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DAS PENDELSCHWUNG-PRINZIP 
 

© 2005 Frederick Fell

Ich traf dich im Zentrum eines luftleeren Raumes.

Du wurdest zur Göttin meiner Wahrnehmung.

Wir erstickten beide.

 

 

11. Mai 1998

 

 

Die rauchgeschwängerte, stickige Luft hing ihm trotz der nun sauberen Umgebung immer noch in der Nase. Langsam verschied dass ekelhafte Brennen in den Augen und Sanrick Diphtam konnte sich inmitten des weichen Sofas endlich entspannen. Die Wohnung, in die ihn seine gerade eben erst kennen gelernte Bekanntschaft eingeladen hatte, schien geradezu vor Wärme und Geborgenheit zu leuchten, und immer wenn ihn die junge Frau mit ihren dunkelgrünen Augen ansah fuhr ihm eine erfrischende Woge der Sicherheit durch den Körper. Zu seinem großen Glück hatte sie ihn in den letzten Minuten sehr oft angesehen.

"Was machen wir jetzt?", fragte sie mit einer vergnügt aber auch unbefleckten Miene die wohl jeden Mann in den Wahnsinn treiben würde. Sie sah sowieso schon so aus als hätte sie bisher viele männliche Bekannte verrückt gemacht, bevor man schlussendlich nahe genug an sie heran kam um ihre Hose zu öffnen. Von Anfang an – seit ihrer Begegnung vor vier Stunden bei einer Wirtshauseröffnung – hatten ihre Augen in einem so erregten Licht gestrahlt, dass sie damit wohl jedes Schlafzimmer hätte beleuchten können. Ihr ganzer Körper schien bei jedem ihrer Atemzüge erregt zu pulsieren, und in Kombination mit ihrem unschuldigen Kindergesicht war er allmählich zu einer Waffe herangewachsen die jedes Gefecht zu ihrem Gunsten beenden konnte.

"Hast du noch etwas zu trinken da?" Sanrick war an diesem Tag zu abgeklärt um sich schon so früh von ihrer Ausstrahlung überwältigen zu lassen. Sein makelloses Gesicht war völlig aufrichtig und gab zu keiner Zeit irgendeinen Hintergedanken preis.

"Ich denke zu dem ganzen Bier heute Mittag könnte jetzt mal ein feiner Rotwein passen..." Sie stand kokett auf und warf ihm einen weiteren reizenden Blick zu.

"Hast du auch einen weißen? Mit Rotwein konnte ich noch nie viel anfangen."

"Natürlich..." Lächelnd verließ sie das Wohnzimmer und ließ ihn dort allein zurück. Aus einem Nebenraum war das leise Klirren von Flaschen, und ab und zu auch ein gedämpftes Niesen zu hören. Sanrick nahm dies jedoch nur unterschwellig zur Kenntnis und begnügte sich damit, schweigend an die mit hellbraunem Holz verkleidete Zimmerdecke zu starren und einen tiefen Atemzug, der von einem unsichtbaren Raumerfrischer benetzten Luft zu nehmen. Von seiner rasselnden Lunge war im Gegensatz zu vorgestern nichts mehr zu hören.

Und doch war er dazu verdammt in dieser quälenden Endlosschleife eines sich ständig wiederholenden Tages gefangen zu sein. Selbst wenn sich bei jedem neuen Erwachen das Datum änderte, war es doch ein und derselbe Tag.

"Es war doch kein Weißwein mehr da", erklärte die Frau lächelnd als sie das Zimmer wieder betrat und dabei zwei Kristallgläser mit einer violetten Flüssigkeit balancierte. "Aber ich habe noch einen hervorragenden Pflaumenwein gefunden!"

"Pflaumenwein?" Er blickte sie fragend und doch irgendwie wissend an. Seine Art sie anzusehen gefiel ihr zusehends immer mehr.

"Sag bloß du hast noch nie Pflaumenwein getrunken!" Ihre Mundwinkel verzogen sich breiter, und ihr Lächeln wurde noch wärmer. "Seitdem diese ganzen Asienläden in den Städten aufmachen, habe ich ständig welchen im Haus! Es ist mein absolutes Lieblingsgetränk geworden."

