Science Fiction
Das Geheimnis des Bergsees
Das Geheimnis des Bergsees
©2004 Ulrich Pethke
Vorwort
Natürlich weiß ich, daß unsere Medien überfüllt sind mit Science-Fiction-Stories, und auch meine Geschichte wird nur eine unter vielen sein.
Aber trotzdem hoffe ich daß Sie, lieber Leser, durch diese Geschichte in eine andere Welt geführt werden als in diejenige, die wir tagtäglich im Fernsehen, Rundfunk, Kino und den anderen Medien erleben können.
Dort werden apokalyptische Horrorgeschichten von blutrünstigen Weltraummonstern, von außer Kontrolle geratenen Robotern, von vernichtenden Sternenkämpfen, unbezwingbaren Vernichtungsmaschinen und anderem Gruselkram auf eine Art erzählt, daß wir Alpträume davon bekommen sollen.
Solche Schreckensvisionen lassen sich gut verkaufen, im Fernsehen stimmen die Einschaltquoten und das allein zählt. Aber muß denn wirklich im Zeitalter der Raumfahrt ein Stern zugrunde gehen, wenn dort andere Wesen landen?
Überlegen wir doch einmal vernünftig, wozu haben wir schließlich unsere Intelligenz.
Gehen wir dabei ruhig von der bis jetzt nicht bewiesenen Annahme aus, daß es noch andere Planeten mit lebenden Wesen gibt.
Bestimmt sind Ihnen die Wahrscheinlichkeitberechnungen bekannt, wie viele Sterne mit intelligenten Lebensformen es im All geben müßte. Noch sehr viele mehr müßten demnach Bedingungen haben, die ein intelligentes Leben zwar ermöglichen, aber nur von niederen Lebewesen bewohnt sind.
Wenn also ein Stern zugrunde geht und seine Bevölkerung so hoch entwickelt ist, daß sie sich eine andere geeignete Heimat suchen kann, muß sie nicht das intelligente Leben auf einem bewohnten Planeten vernichten. Es gibt für sie noch genügend andere Angebote.
Und daß man Blut oder andere Produkte von anderen Sternen holen muß, ist Unsinn. Das Leben entwickelt sich auf einem Planeten in vielen Millionen Jahren. Aber es entwickelt sich so, daß es genau die Bedingungen und Produkte zum Leben nimmt und benötigt, die es auf seinem Planeten, in seinem Lebensraum vorfindet. Warum soll es dann urplötzlich den Tod unendlich weit entfernter Wesen benötigen? Sowohl die Bedingungen als auch die Produkte dieses Planeten wären ganz bestimmt tödlich für fremdes Leben. Blieben noch irgendwelche Bodenschätze, aber diese sind im gesamten All verteilt und man muß darum keinen Krieg führen. Wenn man sie nicht von diesem Planeten holen kann, dann eben von einem anderen.
Was ist nun aber so faszinierend und zugleich abstumpfend an dieser Literatur?
Betrachten wir doch einfach einmal Dinge, über die wir so gleichgültig hinweglesen oder hinweghören wie über eine langweilige Meldung in den Medien.
Wenn es noch andere bewohnte Sterne gibt, so sind sie Lichtjahre von der Erde entfernt, heißt es immer wieder. Haben Sie sich eigentlich schon einmal überlegt, wie weit denn ein Lichtjahr in Wirklichkeit ist?
Zehn Billionen Kilometer, antworten jetzt viele von Ihnen spontan, das ist mir klar. Schon an den Fingern läßt sich abzählen, daß 10 Billionen eine Eins mit 13 Nullen ist.
In den Geschichten ist von Hunderten oder, wie hier, sogar von Millionen von Lichtjahren die Rede. Das fällt uns schon gar nicht mehr auf, das sind wir gewohnt. Aber kann man sich die Entfernung auch nur eines einzigen Lichtjahres wirklich sinnvoll vorstellen?
Machen wir den Versuch.
Eine für uns enorme Geschwindigkeit erreicht man mit Flugzeugen. In einer Stunde tausend Kilometer, wie schnell das ist können Sie nur erahnen, wenn Sie einmal in einem Auto mit hoher Geschwindigkeit gerast sind. Aber das war nur um die 200-250 km/h herum. Unser Flugzeug ist vier-fünfmal schneller!
Wenn nun dieses Flugzeug mit 1000 km/h die Entfernung eines Lichtjahres zurücklegen würde, wäre es zehn Milliarden Stunden oder knapp 1,15 Millionen Jahre ununterbrochen in der Luft.
Seit etwas über eine Million Jahren hat sich der Mensch aus einem primitiven Wesen zu seiner jetzigen Form entwickelt und davon sind fast nur die letzten 10.000 Jahre interessant.
Kaum ein Mensch wird 100 Jahre alt. Nehmen wir nun an, dieser Mensch ist von Geburt bis zu seinem Tod ununterbrochen mit unserem Flugzeug unterwegs, mit einer Geschwindigkeit von 1000 km/h. Dann hat er in seinem langen Leben erst ein Zehntausendstel der Strecke zurückgelegt, die das Licht in einem Jahr schafft!
Über eine Million Jahre benötigt der Mensch mit seiner heutigen Technik für ein Lichtjahr, wenn wir die Raketentechnik außer Acht lassen. Sie mögen selbst einmal nachrechnen wollen, wie lange eine solche Rakete benötigt. Lassen Sie doch einmal Ihrer Phantasie freien Lauf. Können Sie sich jetzt vorstellen, wie weit der nächste Fixstern von uns entfernt ist, wie weit mag es bis zum nächsten bewohnten Planeten sein?
Und überlegen Sie einmal, wie Sie sich die Geschwindigkeit des Lichtes bildlich vorstellen können, lassen Sie wieder Ihre Phantasie spielen, suchen Sie einmal selbst nach Beispielen.
Hier ein Gedanke von mir:
In einer Sekunde bis zum Mond, auch das ist für uns viel zu abstrakt. Aber wenn wir wieder unser Flugzeug mit 1000 km/h nehmen, so benötigt es für diese Strecke 300 Stunden oder 12,5 Tage, also knapp zwei Wochen. Und das Licht braucht dafür lediglich eine Sekunde. Die Spitzentechnik des Menschen mit zwei Wochen gegen eine einzige kleine Sekunde für die Entfernung von der Erde bis zum Mond!
Aber gleichzeitig überlegen Sie auch schon, welch enorme Technik notwendig ist, um diese Entfernungen im All zu überwinden. Bis heute schaffen wir das noch nicht.
Aber wenn wir das einmal schaffen, warum werden wir dann nach Leben auf anderen Sternen suchen? Auf keinen Fall wohl darum, weil unsere gute alte Erde zugrunde geht und wir uns woanders ansiedeln müssen.
So, wie den Menschen, geht es auch den Bewohnern anderer Planeten, wenn sie einen solchen Stand haben, daß sie im All herumfliegen können.
Haben sie diese unvorstellbar großen Entfernungen erst einmal zurückgelegt und stoßen wirklich auf Leben, wollen sie es doch nicht bekämpfen oder vernichten! Nein, sie wollen es kennenlernen und, wenn es intelligent ist, auch freundschaftliche Kontakte zu aller Wohl mit den Lebewesen knüpfen.
In jedem Krieg, und sei er noch so sinnlos, haben die Teilnehmer ihre Ziele. Welche Ziele können aber Wesen aus unvorstellbar großen Entfernungen haben, wenn sie das Leben auf dem bewohnten Planeten, den sie wie eine Stecknadel im Heuhaufen gesucht haben, vernichten?
Die Antworten aus den Horrorfilmen halten keinem Vergleich stand.
Nein, meine Freunde, wenn die Menschen einmal in das Zeitalter der Raumfahrt eintreten, so werden sie auf alle Fälle keine grausamen Vernichtungsmonster oder Kriegsflotten im All vorfinden, sie sind Gast auf fremden Sternen und werden auch so behandelt, wenn sie auf intelligente Bewohner stoßen.
Mit solchen Gedanken habe ich meine Geschichte geschrieben. Sie handelt in einer fernen Zukunft, die Menschen haben viele Probleme gelöst, die heute unüberwindbar erscheinen. Aber sie sind weder Monster noch pflichtbewußte, langweilige Arbeitsmaschinen dabei geworden. Sie sind immer noch Menschen mit genau denselben Schwächen, Wünschen und Sehnsüchten wie wir sie heute haben. Nur ist das Leben schöner, reichhaltiger und um Vieles lebenswerter geworden. Aber nicht durch ideologische Überzeugung ist der Mensch dahin gelangt, nicht, weil er von abenteuerlichen Umweltorganisationen gezwungen wurde, ist er vernünftig geworden, sondern durch die oftmals notwendige, ansonsten aber ganz natürliche evolutionäre Entwicklung.
Es gibt bestimmt einige unter Ihnen, die mir jetzt die Frage stellen, wie verschiedene Dinge funktionieren sollen, die in meiner Geschichte auftreten. Ich habe das alles im Anhang erklärt. Wenn ich das im Text getan hätte, wäre es für diejenigen recht langweilig geworden, die sich dafür nicht interessieren.
Sie finden dann das Zeichen @1, @2 usw. hinter dem Problem. Suchen Sie dieses Zeichen im Anhang und lesen Sie nach.
Für wissenschaftlich belegte Probleme, die ich verwendet habe, wurde das Zeichen w1, w2 von mir benutzt. Auch darüber kann man im Anhang nachlesen.
Damit wünsche ich Ihnen viel spannendes Interesse, wenn Sie nun das Geheimnis des Bergsees ergründen.
Ihr Ulrich Pethke
Das Geheimnis des Bergsees
1. Kapitel - Der rätselhafte See
Der Tag wollte eben beginnen, als die beiden Freunde den mysteriösen See erreichten. Sie landeten auf dem einzigen freien Platz in den Ruinen von Tiagunako und blickten gebannt auf das gegenüberliegende ferne Ufer, wo die Sonne wie ein flammender, gelbroter Feuerball aus den Fluten emporstieg und doch gleichsam im See versank. Dadurch wurde das Wasser so klar und durchsichtig, daß ein Schwarm munterer Fischchen, der am Ufer spielte, bald bunt leuchtete, bald durchscheinend farblos erschien und sich im nächsten Augenblick von einer Aura aus reflektierten Sonnenstrahlen umgab.
Ein leiser Wind strich über die Berge und sank behutsam auf den See nieder, so, als befürchte er, die Idylle durch seine bloße Anwesenheit zu zerstören und den Reiz des anbrechenden Tages abrupt in die geschäftige Hektik des gewohnten Tagesablaufes überzuleiten. Doch noch blieb alles schweigsam und nur die zarte Berührung des Windes brachte ganz leichte, sonst wohl von niemandem weiter beachtete Kräuselwellen auf das Wasser.
Aber hier, im Glanz der aufgehenden Sonne, sprühten sofort Myriaden von Sonnenfunken auf und ließen die ganze Szene in einem feierlich-vitalen Feuerwerk goldener Blitze versinken.
Wie ein kostbares Kleinod, eingebettet in eine märchenhaft schöne Landschaft von dunkelgrünen Wäldern und hellen Bergen, überdeckt von einem strahlenden Morgenhimmel, an dem wenige weiße Wolken zu den Tupfen einiger launisch in den Wäldern versteckter hellgrüner Bergwiesen einen einzigartigen Kontrast bildeten, so lag der funkensprühende See vor Stani und Antolin.
Obwohl sie schon oft am Titicacasee waren, hatten sie einen derart wunderschönen Sonnenaufgang noch niemals erlebt.
"Zum ersten Mal zahlt sich deine verrückte Idee aus", begann Antolin, "das ist ja phantastisch, so etwas gibt es wohl nur auf der Erde".
"Nehmen wir es als gutes Zeichen, und wenn wir heute noch Metall hier drin finden, hast du deinen großen Tag bei Kontila", bekam er zur Antwort.
Inzwischen waren sie am Ufer angekommen und sinnend blieb Stani stehen. Mit seiner Größe von 1,93 m überragte er den Freund um fast einen halben Kopf. Seine kräftige, breitschultrige Gestalt mit der wallenden, blonden Haarmähne, die nur um die Stirn von einem breiten, buntbestickten Band zusammengehalten wurde und den wachen blauen Augen erinnerte wohl an den Siegfried der germanischen Heldensagen, neben dem der ansonsten ebenfalls stämmige Antolin mit seinen dunkelblonden kurzen Haaren und den geheimnisvollen tiefbraunen, fast schon schwarzen Augen nicht so recht zur Wirkung kam.
"Na, los denn", forderte Antolin den Freund auf.
Doch Stani schien bewegungslos in seinen Erinnerungen versunken und rührte sich nicht. Er wollte sich auch noch gar nicht auf die vor ihm liegenden Aufgaben konzentrieren, denn das bisher Geschehene stand jetzt auf einmal viel zu deutlich vor seinem inneren Auge, ja, die so lange unterdrückten Gedanken und Empfindungen drängten mit einer derartig machtvollen Gewalt hervor, daß er gar nicht anders konnte, als alles noch einmal im Geiste zu erleben. Antolin mußte ihn nur ansehen, da wußte er ganz genau, was in ihm vorging und konnte seine Gefühle nur allzu gut verstehen.
Es war jetzt fast zwei Jahre her, daß Stani die Idee hatte, einfach mal richtig auszuflippen, was Verrücktes, Unerwartetes zu tun. Damals kamen sie gerade von der Siriusexpedition zurück, als er Antolin mit seinem Vorhaben überraschte, innerhalb einer Woche den Titicacasee trockenen Fußes zu durchwandern, so wie einst Mose das Rote Meer.
Als er aber das erschrockene und abweisende Gesicht des Freundes sah und seine Einwände hörte, waren es mehr Trotz und Eitelkeit als wirkliche Begeisterung, die ihn schließlich zum Bau des winzigen Gugronengerätes (@1) veranlaßten.
Stani war immerhin Gravitroniker und verstand seinen Job ganz ausgezeichnet. Vor allem war er vom Gelingen seines Vorhabens so vollkommen überzeugt, daß er die Möglichkeit eines Versagens nicht einmal in Erwägung zog.
Für ihn, der auf galaktischer Ebene schwierigste Aufgaben zu bewältigen hatte, war dies lediglich ein übermütiger Streich, den er sich durch seine Jugend und sein Können erlauben durfte. Sie waren ja auf der Erde, und das bedeutete für einen Raumfahrer die absolute Geborgenheit, hier konnte ihnen doch gar nichts geschehen, hier waren sie unbedingt sicher.
Und Stani, der für seine Gewissenhaftigkeit und seine Umsicht sogar vom gefürchteten alten Megira ausgezeichnet wurde, ließ diesmal nicht nur alle Vorsicht außer Acht, sondern lachte auch noch über Antolins Bedenken und Vorhaltungen. Der Bau des Gugronengerätes war für ihn Routine, solche Geräte arbeiteten seit vielen Jahrhunderten störungsfrei, ja, er baute es nicht einmal wasserdicht.
Tief im Inneren konnte er bald die Ungeduld kaum noch zügeln und die Vorfreude ließ ihn ununterbrochen an seinem ganz neuartigen Gugronenstrahler arbeiten. Natürlich begleitete ihn Antolin, aber im leichten Skaphander, als er kurz darauf den ersten Versuch machte. Das Gerät arbeitete völlig einwandfrei und Stani schritt munter aus. Er tat, als bemerke er den schwerfällig hinter ihm herhastenden Antolin nicht.
Etwas feierlich war ihm beim Anblick des viele jahrtausende alten erhaben dastehenden Sonnentores der Inkas wohl zumute und unwillkürlich richtete er sich auf, nahm die Schultern zurück und blickte über die endlose Wasserfläche. Aber schon war er am Ufer und sah mit gelassener Gleichgültigkeit, daß das Wasser rings um das Gugronengerät zurückwich und einen Kessel von etwa 5m Durchmesser bildete. Seine ganze Aufmerksamkeit galt zunächst dem Seeboden, der nach seinen Berechnungen völlig trocken, jedoch ohne zerstörende Einflüsse sein mußte. Als er dann in dem Gewirr der trocken und trotzdem nicht ganz ausgetrocknet daliegenden Wasserpflanzen überraschte kleine Krebschen und Fischchen zappeln sah, war er mit sich zufrieden.
"So hat damals Mose mit seinen Leuten vor dem Roten Meer gestanden!"
Antolin trat neben den Freund und sah in sein Gesicht. Darin bemerkte er jene unbeugsame Entschlossenheit und Willenskraft, die er schon immer an ihm bewunderte, den konnte jetzt nichts mehr von seinem Vorhaben zurückhalten und Stani dachte auch nur an die vor ihnen liegenden endlosen sieben Tage, die sie in dem engen Loch auf dem Seeboden entlangwandern würden.
Die Raumfahrer verbrachten ja ihren Urlaub auf der Erde sonst in den schönsten Gegenden, aber sie suchten sich Aufgaben, die sie bei jedem Raumflug haben konnten. Und der Gedanke daran brachte auf Stanis Gesicht jenen entschlossenen Gesichtsausdruck, den Antolin bei ihm jetzt sah. Mit festem Schritt betraten beide den Kreis und entfernten sich in ihm vom Ufer, das sanft und stetig immer tiefer abfiel. So tauchten sie, Meeresgöttern gleich, immer weiter in den See hinein.
Zwischen den Wasserpflanzen zeigte sich manchmal eine Vielfalt fast kreisrund geschliffener Steine. Sie waren ja noch in der Brandungszone des Sees und deshalb lagen hier weder Schlick noch Ablagerungen am Boden. Die rundgeschliffenen Steine erinnerten daran, daß der Titicacasee viele hundert Millionen Jahre hindurch ein Teil des Ozeans gewesen ist und erst vor einigen zehntausend Jahren bei einer gewaltigen Naturkatastrophe in 4000m Höhe gehoben wurde. Die Inkas hatten schon vorher einen primitiven Hafen, einen Meereshafen, in einer Bucht errichtet, dessen Existenz sich auch heute noch nachweisen ließ.
"Was erwartest Du eigentlich von dem Ausflug?" wollte Antolin wissen.
"Was ich erwarte? Du kannst Fragen stellen, interessiert Dich denn das Leben im Wasser überhaupt nicht?"
In seiner Vorstellung hatte sich Stani stets als einen Spaziergänger gesehen, der in einem gläsernen Gang am Seeboden entlangspaziert und eine märchenhaft schöne Unterwasserlandschaft zu sehen bekommt. Die Wirklichkeit sah jedoch viel nüchterner und enttäuschender aus, denn in ihrem Loch war es viel heller als im See, weil das Licht hier ungehindert von oben einfiel. Die leicht wogenden Wasserwände ringsum reflektierten einen Teil des einfallenden Lichtes in die verschiedensten Richtungen und ließen keinen Blick in den See zu. Auch wurde es mit zunehmender Tiefe schnell dunkler und schon bald gab es keine Pflanzen mehr. Als es schließlich völlig finster war, mußte Antolin die Lampen an seinem Skphander einschalten, aber dadurch wurde es noch trostloser in ihrem Loch, denn die zitternden Wasserwände ringsum reflektierten das Licht, sodaß die Augen ständig in ein Feuerwerk springender, blitzender Lichtfunken blickten. Das war unangenehm und ermüdend zugleich.
Als Antolin einmal voranging, tauchte plötzlich ein etwas größerer Stein auf, über den er stolperte und mit der Hand haltsuchend durch die Wasserwand griff. Die Gugronenstrahlung drückte dagegen und beinahe wäre er aus dem Schacht herausgeschleudert worden. Stani griff blitzschnell zu und mit vereinten Kräften zogen sie den Arm wieder herein.
Mit solchen unerwarteten Hindernissen mußte man jetzt immer rechnen und darum gewöhnten sie sich an, mit gesenktem Blick zu laufen. Es war ja auch nur die Stelle für den nächsten Schritt von Bedeutung, außerdem trafen dann die grellen Lichtblitze nicht ununterbrochen auf die Augen. Sie liefen schweigend nebeneinander her und sprachen angesichts dieser Trostlosigkeit kein Wort miteinander.
Der Gedanke an die kommenden sieben Tage war erschreckend und jeder andere hätte vielleicht aufgegeben. Aber Stanis Trotz sowie die Ausdauer der erfahrenen Raumfahrer ließen den Gedanken daran gar nicht erst aufkommen.
Noch unangenehmer war für Stani die Kälte im Loch. Schon bald herrschte eine konstante Temperatur von 277 Kelvin.w1) Zunächst liefen sie schneller, um sich zu erwärmen, dann schaltete Antolin seine Klimaanlage ein. Der Freund fror indeß weiter und als sie nach einiger Zeit eine Rast einlegten, entnahm er seinem Tornister eine leichte heizbare Kombination.
Als Gepäck hatten sie nur den kleinen Havarietornister der Raumfahrer mitgenommen. Im Falle einer Katastrophe konnte man damit vier Wochen überstehen. Diese Tornister mußten im All bei sämtlichen Unternehmungen außerhalb des Raumschiffes getragen werden. Viele Generationen von Raumfahrern hatten in Jahrhunderten an ihrer Verbesserung und Vervollkommnung mitgewirkt und so entstand schließlich die jetzige Form. Flach, weich und elastisch paßt er sich dem Körper des Trägers so vollkommen an, daß er kaum gespürt wird. Deshalb nennt man ihn auch scherzend den siebenten Körperteil.
Neben der heizbaren Kombination und einem vielseitigen Kyrob enthält er vor allem Nahrungsmittel, den "Mixer",(@2) sowie wichtige Medikamente und ein Krisonsches Gerät(@2), das mit Hilfe von Gugronen aus beliebiger Materie ein atemfähiges Gemisch verschiedener Gase und Sauerstoff bereiten kann. Auch lassen sich damit Wasser sowie mehrere Arten von konzentrierter Nahrung herstellen, die aber alle gleich geschmacklos und nur für das reine Überleben geeignnet sind.
Ein weiteres Fach des Tornisters schließlich ist für persönliche Dinge seines Trägers vorgesehen. Stani hatte darin, so wie die meisten Raumfahrer, wichtige Werkzeuge untergebracht. Diesmal befand sich außerdem noch ein winziger Kyrob (@3) zur Steuerung des Gugronengerätes in dieser Tasche.
Inzwischen waren sie etwa fünf Stunden gewandert und fanden wohl, daß es an der Zeit für eine Stärkungspause sei. Antolin setzte sich umständlich in den Grav (@4), während Stani sich einfach auf den Rücken fallen ließ. Er verschränkte die Hände hinter dem Kopf und blickte die Wasserwände hinauf in das winzige Stück azurblauen Himmel, das ihm die Erde genau so fern wie in seinen einsamen Träumen im Raum erscheinen ließ. Etwa fünf Meter über ihnen schwebte eine kleine blaue Scheibe frei im Loch, das neu entwickelte Gugronengerät.
Seine Wirkungsweise konnte sich jedes Kind erklären. Schließlich bildete dieses Prinzip schon seit Jahrhunderten die wichtigste Grundlage für alle Maschinen.
Es war damals eine perfekte Sensation, als man auf der Suche nach immer kleineren Teilchen der Materie auf die Gugronen stieß. Sie sind die absolut kleinsten Teilchen sowohl der Energie als auch der Materie und lassen sich mit Hilfe bestimmter Kernstrahlungen leicht erzeugen. Mit ihrer Hilfe kann man jede Energieform und auch jede beliebige Materie herstellen.
Und dieses Zurückführen sämtlicher Energieformen auf eine einzige "Urenergie" war die damalige Sensation. Viele Rätsel der Physik waren plötzlich klar. Nicht nur die gesamte Technik, sondern auch das Leben der Menschen und das gesamte Leben auf der Erde überhaupt wurde durch die Gugronen und ihrer Energieform, den Kosmotronen, grundlegend verändert. Plötzlich stand Energie in jeder beliebigen Form uneingeschränkt zur Verfügung und kein Produkt mußte mehr durch giftige chemische Prozesse hergestellt werden.
Seitdem konnte sich das empfindliche ökologische System global erholen und man setzte alles daran, das zu retten, was noch zu retten war. Es gelang sogar, eine Anzahl bereits ausgestorbener Pflanzen und Tiere aus noch vorhandenem Zellmaterial wieder zu züchten. Inzwischen gibt es auf der gesamten Erde eine deratige Artenvielfalt, wie man das noch vor tausend Jahren niemals für möglich gehalten hätte.
Der Rat erließ natürlich eine strenge Sicherheitsvorschrift, nach der keine künstliche Gugronenenergie in den Raum abgestrahlt werden darf. Während an bewegten Maschinenteilen die Gugronen aus der Gravitation direkt abgeleitet und gleich in Antriebsenergie für die Maschine umgewandelt werden konnten, benutzte Stani einen Kyrob. Dieser steuerte die Stärke der Strahlung so, daß alle entstehende Gravitationsenergie an der Wasseroberfläche restlos in mechanische Energie umgewandelt war, die das Wasser in dem Schacht beiseite drückte.
Nach der Pause liefen die beiden Freunde schweigend, aber erfrischt und ausgeruht weiter. Sie hatten sich jetzt schon recht gut an den wechselnden, unebenen Boden gewöhnt und kamen viel besser voran als am Anfang.
Da fragte Stani am Nachmittag plötzlich, wie weit sie schon gewandert seien. Antolin berührte einen Sensor am Skaphander und sagte, insgesamt seien es 12 Kilometer. Aber eine gerade Linie zum Ausgangspunkt ist nur 11,2 km lang. Sie waren also in einem geringen Bogen gelaufen. Ihre ausgesuchte Route war 120 km lang, so daß sie 17 km täglich zurücklegen mußten. Zwar ging es am Anfang etwas langsam voran, aber sie hofften, den Rückstand wieder aufzuholen. Schließlich kamen sie immer besser zurecht, weil sie sich an die Verhältnisse im See gewöhnten.
Die Katastrophe kam urplötzlich. An einem jener tückisch glatten Hügel, genau so einem wie der, über den Antolin einige Stunden zuvor stolperte und fast aus dem Schacht herauskatapultiert wurde, ging Stani voraus. Eben wollte er darüber hinwegsteigen, als irgend etwas nicht stimmte. Antolin glaubte später, einen leichten Pfeifton gehört zu haben. Aber ehe er sich darüber im Klaren war, bekam er einen kräftigen Stoß in den Rücken und stürzte auf den vor ihm laufenden Stani zu, der ihm schon entgegenflog. Instinktiv breitete er die Arme aus und umklammerte Stani, als das Wasser von allen Seiten zusammenschlug. Natürlich war er durch den Skaphander geschützt, aber Stani war in höchster Gefahr. Deshalb stellte er den Gravitrieb seines leichten Skaphanders augenblicklich auf Vollast und brachte den Freund nach oben über der Wasserfläche in Sicherheit.
Stani erklärte später nur, daß er plötzlich einen starken Druck am Kopf verspürte und die Hände an die Ohren preßte. Das rettete ihn wohl auch vor größerem Schaden. Er überstand die Katastrophe ziemlich gut und nach wenigen Minuten hatte er den Schreck überwunden. Ehe er sich von Antolins Skaphandertrieb abschleppen ließ, bemerkte er das Gugronengerät, das aus der Tiefe auftauchte. Mit einem bitteren Lachen griff er danach und beförderte es in seinen Tornister.
"Auf denn also!" Antolins erneute Worte brachten Stani zwar in die Wirklichkeit zurück, aber er wollte sich aus seinen Erinnerungen immer noch nicht trennen.
"Weißt du noch, als wir vor zwei Jahren von dem Unfall hierher zurückkamen?" fragte er Antolin
"Ich bin jedenfalls sofort in den Urlaub gefahren", gab der zur Antwort.
"Ja, aber ich konnte es nicht so leicht überwinden", erinnerte sich Stani.
Niederlagen tun immer weh. Sie verletzen entweder den Stolz oder bringen den Menschen in Wut und Verzweiflung. Bei Stani war es noch viel schlimmer. Bisher immer nur erfolgsgewohnt, hatte er das Selbstvertrauen zu sich und seiner Arbeit verloren.
"Was bin ich für ein Gravitroniker", grübelte er, "das ganze Team im Raumschiff verläßt sich auf meine Geräte und die fallen schon auf der Erde aus. Da bauen sich ja bereits die Kinder besseres Spielzeug".
Seine Niedergeschlagenheit hielt indeß nicht lange an. So wie er den Schock langsam überwand, gewann sein klares und nüchternes Denken wieder die Oberhand.
"Warum ist mein Gerät ausgefallen, nachdem es einige Stunden sehr gut gearbeitet hat?", fragte er Antolin über Tele.(@5)
Stani nahm es auseinander und prüfte es, konnte aber zu seiner Verwunderung keinen Fehler entdecken. Er ließ die Teile in speziellen Laboratorien von Fachleuten genauestens untersuchen. Zwar waren sie leider teilweise durch das Wasser verdorben, aber einen Fehler konnten auch die erfahrenen Experten in verschiedenen Abteilungen nicht entdecken.
Als sich Antolin an den Südseeinseln sattgesehen hatte und nach Australien ins Kosmoszentrum zurückkehrte, hatte Stani noch immer keine Erklärung gefunden. Auf die verrückte Idee, mit Hilfe von Gugronen das Wasser in einem See zu verdrängen um trockenen Fußes hindurchzuwandern, war ja bisher auch noch niemand gekommen. Also gab es auch noch keinen anderen Vergleich. Nur soviel stand für ihn fest, daß kein Teil des Gugronengerätes versagt hatte. Aber warum es dann trotzdem nach kurzer Zeit ausgefallen ist, das blieb irgendwie rätselhaft.
Stani war am Verzweifeln, so etwas gibt es doch gar nicht. Ein Gerät, das nicht defekt ist, fällt nach einigen Stunden plötzlich aus und verursacht fast eine Katastrophe. Wenn so etwas auf einem Raumflug geschieht, wer weiß, welche Folgen das dann hat.
"Wenn ich die Ursache nicht finde, fliege ich nicht mehr als Gravitroniker", sagte er zu Antolin.
"Das wäre schade, du bist vielleicht der beste!"
"Ach ja, und warum ist das Ding dann ausgefallen"? Stani schrie die Worte fast verzweifelt hinaus.
"Wenn aber der Fehler nun gar nicht im Gerät zu suchen ist," überlegte Antolin plötzlich, "wenn es das Kreislersche Phänomen war?"(@6)
Er meinte die Tatsache, daß ein Metall die Gugronen kurzzeitig aufnimmt und 'verschluckt'. Sie bewirken zunächst einmal eine Veränderung der Metallgefügestruktur, ehe sie sich in jede beliebige Form von Energie umwandeln lassen, ja, sie blockieren in diesem kurzen Moment sogar das Gugronengerät. Das wäre freilich eine etwas abenteuerliche Erklärung, an die der realistisch denkende Stani nicht so recht glauben konnte.
Und trotzdem ging er diesem Gedanken gewissenhaft nach, weil es für die Erkundungen im All eine längst selbstverständliche Vorschrift war, allen Gedanken, auch wenn sie noch so absurd erscheinen, nachzugehen. Sie müssen erst restlos widerlegt sein und auch dann werden sie noch nicht verworfen, sondern für immer gespeichert. Schon oft konnten solche Archive in anderen Situationen wertvolle Hinweise geben.
Wenn an der Unglücksstelle Metall im See liegt, werden für kurze Zeit die erzeugten Gugronen aufgenommen und es kann keine Energie abgegeben werden. Demnach bricht der Schacht zusammen, das Wasser dringt ins Gugronengerät ein und zerstört es, überlegte Stani. Am ganzen Titicacasee ist aber bisher noch niemals irgendwelches Metall gefunden worden!
Um der Wahrheit die Ehre zu geben, es wurde auch noch niemals danach gesucht. Außerdem sind alle Metallvorkommen, überhaupt alle Bodenschätze auf der Erde schon vor Jahrhunderten von den Menschen durch aufwendige Geoprogramme erforscht worden. Doch daran dachte Stani jetzt nicht. Antolins Gedanke an Metall als Unglücksursache war zwar gar zu unwahrscheinlich, ist aber ein solcher Gedanke erst einmal geboren, setzt er sich irgendwie im Unterbewußtsein fest. Immer wieder kreisten seine Gedanken um diesen Punkt, der ihm einen Weg zur Erklärung der rätselhaften Geschichte weisen könnte.
Als die Freunde dann einige Tage später ein 5000-Tonnen-Raumschiff betraten, um an einem Transport-Routineflug zum dritten Saturnmond teilzunehmen, hatte Stani genügend Zeit für Besinnung und genaue Überlegungen.
In ihm erwachten die Träume aus seiner Kindheit, die er hauptsächlich in Südamerika verbracht hatte. Damals begeisterte ihn die Geschichte der Ureinwohner am Titicacasee. Daran dachte er jetzt, dachte an das Sonnenreich der Inkas und seinen tragischen Untergang. Und eines Tages überraschte er den Freund mit der Behauptung, im See liegt ein Raumschiff.
Der verblüffte Antolin sah ihn mit offenem Mund ungläubig an und bekam einen heftigen Lachanfall. Lange konnte er sich nicht beruhigen, immer wieder schlug er sich auf die Schenkel vor Heiterkeit und brüllte, daß die Kabine dröhnte. Man findet selbst Raumschiffe, die auf den entferntesten Sternen verunglücken, auf der Erde ist eine solche Havarie völlig undenkbar und total ausgeschlossen, die Unglücksstelle wäre sekundenschnell millimetergenau bekannt.
Aber Antolin kannte auch die zwingende Logik der Gedanken seines Freundes, die er schon oft in schwierigen Situationen bewundert hatte. Wenn solch ein Mann von einem Raumschiff sprach, dann war auch ein plausibler Grund dafür vorhanden.
Sobald er sich also etwas beruhigt hatte und wieder Luft bekam, entschuldigte er sich für seinen spontanen Lachanfall und fragte nunmehr ganz ernst, wie er denn auf so eine verrückte Idee kommen kann. Stani war über eine solche Reaktion nicht einmal erbost, hatte er sie doch sogar fast erwartet.
Gerade in diesem Moment steckte aber die Bordäztin Tamina aus Neugier den Kopf in die Kabine:
"Antolin, erzähle ihn doch mal laut über Bordfunk, wir wollen gern mitlachen".
Natürlich fand sich sehr schnell auch die übrige Besatzung ein und fragte, was es denn so Lustiges gibt. Antolin war nun so richtig verlegen, denn das hatte er doch nicht gewollt.
"Ist ja schon wieder gut, wir haben nur darüber gesprochen, wie ein manipuliertes Kamel aussieht", sagte Stani.
Einige feixten, andere schüttelten den Kopf. Nur Tamina glaubte nicht an so eine Erklärung, sie kannte Antolin denn doch zu gut. Aber sie merkte von selbst, daß keiner von beiden den wahren Grund der Heiterkeit verraten würde. Also drehte sie sich um und sagte nur:
"Typischer Fall von Raumidiotie, so fängt es meistens immer an".
Mit spitzen Bemerkungen zerstreute sich die Besatzung wieder und Antolin blickte auf Stani. Der setzte sich an seinen Tisch und blickte ins Leere. Erst langsam, dann immer lockerer sprudelten die Worte nur so aus ihm heraus, er redete wie ein Wasserfall, es wurde ein richtiger Vortrag:
"Die Ureinwohner in Südamerika waren die Inkas. Während in anderen Teilen der Welt das Eisen immer mehr an Bedeutung gewann, hatten die Inkas genügend Gold und stellten alles daraus her. Es reichte ihnen und ein anderes Metall kannten sie gar nicht. Niemals wären sie auf die Idee gekommen, daß Gold etwas besonders Wertvolles ist. Als die spanischen Eroberer unter Franzisco Pizarro das Inkareich aus Goldgier zerstörten, waren sie erstaunt über die soziale Struktur dieses Staates.
Man verachtete den Reichtum, die Arbeit war für alle obligatorisch, die Nahrungsmittel wurden unentgeltlich unter alle verteilt, es gab kein Privateigentum usw.
Diese Grundsätze waren auf der Erde einmalig und wurden bei keinem anderen Volk als den Inkas gefunden.
Nach ihren eigenen Erklärungen kam vor vielen Jahren der weiße Gott Quetzalkoatl vom Himmel und gründete das Inkareich. Er verließ die Inkas auf einem großen Schiff über das Meer, wollte aber zurückkommen. Die Spanier prahlten damit, daß sie für weiße Götter gehalten wurden - ein verhängnisvoller Irrtum, der für die Inkas leider tödlich endete.
Schon seit jeher vermutet man, daß in Südamerika ein fremdes Raumschiff verunglückt ist. Der überlebende Raumfahrer Quetzalkoatl gründete dann eine sehr hoch entwickelte soziale Gemeinschaft der Inkas. Daß es inzwischen wieder einen König gab, will nicht viel besagen, er war vor allem für den Schutz des Reiches vor Feinden verantwortlich.
Was wir über Quetzalkoatl wissen, ist sehr wenig.
Er kam vom Himmel. Wo kam er her? Wo ist sein Raumschiff geblieben?
Er fuhr in einem großen Haus übers Meer fort. Wohin ist er gefahren? Wo ist er gelandet?
Er sah weiß aus. Auch scheint er keinen Schutzanzug getragen zu haben und hatte vermutlich Menschengestalt. Die Götzenbilder der Inkas sehen zwar recht furchteinflößend aus, doch war das wohl bei ihrer Entstehung beabsichtigt und sollte die Furcht vor den Göttern verstärken.
Einen Hinweis darauf, woher Quetzalkoatl kam, könnte das Sonnentor bieten. Die Hieroglyphen darauf sind das einzig der Welt erhaltene Denkmal der alten Inkaschrift. Alle anderen Dokumente wurden rigoros vernichtet, als ein Inkaherrscher im 1. Jahrtausend ziemlich gewaltsam die Knotenschrift einführte. Auf dem Sonnentor befindet sich ein seltsamer außerirdischer Kalender von großer Präzision in Hieroglyphenschrift. Warum wurde er damals von dem Reformer nicht vernichtet?
Den Planeten und das Sonnensystem, zu dem dieser Kalender gehört, hat man seit der Entschlüsselung der Hieroglyphen immer wieder und immer besser berechnet, aber bisher nicht gefunden. Seit vielen Jahrhunderten werden von den Kyrobs die Parameter aller bekannten Sternensysteme und Planeten analysiert, doch das dargestellte System war bisher noch nicht dabei".
"Und du meinst, daß das Raumschiff im See versunken ist?" fragte Antolin. Er glaubte nicht so recht daran, denn einen solch großen Metallkörper wie ein Raumschiff hätte man gewiß schon längst entdeckt.
Aber mußte es denn eigentlich gleich ein ganzes Raumschiff sein? Überliefert ist davon nichts. Eine winzige Landekapsel kann es ebenso gewesen sein, der Gedanke war alles andere als abwegig.
So beschlossen die beiden denn, dem Geheimnis des Titicacasees auf die Spur zu kommen. Eigentlich hätten sie spätestens jetzt den wissenschaftlichen Rat verständigen müssen. Aber sie waren eben von einem Raumflug zurückgekehrt und hatten Urlaub. Da mußten sie niemand Rechenschaft über ihre Freizeitbeschäftigung geben. Sie wollten die Unglücksstelle selbstverständlich erst noch einmal allein genau untersuchen und dann Kontila, den Leiter des Rates, verständigen.
2. Kapitel Der Fund
Als man vor Jahrhunderten die gewaltigen Geoprogramme in die Tat umzusetzen begann, wurden überall in ungünstigen Gebieten und Höhenlagen Klimakorrekturen vorgenommen. Damit verbesserten sich auch die Lebensbedingungen in den bis dahin etwas trostlosen Anden und so kam es, daß nach diesem einmalig schönen Sonnenaufgang der Zauber des anbrechenden Tages unmerklich in das geschäftige Leben und Treiben der üppigen Tier- und Pflanzenwelt überging, die sich hier oben herausgebildet hatte.
Antolin schob Stani nun einfach vor sich her und schon bald waren die beiden unterwegs zur damaligen Unglücksstelle. Selbstverständlich war das Gugronengerät diesmal wasserdicht und Stani lief unter Beachtung aller Sicherheitsmaßnahmen im leichten Skaphander. Eigentlich liefen sie auch gar nicht, denn den Gedanken an die Durchquerung des Sees hatten sie längst schon aufgegeben. Stani war ohnehin so total von seiner Raumschiffidee besessen, daß er nun nicht schnell genug zum Ort seines damaligen Unfalles kommen konnte.
Antolin hingegen glaubte zwar insgeheim noch immer nicht so recht daran, doch wollte er die Stelle wenigstens einmal gründlich untersuchen. Glücklicherweise war der genaue Ort nach den Aufzeichnungen seines Kyrobs von damals sicher zu finden und der Skaphandertrieb brachte die Ungeduldigen nach der langen Besinnung am Ufer schnell voran. Stani bildete sich sogar ein, auf dem Boden kaum sichtbar eine helle Spur zu entdecken, die von ihrer Tour damals vor zwei Jahren herrührte.
Kurz vor ihrem Ziel hielten sie an und verharrten erst einmal. Ehe sie ganz dicht an die Unglücksstelle herangingen, ließen sie von einem Kyrob im Wasser mehrere starke Lampen verteilen. Nun war es im See heller als im Kessel und die vorher schwarze Wasserwand wurde plötzlich transparent und durchsichtig. Wie ein Holo (w2) lag der Boden des Sees vor ihnen. In dem glasklaren Wasser konnte man so weit sehen, wie die weitreichenden Lampen leuchteten. In dieser Tiefe gab es keine Vegetation mehr und auch die Bodenschicht aus Schlick war nicht besonders dick. Gleichmäßig und eben lag sie da, nur ab und an durch etwas größere Steine unterbrochen, von denen aber keiner groß genug für ein Raumschiff, ja, nicht einmal für eine winzige Landekapsel erschien.
"War es auch ganz bestimmt hier?" fragte Stani enttäuscht und Antolin berührte einen Sensor an seinem Skaphander.
"Ja, der Weg ist bis zu diesem Stein dort exakt aufgezeigt, Irrtum ausgeschlossen", brummte er.
"Das verstehe wer will, wenn hier kein Raumschiff liegt, kann es doch bloß ein Fehler am Gerät gewesen sein", sinnierte Stani.
"Vielleicht hat auch"... explosionsartig schlugen die Wasserwände zusammen, doch die wachsamen Kyrobs in ihren Skaphandern errichteten noch schneller einen Schutzschild, der die Freunde vor Schäden schützte. Kaum eine Sekunde später ging vom Gugronengerät ein Wirbel aus und wie durch einen gewaltigen Bohrer, der sich blitzschnell nach oben bewegt, wurde das Wasser erneut verdrängt. Einen Augenblick später stand der Schacht wie vorher und als sei nichts geschehen, nur ein wenig aufgewirbelter Schlick zeugte von dem Vorfall. Etwas erschrocken waren die Beiden schon, obwohl sie ja extra wegen diesem Ereignis hergekommem warem.
"Was war denn das nun?" Antolin fand als erster die Sprache wieder, doch Stani war schon am Überlegen.
"Am Gerät liegt es nicht, also muß die Ursache hier im See liegen und zwar genau unter unseren Füßen! Wenn es das Kreislersche Phänomen ist, muß hier Metall sein", sprach er das aus, was auch Antolin dachte.
In den Skaphandern waren winzige Metallanzeiger untergebracht und beide berührten jetzt die Sensoren. Mit der Spitze des rechten Zeigefingers suchten sie nach Metall in dem engen Schacht, aber ohne Erfolg. Stani, der genau vor dem Stein stand, ließ bald entmutigt die Hand sinken. Dabei zeigte der Finger auf den Stein und ein rotes Lämpchen leuchtete auf.
"He, das ist ja gar kein Stein, das ist Metall", schrie er aufgeregt und beide bückten sich, um besser sehen zu können.
Antolin wischte mit dem Handschuh darüber, jedoch der Schlick war so dick und fest, daß er sich nicht verwischen ließ. Da entnahm er seinem Tornister einen kleinen Hammer und klopfte daran. Es gab ein Geräusch, das sie undeutlich an Metall erinnerte, jedoch sehr gedämpft und ganz leise klang.
Der Analysator im Skaphander zeigte an, daß das Teil aus Metall, aber ansonsten völlig gefahrlos war. Doch die Vorsicht und Besonnenheit der erfahrenen Raumflieger ließ sie erst einmal alles gründlich untersuchen und überprüfen, bevor sie den Gegenstand berührten und aufnahmen, auch schickten sie die Kyrobs noch zu einigen anderen Steinen um zu sehen, ob die auch Metall enthalten.
Zu ihrem Erstaunen gab einer von ihnen ebenfalls positive Signale ab.
"Vielleicht ist das Raumschiff von Quetzalkoatl beim Aufprall auf den See auseinandergebrochen", überlegte Stani laut, "aber wie hat er sich dann retten können?"
"Erst mal sehen, was wir überhaupt gefunden haben, bestimmt können wir uns dann viel erklären". Antolin versuchte noch immer, das Metallstück gleich im See zu untersuchen, aber vergeblich.
Da es nun weiter nichts zu erkunden gab, nahmen sie ihren Fund auf, markierten die Stelle und die Lage durch ein winziges Signalgerät und begaben sich auf den Weg nach Australien ins wissenschaftliche Zentrum.
Dieses Zentrum befand sich schon seit vielen Jahrhunderten dort und niemand konnte es sich an einem anderen Ort der Erde vorstellen. Als im 21.Jahrhundert die Umweltschäden in der Welt immer stärkere Ausmaße annahmen, blieb Australien wie eine Insel davon weitgehend verschont. Aber ein anderes Problem war aufgetreten, das fast noch schlimmer war, die Zerstörung der Ozonschicht, die über diesem Kontinent die schrecklichsten Ausmaße annahm. Gerade deshalb bildete er für die Wissenschaft ein ideales Betätigungsfeld um diese Zerstörungen zu beobachten. So entstanden dort die modernsten Forschungsstätten, während die Einwohner aus Angst vor den gesundheitlichen Schäden durch das Ozonloch den Kontinent verließen. Selbstverständlich gab es auch auf der nördlichen Halbkugel der Erde ein Ozonloch, doch hatte es längst nicht diese Ausmaße.
Die natürliche Folge war, daß sich Australien total entvölkerte, aber dadurch hatte die Wissenschaft bald einen ganzen Kontinent für sich allein, wo sie ungestört ihre Forschungen betreiben konnte. Als dann Mitte des Jahrhunderts das Problem des Ozonloches endgültig gelöst war, siedelten sich auch andere Wissenschaftler und sogar Politiker in Australien an. Der Kontinent wurde zum globalen Zentrum für Wissenschaft und Politik erklärt. Es entstanden sehr schnell Millionenstädte, und während die Politik immer mehr an Bedeutung verlor, wuchs der Einfluß der Wissenschaft ständig.
Schon bald war der wissenschaftliche Rat auch gleichzeitig das höchste politische Gremium auf der Erde. Die hier gefaßten Beschlüsse hatten den Charakter von Gesetzen und waren für die gesamte Menschheit bindend. Die Ende des 20. Jhd. begonnene Politik der Bildung kontinentaler und globaler Wirtschaftsgemeinschaften hatte Früchte zum Nutzen für die gesamte Erde getragen. Von hier aus wurden den privaten und staatlichen Betrieben auf allen Kontinenten sowohl Produktionsempfehlungen gegeben, als auch Aufträge für wichtige Produktionen verteilt.
Eine im 21. Jhd. vom wissenschaftlichen Rat in Auftrag gegebene Kyrobstudie über die Bewaldung Australiens ergab einen positiven Einfluß auf die Ökologie der Erde und seitdem ist fast der gesamte Kontinent im Stile eines gewaltigen Parkes begrünt worden. Lediglich als Reservat für einige Tier- und Pflanzenarten ist im Inneren ein riesiges Steppengebiet erhalten geblieben.
Selbstverständlich befand sich auch das Kosmoszentrum in Australien, auf dem riesigen Gelände des wissenschaftlichen Zentrums.
Als Stani und Antolin mit ihrem Fund den Park betraten, kam ihnen gerade Rigana entgegen. Sie war groß, schlank und sah verdammt gut aus. Natürlich wußte sie das auch ganz genau und versuchte schon seit langer Zeit, auf Stani Eindruck zu machen.
"Hallo Stani, schön Dich zu treffen. Heute Abend ist der große Galaball im Palais, sehe ich Dich da?"
