Cookies sind für die korrekte Funktionsweise einer Website wichtig. Um Ihnen eine angenehmere Erfahrung zu bieten, nutzen wir Cookies zum Speichern Ihrer Anmeldedaten, um für sichere Anmeldung zu sorgen, um statistische Daten zur Optimierung der Website-Funktionen zu erheben und um Ihnen Inhalt bereitzustellen, der auf Ihre Interessen zugeschnitten ist. Klicken Sie auf „Stimme zu und fortfahren“, um Cookies zu akzeptieren und direkt zur Website weiter zu navigieren.
Header2.jpg

Die Autoren von BookOla.de erstellen Rezensionen von Romanen, Kurzgeschichten
und allem was von bekannten und unbekannten Autoren zu Papier gebracht wird.
Die Links zu Amazon sind sogenannte Affiliate-Links.
Wenn du auf so einen Affiliate-Link klickst und über diesen Link einkaufst, bekomme ich
von Amazon eine kleine Provision. Für dich verändert sich der Preis nicht, aber dieser kleine
Betrag hilft mir, die Unkosten der Seite zu bestreiten.

Der Aufstand des Helmut Oden

© 2005 by Schaufelradbagger

Vorgeschichte

Diese bizarre Story beschreibt den gewaltigen Kampf des Helmut Oden, der krampfhaft versucht seine Heimat zu verteidigen. Seine Heimat ist – ja man darf staunen! – ein Selbstbedienungsrestaurant. Es heißt Marché und liegt in der Karlsruher Innenstadt. Man kann dort allerlei zu essen kaufen, und sich danach im Sitzbereich einen ruhigen Tisch suchen.

Seit er sich erinnern konnte, war Helmut hier ansässig. Er wohnte regelrecht in diesem Restaurant. Er schlief dort, aß natürlich dort, und kam fast nie mit der Außenwelt in Berührung. Die meiste Zeit des Tages verbrachte er damit, Zeitung zu lesen, einfach nur herumzusitzen oder seine Tics auszuleben. Tics ausleben? Ja, lieber Leser, sie haben richtig gehört! Doch dazu mehr im Folgenden.

Helmuts Eltern waren ungünstigerweise Geschwister, was gravierende Folgen für seine Erbanlagen hatte. Schon seit seiner frühesten Kindheit wurde er gemobbt, wegen seiner Hässlichkeit, seinen Ticstörungen – auch als Tourette-Syndrom bekannt – und wegen anderweitiger Behinderungen.

Er machte keinen Schulabschluss (an dem Tag, als ihn seine dreißig Klassenkameraden dazu gezwungen hatten, die Toiletten auszulecken, hatte er beschlossen, nie wieder die Schule zu besuchen, obwohl es ihm gar nicht übel gemundet hatte.) und konnte so auch keinen Job finden.

Deswegen quartierte er sich in seiner späteren Jugend kurzerhand im Marché Karlsruhe ein, und gehörte von da an zum festen Stamminventar.

Sein wohl größtes Handicap war wohl nicht seine unglaubliche Hässlichkeit, und auch nicht die ungünstige Verwandtschaftsbeziehung seiner Eltern, sondern seine Ticstörungen, also sein Leiden unter dem Tourette-Syndrom. Diese Tics zwangen ihn, manisch bizarre Handlungen zu wiederholen.

Dazu gehörte das für ihn typische "Abschnüren" bestimmter Körperteile. In der Praxis sah das so aus, dass er seinen Gürtel oder einen Strick nahm, diesen beispielsweise um seinen Arm schlang und dann voll zuzog. Dies wirkte manchmal sehr befremdlich für Gäste, was das Personal natürlich nicht gerne sah.

Das ging so weit, dass er einmal in voller Tic-Raserei sein intimstes Körperteil abgeschnürt hatte, worauf dieses fast hätte amputiert werden müssen! Der Gast, der ihn dabei zufällig beobachtete, kam nie wieder.

Damit wären wir beim nächsten Punkt: Warum akzeptierte ihn das Personal überhaupt als "Bewohner" und warf ihn nicht einfach hinaus?

Die Antwort liegt in seiner zweiten Ticstörung begründet. Diese veranlasste ihn mindestens einmal pro Woche, zu glauben, er sei ein Staubsauger. Das war natürlich enorm praktisch: Weil Helmut alle Speisereste mit vorgeschobener Unterlippe aufsaugte, konnte man an den Reinigungskosten sparen. Deswegen wurde er mehr schlecht als Recht von den Angestellten erduldet und durfte kostenlos essen und trinken, soviel er wollte.

Kurzum: Helmut Oden war zufrieden mit seinem langweiligen und zugleich skurrilen Leben.

1

Es war ein Tag wie jeder andere: Helmut erwachte inmitten von Besenstielen und Putzeimern. Die Luft roch nach scharfem Putzmittel, mit dem die Putzfrauen die Tische putzten und seine Kammer war noch mit Dunkelheit erfüllt.

Zögerlich öffnete er die Tür, "Nur für Personal" stand darauf, und blickte nach draußen. Durch seinen Guckspalt drang die weiße Morgensonne, und in ihrem Strahl tanzten abertausende von Staubflocken. Helmut nieste, wie jeden Morgen nach dem Aufstehen.

Nun zog er die Tür ganz auf und trat in die eine ihm bekannte Welt, in seinen Kosmos; in die einzige Stätte die ihm je zu eigen gemacht worden war. Er blickte hinaus in die Hallen des Marché Karlsruhe.

"Ey, Hodi, lass mich an de Besen!" Eine Stimme mit stark türkischem Akzent riss ihn aus seinen Gedanken. Es war der Reinigungsmann, in dessen Abstellkammer Helmut geschlafen hatte.