"Tja", schmunzelte er gekonnt, "dann kann ich wohl nicht nein sagen..."

Grinsend reichte sie ihm sein Glas und stieß überschwänglich an. Ohne angst vor dummen Bemerkungen seinerseits leerte sie ihren Wein in einem einzigen Zug aus und goss sich schnell nach. Sanrick selbst wiederum beließ es dabei nur einmal daran zu nippen und das Getränk dann, trotz seines zugegebenermaßen tollen Geschmackes, auf dem durchsichtigen Wohnzimmerglastisch abzustellen.

"Also, es wird langsam spät", führte sie weiter aus und trieb den Abend sympathisch aber bestimmt voran. "Ich habe eigentlich nichts gegen ein Gespräch, aber nach dem ganzen Stumpfsinn den ich mir heute schon in der Schänke anhören musste, wäre es mir lieber wenn wir meine DVD Sammlung plündern."

"Abgesehen von Schnulzen ist mir alles recht", grinste er aufgesetzt und versuchte die innere Beklommenheit die sich plötzlich in ihm ausbreitete zu verdrängen. Er hatte manchmal seltsame unbegründete Stimmungsschwankungen und schaffte es meist sich diese nicht deutlich anmerken zu lassen, doch es fiel ihm allgemein eher schwer.

Heute glaubte er aber, dass es vermutlich gut klappen würde.

Jedenfalls redete er sich das schon, jeden Tag aufs neue, seit Jahren ein.

"Gut, dann los!" Sie sprang auf und schnappte sich süffisant die Gläser und die noch Dreiviertelvolle Flasche Pflaumenwein.

"Wohin?"

"Ins Schlafzimmer!" Sie grinste. "Dort wo mein Fernseher steht! Wir können dort weiter trinken." Die Initiative ergreifend setzte sie sich in Bewegung und marschierte schnurstracks in einem angrenzenden Raum, den Sanrick schnell als Schlafzimmer identifizierte. Einen Moment überlegte er, ob er ihr wirklich hinterher laufen sollte, dann besann er sich aber darauf grundsätzlich immer zu Ende zu führen was er angefangen hatte. Doch je länger er in dieser Wohnung blieb, desto nervöser und unruhiger wurde er. Etwas stimmte nicht. Es war die erste Nacht seit Monaten die er nicht daheim verbrachte, und etwas stimmte nicht.

Sobald er den Raum betreten hatte, wurde er sofort von einem warmen Lächeln und einem frisch gemachten Bett mit blauer seidig glänzender Bettwäsche begrüßt. Der Fernseher war ausgeschaltet, und das Mädchen lag in einer ziemlich bequem aussehenden Lage auf dem Stoff. Ohne ihn aus den Augen zu lassen, füllte sie beide Gläser wieder neu mit Pflaumenwein auf.

"Los, leg dich hier hin!"

Er blickte sie ohne jegliche Form von Gefühlsregung an. "Der Fernseher ist noch aus."

"Ist das wichtig?" Sie kicherte. "Außerdem liegt die Fernbedienung auf dem Nachttisch, und damit in unmittelbarer Reichweite."

Einen Augenblick lang dachte er über die Situation nach, dann entschied er sich dafür dass es wohl das beste wäre auf ihre Bitte einzugehen. Es war seltsam, aber im Gegensatz zu eben wirkte er nun völlig leer und emotionstaub. Er hätte sich genauso gut in einen Sarg legen können.

Doch diesmal war es eine seidigblaue Bettwäsche.

Ihre Augen funkelten. Sie rückte näher an ihn heran und schmiegte ihre Wange an seine Schulter.

Seine Sinne drohten zu schwinden. Doch es waren keine schönen Gefühle, sondern eher so als würde er aus der Realität schwinden und zu einem einzigen Traum werden. Das Zimmer der jungen Frau verschwamm vor seinen Augen und zerlief ineinander zu einem farblosen Gemisch voller modriger Gerüche und nervenzerfetzender Geräusche. Er glaubte jeglichen Halt um sich herum zu verlieren und hörte auf die Sehnen seines Körpers anzuspannen.