"Tut mir leid, ich habe zu tun. Außerdem bin ich ein total ungeschickter Tänzer".
"Das ist doch vollkommen egal, wir könnten uns ja ebensogut bei einer Flasche gutem Wein in ein kleines Separe setzen und über vergangene Zeiten plaudern, wie zum Beispiel unsere gemeinsamen Erlebnisse bei der Rigelexpedition."
"Nur daß wir da nichts gemeinsam erlebt haben."
"Immerhin war ich die Erste am Unfallort, wo Du Antolin das Leben gerettet hast. Stimmts, Antolin?"
Antolin nickte amüsiert. Wie Rigana den Vorfall erzählte, so kann sich das nur eine Frau ausdenken. Er war damals mit Stani für eine Patrouille zum "Kilimandscharo" eingeteilt worden.
Der Planet, auf dem sie gelandet waren, gab ihnen verschiedene Rätsel auf. So befand sich dreißig Kilometer von ihrer Landestelle entfernt ein Berg, der irgendwie an den Kilimandscharo auf der Erde erinnerte. Er hatte wie dieser eine weiße Kappe und sah am Gipfel, jedenfalls von der Seite, auf der das Raumschiff stand, ziemlich abgerundet aus. Auf der anderen Seite dagegen bestand er aus mehreren steilen Felswänden, die wahrscheinlich durch eine gigantische Katastrophe entstanden waren. Ob es ein Beben oder ein Meteoriteneinschlag war, konnte niemals richtig geklärt werden, es war auch nicht die Aufgabe der Crew.
Aber das Besondere an ihm war, daß er unregelmäßige Funksignale abgab. Ein ganzer Stab von Experten hatte deshalb eine Station dort oben aufgebaut und versuchte nun hinter sein Geheimnis zu kommen. Stani als Gravitroniker baute verschiedene Kyrobs, die bei der Suche nach der Funkquelle eine wertvolle Hilfe waren. Er selbst weilte aber nicht gern dort oben, obwohl sein Quartier gut eingerichtet war und ständig bereitstand.
Antolin gehörte ebenfalls zur Expedition und wurde als Vize, wie man den stellvertretenden Kommandanten nannte, im Raumschiff gebraucht.
Eines Tages setzte Helmira, die Kommandeuse der Expedition, Stani und Antolin als Patrouille ein. Sie sollten zur Station auf den Berg fliegen und sich überzeugen, daß dort oben alles in Ordnung ist.
Die beiden bestiegen also einen Gravistaten (@7), ein auch auf der Erde benutztes Fluggerät, das mit Hilfe von Gravitationsenergie betrieben wurde. Damit flogen sie zur Station.
Die Leiterin der Kilimandscharoexpedition, wie sie hier überall genannt wurde, war Rigana. Schon auf dem Flug im Raumschiff war ihr Stani aus dem Weg gegangen, weil sie ihm auf Schritt und Tritt auflauerte, wegen ihr blieb er auch lieber im Raumschiff und mied seine Kabine auf dem Berg. Rigana sah zwar recht gut aus, aber ihre aufdringlich-plupme Art gefiel ihm nun mal nicht. Er fand das widerlich abstoßend und übertrug diese Meinung tief in seinem Unterbewußtsein auf die gesamte Frau. Vielleicht tat er ihr damit Unrecht, aber daran wollte er lieber nicht denken, er wollte vor ihr Ruhe haben.
Rigana ärgerte sich natürlich über Stanis Abweisung und fühlte sich in ihrem Stolz verletzt. Sie dachte nicht einmal daran, so schnell aufzugeben und verfolgte ihn ständig weiter.
Als nun die beiden im Lager auf dem Berg landeten, lief sie ihnen erfreut entgegen. Sie lud Stani sofort in ihre Kabine ein, wollte eine Tasse Kaffee mit ihm trinken. Antolin sah sich indessen schon mal im Lager um und erfüllte den Patrouillenauftrag.
Stani dankte für die Einladung und wendete sich der Kabine zu, in der Antolin gerade verschwunden war. Aber noch bevor er sie erreichen konnte, stand Rigana wieder vor ihm und sagte:
"Stani, ich finde das alles sehr ungezogen von Dir, ich bemühe mich doch nur, ein bißchen nett zu Dir zu sein. Aber Du weichst mir immer aus".
"Ich will von Dir ja gar keine Sonderbehandlung, wir sind hier Kollegen und sonst weiter nichts".
"Dabei möchte ich viel mehr für Dich sein", flüsterte sie.
"Nein, Rigana, dazu gehört auch ein wenig Sympathie oder Liebe, doch es tut mir leid, so empfinde ich für Dich nun mal nicht."
"Noch nicht, Stani, noch nicht, aber das kann sich sehr schnell ändern."
"Ich will aber nicht, daß es sich ändert."
"Du bleibst jedenfalls hier, ich habe den Schlüssel für den Gravistaten abgezogen. Wenn Antolin kommt, kann er fliegen!"
"Rigana, das ist ein Verstoß gegen die Sicherheitsregeln".
"Na und? Der Gravistat ist doch nicht kaputt, nur kannst Du nicht damit fliegen".
"Hier bleibe ich nicht, dann laufe ich eben allein zurück oder versuche es mit einem Gravistor".
Damit meinte er eine auf der Erde gebräuchliche Methode der Fortbewegung. Irgendein Gegenstand, ein Brett, oder ein Ast, wird als Sitz genommen und mit der von den körpereigenen Chips erzeugten Gravitationskraft, dem Grav, betrieben.
Für kurze Entfernungen wird das auf der Erde gern benutzt. Allerdings kostet diese Art der Fortbewegung viel Energie und die Geschwindigkeit ist sehr langsam. Zwar gibt es noch den reinen Grav, doch damit kann man allenfalls die Gravitationskraft überwinden. Zur Fortbewegung ist der Grav nicht geeignet, er muß dazu an einem Gegenstand angreifen können. Der als Sitz benutzte Gegenstand wird Gravistor genannt.
"Das geht hier nicht, dazu ist es bis zum Raumschiff viel zu weit, außerdem zu gefährlich". Rigana richtete sich siegesgewiß auf.
"Und ob das geht, bring morgen den Gravistaten zurück".
Damit ergriff er ein Stück brettartiges Baumaterial, setzte sich darauf und flog in Richtung Raumschiff davon.
"Stani!"
Riganas entsetzter Ruf ließ Antolin sofort nach draußen eilen. Als er Stani langsam in Richtung Raumschiff schweben sah, konnte er sich die Gründe dafür denken. Aber er kannte auch die Gefahr, in der sich sein Teamkollege befand. Allein mit seinen körpereigenen Reserven konnte der für eine so lange Zeit die Energie gar nicht aufbringen.
"Tut mir leid, Rigana, ich muß hinterher. Sonst suchen wir dann tagelang nach ihm."
"Ihr seid ja hier auch fertig, bestell ihm einen schönen Gruß von mir".
Sie drehte sich um und ging stolz in ihre Kabine.
Antolin verabschiedete sich von den Forschern und setzte sich in den Gravistaten.
Natürlich wußte Stani ganz genau, daß er es mit einem Gravistor niemals bis zum Raumschiff schaffen würde. Aus diesem Grunde umflog er den Berg, bis er sich im Funkschatten der Expedition befand und landete auf einem Plateau an einer steilen Felswand. Bis zum Lager waren es nur wenige hundert Meter, aber niemand vermutete ihn dort. Er wußte ganz genau, daß Antolin einige Zeit später mit dem Gravistaten aufbrechen und gründlich nach ihm suchen würde. Das Notfunksignal seiner Ausrüstung leistet dabei eine wertvolle Hilfe.
Als nun Antolin losflog, konnte er bald Stanis Signal empfangen und wußte auch sofort, wo der sich befand. Er landete den Gravistaten unweit von Stanis Plateau an einer sicheren Stelle in der Steilwand.
Der Berg war aber in Wirklichkeit viel gefährlicher, als sich Stani das vorgestellt hatte. Das Gestein erwies sich als sehr brüchig und die Gefahr eines Steinschlages bestand zu jeder Zeit. Auf der Erde würde für diese Felswand wahrscheinlich ein totales Kletterverbot gelten.
Aber weder Stani noch Antolin waren erfahrene Bergsteiger. Sie kamen nicht einmal auf die Idee, das Gestein auf seine Festigkeit zu überprüfen und ahnten demzufolge auch gar nichts von der großen Gefahr, in der sie sich gerade befanden.
Stani hatte es sich auf seinem Plateau bequem gemacht und mit dem Mixer gerade Imbiß vorbereitet.
Als Mixer bezeichnete man ein Gerät, das zusammengeklappt im kleinen Havarietornister von allen Raumfahrern ständig mitgenommen werden mußte. Mit seiner Hilfe war es möglich, Speisen aus der Notreserve ohne Berührung mit der Atmosphäre der fremden Planeten zuzubereiten.
Einen solchen Imbiß hatte sich Stani inzwischen hergestellt und mußte ihn nur noch durch einen extra dafür vorgesehenen Schacht in den Skaphander einschleusen, als Antolin mit dem Gravistaten landete. Auch der verspürte Hunger und wollte sich neben ihn setzen. Dazu mußte er aber die paar Meter bis zu ihm über einen schmalen Sims klettern.
"Warte, ich komme rüber", sagte er und Stani nickte. Er war damit beschäftigt, die Trinkflasche für seinen Imbiß vorzubereiten.
"Paß auf, daß Du nicht abrutscht", gab er zur Antwort.
Aber da war es auch schon geschehen. Antolin befand sich mitten auf dem Sims, als ein Stein unter seinen Füßen nachgab und er kopfüber in die Tiefe fiel. Mit dem Grav fing er zwar seinen Körper auf, aber beim Abrutschen hatte er sich den Fuß so empfindlich geprellt, daß er vor Schmerzen aufschrie. Stani ließ sich sofort einige hundert Meter bis zu ihm heruntergleiten und versuchte allein zu helfen.
Er mußte den Gravistaten neben ihm auf der schmalen Platte eines vorspringenden Überhanges landen und dann den Verletzten irgendwie hineintransportieren. Beim geringsten Stoß an das Fluggerät drohte dieses in die Tiefe zu stürzen. Auch war ihm nicht klar, ob das brüchige Gestein diese Last tragen kann.
"Wir müssen es ganz einfach versuchen, wir haben keine andere Wahl", sagte Antolin unter Schmerzen.
"Aber wenn irgend etwas passiert, der Berg nachgibt oder der Gravistat abstürzt, das ist zu gefährlich".
"Dann mußt Du ins Lager gehen, Hilfe holen, ich bleibe hier solange allein zurück".
"Kommt ja gar nicht in Frage, wir rufen Hilfe herbei und warten beide hier".
Keiner von ihnen hatte bemerkt, daß inzwischen Rigana neben ihnen stand. Sie hatte Antolins Flug verfolgt und sofort begriffen, wo Stani geblieben war, als der Gravistat plötzlich hinter dem Berg verschwand.
Ohne jemandem ein Wort zu sagen, bagab sie sich allein auf die andere Seite des Berges und kam an, als der Unfall schon geschehen war. Doch auch jetzt meldete sie sich noch nicht und ließ sich lieber hinter Stani den Berg hinabgleiten.
Natürlich hatte sie auch die Unterhaltung zwischen den beiden mit angehört. Als sie sich jetzt meldete, zuckten die gehörig zusammen und starrten sie verwundert an.
"Ich werde in dem Gravistaten bleiben und ihn, wenn nötig, schweben lassen bis Antolin drinsitzt", bot sie an.
Zu dritt ist so ein kleiner Unfall natürlich kein Problem und eine Stunde später war Antolin im Raumschiff und ließ sich in der Medizin behandeln.
Der Knöchel war übrigens gebrochen und er mußte in den Tunnel(Q8). Aber schon am nächsten Tag machte er einen Ausflug zu einem großen Krater. Seit diesem Unfall sind Antolin und Stani unzertrennliche Freunde geworden.
Rigana stand abwartend vor ihnen und deutete auf den schweren Gegenstand in Stanis Hand.
"Igitt, was ist denn das für ein gräßlich-schmutziges Ding, seit wann sammelt ihr denn solchen Dreck?" wollte sie wissen.
"Das haben wir gefunden, sei bitte nicht böse, aber wir müssen jetzt weiter".
"Zum Müll geht es dort lang".
Kopfschüttelnd blickte ihnen Rigana nach und ärgerte sich wie immer, daß Stani zu ihr so kühl blieb. Bei anderen Männern hatte sie doch auch jedes Mal gleich Erfolg mit ihrem Trick.
Antolin und Stani gingen direkt in den chemischen Komplex und betraten das Laboratorium.
Das erste, was Stani wahrnahm, waren warme, dunkle Augen sowie dichte braune Haare, die weich und locker über zwei sonnengebräunte Schultern flossen.
Zu seinem Bedauern war das Mädchen hinter einer großen Glasapparatur, in der eine bunte Flüssigkeit brodelte, kaum zu sehen. Davor stand auch noch ein Regal, dicht gefüllt mit Flaschen und Gefäßen voller bunter Reagenzien. So konnte er außer den großen, mandelförmigen Augen, die ihn erstaunt und aufmerksam ansahen, leider nicht viel mehr erkennen.
"Wer ist das?" fragte er Antolin.
"Das ist Chiroga, ich habe sie neulich bei Megira kennengelernt, wir geben ihr am besten das Ding."
Damit ging Antolin um die Apparatur herum und Stani stolperte hinterher, ohne den Blick von dem Mädchen zu lösen. Vor Aufregung brachte er kein Wort heraus, als er vor ihr stand und auch Chiroga senkte innerlich verwirrt den Blick.
Um ihre Erregung zu verbergen, drehte sie sich absichtlich zur Seite und fragte Antolin, weshalb sie gekommen sind. Antolin wickelte den inzwischen zu einem schmutzigen Grau eingetrockneten Gegenstand aus und sagte:
"Wir brauchen hiervon eine chemische Analyse, müssen wissen, was das ist."
"Was, von diesem Staub?", wunderte sich Chiroga.
"Nein, von dem, was darunter ist, vielleicht kannst du den Schmutz mit irgendwas lösen, ohne den Gegenstand zu beschädigen."
Antolin schien von den Empfindungen des Mädchens noch immer nichts zu bemerken.
Chiroga nahm ein kleines Messer und kratzte ein wenig von dem Belag ab. Sie goß eine Flüssigkeit darüber und schob das Ganze in einen Analysator.
"Hm, das läßt sich doch einfach mit Wasser und Seife abwaschen, wenn man nur wüßte ob sich das, was darunter ist, dann auflöst", Chiroga drehte den schweren Gegenstand unschlüssig auf dem Versuchstisch um.
"Kaum", sagte Antolin, "wir haben das Ding aus dem Wasser gefischt, es lag bestimmt sehr lange darin."
"So sieht es auch aus, na, dann ist das ganz einfach", sagte sie und schob es mit geübtem Griff in den Spülautomaten für die Laboratoriumsgeräte.
Stani hatte während der ganzen Zeit kein Wort gesagt, denn die schlanke, makellose Gestalt des Mädchens, die aufrechte, stolze Haltung, das ungewöhnlich hübsche Gesicht, welches von den hüftlangen Haaren links und rechts halb verdeckt wurde, sodaß es noch schmaler aussah, als es in Wirklichkeit war und die Sicherheit, mit der sie ihre Tätigkeit ausübte, gefielen ihm immer mehr. Jede ihrer Bewegungen hatte eine so natürliche Anmut und eine Grazie, daß er staunend verstummte.
Während nun der Automat summte, warf sie einen schnellen Blick über die Schulter zu Stani und lächelte ihn an. Dabei bildeten sich zwei kleine Grübchen auf ihren Wangen und für einen kurzen Moment sahen sie sich in die Augen. Doch drehte sie sich sofort wieder weg, ohne selbst zu wissen warum und hantierte am Regler des Automaten, nur um irgendetwas zu tun und an etwas denken zu müssen. Niemand hatte bemerkt, wie Stani bei dem kurzen Blick bis in die Haarwurzeln errötete.
Da verlöschte auch schon die rote Lampe und Chiroga öffnete, ohne so richtig bei der Sache zu sein, den Verschluß des Automaten und griff hinein. Als ihre Hand wieder zum Vorschein kam, stießen alle drei einen Ruf des Erstaunens aus und selbst Stani vergaß seine Gefühlsaufwallung.
Chiroga hielt einen goldenen Inkagötzen in der Hand.
3. Kapitel - Die Botschaft
"Ihr seid also sicher, daß bei einem anderen Stein auch Metall angezeigt wurde?" fragte Megira, der Leiter des Kosmoszentrums.
"Ja, ganz bestimmt!", antworteten Stani und Antolin fast gleichzeitig.
"Das müssen wir weiterleiten, ihr werdet mit Kontila sprechen", kündigte Megira an.
Kontila war der Leiter des wissenschaftlichen Rates, der erste Mann auf der Erde und Megira der Leiter des Kosmoszentrums, also ihr unmittelbarer und zugleich höchster Vorgesetzter.
Eigentlich wollten die beiden ja sofort mit Kontila sprechen, wenn auf dem Grunde des Titicacasees tatsächlich ein Raumschiff liegt. Aber mit einem Goldfund hatten sie nun doch nicht gerechnet, ja, sie hatten nicht einmal eine Erklärung dafür. Nach kurzer Beratung erschien es ihnen besser, zuerst ihren Chef zu verständigen. Das war immerhin der Dienstweg, auch wenn ihr Freizeitabenteuer nicht unbedingt den Dienstweg erfordert. Aber im Grunde hatten alle Raumfahrer vor Megira heimlich Angst, obwohl er noch keinem von ihnen etwas getan hatte. Davon konnten sich auch Stani und Antolin nicht freimachen, denn seine Strenge und sein immer ganz korrektes Verhalten brachten ihm diesen Respekt ein, den alle vor ihm hatten.
So wollten sie ihn nicht unnötig verärgern und gingen mit ihrem Inkagott deshalb zuerst zu ihm. Wenn er sie nun zum obersten Ratsherren schickte, so war das natürlich etwas anderes.
Die Unterhaltung mit Kontila hatten sie sich wirklich ganz anders vorgestellt. Er regierte in keinem peinlich, fast steril sauberen Büro mit Hochglanzmöbeln und einem langen Konferenztisch, wie man sich das bei einem Chef immer vorstellte, sondern in einem gemütlich eingerichteten Raum von normaler Größe. Sie mußten auch nicht vor einem wuchtigen Schreibtisch Platz nehmen und zu dem mächtigen Halbgott aufblicken, sondern sie saßen zu dritt in einer bequemen Sesselgruppe vor einem Clubtisch, auf dem eine Kanne Kaffee dampfte und eine Schüssel Gebäck zum Knabbern einlud.
Kontila hatte auf dem Sessel zwischen ihnen Platz genommen und ließ sich die ganze Geschichte von Anfang an erzählen, er stellte dann sogar noch viele Fragen, die nichts damit zu tun hatten. Zum Beispiel interessierte ihn, wie die Freundschaft zwischen Stani und Antolin damals begann, wie sie bisher immer ihren Urlaub auf der Erde verlebt hatten und vieles andere mehr.
"Morgen geben wir den Vorfall vor dem Rat bekannt, ihr könnt dann die ganze Sache am besten dort vortragen. Na, nun seid doch nicht so erschrocken, die tun euch doch nichts".
Damit war die Unterhaltung schließlich beendet.
Etwas befangen war Stani schon, als er am anderen Tag das große Ratsgebäude betrat, denn der ganze wissenschaftliche Rat hatte sich versammelt, um die Geschichte zu hören. Der Inkagott ging von Hand zu Hand und alle waren sich einig, daß es ein besonders schönes und wertvolles Stück sei, das Stani da gefunden hat.
Der eigentliche Berichterstatter war zwar Antolin, aber im Mittelpunkt des Interesses stand doch Stani, weil sein übermütiger Plan von der Durchquerung des Titicacasees allgemeines Schmunzeln und Erstaunen hervorrief.
Eine Erklärung, wie der Gott mitten in den großen See gekommen sein könnte, gab es vorläufig nicht und man mußte vorerst noch die Ergebnisse der weiteren wissenschaftlichen Untersuchungen einer Expertenkommission abwarten.
Gold konnte damals jederzeit in ausreichender Menge von einigen Jupitermonden besorgt oder durch Gugronentechnik hergestellt werden und stellte somit keinen besonderen Wert mehr dar. Es wurde nach wie vor für teure Schmuckgegenstände und als korrosionsfestes Material in der Technik verwendet. Doch der Inkagott war ein besonders wertvoller Kunstgegenstand, das war sofort klar und Stani wurde dafür beglückwünscht.
Seitdem das Geld nur noch in Form von Leistungspunkten vom Hauptkyrob(@9) registriert wurde und fast jeder mehr verdiente als er im allgemeinen ausgeben konnte, hatte das persönliche Konto seine Bedeutung weitgehend verloren. Sogar ehemals reiche und beneidete Manager und Betriebsbesitzer unterstellten ihre Unternehmen immer häufiger dem Hauptkyrob, da die Leitung des Betriebes für sie schwieriger war als eine andere Arbeit, bei der man außerdem unabhängiger und freier blieb.
Das Streben nach Einfluß und Macht ist eine menschliche Eigenheit, die wohl niemals abgeschafft werden kann. Allerdings hatten sich die Proportionen verschoben. Der Besitz eines Betriebes brachte keine Macht- oder Geldvorteile mehr, sondern nur noch unnötige Belastungen, weil der Hauptkyrob ständig über sämtliche Daten verfügte. Er vergab die Leistungspunkte auch nicht nach der Art der Tätigkeit, wie es früher üblich war, sondern nur noch nach der geleisteten Arbeit. Irgendwelche dunklen Geschäfte und Preismanipulationen waren ohnehin seit langer Zeit völlig ausgeschlossen.
Wer nach Anerkennung und Macht strebte, konnte das eigentlich nur im wissenschaftlichen Zentrum in Australien erreichen. Da standen ihm alle Wege offen, doch gab es natürlich auch hier wie überall in der Welt eine feste Stufenleiter, die man erklimmen mußte, wenn man vorwärts kommen wollte. Auch durch noch so gute Beziehungen konnte man die nicht umgehen. Damit war gesichert, daß wirklich nur die fähigsten Manager in höhere Positionen kamen. Es zeigte sich bald, daß nicht allzu viele Menschen dazu Lust verspürten. Erfolge wurden jetzt mehr in der Freizeit gesucht. Man war stolz auf persönliche Besitztümer, die zumeist von den Vorfahren vererbt oder geschenkt worden waren.
Eines der schwierigten Kapitel in der Menschheitsgeschichte war der Kampf gegen die Kriminalität, die sich im 21.Jh. vermehrt auf Fälschungen von Geld und Dokumenten ausdehnte. Während im 20. Jh. die Maffia mit illegalem Handel unerhörte Geldsummen einnahm, wurde im 21.Jh das Fälschen sehr viel einfacher. Der Staat versuchte, Geld und Dokumente fälschungssicher auszugeben, aber die Technik des Kopierens wurde immer vollkommener und als die Gugronen entdeckt wurden, gab es gar keine Möglichkeit mehr, die originalgetreue Nachahmung zu verhindern. Es ließ sich einfach alles aus Gugronen zusammensetzen und die Nachahmung war in keiner Weise vom Original zu unterscheiden. Was zunächst Wissenschaftler erdacht hatten, um Sicherheitskopien von wertvollen und einmaligen Gegenständen herzustellen, um noch ein zweites Original zu haben, konnte bald in immer besserer und vollkommenerer Form von jedermann erworben werden. Damit war es möglich, nicht nur jedes Dokument, sondern überhaupt jeden Gegenstand originalgetreu zu fälschen. Die Ausgabe von Geld oder Ausweisen war sinnlos geworden.
Doch auch die Wissenschaft und Technik entwickelten sich immer weiter, vor allem die Mikrochiptechnik. Ständig leistungsfähiger und kleiner wurden die Chips gebaut. War einige Jahrzehnte früher noch ein recht großer Apparat notwendig um die Computertechnik anzuwenden, genügte bald ein einziger Chip um nicht nur dieselbe, sondern die vielfache Leistung zu erreichen. Die früher recht aufwendigen und großen Speicher schrumpften durch Anwendung der Picotechnik auf mikroskopisch kleine Bauteile zusammen, die natürlich in die Chips eingefügt sind. Endlich gelang auch die fehlerfreie Gewinnung von elektrischer Energie aus Gugronen. Damit wurden die Chipse noch kleiner und leistungsfähiger.
Schließlich konnte man auf die elektrischen Impulse völlig verzichten und benutzte nur noch Gugronen. Als unterste Grenze für fehlerfreie Funktion wurde die Attotechnik(@10) entwickelt und man fand damit dann endlich auch einen Weg, um die Kriminalität für immer zu besiegen.
Damals entwickelte eine Forschercrew einen Chip, der seitdem gleich bei der Geburt in einen Nervenknoten hinter dem Ohr aller Menschen eingepflanzt und dort vom Körper angenommen wird. Man nennt ihn, wie eine ganze Serie gleich bei der Geburt eingesetzter Chips für alle möglichen anderen Funktionen, "körpereigener Chip"(@11). Dieser reagiert mit dem Gehirn und kommuniziert mit einem eigens entwickelten Hauptkyrob in Australien bzw. seiner Nebenstellen, welche als Netz die gesamte Erde überziehen. Aber der Effekt ist, daß nun der Hauptkyrob sämtliche, auch sogar die geheimen Daten von der betreffenden Person besitzt.
Und dieser kleine Chip kann nicht verändert, kopiert oder auch nachgeahmt werden, da zu seiner Funktion die speziellen und einmaligen Persönlichkeitsmerkmale des Trägers gehören. Beim Auswechseln muß ein Chip gleicher Funktion verwendet werden, sonst gibt der Hauptkyrob sofort Alarm. Aber wenn ein baugleicher Chip verwendet wird, reagiert er mit den persönlichen Merkmalen ebenso wie der alte. Wenn hier also eine Fälschung stattfinden sollte, war die ganze Prozedur sinnlos.
Wie man sich denken kann, hat es natürlich auch hier nicht an Fälschungsversuchen gemangelt. Aber der Hauptkyrob hatte doch auch von den Fälschern immer die Daten und konnte stets alle Versuche von Betrug und Täuschung vereiteln, überhaupt jede Art von Kriminalität oder wie es im modernen Sprachgebrauch der Gesetze heißt, von "inhumanem Verhalten" wirksam verhindern.
Selbstverständlich gab es am Anfang dieser Entwicklung äußerst hitzige Debatten mit viel Für und Wider, aber man hatte ja gar keine andere Alternative zu den sich immer scheller verbreitenden kriminellen Kopien und Fälschungen. Letztendlich siegte doch noch die Vernunft und als es bald keine Verbrechen mehr gab, war auch die Diskussion um den Überwachungschip erstickt. Die Kriminalität hatte sich ihr eigenes Grab geschaufelt und die Menschen waren überrascht, wie schnell sich danach der Wohlstand auf der gesamten Erde ausbreiten konnte.
Seitdem dient der Ü-Chip vor allem der Sicherheit seines Trägers, weil er bei Gefahr sofort Hilfe herbeirufen und den genauen Standort angeben konnte.
Auf alle Fälle hatte sich die Meinung der Menschen zu Reichtum und Geld völlig gewandelt. Anstelle von Geld, das leicht zu fälschen ist, gab es ohnehin nur noch Leistungspunkte, die von Hauptkyrob registriert und auf keine Art manipuliert werden konnten. Aber jeder Mensch, der seine Arbeit gewissenhaft erledigte, bekam dafür mehr Punkte als er in der Regel benötigte. Dabei spielte der Beruf überhaupt keine Rolle mehr. Durch die körpereigenen Chipse hatten alle Menschen ohnehin das gleiche Wissen und konnten sich ohne Ausbildung für jeden Beruf entscheiden. Nur die im Laufe der Zeit gesammelten Erfahrungen konnten nicht schon gleich bei der Geburt vermittelt werden. Auf die Vergabe von Leistungepunkten hatte das aber keinen Einfluß, sie belohnten die Leistung und wurden ausreichend vergeben. Natürlich gab es auch hier Ausnahmen. Einige Abenteurer führten ein sehr ausschweifendes Leben ohne genügend zu leisten, aber das blieben glücklicherweise Einzelfälle.
Die Menschen waren stolz auf Kunstgegenstände oder wertvolle Erbstücke, die zum Schmuck der Wohnung verwendet wurden. Als Besitz, der Ruhm und Ehre brachte, sah das aber niemand an. Man fand solche Dinge eben ganz einfach gut und gemütlich.
Stani hatte bisher nur einige von anderen Sternen mitgebrachte Souveniers in seiner Wohnung, sowie mehrere Urkunden für Siege bei Sportwettkämpfen. Nun kam der Inkagötze dazu und darauf war er stolz. Trotzdem gab er ihn sofort wieder zurück und bestellte sich dafür eine Kopie. Was sollte ein Raumfahrer auch mit einem solchen Wertgegenstand anfangen, der doch nur die meiste Zeit in einer leeren Wohnung vergammelt.
Die Kopie wurde von einer zugelassenen Kopieranstalt hergestellt und mit ordnungsgemäßen Papieren geliefert. Ein Stempeleindruck und ein winziger Chip ermöglichten, daß die Kopie jederzeit mit Sicherheit vom Original unterschieden werden konnte.
Auch das Original erhielt einen Chip, eigentlich einen kompletten Kyrob, eingesetzt. Sobald er entfernt oder eine weitere Kopie angefertigt wird, gibt er Alarm. Er reagiert auf jede Art von Gugronenbestrahlung und sein Alarmsystem kann auch nicht durch irgendwelche Umhüllungen oder Faradaysche Käfige unterdrückt werden.
Natürlich stellt das noch keine völlig zuverlässige Sicherung dar, aber es ist in den letzten Jahrhunderten, seit diese Methode überall auf der Erde verwendet wird, nicht ein einziger Fall von Raubkopie mehr vorgekommen, oder zumindest nicht bekanntgeworden.
Stani und Antolin beantworteten den im riesigen Tagungssaal versammelten Mitgliedern des wissenschaftlichen Rates inzwischen gewissenhaft alle Fragen, die ihnen gestellt wurden.
Einige ganz Schlaue wollten sogar schon die Theorie aufstellen, daß die Spanier bei der Eroberung des Sonnenreiches den See mit geraubten Schätzen auf Booten überquert haben und bei einem Unfall gekentert sind. Aber Stani beteuerte immer wieder, daß in der Nähe der Fundstelle im See kein Wrack zu entdecken ist. Trotzdem gaben die Verfechter dieser logischen Hypothese noch lange nicht auf.
Da derartige Vermutungen aber zu keinem Ergebnis führen konnten, wurde erst einmal beschlossen, auf eine allgemeine Bekanntgabe des Vorfalles zu verzichten. Man fürchtete, daß allzuviele Schaulustige und Hobbyforscher aus aller Welt sonst am Titicacasee erscheinen.
Nach einer ziemlich heftig geführten Debatte über die Art der Boote, die die Spanier benutzt haben könnten, setzte man dann eine wissenschaftliche Untersuchungskommission ein, der auch Stani und Antolin angehörten und flog zum Fundort, ohne großes Aufsehen zu erregen.
In Windeseile hatten die eifrigen Kyrobs am Strand von Tiagunako ein Lager erreichtet, das als Hauptquartier für die Forschungen benötigt wurde.
Nachdem sich alle Teilnehmer in ihren Quartieren eingerichtet hatten, begann die eigentliche Arbeit. Zunächst mußte Stani als Gravitroniker eine große Anzahl von Suchkyrobs in den See setzen. Sie sollten den gesamten Boden des Gewässers aufzeichnen und alle Einzelheiten genau kartographieren.
Schon bald stand fest, daß sehr, sehr viele goldene Gegenstände scheinbar wahllos verstreut überall am Boden des riesigen See's herumlagen. Selbst die superschlauen Ratsmitglieder gaben bei dieser Menge und Streuung ihre Theorie mit dem Bootsunfall auf. Der See war ja an seinen tiefsten Stellen nur 130m tief, und da hätten die gierigen Spanier schon einen Weg gefunden, um wieder an ihr vieles geraubtes Gold heranzukommen.
Die Kommission entschloß sich nun, einige der Fundstellen genauer zu untersuchen, ob eventuell aus der Lage zu erkennen sei, daß die Figuren einst aufgestellt wurden. In Skaphandern tauchten die Teilnehmer in den See und besahen sich einige Fundstellen so genau, als ob von ihnen unbekannte Gefahren ausgehen würden. Jeder war Experte auf seinem Gebiet und stellte seine Forschungen an. Alter, Lage, Entfernungen voneinander, mathematische Berechnungen von Figuren, die sich aus den Lagepunkten ergeben, sogar der Untergrund und vieles mehr wurde geprüft. Heraus kam nur, daß die Figuren nicht zum gleichen Zeitpunkt, sondern mit Sicherheit über sehr lange Zeiträume dort hineingelangt sind.
Auch kam man eindeutig zu dem Schluß, daß die Gegenstände nicht aufgestellt, sondern auf den Boden gefallen sein müssen, also einmal ins Wasser geworfen wurden. Seltsam war dabei nur, daß sie nicht an einer einzigen Stelle, sondern überall im See verstreut lagen.
Selbst die Art der Figuren gab zu allerlei Überlegungen und Disputen Stoff genug, denn es waren sehr unterschiedliche Gegenstände: Götter, Kultfiguren, Sonnen, Schmuck usw. Jedes einzelne Stück wurde sorgfältig aufgenommen und verpackt, die Fundstelle genau markiert. Das besorgten die Kyrobs und die Kommission konnte erste Gedanken austauschen.
Der Schlüssel zu diesem Geheimnis war in der Kultur der Inkas zu suchen, darüber war man sich einig. Niemand hatte jetzt Lust, sich durch kühne Behauptungen zu blamieren, denn allzu deutlich stand einigen von ihnen noch ihre Schlappe mit der Bootstheorie vor Augen. Eine Antwort aber mußte es trotzdem geben, wenn auch eine ungewöhnliche, das war allen klar.
Die Spezialistin auf diesem Gebiet war Virola, eine große, schlanke Frau von 69 Jahren und der einzige weibliche Teilnehmer der Expedition.
Sie blickte eine Weile schweigend von einem zum anderen und sagte dann leise:
"Es ist fast unglaublich und ich wage es kaum auszusprechen, was mir jetzt durch den Kopf geht. Als das große Inkareich von den Spaniern zerstört wurde, kam ein Gerücht auf, wonach die Inkakönige jedes Jahr eine wertvolle goldene Figur in dem heiligen See El Dorado versenkt haben. Sie unternahmen dazu auf einem prächtig geschmückten Schiff eine mehrtägige Fahrt über den See. Angeblich hat Quetzalkoatl selbst den ersten goldenen Gegenstand dort hineingeworfen.
Die Inkas wurden von den Spaniern gefoltert und getötet, doch sie verrieten das Geheimnis des Sees niemals.
Man hat viele Jahrhunderte lang diesen geheimnisvollen See El Dorado gesucht, aber nie gefunden. Er wurde stets in Äquatornähe, etwa in den Gebieten von Kolumbien und Ekuador gesucht. Dort gibt es auch keinen einzigen See, in dem nicht mindestens ein Goldsucher ertrunken ist. Aber das Inkareich hatte eine viel größere Ausdehnung. Warum sollte nicht der Titicacasee der gesuchte heilige See sein? Hier steht ja auch das Sonnentor und der Kalender darauf ist nicht von der Erde. Er kann also nur von Quetzalkoatl selbst stammen. Und damit mußte dieser Ort für die Inkas ihr allergrößtes Heiligtum sein. Wenn das aber stimmt, haben wir hier ein Rätsel gelöst, das bisher als ewiges Rätsel angesehen wurde".
Die Ausbeute war überraschend groß, man fand eine riesige Anzahl goldener Gegenstände wahllos verstreut auf dem Grunde des Sees, deren Auswertung wiederum die Kyrobs, aber nun in Australien, übernahmen. Alle Figuren wurden gewogen, gemessen, beschrieben, nach dem ehemaligen Verwendungszweck sortiert und für die Archive abgebildet.
Die Kyrobs, eine Abkürzung für "Kybernetischer Roboter" waren unentbehrliche Helfer des Menschen und niemand konnte sich ein Leben ohne sie vorstellen. Es gab sie in allen Größen und für alle Zwecke. Gemeinsames Merkmal war die Fähigkeit, selbst logisch zu denken und Entscheidungen zu fällen. Die Gravitronik, das Gehirn, war winzig klein. Hatte man vor Jahrhunderten mit Mikroelektronik angefangen, so war die Hyper-Attotechnik der Kyrobs einige Billionen Mal leistungsfähiger(@12). Das war die unterste Grenze überhaupt für kontrollierbare Schaltvorgänge.
Jetzt gab Virola auch für die allgegenwärtigen Reporterkyrobs eine Pressekonferenz und informierte die Bevölkerung sowohl über den Goldfund als auch über die bisherigen Vermutungen.
Natürlich ging die Nachricht vom Gold im Titicacasee wie ein Lauffeuer um die Welt. Die Menschen waren längst daran gewöhnt, daß das Kosmoszentrum mit neuen Sensationen aus dem All aufwartet. Aber daß ausgerechnet ein Raumfahrer in seinem Urlaub auf der Erde ein ewiges Rätsel löst, darüber waren sie nun nicht nur erstaunt, sondern wohl auch ein wenig beschämt.
Als ein unangenehmes Ergebnis dieses Vorfalles war jetzt mit Sicherheit zu erwarten, daß es in Zukunft viele unternehmungslustige "Helden" geben würde, die mit Gugronengeräten alle möglichen Gewässer durchschreiten. Um größere Unfälle von vornherein auszuschließen, wurden die Üsats (@13) neu programmiert.
Diese Überwachungssatelliten konnte man früher nur über dem Äquator in großer Höhe stationieren, aber seitdem man die Gravitationskraft steuern konnte, ließen sie sich in jeder beliebigen Höhe an jedem Ort anbringen. Seitdem gibt es ein dichtes Netz kleiner aber leistungsfähiger Üsats. Sie nehmen Reize aller Art auf, ob akustisch, optisch, irgendwelche Strahlungen oder auch Veränderungen in der Natur, ist einerlei. Übrigens erkennen sie auch aus dem All auf die Erde zukommende Gefahren. Sie wurden nun daraufhin informiert, auf die "Löcher" in Gewässern zu achten, die beim Durchqueren mit dem Gugronengerät von oben zu sehen sind.
Beim Erkennen eines solchen Loches wird dann sofort die nächstgelegene Rettungskyrobstation informiert. (@14)
Es gehört bei diesen automatischen Stationen zum routinemäßigen Auftrag, die Menschen in ihren Vorhaben nicht zu stören. Aber sie sind so angelegt worden, daß sie bei Notsituationen gleich zur Stelle sein können. In der Regel gibt es an jedem Gewässer, an jedem Berg oder an sonstigen Gefahrenstellen einige mit speziellen mobilen Rettungskyrobs versehene Stationen. Sie werden von den Üsats informiert oder von Hilferufen per Tele aktiviert und sind blitzschnell am Unfallort.
Im Forschungszentrum diskutierte und stritt inzwischen jeder mit dem anderen über den Goldfund. Schon wieder wurden so viele verschiedene Vermutungen geäußert, wie Menschen im Saal waren. Aber zu einer festen Theorie darüber, wie das Gold in den See kam und ob der Titicacasee der heilige See El Dorado ist, ließ sich doch niemand mehr hinreißen, obwohl natürlich jeder von seiner eigenen Meinung fest überzeugt war.
Da leuchtete plötzlich eine gelbe Lampe auf und alle blickten sofort zur Videowand. Die Lampe war ein Signal, daß es bei der Auswertung des Goldfundes eine Störung gab, die nicht von den Kyrobs behoben werden konnte. Also wurden Virola und zwei weitere Spezialisten von den Kyrobs verständigt und waren wenig später zur Stelle.
Auf dem Tisch lag ein recht primitiv bearbeiteter goldener Quader von der Größe eines Schuhkartons. Darauf konnte man deutlich zwei Reihen Hieroglyphen erkennen, die einmal mit einem spitzen Gegenstand eingekratzt worden sind. Natürlich hatten die Kyrobs die Entschlüsselung bereits allein durchgeführt.
Es hieß etwa: "Andra grüßt die Menschen der Erde."
Überrascht starrten Virola und die anderen Wissenschaftler auf den Kasten. War es jener wertvolle goldene Gegenstand, den Quetzalkoatl einst in den See geworfen hat? Und noch etwas hatten die Kyrobs herausgefunden: der Kasten war innen hohl, hatte nur eine relativ dünne Goldwand, gerade mal so dick, daß er ein wenig schwerer als Wasser ist und nicht wegschwimmen konnte.
Jetzt drängte der gesamte wissenschaftliche Rat in den kleinen Raum, denn jeder wollte den Kasten mit eigenen Augen sehen. Es gab ein ziemliches Durcheinander.
Kein Zweifel, Quetzalkoatl selbst hatte eine Nachricht für spätere Generationen der Menschheit an der tiefsten Stelle des heiligen Sees El Dorado versenkt. Wahrscheinlich hatte ihn die Anfertigung des Kastens mit der primitiven Technik der frühen Inkas große Mühe gekostet. Und als die Inkas sahen, daß er das Ergebnis all dieser Anstrengung in den See warf, glaubten sie, es ihm gleichtun zu müssen. Sie versenkten jährlich eine mit besonderer Sorgfalt angefertigte Figur im See. Kein Wunder also, daß der See den Inkas so heilig war, daß sie lieber grausamste Folterungen und auch den Tod ertrugen, als sein Geheimnis zu verraten.
Der Kasten enthielt ein Gerät, dessen Funktion vorerst unklar war und eine dünne Folie, auf der mit violettem Stift Zeichnungen oder Skizzen aufgetragen waren. Sie zeigten das Gerät oder Teile davon mehrmals untereinander und erwiesen sich als Gebrauchsanweisung, die durch Hieroglyphenschrift erläutert wurde.
Es stellte sich heraus, daß ein kleiner Zylinder an der Seite eine elektrische Batterie war, die durch Knopfdruck aktiviert werden konnte. Ihre Energie bezog sie wohl aus Kernumwandlungsprozessen. Dieses Prinzip war zwar auf der Erde auch bekannt, aber es wurde längst nicht mehr angewendet.
Seltsam, überlegte Stani, da kommen sie von werweißwoher und kennen nicht einmal die Gugronentheorie! Wir können damit Energie in jeder gewünschten Form erzeugen und das Prinzip ist viel leichter zu handhaben...
Stani wurde geschoben, weil sich der Raum langsam leerte. Virola hatte das Gerät doch lieber mit einem Kyrob ins Gravitronikzentrum zur Untersuchung geschickt.
"Mensch Stani, gut daß ich dich endlich treffe, ich nehme meine Bemerkung vom Drecksammler reuevoll zurück. Du bist für mich der Größte." Rigana setzte sich zum Essen an Stanis Tisch.
"Nicht weiter schlimm, ich bin nicht nachtragend".
Nur gut, daß eigentlich jeder mit Stani am Tisch sitzen wollte. So konnte auch kein weiteres vertrauliches Gespräch zwischen ihm und Rigana aufkommen.
Der riesige Hauptsaal des wissenschaftliche Rates, in dem sonst vor allem die jährlichen Hauptversammlungen der konsularischen Vertreter aus allen Kontinenten durchgeführt wurden, war brechend voll. Für 16.00 Uhr hatte der Rat eine erste informative Auswertung der Botschaft Queltzalkoatls angekündigt.
Zu Beginn erklärte Virola, daß das fremde, geheinmisvolle Instrument ein Speichergerät für elektromagnetische Wellen darstellt und vom Gravitronikzentrum eine Schaltung zur Wiedergabe der aufgezeichneten Nachricht auf normalen Videowänden entwickelt wurde.
Sie mußte dieses Mal nicht extra um Ruhe bitten, denn alles hielt gespannt den Atem an. Und plötzlich erschien an der vorderen Wand des Saales ein Mann, oder wenigstens ein menschenähnliches Wesen.
Er war über zwei Meter groß und hatte einen gewaltigen, langen, leicht schräg nach hinten laufenden Kopf, der sich nach oben zu etwas verjüngte. Der ganze Schädel wirkte kantig und hart. Eine übergroße Nase sprang weit aus dem Gesicht hervor. Die mächtigen Augenbrauen liefen nicht gerade, sondern senkten sich nach innen zu leicht ab, ließen aber den Blick auf ziemlich eng stehende und in tiefen Höhlen liegende Augen mit seltsam unbeweglichem und starrem Ausdruck zu. Die Stirn erschien sehr lang und durch das schräge Gesicht stark fliehend. Sein Haar bestand aus dicken Borsten und wuchs senkrecht nach oben, auch war es auf dem Kopf waagerecht abgeschnitten, so daß sich der kantige Eindruck noch verstärkte. Das lange Kinn sprang scharf nach vorn hervor und stellte den am weitesten vorgezogenen Teil des gesamten Körpers dar. Einen Mund konnte man unter der großen Nase nicht erkennen. Übrigens sah es ganz so aus, als sei der gewaltige Kopf weit zurückgebeugt, aber die Form der Nase und die geradeaus, sogar etwas nach unten blickenden Augen ließen erkennen, daß dies die natürliche Kopfhaltung sein mußte. Der gesamte Schädel war fast so lang wie der Rumpf und die Beine zusammen.
Bekleidet hatte sich die seltsame Gestalt mit einem eng anliegenden weißglänzenden Anzug. Jetzt drehte sie sich voll in den Saal und man konnte erkennen, daß auch am Körper alles kantig erschien. Die Schultern waren schmal und nur wenig breiter als das gewaltige Haupt, die Arme wirkten kurz, aber sehr kräftig. Auch die muskulösen, stämmigen Beine sahen kurz und gedrungen aus. Seine großen Füße steckten in weißen bequemen Stiefeln von einer Form, wie man sie auf der Erde nicht kannte. Die ganze Gestalt strahlte eine unendliche Ruhe aus, sodaß sie äußerst würdevoll und überlegen wirkte.
"Den hab ich schon mal irgendwo gesehen!" sagte jemand im Saal und alle Köpfe drehten sich herum. Stani bemerkte erstaunt, daß dieser Ruf von Chiroga kam. Auch Virola starrte gebannt auf die Wand und konnte einen verwunderten Ausruf nicht unterdrücken.
Aber da tat das Wesen an der Wand einen Schritt in den Saal hinein und öffnete den Mund zum Sprechen. Dieser Mund war riesengroß und ohne Lippen. Er wurde schräg nach unten geöffnet und es hatte den Anschein, als wirke er beim Essen wie ein gewaltiger Trichter, durch den die Speisen direkt in den Magen geschüttet werden können. Doch das kräftige und gesunde Gebiß bewies, daß das Wesen seine Nahrung wie ein Mensch zerkaut.
Einen Moment lang war die natürliche Stimme, ein gewaltig dröhnender und kratzender Baß zu hören, dann schaltete sich eine übersetzende Kyrobstimme ein.
Die natürliche Stimme klang hart und sprach in kurzen, abgehackten, wenig betonten Silben, aber darüber wunderte sich schon niemand mehr, denn sie paßte genau zu dem kantigen Aussehen des Mannes.
Alle lauschten jetzt gespannt der Übersetzung.
"Menschen der Erde! Hier spricht Quetzalkoatl vom Planeten Andra, der zum Sternensystem 34 in der dritten Spirale der Guatorena gehört. Ich bin Forschungsraumfahrer der 12. Gruppe und kam mit dem Forschungslaboratorium Andra 2/37/836. Der Start auf Andra erfolgte im Alljahr 15/9/3978 nach der Erdrechnung. Der Auftrag unserer Expedition war die Erforschung des Planeten XF 403 in dieser Galaxis, von dem wir Signale empfangen konnten."
Bei diesen Worten entstand spontaner Tumult im Saal, einige der Anwesenden waren dabei aufgesprungen und starrten ungläubig auf die Erscheinung, die noch immer ruhig sprechend an der gleichen Stelle stand.
"Hat er wirklich 'diese Galaxis' gesagt?" fragte jemand immer wieder.
