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Matthew Reilly
Das Tartarus-Orakel

© Sascha Vennemann, 2006 für bookola.de

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Eines vorweg: Ich bin ein Reilly-Erstleser. Nachdem ich mich seinem aktuellen Roman „Das Tartarus-Orakel“ beschäftigt habe, kommt mir das relativ seltsam vor – zuvor hatte ich nicht einmal den Namen gehört, geschweige denn einen Roman von ihm in der Buchhandlung wahrgenommen. Tatsache ist jedoch, dass Matthew Reilly ein Bestseller-Autor ist, dessen neue Romane nunmehr nicht direkt als Taschenbuch verbraten, sondern in einem schön gestalteten Hardcover daher kommen. Das alleine reichte schon vor der Lektüre des Romans für mich aus, einmal genauer nachzusehen, wer dieser Matthew Reilly denn überhaupt ist...

Fündig wurde ich auf des Autors offizieller Homepage unter www.matthewreilly.com und auf diversen anderen Internet-Seiten, die sich mit Matthew Reilly beschäftigen. Der 1974 in Australien geborene Autor schrieb seinen ersten Roman „Showdown“ während seines Studiums (Kunst und Jura) und brachte den Roman, von dem er wusste, dass er Potential hatte, im Selbstvertrieb heraus. Dies bescherte ihm, nachdem ein Talentsucher eines australischen Verlages auf das Buch aufmerksam wurde, einen Vertrag über zwei weitere Bücher, die Reilly dann zunächst in Australien, dann aber auch in vielen anderen Ländern der Welt zum Bestseller-Schreiber avancieren ließen. „Ice Station“, „Die Offensive“, „Der Tempel“, alle diese Bücher von ihm sind auch in Deutschland erschienen und als Taschenbuch erhältlich, ebenso wie „Das Tartarus-Orakel“ im Ullstein-Verlag.

Zum Inhalt:

Es ist Eile geboten, denn ein seltenes kosmisches Ereignis wirft seine Schatten, oder in diesem Fall besser gesagt, seine Hitze voraus. Als im Jahre 2570 vor Christus die Sonne das letzte Mal in ihrer Eigenrotation an der selben Stelle der Erde gegenüberlag, wie sie jetzt am 20. März 2006 wieder einmal liegen wird, befand sich das Reich der Ägypter auf einem Hochpunkt. Die Große Pyramide von Giseh erstrahlte in besonderem Glanze, denn ihre heutzutage unvollständige Spitze krönte damals der legendäre goldene Schlussstein: Eine Minipyramide von etwa 3 Metern Höhe, komplett aus massivem Gold und einem von der Spitze bis zur Basis durchgehenden Kristall. Die Legende besagt, das an dem Tag, an dem der Tartarus-Sonnenfleck, eine besonders heiße Region unseres Sterns, die richtige Ausrichtung hat, das Licht um Punkt 12 Uhr mittags lotrecht in den Kristall leuchten wird und damit ein Ritual ermöglichen, welches erstens die Erde rettet und zweitens die Option beinhaltet, 1000 Jahre Macht zu erlangen oder den Frieden auf Erden zu etablieren.

Was passiert, wenn der Schlussstein nicht an seinem Platz ist, das können Historiker nachvollziehen. Die unglaubliche Kraft der Sonne an diesen Tagen bringt, wenn sie nicht durch die Pyramide abgeleitet und entschärft wird, große Teile des erdeigenen Eises zum Schmelzen und der Planet wird überflutet – Die biblische Sintflut aus dem Alten Testament der Bibel, zeitlich gesehen noch vor dem Bau der Pyramiden, war das letzte Ereignis dieser Art. Vor etwa 4500 Jahren also konnte die Flut abgewendet werden – Dank des Schlusssteins auf der Großen Pyramide von Giseh.

Weiter heißt es in den Legenden, Alexander der Große hätte den aus sieben Einzelteilen bestehenden Schlussstein als Geschenk von den Ägyptern erhalten. Dieser ließ ihn auseinander nehmen und versteckte die Einzelteile in den sieben antiken Weltwundern. Seit diesem Tage weiß niemand mehr, wo der Stein ist und auch von den Weltwundern gibt es nicht mehr allzu viele – nämlich genau eins – die Pyramide von Giseh.