"Wann hattest du zum letzten mal Sex?", rief ihn die samtige Stimme seiner weiblichen Gesprächspartnerin in die Realität zurück. Als er wieder ein klares Bild vor Augen hatte, sah er wie sie sich über ihn gebeugt hatte und ihm tiefe Einblicke in ihren Ausschnitt erlaubte. Für einen winzigen Augenblick kam ihm der Gedanke dass er noch nie eine sinnlichere Frau gesehen hatte.

Doch er vermied es, diese Wahrnehmung ernst zu nehmen.

"Ich muss weg", keuchte er heraus und versuchte sich zu erheben, doch reflexartig hatte sie ihn wieder auf das Bett gedrückt und glitt mit ihrer Hand in seine Hose.

"Also was ich hier spüre will absolut nicht gehen", grinste sie und versuchte ihn zu küssen.

Doch vergeblich. Mit eiskalten Handbewegungen stieß er sie von ihm und kletterte aus dem Bett. "Es tut mir Leid", stammelte er verlegen, "aber vielleicht kommt sie heute!"

"Heute?" Instinktiv guckte sie auf die Uhr. Es war halb 12 und er würde frühestens in einer Viertelstunde daheim ankommen. Wer sollte ihn so spät noch besuchen? Und wer war eigentlich sie? Instinktiv röteten ihre Wangen – dieser Abend verlief absolut gar nicht so wie sie es geplant hatte.

"Was hast du vor?"

"Es tut mir wirklich Leid", entschuldigte er sich weiter und wirkte beängstigend aufgelöst. "Vielleicht komme ich noch rechtzeitig an wenn sie zurück kommt!"

Damit knöpfte er blitzartig seine Hose wieder zu und verließ gehetzt die Wohnung des Mädchens, ohne auch nur einen winzigen Blick zurück zu wagen. Seine Jacke vergaß er auf ihrer Couch.

Er würde sie nie mehr abholen.

Auch an diesem Abend würde sie nicht kommen.

 

20. Dezember 2003

 

 

Die Gerüche von Schweiß und Bier mischten sich mit der sowieso schon ekelhaft abgestandenen Luft und ließen ihn übel aufstoßen. Dort wo sonst Vereinsversammlungen oder Vorlesungen unbekannter Autoren gehalten wurden – im renovierten, großen und gemütlichen Anbauzimmer einer gut besuchten Bürgerstube – feierte nun eine im Laufe des Jahres gut angewachsene Gruppe von Buchhändlern, einer derzeit florierenden Geschäftskette, ihr Weihnachtsfest. Bunt leuchtende Lichterketten waren von der einen Raumecke zur anderen gespannt und strahlten schon fast psychotische Farbenspiele aus. Auf einem besonders bunt hergerichteten Tisch, der etwas abgegrenzt an der Seite stand, waren die Mitarbeitergeschenke von der Geschäftsleitung aufgestapelt. Natürlich waren es alles Bücher; Sanrick hatte als Aushilfskraft eine gebundene Sammlung satirischer Bildergeschichten bekommen. Innerlich dankte er den Verantwortlichen dass sie ihn so lange haben arbeiten lassen, denn es war kein Geheimnis mehr dass man ihn Anfang nächsten Jahres wegen seiner ungepflegten und absonderlichen Ausstrahlung wieder auf die Straße setzen würde.

Und bei dem Gedanken fiel ihm mit der Intensität eines Brechanfalles auf, dass es im Moment vielleicht wirklich eine gute Idee wäre draußen auf der Straße etwas frische Luft zu schnappen. Seit der Sache damals mit dem Mädchen vor fünfeinhalb Jahren war er nie wieder, zu so später Stunde noch abseits seines Domizils gewesenen, und eigentlich hatte er sich auch nur aus purer Sympathie zu seinen Arbeitskollegen entschlossen, diesem Treffen beizuwohnen. Vielleicht war es eine Fehlentscheidung gewesen.

Fünf Minuten später saß er auf der Schwelle des Bürgerhauses und starrte gleichmäßig atmend in den Himmel.

Wäre es vielleicht besser gleich wieder heim zu fahren? Er würde dann zwar sein Geschenk drinnen liegen lassen müssen, doch er fand sowieso keinen großen Gefallen daran. Bücher langweilten ihn.