Andere redeten aufgeregt miteinander, bis jemand kurz und scharf zischte. Als wieder Ruhe eingetreten war, fuhr der Kyrob fort:
"Wir lagen während des gesamten Fluges im Tiefschlaf und sollten ursprünglich erst kurz vor dem Zielplaneten geweckt werden. Die Koordinaten waren bekannt und die Geräte arbeiteten zuverlässig. Aber durch einen Fehler in den Schutzanlagen unseres Flugkörpers wurde bei einem Zusammenstoß mit einem Meteoriten das Steuerzentrum zerstört. Die Kyrobs weckten uns sofort und wir mußten unseren Flug noch fast am Rande dieser Galaxis unterbrechen. Auf der Suche nach einem geeigneten Planeten entdeckten wir die Erde, wo uns glücklicherweise eine sichere Landung gelang.
Der genaue Landeplatz liegt auf einer kleinen Insel im großen Wasser auf der südlichen Seite dieses Planeten. Wir hatten ein kleines Fluggerät im Raumschiff, mit dem ich zu einem Erkundungsflug startete. Nach zweimaliger Erdumkreisung waren wir nicht mehr weit von unserem Landeplatz entfernt, als plötzlich die Triebwerke versagten. Ich mußte den Flugkörper in großer Höhe verlassen und mit dem Rettungsgerät herabkommen. Der Flugkörper schlug auf der Erde auf und explodierte in einer gewaltigen Detonation.
Ich selbst landete mit dem Rettungsgerät inmitten einer Ansammlung völlig verstörter, aber intelligenter Bewohner dieses Planeten. Ihre Existenz hatten wir vorher nur vermutet, als wir nach unserer Landung auf der Insel erfreut und überrascht organisches Leben auf dem Planeten bemerkten.
Diese Inkas sind noch an der untersten Schwelle der Entwicklung. Sie sehen in mir einen Gott und ich konnte ihnen nicht klarmachen, wer ich in Wahrheit bin. Doch gelang es mir, bei ihnen wichtige Formen unserer Kultur einzuführen.
Mit Hilfe einiger Bruchstücke aus dem explodierten Flugkörper und mit meinem Signalgerät habe ich diese Nachricht für die späteren intelligenten Bewohner der Erde angefertigt.
Hier gibt es genügend Gold und ich werde sie in einem Gefäß daraus verwahren. Ich kann nur hoffen, daß es einmal in die richtigen Hände gerät, wenn die Inkas die passende Technik und das notwendige Wissen haben. Vielleicht kann dann die entsetzliche Havarie unserer Expedition der Anfang einer intergalaktischen Verbindung zwischen der Erde und Andra bedeuten und eine freundschaftliche Brücke über zwei Galaxien schlagen.
Ich werde mit meinem Signalgerät die Berge überschreiten und Hilferufe aussenden. Wenn ich Glück habe, hört mich meine Besatzung. Dann findet sie auch einen Weg, mich hier abzuholen. Hoffentlich ist ihnen die Ausbesserung des Raumschiffes inzwischen gelungen. Auf der Innenseite des Goldkastens bringe ich eine Skizze an, die das Auffinden meines Heimatplaneten Andra ermöglicht. Unseren Landeplatz auf der Erde haben wir Rapanui genannt. Ich muß ihn und meine Besatzung unter allen Umständen bald wieder erreichen".
Quetzalkoatl richtete sich weit auf und seine Haltung wirkte noch würdevoller. Dann erlosch das Bild an der Wand langsam und man hatte dabei den Eindruck, daß dies ebenso majestätisch aussah wie das Wesen, welches eben noch gesprochen hat.
Im Saal setzte sofort allgemeines Gemurmel ein und die Mitglieder der Spezialistengruppe, zu denen auch Stani und Antolin gehörten, zogen sich in ein kleines Konferenzzimmer hinter dem Saal zurück.
Doch noch ehe jemand etwas sagen konnte, ging die Tür auf und Chiroga kam herein. Bei ihrem Eintritt verstummte schlagartig alles Gemurmel, weil jeder ihren Ausruf gehört hatte und nun natürlich gespannt daraf wartete, was sie eigentlich wußte.
Sie warf einen scheuen Blick auf Stani, der wieder einmal verlegen wurde und wandte sich dann an Virola:
"Ich glaube zu wissen, wo der Landeplatz der Andraten gewesen ist. Das Aussehen dieses Quetzalkoatl..."
Weiter kam sie nicht, denn Virola ergriff freundlich ihre Hand und sagte:
"Ja, Chiroga, ich kenne sie ebenfalls, die großen Steinfiguren auf der Osterinsel. Und ich kann dir auch sagen, daß die ehemaligen Polynesier ihre Insel Rapanui genannt hatten."
Sofort begannen alle heftig zu reden und Kontila schaffte erst durch Erheben der Hände Ruhe. Nach Überlieferungen der Inkas hatte Quetzalkoatl das Inkareich auf einem großen Schiff verlassen. Wo es herkam, ist wohl jetzt klargeworden. Aber wo war es geblieben? Auf der Osterinsel ist bisher noch niemals etwas besonderes gefunden worden, außer den Ahus, den steinernen Zeugen einer ehemals hochentwickelten Kultur. Diese Figuren, die fabrikmäßig aus dem Stein gehauen wurden, sehen dem eben an der Saalwand verloschenen Bild von Quetzalkoatl sehr ähnlich und es gibt viele verschiedene Gesichter unter ihnen. Aber das waren leider schon wieder alle Informationen, die darüber zu bekommen waren. Es war eigentlich klar, daß alle Anwesenden ihre Speicherchips durchforschten und nach Informationen suchten, doch kam dabei eben nicht mehr heraus.
"Wann war denn dieses ominöse Alljahr, von dem er gesprochen hat? Wir schreiben jetzt 3873 nach der Zeitenwende und er sprach auch von einem dreitausender Jahr", wollte Megira wissen.
"Das war etwa vor 2,4 Millionen Jahren", erhielt er zur Antwort, "der Inkakalender mit den von Quetzalkoatl verwendeten Jahreszahlen ist leider verlorengegangen. So können wir nur durch Nachrechnen der angegebenen Daten den etwaigen Startzeitpunkt auf Andra vermuten", antwortete Jurak, der Mathematiker, nach Befragen seiner Chips.
"Also müssen sie länger als 2,3 Millionen Jahre bis hierher unterwegs gewesen sein?"
"Bisher können wir nichts anderes beweisen".
Da sich das Einsetzen der körpereigenen Chips zur Überwachung so gut bewährt hatte, hat man diese Methode ausgebaut und ein ganzes System davon entwickelt. Diese Speicherchips werden gleich bei der Geburt eines Kindes zusammen mit den anderen Chips transplantiert und enthalten alles an Fakten und Wissen, was früher in einer Unmenge von Büchern gedruckt wurde.
Im Laufe der Zeit hat sich das System immer weiter vervollkommnet, sodaß das Gehirn mit diesen Speichern unabhängig vom Willen arbeiten konnte. Es war damit frei für andere Probleme, weil ein Lernen von Fakten nicht mehr notwendig war.
Die anderen Chips dienten zur Bestimmung der Zeit, der Temperatur, kurz, der Vervollkommnung aller Sinnesorgane sowie der genauen Überwachung und Steuerung des eigenen Körpers. Wichtig war auch die Telekommunikation, kurz Tele genannt. Mit diesem Chip konnten elektromagnetische Wellen erzeugt und empfangen werden. Durch die Mehrfachmodulation war es möglich, jedem Menschen seinen eigenen Kanal zuzuordnen. Auf diesem Kanal war über beliebige Entfernungen eine Kommunikation möglich, die freilich von jedem, der Interesse daran hatte, mitverfolgt werden konnte.
Aber diesmal versagten alle Chips und das ganze bisherige Wissen. Es hatte ja auch noch niemand je versucht, den Wahrheitsgehalt des Glaubens der Inkas einmal gründlich zu überprüfen. Der war in Vergessenheit geraten und nur in den wenig benutzten Adressen der Speicherchips erwähnt. Vielleicht war es der reine Zufall, der Stani in seiner Kindheit auf dieses Thema brachte, aber nun wurden plötzlich und überraschend Fragen zu Details laut, auf die es noch keine Antwort gab.
Man kam übereinstimmend zu der Ansicht, daß das Raumschiff einige Jahre auf der Osterinsel gelegen haben muß, während Quetzalkoatl zur gleichen Zeit bei den Inkas weilte. Es scheint ihm dann gelungen zu sein, Verbindung zur Osterinsel aufzunehmen und von dort wurde die Rettung organisiert.
Da auf der Osterinsel bisher auch keinerlei Anzeichen dieser Episode gefunden wurden, ist das Raumschiff sicherlich wieder repariert und zum Rückflug gestartet worden.
Mit diesen Überlegungen erschöpfte sich das Thema und man beschloß, die Debatte nach Bekanntwerden der Auswertung von Quetzalkoatls Botschaft weiterzuführen. Es war ganz klar herausgekommen, daß das Raumschiff in einer anderen Galaxis gestartet und zur Milchstraße geflogen ist, was selbst die kühnsten Erwartungen aller Optimisten übertraf.
4. Kapitel - Liebe ohne Zukunft
Natürlich wurde alles, was mit dem Goldfund in Zusammenhang stand, auf der ganzen Erde begierig verfolgt. Auch die Versammlung mit dem Auftritt Quetzalkoatls und die anschließende Debatte haben die allgegenwärtigen Reporter sofort global übertragen.
Das hatte auch seine Vorteile, denn bei anderen Problemen, die nicht ganz so aufmerksam verfolgt wurden, mußte sonst immer eine Erklärung des Rates abgegeben werden. Dieses Mal gab es wohl niemand, der einer solchen Begründung noch bedurfte. Die Botschaft aus einer anderen Galaxis bewegte alle Menschen.
Niemand zweifelte übrigens daran, daß in der allernächsten Zeit eine wissenschaftliche Expedition dorthin ausgerüstet wird, und für alle Eingeweihten standen auch die ersten beiden Teilnehmer bereits fest: Stani und Antolin!
Chiroga hatte sich während der Konferenz an die Seite gesetzt und der Diskussion nur mit halbem Ohr zugehört. Sie blickte zumeist in Stanis Richtung und auch der folgte den Geschehnissen nicht so aufmerksam, wie das eigentlich zu erwarten war. Er bemerkte Chirogas Blicke und sah manchmal verstohlen zu ihr hin. Im allgemeinen Aufbruchsgetümmel drängelte er sich absichtlich ein wenig zur Seite und kam so schließlich neben Chiroga, die einfach stehengeblieben war.
Natürlich drehte sie ihm mutwillig den Rücken zu und betrachtete scheinbar interessiert ein Raumbild von einem Saturnmondgebirge an der Wand.
"Dort bin ich vor zwei Monaten noch gewesen, wir haben eine Forschungsstation auf diesem Gipfel errichtet." Stani zeigte auf den höchsten Berg des Bildes und es sah aus, als ob sein Arm über dem Tal im Vordergrund hing und der Finger auf dem Gipfel des höchsten Berges lag.
Chiroga tat, als ob sie ihn erst jetzt bemerkte:
"Ach Stani, du bist es, ich sehe mir gerade das Bild an."
"Und ich habe gehofft du sagst, daß du auf mich wartest."
Sie wurde verlegen und sah zu ihm auf: "Möchtest du denn, daß ich auf dich warte?"
Da sah ihr Stani ganz fest in die Augen und antwortete:
"Sag mir lieber gleich, wenn da schon jemand ist, aber trotzdem wirst du mich so schnell nicht wieder los".
Lächelnd entgegnete sie:
"Nein Stani, da ist niemand, aber ihr Raumfahrer habt so ein Tempo drauf, das bin ich gar nicht gewohnt."
"Dafür bin ich an große Geschwindigkeiten gewöhnt, da gleicht sich das zwischen uns schon wieder aus", scherzte er.
In Wahrheit war er aber eher etwas schüchtern und unbeholfen, wenn ihm solch ein hübsches Mädchen gegenüberstand.
Zu seiner eigenen Verwunderung kam aber doch ein Gespräch mit Chiroga zustande. Doch weil es durch die ganzen Ereignisse schon recht spät geworden war, verabredeten sie sich für den nächsten Tag.
Stani schlug vor, daß sie gemeinsam einige Veranstaltungen im Kosmoszentrum besuchen und dann einen Ausflug in den australischen Nationalpark machen. Dieser Gedanke, einen ganzen Tag gemeinsam zu verbringen, war für beide gleich aufregend. Sie freuten sich so sehr darauf, daß sie den kommenden Tag kaum erwarten konnten.
Da sich inzwischen auch der Saal geleert hatte, ergriff Stani ganz einfach die Hand des Mädchens. Einen Augenblick sah er ihr fest in die Augen, dann verließen sie gemeinsam das Gebäude.
Chiroga wußte selbst nicht, was mit ihr geschah, denn bisher hatte sie Stani eigentlich nur von weitem gesehen. Doch es erschien ihr, als ob sie schon seit ewigen Zeiten zusammengehörten und sie fühlte sich bei ihm so sicher, geborgen und glücklich wie noch niemals zuvor in ihrem Leben.
Am nächsten Morgen erwachten denn beide auch in einem derart ungeduldigen Hochgefühl kommender Erwartungen, daß ihnen die allmorgendlichen Verrichtungen und das Frühstück kaum bewußt wurden.
Mit besonderer Sorgfalt wählte sogar Stani seine Kleidung für diesen Tag aus, in den er soviel neue Hoffnung und Bedeutung legte.
Als er dann um neun Uhr vor Chirogas schmuckem Häuschen landete und sein Mädchen aus der Tür heraustrat, erschien sie ihm wie ein besonders kostbares Kleinod, begehrenswert, wunderschön, vollkommen bis ins kleinste Detail.
Und auch Chiroga empfand ähnlich, als sie Stani gegenüberstand. Der stattliche, breitschultrige Mann mit dem wallenden goldblonden Haar und den blauen Augen, den kräftigen, muskulösen Armen, in denen sie sich so gern ausruhen würde, erinnerte sie an den Prinzen aus dem Märchenbuch ihrer Kindheit. Wie oft hatte sie damals davon geträumt, daß er und nur er sie rettet und befreit. Als dann Stani vor ihr stand, erlebte sie diese Träume noch einmal; aber sie wußte auch sofort, daß es dieses Mal kein Traum bleiben würde.
Stani trat langsam einen Schritt auf sie zu und griff nach ihren Händen.
"Chiroga", sagte er nur, denn weiter brachte er kein Wort heraus, weil ihm seine Kehle auf einmal wie zugeschnürt erschien.
Auch Chiroga sagte kein Wort. Sie lauschte dem Klang seiner Stimme und wünschte sich insgeheim, daß er immer weitersprechen möge, obwohl sie seine Gefühlsaufwallung ganz genau bemerkte. Erst später wurde ihr überhaupt bewußt, wie glücklich sie darüber war.
"Wenn wir weiter hier stehen bleiben, schlagen wir noch Wurzeln", brachte sie endlich mit Mühe hervor, sodaß beide leise und erlöst lachen mußten.
Damit war der Bann gebrochen und die Träume der letzten Nacht, die bei Chiroga wohl ähnlich wie bei Stani gewesen sein mögen, konnten Wirklichkeit werden. Stani faßte behutsam nach ihrer Hand und legte sie für einen Augenblick zwischen seine gewaltigen Pranken. Dabei sahen sie sich ganz fest in die Augen, aber für weitere Zärtlichkeiten war hier wohl nicht der geeignete Platz, denn schon blickten neugierige Nachbarn auf das anmutige Paar.
So zog er sie einfach mit sich fort zu seinem Gravistaten. Schnell wischte er noch mit der Hand über den ohnehin blitzsauberen Sitz, bevor er Chiroga beim Einsteigen behilflich war.
Als das Gefährt wenig später im Kosmoszentrum aufsetzte, plauderten sie bereits so vertraut miteinander, als ob sie sich schon seit ihrer Kindheit kennen würden.
Vor allem hatten sie auch sehr schnell festgestellt, daß beide ihre Freizeit gern in der Natur mit Wandern und Tierstudien verbrachten. Es ist doch klar, daß Stani nicht so viel von der Erde wußte wie Chiroga, weil er die meiste Zeit seines Lebens im Raum verbracht hatte.
Chiroga erzählte ihm begeistert von Europa, das er bisher überhaupt noch nicht kannte. Dafür konnte er von so manchem Planeten interessante Details über Leben oder auch Lebensformen berichten, die wohl noch nirgends sonst in dieser zwar nicht wissenschaftlichen, aber doch sehr interessanten Form bekanntgegeben wurden.
Das Kosmoszentrum ist ein riesiges, sehr ästhetisch angelegtes, aber ansonsten doch recht zweckbetontes Gelände. Am Ende des Zentralweges, fast genau in der Mitte des Parkes, liegt das gewaltige, zum größten Teil aus verspiegeltem Wärmeglas bestehende Hauptgebäude. Es beherrscht die gesamte Anlage wie ein gigantisches in der Sonne glitzerndes Monument, erhaben, zeitlos und für die Ewigkeit gemacht, aber großartig in seiner einfachen Schönheit und schlichten Eleganz.
Und um die Verspieltheit des riesigen Geländes noch weiter zu unterstreichen, gruppierten sich wie die Planeten um die Sonne rings um das Hauptgebäude eine Anzahl malerisch verstreuter Institutsgebäude, im Einzelnen unscheinbar, aber unverzichtbar in der Gesamtgestaltung.
Das verbindende Element dieser Komposition waren die Wege, die kreisförmig zu allen kleinen Stationen führten und tatsächlich den Eindruck eines Planetensystems entstehen ließen, wenn man es von oben betrachtete.
Aber von dort oben konnte man leider nicht erkennen, über wie viele kleine, romantische Brücken diese Wege führten, wie viele bunte Fischarten sich in dem kristallenen Wasser darunter tummelten.
Und über allem schwebte ein dichtes dunkelgrünes Dach in Gestalt herrlicher, bis zur Perfektion gepflegter Baumkronen, die wiederum einer reichhaltigen Tierwelt Schutz und Wohnraum boten.
Etwas abseits der großen Hauptwege, auf einem kaum benutzten Trampelpfad schlenderten Chiroga und Stani zu einer versteckten Parkbank, die am Ufer eines idyllischen Zierteiches stand und setzten sich dicht nebeneinander. Behutsam hatte Stani seinen Arm um ihre Schultern gelegt und Chiroga kuschelte sich wohlig ganz fest an seine rechte Seite.
Erregt spürte er den warmen, nervigen Körper, der ihn durch ihre gleichmäßigen Atemzüge rhythmisch mal mehr und mal weniger berührte, fühlte er die Berührung ihres langen, seidenweichen Haares auf seiner Hand und schloß sie nun ganz fest in beide Arme.
In einem unbeschreiblichem Wonnegefühl ließ sie es geschehen und hob den Kopf, um seine Augen zu sehen. Aber da spürte sie auch schon seine Lippen auf den ihren und gab sich ganz dem bisher zurückgehaltenen Verlangen nach seiner Zärtlichkeit hin. Stani erwiderte diese Gefühle in gleicher Weise und mit demselben Verlangen.
Zeit und Raum wurden für beide total unwichtig, es gab nur noch den anderen und seine Liebe. Erst Ewigkeiten später stand sie zum ersten Mal wieder auf, um ihre Hand in den Teich zu strecken und sich damit die erhitzte Stirn anzufeuchten.
"Chiroga", flüsterte er nur und streckte ihr seine Hand entgegen, "ich habe Dich gleich geliebt, als wir uns dort drüben in deinem Laboratorium zum ersten Mal gesehen haben."
"Das weiß ich doch und ich wußte auch sofort, daß wir uns nie wieder trennen werden."
Aber plötzlich fiel ihr ein, daß Stani ja ganz bestimmt an der bevorstehenden Expedition zu irgendeiner völlig überflüssigen, viele Millionen Lichtjahre entfernten Galaxis teilnehmen wird. Ein schmerzliches Gefühl der Leere und Hilflosigkeit überkam sie. Sollte alles bereits jetzt schon wieder zu Ende sein, noch bevor es überhaupt richtig begonnen hat?
"Chiroga, was hast du denn?", fragte er zärtlich, "du bist plötzlich völlig verändert."
Sie blickte ihm ganz fest in die Augen und merkte selbst die ängstliche Spannung bei der Frage:
"Fliegst du mit, wenn die Expedition startet?"
Stani starrte sie verblüfft an. Natürlich wußte er sofort, wie ihre Frage gemeint war.
"Das...das habe ich mir bis jetzt noch gar nicht überlegt. Es ist meine Arbeit, ich bin schließlich Raumfahrer", murmelte er.
Ihre Spannung löste sich etwas und machte dafür einem Gefühl der Traurigkeit und der Enttäuschung Platz. Sie wußte genau, daß keine Macht der Welt einen richtigen Raumfahrer auf der Erde hält, und je schwieriger und gefährlicher die Aufgaben sind, um so größere Anziehungskraft haben sie.
Sie dachte an die Seefahrer vergangener Jahrtausende, die es auch immer wieder aufs Meer hinauszog und zum ersten Mal wurde es ihr bewußt, daß sie sich zu Stani hingezogen fühlt, daß sie ihn nicht verlieren wollte, daß sie ihn nicht fortlassen durfte zu dieser total unsinnigen Expedition. Verzweifelte Hoffnung erfaßte sie, als sie sagte:
"Es muß kein Flug über mehrere Millionen Lichtjahre sein! Du wirst ganze Zeitalter hindurch im Tiefschlaf(@15) liegen und wenn du wirklich zurückkommst, sieht die Erde wie ein völlig fremder Planet aus. Du bist nur wenige Jahre älter als jetzt und wirst als fossiles Geschöpf angesehen, bestaunt, beschrieben. Für einen neuen Raumflug reichen dann deine Kenntnisse nicht mehr aus. So wirst du vom Wohlwollen einer dir völlig fremden Menschheit abhängig noch so lange dahinvegetieren, bis du alt bist und irgendwo einsam auf der Erde zugrundegehst."
Sie hatte sich in Eifer geredet und das Blut schoß ihr ins Gesicht. Aber sie wußte auch, daß es umsonst gewesen ist. Einen Raumfahrer kann man nicht von einem Flug zurückhalten. Stani sah, wie sich ihre Wangen vor Eifer röteten, wie sie dann aber den Kopf senkte und zur Seite sah.
Sie ist um mich besorgt, will mich nicht weglassen, war zunächst alles, was er denken konnte und diese Erkenntnis machte ihn unsagbar glücklich.
Das dichte, lange Haar verdeckte ihr Gesicht. Ein heißes Verlangen erfaßte ihn, Chiroga wieder in die Arme zu schließen und für immer festzuhalten. Schon hob er die Hand und wollte sie an sich ziehen, aber er ließ sie wieder sinken. Das war kein dummer, belangloser Streit, den man mit einem netten Kompliment wieder beseitigen kann, das war die Frage nach dem weiteren Sinn ihrer eben beginnenden Beziehung.
Wenn sie mich jetzt zurückstößt, ist alles für immer vorbei, dachte er.
"Und..und wenn ich nicht mitfliegen würde?" es kam etwas stockend und ohne rechte Überzeugung.
Chiroga ordnete mit einer eleganten Bewegung des Kopfes ihr Haar und sah ihm fest in die Augen. Stani fühlte wieder das Verlangen, sie an sich zu ziehen. In diesem Moment hätte er sogar auf seinen Beruf gänzlich verzichtet, wenn sie ihn darum gebeten haben würde.
Doch Chiroga ließ sich nicht beirren:
"Nein Stani, das kann nicht dein Ernst sein, wir wollen doch wenigstens ehrlich bleiben."
Die Nachmittagssonne brach sich in den leichten Wellen des hinter ihr liegenden Zierteiches und verwandelte ihn in ein funkelndes, blitzendes Lichtermeer. Das Ganze wurde von bunten Blumenrabatten umrankt und in der Mitte dieser Pracht stand das hübsche Mädchen. Sie trug ein kurzes Kleid aus sehr feinem Gewebe. Es war schulterfrei und eng, mit einem breiten roten Lackgürtel um die schmale Taille. In dem lockeren braunen Haar steckte eine rote Rose, die in der Farbe zum Gürtel paßte und um den Hals trug Chiroga eine mehrfach umgelegte Kette von erstaunlich schönen Perlen, in deren Mitte drei besonders große schwarze Exemplare matt schimmerten. An ihren Armen funkelten mehrere Armreifen im Glanz der Sonne, die mit bunten Edelsteinen besetzt waren und offenbar mit den kostbaren Ringen an ihren Händen zusammen eine Einheit bildeten. Der kurze Saum des Kleides ließ ihre langen, schlanken und ebenmäßigen, von der Sonne leicht gebräunten Beine besonders gut zur Geltung kommen. An den Füßen trug sie rote Stickies - leichte, enge Socken mit einer dünnen elastischen Sohle, natürlich ebenfalls in der Farbe des Gürtels. Im Gegensatz zu festen Schuhen ließen sie die Unebenheiten des Bodens durch und die Füße mußten sich dem anpassen. Es entsprach dem gesunden Barfußlaufen. Das dezente Make up war ganz auf die Kleidung abgestimmt und betonte geschickt die weichen Linien des schönen Gesichtes. Die unruhigen Sonnenstrahlen bildeten einen goldfunkelnden Kranz um ihr Haar, der es wie von einem Lichterschein umgeben lebendig erstrahlen ließ. Chiroga erschien ihm wie die zauberhafte Verkörperung des vollkommenen, ungetrübten Glückes.
Wieder streckte Stani die Hand aus und wieder ließ er sie sinken. Er fühlte selbst, daß er nicht nein sagen würde, wenn ihm vom Rat der Flug angetragen wird. Eine fremde Galaxis kennenlernen, das war ein Traum, an den kein Raumfahrer bisher zu denken wagte.
Zwar hatte man schon vor 500 Jahren ein Raumschiff zu einer Galaxis im Sternbild Löwe gestartet, von der man Signale empfing, die offenbar von vernunftbegabten Wesen stammten, aber es gab längst keinen Funkkontakt mehr. Die wenigen Erkennungssignale, die ab und zu die Erde erreichten gestatteten zwar noch immer die Berechnung der Flugbahn, da sie aber direkt zum Löwennebel führt, interessierte sich längst kein Mensch mehr dafür. Es sind bis dorthin viele Millionen Lichtjahre und ob die Expedition nun 10 Lichtjahre mehr oder weniger zurückgelegt hat, ist für niemand von Bedeutung.
Aber selbst zu einer derartigen Galaxis starten, Welten kennenlernen, die fast unerreichbar weit von den heimatlichen Sternen entfernt sind, sich wahrscheinlich sogar ähnlich der Erde entwickelt haben, das ist etwas anderes. Da kann einfach kein ernsthafter Raumfahrer widerstehen.
Schweigend gingen sie weiter und Chiroga sah den inneren Kampf in seinem Gesicht, wenn sie zu ihm aufblickte. Plötzlich blieb Stani ruckartig stehen. Er blickte sie an, flehend und voll Hoffnung:
"Chiroga, komm mit zur Andra, ich spreche mit Megira und wenn du willst, sogar mit Kontila. Dir würde ein solcher Flug bestimmt auch gefallen."
"Ich?", fragte sie überrascht, "ich bin doch gar kein Raumfahrer, was soll ich bei einer Expedition, ich bin doch Chemikerin. Bis meine Ausbildung beendet ist, seid ihr längst schon unterwegs. Nein, Stani, das ist keine gute Lösung!"
"Aber es gibt doch gar keine andere! Willst du wirklich nicht mitkommen? Ich wäre das glücklichste Wesen im ganzen All, du hast mir doch gerade noch gesagt, daß du mich brauchst. Willst du von mir immer wieder hören, daß ich dich brauche, daß ich dich liebe? Tausendmal ja, Chiroga, du mußt für immer bei mir bleiben. Aber ich habe auch einen Beruf, den ich nicht aufgeben kann. Was hält dich denn auf der Erde? Es wäre so schön, wenn wir für alle Ewigkeiten verbunden sein könnten".
"Nein", sagte Chiroga bestimmt, "wenn ich Raumfahrer werden wollte, hätte ich mich mit 14 Jahren entschieden. Jetzt bin ich 24 Jahre alt, da ist es zu spät."
Sie sah, wie sich sein Gesicht verfinsterte, wie alle Hoffnung und Spannung wich. Er senkte den Kopf, drehte sich um und ging ohne noch ein weiteres Wort zu sagen einfach fort. Sie wollte hinterher laufen aber sie wußte, das war ein Abschied für immer, eine gemeinsame Zukunft mit diesem Mann, der ihr ganzes Herz besaß, war nicht möglich. In ein paar Monaten, höchstens Jahren vielleicht würde Stani ein Raumschiff besteigen und endgültig für immer von der Erde fortfliegen.
Heiße Tränen traten ihr in die Augen.
Es war eine ausweglose Situation und trotzdem wollte sie bei Stani bleiben, wollte, daß er sie erneut in seine starken Arme nimmt und sie sich bei ihm wieder so geborgen fühlt wie heute auf der Bank am Teich. Sie konnte sich nicht vorstellen, daß sie diese Liebe, dieses Gefühl der Gemeinsamkeit und Sicherheit noch bei einem anderen Mann empfinden würde.
Im Schatten eines Baumes ließ sie sich verzweifelt nieder und grübelte. Die Wiese duftete nach Blumen und Gras, die Insekten summten geschäftig und über ihr sangen die Vögel im Baum fröhliche Lieder. Die Umgebung strahlte eine friedliche, versöhnliche Ruhe aus, die ihr jetzt wohltat und ganz langsam beruhigten sich ihre aufgewühlten Nerven, die friedvolle Ruhe der Natur ergriff auch von ihr Besitz. Plötzlich sah das alles gar nicht mehr so endgültig aus. Langsam und unmerklich überkam sie ein Gefühl des Glückes und der Entspannung.
Wie hatte Stani gleich noch gefragt, was hielt sie eigentlich auf der Erde? Ihren Beruf als Chemikerin konnte sie doch auch in einem Raumschiff ausüben. Das wäre endlich einmal ein Erlebnis für sie, und sie würde für alle Ewigkeit zu Stani gehören.
Wie viele Menschen auf der Erde mochte es geben, die alles darum geben würden, um an dem Flug zur Guatorena teilnehmen zu können. Sie, Chiroga, die kleine Chemikerin, hatte es in der Hand und mußte sich nur endlich entscheiden.
Aber kann sie denn die Erde so einfach verlassen, kann sie all das aufgeben, das ihr bisher lieb und teuer war? Ob es so etwas Wunderschönes irgendwo im Raum wirklich noch einmal gibt?
Und für viele Millionen Jahre wäre sie in ein winziges Raumschiff eingesperrt. Sie dachte an die endlosen Weiten Asiens, an die Wälder und Meere. Würde sie das nicht immer vermissen?
Na ja, ganz so schlimm wird es nun wohl doch nicht werden, dachte sie. Die Besatzung wird ja nur innerhalb des Sonnensystems das Raumschiff für wenige Wochen steuern, danach schläft sie. Und für mich werden diese Wochen ganz neue Erlebnisse bringen, ich werde endlich einmal all das erleben und sehen, was die Raumfahrer von jedem Raumflug berichten. Da sind die paar Wochen bestimmt viel zu kurz und ich muß schlafen.
Wenn ich aber wieder aufwache, bin ich schon bald auf Andra. Alle Experten sagen, daß es dort ähnlich wie auf der Erde sein soll und wenn das stimmt, ist es dort auch ebenso schön wie hier. Vor allem gibt es jede Menge Abenteuer und ungewöhnliche Erlebnisse und dafür kann ich für immer mit Stani zusammenbleiben.
Als sie aufwachte, erschien ihr die Auseinandersetzung mit Stani und die Trennung gar nicht mehr so endgültig. Sie mußte sich nur dazu entschließen, mit ihm in ein Raumschiff zu steigen.
Bei diesem Gedanken zuckte sie allerdings sofort zusammen. Nie zuvor in ihrem ganzen Leben hatte sie an so etwas auch nur gedacht, sie wollte immer auf der Erde leben und sonst nirgendwo.
Aber hier mußte sie sich nun entscheiden, was ihr mehr bedeutete, Stani oder die Erde.
Kann er sich denn nicht auch für sie entscheiden und die Raumfahrt aufgeben? Wenn er mich liebt, wird ihm das doch die Entscheidung erleichtern, dachte sie. Aber nein, er ist Raumfahrer und wollte nie etwas anderes sein, was sie da von ihm verlangt, ist die Aufgabe seines Berufes, seines Lebensinhaltes. Wenn sie verlangt, daß er das alles aufgeben soll, ist es auf alle Fälle mehr als egoistisch.
Wenn sie die Erde aufgibt, wer sagt ihr denn, daß sie nicht irgendwann einmal gesund zurückkommt und dann vielleicht nur wenige Jahrzehnte älter ist? Oder daß es auf Andra nicht ebenso schön wie hier ist?
Wenn Stani allerdings seinen Beruf aufgibt, ist das entweder endgültig für ihn oder er fliegt irgendwann wieder fort und das wäre das Ende ihrer Beziehung. Kann er sie überhaupt noch lieben, wenn sie ihn von einem Flug zurückhält, der für jeden Raumfahrer die absolute Erfüllung aller Träume bedeutet?
Nein, jeder halbwegs vernünftig denkende Mensch würde hier sagen, daß man die Erde für zwanzig oder dreißig Jahre verlassen kann, aber einen Beruf und ein Ziel aufzugeben, das die Erfüllung im Leben bedeutet, ist sehr viel schwerer oder sogar ganz unmöglich.
Und wer sagt denn überhaupt, daß es dreißig Jahre sind, die sie fortfliegt? Ein paar Wochen nach dem Start beginnt der Tiefschlaf, wenn sie aufwacht, wird sie nach kurzer Zeit auf Andra sein, dort vielleicht ein oder zwei Jahre leben und dann wieder zur Erde zurückfliegen. Wenn sie wieder hier ist, wäre sie dann vier oder fünf Jahre älter.
Ob diese Rechnung aufgeht? Immerhin sind dann auf der Erde viele Millionen Jahre vergangen. Aber es wäre wenigstens noch die Erde und die ist dann sicherlich noch genauso schön wie heute. Und wenn sie als Fossil angesehen wird, das ist doch nicht so schlimm, denn Stani wird bei ihr sein. Vielleicht können sie in wenigen Jahren auf der Erde doch noch glücklich werden. Wie sie es auch dreht und wendet, die Entscheidung liegt ganz allein bei ihr.
Chiroga beschloß, erst einmal zwei Tage nicht daran zu denken. Doch das war leichter gesagt, als getan. Immer und immer wieder kreisten ihre Gedanken um den Flug zur Andra und sie malte sich ihre Erlebnisse schon plastisch aus. Ob sie dort oben wohl Badestrände haben, ob es grüne Wälder gibt? Wird sie ihren Schutzanzug einmal ablegen können oder ist die Atmosphäre für die Menschen zu giftig? Werden ihre Kenntnisse über die Chemie ausreichen, um dort ein Fachgespräch führen zu können, oder wird sie viel dazulernen müssen?
Solche und ähnliche Gedanken begleiteten sie unaufhörlich und ganz unbewußt sah sie sich schon als Teilnehmer an der bevorstehenden Expedition.
Da faßte sie auch den Entschluß, selbst mit Megira zu sprechen. Sie wußte, daß er trotz aller Strenge ein warmes Herz hatte und jederzeit Verständnis für private Probleme aufbrachte.
Unterdessen war Stani in seiner Wohnung angekommen. Mit einem schnellen Blick vergewisserte er sich, daß seine Kyrobs Ordnung hielten und fehlerfrei funktionierten. Er ergriff seinen kleinen Raumtornister und verstaute einige Gegenstände darin. Dann bestieg er einen Gravistaten und ließ sich davontragen. Er suchte nur noch Zerstreuung und Abwechslung, die Zeit bis zum Raumflug kam ihm auf einmal endlos lang und eintönig vor.
Nur durch Abwechslung und interessante Erlebnisse konnte er sie überstehen und die Gedanken an Chiroga von sich fernhalten. Ehe er so recht einen Plan gefaßt hatte, befand er sich auf dem Weg nach Südamerika. Die Osterinsel fiel ihm ein, die auf diesem Wege liegen mußte. So gab er die Koordinaten dieser Insel ein und landete kurze Zeit später in Anakena, der Königsbucht auf der Osterinsel.
5. Kapitel - Planung der Expedition
In der gesamten Geschichte der Menschheit ist nicht ein einziger Bericht vorhanden, der von einer derartigen Euphorie, von einem derartigen Interesse an einem Ereignis spricht, wie dem an der Nachricht von Quetzalkoatl. Der wissenschaftliche Rat hatte an dem Abend nur ganz kurz bekanntgegeben, daß eine Botschaft von einem Raumfahrer aus einer anderen Galaxis bei dem Gold gefunden wurde. Ganz Australien, ja, die ganze Welt wartete fieberhaft auf die Bekanntgabe der Botschaft und den Erkenntnissen, die sich aus seinen Aufzeichnungen ergaben.
Natürlich hatten einige geschickte Reporter schon die meisten Ratsmitglieder befragt, aber von ihnen nur wenig in Erfahrung bringen können. Die ganze Nacht hindurch haben alle Stationen Sondersendungen und Sondermitteilungen verbreitet, die begierig aufgenommen wurden.
Wohl nirgendwo auf der Erde schlief jemand, als schließlich das Gravitronikzentrum das Ergebnis der Auswertung von Quetzalkoatls Skizzen ankündigte. Mit angehaltenem Atem vernahmen die meisten Menschen sowohl die Botschaft des fremden Wesens als auch seine Herkunft.
Nachdem der Auftritt Quetzalkoatls, der am Tag vorher dem Rat vorgespielt wurde über sämtliche Visionskanäle ausgestrahlt worden war, gab man auch die Ergebnisse aus der Auswertung der Skizzen und Himmelskarten bekannt.
Der dort gezeigte Ausschnitt des Sternenhimmels war vor ca. 6500 Jahren gezeichnet worden und sah heute längst anders aus. Ein Blick auf das heutige Aussehen aber ließ jedem sofort die Heimat der Andraten erkennen. Sie kamen aus dem Andromedanebel, einer ca. 1,5 Millionen Lichtjahre entfernten Galaxis.
Weitere Angaben bezogen sich auf die genauen Koordinaten im Andromedanebel. Nur sind inzwischen weit über zwei Millionen Jahre vergangen. Zwar waren die Verhältnisse der Rotation der gesamten Galaxis auf der Erde genau bekannt und ließen die Stellung zu damaliger Zeit bestimmen, aber die Eigenbewegung der Sterne kannte niemand, denn zu einer präzisen Beobachtung war die Entfernung viel zu groß.
Etwas enttäuscht waren die Mitglieder der Expertenkommission schon. Lediglich einen Kennruf hatte Quetzalkoatl noch genannt. Dabei hatte man gehofft, einen Aufschluß über das Leben oder die Entwicklung der Andraten zu bekommen. Was für ein Raumschiff hatte sie hergebracht, wo war es geblieben, wie hatten sie die Zeit des Fluges überstanden, wie erzeugten sie den Tiefschlaf, wie wurde das Schiff gesteuert, wo war Quetzalkoatl jetzt?
Übrigens ist der Andromedanebel, nur etwa 1,5 Millionen Lichtjahre von der Erde entfernt. Wenn die Andratenexpedition dazu 2.3 Mill. Jahre gebraucht hat, sind sie wohl nicht mit Lichtgeschwindigkeit geflogen, was auf eine Technik schließen läßt, die auf der Erde zur Zeit schon überholt ist. Aber nach 2.3 Millionen Jahren haben die Andraten natürlich ebenfalls ihre Technik verbessert und sind den Menschen mit Sicherheit noch immer sehr weit voraus und hoch überlegen.
Solche und ähnliche Fragen wurden aufgeworfen, es entstanden Meinungen und Gegenmeinungen wie in jedem wissenschaftlichen Disput. Und als Ergebnis der Diskussion stand endlich auch die Frage einer Expedition auf dem Programm.
Doch auch hierbei prallten zunächst einmal die verschiedensten Meinungen aufeinander und es gab ein lebhaftes Für- und Wider. Solch eine Expedition käme doch frühestens in 3 Mill. Jahren zurück. Wer weiß denn, ob zu dieser Zeit überhaupt noch Leben auf der Erde existiert, meinten die Skeptiker. Aber es existiert doch schon seit 500 Mill. Jahren und noch länger Leben auf der Erde, entgegneten die Befürworter.
Schließlich hatte man ja bereits vor zweihundert Jahren die Löwenexpedition auf eine noch viel längere Reise geschickt. Inzwischen wurde auch die Wissenschaft weiter entwickelt und die Gugronenantriebstechnik vervollkommnet, ja, die Kosmotronentheorie galt als abgeschlossen. Alle notwendigen Voraussetzungen für intergalaktische Flüge lagen also vor und der Bau eines für diese Reise geeigneten Raumschiffes würde ganz gewiß nicht mehr als fünf Monate in Anspruch nehmen.
Dazu hatte dieser Flug sogar ein reales Ziel, die Raumfahrer wurden nicht nur auf eine Forschungsreise geschickt, wie die allermeisten der bisherigen Unternehmen. Wenn Quetzalkoatl tatsächlich zur Andra zurückgeflogen ist, wurden sie sogar bereits erwartet!
Natürlich hat man danach bei der Abstimmung die baldige Entsendung einer Guatorenaexpedition fast einstimmig befürwortet und dem Rat zur endgültigen Entscheidung übergeben.
Niemand zweifelte ernsthaft daran, daß die Menschheit auch in drei Millionen Jahren noch existiert und dann wahrscheinlich genauso gespannt auf die Ergebnisse der Expedition wartet wie heute. Vom wissenschaftlichen Rat wurde denn auch erwartungsgemäß eine aufwendige Ausrüstung angeordnet.
Bei der Vorbereitung arbeitete der gesamte wissenschaftliche Rat in Australien zusammen. Das Kosmoszentrum war verantwortlich für die Vorbereitungen des Fluges, das technische Zentrum vergab die Aufträge für die Herstellung der Raumschiffe und in dem gesamten wissenschaftlichen Zentrum gaben fast alle Fakultäten ihre Wünsche und Aufträge ab. So wurden die einzelnen Maßnahmen parallel und schnell durchgeführt.
Ein Fächer von fünf modifizierten Refo-Schiffen sollte einem neuartigen bemannten Expeditionslaboratorium vom Typ Alpha XT 300/Q9 voranfliegen.
Die Refos, Rettungs-Forschungsraumschiffe vom Typ K5 sind zwar meist unbemannt, aber mit den allermodernsten wissenschaftlichen Geräten und hochintelligenten Kyrobs ausgestattet. Sie werden sowohl dazu benutzt, Patrouillenflüge im Sonnensystem durchzuführen um evtl. Gefahren zu erkennen und abzuwehren, als auch dazu, interstellare Erkundungen durchzuführen, auf deren Erkenntnissen dann bemannte Expeditionen gestartet werden.
Sie können außerdem jederzeit ein in Gefahr geratenes Raumschiff retten und haben alle Voraussetzungen, um bis zu 20 Raumfahrer gleichzeitig aufzunehmen und sie bis zu zwei Jahre zu versorgen bzw. im Tiefschlaf zur Erde zurückzubringen. Mehrere hochwirksame Abwehrsysteme dienen der Zerstörung von Meteoriten u.a. Materie, die eine Gefahr bedeuten würde. Solche Schiffe waren die idealen Begleiter für die Expedition.
Um die Ausführung bewarben sich drei große Raumschiffswerften, aber den kurzfristigen Auftrag bekam eine renommierte Firma in Afrika. Sie hatte ein Projekt der weiteren Sicherheit an den Rat geschickt. So baute die Werft die Refos zum Beispiel mit doppeltem Kyrobsatz, wirksameren Verteidigungsanlagen und zusätzlichen großen Transporträumen voller verschiedenster Ersatzteile und anderer ausgesucht nützlicher Dinge, die eventuell doch benötigt werden könnten. Die Werft mit ihrer jahrhundetelangen Erfahrung und ihrer geschätzten Zuverlässigkeit stellte die Refos kurzfristig und in Rekordzeit fertig. Sie bestanden alle Sicherheitstests, die vom Rat um mehr als 500% gegenüber normalen Raumschiffen verschärft worden waren. Einige sehr geringfügige Änderungen ausgenommen, waren sie perfekt und es wurde für sie die Bezeichnung "Andra-Refos" vorgeschlagen.
Diese Schiffe wurden dann auch sofort nach der Fertigstellung gestartet und sollten der Hauptexpedition etwa fünf Monate als Fächer vorausfliegen.
Während der langen Tiefschlafphase war nur kyrobgesteuerter Funkverkehr zwischen den einzelnen Schiffen vorgesehen. Erst bei Erreichen der Zielgalaxis Guatorena sollte der Abstand langsam, schrittweise verringert werden, sodaß bei Gefahr für die Omikron eine schnelle Hilfe durch die Refos in jedem Falle und natürlich zu jeder Phase des Fluges möglich wäre.
Es läßt sich denken, daß man auch unverzüglich mit den Vorbereitungen zur Hauptexpedition begann. Raumschiffe der Alpha-Serie wurden damals vor allem in einer bekannten Werft auf Neuseeland gefertigt, die dann auch den Auftrag für den Bau der modifizierten Variante bekam.
Allerdings ließen sich die Aufgaben dieses Schiffes nicht mit irgendeinem bisher Gebauten vergleichen. Es würde mit Sicherheit Situationen durchstehen und erforschen müssen, die sich auf der Erde niemand vorstellen kann und es muß auch noch mit allen Teilen funktionstüchtig sein, wenn die anderen zur gleichen Zeit gebauten Raumschiffe nicht einmal mehr in den Archivspeichern des Kosmoszentrums zu finden sein werden.
Von der Alpha-Serie konnte ohnehin nicht viel mehr als der Gedanke eines wissenschaftlich Forschungslaboratoriums beibehalten werden, ansonsten wurde dieses Raumschiff im wissenschaftlich-technischen Zentrum in Australien völlig neu projektiert und auf den klangvollen Namen "Omikron" getauft.
Überall auf der Erde gab es Betriebe, die Teile für dieses Projekt fertigten. Die Koordinierung dieses Worldteamworks wurde von der Werft in Neuseeland übernommen. So hoffte man, die Bauzeit auf weniger als zwanzig Wochen zu verkürzen.
An Ausrüstung, Beschaffenheit und Eigenschaften des Raumschiffes wurden enorme Anforderungen gestellt, denn im Gegensatz zu den interstellaren Flügen wird diese Expedition mehrere Millionen Jahre unterwegs sein. Während dieser ganzen unvorstellbar langen Zeiträume müssen die Kyrobs und alle die übrigen Geräte jederzeit einsatzbereit sein.
Vielleicht droht unterwegs eine Gefahr, vielleicht muß die Besatzung plötzlich geweckt werden, auf alle Fälle muß plötzlich blitzschnell die richtige Entscheidung getroffen und die richtigen Maßnahmen müssen durchgeführt werden können.
Fast ein Viertel aller Arbeiten und Ausrüstungsgegenstände waren Neuheiten, die bei herkömmlichen Flugkörpern nicht benötigt wurden. Einen Teil der Gedanken hat man vor 500 Jahren bereits bei der Löwenexpedition entwickelt, sie mußten nur modernisiert und aufgearbeitet werden. Die übrigen Anforderungen wurden durch Kyrobsimulation im Forschungszentrum ermittelt und im Technikzentrum sofort projektiert.
Nun kam dem Bau zugute, daß bereits seit vielen hundert Jahren kurzfristig Änderungen und neue Projekte vom Technikzentrum in Australien entwickelt und fast ohne Zeitverzug von den Werften und Betrieben auf der ganzen Erde realisiert wurden.
Die Omikron sollte alle Geräte und Systeme der Alpha-Refo-Serie an Bord haben, sie mußte in jedem Gelände, aus jeder Lage, und sei es auf dem Kopf, sicher starten und landen können, sie mußte in der Lage sein, jeder Art von Strahlen, Wellen oder sonstigen Gefahren entgegenzuwirken, enormen Druck und hohe Temperaturen aushalten sowie alle möglichen Flugmanöver schnell und präzise ausführen können. Sie mußte Reparatursysteme an Bord haben, die sie selbst nach einer schweren Kollosion wieder instandsetzen können. Die Besatzung darf zudem bei allen solchen Vorkommnissen niemals gefährdet werden. Selbst wenn die Vitalsysteme versagen sollten, die volle Sicherheit für die Raumfahrer blieb immer oberstes Gebot.
