Erst war es ein Rauschen, das immer stärker wurde. Dann ein leises Brummen und schließlich erreichte das Geräusch seine volle Stärke. Martin hätte gedacht es wäre hier lauter, aber offensichtlich war dieser Raum isoliert, da er unter der Oberfläche lag. Wartins hielt seine Hand an die Metallröhre in der Mitte des Raumes. Eine Weile verharrte er so. Dann zog er ruckartig seine Hand zurück. Das Metall der Röhre hatte sich stark erhitzt. Wahrscheinlich aufgrund der hohen Geschwindigkeit, mit der die Luft eingesaugt wurde. Eine Weile noch dauerte das Geräusch an, dann verebbte es langsam und war endlich ganz verschwunden. Martin berührte die Röhre. Sie war immer noch warm.

Nachdem Martin und Wartins sich ein wenig von diesem Schreck erholt hatten, wartete schon der nächste auf sie. Neben einer großen Maschine fanden sie beim Untersuchen des Raumes in einer Nische unter einer dicken Staubschicht ein Skelett. Als sie es genauer betrachteten, erkannten sie mit Schrecken, wer es war. Es war Fletcher. Ganz unverkennbar identifizierte ihn das Namenschild an seiner Arbeitskleidung. Die Leiche sah aus, als hätte sie hier schon seit Jahren gelegen. Von Fletcher war nicht viel mehr übrig, als ein paar Knochen, seinem Schädel und Teilen der Kleidung. Die Kleidung war dieselbe, die er getragen hatte, als er im Hotel verschwunden war. Geschockt standen sie nur da und konnten eine Weile ihren Blick nicht abwenden. Aber wie war Fletcher hierher gekommen, und was hatte ihn getötet? Fragen über Frage und keine Antworten. Martin begann es sich im Kopf zu drehen. Er musste hier raus. Sie hasteten die Treppen hinauf. Als sie im Freien waren, atmete Martin tief ein. Er verkraftete eigentlich viel, aber dieser Anblick war wohl doch etwas zuviel.

Die Anderen hatten gebannt zugehört. Als Martin von Fletcher erzählte, schlug Nadja die Hand vor den Mund. Jetzt, als er geendet hatte, konnte er Tränen in ihren Augen sehen. Kiro hatte sich abgewandt und starrte aufs Meer hinaus.


Zwischenspiel


Schwarz am Zug. Der Jüngere hätte eigentlich voraussehen müssen, dass dieser Angriff erfolglos bleiben würde. Nun war er im Zugzwang. Er wollte natürlich nicht sein Gesicht verlieren. Nie hatte er wirklich etwas über das Spiel gelernt, was es beinhaltete und wie man vorging, um Erfolg zu haben. Er hatte keine Strategie und deshalb war er auch bisher erfolglos. Auf eine Weise wusste er es, aber er wollte dieser Tatsache nicht ins Auge sehen. Für ihn wäre es undenkbar zuzugeben, dass er nie wirklich eine Chance gegen den Älteren gehabt hatte. Der Jüngere wurde unsicher. Dieses Spiel war weniger ein Spiel, als vielmehr eine Theaterbühne auf der er sein privates kleines Stück abzog. Weit entfernt von jeder Realität. Schwarzer Läufer von G-Vier nach H-Fünf.




Der Schatten


Nachdem nun auch die Anderen das Dorf verlassen hatten, gab er sein Versteck auf. Langsam näherte er sich dem Dorf. Mit ihm kam der Wind. Er schien wie ein Gefährte, der ihm seinen Weg bahnte. Der Wind zerrte an den Hütten. Der Schatten empfand kein Mitleid. Die Wesen flüchteten in ihre Hütten. Auf dem Platz in der Mitte der Häuseransammlung blieb er stehen. Ein Lächeln huschte über sein fahles Gesicht. Er erhob die Hände und murmelte etwas. In diesem Moment wurde der Wind stärker. Er wirbelte um das Dorf und schloss es mit einer undurchdringlichen Wand aus Wind ein. Das Geheul des Sturmes nahm zu. Die ersten Hütten hielten der Belastung nicht mehr stand und barsten. Von überall her waren die Angstschreie der Wesen zu hören. Noch nahm der Sturm an Gewalt zu. Staub wirbelte auf und hüllte alles in einen feinen Nebel. Eine der kleineren Hütten hielt dem Druck nicht mehr stand. Sie zerrte an ihrer Verankerung, aber schließlich verlor sie den Kampf gegen den Wirbelsturm und wurde nach oben gerissen. Kurz war sie noch ein Ganzes, dann zerbrach der Sturm sie in kleinste Teile. Immer mehr Hütten wurden zerstört. Die panischen Angstschreie der Wesen wurden jetzt vom Sturm verschluckt. Alles wurde aufgesaugt. Endlich stand keine Hütte mehr. Der einzige Zeuge, das hier einmal etwas anderes außer Steinen und Staub gewesen war, war der Brunnen. Mit einer Handbewegung des Schattens erhöhte sich die Macht des Sturmes noch einmal um ein vielfaches. Im nahen Umkreis um ihn selbst regte sich kein Lüftchen. Der mittlerweile zum Orkan gewordene Sturm zerrte an den Steinen des Brunnens. Fast schon konnte man meinen, dass der Wind Hände hätte. Die nur notdürftig zusammengefügten Steine bewegten sich. Erst bröckelte der Rand und dann war innerhalb weniger Augenblicke der gesamte Brunnen in sich zusammengestürzt. Der Schatten ließ seine Arme sinken. Langsam nahm die Kraft des Sturmes ab, bis es schließlich völlig windstill war. Er war zufrieden. Nichts war mehr übrig geblieben. Alle Hütten waren verschwunden. Wieder hatte er seine Macht bewiesen und diejenigen vernichtet, die seinen Feinden halfen. Diese Wesen waren sowieso nicht mehr als ein Haufen missgebildeter Kobolde gewesen. Das Lächeln wurde breiter und verschwand. Sein Ziel hatte er noch nicht erreicht. Der Schatten ging dem Meer entgegen. Er hob wieder seine Hand. In wenigen Augenblicken hatte sich das aufgewühlte Meer in eine spiegelglatte Fläche verwandelt. Er setzte einen Fuß auf das Wasser. Es trug ihn.


16


Kiro träumte wieder. Er befand sich in einem Wald. Die Bäume waren sehr hoch und dicht. Durch ihre Kronen drang Licht auf den mit Moos bewachsenen Waldboden. Er hörte Vogelgezwitscher. Schmetterlinge flatterten um ihn herum. Er fühlte sich wohl. Dann wurde es mit einem Mal still. Das Licht wich und es wurde dunkler. Die Vögel verstummten. Kiro fühlte Angst in sich heraufsteigen. Er blickte sich um. Die Bäume schienen auf ihn zuzukommen. Immer näher und näher. Als wollten sie ihn erdrücken. Er wollte schreien. Dann war der Wald auf einmal weg. Er befand sich im unteren Turmraum. Die Tür mit dem Symbol war vor ihm. „Du weißt, wie du deinen Weg beschreiten musst!“ Die Stimme des alten Fargo. „Teile dein Wissen! Die Wirklichkeit schwindet. Und ER kommt immer näher! Nimm dich vor ihm in Acht!“ Das Symbol auf der Tür begann zu glühen. Und auf einmal wusste Kiro, was zu tun war.


Das Geräusch riss ihn aus dem Schlaf. Zuerst war er ein wenig desorientiert. Sie hatten in den Booten geschlafen. Sein Rücken tat vom harten Holzboden weh. Die Anderen waren auch wach. Wartins war der Einzige, dem die Strapazen ihrer Wanderung kaum etwas auszumachen schienen. Er war bereits dabei ein Feuer zu entfachen. Das gelang ihm aber nicht, denn es hatte überraschend angefangen zu regnen. Während Kiro versuchte, richtig wach zu werden, wurde der Regen stärker. Weil auch der wieder Wind einzusetzen begann, mussten sie im Turm Schutz suchen. Sie rafften ihre wenigen Sachen zusammen und rannten zum Turm. Niemand wollte in der Nähe der unteren Kammer sein, also bezogen sie ihr Quartier ganz oben. Wohl war ihnen dabei nicht, aber es blieb kaum etwas anderes übrig. Hier oben konnten sie zwar kein Feuer machen, waren aber windgeschützt. Draußen brach währenddessen die Hölle los. Der Wind steigerte sich zum Orkan. Regen prasselte gegen die Verglasung der Lichtkammer. In der Ferne grollte Donner. Blitze zuckten am Himmel und der Tag wurde zur Nacht.

Während dieses Unwetters verbrachten sie die Zeit hauptsächlich damit, ihren Gedanken nachzuhängen. Am Nachmittag begann das Gewitter dann etwas nachzulassen. Das ständige Geräusch des Regens raubte Martin den Verstand. Er war es schließlich, der die Frage stellte, die allen schon die ganze Zeit durch den Kopf ging. „Wie soll es jetzt weitergehen? Hier geschehen seltsame und unerklärliche Dinge!“ „Ich denke wir sollten uns von Fletchers Tod nicht entmutigen lassen. Wir wollen schließlich immer noch von hier weg, oder hat irgendeiner von euch es schon aufgegeben?“ Nadja sah in die Runde. „Ich habe mit dem Ältesten gesprochen. Er hat mich gewarnt. Auf diesem Planeten ist alles aus den Fugen geraten. Die Zeit bekommt Lücken und springt von einer Periode in die andere. Überall lauern düstere Gestalten. Manche von ihnen sind nicht wirklich und wollen uns nur Angst einjagen, aber andere sind auch sehr gefährlich. Wenn wir je wieder von hier weg wollen, müssen wir die Gefahren überstehen und einen Weg hier herausfinden. Der Alte meinte, dass wir unsere Wahrheit finden werden. Davon bin ich auch überzeugt! Als Erstes sollten wir versuchen die Tür im unteren Raum des Turmes zu öffnen. Auch wenn es unangenehm ist. Es ist unsere einzige Möglichkeit.“ Mugh fand langsam wieder zu seiner alten Art zurück. Er stimmte dem Vorhaben zu. Angeblich hatte er noch Wichtiges zu erledigen. Martin und Wartins, die sich inzwischen fast schon angefreundet hatten, waren auch dafür. Also begaben sie sich am Abend in die untere Kammer. Voller Unbehagen stiegen sie die Stufen hinab. Bei jedem Schritt wuchs das mulmige Gefühl in Martins Bauch. Unten angekommen wartete eine weitere Überraschung auf sie. Fletchers Leiche war verschwunden. An ihrer Stelle lag nur noch ein flacher Haufen Staub.


Zwischenspiel


Die Zeit lief unaufhaltsam weiter. Der Ältere hatte das Gefühl dafür verloren. In seinem langen Leben war die Zeit sein steter Begleiter und auch oft sein Feind gewesen. Als er jedoch älter wurde, wich dieses Gefühl der Angst, die Zeit nicht richtig ausgenutzt zu haben. Jetzt war Zeit für ihn bedeutungslos. Er war in vielen Zeiten und an vielen Orten gewesen, aber nirgends hatte er sich so wohl gefühlt wie hier. Damals, vor langer Zeit, als die Kapsel gelandet war, hatte er nicht wissen können, was für einen Fluch sie barg. Er hatte in seinem Garten gearbeitet. Das Geräusch hatte er erst für eine Maschine gehalten. Dann aber blickte er zum Himmel herauf und sah die Rauchspur und das rot glühende Etwas, was auf den Boden zuraste. Er war allein. In seiner näheren Umgebung lebte niemand. Sie waren wegen der Dürre alle weggezogen. Das Objekt schlug am Fuß des kleinen Hügels auf, auf welchem sich seine Haus und sein Garten befand. Er wunderte sich nicht besonders darüber. Er hatte von solchen Vorfällen schon gehört. Wenn er in der Stadt Lebensmittel kaufte, hörte er die Leute reden. Manchmal konnte man denken, sie hätten nichts Besseres zu tun. Langsam ging er den sanft abfallenden Hügel hinunter. Das Objekt hatte einen kleinen Krater in den Boden gerissen. Es bestand aus einer großen Kugel, auf deren Oberseite sich eine kleinere Halbkugel befand. Von dem Objekt stieg Rauch auf. Trotzdem er es hätte besser wissen sollen, hatte er es berührt. Der Ältere verscheuchte den Gedanken. Er zog. Weißer Bauer von E-Vier schlägt schwarzen Bauer auf D-Fünf.


Die Stadt


17


Martin konnte sich das Verschwinden von Fletchers Leiche genauso wenig erklären wie Wartins. Sie verloren jedoch darüber keine weiteren Worte. Viel mehr interessierte alle jetzt die Metalltür mit dem Symbol. Als Kiro das Symbol sah, erschauderte er. Es erinnerte ihn wieder an seinen Traum vom alten Fargo. Währenddessen versuchten Kiro und Wartins die Tür mit Gewalt aufzubekommen. Sie hatten damit jedoch keinen Erfolg. Ratlos standen sie vor der Tür. „Geht bei Seite!“ – Nadja ging langsam auf die Tür zu. Wie von einer unsichtbaren Kraft bewegt, wichen Kiro und die Anderen ihr aus. Ihre Augen waren geschlossen. Kurz vor der Tür blieb sie stehen. Jetzt streckte sie eine Hand aus und berührte ganz leicht das Symbol. Im selben Moment erstrahlte die Tür in hellem Licht. Ein leises Summen war zu hören. Das Leuchten wurde stärker und die Umrisse des Raumes, in dem sie sich befanden, begannen zu verschwinden. Zwar konnte man jetzt vor Helligkeit kaum noch etwas oder jemanden erkennen, aber dennoch tat das Licht nicht den Augen weh. Langsam verebbte das Summen und eine helle Glocke war zu hören. Mittlerweile konnte keiner mehr etwas sehen, so hell war es. Die Glocke spielte eine leise Melodie. Diese Melodie war traurig, aber geheimnisvoll und schön. Nach einiger Zeit verklang die Melodie in der Ferne und vollkommene Ruhe trat ein. Etwas Kaltes berührte Kiro und er schrak zurück. Erst jetzt merke er, dass er seine Stimme nicht hören konnte. Er hörte überhaupt nichts mehr.

Nach und nach wurde das Licht schwächer. Umrisse waren zu erkennen und auch die Anderen waren wieder da. Die Umgebung hatte sich vollkommen verändert. Sie befanden sich in schwindelerregender Höhe auf einer runden Plattform. Um sie herum erstreckte sich in einiger Tiefe bis zum Horizont eine Stadt. Fremdartige Gebäude waren zu erkennen, hohe Türme und freie Plätze. Vereinzelt waren die Fenster erleuchtet. Aber das ganze Bild wurde von grauen Farben bestimmt und wirkte auf eine beklemmende Weise trist. Erst jetzt erkannte Kiro, dass sie sich bewegten. Die gesamte Stadt befand sich offenbar in einer Art riesiger Höhle, von deren Decke sie nun mit der Plattform langsam herabsanken. Die Höhle musste gigantische Ausmaße haben, denn man konnte in alle Richtungen kein Ende der Stadt ausmachen. „Das ist die Stadt der Toten.“ Kiro schaute zu Nadja, deren Augen immer noch geschlossen waren. Langsam machte er sich Sorgen um sie. Was passierte hier? Er streckte die Hand aus um sie am Arm zu berühren, aber in diesem Moment spürte er einen heftigen Schmerz seinen Arm heraufzucken. Offensichtlich schützte Nadja eine Art unsichtbares Kraftfeld. Wie gebannt starrten die Anderen auf die Stadt, die immer näher kam. Nach einer paar Minuten, die Kiro wie eine Ewigkeit vorkamen, setzte die Plattform mit einem sanften Ruck auf dem Boden auf. Sie befanden sich auf einer breiten Straße. Jetzt erst konnten sie sehen, dass die Stadt doch nicht so makellos war, wie sie aus der Höhe vermutet hatten. Kiro trat von der Plattform herunter und die anderen folgten ihm. Auch Nadja hatte die Augen wieder geöffnet. Mit leerem Blick stieg sie von der Plattform, die im selben Moment mit einem leisen Summen wieder begann aufzusteigen.

Die Straße war nass und dreckig, überall lag altes Papier herum. An den Hauswänden standen ein paar übervolle Müllcontainer. Der Asphalt der Straße hatte viele Löcher und überall waren Risse zu erkennen. Nur noch wenige der Straßenlaternen funktionierten. Die meisten waren dunkel und standen schräg und verbogen am Straßenrand. Diese Gebilde warfen bizarre Schatten an die Hauswände. Durch die geringe Beleuchtung wirkte alles gespenstisch. Die Wände der Hochhäuser bröckelten. Überall hatten die Wände Löcher. Auf der Straße standen vereinzelt antike Autos. Alles sah so aus als wäre es seit Jahrhunderten unverändert. Durch die Straßen wehte ein kühler Wind. Eine stärkere Windböe wirbelte ein Stück Papier von der Strasse auf. Es flog durch die Luft und landete direkt vor Kiros Füssen. Er hob es auf und las. Offenbar handelte es sich um eine Zeitung. Das Papier war brüchig, aber dort stand in großen Buchstaben:


Freitag 24.06.1983

MASSENSTERBEN IN TOKYO -

HUNDERTTAUSENDE STERBEN AUF MYTERIÖSE WEISE


„Kommt mal her, das müsst ihr euch ansehen!“ Kiro rief die Anderen heran. Gemeinsam lasen sie den Rest des Artikels der noch auf dem Papierfetzen zu erkennen war. Eine Weile herrschte Stille. Dann sagte Martin. „Wie kann das sein. Das ist unmöglich. Wenn ich mich an den Geschichtsunterricht erinnere, hat so etwas nie stattgefunden. Bis zur Zerstörung der Erde im dritten Weltkrieg, ist so etwas nicht passiert. Und wieso ist die Stadt hier. Es dürfte sie schon seit einer Ewigkeit nicht mehr geben!“ „Es beginnt!“ Alle drehten sich zu Nadja um. Mit starrem Blick sah sie in die Ferne. „Die Vergangenheit, die Zukunft und die Gegenwart vermischen sich. Bald werden wir nicht mehr unterscheiden können zwischen Täuschung und Realität.“ Langsam ging sie vorwärts. „Folgt mir!“


Der Schatten


Der Schatten wusste wohin sie wollten. Er konnte sie spüren. Besonders die „Eine“. Die Insel hatte er bald erreicht. Die Boote am Strand gingen, nach einer Handbewegung von ihm, in Flammen auf. Er ging die Stufen zum Turm hinauf. Seine Robe wehte im Wind. Er hatte Achtung vor diesem Gemäuer. Es stand auf mächtigem Boden. Die Steine aus denen der Turm gebaut war, waren einst aus dem härtesten Stein geschlagen worden, auch wenn sie nur wie gewöhnliche Ziegel aussahen. Heute nach nunmehr sieben Jahrtausenden wirkte er alt und verbraucht. Aber immer noch hielt dieser Turm die Zeit in seiner Gewalt. Seine Stimme tönte laut und weit hörbar über das Land. Dieser Turm war einer der Vier Weltentürme, welche die Macht über Zeit, Raum, Leben und Tot hatten. Seine Macht war mit der Zeit schwächer geworden aber noch war die Flamme nicht ganz verloschen.

Der Schatten betrat den Turm und stieg hinab. Er spürte, dass er nahe war. Aber jetzt würde er sie noch nicht erreichen. Vorerst hinderte ihn das Siegel der Nalataja daran. Er sammelte seine Kraft.


18


Lange schon waren sie gelaufen. Die Straßenschluchten nahmen kein Ende. Immer wieder gab es Stellen, an denen der Asphalt große, tiefe Löcher hatte, die sie umgehen mussten. Durch die überall vorherrschende Dunkelheit war das nicht einfach. Ein Mal wäre Mugh fast in ein solches Loch gefallen. Martin hatte ihn noch rechtzeitig festhalten können. Nadja hingegen umging sicher alle gefährlichen Stellen und schien auch nicht müde zu werden. Offensichtlich wusste sie ganz genau wohin es ging. Ein schwaches Leuchten ging von ihr aus, sodass Kiro sie immer gut sehen konnte. Als sie um die nächste Ecke bogen, wurde die Sicht auf eine große Parkanlage frei. Zum Park hin fiel die Strasse leicht ab und die Häuser wurden etwas kleiner, sodass sie ihn gut überblicken konnten. Er war absolut symmetrisch angelegt und sah sogar fast gepflegt aus. Der Park bildete einen absoluten Kontrast zu der zerstörten und verwahrlosten Stadt. Die Strasse war von einer Allee mit geschnittenen Bäumen gesäumt. Zum Kern des Parks hin erhob sich das Gelände sanft zu einem Hügel, auf dessen Spitze sich ein kleiner Pavillon befand. Der Boden war mit feinem Rasen bedeckt und ein kleiner Bach schlängelte sich durch den Park und plätscherte vor sich hin. Das Grün des Parks wirkte fast schon verdächtig. Wie konnte etwas so schönes inmitten dieser Steinwüste existieren. Der Park war umgeben von einem Metallenen Zaun. An seinen vier Seiten hatte er Tore.

Inzwischen waren sie am Park angelangt. Kiro streckte seine Hand aus um das Tor zu öffnen. „Nein!“ Kiro fuhr erschrocken zurück. Nadja hatte ihn an der Schulter gepackt. „Du darfst das Tor nicht berühren. Es würde dich töten!“ Kiro wich einen Schritt zurück. Nadja stellte sich vor das Tor, hob die Hand und mit einem leisen Quietschen öffneten sich die Flügel des mit Ornamenten geschmückten Metalltores. Im Park führte ein gepflegter Weg den Hügel hinauf. Martin und Mugh liefen sofort zum Wasser. Nach einem kurzen Test füllten sie ihre Wasserbehälter. „Das Wasser ist absolut genießbar!“ Die Anderen liefen nun auch zum Bach und stillten ihren Durst. Niemand achtete mehr auf Nadja. Erst als sie einen Schrei hörten, schraken sie hoch. Nadja war nirgends zu sehen. Hektisch sahen sie sich um. Kiro war es, der den Hügel zu Pavillon herauf rannte und Nadja fand. Sie lag da, ihr Körper heftig zuckend, als hätte sie Schmerzen. Im ersten Moment nahm er das Schlimmste an. Kiro kniete sich nieder und versuchte sie wieder zu Bewusstsein zu bringen. Es gelang ihm nicht. Zwar wurden ihre Krämpfe schwächer und hörten schließlich ganz auf, aber sie blieb bewusstlos. Er fühlte ihren Puls. Nadjas Herz schlug langsam und unregelmäßig. Trotz der ernsten Situation, so wie sie dalag, fiel ihm wieder einmal auf, wie schön sie war. Mittlerweile waren die Anderen herangekommen. Wartins sah sich in dem Pavillon um, er wollte herausfinden, was geschehen war. Akribisch untersuchte er jeden Winkel und alle Ecken. In der Mitte des nach allen Seiten offenen Holzpavillons befand sich eine runde Metallplatte mit etwa einem Meter Durchmesser. Auf ihr befand sich dasselbe Symbol, wie auf der Tür im Turm. Vorsichtig berührte er die Platte.


Zwischenspiel


Der Jüngere zog nicht. Einige Zeit ließ er verstreichen. Er dachte nach. Nicht über das Spiel, sondern über sich selbst. War er tatsächlich an einem Punkt angelangt, an dem er sein bisheriges Verhaltensmuster ändern würde? Er verscheuchte die Gedanken und versuchte sich wieder auf das Spiel zu konzentrieren. Es gelang ihm nicht. Immer wieder kehrten seine Gedanken zu jenem Schlachtfeld zurück. Er sah die Toten, sah ihre Körper, wie sie den Boden und die gesamte Ebene von Klyth bis zum Horizont bedeckten. Der Boden blutgetränkt und viele der Leichen schon halb verwest. Ein Schädel grinste ihn aus toten Augen an. Auf der Stirn war das Zeichen eingeritzt. Er kannte es nur zu gut. Dieses Zeichen gehörte der Herrscherin. Er fürchtete sie. Armee um Armee war über die Ebene von Klyth gezogen. Sie alle wollten „Der Herrscherin“ ein Ende bereiten, aber alle waren doch früher oder später vernichtet worden. Am Horizont, ganz schwach, war sie zu erkennen. Die Spitze des höchsten Turmes der letzten Festung.

Er konzentrierte sich wieder auf das Spiel und zog. Schwarzer Bauer von E-Sieben nach E-Sechs.

Der Traum


19


Nadja hatte keine Schmerzen. Nachdem sie, getrieben von einer unbekannten Macht, den Hügel hinaufgestiegen war, betrat sie das Portal im Pavillon. Im selben Moment befand sie sich hier. Wo genau hier war, wusste sie nicht. Nadja befand sich außerhalb von Raum und Zeit. Um sie herum war es dunkel. Völlig dunkel, man konnte nichts erkennen. In Nadja wuchs ein unbändiges Wohlgefühl. Sie wusste, dass alles in Ordnung war. ER hatte sie gerufen.

„Nadja!“ - „Ja!“

„Es ist soweit.“ - „Ich weiß.“

„Gut, dann höre zu. Das Wissen der Alten wird nun an dich übergeben, damit du unsere Kultur in ein neues Zeitalter führen kannst.“ Nadjas Körper wurde von Wärme überflutet und vor ihrem geistigen Auge entfaltete sich die Vergangenheit. Eine sanfte Stimme begann zu erzählen.


Vor vielen Milliarden Jahren, in der Geburtsstunde der Galaxien, entstand auch Eschnak. Er war nicht wie andere Planeten. Er hatte keine feste Galaxie, sondern durchflog den Raum auf seiner eigenen Bahn Wie auf manchen anderen Planeten auch, entwickelte sich auf Eschnak Leben. Es gab verschiedene Rassen und die Gemeinschaft schien perfekt zu sein. Zu Anfang war der Mensch genügsam. Es herrschte Fortschritt, aber nur sehr langsam. Keiner erhob sich über den Anderen und niemand litt Schmerzen. Eines Tages jedoch kam ein Gast in die Gemeinschaft. Niemand wusste woher er kam und wohin er ging. Dies war der erste Schatten. Die Gemeinschaft wusste nichts von ihrer Existenz, denn sie hatte niemals die Vermessenheit besessen alles ergründen und erklären zu wollen. Der Schatten jedoch säte das Übel in den Geist der Menschen. Er verankerte in denen, die mit ihm Kontakt hatten wie einen Virus die Selbstsucht und das Denken zum eigenen Vorteil. Bald schon, nachdem der Schatten sie wieder verlassen hatte, breiteten sich erste Unruhen aus. Es erhob sich einer aus der Masse und stellte sich selbst über alle Anderen. Zu diesem Zeitpunkt endete das erste Zeitalter. Der Eine, der sich erhoben hatte über alle Anderen fand schon bald Gleichgesinnte. Die Gemeinschaft zerbrach und erste Auseinandersetzungen fanden statt. Der erste Mensch starb. Daraufhin zogen die, die noch an der alten Ordnung festhalten wollten, aus dem Lande. Sie wollten sich eine neue Welt aufbauen. Nach einer lange dauernden Reise hatten sie endlich einen neuen Platz gefunden, an dem sie neu beginnen wollten. Aber der Friede war zerstört. In den Köpfen der Menschen kehrte keine Ruhe ein. Der böse Keim wuchs und wuchs. Es gab keine Auseinandersetzungen mehr, weil die Menschen viel Angst hatten. Man steckte seine Ganze Energie in die Wissenschaft und nach vielen Jahrtausenden war aus den genügsamen Menschen eine Hochkultur geworden. Sie hatten sich die Energien der Elemente zunutze gemacht und lebten im Wohlstand. Über die Jahre war das Vorhandensein der Schatten und der „Anderen“ vergessen worden. Wenn es dunkel wurde, huschten Gestalten durch die Strassen und Gassen der Städte. Über ihren ganzen Errungenschaften hatten die Menschen auch die Schwachen und Kranken vergessen. Es gab keine Gleichberechtigung. Unbemerkt von allen war der Keim des Bösen zur größten Blüte gekommen. Die, welche unzufrieden waren, forschten nach und fanden alte Aufzeichnungen über die Vergangenheit und die Trennung der Gemeinschaft. Sie begaben sich in einem großen Auszug aus der neuen Gemeinschaft auf die Suche nach den Zurückgelassenen. Nach langem Suchen fanden sie die „Anderen“. Die alte Gemeinschaft hatte inzwischen mehrere Kriege und Massenvernichtungen überlebt. Als sie die Armen, Kranken und Schwachen erblickten, empfingen sie diese mit offenen Armen und nahmen sie in ihre Gemeinschaft auf. Von der alten Gemeinschaft war nicht viel mehr übrig geblieben, als viele Gruppen, die auf ewig dazu verdammt waren einander in blutigen Schlachten zu bekämpfen. Jedoch eröffneten die neu Hinzugekommenen ihnen andere Möglichkeiten. Es wurde beschlossen den Hochmut der Wissenschaft zu beenden. In einem riesigen Heereszug vereinten sich alle Zurückgelassenen und zogen aus, die Hochmütigen zu stürzen. In einer beispiellosen Schlacht trafen die beiden Armeen aufeinander. Vierundneunzig Jahre dauerte der Kampf. Letztendlich wurde unter unbeschreiblichen Verlusten das Reich der Wissenschaft zerstört. Alles was übrig blieb, waren ein paar wenige Überlebende und die Türme der vier Elemente. Hier endete das zweite Zeitalter.

Der Himmel hatte sich während der langen Schlacht verdunkelt und ließ nun nur noch wenig Leben zu. Mittlerweile war Paladius-Eschnak in Regionen des großen, weiten Raumes vorgedrungen, in denen es kaum noch Licht gab. In weiten Teilen Eschnaks begannen sich die Geister und Schatten auszubreiten. Die wenigen Menschen, die noch übrig waren, starteten noch einen letzten Versuch des Zusammenlebens, indem sie das Dritte Zeitalter einläuteten. Dieses Zeitalter der Waragon dauerte aber nur wenige Jahrtausende. Am Ende stand doch wieder nur der verseuchte Geist des Menschen, der alles im Staub versinken ließ. Nun setzte das vierte und letzte Zeitalter ein. Die Menschen, wenn es überhaupt noch welche gab trauten sich nicht mehr an die Oberfläche, denn diese war nun vollends den Geistern zugefallen. Dieses Zeitalter dauerte am längsten und hatte verheerende Folgen. Die Menschen hatten in ihrem Wissensdurst die Macht über Raum und Zeit gewonnen und sie sich untertan gemacht.

Nun brechen langsam die Siegel der vier Türme. Die Ströme der Zeit und des Raumes verlassen ihre Bahnen. Suche die vier Wächter auf, Nadja. Nalataja, Ebetaminor, Solejier und Warkandoblan. Was zu tun ist, trägst du im Herzen. Der Schatten ist euch nahe. Die Stimme entschwand. Vor Nadjas geistigem Auge verschwammen die Bilder. Alles löste sich auf und da war ... Nichts.


20


Es hatte angefangen zu regnen. Sie hatten beschlossen in einem der Häuser, die an den Park grenzten, ihr Lager aufzuschlagen. Kiro und Martin hatten Nadja getragen. Noch immer war sie bewusstlos. Die Türen der meisten Häuser waren unverschlossen. Teilweise fehlten sie ganz. Überall lief das Wasser hindurch. Schließlich fanden sie aber doch noch ein trockenes Plätzchen im ersten Stockwerk eines hohen Gebäudes. Der Raum war bis auf zwei kaputte Holzbetten, einem Stuhl und einem wackeligen Tisch völlig lehr. Die beiden Fenster zum Park hin waren heraus gebrochen. Stattdessen klafften in der Wand zwei große, unförmige Löcher. Martin legte Nadja auf ein Bett, das eigentlich nur noch aus den Resten einer Matratze und dem gebrochenen Lattenrost in einem wackeligen Gestell bestand. Ihr Gesicht hatte sich entspannt. Jetzt sah sie fast so aus, als würde sie schlafen. Die nächste „Nacht“, wenn man das hier so bezeichnen konnte, würden sie wohl hier verbringen. Sie aßen ein wenig, unterhielten sich noch etwas und legten sich dann schlafen im Halbdunkel der Stadt. Wartins hielt Wache. Aber lange hielt auch er der Müdigkeit nicht mehr stand und schon bald war auch er eingeschlafen. Stille lag über der Stadt.


Zwischenspiel


Die Ebene von Klyth. Sie waren gewandert. Die Tage hatten kein Ende und keinen Anfang. Niemals ging die rote Sonne unter. Trotzdem schienen sie nicht voran zu kommen. Die Spuren der Verwüstung waren schwächer geworden. Je weiter sie kamen, desto älter wurde das Land. Am Horizont stieg Rauch auf. Die Trugbilder wurden stärker. Überall schienen sich die Toten zu erheben. Fürchterliche Kreaturen kamen ihnen entgegen. Die Krieger wurden vom Schmerz der Gefallenen und ihrer eigenen Angst in den Wahnsinn getrieben. Die Müdigkeit und der Schrecken schienen sie zur Umkehr zwingen zu wollen. Die letzte Welle der Verteidigung der hohen Herrscherin erfüllte ihren Zweck. Den Blick auf die Festung am Horizont gerichtet, gaben sie auf. Ihre Körper fielen tot in den Staub der Ebene von Klyth und tränkten sie mit ihrem Blut. Die Herrscherin hatte einmal mehr triumphiert. Der Ältere wusste, dass sie versagt hatten. Er zog.


21


„Es ist Zeit!“ „Ja, ich werde sie führen!“

Nadja wachte auf. Alle Anderen schliefen. Immer noch prasselte der Regen. Ein unangenehmer Geruch lag in der Luft. Sie mussten sich beeilen. Schnell weckte sie Kiro, Wartins, Mugh, den Stillen und Martin. Sie freuten sich, dass es Nadja besser ging und fragten sie, was passiert sei. „Ich werde es euch erzählen. Jetzt ist keine Zeit für Erklärungen, wir müssen schnell fort von hier.“ Sie packten die wenigen Sachen ein, die sie noch besaßen. Nadja führte sie aus dem Haus heraus. Zielstrebig liefen sie durch die Strassen und Gassen. Den Weg schien Nadja genau zu kennen. Sie befanden sich auf einer breiten Strasse. Überall lagen Autowracks herum und umgestürzte Laternen. Mit einem Mal wurde der Wind stärker. Auch der Regen prasselte heftiger. Die Temperatur sank merklich. Nadja, die vorangegangen war, blieb stehen. Langsam drehte sie sich um. Auch Kiro wand sich um. Was sie sahen, ließ sie vor Schreck zusammenfahren:

Hinter ihnen auf der Strasse befand sich eine Kreatur. Sie war etwa doppelt so groß wie ein Mensch und vollkommen verhüllt. Ihr Mantel wehte im Wind. Um den Kopf zuckten Blitze. Das Gesicht war nicht zu erkennen. Staub wurde aufgewirbelt. Man konnte die elektrische Ladung der Luft auf der Haut spüren. Nadja fixierte die Gestalt. Wie zwei Ungeheuer belauerten sie sich.


„Lauft!“, rief Nadja. Sie zeigte auf die Tür eines der Häuser, das an die Strasse grenzte. „Bringt euch in Sicherheit!“, sie schrie gegen den immer stärker werdenden Sturm an. „Wir gehen nicht ohne dich.“ Kiro war entschlossen. „Wir lassen nicht noch einmal jemanden zurück!“

„Geht, oder ihr werdet alle sterben. Ich kann mit ihm fertig werden, aber ihr würdet es nicht überleben. Wenn ihr jetzt nicht geht, schafft es keiner von uns zu entkommen. Vertraut mir, wir sehen uns wieder.“ Von Nadja ging ein schwaches Leuchten aus, und im selben Moment bildete sich um Kiro, Mugh, Martin den Stillen und Wartins eine unsichtbare Barriere, die den Sturm abhielt. Jetzt war es möglich zu der Tür zu gelangen. Kiro zögerte noch. Er wollte Nadja nicht zurücklassen. Nicht nur wegen seiner Mission. Nadja lächelte ihm zu, bevor ihr Gesicht ganz im Sturm verschwand. Kiro wand sich ab und folge den Anderen, die schon ein Stück voraus waren. In dem Moment als Kiro den Fuß über die Schwelle der Tür gesetzt hatte, und im Haus war, kollabierte die Barriere hinter ihm, und der Sturm gewann die Oberhand. Die Tür schlug heftig zu. Dann war es still. Es war tatsächlich eine völlige Stille eingetreten. Der Sturm war nicht mehr zu hören. Eigentlich war gar nichts mehr zu hören. Jetzt erst sah sich Kiro um. Er und die Anderen befanden sich in einem niedrigen, rechteckigen Raum ohne Fenster. Der Raum war vollständig eingerichtet: Zwei Betten, ein großer, massiver Holztisch mit fünf Stühlen. Auf dem Tisch befand sich eine weiße Stoffdecke, auf der eine Blumenvase, ein Krug Wasser und fünf Becher standen. Außerdem befanden sich dort noch zwei Bücher. Das schwache Licht im Raum ging von einer über dem Tisch hängenden Deckenlampe aus. Die Tür, durch die sie eingetreten waren, sah genauso aus, wie die Tür im Leuchtturm auf der Insel. Sie hatte keinen Öffnungsmechanismus und das Symbol befand sich auf ihr. Diese Tür war aus massivem Metall. Der Raum hatte aber auch noch eine zweite Tür. Sie war aus hellem Holz und hatte eine Klinke aus hell glänzendem Metall. Über der Tür hing eine sonderbare Uhr. Die Uhr zeigte eine Zeit kurz vor Zwölf. Das Ziffernblatt hatte nur Striche und keine Zahlen. Der Sekundenzeiger bewegte sich langsam vorwärts. Alle Striche des Ziffernblattes waren schwarz, mit Ausnahme des Ein-Uhr Strichs. Er fehlte.

Kiro hätte vor Wut schreien wollen, aber das brachte nichts mehr. Sie hatten Nadja zurückgelassen und konnten nun nichts mehr für sie tun. Er hob seine Faust und schlug gegen die Tür. Erschöpft und von den Ereignissen noch sehr beeindruckt, ließen sich die Fünf überall im Raum nieder. Kiro ging zur Holztür und versuchte sie zu öffnen. Sie war verschlossen. Es blieb ihnen nichts anderes übrig, als zu warten.


Der Schatten


Nachdem er einen Tag und eine ganze Nacht seine Kraft gesammelt hatte, begann er seine Macht auf das Siegel zu konzentrieren. Er bündelte seine Konzentration und wirkte auf das Siegel ein. Es war alt, setzt ihm aber mehr Widerstand entgegen, als er gedacht hätte. Schließlich musste es ihm aber weichen. Er stieg in die verlassene Stadt hinab. Er konnte ihre Gegenwart nun mehr als deutlich spüren. Sie war für ihn fast unerträglich. Der Schatten wusste, dass es bald zu einem Kampf kommen würde. Er war geschwächt, aber nicht wehrlos. Ihre Angst konnte er spüren. Es war ihm bewusst, das Nalataja „Die Eine“ gewarnt hatte, aber er würde sie aufspüren. Er rief seine Dämonen zu sich und ließ sie suchend ausschwärmen. Nach kurzer Zeit hatte er Sie gefunden. Der Schatten sah, dass sie die Ihrigen in Sicherheit brachte. Aber das war unwichtig. Mit großer Kraft beschwor er die Naturgewalten. Wieder war es der Wind, der zu seinem Werkzeug wurde. Er warf ihr alles entgegen, was er zu bieten hatte. Er würde sie vernichten, hier und jetzt. Der Schatten rechnete nicht mit Gegenwehr. Er konnte nicht wissen, dass die Transformation schon begonnen hatte.


22


Kiro hatte eins der Bücher aufgeschlagen. Es war groß, in Leder gebunden und sah sehr alt aus. Sein Titel lautete „Der alte Weg der Zeit“. Kiro hatte begonnen zu lesen. Bald aber rief er erschrocken die Anderen zu sich. Die Geschichte in diesem Buch war ihre Eigene. Seit ihrem Absturz auf dem Planeten bis hin zu diesem Zeitpunkt, stand alles schwarz auf weiß in diesem Buch. Der letzte Satz lautete: „Und die Wanderer machten sich auf den Weg zur Botin der großen Zauberin.“ Danach kamen noch viele leere Seiten. Kiro war sprachlos. Es schien, als ob alles was sie taten schon vorbestimmt war. Sie konnten ihrem Schicksal nicht entkommen.

Nachdem sie einige Zeit in dem Raum verbracht hatten, regte sich wieder ihr Tatendrang, und sie versuchten, aus dem Raum zu entkommen. Kiro, Mugh, Martin und Wartins rüttelten an jeder Leiste und klopften jede Wand ab – Nirgends schien es einen Fluchtweg zu geben. Die Stimmung hatte einen Tiefpunkt erreicht. Der Krug mit Wasser auf dem Tisch leerte sich. Unbemerkt war der Zeiger der Uhr weitergerückt und stand nun auf Ein-Uhr. Der Stille hatte unterdessen das zweite Buch zur Hand genommen und begonnen darin zu lesen. Es war die alte Sage „Beowulf“. In diesem Moment war ein leises Quietschen zu hören und die Holztür schwang einen Spalt breit auf. Ein kalter Luftzug wehte in den Raum. Die Lampe schwankte. Kiro fröstelte. Neugierig öffnete er die Tür weiter und ging hindurch. Die Anderen folgten ihm.


Sand im Stundenglas


23


Sie befanden sich auf einer verschneiten Landstraße. Die Tür, durch die sie gegangen waren, war verschwunden. Stattdessen befand sich dort ein hoher Baum. Die Strasse, die nicht viel mehr als ein schmaler Weg für Pferdewagen war, schlängelte sich durch eine verschneite Landschaft. Den Weg säumten dunkle, hohe Tannen und verkrüppelte Laubbäume. Es schneite beständig und war ziemlich kalt. In einiger Entfernung war ein schwaches Licht zu erkennen. Sie bewegten sich auf das Licht zu. Sie konnten schon die Umrisse eines Hauses und Rauch aus dem Schornstein erkennen, da blieb Martin plötzlich stehen. „Seid leise!“ Er hob seine Hand. Kiro hörte nichts, außer dem Pfeifen des Windes. Aber, als es eine Weile still war, hörte er noch etwas. Ein leises Wimmern. Es war nicht zu bestimmen, ob es von einem Menschen oder von einem Tier stammte. Kiro und Martin verließen den Weg und gingen ein Stück in Richtung des Geräusches. Nach kurzem Suchen fanden sie den Ursprung des Wimmerns. Es war ein kleiner, etwa siebenjähriger Junge, der sich in einem Erdloch verkrochen hatte und vor Kälte zitterte. Sein Gesicht konnte Kiro nicht erkennen. Es war verkrustet von Erde und Schnee. Martin reichte dem Jungen seine Hand, aber dieser hatte die Augen geschlossen und sah ihn nicht. Also hoben ihn Martin und Kiro aus dem Erdloch. Mit dem Jungen unter dem Mantel kehrten Kiro und Martin zu den anderen zurück, die über diesen ungewöhnlichen Fund ziemlich erstaunt waren. Gemeinsam setzten sie ihren Weg zum Haus fort. Bald darauf langten sie an dem altertümlichen Fachwerkhaus an. Es war offenbar ein Gasthaus. Über der Tür hing ein Schild mit dem Namen: „Zur Laterne“. Passend dazu hing daneben eine leicht im Wind schwankende Metalllaterne. Martin klopfte. Er wartete einen Moment, doch nichts geschah. Da klopfte er ein zweites Mal. Diesmal länger und stärker. Hinter der Tür waren Schritte zu hören. Langsame Schritte.

Ein Schlüssel wurde im Schloss herumgedreht und die Tür öffnete sich mit einem leisen Quietschen. Vor ihnen stand eine Frau mittleren Alters. Sie hielt eine Laterne in der Hand. Die Kerze darin flackerte leicht. Eines der Gläser war gebrochen und so kam Wind herein. Der schwache Schimmer ließ kaum mehr von ihr erkennen als einen alten, abgetragenen Umhang, dessen Farbe kaum mehr zu bestimmen war. In der anderen Hand hielt sie einen rostigen Schlüssel. Die Frau musterte sie kurz und fragte dann mit gedämpfter Stimme: „Was wollt ihr hier? Es ist spät und meine Gäste schlafen bereits.“ In diesem Moment fiel der Blick der Frau auf den Jungen, der dicht bei dem Stillen stand und dessen Zähne vor Kälte klapperten. Mitleid keimte in ihren Augen. „Ihr habt ein Kind dabei? Bei dieser Kälte? Kommt herein, ich lege etwas Holz im Kamin nach.“

Sie ging beiseite und sie traten ein. Auf zwei altertümlichen Holzbänken vor einem gemauerten Kamin ließen sie sich nieder. Die Frau verriegelte die Tür und kam herüber. Aus einer Nische holte sie ein paar dicke Holzscheite und legte sie auf die Glut im Kamin. Kiro sah sich im Raum um. Außer zwei Tischreihen aus grobem, unbearbeitetem Holz und ein paar Bänken gab es in dem Raum noch eine Theke, hinter der allerlei Krüge, Holzlöffel und anderes Kochgerät hing. Auch einige große Holzfässer standen an der Wand. Im schummerige Licht, dass zwei dicken Kerzen auf dem Tisch spendeten, ließ sich nicht viel mehr erkennen. Eine Treppe neben der Theke führte in die obere Etage. Als die Flammen langsam an dem neuen Holz nagten, konnte man auch einen großen, vom Ruß geschwärzten Kessel über dem Feuer erkennen. Er hing an mehreren Ketten in dem hohen, gemauerten Kamin. „Essen kann ich euch leider keins mehr anbieten.“ Die Stimme der Frau war nun um einiges freundlicher. Sie schien aber immer noch etwas misstrauisch zu sein, denn sie hielt noch deutlich Abstand zu den Neuankömmlingen. Mit neugierigen Augen betrachtete sie das Kind, das, an den Stillen gelehnt, inzwischen eingeschlafen war. „Ist das Deins?“ Sie sah ihn neugierig an. Der Stille wollte schon den Kopf schütteln, besann sich dann aber und nickte. „Wo kommt ihr überhaupt her?“ Sie kniff leicht die Augen zusammen. „So wie ihr ausseht, kommt ihr nicht von hier. Solche Kleider wie eure habe ich noch nie gesehen.“ Kiro wollte gerade anfangen etwas zu sagen, da fiel ihm Martin ins Wort. „Wir kommen von einem Ort namens Eschnak und sind auf der Durchreise. Bei dem vielen Schnee haben wir die Orientierung verloren. Könnt ihr uns sagen, wo wir hier sind?“ Er versuchte ihr zuzulächeln, was ihm aber nur mäßig gelang. Die Frau schien es gar nicht bemerkt zu haben und Martins Worte verfehlten ihre Wirkung nicht. Sie entspannte sich und wurde ruhiger. „Ihr seid im westlichen Neuntälerwald unweit des Karnu-Flusses. Zwei Tagesreisen nördlich von hier befindet sich die Eisenfestung. Wenn ihr euch westlich haltet, dann könnt ihr in einer Woche das Meer und die Hafenstadt Sund erreichen. Mit euren geringen Vorräten werdet ihr aber nicht weit kommen und in der Eisenfestung der Zauberin könnt ihr kaum mit Hilfe rechnen. Wegen des Kindes will ich euch eine Nacht hier ausruhen lassen, aber morgen müsst ihr weiter. Die Wächter der Zauberin sehen nicht gerne Fremdlinge. Ihr könntet leicht im Gefängnis enden. Neuigkeiten verbreiten sich hier schnell.“ Sie ging hinter die Theke und holte ein paar alte Decken hervor. „Die könnt ihr benutzen. Wenn euch etwas an eurem Leben liegt, dann seid ihr aber morgen früh verschwunden. Die Zauberin ist gerecht, aber auch sehr grausam.“ Die Frau hatte sich schon zum Gehen umgewandt, als sie doch noch einmal zurückkam. „Und lasst es euch nicht einfallen etwas von dem Bier zu trinken. Im Fass neben der Treppe ist Wasser. Davon könnt ihr nehmen.“ Sie ging davon und schlich leise die Treppe hinauf.

Kiro, Wartins, Martin und den Stillen ließ sie verwirrt am Feuer zurück. Nachdem die Vier eine ganze Weile so dagesessen hatten, und ihnen langsam wieder warm wurde, brach Wartins schließlich das Schweigen. „Das kann alles gar nicht wahr sein! Das ist Wahnsinn. Die Dinge werden immer absurder. Jetzt scheint es fast so, als ob wir in einem Märchen wären. Mit Wäldern, Burgen und einer Zauberin. Kommt euch das nicht alles ziemlich verrückt vor?“ Mugh nickte zustimmend. Der Stille stand auf und nahm sich eine der Decken. „Ich denke, wir sollten ihren Rat erst nehmen und möglichst bald wieder von hier verschwinden. Ob verrückt oder nicht. Die Kälte ist real und wir sollten etwas schlafen, bevor es morgen weiter geht.“ Er machte für sich und den Jungen, der noch immer tief und fest schlief, ein Nachtlager in der Nähe des Feuers zurecht und legte sich hin. Der Boden war steinhart, aber für diese eine Nacht war es besser als draußen im Schnee zu liegen. Wartins und Mugh legten sich auch bald hin, während Kiro und Martin noch eine Weile miteinander redeten. Sie untersuchten den Raum näher und fanden eine kleine versteckte Tür zu einem angrenzenden Raum, der wohl eine Art Gebetsraum war. Er war unverschlossen und in seinem Inneren befanden sich prachtvolle Bilder und andere reich verzierte Kunstwerke. Hier stand alles in völligem Kontrast zu der Kargheit im Wirtschaftsraum. Auf einem kleinen, silbrig schimmernden Altar lagen in einer Schale ein paar Münzen und ein grüner Stein, der so aussah, als wäre er ziemlich wertvoll. Martin wollte danach greifen um ihn sich näher anzuschauen, aber Kiro hielt ihn zurück. „Warte, hier stimmt was nicht. Ich denke, wir werden beobachtet.“ Sie sahen sich weiter um. Über dem Altar an der Wand befand sich das Bild einer wunderschönen Frau. Lange, dunkle Haare umspielten ein fein geschnittenes Gesicht. Sie war in ein prachtvolles Gewand gehüllt und in ihrer Hand hielt sie einen kurzen Stab, dessen Spitze zum Himmel zeigte. Hinter ihr waren eine karge Wüste und ein blutroter Himmel zu sehen. So schön sie auch war, ihre blauen Augen blickten ausdruckslos in die Ferne. Einen kurzen Augenblick glaube Kiro in ihnen etwas leuchten zu sehen. Zwei einfache Kerzen in Metallhalterungen an der Wand spendeten hier ein wenig Licht und er schob den Eindruck auf ihr Flackern. Die Sauberkeit war beeindruckend. Nur ein alter Holzhocker, der umgekippt in der Ecke lag, trübte die Ordnung etwas. Es gab keine Fenster, was dem Ganzen einen noch geheimnisvolleren Charakter verlieh. Nachdem sie sich eine Weile umgesehen hatten, beschlossen sie ebenfalls ein wenig zu schlafen, teilten aber vorher noch Wachschichten ein. In dieser Nacht schlief Kiro unruhig. Er träumte wieder:


In seinem Traum sah er Nadja. Sie kämpfte mit einem unsichtbaren Gegner. Er hatte sie schon verletzt. Überall an ihrem Körper klafften Wunden. Noch schien sie Kraft zu haben und der Kampf dauerte an, doch sah es so aus, als ob der Gegner ihr immer wieder entwich. Auf einmal drehte Nadja sich zu Kiro um und sah ihm in die Augen. „Sucht Nalataja, geht zur Festung und bringt das Opfer. Ich werde euch solange vor Ihm schützen. Aber beeilt euch. Er ist stark und ich kann ihn nur für eine Weile aufhalten.“ Sie lächelte. „Hab keine Angst, wir werden uns wieder sehen.“ Nadjas Gesicht begann zu verblassen. Das letzte, was Kiro hörte, war ihr schmerzerfüllter Schrei aus der Ferne.


24


Am nächsten Morgen war es Martin, der alle Anderen weckte. Die Sonne ging gerade auf und nachdem sie das Nachtlager aufgeräumt hatten, rafften sie ihre Habseligkeiten zusammen, bereit aufzubrechen. Ihre Gastgeberin hatte ein paar Vorräte und eine handgezeichnete Straßenkarte auf einen der Tische gelegt. Es lagen noch zwei alte, löchrige Decken dabei, die sie auch mitnahmen. Ein Blick aus dem Fenster ließ ihren Mut sinken. Über Nacht hatte es weiter geschneit und jetzt lag alles unter einem noch dickeren Teppich aus Schnee. Von den Bäumen rings um das Haus war kaum mehr das Grün zu erkennen. Als sie aus der Tür traten, wehte ihnen ein kühler Wind entgegen. Zwar war es nicht so kalt wie gestern, aber ein Spaziergang würde es trotzdem nicht werden. Auf der Karte der Gastwirtin waren die Wege zur Festung und zum Meer eingezeichnet. Da allen klar war, dass sie bei diesem Wetter nicht eine Woche durchhalten würden, beschlossen sie, sich auf den Weg zur Festung zu machen. Auf der Karte war hier nur ein kleiner Turm eingezeichnet. In kryptischen Buchstaben stand etwas daneben, was aber keiner von ihnen entziffern konnte.

Wie erwartet war das Vorankommen mühsam. Sie wechselten sich an der Spitze mit dem anstrengenden Vortreten der Spuren ab. Der Weg war zunächst eben und verlief zwischen den Bäumen in sanft geschwungenen Kurven. Später stieg er leicht an und so mussten sie häufiger pausieren. Sie sprachen trotz der Anstrengung viel miteinander, da ihre Neugierde groß war, was wohl hinter all dem stecken könnte. Sie kamen mehrfach an Kreuzungen und Gabelungen vorbei. An manchen Bäumen waren Wegweiser und Markierungen angebracht.

Gegen Abend blieb Martin, der gerade an der Spitze ging, plötzlich stehen. „Hört ihr das auch?“ Die Gespräche verstummten. Alle spitzten die Ohren und versuchten herauszufinden, was Martin meinte. Der Stille hörte es zuerst. Das leise Klingeln einer Glocke war zu hören. Der Weg machte etwa hundert Meter weiter vorne eine Rechtskurve und so konnten sie nicht erkennen, was die Ursache des Geräuschs war, aber es schien direkt von dort zu kommen. Sie beschlossen, sich hinter ein paar dick verschneiten Bäumen zu verstecken und abzuwarten. Nach einer Weile wurde das Klingeln lauter und andere Geräusche kamen hinzu. Schließlich bog die Ursache der Geräusche um die Kurve und in ihrem Versteck konnten sie sehen, was da auf sie zukam. Es war ein Fuhrwerk, gezogen von zwei riesigen Tieren, die je drei Höcker hatten. Sie stießen große Wolken warmer Atemluft aus. Auf den ersten Blick wirkten sie furchteinflößend. Auf dem Wagen saß ein Mann, der mit einer Peitsche die Tiere antrieb. Er hieb dabei immer wieder heftig auf sie ein. Auf der Ladefläche seines Wagens standen ein paar Fässer und einige Ballen die dick verschnürt waren. Man konnte nicht erkennen, was sie enthielten. Der Grund des Bimmelns war eine kleine Glocke, angebunden an der Seite des Wagens, die bei jeder Bewegung mitschwang. Aber nicht nur sie, sondern auch der Mann auf dem Wagen schwankte hin und her und es sah so aus, als ob er ziemlich betrunken wäre. Er hatte etwas Zigarettenähnliches im Mund und ein großer Hut saß schief auf seinem Kopf, sodass man sein Gesicht nicht erkennen konnte. Mugh wollte in seinem Versteck vor Begeisterung schon aufspringen und zu dem Wagen laufen, aber Martin hielt ihn zurück. Er fand nicht, dass der Fremde besonders vertrauenswürdig aussah. Erst als der Karren vorüber und das Klingeln kaum mehr zu hören war, kamen sie wieder hinter den Bäumen hervor. „Das muss ein Händler gewesen sein.“ Mugh war ganz aufgeregt. „Also sind hier in der Nähe vielleicht noch viel mehr Menschen.“ Diese Aussicht schien ihm neuen Mut und Kraft zu verleihen, denn ab jetzt stapfte er deutlich schneller voran als vorher. Martin war diese Begegnung immer noch nicht ganz geheuer und bis zum Abend setzte er seinen Weg schweigend fort. Ihr Nachtlager bereiteten sie sich unter ein paar dicht stehenden Bäumen wo bisher kaum Schnee gefallen war. In der folgenden Nacht schlief niemand so richtig, denn trotz der alten Decken war es eisig kalt. Der Junge fror am meisten. Gegen Morgen weckte das Klappern seiner Zähne den Stillen, der ihn mit einer Decke eng umwickelt und sich selbst wärmend dazugelegt hatte. Für Kiro war es eine traumlose Nacht.

Weil alle froren, setzten sie beim ersten Tageslicht feucht und übermüdet ihre Reise nach einem kurzen Imbiss fort. Die Stunden des Tages zogen sich endlos dahin, während sie durch immer neue Schneefelder zogen. Bald sprach kaum mehr jemand. Gegen Mittag, als sie um eine weitere Biegung des Weges kamen, konnten sie einen ersten Blick auf die Festung werfen. Sie lag vor ihnen auf der Spitze einer bewaldeten Anhöhe. An ihrem Fuß ragten steile Felsen auf. Der Weg stieg weiter an, da sie aber jetzt das Ziel vor Augen hatten, schien es nicht mehr ganz so anstrengend. Der Schnee wurde ständig weniger, je näher sie der Festung kamen und auch die Temperatur schien anzusteigen. Am späten Nachmittag waren sie so nah gekommen, dass sie erste Details erkennen konnten. Eine etwa 30 Meter hohe Mauer umgab eine hoch aufragende Ansammlung von Türmen und Türmchen. Der graue Stein, aus dem die Festung bestand, war auf den ersten Blick glatt und ohne Fugen. Die Oberfläche spiegelte leicht. In regelmäßigen Abständen wurde die Mauer von Wachtürmen unterbrochen und an der ihnen zugewandten Seite ragte ein großes Tor auf. Abends, kurz vor Sonnenuntergang kamen sie endlich an der Eisenfestung an.

Hier lag gar kein Schnee mehr und von dem Bauwerk ging eine unwahrscheinliche Wärme aus, sodass sie das erste Mal seit ein paar Tagen ihre Mäntel auszogen. Der Weg hatte auf den letzten hundert Metern einen durchaus gepflegten Eindruck gemacht, und war vor dem Tor in eine Rampe übergegangen. Jetzt standen sie unmittelbar vor einem tiefen Graben. Vor dem großen Tor auf der anderen Seite war eine Zugbrücke heraufgezogen. Bei näherer Betrachtung stellte sich jetzt heraus, dass die Oberfläche der Mauern von Metallplatten bedeckt war, die nahtlos ineinander übergingen. Vermutlich aus demselben Metall bestand ein Pfahl, der am Ende der Rampe direkt neben ihnen stand. An seinem Ende befand sich ein kleines Kästchen. Ein blauer Knopf war vorne angebracht und darunter ein Gitter. Es sah so aus, als handelte es sich hierbei um ein Gerät zur Kommunikation. Während die Anderen noch die Festung bestaunten, drückte der Stille auf den Knopf.


Erst passierte nichts, aber nach ein paar Sekunden war ein leises Knistern aus dem Kasten zu hören. Es wurde stetig lauter und mit einem Mal vernahmen sie eine deutliche Stimme. Es war nicht auszumachen, ob sie männlich oder weiblich war. Eher hörte es sich nach einer künstlichen Stimme an. „Passworteingabe! Sie haben drei Versuche übrig!“ Sie sahen sich verständnislos an. „Hat irgendjemand von euch eine Ahnung, was das für ein Passwort sein könnte?“ Die Anderen waren inzwischen herangekommen, aber als Martin sie fragte, konnten sie nur mit den Schultern zucken. Während sie noch überlegten, meldete sich die Stimme aus dem Kasten wieder. „Eingabe innerhalb von 10 Sekunden erforderlich!“ Nun begann sie mit einem Countdown von 10 abwärts. „Wir sollten uns lieber schnell was überlegen.“ Kiro drängte zur Eile. Gerade hatte die Stimme die „2“ erreicht und war nun bedrohlich laut geworden, da beugte sich der Stille herunter. „Nalataja“, sprach er laut in den Apparat.

Ein leises Klicken war zu hören, dann wieder nur Rauschen. Etwa 2 Minuten vergingen, bis sich die Stimme wieder meldete. „Falsche Eingabe! Noch zwei Versuche übrig!“ Ratlos sahen sie sich an. Keiner hatte auch nur den Ansatz einer Idee. Wieder begann die Stimme mit dem Countdown. Sie zählte nun deutlich schnell. Martin wollte gerade etwas sagen, als die Stimme bei „0“ angekommen war und lauthals verkündete: „Falsche Eingabe! Noch ein Versuch übrig.“ Nach einer kurzen Pause fügte sie hinzu: „Achtung, Lebensgefahr. Dreimalige Falscheingabe führt zur unmittelbaren Vernichtung!“ Mugh wurde bleich, aber Kiro dachte immer noch angestrengt nach. „Wollen wir uns nicht lieber erst mal ein Stück zurückziehen?“ Wartins trat ein paar Schritte zurück, den Blick fest auf einen dicken Baum in ihrer Nähe gerichtet. „Nein!“ Kiro war zum Kasten gegangen. Kurz darauf meldete sich die Stimme wieder. „Passworteingabe! Noch ein Versuch übrig!“ Noch bevor der Countdown wieder begann, sprach Kiro in den Apparat und sagte: „Passworteingabe!“ Der Apparat blieb stumm. „Was sollte das denn?“ Martin war entsetzt. „Glaubst du, dass das Teil Spaß versteht?“ Kiro sagte Nichts. Er wartete ab, was nun geschehen würde. Eine weitere Minute verging, ohne dass sich etwas tat. Wartins wollte schon erneut den Rückzug vorschlagen, als ein lautes, metallisches Poltern zu hören war.

Mit ohrenbetäubendem Lärm begann sich langsam die Zugbrücke zu senken. Martin sah Kiro erstaunt an und musste gegen den Lärm anbrüllen. „Woher hast du das gewusst?“ Kiro brüllte zurück, aber Martin konnte ihn nicht verstehen. Er beschloss es ihn später erneut zu fragen. Alle anderen hielten sich die Ohren zu und warteten bis die Zugbrücke ganz heruntergekommen war. Das dauerte eine ganze Weile. Man gewann den Eindruck, als ob das schon lange nicht mehr passiert war, denn die Ketten, an denen die Brücke befestigt war, hatten deutliche Spuren von Rost und Verfall. Mit einem dumpfen Schlag setzte sie auf der Rampe auf. Der Junge, der die ganze Zeit neben dem Stillen stand, sagte weiterhin kein einziges Wort. Nicht einmal die Ohren hatte er sich zugehalten. Der Stille dachte darüber nach, ob er vielleicht taubstumm war. Das war auf jeden Fall der seltsamste Junge, der ihm je begegnet war. Die ganze Zeit über hielt er sich zu dem Stillen.


25


Der Blick war nun frei auf einen großen Torbogen, der hinter der hochgezogenen Brücke verborgen gewesen war. Zu ihrer Überraschung prangten in großen Neonbuchstaben die Worte „Willkommen in der Spaßburg“ über dem Eingang. Die Buchstaben blinkten abwechselnd rosa und gelb. Eigentlich sah das ziemlich hässlich aus, fand Kiro. „Bin ich der Einzige, dem das hier ziemlich verdächtig vorkommt?“ Martin trat einen Schritt auf die Brücke. Sie schien zu halten. „Wir haben wohl kaum eine andere Möglichkeit.“ Kiro ging an ihm vorbei und die Anderen folgten ihm.

Unter ihren Schritten schwankte die Brücke leicht. Sie war so breit, dass sie bequem nebeneinander Platz hatten. Auf beiden Seiten ging es etwa 15 Meter in die Tiefe. Unten befand sich ein Geröllfeld. Einer nach dem Anderen ging unter dem Torbogen hindurch. Mugh kam als Letzter. In dem Moment, als er seinen Fuß von der Brücke nahm, begann sie sich wie von Geisterhand wieder zu heben. Im Inneren war der Lärm nun nicht mehr ganz so stark. Sie befanden sich nun in einem gemauerten Gang, der sich an das Tor anschloss. An der Wand waren Leuchtpfeile angebracht, die den Weg wiesen und den Gang geringfügig erleuchteten. Nachdem sich die Zugbrücke wieder gehoben hatte, war es ziemlich dunkel im Gang geworden. Nach ein paar Metern machte er eine leichte Biegung nach rechts und kurz darauf fanden sie sich auf einem weitläufigen und hellen Hof wieder. Vor ihnen erstreckten sich gepflegte Rasenflächen und gepflasterte Wege, die in Mustern das Gras durchzogen. An ihren Rändern wuchsen bunte Blumen und kleine Statuen von Fabelwesen standen vereinzelt herum. Jenseits der Wiese erhob sich die eigentliche Festung. Ihre Wände stiegen senkrecht auf und nur selten wurde die spiegelglatte Oberfläche von kleinen Fenstern durchbrochen. Am Fuß der Mauer entdeckte Kiro nur eine einzige, kleine Tür. Sie war aus dunklem Holz gefertigt und mit Metallbeschlägen verstärkt. Von weitem sah es so aus, als ob sie einen Spalt breit offen stehen würde. Während Mugh, der Stille und Wartins noch staunend durch den Garten streiften, waren Kiro und Martin zu der Tür gegangen. Vorsichtig schob Martin sie auf. „Scheint so, als ob wir hier weitergehen sollen. Einen anderen Weg kann ich nicht erkennen.“ „Ich denke wir sollten noch etwas den Garten erkunden, bevor wir weitergehen. Wenn sich diese Tür auch hinter uns schließt, gibt es kein Zurück mehr.“ Martin ließ Kiros Einwand gelten und so kehrten sie zu den Anderen zurück. Mugh kam ihnen schon entgegengelaufen. „Wir haben einen Brunnen entdeckt!“ Er war ganz aufgeregt. In seiner Hand hielt er einen prall gefüllten Wasserschlauch. Auf Gesicht und Umhang waren überall Wasserspritzer.

Am einen Ende des Halbmondförmigen Hofes befand sich an der Mauer ein riesiger Brunnen. Aus mehreren steinernen Tierköpfen schoss in dicken Strahlen kristallklares Wasser. Der Stille erzählte Kiro später, dass er Mugh eigentlich hatte aufhalten wollen das Wasser sofort zu trinken, aber dieser war losgestürmt, sobald er den Brunnen gesehen hatte. Fast war er hineingefallen, so stürmisch hatte sich Mugh das Wasser in den Mund geschöpft. Unterhalb der Köpfe befand sich ein halbrundes Becken, welches das Wasser auffing. Es war so groß, dass man sich hätte bequem hineinlegen können. Die eisige Kälte des Wassers hielt sie jedoch davon ab.

Während sich alle erfrischten erkundete Kiro unbemerkt weiter den Hof. Er wollte sehen, was sich am anderen Ende befand. Von Weitem schon sah er, dass sich dort auch ein Brunnen befand. Auf den ersten Blick entsprach er fast genau dem auf ihrer Seite. Er wollte sich gerade wieder abwenden, als ihm etwas auffiel. Das Wasser, das dieser Brunnen ausspie, schien seltsam anders zu sein. Als er näher kam, wehte ihm schon ein fauliger Geruch entgegen und je dichter er herantrat, desto schlimmer wurde es. Auch das Gras war hier nicht mehr saftig und grün, sondern hatte eine hässliche, gelbe Farbe. Die Gesichter der Tiere, welche die dunkle, stinkende Brühe verspritzten, waren auch nicht so fein in den Stein geschnitten wie auf der anderen Seite. Diese Tiere hier waren grobe, entstellte Fratzen und grinsten ihn hämisch an. In der Nähe des Beckens war der Geruch so stark, dass Kiro ihn sogar schon fast schmecken konnte. Für einen Moment atmete er unfreiwillig die Luft tief ein und sofort wurde ihm ganz übel und schwindelig. Er konnte sich gerade noch am Beckenrand festhalten, bevor er das Bewusstsein verlor und zu Boden sank.


Wieder sah er Nadja. Sie lag auf dem Boden und aus einer großen Wunde an ihrer Seite quoll Blut. Ihr Umhang war vom Kampf völlig zerrissen und Nadjas Augen waren geschlossen. Ihr Anblick erfüllte ihn mit tiefem Schmerz. Über ihr, einige Meter in der Luft, schwebte eine dunkle, unförmige Gestalt, die sich langsam auf sie herabsenkte. Kiro wollte schreien und zu seiner Überraschung vernahm er auch seine Stimme. Die dunkle Gestalt sah auf. Sie schien ihn gehört zu haben. Langsam stieg sie wieder auf und mit einem Mal war sie verschwunden. Kiro hörte eine leise, säuselnde Stimme. „Ihr könnt nicht entfliehen…“ Das Bild verblasste.

Jemand rüttelte an Kiros Schulter und langsam kam er wieder zu sich. Das Erste was er sah, war Martins Gesicht. „He Mann, wach auf! Was ist mit dir passiert?“ „Der Brunnen…“ Kiro konnte erst nur stammeln. „Welcher Brunnen?“ Martin sah ihn erstaunt an. Langsam setzte sich Kiro auf und sah sich um. Er lag auf dem Gras unweit dem anderen Ende des Hofes. Die Wand, an der sich eben noch der Brunnen mit dem übel riechenden Wasser befunden hatte, war kahl und keine Struktur ließ sich mehr erkennen. Kiro war fassungslos. Er stand stöhnend auf. Behutsam legte er seine Hand auf die Wand. Die Metallplatten fühlten sich glatt und warm an. Seine Gefährten tauschten hinter ihm unsichere Blicke aus. Das Verhalten von Kiro war für sie äußerst merkwürdig. Martin legte ihm die Hand auf die Schulter. „Kiro, was ist passiert? Geht es dir gut?“ Langsam ließ Kiro die Hand sinken. „Nadja. Ihr geht es schlecht. Vielleicht ist sie schon tot…“ Er schloss die Augen. „Wir können nichts für sie tun. Außerdem, woher willst du das denn so genau wissen?“ „Ich habe es gesehen! Eben gerade. Sie hat den Kampf verloren.“ Mugh zog hörbar die Luft ein und der Stille zuckte unwillkürlich zusammen. Kiro fasste sich allmählich wieder und drehte sich zu seinen Freunden um. „Wir müssen uns beeilen. Lasst uns keine Zeit mehr verlieren.“ Niemand erhob Einspruch.