Resigniert trollte er sich und ging in Richtung der Toiletten. Er beabsichtigte – wie jeden Morgen um diese Zeit – seine Zähne zu putzen und seinen an Marché-Kost gewöhnten Mund auszugurgeln.

Da sein äußeres Erscheinungsbild (wie schon in der Vorgeschichte gesagt) sehr abschreckend war (er trug eine Hornbrille mit 83 Dioptrien, hatte eine Halbglatze mit krausem Haar an den Schläfen, hatte seit 15 Jahren die Kleider nicht mehr gewechselt und zu allem Überfluss hinkte und schielte er zugleich) ging er in eine der Toilettenkabinen um keinen Gast an einem Waschbecken zu empören.

Tief tauchte er seinen an auch Marché-Toilettenwasser gewöhnten Mund in die Kloschüssel und nahm einen großen Schluck; gurgelte dann und spuckte wieder aus. Dann griff er nach der Klobürste, pulte die Kotstückchen heraus, und schrubbte sein ganzes Gesicht.

Ein Tag wie jeder andere, für Helmut Oden, doch er ahnte nicht, welch Auftakt zu einem großen Drama dieser Tag sein sollte.

 

2

Inzwischen war es 7:30 Uhr, das Marché hatte geöffnet und die ersten Gäste verzehrten ihr Frühstuck. Manche tranken nur ihren Morgenkaffee oder Tee.

Auch Herr Oden begab sich, wie gewohnt langsam - es sollte nicht unerwähnt bleiben, dass besagter Rentner zu dieser Zeit ein besonders unangenehmes Gefühl des Juckens im linken Fuß verspürte, da er sich vor einigen Tagen im Zuge einer akuten Ticstörung den großen Zeh mit einem Stück Schnur abgebunden hatte, zum Service-Schalter um sein tägliches "Muntermacherfrühstück" zu schnorren.

Natürlich durfte eine warme Tasse Kaffee, selbstredend ohne Milch, nicht fehlen, um - wie er so schön sagte "den Koffeinspiegel zu halten". (Denn wenn sein "Koffeinspiegel" zu niedrig war, stieg die Ticanfälligkeit.)

Die anwesenden Mitarbeiter - Praktikantin Gesine Scheinobst und den sportlich wirkenden, älteren Gernot Schmitz freundlich grüßend, suchte sich der hässliche Herr Oden einen Platz um Frühstuck samt Kaffee zu genießen.

Zunächst beschmierte er ein Kaiserweck mit einigen Klecksen der ihm so ans Herz gewachsenen Kirschmarmelade, später verzehrte er das mit etwas Butter versehenen Croissant - das schmeckte ihm jeden morgen!

Nach kurzer Zeit, welche er mit Durchblättern der noch ausliegenden Tageszeitung vom Vortag verbrachte, fand er sogar eines Gesprächspartner, und zwar im, in nahezu täglicher Regelmäßigkeit im Marché frühstückenden Theophil Breuker, einem gebürtigen Niederländer.

Themen der Unterhaltung waren u.a. Fäkalsprache der Jugend (Helmut wurde wie gesagt gemobbt, was sein Vokabular nachhaltig beeinflusste), Risiko verschiedener Herzoperationen, sowie Leuchtreklame in der Karlsruher Innenstadt, als Helmut das Gespräch abrupt beendete und die Toilette aufsuchte, um sich vom schier unendlichen Druck der stark ausgeprägten Darmwinde zu befreien.

 

3

Wenig später, er hatte gerade die gesamten Toilettenräume in infernalischen Gestank gehüllt, ging Helmut erneut zur Essensausgabe, um sich eine Pizza zu bestellen.

Da er den ganzen Tag nichts anderes machte, wie ständig zu essen und Zeitung zu lesen, sorgte er wenigstens bei der Pizzabelegung für rege Abwechslung. Über die vielen Jahre war sein Geschmack immer ausgefallener geworden, und die Kombinationen gewagter. Aus "Salami, Pilze, und Käse" wurde "Kapern, Oliven und Brokolli" und schließlich "Wassermelone, Thunfisch, Schokoladeneis, Zwiebelringe und Kotstückchen", die er (wie jeden morgen) aus der Toilettenbürste pulte.

So trug er seine Pizza an der ihn unduldsam anblickenden Frau Scheinobst vorbei, um dann wieder zu seinem Freund Theophil Breuker zurückzukehren. Doch kurz bevor er an dessen Tisch gelangte, durchfuhr ihn ein inneres Zucken. Er ließ die Pizza fallen, und begann sich zu drehen. Die Drehung stoppte, und plötzlich bog sich seine Unterlippe in bizarrem Winkel nach unten.

Mit glasigem Blick bückte er sich; ein seltsames Bild: Seine noch ausgestreckten Beine, festgemacht am Oberkörper, der in einem perfekten 45-Grad Winkel zu Boden zeigte.

Inzwischen hatte sich eine gespannte Zuschauerschar um Helmut gesammelt, die einen Schritt zurückwich, als dieser begann, saugende Geräusche von sich zu geben.

Er senkte seinen Oberkörper noch ein wenig herab, sodass die Unterlippe glatt auf dem Fußboden aufsetzte.

Nun schoss er mit wirbelnden Beinen aus dem Publikumskreis, der daraufhin erschreckt auseinander stob, immer noch mit der Lippe am Boden, und immer noch saugende Geräusche ausstoßend.