Der Tag des Tartarus nähert sich unaufhaltsam. Innerhalb von 7 Tagen muss der Schlussstein gefunden werden, zusammengesetzt und das Ritual vollzogen werden, um die Menschheit vor den Unmengen geschmolzenen Wassers zu retten. Viel eher an dem Ritual der Macht interessiert werden die einzelnen Teile der Pyramidenspitze von zwei internationalen Teams gejagt: Die Amerikaner haben eine riesige Armee gesandt, und auch die Europäer haben als Staatengemeinschaft und Gegenpol eine schlagkräftige Truppe zusammengestellt, den Schlussstein zu finden. Wenn da nicht noch eine kleinere Truppe (um nicht zu sagen, ein Sondereinsatzkommando unabhängiger Staaten) wäre, die sich außerhalb dieser beiden Weltmachtblöcke zusammengefunden hat: Im fernen Afrika bildet sich eine kleine Familie aus Iren, Australiern, Israelis, Arabern, Kanadiern, Neuseeländern, Jamaikanern. Diese aus jeweils ein oder zwei Abgesandten bestehende Delegation wächst dort zu einem Einsatzteam zusammen, dass sich rührend um die kleine Lily kümmert –Nachkomme des Tartarus-Orakels, welche als Einzige die geheime Schrift des Toth lesen und somit die Aufenthaltsorte der Sieben Weltwunder ermitteln kann. Ihr Zwillingsbruder befindet sich in den Händen der Europäer. Zur rechten Zeit erlangt das kleine Mädchen die Fähigkeit, die mehrstufig in Schwierigkeitsgrad aufsteigende Sprache zu entschlüsseln und führt ihre „Familie“ zu den verborgenen Überresten der Weltwunder. Ein Wettlauf gegen die Zeit, gegen antike Fallen in antiken Gemäuern und gegen die gegnerischen Truppen beginnt – damit die Welt nicht vergeht...

Kritik:

Wenn man das Buch durchgelesen hat und zur Seite legt, muss man erst einmal tief durchatmen und überlegen, welcher literarische Laster da einen gerade überfahren hat. So massiv das Buch mit seinen 520 Seiten, die allerdings großzügig bedruckt sind, erscheinen mag, so sehr fällt diese Materialfassade in sich zusammen, wie ein Kuchen, der beim Backen zu sehr aufgegangen ist. Die oben beschriebene Zusammenfassung mag zwar anders klingen, nämlich nach einem unheimlich gehaltvollen Roman mit historisch-mystischem Hintergrund – aber ähnlich knapp hält Matthew Reilly die Erläuterungen im Roman selbst. Wie, zum Kuckuck, soll er damit dann 520 Seiten gefüllt haben?

Hier kommen wir zum eigentlichen Sinn von Reilly-Romanen: Es geht um Action! Von wegen, Einführung der Protagonisten! Reilly legt gleich damit los, wie sich die drei gegnerischen Parteien ein einer mit Fallen gespickten Mine zum ersten Mal treffen und im Wettlauf gegen die Zeit nach dem ersten Teil des Schlusssteins gegeneinander antreten. Und Schwupps, sind die ersten 50 Seiten vorbei. Das geht dann, unterbrochen von kleineren Kapiteln, die tatsächlich etwas Hintergrund in die Geschichte bringen, den ganzen Roman über so weiter. Immer die Gegner im Nacken und fiese Fallen vor ihnen, muss die kleine unabhängige Staatengemeinschaft erkennen, gegen die übermächtigen Feinde kaum Chancen zu haben – so scheitert die Truppe ein ums andere Mal. Gut so, sonst wäre der Roman ja vorbei.

Und an was für Schauplätze uns Matthew Reilly entführt... Auf seiner Homepage findet sich ein bezeichnendes Zitat, welches hervorragend auf „Das Tartarus-Orakel“ passt: „Ich habe bemerkt, dass es bei Hollywood-Actionfilmen immer ein begrenztes Budget gibt und man viele Sachen deswegen nicht realisieren kann. In der Literatur ist das ganz anders, man kann sich alles vorstellen und ermöglichen!“ Von dieser Erkenntnis macht der Autor beinahe inflationär Gebrauch. Nicht nur, dass seine Helden von Natur aus „unkaputtbar“ sind (von wenigen Ausnahmen, fast alle davon Plot-driven einmal abgesehen). Reilly schmeißt mit erdachten Orten, fantastischer Architektur und Aufbau der Weltwunder, Settings voller fast unmöglich realisierbaren Bedingungen und Größe nur so um sich und strapaziert an einigen Stellen die Realität und das Machbare zugunsten des Effekts doch sehr. Wenn auf der Flucht vor der Armee ein Teil der Truppe mit einem Doppeldeckerbus durch Paris rast und diesen sich gekonnt überschlagen lässt, dann fasst man sich dann doch gegen die Stirn und sagt: „Es wäre zwar möglich, aber das funktioniert doch nie!“

Selbiges gilt für die Weltwunder. So großartig diese antiken Bauwerke (unter ihnen eine in einer von Menschenhand abgedeckten Meeresbucht liegende Tempelanlage und die mit einem Wasserfall und künstlich gemauerter Bergwand getarnten Hängenden Gärten von Babylon) auch beschrieben sind, so sehr ärgert man sich doch, dass so etwas wohl nie verfilmt werden kann – Es wäre zu aufwändig, zu teuer, zu groß. Was besonders schade ist, denn auch wenn Matthew Reilly sprachlich kein besonders großes Licht ist und sich teilweise billigster Verzögerungstaktiken im Plot bedient, so weiß er doch eben diese Effekte so einzusetzen, wie es der Kinogänger aus Action-Blockbustern (sagen wir an dieser Stelle mal einfach à la „Armageddon“) gewohnt ist. Der Schnitt der einzelnen Szenen (es ist mir völlig klar, dass ich mich hier des Vokabulars des Films bediene) ist ebenso rasant wie in einem Videoclip, die teilweise sehr kurz geratenen Sequenzen verzetteln sich erfreulicherweise nicht an verschiedenen Spielorten gleichzeitig, schaffen dadurch aber natürlich auch nicht eine große Komplexität. Besonders zum Ende des Romans hin bedient sich Reilly immer öfter Sätzen wie „...und schaltete die Fallen aus“, während dieses „Fallen ausschalten“ am Anfang des Buches noch die grundlegenden Passagen waren.