Der Gruppe voraus ging Kiro zurück zu der kleinen Tür. Gemeinsam traten sie hindurch. Im schwachen Licht der Fenster war eine Treppe zu erkennen. Sie verlief spiralförmig nach oben und war so schmal, dass sie nur hintereinander emporsteigen konnten. Schweigend machten sie sich and den Aufstieg. Die kleine Treppe zog sich endlos hinauf. Nur etwa alle drei Umdrehungen warf ein Fenster etwas Licht herein. Wie hoch sie schon gekommen waren, konnte man nicht erkennen, da das Glas der Fenster milchig trüb war uns so keinen klaren Blick zuließ. Mugh, den das Treppensteigen wohl am meisten anstrengte, kamen es wie Stunden vor, die sie mit dem Aufstieg zubrachten. Er musste sich oft hinsetzten um Atem zu schöpfen. Für die Anderen war es zwar nicht ganz so anstrengend, sie nutzen aber die Pausen ohne Murren aus. Nach einer Ewigkeit langten sie endlich am Ende der Treppe an. Kiro trat in den Gang, der sich an das Treppenhaus anschloss. „Eintausend.“ Martin sah ihn fragend an. „Es sind genau 1000 Stufen gewesen.“ „Hast du etwa mitgezählt?“ Martins Blick war ungläubig uns bewundernd zugleich. Kiro wollte schon etwas erwidern, wurde aber von Mugh unterbrochen. „Seht euch das an! – Unglaublich!“ Den Gang, in dem sie sich nun befanden, war eigentlich gar kein Flur, sondern vielmehr eine breite Galerie. Mehrere Meter über ihren Köpfen hingen reich verzierte Leuchter und an den Wänden waren kunstvoll geknüpfte Teppiche angebracht. Alles schien sehr gepflegt zu sein. Nirgends war ein Zeichen des Verfalls zu erkennen. In regelmäßigen Abständen hingen Portraitbilder an der Wand. Das rechts von ihnen zeigte einen alten und ehrwürdig aussehenden Mann in prächtiger Kleidung und mit einer Krone auf dem Kopf. Über dem Bild auf einem goldenen Schildchen befand sich eingravierte wohl der Name, der aber auch hier in kryptischer Schrift geschrieben war und so von keinem entziffert werden konnte. Zu ihrer Linken befanden sich die Bilder von Frauen mit ebenso verschwenderischer Kleidung und Schmuck. Auch wenn alle Bilder frei von Staub und Zerfall waren, wirkten sie doch schon sehr alt. Auf dem Einen oder Anderen bildete sich bereits ein feines Netzwerk von Rissen.

Je weiter sie kamen, desto neuer schienen die Bilder zu sein. Immer paarweise hingen sich ein Mann und eine Frau gegenüber. Insgesamt 23 Bilderpaare zählten sie auf dem Weg den breiten Gang entlang. Auch hier fiel nur wenig Licht durch milchige, bleiverglaste Fenster. Am Ende des Flures befand sich noch ein weiteres Nischenpaar. Jedoch hingen hier keine Bilder. Auf dem Boden davor fanden sie nur einige schwarze Leinwandfetzen und Stücke von einem Rahmen. Das stand auffällig im Kontrast zu dem sonst so sauberen Flur. Die Gruppe war staunend von einem Bild zum nächsten geschritten und ein Bild hatte mehr Bewunderung ausgelöst als das andere. Nun standen sie vor einer massiven Flügeltür aus Holz. Die schwarzen Türflügel waren mit dicken Metallbänden beschlagen. Von der Tür ging eine Härte aus, die so gar nicht zu der Wärme der Galerie passte. Beide Türflügel schlossen nahtlos miteinander ab, sodass der Blick hindurch unmöglich wurde. Weder eine Klinke noch etwas anderes zum Öffnen konnten sie finden. Nur zwei große, schwere Metallringe hingen in Augenhöhe am Holz der beiden Türflügel. Unübersehbar in der Mitte und über beide Flügel hinweg prangte das Symbol, das sie jetzt schon so oft gesehen hatten, auf dem Tor: Der Kreis mit dem Dreieck in der Mitte. Ehrfürchtig versammelten sich alle vor dem Portal. Kiro versuchte einen der Ringe hochzuheben, schaffte es aber nicht. Erst als Martin ihm half, konnten sie den Ring anheben und ließen ihn gegen das schwere Holz krachen. Ein dumpfer Schlag ließ das Tor und den Boden erzittern. Jedoch rührte sich nichts mehr, nachdem der Schlag verklungen war. Noch zwei weitere Male ließen sie den überdimensionalen Türklopfer herunterfallen. Nachdem auch der dritte Schlag verhallt war, setzten sich die Türflügel lautlos in Bewegung. Langsam schwang das Tor auf.


26


Der Kampf hatte lange gedauert. Obwohl es Nadja wie Stunden vorgekommen war, mussten wohl Tage vergangen sein. Nachdem sie dafür gesorgt hatte, dass ihre Freunde in Sicherheit waren, hatte sie sich ihrem Verfolger gestellt. Von Anfang an war ihr klar gewesen, dass dies ein Kampf auf Leben und Tod sein würde. Durch einen ultimativen Akt der Konzentration war es ihr gelungen eine Barriere zwischen sich und dem Schatten aufzubauen, aber jede seiner Attacken schwächte sie zunehmend. Der Schatten war kein körperliches Wesen, sodass ihr Kampf zunächst ein vollkommen mentaler war. Je mehr aber ihre Schutzbarriere schwand, desto mehr litt sie auch körperlich unter den Angriffen. Der Schatten begann nun Dinge in der Umgebung zu benutzen um ihr Schaden zuzufügen. Er schleuderte ihr Autowracks, Laternenpfähle und ganze Mauerstücke entgegen. In der näheren Umgebung war die Stadt schon völlig zerstört und glich einem einzigen Trümmerfeld. Nach einer Weile war Nadja so geschwächt, dass sie sich nur noch schwer konzentrieren konnte. Sie hatte immer mehr Mühe den Attacken auszuweichen. Ein Metallstück traf hart am Arm und schleuderte sie herum. Kurze Zeit später traf sie auch etwas am Bein. Sie taumelte, konnte sich aber gerade noch aufrecht halten und eine Autotür abwehren, die nur um Zentimeter ihren Kopf verfehlte. Nadja beschwor das Bild Kiros in ihrem Geist herauf und das gab ihr neue Kraft. Ein letztes Mal warf sie dem Schatten alles entgegen, was sie aufbieten konnte. Ihr war bewusst, dass dies das Ende für sie bedeuten konnte.

Mit einem Mal verspürte sie einen brennenden Schmerz an ihrer Seite. Nadja schwankte und dann gaben ihre Beine nach. Sie hob den Kopf. Der große Glassplitter eines Fensters hatte ihre Seite weit aufgerissen. Das Blut strömte aus einer großen Wunde. Langsam verschwammen die Konturen der Umgebung. Gleich würde sie in Schwärze versinken. Nadja spürte den Schatten über sich. Er war ihr nun ganz nah. Sie bündelte ihre letzten mentalen Kräfte und rief im Geist nach Kiro. Dann umfing sie die Dunkelheit. Sie schien zu fallen, immer tiefer und tiefer. Kälte durchströmte sie. Eine Stimme, ganz leise und von fern.


„Nadja…Wo willst du hin? Deine Freunde brauchen dich!“ „Ich bin zu schwach. Ich muss jetzt sterben.“ „Es ist noch nicht an der Zeit für dich. Dein Weg geht noch weiter…“ „Hilf mir. Hilf mir zu leben!“ „So soll es sein…“ Ein Licht bewegte sich auf sie zu. Wie ein Suchscheinwerfer in der Nacht. Erst klein und dann immer größer. Schließlich umfing sie das Licht ganz. Sieben Lichter schwebten über ihr. Aus weiter Ferne vernahm sie Stimmen. Geräusche drangen durch eine dicke Wand von Nebel. Piepsen, Gesprächsfetzen, Klirren von Metall und dann Musik, fremde Musik. Nadja sank wieder tiefer und verschwand in der Tiefe des Schlafes. Sie träumte von der Zeit als sie noch klein war. Damals war ihre Welt noch heil gewesen. Ohne Grausamkeit und Schmerz. Mit ihrer Mutter und ihrem älteren Bruder hatte sie auf einem kleinen Mond gelebt, der durch ein wissenschaftliches Terraformingprojekt bewohnbar gemacht worden war. Nadja war mit viel Natur aufgewachsen. Vater und Mutter hatten hart für dieses Leben gearbeitet. Leider hatte sie ihren Vater nie kennen gelernt, da er kurz vor ihrer Geburt bei einem Einsatz als Kampfpilot ums Leben gekommen war. Damals war der Krieg noch weit weg und unbedeutend gewesen. Niemand hatte gedacht, dass es sie einmal direkt betreffen würde. Einige Jahre später hatte es aber eine Wendung im Verlauf des Krieges gegeben. Nach und nach war ein Sternensystem nach dem anderen in die Hände des Feindes gefallen. Nadja selbst kannte zu dieser Zeit die andere Seite nicht. Es wurde den Kindern nur immer wieder erzählt, dass der Feind auf die totale Vernichtung ihrer Rasse aus war und er mit allen Mitteln bekämpft werden musste.

Dann kam die Flucht. Ihr Bruder, den sie über alles liebte, wurde gegen den Willen ihrer Mutter zu den Streitkräften eingezogen und sie selbst mussten die Heimat verlassen. Auf großen Raumschiffen wurden sie evakuiert und durchliefen verschiedene Auffanglager, bevor sie auf einem Planeten im Delta-Sektor landeten. Hier verbrachten sie einige Jahre, aber die Lebensbedingungen waren schlecht und ihre Mutter, die von den Strapazen der Flucht ziemlich ausgezehrt war, wurde bald krank und starb wenig später. Von ihrem Bruder fehlte zu dieser Zeit jede Spur und so kam sie in ein Waisenhaus. Dies sollte die schrecklichste Zeit ihres Lebens werden, aber Nadja lernte dort auch viel. Sie begann sich gegen andere durchzusetzen und verdiente sich Respekt. Die anfänglichen Übergriffe der älteren Kinder wurden weniger und nach einer Weile wurde sie ganz in Ruhe gelassen. Sobald sie Volljährig geworden war, musste sie das Haus verlassen und sah sich augenblicklich mit ganz neuen Herausforderungen konfrontiert. Nadja versuchte sie sich mit Gelegenheitsjobs durchzuschlagen, was aber mehr schlecht als recht gelang. Eines Tages, als sie für eine Bande von Drogenhändlern Schmiere stand, war auf einmal das Militär überall. Die Transaktion war verraten worden. Sie wurde festgenommen und zu einer Bewährungsstrafe verurteilt. Einem der Beamten tat sie aber leid und er bot ihr eine Arbeitsstelle in einem Verwaltungsbüro an. Nadja nutze die Chance und hatte bald schon Gefallen an dem Job gefunden. Die Arbeit war zwar langweilig und nicht besonders anspruchsvoll, aber sie brachte regelmäßiges Geld. Die Zusammenarbeit mit den Kollegen war schwierig und die Eingewöhnung dauerte lang. Nach einer Weile hatte sie akzeptiert, dass sie sich ihre Freunde in anderen Kreisen suchen musste. Wenig später war sie das erste Mal mit den „Verstummten“ in Kontakt gekommen.


Ein leichtes Kitzeln an ihrem Ohr ließ sie wieder zu Bewusstsein kommen. Um sie herum war alles sehr hell. Nur verschwommen nahm sie die Umrisse von Menschen wahr, die um sie herum standen. „Sie kommt zu sich.“ Eine männliche Stimme flüsterte etwas, aber Nadja konnte es trotzdem verstehen. „Ein Wunder, dass sie überhaupt noch lebt.“ Nadjas Kopf tat furchtbar weh. Sie versuchte etwas zu sagen, aber ihre Stimme versagte und es kamen nur unverständliche Laute aus ihrem Mund. Sie versuchte sich aufzurichten, aber auch dies gelang ihr nicht. Ihre Muskeln gehorchten ihr nicht mehr. „Beruhigen sie sich. Es gibt keinen Anlass zur Sorge.“ Eine warme Hand legte sich auf ihre Schulter. Nadja erschauderte. Immer noch war ihr Blick verschwommen und sie konnte nicht erkennen, wer zu ihr sprach. „Sie haben eine lange Operation hinter sich und benötigen jetzt viel Ruhe.“ Nadjas Gedanken drehten sich im Kreis. Sie verstand nicht was hier passierte. Sie wollte der Stimme, die sie zu beruhigen versuchte, sagen, dass kaum noch Zeit blieb. Die musste ihre Freunde finden und sie warnen. Mit einem wahnsinnigen Kraftaufwand versuchte sie die Worte zu formulieren. Eins nach dem anderen, doch vor lauter Erschöpfung verlor sie wieder das Bewusstsein.

Als Nadja wieder zu sich kam, war das Licht im Raum viel dunkler. Nachdem sie ein paar Mal geblinzelt hatte, schärfte sich ihr Blick. Sie befand sich in einem hell gestrichenen Raum und lag in einem Bett. Über ihr an der Decke waren zwei lange Röhren angebracht, die ein unangenehm kaltes Licht verströmten. Zuerst dachte Nadja der Raum wäre nach links hin offen, erkannte aber gleich darauf, dass es sich um eine breite Fensterfront handelte, die den Blick auf ein paar Bäume und den rötlichen Abendhimmel freigab. Neben dem Bett stand ein kleiner Tisch, auf dem ein Glas mit Wasser stand. Neben dem Glas befanden sich ein Krug und ein kleiner Teller mit einer gelben Masse. Sie drehte ihren Kopf vorsichtig nach rechts. Zu ihrer Rechten befand sich ein weiteres Bett. Es war leer. An der kahlen Wand entlang wanderte ihr Blick bis zur geschlossenen Tür. Sie schien ungewöhnlich breit zu sein. Ihr Hals schmerze und fühlte sich staubtrocken an. Offenbar war sie nicht gestorben. Wie sie aber hierher gekommen war, konnte sich Nadja im Moment nicht erklären. Sie musste sich in einer Art Krankenhaus befinden, jedoch kam es ihr sehr rückständig vor und sie sah keine Computer oder elektronischen Kontrollgeräte, die typisch für ein Krankenhaus waren so wie sie es kannte. Weiter kam sie nicht mit ihren Gedanken, denn in diesem Moment öffnete sich die Tür und eine Frau mit einem weißen Kittel und einer seltsamen Haube kam herein. Sie hatte etwas in der Hand und kam auf ihr Bett zu.

„Oh, guten Abend! Sie sind also endlich aufgewacht. Der Doktor hatte sich schon Sorgen gemacht, dass sie so lange schlafen. Sie müssen wohl Einiges hinter sich haben. Was ihnen wohl zugestoßen ist?“ Nadja wollte etwas sagen, aber ihr Mund war immer noch so trocken, dass sie stattdessen einen Hustenanfall bekam, der wieder heftige Schmerzen verursachte. „Warten sie, ich helfe ihnen.“ Die Frau drückte einen Hebel am Bett und hob langsam das Kopfende des Bettes an, bis es mit einem Klicken leicht angewinkelt einrastete. Sie nahm das Glas vom Tisch und führte es Nadja an die Lippen, die vorsichtig einige Schlucke trank. „Mein Name ist übrigens Schwester Tabea“, sagte die Frau, indem sie das Glas zurück auf den Tisch stellte. Nadja ließ sich zurück in das Kissen sinken. In dieser aufrechten Position konnte sie jetzt ihre Beine sehen. Das eine steckte in einem dicken Verband und sie konnte es nicht bewegen. „Nadja“, stieß sie müde hervor. Es klang mehr nach einem Krächzen als nach ihrem Namen. Die Schwester lächelte. „Endlich wissen wir etwas mehr über sie. Offenbar hat man ihnen alles abgenommen, was uns verraten würde wer sie sind. Wenn sie möchten, können sie etwas essen, aber sollten sie sich noch zu schwach fühlen kann das auch noch warten.“ Sie deutete auf einen Metallständer am Kopfende des Bettes, an dem ein durchsichtiger Beutel hing. An ihm war ein dünner Schlauch befestigt, der zu ihrem rechten Arm führte. An dieser Stelle bedeckte ein kleiner Verband ihren Arm. Nadja verstand den Sinn dieser Apparatur nicht, war aber zu müde um die Schwester zu fragen. Diese hatte sich in der Zwischenzeit einen Stuhl herangezogen und den Teller vom Tisch genommen. Sie häufte etwas von dem gelben Brei auf einen Löffel. Eigentlich hatte Nadja keinen Appetit, aber der Hunger gewann die Überhand und sie ließ sich den Löffel in den Mund stecken. Wider Erwarten schmeckte es gut, sogar fast delikat. Erst jetzt wurde Nadja bewusst, wie lange sie schon keine warme Mahlzeit mehr zu sich genommen hatte. Der Geschmack war schwer zu definieren, kam aber der Frucht des Arebobaumes nahe, die sie als Kind gerne gegessen hatte. Die Schwester schien bemerkt zu haben, dass es ihr schmeckte und schob ihr so einen Löffel nach dem anderen in den Mund, bis der Teller fast leer war.

„Nun sollten sie etwas schlafen. Morgen wird der Doktor noch einmal nach ihnen schauen.“ Sie stand auf und mit dem Ding, das sie mitgebracht hatte, ging sie um das Bett herum. In der kleinen Spritze befand sich eine ebenfalls klare Flüssigkeit. Bevor Nadja protestieren konnte, stach die Schwester an einer bestimmten Stelle in den Schlauch an ihrem Arm und drückte die Flüssigkeit langsam hinein. „Das wird ihnen helfen zu schlafen.“ Sie lächelte Nadja noch einmal zu, nahm den Teller mit und goss noch etwas Wasser in das Glas nach, bevor sie zügig den Raum verließ. Ein paar Minuten später sank Nadja in einen traumlosen Schlaf, aus dem sie erst am nächsten Morgen wieder erwachte.


Anders als noch am Abend zuvor war der Raum von Licht durchflutet, als Nadja am nächsten Morgen die Augen öffnete. Die Sonne schien zwischen den Wipfeln der Bäume hindurch und durch das geöffnete Fenster wehte ein leichter Wind in das Zimmer. Am Fußende ihres Bettes stand ein Mann. Er trug den gleichen weißen Kittel wie die Schwester gestern. Nadja vermutete, dass er der Doktor war, von dem Schwester Tabea gesprochen hatte. Der Schlaf hatte Nadja einen Teil ihrer Kraft zurückgegeben, doch merkte sie deutlich wie schwach und entkräftet sie noch immer war, als sie versuchte sich im Bett aufzurichten. Der Arzt, der gerade etwas auf einem Blatt las, schaute auf und bemerkte, dass Nadja wach war. „Guten Morgen!“ Sein Gesicht strahlte. „ Mein Name ist Doktor Brenner. Ich hoffe, sie haben gut geschlafen.“ Nadja war noch etwas benommen und nickte geistesabwesend. „Ich hätte noch ein paar Fragen an sie. Vor allem bezüglich ihres Namens. Nur einige Formalitäten.“ Er zückte einen Stift und schrieb etwas auf das Klemmbrett in seiner Hand. „Ihr Name ist Nadja?“ Sie nickte. „Wie lautet ihr vollständiger Name?“ Nadja antwortete nicht auf die Frage. „Wo bin ich hier und wie komme ich hierher?“ Ihre Verwirrung war nicht gespielt. Der Arzt runzelte die Stirn. „Sie können sich nicht mehr erinnern?“ Er schrieb noch eine kurze Notiz nieder und legte dann das Klemmbrett zur Seite. „Ich denke, die Fragen können wir auch später noch klären.“ Er räusperte sich. „Eine Polizeistreife hat sie vor zwei Tagen übel zugerichtet in einem Park ganz in der Nähe gefunden, nachdem ein anonymer Anruf in der Leitstelle eingegangen ist. Sie wurden hier mehr tot als lebendig eingeliefert. Eigentlich ist es ein echtes Wunder, das sie noch leben.“ Er überlegte kurz. „Wissen sie in welcher Stadt sie sich befinden?“ Nadja schüttelte den Kopf. Kaum merklich hob der Arzt die Augenbrauen. „Sie sind hier im städtischen Krankenhaus von New York.“ Von dieser Stadt hatte Nadja noch nie etwas gehört. „Welcher Planet, auf welchem Planeten befinden wir uns?“ Jetzt sah sie der Arzt mit offensichtlichem Staunen an. „Auf der Erde natürlich! Und das Jahr ist 1983. Aber das wussten sie ja bereits.“ Sein Tonfall war nun deutlich sachlicher geworden. Nadja ärgerte sich über ihre unbedachte Äußerung. Jetzt hielt man sie wahrscheinlich auch noch für verrückt. „Ich werde jemanden vorbeischicken, der ihnen die Verbände wechselt.“ Er wand sich zu Gehen. „Wenn ihnen noch etwas einfällt, was sie uns mitteilen möchten, dann brauchen sie nur den roten Knopf neben dem Bett zu drücken. Eine Schwester wird dann nach ihnen sehen. In drei oder vier Tagen können wir probieren, ob sie aufstehen können. Bis dahin bewegen sie sich bitte möglichst wenig.“ Er öffnete die Tür. „Wir sehen uns morgen wieder.“ Kurz darauf war er verschwunden.

Es war Nadja schon klar geworden, als der Arzt die ersten Fragen gestellt hatte, aber jetzt fühlte sie es noch deutlicher. Sie war hier nicht sicher. Man würde nicht aufhören ihr Fragen zu stellen. So schnell es ging musste sie von hier verschwinden. Mit aller Kraft versuchte sie das Bein in dem Verband zu bewegen, aber es gelang ihr nicht. Nur ihre Zehen ließen sich ein wenig bewegen. Als sie sich gerade ein Stück weiter in eine sitzende Position aufrichten wollte, schossen ihr lähmende Schmerzen durch den Bauch. Augenblicklich ließ sie sich wieder in die Kissen sind. Sie schloss die Augen und atmete schwer, bis der Schmerz einigermaßen abgeklungen war. So bald wie sie gerne wollte, würde sie hier wohl nicht verschwinden können. Geduld, sie musste Geduld haben. Wenn das hier wirklich das Jahr 1983 war, würde die Heilung eine Weile dauern. Zu ihrer Zeit wäre die Versorgung dieser Verletzungen vermutlich eine Sache von Stunden gewesen. Aber hier, mit diesen primitiven Techniken und Mitteln konnte sie kaum etwas Ähnliches erwarten. Wut stieg in Nadja hoch, dann ein Gefühl der unendlichen Ohnmacht und schließlich Tränen.

Eine halbe Stunde später klopfte es und eine Schwester kam ins Zimmer. Während sie Nadjas Verbände wechselte, verfolgte diese das Geschehen aufmerksam. Sie wollte unbedingt wissen, wie schwer sie verletzt war. Noch hatte sie nicht aufgegeben. Überall am Körper hatte Nadja Abschürfungen, Prellungen und kleinere Schnittwunden, die aber allesamt nur oberflächlich waren. Ihren linken Arm und das Bein hatte es hingegen schlimmer erwischt. Um den Oberarm lag eine Schiene. Auf ihre Frage teilte ihr die Schwester mit, dass er an zwei Stellen gebrochen war. Die Wunde am Bein war zwar groß und schmerzhaft, jedoch nur eine Fleischwunde und so nicht besonders gefährlich. Eine Narbe würde auf jeden Fall zurückbleiben. Die weitaus größte Verletzung befand sich an ihrer linken Seite. Hier war sie mit vielen Stichen genäht worden und auf ihre weiteren Fragen sagte ihr die Schwester, zunächst nur zögerlich, dass sie auch erhebliche innere Verletzungen erlitten hatte. In einer mehrstündigen Notoperation war sie von den Ärzten wieder zusammengeflickt worden. Nachdem die neuen Verbände angelegt waren, half ihr die Schwester dabei etwas zu essen und anschließend versuchte Nadja etwas zu schlafen. Sie empfand eine tiefe und überwältigende Müdigkeit.


Nalataja


27


Vor ihnen lag ein weiter Saal. Seine Ausmaße waren gigantisch. Säulen stützten die gewölbte Decke ab, die sich gut 20 Meter über ihnen erhob. Der Boden, der aus grau marmoriertem Stein bestand, war glatt und die fugenlose Oberfläche spiegelte alles, was sich darauf befand. In alle Richtungen erstreckte er sich der Saal und verlor sich im Halbdunkel. Das einzige Licht kam durch kleine Fenster an den Flanken der Halle. Mit einem dumpfen Stoß schlossen sich die Flügeltüren hinter ihnen und es trat vollkommene Stille ein. Kiro konnte sich nicht erinnern jemals eine solche Stille erlebt zu haben. Fast schien es, als würde man ein Bild betrachten, so bewegungslos war die Szene.

Kiro trat behutsam einen Schritt vorwärts. Das Geräusch seiner Tritte hallte aus allen Richtungen wider. In gerade Richtung vom Eingang verlief beidseitig zwei Reihen von Säulen zwischen denen sie sich nun in Bewegung setzten. Sie folgten Kiro, der ein kleines Stück vorgegangen war. Je näher sie der Mitte der Halle kamen, desto heller wurde es. Ein immer stärker werdendes, buntes Glitzern nahm ihnen den klaren Blick auf das Zentrum. Mit der Zeit gewöhnten sich ihre Augen daran und das Bild wurde deutlicher. Zur Mitte hin verschwanden die Säulen ganz und ein frei tragendes Gewölbe von unwahrscheinlicher Höhe erhob sich über ihren Köpfen. Darunter, im absoluten Zentrum, befand sich ein Thron aus Stein. Da sie sich ihm von hinten näherten, konnten sie weiter nichts weiter erkennen, als nur die in den rauen Stein eingelassenen, funkelnden Steine. Es war ein prachtvoller Anblick, wie das Licht gebrochen und in allen Farben zurückgeworfen wurde.

Kiro hatte eben das letzte Säulenpaar hinter sich gelassen, als er einen metallischen Klang und gleich darauf einen Schrei vernahm. Er drehte sich um und sah Martin hinter sich am Boden liegen. Er hielt sich mit schmerzverzerrtem Gesicht den Kopf. „Was ist passiert?“ fragte er erschrocken. Mugh war herangekommen, hob seine Hand und bewegte sie langsam vorwärts. An einem bestimmten Punkt blieb sie mitten in der Luft stehen. Mugh versuchte sie weiter vorwärts zu bewegen, aber er kam keinen Zentimeter weiter. „Es ist eine unsichtbare Barriere! So etwas wie ein Kraftfeld!“ Mugh nahm seine Hand zurück. „Sie hat dich passieren lassen, aber wir kommen nicht vorbei.“ Kiro trat einen Schritt auf sie zu und stieß ebenfalls gegen etwas Hartes. Nacheinander versuchten der Stille, Wartins und Martin die unsichtbare Barriere zu überwinden. Alle scheiterten sie. „Du musst weiter.“ Martin sah ihn an. An seinem Kopf bildete sich bereits eine dicke Beule. „Wir werden hier warten.“ Kiro nickte. Er drehte sich um und ging auf den Thron zu. Seine Freunde versuchten ihm in einem Bogen zu folgen, mussten aber feststellen, dass sich die Barriere auch seitlich von ihnen zwischen den Säulen befand und sie so in dem kleinen Bereich hinter dem Thron gefangen waren. Kiro hatte inzwischen den Thron umrundet und stand nun davor. Er war leer. Zuerst war Kiro erstaunt. Unbewusst hatte er jemanden erwartet, aber mit einem leeren Thron hatte er nicht gerechnet. Ein kurzer Anflug von Panik erfasste ihn. Mehrere Minuten stand er reglos da. Dann, einem spontanen Impuls folgend, ging er auf den Thron zu und setzte sich. Der Stein fühlte sich warm an. Auch in die Armlehnen waren verschiedene Steine eingelassen. Auf der rechten Seite schien aber einer zu fehlen, denn hier befand sich ein Loch. Es sah so aus, als hätte man den Stein, der hier einmal gewesen war, heraus gebrochen. Kiro lehnte sich zurück. Trotz der Härte des Steins saß er bequem. Nur irgendetwas an seinem Bein störte ihn. Er griff in seine Tasche, wo etwas drückte. Seine Hand stieß auf einen Gegenstand und er zog ihn heraus. Er hielt den blauen Klangstein aus Fargos Laden in seiner Hand. Der Stein hatte sich verändert und ein pulsierendes Leuchten drang aus seinem Inneren. Während Kiro ihn noch staunend in der Hand hielt, kam ihm eine Idee. Er drehte den Stein etwas um die eigene Achse und führte ihn zu der Öffnung in der Armlehne. Vorsichtig ließ er den blauen Stein hineingleiten. Er passte perfekt. Im gleichen Moment erfasste eine Welle von Wärme Kiros Körper. Ein überwältigendes Gefühl der Behaglichkeit und Geborgenheit breitete sich in ihm aus und er schloss seine Augen.


Als Kiro die Augen wieder öffnete, befand er sich nicht mehr in dem gigantischen Saal auf dem steinernen Thron. Er stand in einem kleinen Raum, der von einer schwachen Lampe an der Decke spärlich erleuchtet wurde. Ein paar Schritte von ihm entfernt stand ein Tisch, an dem ein Mann saß und hastig etwas auf einer Schreibmaschine tippte. Überall auf lagen Zettel und zerknülltes Papier herum. Der Mann sah alt aus. In seinem Mund steckte eine Zigarette, von der ruhig ein dünner Faden Rauch emporstieg. Neben der Schreibmaschine lag eine umgekippte Tasse. Ihr dunkelbrauner Inhalt hatte sich über den Tisch ergossen und war eingetrocknet. Offenbar war dies schon vor einiger Zeit geschehen. Hinter dem Mann an der grauen Wand hing eine altertümliche Uhr. Kiro hörte deutlich das Ticken des Uhrwerkes, jedoch hatte sie keine Zeiger. Überhaupt war das Ticken der Uhr das einzige Geräusch, was er bewusst wahrnahm. Kiro trat nach vorne und stand nun unmittelbar vor dem Schreibtisch. Der Mann sah auf. „Was wollen sie?“ Mürrisch blickte er durch Kiro hindurch. Sein Blick streifte Kiros Gesicht. „Ah, sie sind es! Gehen sie hinein, sie werden bereits erwartet.“ Mit der Hand wies er nach rechts auf eine Tür. Kiro wand sich zum Gehen. „Seien sie vorsichtig. Es geht ein paar Stufen hinunter und die Treppe ist nicht mehr im besten Zustand.“ Kiro nickte, ohne wirklich zu verstehen was hier vor sich ging und öffnete die Tür. Eine schmale Holztreppe ohne Geländer schloss sich an die Tür an. Nach einigen Metern befand sich eine weitere Tür. Die Stufen waren tatsächlich in einem erbärmlichen Zustand und sahen so aus, als ob sie jeden Moment zu Staub zerfallen wollten. Links und Rechts von der Treppe ging es ins Bodenlose herunter. Kiro konnte nicht erkennen, was unten war. Vorsichtig stieg er hinab und öffnete die zweite Tür.

Er fand sich in einem weiteren kleinen Raum wieder, der ebenso in Grau gehalten war, wie das Büro des alten Mannes. Eigentlich sah dieser Raum genau gleich aus wie das Büro. Auch hier befand sich ein Schreibtisch, mit der Ausnahme, dass ein wackliger Holzstuhl davor stand. Hinter dem Tisch saß eine Frau. Kiro erkannte sofort wer da saß und ihn mit freundlicher Miene anlächelte. Es war die Frau von dem Bild in dem kleinen Raum des Wirtshauses. Im Gegensatz zu dem Bild war sie aber nicht so prachtvoll gekleidet. Sie trug lediglich einen schwarzen Umhang. Trotz der einfachen Kleidung war ihre Schönheit aber geradezu berauschend. Bis auf ein kleines Holzschildchen, das rechts von ihr auf dem Tisch stand, war dieser leer. Kiro kam näher. Jetzt konnte er auch lesen, was auf dem Schildchen geschrieben stand. In feinen Silberbuchstaben stand dort: „Nalataja“ Und dahinter, etwas kleiner: „Erste Instanz.“ Als sie jetzt seinen Namen aussprach glitt ihm ein warmer Schauer über den Rücken, so sanft und angenehm war ihre Stimme. „Hallo Kiro. Willkommen auf meiner Ebene. Schön, dass du endlich eingetroffen bist.“ Sie wies mit ihrer Hand auf den freien Stuhl. Kiro nahm ohne Widerspruch Platz. Es schien ihm fast, als könnte er gar nicht anders. Ihre Stimme und die Art wie sie sprach waren wohl das Lieblichste, was er je gehört hatte. So sanft wie eine frische Brise am Meer und so wohlklingend wie ein Lied. „Ich dachte mir, dass es besser wäre, wenn wir alleine reden. So werden deine Freunde nicht über die Maßen beunruhigt und wir sind eine Weile ungestört.“ Eine Pause entstand. „Du brauchst dir keine Sorgen um sie zu machen. Im Thronsaal sind sie in Sicherheit.“ Ihr Blick schien in die Ferne zu gleiten. „Zumindest vorläufig…“ Kiro konnte sich langsam wieder konzentrieren und begann seine Gedanken zu ordnen. Sicherheit, ja. Seine Freunde waren in Sicherheit. Das wusste er bereits. Wie ein heller Strahl in Dunkelheit schoss ein Gedanke durch seinen Kopf – Nadja.

Wie, als hätte sie seine Gedanken gelesen, begann Nalataja wieder zu sprechen. „Nadja lebt. Sie ist auf dem Weg der Besserung und erholt sich auf einer anderen Ebene. Warkandoblan selbst hat sie retten lassen. Es ist merkwürdig, ich verstehe nicht, warum er das getan hat…“ Ihr Blick schien wieder abzudriften, aber dann fixierte sie ihn mit ihren klaren, blauen Augen. „Wir haben jetzt aber Anderes zu besprechen. Sicher hast du viele Fragen, auf die du die Antworten bei mir suchst. Mein Wissen ist begrenzt. Ich existiere seit dem Ursprung und wurde erschaffen aus der Quelle. So, wie die Anderen drei. Du kennst ihre Namen bereits. Ebetaminor, Solejier und Warkandoblan, welcher der Größte unter uns ist. Wir verkörpern die vier Winde und unsere Macht ist in den vier Türmen gebunden. Die Türme sind Tore zu anderen Ebenen. Auf diesen Ebenen gibt es keine Konstanten mehr. Alles befindet sich im Fluss. Raum oder Zeit haben hier weder Macht noch Bedeutung. Einst waren unsere Ebenen ein Ort der Zuflucht und der Ordnung, aber nun herrscht Chaos. Um Eschnak zu retten, müssen die Winde neu gebunden und die Türme erneuert werden. So mächtig wir sind zu beschützen, so groß ist auch unsere zerstörerische Kraft. Eschnak muss gerettet werden. Nicht einmal Warkandoblan selbst kennt unsere Bedeutung. Die Einzige, in der die Wahrheit verborgen ist, ist Nadja. Sie kommt direkt von der Quelle.“ Nalataja beugte sich vor und sah ihn durchdringend an. „Du musst sie um jeden Preis beschützen. Es liegt noch ein weiter Weg vor ihr. Nicht alle von euch können das Ziel erreichen. Und darum bist du jetzt hier.“ Nalataja öffnete eine der Schubladen des Schreibtisches und entnahm ihr ein Blatt Papier. Das Papier war beschrieben, aber Kiro konnte die Worte darauf nicht lesen. Wie hypnotisiert hatte er die ganze Zeit auf Nalatajas Lippen geschaut. Wohl hatte er verstanden, was soeben gesagt wurde, aber es kostete ihn unglaubliche Willenskraft seine Augen von ihr zu reißen und sich dem Papier zuzuwenden. „Damit eure Suche fortgesetzt werden kann, muss eine Wahl getroffen werden.“ Sie schob Kiro das Blatt hinüber und legte einen Stift dazu. „Du musst wählen, Kiro. Ein Opfer muss erbracht werden!“

Zuerst verstand Kiro nicht. Was für ein Opfer meinte sie? Nalataja hingegen blieb stumm. Das Ticken der Uhr an der Wand, das Kiro die ganze Zeit unterschwellig wahrgenommen hatte, war das einzige Geräusch, das jetzt noch zu hören war. „Was für ein Opfer?“ fragte er laut. Sie starrte ihn aber nur immer weiter aus ihren meerblauen Augen an und blieb regungslos sitzen. Es kam ihm fast so vor, als säße ihm eine tote Puppe gegenüber. Kiro blickte wieder auf das Blatt. Nachdem er eine Weile darauf gestarrt hatte, geschah etwas Seltsames. Vor seinen Augen begannen die Buchstaben und Symbole zu verschwimmen und veränderten ihre Strukturen, Mehr und mehr konnte Kiro entziffern, was hier stand. Es handelte sich wohl um eine Art Vertrag. „Wiederaufnahme“, stand in großen Lettern oben auf dem Papier. Darunter war in wenigen Zeilen zusammengefasst, was sie bisher erlebt hatte. Die Aufzählung war nicht so genau wie im „Alten Weg der Zeit“, aber die wesentlichen Punkte waren alle vorhanden. Kiro musste seine Augen zusammenkneifen um die winzige Schrift entziffern zu können. Ganz am Ende der Seite stand in einem neuen Absatz nur ein einziger Satz. „Zur Fortsetzung der Reise und des eigenen Lebens in seiner bisherigen Form verpflichtet sich der Vertragspartner zu einem Opfer aus sechs.“ Darunter befanden sich zwei Striche. Hinter dem einen stand „Opfer“, hinter dem anderen „Vertragspartner“. Langsam begann es Kiro zu dämmern, was Nalataja von ihm verlangte. So wunderschön sie auch anzusehen war, so grausam war doch ihre Forderung. Während die Erkenntnis in Kiro noch lähmendes Entsetzen auslöste, hob Nalataja auf einmal die Hand und schnippte mit den Fingern. Sofort verschwand ein Teil der Wand links von ihr und gab den Blick auf ein Bild frei. Kiro brauchte ein paar Sekunden um zu erkennen, was er da sah. Er blickte direkt in den Thronsaal, in dem er sich gerade noch befunden hatte. Das Bild war jedoch kein unbewegtes. Wie im Zeitraffer ging dort alles vonstatten. Die Uhr an der Wand hatte wieder begonnen zu laufen und die Zeiger rasten jetzt vorwärts. Stunden vergingen im Minutentakt. Immer wieder sah er seine Freunde hektisch umherlaufen. Gelegentlich legten sie sich hin um etwas auszuruhen nur um Sekunden später wieder aufzustehen. Kiro verstand. Während er hier über einem unlösbaren Problem brütete, verging für seine Freunde die Zeit wie im Flug. Wenn er nicht zu einer Entscheidung kam, könnte es bald zu spät sein.

Die Zeiger der Uhr rasten weiter. Kalter Schweiß trat Kiro auf die Stirn. Er sollte jemanden seiner Freunde opfern, ihn dem sicheren Tod übergeben. Er überlegte lange und währenddessen verging für seine Gefährten ein ganzer Tag. Die Sonne versank und es wurde dunkel im Thronsaal. Nalataja war wieder in ihrer Erstarrung versunken und zeigte keine Regung. Die Hand vom Schnippen immer noch erhoben, sah ihr ihn ausdruckslos an. Sie schien nicht zu atmen. Als der Morgen im Schloss begann anzubrechen nahm Kiro den Stift in die Hand. Er zitterte leicht. Langsam zog er den Vertrag zu sich, setzte den Stift an und begann zu schreiben. Mitten im Schreiben hielt er inne. Eine einzelne Träne glitzerte in seinem Augenwinkel, während er den Namen fertig auf das Blatt Papier schrieb. Kiro unterschrieb mit seinem eigenen Namen und warf dann den Stift zurück auf den Tisch. Er schloss die Augen, lehnte sich zurück und atmete tief ein. Insgeheim hoffte Kiro, dass wenn er die Augen wieder öffnete, der ganze Spuk vorbei sein würde. Dem war jedoch nicht so. Der Vertrag war verschwunden. Ebenso der Stift und das Bild an der Wand. Die Uhr war stehen geblieben und er blickte geradewegs in Nalatajas lächelndes Gesicht. Sein Magen verkrampfte bei ihrem Anblick. „Du hast deine Wahl getroffen.“ Sie deutete auf eine Tür an der linken Wand, die vorher nicht da gewesen war. „Erneut hast du die Wahl.“ Wählst du den rechten Weg, dann kommst du zurück zu deinen Freunden und ihr werdet den Weg gemeinsam fortsetzten. Wählst du aber den linken, dann führt er dich auf eine andere Ebene. Dorthin, wo jetzt Nadja ist. Sie braucht deine Hilfe, denn sie hat den Kontakt zur Quelle verloren. Ohne Orientierung wird sie es nicht schaffen zurückzukehren. Du aber kannst ihre Orientierung sein.“ Kiro nickte. Diese Wahl würde einfach für ihn sein.


28


Die letzten vier Tage waren für Nadja weitgehend ereignislos vorüber gezogen. Sie hatte die gesamte Zeit im Bett verbringen müssen. Nur der Besuch des Arztes am Morgen und das Wechseln der Verbände brachten ein wenig Abwechslung. Immer wieder stellte man ihr Fragen. Nadja versuchte so gut sie konnte zu antworten, aber offenbar stellte sie damit niemanden wirklich zufrieden. Der Arzt hielt sie scheinbar immer noch für etwas verwirrt. Die Erlebnisse, die sie tatsächlich in diesen Zustand versetzt hatte, behielt sie aber für sich. Stattdessen erfand sie eine vage Geschichte, in der man sie überfallen und sie selbst das Gedächtnis verloren hatte. Vermutlich hätte sie diese Geschichte selbst nicht geglaubt, wenn man sie ihr erzählt hätte. Der Arzt ließ ihr jedenfalls keine Ruhe mit seinen Fragen.

Gestern hatte sie das erste Mal aufstehen dürfen, aber die Schmerzen waren noch so groß gewesen, dass der Arzt entschieden hatte noch länger abzuwarten. Die Wunden heilten gut, aber sie fühlte sich geistig immer noch sehr schwach und ausgelaugt. Die Schwester hatte ihr Zeitschriften mitgebracht, aber sie konnte damit nicht viel anfangen weil sie die Schrift nicht lesen konnte. So tat sie so, als würde sie lesen und sah sich stattdessen die Bilder an. Besonders interessant war es dennoch nicht. Außer dem Arzt und den Schwestern war sie bisher keinen anderen Menschen begegnet. Man hielt sie in ihrem Zimmer offenbar bewusst isoliert. Von der Tür oder dem geöffneten Fenster waren manchmal Geräusche oder Stimmen zu hören, aber sonst herrschte hier eine erdrückende Stille. Die meiste Zeit sah Nadja aus dem Fenster. Ihr Kopf war leer und keinem Gedanken konnte sie lange folgen. Seit der Konfrontation in der unterirdischen Stadt waren nur wenige Tage vergangen, aber die Ereignisse kamen ihr trotzdem weit entfernt vor. Die geistige Verbindung zu ihren Freunden, die sich nun, weitgehend schutzlos, irgendwo anders befanden, war komplett abgerissen. Seitdem sie hier im Krankenhaus lag, hatte sie nicht mehr geträumt. Nadja ließ sich wieder in das weiche Kissen sinken und schloss die Augen. Gestern hatte ihr die Schwester den Schlauch aus dem Arm gezogen und sie war erstaunt gewesen, was für eine lange Nadel die ganze Zeit in ihrem Arm gesteckt hatte. Das kam ihr schon ein wenig barbarisch vor. Mit Schmerzen hatte sie schon früh in ihrem Leben umgehen müssen. Das Leben im Waisenhaus war ein täglicher Kampf gewesen. Da es ein gemischtes Heim gewesen war, hatte sie sich bald gegen aufdringliche Jungs, die sich von ihr angezogen fühlten, zur Wehr setzen müssen. Leider hatte das nicht immer funktioniert, jedoch hatte sie nie aufgegeben.

Für Morgen früh war ein neuer Versuch geplant das Bett zu verlassen. Sie war nicht gerade scharf auf die Schmerzen, aber der Drang wieder aktiv zu werden und sich auf die Suche nach ihren Freunden zu begeben, wurde mit jeder Stunde stärker. Nur hatte Nadja nicht die kleinste Idee, wo sie mit ihrer Suche beginnen sollte. Sie musste sich bald eingestehen, dass sie allein ziemlich hilflos war. Sie brauchte unbedingt Hilfe.


Der Schatten


Auch für den Schatten war der Kampf nicht leicht gewesen. Seine Kraft war fast verbraucht gewesen, als er sie schließlich besiegt hatte. Eigentlich wollte er ihr ein endgültiges Ende bereiten, als sie bewusstlos und wehrlos vor ihm lag. Etwas hielt ihn dennoch auf. Ihre Freunde waren noch immer unterwegs. Sein Instinkt sagte ihm, dass es in diesem Moment wichtiger sein würde die Anderen zu verfolgen. Das Mädchen würde sowieso früher oder später an ihren Verletzungen sterben. Das Portal, durch welches sie geflohen waren, hatte sich für immer geschlossen. Der Versuch wäre sinnlos ihnen auf diesem Weg zu folgen. Er stieg in den Raum zwischen den Ebenen auf. Dort begab er sich auf die Suche. Er würde die Spur erneut aufnehmen müssen. In dem Moment, als er den Schauplatz des Kampfes verließ, spürte er etwas Ungewöhnliches. Ein helles Licht schien an ihm vorbei durch den Durchgang zu schlüpfen, den sein Aufstieg geöffnet hatte. Eine negative Energie drang in die Wirklichkeit ein. Ehe er es bewusst wahrnahm, war es schon vorbei und sein Aufstieg vollendet. Seine Gegnerin war dem Tod geweiht. Niemand war dort um ihr zu helfen. Wirklich Niemand ? Zweifel keimten in ihm auf, aber er verscheuchte den Gedanken schnell wieder. Das war jetzt nicht mehr sein Problem. Er hatte die Konfrontation gewonnen. Dies war das Einzige, was Bedeutung hatte. Seine Kräfte regenerierten schnell. Bald schon würde er die Anderen aufgespürt haben. Sein Instinkt führte ihn untrüglich. Während des Kampfes hatte er seltsame Empfindungen gehabt. Er hatte fast so etwas wie Mitleid verspürt, als er den Schmerz und die Qualen seiner Gegnerin gesehen hatte. Er saugte diese Emotionen gierig in sich auf. Auf eine Weise war es interessant sie am Leben zu lassen. Seine Befriedigung war trotzdem grandios gewesen, als sie schließlich am Boden lag. Besiegt und blutend, jedoch nicht tot. Er war überaus gespalten. Seine Wesen war höchst widersprüchlich und gerade diese Eigenart machte ihn so unberechenbar und gefährlich. Zufrieden mit sich selbst und seinem Werk setzte er seine Suche fort.


29


Nachdem Kiro durch die Tür getreten war, hatte er sich auf einer Landstraße wieder gefunden. Er musste jedoch sofort einen Schritt zurückspringen, um einem herannahenden Fahrzeug auszuweichen, das laut hupend auf ihn zugerast kam. Es war Abend. Gerade ging die Sonne in einem roten Feuerball am Horizont unter und tauchte den Himmel in ein wildes Farbenspiel aus orange, rot und blau. Kiro blickte an sich herab. In der Hand hielt er einen braunen Plastikbeutel. Seine Kleidung hatte sich nicht verändert, aber er trug jetzt andere Schuhe. Sie sahen sehr stabil aus. Er öffnete den Beutel und griff hinein. Zuerst berührte er ein Bündel grüner Papierstreifen. In dem Moment erschien es wie ein Bild in seinem Geist: Er konnte damit irgendetwas bezahlen. Der zweite Gegenstand war ein kleiner, zusammengerollter Zettel. Dieser Zettel würde ihm helfen Nadja zu finden. Dessen war es sich sicher.

Er wand sich nach rechts und begann auf dem Seitenstreifen entlang zu laufen. Neben ihm rasten immer wieder Fahrzeuge auf der zweispurigen Straße vorbei. Aus seiner Schulzeit konnte er sich noch daran erinnern, dass es sich dabei wohl um Autos handeln musste. Sie stammten aus der Vergangenheit der Erde. Um Kiro herum breitete sich eine weitgehend flache Steppenlandschaft aus. Am Horizont konnte er eine kleine Bergkette ausmachen, aber sonst gab es außer der schnurgerade Straße nicht mehr viel zu sehen. In einiger Entfernung befand sich eine Gruppe von Gebäuden am Straßenrand. Immer wieder bogen Fahrzeuge von der Straße dorthin ab oder fuhren davon. Bis zu den Gebäuden verlief die Straße leicht abschüssig. Es wurde nun zügig dunkel und Kiro lief schneller. Ein leichter Wind kam auf und die Plastiktüte raschelte bei jedem Schritt.

Es dauerte nicht lange und Kiro war den Gebäuden so nahe gekommen, dass er Einzelheiten erkennen konnte. Die Beleuchtung ging gerade an und am Straßenrand drehte sich ein großes Schild. Mit gelber und rosa Neonschrift strahlte es grell in die Dämmerung. Über einem großen Dach thronte eine orange leuchtende Kugel mit zwei Zahlen: „76“. Kiro bekam nun langsam eine Vorstellung, worum es sich bei diesem Gebäude handelte. Neben dem überdachten Bereich befand sich ein weiteres, deutlich kleineres Gebäude. An seiner Fassade leuchteten blaue, rote und weiße Neonröhren. Davor parkten einige Autos. Kiro ging darauf zu. Ein paar Leute kamen ihm auf dem Weg entgegen, aber niemand schenkte ihm besondere Beachtung. Eine Weile stand er unschlüssig vor dem Eingang und war sich nicht sicher, ob er es wagen sollte hineinzugehen. Durch die Fenster konnte er im Innenraum an einigen Tischen Menschen essen sehen. Sein Magen zog sich zusammen und erst jetzt merkte er, dass er großen Hunger verspürte. Er konnte sich schon gar nicht mehr daran erinnern, wann er das letzte Mal eine richtige Mahlzeit verspeist hatte. Ohne noch weiter nachzudenken betrat Kiro das Restaurant.

Innen über der Tür war eine kleine Glocke befestigt, die hell klingelte als er eintrat. Eine Frau hinter dem Tresen schaute kurz zu ihm auf, lächelte unverbindlich und wand sich dann wieder dem Glas zu, das sie gerade mit einer klaren, gelben Flüssigkeit füllte. Im Innenraum war es laut. Die verschiedenen Gespräche überlagerten sich zu einer Geräuschkulisse in der man keine Einzelheiten mehr verstand. Gelegentliches Lachen übertönte das allgemeine Gemurmel. Irgendwo spielte Musik. Die Luft war warm und stickig und der Geruch von Rauch deutlich wahrnehmbar. Kiro ging zum Tresen. Dahinter befanden sich an der Rückwand ein paar Bilder von verschiedenen Gerichten die es hier offenbar zu kaufen gab. Kiro deutete auf eine der Abbildungen. „Ich hätte gerne das da“, sagte er zu der Frau, die immer noch damit beschäftigt war Gläser zu befüllen. „Einen Augenblick, Schätzchen. Gleich bin ich für dich da.“ Sie sah nicht einmal zu ihm auf und füllte noch drei weitere Gläser, stellte sie auf ein Tablett und zog dann einen kleinen Notizblock aus der Tasche ihrer Schürze. „So, was darf es denn sein?“ Kiro deutete noch mal auf das Bild. „Zwei Burger mit Fritten und Salat?“ Kiro verstand zwar die Bezeichnung nicht, nickte aber trotzdem. „Auch was zu trinken?“ Kiro überlegte kurz, aber um Verwirrungen zu vermeiden bestellte er nur Wasser. „Alles klar, such’ dir schon mal einen Platz. Ich bringe es dir dann vorbei.“ Damit drehte sie sich um und ließ ihn stehen. Kiro ging zu den Tischen und setzte sich an den ersten unbesetzten. Viele der anderen Tische waren besetzt. Oft nur mit einem oder zwei Personen. Der meiste Lärm schien von einer Gruppe Männer zu kommen, die im hinteren Teil des Raumes ein paar Tische zusammengestellt hatten und nun lachend und grölend feierten. Auf den Tischen standen massenhaft leere Gläser und gerade wurde eine neue Ladung Getränke gebracht. Kiro vermutete stark, dass es sich dabei um etwas Alkoholisches handelte. Laut den Geschichtsaufzeichnungen war Alkohol die am meisten konsumierte Droge dieser Zeitepoche gewesen. Zu Kiros Zeiten war Alkohol schon lange von weitaus stärkeren und verträglicheren Mitteln abgelöst worden und kaum jemand konsumierte ihn noch.

Am Tisch neben Kiro saßen zwei Männer. Der eine trug eine kurze, schwarze Hose und ein schwarzes T-Shirt. Um Hals und Handgelenke trug er Bänder, die mit Metallspitzen besetzt waren. Die ebenfalls schwarzen Haare standen in wirren Strähnen vom Kopf ab. Sein Gesicht war extrem bleich und von vielen Falten zerfurcht. Sein Gegenüber, das Kiro den Rücken zugewandt hatte, trug einen unscheinbaren, braunen Anzug. Ein Aktenkoffer stand neben ihm auf dem Boden. So ordentlich und korrekt er doch gekleidet war, wirkte er seltsam fehlt am Platz in dieser Umgebung. Beide waren in eine gedämpfte Unterhaltung vertieft und Kiro konnte nicht verstehen, worüber gesprochen wurde. In diesem Moment kam die Kellnerin an seinen Tisch. „Ihre Bestellung“, sagte sie knapp und stellte einen Teller und ein Glas vor Kiro hin. Auf dem Bild hatte Alles deutlich größer gewirkt. Er wollte schon etwas sagen, beherrschte sich dann aber. „Das macht 8,50.“ Kiro griff in seinen Beutel, zog ohne hinzuschauen einen Schein aus dem Bündel und reichte ihn der Kellnerin. Sie warf einen kurzen Blick auf den Schein und sagte dann: „Kleiner hast du es wohl nicht?!“ Kiro sah selbst auf den Schein, den er ihr gegeben hatte und verstand. Er hatte ihr einen Schein im Wert von 100 „Was-auch-immer“ gegeben. Er griff nochmals in den Beutel und sah nach, ob er vielleicht einen kleineren Schein finden konnte. Alle Scheine in seinem Beutel hatten jedoch den gleichen Wert. Er versuchte es mit einem mitleidigen Lächeln und schüttelte den Kopf. Die Kellnerin seufzte. „Na gut, dann musst du kurz warten.“ Sie ließ ihn allein und verschwand wieder hinter dem Tresen.

Kiro beobachtete sie. Die Kellnerin ging nicht zu dem Ort, wo sie ihr Geld aufbewahrte. Stattdessen verschwand sie in einer Tür hinter dem Tresen. Ein paar Minuten vergingen. Kiro wurde schon ungeduldig und wollte gerade aufstehen, als sie wieder auftauchte und ihm das Wechselgeld brachte. Kiro hatte Verdacht geschöpft. Irgendetwas stimmte hier nicht. Er ermahnte sich selbst zur Eile und begann sein Essen hinunterzuschlingen. Es schmeckte nicht besonders gut. Mit dem Wasser spülte er alles hinunter. Selbst das hatte einen Nachgeschmack. Kiro überlegte, wie er nun weiter vorgehen sollte. Zunächst brauchte er unbedingt jemanden, der ihn von hier mitnahm. Zu Fuß kam er zu langsam voran und war schutzlos. Die Herausforderung bestand jetzt darin, eine Mitfahrgelegenheit zu organisieren, ohne übermäßig Aufmerksamkeit zu erregen. Er nahm seinen Beutel und stand auf. Rechte neben der Theke ging es zu den Toiletten. Er steuerte auf die Tür zu. Dabei ging er langsam um niemanden unnötig auf sich Aufmerksam zu machen. Das Gefühl, als ob ihn dutzende Augenpaare verfolgen, ließ ihn nicht los. Zügig öffnete er die Tür und verschwand dahinter.

Sofort schlug ihm ein beißender Gestank nach Urin und Exkrementen entgegen. Eigentlich musste er gar nicht, sondern suchte nur einen ruhigen und unbeobachteten Ort um einen klaren Gedanken zu fassen. Kiro öffnete eine der Kabinen und schloss sich ein. Er klappte den Klodeckel herunter und setzte sich darauf. Für einen Moment schloss er die Augen und versuchte sich zu konzentrieren. Irgendetwas war zu tun, aber was? Er öffnete seine Augen wieder und holte die Plastiktüte hervor. Ihren Inhalt schüttete er in seinen Schoß. Außer dem Geld und dem Zettel waren da noch drei andere Dinge: Eine kleine, silberne Münze mit einem viereckigen Loch in der Mitte, ein Schlüsselbund mit zwei Schlüsseln, einem kleinen und einem großen, und ein kleines, glänzendes Kästchen. Kiro nahm es in die Hand und drehte es in alle Richtungen. Die Ecken waren abgerundet und etwa auf halber Höhe verlief eine feine Ritze um das Kästchen herum. An der schmaleren Seite befand sich ein winziges Scharnier. Vorsichtig klappte Kiro es auf. Es ratschte leicht und der Deckel klappte auf. Eine helle Flamme schoss aus der Öffnung in die Höhe. Dies war ein Feuerzeug. Es konnte noch nützlich sein. Er verstaute alle Dinge in seinem Mantel und ließ den Beutel in der Ecke liegen. So wäre er weniger auffällig. Gerade wollte Kiro aufstehen, als er hörte, wie die Tür des Toilettenraums geöffnet wurde und jemand hereinkam. Gleich darauf waren das Ratschen eines Reißverschlusses und das Plätschern von Wasser zu hören.

„Und dann hat er tatsächlich geglaubt, dass ihm die Versicherung den Schaden ersetzen würde. Wo es doch offensichtlich war, dass er die Karre manipuliert hatte.“ Ein tiefes, männliches Lachen folgte. Eine andere Stimme sprach nun. „Hast du den Typen gesehen, der vorhin rein gekommen ist? Den mit dem komischen Umhang?“ „Jaa, genau. Der kam mir gleich seltsam vor. Habe gerade mit Tina gesprochen. Sie hat schon den Sheriff gerufen. Er soll ihn sich mal genauer anschauen.“ Der andere lachte wieder. „Es laufen schon komische Typen heutzutage hier rum. Da muss man die Augen offen halten, sonst haben die dir schneller die Kehle durchgeschnitten, als du dich umdrehen kannst. Wenn der Sheriff mit ihm fertig ist, lässt der sich auf jeden Fall hier nicht mehr so schnell wieder blicken.“ Jetzt lachten beide. Kurz darauf klappte die Tür zu und es war still. Kleine Schweißperlen hatten sich auf Kiros Stirn gebildet. Die kurze Unterhaltung bestätigte ihm, was er vermutet hatte. Hier war er alles andere als sicher. Vorsichtig öffnete er die Tür ein Stück um zu sehen, ob die Luft rein war und kam dann aus der Kabine. Am Ende des Raumes neben den Waschbecken war ein kleines Fenster. Gerade groß genug um sich hindurchzuzwängen. Vielleicht könnte er auf diese Weise ungesehen entkommen. Kiro versuchte es zu öffnen, aber es war mit einem Gitter und einem alten, ziemlich verrosteten Vorhängeschloss verriegelt. Plötzlich kam ihm eine Idee. Er holte das kleine Schlüsselbund hervor. Der große Schlüssel würde nicht hineinpassen, aber vielleicht der kleine. Vorsichtig probierte er es. Er musste zwar etwas drücken, aber dann glitt der Schlüssel in das Schloss. Als er versuchte ihn zu bewegen, leistete das Schloss zunächst Widerstand, aber als er kräftiger drehte, löste sich der alte Zylinder unter leisem Quietschen. Rost rieselte auf die Fensterbank. Verfall. Kiro zog am Bügel und das Schloss sprang auf. Schlüssel und Schloss verstaute er in seiner Tasche und zog dann das Gitter auf. Das Fenster ließ sich leicht nach oben schieben und sofort wehte ihm kühle und vor allem frische Abendluft entgegen. Nach dem Gestank in der Toilette war das eine wahre Wohltat. Inzwischen war es vollkommen dunkel geworden. Das Fenster befand sich nur etwa zwei Meter über dem Boden und so konnte Kiro, nachdem er sich hindurchgedrückt hatte, leicht hinunter springen. Er landete unsanft auf einigen Müllsäcken und wäre um ein Haar der Länge nach auf den Boden geschlagen, konnte sich aber in letzter Sekunde an einem Zaun festhalten. Gitter und Fenster zog er sicherheitshalber noch zu und ging dann hinten um das Gebäude herum. Nach ein paar Metern begann der Parkplatz, an den sich die Auffahrt zur Straße anschloss. Immer wieder verließen Autos den Parkplatz. Kiro ging hinüber und blieb unschlüssig stehen. Noch hatte er keine klare Vorstellung, wie er jemanden dazu bringen sollte ihn mitzunehmen.

Diese Frage erübrigte sich jedoch schon ein paar Augenblicke später. Mit quietschenden Reifen hielt ein Auto neben Kiro. Im ersten Moment war er so erschrocken, dass er wie angewurzelt stehen blieb. Das Auto, was jetzt mit laufendem Motor neben ihm stand, war ebenso faszinierend wie verrückt. Das Dach, die zwei Türen, die er sah, sowie die Motorhaube hatten jeweils unterschiedliche Farben. Vorne war außerdem eine riesige gelbe Blume aufgemalt. Noch bevor er das Auto noch weiter bewundern konnte, wurde eine Scheibe heruntergekurbelt und ein dunkelhäutiger Mann mit einer komischen Frisur beugte sich heraus. „Hey Mann, du siehst so verloren aus. Können wir dich irgendwo hin mitnehmen?“ Der Mann grinste breit. Aus seinem Mund hing schlaff eine selbst gedrehte Zigarette. Neben ihm am Steuer des Wagens saß ein weiterer Schwarzer. Aus dem Wagen drang laute Musik. Der Fahrer wippte im Takt vor und zurück. Gleichzeitig trommelte er mit seinen Händen auf das Lenkrad. Kiro war sich unsicher was er sagen sollte. Zwar sahen sie nicht besonders gefährlich aus, aber die beiden Typen und das Auto zogen die Aufmerksamkeit geradezu auf sich. „Wohin fahrt ihr?“ Kiro beugte sich herunter um sich gegen die Musik verständlich zu machen. Der Schwarze drehte sich kurz um und die Musik wurde leiser. „Kommt drauf an. Wohin willst du denn?“ Kiro griff in seine Tasche und holte den Zettel heraus. Er gab ihn dem Mann. Der studierte kurz die wenigen Zeichen die in feiner Handschrift darauf standen und sah ihn dann schief an, wobei er die linke Augenbraue hochzog. „Bist du krank?“ Kiro begriff nicht. „Oder warum willst du ins Krankenhaus?“ Das war es also. Kiro wurde auf einmal klar, wie dieser Zettel ihm helfen würde Nadja zu finden. Sie lag in einem Krankenhaus. Ein wenig war er erleichtert. Er kam voran. „Könnt ihr mich dahin mitnehmen?“ Der Schwarze beugte sich zu seinem Kollegen und sie wechselten ein paar Worte. Dann wendete er sich wieder Kiro zu. Ein breites Lächeln ließ eine Reihe schneeweißer Zähne erkennen. „Klar, spring hinten rein! Aber du musst dir wahrscheinlich erstmal Platz schaffen. Wir werden eine Weile unterwegs sein.“ Dankbar öffnete Kiro die hintere Tür und stieg ein. Er hatte sie noch nicht wieder hinter sich geschlossen, als sie schon mit durchdrehenden Reifen losfuhren. Kurz nach der Ausfahrt passierten sie ein Schild. Es war grün und auf ihm stand in weißer Schrift: „New York: 844“.


30


Nadja hatte die Nacht unruhig verbracht. Sie lag im Bett und wartete auf die Schwester, die ihr bei ihrem zweiten Versuch aufzustehen, helfen sollte. Die Sonne war vor zwei Stunden aufgegangen und seitdem war Nadja hellwach. Eine unsichtbare Kraft schien sie zu treiben. Sie spürte, dass es bald Zeit sein würde wieder aufzubrechen. Die Schwester hätte längst hier sein müssen. Sie verspätete sich. Ungeduldig rutschte Nadja ein Stück nach oben und versuchte an den Hebel zu kommen, der das Kopfende des Bettes hob. Gerade hatte sie ihn erreicht, als die Tür aufging und die Schwester hereinkam. Als sie sah, wie Nadja sich mit dem Hebel abmühte, kam sie heran und half ihr. „Das müssen sie doch nicht allein tun. Wofür sind wir denn da?“ Ihr Lächeln konnte Nadja nicht mehr täuschen. Sie spürte die Falschheit der Frau fast schon körperlich. Die Schwester hatte einen Rollstuhl mitgebracht. So ein Ding hatte Nadja noch nie gesehen. „Dann wollen wir mal probieren, ob es heute mit dem Aufstehen klappt.“ Sie schlug Nadjas Decke zurück und half ihr erst das eine und dann das andere Bein langsam aus dem Bett zu heben, sodass sie sich aufsetzen konnte. Das ging schon bedeutend besser, als noch vor ein paar Tagen, aber noch immer waren die Schmerzen so groß, das Nadja die Zähne zusammenbeißen musste. Sie versuchte sich nichts anmerken zu lassen. Für die Schwester, dachte sie, wäre es wohl das Schwierigste sie aus dem Bett zu heben, aber da hatte Nadja sich getäuscht. Für einen kurzen Moment vergaß sie ihre Schmerzen, als sie in geübtem Griff angehoben und vorsichtig in den Rollstuhl gesetzt wurde. Die Schwester hatte ihre Verblüffung offenbar bemerkt und lächelte wieder. „Bei ihrem Leichtgewicht macht das ja schon fast Spaß.“ Nadja errötete etwas und in dem Moment als sie ihre Beine auf die Fußablagen des Stuhls stellte, kamen die Schmerzen zurück. Ihre Knie, die solange nicht benutzt worden waren, rebellierten mit heftigen Schmerzen. Immer noch blieb Nadja still.

Einen Moment schien die Schwester zu zögern, dann hellte sich ihre Miene aber wieder auf und sie sagte: „ Nun, das lief ja schon viel besser. Was halten sie davon, wenn wir ein bisschen herumfahren?!“ Eigentlich war das gar keine Frage gewesen und Nadjas Nicken bekam die Schwester gar nicht mehr mit, denn sie hatte sich schon umgedreht und die Tür geöffnet. In zügigem Tempo verließen sie das Zimmer und rollten auf den Gang hinaus. Das war das erste Mal, seitdem Nadja hier war, dass sie ihr Zimmer verlassen durfte und dementsprechend war sie gespannt darauf, was sie erwarten würde. In dem kahlen Flur gab es aber nicht viel zu sehen. Überall waren in regelmäßigen Abständen Türen zu anderen Zimmern, aber keine von ihnen war geöffnet. Am Ende des Korridors wandten sie sich nach rechts und vor einer Metalltür ließ die Schwester sie kurz stehen um auf einen Knopf an der Wand zu drücken. Nadja entspannte sich etwas. Aufzüge waren ihr bekannt. Es dauerte einige Minuten, bis sich die Türen schabend öffneten und sie in den Aufzug geschoben wurde. Zu Nadjas Zeit ging das deutlich schneller. Die Schwester drückte auf den Knopf für das Erdgeschoss und nachdem sich die Türen wieder geschlossen hatten, setzte sich der Aufzug mit einem Ruck in Bewegung. „Wie haben sie denn heute Nacht geschlafen?“ Die Frage der Schwester riss Nadja aus ihren Gedanken. „Gut“, log sie. Im Moment hatte sie keine Lust auf ein Gespräch mit dieser Person. Der Fahrstuhl stoppte und das Licht hinter dem Knopf, auf den Nadja die ganze Zeit über gestarrt hatte, erlosch. Die Türen öffneten sich wieder und Nadja wurde in ein von Licht durchflutetes Foyer geschoben. Überall liefen geschäftig Menschen umher. Hier und da standen kleine Sitzgruppen. Durch die verglasten Wände hatte man einen direkten Blick nach draußen, was das Foyer größer wirken ließ, als es tatsächlich war.

Am Empfang vorbei schob sie die Schwester zu einer Tür, die nach draußen in einen kleinen Park führte, der sich an das Foyer anschloss. Als sie in die frische Luft des Vormittags hinaustraten, schloss Nadja für einen Moment ihre Augen und genoss die warmen Sonnenstrahlen auf ihrer Haut. Ein paar Vögel zwitscherten und von der Straße her waren die gedämpften Geräusche vom Verkehr zu hören, aber sonst war es sehr still. Diesen einen Moment wollte Nadja ganz für sich allein. Sie wurde noch ein kleines Stückchen weiter geschoben und nach einer Biegung des Weges, an einer Bank, hielt die Schwester an. „Ich lasse sie einen Moment alleine. Ist das in Ordnung für sie?“ Nadja nickte und die Schwester ging den Weg zurück. Sie war jetzt wieder allein. In diesem Moment kamen ihr die Tränen. Alles stürzte auf einmal auf sie ein. Die Schmerzen, ihre Hilflosigkeit und die Isolation. Vor allem die Einsamkeit war kaum zu ertragen. Bisher war ihr noch nie so bewusst geworden, wie sehr sie ihre Freunde vermisste. Vor allem Kiro, der auf sie eine besondere Anziehungskraft ausübte. In diesem Moment legte sich eine Hand auf ihre Schulter.


31


Sie waren die ganze Nacht hindurch gefahren. Trotz der vielen Flaschen und dem wilden Durcheinander von Kleidungsstücken und leeren Pappkartons auf der Rückbank hatte Kiro sich etwas Raum schaffen können und später sogar Schlaf gefunden. Die beiden Schwarzen stellten sich als Tom und John vor, was ihrerseits sofort einen Lachanfall von beängstigenden Ausmaßen nach sich gezogen hatte. Tom erzählte, dass sie seit etwa einem halben Jahr durch das ganze Land unterwegs waren. Ihre Heimat war das Auto und auf der Straße fühlten sie sich wohl. Handlangerarbeit fanden sie fast überall und so konnten sie sich ein solches Leben leisten. Während sie Kiro abwechselnd ihre Lebensgeschichte erzählten, kam er langsam zur Ruhe und konnte sich entspannen. Das erste Mal seit einer langen Zeit fühlte er sich wieder sicher. Die Beiden schienen sich auch gar nicht weiter dafür zu interessieren, wer Kiro war oder was er vorhatte. Die Rolle des Zuhörers nahm er gerne an und so blickte er aus dem Fenster und ließ die nächtliche Landschaft sowie den anhaltenden Redestrom an sich vorüberziehen.

Immer wieder hellten die Lichtkegel von entgegenkommenden Fahrzeugen die Umgebung auf oder Leuchtreklamen zogen vorbei. Dies war eine seltsame Welt. Vieles hatte sie gemeinsam mit der Welt aus der Kiro kam, aber manches war auch grundverschieden und sehr seltsam. Der allgegenwärtige Prozess des Verfalls war deutlich zu erkennen. Wenn dies wirklich die Vergangenheit seiner Realität war, dann erschauderte er bei der Vorstellung, dass der Prozess schon so lange im Gange war. Manches konnte man sehen, vielleicht sogar eine ganze Menge. Der weitaus größte Teil des langsamen und stetigen Verfalls lief aber im Geist der Menschen ab. Das Vibrieren des Motors und die nun leiser gewordenen Gespräche der beiden Männer auf den Vordersitzen kamen bald nur noch von ferne. Bald drangen nur noch Bruchstücke an Kiros Ohr und kurz darauf war er eingeschlafen.


Er träumte wieder. Zusammen mit Nalataja, die nun ebenso gekleidet war wie auf dem Bild in dem Gasthaus, ging er durch einen wunderschönen Garten. Überall blühten die herrlichsten Blumen und die Fülle der Farben war überwältigend. Tiere, ein Wasserfall und der blaue Himmel über seinem Kopf gaben ihm das Gefühl im Paradies zu sein. Es herrschte eine solche Harmonie, wie Kiro sie sich nicht in seinen kühnsten Vorstellungen hätte ausmahlen können. Eine tiefe Freude durchdrang ihn wie ein warmer Strom. „Einst war alles Gut.“ Kiro wandte sich zu Nalataja um, die zu sprechen begonnen hatte. „Es hätte die vollkommene Perfektion sein können. Doch dann kam Er.“ Vor ihnen tauchte aus dem Nichts ein Mensch auf. Er war nackt. „Und mit ihm kam der Verfall.“ Sie senkte den Kopf. Eine einzelne Träne quoll aus ihrem Auge, lief an ihrem perfekten Gesicht herunter. Über ihre Wange, ihr Kinn, verharrte kurz und löste sich. Wie in Zeitlupe fiel sie zu Boden. In dem Moment, als sie auf dem saftigen Grün der Wiese, auf der sie standen, aufschlug, verfinsterte sich der Himmel. Kiro schaute auf. Eine große Wolke hatte sich vor die Sonne geschoben und sie vollkommen verdeckt. Die Landschaft um ihn herum begann zu ergrauen. Wie im Zeitraffer verloren die Bäume ihre üppige Blätterpracht und der Fluss, der eben noch fröhlich neben ihnen geplätschert hatte, trocknete aus. Nur graue rissige Erde blieb zurück. Ein Wind kam auf und Kiro begann zu frieren. Eine Hand berührte behutsam seine Schulter und er blickte wieder zu Nalataja, die sich ihm zugewandt hatte. Ihre Kleidung war jetzt anders. Aus dem prachtvollen Gewand war ein einfaches, graues Kleid geworden. Auch ihre Krone war verschwunden. Allein ihr Gesicht war noch so schön wie eh und je. Ihr Haar flatterte im Wind. „Verzeih mir, Kiro, aber ich bin nur eine Botschafterin. Ein Werkzeug der Quelle. So wie wir alle. Der Plan, der in Allem steckt wird bald zur Vollendung kommen. Es braucht Kraft und Mut und … Opfer.“ Nalataja trat eine Schritt auf ihn zu und küsste ihn sanft auf die Wange.“ Der Kuss brannte wie Feuer und Kiro wachte auf.