Es war nötig, eine ganze Anzahl von Fahrzeugen und Flugkörpern mitzuführen und die Energie mußte ausreichen, um alle denkbaren Situationen erfolgreich bestehen zu können. Selbst eines oder mehrere der gefürchteten schwarzen Löcher (w3) durfte keine Gefahr bedeuten. Seitdem die Menschen die moderne Gugronentechnik voll beherrschten, hatten sie ihren früheren Schrecken ohnehin für immer verloren.
Das Problem der Antriebsenergie war leicht zu lösen, denn die gesamte Technik war natürlich auf der Gugronentheorie aufgebaut. Ausgangspunkt war Materie in irgendeiner Form. Zumeist benutzt man Sand oder Steine, aber das spielt keine Rolle. In einem Umwandler, dessen Hauptbestandteil ein radioaktives Isotop ist, wird mit Hilfe spezieller Kernstrahlungen von einem Teil der Stoffe Antimaterie erzeugt. Diese wird mit dem anderen Teil des Ausgangsstoffes vereint und das führt zur gegenseitigen Auflösung in reine Energie, die durch einen "Gugronenschirm" sofort in Gugronen umgewandelt wird. Natürlich wird das alles mit Hilfe eines Kyrobs sehr präzise gesteuert und dank spezieller Techniken kann man daraus dann jede gewünschte Energie oder auch Materie erhalten.
Für den Antrieb konnte am Heck des Raumschiffes ein starkes Antigravitationsfeld erzeugt werden, das ganz ähnlich dem Raketenprinzip früherer Raumschiffe zum Vortrieb diente. Ein "schwarzes Loch" bildet ein Gravitationsfeld durch seine enorme Masse, aber begrenzt durch die Gravitationskonstante(w4). Mit Hilfe der Gugronen lassen sich wesentlich stärkere Felder erzeugen, die das Raumschiff sicher aus jeder Gefahrenzone herausbringen konnten. Damit war die Gefahr gebannt, die früher von diesen Dingern ausging. Es mußte lediglich die Sicherheit der Expedition gewährleistet werden, auch bei Ausfall der Antriebssysteme. Aber solche Probleme waren längst gelöst. Rein theoretisch ist es sogar möglich, mit einem Raumschiff direkt in das schwarze Loch einzutauchen.
Übrigens ist die Energiemenge, die man durch direkte Umwandlung von Materie in Kosmotronen erhält weitaus größer als alle anderen Energiequellen und der Vorrat an Antriebsmaterie muß damit nicht sehr groß sein. Selbst bei Vollast, wie sie im Bereich eines schwarzen Loches notwendig wird, reichen relativ kleine Mengen schon völlig aus.
Bei Omikron entschied man sich für gemahlenen Sand von einer bestimmten Korngröße. Dadurch konnte eine gleichmäßige und genaue Versorgung für die Gugronenstrahler gleich bei der Dosierung der Antriebsmaterie erreicht werden. Wenn es notwendig sein sollte, kann unterwegs aber auch jede andere Materie eingesetzt werden. Die Stärke der abgegebenen Energiemenge steuern die Kyrobs durch die Stärke der Gugronenstrahlung und nicht durch die Dosierung der Materie.
Inzwischen wurde im Kosmoszentrum unter Megiras Leitung gewissenhaft die Besatzung für die Omikron ausgewählt. Nach einer langen Diskussion mit viel Für und Wider hatte man sich für insgesamt nur zehn Mitglieder entschlossen, denn das reichte für eine erste Kontaktaufnahme zu den Andraten nach Meinung des Rates völlig aus.
Angesichts der Tatsache des unvorstellbar langen Fluges und der Rückkehr in eine total fremde Welt entschied man sich für fünf zusammengehörende Paare, ähnlich wie bei der Löwenexpedition. Für Megiras Berufungskommission standen ebenso wie für die ganze Welt bereits Antolin und Stani als Teilnehmer von vornherein fest. Sie wurden denn auch einstimmig ernannt.
Stani erreichte die Nachricht einige Tage nach seiner überstürzten Abreise aus Australien. Ihm konnte es nur recht sein, wenn die Expedition bald startete, denn er würde seine Enttäuschung ohnehin niemals überwinden können und die Erinnerung an Chiroga wird für ihn auch noch in drei Millionen Jahren ein schmerzliches Gefühl sein. Ohne zu überlegen gab er Megira deshalb sofort sein Einverständnis zur Teilnahme an der Expedition Omikron per Tele und ließ sich für die kommende Zeit beurlauben. Er versprach ihm lediglich, rechtzeitig vor dem Start zurück zu sein.
Um sich von seinen ständigen trüben Gedanken abzulenken, durchstreifte er inzwischen die Osterinsel. Dieser etwas einsame Flecken Land mitten im Stillen Ozean ist im Laufe der Zeit für die Menschen als Urlaubsplatz kaum attraktiver geworden.
Zwar zeigt sich der Kratersee Rano Rarako wirklich idyllisch und reizvoll, doch das war auch schon fast die einzige Stelle auf dem Eiland, die zum Verweilen einlud. An den Ahus, den Steinfiguren, hatte man sich schnell sattgesehen. Auch die Ahu-Tahai, die Steinhäuser der ehemaligen Moais, hatten keine über längere Zeit andauernde Anziehungskraft. Zudem waren die Einwohner der Osterinsel auch noch ein wenig menschenscheu und wollten wohl vor allem in Ruhe und Einsamkeit leben, den neugierigen Gästen gingen sie jedenfalls immer sofort aus dem Wege, wenn sie sich zufällig trafen.
Natürlich gab es für die Besucher sogar an diesem vergessenen Punkt der Erde eine sehr gut geführte Kyrobservicestation, die wirklich allen Anforderungen genügte und auch den ausgefallensten Wünschen gerecht wurde, aber sie allein konnte doch nicht den Eindruck der Einsamkeit und Verlassenheit vertreiben, der den Touristen bei jedem Schritt verfolgte.
Stani wanderte dort einige Tage herum, ohne die Eigenheiten so richtig in sich aufzunehmen. Als er die Ahus dann selbst gesehen und mit dem Bild Quetzalkoatls verglichen hatte, war es mit seinem Interesse an dieser Insel auch schon wieder vorbei.
Hier kümmerte sich kein Mensch um den anderen, hier wollte jeder nur seine Ruhe haben. Hatte Stani aber nicht gerade Abwechslung, Trubel und Heiterkeit gesucht, als er so überstürzt aufgebrochen war? Jede einsame Stunde brachte ihm wieder seine verlorene Liebe, seine Sehnsucht und Enttäuschung ins Bewußtsein, sie raubte ihm die Ruhe und ließ ihn fast verzweifeln.
Darum muß sich auch niemand weiter wundern, daß die Gedanken angesichts dieser Trostlosigkeit ständig um das letzte Gespräch mit Chiroga kreisten und ihr Bild wie von selbst immer deutlicher und begehrenswerter vor seinen Augen erschien. Wenn er wenigstens eine Aufgabe gehabt hätte. Aber als Tourist auf dieser einsamen Insel, das mußte in seiner Lage zwangsläufig nur ständig zunehmende Niedergeschlagenheit hervorrufen.
Als er dann sein Einverständnis zur Teilnahme an der Andraexpedition gegeben hatte, fühlte er sich irgendwie erleichtert, setzte sich kurz entschlossen in den Gravistaten und startete in Richtung Europa.
6. Kapitel - Chirogas Entscheidung
Chiroga lief währenddessen ziellos durch den Park vor dem Zentrum und ließ sich das so bedeutungsvolle Gespräch mit Megira noch einmal durch den Kopf gehen.
Eigentlich bin ich ja zu ihm gegangen, weil ich mitfliegen wollte, dachte sie. Aber als dann die Entscheidung gefallen war, erschien ihr das alles doch ein wenig zu schnell, denn obgleich sie selbst um ihre Teilnahme an der Expedition Omikron gebeten hatte, war sie doch innerlich überhaupt noch nicht darauf vorbereitet gewesen.
Ganz tief in ihrer Seele hatte sie die Entscheidung auch noch gar nicht akzeptiert und war nun innerlich derartig aufgewühlt, daß sie keinen einzigen klaren Gedanken fassen konnte.
Ohne es eigentlich zu bemerken, setzte sie sich mechanisch auf eine Parkbank und versuchte die Fülle der Gefühle und Empfindungen, die sie durchtobten und denen sie sich hilflos ausgeliefert sah, erst einmal zu ordnen und zu durchdenken.
Ihr bis dahin so regelmäßiges Leben, das sich fast ausschließlich zwischen dem Laboratorium, ihrem Elternhaus auf der anderen Seite Australiens und ihrem gepflegten Häuschen mit dem schönen Garten im Kosmoszentrum abspielte, wird sich nun total verändern.
Insgeheim hatte sie wohl noch immer gehofft, daß Megira ihr den Gedanken ausreden wird, an der Expedition Omikron teilzunehmen. Deshalb kam ihr Antrag auch nicht ganz aufrichtig heraus.
Aber Megira war entgegen ihren Erwartungen sogar erfreut, für den etwas scheuen Stani eine geeignete Partnerin zu finden. Natürlich wußte er von der kleinen Liaison, aber daß Chiroga nun selbst zu ihm kommt, weil sie mitfliegen will, hatte er nicht einmal zu hoffen gewagt. So tat er denn auch alles, um sie in ihrem Vorhaben noch weiter zu bestärken.
Natürlich glaubte Chiroga sehr schnell den Grund für seinen Eifer zu erkennen, aber seine Worte waren wahr und überzeugend. Er wollte sie doch gar nicht wegen Stani verschaukeln und mitfliegen lassen, sie hatte sich in den langen Jahren ihrer Zusammenarbeit seine Achtung und sein Vertrauen erworben, er kannte ihren Wert und wußte, daß sie vielleicht die beste Chemikerin war, die mitfliegen konnte. Die zarte Liebe zwischen Stani und ihr erleichterte nur seine Entscheidung.
"Erinnerst du dich noch an den Brand im Laboratorium, als ein Kyrob verrückt spielte und die Flaschen zertrümmerte?" Megira sah sie freundlich an.
"Natürlich, das war ein Schreck! Er warf dort urplötzlich alles durcheinander und der große Ballon voll Lösungsmittel drohte zu explodieren. Das hätte eine fürchterlich ätzende Giftgaswolke gegeben, ich darf gar nicht daran denken, bestimmt wären Tote zu beklagen gewesen."
"Aber du hast einen klaren Kopf behalten und sofort aus mehreren Stoffen ein Neutralisationsmittel hergestellt und auf den Ballon gespritzt."
"Na das konnte ich ja auch, weil ich genau wußte, was alles in den Flaschen war, die im Feuer lagen."
"Siehst du, Chiroga, genau das ist es, was dich so auszeichnet. Die meisten anderen wären weggerannt oder hätten vor Schreck wie erstarrt dagestanden. Aber du hast ruhig überlegt, was zu tun ist und dadurch großen Schaden verhindert. Und das sind genau die Eigenschaften, die einen guten Raumfahrer auszeichnen. Er darf niemals die Nerven verlieren, sonst ist er verloren, er muß in größter Gefahr noch klar denken und überlegen können."
"Na ja gut, auf der Erde, in meinem Laboratorium, ich hatte wohl auch noch gar nicht an die Gefahr gedacht, da ist es nicht schwer, so zu handeln. Aber wenn ich unendlich weit von der Erde weg bin, wer kann voraussagen, wie ich da reagiere?"
"Ich kann dir noch genügend andere Beispiele nennen, wo du dich durch Entschlossenheit und Mut ausgezeichnet hat. Erinnere dich nur mal an den Absturz der Linienrakete vor drei Jahren. Du warst die erste am Unfallort und hast sofort die Kyrobs eingewiesen, als ob du in deinem ganzen Leben nichts anderes gemacht hast, als die Rettung bei Unfällen zu leiten."
"Was war daran besonderes, ich sah, wie die Rakete an Höhe verlor und herabfiel. Da bin ich sofort losgeflogen. Kurz nach mir waren ja auch die Refos schon da."
"Aber für mindestens zwei Passagiere wären sie zu spät gekommen, du hast ihnen das Leben gerettet."
"Und sowas reicht aus, um an Expeditionen bis ans Ende der Welt teilzunehmen?" Sie sah ihn offen an.
"Es reicht nicht aus, Chiroga, doch es ist eine wichtige Voraussetzung dafür. Aber alle die anderen notwendigen Eigenschaften hast du auch, den Rest kannst du lernen. Und ich weiß doch ganz genau, daß dir das Leben hier im Kosmoszentrum, deine Arbeit im Laboratorium, seit Jahren viel zu langweilig geworden ist."
"Was soll ich also tun?"
"Du hattest dich doch schon entschieden, als du zu mir gekommen bist. Ich sage mit Freuden ja, denn die Omikron kann ja überhaupt keinen besseren Chemiker bekommen als dich."
"Und wird hier kein Fachmann gebraucht?"
"Doch, natürlich, aber wir sind eben ein Kosmoszentrum und unsere besten Leute gehören ins All.
Chiroga freute sich über das Vertrauen, das der strenge Megira ihr entgegenbrachte, denn sie kannte seine Erfahrung, sein Wissen. Wenn er ihr die Teilnahme zutraut, dann hat er sich das gut überlegt und sie ist auch wirklich geeignet.
"Na gut, ich fliege mit", hörte sie sich artig sagen. In diesem Augenblick konnte sie die ganze Tragweite ihrer Worte noch gar nicht einschätzen.
Jetzt, im Nachhinein, kamen ihr aber wieder Zweifel. War sie den neuen Aufgaben denn auch wirklich gewachsen, wird sie sich bei den anderen Teilnehmern, die bald ihre einzigen Freunde sein werden auch Achtung und Anerkennung verschaffen können, oder muß sie sich gar vor Stani verstecken, weil sie versagt, vielleicht sogar die Expedition gefährdet?
Chiroga kannte Stanis Ruf als ausgezeichneter Fachmann, der in allen Situationen die richtige Entscheidung trifft. Aber sie, was hatte sie bisher in ihrem Leben schon für Entscheidungen zu treffen gehabt? Die Aufsicht über eine Anzahl Kyrobs im chemischen Laboratorium, das war bisher ihre ganze Aufgabe.
Genaugenommen fand sie diese Arbeit ja schon immer zu eintönig. An Veränderungen, die etwas mehr Abwechslung in ihr Leben bringen würden, hatte sie natürlich schon mehrfach gedacht. Aber bisher brachte sie doch noch niemals den Mut auf, über diese Idee wenigstens einmal gründlich nachzudenken.
Woher Megira das eigentlich wußte, war nicht ganz klar. Sie hatte immer so getan, als ob ihr das Leben im Kosmoszentrum sehr gut gefiel, das versuchte sie sich auch ständig einzureden.
Und nun auf einmal wird sich ihr ganzes Leben mit einem Schlag so rigoros verändern, wie sie es noch vor wenigen Tagen niemals für möglich gehalten hatte.
War es eigentlich nur, um Stani nicht zu verlieren, fragte sie sich immer wieder. Im Grunde kannten sie sich doch kaum und einer wußte wenig vom anderen.
Es ist ja auch denkbar, daß sie sich nach kurzer Zeit wieder trennen. Vielleicht passen sie gar nicht zusammen, werden ihre Empfindungen und ihre Zuneigung ebenso schnell vergehen, wie sie entstanden sind. Dann wäre sie völlig umsonst zu Megira gegangen, hätte alles, was ihr bisher lieb und teuer war für einen Traum aufgegeben, der nicht in Erfüllung gehen kann.
Und trotzdem, je mehr sie jetzt ihre Gedanken ordnete und über den bevorstehenden Flug nachdachte, desto mehr freute sie sich darauf. Das hatte mit Stani nichts zu tun. Sie würde Abenteuer bestehen, fremde Welten kennenlernen und mit etwas Glück das Leben auf der Erde in drei Millionen Jahren erleben. Jetzt verstand sie auch plötzlich die Raumfahrer, die nichts auf der Welt von einer gefährlichen Expedition zurückhalten konnte.
Ihre eigenen bisherigen Erlebnisse beschränkten sich außer dem regelmäßigen Urlaub auf der Erde lediglich auf einen Ausflug zum Mond ins Touristikzentrum "Lunarion", den sie mit Ajew, ihrem bisherigen Freund, unternommen hatte. Der war ihr jedoch viel zu oberflächlich, als daß eine echte Liebe, oder wenigstens eine feste Bindung auf die Dauer zustandekommen kann.
Dann waren da noch zwei Arbeitsflüge zum Mars, zur Forschungsstation "Nikolaus Kopernikus", die einen Chemiker angefordert hatte. Doch auf diesen Flügen gab es nichts Unbekanntes zu entdecken und auch keine Abenteuer zu erleben.
Aber eine andere Galaxis kennenlernen, das Leben auf Andra, einem unendlich weit entfernten Planeten, der so viele Gemeinsamkeiten mit der Erde hat, das verspricht alle die Erlebnisse, die sie sich eigentlich insgeheim schon immer erträumt hat.
Erst ganz undeutlich, dann aber immer klarer, erschien vor ihrem inneren Auge plötzlich Stanis Bild, wie er zuletzt vor ihr stand, seine Arme nach ihr ausstreckte und sie entmutigt doch gleich wieder sinken ließ. Das sah so endgültig aus, sie war darüber so verzweifelt, ob er wohl ihre Tränen noch bemerkt hat?
Ach, wenn sie seinem Vorschlag doch gleich zugestimmt hätte! Eine freudige Erregung und Erwartung überkam Chiroga und sie nahm sich vor, in den kommenden Wochen in der Ausbildung und Vorbereitung unbedingt Bestleistungen zu erreichen.
Vor der Stadt, auf dem riesigen Start- und Landeplatz, sah sie eben ein Raumschiff landen und zum ersten Mal ärgerte sie sich über ihr bisheriges Desinteresse für diese Dinge. Ich will Raumfahrer werden und kenne noch nicht einmal den Typ der Raumschiffe, dachte sie beschämt, aber das wird sich schnell ändern!
7. Kapitel - Gabriella und Benbil
"Endlich wieder auf der Erde!" Benbil sprang aus dem Schiff und reichte Gabriella zuvorkommend die Hand. Etwas geblendet von der hellen Sonne, aber elegant und sicher verließ sie das kleine Raumtaxi, mit dem sie soeben von der Station Jupiter XI zurückgekehrt sind.
Die Abberufung kam für beide überraschend. Er, der Bordingenieur, der erst vor drei Monaten zur Behebung eines Schadens an den peripheren Sektionen vom Kosmoszentrum zu dieser Station geschickt wurde, hat seine Aufgabe hervorragend bewältigt. Nach Besichtigung des Schadens - es waren zum wiederholten Mal einige Ankerstreben gerissen - entschied er sich nicht wie seine Vorgänger für das erneute Zusammenschweißen, sondern baute eine neuartige, von ihm konstruierte elastische Halterung ein. Sie kann die Schwingungen und Erschütterungen der Station besser aufnehmen, ohne einzureißen. Das hatte ihm den Dank des Stationskommandeurs und die Anerkennung des Kosmoszentrums eingebracht.
Gabriella hingegen war bereits seit einem Jahr als Ärztin und Kosmosbiologin auf der Station. Ihre Haupttätigkeit war die Überwachung der Quarantänevorschriften auf der Station und die Suche nach kosmischen Mikroben im Raum vor dem Planetoidengürtel.
Sie leistete ebenfalls hervorragende Arbeit und stellte sogar eine neue Theorie über die Weltraummikroben auf, die einige überholte Vorsichtsmaßnahmen überflüssig machte. Wen wundert es da noch, wenn man mit ihr sehr zufrieden war? Zudem hatte sie auch hier wie überall durch ihr offenes aufrichtiges Wesen und ihre ansteckende Fröhlichkeit die Herzen der gesamten Besatzung buchstäblich im Sturm erobert.
Natürlich hatte sich der gewandte und draufgängerische Benbil sofort in sie verliebt. Natürlich gefiel er ihr, sehr sogar. Aber sie zeigte es ihm lieber nicht so offen, gab sich eher etwas reserviert und unnahbar. Erst mußte sie sich Klarheit darüber verschaffen, ob er es mit seinen Liebesbeteuerungen wirklich ernst meinte, oder ob er sie nur als eine willkommene Abwechslung für die Zeit auf der Station ansah.
Gabriella liebte zwar seine ungestümen Werbungen, blieb aber trotzdem stets etwas kühl. Amüsiert bemerkte sie, wie er immer neue Anstrengungen machte, um sie zu erobern. Wie lange sie ihm noch standgehalten hätte, wußte sie wohl selbst nicht zu sagen.
Doch jetzt wurden beide völlig überraschend auf die Erde, ins Kosmoszentrum, gerufen. Das ist ungewöhnlich, denn bei Wechsel der Aufgaben wird man im allgemeinen lange vorher informiert. Eine plötzliche Abberufung ohne Erklärung bedeutete immer, daß man im Kosmoszentrum mit der Arbeit des Betroffenen dermaßen unzufrieden war, daß er abgelöst werden mußte.
Aber sie hatten sich ja nichts zuschulden kommen lassen, ganz im Gegenteil, man hatte sie noch vor ein paar Wochen öffentlich gelobt und mit zusätzlichen Leistungspunkten ausgezeichnet, sodaß sich diese plötzliche Abberufung noch nicht einmal der erfahrene Stationskommandeur erklären konnte.
Wird Megira langsam alt und unberechenbar, diskutierte die Crew. Auf alle Fälle versicherte jeder auf der Station, daß er eine Ungerechtigkeit weder gegen Gabriella noch gegen Benbil dulden wird und dankbar drückten sie beim Abschied jedem noch einmal die Hand.
Jetzt, nach der Landung, waren beide natürlich auf das Kommende sehr gespannt und wohl auch etwas aufgeregt, fast nervös.
"Hab nur keine Bange, wenn Megira uns zusammendonnern sollte, trittst du einfach hinter mich", sagte Benbil ritterlich. Dankbar drückte Gabriella seinen Arm, den sie ergriffen hatte.
"Wir haben noch ein wenig Zeit, bevor wir zum Alten müssen, ich sehe mir noch mal die neue Mode an, vielleicht ist für mich auch irgend etwas dabei, kommst du mit?", lud sie ihn ein.
"Du kannst auch in moderneren Klamotten nicht besser aussehen, warum gefällt dir denn das hier auf einmal nicht?"
"Aber das habe ich doch schon vor dem Flug gekauft, es hängt mir langsam zum Halse raus".
"Na schön, und wo ist deine Werkstatt?"
"Einsteinallee 43, im Stadtteil Kanos".
Beide bestiegen einen Gravistaten, der sie rasch zu Gabriellas Schneiderei brachte. Verstohlen beobachtete Benbil, wie sie mit sicherem Instinkt genau die Kleidung aussuchte, die ihre Figur und ihr Wesen am besten zur Geltung brachte. Schließlich entschied sie sich für einen modischen enganliegenden Overall, der ihre kurzen, mittelblonden Haare ebenso wie ihre langen, schlanken Beine vorteilhaft hervorhob. Er war in leuchtenden, vorn glänzenden Farben genäht. Dazu kaufte sich Gabriella weiße, bunt bedruckte Stickies.
"Megira kann ja gar nicht böse sein, wenn er dich so sieht, oder er ist kein richtiger Mann. Du siehst ganz toll aus und ich würde mich sofort in dich verlieben, wenn ich es nicht schon lange wäre", flüsterte Benbil, während die Kyrobs eifrig die Kleidung zusammennähten.
"Du kannst dir hier doch auch gleich was Neues bestellen, deine Kombi ist ja schon älter als der australische Busch", war die Antwort.
"Eigentlich bin ich damit zufrieden, aber wenn ich Dir in neuen Klamotten besser gefalle, dann meinetwegen."
Und Gabriella beriet ihn mit derselben Zielsicherheit, mit der sie ihre Kleidung ausgesucht hat. Zu seinem schwarzen Lockenkopf mit dem übermütigen Gesicht paßte eine beige-glänzende Kombination mit weißem Kragen am besten, die von einem schwarzen Gürtel gehalten wurde und nicht ganz eng anlag. Dazu empfahl sie hohe weiße Wanderstiefel. Und Benbil stellte bewundernd fest, daß die neue Kleidung nicht nur sein Wesen besonders hervorhob, sondern auch mit Gabriellas neuem Overall so gut zusammenpaßte, daß es fast wie Absicht aussah.
"Das ist ja direkt Partner-Look", meinte er.
"Ja, Partner könnten auch so gehen", gab sie spitz zurück und schickte die getragene Kleidung in die Wohnungen. Die wird dort gereinigt und gebügelt im Schrank hängen, wenn sie nach Hause kommen.
Gabriella und Benbil besuchten danach noch eine gepflegte Gaststätte, um bei einem festlichen Begrüßungsessen das Wiedersehen mit der Erde zu feiern. Eigentlich täte es ja auch eine Servicestation, aber in der Gaststätte wurden sie von einer attraktiven Kellnerin bedient und das bewog Benbil, eben dort einzukehren.
"Das mache ich immer so, wenn ich aus dem Raum zurückkomme", sagte er zu ihr.
"Auch wenn dich Megira zu einer bestimmt unangenehmen Aussprache erwartet?"
"Dann muß ich doch erst recht meinen Abschied vom guten Leben noch einmal ausführlich feiern".
"Ich glaube fast, du hast noch gar nicht begriffen, daß auf uns etwas ganz Schlimmes wartet!"
"Gemeinsam werden wir das schon durchstehen", sagte er leise und drückte dabei ihre Hand.
"Danke, das vergesse ich dir nicht", flüsterte sie.
"Lieber wäre mir, du vergißt mich nicht".
Aber schon hatte sie sich wieder in der Gewalt und gab sich wie stets etwas kühl. Wortlos ergriff sie mit unnachahmlicher Eleganz den Löffel und probierte die köstliche Vorsuppe, während Benbil sie bewundernd ansah und dabei überlegte, was er nun schon wieder falsch gemacht hatte.
"Hallo, Gabriella", tönte da ein freudiger Ruf.
"Vicky, wo kommst du denn auf einmal her?" rief Gabriella erfreut aus und ging auf eine Frau am Nachbartisch zu. Die stand ebenfalls gleich auf und kam ihr entgegen:
"Mensch Gabriella, laß dich doch mal ansehen, du warst wieder mal ein paar Jahre im Tiefschlaf, nicht wahr, du bist kaum älter geworden."
"Und du hältst natürlich noch immer nichts von der Raumfahrt, du suchst noch immer deinen Traummann, stimmts, oder hast du ihn inzwischen gefunden?"
"Ich glaube, daß ich inzwischen die Männer auf der ganzen Welt kenne, aber für mich ist ja doch keiner dabei."
"Ach, Vicky, du mit deinen Ansprüchen."
Inzwischen waren sie bei Benbil angekommen und Gabriella stellte ihm die modisch gekleidete Dame vor:
"Das ist Vicky, meine beste Freundin. Wir beide sind zusammen aufgewachsen. Aber während ich schon immer Raumfahrer werden wollte, hat Vicky einen ordentlichen Beruf ergriffen. Sie arbeitet als Ärztin im Medcenter des Rates und ist außerdem kompetent für jeden Klatsch."
"Ich scheine doch nicht alle Männer der Welt zu kennen, denn den tollen Typen an deiner Seite habe ich nie gesehen. Sei froh, daß ich ihn nicht vor dir getroffen habe, den hätte ich nicht mehr losgelassen." Vicky zwinkerte Benbil kokett zu und setzte sich an den Tisch.
Gabriella sah sie erwartungsvoll an, während sie und Benbil sich das Essen schmecken ließen. Vicky hatte bereits gespeist und lehnte die Einladung zum Dinner dankend, aber erfreut ab.
"Na, nun fang schon an, was gibt es Neues in der Stadt?"
"Die Fußballfans haben sich gestern eine Schlacht im Stadion geliefert, daß die Ordnungskyrobs eingreifen mußten. Mindestens zehn von ihnen habe ich hinterher behandelt. Einer hatte sogar einen lockergeschlagenen Zahn."
"Muß ja ein tolles Spiel gewesen sein". Benbil sah sie fragend an.
"Ach, das hatte wenig mit dem Spiel zu tun, das sind noch alte Rechnungen. Der FC Queensland und der SV Schwarze Panther sind schon immer erbitterte Gegner."
"Und wer hat gestern gewonnen?"
"Die schwarzen Panther natürlich, deshalb gab es ja die Prügelei. Angeblich wäre schon wieder mal ein Tor nicht ganz korrekt gewesen."
"Bei solchen alten Rivalitäten kommt es eben schnell zum großen Krach. Aber was gibt es sonst noch, wie geht es eigentlich den anderen", wollte Gabriella wissen.
"Albana und Howart haben damals doch geheiratet, sie sind nach Asien gezogen und leiten dort eine große Farm, glaube ich. Sie haben jetzt schon zwei Kinder, neun und drei Jahre alt."
"Und der alte Rudert, unser Erzieher?"
"Der macht nichts mehr, er fliegt nur noch in der Südsee rum und sonnt sich an den besten Stränden."
Die nette Kellnerin kam und fragte, ob noch jemand etwas bestellen möchte. Alle drei entschieden sich für Bier, außerdem ließ Benbil eine Schale mit Salzgebäck auf den Tisch stellen. Er sah der Kellnerin ungeniert nach, als sie zur Theke ging.
Gabriella tat so, als bemerke sie es nicht.
"Ärztin war seit jeher mein Traumberuf, nun bin ich schon so lange im Medcenter, aber die Erfüllung ist es doch nicht", plapperte Vicky weiter, "ich hätte eben auch Raumfahrer werden sollen."
"Gibt es eingentlich viel Arbeit als Ärztin", Benbil tat interessiert.
"Na ja, es geht, in Wirklichkeit beaufsichtigen wir ja doch bloß Kyrobs, ganz selten müssen wir selbst mal ran."
"Was war denn zum Beispiel heute so los?"
"Heute kamen vier Unfälle und mindestens acht bis neun Patienten mit verschiedenen Krankheiten zu uns."
"Und ihr behaltet auch welche auf den Stationen zur Beobachtung da?"
"Ja, aber das sind ganz wenige, nur bei irgendwelchen Epidemien werden es mehr. Heute ist sogar ein Patient auf der Station für Innere Medizin an Kreislaufversagen gestorben.
Sonst behandeln wir diese Erkrankungen im Diagnostikana, manchmal danach noch im Tunnel, aber gefährlich waren sie bisher nicht.
Es kommt natürlich vor, daß irgendwelche bakteriellen Ursachen vorliegen, dann behalten wir die Patienten zumeist ein paar Tage zur stationären Beobachtung bei uns im Medcenter.
Aber in letzter Zeit ist ein neuens, unbekanntes Virus aufgetreten, welches auf die koronaren Nerven wirkt und schon den dritten Todesfall verursacht hat. Dabei werden zuerst die Nerven in diesen Bereichen geschädigt, bei fortlaufender Erkrankung dehnt sich die Schädigung auf noch weitere Gebiete aus und schließlich versagen sie ganz den Dienst. Das führt dann zum Herzstillstand."
"Na, könnt ihr das nicht im Diagnostikana oder im Tunnel heilen?"
Benbil schaute sie betroffen an.
"Leider nicht in jedem Fall, manchmal kommen die Patienten zu spät zu uns. Sie glauben, daß das schon nicht so schlimm sein wird und spielen so mit ihrem Leben. Wir können im Tunnel die Zellen kontrollieren und heilen, aber gagen das neue Virus sind wir noch immer machtlos. Es gibt sogar noch eine Abart, die wir C-Virus nennen, also Cerebralvirus. Die zerstört die Nervenleitungen im Gehirn und im Rückenmark. Das führt natürlich in ganz kurzer Zeit zum Tode, weil die betreffenden Nervenzentren ausfallen, wahrscheinlich sind es sogar die gleichen Viren."
"Und was könnt ihr dagengen unternehmen?"
"Zuerst einmal müssen wir genau wissen, wie die Viren überhaupt wirken. Deshalb hat das medizinische Zentrum sofort ein reales Kyrobmodell gebaut, das die Ursachen, Ansteckungswege und die Wirkungsweise genau feststellen soll. Bis zur endgültigen Klärung haben wir leider noch einige Todesfälle zu befürchten. Zur Zeit sind mindestens zwanzig bis dreißig Patienten in ganz Australien akut gefährdet."
"Hoffentlich passiert uns das nicht mal auf einer Expedition, ehe wir da das alles erforscht haben, kann es zu spät sein." Gabriella sagte das sehr ernst.
"Mit derartigen plötzlichen Erkrankungen ist leider jederzeit zu rechnen, denn irgenwoher tauchen immer wieder neue Viren auf, die wir noch nicht kennen."
"Und wo kommen die auf einmal her?"
"Ach, weißt du, die können von überall kommen, oftmals ist es scheinbar nur eine einfache Unverträglichkeit, ein verdorbenes Essen oder so etwas ähnliches. Und plötzlich kommen die Leute zu uns. Wenn wir dann Genaueres wissen, ist es schon wieder ein neues Virus."
"Und wie oft kommt das vor?"
Vicky lachte: "Jetzt glaubt ihr bestimmt, daß so etwas jede Woche passiert, aber so schlimm ist es zum Glück nicht. Das C-Virus ist seit zehn Jahren das erste, das neu auftaucht. Und vorher war noch längere Zeit Ruhe."
"Wenigstens ein Trost", sagte Gabriella.
"Aber jetzt erzähle doch mal über deine Erlebnisse, seit wir uns zuletzt gesehen haben."
Vicky war nicht nur neugierig, sie war auch begierig auf die Erlebnisse im Raum, die sie als Kind so uninteressant fand. Aber in letzter Zeit beneidet sie die Raumfahrer doch immer häufiger. Es wird wohl auch der Tag nicht mehr weit sein, wo sie bei Megira auftaucht, um nach einer Arbeit als Raumfahrer nachzufragen.
Gabriella gab eine ausführliche und spannende Schilderung ihrer Erlebnisse in den letzten Jahren, aber dann fiel ihr die Abberufung ein und sie verstummte. Zum Glück war es an der Zeit, zu Megira aufzubrechen. So mußte sie Vicky nicht unbedingt jetzt schon davon erzählen.
Benbil und Gabriella verabschiedeten sich also von Vicky und verließen gemeinsam die Gaststätte.
Ganz selbstverständlich ergriff er einfach ihre Hand und sie bummelten noch ein Weilchen durch die Straßen der belebten Stadt. Am berühmten Denkmal des Raumfahrers blieben sie stehen und ließen sich holografieren. Benbil bestellte zwei lebensgroße Bilder in seine und Gabriellas Wohnung, dann trug ein Gravistat die beiden in Richtung Kosmoszentrum davon.
"Kommt nur herein, warum so schüchtern", begrüßte sie der Alte jovial und noch am gleichen Tag wurde bekannt, daß Gabriella und Benbil ihre Zustimmung zur gemeinsamen Teilnahme an der intergalaktischen Expedition Omikron gegeben hatten.
"Für die nächsten drei Millionen Jahre gehörst du jetzt zu mir. Es wird Zeit, daß du das endlich einmal akzeptierst", hörte der schmunzelnde Megira noch Benbils Stimme, als beide den Raum verlassen hatten.
"Da kannst du gleich mit einkaufen kommen, ich habe zwar noch ein paar Vorräte, doch wenn ich schon mal auf der Erde bin, will ich auch was Köstliches essen", gab sie spitz zur Antwort.
"Und heute Abend gehen wir ins Great Theater, sie geben ein klassisches Ballett, die Vancera tanzt".
Benbil drückte ihre Hand und Gabriella ließ es glücklich geschehen. Endlich mußte sie ihre Gefühle nicht mehr vor ihm geheimhalten.
"Weißt du, ich würde auf der Erde gern noch so unendlich viel erleben, doch damit muß ich nun wohl auf die Zeit nach unserer Rückkehr warten".
8. Kapitel - Europa
Ruhig und gleichmäßig, aber mit geschmeidiger Eleganz lief die braune Stute über die große Wiese auf den Wald zu. Es war gar nicht so leicht, sich im Sattel zu halten und den Bewegungen des Tieres mit jener spielerisch-selbstverständlichen Leichtigkeit zu folgen, wie sie in vielen Filmen immer zu bewundern ist. Natürlich war der Stute auch ein geübter Reiter lieber und sie nickte deshalb zuerst mehrmals unwillig mit dem Kopf. Aber dann lief sie los und nach einiger Zeit hatte sich Stani an das Tier gewöhnt.
Es war einfach herrlich, auf diese Weise über die saftig grünen Wiesen zu reiten und in den üppigen Wäldern umherstreifen zu können. Warum hat er so etwas Schönes nicht schon viel früher entdeckt?
Kaum zu glauben, daß dieses riesige Gebiet einer der meistbesuchten Freizeitparks in Mitteleuropa ist. Man hatte ihn damals nach dem Vorbild des Yellowstone-Nationalparks angelegt. Nur mußte er natürlich noch größer und gewaltiger ausfallen. So wurde also kurzerhand das gesamte Alpen-und Voralpengebiet zum Freizeit-und Erholungszentrum ernannt. Die äußerst strengen Bestimmungen des Umweltschutzes und die zentrale Einbindung in die gesamte globale Wettergestaltung ließen ihn im Laufe der Zeit als schönsten europäischen Freizeitpark bekanntwerden. Immer wieder tauchen versteckte und idyllisch gelegene Bergstationen auf, in denen diensteifrige Kyrobs vielerlei attraktive Serviceleistungen anboten oder Freizeitanlagen zu Sport und Spiel einluden.
Nach einer steilen Kraxelei, bei der Stani abgestiegen war weil ihm das Pferd leid tat, machte er an einer solchen Station Rast.
Das Pferd, das sich bisher nicht besonders anstrengen mußte, weil Stani ohnehin ruhig und gemächlich ritt, wurde auf eine saftige Alm geführt und versorgt. Stani verspürte indessen ebenfalls Hunger und ging zunächst einmal ins Speisezimmer.
Zu seiner Überraschung saßen dort schon einige Touristen, die ihn mit lautem "Hallo" begrüßten. Bereitwillig und erfreut über die Gesellschaft setzte er sich zu ihnen an den Tisch.
Wie er erfuhr, waren es Landarbeiter aus Nordamerika, die einem globalen Touristenclub angehörten und nun ständig in ihrer Freizeit alle bekannten Reiseziele in der Welt besuchten. Doch sie hatten Probleme. Einer von ihnen war beim Klettern in der gegenüberliegenden Felswand abgerutscht und hatte sich den Fuß aufgeschlagen. Da er sofort wieder auf den Beinen stand, wurden die Rettungskyrobs nicht bemüht und der Verunglückte ließ sich auf der Station vom Diagnostikana behandeln. Es war zwar nur eine harmlose Prellung, aber die Gruppe beschloß doch sofort den Abbruch der Tour und für morgen die Rückkehr nach Hause.
Der Hauptkyrob hatte ihre Lebensweise ohnehin schon zweimal als viel zu kostspielig eingestuft. Wenn sie auch weiterhin dauernd so großartige Reisen unternehmen, wird er ihnen zunächst die Mittel dazu sperren und später nur auf vorherigen Antrag entscheiden, ob ihre vorhandenen Leistungspunkte ausreichen.
Selbst der Rabatt durch den Beitritt zum globalen Touristenclub war schon längst ausgeschöpft. Dankbar nahmen sie deshalb Stanis Angebot zu einer "australischen Party" an.
Diese Form des Feierns wurde von den Raumfahrern im Kosmoszentrum angewandt, wenn sie sich nach langen Reisen wiedersahen.
Denn sie waren sich zumeist im Laufe der Zeit fremd geworden und konnten sich oftmals nur noch schwach daran erinnern, daß früher zwischen ihnen eine Freundschaft bestand.
Als vor einigen hundert Jahren einmal eine Expedition vom bewohnten Planeten Cizzwe (@16) im Kapellasystem zurückkam, berichtete sie von der Gastfreundschaft der dortigen intelligenten Wesen.
Die Menschen wurden von den Bewohnern der Cizzwe zu einem großen Fest eingeladen, das zu Ehren ihrer Ankunft veranstaltet wurde. Doch zu ihrer großen Verwunderung waren sie dabei nicht die Gäste, sondern hatten ihre Gastgeber wie Gäste zu behandeln.
Es dauerte eine ganze Weile ehe sie begriffen, daß die freundlichen Gastgeber damit das Prinzip: "Man kommt als Fremder und geht als Freund" viel eleganter und schneller verwirklichten als durch den Austausch von allen möglichen zeremoniellen Höflichkeitsfloskeln und rituellen Komplimenten.
In Australien gefiel den Raumfahrern diese Idee immer besser, und so entstand dort im Laufe der Zeit die sogenannte "Australische Party". Sie wurde immer weiter verbessert und verändert, bis sich die jetzige Form behaupten konnte.
Eigentlich fiel es ja im Kosmoszentrum schon nicht mehr auf, daß nur noch diese Art der Geselligkeit angewendet wurde. Längst gehörte das zur Standarthöflichkeit unter den Raumfahrern, war also nicht nur bei extra vereinbarten Partys zu beobachten.
Außerhalb des Kosmoszentrums kannte zwar auch alle Welt die Australische Party, doch kaum jemand hat sie schon einmal in der Praxis kennengelernt.
Treffen zwei Raumfahrer zusammen, so behandeln sie sich gegenseitig zunächst so, als ob man einen Gast vor sich hat. Vor allem die Gespräche sind es, die dabei eine Hauptrolle spielen.
Es ist doch so, daß man sich auch bei einem ehemaligen Freund, den man sehr lange nicht gesehen hat, zunächst etwas zurückhaltend und abwartend verhält. Dagegen hat sich gezeigt, daß das wechselseitige Auftreten als Gastgeber mit allen Pflichten, die dabei zu beachten sind, die vorhandenen Hemmungen viel besser abbaut und sehr schnell eine gelöste, freundschaftlich-entspannte Atmosphäre schafft.
Solch einen Nachmittag schlug also Stani den Touristen vor. Die Rechnung ging selbstverständlich auf sein Leistungskonto, denn das war sehr dick und in wenigen Wochen würde er es gar nicht mehr benötigen. Also gab er sich Mühe, nur das allerbeste für seine Gäste aufzutragen.
Als echte Nordamerikaner bevorzugten sie für das Hauptgericht Beefsteak und Chillihuhn, das mit sehr viel Einfallsreichtum gewürzt und garniert wurde. Natürlich gab es noch eine Vielzahl leckere Vorspeisen und Nachspeisen. Es war wirklich eine echte Augenweide, was die Kyrobs der Station auf die Beine stellen konnten, wenn sie richtig aktiviert wurden.
Stani ließ seine Speicherchips alle möglichen Varianten hervorbringen und die Touristen wollten natürlich nicht hinter ihm zurückstehen. Auch sie boten Stani ein Essen nach seinem eigenen Geschmack, das aus vielen kleinen Gängen mit allen erdenklichen Gerichten bestand. Schon bald nach dem Essen hatte man sich auf eine gute Weinmarke geeinigt.
Durch diese gegenseitige Bewirtung waren beide Seiten gezwungen, sich in den anderen hineinzudenken und ihn kennenzulernen. Dadurch war ein gegenseitiges Verständnis und Vertrauen aufgebaut, das diesen Nachmittag zu einem unvergessenen Erlebnis für die Touristen und für Stani werden ließ.
Selbstverständlich dauerte es durch die ungewöhnliche Einladung zur Australischen Party nicht lange, bis die Gäste in ihrem Gastgeber einen Raumfahrer vom Kosmoszentrum erkannten. Als sie dann aber noch merkten, daß er der Entdecker des Inkaschatzes war, fand die Begeisterung keine Grenzen.
Manchmal galten Raumfahrer als sehr von sich eingenommen und waren damit für andere Menschen recht unerfreuliche, hochnäsige Gesprächspartner. Doch Stanis ruhige und sachliche, eher etwas zurückhaltende Art brachte ihm sofort die Sympathien der ganzen Runde.
Es ist wohl ganz klar, daß die Nordamerikaner vor allem etwas über seinen Einfall und die Erlebnisse im See wissen wollten. Ruhig, aber interessant und ohne Prahlerei plauderte Stani über den Fund des Inkagötzen. Er bekannte sich dabei auch zu seinem Leichtsinn beim ersten Versuch, als er ohne wasserfesten Kyrob, ja sogar ohne geeignete Ausrüstung in die Katastrophe hineinlief. Auch wenn er es nicht extra betonte, so wußte doch jeder der Anwesenden, daß er selbst bei den harmlosesten Dingen in Zukunft niemals mehr leichtsinnig handeln würde.
Dann erzählten die Gäste von sich. Sie arbeiteten auf einer großen Farm in Nordamerika. Dort gab es unvorstellbar große Ackerflächen, auf denen Feldpflanzen aller Art angebaut wurden, aber auch riesige Weiden mit Rinder- und Schafherden. Dabei war trotz aller Technik das Pferd noch immer ein beliebtes Fortbewegungsmittel, wohl aus alter Tradition.
Die Arbeit wurde zwar von den Kyrobs erledigt, aber das waren eben doch nur Maschinen, die einer Aufsicht bedurften. Wie schnell kann dabei irgendein Fehler auftreten.
Sie erinnerten sich an eine Fehlsteuerung vor drei Jahren. Die Kyrobs hatten auf einem großen Plan alle Maispflanzen fein säuberlich herausgehackt und statt dessen ordinäre Unkrautpflanzen eingesetzt. Oder auf einer Nachbarfarm. Dort wurde eine riesige Rinderherde anstatt in die Koppel in einen Abgrund getrieben. Auch Materialfehler, Brüche, Korrosionserscheinungen und andere Macken gab es immer wieder einmal.
Besonders nachlässig hat man eine Serie Feldkyrobs gebaut, die bei einer Firma in Mexiko in Auftrag gegeben wurde. Diese erst ganz neu gegründete Firma wollte sehr schnell aufsteigen und nahm den Auftrag dankbar an. Doch ihre Erfolgskalkulation versuchte sie mit untauglichen Mitteln zu erfüllen. So hat man an vielen wichtigen Stellen unverantwortlicherweise Einsparungen vorgenommen, die nach dem Einsatz auf der Farm immer wieder zu plötzlichen Havarien führten.
Natürlich wurde dem Chef dieser Firma sofort das Gewerberecht entzogen und er mußte den Schaden voll ersetzen. Dazu reichten seine Leistungspunkte beiweitem nicht aus. Deshalb wurden auch seine Mitarbeiter, die die Anweisungen trotz besseren Wissens befolgt hatten, in den Schadensersatz einbezogen.
Diese untauglichen Kyrobs wurden inzwischen längst durch neue, bessere ersetzt.
"Ja, ja, trotz aller Vollkommenheit der Technik ist der Mensch noch immer unersetzlich", schloß Ronald, der Redner, seinen Vortrag.
Übrigens verrieten die harten und schwieligen Hände der Frauen und Männer, daß sie auch kräftig mit zupacken konnten, obwohl sie es nicht nötig hatten. Sie waren jedoch ausgesprochene Naturburschen und ihre ganze Erscheinung ließ deutlich erkennen, daß sie begeisterte Anhänger des Nostalgielooks waren.
Stani lächelte, weil er hier etwas selbst erlebte, das er bisher nur aus einigen theoretischen Studien und aus seinen Speicherchips kannte.
Schon immer haben die Menschen vor allem ihren Körper erforscht, um Krankheiten und Leiden besser behandeln zu können. Aber stets hat sie dabei auch die Sehnsucht nach Veränderung einzelner Körperteile oder -formen und nach Verlängerung des Lebens begleitet.
Im 20.Jh kam die plastische Chirurgie in Mode, aber eine Lösung des Problems konnte sie nicht bringen. Deshalb brach mit dem Fortschreiten der Technik und des Wissens eine riesige Forschungswelle über den Menschen und das Leben herein.
Aber erst im 21.Jh führten die Forschungen über den Menschen, die Erkenntnisse zu Vererbungsgesetzen, Gehirnstruktur, Genen, Regenerierung und anderen Vitalprozessen zu ersten Ergebnissen und sofort begannen auch die Experimente damit.