Aber das lag nicht in ihrer Natur – genauso langweilten ihn Filme oder Theaterstücke. Warum sollte er sich Geschichten über fremde Menschen ansehen? Was brachte ihm das? Die Gesellschaft hatte eindeutig zuviel Freizeit wenn sie sich tatsächlich zu solchen Beschäftigungen hinreißen ließ.

Aber was sind sinnvolle Beschäftigungen?

Es fiel ihm schwer es sich einzugestehen, aber irgendwie war sein Leben seit längst beraubten Tagen völlig trist geworden. Jeden anderen Menschen hätte es schlicht und einfach zu Tode gelangweilt, doch ihn hatte ein einziger Faktor über Jahre hinweg am Leben gehalten. Für ein war ein Tag wie der andere, für ihn gab es nur einen Tag, bis auf den einen der noch kommen mochte.

Bis dahin existierte er allein durch seine Bedürfnisse.

Aber alle Dinge die er wollte, waren Dinge die er bereits besessen hatte.

Doch die Dinge die er brauchte, hatte er noch nie dringender gebraucht.

"Hey, alles klar?"

Sanrick nahm überrascht zur Kenntnis wie sich ein Arbeitskollege, den er flüchtig kannte, neben ihn setzte. Ruckartig wurde er aus seinen Gedanken gerissen und ins reale Jetzt zurück geschleudert; zurück zu frischer Luft und einem immer noch leicht pulsierendem Brechreiz.

"Ja, natürlich", murmelte er benommen.

"Ich hatte mich schon gefragt wann sich der erste nach draußen absetzt", grinste der neu hinzugekommene freundlich. "Es ist schon erstaunlich, wie trivial Gespräche werden wenn eine Gruppe Mitdreißiger plötzlich wieder anfängt Alkohol zu trinken."

"Und warum trinkst du nichts?", fragte Sanrick mehr aus Höflichkeit denn aus Neugier.

"Na ja", der Mann lachte fröhlich, "erstens trennen mich noch gute zehn Jahre bis zu meinen Mitdreißigern, und zweitens habe ich mir geschworen dass ich mit 19 meine letzte Therapie in dieser Hinsicht gemacht habe. Bis jetzt hat auch alles gut geklappt."

"Lobenswert." Sanrick räusperte sich. Binnen weniger Sekunden wurde ihm entsetzt klar, dass er Tränen in den Augen hatte.

"Hast du eine Freundin?"

Die Worte wurden von der umgebenden Stille verschluckt. Hatte er eine?

Ja.

Nein.

Nein, man konnte sie wirklich nicht als Freundin bezeichnen.

"Ja, ich habe eine", antwortete Sanrick betreten.

"Warum ist sie heute nicht hier?"

Warum?

"Sie ist geschäftlich im Ausland."

"Ah..." Der Fremde nickte als würde er verstehen. "Das muss frustrierend sein."

Weitere Tränen bildeten sich unbemerkt in den Augen des Mannes.

"Es ist frustrierend."

"Na", der andere winkte ab, "je länger das Fortbleiben desto schöner das Wiedersehen."

Sanrick setzt zu einer Antwort an, wurde jedoch von einem plötzlichen Hustenanfall unterbrochen. All die Emotionen die eben noch wie wilde Quellbäche aus ihm raussprudelten, wurden von einer Sekunde auf die andere von einem meterdicken Damm innerer Tumulte zum Versiegen gebracht. Wo eben noch das Leben aus ihm zu sprechen schien, wurde es nun gekreuzigt und tief in seinem Inneren unter einem Berg von Silbermünzen begraben. Wo er eben noch lebendig war, war er nun tot.

Hastig warf er einen Blick auf die Armbanduhr, die er an seinem ekstatisch zitternden Arm trug. Sein ganzer Körper schien ihn mit aller Kraft abstoßen zu wollen und pulsierte wie das Herz einer gejagten Gazelle. Es war halb 12 – er könnte es noch schaffen, rechtzeitig nach Hause zu kommen. Wie dumm war er gewesen sich erneut auf so ein Unterfangen einzulassen?

"Tut mir Leid", stammelte er gequält und sprang auf. "Vielleicht kommt sie heute!"

Ohne einen Blick zurück zu werfen, hastete er in sein Auto und verließ das Bürgerhaus.