Im ersten Moment blendete ihn gleißendes Sonnenlicht und er blinzelte verschlafen. Nach einigen Augenblicken sah er deutlicher. Sie fuhren durch eine Stadt. An Kiro glitten Häuser und Läden mit verschiedensten Auslagen vorbei. An einer Kreuzung blieben sie stehen. Hier war eine große Baustelle. Mehrere Kräne hoben Stahlträger und anderes Material in eine tiefe Grube, deren Wände abgestützt waren. Fasziniert beobachtete Kiro die Arbeiter, die sich gegenseitig zuwinkten und so die Kräne dirigierten. Am Rand der Grube stand eine Gruppe von Männern in feinen Anzügen. Sie hatten alle gelbe Schutzhelme auf dem Kopf, was ein überaus lustiges Bild abgab. Hohe Gitter umgaben die gesamte Baustelle.

„Ist unser Dornröschen endlich aufgewacht!“, dröhnte es mit einem Mal. Ein Lachen folgte und Kiro blickte nach vorne. Tom winkte ihm im Rückspiegel zu. Im gleichen Moment wurde die Ampel grün und sie fuhren an. „Sind wir da?“ Kiro beugte sich zwischen den beiden Sitzen nach vorne. „Fast, aber du hast ja keine Verabredung, oder?“ Tom grinste breit. Er hatte schon wieder eine selbst gedrehte Zigarette im Mund. In der Hand hielt er eine knisternde Tüte, in die er hineingriff und ein paar gelbe, flache Dinger herausholte, die er sich in den Mund steckte. Beim Kauen knackte und knirschte es. Tom hielt Kiro die Tüte hin. Der wollte schon ablehnen, spürte dann aber seinen Hunger und griff zu. Es schmeckte zwar nicht schlecht, aber ihm war im Moment eher nach etwas anderem. Die Fahrt ging weiter und sie kreuzten eine Straße nach der anderen. Offenbar waren die Straßen hier wie in einem Gitternetz angelegt. Je weiter sie kamen, desto höher wurden die Gebäude. Zwar kannte Kiro Hochhäuser, jedoch war dies hier etwas völlig Anderen. Zu seiner Zeit war die Luft voller Dunst und Dreck, sodass man in der Höhe kaum etwas erkennen konnte, hier jedoch war die Luft klar und gab den Blick frei auf die gläsernen Fassaden prächtiger Bauwerke. Am blauen Himmel zogen nur vereinzelt ein paar Wolken entlang. „John hat einen alten Schulfreund von uns angerufen. Den besuchen wir jetzt.“ Er wandte sich, wieder grinsend, zu Kiro um. „Wir sind ziemlich flexibel.“ „Seid ihr die ganze Nacht gefahren?“ „Ja, aber wir haben uns abgewechselt. Außerdem gibt’s ja immer noch die hier!“ Er hob eine Dose vom Boden des Wagens auf und hielt sie hoch. Auf ihr war ein roter Blitz zu sehen. Den aufgedruckten Namen konnte Kiro nicht lesen, spekulierte aber, dass es sich um ein Getränk handelte, das eine stark wach machende Wirkung hatte.

Sie bogen rechts ab und wenig später fuhren sie links weiter. „Da vorne ist es.“ John deutete auf einen Gebäudekomplex vor ihnen. Er war von Hochhäusern umgeben, jedoch nicht ganz so hoch wie seine Nebengebäude. Gespannt blickte Kiro aus dem Fenster, während sie sich weiter näherten. Sie fuhren die breite Einfahrt hoch und hielten an. Vor dem Gebäude war viel Betrieb. Ein großer Wagen mit roten und weißen Blinklichtern auf dem Dach hielt vor dem Eingang und aus dem hinteren Teil wurde jemand auf einem Bett herausgehoben und dann in das Gebäude hineingerollt. Zwei grün gekleidete Männer begleiteten das Bett. „So, da wären wir. War uns eine Freude dich kennen zu lernen.“ Beide schüttelten sie ihm die Hand. „Wenn du Lust hast, dann kannst du uns mal besuchen, solange wir noch in der Stadt sind.“ Tom kritzelte etwas auf einen Zettel und gab ihn Kiro, der ihn geistesabwesend einsteckte und nur nickte. „Du brauchst einfach nur danach zu schauen, wo der Rauch aufsteigt!“ Mit einer Lachsalve als Abschiedsgruß stieg Kiro aus und schon fuhren der Wagen mit durchdrehenden Reifen wieder los. Einmal hupten sie noch und waren dann schon um die nächste Ecke verschwunden.

Kiro hatte ihnen bis zuletzt nachgeschaut und glaubte jetzt seinen Augen nicht zu trauen, als ihm langsam bewusst wurde, was er soeben an der Stoßstange ihres Autos gesehen hatte, kurz bevor es außer Sicht gewesen war. Statt eines Nummernschildes, wie alle Autos, die er bisher gesehen hatte, war an ihrem Auto an dieser Stelle nur ein Symbol gewesen. Es war kein Unbekanntes gewesen, sondern dasselbe, was ihm schon einige Male in den vergangenen Tagen begegnet war. Ein Kreis mit einem Dreieck – Nalatajas Zeichen. Bei ihrer ganzen Grausamkeit hatte sie ihm schließlich doch geholfen. Ihr Einfluss reichte weiter als er gedacht hatte. Kiro drehte sich um und ging die wenigen Stufen zum Eingang hinauf. Er trat durch die Tür und stand im Empfangsbereich des Krankenhauses. Viele Menschen waren hier unterwegs. Er suchte nach einer Möglichkeit, Informationen einzuholen und entdeckte eine Dame hinter einem Schalter rechts neben dem Eingang. Auf dem Weg dorthin wäre er fast mit einer alten Frau zusammengestoßen, der er im letzten Moment gerade noch ausweichen konnte. Es schien so, als ob sie ihn einfach ignoriert hätte. Laut schimpfend zog sie davon. Ihre roten Augen blickten ihm hasserfüllt nach. Die Dame hinter der Informationstheke sah nur kurz auf, als er vortrat. „Was kann ich für sie tun?“ Kiro überlegte kurz, was er sagen sollte und entschied sich dann für den direkten Weg. „Ich suche nach einer Patientin. Ihr Name ist Nadja Chantalos.“ „Einen Augenblick bitte.“ Sie blätterte in einem dicken, schwarzen Ordner, hielt kurz inne und sah ihn über ihre Brille hinweg streng an. „Sind sie mit der Patientin verwandt?“ Kiro, der nicht mit dieser Frage gerechnet hatte, zögerte kurz und nickte dann. Die Frau zog die Stirn in Falten, blätterte dann aber weiter in ihren Unterlagen. Am Ende des Ordners angekommen, sah sie wieder zu ihm auf. „Sind sie sicher, dass diese Person in dieses Krankenhaus eingeliefert wurde? Ich kann niemanden mit diesem Namen finden!“ Kiro spürte, wie Panik in ihm aufstieg. „Können sie bitte noch einmal schauen, ich bin mir absolut sicher.“ Seine Stimme bebte leicht. Wenn nicht hier, wo sollte er Nadja dann finden? Die Frau seufzte, blätterte aber noch einmal von vorne ihren Ordner durch. Unruhig sah sich Kiro um. Auf einmal hatte er einen Kloß im Hals. „Nein tut mir leid. Unter diesem Namen kann ich keinen Patienten finden.“ Sie sah ihn mitleidsvoll an. „Vielleicht ist sie in ein anderes Krankenhaus eingeliefert worden. Probieren sie es doch mal im St. Johns.“ Kiro war benommen von ihrer Auskunft und starrte weiter auf den Ordner. Er glaubte ihr nicht und wollte selbst in ihren Unterlagen nach Nadja suchen. Die Dame räusperte sich. „Wenn sie keine weiteren Fragen mehr haben, dann würde ich sie bitten für den Nächsten Platz zu machen.“ Kiro drehte sich um. Hinter ihm hatte sich eine kleine Schlange gebildet. Enttäuscht verließ er den Infobereich und ging auf eine Sitzgruppe in der Nähe der verglasten Wand zu. Er ließ sich in einen weichen Sessel fallen und blickte hinaus in den Park, der sich an das Foyer anschloss. Ihm gingen die Optionen aus. Er konnte schlecht das gesamte Krankenhaus nach Nadja absuchen. Das würde bei Weitem zu viel Aufmerksamkeit erregen und dann hätte er wohl einige unangenehme Fragen zu beantworten. Er wusste ja nicht einmal, ob er überhaupt am richtigen Ort war, oder ob ihn die beiden verrückten Schwarzen nicht einfach an irgendeinem Krankenhaus abgesetzt hatten. Er schloss die Augen und versuche seine Gedanken zu fokussieren. Was war als Nächstes zu tun? Er rief sich Nadjas Gesicht vor sein geistiges Auge. Die Erkenntnis durchzuckte ihn wie ein Blitz. Sie war in der Nähe. Er spürte es deutlich.

Kiro riss die Augen auf und erhob sich mit einem Ruck. Er blickte umher. Es waren einfach zu viele Menschen hier. Er ließ sich von seinem Instinkt leiten, verließ die Sitzgruppe und ging an der Glasfassade entlang, den Blick nach draußen gerichtet. Mit wachsamen Augen suchte er die Straße und den Park ab. Gerade wollte er sich wieder dem Foyer zuwenden, als er die Tür nach draußen entdeckte. Er zögerte einen Moment, trat dann aber durch die Tür ins Freie. Er folgte dem Weg tiefer in den Park. Hier war kaum jemand unterwegs. Immer wieder standen Bänke am Weg. Die Meisten waren leer. Mit dem Rücken zu ihm stand da nur ein Rollstuhl, in dem eine zusammengesunkene Gestalt saß. Kiro konnte nur ihre Haare erkennen. Sie bewegten sich im Wind. Das kam ihm bekannt vor und er ging auf den Rollstuhl zu. Als er ganz nahe war, bemerkte er, wie die Frau im Rollstuhl leise weinte. Ihr Gesicht hatte sie in einer Hand verborgen. Die andere Hand war verbunden. Kiro blieb stehen. Sie musste es sein. Er war sich sicher. Behutsam legte er ihr seine Hand auf die Schulter. Ein Gefühl umfassender Freude begann sich in ihm auszubreiten. Noch bevor Nadja zu ihm aufsah, wusste Kiro, dass er sie gefunden hatte. Ihr Gesicht war rot und ganz feucht von Tränen. Im ersten Moment starrte sie ihn nur ungläubig an und schien nicht zu begreifen, aber dann weiteten sich ihre Augen. Selbst mit ihren rot geweinten Augen und dem verquollenen Gesicht war sie für Kiro immer noch wunderschön. Er beugte sich zu ihr hinunter und noch bevor sie irgendetwas sagen konnte umarmte Kiro sie. Lange hielten sie sich aneinander fest. Kiro empfand in diesem Moment nur Dankbarkeit und Freude. Nadja ging es nicht anders. Sie konnte nicht glauben, dass genau in diesem Moment der größten Verzweiflung ihr tiefster Wunsch in Erfüllung gegangen war. Aber er war Wirklichkeit. Kiro hatte sie gefunden.


Der Schatten


Der Schatten hatte eine neue Spur. Der Großteil der Gruppe schien vorerst außerhalb seiner Reichweite zu sein, aber sie hatten sich anscheinend getrennt. Seinen wachsamen Ohren war das Geflüster der Spione nicht entgangen. Sie überwachten die Übergänge zwischen den Ebenen. Nur noch selten benutzte jemand die alten Wege. Auf diese Weise waren sie auf seine Spur gekommen. Fast hätten sie ihn sicher gehabt, aber er war ihnen entwischt. Das beunruhigte den Schatten jedoch nicht weiter. Er würde sich nun selbst auf die Jagd machen, jetzt, wo er eine frische Spur hatte. Auf diese Weise würde seine Befriedigung noch größer sein wenn er ihn fing. Er machte sich auf den Weg. Die Unzuverlässigkeit seiner Diener würde nicht ohne Folgen bleiben. Die Sonne war gerade aufgegangen, als er wie aus dem Nichts nahe der Auffahrt zur Tankstelle an der Landstraße auftauchte. Das Schild mit der Leuchtreklame drehte sich noch. In diesem Moment erloschen die Lichter.


32


Für Martin, Wartins, Mugh und den Stillen war die Zeit unendlich langsam vergangen. Seit Kiro am Thron verschwunden war, hatten sie kein Lebenszeichen mehr von ihm erhalten. Viele Stunden waren vergangen und es war dunkel geworden. Die Nacht hatten sie unruhig verbracht. Sie hielten wieder in Schichten Wache, wobei das einzige Licht das schwache Leuchten war, das vom Thron ausging. In dem weitläufigen Saal sorgte das für eine gespenstische Stimmung, denn es verlor sich schon nach wenigen Metern in der Dunkelheit. Die Säulen warfen lange Schatten. Die Stille, die zunächst gar nicht so unangenehm gewesen war, entwickelte sich langsam zu einer zermürbenden Qual. Die Temperatur im Saal war nach dem Untergang der Sonne bald merklich gefallen, sodass sie nun auf dem harten Steinboden eng beieinander lagen.

Als der Morgen langsam begann zu grauen, war Mugh auf seinem Wachposten schon fast eingeschlafen. Mit dem Rücken lehnte er an der Barriere und von dem leichten Kribbeln, welches das unsichtbare Feld an seinem Rücken bewirkte, fielen ihm gerade langsam die Augen zu, als er mit einem Mal den Halt verlor und nach hinten fiel. Wild mit den Armen rudernd konnte er aber nichts mehr dagegen unternehmen, dass er hart mit dem Kopf auf dem Boden aufschlug. Für einen Moment wurde ihm schwarz vor Augen, aber dann rappelte er sich wieder auf und rieb sich seinen schmerzenden Hinterkopf. Warum musste immer ihm so was passieren. Erst jetzt wurde ihm langsam bewusst was eigentlich geschehen war. Er saß auf dem Boden, jedoch befand er sich etwa einen Meter außerhalb der Barriere. Vorsichtig bewegte er seine Hand nach vorne. Stück für Stück. Keine unsichtbare Wand, nichts. Die Barriere war verschwunden.

Aufgeregt weckte er die Anderen, was recht einfach war, da niemand wirklich tief geschlafen hatte. Nachdem sei aufgestanden hatte, prüften sie noch einmal in allen Richtungen nach, ob der Weg wirklich frei war. Zum Thron hin gab es keine Barriere mehr, jedoch versperrt eine Wand immer noch den Rückweg. Sie verlief quer durch den Raum. Als sie den Thron umrundet hatten fanden sie ihn leer. Ratlos standen sie vor dem steinernen Gebilde und keiner wusste so recht etwas zu sagen. In diesem Moment horchte Martin auf. Er hatte etwas gehört. Wartins hörte es auch und drehte sich um. Das Geräusch von Schritten hallte durch den Saal. Erst leise und dann immer lauter. Aus dem Halbdunkel der Umgebung löste sich allmählich ein Umriss heraus. Jemand kam auf sie zu. Erst als die Person bis auf wenige Meter herangekommen war und dann stehen blieb, konnte Martin sie genauer erkennen. Es war ein alter Mann. Sein Gesicht war faltig und auf seinem Kopf trug er nur noch einzelne weiße Haarsträhnen, die nach hinten gekämmt waren. Er trug einen schwarzen Anzug und hatte die Hände hinter seinem Rücken verschränkt. Während die Gruppe ihn noch anstarrte, begann er zu sprechen. „Wenn die Herrschaften mir bitte folgen würden.“ Seine Stimme war fest und bestimmend, aber doch auf eine Weise angenehm. Er weiß mit der Hand in die Richtung, aus der er gekommen war und ging, nachdem er kurz gewartet hatte, voraus. Martin fiel auf, dass er beim Gehen ein klein wenig zu humpeln schien. Der Alte war schon ein Stück vorausgegangen, als Martin sich in Bewegung setzte. Wartins hielt in an der Schulter fest. „Was hast du vor?“, zischte er Martin zu. „Ihm folgen“, sagte Martin kühl, „Oder willst du hier vergammeln?“ Wartins ließ ihn los, sagte aber nichts mehr. Martin ging weiter und seine Freunde folgten ihm.

So durchquerten sie, einer nach dem anderen, die andere Hälfte der Halle. Wartins ging zuletzt. Er hatte noch immer kein gutes Gefühl bei der Sache. Der Stille hielt den Knaben an der Hand, der still neben ihm herlief und keinen Laut von sich gab. Die rückwärtige Wand kam immer näher und jetzt erkannt Martin, worauf sie zugingen. Unmittelbar vor ihnen befand sich eine unscheinbare Tür an der Mauer. Sie bestand aus Metall und war fast vollständig von Rost überzogen. Als der Alte bei ihr anlangte, legte er die Hand auf die Klinke und drehte sich zu seiner Nachhut um. „Sein sie vorsichtig. Unter Umständen ist es glatt. Dieser Weg wird nicht mehr oft benutzt.“ Mit einer schwungvollen Bewegung zog er die Tür auf. Sie öffnete sich kreischend und sofort schlug ihnen ein fauliger Geruch entgegen. An die Tür schloss sich ein Gang an. Er verlief abwärts und seine Wände bestanden aus grob behauenen Steinen, die mit einer dünnen Moosschicht überzogen waren. Hier und da sprossen kleine Pilze aus den Ritzen zwischen den unregelmäßig geformten Steinen. Eine Treppe führte nach unten. Die Stufen glänzten feucht und es gab kein Geländer, an dem man sich hätte festhalten können. Der alte Mann war neben der geöffneten Tür stehen geblieben und hielt die Arme wieder hinter dem Rücken verschränkt. „Sie können gerne hier verweilen und sich überlegen was sie tun wollen, aber diese Passage wird sich in etwa einer Minute für immer schließen. Dies wäre dann ihr sicherer Tod.“ Er wartete kurz, schob den Ärmel seines Jacketts hoch und blickte auf eine altertümliche Armbanduhr. Er nickte. „55 Sekunden habe sie noch.“

Martin stieg als Erster in den niedrigen Gang. Er musste sich ein wenig bücken. Offenbar hatten die Erbauer mit weniger großen Menschen gerechnet, als sie dies hier errichtet hatten. Unterschwellig fragte er sich, ob der Gang überhaupt für Menschen gemacht war. Mugh, der Stille und das Kind, was dieser immer noch an der Hand hielt, folgten ihm. Der Gang war gerade so breit, dass zwei Personen eng nebeneinander Platz hatten. Als Wartins gerade nachkommen wollte, trat der Alte blitzschnell einen Schritt vor und versperrte den Zugang. Mit einem metallischen Knall fiel die Tür ins Schloss und war Sekundenbruchteile später verschwunden. „Ihr Weg endet hier.“ Die Stimme des Alten war immer noch bar jeglicher Gefühlsregung. „So ist es entschieden worden.“ Wartins wollte etwas sagen, doch im selben Moment gaben seine Beine nach und er brach tot zusammen. Der alte Mann betrachtete den Leichnam mit ausdruckslosen Augen. Innerhalb weniger Augenblicke verweste der Körper vollständig. Zurück blieben nur ein unregelmäßiger Haufen Staub und einige Münzen, die Wartins wohl in seiner Tasche aufbewahrt hatte. Mit einer raschen Bewegung zog der Mann seine Krawatte zurecht, hustete kurz und wandte sich dann ab. In seinem humpelnden Gang entfernte er sich mit zügigen Schritten. Schon nach wenigen Metern wurden seine Umrisse transparent und seine Gestalt verschwand im Zwielicht des Saals. Es schien fast so, als ob er niemals existiert hätte. Stille senkte sich wieder über den Thronsaal.


Auf der anderen Seite der Tür starrten Martin, Mugh und der Stille auf eine massive Wand. An der Stelle, wo eben noch ein Durchgang gewesen war, befand sich jetzt eine glatte, steinerne Fläche ohne jede Fuge. Das Geräusch der zufallenden Tür hatte sie schlagartig herumfahren lassen und erst im nächsten Moment fiel Martin auf, dass jemand fehlte. Mugh sprang zur Wand und schlug wild mit den Fäusten dagegen. Immer wieder rief er Wartins’ Namen. Aber das half alles nichts. Kein Laut drang zu ihnen durch. Die Wand war dick und massiv. Martin war paralysiert. Er wusste nicht, was er tun sollte. Der Junge, den der Stille an der Hand hielt fing an zu wimmern. Der Stille merkte erst jetzt wie stark er die Hand des Kindes drückte und lockerte seinen verkrampften Griff. Martin senkte den Blick. Das Gefühl von grenzenloser Ohnmacht und der Schock saßen tief. Langsam drehte er sich um und stieg weiter die Treppe hinab. Mugh hatte es aufgegeben zu rufen. Sein Atem ging schwer. Der Stille und schließlich auch Mugh schlossen sich Martin an. Schweigend stiegen sie immer tiefer herunter. Martin kam es vor, als ob sie in ein Grab hinabsteigen würden. Wieder war jemand aus ihrer Gruppe gewaltsam herausgerissen worden. Die Luft wurde stetig feuchter und gleichzeitig stieg die Temperatur. Die Moose und Flechten an den Wänden wurden immer dichter und bald sah man kaum noch den Stein. Von der Decke hingen immer öfter dicke Spinnweben und an vielen Stellen tropfte ihnen Wasser auf den Kopf. In unregelmäßigen Abständen befanden sich elektrische Lampen an der Wand, aber viele waren ausgefallen. Martin vermutete, dass dies mit der Feuchtigkeit zu tun hatte. Ganze Strecken konnten sie sich nur vorantasten. Der Gang verlief nicht gerade, sondern machte immer wieder Kurven nach rechts und links. Irgendwann erreichten sie das Ende der Treppe. Der weitere Gang verlief nun nahezu waagerecht. Ganz an seinem Ende konnte Kiro einen hellen Schimmer erkennen. Die Lampen in diesem Teil des Ganges waren fast alle ausgefallen. Sie gingen auf den Schimmer zu und mit jedem Schritt wurde es heller. Endlich erreichten sie das Ende des Tunnels und traten ins Frei hinaus. Sie standen mitten in einem Wald. Das Geschrei von Vögeln ertönte hoch über ihnen in den Wipfeln von gigantischen Bäumen. Überall wuchsen verschiedenste Pflanzen. Das Gras unter ihren Füßen war saftig und feucht. Es regnete leicht, aber die Luft war angenehm warm.


Flucht


33


Nadja und Kiro lagen sich lange in den Armen. Allmählich beruhigte sich Nadja und ihr Atem, der warm an Kiros Hals entlang strömte, ging nun regelmäßiger. „Danke, dass du gekommen bist.“ Sie konnte nur flüstern. Zu überwältigend war ihr Freude. Nach einer Weile lösten sie sich voneinander. Er blickte ihr in die blauen Augen und sie lächelte ihn an. Die Schmerzen waren für den Moment vergessen. Sie dachte an die Schwester, die jeden Moment zurückkommen konnte. Kiro bemerkte ihre Unruhe. „Lass uns von hier verschwinden. Kannst du laufen?“ Er sah an Nadja herunter, aber ihre Beine waren unter einer Decke verborgen. Sie schüttelte den Kopf. „Nein, das wird noch nicht klappen.“ „Gut, dann werden wir wohl erstmal mit diesem „Monster“ hier abhauen müssen. Er trat hinter den Stuhl und wollte gerade mit Nadja los, als ihm noch etwas einfiel. Aus seiner Manteltasche holte Kiro das Geldbündel, nahm ein paar Scheine heraus und legte den Rest auf die Bank. Er hoffte, dass das Geld den Weg zur richtigen Person finden würde, denn er hatte jetzt keine Zeit mehr sich auch noch darum zu kümmern.

Auf dem Weg zum Krankenhaus hatte Kiro einen zweiten Zugang des Parks zu einem Parkplatz hin gesehen. Dorthin schob er den Rollstuhl jetzt. Er war den Umgang mit dem Stuhl noch nicht gewohnt und so wohl etwas stürmisch, denn Nadja hielt sich anfangs überrascht an der Armlehne fest. Gerade waren sie am Rand des Parkplatzes angekommen, als sie lautes Rufen hinter ihnen hörten. „Fahr schneller.“ Die Angst in Nadjas Stimme alarmierte Kiro und er legte einen Zahn zu. Ohne sich umzudrehen überquerten sie zügig den Parkplatz, der fast vollständig belegt war und so ein wenig Deckung bot. Gerade waren sie an der Straße angelangt, als jemand hinter ihnen her rief: „He sie da, bleiben sie sofort stehen! Wo wollen sie mit der Patientin hin?“ Ein flüchtiger Blick nach hinten bestätigte Kiro, dass sie verfolgt wurden. „Halt dich fest!“, rief er Nadja zu und begann zu rennen.

Auf dem Gehweg waren viele Leute unterwegs und so wurde die Fahrt zu einem regelrechten Hindernislauf. Mehrmals streiften sie Passanten. Kiro murmelte nur kurze Entschuldigungen und ließ die fluchenden Leute schnell hinter sich. Ihre Verfolger waren ihnen weiterhin dicht auf den Fersen. So bald er konnte, bog Kiro in eine Nebenstraße ein, in der weniger Betrieb herrschte. So kamen sie deutlich schneller voran. Immer wieder blickte sich Kiro zu ihren Verfolgern um, die langsam, aber sicher, näher kamen. Soweit er es erkennen konnte, handelte es sich um zwei Männer in blauen Uniformen und eine Krankenschwester. „Bleiben sie stehen, oder wir eröffnen das Feuer!“ Einer der Männer hinter ihnen brüllte keuchend. Also waren sie bewaffnet, aber Kiro hatte keine Wahl. Sich jetzt zu stellen würde alles nur noch viel komplizierter machen. Außerdem wollte er Nadja um keinen Preis mehr allein lassen. Sie mussten sich irgendwo verstecken, sonst wären sie früher oder später eingeholt. Ein lauter Knall hallte hinter Kiro von den Gebäudewänden wieder. Im selben Moment zischte etwas links an seinem Kopf vorbei und schlug vor ihnen in eine Mauer ein. Nun wurde es interessant. „Da vorn!“, Nadja zeigte auf eine schmale Lücke zwischen zwei Häusern. Kiro lief noch etwas schneller und sie näherten sich schnell. Ein weiterer Knall und gleich darauf der Einschlag des Geschosses auf dem Gehweg folgten. „Hören sie auf zu schießen! Sie gefährden das Leben der Patientin!“ Diesmal war es die Krankenschwester, die rief. Sie schien schon völlig außer Atem.

Als sie die schmale Lücke erreichten, bremste Kiro hart. Nadja verlor ihren ohnehin schon unsicheren Halt, aber Kiro hielt sie gerade noch an der Schulter fest, bevor sie aus dem Rollstuhl fallen konnte. Er konnte es nicht sehen, aber vor Schmerzen verzog Nadja das Gesicht und stöhnte leise. Die schmale Gasse, die jetzt vor ihnen lag, war voller Müll. Die Tonnen, die überall herumstanden quollen über. Kiro zögerte keinen Augenblick und lenkte den Rollstuhl hinein. Überall waren großen Pfützen und dreckiges Wasser spritze hoch, wenn sie hindurch fuhren. Nachdem sie ein Stück zurückgelegt hatten, sah Kiro sich noch einmal um. Hinter ihnen blockierte einer der Männer die Gasse. Er stand nur da und bewegte sich nicht. Die anderen Verfolger waren verschwunden. Das brachte Kiro jedoch nicht dazu sein Tempo zu verringern. Er hielt weiter auf den Ausgang der Gasse zu, der direkt vor ihnen lag. In diesem Moment trat dort der zweite Uniformierte in die Lücke und versperrte sie.

Jäh bremst Kiro ab. Nadja zog scharf die Luft ein. Kiro stand regungslos da. Sie saßen in der Falle. Der Mann begann auf sie zuzugehen. In der Gasse war es auf einmal sehr still. „Pst. He ihr da!“ Ein Flüstern ließ Kiro herumfahren, aber er konnte im Zwielicht der Gasse erst nichts erkennen. Als sich seine Augen an die Dunkelheit gewöhnt hatten, nahm er einen schmächtigen Jungen wahr, der wenige Meter von ihnen entfernt im Schatten eines großen Müllcontainers stand. Seine Kleidung war zerlumpt und das kleine Gesicht völlig verdreckt. Er winkte sie heran. Kiro verstand erst nicht, was der Junge wollte, aber dann erspähte er die schwachen Umrisse einer niedrigen Tür direkt neben dem Container. Während die beiden Beamten von beiden Enden der Gasse schweigend auf sie zukamen, rollte Kiro den Rollstuhl vorsichtig zum Container. Der Junge griff nach der Klinke und zog die Tür auf. Kiro wurde es heiß. Mit dem Rollstuhl kämen sie nie durch die schmale Tür. Nadja sah fragend zu ihm auf. Auch sie hatte es bemerkt. Ohne viel Zeit zu verlieren, beugte Kiro sich zu ihr hinunter, lächelte sie an und hob sie vorsichtig aus ihrem Stuhl. Wie leicht sie doch war. Kiro duckte sich und gemeinsam schritten sie über die Schwelle. Staub rieselte hinab und Nadja musste niesen. Hinter ihnen wurde die Tür lautlos geschlossen, jedoch waren sie nicht allein. Der Junge war ihnen gefolgt.

Sie standen in einem Flur. Überall hing die Tapete in Fetzen von der Wand. Der Putz hatte an vielen Stellen Löcher und es roch nach Feuchtigkeit. Die Türen zu den angrenzenden Räumen fehlen und beim Vorbeigehen blickten sie in leere und ebenso heruntergekommene Räume. Die Fenster waren vernagelt. Ein wenig Licht kam durch Ritzen in der Decke und den Wänden. In den Lichtkegeln tanzte der Staub. Das ganze wirke auf Kiro unwirklich und geheimnisvoll. Immer weiter folgten sie dem langen Gang, bis er an einer weiteren Tür endete. In großen, schwarzen und ein wenig krummen Buchstaben stand darauf nur ein einziges Wort: „Ebetaminor“. Nadja und Kiro sahen sich erschrocken an. Beide sagten nichts. Sie konnten nichts sagen. Es gab kein Entkommen.

Der Junge, der vor ihnen auch zum Stehen gekommen war, griff in seine Tasche und zog eine kleine, goldene Taschenuhr hervor. Er klappte sie auf, warf einen Blick hinein und ließ sie wieder verschwinden. Freundlich strahlte er sie an. „Ihr müsst euch noch einen Moment gedulden. Seid ein bisschen früh dran. Du bist wohl ziemlich gerannt, was?!“ Er lächelte Kiro verschmitzt zu und warf dabei auch einen kurzen Blick auf Nadja, die sich mit ihrem gesunden Arm an Kiros Hals festhielt. „Ach ja, fast hätte ich es vergessen…“ Er kramte in seiner anderen Hosentasche und brachte ein kleines, durchsichtiges Fläschchen zum Vorschein. In ihm befanden sich viele kleine, weiße Kügelchen. „Eine davon zu jeder Mahlzeit, oder dreimal am Tag. Nimm sie bitte, bis sie verbraucht sind.“ Da Kiro mit beiden Händen Nadja festhielt, steckte der Junge es Kiro in die Tasche. Vor Staunen konnten Beide immer noch kein Wort herausbringen. So vergingen ein paar Minuten und alle drei schwiegen. Kiro wollte gerade ansetzen und den Knirps etwas fragen, als es leise klickte und die Tür vor ihnen einen spaltbreit aufschwang. Tageslicht fiel herein. „Na dann. Macht’s gut und passt auf euch auf.“ Mit diesem Worten zog er die Tür vollständig auf. Mit seiner Nadja in den Armen trat Kiro hinaus ins Freie. Noch bevor Kiro sich umdrehte, wusste er schon, dass die Tür verschwunden war.


Der Schatten


Die beiden Polizisten trafen sich unterdessen in der engen Gasse und sahen einander fragend an. Von ihrer Beute war nichts mehr zu sehen. Nur ein alter Rollstuhl stand ziemlich verrostet neben einem großen Müllcontainer. Das Verschwinden der Beute konnten sie sich nicht erklären. Sie sahen sich noch eine Weile um und dann verließen sie ratlos den Ort des Geschehens um ihren Vorgesetzten Bericht zu erstatten. Am nächsten Tag dominierte eine Schlagzeile die Zeitungen. Es ging um einen großen Bankraub in der Innenstadt. Jedoch waren zwei weitere Artikel weitaus interessanter. „Tankstellenexplosion in der Wüste – 52 Tote“, verkündete der Erste. Der Zwei, noch kleinere, berichtete vom Verschwinden einer Patientin aus dem städtischen Krankenhaus. Unter dem Artikel war ein kleines Bild von Nadja abgedruckt und die Polizei bat um sachdienliche Hinweise. Der Schatten schlug die Zeitung zu, in der er eben noch gelesen hatte. Wieder waren sie ihm entwischt. Und diesmal war er so nahe gewesen. Jedoch wusste er, wohin sie wollten. Der Ort ihres Verschwindens verriet es ihm. Er würde sie abfangen. Bei Ebetaminor konnte er schnell sein. Der Schatten warf die Zeitung in den Mülleimer neben sich und ging davon. Eine Woche später fand man die Körper von zwei Polizisten in der Kanalisation ein paar Straßen weiter. Ihre Leichen waren schon sehr stark verwest und der Gerichtsmediziner konnte die Todesursache nicht klären. Die Akte wurde bald geschlossen und niemand stellte Fragen.


34


Feuchte und salzige Luft schlug Kiro entgegen. Nachdem sie die Tür passiert hatten, fanden sie sich auf einem sandigen, schmalen Trampelpfad wieder, der unterhalb einer Reihe großer Sanddünen verlief und sanft anstieg. Links und rechts vom Pfad wuchsen büschelweise lange Grashalme. Der Wind strich über die Dünenkronen und ließ feinen Sand auf sie herabrieseln. In weiter Ferne nahm Kiro das Rauschen von Wasser und das Kreischen von Vögeln wahr. Der Himmel war grau und gewölkt. Vorsichtig setzte er Nadja ab und setzte sich zu ihr in den Sand. Trotz ihres geringen Gewichts würde er sie so nicht auf Dauer tragen können. Hinter ihnen wehte der Wind ständig neuen Sand die Düne hinunter, sodass sich der Sand an ihren Rücken langsam auftürmte. Nadja schloss die Augen und atmete tief ein. „Ich mag diesen Geruch und den Geschmack von Salz in der Luft.“ Kiro betrachtete sie. Aus einem plötzlichen Impuls heraus, beugte er sich zu ihr und küsste Nadja sanft auf die Lippen.

Sie lächelte. „Sind wir in Sicherheit?“ Noch immer waren ihre Augen geschlossen. „Für den Moment schon, denke ich.“ Kiros Stimme war nachdenklich. „Glaubst du, dass wir wieder auf Eschnak sind?“ „Ja.“ Nadja öffnete die Augen und sah in an. „Da bin ich mir sicher!“ Sie nahm seine Hand in die ihre. In diesem Moment sagte Keiner der beiden etwas. Sie sahen einander lange an. Ihnen war bewusst, welches Band zwischen ihnen entstanden war. Noch einmal küssten sie sich. Diesmal lange und intensiv. Kiro spürte Nadja zittern. Noch immer trug sie nur den dünnen Bademantel aus dem Krankenhaus. Er zog seinen Mantel aus und hüllte sie darin ein. „Danke, mein Ritter.“ Nadja lächelte ihn an. „Willst du versuchen, ob du langsam laufen kannst?“ Er sah sie fragend an. Sie nickte. „Vielleicht geht es doch ein wenig, wenn du mich stützt.“ Er half ihr auf und Schritt für Schritt setzten sie sich in Bewegung. Anfangs schmerzte jeder Schritt noch so stark, dass sie häufig eine Pause einlegen mussten, aber nach einer Weile ging es besser. Kiro war stets an ihrer Seite, bereit sie zu halten. Der Pfad wand sich immer höher zwischen den Dünen entlang. Bald waren sie auf dem Kamm der ersten Düne angekommen und konnten die Umgebung überblicken. In mehreren Reihen zogen sich die Dünen dahin. Langes, braunes Gras wuchs hier überall. In der Ferne verlor sich der Weg zwischen den Bergen von Sand. Nicht allzu weit entfernt flachten die Dünen ab und das Meer begann. Kiro sah die Schaumkämme der Wellen und man konnte die Brandung hören. Wie wohl schon seit Jahrhunderten, wenn nicht Jahrtausenden, lag es tiefgrau vor ihnen.

Hier oben wehte der Wind schärfer und Nadja zog den Mantel enger um sich. Der Weg war fast zugewehte von Sand und weil sie immer wieder tief mit den Füßen versanken, kamen sie nur langsam voran. Immer wieder trug Kiro Nadja, wenn sie erschöpft war. In einiger Entfernung konnte Kiro ein Gebäude am Strand erkennen. Seine Form konnte man nicht genau ausmachen, aber da es ihr einziger Anhaltspunkt war, hielten sie direkt darauf zu. Der Pfad war längst unter dem Sand begraben. Durch die Wolken war die Tageszeit schwer zu bestimmen. Ein stetig fahles Licht erhellte den Tag. Irgendwann machten sie eine längere Pause und verbrauchten ihren letzten Rest Proviant. Jetzt blieb ihnen nur noch ein wenig Wasser. Kiro fühlte sich gut und Nadja schien es auch besser zu gehen. Zum Teil lag dies bestimmt an den weißen Pillen, die sie nahm, aber den größten Anteil daran hatte die Tatsache, dass sie sich nun gegenseitig gezeigt hatten, was sie füreinander empfanden. Kiro nahm an, dass sie gegen Abend das Gebäude erreichen konnten. Sie waren ihm die ganze Zeit über stetig näher gekommen.

Später, als das Lich schwächer wurde, gewann der Wind immer mehr an Stärke. Er schleuderte ihnen ständig Sand entgegen und innerhalb kürzester Zeit hatte er sich zu einem regelrechten Sandsturm entwickelt. So gut es eben ging, versuchten sie ihre Gesichter von den harten Sandkörnern zu schützen, aber dies gelang nur schlecht. Schließlich waren sie bis auf wenige hundert Meter an das Gebäude herangekommen, jedoch konnten sie wegen des Sturms und des schwindenden Tageslichts kaum noch etwas erkennen. Der Sturm schien noch einmal an Kraft zuzunehmen und seine gesamte Gewalt aufzubieten. Fast, als wollte er sie daran hindern einen geschützten Ort zu erreichen. Rechts von ihnen befand sich eine tiefe Mulde, in der sie einigermaßen windgeschützt gewesen wären und Kiro wollte schon den Abhang hinuntersteigen, aber Nadja schüttelte deutlich den Kopf und brüllte gegen den Sturm an: „Nein, nicht dorthin. Wir müssen weiter. Wenn wir hier draußen bleiben, werden wir sterben.“ Kiro sah ein, dass sie Recht hatte und noch einmal sammelte er seine Kräfte. Mit Nadja auf den Armen spurtete er die letzte Strecke zu dem dunklen Gebäude vor ihnen. Es kam ihm so vor, als ob er gegen eine unsichtbare Kraft ankämpfen würde, so viel Sand war in der Luft. Endlich erreichten sie das Gebäude. Im Schutz der Mauer tasteten sie sich voran, bis sie einen Eingang gefunden hatten. Sie stiegen ein paar Stufen hinauf und sobald sie sich im Inneren befanden, hatte der Sturm keine Macht mehr. Erschöpft sanken sie auf den Boden. Selbst hier war das Toben des Sturms noch recht laut, aber für diese Nacht wären sie in Sicherheit. Nach ein paar Minuten war Kiro wieder zu Atem gekommen und sah hinaus. Bald würde es vollkommen finster sein. Während der Sturm weiter tobte, kuschelte sich Nadja enger an ihren Kiro und unter dem warmen Mantel verbrachten sie die Nacht. Beide schliefen sie schnell ein und bekamen nicht mehr mit, wie der Sturm schon bald abflaute und sich eine gespenstische Stille über den Strand legte.

Am nächsten Morgen war es Nadja, die zuerst aufwachte. Neugierig stand sie auf und war erstaunt, wie gut sie schon wieder laufen konnte. Auf kurze Strecken machte ihr das Bein fast keine Probleme mehr. Als sie aus dem Eingang hinaus auf die Landschaft blickte, konnte sie ihr Erstaunen kaum verbergen. Der Sturm hatte die Landschaft nachhaltig verändert. Wo gestern noch sanfte Dünenhügel gewesen waren, zog sich jetzt eine fast glatte Sandfläche bis zum Horizont dahin. Das Meer schien näher gekommen zu sein. Nadja drehte sich um. In was für einem Gebäude befanden sie sich hier wohl? Kiro war inzwischen aufgewacht und begrüßte sie mit einem Kuss, den sie gerne erwiderte. Hand in Hand begannen sie das Gebäude zu erkunden. Eine alte, verwitterte Metallplakette neben dem Bereich wo sie geschlafen hatten, wies diesen Ort als einen Bahnhof aus.



Endbahnhof Theta


Direktverbindungen zu:


  • Ebetaminor 12:00 (täglich)

  • Solejier 18:00 (täglich)

  • Warkandoblan (siehe Plan)




Nadja drückte Kiros Hand. „Wir sind auf dem richtigen Weg.“ Sie lächelte. Die Öffnung, in der sie die Nacht verbracht hatten, bildete den Zugang zu einem kurzen Tunnel, der in das Zentrum des Gebäudes führte. Einst war er von Metallgittern verschlossen gewesen, diese hingen jetzt aber alt und verrostet in ihren Angeln und lehnten an der Wand. Es sah so aus, als hätte man sie vor langer Zeit einmal gewaltsam aufgebrochen. Die Wände des kurzen Gangs waren mit glatten Steinfliesen verkleidet. Viele waren heruntergefallen und die Scherben lagen verstreut herum. Nach einigen Metern öffnete sich der Gang hin zu einer großen, überdachten Halle. Sie befanden sich inmitten eines altertümlichen Bahnhofsgebäudes. Vor ihnen lagen eine Reihe Bahnsteige und dazwischen die Gleise. Staunend gingen sie weiter. Über ihnen spannte sich ein filigranes Netz von dünnen Metallträgern die ein gläsernes Dach trugen. Es wölbte sich halbrund in schwindelerregender Höhe über der gesamten Anlage. An manchen Stellen konnte Kiro Risse erkennen und weiter hinten lagen die Splitter heruntergefallener Glassegmente im Staub.

Der Bahnhof war rechteckig angelegt. Sie hatten ihn von der landeinwärts gewandten Seite betreten und die Gleise liefen, zueinander parallel, in Richtung des Meeres aus dem Gebäude hinaus. Es war an dieser Seite vollständig geöffnet und sie blickten direkt auf den Ozean. Nadja und Kiro liefen ganz bis an das Ende eines Bahnsteigs. Hier vereinigten sich die 12 Gleise bald zu einem einzigen. Dieses Gleis ruhte auf einer schmalen, brückenähnlichen Struktur mehrere Meter über dem Sand und lief direkt hinaus auf den Ozean. Fast bis zum Horizont konnten sie die schnurgerade Linie verfolgen, bevor sie sich irgendwann verlor. Sie wandten sich wieder dem Bahnhof zu. Nirgends stand ein Zug oder ein anderes Schienenfahrzeug. Dieser Ort wirkte wie aus einer anderen Zeitepoche entsprungen. Die Metallstützen der Dachkonstruktion, die in der Mitte jedes einzelnen Bahnsteigs aufsetzten, waren kunstvoll verziert und überall standen alte Holzbänke herum, die Kiro wieder an seine Geschichtsstunden in der Schule erinnerten. An der Rückwand der Halle befand sich eine Reihe von Schaltern. Vor den vom Staub völlig undurchsichtigen Scheiben waren teilweise Rollläden heruntergelassen. Am linken Ende der Reihe, entdeckte Kiro etwas Merkwürdiges. Ganz im Schatten, in der Ecke, leuchteten ein paar bunte Lichter. Das wollte er sich näher ansehen.

Nadja hatte sich inzwischen auf eine der Holzbänke gesetzt und legte ihr krankes Bein hoch. „Schau dich ruhig weiter um. Ich mache mal eine kleine Pause.“ Ihr ermutigender Blick vertrieb seine Sorgen und Kiro machte sich auf den Weg. Bei jedem Schritt knirschte der Sand leise, der hier überall in einer dünnen Schicht lag. In den Fenstern der Ticketschalter befanden sich mittig runde Gucklöcher. Eins von ihnen stand offen und Kiro warf einen Blick hindurch. In den Ecken hingen dicke Spinnweben. Das Halbdunkel des Raumes ließ sonst nicht viel mehr erkennen. Neben einem einfachen Tisch mit einem Stuhl dahinter und einer Aktenablage darauf gab es an der Rückwand der kleinen Kabine noch eine Tür. Wie ein gähnendes, schwarzes Loch stand sie halb offen. Neben ein paar bunten Rollen mit Tickets lag auf einem Regal an der Wand noch ein großer Schlüsselbund. Er war ebenfalls von einer dicken Staubschicht bedeckt und Kiro fragte sich, wie lange es her war, dass an diesem Ort die Zeit stehen geblieben war.

Als Kiro sich der Ecke mit den merkwürdigen Lichtern näherte, nahm er ein leises Surren wahr. Dort im Schatten stand ein viereckiger, mannshoher Kasten. An ihm befanden sich die bunten Lichter. Einige flackerten unregelmäßig. Kiro wischte die Staubschicht von der glatten Oberfläche. Oben kam ein Symbol zum Vorschein, dass ihm nicht unbekannt war. Es handelte sich hier offenbar um einen Ticketautomat. Er kannte solche Geräte, aber ein solches Modell hatte er noch nie gesehen. Er wischte auch den letzten Staub weg und nun war seine Überraschung noch größer. Offenbar funktionierte der Automat noch immer. Ein großes Display war in der Mitte eingelassen. Es leuchtete schwach und in kleiner Schrift, die Kiro zu seiner Verwunderung diesmal tatsächlich lesen konnte, stand dort: „Bitte den Bildschirm berühren!“ Er kam der Aufforderung nach und tippte vorsichtig auf das Display. Nichts geschah. Noch einmal, diesmal mit etwas mehr Kraft, drückte Kiro auf die durchsichtige Oberfläche. Ein Piepsen war zu hören und der Monitor leuchtete hell auf. Die Schrift verschwand und eine stilisierte Sanduhr erschien auf dem Bildschirm, die sich langsam drehte. Nach ein paar Sekunden baute sich ein neues Bild auf. „Paladius-Eschnak Transitsystem“, stand nun über der schematischen Darstellung eines Streckennetzes. Unter dem Diagramm wurde Kiro aufgefordert sein Ziel zu wählen. Zur Auswahl standen drei Endbahnhöfe. Ihre Bezeichnungen waren Lambda, Delta und Gamma, sowie zwei Zwischenstationen. Eine lag auf dem Weg zur Deltastation, die andere auf halber Strecke zur Gammastation. Da er keine andere Eingabemöglichkeit finden konnte, drückte Kiro mit dem Finger auf das grau umrandete Feld der Gammastation. Sie lag der Thetastation am nächsten. Zwei Piepser ertönten und ein blinkendes, rotes Ausrufezeichen tauchte auf dem Monitor auf. Darunter stand in großer Schrift: „Ziel nicht verfügbar!“. Nach einigen Augenblicken kehrte die Anzeige wieder zum Streckendiagramm zurück und diesmal probierte Kiro es mit der Lambdastation, die am weitesten entfernt war. Wieder tauchte das Ausrufezeichen auf und das Ziel war nicht verfügbar. Die beiden Zwischenstationen waren nicht als Ziel anwählbar. Ihre Schrift war grau unterlegt. Kiro war neugierig, ob wenigstens die Deltastation verfügbar war. Zwar glaubte er nicht wirklich daran, dass tatsächlich noch Züge auf den Strecken verkehrten, aber er war so fasziniert von dem Gerät, dass er es probierte.

Er hatte kaum auf die Deltastation gedrückt, als eine andere Meldung den Bildschirm in hellem Grün erstrahlen ließ. „Bitte warten, ihr Tarif wird berechnet!“ Die Sanduhr tauchte wieder auf und einige Augenblicke lang geschah gar nichts. Schließlich wurde der Bildschirm blau und verkündete den Fahrpreis. Die Reise sollte 1.500 Yen kosten. Kiro wollte sich schon grinsend abwenden und Nadja holen, um ihr den verrückten Automaten zu zeigen, als ihm etwas einfiel. Er kramte in seiner Tasche und holte die Münze mit dem viereckigen Loch heraus. Unter dem Display hatte der Automat einen schmalen Schlitz. Kiro vermutete, dass er für Münzen gedacht war. Ohne weiter nachzudenken schob er die Münze in den Schlitz. Rasselnd verschwand sie in den Eingeweiden der Maschine. Ein tiefes Summen war zu hören und an der Unterseite des Automaten ging ein Licht an. Dort befand sich eine Öffnung. Klappernd fiel nun etwas heraus und landete direkt vor Kiros Füße. Er bückte sich und hob eine graue Plastikkarte auf. „Delta-Transit“ stand darauf und in kleiner Schrift auf der Rückseite war zu lesen, dass dieses Ticket nur zur einmaligen Benutzung bestimmt war.

Ein leises Knistern ließ Kiro wieder zum Automaten schauen. Das Display blinkte wie verrückt in allen Farben. Eine Meldung verkündete die Fehlfunktion des Systems und als Kiro erneut das Display berührte, hätte er sich fast verbrannt, so heiß war der Automat geworden. Unheil verkündend wölbte sich die Vorderseite des Automaten nach vorne. Kiro trat einige Schritte zurück. Keinen Augenblick zu früh, denn im nächsten Moment flog mit einem gedämpften Knall die obere Abdeckung des Automaten in die Höhe und schwarzer Qualm drang aus dem Gerät. Es hatte sich fast so angehört, als würde man eine kleine Sprengladung in einer Mülltonne zünden. Kiro machte vor Schreck einen Satz zur Seite und brachte sich hinter einer Metallsäule in Sicherheit. Nadja, die aus der Entfernung alles mitbekommen hatte, kam ihm nun leicht humpelnd entgegen. „Alles klar bei dir!?“, rief sie ihm besorgt zu. Er winkte zurück. „Ja. Ist nichts passiert.“ Kiro wartete bis sie herangekommen war. „Der dumme Automat ist nur hochgegangen.“ Wahrscheinlich war er einfach zu alt.“ „Was für ein Automat?“ Nadja sah ihn erstaunt an. Er deutete in die Ecke, wo die ausgebeulte Hülle des Automats immer noch vor sich hin rauchte. Ein beißender Gestank lag in der Luft. Grinsend hielt er die Plastikkarte hoch. „Die hier hat er vor seinem Ableben aber noch ausgespuckt!“ Kiro gab Nadja die Karte, die sie sich aufmerksam ansah. „Vielleicht bringt uns das von hier weg.“ Nadja wollte gerade etwas erwidern, aber in diesem Moment erwachte der Bahnhof zum Leben.


Der Zug


35


Von überall her begann es zu gedämpft zu brausen. Das Geräusch schwoll an und die Luft geriet in Bewegung. Keuchend und mit Aussetzern sprangen die Motoren der Lüftungsanlage im gesamten Bahnhofsgebäude an. Zuerst gab es hauptsächlich Verwirbelungen und Sand wurde vom Boden in die Luft gesaugt, aber als sich die Anlage komplett hochgefahren hatte, strömte eine angenehm kühle Brise durch die Halle und nach kurzer Zeit war der Geruch des Meeres völlig verschwunden. Immer wieder schepperte irgendwo ein Ventilator, aber sonst schien die Anlage noch weitgehend zu funktionieren.

Im ersten Moment, hatte Nadja sich so erschreckt, dass sie unwillkürlich nach Kiro gegriffen hatte und sich nun noch immer an ihm festhielt. Erst als auch sie erkannt hatte, was vor sich ging, entspannte sie sich und ließ Kiro los. Hier funktionierte offensichtlich doch noch mehr, als sie es auf den ersten Blick vermutet hatten. Zusammen mit der Lüftungsanlage war ein Teil der Beleuchtung wieder in Betrieb gegangen. In der Mitte über den Ticketschaltern hing eine große Anzeigentafel. Kiro hatte sie vorher nicht bemerkt, weil sie komplett schwarz gewesen war und so keine besondere Aufmerksamkeit auf sich gezogen hatte. Jetzt jedoch war dort Bewegung. Es handelte sich um keine digitale Anzeige, wie die des Automaten, sondern war eine ältere Bauart, bei der die Zeichen einzeln auf umklappenden Plättchen aufgemalt waren. Mit Klicken und Klappern drehten sich jetzt die Felder der ersten Zeile und ein wahrer Regen von Staub und Sand fiel auf die Fläche darunter. Ein Feld nach dem anderen blieb stehen bis Nadja und Kiro erkennen konnten, was dort stand. Unter dem Feld „Ziel“ war jetzt in gelber Schrift „Delta-Terminal“ zu lesen. Als zugehöriges Gleis wurde das achte angegeben und die Abfahrtszeit lautete „11.59“.

Das schien es für den Moment gewesen zu sein, denn nun war es wieder still. Nur das inzwischen etwas leiser gewordene Surren der Lüftungsanlagen war noch zu hören. Kiro blickte hinüber zum Ticketautomaten. Der Rauch hatte sich vollständig verzogen und auch der beißende Geruch war verschwunden. Er fand als erster seine Sprache wieder. „Das ist ja ganz unglaublich. Sieht fast so aus, als ob alles hier nur darauf gewartet hätte, das ich ein Ticket kaufe.“ Nadja sah ihn zweifelnd an. „Vielleicht ist hier noch jemand.“ Sie sah sich um. Noch immer umgaben sie nur Staub und alte Mauern. Nadja blickte auf den Boden. Überall, wo sie bisher gelaufen waren, hatten sie Spuren hinterlassen. Zwar war durch die Lüftungsanlage ein Teil des Sandes in Bewegung geraten und hatte so die Abdrücke etwas verwischt, jedoch konnte man sie immer noch recht gut erkennen. Außer ihren eigenen Fußspuren und denen von Kiro konnte sie aber keine anderen finden. Wenn jemand hier war, dann hatte er es geschafft sich erfolgreich verbergen. Sie wand sich zu Kiro, der noch immer das Ticket untersuchte. „Glaubst du, dass hier wirklich noch ein Zug kommt?“ „Ich weiß nicht. Aber für unmöglich halte ich es nicht. Ein paar der Gleise sehen noch recht gut aus.“ Er blickte in den Graben des ersten Gleises, an dessen Rand sie standen. Im Gleisbett wuchs das braune Gras, was sie gestern auch draußen gesehen hatten und die beiden Metallstränge der Schienen waren braun vom Rost, aber strukturell waren sie durchaus noch betriebsbereit. Die Erbauer dieses Orts hatte gute Arbeit geleistet.

Seitdem die Lüftung wieder ihren Betrieb aufgenommen hatte, war die Luft stetig trockener geworden und Nadja merkte, wie sie Durst bekam. Ihr letztes Wasser hatte sie nach dem Aufstehen getrunken. „Wollen wir uns noch weiter umschauen? Wenn tatsächlich ein Zug kommt, hören wir das ja bestimmt?“ Sie blickte fragend zu Kiro, der nur abwesend nickte. Noch immer hielt er das graue Plastikkärtchen in seiner Hand. Schließlich steckte er es ein und folgte Nadja, die auf eine Doppeltür an der Wand in ihrer Nähe zusteuerte.

Alte, rostige Scharniere hielten die beiden einstmals blauen Schwingtüren in ihrem Rahmen. In Augenhöhe befanden sich Sichtfenster, die aber mit der Zeit völlig taub geworden war. Nadja wischte den Staub von der Scheibe und blickte hinein. Außer ein paar schemenhaften Umrissen war nichts zu erkennen. Gemeinsam versuchten sie die die Türen zu öffnen, jedoch waren die Angeln vom Rost völlig blockiert. Kiro kam eine Idee und er bedeutete Nadja, kurz auf ihn zu warten. In einiger Entfernung, wo mehrere Glasscheiben aus dem Dach herabgestürzt waren, lagen auch ein paar dünne Metallstreben der feinen, baumartigen Konstruktion herum, welche die einzelnen Glassegmente gestützt hatte. Als er sich jetzt dem Bereich näherte, wo die meisten Scherben am Boden lagen, erkannte er auch die Uhrsache für den großflächigen Schaden am Dach. Inmitten der Trümmer lagen die Überreste eines Tieres. Es musste wohl einst ein großer Vogel gewesen sein, denn große, zersplitterte Knochen und ein langer Schnabel waren zu erkennen. Bis auf die Knochen und ein paar wenigen Hautfetzen war auch sonst nicht mehr viel übrig, als dass man etwas Genaueres über die Kreatur hätte sagen können. Im Schädel des Tieres befand sich ein kleines Loch. Kiro vermutete, dass man den Vogel abgeschossen hatte. Anschließend war er auf das Dach gestürzt und hatte es auf diese Weise massiv beschädigt.

Eine längere Metallstange schien Kiro gut geeignet und er hob sie auf. Sie lag kalt und angenehm in seiner Hand. Es war keine Spur von Rost an ihr zu erkennen. Die Bruchstellen machten auf ihn den Eindruck, als wären sie noch nicht besonders alt. Mit der Stange in der Hand kehrte er zu Nadja zurück. Sie erkannte gleich, was er vorhatte und während Kiro die Türen mit aller Kraft etwas auseinander zog, schob Nadja die Stange in den Spalt. Mit dem nun entstandenen Hebel gelang es ihnen endlich eine der beiden Türen zu öffnen. Die Scharniere ächzten bedenklich und als Kiro noch ein letztes Mal mit aller Kraft zog, gaben sie schlussendlich nach und brachen mit einem trockenen Knirschen ab. Die schwere Tür schwankte einen Moment und fiel dann nach innen. Nadja hatte nicht mit dem plötzlichen Nachgeben der Gelenke gerechnet, drückte die Tür jedoch geistesgegenwärtig nach vorn, sodass die Beiden außer Gefahr blieben.

Nun fiel mehr Licht in die Öffnung und sie blickten in einen kurzen Gang. Kiro ging voraus und wenig später standen sie in einem alten Warteraum. Durch schmale Fenster an der Oberseite der Wände fiel ein wenig Licht herein und erhellte den kleinen Raum spärlich. Dicht gedrängt waren an den Wänden Plastiksitze befestigt, von denen viele zerbrochen waren und manche herausgerissen auf dem Boden lagen. In der Mitte standen einige Bänke. Sie waren aus Metall gefertigt und machten noch einen recht passablen Eindruck. Auf einem Regal in der Ecke lagen unter einer dicken Staubschicht ein paar Magazine und Zeitungen. Nadja nahm eins davon in die Hand, aber das alte Papier zerbröselte ihr zwischen den Fingern. Kiros Interesse hatte ein Schaukasten an der rechten Wand geweckt. Nachdem er auch hier den Staub entfernt hatte, studierte er jetzt einen uralten Fahrplan. Detailliert waren hier die Ankunfts- und Abfahrtszeiten der Züge, sowie der jeweilige Zielbahnhof angegeben. Wie schon auf der Plakette am Eingang tauchten hier wieder die Namen Ebetaminor, Solejier und Warkandoblan auf. Sie wurden im Zusammenhang mit einer der drei Endstationen erwähnt. Am häufigsten verkehrten die Züge offenbar zur Delta- und Gammastation. Die Lambdastation tauchte nur selten auf und es fehlten jedes Mal die Abfahrtszeiten. Nur der kurze Kommentar „Auf Anfrage“ stand dahinter. Im rechten Winkel vom Eingang zweigte ein weiterer Gang vom Warteraum ab. Da es hier außer Staub und Überresten von Zeitungen nichts mehr gab, gingen Nadja und Kiro weiter. Der neue Gang teilte sich weiter vorne und sie schlugen zunächst den linken Weg ein, der sie nach wenigen Metern in einen großen Waschraum führte.

An den Wänden reihten sich Toilettenkabinen dicht nebeneinander und die Mitte des Raumes wurde von zwei Reihen Waschbecken eingenommen, die auf beiden Seiten einer Trennwand angebracht waren. Über den Waschbecken hingen Spiegel. Soweit Kiro erkennen konnte, waren die meisten noch intakt, wenn auch von Staub bedeckt. Ohne wirklich damit zu rechnen, dass etwas geschehen würde, war Nadja zum ersten Waschbecken gegangen und hatte den Hahn aufgedreht. Tatsächlich passierte im ersten Moment auch nichts. Zwar ließ sich der Wasserhahn problemlos drehen, jedoch kam kein Wasser. Nadja war schon weitergegangen, als ein gluckerndes Geräusch beide aufhorchen ließ. Es folgte ein Brummen, dass zunächst unregelmäßig, dann aber stetig von unterhalb des Waschraumes zu kommen schien. Eine Minute verstrich, ohne Veränderung, aber dann begann der Wasserhahn zu tropfen. Aus den Tropfen wurden ein dünnes Rinnsal und dann ein starker Strahl von braunem, übel riechendem Wasser. Fasziniert starrten Kiro und Nadja auf das Becken, in dem sich die Brühe sammelte. Der Abfluss kam zunächst nicht nach, sodass das Becken fast voll gelaufen war, bevor Nadja den Hahn wieder ein wenig zudrehte. Während das Wasser lief, konnte sie zuschauen, wie sich seine Farbe und Konsistenz veränderte. Die anfangs dunkle und zähe Flüssigkeit wurde allmählich heller und klarer. Nach ein paar Minuten floss dann fast völlig sauberes Wasser aus dem alten Messinghahn. Kiro hielt seine Hände unter den Strahl, schöpfte etwas von dem Wasser und roch daran. Nadja tat es ihm gleich. Bevor Kiro noch Einspruch erheben konnte, hatte sie schon einen Schluck getrunken.

Nadjas Augen wurden groß und sie schnappte nach Luft. Kiro versuchte zu ihr helfen, aber sie winkte nur ab und bekam in diesem Moment einen Hustenanfall. Als sie wieder aufsah, blickte sie in Kiros bleiches Gesicht. Sie grinste entschuldigend. „Da war ich wohl etwas zu hastig mit dem Trinken. Die Luft hier ist extrem trocken.“ Kiro war erleichtert. „Wie schmeckt es?“ „Ziemlich abgestanden, aber besser als Nichts.“ Kiro kostete selbst und anschließend füllten sie ihre Wasservorräte auf. Trotz dieser angenehmen Überraschung kam es Kiro seltsam vor, dass es hier noch Wasser gab. Nach so langer Zeit hätten die Leitungen längst schon zerstört sein müssen.


Ein Knistern erfüllte mir einem Mal den Raum und hallte von den Wänden wider. Das Pfeifen einer Rückkopplung und Rauschen folgten. Kiro blickte zur Decke und bemerkte einen schwarzen Kasten über dem Eingang, von dem der Lärm zu kommen schien. Der dort installierte Lautsprecher pfiff noch ein paar Mal und war dann still. Die Wasserschläuche auf dem Rücken wollten sie gerade den Raum wieder verlassen, als aus dem Lautsprecher ein Gong ertönte und eine Stimme zu sprechen begann. Sie hörte sich ähnlich mechanisch an wie die Stimme der Passwortabfrage vor Nalatajas Festung: „Delta-Transportanfrage liegt vor. Zug verfügbar und im Transit. Planmäßige Ankunft in 139 Minuten.“ Nach einem kurzen Rauschen war es wieder still. „Ist das ein schlechter Scherz?“ Nadja sah Kiro belustigt an. „Hier soll tatsächlich noch ein Zug fahren?“ Kiro nickte. „Hört sich ganz so an, aber ich glaube es auch erst, wenn ich ihn sehe.“

Sie verließen den Waschraum und gingen den Gang zurück. Diesmal bogen sie jedoch nicht wieder rechts ab zum Warteraum, sondern liefen weiter geradeaus. Je weiter sie kamen, desto größer wurden die Spuren von Zerstörung und Verfall. Der Gang befand sich in diesem Abschnitt in einem miserablen Zustand. Die Verkleidung der Decke hing herab und der Boden war schwarz, als ob hier etwas verbrannt wäre. Kiro fiel es nicht sofort auf, aber Nadja kannte ein solches Muster der Zerstörung. Es war typisch für einen Sprengsatz. Offenbar hatte sich hier vor längerer Zeit eine Explosion ereignet. Ihre Wucht hatte auf der linken Seite des Ganges einen Durchbruch zum Nebenraum geschaffen. Auch hier war alles nur spärlich beleuchtet, da die Fenster ebenso klein und verdreckt wie im Warteraum waren. Es handelte offenbar nur um eine kleine Kammer. Auf vielen Regalen standen massenhaft Dosen, Pappkartons und Flaschen herum. Für einen Menschen war der Durchbruch aber zu schmal, sodass sie zunächst dem Gang weiter folgten, in der Hoffnung einen anderen Zugang zu entdecken. Nach einigen Metern gelangten sie an das Ende des Ganges. Zwei gläserne Türen bildeten den Abschluss und über ihnen stand in gelber Schrift auf grünem Hintergrund: „Eds Kiosk“. Wie auf ein Stichwort begann Kiros Magen laut zu knurren. Zwar glaubte er nicht wirklich daran hier noch etwas Essbaren finden zu können, jedoch wäre es auf jeden Fall einen Versuch wert. Die Türen ließen sich leicht beiseite schieben und im nächsten Moment standen sie inmitten eines kleinen Ladens. Nadja trat einen Schritt vorwärts und stieß im nächsten Moment einen spitzen Schrei aus. Sie geriet ins Taumeln und wäre Kiro nicht hinter ihr gestanden und hätte sie aufgefangen, dann wäre sie mit Sicherheit gestürzt. „Was war das denn?“ „Ich bin auf irgendwas Lebendiges getreten!“ In den Raum drang wenig Licht und als Kiro den Boden absuchte konnte er kaum etwas erkennen. „Lass uns zusammen bleiben. Wenn hier Tiere leben, dann gibt es vielleicht auch irgendwo noch ein paar essbare Reste.“

Die nächsten Stunden verbrachten Nadja und Kiro damit, in dem kleinen Kiosk und den beiden angrenzenden Lagerräumen nach Lebensmitteln zu suchen. Sie öffneten Kisten, Dosen und rissen eine Packung nach der anderen auf. Die Lager waren wohl ehemals bis zum Rand gefüllt gewesen, zum Zeitpunkt als hier alles aufgegeben wurde, aber nach den Bissspuren an den Kisten hatten sich hier schon jede Menge Nagetiere ihren Bauch voll geschlagen und somit fast alle Vorräte vernichtet. Eine leere Packung nach der anderen landete auf dem Boden. Bei den Metalldosen sah es nicht besser aus. Zwar waren viele von ihnen unbeschädigt, jedoch schlug ihnen schon nach dem Öffnen der ersten ein ekelhaft, fauliger Gestank entgegen. Die meisten Dosen enthielten erstaunlicherweise nur Staub. Schon deutlich entmutigt, räumte Kiro einen Stapel leerer Kartons zur Seite, als er etwas entdeckte. An der Rückwand des Raumes, begraben unter Massen von Kartons, standen eng nebeneinander drei weiße Truhen. Außen waren sie mit Metall verkleidet und an zwei Truhen leuchtete an der Vorderseite ein grünes Licht. Kiro vermutete dass es sich um Kühltruhen handelte. Da ihnen schon vorgeführt worden war, dass im Gebäude noch Teile des Stromnetzes funktionierten, war dies noch eine Chance auf genießbare Vorräte. Der erste Versuch, eine der beiden Truhen zu öffnen, scheiterte kläglich, aber gemeinsam gelang es ihnen schließlich den schweren Deckel anzuheben.

Eine Welle eisiger Luft schlug ihnen entgegen. Die Wände der Truhe überzog eine dicke Eisschicht. Sie war bis etwa zur Hälfe mit kleinen braunen Kartons befüllt. In schwarzer Schrift waren Nummern darauf gedruckt und man konnte nicht erkennen was sich in ihnen befand. Das Herausnehmen gestaltete sich auch nicht gerade einfach, da die Kartons aneinander festgefroren waren. Nach ein paar Schlägen löste sich einer der Kartons und neugierig öffneten sie ihn. Im Inneren lagen dicht gedrängt in bunter Verpackung verschiedene Eissorten. Die einzelnen Verpackungen waren in gutem Zustand und so öffnete Kiro eines, das sich „Space-Flow“ nannte. Auf der Außenseite waren ein kleiner Roboter und ein stilisiertes Raumschiff abgebildet. Es hatte die Form eben dieses Raumschiffs und war grün. Kiro roch erst daran und probierte dann vorsichtig ein Stück. Zwar musste der Geschmack einst viel stärker gewesen sein, denn es schmeckte etwas fade, jedoch war es genießbar und würde wohl über den ersten Hunger hinweghelfen. Nadja probierte auch und so saßen sie erst einmal auf der Truhe und aßen Eis. Dies war eine leckere Abwechslung ihres Speiseplanes, allerdings wurden sie nicht besonders satt davon. So waren sie auch nicht böse darüber, keinen Vorrat mitnehmen zu konnten. Neben „Space-Flow“, „Ice-Wind“, „Planet-Jam“ und „Roller-Ball“ befanden sich in der ersten Truhe noch diverse andere Eissorten. Die zweite Truhe hingegen bot noch eine weiter kleine Überraschung. Zwar gab es auch in ihr nichts, was man als gesunde Nahrung bezeichnen konnte, jedoch fanden sie einen kleinen Vorrat an Schokolade. Das eignete sich schon besser zum Transport und füllte den Magen deutlich mehr als das Eis.

Mit ihrer mageren Beute machten sie sich schließlich auf den Rückweg. In der dritten Truhe waren nur noch faulige Kartons gewesen. Sie gingen gerade durch den Gang in Richtung des Warteraums, als sich über die Lautsprecheranlage wieder die künstliche Stimme meldete. „Achtung am Gleis 8! Zug zur Station Delta fährt in Kürze ein!“ Sie beschleunigten ihre Schritte und betraten kurz darauf wieder die Bahnhofshalle. Kiro spürte ein leichtes Vibrieren unter seinen Füßen. Der Staub auf dem Boden tanzte und vom Dach regnete immer wieder Sand herab, während sich die Vibrationen verstärkten und ein diffuses Brummen zu hören war, das sich stetig verstärkte. Nadja blickte auf das Gleis hinaus, welches sich am Horizont verlor und erkannte bald den sich nähernden Zug. Er kam mit hoher Geschwindigkeit auf sie zu und jetzt sahen sie auch, dass die Strecke nicht vollkommen gerade, sondern leicht gekrümmt war. In den nächsten Minuten näherte sich der Zug soweit, dass sie erste Einzelheiten erkennen konnten. Wenig später verlangsamte er sein Tempo deutlich und fuhr schließlich in den Bahnhof ein. Mit lautem Quietschen kam er neben Nadja und Kiro zum Stehen.