Doch während bisher immer nur von den Forschern im Laboratorium experimentiert wurde, erregten diese Versuche ungeheures Aufsehen auf der ganzen Erde. Da dauerte es dann auch gar nicht lange, bis geschäftstüchtige Unternehmer Geräte und Methoden anboten, mit denen ohne ärztliche Aufsicht jeder an seinem Körper nach Belieben gezielte Eingriffe vornehmen konnte und die hohe Bildung zu dieser Zeit ermöglichte es den Menschen, diese Prozesse auch theoretisch zu erkennen.
Die Veränderung der Haare, Zähne, Fingernägel, Augenfarbe ect. waren der Anfang zu unvorstellbaren Manipulationen am eigenen Körper. Als man Nervenzellen regenerieren konnte, fingen die Versuche mit der ewigen Jugend und der Unsterblichkeit an, die aber keine befriedigenden Ergebnisse brachten.
Gleichzeitig entwickelte sich auch die Chiptechnologie immer weiter. Man baute Chips mit zunehmend mehr Funktionen in den Körper ein und sehr schnell waren das Wissen der genauen Uhrzeit, der Temperatur, sowie die ständige Verfeinerung aller Sinnesorgane des Menschen eine Selbstverständlichkeit. Schließlich wurde die Attotechnik für die körpereigenen Chips entwickelt.
Es ließen sich inzwischen auch Speicherchips in beliebiger Menge im Körper unterbringen, die vom Willen gesteuert abgerufen werden konnten. Damit wurde jeder Mensch zum Universalgenie, jeder wußte alles, die Schule war überflüssig und die Gravitronik übernahm das Übrige, wie Rechnen, Bearbeiten der Fakten usw.
Dazu parallel entwickelte und vervollkommnete sich die Technik. Es gab zwar keine politischen Zwistigkeiten mehr, doch es gab auch den wissenschaftlichen Rat noch nicht. Die Länder blieben vorerst noch bestehen und jedes versuchte für sich zu wirtschaften. Eine immer mehr entwickelte und vollkommene Technik brachte aber jedem Menschen mehr Freizeit, es gab kaum noch Beschränkungen. Die Hauptsache war, daß jeder eine Arbeit oder wenigstens ein paar eigene Kyrobs hatte, die er für sich arbeiten ließ und dafür Leistungspunkte erhielt. Nur die Entlohnung in den einzelnen Ländern war natürlich vorerst noch unterschiedlich.
Doch bald spielten selbst Entfernungen keine Rolle mehr und die Menschen strömten in solche Länder und Betriebe, die gut bezahlten.
Was also wollten die Länder machen, denen die Menschen wegliefen? Einige versuchten es mit Erklärungen und Bitten an die Bevölkerung, aber das brachte nicht den ersehnten Erfolg. Diese Länder gerieten dermaßen in Schulden und Schwierigkeiten, daß ihr weiterer Fortbestand nicht mehr möglich war. Sie fusionierten meist mit solchen Ländern, die einen besseren Weg gewählt hatten.
Um den internationalen Erfordernissen gerecht zu werden, mußten alle Staaten ihre Wirtschaft schnellstens dem Niveau der führenden Länder angleichen. Dadurch glich sich auch die Entlohnung auf der gesamten Erde sehr schnell den am weitesten entwickelten Nationen an.
So führte der Fortschritt zunächst zu einem fast unübersehbaren Chaos. Wer sollte die wild umherreisenden Menschen denn überhaupt noch einzeln auseinanderhalten können?
Den ersten Schritt hatte man damals bereits mit der Chipserkennung getan.
Die Körper der vielen "Manis" wurden indeß ständig weiter manipuliert. Bald kamen Recken in Mode mit starken, muskelstrotzenden Körpern, bald Zwerge mit zarten Gliedern, bald wurde dieser, bald jener Körperteil betont. Das führte zu einer Vereinheitlichung der Körper, zumal auch die Gesichtszüge der Mode unterworfen wurden. Die genaue Unterscheidung war am Ende wirklich nur noch durch die körpereigenen Chips möglich.
Und eines Tages entdeckte man dann auch die ersten Anzeichen geistiger und körperlicher Degeneration, vor der schon immer gewarnt wurde. Das Gehirn, welches durch die Chips fast vollständig entlastet wurde, verkümmerte. Der Körper, der nur noch von Ort zu Ort transportiert und gut gepflegt wurde, verkümmerte ebenfalls und es gab plötzlich auch unerklärliche, ungewollte Mißbildungen.
Noch viel schlimmer war, daß man durch die zuletzt in Mode gekommene neue Methode der aktiven Genveränderung in die Genetik direkt eingegriffen hat und als Folge eine totale Unfruchtbarkeit sowohl bei den Männern als auch bei den Frauen auftrat.
Alle Versuche, diese Erscheinungen durch erneute Manipulationen aufzuhalten und wieder normale Verhältnisse herzustellen, mißlangen. Die gequälte Natur setzte sich diesmal endgültig zur Wehr.
Schließlich reichte es dem wissenschaftlichen Rat, der ursprünglich zur Koordinierung wissenschaftlicher Forschungen gegründet worden ist und der schon damals in Australien seinen Sitz hatte. Er fertigte eine Studie an, die ein für die Menschheit sehr erschreckendes Ergebnis brachte.
Das Ausmaß der Manipulation und Degeneration wurde darin als höchst alarmierend und unmittelbar bedrohend für den weiteren Fortbestand der Menschheit überhaupt eingeschätzt, zumal jeder Mani mit untauglichen Mitteln versuchte, sich unsterblich zu machen.
In einer "Botschaft mit Gesetzeskraft an alle Menschen der Erde" verbot der Rat kurzerhand jede Art der weiteren Manipulation.
Damit hatte er erstmalig eine Entscheidung getroffen, die keinem wissenschaftlichen Zweck diente, sondern politische Bedeutung für die weitere Entwicklung auf der gesamten Erde besaß.
Doch der Rat bekannte sich zu dieser Verantwortung und versuchte nun, die natürliche Lebensweise der Menschen wieder einzuführen. Am Schwierigsten war dabei die Aufgabe, genügend noch nicht manipulierte menschliche Zellen für alle Organe zu finden.
Wenn man das alles genau weiß kann man sich doch leicht vorstellen, daß es über viele Jahrhunderte hinweg nur noch sehr wenig neugeborene und junge Menschen auf der Erde gab. Die vielen ehemaligen Manis konnten ja keine Kinder mehr bekommen .
Und damit trat genau das ein, was schon immer befürchtet wurde. Das theoretisch begründete Höchstalter des Menschen wurde damals mit etwa zweihundert Jahren angegeben. Die Folge war eine äußerst stark zurückgehende Population der Menschheit auf der ganzen Erde.
Um wenigstens zu retten, was noch zu retten war, hat der Rat durch ein globales Programm die wenigen Menschen die keine Manis waren, von überall her zusammengefaßt, um ihr genetisches Erbe für den Fortbestand der Menschheit zu nutzen.
Glücklicherweise konnte hierbei auf die medizinischen Forschungen zurückgegriffen werden, die man schon lange vorher an den verschiedenen Mani-richtungen vorgenommen hatte. Sie zeigten den Weg auf, der zur Überwindung der degenerativen Erscheinungen dringend beschritten werden mußte.
Mit großen Anstrengungen wurden von nun an vor allem bei den Neugeborenen wieder die normalen Verhältnisse hergestellt.
Die Menschen aber, des Manipulierens längst müde, waren zumeist froh über die Entscheidung des Rates und es kam fast zwangsläufig dazu, daß jeder in seinem Körper selbst nach ganz natürlichen Verhältnissen strebte.
Manipulationen wurden nur noch bei akuter medizinischer Notwendigkeit von Fachärzten vorgenommen und es gehörte die Genehmigung des Rates dazu.
Anfänglich gab es freilich eine kleine Gruppe Menschen, die das als Eingriff in ihre Freiheit und persönliche Entscheidungsgewalt betrachteten. Sie versuchten, gegen das Gesetz vorzugehen und sogar eine Meuterei gegen den wissenschaftlichen Rat, für die sogenannte "Freiheit der Entscheidung", anzuzetteln.
Selbstverständlich fanden sich zuerst auch Menschen, die ihnen Recht gaben. Zum Glück setzte sich aber doch die Vernunft durch und es kam endlich wieder Ordnung in die Gesellschaft. Die Manis verschwanden schließlich endgültig und für immer.
Beibehalten wurde das Einsetzen einer ganzen Serie von Chips. Dies geschah gleich nach der Geburt und stattete die Menschen mit allen möglichen Eigenschaften aus die sie zwar vervollkommneten, aber dennoch ihre natürlichen Anlagen bewahrten.
Und wie es immer bei solchen Dingen ist, kaum war man von einer modischen Erscheinung abgekommen, beschritt man konsequent den entgegengesetzten Weg. Ein neuer Look kam auf, den man "Nostalgielook" nannte. Die zunächst noch kleine Anhängerzahl versuchte einfach und auf Urahnenart zu leben.
"Zurück auf die Bäume-Gruppe" wurden sie scherzhaft genannt. Man entdeckte den naturverbundenen nostalgischen Lebensstil und versuchte, ohne jede moderne Hilfe ganz natürlich zu leben.
Die Anhänger dieser neuen Welle wurden sehr schnell immer zahlreicher. Sie suchten alle Arten von körperlicher Anstrengung sowie schwere Arbeit, trafen sich regelmäßig beim Sport und übertrieben nun wieder gewaltig in dieser Richtung.
Im Laufe der Zeit blieb zwar der Look erhalten, aber es entstand daraus doch eine ungekünstelte und natürliche Lebensweise. Seine jetzigen Anhänger waren kerngesunde Naturburschen, die keine medizinischen Einrichtungen brauchten.
"Was ist das denn für eine Narbe?"
Stani zeigte auf eine tiefe Narbe am Oberarm von Cherry, der ihm gegenüber saß.
"Die habe ich mir voriges Jahr bei einem Sturz mit dem Motorrad geholt, das Ding steht seit uralten Zeiten bei uns in der Garage und ich habe es nur so zum Spaß wieder flott gemacht."
"Aber Motorräder fuhren doch damals mit Erdöl?"
"Mit Benzin, das hat man aus Erdöl hergestellt".
"Und schon im 21. Jahrhundert verboten, weil es die Umwelt fast zerstört hatte."
"Stimmt, zu jener Zeit gingen die Erdölländer fast den Bach runter. Dafür kamen die ganz, ganz armen Länder plötzlich zu Reichtum. Das einzige was sie genügend hatten, war Sonnenenergie. Überall entstanden damals Anlagen, die jeden einzelnen Sonnestrahl eingefangen und in Elektrizität umgewandelt haben.
Yessan, ein Äthiopier, entwickelte eine Technik zur Fernübertragung der Energie. Bald war das Ganze so ausgereift, daß die Fahrzeuge ihre Energie direkt durch eine Antenne empfangen und zur Fortbewegung nutzen konnten."
"Und die bis dahin armen Länder waren plötzlich sehr reich, damals konnten die ganzen Probleme dieser Länder gelöst werden, sie hatten Macht und Einfluß. Am Ende dieser Periode gab es fast keine Armut mehr auf der Erde", wußte die zierliche Fiarella, die Frau von Cherry.
"Na ja, ganz so einfach ging das damals auch nicht vonstatten, es gab erst mal einen ziemlichen Streit um die Anlagen für die Gewinnung der Sonnenenergie. Man hatte sie schließlich mit dem Geld und mit dem know how der Industrieländer gebaut. Und die sahen sie dann auch als ihr Eigentum an. Da ist noch so manches Blut vergossen worden, ehe die Rechtsfragen geklärt waren". Stani sagte das mit sehr ernstem Gesicht und alle Anwesenden nickten dazu schweigend.
Doch schon kamen wieder andere Themen zur Sprache, auch der Wein tat sein Übriges, sodaß die trüben Gedanken verflogen. Stani unterhielt sich noch lange mit seinen neuen Freunden und kam dabei in eine wunderbar ausgelassene Stimmung. Als er sich von ihnen verabschiedete, hatte sich bereits eine ganz natürliche Zuneigung gebildet.
Cherry legte Wert darauf, daß er sein Motorrad mühevoll auf Gugronenantrieb umgebaut hatte und kein umweltfeindliches Benzin verwendete.
9. Kapitel - Hochilli und Kobrink
"Nein, Chiroga, die linke Hand drückt gegen den Helm und die rechte Hand faßt den Verschluß und nicht umgekehrt, denn zuerst wird der Kinnriemen geschlossen!"
Benbil stand hinter dem fleißig übenden Mädchen, nahm ihre Hände und legte sie am Skaphander fachgerecht an. Dabei hatte sie ihn gar nicht um Hilfe gebeten. Das aufdringlich- selbstverständliche Gehabe und sein vertrauliches Getue stieß sie eher ab und der Gedanke, daß er auch mit zum Andrateam gehört, war ihr unangenehm. Stumm und verbissen übte sie deshalb so lange weiter, bis sie jeden Handgriff beherrschte.
Beim Essen setzte sich Benbil natürlich zu Gabriella an den Tisch. Chiroga war darüber sichtlich erleichtert und ging auf einen etwas entfernt stehenden Tisch zu, an dem schon Kobrink und Hochilli saßen.
"Darf ich", fragte sie leise.
"Aber natürlich, Chiroga, du mußt uns doch nicht extra noch fragen".
Kobrink bekam von Megira das Angebot, als Kommandeur der Omikron zur Andra zu fliegen. Seine große Raumerfahrung, das ruhige, ausgeglichene Wesen und die stets durchdachten Handlungen des weißhaarigen 83-Jährigen hatten zu dieser Wahl geführt.
Es war eine sehr gute Wahl, denn die große, kräftige Gestalt und sein trotz der Lachfältchen und des offenen, warmen Blickes sehr ernstes Gesicht bewirkten, daß man sofort ein festes und unerschütterliches Vertrauen zu diesem Manne faßte, er schien der Prototyp des Kommandeurs zu sein.
Wie jeder hier im Kosmoszentrum so wußte natürlich auch Chiroga, daß Kobrinks Familie vor einigen Jahren auf einer Ausflugsreise tödlich verunglückt war. Seitdem wirkte das einst so fröhliche Gesicht sehr ernst und kummervoll. Doch weil er niemals darüber sprach, schwiegen auch andere darüber.
Freilich wäre ein ganz offenes Gespräch unter Freunden, bei dem er einmal seinen ganzen Kummer und sein Herz richtig ausschütten konnte, für ihn vielleicht besser gewesen, aber das ahnten nur wenige. Wer ihn sah, bemerkte auch in schwierigsten Situationen stets nur seine ruhige, gefaßte Haltung und schätzte seine Zuverlässigkeit. Seine wahre Gemütsverfassung wußte er zu verbergen.
Das Unglück hatte damals alle tief bewegt. Kobrink ist nur für wenige Wochen als Kommandeur einer Transport- und Montagekolonne zum Mars geflogen, um eine neue wissenschaftliche Station einzurichten. In dieser Zeit fuhr die Frau mit den Kindern ein paar Tage ins Touristenzentrum Alaska, um Ski zu laufen. Die Zeit war auch schon fast herum, als bei einer letzten Ausflugstour in die Berge das Unbegreifliche geschah. Durch einen Fehler in der Steuerung klappte die Koordinierung Üsat-Rettungsstation in dem Augenblick nicht, als die gesamte Familie von einer Lawine verschüttet wurde. Man fand sie erst zwei Tage später und da kam natürlich jede Hilfe viel zu spät.
Damals ist Kobrink sofort ganz allein und schweigend vom Mars heimgekehrt, blieb einige Wochen im Haus und reagierte auf keinerlei Versuch, mit ihm irgendwie in Kontakt zu treten.
Was in dieser Zeit dort im Haus geschah, blieb bis heute ein Rätsel. Aber als er dann wieder herauskam, sah er um Jahre gealtert und sehr ernst aus. Sein bisher so schönes schwarzes Haar war schlohweiß und er hat es niemals behandeln lassen, sodaß es inzwischen sogar zu seinem Markenzeichen geworden ist.
Chiroga betrachtete ihn verstohlen von der Seite. Wenn man ganz genau hinsah merkte man, daß er noch immer sehr darunter litt. Nur sein Wille und seine Selbstdisziplin ließen ihn äußerlich so ruhig erscheinen und sie konnte sich vorstellen, wie dankbar und sogar erleichtert er das Angebot angenommen hat, als Kommandeur der Omikron in eine andere Galaxis zu fliegen.
Wir alle verlieren unsere Angehörigen für immer, ich werde ihn wohl erst richtig verstehen, wenn wir in einigen Millionen Jahren auf der Andra sind, ging es ihr durch den Kopf.
Chiroga dachte viel an Stani. Zwar konnte ihr der Kyrob jederzeit sagen wo er sich befand, doch er wollte mit niemandem sprechen, der aus Australien kam. So war ihm wohl ganz gewiß auch noch gar nicht bekannt, daß sie ebenfalls mitflog.
Auch Chiroga verstellte sich vor den anderen, denn keiner sollte bemerken, wie sehr sie Stani vermißte. Außerdem schämte sie sich ein wenig, denn alle anderen Teilnehmer der Expedition saßen hier im Saal in vertrautem Gespräch zu zweit.
Immer, wenn sie an Stani dachte, fielen ihr seine starken Arme ein und dann wünschte sie sich, von diesen Armen ganz fest gehalten zu werden und sogar darin einzuschlafen. Von ihnen ging jene Geborgenheit und Vertrautheit aus, die sie schon immer gesucht hatte. Wenn er wenigstens hier wäre, denn außer mir hat jeder seinen Partner, waren ihre Gedanken.
Sie blickte auf Hochilli, die ihr gegenüber saß. Groß und schlank wirkte sie mit ihrer aufrechten Körperhaltung jünger, als sie in Wirklichkeit war. Sie flog als Kommunikator mit, um beim Zusammentreffen mit anderen Lebewesen auf der Andra eine Möglichkeit der Verständigung zu schaffen.
Hochilli war allein, die Kinder schon groß und der Mann auf einer Expedition zur Wega. Wenn er zurückkommt, wird der Altersunterschied zu groß sein, um ein weiteres Zusammenleben zu ermöglichen. Sie war jetzt 95 Jahre alt, er wird erst in 50 Jahren zurückkommen und dann 31 Jahre alt sein.
Damit war sie beileibe kein Einzelfall, denn so wie ihr erging es vielen verheirateten Raumfahrern.
Im allgemeinen blieben Ehepaare auf Reisen zusammen, die sehr lange dauerten und das wurde auch vom Kosmoszentrum unterstützt. Wenn es aber einmal nicht möglich ist, bleibt vielfach nur noch die Trennung für immer. Hochilli wollte sich zu jener Zeit nicht von den Kindern trennen und blieb hier.
Später nahm sie an einer Vielzahl von kleinen Raumflügen und Expeditionen teil. Ihr damaliger Lebenspartner Allan war immer der Kommandeur, aber auch zu ihm sagte sie nein, als er einen langen Flug zum Rigel annahm und war seitdem wieder allein.
Vor vier Jahren flog sie als Transportbegleiter zusammen mit Kobrink zur Venus. Mit ihr unterhielt er sich nach über zwei Jahren seit dem Unfall seiner Familie zum ersten Mal wieder über ganz belanglose Themen und wichtige Tagesereignisse.
Seitdem sind die beiden viel zusammen, reden von sich wie von alten Freunden und Bekannten. Aber es konnte niemandem entgehen, daß es mehr als Bekanntschaft und Freundschaft war. Aus der starken Zuneigung und Sympathie, die auf dem Venusflug begonnen hat, ist inzwischen eine ruhige, aber um so tiefere Liebe geworden.
Das gab für Megira und sein Komitee den Ausschlag, Hochilli die Teilnahme an der Andraexpedition vorzuschlagen. Sie war ernst und gesetzt, sprach langsam und mit Überlegung. Es gibt wohl kaum eine Arbeit, die sie als Raumfahrer noch nicht gemacht und in der gewohnten ruhig sicheren Art hervorragend gemeistert hat.
Ihre Überlegenheit bewies sie vor 25 Jahren bei der Bruchlandung der M VIII-Expedition auf dem Merkur, an der Hochilli als Fahrer des Transportgravistaten teilnahm. Während der Landung lösten die Gugronen auf dem heißen Merkursand eine seltsame energiereiche Gegenstrahlung aus, deren Entstehung nie richtig geklärt werden konnte. Jedenfalls stürzte die M VIII aus etwa 10m Höhe auf den steinigen Planeten und dabei wurde der Gugronenantrieb zerstört.
Das Raumschiff war nur noch ein Wrack, aus dem außerdem der Sauerstoff entwich. Das sah zwar sehr schön aus, wie sich rings um die M VIII sofort viele brennbare Teilchen durch den Sauerstoff entzündeten. Sie flackerten wie lauter Irrlichter und erhellten die Trostlosigkeit des Planeten, aber das hätte auch mit Sicherheit das Ende der Raumfahrer bedeutet, wenn der Sauerstoff restlos aus dem Schiff entwichen wäre.
Höchste Eile war also geboten. Aber beim Absturz hatte sich die Tür zwischen dem Kommandoraum und dem Kyrobraum verklemmt und die Wartungskyrobs konnten bei Alarm nur durch diese Tür kommen, um den Defekt im Schiff zu suchen und zu beheben.
Auf einer Seite standen die Menschen, auf der anderen Seite die Kyrobs und rüttelten an der Tür, jedoch sie ließ sich auch mit Gewalt nicht öffnen und jeder der sechsköpfigen Besatzung versuchte, irgendein brauchbares Teil aus dem Raum als Werkzeug zu benutzen.
Da suchte Hochilli zuerst einmal den Riß, aus dem der Sauerstoff austrat und ortete ihn schließlich hinter dem Vorratsschrank. Sie räumte den Schrank in aller Eile aus, zum Glück war er direkt an das Schiff angebaut worden und hatte auf seiner Rückseite nicht extra noch eine feste Rückwand.
Und mit einem Mal sah sie das große Loch. Es wurde ihr nun auch klar, was eigentlich geschehen ist. Eine Platte der äüßeren Verkleidung hatte sich durch die Bruchlandung verschoben und war durch die Innenhaut gedrückt worden. Dabei entstand dann das Leck mit seinen scharfen, nach innen gedrückten Kanten.
Hochilli nahm sofort alle verfügbaren Kleidungsstücke und Geräte, um das Loch zu verstopfen. Es gelang ihr auch ganz gut und erst als kein Sauerstoff mehr entwich, wurden die anderen Mitglieder der Besatzung auf sie aufmerksam. Man klebte dann gemeinsam ein großes Foliestück auf die verstopfte Stelle. Jetzt war die Gefahr gebannt und es konnte in Ruhe und mit Überlegung an die Rettung herangegangen werden.
Hochillis überlegte Handlungsweise hatte nicht nur den Menschen das Leben gerettet, sondern auch die Rettung des Raumschiffes ermöglicht. Nach der werftmäßigen Reparatur in Neuseeland ist es wieder eingesetzt worden und befand sich zu der Zeit, als die Omikron vorbereitet wurde, gerade auf Patrouille in den alleräußersten Bereichen des heimischen Sonnensystems.
Der Unfall löste damals aber ein allgemeines Entsetzen aus. Niemand getraute sich noch, Gugronen für die Landung zu benutzen. Da sich der genaue Hergang des Unfalles auch mit den Aufzeichnungen der MVIII nicht mehr rekonstruieren ließ, wurden die allgemeinen Sicherheitsbestimmungen für die Landung auf fremden Sternen verschärft. Die Landestelle wird zuerst aus größerer Höhe mit Gugronen bestrahlt und genau untersucht, ehe überhaupt zur Landung angesetzt werden darf.
Der Kyrob hatte inzwischen die Nachspeise serviert, ein wohlschmeckendes vitaminreiches Früchtekompott. Kobrink wandte sich an Chiroga und fragte, wie es bei ihr mit der Ausbildung vorangeht.
"Eigentlich überraschend gut, bisher gab es keine ernsthaften Schwierigkeiten. Heute Nachmittag lasse ich mich durchchecken, aber auch da ist alles in Ordnung", antwortete sie.
Am nächsten Tag wußte sie zu berichten, daß tatsächlich ein Chip im Rücken gewechselt werden mußte. Den winzigen Stich hatte sie dabei kaum gespürt. Nun wird sie sich noch drei Tage kontrollieren lassen, ob der neue Chip auch richtig eingesetzt, von ihrem Körper ordnungsgemäß angenommen und aktiviert wurde und das Wichtigste, ob er denn überhaupt funktioniert.
Seine Aufgabe bestand darin, die Regeneration der Körperzellen zu überwachen und eventuelle Fehler sofort durch Schmerzen an der betreffenden Stelle anzuzeigen. Daß er unbemerkt nicht funktionierte, ist auf Chirogas Jugend zurückzuführen. In ihrem Alter muß die Regenerierung der Körperzellen noch nicht durch irgendwelche Chips gesteuert werden.
Bis zum Start waren es inzwischen nur noch 18 Tage. Wie ein großer Quader von der Größe eines Fußballfeldes und der Höhe eines Hochhauses wirkte Omikron auf dem Startplatz. In den riesigen Lagerräumen verschwanden unaufhörlich eine Menge Dinge, die in allen denkbaren Situationen benötigt werden könnten. Dann wurden die Räume evakuiert, um die Ladung im totalen Vakuum zu konservieren.
Nur einige Kyrobs übernahmen die Überwachung und wenn nötig die Pflege, vor allem bei Störungen und Havarien. Sie waren mit der Kommandozentrale verbunden und meldeten ihre Tätigkeit dorthin, konnten aber auch direkt von dort gesteuert werden. In allen so konservierten Lagerräumen gab es sogar eine Werkstattecke, wo es für die Kyrobs möglich war, sich selbst und auch gegenseitig zu reparieren. Schließlich sollten sie mehrere Millionen Jahre lang zuverlässig funktionieren und es war nicht nötig, wegen jedem kleinen Defekt den Raum zu öffnen.
Die Funktionssicherheit der Betreuungskyrobs konnte schon dadurch garantiert werden, weil während des normalen Fluges im Raum erfahrungsgemäß kaum Arbeiten anfallen. Da reicht es aus, wenn sie nach einem genauen Plan ab und zu routinemäßig bewegt werden. Alle anderen Kyrobs auf den Schiffen sollten mit in den allgemeinen Tiefschlaf einbezogen werden.
Wenn irgend etwas ungewöhnlich erschien, so war es die Ausstattung der Gugronenerzeuger mit Thorium 232. Im allgemeinen wurde als Strahlenquelle immer radioaktiver Kohlenstoff genommen, aber seine Halbwertszeit mit 5,7 tausend Jahren war natürlich viel zu kurz. Thorium 232 mit einer Halbwertszeit von 14 Milliarden Jahren ist dafür auf der Erde viel zu gefährlich, viel zu teuer und auch unnötig.
Doch für die Omikron bestand keine andere Möglichkeit, die Geräte mußten ja einige Millionen Jahre lang zuverlässig funktionieren. Es gab sogar eine Gruppe Kyrobs, die neue radioaktive Isotope aktivieren und auch einsetzen konnten, wenn es notwendig sein sollte.
Für die Ausstattung und Sicherheit der Omikronexpedition überzog das Kosmoszentrum sein Kontingent und mußte bei Kontila eine Erhöhung der Mittel beantragen, aber der Rat stimmte nach kurzer Debatte einstimmig zu. Schließlich sollte der Kontakt zweier Galaxien nicht an der Engstirnigkeit der Ausstattung von Omikron scheitern.
10. Kapitel - Ulzine und Gandew, Tamina
"So, und jetzt fliegen wir noch einmal ans Meer", sagte Ulzine, als sich die Tür des Kosmoszentrums lautlos hinter ihnen geschlossen hatte. Sie flog auch sofort los, noch ehe Gandew etwas erwidern konnte. Er holte seine Frau deshalb ein und erinnerte daran, daß für heute eigentlich der Rundgang im Freizeitpark mit dem Urenkel eingeplant war, auf den er schon so lange wartet. Aber Ulzine sagte bestimmt:
"Das läuft uns ja nicht weg, jetzt fliegen wir erst einmal zum Strand!" Ergeben winkte Gandew ab.
Tamina als unfreiwillige Zeugin dieser Szene schmunzelte. Sie kannte die beiden von mehreren Expeditionen her und hatte sich schon immer über dieses sehr ungleiche Paar gewundert.
Gandew groß, hager, etwas eigenbrötlerisch und meist schweigend, war für Omikron als Naturwissenschaftler verpflichtet worden. Tamina wußte, daß er zwar meist in seinen Gedanken versunken ist, aber sonst alles gründlich macht, was er beginnt.
Seine Erfolge als raumfahrender Naturwissenschaftler haben ihm einen festen Sitz im wissenschaftlichen Zentrum eingebracht und wenn er nicht ständig zu allen möglichen Expeditionen starten würde, wäre er mit Sicherheit eines der ständigen Mitglieder im wissenschaftlichen Rat. Aber durch seinen Beruf ist er dazu nicht in der Lage, hat jedoch eine beratende Stimme und seine Meinung ist immer sehr gefragt.
Wenn ihn Megira nun als Naturwissenschaftler für die Expedition Omikron ausgewählt hat, so ist das ein Zeichen der Wertschätzung. Für diesen Flug wurden nur die Besten ausgewählt.
Es gibt viele Berichte, wie er sein Leben für die Besatzung eingesetzt hat und wie er mit seiner ruhigen Gelassenheit auch in noch so hektischen Situationen immer den Überblick behielt.
Ulzine, seine Frau, war das ganze Gegenteil. Quirlig und etwas pummelig, etwas rechthaberisch und immer herrisch. Sie wurde deshalb zumeist mit Vorsicht behandelt, manchmal ging man ihr auch direkt aus dem Wege.
Aber sie war verläßlich und hilfsbereit, vor allem sah sie selbst, was getan werden mußte und verstand auch kräftig zuzupacken. Sie flog als stellvertretender Gravitroniker mit und ihr oblag die Betreuung der Besatzung während des Fluges, sie war "Mädchen für alles", war für die Ordnung im Raumschiff zuständig.
Hoffentlich lasse ich mal nie was liegen, dachte Tamina besorgt. Sie konnte sich Ulzines Auftreten in diesem Falle ganz gut vorstellen.
Übrigens waren Gandew und Ulzine das einzige Ehepaar an Bord der Omikron.
Sie selbst, Tamina, hatte sich seit der letzten großen Expedition mit Antolin angefreundet und zwischen ihnen war seitdem ein ruhiges stilles Einvernehmen. Eigentlich hatten sie noch niemals darüber gesprochen, sie suchten aber beide die Gegenwart des Anderen und empfanden dabei eine starke Zuneigung.
Tamina wirkte sehr fraulich, war mittelgroß, ruhig und besaß einen eisernen Willen.
Das mittellange, goldblonde Haar fiel in weichen Wellen breit über die Schultern und wippte beim Laufen im Rhythmus ihrer Schritte. Das trug wesentlich zur Verstärkung und Unterstützung des angenehmen Eindruckes ihrer gesamten Erscheinung bei.
Sie besaß eine recht große Raumerfahrung, blieb stets ruhig und liebte klassische Musik. In unendlich vielen Bewährungssituationen hatte sie ihre Überlegenheit, Fähigkeit und Tapferkeit, aber auch ihren Teamgeist bewiesen. Niemand konnte genau sagen, wieviel Raumfahrer ihr das Leben verdankten, wie oft sie ihr eigenes Leben in Gefahr gebracht hatte, um anderen zu helfen und sie zu retten.
Für Omikron war sie als stellvertretender Kommandeur und auf Andra als Leiter der Forschungsexpedition vorgesehen. Sie freute sich auf den Flug und war glücklich, daß sie bei Antolin bleiben konnte. Hier, auf der Bank vor dem Kosmoszentrum, hing sie ganz allein ihren Gedanken nach, während sie ein klassisches Klavierkonzert aus dem Konzertsaal hörte.
Kapitel 11 Der Schloßgeist
Stani hatte sich bisher nicht im Mindesten um die Vorgänge in Australien gekümmert, denn laut Raumfahrordnung hatte er sich erst spätestens einen Tag vor dem Start medizinisch untersuchen zu lassen. Die Raumfahrer mußten auch nicht unbedingt vorher dort eintreffen, weil alle Vorbereitungen vom Kosmoszentrum routinemäßig und sehr gewissenhaft durchgeführt werden.
Natürlich wird bei einer derartig aufwendigen Expedition wie in diesem Falle erwartet, daß die Besatzung schon ein paar Tage vorher eintrifft. Schließlich kann es immer irgendwelche Störungen oder medizinischen Problemen geben, und dann muß noch genügend Zeit zum Handeln zur Verfügung stehen.
Aber das war Stani egal, man kam auch ohne ihn ganz gut zurecht.
Er bereiste Europa und war begeistert von diesem seit einigen Jahrhunderten etwas in Vergessenheit geratenen Kontinent, weil er hier seinen eigenen, noch immer heftig bohrenden Schmerz ebenfalls vergessen konnte.
Ab und zu dachte er allerdings schon daran, daß Chiroga damals so begeistert von Europa geschwärmt hatte, und dann spürte er jedesmal einen kleinen Stich im Herzen. Aber jedes Mal es gelang ihm wieder, sogleich an andere Dinge zu denken und sich von diesem phantastischen Land ablenken zu lassen.
Vielerorts begrüßte den Besucher schon aus der Ferne ein mittelalterliches geheimnisvolles Schloß oder die trutzige Ruine einer längst vergessenen Ritterburg. Sie schienen Stani zur Besichtigung geradezu einzuladen und er vermeinte dabei auch heute noch noch einen ganz besonderen Zauber aus der mittelalterlichen Zeit mit ihren Ritterspielen, Lanzen und Schwertkämpfen zu spüren.
Es war auf einem dieser Schlösser, natürlich mit einer erstklassig geführten privaten Servicestation, wo er mit dem Schloßherren ins Gespräch kam.
"Sie sind sicherlich zum ersten Mal hier bei uns?" wurde er freundlich gefragt.
"Ja, überhaupt das erste Mal in Europa."
"Und? Gefällt es Ihnen?"
"Ach, ich bin ja total begeistert. Was habe ich schon alles gesehen, aber das hier ist wunderschön."
"Na ja, das erscheint Ihnen im Moment vielleicht so, wenn Sie es nach einiger Zeit mit Abstand betrachten, werden Sie es sicherlich real dorthin einstufen, wo es hingehört", war die wie schon gewohnt bescheidene Antwort.
"Aber auch Ihr Schloß, das muß man einfach selbst gesehen haben, das kann man ja gar nicht beschreiben", Stani hatte sich jetzt in Begeisterung geredet und die Worte sprudelten wie bei einem Wasserfall nur so aus ihm heraus, "die 3D-Filme über die Ritterspiele oder den Überfall der Raubritter, das alles wirkt so echt, daß ich schon selbst ein Schwert suchen und mitkämpfen wollte."
"Ha, ha, da sind Sie nicht der Einzige, dem so etwas passiert. Wir sind längst daran gewöhnt, daß die Zuschauer zu schreien anfangen oder aufspringen, um jemanden abzuwehren."
"Es wirkte ja auch unwahrscheinlich echt, rings um mich tobten heftige Kämpfe, klirrten Waffen und spritzte Blut. Als dann der schwarze Ritter mit dem Kampfbeil auf meinen Kopf schlug, bin ich ausgewichen, so real erschien mir das alles."
"Die Filme sind schon sehr alt, sie stammen aus dem zwanzigsten Jahrhundert, wurden aber später von den Kyrobs aufgearbeitet und in 3D-Technik übertragen. Zur Zeit ihrer Entstehung gab es noch keine Kyrobs. Damals gab es eine ganze Industrie, wo Filme aller Art gedreht wurden. Und als Schauspieler nahm man richtig lebende Menschen. Sie wurden meist sehr berühmt und reich."
"Und waren wunderschön, wie das Burgfräulein, das dem Ritter aus ihrer Kemenate zugewinkt hat", schwärmte Stani.
"Na, und die Prinzessin, die ihm dann als Siegespreis ihren Schleier überreicht hat, war die etwa nichts?"
"Die war genau so hübsch, ich glaube, mir wäre damals die Wahl verdammnt schwer gefallen".
"Aber es war damals alles andere als eine schöne Zeit. Die Kämpfe beim Turnier und die rauschenden Feste auf den Burgen und Schlössern hatten eine grausige Kehrseite."
"???"
"Kommen Sie mit, ich zeige Ihnen einmal etwas, das die Touristen schon seit Jahrhunderten nicht mehr zu sehen bekommen und auch gar nicht sehen wollen".
Stani trat hinter dem Schloßherren durch eine versteckte Tür, die sich scheu und fast unsichtbar hinter einer dichten Efeuhecke zu verbergen suchte. Dahinter führte ihn eine schmale, alte Treppe aus Kalkstein hinab in ein muffiges Gewölbe, das ihn kühl und beängstigend empfing. Es wirkte wie ein drohender dunkler Rachen, sofort bereit, den zögernd erschauernden Eindringling aufzunehmen und für immer verschwinden zu lassen. Eingerahmt wurde der ganze unheimliche Schauplatz von einem schmutzigen Kreuzgewölbe aus roh behauenen Kalksteinen.
Erst allmählich mußte sich das Auge an das spärliche diffuse Licht gewöhnen, das hier unten herrschte und dann erblickte Stani eine gruslige Szene, die einem Horrorfilm entnommen sein könnte. Hinter halb verrosteten Gittern lagen eine ganze Doppelreihe steinerner, feuchter Kerkerzellen.
Diese mögen wohl einst die hier gefangenen Feinde veranlaßt haben, jeden Gedanken an ein neues freies Leben aufzugeben.
"Ein Platz in solch einer Zelle war fast immer die Endstation", sagte der Schloßherr.
"Das muß ja furchtbar gewesen sein", entgegnete Stani, "die armen Menschen, die hier eingesperrt waren."
"Dabei ist das noch nicht einmal das Ärgste, es kommt noch viel schlimmer".
Am Ende des unheimlichen Ganges entdeckte das inzwischen an die Dunkelheit gewöhnte Auge eine schwere, eiserne Tür, die jetzt für den Gast geöffnet wurde. Verständnislos blickte Stani in eine mittelalterliche Folterkammer, von so etwas hatte er noch nicht einmal etwas gehört. Seine untersten Speicherchips hatten zum Glück ein paar Informationen, aber vorstellen konnte er sich trotzdem nicht, was hier einst geschehen ist.
"Genau hier, in diesem Gewölbe und in dieser Folterkammer ist im 20. Jhd auch ein Actionfilm gedreht worden, als die Menschen nur noch Blut und Gewalt sehen wollten. Auch dieser Film wurde von den Kyrobs in 3D-Technik übertragen. Zum Glück hat sich die Zeit aber geändert, heute will solch einen gewalttätigen Film keiner mehr sehen.
"Na ja, ansehen würde ich ihn mir schon mal", sagte Stani interessiert.
Plötzlich ertönte von der Treppe her Geschrei und das Gewölbe wurde von dort zunehmend durch flackernden Fackelschein erhellt. In dem spärlichen Licht erblickte Stani auf einmal die Zellen voller todkranker, entsetzlich aussehender Gestalten mit grauen, bärtigen Gesichtern und dunklen Ringen unter den glanzlosen Augen, die stumm und hoffnungslos auf die für sie gewohnte Szene blickten. Vier halbnackte, kräftige Gestalten schleppten einen Gefangenen, in dem Stani überrascht den strahlenden Sieger des soeben erlebten Turnieres erkannte, in seinem Ärmel leuchtete noch immer das feine Tuch der Prinzessin.
Der junge Kämpfer wehrte sich zwar heftig, aber gegen die vier kam er nicht an. Der Weg führte den Zug direkt vor die Folterkammer, deren Tür jetzt geöffnet wurde. Zwei vierschrötige Kerle kamen heraus und ergriffen den unglücklichen Ritter. Sie verdrehten ihm die Arme hinter dem Rücken und zogen ihn an diesen verdrehten Armen mit einer Kette in die Höhe.
Stani wandte sich erschauernd ab und bat seinen Gastgeber, den Film zu unterbrechen.
"Das waren wirklich andere, viel brutalere Zeiten. Kein Wunder, daß heute niemand mehr so etwas sehen will", sagte er.
"So denken alle, denen ich den Film zeige".
"Kein Wunder, solchen billigen Nervenkitzel haben wir heute nicht mehr nötig", entgegnete Stani.
"Ein ganz anderes Problem waren Geister und Spukgestalten, die damals die Schlösser unsicher machten und sich teilweise bis in die heutige Zeit erhalten haben."
"Na ja, die Menschen des Mittelalters hatten eben ihre eigene Vorstellung von amüsanten Erlebnissen."
"Aber hier im Schlosse spukt es wirklich, denn der Geist eines grausamen Raubritters, der öffentlich geköpft wurde, wandelt nachts noch immer durch die Räume."
"Ha, ha, ha, solche Schauermärchen hat man im Mittelalter wohl unartigen Kindern erzählt, heult er denn auch richtig wie ein Gespenst?"
"Leider ist das kein Schauermärchen, die Gestalt gibt es wirklich, aber nur im alten Teil des Schlosses. Dort kann sich nachts niemand sicher fühlen."
"Jetzt hoffen Sie wohl, daß ich darauf hereinfalle. Geben Sie mir eine Stunde Zeit und ich schaffe zu Ihrem Unhold noch mindestens zehn Komplizen dazu."
"Ja, mit Kyrobs und 3D-Technik, das ist nicht weiter kompliziert. Aber in diesem Flügel gibt es weder einen einzigen Kyrob, noch irgend ein modernes Teil, dort ist alles original wie im Mittelalter geblieben. Selbst als Fackeln werden nur handgemachte Wachskerzen und Kienspäne verwendet."
"Und was stellt Ihr Geist dann an?" Stani war jetzt wirklich neugierig geworden, was der Scherz eigentlich bewirken sollte.
"Er steigt aus seinem Bilderrahmen, holt aus einem anderen Bild die Prinzessin Agnes, die er im Mittelalter wirklich getötet hat und ersticht sie mit einem Dolch. Danach schreit er laut auf und tötet auch noch Zeugen, die zufällig vorbeikommen.
Schließlich kommt die Kutsche der Prinzessin, der Kutscher ist auch schon tot, und mit seinen Gesellen fährt er lachend fort. Die armen Opfer des Überfalles bleiben auf dem Wege liegen."
"Und dafür hat man ihn dann geköpft?"
"Ja, er hatte der Prinzessin einen Ring abgenommen und den hat jemand bei ihm erkannt. Der König selbst kam hierher und ließ ihn in der Folterkammer quälen, bis er die Tat gestanden hat."
Als man ihn dann zum Schafott führte, lehnte er den Segen eines Pfaffen ab, spottete sowohl über ihn als auch über Gott und starb ohne Fürbitte. Deshalb kann er niemals zur Ruhe kommen und ist zum ewigen Spuken verdammt."
"Und wie kann er erlöst werden?"
"Nur, indem jemand wirklich mit ihm kämpft und ihn mit dem Schwert ins Herz sticht. Aber er ist halt ein sehr guter Kämpfer und hat schon oft vorlaute Helden getötet, die das Schloß von seinem Geist erlösen wollten."
"Das verstehe ich nicht, warum wird er denn nicht eingefangen und zum Beispiel ausgestellt? Das wäre doch bestimmt eine tolle Attraktion, so ein Gespenst hinter Glas."
"Einen Geist kann man nicht fangen", war die resignierende Antwort.
"Aber wenn er kämpft, dann muß das schon ein ziemlich handfester Geist sein".
"Und trotzdem kann man ihn nicht einfangen, er geht durch die Wände, als ob sie nicht da wären".
"Und Sie haben ihn wirklich schon selbst gesehen?"
"Natürlich, sogar schon oft, aber ich habe nicht den Mut, ihm gegenüberzutreten, ich ziehe mich dann immer sofort zurück."
"Na ja, auf alle Fälle haben Sie mich neugierig gemacht und ich sehe mir die Vorstellung einmal an, heute übernachte ich hier im alten Schloß."
"Das kann ich Ihnen nicht gestatten, weil es zu gefährlich ist, laut Schloßordnung ist das verboten".
"Dann fragen wir die Schloßordnung eben nicht, ich freue mich schon auf die Vorstellung".
"Ich mache mich strafbar, aber es ist schließlich Ihre eigene Entscheidung und Ihr Leben. Ich lasse im alten Rittersaal von den Kyrobs heute abend eine bequeme Liege für Sie bereitstellen."
Als sie wieder auf den Schloßplatz hinaustraten, erweckte soeben eine andere 3D-Aufführung den Eindruck eines rauschenden Festes mit Gesang und Tanz. So sehr gab sich Stani dem Genuß dieses Filmes hin, daß er sogar die Zeit vergaß und erst wieder aufschreckte, als die Besucher das Schloß bereits verließen.
Zum Abendessen hatte ihn der Schloßherr eingeladen, um ihm noch einige gute Ratschläge für die kommende Nacht zu geben. Aber Stani nahm das alles von der heiteren Seite und winkte lächelnd und in ausgesprochen fröhlicher Stimmung ab.
Die heitere Stimmung verflog allerdings sehr schnell, als er in den schmucklosen Rittersaal mit der düsteren Ahnengalerie geführt wurde. Den gesamten Mittelteil nahm ein riesiger Tisch ein, der bis zum Bersten mit Speisen und Getränken gedeckt war. Diese Dinge wirkten so echt, daß Stani unwillkürlich den Geruch am Spieß gebratenen Wildschweines zu spüren meinte und vergeblich die Weinmarke zu erraten suchte.
Der ganze Raum hatte etwas Düsteres, Gruseliges. War es die Dunkelheit, welche die gespenstischen Nischen und Winkel nicht ausleuchtete, sodaß der Eindruck einer von dort kommenden Gefahr entstand oder war es die Ähnlichkeit mit der Folterkammer, wo Stani ebenfalls solche Winkel und Nischen gesehen hatte? Das war ihm jedenfalls in diesem Augenblick nicht klar.
Höflich geleitete ihn der Schloßherr in den großen, etwas ungemütlich wirkenden Saal. Er hatte schmucklose Wände aus rohem Kalkstein, die außer einem guten Dutzend in dunklen Farben gehaltenen Bildern von rosigen, fetten Schloßherren, Damen und Kindern keine weiteren Verzierungen aufwiesen. Lediglich einige Schwerter und Lanzen hingen an einer Seite, auch eine eiserne Rüstung blinkte dort im Licht der Fackel.
Dieses ungewohnt flackernde Licht erzeugte von den Gegenständen im Raum drohende, sich lautlos bewegende Schatten, die ihm von allen Wänden nervös und feindselig entgegenwinkten.
Auffällig war vor allem das große Bild in der Mitte, welches eine von edlen Pferden gezogene Kutsche zeigt, die wohl soeben von mehreren finsteren Mordgestalten überfallen wird.
Stani hatte das unbestimmte Gefühl, daß ihn der Raubritter mit der schwarzen Feder am Helm unter seinem Visier drohend anblinzelte.
"Das wäre also der gespenstische Raum, den in der Nacht sogar die Mäuse meiden", wandte sich der Schloßherr an ihn.
"Na, ganz so schrecklich sieht er mir nun auch wieder nicht aus und ich bin auch keine furchtsame Maus", gab er lächelnd zurück.
"Richten Sie sich nur immer ein, ich lasse gleich noch eine Liege kommen."
Damit stand Stani allein in dem großen Raum und blickte sich um. Wo hier wohl die Kyrobs und die sonstigen Geräte für das nächtliche Spektakel versteckt sind, fragte er sich.
Seelenruhig griff er in seinen siebenten Körperteil, den kleinen Havarietornister der Raumfahrer, und hatte kurze Zeit später bereits einen Kyrob zusammengebaut, der ihm Gugronen oder andere Energiequellen anzeigen sollte. Auch konnte er damit technische und gravitronische Geräte jeder Art orten.
Zu seiner nicht geringen Verwunderung aber war von irgendwelchen Kyrobs bzw. anderen technischen Geräten gleich welcher Art nichts zu entdecken. Es gab keinerlei Strahlen oder Wellen, keine magnetischen oder elektrischen Felder, nicht einmal elektrische Leitungen. Überhaupt schien der gesamte Flügel des Schlosses wirklich echt im Originalzustand erhalten zu sein und noch niemals gab es hier irgendwelche Technik.
