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Christian Kracht
Faserland


Rezension von Gwenhwyfar für BookOla.de

Barbourjacken-Träger, Syltkenner, Salem-Absolvent, gelangweiltes Kind reicher Eltern ohne Betätigung - zur Hauptperson von Christian Krachts Faserland läßt sich viel über Marken und Symbole sagen. Diese beschreiben jedoch nicht nur ihn, sondern auch die Gesellschaften, in welche er sich begibt auf seiner Reise einmal längst durch das westliche Deutschland. Der Leser selbst erfährt davon als eine Art Monolog im Präsens Aktiv und nimmt so intensiver daran teil.
Man wandert mit dem unbenannten Protagonisten und Ich-Erzähler über sylter Dünen, fährt nach Hamburg zu abgedrehten Parties bei Möchtegern-Bohemiern, reist weiter nach Frankfurt, Heidelberg, den Bodensee und letztendlich nach Zürich. Das Aufzeigen des hohlen Lebens ohne Nähe und Halt der Highsociety in Deutschland erschien mir als das Ziel von Krachts Gesellschaftsodyssee. Immer wieder tritt das Motiv Deutschlands und seiner Vergangenheit hervor, besonders die des Dritten Reiches, und hebt derartig Faserland auch in den Bereich der analytischen Betrachtung über die deutsche Kultur, mit ihren Wurzeln und ihrer Dekadenz.
Eine der Kernaussagen befindet sich im Heidelbergkapitel:
Das heißt doch tatsächlich so, daß muß man sich erst mal vorstellen, nein, besser noch, man sagt das ganz laut: Neckarauen. Neckarauen. Das macht einen ganz kirre im Kopf, das Wort. So könnte Deutschland sein, wenn es keinen Krieg gegeben hätte und wenn die Juden nicht vergast worden wären. Dann wäre Deutschland so wie das Wort Neckarauen.
Heidelberg stellt ein gutes Beispiel dar, ist es einerseits eine Stadt von sentimentaler barocker Ausstrahlung und ein Ort der deutschen Romantik; bewahrte sich doch andererseits gerade hier das Gedankengut von Burschenschaften und deutschtümelnden "Traditionen".
Faserland aber nur auf die Reflektion zwischen brauner Vergangenheit und dem Heute (im Roman die frühen 90er) zu reduzieren, wäre ein Fehler. Das Buch bietet viele Ansätze, viele Themenanschneidungen und in manchen Sätzen eine melancholische poetische Sprache, die mich begeisterte. Sein Manko - in meinen Augen - bleibt dabei, daß alles eben nur Ansätze sind. Ebenso wie der Autor einen Markennamen als Bezeichnung für eine Person benutzt, hält er an diesem Muster fest und übernimmt es für jegliche Buchebenen. Mir ist das zu wenig, zu oberflächlich für sämtliche Betrachtungen des Buches.
Jemand schrieb, hätte Kracht seinen Roman (diese Bezeichnung grenzt fast an einen Witz bei einer "Länge" von 158 Seiten) dreimal so lang angesetzt, wäre es wahrscheinlich der Roman der 90er Jahre geworden. In dieser Form aber hinterläßt das Buch bei mir ein zwiespältiges Gefühl. Ein Gefühl, welches mich ebenfalls befällt, betrachte ich das zum Teil autobiographisch wirkende Buch in Bezug auf Krachts eigenen Lebenslauf.

Ein Lesen von Faserland empfehle ich aber dennoch, um sich selbst ein Bild zu machen, um neue deutsche Literatur kennenzulernen und die Anfänge der Popliteraten hierzulande. Auch zeigt Kracht in einigen Passagen Erzähltalent, welches vieles verschmerzen läßt und zum Diskutieren anregt.

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