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Nachtfahrt

© 2006 by Stephan Pamp

Die Regentropfen fallen auf den schwarzen Asphalt und erzeugen kleine Wasserexplosionen auf der nassen Straße und meiner Windschutzscheibe. Ein flächendeckendes Regenbombardement. Irgendwie tun mir die kleinen Dinger ja schon leid. Kommen den weiten Weg aus dem Himmel, nur um auf meiner Windschutzscheibe in winzige Pfützen zu zerschellen. Und kaum raffen sie sich wieder auf und beginnen die Glasfläche herunter zulaufen, eine Spur hinterlassend, die sie irgendwann sowieso auszehren würde, werden sie brutal von dem sich träge bewegenden Scheibenwischer zur Seite geschoben. Dieses traurige Schauspiel, von Millionen von Autofahrern so unbeachtet, spielt sich heute Nacht tausende male direkt vor meinen Augen ab.

Meine Scheinwerfer erhellen ein orangefarbenes Plakat, lieblos mit Draht an einem Straßenschild befestigt. „Ü 30-Party“ Mir stockt kurz der Atem, mein Herzschlag beschleunigt sich, Panik umklammert meine Brust wie ein eisernes Band.

„Nicht mehr lange“, denke ich. „Nicht mehr lange und ich gehöre auch dazu.“

Ein Bild flackert vor meinen Augen auf, schwitzende Männer in schlecht sitzenden Jacketts, eine Wolke von billigem Rasierwasser verströmend, Frauen, die zu viel Haut zeigen, mit zu viel Make-up im Gesicht, um die Spuren der Zeit zu kaschieren, die sich in ihr Gesicht gefressen haben. Menschen, die versuchen, ihre Bewegungen hüpfend, sich wiegend oder herumalbernd dem Rhythmus der Musik aus den 80ern anzupassen. Caro und ich unter ihnen.

Ich erschauere und versuche wieder, mich auf den Weg vor mir zu konzentrieren. Immer wieder fällt mein Blick in den Rückspiegel. Nicht, dass es etwas Interessantes zu sehen gäbe. Irgendwie fasziniert mich der Anblick. Das obere rechte Viertel meines Kopfes, mein Auge ganz unten links, dahinter meine Vergangenheit, die sich schnell von mir wegbewegt. Ich denke an die unzähligen Filmszenen, die genau so ein Bild zeigen und es wundert mich nicht, dass es ein so beliebtes Motiv ist.

„Mr. Smith, wir werden verfolgt.“ Ein Ausschnitt des Akteurs ist zu sehen, so wie jetzt meiner, dahinter die Bedrohung, der es zu entkommen gilt. Genau so könnte es mir jetzt gehen. Aber hinter mir ist nichts außer der leeren Straße.

Ich stelle das Lied im Radio lauter, ein langsamer Blues. Ich würde lieber sterben als zuzugeben, dass ich gerne Blues höre. Wäre schon ziemlich uncool, dass vormeine Freunden zugeben zu müssen. Also genieße ich die seltenen Momente der Ruhe.

Gerade noch rechtzeitig bemerke ich, dass ich mich zu sehr auf das Radio konzentriert habe und fast über den Mittelstreifen gefahren wäre. Aber da war sowieso kein anderer Wagen neben mir, also auch egal.

Vor mir die erst rote Ampel, die erste, die ich sehe, seit ich losgefahren bin. An den kleineren Straßen blinken sie spät abends immer nur ein gelb. Bitte beachten sie die Vorfahrtsregeln. Nur an größeren Verkehrswegen laufen die Lichtanlagen die ganze Nacht durch. Ich komme langsam zu stehen und werfe erneut einen Blick in den Rückspiegel. Die Regentropfen werfen einen rötlichen Schatten auf mein Gesicht. Ich sehe fast so aus, als wäre ich blutüberströmt.

Vielleicht sollte ich langsam nach Hause fahren. Morgen beginnen die Vorlesungen wieder sehr früh.

Es wird grün.

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