Stani hatte keinen Grund, an den Ergebnissen seines Kyrobs zu zweifeln. Selbst einen verlorenen Nagel oder einen Bleistift hätte er mit Sicherheit aufgespürt.
Kopfschüttelnd verstaute er alles wieder ordentlich im Tornister und überlegte, wie man den Spuk dann wohl bewerkstelligen kann. Es gab ja noch mehrere Möglichkeiten, die aber alle gravierende Schwächen hatten. Entweder waren Lichtstrahlen zu sehen, mechanische Puppen wirkten zu unecht, chemische Mittel und Bagollinistrahlen (@17) erzeugten Halluzinationen, waren aber nicht erlaubt und ließen sich noch mehrere Tage danach im Blut nachweisen. Na ja, vielleicht war irgend ein heller Kopf auf eine Idee gekommen, die noch nicht so bekannt ist. Auf alle Fälle wird es in der kommenden Nacht recht interessant werden, das war ihm klar.
Von fern hörte er Schritte hallen, die in den langen engen Gängen weit zu hören waren. Wie von Geisterhand öffnete sich die schwere Tür zum Saal und eine bequeme Liege wurde hereingetragen. Der Schloßherr, der selbst mitgekommen war, bat ihn erneut, den gefährlichen Plan aufzugeben. Als Stani das aber ablehnte, wünschte er ihm eine gute Nacht und verließ mit sorgenvollem Gesicht den Saal.
Der Tag hatte ihm so viele interessante Neuigkeiten gebracht, daß Stani sich jetzt ermüdet auf die Liege setzte und ungeniert gähnte. Noch einmal rief er sich das Erlebte ins Gedächtnis zurück, aber das mittelalterliche Leben, das gerade auf diesem Schloß so lebendig dokumentiert wird, gefiel ihm ganz und gar nicht. Nur die schönen adligen Burgfräuleins, die aus den Fenstern mit ihren bestickten Tüchern winkten, konnten ihm gefallen.
Schade, daß er diese Szenen nicht im Speicher aufgezeichnet hatte.
Natürlich versuchte er jetzt, sie noch einmal ins Gedächtnis zurückzurufen. Das war aber auch ein rauschendes Fest gewesen, er selbst würde damals wohl mit Begeisterung am alljährlichen ritterlichen Turnierkampf auf der großen Wiese teilgenommen haben.
Eigentlich fiel es ihm ja auch nicht besonders schwer, sich vorzustellen, wie er mit einer Lanze auf dem Pferd sitzt und gegen den ganzen Haufen eingebildeter Ritter kämpft. Selbstverständlich war er der Sieger des Kampfes und er bekam dafür als Siegerpreis von der Prinzessin das Tuch überreicht.
Aller Augen sahen zu, wie er an die Tribüne trat, um die begehrten Trophäe in Empfang zu nehmen. Viele neidische Blicke der besiegten Ritter verfolgten ihn dabei. Vor allem der schwarze Ritter, ein ausgezeichneter, aber ebenso hinterlistiger und falscher Kämpfer, den er nur recht mühsam bezwungen hatte, blickte drohend und mit finsterem Haß zu.
Aber dann, vor der Tribüne, schrak er derart heftig zusammen, daß es alle mit Erstaunen bemerkten, denn niemand anderes als Chiroga blickte ihn an. Sie saß dort als Prinzessin und übergab mit ihrem bezaubernden Lächeln, das er so sehr an ihr liebte, den Preis.
Er beugte sich glücklich über die zarte Hand und drückte seine Lippen darauf, spürte ihren warmen Atem und hörte sie leise einen Glückwunsch flüstern, während ihre weichen Haare sein Gesicht streichelten.
"Chiro..." wollte er sagen, doch sie verschloß ihm den Mund mit der anderen Hand. Hier galten die Regeln des Turnieres und darin war für private Gespräche kein Platz.
Als er dann Schritt für Schritt von der Tribüne zurücktrat und immer wieder das Tuch an die Lippen führte, hörte er den schwarzen Ritter böse Flüche ausstoßen. Stani wußte sofort, daß sich die Prinzessin, seine Chiroga, in großer Gefahr befand.
Aber wie konnte er ihr denn helfen, wo sie sich doch noch nicht einmal unterhalten durften. Zudem wurden der alten Amme des schwarzen Ritters auch noch magische Zauberkräfte nachgesagt, die sie für ihren Schützling jederzeit gern einsetzte.
"Prinzessin, ich werde Euch in jeder Not und Gefahr beistehen und vor jedem Unheil bewahren", sprach er mit einer Verbeugung und wunderte sich selbst, wie schnell er die Etikette der damaligen Zeit erlernt hatte, denn genau diese Worte wurden auch von ihm erwartet.
Hohnlachend verließ der Andere das Fest und schwang sich auf sein Pferd. Eine Handvoll undurchsichtiger Gestalten folgte ihm und Stani sah sie alsbald im dichten Wald verschwinden.
Er selbst verabschiedete sich nun ebenfalls und legte sich in der Nähe des staubigen Weges, den die Kutsche mit der Prinzessin nehmen würde, in seiner Rüstung zur einer unruhigen Ruhe nieder.
Zu seiner Erleichterung geschah in dieser Nacht aber nichts. Die Prinzessin hatte sich wohl überreden lassen, die Gastfreundschaft ihres Bruders, des dicken Herzogs, anzunehmen und erst in der Frühe des anderen Tages abzureisen.
So war es auch, denn am nächsten Morgen, bald nach Sonnenaufgang, rasselte die Fallbrücke über den breiten Wassergraben der mächtigen Burg. Die Kutsche kam, von sechs schnellen Pferden in leichtem, wiegenden Trab gezogen aus dem Tor gebraust und fuhr auf dem kürzesten Wege zu dem königlichen Schloß.
Kaum daß sie vorbei war, schwang sich Stani alsbald auf seinen edlen Rappen und folgte dem Gefährt mit der für ihn so teuren Last in kurzem Abstand.
Und er mußte auch nicht lange warten, da hörte er von vorn die Schreie des Überfalls. Wie der Blitz raste er in die Gruppe der Räuber und mähte links und rechts mit seinem Schwert eine Anzahl davon nieder.
Als er gewendet hatte, sah er den schwarzen Ritter der soeben mit der Prinzessin entfliehen wollte. Doch das gelang ihm nicht, denn Stani schnitt einfach ihm den Weg ab.
Wieder lachte der andere höhnisch auf und machte eine langsame Handbewegung. Zu seinem Entsetzen befand sich Stani plötzlich inmitten eines dichten Dornengestrüpps, das er mühsam mit seinem Schwert zerteilen mußte.
Das gibt es doch nicht, dachte er erstaunt, während er wütend auf die Dornenzweige einschlug, das ist wirklich Zauberei.
Inzwischen hatte der Entführer bereits einen beachtlichen Vorsprung. Was blieb dem Retter jetzt anderes zu tun übrig, als sich der schweren Rüstung zu entledigen, damit sein Pferd nicht nur leichter zu tragen hatte, sondern auch schneller und ausdauernder war. Dann jagte er dem Entführer hinterdrein.
Die Jagd zog sich über eine lange Strecke hin, denn der andere ritt einen sehr guten und ausdauernden Hengst. Doch der mußte zwei Menschen tragen und einer von ihnen steckte dazu noch in seiner schweren, eisernen Rüstung. Auf die Dauer ist so etwas auch für das allerbeste, stärkste Pferd zuviel.
Erst langsam, dann aber immer deutlicher schwand der Vorsprung des Entführers dahin und ein Versteck oder überhaupt ein Ziel seiner unüberlegten, sinnlosen Flucht war weit und breit nicht zu sehen.
Als Stani fast heran war, sprang der andere vom Pferd und riß die Prinzessin mit herunter. Chiroga schrie in Todesentsetzen auf und Stani wurde von Angst gepackt, daß er ihr etwas Schreckliches antun konnte.
Der heimtückische schwarze Ritter setzte ihr das Schwert an die Kehle und brüllte Stani an, er möge verschwinden, sonst stoße er zu.
So standen sie sich einen Augenblick gegenüber. Wenn Stani jetzt einen Fehler macht, ist Chiroga tot, das war ihm bewußt. Mit der Disziplin des erfahrenen Raumfahrers zwang er sich, klar und präzise die Lage einzuschätzen und einen geeigneten Ausweg zu suchen.
So wich er erst einmal nach hinten zurück, was der andere höhnisch unf zufrieden begrüßte. Als Stani dann aber mit einem Schritt zur Seite trat und dabei sein Schwert nach unten sinken ließ, konnte er die ganze Szene für einen Augenblick nur sehr verschwommen sehen.
So sieht es aus, wenn Gugronenstrahlen bei einer 3D-Halluzination durch das Kreislersche Phänomen geschwächt werden, drangen wie durch einen Nebel die Gedanken in sein Bewußtsein. Und plötzlich war er hellwach, es fiel ihm wie Schuppen von den Augen. Er wird durch eine 3D-Halluzination genarrt!
Bei dieser Technik werden ganz bestimmte Strahlen, sogenannte Bagollinistrahlen eingesetzt, die auf das zentrale Nervensystem wirken, die Beta-Wellen des Gehirns beeinflussen und vor allem bei ermüdeten Menschen Träume hervorrufen. Bei allen bisher bekannten Verfahren wurden nun chemische Mittel verabreicht, um zusätzliche Halluzinationen hervorzurufen. Aber alle diese Mittel wirkten so ähnlich wie die Drogen früherer Jahrhunderte und waren deshalb vom wissenschaftlichen Rat in ihrer Anwendung streng verboten.
Doch Stani konnte sich auch noch ein anderes Verfahren vorstellen, das seines Wissens nach aber nirgends angewendet wird. Dabei werden mit Hilfe der körpereigenen Chips und einem speziellen Steuerkyrob Gugronenstrahlen eingesetzt, die den Traum unbemerkt zur täuschend echten Wirklichkeit werden lassen.
Ganz offenbar war hier auf dem Schloß jemand auf diese Idee gekommen und nun freuen sich die Eingeweihten immer darauf, wenn wieder jemand hinter das Geheimnis des Spukes kommen will.
Sollte die betroffene Versuchsperson hierbei also kämpfen, so kämpft sie gegen sich selbst. Sie befürchtet, daß der Gegner einen bestimmten Schritt tut und die Chips melden diesen Gedanken an den Kyrob, der ihn sofort in die Tat umsetzt.
Kein Wunder, wenn die Gestalten und Bilder leibhaftig vor Stani stehen, wenn er Wärme und Wind fühlt, diese Dinge gehören ja nach seinen eigenen Vorstellungen in die Szene, der Kyrob läßt sie durch ein Gugronengerät entstehen und sie sind damit sogar real echte Materie.
Nun wurde ihm auch klar, warum der schwarze Ritter so schwer zu besiegen ist. Bei jedem Angriff hat man Befürchtungen vor einem bestimmten Gegenangriff, und der erfolgt denn auch sofort. Dieses Spiel kann praktisch unbegrenzt fortgesetzt werden, einen Sieger kann es hierbei nicht geben.
Den Sieg im Turnier hatte er also einzig und allein seiner Vorstellung für eine ganz bestimmte Art der Niederlage des heimtückischen Gegners zu verdanken.
Stani zwang sich, klar zu denken, obwohl er doch mit den Bagollinistrahlen bestrahlt wurde. Die abgestrahlte Dosis darf zum Glück nicht allzu stark sein, sonst kann die volle Sicherheit der Versuchsperson nicht ständig gewährleistet werden.
Immerhin besteht der Gegner aus Materie und seine Waffen auch, da sind ernsthafte Verletzungen leicht möglich. Aber die absolute Sicherheit für den Menschen ist auch hier das allerhöchste Gebot, erst recht bei einem so gefährlichen Scherz.
Durch die schwache Bestrahlung mit Bagollinistrahlen sind die Träume nicht so tief und fest, sodaß damit auch die Halluzinationen leichter ausfallen.
Weitere Vorsichtsmaßnahmen sind außerdem durch den Kyrob getroffen worden. Immerhin gehört die absolute Sicherheit für den Menschen seit mehr als zweitausend Jahren zum Standartprogramm für jedes Gerät.
Zunächst einmal müssen die Strahler abgeschaltet und der Kyrob deaktiviert werden, überlegte Stani.
Aber in dem Saal gibt es ja keine Geräte, das habe ich doch überprüft.
Ich muß den Weg der Gugronen verfolgen, dachte er, mühsam gegen die Schläfrigkeit ankämpfend. Nur jetzt nicht wieder zu träumen anfangen.
Er blickte auf sein Schwert, das in den konzentrierten Strahl der Gugronen geraten war und damit das Kreislersche Phänomen ausgelöst hatte. Es befand sich genau vor dem linken vorderen Bein seiner Liege.
Sprachlos vor Staunen wurde ihm auf einmal klar, daß der Gugronenstrahl direkt aus der Liege kam.
"Das also ist des Pudels Kern", sagte er laut. Im Saal befand sich wirklich keine Technik und die Liege wurde erst aufgestellt, als er seine Untersuchungen abgeschlossen hatte.
Schmunzelnd dachte er daran, daß eigentlich der schwarze Ritter nur das Gugronengerät zu zerstören braucht, dann löst sich auch sein Schwert in Luft auf. Sofort stürmte der andere mit einem wilden Schrei heran und hieb mit einem gewaltigen Schlag das Bein der Liege ab.
Als ob eine Visionswand abgestellt wird, verschwand der ganze Spuk. Stani suchte nun den Strahler für die Bagollinistrahlen, den er bald im Kopfteil der Liege entdeckte. Mit einem geübten Griff setzte er ihn außer Betrieb. Sofort hatte er das Empfinden, daß sich in seinem Kopf ein Nebel lichtete.
Er legte sich beruhigt nieder und schlief friedlich bis zum Morgen. Unter das abgeschlagene Bein hatte er einen passend großen Stein gelegt, der im Kamin locker war.
Am Morgen, als er erwachte, ging eben der normale Betrieb auf dem Schlosse los. Da blitzte es auf einmal schelmisch in seinen Augen und der Gedanke amüsierte ihn, daß er ja den Spieß einfach umdrehen kann, um den Schloßherren auf die gleiche Weise zum Narren zu halten, wie er es mit ihm getan hat. Er muß doch nur die Bagollinistrahlen soweit verstärken, daß sie auch bei einem ausgeschlafenen Menschen wirken und seine natürlichen Wünsche und Träume wahrwerden lassem.
Eifrig und vergnügt stürzte er sich sofort an die Verwirklichung seines Gedankens. Das Gugronengerät war schnell repariert, Stani hatte nur einige beschädigte Teile im Steuerteil zu ersetzen. Aber eben, als er den Bagollinistrahler herausgenommen hatte, kam sein Gastgeber in den Saal. Mit einem verständnislosem, erstaunten Blick sah er das soeben reparierte Gugronengerät und den Strahler auf dem Tisch liegen.
Sein Trick hatte bisher nun schon so unendlich viele Male gewirkt und das Schloß stand so sehr in dem Ruf, ein Spukschloß zu sein, daß allein der Gedanke an eine Aufklärung des kleinen Geheimnisses für ihn völlig unsinnig war.
"Was soll denn das bedeuten?" fragte er verwirrt und mit großen Augen.
"Ich habe Ihr Gespenst soeben operiert, es hatte seinen Geist aufgegeben", war die Antwort.
"Und,.. und Sie wissen darüber Bescheid?" Langsam begriff der Gastgeber, daß sein sorgsam gehütetes Geheimnis kein Geheimnis mehr ist.
Wie er dastand, fast so verzweifelt, als ob sein Schloß abgebrannt ist, tat er Stani nun doch leid.
"Es muß ja außer mir niemand erfahren, ich bin doch nur auf der Durchreise und in einigen Wochen fliege ich für immer fort. Ich sage es keinem Menschen, vertrauen Sie nur darauf."
"Danke, Stani, das werde ich Ihnen nie vergessen. Und ich werde auch keinem Raumfahrer mehr von dem Geist erzählen, schon gar keinem Gravitroniker."
Schmunzelnd erzählte Stani nun von seinem Plan, den Spieß einfach umzudrehen und der Schloßherr gab anerkennend zu, daß sein Gast ein ganz und gar außergewöhnlicher Mensch war.
An diesem Tag blieb er noch als Gast und Freund auf dem Schloß. Der Schloßherr zeigte ihm sehr viele Dinge, die normale Besucher in der Regel nicht zu sehen bekommen, wie alte Archive, versteckte Geheimgänge, Geheimkammern und anderes mehr.
Auch seine Familie stellte er ihm vor. Die beiden Enkel hatten noch nie einen Raumfahrer gesehen, aber sie erkannten Stani sofort, da sein Holo oft genug in den Nachrichten gezeigt wird. Und natürlich fragten Sie ihn ununterbrochen über fremde Sterne und Leben im All, über die Raumschiffe und den Flug selbst, kurzum über alles, was eben für so ein richtig wißbegieriges Kind von Interesse ist.
Als sich seine Gastgeber am Abend zurückzogen, hatte sich eine feste Freundschaft herausgebildet. Schade, daß er diese netten Menschen erst so kurz vor seinem endgültigen Abschied von der Erde kennengelernt hat.
Auch er verabschiedete sich mit herzlichen Worten von dem Schloßherren und seiner Familie. Für die Nacht bezog er ein Quartier in der kleinen, aber einladend freundlichen Servicestation.
Ein wenig schwermütig dachte er daran, daß er soviel Schönes für immer aufgeben will, aber er ärgerte sich auch, daß die Bagollinistrahlen tief im Innersten seine Gedanken an Chiroga aufgewühlt hatten.
12. Kapitel Megira und Kontila
Wenn man von Australien aus nordöstlich über das Meer in den Stillen Ozean fliegt, kommt man in der Nähe des Äquators, aber abseits der belebten Schiffahrtsstraßen, zu einer kleinen Inselkette.
Scheu und unauffällig scheint sie sich im riesigen Pazifik zu verstecken. Von weitem sieht sie ja mit ihren Bäumen, Sträuchern und Bergen wie eine groteske Mißbildung mitten im Ozean aus und erst, wenn man näher an sie herankommt, bemerkt man begeistert ihren geheimnisvollen exotischen Reiz.
Etwa in der Mitte der verstreuten Gruppe liegt die nicht sehr große Hauptinsel, die aus der Ferne wie mit einer magischen, leuchtend weißen Linie umgeben scheint, als scharf umrissene Grenze zwischen Land und Wasser weithin sichtbar.
Immer deutlicher verwandelt sie sich in einen traumhaften Badestrand, dessen wunderbar weißer Sand in der heißen südlichen Sonne an einen flimmernden, gleißenden Lichtbogen erinnert, der den gesamten Garten Eden vor jedem Eindringling schützen will. Er ließ die Augen trotz der Sonnenschutzfilter schmerzen und tränen, sodaß die erstaunten Blicke der Menschen unwillkürlich schutzsuchend zu dem dahinterliegenden undurchdringlichen Urwald schweiften.
In erhabener Feierlichkeit reckten riesige, uralte Bäume ihre ehrwürdigen dunkelgrünen Wipfel in die Sonne, während darunter ein heilloses Durcheinander von jüngeren Bäumen, Sträuchern und Schlingpflanzen jeden Sonnenstrahl einfing, der das dichte Dach durchbrechen konnte. Dazwischen kletterten und flatterten eine Unmenge von verschiedenen Urwaldbewohnern in den Bäumen herum, und ihr vielstimmiges Gekreisch klang zu manchen Tageszeiten gedämpft bis weit aufs Meer hinaus.
Die beschauliche Ruhe und der Frieden, der von diesem Anblick ausging, erweckte den Eindruck, daß die üppige tropische Vegetation tief in ihrem Inneren etwas Unergründliches, Geheimnisvolles zu verbergen suchte, das sie vor den Augen der Welt auf keinen Fall preisgeben mochte.
Dort, wo sich hinter einem alten, aber sehr belebten Riff eine kreisrunde blaue Lagune auftat, die natürlich in einen paradiesischen Badestrand verwandelt worden war, begann der Weg ins Innere des Regenwaldes.
Dieser vielbenutzte Weg, der scheinbar im Urzustand erhalten geblieben ist, in Wahrheit aber von den Kyrobs ständig wieder in diesen Zustand versetzt wird, führt vorbei an Wiesen, romantischen Wasserfällen, uralten, von Lianen und Orchideen umrankten Bäumen und zerklüfteten Felswänden bis zu einer gepflegten TSG-Servicestation der Extraklasse.
Hier herrschte zu jeder Zeit ein reges Treiben und die Menschen kamen von überallher zusammen. Die gesamte Insel war zwar nicht sehr groß und wohl deshalb nicht so bekannt wie ihre berühmten Schwestern, aber sie konnte es mit ihrem südlichen Reiz und ihrer Anmut mit diesen wohl noch immer aufnehmen. Alles das, was sich die Menschen unter südlicher Exotik vorstellten, gab es hier im Überfluß. Kein Wunder also, wenn die Besucher zumeist Stammgäste waren, die ihren Urlaub regelmäßig in diesem wunderschönen Paradies erleben wollten.
Ein paar Meilen entfernt ragte eine andere winzige Insel nur ganz flach aus dem Meer, gerade mal so hoch, daß die Wellen auch bei Sturm und hoher See nicht mehr in der Lage waren, ihren obersten Teil zu erreichen.
Neben ein paar Kokospalmen, die angenehmen Schatten spendeten, fiel dort eine gepflegte Hütte auf, vor der an diesem Tag einsam und allein Megira hockte und sein Angelzeug ordnete.
Immer, wenn er dem Trubel in Australien entfliehen konnte liebte er die Einsamkeit und Ruhe dieses winzigen Eilandes, bis zu dem sich zuvor nach seiner Meinung wohl kaum jemand verirrt hatte.
Er selbst war vor etlichen Jahren einmal beim Tauchen einem großen Mantarochen nachgeschwommen, der hinter dieser Insel in der Tiefe des Ozeans verschwand. Danach ruhte er sich im Schatten der Palmen aus und plötzlich gefiel ihm diese Insel noch besser als die große Schwester, auf der man nirgends je allein sein konnte.
So richtig verliebt hatte er sich in die Ruhe und Beschaulichkeit dieses verlassenen Stückchen Erde, daß er immer wieder hierher kam, denn am Angeln und Tauchen in der Einsamkeit hing schon immer sein Herz.
Megira war inzwischen fast sechshundert Jahre alt und seit über vierhundert Jahren leitet er das Kosmoszentrum. In seiner Jugend freilich fuhr er als Expeditionsraumfahrer und hatte sich sogar mit seiner Frau zur Teilnahme an der damals geplanten aufsehenerregenden Löwenexpedition beworben.
Vielleicht hätte man die beiden damals auch aufgestellt, denn sie besaßen alle benötigten Eigenschaften im Überfluß, wenn nicht ein tragischer, sinnloser Fehler, den er sich bis heute nicht verzeihen kann, alle seine hoffnungsvollen Pläne mit einem furchtbaren Schicksalsschlag zunichte gemacht hätte.
Es war nur ein ganz simpler Flug von drei Mann auf die Rückseite des Mondes gewesen, um eine Kontrollstation zu montieren und sie wollten schon in vier Tagen wieder zurück sein.
Eigentlich war er ja gar kein richtiger Monteur, sondern Expeditionsraumfahrer, aber er rechnete doch ganz fest mit seiner Aufstellung zur Löwenexpedition und mußte eben auf seine Weise von der Erde Abschied nehmen.
Das war aber leichter gesagt als getan, denn die ganze Sache war viel schwieriger, als sie sich das gedacht hatten und für irgendwelche sentimentalen Gedanken blieb ihm gar keine Zeit.
Zunächst stießen die Kyrobs beim Ausheben des Fundamentes für den Mast überraschend auf Eis. Das bedeutete eine genaue Untersuchung des Untergrundes, denn natürlich konnte man keinen Stahlmast auf einen Eisboden setzen. Also wurde zunächst eine Expertenkommission vom Rat geschickt, die den Standort schließlich ablehnte und einen anderen geeigneten Platz aussuchte.
Dort ging dann die Montage zwar zügig voran, aber anstatt drei Tage waren es inzwischen schon fast sieben und noch stand die Station nicht.
Wenn man es genau betrachtete, war die Arbeit aber schon fast erledigt gewesen, denn nach einigen Schwierigkeiten bei der Aufstellung des riesigen Mastes ging das Weitere gut voran.
Es mußte nur noch das Fundament für das Stationsgebäude ausgehoben und gegossen werden, als plötzlich ganz überraschend Megiras Frau dort erschienen. Sie hatte sich einfach ein Raumtaxi gemietet und kam nur mal schnell vorbei, zu Besuch.
Megira liebte seine Frau über alles und seine Freude läßt sich auch gar nicht beschreiben, als sie so plötzlich vor ihm stand. Diese sieben Tage waren die längste Trennung, die sie je während ihrer Ehe erlebt hatten.
Mit einem verständnisvollen Lächeln und wohl auch einer etwas ironischen Bemerkung stimmten die anderen beiden Teamkollegen zu, daß die zwei zu einen Spaziergang rings um die Station aufbrechen konnten.
Vanessa, seine Frau, trug ihren leichten Skaphander, während er den robusten Arbeitsschutzanzug nicht erst wechselte und so neben ihr fast wie ein Dinosaurier neben einer Gazelle wirkte. Zum Glück hatte er durch die geringe Gravitation auf dem Mond wenig Schwierigkeiten. Auch waren sie beide erfahrene Raumfahrer und an derartige Situationen gewöhnt.
Sie entfernten sich plaudernd und hüpfend schon eine ganze Weile von der Station und waren so in ihr Gespräch vertieft, daß keiner von ihnen auf den Weg achtete. Natürlich bemerkte weder er noch sie, daß die bewachte Sicherheitsgrenze bereits einige hundert Meter hinter ihnen lag.
Die Sicherheitsgrenze ist eine markierte Grenzlinie, innerhalb der bei Arbeiten ein Schutz durch Üsats gegeben ist. Wenn nur drei Mann eine kleine Station aufbauen, reicht ein Üsat aus, der ein kleines Gebiet rings um die Montagegruppe sichert. Er verbreitet auch ein helles, diffuses Licht, das aber weit über die Sicherheitsgrenzen hinaus leuchtet.
Und dieses helle Licht hat zu der unverzeihlichen Nachlässigkeit geführt, daß keiner von ihnen auf den Weg geachtet hat. Bis heute wird Megira noch von dem Bild verfolgt, als Vanessa übermütig einen kleinen Hügel erstieg und die Arme ausbreitete, um im langsam schwebenden Fall herabzusinken.
Urplötzlich und ohne irgendwelche Vorwarnung schlug rings um ihn ein Schwarm Meteoriten ein. Er fühlte den Boden unter seinen Füßen erzittern und wie bei Sprengarbeiten wirbelten Staubteilchen auf, die sich sofort wieder setzten, weil sie von keiner Atmosphäre gehalten wurden. Über dem allen aber lag eine gespenstische Ruhe, denn es konnten sich ohne die Lufthülle auch keine Schallwellen ausbreiten.
Genau so unverhofft wie es begonnen hatte, hörte es sofort wieder auf. Das Ganze dauerte nur den Bruchteil einer Sekunde und er begriff eigentlich erst danach, was soeben geschehen ist.
Da sah er seine Frau am Boden liegen, ihr Skaphander war zerfetzt und die riesige Wunde über den ganzen Körper wurde in der Kälte sofort weiß. Mit einem Schrei stürzte er sich über sie, versuchte die Reste des Skaphanders über sie zu decken, aber es war bereits zu spät.
Noch hoffte er, daß die plötzliche Abkühlung auf den absoluten Nullpunkt zu einem Tiefschlaf geführt hat, aber sein Verstand sagte ihm das Gegenteil. Die Verletzung war zu schwer, die Abkühlung durch die Heizung des Raumanzuges zu langsam, als daß es noch irgendeine Chance für sie geben konnte.
Es war für ihn nur ein sehr schwacher Trost, daß der Unfall zur Verbesserung der Sicherheitsmaßnahmen führte. Seitdem werden von den Üsats alle Menschen überwacht und ihr Aufenthaltsort ist durch die Chips zu jedem Zeitpunkt bekannt.
Wenn sich also jemand aus Unachtsamkeit der markierten Sicherheitsgrenze nähert, wird er sofort gewarnt und zurückgerufen. Sollte er trotzdem nicht Folge leisten, erweitert der Üsat selbständig den Bereich und alarmiert die übrige Besatzung oder informiert die nächste Rettungsstelle.
Das liegt nun schon über fünfhundert Jahre zurück und es sind mehrere Beispiele bekannt, wo durch das neue System Menschen gewarnt bzw. sogar gerettet wurden. Megira beglückwünscht sie zumeist für ihre Rettung, so war Vanessas Tod doch nicht ganz umsonst, freut er sich jedesmal.
Aber danach donnert er sie wegen ihrer Unaufmerksamkeit dermaßen zusammen, daß sie noch lange daran denken. Wohl kaum jemand von den jüngeren Raumfahrern kennt noch die Geschichte von Vanessa, aber seine unerbittliche Strenge fürchten alle.
Damals wollte sich Megira als erste Reaktion selbst umbringen, denn er konnte sich ein Leben ohne seine Frau einfach nicht vorstellen. Sie waren seit fünfzig Jahren verheiratet, hatten aber keine Kinder.
Das war auch so eine Absprache zwischen ihnen, denn solange sie noch als Expeditionsraumfahrer arbeiteten, wollten sie keine Kinder haben. Über das, was danach kommt, machten sie sich keine Gedanken.
Nach dem Unfall hat er lange ein Messer in der Hand gehabt, um sich zu töten. Aber schließlich legte er es still beiseite und suchte die Einsamkeit. Da sah er bei einem seiner Flüge diese wunderschöne Inselgruppe und er landete auf der Hauptinsel. Obwohl sie ständig stark besucht ist, fand er immer wieder ein einsames Plätzchen, natürlich weit im Inneren oder auf dem Berg. In dieser Zeit ist aus dem beliebten und lustigen Megira ein etwas unzugänglicher, brummiger Mensch geworden, der niemand an sich heranließ und wohl auch keine Freunde hatte.
Das Schlimmste für ihn war damals die Ablehnung für die Teilnahme an der Löwenexpedition. Durch seinen Leichtsinn und seinen Fehler wurde er nun vom Kyrob aussortiert und durfte nicht mitfliegen. Vergeblich bat er Sakoi, den damaligen Leiter des Kosmoszentrums, daß er ihm hilft, er mußte hierbleiben.
So meldete er sich noch zu vielen längeren interstellaren Flügen und war schließlich zweihundert Jahre alt. Ohne seine Frau gefiel ihm der Beruf nicht mehr so richtig und er beschloß, sich zur Ruhe zu setzen.
Mit dem Pensionierungsgesuch in der Hand betrat er das Hauptgebäude des Kosmoszentrums ein letztes Mal, wie er glaubte.
Aber soeben war damals auch Sakoi zurückgetreten und Megira wurde vom Rat gebeten, nur mal ganz kurz zur Überbrückung einzuspringen. Er sollte das Zentrum nur so lange leiten, bis ein neuer geeigneter Leiter verpflichtet wird.
Megira sagte zu. Natürlich war es vor allen Dingen die Neugier, die ihn dazu trieb, denn schon immer hatte er Sakoi bewundert und verehrt, er war für ihn die reine Verkörperung von Macht und Stärke, von Selbstbewußtsein und Selbstdisziplin, von all dem, das er sich schon immer heimlich für sich erträumt hat.
Und nun wurde ihm plötzlich diese Arbeit nicht nur angeboten, nein, man erwartete sogar, daß er zusagte. Und Megira ging in seiner neuen Tätigkeit so völlig auf, daß schon nach sehr kurzer Zeit niemand mehr von einem Ersatzmann sprach.
Seine Berufung ist eine der glücklichsten Entscheidungen für das Kosmoszentrum gewesen. Er brachte fast zweihundert Jahre Erfahrung in Raumflügen aller Art mit und es gab keine Arbeit, die er nicht aus dem ff kannte. Ernst und gesetzt, geachtet und verehrt, aber ebenso streng und gefürchtet, war er nun schon seit mehr als vierhundert Jahren der ideale Leiter, ja, man glaubte fast, das Kosmoszentrum war er.
Eigentlich wußte kaum jemand über ihn Bescheid, er blieb gegenüber anderen Menschen immer verschlossen. Seine strenge Art ist nur ein persönlicher Schutz, weil er tief im Inneren und von den anderen unbemerkt seit dem Unfall seiner Frau menschenscheu geworden ist. So schreckt er jeden ab.
Wenn ein Gespräch doch einmal zu vertraut werden sollte kehrt er sofort eine unleidliche strenge Seite heraus, die den anderen verstummen läßt.
Manchmal fragt er sich selbst, ob er denn jeden Menschen haßt, denn fast so benimmt er sich, jedenfalls seiner Meinung nach. Aber seltsamerweise empfinden das andere nicht so. Er ist sehr streng, sein Groll ist gefürchtet, aber er ist auch sehr gerecht. Was ihn immer wieder in Erstaunen versetzt ist die Tatsache, daß er bei seinen Leuten sogar äußerst beliebt ist, sie würden alle für ihn durchs Feuer gehen.
Noch niemals in diesen vierhundert Jahren hat man ihn gefragt, was er denn eigentlich privat tut, er kann doch nicht nur ständig im Kosmoszentrum sein.
"Der Alte ist nicht da", hieß es wohl manchmal. Aber auf die Idee, daß er ein paar Tage frei macht, auch mal ausspannen möchte, ist wohl noch niemand gekommen. Und tatsächlich wohnt er ja von Anfang an direkt im Hauptgebäude des Kosmoszentrums und ist damit jederzeit zur Stelle, wenn jemand nach ihm fragt.
Die Wohnung bezog er damals, als er seinen Posten antrat mit der Genehmigung des Rates. Er wollte nicht in der Ehewohnung bleiben, wo ihn alles an seine Vanessa erinnerte. Also gestattete man ihm, sich in ein paar leeren Räumen des Gebäudes einzurichten. Das ist inzwischen so selbstverständlich, daß es die meisten Raumfahrer schon gar nicht mehr wissen. Noch niemals war je ein Besucher in dieser Wohnung gewesen.
Ihm ist es nur recht, wenn keiner nach seinem Privatleben fragt. Es verläuft still und unauffällig im Schatten seiner Arbeit und ihm fällt selbst nicht einmal auf, daß kaum genügend Freizeit dabei ist.
Aber heute ist er zu seiner Insel geflogen, wie er dieses winzige, von Sand bedeckte Stück Land bei sich nennt. Neben seiner Angel hat er das Krisonsche Gerät herausgenommen. Es ist ein kleiner Zylinder mit einem Mundstück, das aus jeder Materie, also auch aus Wasser, Atemluft herstellt. Damit kann man bis auf den Grund des Ozeans tauchen, wenn es sein muß. Luft ist immer genügend da und der schwere Skaphander reicht bei Bedarf ohnehin für jede beliebige Tiefe der See aus.
Doch so tief taucht Megira schon lange nicht mehr. Ihn zieht es ins Riff, wo eine faszinierende Tier- und Pflanzenwelt auf ihn wartet. Dazu streift er sich nur den leichten Skaphander über. Der schützt vor Unterkühlung und hat eine ausreichende Technik, um bei Schwierigkeiten oder Unfällen sofort helfen zu können. Außerdem wird der Taucher durch das Schutzfeld abgesichert und kann den Gravitrieb benutzen, den er beim Tauchen über weitere Entfernungen zu schätzen gelernt hatte.
Megira übergab also die Angel einem Kyrob und hoffte, daß dadurch bis zum Abendessen ein leckeres Fischgericht zusammengekommen ist. Dann nahm er das kleine Atemgerät in den Mund, ging zum Strand hinunter, streifte sich noch rot leuchtende Schwimmflossen über und verschwand langsam im Wasser.
Mit mäßiger Geschwindigkeit, um die friedliche Ruhe nicht zu stören, schwamm er auf das Riff zu. Fast am Boden des Meeres überquerte er die Einfahrt zur Lagune. Über ihm fuhr eben ein größeres Schiff vorbei, wohl in den Hafen hinter der Landzunge, dann hatte er auch schon die Mitte des Riffes erreicht. Er kannte sich hier sehr gut aus und steuerte zielbewußt auf eine Felswand zu, die in 15m Tiefe fast senkrecht abfiel. Dort im oberen Drittel befand sich der Eingang zu einer Grotte, in die er schwamm und sich auf einem Stein am hinteren Ende niederließ. Er hatte in dieser Höhle schon oft Kraken angetroffen, die sich hier ihr Versteck gesucht hatten und unbeobachtet fühlten. Wenn er sich ganz ruhig verhielt, konnte er sie in Ruhe betrachten. Es waren für ihn gar intelligente Tiere, die zu Unrecht in schlechtem Ruf standen.
Aber diesmal hatte er Pech, denn in der Höhle war nicht ein Tier zu entdecken. Er leuchtete sie mit der Lampe aus, aber auch im hellen Licht blickten ihn nur blanke Steine an. Schon wollte er die Grotte wieder verlassen, da wurde der Eingang durch einen dunklen Schatten verdeckt.
Ein Hai, schoß es durch seinen Sinn. Weil ihn aber sein Skaphander sicher schützte, schwamm er sofort hinaus, um dem ungebetenen Gast eine Weile zuzusehen. Es war streng verboten, irgendwelche Tiere im Riff zu jagen und den Haien wird eigentlich durch die Üsats mit Hilfe ultrakurzer Wellen der Zugang versperrt, sie flüchten bei Bestrahlung aufs offene Meer. Aber dieser Bursche hatte wohl ein Schlupfloch gefunden. Trotzdem waren die Badegäste noch immer nicht in Gefahr, wenn sie innerhalb der Lagune blieben, denn dort waren noch mehrere andere wirksame Sperren aufgebaut.
Als Megira aus dem Eingang herausschwamm, war von dem Hai weit und breit nichts zu entdecken. So tauchte er ein Stück auf, um in dem darüberliegenden Riff die Tiere zu beobachten. Und er mußte auch nicht lange umherschwimmen, da sah er einen Rotfeuerfisch in seiner ganzen Pracht zwischen den Steinen stehen. Eben als er sich zwischen zwei mächtigen Korallen niederlassen wollte, bemerkte er wiederum den großen Schatten des Raubfisches, der über ihm war.
Er blickte hinauf und traute seinen Augen nicht. Es war gar kein Hai, was dort schwamm, sondern ein Mensch in einem Skaphander. Und noch mehr staunte er, daß der Schwimmer am Ärmel das Zeichen des Kosmoszentrums trug.
Megira richtete sich auf, aber da hatte ihn der Andere bereits gesehen und kam neugierig auf ihn zu.
"Hallo", sagte eine Stimme.
"Hallo, wer bist du denn?"
"Vielleicht kennen wir uns sogar".
Inzwischen waren sie an der Wasseroberfläche angekommen, schwammen noch aus dem Riff heraus ins seichte Wasser und nahmen ihre Helme ab. Dabei waren sie so neugierig, daß keiner von beiden auf das achtete, was er eigentlich tat, sondern nur den anderen anstarrte. Endlich kamen auch die Köpfe zum Vorschein und sie sahen sich sprachlos an. Vor Megira stand Kontila, der gleich ihm in diesem Riff nach Abenteuern suchte.
Kontila kam nicht aus der Raumfahrt. Vor zweihundertfünfzig Jahren in Sibirien als Sohn eines Forstingenieurs geboren, fand er schon als Kind viel Freude an der Wissenschaft und wurde Forscher. Sein ganz besonderes Gebiet war die Gugronenphysik. Aber dazu gab es nur in Australien eine renommierte Forschungsabteilung. Mit 16 Jahren entschloß er sich, in dieses Forschungszentrum einzutreten. Seine Eltern hätten ihn zwar lieber in der heimatlichen Taiga gesehen, aber sie kannten seine Interessen und ließen ihn ins wissenschaftliche Zentrum ziehen.
Schon bald fiel er dort durch seinen Fleiß, seine Begabung und seine Erfolge auf.
Mit noch nicht einmal dreißig Jahren war er das jüngste Mitglied im wissenschaftlichen Rat, hatte Entscheidungen mitzutragen, die für die gesamte Erde von Bedeutung waren. Und auch in dieser Funktion machte er sehr schnell durch seine klugen, überlegten Gedanken und Handlungen auf sich aufmerksam.
Während er bei seiner Forschungsarbeit den letzten Geheimnissen der Gugronen auf die Spur kam und schließlich die Gugronentheorie für abgeschlossen erklärte, war sein Name als Ratsmitglied bereits auf der ganzen Erde ein Begriff.
Bald schon wurde vom Rat vorwiegend er bei Schwierigkeiten in einzelne Länder und Betriebe geschickt, um an Ort und Stelle Entscheidungen zu treffen oder die Ordnung wieder herzustellen. Und es ist kein einziger Fall bekannt, wo er diese Aufgaben nicht mit außergewöhnlicher Begabung gelöst hat.
So nimmt es nicht Wunder, daß er mit knapp 60 Jahren schon der Stellvertreter des Vorsitzenden Davis war. Als dieser einige Jahre später in den Ruhestand ging, wurde Kontila einstimmig zum Vorsitzenden ernannt.
Privat hatte er weniger Glück. Obwohl er in seiner Jugend durchaus ein gutaussehender und eleganter Mann war, traf er niemals auf das richtige Mädchen. Alle, die er kennenlernte und die ihm gefielen, waren bereits vergeben und er hatte niemals den Mut, um sie zu kämpfen. Seine Arbeit nahm ihn auch derart gefangen, daß ihm zumeist keine Zeit für ein Privatleben blieb.
Es waren eben doch außergewöhnliche Menschen, die in Australien im wissenschaftlichen Zentrum arbeiteten. Nicht aus Geltungssucht oder um Karriere zu machen waren sie dort, sondern weil sie gar nicht anders konnten, weil sie diese Arbeit einfach tun mußten, für sich.
Kontila hatte damals zwar viele Freunde, unter ihnen auch eine ganze Anzahl Frauen, aber für ihn selbst war niemals eine dabei. Erst viel später, er war bereits fast 70 Jahre alt und aus den Freundschaften war inzwischen zuvorkommende Höflichkeit geworden, befreundete er sich mit der damals 90-jährigen Gogonita.
Eigentlich kannten sich die beiden schon lange, denn Gogonita war ebenfalls Mitglied des Rates. Sie arbeitete im technischen Zentrum unter Toyokasa als Konstrukteur für Microkonstruktionen. Diese wurden vor allem in den neueren Raumschiffen für die Unterbringung der gravitronischen Anlagen verwendet. Gogonita unterstanden eine ganze Anzahl intelligenter Kyrobs.
Unter ihrer Leitung konnten die bisherigen Anlagen schon zweimal entscheidend verbessert werden, was zu einer erheblichen Steigerung der Sicherheit in der Raumfahrt beigetragen hat. Diese Entwicklungen kamen übrigens auch der Omikron ebenso wie dem bereits gestarteten Refo-Fächer zugute.
Als sie einmal eine kleine Pause während der Arbeit einlegte und sich zum Erholen auf eine Parkbank setzte, kam Kontila dazu. Freundlich grüßte er und bat sie um die Erlaubnis, sich auf den freien Platz neben ihr setzen zu dürfen.
Gogonita war eigentlich mehr befangen als erstaunt, denn auf den obersten Chef des Rates hatte sie bisher wie zu einem höheren Wesen geblickt. Er war stets korrekt, leitete die Sitzungen mit professioneller Sicherheit und wurde von allen anderen mit einer so großen Achtung behandelt, daß sie in ihm immer ein heiliges Wesen, einen Gott gesehen hatte. Und auf einmal sitzt dieser Mann neben ihr auf der Bank.
Scheu, und wahrscheinlich auch etwas errötend blickte, sie ihn von der Seite an. Er war schweigsam und sah vor sich hin. Da begriff sie plötzlich, daß Kontila auch nur ein Mensch und kein höheres Wesen ist, daß er wahrscheinlich seine privaten Probleme hat und wohl auch einmal mit jemandem darüber sprechen möchte.
Was weiß ich denn eigentlich von ihm, ging es ihr durch den Kopf. Und so sehr sie sich auch anstrengte, sie konnte sich nicht an ein einziges Wort erinnern, das einmal über Kontilas Privatleben gefallen ist.
"Sag mal, Kontila, was macht denn der Vorsitzende des wissenschaftlichen Rates eigentlich privat?" fragte sie leise.
Überrascht blickte er sie an, denn noch niemals hatte ihm jemand so eine direkte, persönliche Frage gestellt. Aber Gogonita hatte ihn nun mal einfach angesprochen und jetzt sah sie ihm auch offen in die Augen.
"Du meinst, wenn ich nicht hier im Zentrum bin?"
"Ja, ist denn das ein Geheimnis?"
"Nein, ein Geheimnis ist das nicht, aber da gibt es bei mir wohl nicht viel zu berichten. Meine Jugend liegt hinter mir und ich bin allein. Was soll ein Junggeselle also so Spannendes machen? Ich sehe mir die Nachrichten an, trinke auch mal ein Bier oder gehe ins Theater. Zweimal im Jahr spiele ich Fußball, in einer Altmännermannschaft, in der ich Mitglied bin."
Gogonita senkte die Augen.
"Ich kenne das, ich bin auch allein und weiß nicht so recht, was ich mit mir anfangen soll."
Nun war Kontila aber doch erstaunt, denn von dieser Warte aus hatte er Gogonita noch niemals betrachtet. Sie war für ihn stets die gutgekleidete, sich etwas unnahbar gebende vornehme Kollegin gewesen.
"Und wie sieht deine Freizeit aus?" wollte er wissen.
"Ach, da gibt es auch nicht viel zu sagen, ich habe zwei gute Freundinnen, etwa in meinem Alter, mit denen bin ich immer zusammen. Wir treffen uns jeden Tag bei Kaffee und Kuchen. Manchmal fliegen wir auch zusammen weg. Letzten Sonntag waren wir in Kanada und haben zusammen eine Hundeschlittenfahrt gemacht. Es war einfach herrlich. Hast du so etwas ähnliches auch schon mal erlebt?"
"Ja, als Kind in Sibirien, später hatte ich für so etwas niemals mehr Zeit."
Sie sah ihn ganz offen an.
"Ist das nicht nur eine Ausrede vor dir selbst? Vielleicht willst du dafür gar keine Zeit haben. Ich glaube, du bist tief im Inneren ein wenig menschenscheu und auch viel zu bequem, um etwas mit dir anzufangen. Nur deiner Stellung als Boß ist es zu verdanken, daß das nicht bemerkt wird. Schließlich fällt es keinem Menschen ein, jemals nach deinem Privatleben zu fragen".
Kontila wußte nicht so recht, was er jetzt antworten sollte. Sie hatte ja recht und ihm waren derartige Gedanken auch schon selbst gekommen. So schwieg er und wartete ab, ob sie noch einmal zu ihm sprechen würde.
"Also habe ich den Nagel auf den Kopf getroffen, nicht wahr?" fragte sie endlich.
"Na ja, es ist schon etwas dran, was du da sagst."
"Du solltest das ändern, Kontila, verdammt noch mal, du bist doch noch jung und verkriechst dich wie in einem Schneckenhaus. Dabei kennt und bewundert dich die ganze Welt."
"Was soll ich denn machen, ich bin nun mal kein Freund von Reisen und sinnloser Zeitvergeudung. Ich habe immer meine Arbeit gehabt und war damit glücklich".
"Wirklich?" sie blickte ihm in die Augen, "wirklich glücklich? Ich bin es nicht, und glaube auch nicht, daß du es bist."
"Na ja, manchmal möchte ich schon unter Menschen sein, dann fliege ich zu meinen Fußballfreunden, wir kennen uns seit meiner Kindheit. Oder ich gehe ins Theater. Mit festen Freundschaften oder bei Frauen hatte ich immer Pech, das habe ich längst aufgegeben, ich bin eben allein".