Es war das letzte Mal, dass er mit einem Menschen reden sollte.

Auch an diesem Abend würde sie nicht kommen.

 

23. Mai 2007

 

 

Die allumgebende Dunkelheit um ihn herum löste sich auch nach dem Öffnen seiner Augen nicht auf. Waren die Gardinen noch zugezogen? War es Nacht? Gab es so etwas wie Licht überhaupt noch? Verwirrt und verloren schwenkte er sein Gesicht hin und her, bis er auf eine leuchtend rote Schrift in der Dunkelheit stieß.

23:49

War das die Uhrzeit? War es der Rest seines Lebens? War es der Rest aller Leben?

In einem Akt blindem positiven Denkens nahm er an, dass es die Uhrzeit war. Zeit um aufzustehen.

Wann war er eigentlich eingeschlafen? Wann hatte er sich ins Bett gelegt?

Unbeholfen und blind wie ein Maulwurf kletterte er von seiner mit Rissen überzogenen Matratze und stellte sich langsam neben seinem Bett auf. Ihm war kalt, anhand der kühlen Luft die direkt an seine Haut drang, nahm er an, dass sein Oberkörper nackt war, aber er hätte sowieso nicht mehr gewusst wo er etwas zum Überziehen hätte finden können.

Aber der Geruch der an seine Nase stieg wirkte vertraut. Etwas fremd, aber immer noch irgendwie vertraut. Stickige, abgestandene Luft die mittlerweile zu einem Teil seines Lebens geworden war.

Ich bin Zuhause.

Tadaima.

Langsam setzte er sich in Bewegung. Sein erster Schritt sorgte zwar dafür dass sich irgendein kleiner spitzer Gegenstand, der auf dem verfilzten Teppich lag, in sein Fuß bohrte (eine Glasscherbe?), doch er ließ sich nicht daran stören und tastete an den Wänden entlang, in der Hoffnung einen Lichtschalter zu finden.

Hatte dieser Raum überhaupt einen Lichtschalter?

Was war überhaupt ein Lichtschalter?

Irritiert hielt er inne – setzte seine Bewegung aber unmittelbar darauf wieder fort und hoffte irgendwas zu finden was sich ihm als nützlich erweisen könnte. So richtig glauben konnte er zwar nicht daran, doch wie er wusste, war es das Einzige was er überhaupt im Augenblick noch in der Lage war zu tun. Konnte sie ihm nicht sagen, was er zu tun hatte? Warum war sie die einzige die ihn traurig machen konnte?

Vielleicht weil sie die einzige war, von der er wirklich wusste dass sie existierte.

Wie auf einen Wink hin veränderte sich die Struktur der Oberfläche, die seine Hände gerade ertasteten. Obwohl es eigentlich ganz anders war, denn praktisch gesehen ertastete er gar nichts mehr. Zweifellos ein Loch in der Wand (eine Tür?) die ihn in einen neuen Raum führen sollte. Sollte er die Herausforderung annehmen und sein faulendes Schlafzimmer verlassen?

Sollte er..?

Mit einem großen Schritt übertrat er die Türschwelle und tastete mit seinen Händen wild um sich, um wieder etwas Greifbares zu finden. Als er binnen der ersten Sekunden nichts fand, blieb er kurz stehen, lauschte seinen ruhigen und gleichmäßigen Atemzügen und versuchte es erneut. Nachdem er zwei Schritte in eine beliebige Richtung vollzog, spürte er wieder eine harte Faser an seinen Fingerspitzen.

Eine neue Wand?

Wohin würde er kommen, wenn es keine Wände mehr gäbe? Oder bestand hier etwa alles nur noch aus Wänden? Gab es eine Ende? Würde er sie dort treffen?

Nein.

Er versuchte seinen Gedanken auf diesen Impuls zu fokussieren.

Er durfte sie nicht real werden lassen.

Das wäre das Schlimmste was er tun könnte.

"...nicht real werden lassen..."

Wie ein Mantra wiederholte er diesen Satzfetzen zweimal und erschrak schließlich anhand des kraftlosen Klangs seiner Stimme. Wann hatte er diese Stimme zum letzten Mal gehört?