Sein glasiger Blick erfasste die Pizza, die er eben hatte zu Boden fallen lassen. Gierig bewegte sich sein Mund – eine abartig zum Saugstutzen verformte Röhre – auf die Pizzareste zu. Er verschlang alles, mit einem hässlichen Schlürfen, und leckte noch anschließend die Soße auf.

Entsetzte Menschenmassen rannten aus den Ausgängen, während Helmut weitertobte. Wie jedes Mal pro Woche hatte er seinen Staubsauger-Tic, was der Geschäftsleitung einige Ersparnisse in Sachen Reinigungsarbeit brachte.

Erst rund zwei Stunden später, es war inzwischen fast Mittag, ließ der Tic nach. Helmut hatte das gesamte Restaurant ausgesaugt und ausgeleckt, sodass kein Schmutzrest, kein Krümel, nicht mal mehr ein Staubkorn zu sehen war.

Seine Lippe war bereits mit einer dicken Hornhaut überzogen, die sich über die Jahre und viele Staubsauger-Tics gebildet hatte.

Als sein Geist wieder klar war, zapfte er sich ein Cola, mischte es mit etwas Kaffee und Weißwein ab, und setzte sich wieder an einen Tisch.

Aus der Abstellkammer kam – allerdings ohne Putzzeug – der "Reiniungstürke", von dem Helmut allmorgendlich aus dem Schlaf gerissen wurde.

"Ey Hodi, ich hab’ neue Zeitung! Willste lesen!"

Helmut flüsterte (er konnte aufgrund einer Stimmbandmissbildung nur Flüstern, eine weitere, ärgerliche Behinderung) "Gerne, lieber Reinigungstürke!"

Er ergriff die Zeitung und hielt sie sich direkt vors Gesicht. Er schlang sie sogar um seinen Hinterkopf, um sich von der Außenwelt abzuschirmen.

"Ach und Hodi – eine schlechte Nachricht für uns alle: Die Geschäftsleitung hat mir mitgeteilt, dass unsere hiesige Marché-Filiale in zwei Wochen geschlossen wird. Du wirst ausziehen müssen"

Helmut sagte nichts. Er wurde einfach starr. Alles wurde schwarz vor seinen Augen.

 

4

Langsam lichtete sich seine Sicht wieder und nach kurzer Zeit gab Herr Oden, mit Fassung und hohem Puls ringend, ein leises, krächzendes und zugleich stotterndes "w-w-w-wie? g-g-g-geschlos-s-s-sen? Ausziehennnnnnn?" von sich. "Ja, Hodi.", antwortete ihm die Putzfachkraft, "musse gucken wo se Krüppel wie dich aufnehmen. Vielleicht wär Tiergarten Alternative odda so."

Außer sich vor Wut, jedoch nicht wegen der Bezeichnung "Krüppel", die war er gewöhnt, rannte er zu Frau Strietzelmann, welche ab 14:00 Uhr Gernot Schmitz an der Kasse ersetzte, und erkundigte sich, ob es denn stimme, was der Türke berichtete. Seine motorischen Behinderungen und sein immer noch schlecht durchbluteter Zeh waren ihm dabei sehr hinderlich.

Als sie bejahte, nahm er wieder das für ihn schnellstmögliche Tempo auf und versuchte, mit der Imitation der Geräusche eines Hubschrauberpropellers und mit seiner bemitleidenswerten Stimme den anwesenden Gästen unmissverständlich zu sagen, dass er nie und nimmer ausziehen werde.

Von einigen Ordnungsrufen der Mitarbeiter zunächst unbeeindruckt, brachte ihn schließlich ein gezielter Besenwurf seitens des Reinigungstürken zum Stillstand.

Stunden später:

Inzwischen war es Abend und Helmut hatte sich mit einigen Flaschen Rotwein wieder einigermaßen zur Fassung gebracht.

Die letzten Tropfen des kühlen Nass genießend und über einem Kindermenü "Bob der Baumeister" (bestehend aus paniertem Schweineschnitzel, Pommes mit Ketchup, einem bunten Salatteller und einer Überraschung zum Spielen) sitzend, kam er zur Einsicht, dass derlei Spontan-Aufstände unzweckmäßig seien und höchstens ein vorzeitiges Hausverbot provozieren.

Er musste sich etwas besseres Einfallen lassen.

Da jedoch auch dieser Tag zu Ende ging, bewegte er sich wieder zu seiner Besenkammer, rollte sich dort im Dreck ein und fiel in tiefen Schlaf.

 

5

Der nächste Morgen war fast so wie die bisherigen: Helmut stand auf, gurgelte seinen Mund in der Toilette und schrubbte auf die gewohnt abstoßende Weise sein Gesicht.

Allerdings war im Gegensatz zu früher immer der Gedanke an die bevorstehende Schließung in seinem Hinterkopf.

Das schaffte ihn sehr, und deswegen (so hatte er beschlossen) war es Zeit, in Aktion zu treten. Doch kurz bevor er ans Pläneschmieden gehen wollte, erfasste ihn ungünstigerweise eine Ticwelle. Er spürte den schier unglaublichen Drang zum Abschnüren. Ihm war klar, das Bevorstehende würde unvermeidlich sein.

So rannte er zu den Toiletten und schloss sich in eine Kabine ein, denn er wollte nicht, dass ihn jemand bei seinem Tic beobachtete. Dies war ungünstigerweise schon einmal gesehen, als ihn zwei Jugendliche beim Abschnüren ertappten; Oh, welche Scham war das gewesen!

Er griff mit zittrigen Händen nach dem dünnen Seil in seiner Tasche, dass er immer bereithielt, wenn es galt, dem Abschnürdrang Vorschub zu leisten, und schlang es um seinen Unterarm.