Gogonita war keine Schönheit. Klein und ziemlich dürr, dazu mit leicht nach außen gebogenen dünnen Beinen, das Gesicht dreieckig lang mit kantigen Wangenknochen und zum Kinn hin immer spitzer werdend mit einer großen gebogenen Nase, die lichten, aschblonden Haare als schüttere Locken gedreht, sah sie wohl eher wie eine Vorlage für Karrikaturen aus. Aber das alles machte sie durch die stolze, aufrechte Haltung, ihre eleganten Bewegungen und geschmackvolle Kleidung wieder wett.
Als Kontila jetzt zu ihr hinsah, betrachtete er sie zum ersten Mal, seit er sie kannte, als Frau. Er sah nicht die Schönheitsfehler, die immer an ihr bemängelt wurden, er sah plötzlich ihre scheuen, warmen Augen, ihre Sanftmut, die schneeweißen, gleichmäßigen Zähne, den schön geformten Mund, die zarte, weiche Haut, ihre Eleganz und wohl auch eine Seele, die sich tief im Inneren nach Liebe und Wärme sehnte.
Und auf einmal fühlte er eine Zuneigung in sich aufsteigen, wie er sie nur in seiner Jugend einige Male erlebt hatte. Damals wurde sie aber nie erwidert, denn immer waren alle Mädels schon vergeben. Er aber behielt für sein ganzes Leben die innere Scheu zurück, sich den anderen Menschen zu offenbaren.
Und auch Gogonita empfand ähnlich, als er sie so betrachtete. Im Grunde ihres Herzens sehnte sie sich nach der Liebe und Wärme eines Mannes, doch sie war überzeugt, das häßlichste Geschöpf auf der Erde zu sein. Darum wehrte sich auch mit übertriebener Unnahbarkeit von vornherein gegen alle Anspielungen auf ihr Aussehen. Niemals würde ein Mann sie begehren, glaubte sie
Aber das war eben nur äußerlich, im Inneren sah es ganz anders aus. Sie war zartfühlend, verständnisvoll und auch liebesbedürftig, verdrängte diese Dinge jedoch hinter ihrem betont hochmütigen Auftreten.
Kontila entdeckte das alles plötzlich, als sie ihm eher aus Unachtsamkeit denn aus Berechnung für kurze Zeit ihr wahres Wesen zeigte.
"Ich muß leider in ein paar Minuten zu einer wichtigen Sitzung, aber ich würde mit dir gern einmal so eine Schlittenfahrt machen", sagte er leise und scheu zu ihr, während er aufstand.
"Ladest du mich denn ein?" Errötend und ungläubig erhob sie sich ebenfalls.
"Aber gern, such du eine Servicestation, ich kenne mich da nicht so aus."
Verlegen und befangen wie Teenis nach ihrer ersten Verabredung, aber um so glücklicher lächelten sie sich noch einmal zu, bevor jeder den Platz in einer anderen Richtung verließ.
Mit diesem Gespräch begann eine wunderschöne Zeit für Gogonita und Kontila, sie waren viel zusammen und holten all das nach, was sie bisher versäumt hatten. Im Laufe der Zeit gab sich zwar der jugendliche Übermut in der Beziehung, aber Gogonita und Kontila waren unzertrennlich. Zwanzig Jahre später schenkte sie ihm einen Sohn, der inzwischen einhundertsechzig Jahre alt und in Afrika verheiratet ist.
Selbst geheiratet haben die beiden zwar nie, aber sie waren doch ständig zusammen. Wenn Megira jetzt also vor Kontila stand, so sah er sich doch auch gleich nach Gogonita um. Und tatsächlich winkte sie ihm aus der Mitte der Lagune zu, wo sie zwischen den anderen Badenden an ihrer schneeweißen Kappe erkennbar war.
"Megira, alter Einsiedlerkrebs, hast du deinen Park wirklich mal verlassen?"
Kontilas glänzende Laune übertrug sich zwar auf Megira, aber Späße machen lag ihm nun mal nicht.
"Ich bin oft hier, aber du bestimmt zum ersten Mal."
"Na, na, na, wir sind hier Stammgäste. Was verstehst du denn unter oft, alle zwei, drei Jahre?"
Da erzählte ihm Megira von seiner Blockhütte auf der Insel, und weil auch Gogonita inzwischen dazugekommen war, lud er die beiden ein.
Sprachlos vor Staunen standen Gogonita und Kontila auf dem winzigen Flecken Sand und betrachtete die Hütte zwischen den Palmen.
"Selbst wenn ich die Insel schon gesehen hätte, daß du hier wohnst, wäre mir nie in den Sinn gekommen", entfuhr es ihm endlich.
"Es waren auch noch nie andere Menschen hier, die Insel ist ja ansonsten total unbeachtet."
"Na ja, bei der spartanischen Einfachheit, da sind die anderen freilich viel einladender."
"Aber hier stört mich nichts, das ist das Wichtigste."
Inzwischen hatten die eifrigen Kyrobs nicht nur ein phantastisches Essen vorbereitet, sondern in der Hütte auch ein gemütliches Quartier für Kobrink und Gogonita eingerichtet.
Neugierig betraten sie den Raum, denn Megira hatte bisher noch niemals jemandem Einblick in sein Privatleben gewährt. Die beiden waren sich wohl bewußt, daß sie seit fünfhundert Jahren die ersten Menschen sind, die etwas über ihn erfahren würden.
Alles im Raum verstärkte den Eindruck einer fast asketischen Lebensweise, aber auch einer akribischen Ordnung und Genauigkeit, deren Regelmäßigkeit keine Macht der Welt zu durchbrechen imstande war.
Bei Megira schien das ganze Leben nach einem sehr genau festgelegten Plan abzulaufen, selbst hier draußen in der Freizeit, das merkten sie schnell.
"So kommt doch endlich mal an den Tisch, ihr müßt doch Hunger haben", rief er da auch schon.
"Gern, wir haben wirklich ganz schönen Appetit. Deine Kyrobs sind ja wirklich gut programmiert." Anerkennend blickte Gogonita über die appetitlich und abwechslungsreich gedeckte Tafel.
Nach dem Essen stand eine Flasche Wein auf dem Tisch und Kobrink führte mit Megira ein langes Gespräch, während Gogonita bald verstohlen gähnte und in der Hütte verschwand.
"Eigentlich ist es ein Wink des Schicksals, daß wir uns hier einmal ungestört unterhalten können", begann er, "du bist immerhin der Älteste und mit Abstand der Erfahrenste unter uns."
"Gibt es Probleme?" Megira sah ihn erstaunt an.
"Probleme? Na ja, ich wollte erst mal mit dir darüber reden, schon seit einiger Zeit, deshalb bin ich so froh, daß wir uns hier getroffen haben."
"Und worum geht es?"
"Es geht mir um die Frage einer geregelten Begrenzung der Bevölkerungszahl."
"Daran habe ich auch schon gedacht, irgendwas muß da mal passieren."
"Also muß ich das vor dir nicht begründen, und ich glaubte immer, das wird für mich die schwierigste Strecke", freute sich Kontila
"Na denkst du, ich bin blind? Bisher gab es durch die Folgen der Manipulation doch noch immer viel zu wenig Geburten auf der Erde, während die ehemaligen Manis damals kaum älter als dreihundert Jahre wurden. Außerdem gab es eine Menge Unfälle und Krankheiten, die vielen Menschen das Leben kosteten.
Dadurch war die Bevölkerungszahl einige Jahrhunderte hindurch sehr stark dezimiert. Aber in letzter Zeit hat sich das gegeben. Neue Forschungen und neue medizinische Geräte, vor allem der Tunnel, haben uns fast an die Schwelle zur Unsterblichkeit geführt. Das beste Beispiel dafür bin ich ja selbst, mit sechshundert Jahren noch Leiter des Kosmoszentrums und bestimmt so vital wie ein Dreißigjähriger, und damit bin ich nicht etwa eine Ausnahme. Wenn das so weitergeht, kommen immer mehr Menschen dazu und es gibt soviel wie überhaupt keine Abgänge mehr."
Megira hatte sich in Eifer geredet, man sah ihm an, daß er schon oft und gründlich über dieses Thema nachgedacht hatte.
"Und hast du dir schon Gedanken um eine Lösung dieses Problemes gemacht?"
"Natürlich, ich habe sogar schon eine Kyrobstudie erstellt. Das tatsächliche Höchstalter der Menschen liegt demnach bei etwa zweitausend Jahren, weil durch alle möglichen Unfälle, Krankheiten und Havarien doch noch immer mal ein Todesfall eintritt.
Der Kyrob hat diese Verluste, vor allem wohl in der Raumfahrt, aus den letzten tausend Jahren untersucht und auf die heutige Zeit übertragen. Da kam er zu dem Schluß, daß jeder heute lebende Mensch nach durchschnittlich zweitausend Jahren wahrscheinlich einen tödlichen Unfall erleidet oder an einer tödlich verlaufenden Krankheit stirbt.
Wenn ich jetzt also zu den ältesten lebenden Menschen auf der Erde gerechnet werde, wächst die Bevolkerung demnach noch eineinhalb tausend Jahre sprungartig an. Ob es dann aber zu einem Gleichgewicht zwischen Geburten und Todesfällen kommt, ist nicht vorauszusagen. Die Medizin findet sicherlich auch in Zukunft immer bessere Wege, um die Altersgrenze hinauszuschieben."
"Genau solche Überlegungen habe ich auch schon angestellt, wenn auch ohne Kyrobmodell. Es darf zu keiner Übervölkerung kommen, wir würden dann damit nicht mehr fertig werden!"
"Siehst du denn eine Lösung?" Megira blickte zweifelnd hoch.
"Wir müßten mal alles das zusammentragen, was uns einfällt, auch wenn es Quatsch ist. Vielleicht ist doch etwas dabei, wo wir ansetzen können."
"Sterilisieren, Kastrieren, alle Säuglinge erschlagen, die Alten vergasen, die Erde mit radioaktiven Strahlen beschießen, das führt mit Sicherheit zur Unfruchtbarkeit für alles Leben."
Megira sagte das ziemlich spöttisch und Kontila sah ihn verwundert an. Solch einen schwarzen Humor hatte er ihm eigentlich gar nicht zugetraut.
"Wie wärs dagegen mit Aufklärung, Geburtenregulierungen, Appellen und Anweisungen, daß nur noch verheiratete Paare Kinder bekommen dürfen, und die auch nur ein einziges? Dadurch nimmt wenigstens die Bevölkerungszahl erst einmal nicht mehr zu."
"Ob das durchführbar ist? Das bedeutet einen Eingriff in die Privatsphäre der Menschen", Megiras Zweifel war allzu deutlich, "aber gibt es denn überhaupt eine Alternative? Ich bin bei all meinen Überlegungen nur auf solche Lösungen gekommen."
"Wir werden wohl in die Privatsphäre eingreifen müssen, sonst geht die Menschheit an Übervölkerung zugrunde. Mir ist es wichtig, daß wir uns einig sind und vor dem Rat mit einem gemeinsamen Konzept auftreten können. Deine Kyrobstudie ist doch überzeugend, dem kann sich kein Ratsmitglied verschließen."
"Ich bin dabei, aber unsere Vorschläge müssen auch machbar sein."
"Deshalb will ich ja mit dir den Plan möglichst in aller Ruhe besprechen."
Noch lange saßen die beiden in der lauen Luft über dem Entwurf, Gogonita hatte sich längst zurückgezogen und es stand bereits die zweite Flasche Wein auf dem Tisch. Da brach fast schlagartig die Nacht herein, der Himmel bewölkte sich und ein Windhauch kündigte den bevorstehenden nächtlichen Regen an.
Im Zuge der globalen Wettergestaltung war man schon vor langer Zeit dazu übergegangen, am Tag auf Regen weitgehend zu verzichten und den Regenwald dafür in der Nacht zu bewässern.
Eine Kyrobstudie, die dem voranging hatte ergeben, daß keine Beeinträchtigung des ökologischen Gleichgewichtes eintreten wird. Seitdem regnet es fast in jeder Nacht, während am Tage der herrlichste Sonnenschein ein unbeschwertes Urlaubsvergnügen auf den Inseln der Südsee gewährleistete.
Dabei darf allerdings auch nicht verschwiegen werden, daß schon die allerkleinste Störung zu verheerenden Unwettern führen kann. Auch das kommt leider manchmal vor, dann fegen die entfesselten Naturgewalten über das Paradies hinweg und richten entsetzlichen Schaden an.
Megira und Kontila verzogen sich also in die Hütte, während draußen der Himmel seine Schleusen öffnete und die ganze Welt in einer ungeheuren Sintflut zu versinken schien. Weil aber Gogonita bereits schlief, begaben sie sich auch zur Ruhe.
Am nächsten Tag bedankten sich Kontila und Gogonita bei ihrem Gastgeber mit herzlichen Worten.
"Ist ja gut, macht, daß ihr wegkommt, sonst werde ich noch sentimantal." Megira winkte ab und wollte schon in die Hütte zurückkehren.
"Das ganze geht auf meine Leistungspunkte", rief ihm Kontila noch hinterher.
Aber da lief Megira mit schnellen Schritten auf ihn zu und sah ihn zornig an:
"Sag mal, willst du mich beleidigen? Ich habe alle Leistungspunkte der Welt auf meinem Konto, ich verbrauche doch fast keine und es kommen ständig neue dazu. Die letzten beiden Tage übernehme ich und basta."
Lachend winkte Kontila ab und stürzte sich hinter Gogonita in die See. Noch lange folgte Megira mit den Augen der doppelten Perlenschur aus Luftblasen, die sich langsam von seiner Insel entfernte. Dann nahm er sein Angelzeug und setzte sich auf den Königstuhl, wie er die winzige Klippe auf der hinteren Spitze des Eilandes nannte. Hier hatte er immer die besten Einfälle gehabt und hier dachte er auch über das vergangene Gespräch mit Kontila in aller Ruhe nach.
13. Kapitel: Thüringen
Seit einigen Stunden wanderte Stani nun schon allein und zu Fuß den Rennsteig entlang, immer über die höchsten Gipfel des Thüringer Waldes.
Bald schon hatte er sich dabei einer kleinen Gruppe von fünf gastfreundlichen Waldarbeitern angeschlossen, die erfreut waren, einen Fremden in ihrer Mitte zu sehen. Ihre Ahnen lebten schon immer hier und sie waren verliebt in den heimatlichen Wald.
Die Gesichter schienen von Wind und Wetter gezeichnet und sie trugen derbe, aber lustig bunte Arbeitskleidung mit festen Stiefeln. Man konnte sofort sehen, daß sie sich vorwiegend im Freien aufhalten.
Wie sie erzählten, bestand ihre Arbeit darin, die Natur ursprünglich und in reicher Vielfalt zu erhalten. Sie hatten die Bäume rechtzeitig zu erneuern und auch den Wildbestand zu kennen.
Begeistert erzählten sie von ihrer Arbeit und von den heimischen Tieren, die Stani bisher nur aus einer Vielzahl von Beschreibungen oder von seinen Speicherchips her kannte. Hier hatte er nun die Gelegenheit, Rehe, Hirsche und viele andere Geschöpfe der europäischen Natur wenigstens einmal von weitem zu sehen, denn gern erklärten ihm seine Begleiter ihr Revier, leider nur vom Rensteig aus.
Da blieben sie plötzlich stehen, denn einer von ihnen zeigte in den Wald. Stani sah nichts, aber die Gruppe ging zielstrebig auf eine junge Buche zu, die einige braune Äste hatte. Nun merkte auch er, daß der Baum nicht gesund war. An einer Stelle löste sich sogar die Rinde und darunter waren dicht an dicht tiefe, parallel laufende Rillen zu sehen.
"Borkenkäfer!", sagte jemand, "wenn wir nicht aufpassen, ist der Wald gefährdet."
Über Tele gab er sofort Anweisung an die Kyrobs, den gesamten Wald auf weitere Befallsstellen zu untersuchen und biologische Abwehrmaßnahmen einzuleiten. Nach ganz kurzer Zeit erschien ein Kyrob, der etwa fünf Meter von dem befallenen Baum entfernt einen quadratischen Kasten aufstellte.
"Das ist eine Duftfalle", wurde Stani aufgeklärt, "im Kasten liegt ein Beutelchen mit Duft-und Lockstoffen, die die Käfer anlocken, vor allem die Männchen. Sie kriechen hinein und können nicht wieder heraus. In einigen Tagen werden wir keine neuen Gelege mehr haben.
"Und die Larven im Baum?" fragte Stani.
"Die werden von Schlupfwespen, Spechten u.a. Tieren dezimiert", war die Antwort.
Später traf die Meldung ein, daß noch einige Bäume im Waldstück befallen sind und mit gleichen Maßnahmen behandelt werden. Noch sehr viel mehr lernte und erlebte Stani bei diesen sehr gastfreundlichen, naturverbundenen Menschen.
Es war doch seltsam, alle Menschen kannten die Probleme des Kosmoszentrums genau, jeder wußte über die Ergebnisse der Siriusexpedition Bescheid, aber das Leben auf der Erde, die Schönheit der europäischen Landschaften beispielsweise, war nur wenigen bekannt.
"Eigentlich könnten wir das ganze Quadrat 6 eine Nacht bewässern, beim letzten Regen hat es zu wenig abbekommen, weil der Berg die Wolken aufgehalten hat", schlug einer der Waldarbeiter vor, "der nächste planmäßige Regen wird erst in drei Tagen erwartet, bis dahin könnten die Setzlinge schon nicht mehr optimal versorgt sein."
"Immerhin sollte das Sache der Kyrobs sein, aber du hast Recht, wir gehen noch mal an der Station vorbei."
"Aber erst machen wir mal eine Pause, ich habe seit Mittag nichts mehr gegessen."
Karl, Stani erkannte ihn von weitem immer an seinem leuchtend gelb-schwarzen Hemd, setzte sich unter eine breit ausladende Eiche und holte aus seinem Rucksack ein Paket mit Brot und Wurst, sowie eine große Thermosflasche aus Edelstahl. Auch die anderen setzten sich dazu und packten ihre Verpflegung aus. Nur Stani hatte sich daraf verlassen, eine Servicestation zu erreichen und wurde deshalb von den Arbeitern gern aufs Beste bewirtet.
Das einfache Mal schmeckte ihm viel besser, als das Superangebot der Stationen. Noch nie in seinem Leben hatte er hausgeschlachtete und selbst geräucherte Rotwurst gegessen. Auch von dem dunklen, würzigen Roggenbrot, das mit Sauerteig gebacken wurde, wie er erfuhr, war er begeistert. Dagegen schmeckte das allerbeste Weißbrot fade und pappig.
"Was habe ich bisher alles verpaßt, wieviel Schönes gibt es noch auf der Erde, das ich nun niemals mehr kennenlernen werde", sagte er laut zu sich selbst.
"Dafür beneiden wir dich aber genauso, denn du wirst eine fremde Welt kennenlernen und vielleicht dann noch auf der Erde in einigen Millionen Jahren all das nachholen und auskosten können, was du bis jetzt versäumt hast", bekam er zur Antwort.
Stani seufzte und dachte an Chiroga. Insgeheim ärgerte er sich natürlich darüber, daß er schon wieder an sie denken mußte, denn es war nun einmal aus und vorbei. Einen Weg zurück zu ihr, der sie für immer zusammenführen kann, gab es nicht.
Die Gruppe verließ danach den Rensteig und schlug einen Weg ein, der hinter einer scharfen Kurve plötzlich auftauchte und der den Berg hinunter ins Tal führte, direkt durch den Wald.
Stani konnte sich an dieser herrlichen Gegend nicht satt sehen und als sich an einem Hang gar eine Quelle mit ihrem silberklaren Sprudeln verriet, kannte seine Begeisterung keine Grenzen. Nach der Anstrengung schmeckte das kühle, klare Quellwasser viel besser als der teuerste Wein oder Champagner.
"Schade, daß ich bald weg muß, ich glaube, daß ich mich sonst in Thüringen ansiedeln würde. Hier ist es ja so herrlich, dafür könnte ich sogar meinen Beruf als Raumfahrer aufgeben. Im All erscheint uns die Erde sowieso als das Schönste, was es überhaupt gibt. Und wer das hier gesehen hat, der glaubt es auch. Ihr seid doch glückliche Menschen", schwärmte er.
Aber dann fiel ihm die Auseinandersetzung mit Chiroga wieder ein und er verstummte. Wenn sie jetzt seine Worte gehört hätte! Ärgerlich und verbissen lief er inmitten der Gruppe, die sich den urplötzlichen Stimmungsumschwung ihres Gastes nicht so recht erklären konnte.
Doch bald schon kamen neue Erlebnisse mit diesen liebenswürdigen Menschen und in der herrlichen Landschaft auf ihn zu, sodaß er seinen Unmut sehr schnell wieder vergaß.
Als dann der Weg eine überraschende Kurve machte, lag vor ihnen eine Waldwiese, auf der ein Rudel Hirsche und auch einige Rehe standen. Sie blickten zwar sofort zu ihnen hin, aber keines der Tiere ergriff die Flucht. Von den Arbeitern drohte ihnen keine Gefahr, das wußten sie aus Erfahrung. Da war der Bär, der auf der anderen Seite der Wiese jetzt sichtbar wurde, schon gefährlicher. Die Tiere blieben unschlüssig stehen aber man sah ihnen an, daß sie sich auf eine schnelle Flucht vorbereiteten. Jedoch bemerkte der Bär die Menschen ebenfalls und verschwand wieder im dichten Wald. So blieb alles friedlich.
"Dieses Bild hänge ich an die Wand meiner Kabine und zeige es allen Wesen im ganzen All, es wird mich für immer an die Erde erinnern". Stani sagte das in so feierlichem Ton, dass alle aufhorchten und es klang wie ein heiliger Schwur.
Endlich schimmerten durch die Bäume einige mit schwarzem Schiefer gedeckte Dächer, unter denen Mauern aus roh behauenem Kalkstein sichtbar wurden. Diese Gebäude waren schon sehr alt und standen unter Denkmalsschutz. Mit ihrer unterschiedlich hohen und wie geduckt an den Berg gebauten Erscheinung paßten sie sich der Umgebung so vollkommen an, daß sie weit über die Grenzen des Kontinentes hinaus als besonders schönes Beispiel einer landschaftsbezogenen Architektur berühmt waren.
Selbstverständlich entsprachen sie im Inneren dem Ausrüstungsstandart moderner Gebäude und ein neugieriger Kritiker würde wohl auch vergeblich am Gemäuer nach einem Anzeichen des hohen Alters suchen.
Einige große Fichten, die so steif erschienen wie der stählerne Sendemast auf dem Gipfel, aber ebenso gesund und kraftstrotzend wie die gesamte Landschaft, standen geschickt komponiert auf der einen Seite des gepflegten parkähnlichen Rasens. Ehrwürdig wie heilige Statuen muteten sie an, aber ihre Steifheit wurde durch die erhabene Verspieltheit einer gewaltigen Blutbuche wieder aufgehoben, die sich völlig unbeeindruckt von dem ernsten Aussehen der Fichten auf der anderen Seite ausbreitete.
Vor allem wirkte die Gruppe wohl durch ihre Farben. Die hoben sich angenehm von dem helleren, aber recht eintönig wirkenden Grün des umliegenden Laubwaldes in wohltuendem Kontrast ab.
Wie Stani erfuhr, war das die weitbekannte Waldstation Thüringen III, zu der die fünf Waldarbeiter gehörten. Natürlich unterstanden ihnen eine recht große Anzahl leistungsfähiger Kyrobs, aber die Menschen hier wollten es sich doch nicht nehmen lassen, selber kräftig mit zuzugreifen.
Heute waren sie gemeinsam aufgebrochen, um ein etwas weiter entferntes Waldstück zu vermessen und zu kontrollieren. Das war nötig geworden, denn zwei verschiedene Meßkyrobs hatten ihnen bei zwei verschiedenen Routinekontrollen völlig unterschiedliche Ergebnisse gemeldet, die sich niemand erklären konnte. Nach der Überprüfung stand fest, dass ein Kyrob richtige Daten geliefert hatte, der andere war defekt.
Stani freute sich natürlich darüber, daß er seinen Gastgebern jetzt auch einmal helfen konnte. Er entnahm seinem siebenten Körperteil, dem kleinen Havarietornister, ein paar Werkzeuge und untersuchte mit geübten Handgriffen den defekten Kyrob.
In der bei diesem Typ seitlich angebrachten Black-Box, dem sogenannten I-Modul (Intelligenzmodul), mußte er einen Chip wechseln, in den wahrscheinlich durch eine kleine Undichtigkeit des Gehäuses Wasser eingedrungen war und zu den Fehlfunktionen geführt hat. In kurzer Zeit war der Kyrob wieder einsatzbereit. Auf alle Fälle waren alle froh, daß nun der komplizierte bürokratische Weg entfiel, den sonst eine unvorhergesehene Reparatur immer mit sich brachte.
Es gab zwei Möglichkeiten für eine Reparatur, die aber gleich umständlich waren.
Entweder konnte der Hauptkyrob in Australien verständigt werden, der einen Fachbetrieb mit der Ausführung beauftragte. Dieser schickte dann eine Menge Formulare zum Ausfüllen und niemand schätzte eine solche Tätigkeit. Aber erst mit der Unterschrift unter die richtig ausgefüllten Formulare durfte der Auftrag ausgeführt sowie vom Hauptkyrob verrechnet werden und auch das bedeutete wieder Papierkrieg. Nichts ging eben über entnervende Gründlichkeit.
Natürlich konnte der Fachbetrieb auch direkt von der Station aus benachrichtigt werden. Der weitere Werdegang mit den Formularen blieb derselbe. Aber weil nur sehr selten Fehler auftraten, waren die Reparaturbetriebe nicht immer genau bekannt und gern wurde der Service über den Hauptkyrob in Anspruch genommen. Das kostete einen Leistungspunkt.
"Wir werden diesen Kyrob in Ehren halten, immerhin wurde er von dem berühmten Raumfahrer Stani persönlich repariert", versprach Karl begeistert, "das glauben uns die Kollegen von den anderen Stationen nie. Aber wenn sie dann die Holos oder das Video sehen, beneiden sie uns dafür um so mehr".
Station Thüringen III war einer von neun Stützpunkten, die den gesamten Thüringer Wald betreuten. Von hier aus wurde ein riesiges Gebiet überwacht und gepflegt. Dazu waren diese Stationen auch optimal ausgerüstet und konnten bei Bedarf sogar das Wetter beeinflussen, wenn es notwendig sein sollte.
Die Entscheidung, das Quadrat 6 zu bewässern, wurde mit der Hauptwetterstation auf dem Inselsberg und den Üsats abgestimmt. Von dort konnten dann alle die Touristen oder auch Kyrobs informiert werden, die sich in diesem Gebiet aufhielten, oder es in der betreffenden Nacht durchqueren wollten.
Auf dem umfriedeten Hof der Station erschien nun ein ziemlich ungewöhnlich aussehender Kyrob. Er ähnelte wohl der Miniaturausführung einer Kanone aus dem zweiten Jahrtausend, nur daß er mehrere Rohre besaß.
Ein Rohr richtete er auf den Himmel über Quadrat 6. Dort sollte die Luft bis in eine Höhe von zwei Kilometern um zwanzig Kelvin abgekühlt werden. Das hatte eine starke Kondensation von Wasser zur Folge, es bildeten sich sofort dichte, dunkle Wolken und ein starker Regen setzte ein. Durch die punktgenaue Ausrichtung des schwenkbaren Rohres konnte das Gebiet genau begrenzt werden. Die Bestrahlung mit Beta-Gugronen wurde vom Kyrob so berechnet, daß sie nur im ausgesuchten Gebiet wirksam wurde.
Gleichzeitig erzeugte die Hauptstation auf dem Inselsberg einen leichten Wind, der ständig neue, feuchte Luft in das Planquadrat sechs brachte und die trockene abgeregnete, Luft wegblies.
"Aber wenn die kalte Luft nun in andere Gebiete geweht wird, das hat doch Wetteränderungen zur Folge", fragte Stani.
"Hm, ihr Raumfahrer traut uns Provinzlern wohl gar nichts zu, was? Aber nicht nur in Australien kann man so etwas planen. Das funktioniert nämlich bei uns auch schon seit Jahrhunderten. Und erfunden haben es einst unsere Vorfahren, die wie wir Provinzler waren".
Karl sagte das mit sichtlichem Stolz und die ganze Gruppe nickte zustimmend.
In der Tat war die Lösung ziemlich einfach und lag fast auf der Hand, denn die entzogene Wärme wurde der Luft mit Hilfe eines zweiten Gugronenstrahlers wieder zugesetzt, wenn sie das Quadrat 6 verließ. Dadurch hörte nicht nur der Regen schlagartig auf, sondern die Gefahr einer Wetteränderung durch Abkühlung konnte damit ebenfalls gründlich gebannt werden.
Der hierfür benutzte Kyrob war also schon viele hundert Jahre alt, das erklärte auch sein seltsames Aussehen mit mehreren Rohren. Ein genaues Ausrichten von Strahlern auf ein entferntes Ziel war damals noch nicht anders möglich gewesen und sehr oft wird der Kyrob ja nicht benutzt, sodaß seine Anwendung bisher völlig ausreichte.
Stani erklärte Ady, dem Hobbytechniker unter den Arbeitern, die Wirkungsweise moderner Zielstrahler.
"Wenn es nötig sein sollte, bestellen wir so ein Gerät", meinte Karl, "aber was bei unseren Vätern ausreichte, ist für uns auch gut genug. So oft brauchen wir das Ding ja nun auch wieder nicht, höchstens ein bis zweimal im Jahr, das reicht."
Natürlich gehörte zu einer derartigen Maßnahme, wie einer Strahlung mit Gugronen, eine sehr präzise Planung und genaue Ausführung durch den Kyrob. Nicht auszudenken, wenn die Strahlungen zu stark dosiert werden und unkontrolliert in andere Gebiete dringen können. Alle die Flugzeuge, Gravistaten, Raketen oder auch Sportler im Grav, die sich dort gerade in der Luft befinden, wären in akuter Lebensgefahr.
Aber die ganze Durchführung der Beregnung verlief störungsfrei, solche Maßnahmen gehörten zur Routinearbeit der Gruppe, sie kamen immer wieder vor und der Kyrob hatte eine doppelte Sicherung. Nach einigen Kontrollen verkündete Karl kanpp:
"Feierabend für heute, morgen Kontrolle Quadrat 6".
"Wo ist denn hier die nächste Servicestation?", wollte Stani wissen.
Da bot ihm Karl an, über Nacht sein Gast zu sein. Erfreut sagte Stani zu und ein Gravistat brachte die gesamte Gruppe in das kleine Dorf.
Die Siedlung bestand aus einer Anzahl sauberer, gepflegter Häuschen, die wohlige Behaglichkeit verbreiteten und von den obligatorischen Gärten umgeben waren.
Schon von weitem sah man die ziegelroten, blauen, gelben oder schwarzen Dächer, die wie lustig bunte Mützen auf den schneeweißen Fassaden durch das Grün des Waldes hindurchschimmerten. Sie wirkten so ehrwürdig wie die sie umgebende Landschaft, so beruhigend wie die Fichten und Tannen auf der Höhe, aber weitaus einladender und auch viel gastfreundlicher als die allerbeste Luxusservicestation der Extraklasse.
Und in der Mitte des Dorfes, wo zwischen den Häusern ein etwas größerer Platz zu erkennen war, reckte eine stattliche Kirche ihre gotischen Mauern in die Höhe. Sie begrüßte die ankommende Gruppe nicht nur durch den hohen Turm, der die Häuser und den Wald weit überragte, sondern auch durch das Geläut der Glocken. Es versetzte Stani in eine feierlich-schwermütige Stimmung und ließ sowohl seine Gedanken wie auch seine Sehnsucht abermals zu Chiroga schweifen.
Selbst der gewohnt geschäftige Lärm einer belebten Ortschaft war bald zu hören und verriet dem kundigen Ohr, daß hier im Dorf alles in Ordnung war.
Mehrere halbwüchsige Kinder balgten sich am Rande der großen Wiese, auf der die Gruppe ankam. Eben sagte ein rothaariger Lockenschopf zu seinem Gegenüber:
"Bei dir sind wohl die Chips vertauscht, was?"
Nun kann sich ein richtiger Junge natürlich solch eine Beleidigung nicht bieten lassen, deshalb wälzten sich die beiden Kontrahenden auch im nächsten Moment unter den anfeuernden Rufen der anderen auf der Wiese. Ein braun-weiß gefleckter Jagdhund mischte sich begeistert in den Kampf ein und sprang einfach dem oben liegenden sommersprossigen Arnie auf den Rücken.
"Weg, Harras, hau ab", versuchte der den neuen Gegner loszuwerden. Aber Harras leckte den beiden mit seiner breiten Zunge übers Gesicht, sodaß sie mit einem lauten "Puh" voneinander abließen und sich die nassen Wangen wischten.
"Du bist ein Spielverderber, Harras, den hätte ich jetzt fertig gemacht, daß er zwei Wochen lang nur noch aus der Schnabeltasse essen könnte". Arnie sah seinen Gegner lauernd an.
"Und bei dir sind doch die Chips vertauscht, sonst würdest du nicht einmal an sowas denken, dir könnte doch jetzt schon nicht mal mehr der Tunnel helfen!"
Wiederum wälzten sich die beiden im Staub auf der Wiese und Harras wurde von einem Mädchen zurückgehalten. Die ganze Meute gröhlte dermaßen laut, daß etwa 200 m weiter ein Hase aufsprang und hakenschlagend das Weite suchte. Harras spitzte sofort die Ohren, aber er wendete sich bald wieder den beiden Streithähnen zu. Man sah ihm an, wie gern er mitgemischt hätte.
Rings um das Dorf gab es eine Anzahl eingezäunter Wiesen, auf denen braun-oder schwarzgefleckte Rinder, auch Schafe bzw. Pferde weideten. Die Männer erzählten Stani, daß fast jeder hier im Dorf sein eigenes Pferd besaß und das jährliche Reit- und Springturnier zahlreiche Gäste aus allen Teilen Thüringens herbeilockt.
"Dann ist hier was los, die große Wiese steht voller Zelte, in denen auch übernachtet wird", berichtete Karl, "wir stellen eine lange Reihe Duschen und Wasserleitungen auf. Das Schmutzwasser fließt direkt in den Abwassertunnel, dadurch gibt es keine Probleme".
"Und wer sind die besten Reiter?" wollte Stani wissen.
"Na ja, zu uns kommen insgesamt sieben Reiterclubs, das sind über hundert Pferde. Wir schneiden nicht schlecht dabei ab."
"Warum so bescheiden, Karl, brauchst dich doch nicht zu schämen, daß du fast jedes Jahr den Pokal bekommst", sagte Micha, der Jüngste des Teams.
"Wenn du willst, können wir ja mal gegeneinander antreten", schlug da Karl vor und sah Stani herausfordernd an.
"Um Gottes willen, ich bin vor einigen Tagen in den Alpen zum ersten Mal in meinem Leben geritten", gab der lächelnd zurück, "es war zwar ein besonderes Erlebnis, aber für einen Wettkampf reicht es beiweitem noch nicht."
"Na, dann eben nicht, dafür haben wir hier keinen Fußballclub, und da bist du uns bestimmt überlegen".
Stani staunte immer wieder über die höfliche Bescheidenheit dieser Menschen. Inzwischen waren sie ganz langsam bummelnd und plaudernd weitergegangen.
Als die Männer das Dorf betraten, wurde er als Fremder mit lautem Hundegebell begrüßt. Einige Frauen in den Gärten stützten sich auf die Stiele ihrer Hacken und blickten neugierig den großen, stattlichen Mann an. Er nickte ihnen freundlich lächelnd zu und lobte wohl auch diesen oder jenen Garten.
Es waren ja auch wirklich hübsche und durchdachte Anlagen. Sie sahen beiweitem nicht so uniform gleichmäßig und fast hygienisch sauber aus wie die meist nur am Wochnende zum Relaxen bestimmten Vorstadtdatschen, die Stani bisher kannte. Nein, in diesen Gärten hatte man sofort den Eindruck, mitten in der Natur zu sein. Hier fanden auch Igel, Kröten und andere Kleintiere einen Unterschlupf, hier gab es natürliche Verstecke für viele nützliche Insekten und in den Baumkronen fühlten sich eine Unmenge ganz verschiedener Vogelarten heimisch.
Stani war beeindruckt, denn trotz der scheinbar natürlichen Unordnung wirkte alles sehr durchdacht und gepflegt, fast wie kleine Parkanlagen. Das lag wohl vor allem auch an der geschickten Gestaltung des Wohnhauses, das mit seiner breiten hinteren Terasse direkt aus dem vorderen Teil des Gartens herauszuwachsen schien und wie ein Teil desselben wirkte.
Als Fremder hatte man das Gefühl, daß das ganze Dorf eine einzige große Familie darstellt und das Leben dem angepaßt ist. Stolz reckte auf dem Dorfplatz die majestätisch wirkende Kirche ihren Turm in die Höhe und sein Glockenschlag schien noch immer das Leben im Ort zu bestimmen.
Gegenüber der Kirche, wo am anderen Ende des Platzes die einzige Gaststätte des Dorfes mit bunten Reklameschildern auf ihre Spezialitäten aufmerksam machte und wo hinter der großen Mauer der Gemeindesaal vermutet werden konnte, forderten eine Anzahl Tische und Stühle unter leuchtend bunten Sonnenschirmen einladend zum Verweilen auf. Hier ließen sich die Männer nieder, um in Ruhe ein Glas Bier zu trinken. Bald kamen noch andere Ortsbewohner, auch viele Frauen dazu.
Mit einer Selbstverständlichkeit, wie sie sonst wohl wirklich nur unter Familienmitgliedern üblich ist, setzten sie sich zu der Gruppe und nahmen ebenso selbstverständlich am Gespräch teil.
Natürlich stand Stani zuerst einmal im Mittelpunkt des Interesses, aber auch viel allgemeiner Dorfklatsch kam zur Sprache.
So erfuhr er staunend, daß die dicke Herma aus dem Nachbardorf plötzlich einen stattlichen Sohn bekommen hat, obwohl niemand ihre Schwangerschaft bemerkt hatte, daß Thomas schon wieder zwei neue Kyrobs für seine Schlosserwerkstatt bestellen will, der Bäcker mit dem Gravistaten schwer verunglückt ist und nun gerade vom Diagnostikana des Dorfes behandelt wird, der Hund des Gastwirtes von einem Luchs angefallen wurde, die Waldarbeiter im Nachbarbezirk einen Fuchs mit Tollwutverdacht erlegt haben und vieles mehr. Man sprach auch über einige ehemalige Dorfbewohner, die weggezogen sind. Hella, die Frau von Achim, wußte über fast jeden etwas zu berichten.
Stani interessierte sich vor allem für den Unfall mit dem Gravistaten.
"Was ist denn passiert, wie kann es denn überhaupt im Gravistaten zu einem so schweren Unfall kommen", wollte er wissen.
"Uns ist das schon klar", erklärte ihm Ady, "der Bäcker hat noch einen ganz alten Gravistaten, der einmal von der Firma Air-Tec hergestellt wurde. Das war eine Gesellschaft, die vor mehr als hundert Jahren Billigvarianten von verschiedenen Maschinen und Instrumenten produziert hat, vor allem primitive Gravistaten.
Angeblich wurde nur an der Ausstattung gespart, aber es stellte sich heraus, daß auch an der Sicherheitseinrichtung fast alles eingespart wurde. Die Firma argumentierte damals so, daß noch niemals etwas geschehen sei und außerdem durch die Üsats, die Rettungsstationen usw. genügend Soforthilfe zur Verfügung steht. Da kann man die aufwendigen mehrfachen Sicherungseinrichtungen weglassen.
Schon seit jeher gab es hier in diesem Raum drei namhafte Hersteller für Gravistaten, die vor allem durch immer komfortablere Ausstattung ihre Kunden begeistern wollten. Die Dinger wurden immer besser und verrückter, es gab nichts, das nicht eingebaut wurde.
Und sie gaben eine Unmenge von Leistungspunkten für die Werbung aus, der Wettbewerb untereinander wurde immer härter, leider auch die Gravistaten immer teurer. Viele Menschen waren darüber verärgert und bestellten sich ihre Geräte woanders.
Da kam ein junger Techniker auf die Idee, eine neue Firma zu gründen, die Gravistaten zu Billigpreisen herstellt. Es reicht doch ein Gerät, das nur die allernotwendigste Ausstattung hat, für welches man nicht Aufpreise für allen möglichen Schnick-Schnack bezahlen muß, waren seine Argumente. Und zusammen mit zwei Freunden gründete er die Air-Tec.
Zuerst lief das Geschäft auch ganz gut und die Firma wurde bekannt. Als aber die Diskussionen wegen der völlig fehlenden Sicherheitseinrichtungen immer heftiger geführt wurden, entschied der wissenschaftliche Rat schließlich über die Auflösung der Firma.
Alle Proteste nutzten den Betreibern nichts, die Air-Tec verschwand so plötzlich, wie sie gekommen war. Man vermutet heute noch stark, daß die anderen Herstellerfirmen kräftig dazu beigetragen haben. Aber Beweise für diese Vermutungen gibt es natürlich nicht.
Diese drei anderen Firmen haben sich übrigens schon lange zusammengeschlossen und produzieren seitdem ohne Firlefanz gute, preisgünstige Gravistaten.
Der Bäcker, der sich damals so eine Billigvariante gekauft hat, konnte sich davon nie mehr trennen. Er benutzt es noch immer, obwohl ihm jeder die Gefährlichkeit dieses Gerätes vor Augen hält.
Schließlich sind in der letzten Zeit mit seinem Gravistaten schon mehrere Zwischenfälle vorgekommen, denn die alte Kiste versagt immer häufiger. Wahrscheinlich hat der Entfernungsmesser eine Macke.
Heute ist Clemens, wie der Bäcker heißt, ins Nachbardorf geflogen. Dabei muß er auf Automatik gestellt haben, jedenfalls saß er nicht am Steuer und sein Gravistat ist mit einer ziemlich hohen Geschwindigkeit gegen einen Baum gekracht.
Glücklicherweise geschah der Crash nur mit der rechten Seite des Gerätes, sodaß das Wrack seitlich abprallte und noch ein Stück weiterflog. Es blieb dann auf der Wiese liegen. Wenige Augenblicke später war ein Rettungsschiff aus der Station da und hat den Verunglückten versorgt.
Es geht ihm jetzt schon wieder besser. Nur sein Gravistat ist zum Glück totaler Schrott und die Kyrobs haben ihn bereits entsorgt.
Alle Teile wurden fein säuberlich nach dem Material getrennt und zur Verwertung gebracht."
"Ja, es kommt leider immer wieder vor, daß es jemand mit der Sicherheit nicht so genau nimmt. Irgendwann gibt es dann aber bestimmt Ärger." Stani dachte bei diesen Worten an sein Abenteuer im Titicacasee.
Als die Turmuhr achtmal schlug, zerstreute sich die Gesellschaft langsam und immer mehr verließen den Platz, um nach hause zu gehen.
Die Häuschen mit den schneeweißen Fassaden und den Blumenfenstern, auf denen zumeist eine Katze träge in die Abendsonne blinzelte, waren äußerlich dem traditionellen Thüringer Stil angepaßt. Diesen Stil kann man auf sehr vielen überlieferten Bildern sehen und eigentlich ist er recht typisch für die Häuser der meisten Bergbewohner in ganz Europa.
Ihre Dächer waren manchmal mit roten, blauen oder gelben Ziegeln, manchmal mit schwarzem Schiefer gedeckt. Von fast allen Giebeln und Mansarden grüßten liebevoll geschnitzte hölzerne Ornamente, Auskleidungen, oder gedrechselte Verzierungen.
Stani wurde nun in ein solches Haus geführt, das auf einem aus der Höhe des Dorfplatzes aufsteigenden Berghang stand. Der terassenförmig angelegte Garten, in dem viele bunte Sommerblumen den Eindruck eines leuchtenden Teppichs hervorzauberten, nur ab und zu unterbrochen von einem silbern plätschernden Bächlein oder einem mit üppigen Schwimmpflanzen übersäten Teich, bildete einen reizvollen Hintergrund zu dem einstöckigen Haus mit dem auffällig darüberliegenden Mansardengiebel.
Rings um die erste Etage verlief eine breite Galerie, von deren Brüstung sich dichte, bunte Hängeblumengirlanden herabschlängelten, die die unteren Fenster mit einem bunten Flor leuchtender Blüten vor der Sonne schützten. Wer auf diesen Balkon heraustrat, konnte auf der Ostseite einen herrlichen Ausblick über das Tal, bis weit ins Land hinein genießen. Auf der anderen Seite war der steile Berg, aber dazwischen lag noch der wunderschöne Garten.
Die Frau und die beiden Kinder begrüßten den fremden Gast neugierig. Als sie in ihm jenen Stani erkannten, der Teilnehmer, ja sogar Urheber der Expedition zur Andra ist, waren sie begeistert. Selbst hier, am anderen Ende der Erde, wurde von den Menschen begierig jede Nachricht aus dem Kosmoszentrum aufgenommen. So waren ihnen auch die Raumfahrer, die zur Expedition Omikron gehörten, schon lange wohlbekannt.
Bis zum Anbruch der Nacht saßen sie auf der Galerie und Stani beantwortete gern die vielen Fragen und Gedanken seiner Gastgeber und der Kinder. Später ging man in das gemütlich eingerichtete Wohnzimmer, wo der Abend bei einer Flasche Wein beschlossen werden sollte. Die Anstrengungen des Tages und der gute Wein führten dazu, daß die Müdigkeit immer mehr zunahm und schließlich die Gespräche ganz verstummen ließ.
Da sagte der Mann zur Tochter:
"Stell noch mal die neuesten Nachrichten ein, ehe wir Schluß machen."
Es war eine ganz normale Nachrichtenschau: ein geplatztes Dampfrohr in einem Chemiebetrieb in Asien, ein Waldbrand auf Kamtschatka, eine an Herzversagen verstorbene Frau in einer großen Servicestation, die rätselhafte Erkrankung von fünfzig Personen in Südamerika, ein gebrochener Fuß bei einem Touristen auf dem Mond, ein defekter Kyrob, der einen Gravistaten anstatt nach Afrika nach Australien brachte, ein Wassereinbruch in einer Tiefseestation, ein Bericht über eine Elefantenherde, dann einige Sportberichte über lokale Sportereignisse.
Schließlich kam noch eine Sondersendung über die Andraexpedition. Hier erfuhr Stani zum ersten Mal Einzelheiten, z.B. von dem bereits gestarteten Refo-Fächer, von der Ausrüstung und der Besatzung der Omikron. Jeder wurde kurz vorgestellt und auch er erschien als Holo. Aber danach stand plötzlich Chiroga im Raum, unerwartet und begehrenswert.
Stani, als Expeditionsraumfahrer an so manche plötzliche Überraschung gewöhnt, sprang wie elektrisiert auf. Alle sahen ihn erstaunt an. Er starrte auf Chiroga und verstand nichts. Da verschwand sie auch schon wieder und Gabriella erschien. Stani erwachte wie aus einer langanhaltenden Betäubung.
"War das Chiroga", fragte er, "fliegt sie auch mit?"
"Aber das steht doch schon seit drei Monaten fest!", war die verwunderte Antwort, "es wird gemunkelt, daß sie deine Partnerin ist".
Da setzte sich Stani in den Sessel und sah seinen Gastgeber mit großen Augen sprachlos an.
"Davon habe ich nichts geahnt", stammelte er schließlich.
"Na, ich wüßte es ganz bestimmt, wenn so eine Superfrau meinetwegen mitkommen würde", brummte Karl verständnislos.
"Ich schlage vor, wir gehen jetzt schlafen, es ist schon spät", brach da die Hausfrau das Gespräch ab.
"Ich fliege sofort nach Australien!"
Stani ließ sich den Gedanken nicht ausreden, wollte sofort weg und nur ganz langsam siegte sein gesunder Verstand über seine totale Verwirrung. Ein Flug im Gravistaten dauerte fast zwei Tage. In einigen Stunden startet die Frührakete, die in Australien landen wird, wenn dort gerade der Morgen dämmert, weil sie der Zeit engegenfliegt. So blieb er denn über Nacht.