Aber eigentlich überraschte es ihn eher, dass er überhaupt noch in der Lage war, zu sprechen.

Vielleicht war dies das einzige wirklich Anzeichen dafür dass er überhaupt noch existierte.

Und überhaupt: Wer war er eigentlich?

Hatte er einen Namen?

Vielleicht war er ebenfalls nicht mehr als eine Wand, an die sich irgendwer mal irgendwann stützen würde. Und selbst wenn er es nicht war – was unterschied ihn von einer Wand?

Mit schnellen, unbeholfenen Schritten gelang er in einen neuen Raum. Diesmal fühlte sich die Struktur an seinen Fingerspitzen nicht rau und faserig, sondern glatt und kalt an. War es Eis? War es ein völlig unbekanntes Material, dass noch nie jemand außer ihm an den Händen hatte spüren können?

Die Gedanken in seinem Innersten überschlugen sich mehrfach, und erneut verspürte er, dass es vielleicht für ihn besser wäre, wenn er nicht so schnell durch diese Dunkelheit glitt. Irgendwie wurde er zunehmend hektischer und fing so langsam an, fast so nervös zu werden als hätte er über Tage hinweg nicht geschlafen. Warum kam ihm dieses Gefühl so bekannt vor?

Dann etwas neues.

Das Gefühl an seinen Fingerspitzen war nun nicht mehr kalt, sondern temperaturlos und irgendwie weniger glitschig. Und irgendwie auch weniger fest.

Konnte er es bewegen?

Vorsichtig übte er einen leichten Druck auf diese seltsame Materie aus. Was er tat wirkte für ihn irgendwie völlig instinktiv, so als hätte er es schon Tausendmal gemacht, und weckte merkwürdige Erinnerungen in seinem Geist. Kaffee. Sonnenaufgang. Eine sorgsam gefaltete Zeitung. Erschöpfung.

Der Gegendruck auf seine Finger gab nach.

Und er war blind.

Was war geschehen? Im ersten Moment zuckte er zusammen, dann besann er sich aber standhaft ruhig zu bleiben und kniff stoisch die Augen zu. Doch irgendwie glaubte er keine Besserung zu merken, denn weiterhin drangen keine Konturen oder Farben in seine Sehnerven. Alles um ihn herum war weiß und formlos.

Anfangs...

Dann jedoch glitten seltsam bizarre Konstruktionen in das Nichts um ihn herum ein und gaben seinem Sichtbereich einen merkwürdigen Kontext. Plötzlich entdeckte er weiße Kacheln, eine alte schwach glimmende Glühbirne über sich, und jede Menge Handtücher die achtlos und blutverkrustet auf dem Boden lagen.

Aber das seltsamste befand sich direkt vor seinen Augen. Eine absolut uneinschätzbare Gestalt die ihn direkt anfunkelte und mit keinem Menschen zu vergleichen war den er je gesehen hatte. Ein undefinierbares Wesen, dass vor ihm langsam in vertraute Formen verschwamm und mit einem Mal seine komplette Intensität verlor.

Konnte es sein, dass er die ganze Zeit in einen Spiegel sah?

Verwirrt hob er sein Kinn an, und die Gestalt vor ihm tat es ihm gleich.

Ernüchtert senkte er es wieder, und die Gestalt vor ihm tat es ihm gleich.

Und seine Stirn?

Es dauerte eine Zeit bis er erkannte, dass die langgezogenen rotschwarzen Narben auf seiner Stirn nicht zufällig angeordnet waren, sondern einen Namen ergaben. Seinen Namen. Er hatte sich seinen Namen auf die Stirn geritzt.

Sanrick.

Er musste ein wahrhaft intelligenter Mann gewesen sein, wenn er zu solchen weitreichenden Überlegungen fähig gewesen war. Instinktiv ergriff er die blutverkrustete Fingernagelschere die im Waschbecken lag, drückte die Schneiden umständlich auseinander, und zog mit einem der scharfen Enden die Narben auf seiner Stirn scharlachrot nach. Als er fertig war und seine Narben auf der Stirn wieder helle Striemen zogen, schnappte er sich wahllos eines der gebrauchten Handtücher auf dem Boden, wischte sich die leicht mit Blut vollgesogenen Augenbrauen ab und warf den Stoff schließlich wieder achtlos zu den anderen Fetzen. Vielleicht hatte er heute etwas zu tief geschnitten.