Er bildete – wie schon tausende Male zuvor – einen Schlingknoten und zog diesen voll zu. Das Seil schnitt schmerzhaft in sein Fleisch, aber gleichzeitig verströmte es eine himmlische Erleichterung. Ja, er war sich sicher. Dieses Gefühl war es, das ihn zum Abschnüren antrieb.

Er löste die Schlinge und streifte das Seil von seinem Unterarm, wo es tiefe Furchen hinterlassen hatte.

Noch war sein Arm Taub, aber erfahrungsgemäß setzte nach ein paar Minuten ein schmerzhaftes Pochen ein, wegen der mangelnden Durchblutung.

Jetzt, da er seinen Tic befriedigt hatte, konnte er sich wieder seinem eigentlichen Problem widmen: Der Schließung seiner Heimat in zwei Wochen.

Er blickte, nachdem er die Toilettenräume verlassen hatte, runter zu Essenausgabe. Helmut konnte nicht verstehen, warum das Marché geschlossen werden sollte. Es drängten sich doch so viele Leute an den Theken und Essensvitrinen, die zu seiner Heimat geworden waren, dass es doch nie und nimmer an Kundenmangel liegen konnte.

"Warum muss die Welt zu mir, dem armen kleinen Helmut, so grausam sein?", dacht er. Fast spielte er schon mit dem Gedanken an Suizid durch Abschnüren der Halsschlagader, aber verwarf den Gedanken wieder.

"Ich werde kämpfen!", sagte er zu sich.

Und in diesem Augenblick kam ihm auch schon sein erster Einfall: Wenn es doch so viele Kunden gab, gab es auch sicherlich andere Marché-Liebhaber, denen diese Gaststätte ebenfalls wichtig war.

Einen kannte er ja schon, Theophil Breuker. Er würde ihn nächstes Mal auf das Desaster ansprechen, wenn er ihn sah, das nahm er sich vor.

Aber zu Allererst wollte er direkt an die Kunden gehen. Ihm war schon im Voraus klar, dass das aufgrund seiner extremen Hässlichkeit ein Problem sein würde.

Dennoch raffte er sich auf und holte eine Holzkiste aus dem Lagerraum.

Sie war hoch genug, um sie wie ein Rednerpodest zu nutzen. Er stellte sie mitten in den Eingangsbereich – unter den verwunderten und angewiderten Blicken der Anwesenden Kunden – und räusperte sich.

 

6

"Läbe Marfe Kundn!" Seiner Meinung nach ein guter Anfang, wenn auch durch die Sprachfehler fast zur Unkenntlichkeit verstümmelt. Man muss wissen, er machte aus vielen "I’s" "Ä’s", aus dem "sch" ein "F" und obendrein lispelte er noch, allerdings nur, wenn er unter starkem Stress stand, was jetzt der Fall war.

"Wä thie vielleift erfahrn habn, wird daf Mafe bald gefloffn werdn. Dath düffn wä nächt zulassn!! Denn sä müssn wissen, ich wohnä hia!"

Die Menge blickte ihn entsetzt an, was ihm die Schamesröte ins Gesicht trieb. Fast verspürte er den Drang, seinen Strick aus der Tasche zu ziehen, und sich den Oberschenkel abzuschnüren oder so etwas.

Doch um noch mehr Verachtung seitens seiner "Zielgruppe" zu verhindern, zwang er sich, diesem Trieb nicht nachzugeben.

Er knirschte laut hörbar mit seinen verbliebenen Zähnen, als sich auf einmal eine sehr raue Stimme aus dem Publikum erhob:

"Sie wooohnen hieeer? Sooo ein Zuuufaaall! Ich wooohne drüüüüben, im Buuuuchkaaaiiiiseeeer!"

Die alle Vokale exorbitant in die Länge ziehende Stimme gehörte einem klein gewachsenen Mann, mit kurz geschnittenen weißen Haaren, ebenfalls vorgeschobener Unterlippe und einer stark nach Plagiat wirkenden Ledertasche. Er trug eine Brille mit billigem Goldrandimitat, durch die er Helmut mit seinen Eulenaugen anstarrte.

Die Menge, die sich um Helmut und sein Podest gescharrt hatte, ging langsam auseinander, da sie beschloss, dass es hier offenbar doch nichts zu sehen gab. Etwas verstört stieg Helmut von seiner Kiste herunter und ging auf den seltsamen Mann mit den weißen Haaren zu.

Mit seiner sich langsam wieder normalisierenden Stimme sagte er zu ihm: "Ja sie haben richtig gehört. Mein Name ist Helmut Oden und ich wohne in diesem Restaurant. Es soll bald geschlossen werden, stellen sie sich das vor! Wo soll ich dann denn hin?"

Sein ganzes Leid sprudelte nur so aus ihm heraus und er war auf die Reaktion seines neuen Gesprächpartners gespannt.

"Ja, ihre Lage, Herr ähhhh Oden, ist in der Tat sehr brisant. Ich heiße übrigens Peter Eniser und wohne direkt gegenüber, im Buchladen. Buckaiser, kennen sie bestimmt, wenn sie hier wohnen."

Helmut, der ein richtiges Gespräch gar nicht gewöhnt war, wusste nicht, was er weiter sagen sollte und bot Peter daher erst einmal eine Tasse guten Marché-Kakau an.

Dankend sprach dieser zu ihm: "Das ist nett von ihnen, Herr Oden, ich hatte sowieso vor, etwas zu mir zu nehmen. Setzen wir und dort hinten hin, dann können sie mir ja weiter über ihre missliche Lage berichten."

So erzählte ihm Helmut alles, angefangen bei seiner schweren Kindheit, über seine Ticstörungen bis hin zu seiner aktuellen Sorge.