Staunend betrachteten die Beiden das seltsame Gefährt, welches jetzt nur wenige Meter vor ihnen mit laufenden Motoren stand. Es war nur ein relativ kurzer Zug. Kiro zählte außer einer Lok an jedem Ende gerade mal vier Waggons. Sie waren mit reflektierendem Metall verkleidet, dass aber wohl nicht besonders dick war, denn an den Vernietungsstellen bog es sich deutlich nach innen. Das halbrunde Dach schloss sich nach einer kleinen Kante direkt an und gab dem ganzen ein überaus altertümliches Aussehen, was trotzdem nicht ganz zu dem Bahnhof passen wollte.

Die Scheiben der ovalen Fenster waren getönt und ließen keinen Blick ins Innere zu. Am Anfang und Ende jedes Waggons befanden sich verschlossene Türen. Die Loks waren mächtige, blaugraue Kolosse. Nahezu kastenförmig, überragten sie die Waggons nach oben leicht. An den Seiten hatten sie viele Schlitze aus denen warme Luft strömte und vorne befanden sich je zwei Lichterpaare. Eines war rot und das andere weiß. Kiro erinnerte sich wieder daran, dass er Bilder von ähnlichen Zügen bereits gesehen hatte, aber etwas kam ihm doch seltsam vor. Neben der Tatsache, dass beide Loks keine Fenster hatten und so ein Mensch sie unmöglich hätte steuern können, war der ganze Zug auch in einem tadellosen und auffällig sauberen Zustand. Das Metall der Außenhaut glänzte matt und er konnte nirgends auch nur eine kleine Spur von Dreck oder Schrammen erkennen. Hinten, unter den Lichtern, die gerade umgeschaltet hatten, sodass sie jetzt rot leuchteten, war mit weißer Farbe die Zahl „8803“ aufgemalt. Wie ein wartendes Monster lag der Zug ruhig da. Die Vibrationen der Loks hatten sich abgeschwächt, waren aber immer noch deutlich wahrnehmbar.

Kiro trat auf den ersten Waggon zu. Die Tür hatte keinen Griff oder anderen Mechanismus um sie zu öffnen, jedoch befand sich ein schmaler Schlitz neben ihr an der Außenwand, über dem das Symbol eines Tickets aufgemalt war. Aus seiner Tasche holte er die kleine Plastikkarte heraus, die der Automat ausgespuckt hatte und schob sie vorsichtig hinein. Bis zur Hälfte verschwand die Karte in dem Spalt. Ein summendes Geräusch ertönte und die Tür öffnete sich nach innen. Zwei Gitterstufen darunter erleichterten das Einsteigen. Behutsam zog sich Kiro hoch und stand nun im Inneren. Gedämpftes Licht erhellte einen engen Gang. Er öffnete links eine schmale Tür und blickte in das erste Abteil. Im ersten Moment war er so überrascht, dass er nur hineinstarrte, immer noch die Hand am Griff der Tür. Kiro blickte in ein vollständig ausgestattetes Zugabteil der Extraklasse. An der einen Wand waren zwei schmale Betten angebracht und gegenüber ein Tisch mit Stühlen. Auf dem Tisch stand eine kleine Lampe, die ein helles, warmes Licht verströmte. Die Wände waren überall mit dunkelroten Polstern verkleidet und alles sah sehr edel aus. Kiro untersuchte die Kabine näher und fand hinter einer Schiebetür ein winziges Bad mit Waschbecken und einer Dusche. Auch hier war alles sehr sauber und im perfekten Zustand. Kiro nahm nicht den geringsten Geruch wahr und so machte das Abteil auf ihn einen ziemlich sterilen Eindruck. Er verließ es wieder und half Nadja beim Einsteigen, die Mühe hatte, die Stufen zu überwinden. Sie hatte gerade den Waggon betreten und Kiro wollte ihr schon von der beeindruckenden Ausstattung erzählen, als hinter ihnen die Tür zuklappte. Kiro sprang zurück und wollte schon versuchen sie wieder zu öffnen, als Nadja ihn zurückhielt. „Was hast du vor? Wir können doch nirgendwo anders hin. Lass uns hier bleiben und abwarten was passiert.“ Kiro hatte die Hand schon am Griff gehabt, sah jetzt aber ein, dass Nadja Recht hatte und ließ von der Tür ab. Gemeinsam setzten sie sich in das Abteil.

Mit einem Ruck setzte sich der Zug in Bewegung. Kiro und Nadja sahen durch das Fenster den Bahnhof langsam vorbeiziehen. Wenig später glitt der Zug über den Strand hinweg und befand sich kurz darauf über den ruhigen Wellen des Meeres. Das Motorengeräusch wurde stärker und der Zug beschleunigte. Mit hoher Geschwindigkeit entfernten sie sich von der Küste, die bald nur noch als dünner Strich zu ernennen war. Hin und wieder rumpelte es leicht, wenn der Zug über ein Stützenpaar fuhr. Wie gebannt starrte Kiro hinaus auf das graue Meer. In ihm spielte sich ein Durcheinander der Gefühle ab. Wie ein Boot auf den Wellen, waren auch sie zum Spielball von Gewalten geworden, die mächtiger und unberechenbarer waren, als alles, was er sich je hatte vorstellen können. Wie sehr wünschte er sich, dass dies nur ein Traum war, aus dem er bloß aufzuwachen brauchte, jedoch saß die Gewissheit tief, dass dies die Wirklichkeit war. Es so zu akzeptieren, fiel Kiro noch immer schwer


Zwischenspiel


Läufer C-Eins nach G-Fünf. Dieser letzte Zug des Älteren hatte lähmendes Entsetzen bei dem Jüngeren ausgelöst. Wie hatte er das übersehen können? Er rief sich zu Ordnung und Konzentration auf, fand es jedoch schwierig wieder zum Spiel zurückzukehren. Mit seinen Gedanken war er an jenem Tag, als der Ältere ihm seinen Fund gezeigt hatte. Etwas war vom Himmel gefallen. Direkt beim seinem Haus. Eine Kapsel. Er hatte sie geöffnet und das herausgenommen, was sich darin befunden hatte. So unscheinbar es doch gewesen war, so groß waren die Auswirkungen gewesen, die es hinterlassen hatte. Da der Alte mit den Informationen aus der Kapsel nichts anfangen konnte, hatte er sie dem Jüngeren überlassen der bald erkannte, worum es sich dabei handelte und in den Berina-Laboren bestätigte man ihm seine Vermutung. Es waren digitale, fremdartige Erbinformationen. Er überließ den Laboren zunächst den Datenträger aus der Kapsel und verfolgte die Angelegenheit nicht weiter. Zwei Jahre später kontaktierte ihn der Leiter der Labore. Aus den Erbinformationen war es ihnen gelungen ein menschliches Wesen zu erschaffen. Als er mit dem kleinen Mädchen bei dem Älteren aufgetaucht war, hatte dieser große Bedenken gehabt. Mit der Zeit gewann er sie aber lieb. Das Kind sah aus wie ein normaler Mensch, jedoch sprachen die Erbinformationen eine andere Sprache. Um es in einer normalen Umgebung aufwachsen zu lassen, wurde beschlossen, dass der Ältere sich um es kümmern sollte. Er gab dem Mädchen den Namen Natascha und nahm sie bei sich auf. Seine eigenen Kinder hatten das Haus längst verlassen und so freute er sich über die neue Aufgabe. Der Jüngere kam oft vorbei und besuchte die beiden. Natascha Chantalos wuchs zu einer wunderschönen jungen Frau heran in die sich der Jüngere bald verliebt hatte.

Läufer F-Acht nach E-Sieben.


Der Schatten


Den Schatten quälten Schmerzen.

Die Beiden, die er verfolgte, hatten sich verbunden. Er konnte jenes Band spüren welches sie nun vereinte. Die Kraft, die davon im Raum zwischen den Ebenen freigesetzt wurde, war unerträglich. Außerdem kamen sie schneller voran, als er vermutet hatte. Das alte Transitsystem hätte längst nicht mehr funktionieren dürfen. Irgendwie war es ihnen gelungen es wieder in Betrieb zu nehmen. Ihm kamen das erste Mal Zweifel. Sollte er Kontakt mit der Quelle aufnehmen? Der Eindruck wurde immer stärker, dass ihm etwas verschwiegen worden war. Hatte sie ihn betrogen? Fragen schwirrten durch seinen Geist, während er zwischen die Welten reiste, auf dem Weg zu Ebetaminor. Einerlei. Er würde sie vernichten und dann selbst frei sein! Er schritt durch eine Tür und stand am Strand des Meeres. Einige Meter über ihm lief auf einer Stützkonstruktion das Gleis landeinwärts. In der Ferne sah er die Umrisse des Bahnhofs am Rande der Stadt. Sein Geist kam langsam zur Ruhe. Er würde sich in Geduld üben und warten. Grinsend begann er in seiner unmittelbaren Nähe die Träger zu manipulieren. Er würde ihnen einen warmen Empfang bereiten. So warm wie frisches Blut.


36


Die Stunden zogen sich endlos dahin. Unter ihnen war noch immer nichts als Wasser. Um sich die Zeit zu vertreiben, waren Nadja und Kiro nach ihrer Abfahrt noch eine Weile im Zug umhergestreift. Ihr Waggon bestand aus 8 Abteilen, die alle vollkommen identisch eingerichtet waren. Ebenfalls gemeinsam hatten sie eine akribische Sauberkeit, die Kiro schon beim Betreten des ersten Abteils aufgefallen war. Ein schmaler Gang befand sich an der rechten Außenseite des Waggons, durch den sie bis zu seinem Ende gehen konnten. Am Ende gab es keinen Durchgang, sodass ein Umstieg zu einem der anderen Waggons unmöglich war. Keins der dunkel getönten Fenster ließ sich öffnen, aber durch Lüftungsschlitze an der Decke strömte ständig frische Luft herein. Kiro probierte das Bad aus und war nicht überrascht, als auch hier kristallklares Wasser aus dem Hahn strömte. Als er es Nadja erzählte, war sie gleich bereit, die Dusche einem näheren Funktionstest zu unterziehen.

Während Nadja duschte, entdeckte Kiro neben dem Tisch in der Wand eine Klappe mit Griff. Als er sie aufzog, glaubte er seinen Augen nicht zu trauen. Er blickte direkt in einen kleinen Kühlschrank, der bis zum Rand mit Lebensmitteln gefüllt war. Von Brot über Wurst bis hin zu Milch und ein wenig Gemüse stand alles für ein leckeres und vor allem gesundes Essen bereit. Noch mehr als das pure Vorhandensein überraschte ihn das frische Aussehen der Lebensmittel. Dies war genau das, was sie beide jetzt brauchten. Um Nadja zu überraschen richtete er den Tisch schnell für eine Mahlzeit her. In einem weiteren Fach fand er sogar ein paar Teller und Messer. Kiro schlüpfte kurz aus ihrem Abteil, welches das Erste im Waggon war und sah in den anderen Kabinen nach, ob auch dort ein gefüllter Kühlschrank zu finden war. Er ging in jedes Abteil hinein und fand auch dort die kleinen Kühlschränke, jedoch waren sie alle leer. Es sah ganz so aus, als hätte jemand gewusst, dass in diesem Waggon nur Nadja und Kiro reisen würden. Als er in ihr Abteil zurückkehrte, kam Nadja gerade aus dem Bad. Sie staunte nicht schlecht, als sie das ganze Essen sah. Gemeinsam setzten sie sich an den Tisch, wobei Kiro auffiel, wie leicht es Nadja schon wieder fiel sich zu bewegen und ließen es sich schmecken. Sie aßen langsam und genossen jeden Bissen. Das Brot schmeckte köstlich und schien Kiro das Beste zu sein, was er jemals gegessen hatte. Nur noch die frische Milch schien dies noch zu übertreffen. Keiner von ihnen hatte in seinem Leben schon einmal etwas so intensiv wahrgenommen, wie dieses Essen.

Als sie fertig waren, war immer noch einiges übrig und nachdem Kiro die Reste wieder im Kühlschrank verstaute hatte, setzte er sich auf das untere der beiden Betten, und genoss seinen vollen Bauch. Eine große Müdigkeit überkam ihn. In den letzten Tagen hatte er nicht viel Schlaf abbekommen und das machte sich jetzt bemerkbar. Viel mehr als zu warten, konnten sie im Moment sowieso nicht tun. Nadja war im Bad verschwunden und kam gerade wieder heraus. Sie hatte den Verband um ihr Bein abgenommen und der verletzte Arm ruhte nur noch in einer Schlinge um ihren Hals, die sie aus den alten Verbänden gemacht hatte. Ihre Haare hatte Nadja nach hinten zu einem Pferdeschwanz gebunden. So frisch geduscht und mit ihren leuchtenden Augen war sie für Kiro das Wunderschönste, was er je gesehen hatte. Sie strahlte Leben und Frische aus, so wie er es bisher bei keinem anderen Menschen wahrgenommen hatte. Sie lächelte ihm zu und kam herüber. Immer noch vorsichtig, darauf bedacht ihr Bein zu schonen, setzte sie sich zu ihm. Sie küssten sich. Nadja nahm vorsichtig Kiros Arm und kuschelte sich eng an seine Seite. Beim gedämpften Rumpeln des Zuges und der angenehmen Wärme, die sie sich gegenseitig spendeten, waren sie bald eingeschlafen.


Nadja und Kiro träumten.

Sie standen beide in einer großen Turnhalle. Unter ihren Füßen befand sich ein Holzboden, der so aussah, als ob er bei jedem Schritt knarren würde. Bunte Linien waren auf ihm aufgemalt. An der linken Seite der Halle befand sich eine kleine Tribüne. Sie war leer. Durch große Dachfenster drang das Licht eines Spätnachmittages in den Raum und in den dicken Lichtstrahlen tanzte Staub. An den Enden der Halle hingen Basketballkörbe an grünen Metallgestellen. Unter einem der Körbe lag einsam der Ball. Kiro, der Nadja an der Hand hielt, wand sich um. Eine blaue Doppeltür führte aus der Turnhalle hinaus. Sie war angelehnt. Schritte kamen näher. Er blickte zu Nadja. „Hast du Angst?“, fragte er sie. Nadja schüttelte den Kopf. „Jetzt nicht mehr.“ Sie drückte leicht seine Hand und ihr Lächeln vertrieb seine letzten Bedenken. Die Schritte waren an der Tür angelangt und verharrten kurz. Mit einem kurzen Quietschen öffnete sich eine der beiden Türen und jemand kam herein. Zuerst mussten sie ihre Augen beschirmen, da die Person von einem hellen Lichtkranz umstrahlt wurde. Als der Glanz nachgelassen hatte und sie wieder etwas sehen konnten, erblickten sie einen Mann, der ihnen gegenüber, auf seinen Stock gestützt, stand. Er trug ein hellblaues Hemd und eine weite, schwarze Hose. Auf seinem Kopf saß schief ein alter Strohhut und auf der großen Nase thronte eine dunkle Sonnenbrille, die er im nächsten Moment abnahm. Seine dunkelblauen, von Falten umrandeten Augen blickten sie freundlich an. Er räusperte sich kurz und begann dann mit seiner rauchigen Stimme zu sprechen: „Seid gegrüßt! Ich freue mich euch wieder zu sehen.“ Nadja und Kiro blickten sich erstaunt an. Keiner von beiden hatte den alten Mann schon jemals vorher zu Gesicht bekommen. Dieser winkte ab. „Schon gut, wahrscheinlich könnt ihr euch nicht mehr daran erinnern, aber wir sind uns früher schon begegnet. Jedenfalls kenne ich euch beide, seit eurer Kindheit. Ich habe immer gehofft, dass ihr so weit kommen würdet, aber wenn ich ehrlich bin, dann habe auch ich etwas gezweifelt. Vor allem in letzter Zeit. Der Widerstand ist groß und eure Prüfungen schmerzhaft.“ Er deutete auf Nadjas Arm. „Das wird bald wieder gut sein, aber da ist noch mehr. Ebetaminor erwartet euch bereits und euer Verfolger ist euch voraus.“ Er griff in seine Tasche und holte eine Taschenuhr hervor, die Kiro bekannt vorkam. Nach einem schnellen Blick darauf war sie auch schon wieder verschwunden. „Ich bin hier um euch zu warnen. Die Quelle hat mich zu euch geschickt um das Gleichgewicht zu wahren. Ihr müsst sehr wachsam bleiben. Der Gegner bereitet für euch eine Falle vor. Ich weiß nicht wo und wann er zuschlagen wird, aber es wird sicher sehr bald geschehen. In Kürze erreicht ihr die Zwischenstation. Ihr werde dort Mittel finden um euch für eine gewisse Zeit zu schützen.“ Er machte eine kurze Pause und setzte seine dunkle Brille wieder auf. „Denkt daran, dass die größte Stärke aus eurer Verbundenheit entsteht. Knüpft das Band zwischen euch enger und tretet ihm als Einheit gegenüber.“ Er ging zur Tribüne hinüber und setzte sich in halber Höhe auf eine Holzbank. „Und nun entschuldigt mich, ich muss unbedingt dieses Spiel sehen.“ Noch bevor Kiro den Mund zu einer Frage öffnen konnte, war der Raum mit einem Schlag voller Menschen. Sie saßen überall auf der Tribüne. Von allen Seiten schrie und lachte es. Die Halle war mit Luftballons und Girlanden geschmückt und große Transparente hingen an den Wänden. Es sah so aus, als ob hier demnächst ein Basketballspiel stattfinden sollte. Im Gedränge der Tribüne konnte Kiro den alten Mann nicht mehr erkennen und in diesem Moment flog die blaue Doppeltür der Halle mit einem Schlag auf. Die Spieler kamen unter dem Gejohle der Menge auf das Spielfeld gelaufen. Niemand schien von Nadja und Kiro, die in der Mitte des Feldes standen, Notiz zu nehmen. Wie gebannt starrte sie auf die durchtrainierten Sportler, die sich dem Publikum präsentierten. Einer der Spieler hatte den Ball vom Boden aufgehoben und holte nun für einen Wurf aus. Wie in Zeitlupe schien sich der Ball durch die Luft zu bewegen. Er flog direkt auf Kiro zu. Immer größer wurde die orange Kugel des Basketballs, bis es um Kiro herum völlig dunkel wurde. Eine Stimme hallte durch die Nacht, aber er verstand nicht, was sie sagte. Nadja hingegen schon.


Wie lange sie geschlafen hatte, wussten Beide nicht mehr, nachdem sie aus einem angenehmen und erholsamen Schlaf aufgewacht waren. Nadja erzählte Kiro bald von ihrem Traum, der ihr in fast jedem Detail noch einfiel und sie war kaum überrascht, dass Kiro haargenau das Selbe geträumt hatte. „Was glaubst du wird uns erwarten?“ Nadja sah Kiro fragend an. „Ich bin mir nicht sicher, aber ich denke, dass wir uns auf Einiges gefasst machen müssen. Nachdem er die letzte Chance nicht genutzt hat dich zu töten, wird er diesmal gründlicher vorgehen wollen.“ Nadja war bei Kiros letzten Worten noch enger an ihn gerückt und ihr Griff um seinen Arm war nun schon fast schmerzhaft. Ihr Blick glitt aus dem Fenster nach draußen und ihr wurde bewusst, dass sich etwas verändert hatte. Der Zug wurde langsamer.


37


Sie hatten sich ein Stück vom Ausgang des Tunnels entfernt und standen jetzt inmitten der Lichtung auf einer Kreuzung. Ein alter Wegweiser aus Holz war in die Erde gerammt und kleine Holztafeln an dem von Flechten bedeckten Pfahl angebracht. Die Beschriftung, einst wohl mit dunkler Farbe aufgemalt, war längst abgeblättert. Nur noch ein paar Striche waren zu erkennen, die man aber nicht mehr entziffern konnte. Der Weg geradeaus schien in einen Ort zu führen, dessen Name wohl „Brae“ lautete. Unschlüssig standen sie da und wussten nicht recht, wohin sie sich wenden sollten. Immer noch saß der Schock tief, Wartins verloren zu haben und so hatte es niemand wirklich eilig mit der Entscheidung, wie es weitergehen sollte. Der Weg nach Brae schlängelte sich vor ihnen zwischen den Bäumen hindurch und schien von den Dreien der am besten ausgebaute zu sein. Die Wege zu ihrer Rechten und Linken waren eher Trampelpfade und schienen auch schon lange nicht mehr begangen worden zu sein. Das Gras hatte sich das Terrain schon weitgehend wieder zurückerobert und an der Baumgrenze verschwand der Pfad im Unterholz. Nur unterschwellig registrierte der Stille, dass das Gras um den Wegweiser herum ziemlich herunter getreten war. Vor kurzem musste jemand hier gewesen sein.

Auf einmal löste sich der Junge von der Hand des Stillen und trat zum Wegweiser. Er kniete sich auf den feuchten Boden und legte die Hand auf eine Stelle des Holzes knapp oberhalb der Grasnabe. Minutenlang verharrte er so. Schließlich stand er auf und wand sich den drei Männern zu, die ihn fasziniert beobachtet hatten. Mit einer lauten und erstaunlich klaren Stimme begann er die ersten Worte zu sprechen: „Ihr braucht euch nicht zu sorgen. Euer Freund ist nun auf einer anderen Ebene, nahe der Quelle, aus der alles entspringt. Wir müssen uns jetzt nach Brae wenden. Dort werden wir herausfinden wie wir zum zweiten Wächter gelangen können. Ich werde euch führen, so weit ich es vermag.“ Martin wirkte fast erschrocken darüber, dass der Knabe soeben das erste Mal gesprochen hatte. „Wer bist du und woher weist du das alles?“ Seine Stimme glich jetzt eher einem Flüstern. Der Knabe schüttelte den Kopf. „Deine Fragen helfen dir nicht weiter. Habe Vertrauen. Ich weiß, dass dir das schwer fällt, aber es ist der einzige Weg zu überleben.“ Er drehte sich um und ging ein paar Schritte entlang des Weges. „Beeilt euch, der Regen wird bald stärker werden.“ Ohne ein weiteres Wort zu verlieren, ging er weiter.

Der Stille folgte ihm als Erster und dann schlossen sich auch Martin und Mugh an, wobei dieser ständig ängstlich nach hinten blickte. Er hatte das unbestimmte Gefühl, als ob sie verfolgt würden, schob das aber auf seine Übermüdung. Sie hatten noch nicht lange den Waldrand hinter sich gelassen, als es begann in Strömen zu regnen. Die Tropfen prasselten auf die Blätter der Bäume. Unter ihren dichten Kronen blieben sie jedoch weitgehend geschützt. Der Pfad führte tiefer in den Wald. Hier standen die Bäume immer dichter und es wurde stetig dunkler. Der Waldboden war übersäht mit abgefallenem Laub zwischen dem sich immer wieder kleine Bäumchen nach oben reckten, in der Hoffnung auf etwas Licht. Der Junge lief einige Schritte vor dem Stillen. Martin hielt unbewusst ständig Ausschau nach Bewegungen im Unterholz, so als erwarte er einen Angriff. Das Gelände war höchst unübersichtlich und kaum zu überblicken.

Der Regen nahm immer noch an Intensität zu und bald waren sie trotz des Blätterdachs über ihnen fast völlig durchnässt. Die warmen Mäntel hatten sich voll gesogen und gewährten kaum mehr Schutz. Wäre die Luft nicht noch immer so warm gewesen, hätten sie sicher gefroren. Der Waldboden federte weich unter ihren Schritten und sie kamen zügig voran, wobei der Junge ein strammes Tempo vorgab. Mehrfach mussten sie umgestürzten Bäumen ausweichen, die sich über den Weg gelegt hatten. Es sah so aus, als ob sie von einem Sturm oder einer anderen Naturgewalt aus dem Boden gerissen worden waren.

Nach einigen Stunden zu Fuß, erreichten sie eine kleine, hinter Bäumen versteckte, Hütte. Sie war nach vorne hin offen und machte einen ziemlich alten und verwahrlosten Eindruck. Das Tageslicht war bereits deutlich schwächer geworden und der Junge verkündete, dass sie die Nacht hier verbringen würden. Mit Gras und Moosen polsterten sie sich den feuchten Boden ein wenig aus und bauten sich so ein bescheidenes Lager. Der Junge verschwand kurz im Wald und Martin hatte sich nichts weiter dabei gedacht, aber als er mit einigen trockenen Ästen zurückkam, aus denen er ein kleines Feuer baute, war er doch erstaunt. Die dicken, weißen Baumpilze, die hier an vielen toten Bäumen wuchsen, benutzte er als Zunder und mit zwei Steinen entzündete er schließlich das Feuer. Dicht gedrängt saßen sie dann bis in die Nacht hinein zusammen. Viel wurde nicht gesprochen und als der Regen endlich etwas nachließ, gingen sie schlafen. In dieser Nacht ruhte Martin kaum. Jedes Knacken ließ ihn aufhorchen und das unaufhörliche Geräusch vereinzelter Regentropfen machte ihn fast wahnsinnig. Die Kälte kroch ihm in die Glieder nachdem das Feuer heruntergebrannt war. Das erste Mal seit Langem empfand er wieder Gefühle der Einsamkeit und Angst. Irgendwann setzte der Regen wieder ein und Martin fiel in einen unruhigen und traumlosen Schlaf.


Zwischenspiel


Das Spiel begann den Älteren zu langweilen. Er spürte, dass sein Gegenüber nicht mehr voll konzentriert war und an etwas anderes dachte. Was das war, konnte er sich nur zu gut vorstellen. Wenn er an Natascha dachte, und welche Freude sie in sein Leben gebracht hatte, dann kehrten alte Gefühle zurück und der Schmerz war überwältigend. Seine Frau war viele Jahre zuvor gestorben und als das kleine Mädchen bei ihm aufgetaucht war, hatte er erst eine unerklärliche Angst verspürt, aber sein Mitleid war schließlich größer gewesen, sodass er dem Vorschlag des Jüngeren zugestimmt hatte, sie bei sich aufzuziehen. Zu behaupten, dass sie ihm mit der Zeit nur ans Herz gewachsen war, wäre eine Untertreibung gewesen. Die Bindung zwischen ihnen hatte etwas Magisches und Unerklärliches gehabt. Später, als ihm die Arbeit in Haus und Garten immer schwerer gefallen war, half sie ihm treu. Obwohl von Natur aus eher zierlich, waren ihre Kraft und ihr Wille stets ungebrochen. Als er von der Beziehung zu dem Jüngeren erfahren hatte, war sein Zorn unbändig gewesen. Die Gefühle hatten die Überhand gewonnen und als er den Jüngeren zur Rede stellte, kam es zu einem Handgemenge. Das Einzige, woran er sich noch erinnerte, war das schmerzverzerrte Gesicht seines einstigen Freundes, als das Messer zwischen dessen Rippen steckte und sich das rote Blut auf dem Boden langsam ausbreitete. Der Blick, als der Jüngere schließlich starb war ein Bild das sich für Ewigkeiten in seinen Geist eingebrannt hatte. Er unternahm keinen Versuch seine Tat zu verbergen. Natascha erfuhr erst einige Tage später davon, als er abgeholt wurde. Es war das letzte Mal, dass er sie sah. In ihren Augen standen Tränen und die Verzweiflung in ihrem Blick erschütterte ihn zutiefst. Zusammen mit seinem Freund hatte er auch das, was er von Herzen liebte und eigentlich nur beschützen wollte, endgültig verloren. Zu seiner Verhandlung kam sie nicht und als schließlich bei der Urteilsvollstreckung sich seine Augen für immer schlossen, war ihr Gesicht das letzte, was er vor seinem geistigen Auge erblickte. Jedoch ist der Tod niemals das Ende. Er ist der Anfang von etwas Neuem. Ruhig führte er seinen Zug aus: Bauer von G-Zwei nach G-Vier.


Der Schatten


Zufrieden betrachtet der Schatten sein Werk. Es schien ihm gelungen und würde bestimmt gut funktionieren. Die Stadt erreichten sie so niemals, dafür hatte er Sorge getragen. Er erhob sich in die Luft und ließ sich vom Wind in Richtung Westen treiben. Noch immer bestand keine Veranlassung zur Eile. Den Zug würde er früh genug hören. Immer näher kam er der Stadt. Die Spuren der Verwüstung waren bereits in den Außenbezirken unübersehbar. Seit etwa 5000 Jahren hatte kein menschliches Wesen diese Ruinen mehr betreten. Die Krater der Nuklearwaffen hatten sich tief in den felsigen Untergrund gegraben. Wie ein Mahnmal erhob sich die mythische Stadt auf dem Hügel. Ihr Name war längst in Vergessenheit geraten und die Ratten, die in den letzten Jahren wieder hierher zurückgekehrt waren, interessierten sich nicht für die Vergangenheit. In ihren kleinen, schwarzen Augen war es nur ein großer Spielplatz. Für die Menschen, die hier gelebt hatten, war es ihre letzte Ruhestätte geworden. Der Schatten erinnerte sich daran, dass hier einst 35 Millionen Menschen gelebt hatten. Das Einzige was die Zeit übrig gelassen hatte, waren Maschinen. Der größte Teil befand sich unter der Stadt und manche von ihnen funktionierten auch noch. Gelegentliches Ticken wies auf vereinzelte Aktivitäten hin. In der Mitte der Stadt, die sich von hier aus bis zum Horizont erstreckte, stand der Turm. Die Spitze lag in einem Trümmerhaufen an seinem Fuß und nur noch sein Rumpf ragte steil empor. Näher als bis auf einige Hundert Meter konnte sich der Schatten ihm nicht nähern. Auch wenn dies nur noch eine Ruine war, so hatte die Macht des Solejier nichts von ihrer Kraft eingebüßt. Bis hierher durfte er sie in keinem Fall vordringen lassen.


38


Sie erreichten Brae am Nachmittag des folgenden Tages. Nachdem sie früh am Morgen aufgebrochen waren, hatte sich der Wald bald gelichtet. Der Pfad ging außerhalb des Waldes in einen breiteren Weg über und führte sie an ersten, frisch umgegrabenen Feldern vorbei. Auf manchen wuchsen bereits kleine Pflanzen. Die Gegend wies stetig mehr Anzeichen einer nahen Siedlung auf und gegen Mittag konnten sie die rauchenden Kamine eines Dorfes erkennen. Es schmiegte sich an einen Hang unterhalb dessen sich ein kleiner Fluss durch das Tal schlängelte. Ein massiver Palisadenzaun umgab eine Gruppe von vielleicht zwanzig oder dreißig Gebäuden, die nur von einem Kirchturm überragt wurden. Ohne eine Ahnung, was sie erwarten würde, betraten sie durch das weit offen stehende Tor das Dorf. Keine Menschenseele begegnete ihnen. Der Rauch, den sie aus der Ferne gesehen hatten, stammte tatsächlich aus den gemauerten Schornsteinen der Steinhäuser, aber offenbar versteckten sich die Bewohner vor ihnen. Die Straßen und Gassen waren leergefegt. Vom Tor führte ein gepflasterter Weg direkt zu einem Platz in der Mitte der Siedlung. Hier befand sich auch die Kirche. Alle Gebäude waren einfach und zweckmäßig gestaltet. Hinter keinem der Fenster, an denen sie vorbeikamen konnten sie jemanden erkennen oder ein Licht brennen sehen. In der Mitte des Platzes befand sich ein großer, überdachter Brunnen. An einer Eisenstange quer über seine Öffnung baumelte ein Eimer im Wind. Martin überkam ein seltsames Gefühl. Er kam sich wie in einer Geisterstadt vor.

Der Junge hatte sich von ihnen entfernt und ging auf den Eingang der Kirche zu. Er stieg die wenigen Stufen zum Tor hinauf und drehte sich dann um. Mit den Händen am Mund rief er laut: „Ihr Bewohner von Brae. Kommt aus euren Verstecken heraus. Wir sind Reisende auf dem Weg zum fernen Solejier und wollen euch nichts Böses tun.“ Erst tat sich nichts, aber dann traten zwei junge Männer vorsichtig aus dem Schatten eines Hauses und kamen langsam auf den Brunnen zu. Der Eine hatte eine spitze Mistgabel in der Hand und der andere war mit einer Stange bewaffnet. Nach und nach kamen immer mehr Bewohner von allen Seiten zwischen den Häusern hervor und bald hatte sich ein enger Kreis um die Neuankömmlinge gebildet. Der Junge war zu ihnen zurückgekehrt und hatte wieder die Hand des Stillen ergriffen. So wirkte er wie ein ganz normales Kind bei seinem Vater. Die Menge kam zu Stillstand. Niemand sprach auch nur ein einziges Wort. Ein kräftiger Mann mit dichtem, schwarzem Haar trat in diesem Moment nach vorne. Er musterte die vier seltsamen Gestalten. „Was wollt ihr in unserem Dorf?“ Martin räusperte sich. „Wir hatten gehofft bei euch Unterkunft und ein wenig Essen zu bekommen. Seit Tagen haben wir nichts Richtiges mehr gegessen und sind müde vom Wandern. Uns wurde erzählt, dass ihr den Weg zu Solejier kennt.“ Als Martin diesen Namen erwähnte, schien es ihm, als würde sein Gegenüber kurz zusammenzucken. Er ließ sich jedoch nichts weiter anmerken und fuhr fort. „Womit könnt ihr Essen und Unterkunft bezahlen? Wir leben nicht im Überfluss und können euch nichts schenken.“ Martin ließ den Kopf sinken. Ein Blick zu seinen Freunden bestätigte ihm, dass auch sie nichts mehr von Wert besaßen. Dem Mann entging das nicht und er wandte sich zu einer Frau, die neben ihm stand. Sie trug ein einfaches, braunes Kleid und hatte eine Haube auf dem Kopf, die ihr Haar bedeckte. Die Beiden wechselten einige Worte und dann wandte sich der Mann wieder Martin zu. „Könnt ihr arbeiten? Wir haben immer etwas zu tun auf unseren Feldern oder im Dorf. Wenn ihr uns tatkräftig unterstützt, dann könnt ihr bei uns schlafen und an den Mahlzeiten teilnehmen.“ Martin brauchte nicht lange zu überlegen um dem Angebot zuzustimmen. Zwar waren sie alle erschöpft von den Strapazen, die hinter ihnen lagen, doch schien ihm das ein faires Angebot zu sein, was sie unmöglich ausschlagen konnten. Er hielt dem Bärtigen seine Hand entgegen. „Wir nehmen euer Angebot an. Mein Name ist Martin.“ Der Mann schien kurz zu zögern, nahm dann aber Martins Hand und schüttelte sie kurz. „Ich bin Thomas, der Bürgermeister von Brae. Dies ist meine Frau Stella.“ Ein Raunen ging durch die Menge. „Ihr seht tatsächlich recht hungrig aus. Wer nicht isst, kann auch nicht arbeiten. Kommt in mein Haus und ruht euch aus. Bald gibt es Abendessen und ihr könnt euch stärken.“ Er hob die Hand und die Umherstehenden bildeten eine Gasse durch die sie den Kreis verlassen konnte. Thomas ging ihnen voraus zu einem der größeren Häuser am Rande des Platzes. Hinter ihnen begann sich die Menge wieder zu verlaufen und als Martin zurückblickte, standen nur noch vereinzelt Menschen herum, die sich leise unterhielten.


39


Ein gedämpfter Gong drang mit einem Mal aus versteckten Lautsprechern. Unmittelbar darauf folgte die freundlich klingende Stimme einer Frau, die sie darüber informierten, dass der Zug in wenigen Minuten an einer Zwischenstation halten würde um Treibstoff aufzunehmen. Kiro und Nadja blickten wie gebannt aus dem Fenster, konnten aber, außer Wasser, nichts erkennen was einem Bahnhof oder Land auch nur im Entferntesten gleichkam. Erst als Kiro das Abteil verließ und auf den Gang hinaustrat, erkannte er warum der Zug seine Geschwindigkeit verringert hatte. Unmittelbar vor ihnen lag eine kleine Insel, zu der das Gleis führte. Es war eigentlich nicht viel mehr als ein Felsen, der sich senkrecht aus dem Meer erhob und gerade so groß war, dass ein kleiner Bahnhof mit einem einzigen, winzigen Gebäude darauf Platz fand. Nur einige Meter nach den Außenwänden des Bauwerks fiel der Felsen senkrecht zum Meer hin ab. Es hatte leicht zu regnen begonnen, und das spitze Dach der Zwischenstation spiegelte matt das Grau des Himmels. Ihre Geschwindigkeit war inzwischen auf ein Minimum zurückgefallen und langsam fuhren sie in den Bahnhof ein um kurz darauf vollständig zum Stehen zu kommen.

Vor Kiro lagen die dunklen Umrisse der Station. Zwei schwache Lampen erhellten das Innere eines quadratischen Raumes, der etwa 10 Meter in jeder Richtung maß. Der Regen wurde stärker und bald schon war alles von einem nassen Film bedeckt. Im überdachten Bereich drängte sich ein kleiner Kiosk in die Ecke und auf der gegenüberliegenden Seite schienen sich Toiletten zu befinden. Kiro war unschlüssig, ob sie aussteigen sollten. Er hatte keine Vorstellung, wie lange sich der Zug hier aufhalten würde. Wenn sie einmal hier festsaßen, wäre ein Entkommen wohl kaum mehr möglich. Einen Ticketschalter oder Automaten konnte er auch nicht erkennen. Nadja war inzwischen aus dem Abteil gekommen und blickte durch die dunklen Scheiben nach draußen, auf denen die Regentropfen ihre Spuren hinterließen. Sie legte Kiro die Hand auf den Arm. „Lass und aussteigen. Der Zug wird warten.“ Seine Neugierde überwand schließlich die Zweifel.

Die Tür des Waggons stand offen und kühle, salzige Luft wehte herein. Ein kleines Dach erhob sich über ihnen, jedoch blies der Wind den Regen durch alle Ritzen und Öffnungen herein. Ein Gitter an beiden Enden des Bahnsteiges bildete einen schwachen Schutz vor dem Abgrund dahinter. Kiro schätzte die Entfernung zum Wasser auf mindestens 10 Meter ein. Unten brachen sich die Wellen an scharfkantigen Felsen. Ein Sturz in diese Fluten würde einem Todesurteil gleichgekommen. Alle Oberflächen hier waren von einer feinen Salzkruste bedeckt, die sich rau und spröde unter ihren Händen anfühlte. Der Boden, der aus einzelnen Metallplatten bestand, war dagegen von einem Algenfilm überzogen und äußerst rutschig. Auf dem kurzen Weg zum Bahnhofsgebäude wäre Nadja beinahe gestürzt, aber Kiro fing sie im letzten Moment auf. Unter dem Dach war es weitgehend windgeschützt und trocken. Noch einmal nahm der Regen an Stärke zu. Ein metallisches Geräusch ertönte hinter ihnen. Kiro wand sich zum Zug um, der still auf dem Gleis stand. Von der Bahnsteigüberdachung senkte sich langsam aus einer Luke ein dünnes Rohr auf die vordere Lock herab. In dem Moment, als es die Lock erreicht hatte, sprang jaulend ein Motor an. Kiro vermutete, dass nun Treibstoff in den Zug gepumpt wurde.

Der Raum, der nun vor ihnen lag, war fast leer. Außer dem Kiosk zu ihrer Rechten und den zwei Türen zu den Toiletten lagen nur zwei umgekippte Bänke in einer der hinteren Ecken. Die Witterung schien ihnen arg mitgespielt zu haben, denn das Holz sah dunkel und morsch aus. An der Wand neben dem Kiosk war eine Schalttafel angebracht, die leise vor sich hintickte und auf der seltsame Lichter leuchteten. Zeiger gaben rätselhafte Werte an. Kiro sah sich das genauer an und stellte fest, dass eine der Skalen Litern angab. Der Zeiger stand auf einem sehr niedrigen Wert und senkte sich langsam. Noch während Kiro dort stand und die Anzeige beobachtete, leuchtete eine rote Lampe auf. Offenbar waren die eingelagerten Treibstoffvorräte fast erschöpft. Nadja war zum Kiosk gegangen und rief Kiro nun zu sich. Eine kleine Öffnung in Brusthöhe ließ den Blick in einen winzigen Raum zu, an dessen Wänden Regale angebracht waren. Hier häuften sich Zeitschriften, Reste von Lebensmitteln und allerlei andere Dinge, von denen die meisten im Halbdunkel kaum zu erkennen waren. Eine Sache aber fesselte ihre Aufmerksamkeit sofort. Links auf einem Regal, nahe der Öffnung durch die sie beide blickten, stand ein kleiner, bunter Karton. Er war schräg aufgeschnitten und in ihm lagen, fein sortiert und ohne die geringste Spur von Staub oder Verfall, verschiedene eingeschweißte Spielzeuge. Oben auf dem Karton stand in grün und rot der Schriftzug: „Kidz-Fun-Games“. In drei verschiedenen Varianten reihten sich die Spiele vor ihnen auf. „Alien-Schleim“, „Inviz-Net“ und „Laser-Gun“ war in bunt verzierter Schrift auf die Verpackungen gedruckt.

Ein breites Grinsen legte sich über Kiros Gesicht. Nadja zog die Stirn in Falten. „Spielzeug?“ Mehr sagte sie nicht dazu. Kiro lehnte sich durch die Öffnung und holte den Karton samt Inhalt heraus. Zuerst riss er die Verpackung des Alienschleims auf. „Ich kenne so was von früher. Als ich ein Kind war, haben wir mit dem Schleim „Jagd auf Aliens“ gespielt und wahre Schlachten mit dem Zeug ausgetragen.“ Nadja sah Kiro immer noch ziemlich skeptisch an. Seine Augen hatten zu leuchten begonnen und er öffnete vorsichtig die kleine Blechdose, die in der Verpackung gewesen war. Ein glibberiger, grünlicher Schleim kam zum Vorschein. Kiro holte ihn heraus und begann damit ihn in seiner Hand zu kneten. Plötzlich holte er aus und warf den Schleim quer durch den Raum an eine der beiden Toilettentüren. Ein riesiger hellgrüner Fleck prangte nun auf der Tür. Das ganze sah ziemlich eklig, jedoch eigentlich ziemlich harmlos aus. Kiro wollte gerade zur Tür gehen und den Schleim wieder entfernen, als etwas Seltsames geschah. Der Schleim begann sich zu bewegen. Erst ganz langsam und dann immer schneller breitete er sich über die ganze Tür aus. Innerhalb weniger Sekunden hatte er sie vollständig eingehüllt. Kleine Rauchfahnen stiegen auf und der Gestank von verbranntem Plastik erfüllte den Raum. Vor ihren Augen begann sich die Tür aufzulösen. Mit einem Knacken fiel sie aus den Angeln und landete polternd vor ihren Füßen. Sie rauchte immer mehr und schrumpfte zusammen, als würde sie von einer unsichtbaren Faust zusammengequetscht. Kaum eine Minute später lag nur noch ein kleiner, dampfender Klumpen auf der Erde. Was sich da eben vor ihnen abgespielt hatte, war unglaublich. Kiro hatte mit einem Kinderspielzeug, das eigentlich nicht viel mehr als ein Spaß hatte sein sollen, in kürzester Zeit eine massive Metalltür zerstört. Ihm kam dabei eine Idee. Nadja starrte noch ungläubig auf den rauchenden Klumpen, während Kiro das „Inviz-Net“ aus seiner Verpackung nahm. Ein feinmaschiges, weißes Netz lag zusammengerollt in seiner Hand. Er zog das Gummi ab, das es zusammenhielt und wickelte das Gewebe auseinander. Es war unwahrscheinlich groß. Fast so, wie ein riesiger Umhang. Er warf einen Blick auf die Rückseite der Verpackung und benutzte es dann wie einen Umhang.

Er bemerkte keine Veränderung. „Das Teil hier scheint nicht zu funktionieren.“ Nadja, die noch immer beeindruckt vom Alien Schleim war, drehte sich zu ihm um. „Kiro? Kiro, wo bist du?“ Ihre Augen blickten umher. „Na hier, direkt vor deiner Nase.“ Der Umhang war sehr lang und Kiro musste ihn hochheben um nicht zu stolpern. „Komm raus, du machst mir Angst. Wo hast du dich versteckt?“ Kiro blickte sich um. Er hatte das Netz ganz über den Kopf gezogen und sah nun alles durch einen feinen, weißen Schleier. Nadja stand keine zwei Meter vor ihm und blickte direkt durch ihn hindurch. Sollte dieser Umhang tatsächlich unsichtbar machen? Er ging ein paar Schritte auf sie zu und dann um sie herum. Offenbar sah sie ihn tatsächlich nicht. „Kiro, komm raus, ich mag solche Versteckspiele nicht!“ Ihre Stimme war eine Spur verzweifelter geworden. Er stellte sich direkt vor Nadja und zog sich mit einem Ruck den Umhang vom Kopf. Ihre Reaktion sprach Bände. Mit einem Schlag wurde sie blass und ihre Augen weiteten sich vor Schreck. Sie wollte etwas sagen, konnte aber nur stammeln. Eigentlich hätte Kiro niemals geglaubt, dass dieses Spielzeug wirklich funktionieren würde und nun tat es ihm leid, dass er Nadja damit einen solchen Schreck eingejagt hatte. Er rechnete schon mit bösen Worten, aber sie überraschte ihn.

Nachdem sie den ersten Schrecken überwunden hatte, kam sie heran und betrachtete das Netz näher. „Das ist ja unglaublich! Stell dir vor, was damit alles möglich wäre!“ Sie schien langsam ebenfalls zu realisieren, was es bedeutete sich unsichtbar machen zu können. „Ich weiß nur nicht, ob das gegen unseren Verfolger helfen wird. Ich vermute, dass er sich anderer Mittel bedient uns aufzuspüren.“ Nadja nickte. „Das werden wir dann wohl herausfinden müssen.“ Sie blickte ihn mit gespieltem Zorn an und hob den Zeigefinger. „Jag mir ja nie wieder so einen Schrecken ein. Das war ziemlich heftig.“ Beide mussten sie grinsen. Die Tür zur Herrentoilette, die jetzt nicht mehr da war, hatte den Blick auf ein Waschbecken mit einem Spiegel freigegeben. Diesen wischte Kiro sauber und gemeinsam probierten sie davor noch einmal das Netz aus. Es war groß genug für sie beide und der Effekt verblüffend. Sobald sie sich das Netz umgehängt hatten, verblassten ihre Umrisse langsam und nach wenigen Sekunden waren sie verschwunden.

Zum Ausprobieren der Laserkanone kamen sie nicht mehr, denn eine schrille Glocke verkündete das Ende des Tankvorgangs. Im Vorbeigehen an der Schalttafel registrierte Kiro beiläufig das die Kraftstoffreserven nun endgültig aufgebraucht waren. Alle Zeiger standen auf Null und die rote Lampe blinkte periodisch. Kiro griff sich den Karton mit dem ungewöhnlichen Spielzeug und sie kamen gerade am Zug an, als der Tankstutzen wieder im Dach des Bahnsteiges verschwand. Kiro half Nadja beim Einsteigen und war kaum selbst wieder im Waggon, als sich die Türen schlossen und der Zug anfuhr. Langsam verließen sie die Zwischenstation. Diesmal beschleunigten sie sofort und innerhalb kürzester Zeit hatten sie ihr vorheriges Reisetempo wieder erreicht.


Zwischenspiel


Sie trafen sich bald regelmäßig. Natascha erwiderte seine Liebe und nach einer Weile waren beide unzertrennlich. Vor dem Älteren verbargen sie ihre Beziehung. Natascha hatte große Angst davor, wie er darauf regieren würde. Sie nahm dem Jüngeren das Versprechen ab, niemals darüber mit irgendjemanden zu sprechen. Sie schmiedeten Pläne über eine gemeinsame Zukunft, jedoch wollten sie warten, bis der Ältere gestorben war. Sein hohes Alter ließ dies bald erwarten. Dann war es zu jener lauen Nacht im September gekommen, in der sie sich einander hingegeben hatten. Als Natascha einige Wochen später bemerkte, dass sie schwanger geworden war, wollte sie es ihrem Liebsten unbedingt mitteilen, jedoch erschien er nicht zu ihrem nächsten Treffen und auch das folgenden Mal wartete sie vergeblich auf ihn. Eine Welt brach für sie zusammen, als sie von seinem Tod erfuhr. Irgendjemand hatte ihr Geheimnis erfahren und weitergetragen. Tief verletzt war sie geflohen. Zwei Tage und drei Nächte lief sie, bevor sie gefunden wurde. In einem erbärmlichen Zustand hatte man sie in die Berina-Labore gebracht und kurze Zeit später war sie in einem Käfig aufgewacht. Ihr Entsetzen war umso größer geworden, als sie erfahren hatte, wer sie wirklich war und dass sie noch immer ein Besitz der Labore war. Über einen implantierten Chip hatte man sie aufgespürt. Ihre Schwangerschaft war für die Wissenschaftler im Labor eine Sensation und man führte unendliche Testreihen mit ihr durch. Monatelang war sie eine Gefangene und ließ die Folter über sich ergehen. Ihr Liebster war tot und ihr Wille gebrochen. Nackt vegetierte sie in ihrem Käfig, der kaum größer als der eines Tieres war, während das Kind in ihr heranwuchs. Dann, eines nachts war jemand zu ihr gekommen. Es war einer der jüngeren Wissenschaftler, der ihr gelegentlich das Essen brachte. Er hatte sie befreit und ihr neue Kleidung gegeben. Über endlose Flure waren sie in einen entlegenen Teil der Labore gegangen. Vor einer gigantischen Maschine hatte er ihr erzählt, dass in einem Traum ihm jemand befohlen hätte, sie zu befreien und an einen anderen Ort, in eine andere Zeit zu schicken. Sie hatte zuerst nichts verstanden, nur dass dies vielleicht ein Weg in die Freiheit war. Sie betrat die Maschine und alles hatte sich verändert. Schwarz am Zug: Springer von F-Sechs schlägt Bauer auf D-Fünf.


Brae


40


Sie blieben fast eine ganze Woche in Brae. Die Arbeit auf den Feldern und im Dorf war zuerst hart und ungewohnt, aber mit der Zeit ging es leichter und jeden Tag lernten sie mehr. Der Hauptgrund dafür länger im Dorf zu bleiben, war das unbeständige Wetter, das kurz nach ihrer Ankunft begonnen hatte. Am nächsten Morgen lag überall eine dünne Schicht Schnee und nach einem deftigen Frühstück bestand die erste Aufgabe darin den Schnee von den Wegen zu kehren. Sie arbeiteten zu zwei. Mugh und Martin waren mit Thomas auf dem Feld, wo sie die Felder umgraben mussten und anschließend gesät wurde. Der Stille und der Junge halfen Stella bei den Hausarbeiten, holten Wasser oder schafften Dinge von einem Ort zum anderen. An den ersten beiden Tagen wurden sie von den meisten Dorfbewohnern noch gemieden und so kamen kaum Gespräche zustande. Stella und Thomas verköstigten sie gut und nachts konnten sie in der Küche am Kamin schlafen. Das ganze Dorf schien sie ununterbrochen zu beobachten. Alles was sie machten wurde sogleich geprüft und falls es nicht zur Zufriedenheit des Auftraggebers war, sofort angesprochen. Jeden Abend kamen die erwachsenen Männer des Dorfes in der Kirche zu einer Versammlung zusammen. Was dort gesprochen wurde, bekam niemand mit. Die Türen wurden verschlossen und davor standen die beiden Söhne des Schusters und hielten Wache. Als Martin am Morgen des dritten Tages Thomas darauf anspracht, wies dieser ihn ungewöhnlich barsch ab. Die Treffen begannen stets nach Sonnenuntergang und dauerten dann meist eine ganze Stunde.

Am Abend des vierten Tages waren Stella und Thomas gemeinsam mit ihren Gästen beim Dorfarzt und seiner Frau eingeladen. Für diesen Anlass bekamen alle festliche Kleidung geliehen und stapften dann im Schnee, durch das nächtliche Dorf zum Haus des Doktors, dass sogar noch ein wenig größer schien, als das des Bürgermeisters. Sie wurden freundlich empfangen und in den nächsten zwei Stunden genossen sie ein wahres Festessen. Es gab Früchte, von denen Mugh oder der Stille noch nie etwas gehört hatten und die Vielfalt der Geschmacksrichtungen war regelrecht berauschend. Der Arzt und seine Frau, beide schon recht betagt, stellten ihnen viele Fragen. Vor allem schien sie zu interessieren, woher sie kamen. Darüber wohin die Reise gehen sollte, sprach niemand. Da keiner der Anwesenden auch nur ansatzweise etwas von Technik, Raumfahrt oder Ähnlichem zu verstehen schien, erfand Martin stellvertretend für die anderen eine Geschichte die teilweise der Wahrheit entsprach und zum Teil frei erfunden wahr. Danach waren sie Reisende auf der Suche nach Solejier. Von ihrer Begegnung mit Nalataja erzählte Martin nur den Teil mit dem Schloss. Anhand des Bildes aus dem Wirtshaus beschrieb er Nalataja und berichtete von einer Begegnung, die sehr persönlich und vertraulich gewesen sei. Er selbst überrascht, wie detailreich er seine Geschichte ausschmückte ohne tatsächlich etwas preiszugeben. Dass sie anfangs eine größere Gruppe gewesen waren und schon zwei ihrer Freunde unterwegs verloren hatten, erwähnte Martin nicht. Die anwesenden Dorfbewohner hörten aufmerksam zu und nickten an den richtigen Stellen. Als sich der Abend dem Ende neigte, hatte Martin das deutliche Gefühl in der Akzeptanz der Dorfbewohner ein Stück weitergekommen zu sein, jedoch spürte er noch immer Zurückhaltung und Skepsis. Zum Abschied überreichte ihm der Arzt eine große, handgearbeitete Tasche, die man sich bequem umhängen konnte und worin sich vielerlei Sachen gut verstauen ließen. Höflich bedanken sich alle für das reichhaltige Mahl und kurz darauf befanden sich alle vier wieder in der Küche von Stella und Thomas.

Sie wollten gerade alle zu Bett gehen, als der Junge ihnen bedeutete, näher zu kommen. Sie setzten sich in der Nähe des Kamins im Kreis und er begann leise zu sprechen. „Die Bewohner dieses Dorfes führen etwas im Schilde. Ich denke nicht, dass sie wissen, wer sie lenkt, aber früher oder später werden sie uns gefährlich werden. Wir sollten daher nicht länger als nötig hier bleiben. Ich habe ein paar Vorräte auf die Seite geschafft und hinter dem Haus in einem kleinen Schuppen deponiert. Spätestens übermorgen sollten wir von hier verschwinden.“ Er machte eine Pause und dachte nach. Martin nutze diese Gelegenheit. „Vielleicht sollten wir uns auch mal in die Kirche schleichen um herauszufinden, was die da treiben. Das Ganze kommt mir auf jeden Fall sehr seltsam vor.“ Der Junge nickte. „Ja. Das ist zwar sehr gefährlich, aber ich denke, es könnte das Risiko wert sein. Ich habe mich heute etwas umgehört. Im Dorf wohnt ein Kartenzeichner. Sein Name ist Jolinar. Es scheint mir, dass er ein ziemlich seltsamer Kauz ist. Er wohnt hinter der Kirche. Heute Nacht will ich ihm einen Besuch abstatten. Ich denke, dass er möglicherweise eine Karte dieser Gegend besitzt, die uns den Weg zu Solejier weisen könnte.“ Martin schüttelte den Kopf. „Das ist viel zu gefährlich. Wenn du geschnappt wirst, bringst du uns alle in Gefahr.“ Der Junge sah ihn an und lächelte. „Wir sind längst in Gefahr. Heute Nacht werde ich zu Jolinar gehen und wenn ich eine passende Karte finde, verschwinden wir von hier so schnell wie möglich.“ Die Entschlossenheit des Knaben und seine rationale Denkweise jagten Martin einen eiskalten Schauer den Rücken hinunter und er schwieg. Als sich alle hingelegt hatten, kletterte der Knabe vorsichtig aus dem Küchenfenster auf den Weg und bald hatte die Dunkelheit seine Umrisse verschluckt.


Der Schnee unter seinen Füßen knirschte schwach. Als er sich an der Außenwand der Kirche vorbeidrückte, setzte schwacher Schneefall ein. An der Rückseite des großen Bauwerks lag das Haus des Kartenzeichners. Kein Licht brannte. Er umrundete das Haus, um zu sehen, ob vielleicht eins der Fenster offen stand oder sich ein anderer Weg anbieten würde ins Innere zu gelangen. An zwei Vorsprüngen in der Mauer zog er sich schließlich zu einem Fenster hoch, dass nur angelehnt war. Gut, er wurde bereits erwartet. Vorsichtig drückte er das Fenster ganz auf. Lautlos glitt er in den finsteren Raum und blieb regungslos stehen. Erst allmählich gewöhnten sich seine Augen an die Dunkelheit. Er stand inmitten einer Küche. Rechts von ihm hingen Töpfe und Pfannen an Haken über dem Herd. Um ihn herum war es still. Nur das Ticken einer Uhr irgendwo in einem anderen Raum durchbrach das Schweigen. Ohne ein Geräusch zu machen bewegte er sich vorwärts, durchquerte den Raum und gelangte in den Flur. Vor ihm lag die Treppe in das Obergeschoss. Sie war aus Holz und würde mit Sicherheit sofort knarren, wenn er sie betrat. Vorsichtig, Stufe für Stufe, schlich er hinauf. Er war schon fast oben angelangt, als eine der Stufen tatsächlich gedämpft knarrte. Der Junge erstarrte und hielt die Luft an. Einige Minuten verharrte er in dieser Position und lauschte angestrengt, ob er ein Geräusch wahrnehmen konnte. Schließlich langte er am Ende der Treppe an und wendete sich nach rechts. Die erste Tür war verschlossen. Er schlich weiter zur nächsten. Sie war nur angelehnt und als er sie ein Stück aufschob, blickte er direkt in das Schlafzimmer Jolinars. Behutsam zog er sie zu und schloss sie geräuschlos. Nun blieb nur noch eine Tür übrig. Die Bodenbretter bogen sich unter seinen Schritten, jedoch gab keines einen Laut von sich. Er fand die letzte Tür unverschlossen und wenig später stand er in einem Raum voller Karten. Das Auseinanderrollen der kleinen und großen Pergamente ging nur äußerst behutsam, da das Papier dick war und jede Menge Lärm verursachte. Der Junge brauchte fast eine halbe Stunde, bis er die gesuchte Karte gefunden hatte. Sie stellte zwar leider nur eine sehr grobe Übersicht der Region dar, jedoch war Brae darauf eingezeichnet und der Weg zu einem Punkt, der mit einem „S“ gekennzeichnet war. Neben dem Buchstaben hatte der Zeichner einen stilisierten Turm aufgemalt. Offenbar lag er in der Mitte einer hufeisenförmigen Bergkette die sich nach Norden hin öffnete. Auf der Karte waren keine weiteren Siedlungen eingezeichnet. Nur ein Netz von Wegen überzog die Karte, wovon die meisten über den Rand der Karte hinausliefen.

Er rollte die Karte zusammen, steckte sie ein und wollte sich gerade wieder auf den Rückweg machen, als er ein Geräusch vernahm. Ein schwacher Lichtschein drang durch die angelehnte Tür herein. Jemand war im Flur. Der einzige Ort um sich zu verstecken bot sich unterhalb des Schreibtisches und so kroch der Knabe schnell darunter und versteckte sich hinter ein paar großen Rollen dicken Papiers, die an den Tisch gelehnt standen.

Jemand betrat den Raum. Unter dem Tisch konnte der Junge kaum etwas erkennen. Er drückte sich noch weiter an die hintere Wand in der Hoffnung nicht entdeckt zu werden. Der Lichtschein der Laterne bewegte sich im Raum umher, bevor sie unsanft auf den Tisch gestellt wurde. Der Junge sah zwei nackte Füße zu einem Regal gehen und davor stehen bleiben. Genau von dort hatte er die Karte entwendet, die jetzt unter seinem Hemd steckte. „Du kannst ruhig herauskommen, Gabriel.“ Der Mann sprach halblaut. Eigentlich hatte er ja gehofft diese Begegnung vermeiden zu können, sah jetzt aber ein, dass es unumgänglich war. Aus dem Schatten des Tisches kroch der Junge oder Gabriel, wie er mit richtigem Namen hieß, heraus und setzte sich auf den Tisch. Der Mann kramte noch immer in dem Wust von Kartenrollen im Regal. „Welche hast du mitgenommen…“ Während der Alte noch suchte, betrachtete Gabriel die Lampe. Die Flamme der Kerze tanzte in einem schwachen Lufthauch, der durch eine undichte Stelle in das Innere der Lampe drang. Feuer faszinierte ihn. Es einzufangen und sich zunutze zu machen, war eine Kunst. Er hob die Lampe hoch und leuchtete Jolinar, damit er besser sehen konnte. Er kassierte dafür einen bösartigen Seitenblick. „Ich finde es schon noch heraus. Du brauchst nicht so überheblich zu sein.“ Gabriel lächelte. „Aahh, jetzt weiß ich es. Das Gesicht des Alten hellte sich auf. Die alte Karte vom Turm fehlt.“ Er setzte sich seine Brille gerade auf die Nase und kam herüber. Mit seiner Schlafmütze auf dem Kopf wirkte er fast ein wenig lächerlich. „Von uns ist schon lange niemand mehr dort gewesen. Ist eine ungemütliche Gegend. Der Turm steht auf einem Eisfeld umgeben von hohen Bergen. Dort ist es sehr kalt.“ Er rieb sich die Stirn. „Aber das weist du ja sicher alles bereits. Er hat dich umfassend informiert nehme ich an?!“ Gabriel nickte, während er geistesabwesend mit dem Türchen der Laterne spielte. In der Tat war sein Wissen größer als er seinen Gefährten gegenüber zugegeben hatte. „Warum haben sie dich zu ihnen geschickt?“ Gabriel sah auf, als hätte er die Frage nicht richtig verstanden. Sein Blick ging ins Leere. „Er glaubt nicht, dass sie es schaffen werden. Die beiden Anderen sind stark und ihr Wille ungebrochen, aber Martin ist schwach. Sie brauchten einen neuen Führer, sonst hätten sie sich wahrscheinlich im Wald verirrt und wären längst schon alle tot.“ Er sah Jolinar direkt an und die Kälte in seinen kindlichen Augen jagte dem Mann eine Gänsehaut über die Arme. „Nicht, dass es einen Unterschied machen würde.“ Er zuckte mit den Schultern. „Wie genau ist deine Karte?“ Gabriel sah Jolinar fragend an. „Genau genug, denke ich. Der Weg hat sich in den letzten Jahrzehnten nicht geändert. Wenn ihr da hoch wollt, braucht ihr aber gute Kleidung, sonst seid ihr schnell erfroren. Der Pass ist um diese Jahreszeit vermutlich verschneit. Drei oder vier Tage wird die Reise dauern, je nachdem wie schnell ihr vorankommt.“ Jolinar ging zu einem anderen Regal und begann wieder zu kramen. Diesmal fand er schneller was er suchte. Er zog eine kleinere Karte heraus, die schon ziemlich abgewetzt aussah und breitete sie neben Gabriel auf dem Tisch aus. „Das ist die Umgebung des Turms. Ich habe diese Karte mal einem Wanderhändler abgekauft, er hat überall auf dem Eisfeld die Gletscherspalten eingezeichnet. Es sind heute mit Sicherheit mehr als vor 40 Jahren, aber helfen könnte sie euch trotzdem.“ Er nahm seine Brille ab. „Denkst du wirklich, dass Martin es schaffen wird?“ Gabriel grinste ihn verschmitzt an. „Das wird spannend, ich weiß. Aber „Er“ scheint an ihn zu glauben. Wenn es diesmal nicht funktioniert, geht hier sowieso bald alles zur Hölle und dann brauchen wir uns auch keine Gedanken mehr darüber zu machen.“ Gabriel stand auf. „Ich denke, ich werde jetzt gehen. Das hat hier lange genug gedauert. Mein stiller Freund ist bestimmt schon ganz nervös.“ Er steckte die zweite Karte ein und wandte sich zum Gehen. „Warum hast du nicht einfach gefragt wegen den Karten?“ Der Alte hatte die Laterne wieder zur Hand genommen und sah ihn über den Rand seiner Brille fragend an. „Weiß nicht.“ Gabriel zuckte wieder mit seinen kleinen Schultern. „Ich fand es irgendwie lustiger zu versuchen dich zu überraschen. Aber du bist trotz deines Alters immer noch ziemlich aufmerksam. Ist übrigens ein netter Körper den du dir da ausgesucht hast.“ Er zog einen unsichtbaren Hut. „Deiner ist auch nicht schlecht. Da kommt so schnell keiner drauf.“ Jolinar lächelte jetzt verschmitzt. Die Beiden warfen sich noch einen letzten vielsagenden Blick zu und dann war Gabriel auch schon verschwunden. Kurze Zeit später kletterte er mit seiner Beute durch das Küchenfenster zurück in das Haus des Bürgermeisters. Seine Gefährten schliefen bereits. Bevor er sich selbst hinlegte, schob er noch ein wenig Holz im Kamin nach und als die Flammen endlich an dem Holz leckten, begab auch er sich zur Ruhe. Vollkommende Stille senkte sich über Brae, als nun auch das letzte Licht erlosch.


Zwischenspiel


Der Ältere hatte genau verfolgt wie es Natascha ergangen war. Von seiner Ebene aus hatte er einen durchaus guten Überblick über die Ereignisse gehabt, die sich nach ihrer Zeitreise zugetragen hatten. In der fehlgeleiteten Verliebtheit für sein Forschungsobjekt hatte der junge Wissenschaftler Natascha retten wollen und sie dabei letztendlich doch wieder als Versuchsobjekt benutzt. Die Maschine befand sich damals im Teststadium und Natascha war der erste Mensch, der damit transportiert wurde. Glücklicherweise hatte es mit seiner Hilfe funktioniert und sie war etwa ein Jahrhundert in die Zukunft gereist. Dort, schwanger, orientierungslos und verängstigt hatte sie noch immer die Fähigkeit einsetzen können, die sie schon bisher immer weit gebracht hatte: Ihre Fähigkeit zu arbeiten. Nur nach der Geburt ihrer Tochter hatte sie für eine kurze Zeit geruht. Um ihr ein gutes Leben zu ermöglichen, gab sie alles. Sie liebte ihre Tochter sehr und das Kind machte Hoffnung. So gab sie ihr den Namen Nadja. Das einzige Andere, was sie noch aus ihrem früheren Leben übernahm, war der Familienname ihres Ziehvaters, alle anderen Details hatte sie bald verdrängt und durch ein filigran konstruiertes Netz der Lügen und Halbwahrheiten ersetzt, die sie bis zu ihrem frühen Tod aufrecht erhalten hatte. Bis zum Schluss war sie der Meinung, dass es für Nadja so am besten wäre. Ihre wahre Herkunft könnte sie so niemals ergründen. Gelegentlich war der Ältere auf Nataschas Ebene herabgeglitten. Zwar nahm sie ihn nicht wahr, aber für ihn war es die einzige Möglichkeit ihr ein wenig näher zu sein. Es zerriss ihm das Herz wenn er sah, wie es ihr stetig schlechter ging. Als sie ihr Kind zur Welt brachte, wendete er alle seine ihm verbliebene Kraft auf um Nadja zu schützen. Zwar gelang ihm das nur dürftig, jedoch überlebte sie. Das war das Einzige was jetzt, nach Nataschas Tod, noch zählte. Der Ältere und der Jüngere waren auf ihrer Ebene allein. Natascha hatte sie niemals besucht. Sie befand sich auf irgendeiner anderen der unzähligen Ebenen. Die Hoffnung sie ein letztes Mal zu sehen hatte der Ältere nicht aufgegeben. Weiß am Zug: Bauer G-Vier schlägt Läufer auf H-Fünf.


41


Das Tageslicht schwand nun merklich. Nach einer weiteren Mahlzeit waren auch die letzten Reste aufgegessen. Nadja und Kiro blickten gedankenverloren aus dem Fenster. Der Satz aus dem Traum, dass sie ihr gemeinsames Band enger knüpfen sollten, ging ihm nicht mehr aus dem Kopf. Er glaubte zu wissen, was Teil dieses Prozesses sein würde, war sich aber nicht sicher, wie er es beginnen konnte. Sollten sie jemals von diesem Ort in ihre Wirklichkeit zurückkehren dann war es für Kiro unvorstellbar sein altes Leben wieder aufzunehmen. Sein Dasein als Dieb und Laufbursche für Tersa war vorbei. Dies war das erste Mal in seinem Leben, dass ihm ein Mensch wirklich etwa bedeutete. Kiro wusste, dass seine Gefühle für Nadja aufrichtig waren und so begann er zu erzählen.

Sein Leben hatte nicht als das eines Diebes begonnen. Kiro kam aus einem wohlbehüteten Elternhaus und hatte in seiner Kindheit alles, was er sich nur wünschen konnte. Seine Eltern sorgten dafür, dass er in den Genuss der besten verfügbaren Schulausbildung kam und in seiner Freizeit trieb er viel Sport. Durch einen Schulfreund kam er schließlich das erste Mal in Kontakt mit Kampfsport. Er fand rasch Geschmack daran und einer der Lehrer, Rima war sein Name, erkannt das Potential, welches in Kiro steckte. Rima war alt, für Kiros Verständnis viel zu alt, als dass er ihn wirklich respektiert hätte. Das änderte sich aber schlagartig, nachdem er den Alten in seiner jugendlichen Überheblichkeit zum Duell herausforderte. Später war sich Kiro nicht mehr sicher, wie lange der Kampf gedauert hatte, aber mehr als 10 Sekunden waren es nicht gewesen. Innerhalb eines Wimpernschlages hatte Rima ihn besiegt. Durch dieses Erlebnis war er reifer geworden. Zunehmend ließ er sich Zusatzstunden erteilen und versuchte die Anweisungen und Ratschläge seines Meisters optimal umzusetzen. Seine Kraft und Geschicklichkeit nahmen von Jahr zu Jahr zu. Bals gewann er seine erste Meisterschaft. Jedoch beinhaltete das Training nicht nur die Beherrschung des Körpers, sondern auch die des eigenen Geistes und so wurde er durch seine Siege niemals überheblich. Die Demütigung durch seinen Meister war in seinem Gedächtnis stets präsent. Er hegte keinen Groll gegen den alten Mann, hielt aber Ausschau nach einer Gelegenheit sich zu revanchieren.

Kiro wurde älter und schloss die Schule ab. Seine Eltern hätten es gerne gesehen, wenn er eine weitergehende Ausbildung gemacht hätte, aber Kiro war sich nicht sicher, was er tun wollte. Ein Jahr lang verbrachte er in verschiedenen Gelegenheitsjobs, bevor er das erste Mal sein Talent als Dieb entdeckte. Sein Meister hatte ihm von Anfang an erklärt, dass große Kraft auch zu großer Verantwortung führte, aber die Versuchung war für Kiro letztendlich zu groß. Es war ihm bewusst, dass er eine überlegene Kraft und Körperbeherrschung besaß und diese Fähigkeit wollte er in bahre Münze verwandeln. In gewisser Weise bestand auch ein Zugzwang, da ihm seine Eltern schnell mitteilten, dass sie ihm zwar ein Studium finanzieren würden, jedoch nur, wenn er es bald begann. Dem ersten Einbruch in das Haus eines Bankiers folgten weitere Raubzüge. Stets ging er äußerst behutsam vor und hielt das Maß an Aufmerksamkeit gering, dass seine Diebstähle unvermeidlich hervorriefen. Er kam nachts und suchte den Weg des geringsten Widerstandes um in ein Gebäude einzudringen. Nur die wertvollsten und handlichen Dinge hatte er im Visier. Die Fähigkeit zur Beherrschung hatte er zwar bei Rima gelernt, aber es fiel im nicht immer leicht. Ein Mal war er wegen seiner Gier fast erwischt worden. Nach einiger Zeit hatte sich Kiro in gewissen Kreisen einen Ruf erworben und bekam nun regelmäßig Aufträge. Zuerst war er skeptisch, erkannte jedoch bald, dass ihm dies zum einen mehr Geld einbrachte und andererseits eine viel größere Herausforderung darstellte. Je schwieriger und gefährlicher die Aufträge waren, umso größer war der Reiz für Kiro. Er besaß nicht viel und wenn es an einem Ort zu heiß für ihn wurde, zog er weiter.