Ohne weiter auf sein Spiegelbild zu achten, verließ er das modrig stinkende Bad durch eine der beiden Türen, und begab sich weiter auf Erkundungsreise. Es erschreckte ihn etwas, dass seine Hände so zitterten und schwitzten, obwohl er innerlich völlig ruhig und gelassen war, aber auch diese Perplexität verschwand schnell unter seinem berechnenden kühlen Äußeren. Zwar hatte er ab und zu das Gefühl sich unbedingt übergeben zu müssen, doch dies war allein körperlich und belastete sein Seelenleben nicht im Geringsten. Er war Übelkeit und Krankheiten schlicht und einfach überdrüssig geworden.

Die kurze Nervosität die er eben noch verspürte bevor er das Bad betrat, war schon längst wieder in den psychischen Abgründen seines Kleinhirns verschwunden.

Und in dieser derart introvertierten Fassung nahm er anfangs auch gar nicht wahr, dass es in seiner Wohnung plötzlich wärmer würde. Anfangs wollte er sich dies schnell durch die Heizung erklären, die bestimmt jetzt erst richtig funktionierte und eben noch durch irgendetwas blockiert wurde, doch als ihm schließlich bewusst wurde dass er gar nicht mehr genau wusste was eine Heizung überhaupt war, schloss er eine höhere Macht als Auslöser und blickte sich irritiert um.

Zuerst sah er nichts ungewöhnliches in seiner Umgebung.

Zuerst war alles wie immer.

Noch.

In dem Moment als Sanrick das helle Licht bewusst wurde, dass schwach leuchtend aus einem der Nebenzimmer kam, konnte ihn nichts mehr aufhalten und er hastete dem grazilen Schein übermütig entgegen. Mit einem Mal fühlte er sich unendlich frei – seine Seele wirkte so beruhigt als hätte er nie gelebt – und irgendwie glaubte er in diesem Moment alles tun zu können. Das Licht lotste ihn durch die Dunkelheit und lenkte seinen Schritt einsam durch die fauligen Ruinen die er einst ‚Heimat’ genannt hatte.

Und dann sah er sie.

Kaum hatte er die Türschwelle durchschritten, blickten ihre unschuldigen, traurigen Augen ihn beschämt und verschüchtert an. Sie war alterslos, jung und aufreizend wie ein Schulmädchen und gleichzeitig erwachsen, reif und fraulich wie eine Nymphe. Sie war absolut alles; der Anfang, das Ende, der Bereich dazwischen, und selbst die Zeitabstände die das menschliche Hirn gar nicht mehr wahr nahm.

Aufgelöst und mit tränengefüllten Augen gaben seine Beine nach und Sanrick kniete wie ein jüdischer Priester angesichts seines Todes vor der eindrucksvollsten Gestalt die er je gesehen hatte. Jahrzehnte, Jahrhunderte und Jahrtausende die gleichsam aber nicht mehr als ein einziger Tag waren und sich in Endlosschleife fortführten, hatte er nun auf ihre Ankunft gewartet und gelebt als wäre er das einzige Licht auf Erden. In einem zinnoberroten Kleid schwebte sie vor ihm und leuchtete aus allen Seelen heraus, die sie jemals vereint hatte und sich nun in ihrer samtweichen und engelsgleichen Haut sammelten.

Unter endlosen Tränen und ebenso endlosen Seelenqualen keuchte er sein Leid aus sich heraus. "Ich werde das nicht in mir aufkeimen lassen...", hauchte er wie unter Folterqualen, und versuchte seinen Inneren Schmerz durch einen Äußeren zu übertünchen. Die roten Striemen die seine messerscharfen Fingernägel in seinen Armen hinterließen spürte er schon gar nicht mehr, und unter den Augen dieser unangetastet erhabenen und gottgleichen Gestalt, riss er sich mit aller Kraft seine dunkelbraunen verfilzten Haare aus der Kopfhaut. Sein Gesicht war zu einer Schreckensmaske verzerrt und jeder Muskel seines Körpers in einem ständigen Zittern verfallen.