Peter war erstaunlicherweise gar nicht verwundert über Helmuts seltsame Behinderungen, im Gegenteil, er schien selber von solchen betroffen zu sein. Denn gerade als er zu Helmut sagte: "Ticstörungen? Ja stellen sie sich vor, das habe ich a…..", wurde er stocksteif.

Wie in Trance starrte er mit glasigem Blick ins Leere. Helmut zog und rüttelte an ihm, jedoch ohne Erfolg. Dann zeigte Peter eine Regung und griff mit verkrümmter Hand nach seiner Ledertasche. Er öffnete sie zitternd und zog ein Buch heraus. Es trug den Titel "Gruselnacht im Klassenzimmer" und war offenbar ganz neu gekauft. Nun geschah das Unglaubliche: Peter öffnete seinen Mund so weit es ging und schob sich das Buch zwischen die Zähne. Er biss mit aller Kraft zu, sodass sich seine Zähne im Einband versenkten, was allerdings von einem hässlichen Knirschen aus dem Kiefer begleitet wurde.

Dabei fiel ihm seine Tasche vom Schoß und heraus purzelten ein gutes Duzend Bücher, die allesamt unzählige Bissspuren aufwiesen. Manche waren regelrecht zerfetzt.

In Panik versuchte Helmut seinem neuen Freund zu helfen, was ihm erst nach einer schallenden Ohrfeige zu gelingen schien. Peter hörte auf, wie besessen auf dem Buch herumzukauen und schien, wieder klarer im Kopf zu werden.

Dann, als er offenbar wieder im Vollbesitz seiner geistigen Kräfte war, lies er das malträtierte Buch fallen und berichtete Helmut, dass er ebenfalls unter Ticstörungen leide. Das "Bücherkauen", so sagte er, wäre eine davon.

Ihm war es sehr peinlich, Helmut zu gestehen, dass seine Eltern ebenfalls miteinander Verwandt waren. Aber da das bei Helmuts Eltern auch Fall war, fiel es ihm doch nicht so schwer.

So setzten sie ihn Gespräch fort und als Peter die Schwere von Helmuts Problem erkannte, beschloss er ihm zu helfen.

 

7

"Vielleicht könnten Sie äh zu mir in den Buchladen ziehen. Oder so...", bot Peter an. Doch selbstverständlich wusste auch er, dass ein Geschäft wohl kaum bereit sein würde, einen zweiten Bewohner aufzunehmen.

Er musste ja froh sein, dass er selbst noch kein Hausverbot hatte, was wohl größtenteils darauf zurückzuführen war, dass er neben der Angewohnheit im Weg zu stehen und Sitzplätze zu belegen, auch einer der treusten Kunden des Hauses war. Schließlich brauchte er immer neuen Nachschub, falls ihn mal der Buchbeißer-Tic überkommen sollte.

Helmut wies traurig winselnd ab: "B-b-b-buchladen, B-uchladen, das klingt zwar verlockend, aber das hier ist doch mein Zu-zu-hause, MEIN Marche. Seit über 10 Jahren!".

Peter erwiderte, dass auch er sein Zuhause vor einiger Zeit verloren hatte, als der Hertie geschlossen worden war. Dort hatte er zwei Reviere gehabt – das Kaufhausrestaurant und die Briefmarkenabteilung. Wehmütig erinnerte sich an die alten Zeiten zurück.

Herr Eniser stockte, er blickte zum "Achtung Maultaschen!-Schild", was auf das preislich besonders attraktive Mittagsmenü "Gebratene Maultaschen mit Spiegelei" hinwies, und grüßte schreiend einen Jugendlichen: "Hey Kevin, ich bins, dein Opi! Komm doch mal her!"

Dummerweise fiel ihm dabei das Gebiss aus dem Mund, sodass es in die Kakaotasse fiel und so beim Wiedereinsetzen einen schokoladigen Beigeschmack hatte.

Dem gegrüßten Jungen stand das blanke Entsetzen ins Gesicht geschrieben, er schaute schnell weg und verließ fluchtartig das Marché.

Ihm war es sichtlich peinlich seinen "unkonventionellen" und in der Familie verhassten Großvater hier anzutreffen. Zumal er einige seiner Schulfreunde mitgebracht hatte.

"Ja, ja", meinte Peter,"das ist heutige Jugend. Undankbar bis aufs Blut." "Mir musst Du nichts vormachen, ich kenne das, niemand will etwas mit einem zu tun haben!"

"Aber mir geht das ge-ge-ge-ge-ge-gewaltig auf den Zeiger! Ich bin doch auch ein Mensch!", entfuhr es Helmut, schon in den Abschnürstrick zur Hand. Doch der Buchkaiser-Bewohner konnte ihn besänftigen, des Weiteren nahm er einen Schluck des exzellenten Kakaos und fing langsam an zu erzählen: "Vielleicht ... gibt es ... ja noch ... weitere Bewohner, anderer Kaufhäuser und Gaststätten. Und ganz sicher gibt es komplett heimatlose in dieser eigentlich so schönen Stadt. Wenn man die jetzt alle ausfindig machen würde... dann, dann..."

Die Augen Beider strahlten.

Kurz schaute die Reinigungskraft vorbei: "Hodi, saugste hier nachher mal durch? Ich mach hier mal Feierabend." "N-n-n-n-nein, was wir haben anderes vor." "Ganz wie du meinen, Hodi. ... Ach Hodi, wo haste den denn jetzt her? Freund gekauft? Oder zugelaufen?", frech grinsend zog der Türke ab.