Auf Pinor-Prime schließlich lernte er Tersa kennen, der bald zu einem seiner Hauptauftraggeber wurde. Der Planet stellte sich für Kiro als eine wahre Goldgrube heraus. Mit Tersa arbeitete er gut zusammen und bei den Aufträgen ging es meistens um Industriespionage, was fast immer bedeutete in extrem gut bewachte Gebäudekomplexe einzudringen. Anonyme Auftraggeber hatte er bis zu diesem Zeitpunkt noch nicht gehabt, aber das Angebot, das ihn schließlich auf die Garios-2 gebracht hatte, war einfach zu verlockend gewesen.

Nadja, die bis zu diesem Zeitpunkt ruhig zugehört hatte, wurde nun neugierig. „Was war das für ein Auftrag auf dem Schiff? Gab es eine wertvolle Fracht?“ Sie sah das Zögern in Kiros Augen und runzelte wieder die Stirn. „Du warst der Auftrag.“ Kiro war erleichtert, dass es endlich ausgesprochen war. „Es ging um irgendein „Amulett der Verstummten“, zu dem dir angeblich irgendwelche Informationen implantiert wurden, die ich beschaffen sollte.“ Nach einer Pause fügte er hinzu: „Außerdem sollte ich verhindern, dass du das Ziel des Fluges erreichst.“ Er wartete gespannt Nadjas Reaktion ab, jedoch reagierte sie zunächst überhaupt nicht. Sie schien nachzudenken. „Hättest du deinen Auftrag ausgeführt?“ Diesmal sah sie ihn direkt an. Ihr Gesicht war ernst und ihre Augen blickten ihn konzentriert an. Kiro zögerte nicht. „Ja. Ich hätte ihn ausgeführt. Daran habe ich keinen Zweifel.“ „Und jetzt? Wie ist es nun? Willst du deinen Auftrag noch immer beenden?“ In ihren Augen konnte Kiro eine gewisse Spannung erkennen. „Die Dinge haben sich verändert. Ich habe Dinge erfahren, an die ich niemals geglaubt hätte. Wir sind jetzt hier, ich habe dich kennen gelernt und…“ Wieder zögerte er kurz. „…und ich liebe dich.“


Für einen magischen Moment schien die Zeit stehen zu bleiben. Kiro sah nur Nadja und sie nur ihn. Er hatte sich ihr vollständig geöffnet und ihr seine Liebe gestanden. Nun war es an ihr etwas zu sagen. Eigentlich hätte Kiro erwartet aufgeregter zu sein. So offen war er bisher noch niemandem gegenüber gewesen. Ihn überkam eine unwahrscheinliche Ruhe. „Nein.“ Seine Stimme strahlte die Ruhe aus, die er in diesem Moment empfand. „Ich werde meinen Auftrag nicht ausführen. Mit dir will ich den Weg bis zum Ende gehen. Wirst du an meiner Seite sein?“ Nadja schwieg. Kiro wusste nicht, ob sie die Bedeutung seiner Worte verstanden hatte. Ihr Blick entschwand kurz in weite Ferne, bevor sie ihn wieder fixierte. „Ich danke dir für deine Offenheit und ich weiß, dass es die Wahrheit ist.“ Ohne zu zögern sagte sie noch einen einzigen, alles entscheidenden Satz. „Ich liebe dich auch und wir werden den Weg gemeinsam bis zum Ende beschreiten, auch wenn vielleicht großes Leid auf uns wartet.“ Sie lächelte und Kiro spürte es fast körperlich, wie nun etwas Unzerstörbares zwischen ihnen geschaffen worden war, gleichzeitig verspürte er einen Stich in seinem Herzen, wie eine dunkle Vorahnung. Das Band verband sie nun noch enger und so leise wie er gekommen war, verstrich der magische Moment.


Das Geräusch des Zuges und das gedämpfte Rauschen des Meeres drangen allmählich wieder an Kiros Ohren. Er kehrte in die Wirklichkeit zurück, die er scheinbar für einige Momente verlassen hatte. Er war sich nicht sicher, ob es ein Traum oder Wirklichkeit gewesen war. Nadja lächelte jedoch noch immer. Er nah ihre Hand, die sie ihm über den Tisch reichte und drückte sie kurz. „Ich bin dir nicht böse. Von mir weist du auch noch nicht alles.“ Kiros Blick fiel auf ihren Arm und er dachte wieder an das Implantat. Eine kleine Narbe war an ihrem rechten Arm zu sehen. Sie schien recht frisch. Er strich vorsichtig darüber. „Ich dachte du hast dich bei dem Kampf nur am linken Arm verletzt?“ Nadja betrachtete selbst die Stelle. „Die Narbe habe ich noch gar nicht bemerkt. An dieser Stelle hatte man mir im Krankenhaus einen Schlauch in den Arm gesteckt. Ich habe keine Ahnung, wofür der gut war.“ Ihre Augen weiteten sich in diesem Moment, als ob ihr etwas eingefallen wäre. „Ich erinnere mich jetzt! An dieser Stelle hat es mich immer gejuckt. Schon lange fühlte es sich dick an. Der Arzt hat nichts finden können. Vielleicht war dort wirklich etwas implantiert.“ Vorsichtig tastete sie den Bereich ab. „Ich kann nichts mehr spüren. Wenn da etwas gewesen ist, dann ist es jedenfalls jetzt verschwunden.“ „Kannst du dich erinnern, ob es vor deinem Kampf noch da war?“ Nadja überlegte. „Ja. Ich weiß noch, dass ich es gespürt habe, als wir in der Stadt waren.“ „Dann hat man es dir wahrscheinlich im Krankenhaus entfernt.“ Kiro lehnte sich zurück. „Jemand hat davon gewusst.“

Nun war es an Nadja, Kiro ein weiteres Teil des Puzzles zu liefern und so erzählte sie ihm ihre Geschichte und vor allem von ihrer Zeit bei den Verstummten. Kaum ein Detail ließ sie aus, angefangen von ihrer Zeit im Waisenhaus bis hin zu dem mysteriösen Brief ihres ehemaligen Bundesbruders Andros. Kiro staunte nicht schlecht, als er das alles hörte. Ihre Geschichte war eine völlig andere als seine. Sie waren durch unsichtbare Mächte vereint worden und rasten nun gemeinsam über das nächtliche Meer einem ungewissen Ziel entgegen. Jetzt, da jeder die Geschichte des anderen kannte, war das Vertrauen zwischen ihnen stärker denn je. In dieser Nacht wendeten sie sich einander zu. Die letzte Barriere fiel und sie wurden Eins. Die Macht des Schattens war für diesen kurzen Augenblick ohne Bedeutung.

Über dem nächtlichen Meer war der Wind zur Ruhe gekommen. Die letzten Wellen verloren langsam ihre Kraft und bald lag das Meer als spiegelglatte Fläche unter dem Gleis, das als einzige Struktur die Nacht durchschnitt. In der Ferne, ganz am Horizont, war schwach der dunkle Streifen des Landes zu erkennen. Für einen Moment erhellten zwei Lichtkegel die Dunkelheit, als der Zug sich näherte. Im nächsten Moment war er schon vorbeigerauscht. Durch die Vibration der Stützen fiel eine Wasserschnecke wieder zurück in die glatten Fluten und versank langsam. Die Kreise auf dem Wasser waren bald verschwunden und Stille trat ein. Die Ruhe vor dem Sturm.


Der Schatten


Die Qualen, die das dunkle Wesen in dieser Nacht erlitt, waren beispiellos. Es war, als wenn ihn tausend Messer foltern würden. Mit seinen Widersachern war irgendetwas geschehen. Eine Veränderung hatte stattgefunden, aber er konnte nicht erkennen was geschehen war. Die Schmerzen machten es ihm unmöglich aufzusteigen oder zu einem anderen Ort zu fliehen. Letztendlich war das auch besser, dachte er. So war ihm ein Platz in der ersten Reihe gesichert, wenn es mit ihnen zu Ende ging. Dann wäre er endlich frei von dieser Pein. Sie waren nun schon ganz nah. Er konnte die Vibrationen in der Luft spüren. Er blickte den feinen Strich der Gleise entlang und dort, ganz am Horizont, erkannte er die beiden Lichtkegel. Der Zug kam schnell näher und die Scheinwerfer wurden immer größer. Vorfreude keimte in ihm auf.


42


Als die letzten Häuser von Brae hinter den ersten Ausläufern der Berge verschwanden, atmete Martin auf. Endlich waren sie weit genug von dem Ort entfernt, wo er den letzten Tag in stetiger Angst verbracht hatte.

Am Morgen vor zwei Tagen hatte sie der Knabe früh geweckt und ihnen die Beute seines nächtlichen Streifzuges präsentiert. Sie hatten nun zwei Karten, die ihnen den weiteren Weg zum Turm Solejiers weisen würden. Martin war ziemlich beeindruckt, wie der Junge das angestellt hatte. Wieder einmal bekam er aber auf seine Fragen keine Antworten. Für den Abend planten sie, sich in die Kirche zu schleichen und zu beobachten, was dort getrieben wurde. Den Tag über arbeiteten sie wie bisher. Keinem von ihnen kam zu Ohren, dass der Diebstahl des Kartenmaterials irgendwem aufgefallen war und so wich die Anspannung allmählich. Kurz nach Sonnenuntergang schlich sich Martin, der diese Aufgabe unbedingt hatte übernehmen wollen, in die Kirche. Im Inneren war es kärglich und außer mehreren Reihen hölzerner Bänke und einem Altar mit ein paar Kerzen, gab es nicht viel. Der kahle Kirchenraum bot keine Möglichkeit sich zu verstecken. Über eine kleine Treppe gelang Martin auf die Empore und von dort weiter auf den Dachboden des Kirchenschiffes. Die Bretter der Decke waren nur ungenau aneinandergefügt und eine Vielzahl von Ritzen oder Astlöchern bot Gelegenheit den Kirchenraum zu überblicken. Martin legte sich flach auf den Boden und wartete. Hier oben war es staubig und bestimmt gab es auch Ratten, aber im Moment interessierte es ihn mehr, was hier allabendlich geschah.

Nach kurzer Wartezeit trafen bereits die ersten Männer ein und versammelten sich im vorderen Teil in der Nähe des Alters. Es dauerte noch eine weiter halbe Stunde, bis der Letzte eintraf und die Kirchentüren hinter ihm geschlossen wurden. Die Männer hatten einen Halbkreis um den Altar gebildet und in der Mitte auf den Stufen zu dem steinernen Tisch stand Thomas. Er trug ein schwarzes Gewandt mit einem in gold gestickten Zeichen auf der Brust: Ein Kreis mit einem Quadrat in der Mitte. Martin konnte sich vorstellen, was das zu bedeuten hatte. Mir dem Schlag der Turmglocke, die Martin in seinem Versteck leicht zusammenzucken ließ, begann Thomas zu sprechen. „Willkommen in der Gegenwart unseres Herrschers.“ Ein bestätigendes Raunen von den anwesenden Männern war zu hören. Martin zählte dreiundzwanzig von ihnen, die eng nebeneinander vor dem Altar standen. „Seit der Ankunft unserer ungebetenen Besucher sind einige Tage vergangen. Die große Zeremonie steht an und ich verstehe eure Ungeduld. Wenn wir es noch lange herauszögern, könnte er unser Opfer nicht mehr annehmen. Ich habe mich zurückgezogen und darüber nachgedacht. Einen Tag wollen wir ihnen noch geben, bevor wir die Herbeirufung durchführen. Was dann mit ihnen geschieht, kann nicht mehr unsere Sorge sein. Das Gebot der Gastfreundschaft verbietet es sie aus der Stadt zu jagen und viele von euch begrüßen die Hilfe bei der Arbeit, aber es wäre besser für uns alle, wenn nur die Eingeweihten im Dorf wären wenn die Zeremonie beginnt.“ Viele der Männer nickten und zustimmendes Gemurmel wurde laut. Thomas hob seine Hand und sogleich trat Stille ein. „Ich habe aber auch eine gute Nachricht für euch. Die Wahl ist getroffen. Das Geschenk für unseren Herrscher ist ausgesucht worden. In der letzten Nacht habe ich das Zeichen empfangen.“ Er winkte jemanden heran und aus dem Schatten unterhalb der Empore kamen zwei Gestalten hervor. Ein junger Mann, Martin hielt ihn für gerade volljährig, zog an einem Strick ein, an den Händen gefesseltes und geknebeltes, Mädchen hinter sich her.

Sie trug ein einfaches, weißes Gewand, das bis zum Boden reichte. Lange, dunkle Haare fielen ihr über die Schultern. „Seht her! Das ist Sie! Eine Jungfrau, die in diesem Winter ihr achtzehntes Jahr vollendet hat. Sie wird ein würdiges Opfer für unseren Herrscher sein.“ Bewegungslos und ohne einen Laut von sich zu geben, stand das Mädchen vor dem Altar. Sie hatte den Kopf gesenkt sodass Martin ihr Gesicht nicht erkennen konnte. Die Reaktion der Männer brachte Martin jetzt jedoch vollkommen aus der Fassung. Sie gerieten außer sich und begannen stürmisch Beifall zu klatschen, gleichzeitig stießen einige von ihnen Jubelschreie aus und erst als Thomas erneut seine Hand hob, wurde es allmählich wieder still. Er drehte sich zu dem Mädchen um, dass noch immer regungslos neben ihm stand. „Anna ist sich ihrer großartigen Aufgabe bewusst und wird sich freudig für uns opfern. Die gewaltige Ehre vom Herrscher selbst auserwählt worden zu sein, liegt schwer auf ihr, aber bald schon wird sie erlöst sein.“ Er legte ihr eine Hand auf die Schulter woraufhin sie leicht zusammenzuckte. „Aber genug der Worte, lasst uns unser Opfer gebührend weihen.“ Thomas griff unter den Altar und kurz darauf öffnete sich eine Luke im Boden vor ihm. Rasselnd stieg daraus ein Käfig empor. Die Tür des winzigen Käfigs wurde geöffnet und der junge Mann führte das Mädchen hinein. Nachdem die Tür wieder geschlossen und durch ein altertümliches, metallenes Schloss von Thomas persönlich verriegelt worden war, begann ein bizarres Schauspiel, das Martin vom Dachboden ungläubig verfolgte.

In der Kirche war es inzwischen finster und nacheinander wurden jetzt Kerzen in Halterungen an der Wand entzündet. Ein Gefäß auf dem Altar, dessen Inhalt ebenfalls angezündete wurde, fing bald an zu rauchen und füllte den Kirchenraum schnell mit einem seltsam, süßlichen Geruch. Eine unnatürliche Müdigkeit überkam Martin und er konnte nur noch mit Mühe die Augen offen halten. Unter ihm begannen sich die Männer zu bewegen. Sie wanden sich in wahnsinnigen Posen und ein dissonanter Singsang erfüllte den Raum. Bei Martin erweckte das Spektakel den Eindruck einer wirren Anbetung. Immer wieder knieten sich die Männer vor den Altar und verbargen ihr Gesicht schluchzend in den Händen. Alle sprachen und sangen gleichzeitig und Martin konnte nichts verstehen. Was er hier sah, machte ihm Angst. Er versuchte sich weiter darauf zu konzentrieren, was unten geschah, aber bald hatte sich so viel Rauch unter der Decke gesammelt, dass ihm ganz schwindelig wurde. Er versuchte aufzustehen, aber es war schon zu spät. Ihm wurde schwarz vor Augen und er verlor das Bewusstsein.

Als Martin wieder aufwachte, war alles um ihn herum finster. Er tastete umher. Noch immer befand er sich auf dem Dachboden der Kirche. Die Kirche unter ihm war leer. Vorsichtig stieg er die Stufen zur Empore hinunter. Keine Menschenseele war mehr hier. Er rieb sich die Augen und fragte sich insgeheim, ob das alles ein Traum gewesen war, was er vorhin erlebt hatte. Martin ging weiter hinunter und schlich leise bis zum Altar. Vorsichtig hob er das Tuch an, das darüber lag und tastete die Unterseite ab. Nach kurzen Suchen stieß seine Hand auf einen Vorsprung und er zog daran. Die Luke im Boden öffnete sich und das leere Kirchenschiff verstärkte das Rasseln um ein Vielfaches, mit dem nun der Käfig aufstieg, sodass Martin schon besorgt war, dass jemand den Krach hören würde. In wenigen Sekunden hatte sich der Käfig vollständig gehoben und stand nun vor ihm. Vollkommen entgeistert starrte ihn das Mädchen an. Ihr Mund war noch immer geknebelt und sie gab keinen Laut von sich. Als er durch die Gitterstäbe greifen wollte, zuckte sie zuerst zurück und erst als er beschwichtigend auf sie einredete, ließ sie sich den Knebel abnehmen. „Wer bist du?“ Noch immer waren ihre Augen voller Angst. Martin konnte sehen, dass sie geweint hatte. „Wir sind Gäste in eurem Dorf. Ich war bei der Versammlung oben auf dem Dachboden und habe alles beobachtet. Was tut ihr hier? Ist das irgendeine kranke Religion, oder was hat es mit der Zeremonie auf sich? Haben sie dir etwas angetan?“ Er verstummte, weil das Mädchen den Kopf senkte. Tränen begannen aus ihren Augen zu kullern. Im selben Moment tat es Martin leid, dass er sie so mit seinen Fragen bombardiert hatte, aber er verspürte einen großen Zorn gegen die abscheuliche Behandlung dieses Mädchens, was doch eigentlich noch ein Kind war. Sie rang nach Fassung. „Jedes Jahr muss dem mächtigen Herrscher eine Jungfrau aus dem Dorf geopfert werden. Das ist die Tradition seit unzähligen Jahren. Der Bürgermeister ist unser Priester und wählt jedes Jahr ein Mädchen aus, das gerade volljährig geworden ist. Wenn kein Opfer gebracht wird, dann geschieht irgendetwas Furchtbares.“ Sie schluchzte uns sah wieder zu Boden. „Es ist unvermeidlich.“ Martin war fassungslos. Niemals wollte er glauben, dass es keine andere Möglichkeit gab. Ihm kam eine Idee.

Wir bringen dich hier raus!“ Er griff in den Käfig und hob ihr vorsichtig das Kinn. „Du musst nicht sterben. Übermorgen früh verlassen wir das Dorf. In der Nacht davor kommen wir dich holen und dann kannst du mit uns kommen.“ Sie schüttelte den Kopf. „Sie werden mich finden. Es gibt keine Ort, wohin ich gehen könnte.“ Wieder begann sie zu schluchzen. Martin war jedoch nicht bereit sie ihrem Schicksal zu überlassen. „Wir kommen aus einer anderen Welt. Dort muss niemand für so einen Wahnsinn sterben. Verlass dich darauf, wir kümmern uns um dich.“ Nachdem Martin so viel Leid und Tod gesehen hatte, sah er in dem Mädchen die Möglichkeit etwas wieder gut zu machen für die Situationen in der Vergangenheit, in denen er machtlos gewesen war. „Dein Name ist Anna?“ Sie nickte. Noch immer die Tränen über ihr hübsches Gesicht. „Willst du leben, Anna?“ Sie sah auf und Martin blickte sie direkt an. Erst schien sie nicht wirklich zu verstehen, aber dann begann sie langsam zu nicken. Offenbar wurde ihr bewusst, dass es Martin ernst war. Er lächelte sie freundlich an. „Morgen Abend um die gleiche Zeit werde ich, oder jemand meiner Freunde, hierher kommen und dich befreien.“ Er untersuchte das Schloss. Es wirkte äußerst stabil. Da musste er sich erst noch etwas einfallen lassen. „Kannst du es bis Morgen aushalten?“ Anna wischte sich die Tränen aus dem Gesicht und nickte eifrig. Sie schien langsam aus ihrer Trance aufzuwachen. Ihre Hände waren noch immer gefesselt. „Ich muss dich jetzt wieder knebeln. Falls vor morgen Abend jemand kommt, darf es nicht auffallen, dass ich hier war.“ Anna nickte noch einmal. „Ich habe einen Freund. Sein Name ist Jeremy. Kann er mit uns kommen?“ Martin überlegte. Es war riskant, wenn sie eine zweite Person mitnahmen. „Wo finde ich ihn?“ Anna erklärte Martin, wo Jeremy wohnte und nahm ihm das Versprechen ab, mit ihm zu sprechen. Danach knebelte er das Mädchen wieder, was ihm gar nicht leicht fiel und ließ den Käfig wieder in den Boden hinab. Durch eine kleine Seitentür verließ er die Kirche anschließend wieder und machte sich auf den Weg zum Haus von Thomas.

Seine Freunde waren alle noch auf und erwarteten ihn bereits gespannt. Das Entsetzen war ihnen in den Gesichtern abzulesen, als Martin erzählte, was er soeben erlebt hatte. Niemand erhob Einspruch dagegen, dass er das Mädchen befreien wollte. Der Junge war still geworden und sagte dazu kein Wort. Gemeinsam planten sie ihre weitere Vorgehensweise. Es wurde beschlossen, dass Martin in ihrer letzten Nacht mit Anna und Jeremy aus dem Dorf in Richtung der Berge verschwinden sollte. Wenn sie außer Sichtweite der Häuser waren, konnten sie sich irgendwo verstecken und bis zum Morgen warten. Dann würden Martin, Mugh und der Stille mit dem Jungen sie dort abholen. Das Ganze musste sehr schnell und reibungslos verlaufen. Mugh erklärte sich bereit, nach etwas Geeignetem zu suchen, mit dem das Schloss zu öffnen war und der Stille würde morgen versuchen unauffällig den Kontakt mit Jeremy aufzunehmen. In dieser Nacht konnte keiner von ihnen richtig schlafen. Mugh wollte immer wieder hören, was Martin bei der Zeremonie gesehen hatte und erst als der Morgen graute, fielen Martin endlich die Augen zu.

Der nächste Tag zog sich endlos dahin. Beim Frühstück besprach Martin mit Thomas ihre für den nächsten Morgen geplante Abreise und versuchte sich dabei Nichts anmerken zu lassen. Thomas, der seine Freude nur unzureichend verbergen konnte, sicherte ihnen Proviant zu und nahm Martin dann ein letztes Mal mit auf die Felder. Der Junge und Mugh halfen Stella wieder bei den Hausarbeiten, wobei Mugh die Gelegenheit nutzte um einige Nägel und zwei dicke Haarklammern aus dem Haus zu entwenden. Der Stille, der vorgab noch einmal den Doktor wegen seines Knies besuchen zu müssen, suchte stattdessen aber an der beschriebenen Adresse nach Annas Freund. Er fand ihn schließlich in einem Heuschuppen wo er auf einigen Ballen lag und vor sich hin döste. Jeremy war ein drahtiger, hoch gewachsener junger Mann, der nur wenig älter als Anna selbst war. Erst wollte er nicht mit dem Stillen reden, aber als er erfuhr, worum es ging, war er bei der Sache. Jeremy hatte sich schon fast mit dem Schicksal abgefunden, dass er Anna verlieren würde und als der Stille ihm von der geplanten Rettungsaktion berichtete war er sofort dabei. Er schien keine Bedenken zu haben seine Familie zu verlassen. Es wurde vereinbart, dass er sich in der kommenden Nacht bereithalten würde, bis ihn jemand abholte.

Der Tag ging dann endlich doch zu Ende und alle waren ziemlich aufgeregt. Beim Abendessen aßen sie nur wenig, was Stella sofort auffiel und sie schon argwöhnte, dass eine Krankheit im Anmarsch war. Sie gingen zeitig schlafen und warteten ungeduldig, bis Ruhe im Haus eingekehrt war. Der Junge hatte ein paar Schuhe und Kleidung organisiert und gab sie Martin mit, als dieser sich auf den Weg zur Kirche machte. Der Stille schlich sich in der Zwischenzeit zum Haus, in dem Jeremy schlief. Sie würden am Tor auf Martin und Anna warten. Der erste Teil von Martins Plan funktionierte auch ziemlich perfekt. Er gelangte ohne Schwierigkeiten in die Kirche und nachdem er den Käfig wieder heraufgeholt hatte, machte er sich daran, das Schloss zu öffnen. Das beanspruchte einige Zeit, da er im Gegensatz zu Kiro keine wirklich Praxis beim Einbrechen hatte. Endlich hatte er es geschafft und mit einem rostigen Klicken öffnete sich die Tür. Gerade hatte er Anna von ihren Fesseln befreit, als sich ihre Augen vor Schreck weiteten. Martin ahnte, dass jemand hinter ihm sein musste und konnte gerade noch dem Schlag mit einem Prügel ausweichen, der für seinen Kopf bestimmt war. Mit voller Wucht knallte das Holz scheppernd gegen den Käfig. Martin rang mit dem Angreifer, den er in der Dunkelheit kaum erkennen konnte und schließlich gelang es ihm, die Waffe an sich zu reißen und seinen Gegner bewusstlos zu schlagen. Anna, die sich vor Schreck hinter den Altar gekauert hatte, erkannte in dem Mann den Gehilfen von Thomas, der die Funktion eines Messdieners bekleidete. Martin steckte ihn kurzerhand in den Käfig und ließ ihn hinab in die verborgene Kammer. Das würde eine große Überraschung für Thomas und seine Spießgesellen geben. Anna umarmte Martin stürmisch und bedankte sich überschwänglich. Sie zog sich dann die Kleider an, die er ihr mitgebracht hatte und gemeinsam verließen sie die Kirche. Bis zum Tor drückten sie sich am Zaun entlang, wo sie mit dem Stillen und Jeremy zusammentrafen, die dort schon warteten. Das Wiedersehen von Anna und Jeremy war kurz und heftig. Martin musste die beiden schließlich trennen. Bis zu diesem Zeitpunkt hatte er nicht geglaubt, dass man sich so lange küssen konnte.

Da die Tore am Abend geschlossen wurden, mussten sie über den Zaun klettern, was gar nicht so einfach war, da sie fast drei Meter zu überwinden hatten. Zu guter Letzt gelang es aber doch. Der Stille blieb im Dorf und Martin eilte mit dem Pärchen in die Dunkelheit davon. Sie mussten ein ganzes Stück laufen, bevor sie einen passenden Platz fanden, wo die beiden die Nacht verbringen konnten. An einem Hang fanden sie eine kleine Mulde die genügend Schutz vor dem Wetter bot. Martin schärfte ihnen nochmals ein extrem leise zu sein und eilte dann wieder zurück zum Dorf. Der Stille hatte in der Zwischenzeit ein Seil besorgt und so kam Martin schnell wieder über die Palisaden zurück ins Dorf. Die Zeit war wie im Fluge vergangen und als sie wieder im Haus von Thomas angekommen waren, begann schon die Dämmerung einzusetzen. Erleichterung wollte aber noch nicht so richtig einsetzen und erst als sie ein paar Stunden später freundlich verabschiedet wurden und das Dorftor durchschritten, war Martin halbwegs überzeugt, dass ihre nächtliche Aktion unbemerkt geblieben war. In seiner überschwänglichen Freude über ihre Abreise hatte sich Thomas noch zu eineigen Geschenken hinreißen lassen. Ihre Taschen waren voll mit Proviant und neue, prall gefüllte Wasserschläuche lagen schwer über ihren Schultern.

Kurze Zeit später langten sie am Versteck von Anna und Jeremy an. Die beiden lagen zitternd unter der dünnen Decke, die ihnen Martin für die Nacht dagelassen hatte und ihre Freude war unbeschreiblich, als sie ihn und seine Freunde wieder sahen. Gemeinsam setzten sie den Weg fort. Es herrschte eine ausgelassene Stimmung und auch Martin begann langsam wieder nach vorne zu schauen. Für den Moment gab er sich der guten Stimmung hin und lachte sogar mit Mugh, den er sonst eher mied. Das Gelände stieg an und der Weg wurde steiler. An der Seite des Berges wand er sich Meter um Meter in die Höhe.


Zwischenspiel


Sein letzter Zug war nicht besonders gut gewesen. Die Gedanken des Jüngeren kehrten allmählich wieder zurück zum Spiel. Er hatte sich gelegentlich gefragt, ob diese endlosen Schachspiele seine persönliche Hölle waren, oder warum er dazu verdammt schien immer wieder an diesem Tisch Platz zu nehmen und die kleinen Figuren von einem Feld auf das nächste zu schieben. Der Ablauf war bisher stets gleich geblieben. Er verlor und kurz darauf begann der Prozess des Aufsteigens, der sie auf das Schlachtfeld von Klyth zurückbrachte. In ihren schweren Rüstungen standen sie auf der staubigen Ebene und die tief stehende Sonne stand in ihrem Rücken. Dies war kein Traum oder eine Episode aus ihrer Vergangenheit. Es war eine der unzähligen Ebenen, die in der Unendlichkeit existierten. Kein Sinn, kein Zweck und kein Erbarmen waren hier zu finden. Sie machten sich gemeinsam auf den Weg. Außer ihnen war niemand hier. Ein endloser, qualvoller Zyklus begann von neuem. Der erste Ansturm würde nicht lange auf sich warten lassen. Er umklammerte das Schwert fester und hielt wachsam Ausschau nach dem Feind. Schwarz zieht: Läufer von E-Sieben schlägt Läufer auf G-Fünf.


Eins


43


Nadja wachte auf. Um sie herum war es noch immer dunkel. Neben sich spürte sie Kiro. Sein Atem ging langsam und gleichmäßig. Unter dem dünnen Laken war es angenehm warm. Eine innere Unruhe hatte sie geweckt. Sie drückte sich ein Stück aus dem Bett um besser aus dem Fenster sehen zu können. Gegen den helleren Horizont hob sich deutlich der dunkle Streifen des Landes ab. Nadja war wie elektrisiert. Bald würden sie ankommen und die Vorahnung, dass sie erwartet wurden, war nun fast schon zur Gewissheit geworden. Behutsam stieg sie ganz aus dem Bett. Die Verletzung an ihrer Seite war schon deutlich besser geworden, aber noch immer konnte sie nicht alle Bewegungen ohne Schmerzen ausführen. Still, ohne Kiro zu wecken, zog sie sich an und trat auf den Gang hinaus. Das Land kam stetig näher. Kein Licht war zu erkennen und auch im Zug war alles finster. Bald würde es hell werden. Nadja lächelte. Die letzte Nacht war unvergesslich gewesen. Sie gehörten nun für immer zusammen. Noch bevor Kiro im nächsten Augenblick leise von hinten an sie herantrat und seine Arme um ihre Taille legte, wusste sie dass er da war und schloss die Augen. Sie lehnte sich zurück und die Wärme, die sein Körper ausstrahlte, ließ ihr einen angenehmen Schauer über den Rücken laufen.

Abrupt und ohne Vorwarnung bremste der Zug plötzlich ab. Rotes Licht durchflutete den Waggon und die Stimme aus dem Lautsprecher war wieder da. Diesmal klang sie gar nicht mehr so freundlich wie bei der Zwischenstation. „Achtung! Die strukturelle Integrität des Gleisbettes ist beeinträchtigt. Geschwindigkeit wird reduziert.“ Der Zug bewegte sich noch immer vorwärts, aber nun deutlich langsamer als zuvor. „Das ist Er!“ Nadja flüsterte. Kiro wusste, was sie meinte. Eine Konfrontation war nunmehr unvermeidlich. Sie rafften ihre wenigen Sachen zusammen. Wie Kiro erwartet hatte, ließen sich die Türen während der Fahrt von innen nicht öffnen. So blieb ihnen nichts anderes übrig, als zu warten, was passieren würde. In der Nische des Bettes waren sie am besten geschützt und so zogen sie sich dorthin zurück.

Der Tag brach an und der Himmel wurde stetig heller. Das Land war nun zum Greifen nah. Die Fahrgeräusche unter ihnen wurden unregelmäßig. Der Zug schien zu schlingern und ein schabendes Geräusch drang zu ihnen herauf. Kiro barg Nadjas Kopf in seinen Armen. Es hatte begonnen. Kurz schien wieder alles normal, als es eine lauten Schlag gab und ein heftiger Ruck durch den Zug ging, der sie fast aus dem Bett schleuderte. Der Waggon wurde nach links geschleudert und einen kurzen Moment schienen sie zu schweben, bevor es einen harten Aufschlag gab. Mit ungeheurer Wucht überschlugen sie sich und alles im Abteil, was nicht befestigt war, flog durch die Gegend. Kiro nahm wahr, wie sich die Tür des Kühlschranks aus ihrer Verankerung löste und wie ein Geschoss in der Decke stecken blieb. Das Fenster war durch den Aufschlag geborsten und überall flogen Glassplitter herum. Kiro schmeckte Blut. Noch immer lag er schützend über Nadja. Irgendetwas traf ihn an der Schulter. Noch drei oder vier Mal drehte sich der Waggon und blieb dann liegen.

Kiro wartete noch einen Moment und sah dann auf, in der Hoffnung, dass es vorbei war, als eine große Detonation alles erschütterte und den Zugwaggon noch einmal ein Stück vorwärts schob. Eine seltsame Stille trat ein. Kiro spürte deutlich, dass jemand in der Nähe war. Nadja regte sich und Kiro gab sie frei. „Bist du ok?“ Er blickte sie besorgt an. Sie nickte nur. In ihren Augen las er, dass auch sie spürte, wie etwas näher kam. Er musste schnell handeln. Kiro griff hinter sich. Eine Tasche, die er im Bahnhof mitgenommen hatte, war noch da. Dorthinein hatte er die mächtigen Spielzeuge aus der Zwischenstation gepackt. Nun zog er vorsichtig das Netz hervor und breitete es über Nadja und sich selbst aus. Sie machten sich ganz klein und warteten ab. Der Waggon war so zum Liegen gekommen, dass sie durch das Fenster nur den Himmel sehen konnten, der schon recht hell geworden war. Einige Minuten lagen sie bewegungslos so da, ohne dass sich auch nur das Geringste tat. Die sie umgebende Stille wirkte unheimlich und bedrückend. Mit einem Mal verdunkelte sich das Fenster. Schwarze Schwaden schoben sich vor die ovale Öffnung und ließen fast kein Licht mehr herein. Gleichzeitig fiel die Temperatur und Nadja fröstelte. Etwas kam durch das Fenster herein und bald war das gesamte Abteil von dunklen Nebelschwaden erfüllt. Nadja zuckte zusammen denn ihre Verletzung an der Seite begann wieder heftig zu schmerzen. Kiro beobachtete fasziniert, wie eine kleine Wasserpfütze, die sich unterhalb des Kühlschranks gebildet hatte langsam gefror. Nadjas Hand suchte die seine. Er hatte keine Angst und als sie seinen festen Griff spürte, strömte die Gewissheit durch ihren Geist. Sie waren Sicher. Der Schatten konnte sie nicht finden.

Bald zog sich das Wesen wieder zurück. So nahe war Nadja ihm bei ihrer ersten Begegnung nie gewesen. Der geballte Hass, die Kälte und das unbändige Verlangen nach Vernichtung, dass sie soeben vom Schatten wahrgenommen hatte, erschütterte sie zutiefst. Seine Macht hatte zugenommen. Erst als Kiro den Eindruck hatte, dass der Schatten nicht mehr in der Nähe war, zog er das Netz von ihnen herunter. Der feine Stoff war noch immer gefroren und als er ihn jetzt berührte, zerbrach das filigrane Gewebe in tausende Stücke. Diesen Schutz hatten sie also verloren. Nadja kletterte zum Fenster und schaute vorsichtig hinaus. Der Waggon lag auf dem Strand. Nur wenige Meter entfernt begann das Meer. Das Gleis, welches in einiger Entfernung auf den Strand zulief, hörte in der Nahe der Wasserlinie abrupt auf. Mehrere der Stützen waren zerstört und ihre Bruchstücke lagen überall herum. Nadja sah zwei Waggons im Wasser liegen. Wellen gingen immer wieder über sie hinweg. Außer ihrem eigenen Waggon konnte sie keinen anderen mehr erkennen. Die vordere Lok hatte sich in den Sand gebohrt. Offenbar war der restliche Treibstoff explodiert und jetzt schlugen Flammen aus dem schwarzen, deformierten Wrack. Überall lagen Metallfetzen und Splitter herum. Schwarzer Rauch stieg auf. Die ganze Szenerie war ein einziges Bild der Zerstörung.

Nadja drückte sich ganz heraus und sprang auf dem Strand. Kiro blieb dicht hinter ihr. Sie hatten unwahrscheinliches Glück gehabt, damit sie nicht im Wasser gelandet waren. Zwar hatte auch ihr Waggon äußerlich massiv Schaden genommen, aber außer ein paar Kratzern bei Kiro waren sie unverletzt. Hinter der zerstörten Stelle lief das Gleis schnurgerade landeinwärts. Die Explosion war wohl ziemlich heftig ausgefallen, denn das Metall der Schienen hatte sich bizarr nach oben gebogen und wirkte nun wie ein grober Korkenzieher. Vom Schatten war weit und breit nichts zu sehen. Gemeinsam stiegen sie die Böschung empor und hatten bald darauf die Anhöhe hinter dem Strand erklommen. Vor ihnen, nicht weit entfernt, begann die Stadt. Auch wenn es größtenteils nur längst verfallene Ruinen waren, erhoben sich manche Bauwerke noch in beachtliche Höhen. Aus der Ferne war nicht viel zu erkennen, jedoch überraschten selbst Kiro ihre gigantischen Ausmaße. Ganz am Horizont erblickten sie die feine Nadel des Turmes. „Dort ist unser Ziel.“ Nadja blickte in die Ferne. Das Gelände fiel von ihrem Standpunkt aus leicht ab. Auf halber Strecke zwischen dem Strand und den ersten Gebäuden der Stadt, lag der Bahnhof. Das Gebäude war leicht zu erkennen, da es das identisches Gegenstück zum Theta-Endbahnhof war, von dem aus ihre Fahrt begonnen hatte. Dieser Bahnhof hatte die Zeit jedoch nicht so gut überstanden. Als sie sich ihm näherten, erkannten sie das ganze Ausmaß der Zerstörung. Das Dach war eingestürzt und hatte den Innenraum unter sich begraben. Die Wände waren massiv beschädigt und sahen so aus, als drohten sie jeden Moment einzustürzen. Wie zur Bestätigung lösten sich einige Steine aus der Mauer in stürzten polternd auf einen Bahnsteig. Hier würde kein Zug mehr abfahren. Dieser Ort strahlte eine tiefe Traurigkeit aus. Rasch setzten sie ihren Weg zur Stadt hin fort.


Der Schatten


Sein Plan hatte perfekt funktioniert. Wie er es vorausgesehen hatte, waren die Stützpfeiler des Gleises kollabiert. Zwar hätte der Zug etwas schneller sein sollen, aber das Resultat war das Gleiche. Nachdem die Lok ins Schlingern geriet, waren schon die ersten Waggons ins Wasser gestürzt und sogleich versunken. Die Lok selbst brach mit ihrem hohen Gewicht schließlich durch das Gleis. Die Explosion war ein Augenschmaus gewesen. Seine Aufmerksamkeit widmete der Schatten dann aber sogleich dem einzigen Waggon, der es bis auf den Strand geschafft hatte. Die Lok hatte ihn vor ihrem Absturz noch vom Ort der Katastrophe weggeschleudert. Wie ein Spielzeug war er über den Sand gerollt. Von seiner Position einige Meter über den Strand hatte der Schatten alles genau beobachten können. Er drang in den Waggon ein. In seiner derzeitigen Form war er fähig an vielen Orten gleichzeitig zu sein. Wie Rauch breitete sich seine Gegenwart in dem Wrack aus. In jedem Winkel suchte er nach seiner Beute. Er spürte ihre Gegenwart, jedoch konnte er sie nicht finden. Irgendwie war es ihnen gelungen ihn zu täuschen. Statt sich Zorn und Unzufriedenheit hinzugeben, beschloss er, sich zunächst zurückzuziehen. Er würde Geduldig abwarten. Aus seinem Versteck heraus beobachtete er, wie die Beute vorsichtig den Waggon verließ. Wie ein Tier, das die Gefahr wittert sahen sich die Beiden, die er jetzt schon so lange verfolgte, in alle Richtungen um. Schließlich gingen sie in Richtung der Stadt davon. Er erhob sich in die Luft und hielt Ausschau nach einem geeigneten Schlachtfeld. Ein freier, ebener Platz schloss sich an die alte Ruine des Bahnhofes an. Ruhig verharrte er in einigen hundert Metern Höhe, wo er mit bloßem Auge kaum mehr auszumachen war und wartete, bis Nadja und Kiro sich in der Mitte des Platzes befanden. Dann stieß er auf sie herab.


44


An vielen Stellen war der Weg sehr eng. Links ging es steil bergauf und rechts fiel der Fels viele Meter nahezu senkrecht ab. Bald hatten die ausgelassenen Gespräche und das Lachen aufgehört, weil sie nun fast dazu übergehen mussten zu klettern. Eine feine Eisschicht lag an manchen Stellen über den Steinen und machte den Aufstieg zusätzlich gefährlich. Mugh rutschte einmal aus und es war äußerst knapp, dass er nicht herunterfiel. Er hatte von allen die größte Mühe. Jeremy, der anfangs noch Martin mit Dank für ihre Rettung überhäuft hatte, war jetzt auch schon am Keuchen. Hin und wieder bemerkte der Stille, wie er Anna seltsame Blicke zuwarf. Die beiden kletterten gemeinsam und Jeremy half ihr bei den schwierigsten Stellen. Am leichtesten fiel es dem Knaben, der allen voran, in halsbrecherischem Tempo über die gefährlichsten Felsen sprang. In regelmäßigen Abständen wartete auf die Nachzügler hinter ihm. Martin sagte nichts. Ihm war es durchaus lieb, dass sie solch ein hohes Tempo beibehielten denn ein schwacher Schneefall hatte eingesetzt und für die Nacht brauchten sie ein gut geschütztes Lager. Von hier oben konnten sie weite Teile der Landschaft unter ihnen überblicken. Es sah nach einem fruchtbaren Land aus. Immer wieder erhoben sich große Felsen aus dem breiten Tal. Der Fluss, an dem auch Brae lag, floss hier in einer fast schnurgeraden Linie weiter. An seinen Ufern konnten sie immer wieder kultiviertes Land erkennen, aber eine andere Siedlung kam nie in Sicht. In der Ferne wurde das Land wieder eben. Weit und breit war kein Baum zu erkennen. Am frühen Nachmittag bog ihr Pfad nach links ab. Erst konnte Martin nicht erkennen, wo sie nun hingeführt wurden, aber dann öffnete sich ein Spalt im Berg und zwischen zwei Gipfeln gelangten sie ins Innere des Massivs. Der Pfad, der nun so schmal wurde, dass sie nur noch hintereinander gehen konnte war auf beiden Seiten von steil aufragenden Felswänden begrenzt. Nachdem sie mehrfach Geröllfelder und heruntergefallene Felsbrocken überklettert hatten, hielten sie bald alle Ausschau nach den gefährlichen Stellen. Gegen Abend erwartete sie dann an einer Stelle ein grausamer Fund. Unter einem großen Felsen, der ihnen den Weg versperrte, lagen die Überreste eines menschlichen Skeletts. Der Schädel und viele der anderen Knochen waren zertrümmert. Offenbar hatte ein plötzlicher Steinschlag den Wanderer überrascht. Nach dem Grad der Verwesung und den Hautresten an den Knochen war das vor noch nicht allzu langer Zeit geschehen. Der Knabe, der die sterblichen Überreste zuerst entdeckte, untersuchte alles mit großem Interesse. Außer der Kleidung fanden sie noch einen Beutel mit den Habseligkeiten des Toten, den sie mitnahmen. Der Schnee hatte wieder aufgehört zu fallen und ein kühler Wind kam auf. Sie brauchten eine ganze Weile um über den Felsen zu klettern. Auf der anderen Seite wurde der Pfad bald etwas breiter. Sie waren noch nicht lange weitergegangen, als Mugh auf halber Höhe des Hanges eine Öffnung entdeckte. Martin und der Knabe kletterten hinauf und untersuchten das, was sich schon bald als eine kleine Höhle herausstellte. Zwar roch es hier nicht besonders angenehm und am Boden hatte sich auch etwas Wasser angesammelt, aber wenn sie eng zusammenrückten, würden sie die Nacht hier windgeschützt und einigermaßen warm überstehen können. Sie holten ihre Freunde nach und als es dunkel wurde, hatten sie es sich in der Höhle gemütlich gemacht. Nachdem Martin und Mugh das Wasser herausschöpften, war es jetzt sogar schon fast bequem. Weil sie nicht genügend Decken hatten, legten sie sich immer paarweise zusammen. Anna und Jeremy gefiel das mit Abstand am besten. Die Dunkelheit senkte sich nun langsam über die Berge und die das Schlafdefizit der vergangenen Nächte forderte bald seinen Tribut, sodass ihnen schnell die Augen zufielen. Nur Anna war noch wach. Die Geräusche der Nacht machten ihr Angst und in der Ferne glaubte sie das Heulen von Tieren zu hören. Im Dorf gab es Geschichten von Wölfen und anderen grausigen Kreaturen die in den Bergen lebten. Sie war noch nie so weit von ihrer Heimat entfernt gewesen. Zweifel stiegen in ihr auf, ob sie das Richtige getan hatte. Was würde jetzt aus ihren Eltern werden? Jeremy schlief neben ihr tief und fest. Er regte sich nicht. Sie war sich noch immer nicht vollkommen sicher, ob sie diesen Fremden wirklich vertrauen konnte. Zwar hatten sie Anna gerettet, aber was, wenn sie etwas im Schilde führten? Unruhig wälzte sie sich umher. Es dauerte lange bis sie endlich einschlief.


Langsam verstrichen die Stunden der Nacht. Nach einer Weile fand sich auf dem Weg unterhalb der Höhle eine seltsame Kreatur ein. Fast sah sie so aus wie ein Hund, jedoch waren ihre Beine lang und dünn, optimal um über die Geröllfelder zu klettern. Winzige Ohren lugten zwischen den struppigen Haaren auf dem großen Kopf hervor. Die Kreatur wirkte abgemagert und an vielen Stellen war das dunkle Fell ganz dünn und zerzaust, wie nach einem Kampf. Hechelnd setzte sich das Wesen auf den Pfad und blickte zur Höhle empor. Als es gähnte, öffnete es ein Maul mit mehreren Reihen spitzer und überaus scharfer Zähne. Es schien auf irgendetwas zu warten. Bald gesellte sich ein zweites Wesen dazu und nach einiger Zeit noch drei weitere. Aus ihren kleinen schwarzen Augen blickten sie sich an, als ob sie sich ohne einen Laut verständigen würden. Ihre überproportional großen Köpfe bewegten sie hin und her, wobei die lange, rote Zunge wie ein Pendel aus ihren Mäulern hing. Das ganze Schauspiel hätte durchaus drollig wirken können, wäre da nicht der starre Blick in ihren Augen und die großen Krallen an ihren Füßen gewesen, die sie immer wieder aus und einfuhren. Sie hatten die Witterung von Beute aufgenommen. Die fünf Wesen blieben noch eine Weile sitzen, bis sie sich den Geruch, der von der Höhle wie ein unsichtbarer, dicker Dunst zu ihnen herabquoll, vollständig eingeprägt hatten. Dann stand eins nach dem anderen auf und verschwand in der Dunkelheit. Noch war es nicht Zeit.


Am nächsten Morgen wurden sie erst spät wach. Martin hatte beschlossen, nachdem er gespürt hatte, wie nötig sie alle den Schlaf hatten, niemanden zu wecken, sondern seine Gefährten ausschlafen zu lassen. Als er wach wurde, schaute er sich zunächst den Inhalt des Beutel näher an, den sie gestern bei dem Toten gefunden hatten. Es war ein einfacher Lederbeutel, der mit einem Riemen zusammengezurrt war. Wind und Wetter hatten dem Material zwar zugesetzt, es aber nicht in übermäßigem Maß beschädigen können. Als Martin endlich das Band gelöst hatte, schüttelte er den Inhalt der Beutels auf den Boden. Klimpernd fielen einige kleine Metallmünzen heraus, ein Essgeschirr aus dunklem Metall, einige abgebrochene Pfeilspitzen und eine zusammengeschnürte Rolle Pergament. Gespannt zog er die Schnur ab und rollte das dicke Papier auseinander. Überall waren dunkle Flecken und Feuchtigkeit hatte die Ränder beschädigt. Martin musste sehr vorsichtig sein um das Papier nicht zu zerreißen.

Das äußerste Blatt war eine Karte. Sie war sehr grob und zeigte, ähnlich wie ihre eigene, das Gebiet, in dem sie sich befanden. Im Unterschied zu der Karte aus dem Dorf, zeigte diese hier ein weitaus größeres Gelände. Neben Brae und dem Turm waren hier auch noch drei weitere Siedlungen am Rand der Karte eingezeichnet. Die schwarzen Striche waren an vielen Stellen bereits ausgeblichen und die Schrift unter den verschiedenen Orten war kaum mehr lesbar. Den Namen unter dem Turm, der auch hier inmitten der Berge eingezeichnet war, konnte Martin gut lesen. Nun gab es keinen Zweifel mehr. In feiner Handschrift stand dort „Solejier“. Die anderen Blätter in der Rolle waren offenbar das Tagebuch des Toten. Martin blätterte die Seiten durch und von Satz zu Satz wuchs sein Erstaunen und gleichzeitig überkam ihn ein beklemmendes Gefühl. Der erste Eintrag stammte aus dem Jahr 2692.


25.03.2692 – Mittwoch (oder doch Donnerstag?)


Wir sind abgestürzt. Gerade noch befanden wir uns auf dem Weg nach Tarweniak 7, als uns ein Ionensturm erfasste und uns mehrere Millionen Kilometer vom Kurs abgebracht hat. Irgendwie sind wir in das Gravitationsfeld eines Planeten geraten. Die Steuerung hat versagt und wir kamen der Oberfläche immer näher. So eine Angst hatte ich noch niemals zuvor in meinem Leben. Meine Frau ist tot. Sie hat den Absturz nicht überlebt. Am Strand, nahe unserer Absturzstelle habe ich sie begraben. Das ist jetzt 3 Tage her. Es hat keinen Sinn zu bleiben und abzuwarten. Es wird niemand kommen. Weit und breit ist keine Menschenseele. Gott sei Dank funktioniert der Notsignalsender. Ich habe ihn mit einer periodischen Botschaft programmiert und wenn jemand das Signal empfängt, wird er wissen, dass ich nach Osten, entlang des Strandes losgegangen bin. Ist das überhaupt Osten? Mein Kompass spielt total verrückt.


30.03.2692 – (welcher Tag?)


Ich habe Wasser gefunden aber mein Proviant geht bald zur Neige. Noch immer ist mir niemand begegnet. Ich habe beschlossen den Strand zu verlassen und ins Landesinnere vorzudringen. Wenn es hier Wege gibt, dann muss auch irgendwo jemand leben. Diese Stille macht mich wahnsinnig. Nachts schleichen Tiere um mich herum und ich kann kaum die Augen schließen. Ich habe Angst. Trisha du fehlst mir so sehr!


02.04.2692


Ich bin auf eine Siedlung gestoßen. Sie war verlassen. Vor langer Zeit müssen hier Menschen unter den primitivsten Bedingungen gelebt haben. Ein Teil der Häuser sah so aus, als ob hier einst ein großer Brand gewütet hätte. In einer Kiste habe ich Essgeschirr und ein paar Münzen gefunden. Ich nehme es mit. Das ist bestimmt hilfreich. Ein paar Bögen eines seltsamen Pergaments waren auch dabei. Meinem Datenspeicher geht bald die Energie aus. Ich werde die Tagebucheintragungen übertragen und von Hand weiter schreiben. Das Wetter ist kalt und es regnet viel. Das dauernde Grau des Himmels lässt mich verzweifeln. Scheint denn hier niemals die Sonne? Ich werde Morgen noch im Dorf bleiben und nach nützlichen Dingen suchen. Vielleicht finde ich ja auch etwas zum Essen.




04.04.2692


Ich bin krank. Das Korn, das ich in einem Sack im Dorf gefunden hatte, war wohl doch schon zu alt. Vielleicht sollte ich ein oder zwei Tage pausieren und mich erholen. Meine Füße tun sowieso schon ziemlich weh und ich habe überall Blasen. Noch immer habe ich keine Menschenseele getroffen.


07.04.2692


Endlich Menschen! An einer Wegkreuzung habe ich ein paar Frauen getroffen. Zuerst sind sie vor mir davongelaufen, aber dann konnte ich sie davon überzeugen, dass ich kein übler Bursche bin. Die haben hier anscheinend noch nie was von Raumfahrt oder elektrischem Licht gehört. Als ich mit meiner Energiewaffe einen Stein verdampft habe, waren sie ganz begeistert. Die Frauen haben mich in das nächste Dorf mitgenommen, das nur ein paar Kilometer entfernt war. Dort konnte ich tatsächlich endlich wieder in einem richtigen Bett schlafen und etwas Vernünftiges essen. Das Geld hat wenig Wert, aber ein paar meiner technischen Geräte haben Abnehmer gefunden, sodass ich jetzt eine kleine Reserve habe. Der Gastwirt hat versprochen mit mir Morgen zum einem Händler zu gehen, der Karten verkauft. Sie haben keine Ahnung, wie man von diesem Planeten wieder entkommt, aber vielleicht gibt es woanders jemanden, der mir helfen kann. Eschnak soll dieser Ort heißen. Habe ich noch nie gehört.


22.04.2692


Ich bin weit gekommen in den letzten Wochen. Mit der Karte komme ich schnell von Dorf zu Dorf. Überall bietet sich mir das gleiche Bild. Primitives Leben ohne Technik. Ich kann nicht verstehen, wie diese Menschen das aushalten können. Keiner kann mir hier wirklich helfen. Ich habe von einem Ort gehört, der angeblich große Bedeutung für die Menschen hier hat. Sie wollten mir erst nichts darüber erzählen, aber anscheinend gibt es in den Bergen einen geheimnisvollen Turm. Habe mir eine andere Karte besorgt, wo er eingezeichnet ist und mache mich Morgen auf den Weg in die Berge. Meine Hoffnung ist groß. Ich will endlich von diesem öden Ort verschwinden.

 

45


Die Luft geriet in Bewegung. Zunächst kaum spürbar und dann immer stärker. Nadjas Nackenhaare sträubten sich und ein Schauer lief ihr über den Rücken. Einen Moment zu spät wurde ihr bewusst, dass sie sich hatte täuschen lassen. Als sie sich gerade umwenden wollte, wurde es vollkommen finster um sie herum. Kiro griff nach Nadjas Hand. Sie schwiegen. Die Temperatur sank und Nadja begann zu frieren. Irgendetwas krabbelte auf dem Boden. Das Trippeln von winzigen Füßchen durchbrach die Stille. Nadja und Kiro rückten enger zusammen. Vorsichtig machte Kiro einen Schritt nach vorne. Sein Fuß berührte etwas Weiches und im selben Moment hörten sie ein schmerzvolles Quieken. „Lass meine Hand nicht los, hörst du!“ Nadja flüsterte kaum hörbar. In der Finsternis war nicht das Geringste zu erkennen. Noch immer wurde es stetig kälter und ein fauliger Geruch stieg ihnen in die Nasen. Das Trippeln wurde immer lauter und Nadja schien es fast, als ob sich der Boden unter ihren Füßen bewegen würde. In diesem Moment begann etwas Feuchtes an ihrem Bein herauf zu kriechen. Innerhalb von Sekunden breitete sich die Kälte in ihrem Körper aus und alles wurde taub. Kiro, der vorsichtig in der Finsternis umhertastete, spürte nur noch, wie Nadja zu Seite wegsackte. Er wirbelte herum und fing sie auf, bevor sie zu Boden gehen konnte. „Es ist kalt…“ Das war alles, was Nadja noch flüsterte. Ihnen blieb keine Zeit mehr. Mit seiner freien Hand griff Kiro in die Tasche und tastete nach einem der verbliebenen Päckchen aus dem Bahnhofskiosk. Er fand, was er gesucht hatte und entfernte die Verpackung. Inzwischen war es so kalt geworden, dass alle Bewegungen schwer fielen. Sein Gesicht schmerzte und Nadja, die er an sich gedrückt hatte, wurde immer schwerer. Endlich hielt er die kleine Laserwaffe in der Hand und drückte hoffnungsvoll auf den Auslöser. Für den Bruchteil einer Sekunde blitzte rotes Licht auf und erhellte die Umgebung. Kiro erschrak, und Nadja zuckte schwach in seinem Arm zusammen. Noch war sie bei Bewusstsein.

Das Bild hatte sich in sein Hirn eingebrannt. Riesige Würmer mit unzähligen Beinen und Unmengen von schlangenähnlichen Wesen bedeckten den Boden. Sie standen in der Mitte einer Halbkugel aus dunklem Rauch. Kein Lichtstrahl durchdrang die wabernde Masse. Panisch drückte Kiro noch ein paar Mal auf den Auslöser der Waffe, aber nichts passierte. Er zwang sich selbst zur Ruhe, zielte auf eines der Wesen am Boden und hielt den Auslöser für einige Sekunden gedrückt. Ein satter, roter Lichtstrahl schoss aus der Waffe und traf einen der armdicken Würmer. Das Tier gab ein lautes Quieken von sich und bevor es wieder dunkel wurde, sah Kiro, wie es bewegungslos liegen blieb. Noch einige Male feuerte er die Waffe ab, bis ihn ein gurgelndes Geräusch an seiner Seite ablenkte. Im Licht des nächsten Schusses blickte er zu Nadja hinüber und sah, wie sich eins der Wesen um ihren Hals gelegt hatte und ihr nun langsam die Luft abschnürte. Zitternd hob er die Waffe und zielte in der Dunkelheit auf Nadja. Er zögerte. Kiro wollte Nadja nicht treffen, wusste aber, dass er schießen musste um sie zu retten. Mit einem Mal überkam ihn eine erstaunliche Ruhe. Kiro schloss die Augen und entspannte sich. Ruhig betätigte er den Abzug und wieder erfüllte das helle, rote Licht die Umgebung.

Dumpf schlug das Wesen auf dem Boden auf und keuchend rang Nadja nach Luft. Ihr Gewicht in seinem Arm verlagerte sich. Kraft kehrte in ihre Beine zurück und sie erlangte einen sicheren Stand. Viele der großen Würmer hatte Kiro nun erledigt, aber dass war kaum beruhigend. Sie mussten versuchen zu entkommen, bevor ihnen der Schatten noch mehr entgegenschleudern konnte. Kiro richtete die Waffe auf die Wand aus dunklem Dunst und feuerte einen weiteren Schuss ab. Was dann geschah, überraschte ihn vollkommen. Von einem Augenblick auf den Anderen fand er sich in einem hell erleuchteten Raum wieder. Nadja war verschwunden, die Würmer waren fort und die Temperatur hatte sich normalisiert. Die Kälte ihres dunklen Gefängnisses schien niemals existiert zu haben. Noch immer trug er seine Kleidung, aber die Waffe und seine Tasche waren beide verschwunden. Er blickte sich um. Die Wände des kleinen Raums, in dessen Mitte er stand, waren aus groben, unbearbeiteten Steinblöcken gemauert und durch mehrere vergitterte Fenster drang helles Sonnenlicht herein. Kiro war so überwältigt vom Anblick des blauen, wolkenlosen Himmels, dass er alles andere völlig vergaß, bis eine warme und sanfte Stimme hinter ihm begann zu sprechen. Er drehte sich langsam um und musste sich dabei fast schon gewaltsam vom Blick aus dem Fenster losreißen. Der Raum war vorhin leer gewesen, dessen war er sich sicher. Von einer Tür fehlte jede Spur und doch stand nun eine Person in einer brauen Mönchsrobe vor ihm. Der Kopf, der unter einer Kapuze steckte, war geneigt, sodass Kiro das Gesicht nicht erkennen konnte.

Was tust du hier?“ Die Frage verwirrte Kiro, denn er konnte sich nicht erinnern, wie er hierher gelangt war. Etwas Dunkles schwebte diffus in seinem Kopf, aber er konnte es nicht zuordnen. Mit einem Mal schien alles was vor diesem Moment geschehen war aus seinem Gedächtnis verschwunden zu sein. „Du musst das nicht tun. Es gibt hierfür Andere.“ Die Person kam einen Schritt auf ihn zu und legte ihm eine Hand auf die Schulter. Sie war leicht und Kälte ging von ihr aus. „Leg deine Waffen nieder und komm ins Licht.“ Behutsam drehte ihn der seltsame Besucher um, sodass er zur rückwärtigen Wand des Raumes blickte. Neben einem der Fenster war eine Tür aufgetaucht. Sie stand offen. Durch die große Öffnung konnte er eine belebte Straße erkennen. Gleiter schwebten über ihr und am Straßenrand gab es eine Reihe von Geschäften, an denen reges Treiben herrschte. Kiros Augen begannen zu leuchten. Ja, das war es, was er sich lange gewünscht hatte. Ein Leben, in dem es Ruhe gab. Ein Leben, ohne Auftraggeber, ohne Kunden und ohne Flucht. Zwischen zwei Häusern konnte er einen kleinen Park erkennen, in dem Kinder auf einem Spielplatz herumtollten. Eine Familie. Er würde endlich eine Familie gründen können. Der Anblick der Straße erfüllte ihn mit dem Gefühl unbeschreiblichen Friedens.

Du brauchst nur durch diese Tür zu treten und alles hat ein Ende. Was du siehst, wird Wirklichkeit sein. Kein Schmerz, keine Entbehrungen und keine Flucht mehr.“ Sanft schob ihn die Hand an seiner Schulter vorwärts. „Gib deinen Widerstand auf.“ Die Stimme schien aus immer weiterer Ferne zu kommen. Kiro sah nur noch das idyllische Panorama vor sich, das immer größer wurde und sein Geist schien alles andere auszublenden. Er war nur noch wenige Zentimeter von dem Durchgang entfernt und sein nächster Schritt würde ihn auf das Pflaster der Straße führen, als ein Gedanke seinen Geist durchzuckte und er stehen blieb. Mit wem wollte er eine Familie gründen? Die Menschen, die er sah, waren ihm fremd. Aber er erinnerte sich daran, dass er einen Menschen kannte und liebte. Wie ein Fisch, der aus dem Wasser springt, drang das Bild Nadjas an die Oberfläche seines Geistes und mit einem Schlag fiel ihm alles wieder ein. Die Zugfahrt, der Bahnhof und der Schatten. Kiro wand sich zu dem Mönch um. Wie als hätte sich eine Wolke vor die Sonne geschoben wurde das Licht im Raum plötzlich fahl. Schatten tauchten auf und ein Wind wehte durch die vergitterten Fenster. Kiro wusste nun, wen er vor sich hatte. Die Hand des Mönchs war von seiner Schulter geglitten. Kiro sprach mit fester Stimme. „Bring mich zurück. Ich werde dein Angebot nicht annehmen. So sehr du sich auch bemühst. Sieh mich an Schatten. Wir werden dich bekämpfen und siegreich aus der Schlacht hervorgehen.“ Die letzten Worte schrie er dem Wesen vor sich wütend entgegen und verstummte erst, als der Schatten nun langsam seinen Kopf hob. Kurz bevor es völlig dunkel um Kiro wurde, konnte er das Gesicht unter der Kapuze erkennen. Sein Entsetzen und die Qualen die er bei diesem Anblick empfand, waren grenzenlos. Ein grauenhafter Schrei der Angst entriss sich seiner Kehle und dann war alles fort.

Zuerst dachte Kiro, er wäre wieder in dem kalten und dunklen Gefängnis des Schattens bei Nadja, aber er spürte ihre Nähe nicht und überhaupt schien sich gar nichts in seiner Nähe zu befinden. Er rief, aber es kam keine Antwort. Der Klang seiner Stimme schien von der undurchdringlichen Dunkelheit völlig verschluckt zu werden. Er streckte seine Hand aus, bekam aber nichts zu fassen. Er sog die Luft in seine Lungen, konnte aber keinen Geruch wahrnehmen. Er lauschte angestrengt in die Schwärze, vernahm aber keinen Ton. War er gestorben?

Ein lautes Klicken war zu hören, und in einiger Entfernung vor Kiro flammten drei Scheinwerfer auf. Sie tauchten eine große Bühne in grelles Licht. Er blickte sich um und stellte zu seiner Überraschung fest, dass er inmitten eines Theaters saß. Die Decke eines altertümlichen Raumes erstreckte sich hoch über ihm und unendliche Sitzreihen verloren sich in der Dunkelheit. Die Bühne selbst war aus hellem Holz gefertigt. Die fast nahtlos aneinander gefügten Bretter glänzten matt in den Lichtkegeln und es sah fast so aus, als hätte diese Bühne noch niemals jemand betreten. Vorhänge aus rotem Samt umrahmten die Szenerie. Kiro war sich durchaus im Klaren, dass dies eine weitere Illusion des Schattens war, um ihn zu beeinflussen. Nachdem er die erste Täuschung durchschaut hatte, würde er sich nicht mehr so einfach täuschen lassen. Wie auf ein unhörbares Kommando hin, begann nun halblaut Musik zu spielen. Sie kam von irgendwoher unterhalb der Bühne und schien keiner bestimmten Melodie zu folgen. Sinnlose Sequenzen von Tönen folgten disharmonischen Klängen und hässlichen Modulationen. Ein vierter, kleinerer Spotscheinwerfer strahlte auf und im selben Moment betraten einige sonderbare Gestalten die Bühne. Allesamt sahen sie wie Zirkusclowns aus. Sie trugen lächerlich bunte Kostüme und waren übertrieben geschminkt. Einer nach dem anderen betraten sie die Bühne und stolzierten in einer Reihe hintereinander her. Auf der anderen Seite der Bühne angekommen, machten sie kehrt und liefen zurück. So stolzierten sie zu der skurrilen Musik im Kreis und Kiro betrachtete fasziniert die unterschiedlichen Gestalten. Der erste Clown in dieser aberwitzigen Prozession war groß und schlank. Sein Gesicht machte einen dümmlichen Ausdruck und auf seinem Kopf saß schief eine Schirmmütze in Armeetarnfarben. Über seiner Schulter hing ein Gewehr, das ziemlich alt und kaputt aussah. Mit Schminke hatte man ihm große Tränensäcke auf das Gesicht gemalt. Sein Gang war schwerfällig und gebückt. Der Clown hinter ihm schien sein vollkommenes Gegenstück zu sein. Er war klein, dick und trug eine lustige, hellgrüne Melone, in deren Hutband eine knallgelbe Blume steckte, die bei jedem Schritt hin und her wippte. Sein großes, fröhliches Gesicht strahlte pralle Lebensfreude aus. Über seiner Schulter hing ein brauner Sack. Er war groß und schien recht schwer zu sein, aber sein Träger ließ sich davon nichts anmerken. Hin und wieder musste er jedoch nachgreifen um den Sack, der ein Stück heruntergerutscht war, wieder sicher zu halten. Von Zeit zu Zeit klopfte er seinem Vordermann ermutigend auf die Schulter, woraufhin dieser sich umdrehte und ihn grimmig ansah. Jedes Mal verzog der Dicke daraufhin sein Gesicht und dicke Tränen kullerten aus seinen kleinen Augen, jedoch hielt die Reaktion nie lange an und er fand schnell zu seiner unbeschwerten Art zurück. Der Dritte in der Reihe war die merkwürdigste Erscheinung von allen. Von Kopf bis Fuß trug er weiß. Selbst Gesicht und Hände waren im blütenreinen Weiß seiner Kleidung geschminkt. Auf seinem Kopf trug er keinen Hut. Stattdessen fielen lange, ebenfalls weiße, Haare bis hinab auf seine Schultern. Auf eine Weise wirkte er alt, jedoch zeigte sein Gesicht keinen Ausdruck der Müdigkeit und seine Augen blickten starr nach vorne. Fast schien es, als ob dem Autor des Theaterstücks bei dieser Rolle die Ideen ausgegangen wären. So, als ob er nicht genau gewusst hatte, was in dieser Person vorgehen sollte. Zielstrebig schritt er vorwärts und sein Blick glitt niemals nach rechts oder links vom Weg ab. Hinter ihm lief ein Kind. Es war so, wie alle andern, als Clown verkleidet, aber seine Erscheinung war die farbenfrohste von allen. In einer Hand hielt es eine bunte Traube Luftballons, die bei jeder Bewegung aneinander gerieten und quietschten. Seine Nase war knallrot und er kicherte ständig. Mit einer Hand hielt er sich am Gürtel seines Vordermanns fest, dem das nicht das Geringste auszumachen schien. Seine Schritte waren unregelmäßig und erinnerten mehr an ein Stolpern. Das Gesicht war in zwei Farben geschminkt die rechte Seite war schwarz, die andere weiß. Der Übergang zwischen beiden Seiten war fließend grau und die rote Nase in der Mitte wirkte seltsam deplaziert. Auf dem Kopf trug er, wie sein Vordermann, keinen Hut.

Sie letzten beiden Clowns liefen Hand in Hand nebeneinander. Ununterbrochen starrten sie einander an. Ihrer Kleidung nach war einer von ihnen eine Frau. Sie trug eine enge graue Hose und ein Oberteil, das ihren Körper in unnatürlicher Weise einzuquetschen schien. Den überdimensional großen Kopf, der von einer wallenden, roten Haarmähne umrahmt wurde, krönte ein silbernes Diadem. Ihr Gesicht war in einer Fratze der überschwänglichen Freude geschminkt und ihre dünnen Ärmchen schlackerten bei jedem Schritt vor und zurück. Der Clown, dessen Hand sie hielt war nahezu vollständig schwarz. Außer seinem Gesicht und den Händen, die in hellstem Weiß erstrahlten, bot er den düstersten Anblick. Die Schminke in seinem Gesicht ließ eine Hälfte lachend und die andere weinend erscheinen. Wie gebannt verfolgte Kiro von seinem Platz aus das Geschehen, bis mit einem Mal eine laute Stimme erklang. Sie begann eine Geschichte zu erzählen.

Es waren einmal ein paar einfältige Pinsel. Sie beschlossen, sich zusammenzutun und auszuziehen um die Welt zu retten. Gemeinsam bauten sie sich eine Flugmaschine und starteten auf ihre große Reise. Unterwegs stellten sie aber fest, dass sie zu dumm waren die Maschine zu bedienen und so stürzten sie in der Mitte von Nirgendwo ab. Dabei gingen ein paar von ihnen drauf, aber das war ja eigentlich nicht wirklich schlimm, denn sie waren alle wirklich sehr dumm und überhaupt keine besonders guten Pinsel. So rafften sie ihre Habseligkeiten zusammen und machten sich auf die Suche nach den Herren der Welt, die sie besänftigen wollten, um das fortbestehen einer Welt zu sichern, von der sie nicht das Geringste wussten. Vor lauter Einfalt bekamen sie nicht einmal mit, mit welch mächtigen Wesen sie dabei den Konflikt suchten. Sie rannten jedoch weiter blindlings ihrem Schicksal entgegen, das sie hart prüfen sollte.“ Die Stimme fuhr fort eine Geschichte zu erzählen, in der Kiro mehr und mehr ihre eigene Geschichte erkannte und die Ereignisse wiederentdeckte, die bereits hinter ihnen lagen. Der Erzähler stellte das Vorhaben der Protagonisten als eine sinnlose und völlig aussichtslose Sache dar, die ganz unmöglich zu bewerkstelligen war. Dabei gab er immer wieder vernichtende Kommentare über die Clowns ab, die er stets nur Pinsel nannte. Mit jedem Satz, den der Erzähler fortfuhr, sank Kiro der Mut ein Stück weiter. Die Aufgabe, welche noch vor ihnen lag, schien noch so viel zu erfordern, dass es ihm langsam selbst wie ein aussichtsloser Kampf erschien. Auf der Bühne sank ein Clown nach dem anderen nieder. Zuerst blieben die beiden verliebten Clowns auf der Strecke. Danach folgten die anderen bis nur noch der vollkommen weiße Clown übrig war. Er blieb schließlich in der Mitte der Bühne stehen und nach einer Weile verstummte die schreckliche Musik. Bis auf den Spotscheinwerfer, der auf dem einzig verbliebenen Clown ruhte, erlosch das restliche Licht. Der Erzähler sprach seinen letzten Satz und verstummte dann. Das Ende der Geschichte war trotz der dunklen Zukunft, die am Horizont stand, offen. Völlige Stille trat für einen Moment ein. Langsam glitt die Hand des letzten Clowns zu seiner Hosentasche und er griff hinein. Vorsichtig holte er daraus etwas hervor. Zuerst erkannte Kiro es nicht, aber dann sah er, dass es ein kleiner, schwarzer Revolver war, wie er ihn aus alten Filmen kannte. Mechanisch hob der Clown die Waffe an seine Schläfe. Kiro, der während des gesamten Schauspiels immer mehr mit den Protagonisten gelitten hatte, sprang auf und wollte schreien, aber kein Ton drang aus seiner Kehle. Völlig unerwartet begann der Clown nun aber zu singen. In einem kurzen Solo sang er nur einen einzigen Satz: „Adieu, du schnöde Welt!“ Und dann betätigte er den Abzug. Ein Knall ertönte, er sackte zu Boden und es wurde dunkel. Der Schmerz, den Kiro empfand, war unerträglich. Eine Frage, nagend und zäh, drängte sich an die Oberfläche seines Geistes. Was wenn sie es gar nicht schaffen konnten?