"Sie ist nicht real!", schrie er aus sich heraus und ergab sich unmittelbar danach einem minutenlangem Hustenanfall, der sich anfühlte als würde man seine Kehle mit Stahlwolle bearbeiten. Sein ganzer Körper schien sich gegen ihn zu verschwören und aus ihm herausplatzen zu wollen, als ob seine lebenswichtigen Organe von ihr angezogen werden würden. Alles in ihm sehnte sich nach ihr – nach ihrer fragilen Gestalt die beschützt werden wollte, und gleichzeitig aufregend war wie ein Flug über einem ausbrechendem Vulkan.

"Ich kann sie nicht real werden lassen", murmelte er mit letzter Kraft vor sich hin, bevor er endgültig in sich zusammen sackte und das Bewusstsein verlor.

Für drei Minuten hörte sein Herz auf zu schlagen; dann pumpte es aber wieder standhaft Blut durch seinen Leib. Sein Körper lag in unmenschlich verzerrten Renkungen auf dem Boden und bewegte sich um keinen Millimeter. Weder versuchten seine Glieder wieder in normale Positionen zu kommen, noch hob und senkte sich seine Brust gleichmäßig.

Er vergaß etwas und würde es nie wieder abholen, gleichsam war es dass letzte Mal dass er einen Menschen sehen würde.

Unablässig tat sein Herz weiter seinen biologischen Dienst.

An diesem Abend war etwas gekommen.

 

 

Der Wecker klingelte lautlos.

Die allumgebende Dunkelheit um ihn herum, löste sich auch nach dem Öffnen seiner Augen nicht auf. Waren die Gardinen noch zugezogen? War es Nacht? Gab es so etwas wie Licht überhaupt noch? Verwirrt und verloren schwenkte er sein Gesicht hin und her, bis er auf eine leuchtend rote Gestalt in der Dunkelheit stieß.

 

Eine absolut uneinschätzbare Gestalt, die ihn direkt anfunkelte und mit keinem Menschen zu vergleichen war, den er je gesehen hatte. Ein undefinierbares Wesen, dass vor ihm langsam in vertraute Formen verschwamm und mit einem Mal seine komplette Intensität verlor.

 

"Sie ist nicht real", sagte die Person beruhigend und legte die Hand auf seine Stirn. "Und sie wird auch niemals real werden."

Aus der Dunkelheit hörte er plötzlich eine Frau leise aber voller Leid weinen. Sie hatte schon immer geweint; es war ihm nur noch nie aufgefallen. Ihre Stimme tat unangenehm in seinen Ohren weh.

"Sie hätte dich nicht gehen lassen, bevor du nicht gehört hättest was sie gesagt hatte."

Er blickte die Gestalt fragend an. "Aber ich habe nicht gehört, dass sie etwas gesagt hatte."

"Niemand tut das. Und genauso wenig sieht das niemand ein, bevor es schon zu spät ist."

"Ich hatte einen schrecklichen Traum", murmelte Sanrick weiter.

"Den habe ich immer noch."

Für einen minimalen Moment erhellte ein gleißend helles Licht die Umgebung. Der im Bett liegende Mann musste die Augen zukneifen um nicht völlig blind zu werden, doch das letzte Bild, das sich in seine Linsen eingebrannt hatte, schwang durch seinen Kopf wie ein Tropfen Milch in einem tiefschwarzen Kaffee, der sich mit aller Macht dagegen wehrte sich aufzulösen. Die Gestalt die an seinem Bett wachte, hatte keinen Unterkiefer mehr. Unterhalb seiner Nase war sein Gesicht nur noch ein chaotisches Gewirr und Muskeln und Sehnen.

Schwärze umgab sie wieder.

Bevor Sanrick diesen Vorgang des Bewusstseins abbrach, waren alle qualerfüllten Schreie und Wehlaute sämtlicher Existenzstufen auf ihn herabgestürzt und hätten um ein Haar seinen kompletten Körper zum Bersten gebracht.

Um ein Haar.

Schwärze umgab ihn wieder.

Auch jetzt würde sie nicht kommen.

 

 

Singe mir ein neues Lied: die Welt ist verklärt und alle Himmel freuen sich.

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