So minimal im Endeffekt doch der Plot, so verzweigt ist er auch innerlich. Viele mystische Nebenarme zur Hauptgeschichte, sei es Lily als Kind des Tartarus-Orakels, die fehlenden vier Tage im Gedächtnis von Hauptheld West und was sie bedeuten, oder der nachträglich zum Team stoßende Israeli, verzwirbeln sich am Ende des Romans, und es ist dann doch schon erstaunlich, wie Reilly bei all der Aufregung zwischendurch noch Platz und Zeit gefunden hat, die erzählerische Basis zu verbreitern.

Dafür spart Reilly an Charakterisierungen. Seine Helden sind eindimensional und klischeehaft. Aber kann man das jemandem vorwerfen, der versucht einen Action-Film im Kopf entstehen zu lassen? Doch, man kann. Denn Autoren wie Dan Brown (zumindest in seinen Romanen jüngeren Schreib-Datums – „Illuminati“ und „Sakrileg“) geben sich, bei allem Tempo der Geschichte, die das Abenteuer-Thriller-Genre verlangt, doch Mühe ihren Personen etwas Leben einzuhauchen. Dies gelingt Matthew Reilly nur an wenigen Stellen und so bleiben die Charaktere meist auf ihre nationale Herkunft und ihr Aussehen beschränkt. Seltsam, dass man das während des Romans kaum bemerkt oder bemängelt. Letztendlich ist es dem Leser wohl egal, wer da von Krokodilen gejagt durch die Unterwelt flitzt.

Der größte Clou an „Das Tartarus-Orakel“ sind allerdings die zahlreichen Illustrationen und Zeichnungen der jeweiligen Weltwunder-Anlagen. In detaillierten Skizzen werden Fallen noch lebendiger und anschaulicher beschrieben, der gesamte Aufbau der Gebäude und umgebenden Geografie erläutert und alte Schrifttafeln abgebildet. Einige werfen Reilly vor, das sei eine notwendige Maßnahme erzählerische Schwächen auszugleichen, doch auch hier muss man berücksichtigen, dass Filmfan Reilly (der an einigen Stellen Star Wars, Herr der Ringe und auch Sakrileg erwähnt) nun einmal visuell arbeitet – Nebenbei dreht er auch Kurzfilme mit Mitgliedern seiner Familie. Diese „Hilfsmittel“ machen die Spielorte des Geschehens noch sehr viel plastischer und realistischer, lassen den Roman noch mehr zu einem „Storyboard“ werden.

Das Erzähltempo ist durchgängig hoch, man traut sich als Leser kaum das Buch aus der Hand zu legen, bis nicht das aktuelle Weltwunder bezwungen und der Bruchteil des Schlusssteins gefunden ist. Lediglich zum Ende des Romans hin geht Reilly ein wenig die Puste aus und das Finale in luftiger Höhe auf der Spitze der Großen Pyramide wirkt an einigen Stellen doch ein wenig zu fahrig und undetailliert beschrieben. Dass am Ende die USA verloren hat, Europa ebenfalls scheitert und ausgerechnet Australien als geheimes unverwundbares Land aus den Ereignissen der abgewendeten Katastrophe hervorgeht, kann man mit einem ironischen Lächeln als Lokalpatriotismus des Australiers Reilly abtun – Auch Spiderman hängt am Ende des Raimi-Films an einer US-Flagge.

„Das Tartarus“-Orakel ist ein Action-Roman, ohne wirklich tiefgehende Story oder komplexe Charaktere, der durch seine visuelle starke Erzählweise besticht, die durch Skizzen und Illustrationen verstärkt wird. Realismus oder historische Korrektheit wird durchgängig klein geschrieben und zugunsten atemberaubender Szenerien und Actionsequenzen arg strapaziert – aber nur an wenigen Stellen so sehr, dass es weh tut. Der Plot spielt mit real existierenden mystischen Legenden und mischt daraus einen Cocktail fantastischer Möglichkeiten, die den geneigten Leser in Staunen versetzen.

Wer also einen gelungenen Action-Thriller lesen will, kann in Matthew Reilly, gemessen an „Das Tartarus-Orakel“, einen Meister finden. Mir persönlich hat es so gut gefallen, dass ich mir zur weiteren Lektüre das Taschenbuch mit den beiden Reilly-Romanen „Ice Station“ und „Der Tempel“ (als Sonderausgabe für 10 Euro, ebenfalls erschienen im Ullstein-Verlag) zugelegt habe. Matthew Reilly hat jetzt einen Fan mehr.

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