Der Schatten


Er hatte seine helle Freude. Seine Falle hatte zugeschnappt und nun waren die Beiden, die sich für so mächtig gehalten hatten, in seinem Inneren gefangen. Er konnte ihre Desorientierung spüren und wie sie nicht wussten was mit ihnen geschah. Mit den Würmern hatte er ihnen Angst machen wollen, aber es hatte nicht zu seiner vollen Zufriedenheit funktioniert. Irgendwoher hatten sie eine Waffe bekommen, die seine armen kleinen Freunde vernichtet hatte. Aber das beunruhigte ihn nicht. Seine Macht beschränkte sich nicht nur auf eine einzige Ebene. Der Schlüssel zur Vernichtung seiner Beute war deren Trennung. Er wollte ihnen die ganze Bandbreite an Angst vermitteln, die er im Stande war zu erzeugen. Schließlich würde ihre Bindung aneinander versagen und dann hatte er die Macht sie zu vernichten. Bis dahin hatte er alle Zeit der Welt, oder besser, aller Welten. Er musste lachen. Letztendlich war es so einfach das Ziel zu erreichen. Ganz im Gegenteil zu seiner Beute. Die würde ihr Ziel niemals erreichen. Er würde verhindern, dass sie erfuhren, wie nahe sie bereits waren. Sein erstes Opfer war der Mann. Die Frau war schwach. Kaum erholt von ihrer letzten Begegnung schien es ihm ein schaler Sieg, wenn er sie zuerst vernichten würde. Der Mann bot eine viel größere Herausforderung. Schnell fand er heraus, was seine tiefsten Wünsche und Ängste waren. Den Geist der Menschen zu lesen, war eine Kunst, die er meisterhaft beherrschte. Gelegentlich war es ein schwieriges und bisweilen auch gefährliches Unterfangen, aber für gewöhnlich hatte er damit Erfolg. Bei dem Mann hatte sein erster Versuch schon fast zum Erfolg geführt. Nur knapp hatte dieser seinen Plan durchschaut. Der Schatten fragte sich, ob seine grandiose Fähigkeit zu lügen, doch wieder etwas mehr Training brauchte. In seinem nächsten Schritt machte er den Mann und seine Freunde lächerlich. Wenn er ihm vermitteln konnte, wie sinnlos ihr Tun war, dann hätte er bald gewonnen. Wenn nur ein einziger von ihnen aufgab war sein Ziel erreicht. In diesem Spiel hatte jeder einzelne eine tragende Rolle, nicht wie in der Schau, die er in Kiros Geist Gestalt annehmen ließ. Ein Einziger würde genügen. Wenn auch das nicht funktionierte, blieb immer noch eine Sache übrig. Wahrlich, so lobte er sich, er war wirklich ein Meister der Illusion. Wäre er nicht ein so fähiger Lügner gewesen, hätte er glatt zum Zirkus gehen können. Kaltes Lachen erklang in seinem Geist und auch Kiro hörte es.


46


Kiro trieb in der Schwärze der Unendlichkeit und das laute Lachen des Schattens hallte darin tausendfach wider. Das Schauspiel hatte ihn zermürbt. Zwar war sein Glaube an die Stärke des Bandes zwischen ihm selbst und Nadja ungebrochen, doch keimte der Zweifel auf, ob auch Martin und die anderen den Herausforderungen gewachsen sein würden, die vor ihnen lagen. Er wollte es sich erst nicht eingestehen, aber der Schatten hatte etwas in seinem Geist angeregt, dass nun nicht mehr so einfach zum Verstummen gebracht werden konnte. Mehr und mehr wurde ihm die abgrundtief böse Natur des Schattens gegenwärtig und er machte sich erste Vorwürfe, dass er Nadja im Kampf gegen dieses Monster in der unterirdischen Stadt alleine gelassen hatte. Wie war sie überhaupt lebend entkommen? Während er so durch die Weiten der Dunkelheit glitt, kamen unzählige Fragen in seinen Geist, die in ihm Gefühle der Schuld, des Schmerzes, der Angst und des Hasses weckten. Er merkte kaum, wie er auf ein helles blaues Licht zuschwebte. Es wurde immer größer und als es sein ganzes Sichtfeld ausfüllte, fand er sich mit einem Mal an einem vertrauten Ort wieder.

Er stand inmitten der schwarzen Halbkugel. Von überall her drang diffus Licht durch die dunklen Nebelschwaden und gab der Szene eine unwirkliche Erscheinung. Auf dem Boden lagen die Kadaver der riesenhaften Würmer, die kaum weniger furcht erregend wirkten, jetzt wo sie leblos vor ihm lagen. Kiro ließ den Blick schweifen. Ein seltsames Gefühl, kaum zu beschreiben, breitete sich in ihm aus. In der Ecke, dort wohin am wenigsten Licht drang, lag etwas. Er trat langsam näher und mit jedem Schritt wuchs sein Unbehagen. In der Haltung eines Embryos, ganz verkrümmt, lag dort ein Mensch. Ein Wurm hatte sich um den Hals der Person gewickelt. Sein glatter Körper bewegte sich pulsend, so als ob er den Herzschlag seines Opfers in sich aufsaugen würde. Wäre diese schwache, kaum wahrzunehmende aber doch regelmäßige Bewegung nicht gewesen, hätte man das Ding fast für eine Art exotischen Schal halten können. Kiro konnte das Gesicht nicht erkennen, aber von einem Moment auf den nächsten wusste er, wer dort auf dem Boden lag. Der Schock lähmte seine Glieder. Eigentlich wollte er sich zu Nadja hinabbeugen, aber sein Körper gehorchte ihm nicht und er blieb einfach nur bewegungslos stehen.

Immer wieder hallte ein Satz in seinem Geist wider: „Es ist vorbei…“ War dies das Ende? Langsam löste sich die Spannung und wie in Zeitlupe glitt Kiro zu Nadja hinunter. In einer plötzlichen Aufwallung von Zorn griff er nach dem Wesen um es von ihrem Hals zu zerren. Zu seiner Überraschung ließ es sich widerstandslos abstreifen. Ihr einst so schöner Hals lag nun blutverschmiert vor ihm. Wie ein riesiger Blutegel hatte sich der Wurm in ihren Körper gebohrt und ihr Blut abgesaugt. Aus der großen Wunde quoll nur noch schwach Blut. Vorsichtig drehte er sie herum. Nadjas Gesicht war bleich und leblos. Die Gewissheit nahm langsam in Kiros Geist Gestalt an und jede Empfindung wich aus ihm. Nadja war tot. Um Kiro senkte sich Stille. Keine Bewegung. Nur das Licht, welches sich in immer neuen Winkeln durch den Dunst brach, warf weiche Schatten auf Nadja. Kiro konnte seinen Blick nicht von ihr wenden. Wie lange er so verharrte, wusste Kiro nicht mehr. Sein Unterbewusstsein hatte jede die Zeit verdrängt. Erst als Kiro die Stimme hinter sich vernahm, kehrte sein Bewusstsein allmählich wieder an die Oberfläche seines Geistes zurück. Noch bevor er sich umgedreht hatte, wusste er, wer hinter ihm stand und alles in ihm zog sich unangenehm zusammen. „Komm mit. Es ist vorbei.“ Kiros Blick streifte eine dunkle Robe, die weit über alte Lederstiefel fiel. Die Stimme des Schattens war sanft und angenehm. Eine unwiderstehliche Ruhe ging von dem Wesen aus und Kiro begann zu vergessen. Das Bedürfnis loszulassen war überwältigend. Mit zitternden Knien stand er auf. Kiro war sich bewusst, dass er eigentlich hätte Zorn oder Wut empfinden müssen, gegenüber dem, der Nadja vernichtet hatte, aber gleichzeitig war eine unglaublich große Last von seinen Schultern genommen worden. Auf eine Weise empfand er Dankbarkeit. Das Gesicht des Schattens war noch immer von einer Kapuze verhüllt. Er streckte Kiro seine Hand entgegen. „Komm und lass uns diesen Ort verlassen. Ich bringe dich nach Hause. Wie im Traum hob Kiro seine Hand, zögerte dann aber. „Dein Alptraum wird ein Ende haben.“ Die Stimme des Schattens schien sich in Kiros Ohren du dehnen. Nur noch Zentimeter trennten ihre beiden Hände. Kiros Blick streifte seine eigene, leere Hand und die Bewegung erstarb. Etwas stimmte hier nicht. Warum waren seine Hände leer? Wo waren die Waffe und seine Tasche? Kiro riss den Blick vom Schatten los und sah hinter sich. Nadja war verschwunden und mit ihr die Kadaver der Würmer. Woher kam dieses Licht? Eine Illusion. Wie Schuppen fiel es von Kiros Augen. Dies war ein weiteres Trugbild des Schattens. Neue Hoffnung keimte in Kiro auf. Er hatte sich blenden lassen von dem, was er am meisten fürchtete. Der Schatten las offenbar seinen Geist wie ein offenes Buch. Er wandte sich dem Schatten zu und stolperte erschrocken einen Schritt zurück, als er ihn nun erblickte. Das dunkle Wesen, das eben noch in einer Mönchsrobe vor ihm gestanden hatte, stand nun von Kopf bis Fuß in Flammen. Brennend kam es auf Kiro zu und begann markerschütternd zu schreien. „Niemals werde ich euch freigeben. Ihr könnt nirgendwohin entkommen. Kein Versteck ist sicher. Eure Vernichtung ist unausweichlich!“ Den letzten Satz schrie er in einer solchen Intensität, dass Kiro sich die Ohren zuhalten musste und immer weiter zurückwich. Er war nur noch wenige Schritte von der dunklen Nebelwand hinter im entfernt, als er eine zweite Stimme vernahm. Hinter dem Geschrei des Schattens war sie nur schwach zu hören. Mehr unterschwellig nahm Kiro sie wahr, als dass er sich tatsächlich hörte. „Wach auf, Kiro! Was ist mit dir? Du darfst mich nicht allein lassen! Du hast es versprochen…“ Nadjas Stimme war verzweifelt. Kiro presste die Hände auf seine Ohren. So konnte er sie wenigstens ein wenig besser hören. Einem unterschwelligen Impuls folgend, schloss er die Augen. Kiros geistiger Fokus begann sich zu entfernen. Weg von der dunklen Höhle, weg von dem Geschrei, weg von dem brennenden Wesen, das nur Zerstörung und Chaos im Sinn hatte. Kiro erblickte Nadja. Sie lächelte ihm ermutigend zu. „Glaube seinen Lügen nicht. Was du siehst ist nicht die Wirklichkeit. Er hat nur Macht über dich, wenn du sie ihm gibst. Komm jetzt zu mir zurück.“ Und Kiro kam zurück. Schritt für Schritt durchbrach er den Schleier, den das dunkle Wesen über sein Bewusstsein gelegt hatte. Kiro kehrte zurück an den Ort, von dem ihn der Schatten in eine Welt der Illusionen gerissen hatte. Ihn umgab wieder Dunkelheit, aber er war nicht allein. Als er spürte, wie Nadja seine Hand ergriff, war Kiros Erleichterung grenzenlos. Er zog sie heran und drückte sie an sich. Im Moment war ihm alles andere egal. Kiro sah nichts, spürte aber Nadjas feuchtes Gesicht. „Ich dachte du wärst tot…“ Sie konnte es nur flüstern. Einige Minuten hielten sie einander einfach nur fest und keiner sagte etwas. Dann brach Kiro die Stille. „Ich weiß wie wir hier herauskommen können.“ Nadja schniefte. „ Was sollten wir deiner Meinung nach jetzt auf keinen Fall tun?“ Er sah Nadjas Gesicht nicht, konnte sich ihre Überraschung aber gut vorstellen. Sie dachte eine Weile nach und dann erkannte sie, auf was Kiro hinauswollte. „Denkst du wirklich, dass das funktioniert?“ „Freiwillig wird er uns nicht gehen lassen.“ Dessen war sich Kiro nach der Begegnung mit ihrem Widersacher sicher. „Also gut, dann lass es uns versuchen.“ Kiro griff nach seiner Tasche. Wie er erwartet hatte, hing sie noch immer über seiner Schulter. Auch die kleine Spielzeugwaffe hatte er noch bei sich. Noch einmal drückte er den Abzug, doch nichts geschah. Wie das Tarnnetz, so war auch die zweite Waffe nutzlos geworden. Hand in Hand gingen sie vorwärts. Mit jedem Schritt, den sie der dunklen Nebelwand näher kamen wurde die Kälte durchdringender. Für Kiro war es fast schon beruhigend, dass man nichts erkennen konnte, denn er war sich nicht sicher, ob er sonst den Mut aufgebracht hätte weiter zu gehen. Die Luft, die sie einatmeten, schien immer dicker zu werden. Noch einmal drückte Nadja Kiros Hand. „Schnell…“ und dann traten sie gänzlich in den Nebel ein. Hier drinnen war es bitterkalt. Zügig schritten sie vorwärts. Die Umgebung war unwirtlich und diffus drangen Geräusche an ihre Ohren. Gesprächsfetzen, Schreie und das Summen von Elektrizität mischten sich zu einer Kulisse der Angst. Wie eiskalte Hände schien der Dunst nach ihnen zu greifen. Mit jedem Atemzug fiel das Luftholen schwerer. Nadja stolperte, aber Kiro zog sie weiter. An diesem Ort länger als nötig zu bleiben, war keine gute Idee. Langsam wurde es vor ihnen heller. Der Schimmer war erst nur schwach, wurde dann aber immer deutlicher. Kiro hielt direkt darauf zu, aber auf einmal spürte er wie ihn Nadja zurückhielt. Er konnte sie noch nicht sehen, aber in ihrer Stimme hörte er Angst. „ Er will uns wieder in die Irre führen. Das ist zu leicht.“ Sie schwieg einen Moment. „Ich denke, wir sollten uns rechts halten.“ Kiro war sich unsicher. Nach alledem, was ihn das dunkle Wesen hatte sehen und spüren lassen, war eine weitere Täuschung durchaus möglich. Langsam spürte er Panik in sich aufsteigen. Was sollten sie tun? „Bist du sicher, dass es ein Trugbild ist?“ Kiro spürte Nadjas Zittern. Statt ihm zu antworten, zog sie ihn sanft vorwärts. Sie schlugen einen leichten Bogen nach rechts ein. Die Dunkelheit nahm wieder zu und umgab sie schließlich erneut von allen Seiten. Ohne dass sie es bemerkt hatten, war es still geworden. Kein Laut drang mehr durch die dunklen Schwaden. Selbst das Summen war verstummt. Kiro konnte sich später nicht mehr daran erinnern, wie lange sie so gelaufen waren, aber mit einem Schlag standen sie im Freien. Nicht, dass sich der Nebel um sie herum langsam aufgelöst hatte, sondern es war, als würde man durch eine Tür treten und sich in einer völlig anderen Umgebung wieder finden. Das Licht blendete Nadja und Kiro, als sie nun wieder unter dem bewölkten Himmel standen. Als sich ihre Augen an die Helligkeit gewöhnt hatten, blickten sie sich um. Noch immer standen sie auf der freien Fläche in der Nähe des verfallenen Bahnhofs. Hinter ihnen war jedoch nichts mehr. Weit und breit konnten sie keine Spur des Schattens mehr erkennen. Es war, als ob er niemals hier gewesen wäre. Fassungslos, aber auch ziemlich erleichtert, sahen beide sich an. „Bist du in Ordnung?“ Kiro blickte Nadja fragend an und bekam als Antwort jenes Lächeln, das er wohl am meisten an ihr liebte. Sie wandten den Blick wieder nach vorne zur Stadt, die jetzt ein Stück näher schien. „Lass uns nicht mehr zurückschauen. Seine Macht hat sich ein weiteres Mal als zu gering erwiesen. Für den Moment ist er geschlagen, aber er wird sich noch ein letztes Mal gegen uns wenden.“ Sie zögerte, bevor sie noch etwas hinzufügte. „Und ich habe Angst davor.“


Der Schatten


Er dachte nach. Ratlosigkeit hatte sich mit Belustigung und einer ordentlichen Portion Wut gemischt und ihn in einem merkwürdigen Gefühlszustand zurückgelassen. Niemals hätte er erwartet, dass seine Illusionen derart leicht von seiner Beute durchschaut würden. War seine Arbeit so schlecht gewesen? Nein, er war sicher, dass er damit eigentlich hätte Erfolg haben müssen. Wider Willen musste er ihnen zugestehen, dass sie sich gut geschlagen hatten. Aber warum hatten sie ihn erneut besiegen können? War er möglicherweise zu hochmütig gewesen? Er hatte seine Beute fast soweit gehabt, dass sie aufgegeben wollte. In seinem Eifer war ihm wohl die geistige Kontrolle über den Mann ein wenig entglitten und das hatte gereicht.

Es war ein seltsames Gefühl gewesen, als er seine Beute in seinem Inneren gespürt hatte. Die vielen Emotionen, oft so stark und widersprüchlich. Gab dies seiner Beute die Stärke? Er hatte im Geist der beiden Menschen geforscht um den Ursprung dieser Emotionen zu entdecken, aber er war nicht imstande sie zu begreifen. Vielleicht, dachte er, war hier eine andere Herangehensweise erforderlich. Er beschloss, sich für eine Weile zurückzuziehen und zu beobachten. Seine Späher hatten ihm mitgeteilt, dass die Falle für die anderen bereit war. Die Verwüster hatten ihre Witterung aufgenommen und warteten auf seinen Befehl. Nachdem er noch einen letzten, ziemlich unmotivierten Versuch unternommen hatte seine Beute in die Irre zu führen, gab er sie frei. Innerhalb kürzester Zeit stieg er zu einer anderen Ebene auf, die sich vorzüglich für die Beobachtung eignete. Dort würde er auf zwei alte Bekannte treffen. Nach dieser langen Zeit der Verfolgung war es wohl vertretbar sich etwas Spaß und Entspannung zu gönnen.

Kaum war er aus der Gegenwart von Nadja und Kiro verschwunden, da hatte sich seine Gemütsverfassung schon wieder vollkommen gewandelt. Während des Aufsteigens nahm in seinem Geist bereits ein neuer Plan erste Formen an. Als er durch die Tür trat und die beiden Spieler an ihrem Tisch erblickte, stand es ihm schließlich deutlich vor seinem geistigen Auge, wie er den Kampf am Ende für sich entscheiden würde. Die beiden Männer sahen zu ihm auf und als er das blanke Entsetzen in ihren Augen wahrnahm, konnte er sich ein breites Grinsen nicht verkneifen. Geräuschvoll ließ er die Tür hinter sich zufallen.


47


Nach und nach waren seine Gefährten erwacht und Martin hatte ihnen das Tagebuch aus dem Sack des Toten gezeigt. Was ihn am meisten erstaunte, war die lange Zeit, die der Tote hier offenbar vollkommen unentdeckt gelegen hatte. Entweder hatte ihn niemand gefunden, oder sein Notruf war niemals von irgendwem empfangen worden. Diese Gegend war wahrscheinlich vollkommen verlassen. Martin gab sich äußerste Mühe seine Sorgen zu verbergen, aber er war sich nicht sicher, wie gut ihm das gelang. Für den Moment konnten sie mit den anderen Dingen aus dem Beutel nicht viel anfangen und so verstaute er alles wieder, bevor sie das Lager abbrachen. In der Nacht hatte es geschneit und die Landschaft lag jetzt unter einer dünnen Schicht pulvrigen Schnees. In der Höhle war es weitgehend trocken geblieben. Nur bei Mugh und dem Stillen, die in der Nähe des Eingangs geschlafen hatten, war es ein wenig feucht geworden. Fast alle hatten gut geschlafen und so herrschte beim Frühstück gute Stimmung.

Als sie am Fuß des Hangs wieder auf den Weg trafen, machte Mugh unerwartet eine Entdeckung. In der Nacht waren Tiere hier unten gewesen. Viele Tiere. Der Weg war übersäht mit ihren Fußabdrücken. Zu welchem Tier sie gehörten, konnte niemand genau bestimmen. Wegen ihrer geringen Größe wirkten sich nicht besonders abschreckend, allerdings war es seltsam, dass gerade unterhalb ihres Schlafplatzes die meisten Spuren existierten. Mugh witzelte, dass dies ja schon fast nach einer mitternächtlichen Versammlung der Berghasen aussehen würde und alle lachten darüber. Sie folgten dem Weg. Nach und nach verließen die Spuren den Pfad und verloren sich in den Weiten der Geröllfelder auf beiden Seiten der Steilhänge. Durch die Reflektion des Lichts im Schnee war es an diesem Morgen deutlich heller als sonst und auch wenn es stetig kälter wurde, war Martin zuversichtlich, dass sie ihrem Ziel näher kamen. Die Hänge flachten weiter ab und gegen Mittag, nachdem der Pfad noch einmal um Einiges angestiegen war, erreichten sie ein Felsplateau, von dem aus sie ein gigantisches Bergpanorama überblickten. Vor ihnen erstreckte sich bis zum Horizont ein gewaltiger Talkessel, Umrandet von zerklüfteten und schneebedeckten Bergen lag eine nahezu flache Hochebene eingebettet darin. Inmitten dieses riesigen Gletschers erhob sich, fast schon unscheinbar winzig, der Turm. Umgeben von einem Labyrinth von Spalten und Rinnen ragte seine Spitze bis hinein in die schnell vorbeiziehenden Wolken.

Während Martin, Mugh und der Stille wie gebannt die Landschaft vor ihnen bestaunten und keinen Ton hervorbrachten, ließen Anna und Jeremy ihrer Begeisterung freien Lauf. Da sie den größten Teil ihres Lebens in Brae zugebracht hatten, war der Anblick für beide überwältigend. Martin deutete auf die schmale Nadel des Turmes. „Das ist unser Ziel. Wenn wir zügig weitergehen, können wir ihn morgen schon erreichen.“ Jeremy sah Martin fragend an. „Und was wird uns dort erwarten?“ Martin wich seinem Blick aus. „Ich weiß es nicht. Aber es ist der einzige Ort, zu dem wir gehen können und wo wir Antworten bekommen werden. Wie auch immer sie ausfallen werden.“ Er hielt inne und dachte kurz nach. „Ich denke, dass dies der Turm von Solejier ist. Einer der vier Weltentürme, wie jener auf der Insel, der uns an einen anderen Ort gebracht hat. Der erste Turm hat uns von Nadja und Kiro getrennt und ich bin überzeugt, dass Nalataja dafür verantwortlich ist. Vielleicht sehen wir sie ja schon bald wieder.“ In dem Moment, als er es aussprach kamen ihm aber bereits erste Zweifel. Er hoffte inständig, dass die beiden noch am Leben waren. „Von jener Nalataja habe ich gehört.“ Martin drehte sich zu Anna um. „In einer Legende heißt es, dass sie eine Zauberin ist.“ Martin sagte nichts. Anna und Jeremy wussten nichts von Wartins und wie sie ihn verloren hatten. Natürlich wusste Martin es selbst nicht mit Sicherheit, aber er vermutete, dass Nalataja dieses Opfer gefordert hatte. „Mag sein, dass sie eine Zauberin ist. Von uns ist ihr jedenfalls niemand begegnet. Einer unserer Freunde ist verschwunden, als wir im Thronsaal ihres Schlosses waren.“ Martin war nicht unbedingt begierig jetzt über dieses Thema zu sprechen. Anna jedoch bemerkte sein Unbehagen nicht.

Während sie sich nun an den Abstieg machten, erzählte sie immer weiter von alten Legenden und Märchen, die in ihrem Dorf im Umlauf waren. Leider konnte sie ihnen zu Solejier nichts von Bedeutung erzählen. Die Geschichten waren wohl im Laufe der Zeit immer mehr ausgeschmückt worden und enthielten kaum mehr verwertbare Informationen. Mugh, der ihr interessiert zuhörte, versuchte etwas über die letzten beiden Namen herauszubekommen, die sie in dem Rasthaus am Anfang ihrer Reise gelesen hatten. Den Namen Ebetaminor hatte Anna noch nie gehört, aber von Warkandoblan schien sie etwas zu wissen. Kaum hatte Mugh den Namen erwähnt, da wurde Anna unwillig und das Gespräch kam ins Stocken. Entweder hatte sie Angst, oder sie verbarg etwas vor ihnen. Martin, der das Gespräch verfolgt hatte, vermutete die Ursache von Annas Reaktion in ihren Erlebnissen mit der fanatischen Sekte, beschloss aber zu einem späteren Zeitpunkt wieder auf das Thema zurückzukommen. Der Weg wurde bald schmaler und auch steiler. Überall lag Geröll herum, das manche Abschnitte des Weges zu einer regelrechten Kletterpartie werden ließ.

Dem Stillen ging es nicht gut. Er fühlte sich zunehmend unwohl. Es hatte angefangen, kurz nachdem sie Brae verlassen hatten und je näher sie nun dem Turm kamen, desto schlimmer wurde es. Nicht das er krank gewesen wäre, aber sein Geist litt mit jedem Schritt schlimmere Qualen. Es war etwas im Gange und das hatte mit dem Turm zu tun, der jetzt mit jedem Schritt näher kam. Dem Stillen fiel es immer schwerer sich auf den abschüssigen Weg zu konzentrieren. Mehrmals war ihm schon der Fuß von einem vermeintlich sicheren Tritt abgerutscht und er war fast gestürzt. Es war, als ob etwas oder jemand verhindern wollte, dass er Herr über seinen Geist blieb. Er hielt es durchaus für möglich, dass jemand auf ihn aufmerksam geworden war, der seine Rolle bisher unterschätzt hatte. Nach außen hin sah es für seine Gefährten so aus, als ob der Junge, der nun wieder an seiner Hand ging in ihm einen Beschützer sah, aber der Stille hatte längst erkannt, das mehr dahinter steckte.

Als sie den Knaben im Schnee gefunden hatten, war sein Mitleid für ihn groß gewesen. Sein erbärmlicher Zustand und das kindliche Gesicht hätten wohl bei jedem Menschen Mitgefühl hervorgerufen. Allerdings war der Stille kein Mensch und der Knabe kein Kind. In dem Moment als der Junge, fast schon gewaltsam, das erste Mal die Hand des Stillen ergriffen hatte, war alles anders geworden. Allein mit der Kraft seines Geistes hatte das Wesen, welches im Körper dieses Jungen steckte, die Kontrolle über den Stillen gewonnen. Es bürdete ihm seinen eigenen Willen auf und machte ihn zum Sklaven in seinem eigenen Körper. In den ersten Tagen hatte der Knabe durch das ständige Halten der Hand des Stillen eine Verbindung geschaffen, die später auch Bestand hatte, wenn sich der Knabe von ihm entfernte. Immer perfekter übte das Wesen Kontrolle aus. Bisher war das Band nur einmal schwächer geworden, als der Junge in Brae die Karte gestohlen hatte. Es war so gewesen, als ob ihn etwas abgelenkt hätte. Kaum war er jedoch zurückgekehrt, als er mit aller Gewalt noch tiefer in den Geist des Stillen eindrang, wie als ob er seinen Besitzanspruch unmissverständlich festigen wollte. Der Stille, dessen Name eigentlich Michael war, hatte zu keinem Zeitpunkt Widerstand geleistet. Vielleicht wäre es dem Knaben nicht so einfach gelungen in seinen Geist einzudringen, wenn er ein Mensch gewesen wäre, aber in gewisser Weise fand Michael es auch interessant, wie sich der Knabe seiner bediente. Statt die Kontrolle über sich mit aller Kraft abzustreifen, nutzte er die Verbindung zwischen ihnen um selbst ein wenig den Geist seines Peinigers zu erforschen. In seiner Bemühung die Kontrolle über Michael aufrechtzuerhalten, erkannte das Wesen diese Infiltration seines Selbst zuerst nicht. Im ersten Moment war Michael überrascht gewesen, welches Chaos in diesen Gedanken herrschte. Er machte sich auf die Suche nach einem Namen, denn er wusste, dass der Name eines jeden lebendigen Wesens eine tiefe Bedeutung hatte. Nach kurzer Zeit wusste er, wie sein Unterdrücker hieß. Das Wesen Gabriels war schwierig zu lesen und Michael brauchte seine Zeit um es zu lernen. Nachdem er eine gewisse Struktur ausgemacht hatte, erkannte er bald, dass dies alles Tarnung war. Hinter alledem steckte nichts. Das Wesen, das sich Gabriel nannte und in dem Körper eines kleinen Jungen steckte, existierte eigentlich gar nicht wirklich. Dort wo bei jedem anderen Wesen Gefühle und Erinnerungen lebten, war bei Gabriel gähnende Leere. Michael war überrascht und zuerst dachte er, dass Gabriel sein Eindringen bemerkt hatte und ihn nun täuschte, aber offenbar war dies nicht der Fall. Erst spät, kurz bevor sie Nalatajas Schloss verlassen hatten, war es ihm wie Schuppen von den Augen gefallen. Die Reaktion Gabriels auf den Tod von Wartins war der entscheidende Hinweis für Michael gewesen. Denn es hatte keine Reaktion stattgefunden. Fast war es so, als ob Gabriel dies gewusst, ja geradezu erwartet hatte. In dem Moment, als die Tür zugefallen war und alle anderen von dem Schreck durchzuckt wurden, hatte er bei Gabriel überhaupt nichts gespürt. Nicht die geringste Wesensregung hatte er wahrnehmen können. Mit leichter Verzögerung hatte der Knabe schließlich zu weinen begonnen. Wie als hätte ihm jemand mitgeteilt, dass dies wohl eine angebrachte Reaktion sei. Und genau dies, vermutete Michael, geschah hier auch. Irgendjemand oder irgendetwas benutzte Gabriel selbst als Marionette um ihn selbst und seine Gefährten zu beeinflussen. Und nun wurde ihm auch klar, warum von Gabriel eine solche Kraft aufgewandt wurde um ihn zu kontrollieren. Offenbar hatte derjenige, der ihn lenkte vorausgesehen, dass Michael den Betrug früher oder später durchschauen würde. Seine Gabe den Geist der Menschen zu lesen war gar mächtig. Deshalb wurde er dazu gezwungen still zu halten, während seine Gefährten unbemerkt gelenkt wurden. Michael schalt sich selbst dafür, dass er dies erst so spät erkannt hatte, aber noch war Zeit zu handeln. Genau dies war jedoch sein Problem. Gabriel, oder das Wesen, das ihn kontrollierte, hatten etwas bemerkt. Michael war überzeugt, dass er mit größter Kraft in der Lage sein würde die Bindung seines Peinigers zu überwinden, aber vermutlich nur für kurze Zeit, denn die Kraft, die Gabriel lenkte, war immens. Und so wartete Michael noch immer ab, wann der Zeitpunkt kommen würde, der für ihn der richtige war. Dann, wenn er durchschaut hätte, was dieses ganze Schauspiel bedeutete. Der Turm schien nun seinen Plan vereiteln zu wollen. Irgendetwas in Gabriel zog ihn zu diesem Ort und riss seinen eigenen Geist mit sich. Er übertrug eine ungeheure Wucht der Emotionen auf Michael, die ihm nun solch unerträgliche Schmerzen bereitete. Gleichzeitig ließ die Kontrolle ein wenig nach und er wurde auf sich selbst zurückgeworfen. Das Gehen erforderte wieder die Aufmerksamkeit Michaels und so musste er seinen Geist teilen.

Etwas würde am Turm geschehen. Noch wusste Michael nicht ob es gut oder schlecht war und auf welche Seite er sich stellen würde. Er musste sich neu sammeln um im entscheidenden Moment bereit zu sein. Schritt für Schritt zog er sich in seinen eigenen Geist zurück und suchte für einen Moment die Stille in der Erinnerung. Er ging zurück bis zu seiner Geburt.


Als Kind eines Telepathen und einer menschlichen Frau war er im Krieg aufgewachsen. Nachdem sich die meisten Welten in den Wirren der endlosen Gefechte verloren hatten, waren seine Eltern kurz vor seiner Geburt geflüchtet. Eine Bergbaustation im abgelegenen Barachnios-System war ihnen sicher genug erschienen. Damals war sie noch in Betrieb gewesen und hatte sogar eine gewisse Kriegspriorität gehabt, wodurch sie dort einen gewissen Schutz genossen hatten. Sein Vater hatte Arbeit im Bergwerk gefunden und so waren die nächsten Jahre bis zum Ende des Krieges ohne Zwischenfälle vorüber gezogen. Zwar hatten sie anfangs in ständiger Angst gelebt, doch irgendwann war auch aus dem Krieg eine Gewohnheit geworden. Nach 14 Jahren schließlich waren die letzten Kämpfe beendet und der Frieden kehrte wieder zurück. Jedoch verlor mit dem Ende des Krieges der Bergbau an Bedeutung und wenige Jahre später wurden die Minen geschlossen. Um wenigstens ihm die Möglichkeit zu einer guten Ausbildung zu bieten, schickten seine Eltern ihn zu Verwandten in einen der zentralen Sternencluster. Dieser Bruder seines Vaters lehrte ihn den Umgang mit seiner Gabe. Als er die Telepathie das erst Mal entdeckt hatte, waren die Eindrücke noch sehr unkontrolliert gewesen. Wenn er Menschen begegnete, so fand er jedes Mal schnell heraus, wie er in ihren Geist eindringen konnte um die Gedanken zu lesen. Sein Onkel half ihm dabei seine Fähigkeit zu kontrollieren und zu fokussieren und vor allem sie nicht zu benutzen um sich im Alltag Vorteile zu verschaffen. In seiner Umgebung erntete er dafür meistens nur verachtende Worte und Spott, weil sich die Menschen schnell vor ihm fürchteten. Niemand konnte sich sicher sein, das Michael nicht gerade seine Gedanken las und so ging er dazu über diese Eigenart seiner selbst für sich zu behalten. In diesem Prozess lernte er die Vorteile des Schweigens kennen und bald schon sprach er kaum mehr ein Wort. Ein Lichtblick in dieser selbst gewählten Isolation war seine erste und bisher einzige Liebe gewesen. Sie hatte nichts von seiner Telepathie gewusst und er hatte auch keine Notwendigkeit gesehen, es ihr zu sagen. Sie verlebten zwei Jahre im Taumel des Glücks, bis sie sein Geheimnis schließlich herausfand. Genau wie alle anderen vor ihr, bekam sie Angst und verließ ihn letztendlich. Dies gab ihm die Gewissheit, dass er nicht für die Gemeinschaft mit anderen Menschen bestimmt war. So entschloss sich Michael dazu in ein Kloster zu gehen. Er informierte die Brüder zu Anfang über alles und wurde nach einiger Zeit auch endlich akzeptiert und als Mensch geachtet. Die nächsten zwölf Jahre verbrachte er mit einfacher Arbeit in einem festen täglichen Rhythmus und endlich glaubte er ein Zuhause gefunden zu haben, als ihn ein Brief seiner Eltern erreichte. Sein Vater lag nach langer Krankheit im Sterben und seine Mutter bat ihn in noch ein letztes Mal zu dem Ort seiner Geburt zurückzukehren. Über die Jahre waren die Kontakte zu seiner Familie immer weniger geworden und eigentlich wollte er zunächst gar nicht auf die Nachricht reagieren. Er liebte seinen Vater, jedoch löste der Gedanken an seine Vergangenheit und alles was damit zu tun hatte, großes Unbehagen in ihm aus. Erst durch den drängenden Zuspruch seiner Ordensbrüder ließ er sich endlich dazu überzeugen die weite Reise anzutreten, was nun den Frieden seines Geistes zerstört hatte. Abgestürzt auf einem einsamen Planeten und gefangen in einer Welt der Vergangenheit als Sklave eines wahnsinnigen Geistes. Michael kehrte zurück an die Oberfläche seines Selbst und öffnete die Augen. Ein Schauer überlief ihn und Aufregung brandete wie Wellen über ihn hinein. Sie waren dem Turm jetzt sehr nahe. Wie viel Zeit war vergangen? Unter ihm knirschte Eis und ein eisiger Wind pfiff über den Gletscher. Die Spalten rechts und links des Weges waren bedrohlich nahe. Schon schwand das Licht. Bald würde die Nacht hereinbrechen.


Zwischenspiel


Die ersten Gefechte waren nicht besonders fordernd gewesen, aber jene Macht, die sie auf das Schlachtfeld geschickt hatte, wusste, dass sie sich nicht einfach würden abschlachten lassen. Zu sehr erwacht ihre Kampfeslust nach den ersten Schlägen und dem ersten vergossenen Blut. Der Ältere fand aufs Neue Gefallen daran, aber er wusste nur zu gut wie es enden würde. Keine Erholung, keine Rast. Immer vorwärts. Die Anstrengung in der schweren Metallkleidung war unbeschreiblich. Wie von einem fernen Magneten angezogen, schleppten sie sich über den roten Staub. Immer wieder stießen ihre Füße an die Gebeine der gefallenen Krieger. Wie aus dem Nichts tauchten die Gegner vor ihnen auf und stürzten sich in sinnlosem Wahnsinn in ihre Schwerter. Geschrei, ein kurzes Gefecht und dann wieder Stille. Scheppern von Beinschienen und Holzkreuze. Überall standen sie herum. Einfach und aus Zweigen abgestorbener Bäume zusammengebunden. Lange Schatten in die Wüste werfend. Anfangs waren es noch wenige, aber je weiter sie kamen, desto häufiger standen sie da. Kündend von einem sinnlosen Kampf, den es nicht wert war zu schlagen. Und dann tauchten am fernen Horizont die ersten Zinnen der Festung auf. Wie ein Verdurstender, der nach Wasser lechzt, beschleunigten sie ihre Schritte und hasteten auf die letzte Festung zu.

Der Ältere schloss seine Augen und versuchte seinen Geist neu auszurichten. Sie waren das letzte Mal so nahe gewesen. Er schenkte dem aufkeimenden Zorn keine Beachtung und widmete sich wieder dem Spiel. Weiße Dame von D-Eins nach E-Zwei. Noch während er seinen Zug ausführte hörte er ein Geräusch und drehte sich um. Eine Tür war wie aus dem Nichts aufgetaucht. Jemand betrat ihre Ebene. Das erste Mal seit einer Ewigkeit überfiel ihn Angst.


48


Die alte und ziemlich demolierte Straße führte geradewegs zur Stadt. Netzartig zogen sich Risse durch den dicken Asphalt und an vielen Stellen hatten Flechten und kleine Büsche die Oberfläche durchbrochen. Langsam, aber unaufhaltsam eroberte sich die Vegetation das verlorene Terrain wieder zurück. Wohl einst als mehrspurige Autobahn gebaut, war die Straße schon lange nicht mehr für Fahrzeuge nutzbar. Für Kiro und Nadja war sie hingegen ein bequemer und schneller Weg ihrem Ziel näher zu kommen. Im Gegensatz zur unterirdischen Stadt konnten sie weit und breit keine Überreste von Fahrzeugen entdecken. Trotz ihres Zustandes wirkte die Straße seltsam aufgeräumt. Es war um die Mittagszeit, als sie die ersten Ausläufer der Stadt erreichten. Zerstörung war allgegenwärtig. Die ersten Gebäude waren kaum mehr als ein paar Grundmauern im hohen Gras, über das der Wind strich. Immer wieder mussten sie durch die Krater gewaltiger Explosionen gehen, die sich als tiefe Mulden in die sonst so flache Landschaft eingegraben hatten. Längst war der Boden von einem dichten Bewuchs überzogen, jedoch wirkte alles seltsam eintönig und leer. Die Farbe der Landschaft schien lediglich in einigen wenigen Variationen von Brauntönen zu variieren. Die Erdschicht war hier nicht besonders dick und schon nach wenigen Metern kam massiver Fels. Manche Krater hatten sich mit Wasser gefüllt und bildeten kleine Seen. Meist war es eine zähe, dunkle Brühe, die mehr an frischen Teer erinnerte als an Leben spendendes Wasser. Je weiter sie sich dem Kern der Stadt näherten, desto besser war der Zustand der Bauwerke. Die meisten hatte man aus Beton oder einem anderen massiven Stein gefertigt, aber noch immer hatten nur die wenigsten der Macht der Verwüstung widerstehen können. Mit der Zeit war die Erosion durch Wind und Wetter zu ihrem Verhängnis geworden.

Kurz nachdem sie die Grenze zum nahezu flächendeckend bebauten Gebiet passiert hatten, hörte Kiro zum ersten Mal jenes unheimliche Summen. Es war tief und monoton. Er konnte nicht genau sagen woher es kam, aber ab diesem Zeitpunkt war es allgegenwärtig. Weder nahm es zu noch wurde es schwächer. Wie ein unsichtbarer Begleiter war es stets bei ihnen. Nadja und Kiro wanderte durch leere Straße und die Gerippe der Häuser erhoben sich wie überdimensionale Gräber an beiden Seiten ihres Weges. Es war ein seltsames Gefühl einen solchen Ort zu betreten. Niemand hinderte sie daran weiterzugehen und doch fühlten sie sich auf eine Art unwillkommen und fehl am Platz. Mehrmals bemerkte Kiro in leeren Winkeln und an den Ecken von Gebäuden Bewegungen, aber meistens spielte ihm seine Wahrnehmung einen Streich, oder es waren die Ratten, die es hier überall zu geben schien. Kiro vermutete schon, dass sich Nadja vor ihnen ekeln würde, aber da hatte er sich getäuscht. In gewisser Weise war es sogar beruhigend zu wissen, dass sie nun nicht mehr völlig alleine waren. Überall hielten sie Ausschau nach dem Schatten oder anderen menschlichen Wesen, jedoch vergeblich. Zwar glaubte Nadja nicht wirklich, dass schon so bald ein weiterer Angriff erfolgen würde, aber sie blieben trotzdem wachsam. Die Gebäude wurden immer größer und bald liefen sie im Schatten von Bauten, deren untere Geschosse teilweise noch gut erhalten waren. Die Häuser standen dicht gedrängt beieinander und hatten meist vier bis acht Stockwerke. Kiro wollte sie immer wieder betreten, aber Nadja hielt ihn zurück. Es war wichtig jetzt schnell voran zu kommen und sich nicht aufhalten zu lassen. Sie hatte das unbestimmte Gefühl, dass Eile angebracht war. Früher oder später mussten sie ohnehin einen Unterschlupf für die Nacht finden. Als ob sie etwas suchen würde, blickte Nadja angestrengt in die Ferne, wo sich die schnurgerade Straße in den Häuserschluchten verlor.

Sie liefen weiter bis es fast Nach war. Es war schnell dunkel geworden und irgendwann waren tatsächlich noch ein paar Lichter der alten Straßenbeleuchtung angegangen. Kiro wusste nicht genau, ob das ein Anzeichen davon war, dass hier noch jemand lebte, oder ob wie in dem alten Bahnhof ein Teil der technischen Strukturen die Zeitalter überlebt hatte. Die an hohen Masten in der Mitte der Straße angebrachten Lampen lieferten ein schwaches, bläuliches Licht und das Summen, welches bisher auf einem konstanten Niveau geblieben war, wurde nun stärker. Offenbar waren hier noch einige alte Hochenergieleitungen aktiv. Auf seinen nächtlichen Beutezügen war Kiro auch einmal bei einem Versorgungswerk eingestiegen und kannte von dort ein ähnliches, wenn auch nicht identisches Summen von Elektrizität. Erstaunlicherweise war die Straßenbeleuchtung nicht das einzige Licht. Vereinzelt erleuchtete Fenster und andere, viel schwächere Lichtquellen die zum Teil kaum ortbar waren, verwandelten die nächtliche Stadt in ein geisterhaftes Lichterspiel. Manche Lichter flackerten unregelmäßig und gemeinsam mit der Stille, die sich über die Stadt gesenkt hatte, erzeugte dies eine gespenstische Atmosphäre. Es war nicht wirklich hell, aber Nadja und Kiro konnten trotzdem ihren Weg fortsetzten. Je näher sie dem Zentrum der Stadt kamen, desto mehr Lichter tauchten auf. Inzwischen waren die Wohnhäuser, die anfangs hauptsächlich das Straßenbild bestimmt hatten, ersten Läden und Geschäftsgebäuden gewichen. Über leeren Schaufenstern warben Schriftzüge für Lebensmittel, Kleidung und allerlei Technisches. Die Schrift konnten sie meist problemlos lesen und manchmal über verblichene Bilder auch den ehemaligen Sinn und Zweck entschlüsseln, aber die meisten Begriffe hatten für Nadja keine Bedeutung.

Nachdem sie ein paar Stunden durch die nächtliche Stadt gewandert waren, kamen sie an eine große Kreuzung. Alte Signalanlagen hingen dunkel über dem Asphalt. Die Straßen waren hier in einem besseren Zustand, aber noch immer war die Fahrbahn leergefegt. Nur ein wenig Schutt lag auf dem Gehsteig herum. Auf eine Weise wich das Licht diesem Ort aus, denn an der Kreuzung brannte keine einzige Lampe. Rechts wurde der Fußgängerweg breiter und direkt neben der Fahrbahn führe eine Treppe abwärts. Ein blaues Schild darüber wies dies als den Zugang einer unterirdischen Bahnstation aus. Kühles Licht drang schwach aus der Öffnung nach oben und als sie näher kamen, nahmen sie einen warmen Luftstrom wahr. „Ich denke wir sollten dort hinuntergehen.“ Kiro drehte sich überrascht zu Nadja um die stehen geblieben war. Sie hatte dies aus voller Überzeugung und mit einem alarmierenden Unterton ausgesprochen. „Warum denn? Hier oben sehen wir wenigsten was auf uns zukommt.“ Kiro war es nicht wohl bei dem Gedanken in den Eingeweiden der Stadt herumzuirren. Dort unten konnte alles lauern. „Die Straße ist eine Sackgasse, hier geht es nicht weiter.“ Kiro wollte sie schon fragen, was sie damit meinte, als ihm etwas auffiel. Ein schwacher, blauer Schimmel schwebte jenseits der Kreuzung in der Luft. Es sah fast so aus, als wäre es ein Widerschein der Straßenbeleuchtung. Nadja hatte sich unterdessen gebückt und einen kleinen Stein vom Boden aufgehoben. Sie holten aus und warf das Steinchen in hohen Bogen in die Richtung des Schimmers. Nun geschah etwas Unerwartetes. Von einem Moment auf den anderen schien sich die Luft mit Energie zu laden. Die Haare auf Kiros Oberarmen stellten sich auf und das Summen um sie herum steigerte sich zu einem lauten Knistern. In dem Augenblick als der Stein einen bestimmten Punkt in der Luft erreicht hatte, zuckten blaue Energieblitze von allen Seiten auf ihn zu und einen Sekundenbruchteil später zerbarst er mit einem lauten Knall in kleine, glühende Splitter. Einige flogen sogar bis dorthin wo Nadja und Kiro standen. Für einen kurzen Moment hatte etwas aufgeleuchtet, das wie eine gigantische Glocke aussah, die über dem gesamten Teil der Stadt vor ihnen hing. „Was in aller Welt ist das?“ Kiro sah Nadja entgeistert an. Sie blickte nur starr geradeaus. „Es ist eine Barriere. Jemand hat diesen Ort versiegelt.“ Sie machte eine kurze Pause. „Und er hat einige überzeugende Argumente.“ Nadja drehte sich zu Kiro um. „Keine Ahnung, woher ich das weiß. Es ist einfach so in meinem Kopf, ohne dass ich es verhindern kann.“ Eine gewisse Verzweiflung lag in ihrer Stimme. Kiro wusste nicht, was er sagen sollte. Er hatte davon nichts bemerkt und wäre vermutlich geradewegs in die tödliche Falle hineingelaufen.

Vorsichtig stiegen sie die Stufen hinab. Die weißen Leuchtstoffröhren spiegelten sich in den gelb gefliesten Wänden und erinnerte Kiro einmal mehr an den Bahnhof am Strand. Der größte Teil der Wände war mit Graffiti beschmiert, die bunten Farben hatten jedoch längst ihren Glanz verloren und waren stumme Zeugen einer nicht mehr existierenden Kultur. Über weitere Treppen stiegen sie immer tiefer hinab, kamen an zwei verschlossenen Stahltüren vorbei und nachdem sie durch einen kurzen, waagerechten Gang gelaufen waren, standen sie vor einem Gitter, das ihnen den Weg versperrte. Es war offenbar nachträglich angebracht worden und hatte keine Tür oder ein Schloss. Die Schweißnähte waren beunruhigend neu. Irgendwo jenseits des Gitters musste die Quelle der warmen Luft liegen. Für einen Moment schloss Nadja die Augen und genoss die Wärme, die ihren Körper langsam durchdrang.

Kiro überlegt wie sie weiter vorgehen sollten. Er wollte keine Zeit verlieren und dieser Ort schien ihm für ein Nachtlager reichlich ungeeignet. Da fiel ihm etwas ein. Er ging den Tunnel bis zu den zwei Stahltüren zurück. Beide waren verschlossen gewesen, aber Kiro besaß noch einen Schlüssel. Für das Schloss in der Toilette des Restaurants war er damals zu groß gewesen, aber hier konnte er passen. Das Schloss der ersten Tür war ziemlich verbogen. Anscheinend hatte hier schon mal jemand versucht sich Zutritt zu verschaffen. Bei der zweiten Tür hatte er jedoch Glück. Wie frisch geölt ließ sich der Schlüssel drehen und ohne ein einziges Quietschen schwang die Tür auf. Der Raum dahinter war winzig. Kiro tastete nach einem Lichtschalter und als er ihn gefunden hatte erhellte eine schwache Lampe an der Decke nackte Betonwände. In den Ecken hingen dicke Spinnweben und auf dem Boden lag Staub. Mittig im Boden war ein Loch und eine Leiter aus dünnem Metall verschwand in der Tiefe. Dies war ihr Weg. Der Gedanke behagte Kiro zwar im ersten Moment überhaupt nicht, aber eine andere Möglichkeit schien es im Moment nicht zu geben. Er rief nach Nadja, die nicht überrascht war, als sie erkannt, wie Kiro die Tür geöffnet hatte. „Den hat Sie dir zugesteckt, oder?!“ Sie deutete auf den Schlüssel und Kiro nickte. Er hatte versucht ihn wieder abzuziehen, aber das ließ sich nicht mehr bewerkstelligen. „Geh du zuerst.“ Nadja deutete auf die Leiter. Sie nahm ihren Arm aus der Schlinge und bewegte ihn vorsichtig. Die Schmerzen waren nur noch ein schwacher Abglanz von der Zeit im Krankenhaus. Stufe um Stufe stiegen sie die rostigen Sprossen herab und je tiefer sie kamen, desto feuchter wurde die Luft. Eine der Stufen war unerwartet glitschig und im nächsten Moment hing Kiro nur noch an den Händen während seine Füße durch die Luft wirbelten. Licht drang nur von oben auf sie herab und so wurde es stetig finsterer. Nach einer Zeit, die Nadja ziemlich lang vorgekommen war, langten sie endlich am Ende der Leiter an. Hier unten stand das Wasser in kleinen Pfützen und die Wände waren so feucht und glitschig wie die Leiter selbst. Ein niedriger Tunnel schloss sich waagerecht an. Vorsichtig tasteten sie sich hindurch. Nach ein paar Metern schon war der Gang zu Ende und sie standen in einer kleinen unterirdischen Halle. Von einfachen Lampen an den Wänden, die mit einem grünen Film überzogen waren ging schwaches Licht aus.

Sie befanden sich in der Kanalisation. Ein träger Strom floss nahezu geräuschlos durch die niedrige Halle und vereinigte sich mit einem Seitenarm, bevor er ein einem kleineren Tunnel im Dunkel verschwand. Kiro hätte Gestank und viel Dreck erwartet, jedoch roch es nur schwach feucht. Ein weiteres Indiz dafür, dass in diesem Teil der Stadt kein Mensch mehr lebte. Ein paar Ratten lagen tot in der Ecke. Offenbar verhungert. Hier unten gab es nichts mehr für sie und so hatten sie sich wohl an die Oberfläche zurückgezogen. Auf der anderen Seite, dort wo der Seitenarm in den breiten Strom hinein floss, konnte Kiro einen schmalen Weg erkennen, der parallel zum Wasser verlief. Im schwachen Licht war kaum auszumachen, wohin er führte. Dorthin würden sie aber nur mit einem weiten Sprung gelangen, denn eine Brücke gab es nicht. Nadja, die eben dies auch erkannt hatte, stöhnte leise. Zwischen den beiden gemauerten Ufern lagen bestimmt drei Meter Wasser. Kiro war noch am Überlegen, wie er den Sprung am besten angehen sollte, als er nur noch sah wie Nadja an ihm vorbei flog. Sie war gesprungen.


Der Schatten


Die Tür war bereits wieder zugeschlagen und verschwunden, als der Ältere seinen Zug beendet hatte und schwer atmend den Schatten anstarrte. Die Hand hatte er noch immer and der Dame. Leichtfüßig kam der Schatten auf den Tisch zu. Er schnippte mit den Fingern und im selben Moment materialisierte sich ein dritter Stuhl direkt vor ihren Augen. Im Gegensatz zu den einfachen Möbeln der Spieler wirkte sein Sessel schon fast wie ein Thron. Er ließ sich betont langsam nieder, verschränkte die Arme über der Brust und grinste die beiden kreidebleichen Männer vor ihm am Tisch frech an. „Na, immer noch beim Spielen?!“ Er sprach leise, aber dennoch war seine Stimme so klar wie Eis und so scharf wie ein Messer. Langsam zog der Ältere seine Hand vom Spielfeld zurück und lehnte sich nach hinten. Geräuschvoll atmete er aus. Er würde dem Neuankömmling nicht die Genugtuung geben und sich von seiner Erscheinung provozieren lassen. Genau das bezweckte der Schatten. Er hatte seit jeher nichts anderes gewollt. „Was verschafft uns die Ehre?“ Er hielt kurz inne, während er den Schatten musterte. „Es ist eine Weile her, seit du uns das letzte Mal besucht hast. Dir ist doch nicht etwa langweilig?“ Das Grinsen des Schattens wurde noch breiter. Er spürte die Angst, die mit jeder Minute seiner Gegenwart größer wurde. Der Versuch des Älteren seine Unsicherheit zu überspielen, war armselig. Der Schatten spürte den Zorn, der nach all der Zeit noch immer da. Er schlug die Beine übereinander und hob die Hand. Eine Sekunde später hielt er eine altmodische Fernbedienung in der Hand. „Ich dachte mir, dass ich mal wieder ein bisschen Spaß mit alten Freunden haben könnte.“ Er runzelte die Stirn, während er das kleine Gerät in seiner Hand studierte. Ohne aufzuschauen, sprach der Schatten weiter. „Eure Zeit ist fast abgelaufen, aber das wisst ihr ja selbst sehr genau.“ Sein Gesicht entspannte sich wieder und als er sie anblickte, war das Grinsen wieder da. Mit abgespreizten Fingern hob er die Fernbedienung und drückte einen der kleinen Knöpfe. Das bunte Spiel des farbigen Nebel um die drei Gestalten herum wandelte sich von einem Augenblick auf den anderen total. Wo bisher nur ein undefinierbarer Brei aus Farben und Lichtern gewesen war, erschien nun ein Bergpanorama. Ein leises Zischen entfuhr dem Jüngeren und der Ältere krallte sich unbewusst an der dicken Tischplatte fest. „Das ist schon eine witzige Sache, was?!“ Der Schatten kicherte. Wie gebannt starrten die beiden Spieler auf das Bild vor ihnen, das sich nun langsam zu bewegen begann. Sie konnten einen gigantischen Talkessel vor sich erkennen, der von einer Bergkette umgeben war. Unter ihnen erstreckte sich eine helle Eisfläche und über ihnen zogen graue Wolken dahin. Stück für Stück senkte sich ihr Blickwinkel herab. Wie ein Vogel im Sturzflug kamen sie der Eisfläche immer näher. Immer mehr Details wurden deutlich, bis das Bild einige Meter über dem Eis verharrte und langsam über den Gletscher vorwärts glitt. Sie sahen sanfte Hügel, die von einer frischen Schneeschicht bedeckt waren und flogen über tiefe Spalten im Eis. Nach einiger Zeit wurde der Gleitflug wieder langsamer und kam neben einer halbhohen Schneewehe zum Stillstand. Hier wand sich ein schmaler Pfad vorbei. Einige Sekunden lang tat sich nichts, aber dann kam jemand hinter der Schneewehe hervor. Erst konnte man nur einige undeutliche Gestalten erkennen, aber bald war klar, dass es sich um sechs Personen handelte. Ein von ihnen war ziemlich klein. Wahrscheinlich ein Kind. Die Gestalten liefen den Pfad entlang und kamen stetig näher. Bald waren sie so weit herangekommen, dass die beiden Spieler sie genau erkennen konnten. Keine der Personen kam ihnen bekannt vor. Nachdem die Gruppe vorbeigezogen war, erhob sich das Bild wieder gen Himmel, drehte eine weite Kurve und heftete sich dann in einiger Höhe wie ein geisterhafter Verfolger an den kleinen Trupp Menschen. Der Schatten rieb sich vergnügt die Hände. Bald würde es interessant werden. Der Unruhestifter in seinem Inneren war hellwach und wartete nur auf die passende Gelegenheit zuzuschlagen.


Konfusion


49


Etwas stimmte nicht.

Am Fuße des Hanges waren sie auf den Gletscher gestoßen. Der Weg führte immer weiter und war in einem erstaunlich guten Zustand. Auf dem Eis mussten sie keine größeren Steigungen mehr bewältigen und so kamen sie zügig voran. Fast war es so, als ob der Turm mit jedem ihrer Schritte ein Stück näher kommen würde. Der Pfad führte sie in weiten Bögen und immer neuen Umwegen um Spalten und andere gefährliche Stellen herum. Je näher sie dem Turm kamen, desto mehr war das Eis geborsten und hatte teilweise gewaltige Risse gebildet. Martin hatte sich seit seinem ersten Blick in das Tal gefragt, wohin das Eis floss. Die Berge bildeten eine geschlossene Kette und so war kein Weg des Gletschers erkennbar. Eigentlich hätte es hier nicht so viele Anzeichen einer Bewegung des Untergrundes geben dürfen. Aber er blieb dabei: Hier stimmt etwas ganz gewaltig nicht. Keiner von ihnen hatte mehr etwas gesagt, seitdem sie das Eis betreten hatten. Martin hatte über Anna und Jeremy nachgedacht und war mechanisch dem Weg gefolgt. Nun blieb er stehen. Er war einige Meter der Gruppe voraus und blickte sich um. Links und rechts von ihnen befanden sich Schneewehen. Es war vollkommen still. Als nun seine Gefährten ebenfalls hinter ihm stehen blieben, war überhaupt nichts mehr zu hören. Martin wollte gerade weitergehen, als er ein Knurren hörte. Erst leise und dann immer lauter. Es war kaum zu bestimmen, woher es kam, aber je lauter es wurde, desto mehr gewann er den Eindruck, dass es von überall her kam. Noch ehe der erste dunkle Kopf über dem Kamm der Schneewehe links von ihm auftauchte, wusste er, dass sie in eine Falle geraten waren. „Lauft!“ Er zischte es seinen Kameraden zu, die sich erschrocken umschauten, und nicht wussten wovon er redete, während immer mehr Köpfe auftauchten und allen langsam klar wurde, woher das Knurren kam. „Lauft um euer Leben!“ Nun schrie Martin und im selben Moment begann er zu rennen. Er dachte nichts mehr und schaute auch nicht mehr zurück. Jetzt ging es darum zu leben oder zu sterben.

Martins Schrei hatte die Wesen, die hinter den Schneewehen versteckt gewesen waren, noch wilder gemacht. Schnell liefen sie den flachen Hang herab und manche kamen dabei ins Rutschen. Als die kleine Gruppe auf dem Weg eine knappe Sekunde später den Angriff realisierte, waren die Wesen bereits bedrohlich nahe gekommen. Anna starrte noch immer wie gebannt auf die mageren Tiere, als Jeremy sie am Arm packte und mit sich riss. Wie von Sinnen, begannen sie zu rennen. Mugh und der Stille, der den Knaben nun auf dem Rücken trug, liefen vor ihnen. Die Angst verlieh ihnen zusätzliche Kraft und während der Schnee unter ihren Füßen knirschte, wurde das wütende Kläffen hinter ihnen immer lauter. Jeremy warf einen schnellen Blick über die Schulter. Er zählte ein gutes Dutzend hässlicher, langbeiniger Tiere, die sie bellend verfolgten. Ein bisschen sahen sie so aus wie große Hunde. Trotzdem hatte Jeremy nicht vor nähere Bekanntschaft mit den scharfen Zähnen in ihrem Maul zu machen. Noch einmal steigerte er das Tempo. Anna keuchte neben ihm, konnte aber mithalten.

Wie lange sie gerannt waren, wusste Martin nicht mehr. Es kam ihm vor wie eine Ewigkeit. Seine Lungen schmerzten und das Gesicht brannte. Seine Beine waren zwar von vielen Wandern gestärkt, jedoch rebellierten sie gegen diese heftige und überaus plötzliche Belastung mit unangenehmen Krämpfen. Er blickte nicht zurück. Etwas in ihm weigerte sich strikt dagegen. Ein ursprünglicher Instinkt das eigene Leben zu schützen war in ihm erwacht und hatte die Kontrolle übernommen. Unbemerkt war eine Veränderung im Gelände eingetreten. Die Schneewehen auf beiden Seiten waren einem Meer von kleinen Spalten gewichen, die je weiter sie kamen stetig an Größe zunahmen. Der Pfad schlängelte sich dazwischen hindurch und wurde schmaler. Kurze Zeit später hatten sich die vielen einzelnen Spalten zu einer einzigen und enorm breiten Spalte vereinigt, an deren rechtem Rand der Pfad verlief. Martin war nicht imstande den Boden des Bruchs auszumachen. Eis barst bei jedem Schritt und fiel in die Tiefe. Von allen Gegenden, durch die sie bisher gekommen waren, war diese mit Abstand am besten für einen Angriff geeignet. Warum ihm das erst so spät klar geworden war, konnte er sich nicht erklären. Martin verdrängte diese Gedanken und rannte weiter. Rechts stieg die Eisbruchkante senkrecht an. Der Spalt wurde noch ein wenig breiter und erreichte schließlich die Ausmaße einer Schlucht, bevor er bei dieser Größe verharrte und dem Pfad folgte. Zwar war Martin durchaus bewusst, dass es genau umgekehrt war und der Pfad dem Spalt folgte, aber in seinem Kopf herrschte Verwirrung.


Mugh fiel immer weiter zurück. Er war überzeugt, dass er sterben würde, wenn sie nicht bald haltmachten. Für einen Dauerlauf war er definitiv nicht geschaffen und auch körperlich gar nicht in der Lage. Zwar war auch er in den letzten Wochen deutlich fitter geworden und hatte sogar abgenommen, jedoch machte diese verhältnismäßig kurze Zeit nicht die Jahre falscher Ernährung und totaler Verweigerung jeglichen Sports wett. Mugh fühlte sich wie ein Hamster im Laufrad, der weiß, dass er seinen Verfolgern nicht entkommen kann. Anna und Jeremy waren dicht hinter ihm. Er konnte sie schon keuchen hören. Auch er wagte den Blick nach hinten nicht. Bestimmt würde er vor Schreck stolpern und dann wäre alles noch viel schneller vorbei. Wenigstens würde er bei dem Versuch zu entkommen sterben und nicht einfach kampflos aufgeben. Dann war etwas links neben ihm. Er blickte hinunter und erschrak. Eins der hundeähnlichen Wesen lief neben ihm und starrte ihn aus kleinen, bösartigen Augen an. Das Maul mit unzähligen scharfen Zähnen war weit geöffnet und die lange Zunge hing hässlich heraus. In diesem Moment kam eine unbändige Wut in Mugh auf. Ein kurzer Blick nach vorne zeigte ihm, dass der Weg frei war. Ohne zu zögern, machte er einen kleinen Bogen und aus dem Lauf heraus trat er dem Wesen mit voller Wucht gegen die Seite. Das Tier gab ein erstauntes Heulen von sich. Es hatte nicht viel Gewicht und die Stärke des Tritts reichte aus es über die Kante des Spaltes zu befördern. Im nächsten Moment war es in den Tiefen des Risses verschwunden. Das Eis unter Mugh knackte. Neuer Mut erfasste ihn. Er hatte eine Chance. Mit neuer Kraft rannte er weiter.

Jeremys Kräfte schwanden. Mit jedem Schritt multiplizierten sich die Schmerzen in seinem Körper. Eins der Wesen hatte schon nach ihm geschnappt und er spürte warmen Atem an seinen Beinen. Anna ging es nicht besser. Sie begann zu weinen. Am liebsten wäre sie jetzt zu Hause bei ihren Eltern gewesen und hätte sich unter der Bettdecke verkrochen, wie nach einem schlechten Traum. Aber dies war kein Traum. Der schmerzhafte Biss an ihrem Arm war Beweis genug. Sie blickte hinüber zu Jeremy. Ihre Blicke trafen sich und dann war es zu Ende.

Sie befanden sich auf einem schmalen Stück des Pfades, der sich an dieser Stelle leicht zur Schlucht hin wendete. Mit einem trockenen Knacken brach der Eisvorsprung unter ihnen ab. Ohne viel Getöse stürzten Anna, Jeremy und mit ihnen die gesamte Meute der Tiere in die Tiefe. Es waren noch nicht alle Wesen bei ihnen angekommen als das Eis nachgab, aber die übrigen Wesen stürzten sich im Wahn ihren Artgenossen hinterher. Das Ganze dauerte nicht lange und war nach einem einzigen Augenblick schon wieder vorbei. Mugh war noch in vollem Freudentaumel über seinen kleinen Sieg, als mit einem Schlag hinter ihm Ruhe einkehrte. Er blickte sich um und kam kurz darauf schlitternd zum Stehen. Niemand war mehr hinter ihm. Von seiner Position aus überblickte er nur ein kleines Stück des Pfades. Keuchend stand er da, mit seinen Händen auf die Beine gestützt und unfähig einen einzigen Ton von sich zu geben. Die Minuten vergingen und er rang noch immer nach Luft. Als sich seine Atmung wieder einigermaßen beruhigt hatte, ging er langsam zurück. Die Stille war bedrückend. Er kam um die Biegung des Pfades, von der er noch vor wenigen Minuten seinen Angreifer hinunter gestoßen hatte und starrte in den Abgrund. Der komplette Weg war auf der Länge mehrerer Meter abgebrochen und in die Tiefe gestürzt. Gähnend tat sich der Abgrund vor ihm auf und ihm wurde schwindelig. Mugh trat einen Schritt zurück. Er musste sich setzen. Sofort begann die Kälte des Eises in ihm hochzusteigen, jedoch bemerkte er das in diesem Moment nicht. Erst als er seinen Namen hörte, kam er wieder zu sich.

Er drehte sich um und stand auf. Schritte kamen schnell näher und dann waren alle seine Gefährten wieder da. Nur leises Keuchen war zu hören. Sie standen dich beieinander und starrten erschrocken in den Abgrund. Martin zog Mugh, der gefährlich nahe an der Kante stand, ein Stück zurück. „Sie… sie waren einfach weg. Sind abgestürzt.“ Mugh stammelte ein paar Worte hervor. Er keuchte noch immer ein bisschen. Und dann überkam ihn unvermittelt ein Hustenanfall, der das Schweigen und den Schrecken etwas löste. „Hast du es gesehen?“ Martin sah ihn nicht an, sondern starrte noch immer hinunter. „Nein. Auf einmal waren sie weg und die Hunde auch.“ Mugh war den Tränen nahe. Der Knabe trat an den Rand und der Stille hielt ihn nicht auf. Sein Gesicht war bleich. Martin erschrak, als das Kind sich umdrehte und sie sein Gesicht sahen. „Das hätte nicht passieren dürfen.“ Seine Stimme war leise und er wirkte matt. Mehr sagte er nicht mehr. Und auch als sie ihren Weg wenig später fortsetzten, schwieg er. Die gesunde Gesichtsfarbe kehrte schon am Abend wieder zurück, als sie sich ein notdürftiges Nachtlager bereiteten, aber er verlor trotzdem kein einziges Wort mehr. Etwas hatte sich geändert, dass spürten alle. Ein Ereignis war unvorhergesehen eingetreten, in einer Welt in der sonst alles vollkommen vorherbestimmt und unabänderlich zu sein schien.


Die Verbindung war abgerissen und hatte ihn in vollständige Verwirrung gestürzt. Mit dem letzten Maß seiner mentalen Kraft hielt er die Kontrolle über Michael aufrecht. Es war eine rein instinktive Handlung um seinen Anweisungen treu zu bleiben. Die anderen durften nichts von dem kleinen Geheimnis zwischen ihm und Michael erfahren. Aber im Moment beherrschten ihn andere Gedanken. Es hatte einen Plan gegeben. Einen Plan, den es genau zu befolgen galt. In jedem Detail hatte er getan, was von ihm verlangt worden war. Und nun herrschte das blanke Chaos. Was sollte er tun? Die beiden aus Brae waren für ein anderes Schicksal vorhergesehen gewesen. Ihre Rolle war wichtig und nun hatte jemand den Plan durchkreuzt. Er fragte, aber die Quelle blieb still. Als der erste Schock abgeklungen war, fingen seine Gedanken langsam wieder an sich zu sortieren. Er musste selbst entscheiden, wie er weiter vorgehen sollte. Da er den Plan kannte, würde er versuchen ihn zur Vollendung zu bringen. Einige Umstellungen wären wohl erforderlich, jedoch schien es ihm nach einigem Nachdenken nicht vollkommen unmöglich noch das Ziel zu erreichen. Bis dorthin lag noch ein Stück des Weges vor ihm und er würde Hilfe brauchen. Alleine wäre es nicht zu schaffen. Es dauerte ein wenig, bis er sich überwinden konnte, aber dann war es soweit und er stellte die Kommunikation zu Michael her. Gabriel wusste nur zu gut, dass sein Gefangener wütend sein würde und daher machte er ihm zu Beginn ein Geschenk und lockerte das Maß seiner Kontrolle ein wenig. Er war überrascht wie Michael reagierte. Sie sprachen lange miteinander. Gabriel teilte sein Wissen. Fast alles, was er von der Quelle wusste gab er an Michael weiter. Nur einen kleinen Teil behielt er für sich. Sozusagen als eine Art Versicherung. Es war niemals gut, alle Karten auf den Tisch zu legen, solange das Spiel noch lief. Und dieses Spiel würde noch eine Weile andauern, auch wenn es nun in seine heiße Phase eingetreten war. Manche Spieler waren bisher überschätzt worden, andere jedoch wurden deutlich unterschätzt. Die Karten waren neu gemischt und nun warteten alle gespannt darauf, wie es weitergehen würde. Gabriel hatte da jedenfalls schon eine gewisse Vorstellung.