 

8

Helmut hatte mit Peter zusammen einen Plan geschmiedet. Er war ihre letzte Hoffnung, ihre Versicherung für eine lebenswerte Zukunft. Auch wenn – besonders das schmerze Helmut sehr – sie nicht die Schließung des Marché verhindern können würden, wäre ein großer Schritt für alle Restaurant- und Kaufhausbewohner mit der Erfüllung ihres Plans getan.

Einem jeden Behinderten auf der Straße, jedem Mobbingopfer, jedem geächteten Stadtbewohner würde ein Stückchen Lebensqualität geschenkt werden.

Helmut und Peter hatten sich einen heiligen Schwur geleistet – in einer Marché-Toilettenkabiene.

Ihr Motto war: "AUCH IHR SEID MENSCHEN – LASST EUCH NICHT UNTERDRÜCKEN!"

Damit waren alle, aber restlos alle, die im gleichen Boot wie Helmut und Peter saßen, angesprochen.

Die Parole stand also, der Eid war besiegelt, alle Zeichen waren gesetzt – jetzt galt es nur noch daran, diesen "Ruf der Freiheit" unter die zukünftigen Mitstreiter zu bringen.

Ihr Plan war es, alle zu Vereinen.

Im nu trommelte Peter seine behinderten Freunde zusammen, alle die er noch früher aus dem Hertie kannte und die, die regelmäßig zum Buchkaiser kamen.

Im großen, runden Essensraum, der für sechsköpfige Familien gedacht war, saßen Helmut, Peter und vier neue "Bündnisgenossen", die Peter angeheuert hatte.

"Meine lieben Mitstreiter, ich habe euch hergerufen, um euch einen Freund vorzustellen. Sein Name ist Helmut Oden und er wird euch nun berichten, wie ernst die Lage ist. Doch zunächst werde ich euch meinem Freund Helmut vorstellen. Helmut, das zu deiner Linken ist Daniel Fröhbäckler aus Köln. Auch er leidet unter einer Ticstörung, allerdings unter einer permanenten."

Helmut schaute Daniel an, der unablässig zuckte und den Kopf schüttelte.

Dann setzte Peter seine Rede fort.

"Rechts neben Daniel sitzt Rüdiger. Rüdiger Händelwunsch. Er hat, wie du siehst keine Hände. Aber dafür ist er ein kluger Kopf, und er wird uns bei der Erstellung unserer Flugblätter eine große Hilfe sein, denn seinem Bruder gehört eine kleine Druckerei. Er hat ihm schon bescheid gesagt."

Rüdiger grinste Helmut verwegen an und versuchte, das Daumen-Hoch-Zeichen zu machen, bis ihm auffiel, dass er ja gar keine Finger besaß.

"Die zwei anderen, Helmut, oder soll ich besser sagen, "Der andere"? Das sind Fritz und Franz. Wie du siehst sind sie an den Schultern zusammengewachsen. Dafür können wir sie als doppeltbreite, wandelnde Litfasssäule verwenden. Nun da wir uns jetzt alle kennen, wird Helmut eine kleine Ansprache halten."

Helmut stammelte, wie immer wenn er unter Stress stand, und es dauerte eine Weile, bis auch alle verstanden hatten, dass seine "Heimat" bald geschlossen werden würde.

Doch als alles erklärt war, waren sich die Verschwörer einig – sie würden an die Öffentlichkeit gehen. Rüdiger hatte schon die Flugblätter entworfen und seinem Bruder den Druckauftrag erteilt.

Helmut war erstaunt, wie souverän und professionell Peter all das regelte. Doch auch er ließ sich bald von der revoluzzerischen Stimmung anstecken und gewann so an Selbstvertrauen.

Wenn der Reinigungstürke ihn anpöbelte, pöbelte er zurück, wenn Leute ihn auslachten, lachte er zurück und er schämte sich auch nicht mehr seiner Herkunft.

Die große Vereinigung, das "Bündnis aller Behinderten" stand kurz bevor.

 

9

Diesmal war es kein Tag wie jeder andere. Helmut wachte, wie schon oft zuvor in der Putzkammer auf, die allerdings diesmal gerammelt voll war: Peter, Daniel, die siamesischen Zwillinge, Rüdiger und Helmut, alle hatten sich hereingequetscht.

Wutentbrannt riss der Reinigungstürke die Tür der Kammer auf: "Was fällt auch behinderten Assiärschen ein in meiner Besenkammer zu pennen?! Raus hier, aber sofort! Gerade wollte er nach Peter greifen, um diesen herauszuzerren, als aus dem hinteren Teil der Besenkammer ein Besenstiel geschnellt kam, der den Türken genau auf die Nase traf. Dieser hielt sich unter Tränen das zertrümmerte Riechorgan und kroch wimmernd aus der Kammer.

Nachdenklich wischte Helmut das Blut und die Knochensplitter von dem Stiel uns flüsterte: "Es endet. Heute noch."

Kurz darauf, der Morgen war noch frisch, nahmen die Bündnisgenossen ihre Tafeln und Parolen in die Hand. In der Tat, Rüdigers Bruder hatte gute Arbeit geleistet. Fritz und Franz bekamen ein riesiges Plakat umgehängt auf dem in großen Leuchtbuchstaben "AUCH WIR SIND MENSCHEN – BEHINDERTE LASST EUCH NICHT LÄNGER UNTERDRÜCKEN!" geschrieben stand.

Feierlich zogen sie aus, durch die Hallen des Marché. Helmut liefen Tränen der Trauer über die Wangen, da er schon im Vorhinein beschlossen hatte - obwohl die Schließungsfrist noch nicht ganz abgelaufen war – nicht mehr zu seiner Heimat zurückzukehren. Nie wieder.