In der Nacht schlief niemand. Mit dem Verschwinden des letzten Lichtes war Wind aufgekommen und immer wieder schneite es. Die Kälte war zermürbend und jeder hoffte nur darauf, dass es endlich Tag werden würde. Die Stunden zogen sich endlos dahin und die Hoffnung schwand. Als die ersten Vorboten des neuen Tages die Eiswüste um sie herum erhellten, machten sie sich wieder auf den Weg. Der Turm war nahe. Mit jedem Meter, den sie vorankamen, wurde das Eis spröder und das Gelände stieg leicht an. Sie blieben dich beieinander und gingen mit größter Vorsicht. Zwar war der Pfad vor ihnen längst nicht mehr so gefährlich, jedoch wollte niemand mehr etwas riskieren. Am Nachmittag passierten sie einen Zaun. Er war etwa mannshoch und das Drahtgeflecht sah stabil aus. Sie fanden eine Tür, die nur mit einem einfachen Riegel verschlossen war. Ein altes, ausgeblichenes Schild war daran befestigt. Dahinter war das Gelände fast vollkommen flach. Keine einzige Spalte war mehr zu sehen. Die Schneedecke lag unberührt vor ihnen. Eine knappe Stunde später kamen sie am Fuße des Turms an. Glatte, mattgraue Steine waren eng zusammengefügt und bildeten eine ebenmäßige Oberfläche. Die Fugen zwischen den Steinen wirkten frisch, so als ob der Turm erst kürzlich errichtet worden wäre. Vielleicht, überlegte Martin, stimmte das ja auf eine Weise auch. Ehrfürchtig legte er seine Hand auf den kühlen Stein. Er fühlte sich rau an. Die Spitze des Turms war noch immer in den Wolken verborgen. Sie umrundeten die massive Basis des Turms und langten endlich an einer kleinen Tür an. In feinem Metall war das Symbol Solejiers in das helle Holz eingelegt. Ein Kreis mit einem Viereck in der Mitte.

Der Griff an der Tür glänzte und reflektierte verzerrt die Umgebung. Diesmal gab es keine Plakette, die Auskunft über den Turm hätte geben können. Unschlüssig standen sie vor der Tür. Fast schon unwirklich kam es ihnen vor, dass sie nun vor ihrem Ziel standen. Freude oder gar Erleichterung wollte sich nach den jüngsten Ereignissen noch nicht so schnell einstellen. Endlich trat Mugh einen Schritt nach vorne und legte behutsam die Hand auf den Türgriff. Kühl und nicht unangenehm lag er darin. Mugh hielt die Luft an. Ohne noch einen weiteren Augenblick zu zögern, drückte er die Klinke hinunter und schob die Tür nach innen auf. Warme Luft kam ihm entgegen, als er den Raum hinter der Tür betrat. Mugh wusste nicht, was er erwartet hatte hier anzutreffen, jedoch mit Sicherheit nicht das, was er jetzt vor sich sah. Er stand in einem runden Zimmer, dessen Wände in reinem Weiß gestrichen waren. Vier Stühle standen um einen niedrigen Tisch auf dem eine große Schale stand. Sie quoll über von Obst. Mugh sah Äpfel, dicke Weintrauben, Birnen und Bananen. Fein säuberlich daneben stand ein kleiner Serviettenständer. Alles hier war in Weiß gehalten. Der Boden, die Decke, die Stühle und der Tisch. Selbst die Obstschale und die Servietten strahlten im blütenreinsten Weiß. Woher das Licht kam, war unmöglich auszumachen. Es sah so aus, als ob es aus den Wänden dringen würde. Nur noch zwei weitere Dinge gab es in dem Raum. Zentral in der Mitte befand sich eine dünne Röhre. Gerade so breit, dass ein Mensch hineinpassen würde. An der Vorderseite hatte die Röhre eine Schiebetür. Mugh war sofort klar, dass dies ein Fahrstuhl sein musste. Über der Tür hing eine Uhr. Die Zeiger standen auf kurz vor 9 Uhr. Einer nach dem anderen kamen seine Gefährten nach. Ihr Erstaunen war groß, als sie das Zimmer sahen. Wieder einmal erwartete man sie offenbar. Martin fiel auf, dass am Tisch nur vier Stühle standen. Bis gestern waren sie noch zu sechst unterwegs gewesen. Der Stille schloss die Tür hinter ihnen. Nach der Kälte der Nacht war die angenehme Temperatur im Zimmer eine wahre Wohltat. Beim Anblick der Früchte lief Martin und Mugh das Wasser im Mund zusammen. Sie umringten den Tisch. „Sollen wir es wagen?“ Mugh sah Martin erwartungsvoll an, so als ob er von ihm eine Erlaubnis erwartete zuzugreifen. Anstatt ihm zu antworten griff Martin in die Schale und nahm eine der Weintrauben heraus. Sie fühlte sich prall und überaus frisch an. Ein irres Grinsen schlich sich auf sein Gesicht. „Gleich sind wir schlauer.“ Mit diesem Wort steckte er sich die kleine, hellgrüne Frucht in den Mund und biss zu. Süßer Saft breitet sich in seinem Mund aus und im gleichen Moment brandete in ihm ein Gefühl der Leichtigkeit auf. Er griff noch einmal zu und ein weiteres Mal. Mugh, der ihn erst nur fassungslos angestarrt hatte, griff nun selbst in die Schale und nahm sich eine dicke Birne heraus. Schon immer hatte er Birnen geliebt. Es war ein unbeschreibliches Gefühl, als er nun in die Frucht biss und der Saft an seinem Kinn hinunterlief. Es kam ihm so vor, als ob er niemals etwas Besseres gegessen hatte. Langsam kam auch der Stille an den Tisch. Er konnte seinen Blick kaum von den roten Äpfeln wenden. Die nächsten Minuten verbrachten sie Essend und niemand sagte mehr etwas. Sie fanden noch nicht einmal Zeit sich hinzusetzen, so groß war das Verlangen nach den Früchten auf dem Tisch. Alles andere um sich herum hatten sie vergessen und so merkten sie auch nicht, wie der Knabe als einziger keinen Bissen aß. Allmählich leerte sich die Schale und kurze Zeit später lag darin nur noch eine einzelne Traube. Martin stöhnte. „Ich kann nicht mehr.“ Er zog einen Stuhl zurück und ließ sich darauf fallen. „So etwas Gutes habe ich in meinem Leben noch nicht gegessen.“ Mugh nickte ihm beipflichtend zu. Er konnte nichts sagen, denn er war immer noch dabei zu kauen. Gerade hatte er seinen Bissen hinuntergeschluckt, als ein heller Ton erklang und die Schiebetür des Aufzugs mit einem leisen Zischen aufglitt. Es war 9 Uhr.


Schattenspiele


Der Schatten lachte noch immer, als er mit einem weiteren Druck auf die Fernbedienung das Bild von Mughs entsetztem Gesicht verschwinden ließ. Bunte Nebelschwaden umgaben wieder den Tisch, an dem die beiden Spieler und ihr dunkler Besucher saßen. Sie hatten bewegungslos das Geschehen vor ihnen verfolgt und das Ausmaß des Schreckens, welches sie in diesem Moment empfanden, war kaum mehr auszudrücken. Während vor ihren Augen zwei Menschen in ihren Tod gestürzt waren, verfolgt von einer blutrünstigen Meute grässlicher Wesen, hatte sich der Schatten in einen wahren Lachanfall hineingesteigert. Die beiden Spieler hatten das Ganze anfangs für ein Trugbild oder eine Art Inszenierung gehalten, jedoch wussten beide nun, dass es dies nicht war. Die nackte Angst und der pure Wille zu Überleben, den sie in den Augen der Flüchtenden gesehen hatten, waren zu überzeugend, zu echt gewesen. Und der Schatten hatte dafür gesorgt, dass ihnen auch nicht das kleinste Detail entgangen war. Die Chancen standen nun denkbar schlecht. Der Schatten hatte etwas Unerwartetes getan. Etwas, womit eigentlich niemand hatte rechnen können. Der Plan war gewesen, dass er sich auf Kiro und Nadja konzentrieren würde. Jedoch war er nun in ganz anderer Weise in Aktion getreten. Vielleicht, dachte sich der Ältere als er nun langsam wieder klare Gedanken fassen konnte, würde er seine Rolle des Beobachters doch aufgeben müssen. Der Jüngere konnte nicht wissen, welche Möglichkeiten noch bestanden. Zunächst war es wichtig, Zeit zu gewinnen. Zeit, die Nadja und Kiro brauchten um sich mit ihren Gefährten wieder zu vereinen. Das war jetzt die einzige Möglichkeit noch ein richtiges Ende herbeizuführen. Mit aller Macht konzentrierte er sich wieder auf das Spiel. Der Jüngere starrte noch immer den Schatten an, der sich Lachtränen aus den Augenwinkeln wischte und immer noch etwas kicherte. Er musste die Aufmerksamkeit seines jüngeren Gegenübers erlangen. Mit der Kraft seines Geistes rief er seinen Namen. Langsam wandte sich der Jüngere ihm wieder zu. Zunächst blickte er ihn irritiert an, aber dann schien er langsam zu begreifen, was zu tun war. Schwarzer Springer von D-Fünf schlägt weißen Springen auf C-Drei.


50


Hilflos musste Kiro zusehen, wie Nadja über den unterirdischen Kanal flog, dem anderen Ufer entgegen. Er sah sie schon in die Fluten stürzen. Jedoch geschah dies nicht. Wie als würde sie von einer unsichtbaren Hand noch ein kleines Stück vorwärts geschoben, landete sie knapp, aber sicher auf der anderen Seite. Als sie aufgestanden war und Kiros ungläubiges Gesicht sah, lächelte sie verlegen. „Tut mir leid, aber ich dachte, dass es so am Schnellsten geht.“ Kiro zögerte noch immer. „Denke nicht darüber nach, sondern spring einfach.“ Nadjas Stimme erzeugte ein schwaches Echo im Tunnel. Für Kiro reichte es in diesem Moment als Motivation aus, Nadja auf der anderen Seite zu sehen. Er nahm Anlauf und sprang ihr hinterher. Wie in Zeitlupe segelte er über das dunkle Wasser dem anderen Ufer entgegen. Wenn es bei Nadja knapp gewesen war, dann war es bei ihm jetzt äußerst knapp. Er erreichte die gegenüber liegende Kante und ruderte taumelnd mit den Händen in der Luft. Nadja griff geistesgegenwärtig zu und zog in zu sich her. „Wie hast du das bloß geschafft?“ Kiro konnte noch immer nicht glauben, dass er sicher auf der anderen Seite gelandet war. Er war mit aller Kraft gesprungen und es hatte offenbar nur gerade so gereicht. Nadja hielt den Kopf schief und blickte verträumt ins Nirgendwo. „Ich wusste, dass es funktionieren würde.“ Verstehen konnte Kiro es nicht und so war das Einzige was ihm übrig blieb, es einfach zu akzeptieren.

Sie gingen weiter. Der Tunnel wurde niedriger und sie mussten sich leicht gebückt, eng an der Wand auf einem schmalen Steinsims entlang vorwärts bewegen. Die Lampen erhellten ihnen in regelmäßigen Abständen den Weg. Sie kamen zügig voran und das Wasser strömte ruhig neben ihnen dahin. Hin und wieder schwammen ein paar Zweige oder etwas Gras darin herum. Nadja lief so schnell voraus, dass Kiro ihr kaum hinterher kam. Die Verletzungen schienen inzwischen vollkommen ausgeheilt zu sein. Selbst die Armschlinge brauchte sie nicht mehr.

So liefen sie mehrere Stunden durch das Halbdunkel unter der Erde. Nur einmal machten sie kurz Rast um etwas zu trinken. Eigentlich hätten sie todmüde sein müssen, aber keiner von ihnen war wirklich erschöpft. Etwas gab ihnen Kraft, das nicht greifbar war und endlich kam das Ende des Tunnels in Sicht. Einige Zeit später wurde der Tunnel breiter und erweiterte sich zu einer großen, unterirdischen Zisterne. Der Boden war von einem groben Metallgitter bedeckt und unter ihnen vereinigten sich mehrere Ströme in einem großen Becken. Wie ein umgedrehter Trichter wölbte sich die Decke über ihnen. Eine schmale Leiter führte senkrecht nach oben. Algen und andere Gewächs klebte an ihr. Lange war hier schon niemand mehr gewesen. Kiro wollte eben zur Leiter gehen, als Nadja etwas entdeckte. Ein kurzer Gang zweigte rechts von ihnen aus dem großen Raum ab und an seinem Ende befand sich eine Tür. Sie war nur angelehnt und von der anderen Seite drang Licht hinüber. „Komm, lass uns zuerst nachschauen, was dort ist.“ Kiro folgte Nadja.


Die dicke Tür war in die gemauerte Wand eingelassen und schon fast vollkommen verrostet, ließ sich jedoch nach anfänglichem Widerstand unter Quietschen öffnen. Kiro und Nadja standen in einem kleinen, schwach beleuchteten Raum. Überall hingen Bildschirme und anderes elektronisches Gerät türmte sich überall an den Wänden. Viele der Monitore waren ausgefallen, aber einige wenige funktionierten noch. Manche zeigten Schaltpläne und andere Diagramme, die Kiro nicht entziffern konnte, aber die meisten waren offenbar direkte Übertragungen von Kameras, die überall in der Stadt angebracht waren. Nadja zählte mindestens drei dutzend verschiedene Bilder von Straßen und Häusern, die ihnen teilweise nicht unbekannt waren. Auf einem Monitor erkannte Kiro die Treppe wieder, über die sie die Oberfläche verlassen hatten. Ein unangenehmes Gefühl breitete sich in ihm aus. Hatte man sie beobachtet? Alles sah hier alt und unbenutzt aus, aber was wenn jemand seine Spuren gut verbarg? Der Drang von hier zu verschwinden wurde bei Kiro mit einem Mal äußerst stark. Nadja ging von einem Monitor zum anderen. Es sah so aus, als ob sie etwas Bestimmtes suchen würde. Als sie endlich stehen blieb, wurde Kiro klar, wonach sie gesucht hatte. Der Bildschirm flackerte stark und nur hin und wieder zeige er für ein paar Sekunden ein klares Bild. Ein weitläufiger Platz war zu sehen. Überall lagen Trümmer herum. In der Mitte war schwach der Turm zu erkennen. Viel war nicht mehr übrig geblieben. Eigentlich nur noch die Ruine des Turmrumpfes zeugte von der einstigen Größe des Bauwerkes. Der Steinhaufen an seinem Fuße war gigantisch. Irgendetwas hatte ihn vor langer Zeit zum Einsturz gebracht. Zwischen den Steinen wuchsen Pflanzen. Die Straßenbeleuchtung erhellte den Platz nur unzureichend und so war nicht viel mehr zu erkennen. Das Bild verschwand und der Monitor wurde schwarz. „Der Verfall ist weiter vorgeschritten, als ich gedacht habe.“ Nadja drehte sich zu Kiro um. „Uns bleibt höchstens noch eine Stunde.“

Schnell verließen sie den Raum wieder und begaben sich zu der Leiter in der Zisterne. Unter ihrem Bewuchs war sie in einem erbärmlichen Zustand und Nadja stieg vorsichtig voraus. Von oben kam schwach etwas Licht durch ein paar Löcher in den Schacht. Nadja stemmte sich gegen die schwere Metallplatte, die den Schacht an der Oberfläche verdeckte. Mit aller Kraft hob sie diese an und schob sie zur Seite.

Kühle Nachtluft wehte ihr entgegen. Sie atmete tief durch, bevor sie ganz hinaufkletterte und Kiro nachkam. Als er gerade die letzte Sprosse der alten Leiter verlassen hatte, gab sie nach und brach mit einem trockenen Knacken ab. Laut scheppernd krachte das verrostete Metall auf den Zisternenboden. Im ersten Moment bekam Kiro einen gehörigen Schreck. Auf diesem Wege würde sie niemand mehr verfolgen können. Beide standen auf und sahen sich um. Direkt unter einer hohen Straßenlaterne hatten sie den Kanal verlassen und befanden sich jetzt am Rande des großen Platzes, den Nadja auf dem Monitor gesehen hatte. Im Gegensatz zur Stadt außerhalb des Begrenzungsfeldes, herrschte hier Chaos. Die Spuren der Zerstörung waren allgegenwärtig. Man konnte keinen einzigen Meter weit gehen, ohne auf Trümmer zu stoßen. Alles wirkte wie eingefroren, wie schon seit Jahrhunderten oder gar Jahrtausenden in diesem Zustand ohne dass sich etwas verändert hätte. Etwa 500 Meter vor ihnen erhob sich der Turm. Zügig liefen sie durch das Feld aus Bruchstücken einstmals prächtiger Bauten und näherten sich Schritt für Schritt ihrem Ziel. Sie hatten etwa die Hälfte der Strecke zurückgelegt, als plötzlich der ganze Platz in hellem Licht erstrahlte.

Gigantische Scheinwerfer, die an den umliegenden Gebäuden befestigt waren, hatten sich eingeschaltet und blendeten grell. Eine Sekunde später fielen die ersten Schüsse. Ohne weiter Zeit zu verlieren, rannten Nadja und Kiro los. Es gab nicht wirklich einen Weg und so hasteten sie über Berge von Steinen dem Turm entgegen. Ein Gebrüll erhob sich von überall her. Ohne sich umzudrehen, rasten die beiden vorwärts. Kiro hatte wieder die Führung übernommen und hielt Nadjas Hand fest in seiner. Immer näher kamen sie der kleinen Tür am Fuße des Turms. Kiro konnte das Symbol schon sehen. Mehrere Projektile schlugen gefährlich nahe ein. Kiro nahm alles um sie herum nur unterbewusst wahr. Das Einzige was zählte, war den Turm zu erreichen. Schmerzhaft riss er sich das Bein an der scharfen Kante eines Steins auf, aber er spürte es kaum. Nur noch wenige Meter trennten sie von der rettenden Tür. In vollem Lauf warf er sich ihr entgegen. Sie stand einen Spalt breit offen und leistete keine Gegenwehr, als Kiro sie aufstieß. Im Lauf sah er das Symbol, das auf ihr prangte. Ein Kreis mit einem kleineren Kreis in seiner Mitte. Er konnte gerade noch bremsen, hielt sich an der Tür fest und als Nadja hinter ihm war, warf er sie zu. „Sie kommen. Du musst den Zugang blockieren!“ Nadja war völlig außer Atem. Die Tür hatte keinen Riegel. Einstmals hatte sie ein einfaches Schloss verriegelt, nun lag es jedoch aufgebrochen im Staub neben dem Eingang. Von draußen wurde das Gebrüll immer lauter. Da fiel Kiro ein, wie er das Schloss aus der Toilette des Restaurants an der Wüstenstraße mitgenommen hatte. Hastig kramte er es aus seiner Tasche hervor. Der Schlüssel steckte noch. Als er ihn drehte, brach er mit einem trockenen Knacken ab, das Schloss selbst sprang jedoch auf. Mühelos ließ es sich durch die Metallbügel an Tür und Mauer schieben. Durch diese Tür würde niemand mehr kommen. Einen Sekundenbruchteil später prallte etwas mit voller Wucht gegen das Türblatt sodass die Angeln bebten. Wütend wurde von außen gegen das harte Holz geschlagen.

Erleichtert lehnte sich Kiro gegen die Tür. Erst jetzt nahm er den Raum wahr, in dem sie sich befanden. Er war klein. Die dicken Mauern des Turms ließen nicht viel Platz im Inneren übrig. Von oben drang das Licht der Scheinwerfer schwach durch die abgebrochene Röhre des Turms bis zu ihnen hinunter. Auch hier lagen viele Trümmer herum. Weder eine Treppe noch eine Tür waren erkennbar. Es sah so aus, als ob es keinen Ausgang geben würde. Das wütende Gebrüll außerhalb des Turms steigerte sich weiter und noch immer wurde geschossen. Nadja, die noch immer nach Atem rang, trat in die Mitte des kleinen Raums und blickte nach oben. „Da hängt etwas!“ Sie musste es Kiro zurufen, um gegen die Geräusche von draußen anzukommen. Er kam zu ihr herüber und sein Blick folgte ihrem. Einige Meter über ihnen hing ein Balken quer im Schacht. An ihm war etwas befestigt. Kiro konnte das Objekt nicht genau sehen, glaubte aber eine Glocke zu erkennen. Ein Seil baumelte herab, jedoch hing es so hoch, dass er nicht heran kam. „Wenn du auf meine Schultern kletterst, kommst du dran.“ Er ging in die Hocke und Nadja stieg auf seine Schultern. Sie griff nach dem Seil. Fast konnte sie es erreichen. Nur wenige Zentimeter fehlten noch. „Es reicht nicht!“ Kiro ging in die Knie. „Halt dich fest, ich springe.“ Und mit aller Kraft schnellte er empor. Nadja griff nach dem Seil und hielt sich daran fest. Es gab sofort nach und erschrocken klammerte sie sich noch fester daran. Im ersten Moment geschah gar nichts, aber dann ertönte der helle Klang einer Glocke. Noch niemals in ihrem Leben hatte Nadja einen solchen Ton gehört. Es war, als ob sie ihn nur mit ihrem Geist hören konnte. Alles um sie herum wurde still. Das Gebrüll verstummte und ihre Sinne schwanden dahin. Um Nadja und Kiro wurde es dunkel. Sie waren auf dem Weg zu einem anderen Ort. Aufsteigen.


Die Dunkelheit war erfüllt mit Düften und seltsamen Geräuschen. Schritte hallten und jemand rief etwas. Der Geruch nach altem Holz war stark, jedoch nicht unangenehm. Er mischte sich mit dem Duft von frisch gemähtem Gras. Nadja roch Essen. So ähnlich hatte es bei ihrer Mutter in der Küche gerochen, als sie noch ein Kind gewesen war. Da war Licht. Wie ein Schleier lag etwas über ihren Augen und behutsam schob Nadja es zur Seite. Wind blies ihr sanft über das Gesicht und sie sog die frische Luft in ihre Lungen. Sie hatte das Gefühl, als wenn sie an einen vertrauten Ort zurückgekehrt wäre. Die Konturen festigten sich und das Bild wurde klar. Sie standen beide in einem lichtdurchfluteten Flur. Große, weit geöffnete Fenster ließen das helle Sonnenlicht herein und im kühlen Wind bewegten sich die dünnen Vorhänge. Ein ganzes Stück über ihnen erhob sich eine gewölbte Decke, die genau wie die Wände in hellem Weiß gestrichen war. An der den Fenstern gegenüberliegenden Wand befanden sich viele Türen. Sie glänzten blau im Sonnenlicht und jede von ihnen trug eine Zahl. Unwillkürlich lief Nadja ein Schauer über den Rücken, als sie sich an das Labyrinth unter dem Rasthaus erinnern musste. Ihr Blick glitt aus dem Fenster vor dem sie stand. Einige Meter unter ihr befand sich ein kleiner Park. Vereinzelte Bäume standen auf einer weitläufigen Rasenfläche. Reste des gemähten Grases lagen herum. Der Wind bewegte leicht die Wipfel der Bäume, deren Blätter langsam gelb wurden. An drei Seiten war der Hof von hohen Mauern begrenzt, die von mehreren Reihen Stacheldraht gekrönt wurden. Sie befanden sich in einem Gefängnis. Einen Moment war Nadja irritiert, aber dann spürte sie Kiro neben sich. „Wo sind wir? Ist das wieder eine Illusion?“ Kiro schüttelte den Kopf. „Ich weiß nicht wo wir sind, aber das hier ist kein Traum. Es fühlt sich wirklich an.“ Er lächelte und Nadja entspannte sich etwas. „Komm.“ Er nahm sie an die Hand und sie begannen den breiten Flur hinunterzugehen. Unter ihren Füßen knarrte das alte Parkett. Aus der Ferne drangen Stimmen an ihre Ohren. Menschen unterhielten sich und irgendwo spielte Musik. Sie näherten sich dem Ende des Korridors, wo sie Treppen erkennen konnten. Jemand gab sich viel Mühe, diesen alten Ort in Stand zu halten. Der Geruch von frischer Farbe lag in der Luft.

Kiro wollte gerade um die Ecke biegen, als ihm ein Mann entgegenkam. Er entdeckte Kiro und blieb abrupt stehen. Ein schmutziger Malerkittel hing lässig über seiner Schulter und er hatte zwei Farbeimer in der Hand. Ein Ausdruck des Erstaunens lag auf seinem Gesicht. „Das kann doch nicht…“ Er beendete seinen Satz nicht und stellte stattdessen die Farbeimer auf den Boden. Erst jetzt bemerkte Kiro, dass ein Teil des Bodens abgedeckt war und einige Malerutensilien herumstanden. Unterdessen hatte sich die Überraschung des Malers in sichtbare Freude verwandelt. Ein Lächeln lag auf seinem Gesicht. Er ging zu Nadja, die einen Schritt zurückwich und nahm ihre Hand, die er sogleich kräftig schüttelte. „Herzlich willkommen! Endlich seid ihr angekommen. Ich freue mich ja so euch zu sehen.“ Nadja war sichtbar überfordert. „Wer erwartet uns denn?“ Kiro versuchte die Aufmerksamkeit des kleinen Mannes wieder auf sich zu lenken. „Der Direktor ist in seinem Büro. Geht zu ihm, er erwartet euch bereits.“ Mit ein paar kurzen Richtungsangaben beschrieb er ihnen einen Weg durch das Gebäude. „Es ist wirklich schön, dass ihr da seid. Jetzt muss ich aber wieder an die Arbeit, sonst schaffe ich es nicht mehr bis heute Abend.“ Er hob kurz seinen Hut, der voller Farbkleckse war. „Denn was morgen sein wird, ist noch ungewiss.“ Mit diesem Satz hob er wieder seine zwei Farbeimer hoch und war im nächsten Moment um die Ecke verschwunden. Kiro lief ihm ein paar Schritte hinterher, aber als er um die Ecke kam, war weit und breit nichts mehr von dem kleinen Maler zu sehen. So als ob er sich geradewegs in Luft aufgelöst hätte.


Schattenspiele


Das Ende ist nahe.“ Es kostete den Älteren immense Kraft diese kurze Nachricht an den Jüngeren zu übermitteln, während das Chaos tobte. Der Schatten hatte eine wahre Hölle um sie herum losgelassen. Der Jüngere hingegen hatte schon längst begriffen um was es hier ging. Zu offensichtlich war die Bemühung des Schattens ihr Spiel vorzeitig zu beenden. Sie würden es hier und jetzt zu Ende bringen. Wahrscheinlich war dies die einzige Möglichkeit, die ihnen verblieben war, noch in das Geschehen einzugreifen.

Grausame Visionen nahmen vor ihren Augen Gestalt an. Der Schatten ließ die beiden Spieler wieder und wieder jene Stunde erleben, die ihre beiden Leben zerstört hatte. Damals waren sie blind für seine Trugbilder gewesen, aber seit diesem unglückseligen Tag vor unsagbar langer Zeit, hatten sich die Dinge geändert. Dämonen kreischten mit ihren bestialischen Stimmen in das Ohr des Älteren und er wand sich unter Schmerzen. Einzig das grausame Lachen des Schattens war konstant. Zitternd führte er seinen Zug aus: Bauer von B-Zwei schlägt Springer auf C-Drei.


Solejier


51


Die Müdigkeit war plötzlich gekommen und hatte sie völlig übermannt. Innerhalb kürzester Zeit waren Martin, der Stille und der Junge eingeschlafen. Noch halb auf ihren Stühlen sitzend, lagen sie vornüber gesunken auf dem Tisch und schlummerten. Ihr Atem ging kräftig und regelmäßig. Eine seltsame Klarheit hatte den Geist von Mugh erfasst. Es schien ihm nun eindeutig, was zu tun war. Er ging auf die Röhre in der Mitte des Raumes zu. Die Schiebetür stand noch immer offen und er blickte in einen kleinen Aufzug, gerade groß genug für eine Person. Eigentlich hatte Mugh immer Platzangst gehabt und Aufzüge waren ihm von jeher ein Graus gewesen, aber diesmal zögerte er nicht. Mit zwei Schritten war er in der kleinen Kammer. Einen Moment später schlossen sich die Schiebetüren wieder. Es herrschte Stille. Mugh hob die Hand und drückte den kleinen blauen Knopf, der neben ihm in die Wand eingelassen war. Summend setzte sich der Aufzug in Bewegung. Erst stieg er nur langsam, aber dann nahm er immer mehr Fahrt auf. In Mughs Magen begann es zu kribbeln. Das Gefühl breitete sich in seinem ganzen Körper aus, bis es ihn komplett erfasst hatte. Es kam ihm so vor, als würde er fallen. So hoch konnte der Turm doch gar nicht sein. Eigentlich hätte er in diesem Moment Angst bekommen müssen. Er bekam sonst immer so schnell Angst. Endlich wurde der Lift langsamer. Er verlor rasch an Fahrt und blieb schließlich stehen. Ein helles Klingeln ertönte und die Türen öffneten sich. Ohne weiter darüber nachzudenken, fast schon so, als ob jemand anderes die Kontrolle über seinen Körper übernommen hatte, verließ er mit schnellen Schritten die kleine Kabine und befand sich kurz darauf an einem anderen Ort.

Mugh stand inmitten eines kleinen Zimmers. Kahle, weiße Wände umgaben ihn. Zwei frisch gemachte Betten standen da. Die blaue Tür des Raums war geschlossen. Sie hatte keine Klinke. Durch das geöffnete Fenster schien die Sonne herein und tauchte den Raum in helles Licht. Ein Gitter war vor dem Fenster angebracht und es viel Mugh nicht schwer zu erkennen, dass er sich in einer Zelle befinden musste. Er wandte sich zur Tür, als er hinter sich eine Stimme hörte. „Wo willste denn hin, Kollege? Hier kann einer nich’ einfach geh’n, wenn er Lust dazu hat.“ Ruckartig drehte Mugh sich um. Eben noch waren die beiden Stühle an dem kleinen Tisch vor dem Fenster leer gewesen. Nun saß dort ein alter Mann. Vor ihm stand eine Flasche und seiner Stimme nach zu urteilen war er ziemlich betrunken. Er winkte Mugh heran. „Setz dich, Kollege. Wir ham’ was zu besprech’n.“ Er hob die Flasche an den Mund und trank. Krachend setzte er die Flasche danach wieder auf den Tisch und ein Hustenanfall schüttelte ihn. Zögernd ging Mugh auf den Mann zu. Schon nach wenigen Schritten schlug ihm die übel riechende Alkoholfahne entgegen. Widerstrebend setzte er sich zu ihm an den Tisch. Aus glasigen Augen starrte ihn sein Gegenüber wild an. Jetzt erst sah Mugh, wie ungepflegt und schmutzig der Mann wirklich war. Das lange Haar hing wirr vom Kopf herunter und er hatte sich bestimmt schon lange nicht mehr gewaschen. Der Gestank des Alkohols mischte sich mit dem Geruch von Schweiß zum einem unangenehmen Aroma des Verfalls. Die faltigen Mundwinkel hatte er hochgezogen und so wurde sein Gesicht zusätzlich durch ein irres Grinsen entstellt. „Jetzt habe ich dich endlich ganz für mich allein. Willst du auch einen Schluck? Das macht das Ganze vermutlich um einiges Einfacher für dich.“ Er bot Mugh die Flasche an, aber dieser lehnte ab. „Wer bist du?“ Mit einem Schlag war das Grinsen aus dem Gesicht des Alten verschwunden. „Was? Das kannst du dir nicht denken?“ Er schwieg kurz, so als ob er überlegen würde. Dann setzte er sich aufrecht hin, warf die langen, grauen Haare schwungvoll zurück und mit einer Stimme, die Mugh fast umwarf, sprach er donnernd: „Ich bin Solejier, der mächtige und rachsüchtige Herrscher. Vernichter der Völker und Herr des Wassers. Letzte Bastion vor der Einöde und Hüter der Schlüssel.“ Wie als hätte man ihm mit einem Mal den Strom abgedreht, fiel er nach diesen drei Sätzen wieder in sich zusammen, griff nach seiner Flasche und trank sie in einem Zug leer. Ein besorgter Ausdruck schlich sich auf sein Gesicht und mit einer Hand hielt er sich den Bauch. Dann, ohne Vorwarnung, drang ein lautes und an Widerlichkeit kaum zu übertreffendes Rülpsen aus seinem Mund. Das ganze Schauspiel hatte eine solche Komik inne, das Mugh sich nicht mehr halten konnte und prustend zu lachen begann. Glaubte er dem Alten auch schon fast, dass es sich bei ihm um Solejier handelte, so konnte er ihn doch mit im Mindesten ernst nehmen. Dies hatte sein Gegenüber in diesem Moment ebenfalls realisiert und mit einer schnellen Bewegung schwang er die Flasche über seine Schulter und warf sie nach Mugh. Sie flog knapp an ihm vorbei und zersprang klirrend an der Wand. Das Lachen erstarb. „Hör mir gut zu, Mensch! Mach dich nicht lustig über jenen, der dein Leben in seiner Hand hält. Es könnte sich für dich als ungünstig erweisen.“ Die blauen Augen des Alten blitzen ihn an. Für einen Moment trat Stille zwischen den beiden Männern ein. Der Alte lehnte sich langsam zurück und Mugh entspannte sich wieder. Als Solejier nun wieder zu sprechen begann, war in seiner Stimme keine Spur mehr von Betrunkenheit zu hören.

Im Gegensatz zu meiner Schwester werde ich nicht so viele Worte verlieren. Sie liebt die Sprache und hat einen Hang zum Melodramatischen. Man braucht sich nur ihre Behausung anzuschauen und denkt schon man ist in einem dieser altertümlichen Märchen. Die Vereinigung steht unmittelbar bevor und es gibt nicht mehr viel zu tun. Du musst nun eine Entscheidung treffen.“ Er hob die Hand, schnippte mit dem Finger und aus dem Nichts erschienen die Bilder von Kiro, Nadja, Martin und dem Stillen auf dem Tisch. Eins nach dem Anderen drehte er sie so, dass Mugh sie genau sehen konnte. Der hatte jedoch noch immer nicht verstanden. „Wähle einen, auf das der Rest voranschreiten kann.“ Der Schreck durchfuhr Mugh als er begriff, was von ihm verlangt wurde. Wie Schuppen fiel es ihm von den Augen. Ähnliches musste Nalataja von Kiro verlangt haben. Wut mischte sich mit Zorn und dem lähmenden Gefühl der Machtlosigkeit. In diesem Moment hätte er am liebsten die ganze Wut und Enttäuschung seines Lebens dem Wesen vor ihm entgegengeschleudert, doch gleichzeitig war ihm bewusst wie sinnlos das sein würde. Hier herrschten andere Mächte. Sie zu bekämpfen, ja gar zu besiegen, schien sinnlos und unmöglich. Fieberhaft überlegte er, wie er am besten vorgehen sollte. Noch während er so dasaß, schnippte Solejier ein zweites Mal und auf dem Tisch erschien eine Uhr. Es war ein kleiner, altmodischer Wecker. Er zeigte Viertel vor Sechs. Der Sekundenzeiger fehlte. Die ersten Minuten starrte Mugh nur auf die Uhr auf dem Tisch und beobachtete wie unter Hypnose den Minutenzeiger langsam vorwärts kriechen. Langsam dämmerte ihm die Erkenntnis, dass die Zeit knapp wurde. Die Entscheidung war jedoch nahezu unmöglich. Mugh war von jeher ein Menschenfreund gewesen. Es schien ihm undenkbar nun eine solche Entscheidung zu treffen, deren Endgültigkeit sicherlich unumstößlich war. Er wand sich und es war ihm eine Qual. Die Gesichter seiner Begleiter, die ihm zu Freunden geworden waren, tauchten immer wieder vor seinem geistigen Auge auf und schienen ihn zu verfolgen. Schweiß trat aus allen Poren und obwohl die Temperatur im Raum seit seiner Ankunft konstant geblieben war, fühlte er sich wie in einem Schwitzbad. Alles begann sich zu drehen und unbekannte Stimmen drangen auf ihn ein. Noch niemals war Mugh ein Freund von Entscheidungen gewesen. Er hatte solche Situationen immer gewusst zu vermeiden. Wie würde er jemals seiner Familie wieder unter die Augen treten können, mit dem Bewusstsein dieser Bürde? Ihn verschlang ein Strudel aus Angst, Verzweiflung und Hilflosigkeit. In der Ferne, ganz weit weg, konnte er jemanden lachen hören. Die Stimme kam ihm nicht unbekannt vor. Ein lautes Klingeln holte ihn in die Wirklichkeit zurück. Noch immer saß er an dem kleinen Tisch und vor ihm verharrte bewegungslos Solejier. Sein Blick fiel auf den Wecker und ein lähmender Schrecken durchfuhr alle seine Glieder.

Es ist vorbei. Die Wahl ist getroffen.“ Ein kühles Lächeln lag auf dem Gesicht des Alten. Seine Züge hatten sich entspannt. Mugh wollte noch etwas erwidern und suchte nach Worten, aber da hatte der Alte schon wieder mit den Fingern geschnippt. Alles um Mugh herum wurde dunkel und er fühlte sich mit einem Mal völlig schwerelos. Dann war er wieder in dem engen Lift. Die Türen öffneten sich und er stieg ein zweites Mal aus. Eisiger Wind wehte ihm entgegen, als er die Spitze des Turms betrat. Über ihm zogen die dichten Wolken dahin und der Himmel hatte sich deutlich verfinstert. Er stand auf einer flachen, vollkommen geraden Plattform. An ihrem Rand fiel sie senkrecht ab. Es wirkte fast so, als ob jemand den Turm kurz vor seinem Ende einfach abgeschnitten hätte. Der Wind blies laut in seine Ohren. Mugh drehte sich um und sah gerade noch, wie die Kabine des Lifts wieder im Boden verschwand. Hier oben gab es kein Geländer und der Wind zerrte an seinen weiten Kleidern. Mugh hatte versagt, dieser Gedanke erfüllte sein gesamtes Bewusstsein. Er würde seinen Freunden nicht mehr gegenüber treten können. Hier, auf der Spitze des Turms endete nun seine Reise. Auf eine Weise war ihm nach Weinen zumute, aber dann auch wieder nicht. Bald würde er erlöst sein von der endlosen Qual der Sinnlosigkeit. Mugh blickte auf den Boden. Eine schmale, runde Fuge im Boden zeigte ihm die Stelle, an welcher der Lift im Boden verschwunden war. Daneben befand sich eine kleine Vertiefung. Zwei winzige Knöpfe waren hier in den Boden eingelassen. Mugh wusste genau, was er zu tun hatte. Er würde nicht feige sein und sich davon machen. Nein. Seine letzte Handlung würde er mit Stolz ausführen und damit seinen Freunden die Rettung ermöglichen. Einen Zentimeter über dem kleinen, schwarzen Knopf verharrte sein Finger. Er zögerte. Was würde nach dieser Existenz kommen? War da noch mehr?

Er würde es nun bald wissen. Mit einer schnellen Bewegung drückte er den Knopf tief hinein. Die Spannung durchfloss seinen Körper, als sich die Spitze des Turms nun langsam begann mit Elektrizität aufzuladen. Gleichzeitig wurden die Wolken noch einmal dichter und dunkler. Bald war es fast wie in der Nacht. Erste, kleine Blitze zuckten am Himmel. Der Boden unter Mugh schimmerte leicht bläulich. Längst hatte er begriffen welches Schicksal ihn ereilen würde. Ruhe überkam ihn und er schloss die Augen. Der Wind blies ihm ins Gesicht und die ersten Regentropfen begannen zu fallen. Er dachte an seine Familie und das gab ihm Kraft. Als der erste Blitz in die Spitze des Turms schlug, ging er direkt durch seinen Körper und tötete ihn innerhalb von Sekundenbruchteilen. Er spürte Nichts. Kein Schmerz mehr und kein Leiden. Mugh nahm einen anderen Weg, als viele vor ihm. Eine Kraft, die weitaus größer war, als Solejier oder Nalataja nahm ihn auf und trug sein Bewusstsein auf mächtigen Schwingen davon. Zwanzig Sekunden später schlug Mughs verkohlte Leiche brennend am Fuße des Turms auf. Der Aufprall war so laut, dass seine Gefährten im Inneren es hörten und langsam aus ihrem tiefen Schlaf erwachten. Der Anfang vom Ende hatte begonnen.


Die Gewalt des Gewitters, das um den Turm herum tobte, war unbeschreiblich. Im Sekundentakt schlugen die Blitze in den Turm ein und luden ihn immer weiter auf. Krachend grollte der Donner über die Hochebene. Martin war zuerst erwacht. Er weckte den Stillen und den Jungen und erst dann merkte er, dass Mugh fehlte. Die Türen des Lifts waren jedoch verschlossen. Ein Geräusch vor dem Turm hatte ihn geweckt, aber als er draußen nachsehen wollte, fand er die Tür verschlossen. Das Licht begann zu schwinden, wie als wenn jemand langsam die Energie abdrehen würde. Angst breitete sich aus, als sie sich bald kaum mehr gegenseitig erkennen konnten. Martin hatte ein ungutes Gefühl. Was war geschehen, während sie geschlafen hatten? In den Früchten musste etwas gewesen sein. Fragen über Fragen und keine einzige Antwort. Während das letzte Licht wich und es völlig dunkel wurde, fassten sich die drei verbliebenen Gefährten an den Händen und bildeten einen Kreis. Niemand sprach ein Wort. Es gab auch eigentlich nichts mehr zu sagen. Sie schlossen die Augen und warteten ab. Es dauerte lange, bis das Gewitter schwächer wurde, aber endlich war es wieder vollkommen still. Die Dunkelheit dauerte an. Martin spürte das leichte Kribbeln zuerst an seinen Fußspitzen und dann stieg es langsam höher. Es war ein seltsames und ungewohntes Gefühl, jedoch nicht unangenehm. Der Prozess des Aufsteigens hatte begonnnen. Die letzte Ebene erwartete sie bereits.


Schattenspiele


Der Schatten war abgelenkt. Einer seiner Feinde war vernichtet worden. Eigentlich hätte er erwartet mitzubekommen, was passiert war, jedoch war dem nicht so. Jemand, oder besser gesagt etwas, hatte Mugh mit sich genommen. Er war nun an einem Ort, zu dem der Schatten keinerlei Zugang hatte. Er hatte sich schon so viele Gedanken gemacht, wie er den kleinen dicken Händler hatte quälen wollen. Das würde ihm wohl jetzt verwehrt bleiben. Nun gut, dachte er sich, es gab noch weitaus interessantere Charaktere. Immerhin hatten sie den alten Mechanismus des Turmes in Bewegung setzten können. Die hohe Nadel war tatsächlich nicht viel mehr als ein riesiger Transporter. Erbaut vor langer Zeit und eigentlich nur noch Überrest einer toten Kultur. Seine abgelegene Position hatte ihn weitgehend vom Verfall geschützt. Diese letzte Aktivierung würde trotzdem seine letzte sein. Kurz nachdem Martin und der Stillen mit dem Jungen zur letzten Ebene aufgestiegen war, schmorten die gigantischen Energiespulen unter der Basis des Turms allesamt durch. Die Unmengen an Energie, die sie speichern mussten, waren nach so langer Zeit der Inaktivität zuviel für die alten Maschinen gewesen. Niemals wieder würde jemand diesen Weg benutzen können. In gewisser Weise hatte der Schatten gehofft, selbst noch einmal auf diese Weise das Schlachtfeld betreten zu können, aber jetzt würde er warten müssen, bis ihn jemand dorthin hinauf zog. Derweil trieb er weiter seinen Schabernack mit den beiden Schachspielern, die ihm soviel näher waren, als alles andere. Schwarzer Läufer von G-Fünf nach H-Vier. Schach!


Ebetaminor


52


Sie hatten die Anweisungen des Malers genau befolgt. Durch endlose Flure und Treppenhäuser drangen sie immer tiefer in den gigantischen Komplex vor. Überall hörten sie Stimmen hinter den blauen Türen. Stockwerk um Stockwerk stiegen sie hinauf. Hinter einer der Türen hörten sie etwas klirren. Offenbar war ein Glas zu Bruch gegangen. Eine laute Stimme sprach. Dreimal die 9 stand auf der Tür. Nadja und Kiro gingen schnell weiter. An keiner der Türen verharrten sie. Endlich standen sie in einem Flur, der keine Tür mehr hatte. Nur noch an seinem Ende, ganz hinten, konnten sie eine große Holztür erkennen. Sie waren am Ziel. Wie in Trance wandelten sie durch diesen letzten Flur, den Blick stets auf die Tür gerichtet, die immer näher kam. Schließlich langten sie an. Auf einem kleinen, schlichten Schildchen stand dort nur das Wort „Direktor“. Nadja und Kiro verharrten einige Minuten bewegungslos vor der Tür. Keiner von ihnen wusste etwas zu sagen. Der Ort an sich hatte schon etwas Geheimnisvolles. Das helle Holz strahlte Wärme aus und wirkte durchaus einladend. Endlich hob Kiro seine Hand und klopfe. Ein paar Sekunden lang tat sich nichts, aber dann hörte sie gedämpft, wie sie hereingerufen wurden. Das Herz klopfte beiden bis zum Hals, als Kiro die schwere Klinke herunterdrückte und die Tür aufschwang. Sie traten über die Schwelle und fanden sich in einem geräumigen Büro wieder. Lange Holzregale an den Wänden enthielten hunderte von Büchern. Ein weinroter Teppich bedeckte den Boden und vor drei großen Fenstern gegenüber der Tür stand ein großer Schreibtisch. Hinter ihm saß jemand in einem hohen Stuhl, hatte ihnen jedoch den Rücken zugedreht. „Kommt nur herüber. Ich beiße nicht.“ Ein leises Lachen folgte. Die Stimme kam Nadja bekannt vor, doch noch wusste sie nicht, wo sie diese einzuordnen hatte. Der dicke Teppich verschluckte ihre Schritte, als sie sich dem Schreibtisch nun langsam näherten. Eine Standuhr tickte träge neben einem der Regale. Die Fenster waren geschlossen und so entfaltete der Duft nach altem Holz und Büchern in diesem Raum sein volles Aroma.

Der Schreibtisch war leer. Aktenablagen aus verschnörkeltem Metall standen ordentlich aufeinander. In einem Kasten lagen einige Stifte und eine Tasse stand einsah herum, aber kein einziges Blatt Papier war zu sehen. Kiro, der in der Vergangenheit schon so manche Berührung mit Bürokratie und Behörden gehabt hatte, kam dies alles höchst seltsam vor. Kritisch ließ er seinen Blick durch den Raum schweifen. Auf einem Messingschildchen, nicht unähnlich dem an der Tür, stand hier ein Name. „E. B. E. Taminor“ Kiro brauchte einen Moment um das Spiel mit den Buchstaben zu durchschauen, aber als er es verstand schlich sich ein Grinsen auf sein Gesicht. „Einen Sinn für Humor habt ihr irgendwie alle. Nicht wahr?“ Die Provokation in seiner Stimme war deutlich herauszuhören, aber der, an den sie gerichtet war, reagierte darauf nicht. Beide sahen sie nur einen dunklen Schopf, der über die hohe Lehne des Bürostuhls hinausragte. Während Nadja noch überlegte, was sie sagen sollte, begann sich der Stuhl zu drehen und einen Augenblick später sahen sie jenen Ebetaminor von Angesicht zu Angesicht. Alles andere hätte Kiro erwartet, jedoch nicht die Person, die jetzt vor ihnen saß. Dunkles, volles Haar krönte Ebetaminors wohlgeformten Kopf und aus braunen Augen blickte sie ein Mann an, der kaum viel älter als sie selbst sein konnte. Ein Lächeln umspielte seinen Mund und Nadja konnte keine einzige Falte auf seinem jugendlichen Gesicht ausmachen. Er trug einen einfachen, schwarzen Anzug und ein schlichtes, weißes Hemd. Auf eine Weise erinnerte er Nadja an einen Sargträger, den sie irgendwo einmal gesehen hatte.

Nun seid ihr also endlich angekommen…“ Er lehnte sich in seinem Stuhl zurück. „Ich hatte die Ehre euren Weg bis zu mir verfolgen zu dürfen. Meinen Respekt habt ihr euch in der Tat verdient. So wie der Schatten von euch zweimal besiegt wurde, habe ich ihn noch niemals versagen sehen. Möglichweise ist es euch ja entgangen, aber jene Entität ist ein überaus mächtiges Wesen. Sicherlich wisst ihr, dass er sich längst zu einem finalen Schlag gegen euch rüstet.“ Er machte eine kurze Pause, wie als wenn er die Reaktion von Nadja und Kiro abwarten würde. Als diese jedoch ausblieb, fuhr er fort. Unterschwellig registrierte Nadja einen Sekundenbruchteil der Verwirrung in seinen dunklen Augen. Dieser kurze Moment verriet ihr viel. Ebetaminor war offenbar nicht umfassend informiert. „Euer Aufstieg zur letzten Ebene steht bevor. Dort werdet ihr eure verbliebenen Freunde treffen.“ Bei diesem Satz durchzuckte Kiro ein scharfer Schmerz. Welche seiner Freunde würde er überhaupt noch wieder sehen? Ebetaminor sprach weiter. „Auf jener Ebene von Klyth werdet ihr das letzte Gefecht schlagen, jedoch bedürft ihr noch einiger Informationen, bevor ich euch dorthin entlassen kann. Unter euch ist ein Verräter.“ Er nickte Kiro zu. „Du hast ihn bereits als jenen kleinen Jungen kennen gelernt, den ihr im Schnee gefunden habt. Dort ist er bewusst platziert worden um euch zu infiltrieren. Er hat seit jenem Zeitpunkt die Kontrolle über das Wesen das ihr den „Stillen“ nennt. Dieser ist gar mächtig. Die Quelle hat dies erkannt und um das Gleichgewicht zu wahren, wurde seine Macht zeitweise gebunden. Jedoch ist nun eine Veränderung eingetreten, die wir alle nicht erwartet oder vorausgesehen haben. Weshalb auch immer…“ Er räusperte sich und rollte mit dem Stuhl ein Stück nach vorne. „Das Wesen im Körper dieses Jungen ist verwirrt und seine Verbindung zur Quelle ist abgerissen. Er hat beschlossen, die Dinge selbst in die Hand zu nehmen. Dies ist jedoch nicht in unserem Interesse. Ich gebe zu, es ist ein Akt des Vertrauens, den ich von euch verlange, aber nur so werdet ihr letztendlich jenen vierten von uns und damit das Ende eurer Reise erreichen können. Der Name des Wesens ist Gabriel und sein Geist ist schwach. Seine Rolle hatte von Anfang an keine große Bedeutung, jedoch könnte er nun zum Zünglein an der Waage werden.“ Ebetaminor lehnte sich etwas vor und blickte Nadja und Kiro durchdringend an. „Worum ich euch bitte ist lediglich, dass ihr ihn genau beobachtet. Ihr müsst dabei mit äußerster Vorsicht vorgehen, da sich Gabriel den übersensiblen Sinnen seines Wirtes bedient. Der kleinste Fehler eurerseits könnte eine unvorhersehbare Reaktion provozieren. Ich hoffe, dass euch der Ernst der Lage bewusst ist. Dort, auf der Ebene von Klyth, seid ihr vollkommen auf euch allein gestellt. Keiner der vier Wächter hat dort Macht. Es regiert das blanke Chaos. Ich werde euch in meinem eigenen Interesse mit ein paar Dingen ausrüsten, die sicher hilfreich sein werden, aber mehr kann ich nicht tun. Es gibt dort keine Nacht. Ihr müsste die Ebene überqueren so schnell ihr könnt. Die Zeit ist bereits äußerst knapp.“

Wieder schien Ebetaminor kurz zu zögern. „Einen Hinweis gebe ich euch noch. Das Wesen, das ihr den „Stillen“ nennt, ist kostbar. Sein Name ist Michael. Gleichsam verwundbar wie mächtig, müsst ihr es schützen. Er wird eure einzige Verteidigung sein, wenn ihr die letzte Festung betretet. Er ist der Schlüssel zur Zitadelle.“ Kiro, der unzählige Fragen hatte, wollte schon etwas sagen, aber Ebetaminor hob die Hand. „Die Zeit ist zu knapp und ich bin nicht imstande euch mehr zu sagen, als ich es bereits getan habe.“ Er stand auf. „Kommt jetzt mit mir und ich werde euch ausrüsten für das, was vor euch liegt. Mögen Weisheit und ein schneller Finger mit euch sein.“ Ebetaminor zwinkerte Nadja zu und ging um den Schreibtisch herum. Mit wenigen Schritten war er an einem der Bücherregale und zog eines der Bücher ein Stück heraus. Sofort schwang das nebenan stehende Regal nach außen auf und gab eine Öffnung in der Wand frei. Kiro atmete scharf ein. Geheime Türen lösten bei ihm inzwischen ein gewisses Unbehagen aus. Eine Treppe führte hinter dem gemauerten Torbogen abwärts. „Folgt mir und beeilt euch.“ Schon war er verschwunden und Kiro hörte nur noch seine Schritte auf der Treppe. Ohne weiter zu überlegen folgten sie jener seltsamen Erscheinung, hinab ins Dunkel.

Die enge Wendeltreppe schlang sich drei oder vier Windungen hinunter, bevor sie durch einen kurzen Durchgang eine kleine Halle betraten. Helle Leuchtstoffröhren an der Decke erhellten den Raum bis in den letzten Winkel. Kiro blieb wie angewurzelt stehen, als er sah was sich alles hier unten befand und Nadja war nicht weniger überrascht. An den Wänden befanden sich eng nebeneinander viele Metallregale, auf denen das Waffenarsenal für einen kleinen Krieg lag. Kiro kannte einige dieser Waffen von Bildern, andere jedoch waren ihm gänzlich unbekannt. Alle hatten gemein, dass es primitive Schusswaffen waren. Langsam ging er von Regal zu Regal und kam aus dem Staunen bald nicht mehr heraus. Es gab Schnellfeuerwaffen, Handfeuerwaffen, kleine Raketenwerfer und Granaten in allen Größen und Variationen. Ein ganzes Regal war allen Arten von Minen vorbehalten und sogar Messer war vorrätig. In der Mitte des Raumes stand ein kleiner, alter Armeelaster, der aus ähnlichen Zeiten zu stammen schien wie das übrige Gerät. „Gefällt euch, was ihr seht?“ Kiro drehte sich um zu Ebetaminor, der immer noch am Eingang stand und ihn schräg ansah. „Was sollen wir damit?“ Kiro konnte die Fassungslosigkeit in seiner Stimme kaum verbergen. „Krieg führen natürlich. Oder denkt ihr, dass man euch einfach so passieren lassen wird.“ Er deutete mit dem Finger nach oben. „Auf der Ebene von Klyth herrscht Krieg. Schon immer war es so und so wird es bleiben. Ich schlage euch vor, dass ihr so viel einladet, wie in den Karren reinpasst und euch dann so schnell wie möglich aus dem Staub macht.“ Er drückte auf einen Knopf neben der Tür und die Wand vor dem Kleinlaster hob sich knirschend nach oben. Offenbar befanden sie sich in einer Art Garage. Der Wind kam herein und wehte Blätter in die kleine Halle. Ebetaminor hob die Hand und wandte sich zum Gehen. „Viel Glück.“ Kurz darauf war er verschwunden. Nadja und Kiro waren allein. „Das ist Wahnsinn!“ Nadja sah Kiro aus riesigen Augen an. Kiro antwortete nicht sofort. Er dachte nach. „Das werden wir wohl bald herausfinden.“ Er ließ Nadja stehen und ging zum Heck des Lasters. Die dunkelgrüne Plane war nach oben gebunden und Kiro schwang sich behände auf die leere Ladefläche. Hier oben war tatsächlich reichlich Platz.


Die nächsten Stunden verbrachten sie mit dem Einladen der Waffen. Kiro versuchte eine sinnvolle Mischung zu erzeugen und auch die reichlichen Munitionsvorräte vergaßen sie nicht mitzunehmen. In der Ecke standen noch einige Reservekanister, die bis zum Rand mit Treibstoff gefüllt waren. Sie nahmen alle mit. Nadja hatte ihren anfänglichen Widerstand die Waffen anzufassen schnell aufgegeben und das Tageslicht begann schon zu schwinden, als sie endlich fertig waren. Kiro half Nadja in das hohe Fahrerhaus hinein und schwang sich dann selbst auf den Fahrersitz. Wie er erwartet hatte, steckte der Zündschlüssel. Ein kleiner Notizzettel war mittig auf das Lenkrad geklebt. Ebetaminor wünschte ihnen damit noch eine gute Reise und eine sichere Fahrt. Grinsend knüllte Kiro den Zettel zusammen und warf ihn aus dem Fenster. Er ließ den Motor an, der sofort startete und sah zu Nadja hinüber. Sie wirkte ein wenig bleich, aber ihr Händedruck war fest und bestätigte ihm, dass sie voll und ganz dabei war. Sie hatten zwei Maschinenpistolen mit ins Fahrerhaus genommen. Man konnte nie wissen, wann das Spektakel losgehen würde. Über die betonierten Wege lenkte Kiro den Laster sicher dem Tor entgegen. Was sie erwarten würde war ungewiss. In jedem Fall waren sie jedoch gerüstet. Die großen Stahltore des Gefängnisses lagen nun vor ihnen. Dahinter war nichts mehr. Nur helles Sonnenlicht kam ihnen entgegen. Nadja öffnete den Mund um etwas zu sagen, doch Kiro steigerte das Tempo noch weiter und in voller Fahrt rasten sie hindurch und waren kurz darauf wieder an einem anderen Ort. Diesmal jedoch, würde sie nicht mehr alleine sein.


Schattenspiele


Der Schatten verstand Schach nicht. Trotzdem war er für einen Moment fasziniert gewesen vom Spiel der beiden Kontrahenten und wie sehr sie darin vertieft waren. Es ging nun wohl in die Endphase. So wie alles andere würde auch dieser Kampf bald beendet sein und der Sieger feststehen. Seine Angriffe auf die beiden Männer hatten bisher noch nicht den gewünschten Erfolg erzielen können und daher steigerte er noch einmal den Terror seiner Diener. Früher oder später würde es zu Ende gehen. Jetzt waren seine Gegner alle auf der einen Ebene versammelt und der finale Akt konnte beginnen. Noch ein letztes Mal würde sich der Vorhang lüften und die Bühne freigeben für das Schauspiel welches so ultimativ war, dass die Aufregung immer stärker in ihm emporstieg. Der ältere Spieler konnte sich nicht entscheiden. Er war noch nicht bereit für ein Opfer. Er hatte zwei Möglichkeiten. Beide sahen jedoch wenig berauschend aus. Das erste Mal kam ihm der Gedanke, dass er möglicherweise verlieren könnte. War es das, worauf alles hinauslief? War es nötig zu verlieren? Sollte er aufgeben? Kopfschmerzen begannen in seinem Schädel zu rumoren und er rieb sich die Schläfen. Dieses Spiel dauerte schon viel zu lange. König von E-Eins nach D-Zwei.


Klyth


53


In dem Moment, als Nadja und Kiro durch das Tor fuhren, gelangten sie auf die rote Ebene. Einen Augenblick lang kam es Nadja so vor, als ob sie sich an zwei Orten gleichzeitig befinden würde. Das Gefühl war unangenehm, wich aber in der Sekunde, als sie mit den Rädern auf dem sandigen Boden aufsetzten und das Fahrzeug kurz schlingerte. Kiro hingegen war einen Moment lang völlig überwältigt, als er jenen Ort erblickte, von dem er bereits so oft schon geträumt hatte. Der Moment der Erkenntnis war kurz und doch auf eine Weise schmerzhaft. Vor ihnen erstreckte sich nichts als endloses, flaches Land. Schwach wirbelte der Wind Staub in die Luft. Zwei Sonnen standen am Himmel. Schwach war die Straße im Sand zu erkennen, die ohne jede Biegung geradeaus lief. Einige hundert Meter vor ihnen standen drei Personen mitten auf dem Weg. Kiro bremste, während sie langsam näher kamen und schließlich blieb er kurz vor Martin, dem Stillen und dem Jungen stehen. Sprachlos und unfähig sich zu bewegen starrten sie einander an. Langsam fand Kiros Hand den Weg zum Zündschlüssel und das Geräusch des Motors erstarb. Wie im Traum stiegen sie aus und gingen auf die drei zu. Die sie ebenfalls ungläubig anstarrten.

Die Wiedervereinigung selbst lief still ab. Weinend lagen sie sich in den Armen und noch wusste keiner wirklich etwas zu sagen. Eigentlich wäre da so viel gewesen, aber in diesem Moment schien es so bedeutungslos zu sein. Sie waren wieder beisammen und das zählte. Die Wenigen die übrig geblieben waren. Nach einer Weile stiegen sie alle gemeinsam in den Laster. Als Martin die Waffen sah, konnte er seine Verwunderung kaum verbergen und stieg erst ein, als Kiro ihm eine Erklärung versprach. Die nächsten Stunden waren sie nonstop unterwegs und hielten nur an, um sich beim Fahren abzuwechseln. Das anfängliche Schweigen wurde schnell gebrochen und bald schon erzählten sie sich gegenseitig die Dinge, die sie seit ihrer Trennung bei Nalataja erlebt hatten. Martin wollte unbedingt wissen, wie Kiro Nadja hatte retten können und sogar der Stille war neugierig was ihnen widerfahren war. Die Gesichter wurden ernster, als Kiro von ihrer Begegnung mit dem Schatten erzählte und Martin war skeptisch, als Kiro meinte dass sie hier eine Weile vor ihm sicher sein würden. Nach und nach trugen sie ihr Wissen zusammen und Stück für Stück fügten sich die Teile des Rätsels zusammen. Ihnen fehlten nach wie vor noch viele Informationen, jedoch wurde das Bild immer klarer.


Ein paar Stunden später erfolgte der erste Angriff. Noch bevor sie irgendetwas sehen konnten, hörten sie das Geschrei. Kiro kannte dieses durchdringende Geräusch bereits. Es hörte sich fast genauso an, wie das Gebrüll ihrer Verfolger kurz bevor sie den Turm Ebetaminors erreicht hatten.

Bald darauf tauchten die ersten Angreifer auf. In Lumpen gehüllte, dunkle Gestalten rannten auf sie zu. Sie schwangen wild Keulen und Knüppel und waren so schnell, dass ihre Beine in Staubwolken verschwanden. In einer Gruppe von etwa zwei Dutzend kamen sie so immer näher. Jedoch war es in diesem Moment Martin, der sie alle noch viel mehr überraschte. Bevor Nadja oder der Stille reagieren konnten, hatte er das Fenster gesenkt und sich eine der Waffen geschnappt. Er legte an, wartete kurz und als die Gestalten auf etwa fünfzig Meter herangekommen waren, begann er zu schießen. Das trockene Knallen der halbautomatischen Waffe wurde in der Fahrerkabine vielfach verstärkt, sodass sie sich die Ohren zuhalten mussten. Kiro erschrak sich im ersten Moment so, dass er das Lenkrad ein wenig verriss und der Laster einen kleinen Bogen fuhr.

Martin feuerte beide Magazine leer und als der letzte Schuss gefallen war, lag wieder Stille über der Ebene. Er hatte jeden der Angreifer erwischt. Als kleine, dunkle Haufen lagen sie im Staub. Noch bevor irgendjemand etwas sagen und der allgemeinen Verblüffung Ausdruck verleihen konnte, hob Martin seine Waffe hoch und betrachtete sie nickend. „Habt ihr davon noch mehr?“ Das war dann doch zuviel und einer nach dem anderen, angefangen bei Kiro, brachen sie in schallendes Gelächter aus.

Ein paar Minuten später hielt Kiro an. Jeder nutzte die Gelegenheit um sich etwas die Beine zu vertreten und Kiro zeigte Martin, was sie hinten auf der Ladefläche alles hatten. Der kam aus dem Staunen fast nicht mehr heraus. Eine Waffe nach der anderen nahm er in die Hand und untersuchte sie akribisch. „Das reicht wirklich für einen Krieg.“ Für die nächste halbe Stunde war dies sein einziger Kommentar. Kiro ließ ihn allein und sprang wieder von der Ladefläche hinunter. Das gleißende Licht der Sonnen, das ihm entgegenkam, blendete ihn im ersten Moment, sodass er der Augen zu schmalen Schlitzen zusammenkneifen musste. Nadja stand ein Stück abseits und blickte in die Ferne. Der Wind ließ ihre langen, dunklen Haare tanzen. Kiro beobachtete sie einen Moment und ging dann zu ihr. „Auf eine Weise ist sie schön.“ „Wen meinst du.“ Kiro war sich nicht sicher, wovon Nadja sprach. „Die Landschaft. Hier ist weit und breit nichts. Nur der Wind, die Sonnen und der Staub.“ Sie bückte sich, und hob etwas von dem rötlichen Sand auf. Langsam ließ sie ihn durch ihre Finger gleiten und der Wind trug Korn für Korn davon. Nur ein paar glitzernde Reste blieben auf ihrer Handfläche zurück. „Dazu werden wir auch einmal werden. Staub im Wind. Man wird sich nicht mehr an uns erinnern. Manchmal ist der Gedanke daran grausam, dass alles vergänglich ist und wir dazu verdammt sind zu sterben. Asche zu Asche…“ Nadja biss sich auf die Lippen, weil sie spürte, wie Traurigkeit in ihr aufzusteigen begann. Kiro schloss sie fest in seine Arme. Sie schlossen beide die Augen und ließen sich vom Wind streicheln. „Stell dir vor, du wärst am Meer. Hörst du das Meer rauschen und die Vögel schreien? Der Himmel ist blau und nur ein paar Wolken ziehen darüber hinweg.“ Nadja seufzte. „Blauer Himmel. Glaubst du, dass wir ihn je wieder sehen werden?“ Kiro nickte. „Ganz bestimmt werden wir den blauen Himmel wieder sehen. Ob in dieser Welt oder einer anderen. Denn eine Sache ist gewiss…“ Eine kurze Pause entstand. „Es gibt andere Welten als diese.“ Sie schwiegen wieder. Beide hatten eine Ahnung, dass dies vielleicht das letzte Mal sein würde, dass sie einen solchen Moment zu zwei genießen könnten. Als Martin sie rief, war es fast schmerzhaft, dass der Moment schon zu Ende war. Hand in Hand gingen sie zurück.

Martin hatte das Steuer übernommen, nachdem er Nadja, Kiro und dem Stillen kurz vor ihrer Abfahrt eine kurze Einweisung in verschiedene Waffen gegeben hatte. Außer Kiro, hatte keiner von ihnen schon erwähnenswerte Erfahrungen mit Waffen gemacht. Das Gewicht der Waffe war zwar enorm, besonders für Nadja, aber die Durchschlagskraft ganz immens. Mit einem Stück Holz von einer der Munitionskisten übten sie das Zielschießen. Der Stille bewies dabei eine ganz außerordentlich gute Treffsicherheit. Nadja und Kiro wechselten hinter seinem Rücken besorgte Blicke. Ihre eigenen Leistungen waren gut, kamen jedoch nicht an die des Stillen heran. Kiro und Nadja versuchten ein wenig zu schlafen, während der Stille mit dem Junge am Fenster Wache hielt. Das stetige Rumpeln des Lasters wirkte ermüdend und da seit einer Weile niemand mehr etwas gesagt hatte, waren sie bald eingeschlafen.


Nadja träumte. Sie war wieder zu Hause auf Pinor-Prime und stand an der Haltestelle, von der aus sie jeden Morgen zur Arbeit gefahren war. Die Straßen waren gefüllt mit lärmenden Menschen, und eine Vielzahl von Geräuschen stürzte von allen Seiten auf sie ein. Erst jetzt wurde ihr bewusst, wie laut und schnell hier alles war. Unwillkürlich hielt sie sich die Ohren zu, doch der Lärm wurde nur unbedeutend leiser. Sie betrachtete die Menschen, die neben ihr standen. Ihre Gesichter waren farblos und wirkten erschreckend leer. Niemand hier schien fröhlich zu sein.

Nadja blickte an sich herunter und stellte fest, dass sie noch immer ihre Kleidung von Eschnak trug. Keiner schien es zu bemerken. Dann kam der Bus. Die Massen drängen hinein und schoben Nadja mit sich in das enge Gefährt. Es war kein Platz mehr frei und so musste sie ganz vorne stehen und sich an einer der Stangen festklammern. Die Tür schloss sich rumpelnd und der Bus setzte sich ruckartig in Bewegung. Draußen begannen die Straßen immer schnell vorbeizurasen. Mehrmals musste der Bus halten und Nadja beobachtete fasziniert das Treiben. Hatte sie dieses Leben anfangs vermisse und es sich so sehr zurückgewünscht, spürte und sah sie jetzt, wie leer und ohne Sinn es doch war. Die Menschen wussten nicht wofür sie lebten, wofür sie arbeiteten und warum sie überhaupt da waren. Der Sinn war verloren gegangen, doch schon vor sehr langer Zeit. Und das Schlimmste daran war, das sich eigentlich jeder einzelne dieser Tatsache tief in seinem Inneren bewusst war. Getrieben von Angst und Mutlosigkeit, brachte niemand die Kraft auf, aus dem Kreislauf der Sinnlosigkeit auszubrechen. „Sie suchen nach dem Sinn, nicht wahr?“ Nadja drehte sich zur Seite um zu sehen, wer gesprochen hatte. Der Fahrer lächelte sie an und sprach weiter. „Sie suchen den Sinn des Ganzen und warum sie genau dort sind, wo sie sich gerade befinden, oder?“ Nadja verstand noch immer nicht, was ihr der Mann sagen wollte. „Es ist schwer, ich weiß. Aber vielleicht sehen sie es einfach als ihre Möglichkeit etwas zu verändern. So können sie vielleicht mit ihrer Existenz einen bleibenden Unterschied machen. Jemand hat ihnen etwas zugetraut, wozu nicht jeder die Chance bekommt. Ihr innerer Widerstand hindert sie daran das ganze Bild zu betrachten.“ Der Bus fuhr um eine Kurve und Nadja verstärkte ihren Griff. „Lassen sie los und gehen sie ein paar Schritte zurück. Dann wird ihnen klar werden, wo der Sinn liegt und was ihre Bestimmung ist.“ Aus der Ferne hörte Nadja ein Geräusch. Es klang wie die Fehlzündung eines Motors. Der Fahrer beugte sich zu ihr hinüber. „Und denke immer daran, liebe Nadja. Es gibt immer mehr als einen Weg.“ Er zwinkerte ihr zu und im nächsten Augenblick kam der Bus abrupt zum Stehen. Die Menschen drückten aus dem Bus und rissen Nadja mit sich. Sie versuchte sich festzuhalten, aber verlor doch den Halt und stürzte. Füße traten auf sie, es wurde dunkel und Nadja wachte auf.