Peter schaute ihn mitleidig an und Sprach: "Gräme dich nicht Helmut. Jetzt zählt nur noch die Mission."

Im Gedanken etwas Großes zu vollbringen, beruhigte sich Helmut wieder, und begann bald, wie die anderen auch, lauthals die zuvor ausgedachten Parolen rauszubrüllen.

"EINS, ZWEI, IM CHOR, SCHICKT – DIE –BEHINDERTEN – VOR!"

"EINS, ZWEI, IM CHOR, SCHICKT – DIE –BEHINDERTEN – VOR!"

"EINS, ZWEI, IM CHOR, SCHICKT – DIE –BEHINDERTEN – VOR!"

 

So tönte es durch die Straßen, dass die noch kleine Truppe bald sämtliche Blicke auf sich zog. Dann fühlten sich die ersten angesprochen.

Am Straßenrand saß ein Mann, dessen linke Hand im Bauch eingewachsen war. Er blickte betrübt zum Boden, doch als er den Lärm hörte und die Parolen las, stand er plötzlich auf.

Euphorisch rannte er auf Helmut zu und nuschelte: "Ich bin Ein-Hand-Herbert. Darf ich mitmachen?!"

"Ja sicher dürfen sie!", sprach Helmut in gewohnter flüster-stotter Stimme. So bekam Herbert flugs ein Plakat umgehängt, und die Revolutionäre hatten ihren ersten Mitstreiter gewonnen.

"Siehst du, Helmut? Es funktioniert!", rief Peter freudig. Auch die anderen, Daniel, Fritz und Franz und Rüdiger, konnten es kaum erwarten, dem Neuankömmling die verbleibende Hand zu schütteln. Sofort erzählten sie ihm – in Kurzfassung – Helmuts tragische Geschichte und wie es so zu ihrem Aufstand gekommen war.

Plötzlich kam von hinten ein Mann auf sie zu gerannt. Man konnte schon aus der Ferne sehen, dass er wie zwanghaft seinen Mund immer wieder öffnete und schloss. Er japste regelrecht nach Luft.

Sofort begann er sich vorzustellen, wobei er es auch nicht unterließ, ständig nach Luft zu schnappen: "Guten – haps – Tag! Ich – haps – bin Florian Fischli und – haps – werde sehr oft wegen meiner – haps – haps – Ticstörung, - haps – dem zwanghaften Schnappen – haps – nach Luft – haps – gemobbt. Deswegen – haps – haps – haps – würde ich mich gerne – haps – ihnen anschließen.

"Sicher!", riefen Fritz und Franz wie aus einem Munde, "das können sie gerne tun!"

So reihte sich freudig ein weiteres Mitglied bei der lärmenden Truppe ein.

Auch ihm wurde alles über Helmut gesagt. Er zeigte sich sehr empört und hapste immer schneller, dass einem vom Zugucken schwindelig wurde.

Und so ging es weiter: Nur Minuten später kam Willibald Dreifuß zu ihnen gestoßen, der seinem Nachnamen alle Ehre machte, da er in der Tat drei Beine besaß. Es war ein seltsamer Anblick ihn rennen zu sehen.

Wenig später folgte Christiane Schasturjkeke, eine Kroatin, die sich einfach nur permanent im Kreis drehte.

So ging es weiter, immer mehr seltsame Existenzen schlossen sich dem Straßenzug an, sodass er bald zu beachtlicher Länge gewachsen war.

Es würde jetzt den Rahmen der Geschichte sprengen, wirklich alle Mitstreiter beim Namen auszuzählen, nur eines soll noch gesagt sein: Es hätte sich keiner träumen lassen, dass es so viele von ihnen gab! Manche wohnten wie Helmut in Kaufhäusern, Läden oder Restaurants – manche sogar in der Kanalisation! – und viele einfach auf der Straße.

Nach vielen Stunden, es war bereits Abend, war die ganze Stadt gefilzt und ein riesiger Strom an Menschen folgte Helmut und seinen Freunden.

So ziemlich jeder, der es wollte, hatte sich der gigantischen Bewegung angeschlossen. Die Parolen wurden jetzt leiser gebrüllt und eine bleierne Erschöpfung legte sich über alle. Da jedoch keiner wusste, was als nächstes gemacht werden sollte, trotteten sie langsam weiter.

Zum ersten Mal seit Jahren sah Helmut wieder die Abendsonne. Wie lange war es her, dass er Luft geatmet hatte, die nicht aus dem Marché Karlsruhe stammte? Wie lange hatte er keine Vögel mehr gesehen….?

Im wurde bei diesen Gedanken wieder Schwermütig zumute.

Er sah eine voll beklebte Litfasssäule am Straßenrand. Dort hing ein Plakat im typischen Marché-Grün, auch das Logo des Restaurants war zu sehen.

Helmut kniff die Augen zusammen und ging auf das Plakat zu, um es zu lesen.

"Marché Karlsruhe: Ab 1. September noch großer für sie!!

Da unser gemütliches Selbstbedienungsrestaurant sich einem stetigen Kundenstrom erfreut, haben wir beschlossen, das Angebot für sie zu vergrößern.

Noch mehr kulinarische Finessen und Überraschungen – ab 1. September! Schauen sie vorbei.

Ihr

Marché Karlsruhe"

 

10

Helmut konnte seinen Augen nicht trauen.

"Peter!", rief er so laut es ging. "Peter komm her, und sieh dir das an!!"

Peter eilte ebenfalls zum Plakat und beiden wurde klar, was es zu bedeuten hatte.