Das Hämmern des Maschinengewehrs hatte sie geweckt. Kiro war ebenfalls aufgewacht und blickte neugierig aus dem Fenster. Gerade verstummte die Waffe und der Stille lehnte sich wieder in das Fahrzeug. „Diesmal waren es deutlich mehr und ich habe auch das Gefühl, dass sie stärker werden.“ Martin, der noch immer am Steuer saß, nickte ihm anerkennend zu. „Gut geschossen, mein Freund. Dich würden sie mit Sicherheit bei den Streitkräften aufnehmen.“ Er grinste den Stillen an, aber dieser blickte noch immer zum Horizont. „Es werden noch mehr kommen…“ Mit einer kurzen Handbewegung warf er das leere Magazin aus dem Fenster und lud nach. Wie spät es war, konnte niemand sagen. Die Sonnen hielten ihre Position direkt in ihrem Rücken und so schien die Zeit stehen geblieben zu sein. Einzig der Kilometerzähler des Lasters vermittelte ihnen einen groben Wert der zurückgelegten Entfernung. „Da vorne ist irgendwas.“ Martin zeigte zum Horizont, an dem sich die rote Ebene mit dem Grau des Himmels mischte. Nadja und Kiro suchten die dünne Linie ab und tatsächlich konnten sie dort undeutlich etwas erkennen. „Ist es wieder ein Angriff?“ Noch konnte Nadja nichts Genaues erkennen. Martin wartete einen Moment, bevor er antwortete. „Ich denke nicht. Es scheint sich nicht zu bewegen.“ Sie kamen dem Objekt immer näher und als sie nur noch ein paar Kilometer davon entfernt waren, lehnte sich der Stille wieder aus dem Fenster. Bereit, alles zu erschießen, was sich ihnen in böser Absicht nähern wollte.

Ihre Vorsicht erwies sich jedoch als unbegründet. Was da vor ihnen ganz einsam am Rand des Weges stand, war ein alter, abgestorbener Baum. Seine toten Äste ragten wirr in den Himmel und neigten sich wie eine Hand mit dürren Fingern über die Straße. „Halt an!“ Kiro hatte etwas gesehen und das wollte er sich genauer anschauen. Einige Meter vor dem Baum stoppte Martin das Fahrzeug und ließ Kiro aussteigen. Martin wollte ihm folgen, aber Kiro bat ihn im Wagen zu warten. Der Stille lag noch immer mit seiner Waffe im Anschlag auf der Lauer, als ob er der Ruhe nicht trauen würde. Kiro ging auf den Baum zu. Nadja folgte ihm mit einigen Metern Abstand. Etwas Weißes flatterte an der Rinde des Baumes im Wind. Jemand hatte hier eine Nachricht hinterlassen und Kiro zweifelte nicht daran, für wen sie bestimmt war. Mit einem in der Sonne blitzenden Messer war ein Fetzen Papier an den Baum geheftet worden. In kleiner Schrift standen ein paar wenige Worte darauf. Frisches Blut war vom Messer auf das Papier getropft und hatte es gerötet. Mit trockenem Mund las Kiro die Nachricht vor:


Willkommen in der Hölle,


Ihr habt es also geschafft. Wenigstens ein Paar von euch leben noch, wenn ihr das hier lest, aber freut euch nicht zu früh. Dem wird auf jeden Fall Abhilfe verschafft werden. Was ihr bisher gesehen habt, war nur der Anfang. Jetzt geht der Spaß erst richtig los.


Euer Freund und Helfer


Der kurze Brief war nicht unterschrieben, aber Nadja und Kiro hatten keinen Zweifel, dass der Schatten diese Nachricht hinterlassen hatte. Schnell gingen sie zum Laster zurück und kurz darauf waren sie wieder unterwegs.


Schattenspiele


Wie der Schatten es vermutet hatte, war ihm der Zugang zur Ebene von Klyth verwehrt worden. Nun gut, dachte er sich, auch so war es noch möglich ein wenig mitzuspielen. Spätestens beim Finale war er wieder mit von der Partie. Die Einladung lag quasi schon auf seinem Tisch. Wenn er auch nicht persönlich auf der roten Ebene sein durfte, so konnte er aber noch immer jemanden schicken, der ihm einen kleinen Gefallens schuldig war. Seine Diener waren ohne Zahl und ihm ohne jeden Zweifel ergeben. Diesmal blieb es ihm verwehrt den Erfolg seiner Bemühungen zu beobachten, jedoch konnte er sich die Gesichter vorstellen, wenn sie seine Nachricht entdeckten. Es würde seinen Zweck erfüllen. Das Finale stand bevor und bis dahin konnte er warten. Schwarze Dame von D-Acht nach G-Fünf. Schach!


54


Einige Kilometer nachdem sie den toten Baum passiert hatten, tauchten das erste Kreuz auf. Windschief steckte es einige Meter abseits des Weges im Sand und dahinter lag ein kleiner, länglicher Hügel. Martin wollte schon wieder anhalten, aber Nadja ließ ihn weiterfahren. „Das wird nicht das letzte Grab sein, was wir zu sehen bekommen.“ Und sie sollte Recht behalten. In den nächsten Stunden wurden die Gräber immer häufiger. An manchen Stellen trafen sie auf regelrechte Friedhöfe und an anderswo standen sie nur allein oder zu zweit. Seit dem letzten Angriff war schon einige Zeit vergangen und Kiro wurde langsam misstrauisch. Trügerische Stille hatte sich über die Ebene gelegt und nur das Dröhnen des Motors war noch zu hören. Jeder hielt wachsam Ausschau. Der Stille und der Junge schliefen.

Nadja spürte etwas. Unterschwellig nahm sie Vibrationen wahr. Sie berührte Martin am Arm. „Wir müssen sofort anhalten. Da kommt etwas Großes!“ Martin blickte sie irritiert an und wollte gerade fragen, woher sie das wüsste, als er es selbst bemerkte. Was genau, konnte er nicht sagen, aber vielleicht war es tatsächlich besser zunächst anzuhalten. Mit quietschenden Bremsen kamen sie zum Stehen und stiegen aus. Als das Geräusch des Motors erstarb konnten sie alle die dumpfen Schläge hören. Der Boden zitterte und der Sand war in Bewegung. „Bewaffnet euch!“ Das Adrenalin schoss durch Martins Körper. Er stieg auf die Ladefläche und durchsuchte das Durcheinander. Da kam etwas Großes und das musste entsprechend bekämpft werden. Endlich hatte er die Raketenwerfer gefunden. Nacheinander reichte er sie Kiro, Nadja und dem Stillen hinunter. Der Junge hatte sich auf Martins Anweisung hin im Fahrerhaus verkrochen. Sie legten sich noch ein paar andere Waffen und einen Vorrat von Granaten auf die Seite und bezogen dann Stellung vor dem Laster, mitten auf dem Weg. Damit waren sie keine Minute zu früh dran, denn kurze Zeit später tauchte etwas am Horizont auf. Es war tatsächlich ziemlich groß und kam schnell näher. Als Martin sah, was dort auf sie zukam, sank ihm für einen Moment der Mut. Wie sollten sie das schaffen? Die richtige Taktik würde den Sieg bringen. Schnell ließ er seine Freunde auseinanderrücken, sodass ein weiter Halbkreis entstand. Er schärfte ihnen ein, erst dann zu schießen, wenn sie sicher waren zu treffen und danach ständig in Bewegung zu bleiben. Der Gigant war zwischenzeitlich deutlich näher gekommen und sie erkannten nun seine wirkliche Größe. Er war mindestens zehn Meter hoch und von oben bis unten in einen Metallpanzer gehüllt. Nur der Kopf, die Arme und die Füße lagen frei. Das dunkle Fell gab ihm das Aussehen eines überdimensionalen Tieres. Ein Gesicht war unter dem Pelz nicht zu erkennen. Der Panzer reflektierte die Sonne und blendete Martin. Vermutlich würden sie das Metall mit ihren Waffen kaum durchdringen können, Der Kopf des Wesens bildete seine Schwachstelle und Martin war überzeugt, dass dies der einzige Weg war, aus dieser Schlacht siegreich hervorzugehen. „Auf den Kopf!“ Martin brüllte es zu seinen Freunden hinüber, bevor der Riese endlich in Schussweite gelangte. Er wartete noch einen Augenblick und dann feuerte er seine Rakete ab. Inständig hoffte er, dass es ein zielsuchendes Geschoss war. Die Rakete raste aus ihrer Halterung und warf Martin fast um. Ohne sich weiter darum zu kümmern griff er sofort nach dem Maschinengewehr, das vor ihm auf dem Boden lag und begann mit kurzen Salven auf ihren Gegner zu feuern.

Das nun folgende Gefecht blieb allen in guter Erinnerung. Der Gigant erwies sich als äußerst zäh, jedoch war ihre Taktik letztlich erfolgreich. Martins erster Schuss traf den Riesen an seinem Arm und die folgende Explosion riss ihm den Arm fast vollständig ab. Der Schuss des Stillen fand sein Ziel auch und das Geschoss explodierte knapp unterhalb des Kopfes am gepanzerten Hals. Der Effekt war trotzdem ausreichend. Für einen Moment taumelte das Wesen und blieb irritiert auf der Stelle stehen. Das gab allen die Gelegenheit die Waffen zu wechseln und den Riesen mit Dauerfeuer einzudecken. Er wich aus und auch die Gefährten veränderten ihre Positionen. Nadja warf zwei Granaten, die an den ungepanzerten Füßen ihres Gegners detonierten. Das schwere Wesen wurde nach hinten geworfen und fiel mit einem rudernden Armen schwer in den roten Sand. Aus mehreren Wunden quoll schwarzes Blut hervor. Martin und Kiro eilten zum Kopf des Wesens, das sich im Sand wand und leerten den Rest ihrer Magazine in seinen Kopf. Hektisch wechselten sie ihre Magazine und wollten schon weiterfeuern, als ihnen in ihrem Blutrausch bewusst wurde, dass der Gigant nur noch zuckte. Einige Minuten standen sie mit ihren Waffen im Anschlag dort, bis an dem riesigen Körper auch die letzte Bewegung aufhörte. Sie hatten es besiegt. Unwillkürlich entfuhr Martin ein Seufzer der Erleichterung. Er reckte die Faust gen Himmel. Ihn hätte der Anblick des tot im Staub liegenden Giganten anwidern können, aber seinen Körper durchströmte nur das glorreiche Gefühl des Sieges, das alle anderen Empfindungen überdeckte. Der Stille musste ihm mehrmals auf die Schulter tippen, bevor Martin wieder zurück in die Realität fand. Mit einem Mal schien das Wesen förmlich auszulaufen. Aus allen Wunden strömte das schwarze, ölige Blut in wahren Sturzbächen heraus, nur um wenig später im Boden zu versickern. Die Hülle seines Körpers fiel zusammen und schließlich waren nur noch die Haut und der Panzer übrig. Es schien, als ob kein einziger Knochen in ihm gewesen war. Der Gestank der jetzt von der Leiche ausging war enorm. Schnell wichen sie zurück und nachdem die Waffen wieder eingeladen waren, startete Martin ohne Verzögerung den Laster. In einem weiten Bogen wichen sie der Leiche aus und als sie wieder auf dem Weg waren, beschleunigte Martin zügig auf Höchstgeschwindigkeit.

Die folgenden Stunden waren ein wahrer Alptraum. Ein Angriff folgte dem nächsten. Es war, als ob man ihnen keine Ruhe lassen und durch Zermürbung zur Aufgabe zwingen wollte. Müdigkeit und Erschöpfung ließen sie unaufmerksam werden und auch das Material zeigte erste Ermüdungserscheinungen. Als der Stille gerade nachgeladen hatte und erneut weiterfeuern wollte, gab es eine kleine Explosion und die Waffe fiel aus dem Fenster. Die schweren Reifen des Lasters überrollten das Gewehr. Der Angriff wurde letztendlich zurückgeschlagen, aber ihre Munitionsvorräte schwanden zusehends. Etwas später übernahm Kiro wieder das Steuer und Martin hielt Wache. Die letzte Angriffswelle war stark gewesen und ihr Sieg nur knapp. Hätten sie noch einen oder zwei zusätzliche Schützen gehabt, so wäre es einfacher gewesen. Aber dafür war es jetzt zu spät. Ihre Freunde waren alle entweder tot oder verschollen.

Am Horizont zeigte sich wieder unheilkündend eine Staubwolke und kurze Zeit später schwoll das Kriegsgeschrei der wahnsinnigen Horde an. Das Gebrüll ging durch Mark und Bein, ließ die Zähne klappern und den Schädel vibrieren. Diesmal waren es viele, sehr viele. „Ich denke, wir sollten einfach mit Vollgas durchbrechen.“ Martin hatte es Laut gesagt, aber eher als Feststellung und weniger als Frage gemeint. Niemand widersprach. Die Müdigkeit war zu übermächtig. Jeder sehnte sich nach etwas Schlaf. Die schwarze Wand kam immer näher. Kiro und Martin hielten die Stellung im Führerhaus und der Stille war mit Nadja auf die Ladefläche geklettert. Die Plane der Seitenwände ließ sich leicht aufreißen und so schafften sie sich zwei zusätzliche Schießstände mit bester Nachschubversorgung. Als Kiro begann zu feuern, stimmten sie mit ihren Waffen in das allgemeine Knattern ein. Als gemeinsame Front kamen die Horden immer näher. Die Ersten fielen tot in den Staub, doch noch immer war die Masse unüberschaubar. Von vorne in einem weiten Halbkreis stürmten ihre Gegner auf sie zu und begannen sie einzuschließen.

Der Zusammenprall der Fronten geschah schnell und heftig. Mehrere Angreifer wurden vom Laster bei voller Fahrt überrollt, während die drei Schützen wild in die Masse schossen. Kurz darauf war ein trockener Knall zu hören und das Fahrzeug schlingerte. Sie hatten die Front durchbrochen und vor ihnen lag nun wieder die freie Ebene. Nadja schaute zurück. Sie wurden verfolgt und der Feind kam trotz ihrer schnellen Fahrt immer näher. Das Schlingern des Lasters nahm zu und Kiro wurde langsamer. Nadja sah, wie er sich aus dem Fenster beugte. Sie folgte seinem Blick und stellte mit Erschrecken fest, dass der linke Vorderreifen geplatzt war. Der Zeitpunkt hätte schlechter nicht sein können. Der Stille hockte bereits am Ende der Ladefläche und verschoss ein Magazin nach dem anderen in die sei verfolgende Meute. Fast jeder Schuss war ein Treffer, doch die Masse der Gegner noch immer riesig. Nadja wollte ihm gerade Unterstützung leisten, als ihr noch etwa anderes einfiel. Ihr Vorrat an Granaten war noch fast unberührt und so begann sie eine nach der anderen scharf zu machen und nach hinten aus dem fahrenden Laster zu werfen. Der Erfolg ließ nicht lange auf sich warten. Die einzelnen Explosionen vernichteten ganze Reihen von Angreifern. Der Laster beschleunigte und ließ die Verfolger ein kleines Stück zurück. Schon war sich Nadja ihres Sieges sicher, als sie mit einem Mal nach rechts ausbrachen und sich bedrohlich neigten. Sie schrie, in der Erwartung, dass der Laster umstürzen würde, jedoch geschah dies nicht. Im letzten Moment kippte das schwere Fahrzeug zurück und blieb wenig später stehen. Das Geräusch des Motors erstarb. Sie hörte das Knallen der Türen, als Martin und Kiro aus dem Führerhaus sprangen. „Eine Waffe, schnell!“ Kiro tauchte vor der Ladefläche auf. Nadja war noch immer erschrocken von dem abrupten Halt, aber sie griff geistesgegenwärtig das Maschinengewehr, das neben ihr lag und warf es Kiro zu. Martin war bereits in Stellung gegangen und begann in diesem Moment zu feuern. In unglaublicher Schnelligkeit kam die Horde näher. Es waren deutlich weniger geworden, aber noch war ihre Masse erschreckend groß. Diesmal würden sie nicht so einfach davonkommen. Das Gefecht Mann gegen Mann war unausweichlich. Gemeinsam nahmen sie den Feind in Empfang.

Martin war der erste, der einem seiner Gegner von Angesicht zu Angesicht gegenüberstand. Von der Nähe aus betrachtet sah er wie eine kleine Version des gigantischen Wesens aus. Ein Schauer überlief Nadja, während sie drei Wesen in der Nähe gezielt eine Kugel in den Schädel jagte. Der Stille hatte in der Zwischenzeit fast doppelt so viele Treffen zu verbuchen. Nadja versuchte ihren Widerstand und den Ekel abzulegen und konzentrierte sich nur noch auf das Kampfesgewirr unmittelbar vor ihr. Ihre Freunde nahm sie bald kaum mehr wahr. Eine Art Tunnelblick hatte sich eingestellt und sie suchte nur noch nach dem nächsten Ziel dem sie ihre Kugeln hinterher jagen konnte. Das Nachladen lief inzwischen so automatisch, dass sie es fast nicht mehr mitbekam. Endlich lehrte sich der Bereich hinter dem Fahrzeug. Sie zwang sich, den Finger vom Abzug zu nehmen und blinzelte ein paar Mal, so als ob sie ein Trugbild verscheuchen wollte. Stille trat ein. Nahezu völlige Stille, aber in diesem Moment nahm Nadja das erschrockene Rufen Kiros wahr.


Martin war verwundet. Wie schwer, konnte keiner von ihnen sagen. Er hatte das Bewusstsein nicht wieder erlangt, seitdem sie ihn unter einigen toten Gegnern hervorgezogen und ihm auf der Ladefläche ein provisorisches Bett eingerichtet hatten. Mehrere Platzwunden am Kopf ließen nichts Gutes erahnen. So gut es eben ging, verband Nadja ihn mit alten Resten ihrer eigenen Verbände und konnte so wenigstens die größten Blutungen stoppen. Der Stille und Kiro montierten gerade das Ersatzrad. Nadja hörte sie draußen Fluchen. Das nötige Werkzeug war nicht vorhanden und so mussten sie improvisieren. Es war unwahrscheinliches Glück gewesen, das überhaupt ein zusätzliches Rad an Bord gewesen war. Nadja konnte sich nicht erinnert es bemerkt zu haben, bevor sie losgefahren waren. Vorsichtig tupfte sie etwas Wasser auf Martins Stirn. Er glühte regelrecht und sein Atem ging schnell und unregelmäßig. Tränen standen in ihren Augen. Sie konnte Nichts für ihn tun. Nicht einmal annähernd besaßen sie etwas um ihm zu helfen. Ein Zittern überlief ihren Körper. Bleich, wie ein Toter lag Martin vor ihr. Erst jetzt, wo sie fast am Ziel ihrer Reise angekommen waren, merkte Nadja, wie sie die vergangenen Wochen geprägt hatten und sie grundlegend verändert worden war. Auch wenn sie härter, stärker und widerstandsfähiger geworden war, so war sie noch immer ein Mensch mit Gefühlen. Sie spürte wie diese Emotionen nun an ihr nagten und den Panzer, den sie um ihre Empfindungen gelegt hatte zu durchbrechen drohten. Es war einfach zu viel, was sie gesehen, erlebt und gefühlt hatte in dieser verhältnismäßig kurzen Zeit. Niemand konnte nachempfinden was sie alle durchleiden mussten. Es wurde Zeit für ein Ende oder eine Erlösung von alledem. Hätte Nadja in diesem Moment vor der Wahl gestanden, wäre sie wohl bereit gewesen aufzugeben. Sie lehnte sich gegen einen Stapel Munitionskisten und ließ den Blick schweifen. Still flossen ihr die Tränen aus den Augen und sie ließ ihrem ganzen Schmerz freien Lauf. Überall standen hier Kreuze. Unzählige waren hier vor ihnen gewesen. Würden noch Unzählige folgen? Nadja schloss ihre Augen. Konnten sie es schaffen? War es möglich einen Unterschied zu machen? Etwas zu ändern im eigentlich unabänderbaren Plan? Allein?

Die Müdigkeit übermannte sie und Nadja fiel in einen tiefen Schlaf. Dunkel und traumlos. Ihr erschöpfter Geist begann sich zu regenerieren. Er bereitete sich vor auf das Ende des letzten Akts.


Schattenspiele


Ein Gefühl der Langeweile hatte sich eingeschlichen. Die beiden Spieler vor ihm am Tisch reagierten kaum noch auf seine Versuche sie zu peinigen. Zwar sah er ihre Schmerzen, jedoch setzten sie noch immer ihr Spiel fort. Angst und Folter waren offenbar nicht genug. Noch während er überlegte, was ihm für andere Möglichkeiten blieben, wurde er aufgerufen. Es war Zeit zu gehen. Gerne wäre er noch weiter hier geblieben und hätte seine Spielchen mit den beiden Spielern getrieben, jedoch war dies nicht seine Entscheidung. Er stand auf. Hinter ihm war wieder die Tür erschienen, aber noch hatte keiner der Männer vor ihm es bemerkt. Es wäre wohl eine gute Idee, leise zu verschwinden, dachte sich der Schatten und schlich behutsam davon. Lautlos trat er durch die Tür und zog sie vorsichtig hinter sich zu. Seine Dämonen würden auch bald fort sein. Er bekam nicht mehr mit, wie der Ältere zog. Weiße Dame von E-Zwei nach E-Drei.


55


Sie waren wieder unterwegs. Durch die Reifenpanne war viel Zeit verloren gegangen. Nadja war noch immer hinten bei Martin und wachte an seinem Lager, während die andern im Führerhaus saßen, die Waffen im Anschlag und auf neue Gegnermassen wartend. Nadja interessierte das nicht mehr. Sie hatte ihre Waffe zur Seite gelegt und würde sie auch nicht wieder aufnehmen. Wenn dies das Ende sein sollte, dann sollte es eben so sein. Ihre Wasservorräte waren fast erschöpft. Zwar war es nicht besonders heiß und der Wind kühlte zusätzlich, doch trocknete der feine, rote Staub den Mund aus und der Hals brannte. Martins Zustand hatte sich weiter verschlechtert. Der hohe Blutverlust und das Fieber verlangte seinem Körper alles ab, was dieser noch zu bieten hatte. Er war stark, doch war dies möglicherweise nicht genug. Nadja hatte nur noch wenige Erinnerungen an ihre Mutter, aber sie wusste noch gut, wie sie Nadja immer gepflegt hatte, wenn sie krank gewesen war. Sie hatte an Nadjas Bett gesessen und ihr Lieder vor gesungen oder war einfach nur da gewesen. Das hatte oft schon gereicht um sie einschlafen zu lassen. Die Schleier der Vergangenheit lagen über alledem. Es war mühsam und schmerzhaft sie zu heben. Eine der Weisheiten ihrer Mutter war gewesen, die Vergangenheit ruhen zu lassen. Es war ohnehin nichts daran zu verändern. Während Nadja so in Gedanken versunken war, wurde sie auf einmal hart am Arm gepackt. Sie fuhr herum und blickte geradewegs in Martins weit aufgerissene Augen. Er atmete hektisch und Nadja spürte seine Angst. „Er sieht alles.“ Martins Stimme war brüchig und heiser. „Er ist überall, es gibt kein Entrinnen.“ Sein Körper krümmte sich und er stöhnte. „Der Wolf ist der Schlüssel! Gebt Acht auf den Verräter. Sein Spiel ist gefährlich.“ Die Kraft in seiner Hand wich und Martin sank zurück. Seine Stimme war kaum noch zu hören, als er nun seinen letzten Satz sprach: „Die Vier sind nicht Eins.“ Die Luft wich aus seinen Lungen und sein Blick wurde starr. Das Knattern der Maschinengewehre übertönte Nadjas Schluchzen.


Sie begruben Martin im roten Sand der Ebene. Abseits der Straße auf einem freien Feld hoben sie ein flaches Grab aus und legten ihn hinein. Nadja hatte ein kleines Kreuz gebunden und das steckten sie auf den flachen, geradezu unscheinbaren Hügel. Der Stille führte eine schlichte Zeremonie durch ohne dabei viele Worte zu verlieren. An Kiros Schulter gelehnt weinte Nadja die ganze Zeit still vor sich hin. Trauer hatte sie übermannt. Nicht dass sie eine besondere Bindung zu Martin empfunden hatte, aber einmal mehr war ihre Gruppe kleiner geworden und viele waren sie nun nicht mehr. Erst später wurde ihr bewusst, dass dies das einzige Mal gewesen war, dass sie wirklich einen ihrer Kameraden hatten zu Grabe tragen können. Bisher war der Abschied schnell und plötzlich gekommen, aber nicht dieses Mal. Martins letzte Worte hatten sich ihr ins Gedächtnis eingebrannt und spukten nun in ihrem Kopf herum, aber Nadja verstand ihren Sinn nicht. Es wäre einfach gewesen sie als das Gestammel eines Sterbenden abzutun, aber sie hatte eine Ahnung, dass weitaus mehr dahinter steckte.

Der Stille war mit dem Jungen, der die ganze Zeremonie über geschwiegen hatte, zum Laster zurückgekehrt. Zwar war allen bewusst, dass die Zeit drängte, aber für einen Moment hatten sie sich dem allgegenwärtigen Druck entzogen um den Tod ihres Freundes würdig betrauern zu können. Kiro, der mit Nadja noch am Grabe stand, nahm die Waffe, die er mitgebracht hatte und legte sie behutsam auf den Hügel. Es war das Maschinengewehr, das Martin bis zuletzt benutzt hatte. „Leb wohl.“ Kiro flüsterte es in den Wind, der die Worte davontrug. Er wandte sich Nadja zu, die noch immer mit roten Augen auf das Grab starrte. Er hob behutsam ihren Kopf. „Ich weiß, es ist schmerzhaft, aber wir müssen vorwärts blicken und noch das letzte Stück bewältigen.“ Nadja nickte langsam. Sie konnte sich nur schwer von dem gerade Erlebten lösen. Sie beruhigte sich etwas und erzählte Kiro dann, was Martins letzte Worte gewesen waren. Er runzelte die Stirn, da auch ihm auf Anhieb kein Sinn offenbar wurde. Die Erwähnung des Verräters traf am ehesten noch auf das Wesen im Jungen zu vor dem sie Ebetaminor gewarnt hatte. „Ich denke, dass Ebetaminor uns täuschen wollte. Er verfolgt eigene Interessen und der Junge steht ihm im Weg. Bisher hat er uns immer geholfen. Auf jeden Fall sollten wir weiterhin ein Auge auf ihn haben, aber ich neige dazu ihn ins Vertrauen zu ziehen.“ Nadja sah Kiro zweifelnd an. „Was hast du vor?“ Kiro schüttelte den Kopf. „Im Moment noch gar nichts. Es wird sich bald zeigen, auf welcher Seite er steht.“ Er blickte zum Horizont. „Wir sind jetzt fast dort.“ Nadja schwieg. Auch sie spürte das Ziehen, dass von dem Ding hinter dem Horizont ausging. Noch sahen sie es nicht, aber es war da und verlangte nach ihnen.


Ein paar Stunden später saßen sie wieder im Laster. Nadja verfolgte das kleine Holzkreuz im Rückspiegel, bis es nur noch ein kleiner schwarzer Punkt am Horizont war. Schließlich war es verschwunden. In alle Richtungen dehnte sich die rote Ebene aus. Flach und ohne jede Struktur. Fast sah es so aus, als ob hier noch niemals jemand gewesen war. Unberührt lag der Sand vor ihnen und die großen Reifen des Lasters pflügten frische Spuren hinein. Sie saßen zu viert in der Kabine des Führerhauses. Kiro fuhr und Nadja saß neben ihm. Der Stille hatte den Knaben auf den Schoß genommen und seine Waffe lag auf dem Boden. Auf eine Weise spürte er, dass die Zeit des Kämpfens mit dem Tod Martins zu Ende gegangen war. Die Ebene hatte ihren Blutzoll erhalten und war nun still geworden. Für einen Moment war ihr grenzenloser Hunger nach allem Lebendigen versiegt. Es herrschte Schweigen und nur das Dröhnen des Motors war zu hören, als sich nun langsam der erste Turm der letzten Festung aus dem Flimmern des Horizonts löste und für alle sichtbar wurde. Für einen Moment hielte alle unbewusst die Luft an. Ihr Ziel lag nun vor ihnen und löste sich Stück für Stück aus dem endlosen Sand der Ebene. Kiro drückte das Gaspedal bis zum Anschlag auf den Boden und sie jagten mit irrem Tempo der Festung entgegen. Unzählige Türmchen und Mauern verbanden sich zu einer wilden und scheinbar planlos konstruierten Struktur. Der Ort übte eine unglaubliche Anziehungskraft aus und sie konnte ihren Blick nicht mehr abwenden.

Sie waren bis auf wenige Kilometer an die Festung herangekommen, als auf einmal die Geräusche aus dem Motorraum unregelmäßig wurden. Weißer Rauch stieg auf und mit einem Schlag war es still. Sie rollten noch ein paar Meter und blieben dann am Rand des Weges stehen. Ein Lächeln spielte um Kiros Mundwinkel und er sah Nadja an. „Er will, dass wir das letzte Stück laufen.“ Er öffnete die Fahrertür. „Ich denken, dass wir ihm diesen Gefallen tun können.“ Er sprang herunter und seine Freunde verließen ebenfalls das Fahrzeug. Alles was sie nicht mehr benötigten, die schweren Mäntel und die meisten Waffen ließen sie zurück. Nur mit dem restlichen Wasser und jeder mit einem leichten Gewehr über der Schulter und einer Pistole im Gürtel machten sie sich auf den Weg.

Die Stimmung war erstaunlich gut, obwohl tatsächlich niemand wusste was sie erwarten würde. Kiro und Nadja gingen Hand in Hand. Sie waren beide glücklich noch einander haben zu dürfen und keiner von beiden dachte daran, was für ein Schicksal vor ihnen liegen könnte. Der Stille hatte mittlerweile seine ganze verbliebene Kraft gebündelt und wartete nur noch auf den richtigen Moment seinen kleinen Unterdrücker wie einen alten Anzug abzustreifen. Auch er war frohen Mutes und voll Erwartung. Die Spannung, die in diesem Moment empfand, war größer als alle Angst vor dem Unbekannten. Auch ihm war klar. Hier würde ihre Reise enden. Der Einzige von ihnen, der in diesem Augenblick größte Mühe hatte den Schein zu wahren, war der Knabe. Gabriel zitterte förmlich vor Aufregung. Er kannte diesen Ort. Von ihm war er entsprungen. Es war, als ob er nach einer Ewigkeit nach hause zurückkehren würde. Er wusste, dass man sie bereits erwartete, aber wie dieser Empfang aussah, war auch für ihn ungewiss. Mit kindlichen Augen betrachtete er jenen Ort, der auf mehr als eine Weise das Ende der Welt bedeutete.


Der Schatten


Die Quelle hatte ihn heimgerufen. Von den Zinnen der Burg wurde ihm die Ehre zuteil die Ankunft jener mitzuerleben, die in jüngster Zeit für so viel Unruhe im Gleichgewicht der Welten gesorgt hatten. Ein mattes Lächeln war über sein Gesicht gehuscht, als ihr Fahrzeug kurz vor dem Ziel seinen Geist aufgegeben hatte. Das verlieh dem ganzen noch eine zusätzliche dramatische Note. Hier, an diesem Ort, hatte der Schatten keine Macht mehr. Er war hier ein Wesen, nicht mächtiger oder schwächer als jene, die dort unten als kleine schwarze Punkte auf ihn zukamen. Hinter ihm, im Zentrum der Festung, erhob sich eine gläserne Nadel, die senkrecht in die Wolken über ihm hinaufstieg. Er konnte die Spitze des Turms nicht erkennen, aber schwach schimmerte das kräftige Blau des alten Himmels über jenen grauen Wolken hindurch. Der schwache Funke der Hoffnung auf diesem Wege entkommen zu können, hatte jene Wanderer hierher geführt, aber an diesem Ort würden sich alle ihre Hoffnungen und Wünsche zerschlagen. Schwarze Dame von G-Fünf schlägt Bauer auf H-Fünf.


Das Tor des Fisches


56


Sie waren angekommen. Dunkle Mauern erhoben sich mächtig über ihren Köpfen. Alles wirkte alt und verbraucht und bei weitem nicht so mächtig wie es aus der Ferne gewirkt hatte. Die Mauern waren an vielen Stellen beschädigt und manchmal waren die großen Quadersteine sogar ganz heraus gefallen. Der Wind hatte den Sand zu hohen Wehen aufgehäuft und wie eine verlassene Wüstenfestung lag der Ort nun vor ihnen. Irgendwo klapperte etwas im Wind. Andächtig waren sie stehen geblieben. Keiner wagte durch das halboffene Tor zu treten. Auf seiner Außenseite hatte sich wohl einst etwas befunden, jedoch waren jetzt nur noch die Reste eines goldenen Rings zu erkennen. Sosehr dieser Ort auch den Eindruck der Verlassenheit vermittelte, glaubte Kiro, dass sie getäuscht werden sollten. Jemand war hier. Kiro und Nadja gingen langsam vorwärts und bahnten sich einen Weg zwischen den Sandwehen hindurch. Nirgends gab es ein Anzeichen von Leben. Keine Spuren im Sand, Nichts.

Wenige Augenblicke später standen sie in einem kleinen, halbrunden Hof. Umrandet von dunklen Wänden war es nur ein kleines Stück Himmel, das Licht von oben herabfallen ließ. Sechs Torbögen lagen vor ihnen. Jeder führte in einen dunklen Gang, dessen Ende nicht erkennbar war. Kleine, ehemals silberne Scheiben hingen an rostigen Ketten von jedem Bogen herab. Nadja trat einen Schritt näher und erkannte nun, dass auf den Scheiben verschiedene Tiere eingeprägt waren. Es gab einen Bär, eine Ente, einen Elefant, einen Wolf, einen Hirsch und einen Fisch. Bei dem Wolf fielen ihr sofort die letzten Worte Martins ein. „Das ist der richtige Weg.“ Sie deutete auf das Zeichen. Kiro, der es ebenfalls erkannt hatte, wollte schon weitergehen, als er einen markerschütternden Schrei der Schmerzen hinter sich vernahm. Nadja und Kiro fuhren erschrocken herum. Es war nicht klar, woher der Schrei gekommen war, aber dann sahen sie den Jungen, der sich wild im Sand wälzte und sich mit beiden Händen den Schädel hielt. „Nein, aufhören! Lass das! Du weist gar nicht was du da tust!“ Immer wieder schrie er und hatte dabei seine Augen zusammengekniffen. Sein kleines Gesicht lief rot an und Schweißperlen bildeten sich auf seiner Stirn. Voller Schrecken beobachteten Nadja und Kiro das Geschehen. Der Stille stand ein paar Meter abseits und starrte geradewegs auf den Jungen. Er war vollkommen reglos. Wie in Stein gemeißelt bewegte er keinen einzigen Muskel. Nadja wollte gerade loslaufen um dem Jungen zur Hilfe zu kommen, als Kiro sie am Arm packte. „Nein! Das ist zu gefährlich! Ich denke, ich weiß, was hier passiert. Das ist nicht unser Kampf.“ Hilflos blickte Nadja wieder zu dem sich windenden Knaben und innerlich blutete ihr das Herz.


Nach einigen Minuten trat eine Veränderung ein. Langsam und zunächst kaum bemerkbar, bewegte der Stille sich. Der kleine Finger, die Hand, der Arm und dann der andere Arm. In einem Kampf, den weder Nadja noch Kiro mitbekommen konnten, eroberte sich der Stille die Kontrolle über seinen Körper und seinen Geist zurück­. Der Fokus seiner gesamten mentalen Kraft war zuviel für den Knaben gewesen. Michael spürte, dass der Widerstand bald brechen würde. Noch ein letztes Mal warf er Gabriel eine Woge der unterschiedlichsten Gefühle entgegen und in einem Moment der Verwirrung seines Peinigers streifte er auch die letzten Fesseln ab. Überrascht und gleichzeitig voller Freude, taumelte er ein paar Schritte zurück. Nebenbei registrierte er die entsetzten Blicke seiner Freunde, die einige Meter entfernt von ihm und dem Jungen standen. Das Geschrei hatte aufgehört und Gabriel lag zusammengekrümmt in der Mitte des Hofes. Er zitterte. Schwer atmend ließ sich Michael auf die Knie nieder. Ungläubig und mit dem berauschenden Gefühl des Sieges betrachtete er seine Hände, die endlich wieder ihm gehörten. „Alles in Ordnung?“ Kiro sah besorgt zu ihm hinüber. Michael lächelte schwach und nickte. Noch immer rang er nach Atem. Es war fast so, als ob er dies schon seit einer Ewigkeit nicht mehr selbst getan hatte. Gabriel lag noch immer auf dem Boden und rührte sich nicht. Langsam kroch Michael auf das Kind, das eigentlich keines war, zu. Behutsam legte er ihm eine Hand auf die Schulter. Das Zittern erstarb. Michael schloss seine Augen und sandte Gabriel eine kurze Nachricht. Erst tat sich nichts, aber dann kam der Kopf des Jungen vorsichtig unter seinen Armen hervor. Aus roten und aufgequollenen Augen blickte er Michael an. „Was willst du von mir?“ Mehr als ein Flüstern drang nicht aus seinem Mund. Michael stand auf und reichte dem Knaben die Hand. Laut und für alle hörbar, sagte er zu dem Häuflein Elend, das da vor ihm im Staub lag, nur einen einzigen Satz: „Ich will dir helfen.“ Ein schwaches Lächeln lag auf seinem Gesicht. Seine Beine zitterten. Auf die Arme gestützt blickte der Junge zu ihm auf. „Ich verstehe nicht…“ Seine Augen drückten Verwirrung aus. „Nimm meine Hand und ich werde es dir zeigen. Es wird deinen Schmerz lindern.“ Der Junge bewegte sich nicht. Für einen Moment schien die Szene wie eingefroren. Michael beugte sich zu Gabriel herab.


Ohne das Geschehen zu verstehen und auf die Rolle von Beobachtern beschränkt, sahen Nadja und Kiro zu, wie der Junge zögernd und unwahrscheinlich langsam seine kleine Hand hob und sie in die des Stillen legte. In dem Moment, als der Mann seine Hand um die des Kindes schloss, geschah etwas Merkwürdiges. Wie ein leichtes Erdbeben erzitterte der Boden um sie herum. Das Vibrieren hielt einige Augenblicke lang an und als es schließlich aufhörte, standen der Stille und der Junge wieder Hand in Hand nebeneinander, so als ob die vergangenen Minuten nie existiert hätten. Jedoch war nun etwas anders. Die vorletzte Karte des Spiels war umgedreht worden. Festen Schrittes kamen die beiden auf Nadja und Kiro zu, die stumm noch immer am gleichen Fleck standen. Der Stille lächelte, als er Nadja nun seine Hand entgegenstreckte. „Hallo, mein Name ist Michael. Wir sind uns noch nicht persönlich begegnet, aber ich freue mich euch kennen zu lernen.“ Er schüttelte auch Kiro die Hand und wandte sich dann dem Knaben zu. „Das hier ist Gabriel. Er ist ein wenig schüchtern, aber er hat sich nun entschieden, auf welcher Seite er steht und deshalb gehört er jetzt zu uns. Gemeinsam werden wir dem Ende entgegentreten.“ Er fuhr dem Knaben väterlich durch das Haar. „Nicht wahr?“ Gabriel nickte. Freundlich lächelnd ging Michael in die Hocke, sodass er auf einer Augenhöhe mit dem Jungen war. „Und nun, da wir keine Feinde mehr sind, kannst du uns auch sagen, welches der richtige Weg ist um zu unserem Ziel zu gelangen.“ Wieder nickte der Knabe, löste sich kurz von der Hand Michaels und lief ein paar Schritte auf die Tore zu. „Es ist dieses da.“ Mit seinem Finger zeigte er auf den Fisch und kam dann schnell wieder zurück an die Hand Michaels. Dieser lachte kurz auf und drückte den Knaben einmal liebevoll, bevor er wieder aufstand. „Die Wahrheit ist doch so viel schöner als die Lüge.“ Er wandte sich wieder Nadja und Kiro zu. „ Es tut mir leid, dass ich es euch jetzt nicht alles erklären kann, aber die Zeit drängt und wir müssen weiter. Das Tor des Fisches wird uns zum vierten Wächter bringen.“

Und so betraten sie schließlich durch das Tor des Fisches jenen Ort, der die Entscheidung bringen sollte. Diesmal waren es der Michael und Gabriel die vornweg liefen, während Kiro und Nadja ihnen folgten. Unmerklich hatte ein Wechsel der Rollen stattgefunden. Der Gang führt, leicht abschüssig, geradeaus. Mit jedem Schritt wurde es dunkler und bald hörten sie nur noch das Knirschen des Sandes unter ihren Füßen. „Keine Angst, uns wird nichts geschehen.“ Michaels Stimme drang gedämpft zu Kiro und Nadja nach hinten. Um sie herum war Dunkelheit und sie orientierten sich nur an den Schritten der ihnen voraus Laufenden. Der Gang schien sich zu erweitern und bald schon wurde es kühler. Mittlerweile mussten sie sich einige Meter unter der Oberfläche befinden. Der Boden hatte sich verändert. Kiro beugte sich hinunter und berührte kalten, feuchten Stein. Scheinbar waren sie in einer Art Grotte oder unterirdischen Höhle. Er stieß einen kurzen Pfiff aus und vielfach kam das Echo von allen Seiten zurück. Die Schritte vor ihnen waren stehen geblieben. Entweder gewöhnten sich Kiros Augen langsam an die Dunkelheit oder das Lichtniveau nahm zu, denn langsam lösten sich aus der Schwärze der Umgebung Konturen heraus. Alles wurde immer schärfer und nun erkannten sie das riesenhafte Objekt, das einige hundert Meter vor ihnen in der Mitte einer gigantischen Halle lag. Von der goldenen Pyramide ging ein diffuses Leuchten aus, das langsam stärker wurde und die Umgebung erhellte. Ihre Schönheit war überwältigend. Die goldene Oberfläche des Objekts war so glatt wie ein Spiegel und die Fläche nicht von einem einzigen Makel behaftet. Staunend und vollkommen gefesselt standen sie da. Nadja war überzeugt, dass dies das Vollkommenste und Schönste sein musste, was im Universum existieren konnte. Michael blickte fragend zu Gabriel hinab. „Ist dies jener Ort?“ Der Junge nickte. Angst glomm in seinen Augen und er hielt krampfhaft Michaels Hand fest. „Wirst du mich vor ihm beschützen?“ Michael nickte. Sein Gesicht war jedoch ernst. „Ja, bis zum Ende.“ Alle vier gingen weiter und bald darauf waren sie an der Pyramide angekommen. In einem steilen Winkel, der ein Hinaufklettern unmöglich machte, stiegen die Seiten bis zur Spitze hin an, die sich in schwindelerregender Höhe knapp unterhab der Decke der Halle befand. Aus der Nähe wirkte die Oberfläche auf eine Weise flüssig. Langsame Bewegung war auf ihr zu erkennen. Es gab weder eine Tür noch ein Tor. Erwartungsvoll blickte Michael den Jungen an seiner Hand an. „Wie gelangen wir hinein?“ Der Knabe zögerte. „Es gibt keinen Eingang. Die Pyramide ist nur ein Trugbild, das er euch sehen lässt um euch zu blenden. Man kann einfach hindurchgehen.“ Ohne noch einen Moment zu zögern, trat Michael einen Schritt nach vorne. Gabriel nahm er mit sich und im nächsten Moment waren sie hinter der goldenen Wand verschwunden. Kiro staunte. Es hatte so ausgesehen, als ob jemand durch einen Wasserfall gehen würde. Für einen Moment hatte er etwas gesehen. Er blickte zu Nadja und drückte ihre Hand. „Ich liebe dich.“ Und sie traten ein.


Der Schatten


Etwas war in Bewegung geraten. Jener Junge, oder besser gesagt das Wesen, das in ihm steckte war besiegt worden. Ungläubig verfolgte der Schatten was im Vorhof der Festung geschehen war. Sein vorletzter Trumpf war ihm einfach so aus der Hand gerissen worden. Noch viel schlimmer war jedoch, dass sie ihn verschont hatten. Er war nicht vernichtet worden. Irgendwie hatten sie das Wesen überzeugt sich ihnen anzuschließen. Für einen Moment hatte der Schatten wieder jene Macht gespürt, die er schon einmal erfahren hatte, als er auf das Paar getroffen war. Nur diesmal war diese Macht noch um ein Vielfaches stärker gewesen. Die Erde hatte gebebt und nun waren sie auf dem Weg zum Tempel. Er würde tatsächlich Alles auf seine letzte Karte setzen müssen. Alles war wieder möglich. Das Ganze behagte dem Schatten in keiner Weise. Nun war es jedoch Zeit zu gehen. Er verschwand in den Eingeweiden der Festung und verbarg sich. Bereit, seinen Platz einzunehmen, wenn er gerufen würde. Stille senkte sich über die Umgebung. Sogar der Wind hatte aufgehört zu blasen. Weißer Turm von A-Eins auf B-Eins. Schwarz reagiert sofort: Dame von H-Fünf nach D-Fünf.


Die Zitadelle


57


Herzlich Willkommen! Meine Damen, meine Herren, Jungen und Mädchen. Ich grüße alle, die heute als Zuschauer bei „UltraBrain“ dabei sind. Wir werden ihnen eine Show bieten, die alles andere übertreffen wird, was sie bisher in ihrem Leben gesehen haben und ich garantiere ihnen, dass es sie begeistern wird! Wieder werden unsere vier Kandidaten versuchen die unmöglichsten Rätsel zu lösen und so ihr Schicksal zu beeinflussen.“ Die Stimme des Moderators kam laut von allen Seiten. Kaum war er verstummt, da erhob sich donnernder Applaus. Das Publikum kreischte, johlte und brüllte. Das Licht der Scheinwerfer war zu hell, als das Kiro die Menschen jenseits des Randes der Arena hätte sehen können, in dessen Mitte er und seine Gefährten auf hohen Drehstühlen einige Meter über dem Boden saßen. Der Lautstärke nach zu urteilen mussten um sie herum wahre Menschenmassen sitzen und sie beobachten. Kiros Ohren schmerzten von dem Lärm. Nur langsam flaute die Begeisterung der Menge ab. Von ihrer Position aus konnten Nadja, Kiro, Michael und Gabriel außer dem hellen Kreis der Arena nichts anderes erkennen. Jeweils zu zweit saßen sie einem fünften Sitzplatz gegenüber, der in diesem Moment noch leer war. Wieder begann die Stimme des Ansagers zu plärren. „Und nun will ich sie nicht weiter auf die Folter spannen. Begrüßen sie gemeinsam mit mir ihren Gastgeber!“ Der Applaus und das Gebrüll der Menge hoben wieder an und steigerten sich noch einmal um ein Vielfaches. Kiro wollte sich schon die Ohren zuhalten, als er sah, wie jemand auf sie zukam. Er trug einen schwarzen Anzug, schwarze Schuhe und sein schwarzes Haar war kurz geschnitten. In dem Moment, als er in den Lichtkegel trat, der den leeren Platz erhellte, blieb Kiro für einen Moment das Herz stehen. Es stand außer Zweifel, wer nun dort auf dem Suhl des Spielleiters Platz nahm. Es war der Schatten. Ein Lächeln lag auf einem Gesicht das jedem beliebigen Menschen hätte gehören können. Es sah weder hässlich noch alt oder sonst irgendwie ungewöhnlich aus. Eigentlich, fand Kiro, war es sogar auf eine gewisse Weise interessant. Als er sich ihnen nun zuwandte, blickten die vier Gefährten in zwei tiefschwarze Augen. Sie wirkten unnatürlich groß und in ihnen spiegelte sich Nichts. Das Endspiel begann und diesmal hatten sie keine Chance zu entkommen. Der Schatten lehnte sich zurück und verschränkte die Beine übereinander. Aus einer seiner Taschen zog er einen Stoß Karten hervor. Er sah sie an und lächelte. „Auf zur ersten Runde!“. Als der Schatten nun begann zu sprechen, lief Nadja ein kalter Schauer über den Rücken. „Ich hoffe ihr seid bereit, denn jetzt geht es los und es wird sicher lustig.“ Er lachte laut und das Publikum stimmte ein. In diesem Moment ertönte ein lauter Gong, das Gelächter verstummte und Stille senkte sich um sie herum. „Kommen wir zur ersten Frage.“ Der Schatten sortierte eine Karte ans Ende des Stoßes. „Ein mächtiger Herrscher regierte in einem Land fernab von diesem Ort und ließ stets alle seine Gefangenen hinrichten. Um ihre Schuld zu beweisen besaß er ein kleines Kästchen mit einem schwarzen und einem weißen Kügelchen darin. Jeder Gefangene durfte nun eine der beiden Kugeln aus diesem Kästchen ziehen. Wenn es die Schwarze war, so wurde er hingerichtet. Zog er hingegen die weiße Kugel, so kam er frei. Seltsamerweise gelang es aber niemandem die weiße Kugel zu ziehen und so vermutete man bald im ganzen Land, dass der König in seinem Kästchen zwei schwarze Kugeln hatte. Niemand hatte aber den Mut, dies laut auszusprechen und so starben weiterhin alle Gefangenen, bis einer von ihnen eine Idee hatte und sein Leben retten konnte.“ Erwartungsvoll blickte der Schatten auf und sah sie an. „Wie hat er dies geschafft?“

Während der Schatten seine kleine Geschichte erzählt hatte, war es Kiro langsam gedämmert, dass es sich dabei um ein Rätsel handeln musste. Dies war nun also der letzte Zug ihres Gegners. Da er sich nicht in der direkten Konfrontation besiegen konnte, suchte er nun einen anderen, für ihn aussichtsreicheren Weg sie zu vernichten. Kiro musste zugeben, dass das Rätsel gut war. Früher, als Kind, hatte er sich niemals gerne mit solchen Denkspielen beschäftigt. In der Schule hatten sie das ein paar Mal gemacht, aber jedes Mal hatte Kiro die Lösung nicht herausbekommen. Unruhig blickte er Nadja an, aber die starrte nur geradeaus und hatte die Stirn in Falten gelegt. Der Schatten meldete sich wieder zu Wort. „Die Regeln des Spiels sind denkbar einfach. Es gibt zwei Teams. Unsere beiden Turteltäubchen zu meiner linken und den Vater mit seinem Sohn zu meiner rechten.“ Er deutete auf Michael und Gabriel. „Selbstverständlich geht das Ganze auf Zeit und ihr spielt gegeneinander. Drei Fragen. Wer verliert, auf den wartet der Tod.“ Er lachte kurz auf und dann regte sich die Menge um sie herum wieder. Erst leise und dann immer lauter begannen sie das Wort „Tod“ zu skandieren. Der Schatten ließ es eine Weile zu, bis die Lautstärke fast wieder unerträglich war und brachte den Tumult dann mit einer kurzen Handbewegung zum Schweigen. Er blickte sich schelmisch lächelnd um. „Wir wollen ihnen doch eine faire Chance lassen, oder?“ Dann wandte er sich wieder seinen Kandidaten zu. „Für die Beantwortung der Frage bleiben euch noch vier Minuten.

Fieberhaft dachten sie nach. Kiro wurde immer verzweifelter. Er hatte nicht den blassesten Schimmer, wie er an diese Sache herangehen sollte. Diesmal war Nadja auf sich allein gestellt. Er blickte zu Michael und Gabriel hinüber. Die zwei sahen sich nur gegenseitig an und schienen auf eine wortlose Weise miteinander zu kommunizieren. Immer wieder nickte der Junge leicht und Michael wirkte außerordentlich konzentriert. Was ging dort drüben von? Kiro gewann nicht den Eindruck, als ob die beiden an der Lösung der gestellten Aufgabe arbeiteten. Es sah noch nicht einmal danach aus, als ob sie sonderlich beunruhigt wären. Der Schatten hingegen beachtete ausnahmslos Kiro und Nadja. Spannung lag in der Luft, als nun die letzte Minute anbrach und noch niemand etwas gesagt hatte. Kiro trat der Schweiß auf die Stirn. Noch wenige Sekunden verblieben, als er mit einem Mal ein Bild vor seinem geistigen Auge sah. Wie als hätte jemand seine Aufmerksamkeit umgelenkt. In diesem Moment erkannte er die Lösung des Rätsels.

Die Zeit ist abgelaufen! Hat jemand eine Lösung?“ der Schatten blickte sie erwartungsvoll an. Kiro schaute vorsichtig zu Michael und Gabriel hinüber, die beiden rührten sich nicht, sondern waren noch immer in ihren seltsamen Dialog vertieft. Nadja blickte ihn an. „Ich weiß nichts.“ Ihre Stimme war leise. Kiro drehte sich wieder zum Schatten. „Ich habe die Lösung.“ Erstaunt zog der Schatten eine seiner Augenbrauen hoch. Wäre die Situation nicht so auf Messers Schneide gewesen, hätte es durchaus witzig wirken können. „Der Gefangene nahm eine der schwarzen Kugeln aus dem Kästchen und verschluckte sie schnell. Daraufhin musste die andere Kugel herausgenommen werden und da sie ebenfalls schwarz war, konnte der Gefangene nur die weiße gezogen haben. Hätte der König protestiert, hätte er sich verraten und so musste er den Gefangenen freilassen.“ Kiro verstummte, seine Nerven waren bis zum Zerreißen gespannt. Der Schatten schwieg einen Moment, jedoch nickte er dann langsam. „Das ist die richtige Lösung!“ Applaus, gemischt mit einigen Buhrufen brandete auf und verwandelte die Arena in ein Tollhaus. Erst als der Gong ein zweites Mal erklang, kehrte wieder Ruhe ein. „Die zweite Frage! “ Wieder sortierte der Schatten einige Karten nach hinten und begann dann die Frage vorzulesen. Diesmal fiel das Rätsel kürzer aus. „Drei Leben habe ich. Bin sanft genug, dein Gesicht zu umschmeicheln, leicht genug um über den Himmel zu streichen und hart genug den härtesten Felsen zu brechen.“ Kaum waren ein paar Sekunden vergangen, als sich Michael schon zu Wort meldete. Er lächelte den Schatten freundlich an, so als ob er sein bester Freund sein würde. „Das ist einfach.“ Eine erwartungsvolle Pause entstand. „Es ist das Wasser. In seiner Flüssigen Form ist es eine Wohltat, als Wolke steht es am Himmel und als Eis kann es Felsen sprengen.“ Die Überraschung des Schattens war deutlich spürbar. Er hatte nicht damit gerechnet, dass sein Rätsel so schnell gelöst werden würde. Für einen Moment versagte seine Fassade, aber im nächsten Augenblick hatte er sich schon wieder gefasst. „Auch das ist die richtige Lösung!“ Der Applaus war diesmal noch lauter und kaum ein Buhruf mischte sich mehr darunter. Der Gong zur dritten und letzten Runde sorgte einmal mehr für Schweigen. „Nun gut, ihr habt zwei der Rätsel gelöst. Nun werde ich euch die letzte Frage stellen. Nur wer dieses Rätsel löst wird leben. Wenn ihr alle versagt, so wird dies euer Ende sein und ihr werdet niemals wieder den Himmel schauen.“ Ein paar Augenblicke verstrichen, ohne dass jemand etwas sagte. Der Schatten sortierte wieder seine Karten. Es schien fast so, als könnte er sich nicht entscheiden, welches das richtige Rätsel sei. Endlich nahm er eine Karte heraus. Das Lächeln, welches sich nun auf seine Lippen legte war kalt und Kiro erkannte darin die blanke Gier des Todes. Langsam begann er Wort für Wort die letzte Frage vorzulesen. „ Atemlos lebt es, kalt wie der Tod schwebt es, fühlt keinen Durst und doch trinkt es, trägt ein Kettenhemd und nie klingt es.“ Kiro wurde es kalt. Er hatte keine Ahnung, welche Antwort man auf diese Frage geben konnte. Noch bevor der Schatten die Frage ganz vorgelesen hatte, war der erste Teil schon wieder aus Kiros Gedächtnis entschwunden. Seine Hoffnungen schienen dahin zu sein. Niemals würden sie dieses Rätsel lösen können. Er merkte nicht, wie Michael ihn beobachtete.


Schon bei der ersten Frage hatte Michael gespürt, dass Kiro extrem nervös war. Rätsel waren nicht seine Stärke. Mit Gabriel hatte er unterdessen unbemerkt vom Schatten den Dialog aufgenommen und beide berieten eifrig, wie die Situation am besten zu lösen wäre. Sie waren sich einig, dass Nadja und Kiro unterstützt werden mussten. Gabriel wollte nicht von diesem Ort verschwinden und Michael verfolgte längst einen anderen Plan. Jener Ort, der die Quelle genannt wurde, war jetzt ganz nahe. Das Verlangen dorthin zu gelangen war übermächtig. Jedoch mussten sie sich erst um Nadja und Kiro kümmern. Ursprünglich hatte der Plan vorgesehen, dass Nadja sich für die Rettung des Planeten opfern würde, dies war nun aber nicht mehr notwendig. Die Dinge hatten sich geändert. Um nicht den Verdacht den Schattens zu erregen, wartete Michael ab bis die Zeit der ersten Frage fast vollständig abgelaufen war, bis er Kiro jenes Bild sandte, welches ihn befähigt hatte die Frage zu beantworten. Das Rätsel war leicht gewesen. Um es zu lösen hatte Gabriel nur einen kurzen Augenblick gebraucht. Beim Zweiten war es nicht anders gewesen. Um jedoch Kiro und Nadja unter Spannung zu halten und das Ende hinauszuzögern, hatte Michael die Lösung selbst ausgesprochen. Er wusste nur zu gut, dass es dem Schatten so am besten gefallen würde. Dieses Wesen war faszinierend. In ihm konzentrierte sich eine solche Menge an negativer Energie, Hass, Wut und blindem Zerstörungswahn, wie es Michael noch nirgends erlebt hatte. Die Verschmelzung ihrer Geister würde hochinteressant werden. Das Wesen war sich seines Sieges sehr sicher, jedoch war sich dies Michael auch. Nachdem sich Gabriel ihm angeschlossen hatte, waren seinem Geist ungeahnte Fähigkeiten hinzugefügt worden und er verstand Zusammenhänge, die ihm vorher verborgen geblieben waren. Um jedoch das Ganze zu verstehen, musste er die Quelle erreichen und versuchen sich mit ihr zu verbinden. Der Gong zur dritten Runde ertönte und Michael hörte mit wachsendem Interesse den Worten des Schattens zu. Als er geendet hatte, musste sich Michael mit aller Kraft zurückhalten um nicht in lautes Gelächter auszubrechen. Die Frage war nicht ohne Humor gestellt, das musste er dem Schatten lassen, aber die Lösung war so nahe liegend, dass sie vermutlich ein Kind hätte finden können. Er war gespannt, ob Nadjas Geist die Verschleierung des Schattens durchdringen konnte. Die Lösung war in ihrem Kopf verborgen. Eigentlich brauchte sie diese nur abzurufen. Michael machte sich bereit einzugreifen. Sekunde um Sekunde verstrich die kostbare Zeit.


Nadja spürte wie sich ihr Geist der Lösung des Rätsels näherte. Stück für Stück wurden Verbindungen hergestellt und sie durchdrang die Struktur und Denkweise des dunklen Wesens. Sie wusste, dass der Schatten sie mit dieser letzten Frage verspotten wollte. Jedoch war ihr sein Plan noch nicht vollständig klar. Nadja schloss die Augen und ging Schritt für Schritt den Weg zurück, den sie in den letzten Stunden gekommen waren. Und dort fand sie schließlich das, wonach sie suchte. Sie öffnete ihre Augen und sprach die Lösung aus. Noch einen Augenblick durfte sie voll Genugtuung das versteinerte Gesicht des Schattens sehen, bevor jede Struktur um Nadja und Kiro herum in gleißendem Licht ausblich und jene Macht, die größer war als der Schatten und die Quelle zusammen, sie von diesem Ort fortbrachte. Unbeschreibliche Leichtigkeit erfüllte Nadjas Seele und grenzenlose Dankbarkeit ließ ihr Herz fast bersten. Sie verstand nun. Längst nicht alles war enthüllt worden. Manches blieb im Dunkeln, aber eines war gewisslich wahr. Sie würden Leben.


Zwischenspiel


Schlag auf Schlag.

Weißer Bauer von C-Drei nach C-Vier. Schwarz unter Druck, zieht Dame von D-Fünf nach C-Sechs. Weiß setzt nach, Turm von B-Eins nach B-Fünf. Schwarz reagiert, Springer B-Acht nach D-Sieben. Atemlos. Weiß am Zug, Dame von E-Drei nach E-Vier. Schwarz will Damentausch, C-Sechs nach E-Vier. Weiß spielt mit, Bauer F-Drei nach E-Vier. Schwarz, große Rochade. Durchatmen. Gerade will der Ältere den nächsten Zug ausführen, als er versteht. Dieses Spiel wird niemals einen Gewinner haben. Sinnlosigkeit. Er steht auf. Erstaunt blickt ihn der Jüngere an. Er versteht nicht, aber dann erhebt auch er sich. Sie reichen sich die Hände. In dem Moment, als sich ihre Hände treffen, verschwinden das Schachbrett, der Tisch und die Stühle. Das Ende?


Finale


58


Michael freute sich. Sie war alleine auf die Lösung gekommen. Unmittelbar, nachdem Nadja das Wort ausgesprochen hatte, verschwanden sie und Kiro von ihren Stühlen. Fast wirkte es, als hätte dort niemals jemand gesessen. Kein Applaus mehr, keine Buhrufe. Einfach nur Stille. Der Schatten starrte noch immer wortlos auf jenen Platz, auf dem Nadja noch vor wenigen Sekunden gesessen hatte. Michael konnte fast spüren, wie sich das Wesen mit Wut und Zorn auflud. Wie eine gigantische Energiespule sog er jeden Funken negativer Energie in sich auf und Gabriel sorgte dafür, dass er genug davon fand. Bevor sich der Schatten ihm nun zuwandte, legte Michael das süßeste Lächeln auf, zu dem er im Stande war. Die Provokation bewirkte genau jene Reaktion, die Michael erwartet hatte. Mit seiner gesamten Macht raste der Schatten nun auf Michael zu. Eine Millisekunde später prallten die beiden Wesen aufeinander und verschwanden unmittelbar darauf in einem gleißenden Ball des Lichtes. Jegliche Existenz hörte auf und als der Schatten seinen katastrophalen Fehler letztendlich bemerkte, war es bereits zu spät. Er war auf mehr als eine Weise getäuscht worden und nun war er es, der den Preis bezahlen würde.

Ein neues Wesen war entstanden. Eins aus drei. Dies war nun genug und wie eine Blume, die am Morgen langsam ihre Blätter öffnet, offenbarte sich nun die Quelle jenem Wesen, das einzig würdig war.. Eine erste Begegnung fand statt und wenig später leitete die Quelle die Vereinigung ein. Langsam, und ganz behutsam begann nun endlich der Heilungsprozess.


Letztes Zwischenspiel


Die Tür war aus dem Nicht aufgetaucht. Beide Spieler hatten seltsame und zwiespältige Gefühle. Etwas Vertrautes war zu Ende gegangen und nun lag das Ungewisse vor ihnen. Durch jene Tür zu treten war nicht einfach. Keiner der beiden wollte diesen Ort verlassen, aber gleichzeitig hielt sie nichts mehr zurück. Durch einen Spalt kam Lich in das Dunkel. Auf der anderen Seite lag etwas Anderes. Der Ältere zögerte lange. Endlich legte der Jüngere ihm behutsam eine Hand auf die Schulter, lächelte ihm zu und nickte ermutigend. „Es wird gut werden, da bin ich mir sicher.“ Langsam, Schritt für Schritt, gingen sie auf die Tür zu. Bedächtig legte der Ältere seine Hand auf den kühlen Knauf der Tür. Er fragte sich, ob er es schaffen konnte, als ihm ein Gedanke aus der Vergangenheit kam. Natascha hatte dies einst gesagt und damit wohl recht gehabt. Die meisten Dinge waren eine Frage der Entscheidung. Man musste nur einfach vorwärts gehen. Und das taten sie nun also. Behutsam öffneten sie gemeinsam diese letzte Tür ihres Daseins und traten hinaus ins Licht. Leise schloss sich der Durchgang hinter ihnen und der Ort, der sie so lange Zeit gefangen gehalten hatte hörte von einem Moment auf den anderen auf zu existieren.


Der blaue Himmel


Ein heller Flur lag vor ihnen. Nadja und Kiro schritten auf die gläserne Tür am Ende des Ganges zu. Vogelgezwitscher drang von irgendwoher an ihre Ohren und der Duft von Blumen lag in der Luft. Der Mann neben der Tür blickte sie freundlich an. Er war alt. Viele Falten hatten sich über die Jahre in sein Gesicht gegraben und sein Kopf war fast kahl. Ohne ein Wort zu sprechen streckte er seine Hand aus, die in einem weißen Handschuh steckte und schüttelte erst Nadja und dann Kiro kurz die Hand. Dabei nickte der alte Mann anerkennend. Er griff nach der Tür und zog sie auf. Nadja und Kiro traten über die Schwelle in die gläserne Basis des letzten Turms. Hinter ihnen schloss sich die Tür wieder und nach einigen Momenten der Stille begann ganz behutsam das Aufsteigen. Zuerst langsam, Meter für Meter, schwebten sie vom Boden empor, um dann immer schneller den grauen Wolken entgegen zu steigen. Durch die gläsernen Wände der Röhre des Turms blickten sie auf die dunkle Festung und die Ebene von Klyth herab. Immer schneller entschwand die Welt und sosehr sich Nadja auch freute, dass sie nun diesen Ort verlassen durfte, empfand sie auch einen Schmerz. Auf eine Weise war sie dieser Welt verbunden gewesen und nun war es zu Ende. Die ersten Wolken nahmen ihnen mehr und mehr die Sicht und bald war alles voller Nebel und Dunst. Das Licht wurde heller. Endlich lösen sich die Wolken auf und einige Momente später stießen sie durch den letzten Schleier hinein ins gleißende Licht einer einzigen Sonne. Der Himmel erstrahlte in sattem Blau. Wie eine perfekte Halbkugel erstreckte er sich von Horizont zu Horizont. In diesem Augenblick wusste Nadja, dass dies wirklich das Schönste war, was je das Auge eines Menschen erblickt haben musste. Ihre Seele war tief bewegt und sie ließ ihren Tränen freien Lauf.

Immer weiter ging es hinauf. Das Blau der Atmosphäre begann langsam dunkler zu werden, bis es schließlich nur noch eine dünne Trübung der Schwärze des Weltraums war. Erste Sterne funkelten und schließlich hatten sie den Planeten verlassen. Sie blickte nach oben und ihre Überraschung war groß. Schnell näherten sie sich einem großen Objekt, das im All schwebte. Es sah fast so aus wie eine Raumstation. Wenige Minuten später waren sie angelangt und schwebten durch die Röhre in das Innere. Ihr Aufstieg wurde langsamer und schließlich blieben sie vor einem Durchgang stehen. Mit wenigen Schritten hatten Nadja und Kiro wieder festen Boden unter den Füßen. Hinter ihnen verschloss sich der Durchgang wieder. Sie standen an einer Wegkreuzung, an der mehrere Gänge abzweigten. Fast alle waren durch Gitter versperrt und schon nach wenigen Metern verloren sie sich im Dunkel. Nur ein Weg blieb offen. Auf einem Schild über dem Gang, der hell erleuchtete war stand in großen Buchstaben „Rettungskapseln“. Ohne weiter darüber nachzudenken gingen Nadja und Kiro los. Hand in Hand schritten sie durch leere Gänge, vorbei an stillen Hallen, immer tiefer hinein in ein totes Stück Technik, erbaut vor unvorstellbar langer Zeit. Nichts regte sich mehr und kein Leben war mehr hier. Und dann war auf einmal der Gang zu Ende. Eine kleine Runde Öffnung stand offen. Kiro kroch zuerst hindurch und dann half er Nadja. Im Inneren der kleinen Kapsel war es eng. Es hatten gerade zwei Personen Platz. Die Bedienelemente der Kapsel waren dunkel. Nur ein einziger grüner Punkt leuchtete. Kiros Finger schwebte einen Moment darüber. Er zögerte. Nadja legte ihm die Hand auf die Schulter und seine innere Ruhe kehrte zurück. Gemeinsam drückten sie auf das Licht und der Zugang hinter ihnen wurde verriegelt. Tore fuhren vor den Sichtfenstern der Kapsel zurück und enthüllte den Weltraum. Eine sanfte Computerstimme erinnerte sie daran sich anzuschnallen. Kiro und Nadja nahmen in den weichen Sesseln platz und legten ihre Gurte an. Der Countdown begann. Nadja blickte hinüber zu Kiro und ihre Blicke trafen sich.

Mit unwahrscheinlicher Beschleunigung wurde die Kapsel Sekunden später in den Weltraum geschleudert. Einem Lichtstrahl gleich durchzog sie die Schwärze der Unendlichkeit und war bald nur noch einer von vielen hellen Punkten, langsam kleiner werdend. Die Station hatte ihren letzten Dienst geleistet. Das Alter und unzählige Beschädigungen, die in den letzten Jahrtausenden entstanden waren, ließen die Versiegelungen brechen. Kurze Zeit später war das Vakuum in sie eingedrungen und hatte jedes Leben unmöglich gemacht. Durch die Vibration riss die Verbindung zum Planeten ab und langsam trieb das alte Stück Weltraumschrott davon. Auf Eschnak hingegen zeigten sich die ersten Zeichen der Widerherstellung. Die Wolken zogen sich immer mehr zurück und die Strahlen der Sonne erreichten das erste Mal seit ungezählten Jahren wieder die Oberfläche des erkalteten Planeten. Ein neuer Anfang war gemacht und die Karten neu ausgeteilt. Wie würde das Spiel diesmal enden? Niemand konnte es wissen.


Epilog


Irgendwo, irgendwann – am Meer. Kleine Sandkörner rieseln durch ihre Hände. Der Wind bläst sie davon. Eine Erinnerung wird wach an eine Zeit vor der Zeit. Doch sie ist nicht wichtig. Viel bedeutender ist das Hier und Jetzt. Das Meer, der salzige Geschmack im Mund und die Sonne, die den Körper wärmt. Wolken ziehen über den blauen Himmel. Einige sehen fast aus wie kleine Schäfchen, findet sie. Das Mädchen lacht laut auf und wendet sich wieder seiner Sandburg zu, die es gerade gebaut hat. Der kleine Eimer ist fast wieder voll Sand. Nur noch eine Schaufel, dann ist es geschafft. Gerade will sie den gelben Eimer umstülpen, als eine große Welle kommt und die filigrane Sandburg überschwemmt. Mit großen und entsetzten Augen betrachtet das Kind sein Werk, das soeben dem Erdboden gleich gemacht wurde. Jemand war stärker gewesen. Jemand hatte alles wieder kaputt gemacht. Erste Tränen rollen über die zarten Wangen des Kindes. Seine kleine Welt wurde erschüttert. Es sitzt da und Wellen kitzeln seine kleinen Zehen.

Unbemerkt hat sich der Vater von hinten genähert und als er nun sein Kind umarmt, ist innerhalb weniger Augenblicke alles wieder gut. Gemeinsam bauen sie eine neue Sandburg. Sie ist besser, stärker, sicherer und vor allem größer. Das Kind freut sich, als es das kleine Fähnchen auf den obersten Turm setzt und das Bauwerk vollendet ist. Alle Tränen sind getrocknet und alles Vergangene vergessen. Was zählt ist Hier und Jetzt. Der Vater lächelt sein Kind an und es lacht fröhlich zurück. Bis es Abend wird sitzen die beiden am Strand und spielen im Sand. Rot glühend versink die Sonne im Meer und als es langsam kalt wird, nimmt der Vater seine Tochter bei der Hand und gemeinsam gehen sie zu dem kleinen Holzhaus hinter dem Kamm der Dünen. Der Duft des Abendessens liegt in der Luft und als sie eintreten rennt das Kind zu seiner Mutter, die gerade den Tisch deckt. Sie schließt ihre Tochter in die Arme und blickt voller Liebe zu ihrem Mann auf. „Ihr kommt gerade zur rechten Zeit.“ Gemeinsam setzten sie sich an den Tisch und essen. Jetzt.


© Sebastian Schenk 2001-2007



Die Charaktere dieser Geschichte, sowie alle Handlungen sind geistiges Eigentum des Autors. Alle Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen, Orten oder Handlungen sind rein zufällig und nicht beabsichtigt. Der Autor verfolgt zurzeit kein kommerzielles Interesse an der Veröffentlichung dieser Geschichte. Freigabe zur Veröffentlichung besteht in dieser Form nur für www.BookOla.de. Für alle weiteren Veröffentlichungen ist die schriftliche Zusage des Autors erforderlich.


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