"Das Marché wird gar nicht geschlossen!! Es war nur ein Scherz von diesen blöden Angestellten!!" Helmut machte Luftsprünge und jubilierte.

Sogleich schlug Peter vor, dass sich alle gemeinsam auf den Weg zu Helmut alter, und doch neuer Heimat machten.

So kam es, dass sich der ganze Zug auf das Marché zu bewegte, allen voran Helmut und Peter. Helmut rannte, so schnell es mit seinem abgeschnürten Zeh ging, in das Restaurant hinein und sprach Gernot Schmitz an, der (wie üblich um diese Zeit) an der Kasse tätig war.

"Herr Schmitz, das Marché wird gar nicht geschlossen, stimmts? Das war nur ein Witz gegen mich?!"

Gernot antwortete: "Hajoo, Helmut. Des war en Witz vom Reinigungstüken! Hier wird nix gschlosse! Des Marché wird sogar noch größer gmacht!"

Mit gigantischen Jubelschreien sprang Helmut durch das Restaurant und brüllte immer wieder "Es wird nicht geschlossen!! Es wird nicht geschlossen!!"

Inzwischen war das Restaurant gerammelt voll, mit allen Behinderten und Tic-Gestörten die Helmut gefolgt waren. Es waren so viele, das nicht einmal alle im Marché Platz fanden und so manche einfach vor der Tür stehen blieben.

Jetzt, da seine Heimat gesichert war, wollte er etwas Abschließendes verkünden. Auch diesen finalen Teil des Plans hatten er und Peter schon durchgesprochen.

Er eilte wieder in den Lagerraum, um die Kiste zu holen, auf der er seine erste Ansprache gehalten hatte und so Peter Enisser kennen gelernt hatte.

Peter sah wie Helmut mit der Kiste unter dem Arm wieder zurückkam und bat deswegen lautstark einige Male um Ruhe. Helmut stellte sich auf die Kiste, in mitten aller seiner neu gewonnen Mitstreiter und wollte anfangen zu sprechen.

Er brachte kein Wort heraus, denn er verspürte einen Drang, so stark wie schon seit langem nicht mehr. Der Drang zum Abschnüren.

Er zog den Strick aus seiner Tasche und es gab kein zurück mehr. Unter den Blicken aller schnürte er sich das linke Schienbein ab. Doch bevor es zu mehr kommen konnte entriss ihm Peter den Strick und gab ihm eine Ohrfeige, sodass Helmut wieder klar im Kopf wurde.

Jetzt endlich konnte er anfangen zu sprechen, doch vorher drücke ihm Peter noch ein Megaphon in die Hand, das ebenfalls aus dem Lagerraum stammte.

So hallte Helmuts Stotterstimme stark verstärkt zu allen Ohren.

"Liebe Behinderten und Tic-Gestörten.

Ich möchte Sie hiermit ermutigen, meinem Beispiel zu folgen! Bewohnen sie alle Kaufhäuser, Cafés, Restaurants, Schuhgeschäfte, Heizungskeller, Tiefgaragen, Banken etc., die sie finden können. Es ist an der Zeit, dass sie sich eine Heimat nehmen! Schrecken sie nicht davor zurück und lassen sie sich nicht kleinkriegen!

Von jetzt an können wir uns alle einmal pro Woche im Marché treffen! Ich erwarte sie hier nächsten Mittwoch!"

Alle Behinderten, die die ganze Zeit still gewesen waren, brachen nun in gewaltigen Jubel aus. Sie brüllten vor Begeisterung, da ihnen endlich jemand eine Stimme gegeben hatte.

Und das Marché Personal? Das war bei dem Anblick der von Helmut zusammengerufenen Gestalten in Ohnmacht gefallen.

Der gigantische Strom preschte aus dem Restaurant, wieder zurück in die Innenstadt. Alle rannten davon, um sich – wie es Helmut gesagt hatte – eine Heimat zu suchen. Viele würden damit warten müssen, da es schon fast 21.00 Uhr war. Aber, da war sich Helmut sicher, würde sich davon keiner mehr abhalten lassen.

Als der ganze Trubel sich beruhigt hatte, organisierten Helmut, Peter, Daniel, Fritz und Franz und alle die noch etwas länger geblieben waren eine kleine Siegesfeier mit gutem Marché Wein.

Als auch das vorüber war schliefen sie auf dem Boden und auf den Tischen. Und Helmut natürlich – wie gewohnt - in der Abstellkammer.

11

So konnte Helmut sein gewohntes Leben im Marché Karlsruhe doch noch fortsetzen. Doch vieles hatte sich geändert: Der Reinigungstürke pöbelte ihn nie wieder an, sondern hielt sich immer nur erschreckt die Hände vor seine Nase, wenn er Helmut sah.

Und jeden Mittwoch quoll das Marché nur so über, vor lauter seltsamen Gestalten. Denn einmal pro Woche hielt Helmut die GdKB ab. Das stand für "Generalversammlung der Karlsruher Behinderten".

Die Geschäftsleitung duldete das nur, weil die Behinderten ihr gesamtes erbetteltes Geld für Essen ausgaben.

Dann, ein paar Monate nach Helmuts großem Aufstand wurde das Marché in der Tat vergrößert, und somit wuchs auch sein Reich.

"Auch wenn meine Zukunft langweilig ist", so pflegte Helmut zu sagen, "gesichert ist sie auf jeden Fall."

Und noch Jahre Später, wenn die Abende lang waren, setze er sich mit Peter und seinen anderen Freunden zusammen (mit einer guten Tasse Marché Kakao, versteht sich) und erinnerte sich zurück an die großen Aufstände.

Copyright 2021 by www.BookOla.de
Joomla templates by a4joomla