Im Bad fand er eine nostalgische Dusche, wie er sie bisher nur aus alten Überlieferungen kannte. Ihm gefiel das viel besser als die modernen Hygienekammern in den Raumschiffen, Servicestationen und den meisten Unterkünften. Es stimmt schon, der Wasserverbrauch liegt beiweitem höher, aber dafür fühlt man sich nach dem Duschen auch viel wohler als nach der Hygienekammer.
Das Gravibett stellte er auf hart, um ja nicht zu verschlafen. Doch er schlief trotzdem ausgezeichnet und sein Zeitchip weckte ihn zuverlässig. Die Zeit reichte sogar noch für ein erfrischendes Duschbad. Dann verabschiedete er sich herzlich von seinen Gastgebern und flog zum Startplatz.
Zu seinem Entsetzen war die Frührakete bereits gestartet, weil er sich nicht angemeldet hatte. So mußte er in seiner Ungeduld auch noch auf die nächste warten, die in Australien ankommen würde, wenn es dort bereits Mittag ist. Gern hätte er mit Chiroga sofort über Tele gesprochen, aber er bezwang sich doch noch so lange, weil er sie überraschen wollte.
Kapitel 14. Die letzten Wochen
"Nach ihnen, meine Dame!" sagte Benbil gewandt und ließ Chiroga an sich vorbei als erste in den Speisesaal, "es gibt heute als vierte Variante Burgunderbraten mit Klößen, sehr zu empfehlen".
"Danke", sagte Chiroga und deutete mit der Hand auf den Weg zu Gabriellas Tisch.
Benbil lächelte und ging dorthin. Chiroga ärgerte sich sowohl über ihre Reaktion als auch über Stani, der doch eigentlich längst zu ihr hätte kommen müssen. Statt dessen spielte er den Beleidigten und reiste ununterbrochen in Europa herum.
Na, der kann was erleben, wenn er kommt, dachte sie erbost und bestellte Burgunderbraten.
Aber im nächsten Moment suchte sie auch schon wieder nach Ausreden, die Stani vor ihr entschuldigen konnten. Hier in Australien, im Startleitzentrum, war es natürlich stille Selbstverständlichkeit, daß sie als Stanis Partnerin mitflog. Doch woher sollte Stani das ahnen? Sie wußte ganz genau, daß er sich bisher nicht im Geringsten über die Ereignisse in Australien informiert hat und daß er auch ganz bestimmt erst in letzter Minute zur Startvorbereitung zurückkommen wird.
Sie glaubte, ihn sehr gut zu verstehen. Er wollte sich eben vor dem Start möglichst nur kurze Zeit im Kosmoszentrum aufhalten, um die notwendigen Dinge zu erledigen, denn damit kommt er am schnellsten über seine Enttäuschung hinweg. Wahrscheinlich würde sie an seiner Stelle auch so handeln.
Freilich hätte sie ihn längst über Tele verständigen, sogar in Europa aufsuchen können, doch so leicht wollte sie es ihm nun auch wieder nicht machen.
Megira, der strenge Megira, sagte erst in der vorigen Woche zu ihr:
"Euch müßte man alle beide übers Knie legen und den Hintern versohlen". Dabei lächelte er verschmitzt.
Trotzdem wollte sie lieber auf Stani warten. Irgendwann mußte er ja zurückkommen, immerhin war in vierzehn Tagen der Start und da wurde es langsam Zeit.
In solcherlei Gedanken versunken aß sie mechanisch den Braten und bemerkte nur nebenbei, daß sich noch jemand an den Tisch gesetzt hatte. Als sie den Teller wegschob und nach dem Kompott greifen wollte, wurde ihr dieses schon vorgesetzt. Sie sah empört auf und blickte in Stanis leuchtende Augen. Überrascht erstarrte ihr noch immer ausgestreckter Arm, um dann ganz, ganz langsam auf den Tisch zu sinken.
"Stani", flüsterte sie, "wo kommst du denn so plötzlich her?"
Die ganzen Stunden auf dem langen Weg hatte er sich Worte zurechtgelegt, die er ihr sagen wollte, sogar eine richtige kleine Rede hatte er eingeübt. Doch jetzt mit einem Mal brachte er kein Wort hervor, wußte er keinen Satz mehr. So sah er sie nur an und sagte schüchtern:
"Ich habe mir immer gewünscht, daß du mitfliegst, ich bin ja so glücklich, warum hast du mir das denn nicht gleich gesagt?"
Im Raum war sofort absolute Stille eingetreten, weil alle Anwesenden gespannt zu ihnen blickten. Deshalb sagte Chiroga leise:
"Komm, wir setzen uns draußen auf eine Bank." Das Kompott blieb unberührt auf dem Tisch stehen.
Bei jeder großen Expedition sind die letzten Tage vor dem Start durch Hektik und Betriebsamkeit gekennzeichnet, dabei machten auch die Vorbereitungen zum Andraflug keine Ausnahme.
Kyrobs aller Größen und Funktionen wimmelten um den riesigen Quader auf dem Startgelände herum, der mit der leuchtenden Aufschrift 'OMIKRON' an ein überdimensionales Monster vom Planeten Alpha III im Sternbild Walfisch erinnerte, jederzeit bereit aufzuspringen, um ein argloses Opfer zu überraschen und mit seinem Gewicht unter sich zu begraben.
Wieder und wieder untersuchten die Kyrobs die Ausrüstung, das Schiff selbst, die Technik, wechselten hier und da noch ein Teil aus, schraubten, probierten, drehten oder pinselten überall schon zum -zigsten Male herum, bis das Steuerzentrum zufrieden war und die Funktionsfähigkeit über sehr lange Zeit garantieren konnte.
Natürlich bleibt auch bei der besten Vorbereitung und Kontrolle immer ein kleines Restrisiko, irgendetwas setzt immer mal aus und irgendwo gibt es bestimmt unverhoffte Schwierigkeiten.
Um in solchen Situationen nicht ganz hilflos dazustehen, wurden aufwendige Reparaturstationen in die Raumschiffe integriert, in denen Kyrobs auf alle denkbaren Zwischenfälle vorbereitet sind und jeden Defekt beheben können.
Das Programm zur Überwindung des schier unendlich erscheinenden intergalaktischen Raumes sah vor, daß die Besatzung nach dem Passieren des Planetoidengürtels in Tiefschlaf versetzt wird. Die weitere Steuerung und Navigation bis zum Erreichen der Zielgalaxis und wenn möglich auch darüber hinaus bis zum Erreichen des Zielplanetensystems übernahmen dann selbständig die intelligenten Steuersysteme.
Solch eine Flugphase, die nur von den Geräten gesteuert wird, gibt es bei jedem Raumflug, der das heimische Sonnensystem verläßt und bei dem die Crew in Tiefschlaf versetzt wird. Längst hat sich dafür der Begriff 'Kyrobflug' eingebürgert und die Erfahrungen mit solchen Flügen sind seit mehr als tausend Jahren interstellare Raumfahrt gesammelt worden.
Wie immer, wenn etwas ganz neu entwickelt worden ist, traten auch hier zuerst noch eine ganze Menge Fehler auf, und es gab sogar eine große Anzahl bedauerliche Todesfälle, weil unbekannte, noch unerforschte Kräfte wirkten, die Kyrobs versagten, oder die Raumschiffe mit irgendwelchen nicht oder zu spät erkannten interstellaren Teilchen im All zusammenstießen.
Aber das Raumfahrtzentrum ließ jeden einzelnen kleinen Vorfall ganz genau untersuchen, die Ereignisse wurden mit aufwendigen Kyrobprogrammen nachgestellt, ausgewertet und untereinander verglichen. Es versteht sich von selbst, daß sich aus jedem Vorkommnis Erkenntnisse für die weitere Sicherheit der Raumfahrt ergaben.
Vor allem aber waren es jene Unfälle, deren Ursache nicht sofort zu erkennen war und die zunächst nicht aufgeklärt werden konnten, die am Ende zu den bedeutendsten Erkenntnissen führten. Leider mußte sich in der Regel solch ein Unfall noch ein oder sogar mehrere Male wiederholen, ehe die eigentliche Ursache gefunden wurde.
Das bekannteste Beispiel hierfür ist wohl der Todesschlaf gewesen, wie man am Anfang den Tiefschlaf bezeichnete. Auf rätselhafte Weise kamen immer wieder Todesfälle und Verstümmelungen vor, deren Entstehen man zunächst zwar erklären, aber einfach nicht nachvollziehen konnte. Doch das liegt weit zurück, inzwischen sind diese Dinge glücklicherweise restlos geklärt und haben zu einer Technik geführt, die als absolut sicher gilt.
Die genaue Ursachenermittlung und Archivierung aller Daten hat sich also als richtig herausgestellt, im Laufe der Zeit reicherten sich die Fakten an und manch ein selten auftretendes Ereignis konnte durch einfaches Abfragen der Problemarchive schon erklärt werden. Solch ein genaues und umfangreiches Problemarchiv hat natürlich jedes Raumschiff an Bord, es besteht aus einem simplen Chip.
Weil die Omikron mit mehrfacher Sicherheit gebaut wurde, erhielt sie zwei solcher Chips und im Lager noch zwei zum Austauschen. Außerdem führten auch die Refos Archivchips mit. Dabei würde schon die Zerstörung von nur einem davon sofort ganz automatisch zur Anfertigung eines neuen führen. Solche Maßnahmen sind völlig kyrobgesteuert, sie werden lediglich exakt im Kyrobrapport protokolliert.
Schon bald nach den ersten Unfällen, die zu Beginn der Raumfahrt durch Fehler der Kyrobs entstanden sind, wurde auf mehr Sicherheit Wert gelegt. Das kam jetzt der Omikron zugute, die mit einem perfekten Komplex von absolut zuverlässigen Überwachungssystemen großzügig ausgerüstet worden ist.
Dieses System geht davon aus, daß jede noch so kleine Maßnahme bis in alle Einzelheiten durchdacht und dann doch noch weiter überprüft wird.
Um das zu erreichen, wird jede einzelne Entscheidung, und sei sie scheinbar noch so unbedeutend, von mehreren Steuerzentralen gleichzeitig koordiniert. Erst wenn dabei von allen beteiligten Kyrobs exakt die gleichen Befehle ausgehen, werden die Anweisungen auch ausgeführt und die Arbeiten danach noch nach einem genauen Plan längere Zeit turnusmäßig kontrolliert.
Die ganze hierfür benötigte Ausrüstung war derart klein, daß sie bequem in einem Tischkasten hätte untergebracht werden können. Jedoch die Sicherheitsabschirmung gegen Staub, Luft, Strahlungen Kondenswasser, Beschädigungen aller Art usw. ließen das Volumen auf ein Vielfaches anwachsen.
Außerdem wurden die einzelnen Steuerzentralen an möglichst weit auseinanderliegenden Stellen des Raumschiffes untergebracht, um im Falle eines Kometeneinschlages oder einer lokalen Havarie nicht die gesamte Steuerung zu gefährden. Wenn es notwendig sein sollte, so reicht ein einziges Steuerzentrum für die Führung der ganzen Expedition aus, nur ist dann natürlich die Sicherheit nicht mehr ganz so groß.
Die Sicherheitskyrobs waren übrigens Kyrobs, die ihre eigenen Entscheidungen und Ergebnisse auf mindestens drei voneinander unabhängige Arten selbst überprüften. Auch hierbei wurde die Entscheidung nur weitergegeben, wenn auf allen drei Wegen die gleichen Ergebnisse vorlagen. Ist das einmal nicht der Fall, wird ein kompliziertes System von Überprüfungsschritten mit natürlich mehreren sich selbst kontrollierenden hochintelligenten Kyrobs in Gang gesetzt. Das hat in allen bisher bekannten Havariefällen völlig ausgereicht, um den Fehler zu finden und sicher zu beheben.
Trotzdem besteht noch eine winzig kleine Möglichkeit, daß auch diese Überprüfung,die den Namen Kommissionsüberprüfung trägt, zu keinem Ergebnis kommt. Erst dann dürfen die Menschen geweckt werden.
So gesehen besteht ein Raumschiff aus einer riesigen Anzahl verschiedener Bausteine, die eine Einheit bilden und die ganze Zeit zusammenarbeiten müssen.
Alle diese Bausteine wurden nach einem genauen Plan gewartet und gepflegt, die Wartungskyrobs pflegten sich gegenseitig selbst. Dadurch ist ein Komplex der absoluten Sicherheit geschaffen worden, bei dem jeder auftretende Fehler nicht nur sofort erkannt, sondern auch beseitigt und auf seine genauen Entstehungsursachen hin untersucht wurde. Hatten die Kyrobs dann die Entstehungsursachen gefunden, wurden diese natürlich ebenfalls sofort und für immer beseitigt.
Vor allem die Tiefschlafkabinen mußten besonders sorgfältig hergerichtet werden, sollten sie doch mehrere Millionen Jahre ununterbrochen in voller Funktion bleiben. So gestaltete man die gesamte Funktionaltechnik doppelt und austauschbar. Alle Teile wurden in einem festgelegten Turnus gewechselt und gewartet. Da es sich dabei um keine beweglichen Teile handelte, mußten auch keine besonderen Maßnahmen getroffen werden.
Und sollte es trotz aller noch so raffiniert ausgeklügelter Sicherheitsmaßnahmen doch einmal zu einem Defekt oder einer Havarie kommen, dann enthielten die Lager allemal genügend Ersatzteile. Außerdem waren für jeden Teilnehmer noch zwei sofort einsatzbereite transportable Rettungskabinen griffbereit vorhanden.
Den Tiefschlaf entdeckte man übrigens rein zufällig. Als zu Beginn des Zeitalters der Raumflüge noch größere Unfälle vorkamen geschah es mitunter auch, daß Raumschiffe durch Meteoriten, durch Kollisionen, Defekte, oder ähnliche Katastrophen zerbarsten.
So ortete ein Raumschiff im 21. Jahrhundert einen frei im Raum schwebenden menschlichen Körper, nur in einfacher Sportbekleidung.
Bei der Untersuchung gab es dann eine Störung, die man sich damals noch nicht erklären konnte. Der Körper schwebte nachweislich mehr als 70 Jahre im All, aber die Kontrollgeräte zeigten den Eintritt des Todes erst nach seiner Bergung an. Damals wurde von einem Fehler im Diagnosegerät ausgegangen, obwohl eine sehr genaue Analyse keinen Fehler ergab.
Viele Jahre später wurde dann abermals ein ungeschützter menschlicher Körper im All aufgenommen und wieder zeigten die Diagnosegeräte an, daß er erst nach seiner Bergung gestorben ist.
Natürlich glaubte dieses Mal niemand mehr an Gerätefehler und ein recht kostspieliges Forschungsprogramm wurde vom Kosmoszentrum eingeleitet, durch das man die damals viel Aufsehen erregende Tiefschlaftheorie fand.
Stirbt ein aus lebendem Eiweiß bestehender Körper, dann ist dazu eine bestimmte Zeit notwendig, wenn auch oft eine sehr kurze. Aber im All herrscht ja absolutes Vakuum und es gibt keinerlei Wärme. Man kann sich leicht vorstellen, daß unter diesen extremen Bedingungen sofort alle Bewegungen in den Atomen und Molekülen erstarren. Die Temperatur liegt am absoluten Nullpunkt.
Wenn die Moleküle eines lebenden Organismusses aber nun erstarren bevor der Tod eingetreten ist, wird das Leben gewissermaßen tiefgefroren. Erst bei Erwärmung, wenn die Atombewegungen wieder eintreten, stirbt der Organismus wegen Unterkühlung, und genau das geschah damals mit den verunglückten Raumfahrern.
Das Problem für die Wissenschaft lag nun darin, den Körper eines Menschen so schnell auf den Nullpunkt abzukühlen, daß praktisch keine Schädigung für den Organismus eintreten kann. Andererseits muß die Erwärmung aber ebenso rasch vor sich gehen, ohne den Körper zu überhitzen.
Nach mehreren Fehlschlägen entschloß man sich zum Einsatz von Gugronen, was damals eine große Leistung war, denn die Gugronentheorie steckte noch in den Anfängen.
Inzwischen ist diese Technik aber ausgereift und in den letzten fünfhundert Jahren gab es nicht eine einzige größere Havarie mehr.
Dafür gab es in der Zeit davor leider um so mehr äußerst spektakuläre Unfälle und der Tiefschlaf bekam den Namen Todesschlaf. Heute erscheit es fast unglaublich, daß man trotzdem immer wieder Raumfahrer fand, die sich in die Tiefschlafkabinen legten ohne genau zu wissen, ob sie auch wieder gesund erwachen.
Natürlich hatte man eine Erklärung für die Vorfälle schnell gefunden. Bei den extremen Bedingungen am absoluten Nullpunkt sind alle Stoffe nicht nur erstarrt, sondern auch sehr spröde. Die geringste Erschütterung reicht aus, um sie zerspringen zu lassen.
Und so kam es häufig vor, daß die erstarrten Körper der Raumfahrer während des Tiefschlafes zerbarsten. Einige erwachten ohne Arm oder Bein, wieder andere hatten tödliche Verletzungen.
Die erschütternden Bilder, die fast regelmäßig aus dem Raumfahrtzentrum kamen, drückten die Begeisterung über die Theorie des Tiefschlafes in dieser Zeit fast auf den Nullpunkt.
Inzwischen wurde fieberhaft nach den Ursachen der Erschütterungen im Raumschiff gesucht und nach Möglichkeiten, dem Tiefschlaf seine Gefährlichkeit zu nehmen. Es wurden Konturenunterlagen entwickelt, die während des gesamten Tiefschlafes jede Möglichkeit der Bewegung ausschließen sollten, es wurden unbemannte Meßlaboratorien gestartet, die die Erschütterungen erforschen sollten.
Nach vielen Fehlschlägen erkannte man dann endlich den verhängnisvollen Irrtum. Es sind gar keine Erschütterungen, die zum Todesschlaf führen, sondern es sind ausschließlich die unterschiedlichen Werkstoffe in der Kabine, die sich bei den extremen Bedingungen eben nicht gleich verhalten. Sie erstarren unterschiedlich stark und geben unter der Belastung durch den Körper oftmals nicht ganz gleichmäßig nach. Dann kommt es natürlich zum Zerbröckeln des erstarrten Körpers.
Diese Erkenntnis löste ein Forschungsprogramm aus, bei dem das Verhalten der Stoffe am Nullpunkt untersucht wurde. Daraus entstand die Erstarrungstheorie und erst mit ihrer Hilfe ist es möglich geworden, immer die genau richtigen Werkstoffe zu verwenden. Als weitere Sicherheitsmaßnahme wird die Gravitation ausgeschaltet, das heißt während des Tiefschlafes herrscht in der Kabine eine absolute Schwerelosigkeit.
Für die Löwenexpedition wurden erstmalig Kabinen zum Dauerbetrieb für viele Millionen Jahre gebaut und auch die hat man inzwischen weiter verbessert, sie waren jetzt perfekt. Während des ganzen Tiefschlafes lagen die Raumfahrer auf einer enganliegenden, aber harten Formkonturenunterlage, die ebenfalls in den Zustand der absoluten Ruhe versetzt wurde. ( w1 )
Übrigens verändert der Tiefschlaf das Befinden und den Zustand des Körpers nicht, d.h. wer müde, hungrig, unwohl eingeschlafen ist, wacht mit genau den gleichen Beschwerden wieder auf. Das ist auch verständlich, da sich im Körper während des Tiefschlafes keinerlei Lebensvorgänge abspielen. Eine gute Seite hat das allerdings auch, denn der Körper bekommt durch das unendlich lange Verharren ohne Bewegung auch keine Druckstellen.
Aus diesem Grund gab es sehr strenge Vorschriften für den Tiefschlaf: er durfte nur ausgeschlafen und nie mit vollem Magen angetreten werden. In den letzten beiden Tagen durfte man nur noch die energiereiche Tubenkost zu sich nehmen, die niemand sehr liebte. Aber die Diagnosekyrobs waren völlig unbestechlich und wer sich nicht an die Vorschriften hielt, bekam eben keinen Tiefschlaf.
Eigentlich fliegt die Expedition mit Lichtgeschwindigkeit, und da wirken die Gesetze der Relativitätstheorie(w5). Wenn man dieser Theorie Glauben schenkt, vergeht die Zeit im Raumschiff sehr viel langsamer als außerhalb, sie bleibt sogar stehen, wenn diese Geschwindigkeit voll erreicht worden ist. Man kann davon ausgehen, daß für die gesamte Expedition höchstens einhundertfünfzig Jahre bis zur Landung auf Andra vergehen werden. Doch die Berechnungen sind sehr schwierig, da sie ja nur bei annähernder Lichtgeschwindigkeit überhaupt sinnvoll sind.
Aus diesem Grunde wurde alles so vorbereitet, daß die Expedition wirklich mehrere Millionen Jahre unterwegs sein könnte. Die sehr strengen Sicherheitsvorschriften lassen gar keine andere Möglichkeit zu.
Zwölf Tage vor dem Start rief Kobrink zum ersten Mal die Crew zusammen. Seine Rede war kurz, aber sie machte doch alle sehr nachdenklich:
"Liebe Freunde! Uns bleiben nur noch ein paar Tage bis zum Start zu einer Expedition, die uns unwiederruflich und für immer von allen Angehörigen, Freunden und vielleicht auch von der Erde selbst trennen wird. Ich möchte, daß sich das ein jeder von euch zum -zigsten Male genau überlegt. Noch wäre Zeit, zurückzutreten und den Platz mit einem anderen Raumfahrer zu besetzen, denn wir können während der Expedition kein Heimweh und auch kein Selbstmitleid gebrauchen.
Jeder kennt die Geschichte des Raumfahrers Olsani, der vor 80 Jahren an einer Wega-Expedition teilnehmen sollte, Heimweh bekam und unterwegs bereits derartige Schwierigkeiten machte, daß er in den Tiefschlaf versetzt und mit einer K1-Rakete zur Erde zurückgeschickt werden mußte. Allein die Kostenfrage erhitzte damals die Gemüter lange Zeit.
Bei unserem Vorhaben wäre so etwas unverantwortlich. Wir sind nur eine kleine Gruppe und es wird erwartet, daß alle ihre Aufgabe mit vollem Einsatz erfüllen, die Andraten sehen in jedem Rumfahrer ein Spiegelbild der Menschheit. Erweisen wir uns dem Ansehen auch würdig.
Mit Sicherheit folgen der Omikron in regelmäßigen Abständen weitere Expeditionen. Aus diesem Grunde setzen wir mehrere Info-Raketen ab, wenn wir Andra gefunden und mit den Bewohnern Kontakt aufgenommen haben. Die Infos fliegen den nachfolgenden Expeditionen entgegen und berichten über unsere Arbeit, unsere Kontakte und Koordinaten. Vermutlich werden wir längst auf dem Heimweg sein, wenn die neue Expedition in der Guatorena eintrifft. Ob wir sie unterwegs anhalten müssen, um wichtige Dinge zu besprechen oder Warnungen abzugeben, kann hier noch niemand sagen. Hoffen wir, daß die Funkkontakte ausreichen. Es liegt an uns und unserem Auftreten, wie wir aufgenommen werden. Aus Quetzalkoatls Bericht wissen wir, daß die Andraten sehr friedliche und kontaktfreudige Wesen sind und es wird sich wahrscheinlich bei so hochentwickelten Wesen auch in ca. 4 Millionen Jahren nichts daran geändert haben.
So, meine Freunde, wenn wir jetzt auseinandergehen, gibt es kein Zurück mehr. Ich wünsche uns allen für die letzten zwölf Tage auf der Erde alles Gute!"
"Ich möchte noch einmal nach Südamerika, wo alles angefangen hat", sagte Stani.
"Und ich dachte, wir fahren zu meinen Eltern und meiner Schwester, sie wollen dich doch noch kennenlernen und ich möchte in den letzten Tagen so lange wie möglich bei ihnen sein", antwortete Chiroga, etwas enttäuscht.
Seine Eltern befanden sich auf einer interstellaren Expedition zum Prokion, sie wurden erst in 75 Jahren zurückerwartet.
Wie jedes Kind von Raumfahrern, so ist auch Stani in einem der Gemeinschaftskinderdörfer aufgewachsen, die das Kosmoszentrum eingerichtet hatte. Mit 10 Jahren kam er dorthin, als die Eltern zum Prokion starteten. Zuerst vermißte er sie sehr, vor allem die Mutter, und kam sich einsam vor. Doch die Gemeinschaft des Kinderdorfes ließ ihn diese Gedanken schnell vergessen, weil doch hier allein die bloße Erinnerung an die Eltern etwas ganz besonders Wertvolles war. Viele hatten nur noch unklare Vorstellungen an die Liebe und Fürsorge der Mutter und scheuten sich, das zuzugeben.
Natürlich wurde alles getan, um die Kinder von allzu schwermütigen Gedanken abzulenken. Dazu war die Betreuung wirklich sehr gut und abwechslungsreich, es verging kaum eine Woche, wo nicht Ausflüge zu interessanten Zielen unternommen wurden, auch manchmal zu großen interplanetaren Touristikzentren. logo
Die früher üblichen Schulen gab es schon seit über tausend Jahren nicht mehr, denn die Chips hatten ja alles gespeichert, was es überhaupt geben konnte. So waren nur noch Übungen notwendig, die geschickt als Spiel angeboten wurden. Und natürlich praktische Übungen für den späteren Beruf.
Stani hatte schon in seinen frühesten Jahren nur Interesse für Kyrobs und die Gravitronik. Aber er machte natürlich auch alle anderen Übungen mit, die zu seiner Altersklasse gehörten und schnitt in allen Berufen sehr gut ab. Sogar komplizierte medizinische Themen waren für ihn überhaupt kein Problem.
Eigentlich hatte er gar keine Zeit für traurige Gedanken, denn die Kinder von abwesenden Expeditionsraumfahrern waren sofort von Freunden umringt. Trotzdem liebte und verehrte Stani seine Eltern sehr, und ihr Bild hing ständig als Holo in seinem Zimmer. Für ihn gab es von Anfang an auch nur den einen einzigen Weg, wie sie Expeditionsraumfahrer zu werden.
Mit sechzehn Jahren startete er dann zu seinem ersten Erkundungsflug auf den Jupiter. Seitdem hat er an 4 großen Expeditionen teilgenommen, davon zwei in den interstellaren Raum, die letzte zum Sirius. Auf diesen Expeditionen lag er insgesamt 33 Jahre im Tiefschlaf, sodaß von seinem 59 Jahren absoluten Alters diese 33 Jahre abgezogen werden müssen. logo
Zwischen den großen Expeditionen gab es sehr viele Flüge als Begleiter oder Patrouille, aber trotz aller seiner Erlebnisse war er ein sensibler Mensch geblieben, der die Trennung von Vater und Mutter niemals bis in sein Innerstes hinein verkraftet hatte.
Allein das Wort Eltern war für ihn etwas Heiliges, Intimes, das keinen anderen Menschen etwas anging. Wenn jemand auch nur seine Eltern erwähnte, so wurde er von ihn schon mit heimlichem Erschauern und Ehrfurcht beneidet.
Stani hatte noch eine ältere Schwester und einen großen Bruder, die er aber ebenfalls selten sah. Seine Schwester leitete eine Touristenstation auf dem Uranus, sein Bruder befand sich eben als Geologe auf einem der Jupitermonde. Dadurch waren die Beziehungen zu ihnen auch nur sehr locker.
Natürlich wußten die Geschwister von seiner Entdeckung im Titicacasee und der Teilnahme an der Omikronexpedition. Er hatte ja über Telekommunikation mit ihnen gesprochen, doch es dauerte sehr lange, bis die Antworten eintrafen. So würden sie sich eben beim Vorbeifliegen voneinander verabschieden, die Flugbahn verlief glücklicherweise dicht an den Orten vorbei. Die Beiden waren jedenfalls sehr stolz auf ihren kleinen Bruder.
Ganz anders ist Chiroga aufgewachsen. Ihre Eltern waren Gärtner in Queensland, sie hatten dort die Aufsicht über die Kyrobs, die zur Pflege der Parks und Landschaftsgärten vorhanden waren. Die Familie war stets einträchtig beisammem und Chiroga kannte dadurch von frühester Jugend an ein gemütliches und auch regelmäßiges Familienleben. Ihre Liebe zur Natur erklärt sie sich mit dem Beruf der Eltern.
Vielleicht war irgend etwas in ihr schon immer mit dieser Beschaulichkeit unzufrieden, denn sie ging mit vierzehn Jahren ins Kosmoszentrum und wurde Chemikerin. Seit zehn Jahren lebte sie nun schon still und zurückgezogen in einem gepflegten Siedlungshaus.
Natürlich blieb sie nicht oft zu Hause, besuchte sehr gern alle möglichen Veranstaltungen und Feiern, sie war ja schließlich jung und hatte viele Freunde. Zudem ließen ihre Natürlichkeit und ihre Schönheit die jungen Männer gleich reihenweise hinter ihr herlaufen.
Doch Chiroga störte immer irgend etwas an ihnen, eine richtige Beziehung ging sie bisher nur mit Ajew ein. Und auch die ist weder spektakulär, noch von Dauer gewesen, denn sie sind ja nun mal viel zu verschieden in ihren Einstellungen.
Daran ist nichts Außergewöhnliches, das ist wohl bei jungen Menschen immer so, daß sie nicht gleich bei der allerersten Jugendliebe bleiben.
Eigentlich hatte sich Chiroga schon oft selbst gefragt, ob sie wirklich einen festen Liebhaber haben möchte. Es gefiel ihr natürlich, umschwärmt zu werden, das stimmt. Auch die bewundernden Blicke der Männer genoß sie immer und fühlte sich dabei sehr wohl. Aber das, was sie eigentlich selbst wollte, war ihr nicht so richtig klar. Von den ganzen Verehrern um sie herum gefiel ihr nicht einer. Sie war zu allen freundlich, flirtete wohl auch gern einmal, aber mehr nicht.
Ihre Abneigung begann schon damit, daß die Männer viel zu interessenlos waren.
So gehörte zur Stadt ein wunderschönes Theater, und sie hatte ein Abonnement. Und wenn sie ins Theater ging, traf sie dort viele junge Männer. Aber bald hatte sie gemerkt, daß es immer die gleichen waren, wenn eine Oper gespielt wurde. Andere, aber wohl auch immer wieder die gleichen traf sie bei einem Schauspiel, wieder andere bei Musicals oder Operetten.
Hatte denn niemand ein Abonnement für alle Genres? Kann man überhaupt ein so stumpfsinniges Leben führen, fragte sie sich. Doch Chironga ging ja nicht nur ins Theater, es gab fast unbegrenzt viele Möglichkeiten, sich zu entspannen und zu erholen. Selbst wenn sie in ein Tanzcafe ging oder einen Club besuchte, traf sie Männer, die nur dorthin gingen. Solch ein langweiliges, einseitig ausgerichtetes Leben widerte sie an.
Aber Chiroga hatte noch viel mehr Interessen, da gab es Sportclubs und künstlerische Kreise, da waren die Museen der Stadt, die Aeroclubs und Meeressportgruppen, Touristikclubs oder Literaturfreunde, es läßt sich so schnell gar nicht aufzählen, wieviel Möglichkeiten zur Freizeitgestaltung die Stadt bietet. Auch kann sie allein viel unternehmen, wie ihre Ausflüge in die Natur. Diese waren übrigens schon immer ihre bei weitem ernsthaftesten Interessen.
Im großen Stadion wurden laufend Wettkämpfe ausgetragen, noch immer hatte der Fußball die meisten Anhänger, aber auch alle anderen Sportarten gab es noch und sie hatten ihre Fans. Chiroga besuchte gern solche Veranstaltungen, nur waren sie ebenso wie die anderen Zerstreuungen nicht ihr Lebensinhalt. Sie besuchte künstlerische Zirkel, malte Bilder und baute handwerkliche Dinge aus Holz oder Metall. Längere Zeit hielt es sie indeß an keinem Ort, obwohl sie das alles interessant fand.
Ein Stadtbummel war ebenso reizvoll für sie. Die bunten Auslagen der Warenanbieter, vor allem der Damenbekleidung, aber auch alle anderen Dinge, konnte sie immer wieder betrachten. Andere sahen sich das auf der Videowand an, aber Chiroga wollte diese Sachen vor sich sehen, wollte sie anfassen können.
Wie viele Menschen gab es schon in der Stadt, die zum Beispiel den reizvollen Innenhof des Gewerbeparkes kannten? Dort gab es nicht nur wunderschöne Blumenrabatten, sondern auch mehrere Tiergehege und einen kleinen, malerischen Zierteich. Auf einer Bank, die davor stand, konnte man Chiroga oft allein antreffen.
Bald hatte sie alle Clubs besucht und wunderte sich über die Menschen, welche außer ihrem ganz speziellen Club oder Hobby nichts anderes kennen.
War es wieder einmal ihre Sehnsucht nach Erlebnissen, die sie in so viele verschiedene Veranstaltungen trieb? Jedenfalls waren die jungen Männer, die außer einem Hobby nichts kennen und nichts erleben wollen, kein Thema für sie.
Noch schlimmer war es mit solchen Typen, die nicht einmal ein Hobby hatten. Sie saßen meist bei Bier oder Wein und unterhielten sich über das letzte Fußballspiel oder die letzte Meldung von der Raumfahrt. Dabei fühlten sie sich furchtbar weise und glaubten, daß einzig und allein ihre Meinung richtig ist. Natürlich lernte Chiroga dann und wann auch mal so einen kennen, aber das waren erst recht keine Partner für sie.
Nein, trotz der vielen Freunde und Verehrer lebte sie eher zurückgezogen, denn ihr größtes Hobby war die Einsamkeit in der Natur. Inmitten einer großen Tierherde, auf einer blumenbedeckten Wiese oder an einem klaren Teich stundenlang die Zeit zu vergessen, das war wunderschön. Keiner der Männer, die sie umschwärmten, konnte das verstehen und so bestand auch von Anfang an keine innere Beziehung zu ihnen.
Als aber Stani damals so überraschend das Laboratorium betrat und sie erstaunt anblickte, da war ihr gleich klar, daß es diesmal anders sein wird. So wie er dastand, groß, stark und selbstbewußt, so war keiner der bisherigen Verehrer gewesen, so hatte sie sich eigentlich ihren Mann schon immer vorgestellt.
Sie spürte auch sofort echte Zuneigung und Liebe und brachte alles in Erfahrung, was im Hauptcomputer über ihn gespeichert war. Nur, daß er so sensibel und schüchtern ist, das gefiel ihr von Anfang an nicht, denn dadurch war die Beziehung zwischen ihnen bisher noch immer recht unklar. Aber sie vertraute auf ihr Gefühl und wußte, daß Stanis Worte von Liebe ehrlich waren.
Und doch, als sie zu Megira ging, um sich für Omikron zu bewerben, war das nicht allein wegen Stani, das wußte sie jetzt sicher. Es war ganz genau der gleiche Grund, der sie mit vierzehn Jahren schon aus ihrem Elternhaus fortziehen ließ: Sie eignet sich nun mal nicht für häusliche Ruhe und Beschaulichkeit. Tief in ihrem innersten Wesen hatte sie sich schon von Kindheit an nach Erlebnissen und Abenteuern gesehnt.
Zu Hause, in dem geräumigen Haus der Eltern, lebte auch die große Schwester mit ihrer Familie. Sie war sieben Jahre älter als Chiroga, verheiratet und arbeitete als Ärztin im medizinischen Zentrum des kleinen Ortes.
Auch ihr Mann blieb immer in der Nähe der Familie, denn der Ingenieur in dem nahe gelegenen Reparaturstützpunkt für Landmaschinen liebte ebenfalls vor allem häusliche Harmonie und Geborgenheit.
Inzwischen hatte die Schwester schon zwei Kindern das Leben geschenkt, die waren jetzt fünf und acht Jahre alt. Tagsüber brachte sie der Vater in das Kindercenter des Gebietes und dort lernten sie die gleichen praktischen Dinge, die man Stani im Kinderdorf des Kosmoszentrums beigebracht hatte.
Natürlich fiel die Familie aus allen Wolken, als Chiroga mit ihrer Entscheidung zu ihnen kam, an der Omegaexpedition teilzunehmen. Die Mutter hatte am anderen Tag ganz rote und verweinte Augen. Aber niemand machte den Versuch, die Kleine umzustimmen. Dafür war sie ihnen besonders dankbar, denn vor den Vorwürfen ihrer Eltern hatte sich Chiroga noch am meisten gefürchtet.
Seit diesem Tag waren aber inzwischen schon einige Monate vergangen und die Familie hatte sich damit abgefunden, war vielleicht sogar ein wenig stolz auf ihre Tochter. Aber es war nur zu verständlich, daß sie die letzten Stunden gemeinsam verbringen wollten.
"Komm mit zu uns, lerne meine Eltern kennen", bat Chiroga.
Stani sah sie verblüfft an. Da war es wieder, das heilige Wort Eltern, das ihn so sehr aus der Fassung brachte.
"Ich.. soll.. deine Eltern kennenlernen?" Er wurde rot und verlegen, stotterte fast. Und Stani, der niemals die Nerven verlor, wenn es schwierig wurde, hatte bei diesem Wort keinen Mut.
"Na klar, sie würden sich darüber sehr freuen!" Chiroga sah ihm mißtrauisch an. Was hatte er plötzlich?
In Stanis Kopf wirbelten die Gedanken. Natürlich wollen die Eltern den Mann kennenlernen, mit dem ihre Tochter für Ewigkeiten wegfliegt, das war verständlich.
Aber wie muß man Eltern gegenübertreten, deren Tochter man ihnen für immer entführt, was würden andere Männer, wie zum Beispiel der elegante Benbil jetzt tun? Er war sich nicht sicher und sah an ihr vorbei ins Leere.
"Warum sagst du denn nichts, du kannst doch wenigstens antworten!" sagte Chiroga und ein Anflug von Enttäuschung in ihrer Stimme war nicht zu überhören. Von seiner heiligen Scheu vor dem Wort Eltern wußte der Hauptcomputer nichts, also ahnte sie auch überhaupt nicht, was in ihm jetzt so vorging.
"Chiroga, ich freue mich ja, daß du mich deinen..na ja, deinen Eltern vorstellen willst, aber bitte, bitte nicht so plötzlich. Das kommt für mich so völlig überraschend, ich möchte lieber doch erst noch einmal gründlich darüber nachdenken."
"Was gibt es denn da groß nachzudenken, du kommst einfach mit, meine Eltern freuen sich, und fertig."
"Ja, aber ich kann so etwas nicht so schnell, das liegt mir nicht, ich brauche erst einen Tag, um mich an den Gedanken zu gewöhnen."
Er brachte es flehend, fast verzweifelt hervor und sie fühlte, daß es da irgendein Hindernis gab.
"Das verstehe ich zwar nicht, aber ich will dich auch nicht überreden. Wenn es nötig sein sollte, dann fahren wir eben noch bis morgen fort, irgendwo hin, meinetwegen auch nach Südamerika."
Stani merkte daß sie nur ihm zuliebe mit nach Südamerika kommen wollte und fühlte sich durchschaut. Er schämte sich vor Chiroga und sah schnell zur Seite, weil er rot wurde. Aber eben diese Bewegung deutete Chiroga jetzt ganz falsch und blieb sofort stehen.
"Dann eben nicht!" sagte sie schroff, drehte sich um und ging erbost fort. Ihm war auch sofort klar, was sie jetzt dachte und er erschrak darüber heftig.
Wenn es so kurz vor dem Start schon wieder einen Streit wegen meiner Dummheit gibt, fliegt sie am Ende gar nicht mit, schoß es ihm siedend heiß durch den Kopf, und er rannte ihr nach.
"Chiroga, was du jetzt denkst, ist ganz falsch, ich habe mich nur so über deinen Vorschlag gefreut", sagte er fast bittend.
"Von wegen gefreut, laß mich in Ruhe!" gab sie zur Antwort und kämpfte mit den Tränen. Er sollte sie auf keinen Fall weinen sehen. Deshalb lief sie schnell fort, setzte sich in den Gravistaten und flog zu ihren Eltern.
Stani versuchte sie immer wieder über Tele zu erreichen, aber sie antwortete ihm nicht. Da bestieg er schließlich hinter dem Park einen Felsen, auf dessen kreisrundem Plateau eine Servicestation vom Typ I (nur Kyrobleistungen, keine Freizeit- Sport- und Spielmöglichkeiten) auf Gäste wartete.
Von hier oben hatte man einen weiten Rundblick nach allen Seiten. Hinter dem gepflegten Wildpark lag die verspielte Anlage des Kosmoszentrums und dahinter die große Stadt. Von der City sah man nur die Spitzen der vielen Hochhäuser, in denen die Raumfahrer wohnten, die keine Familie und kein Haus hatten.
Auch Stani wohnte in einer dieser Wohnungen, die von Kyrobs gepflegt wurden. Die Einrichtung war zumeist einfach, aber die Raumfahrer brachten von ihren Flügen Erinnerungsstücke mit, sodaß die Kyrobs mit der Pflege von allen möglichen Souveniers ihre Beschäftigung hatten.
Das Hochhausviertel war von kleineren Gebäuden umgeben, die Verwaltungen und Gewerbebetriebe beherbergten und außen herum lagen die Siedlungshäuser mit ihren blühenden Gärten. Diese konnte man aber durch den Park mit seinen Bäumen von hier aus nicht erkennen.
Rechts vor der Stadt, durch einen dichten Waldstreifen von ihr getrennt, war das riesige Gelände des Start- und Landeplatzes zu erkennen. Selbst wenn man das nicht genau wußte, konnte doch der riesige glänzende Quader mit der leuchtenden Aufschrift OMIKRON, der dort stand, nicht übersehen werden.
Noch weit dahinter bemerkte Stani in der fortschreitenden Abenddämmerung undeutlich die weiträumigen Felder und die großen Waldgebiete.
Auf der anderen Seite lag, gleich einem ständig bewegten und doch Ruhe verbreitenden riesigen Lebewesen, das Meer. Eben jetzt versank am Horizont die Sonne in den Fluten, sodaß der Himmel erst hellgelb, dann immer dunkler rot zu glühen begann.
Nur vereinzelt wurden zuletzt noch ein paar Wolkenfetzen vom schwindenden Licht angestrahlt und leuchteten in reinem Weiß. Die ruhige Wasserfläche wirkte wie ein Spiegel, auf dem die allerletzten Strahlen der längst untergegangenen Sonne einen roten Teppich hervorzauberten, der dunkler und immer immer dunkler wurde, bis auch er schließlich ganz verschwand.
Mit den letzten Lichtstrahlen des Tages suchten noch ein paar kreischende Seevögel ihre Schlafquartiere auf, während die Tiere der Nacht erwachten und einen ersten Ausflug wagten. Auch hatten sich einige Schaulustige eingefunden, die schweigend und in regloser Bewunderung den prächtigen Sonnenuntergamg betrachteten.
Stani schaute ebenfalls zu, war in Gedanken aber ganz woanders. Er ärgerte sich über sein Verhalten und über Chirogas trotzige Reaktion. Ob sie für ihn etwa nichts empfand?
Er dachte an ihr erstes Zusammensein, im Kosmoszentrum auf der versteckten Bank am Zierteich. Damals zeigte sie ihm ihre Zuneigung doch ganz deutlich, da kam ihm alles so einfach vor.
Und warum fliegt sie eigentlich mit, wenn ich ihr doch gleichgültig bin, fragte er sich. Nein, ihre Reaktion muß an seinem Verhalten liegen, sie ist immer so mimosenhaft empfindlich und er benimmt sich dagegen wie ein Elefant im Porzellanladen.
Schade, die letzten Tage auf der Erde hätten ich gern mit ihr gemeinsam verbracht, dachte er, was mache ich nur falsch, was hätte Benbil wohl jetzt getan? Er wußte keine Antwort auf diese Frage und bestieg mißmutig den Gravistaten.
Erst einmal schlafen, morgen früh wird mir schon etwas einfallen, waren seine Gedanken und so flog er nach Südamerika, um allein zu sein.
Der Schlaf während des Fluges tat ihm gut, weil seine innere Ruhe wiederkehrte und als der Morgen dämmerte, setzte der Gravistat in Südamerika auf, gerade dort, wo einst die große Inkahauptstadt Cusco gestanden hat. Nur noch ein paar behauene Steine, die mühsam vom Urwald freigehalten wurden, erinnerten an diese historische Stätte, wo im Jahre 1525 der mächtige Inkakönig Atahualpa von den spanischen Eroberern ermordet wurde. Das war der Anfang vom Ende dieses stolzen Volkes.
Stanis Träume aus der Kindheit, die damalige Begeisterung für das Inkareich wurden wieder lebendig und ließen ihn seinen Schmerz und Kummer fast völlig vergessen. Auf Schritt und Tritt spürte er die Ausstrahlung dieses Reiches und flog von einer Ausstellung zur anderen. In der uralten Stadt Maccu Piccu im alten Peru, von der es nur noch einige Ruinen gibt, bewunderte er die hervorragende Steinmetzkunst der Inkas. Leider fehlte hier jedoch die Aura des alten Naturvolkes, denn ausgerechnet diese Stadt war von der sehr geschäftstüchtigen Touristik- und Sportgesellschaft als großes Touristenzentrum in modernem Stil eingerichtet worden, mit vielen erstklassigen und gut besuchten Servicestationen.
Außer der Touristik- und Sportgesellschaft gab es noch die ebenfalls mächtige United-Service-Companie USC, die auf der gesamten Erde Servicestationen unterhält. Diese beiden Gesellschaften, die alle beide schon seit über tausend Jahren bestehen, liefern sich noch immer einen recht erbitterten Konkurrenzkampf um die Gunst der Touristen.
Früher bauten sie ihre Stationen fast immer unmittelbar nebeneinander und versuchten sich gegenseitig die Gäste abzujagen. Im Laufe der Zeit ergab es sich dann, daß an allen diesen Standorten jeweils eine von beiden Stationen erfolgreicher war.
Seltsamerweise waren diese Erfolge ganz gleichmäßig zwischen den beiden Gesellschaften verteilt, sodaß von einem ausgeglichenen Angebot zwischen beiden ausgegangen werden konnte. In stillem Einvernehmen wurden die weniger erfolgreichen Stationen geschlossen, sodaß heute überall nur eine Station anzutreffen ist. Aber beide Gesellschaften ringen noch immer erbittert um die Gunst der Touristen und sind ständig um neue, attraktivere Angebote in ihren Stationen bemüht.
So hat sich der Wettbewerb zwischen diesen beiden Konkurrenten zum Nutzen und zum Wohle der Touristen ausgewirkt. Natürlich gibt es auch Lokalangebote von kleineren Unternehmen, die zumeist eine oder zwei derartige Stationen besitzen. Sie stehen unter dem Druck der großen Gesellschaften und haben wohl von beiden schon Angebote zur Fusion erhalten. Doch weil sie ihre Angebote dem Niveau der großen Kyrobstationen anpassen, sind ihnen damit auch die Touristen sicher.
Alle Welt hat heimlich geschmunzelt, als die Touristik-und Sport-Gesellschaft einmal einen solchen unliebsamen Konkurrenten ausschalten wollte. Mitten in Asien, am Baikalsee, hatte damals ein junger Unternehmer eine solche Kyrobstation errichtet. Dieser seit vielen hundert Jahren in Vergessenheit geratene See war bis dahin von den Touristen kaum beachtet worden, also war er auch als Standort für Servicestationen kaum interessant. Die TSG hatte dort lediglich eine kleine Station vom Typ I, in der man nur Essen und schlafen konnte.
Eines Tages nun kam jener erwähnte geschäftstüchtige junge Mann und erkannte die märchenhafte Schönheit der Landschaft und des Sees. Unbemerkt von der TSG ließ er sofort eine hochmoderne Kyrobservicestation mit allermodernsten Einrichtungen und Angeboten errichten. Dann begann er eine Werbekampagne für den Baikalsse.
Nach kurzer Zeit strömten die Touristen scharenweise in seine "Baikalstation". Da ließ er noch direkt am See Sport-und Spielplätze bauen und er hatte plötzlich die bei weitem erfolgreichste und auch die bekannteste Kyrobstation in Asien.
Die TSG, deren veraltete Station nichts von dem Touristenboom abbekam, versuchte natürlich eine "gütliche" Einigung, wie sie es nannten. Damit ist gemeint, daß der Unternehmer seine Station der TSG verkaufen sollte, aber als Geschäftsführer weiter bleiben konnte.
Alle Welt wartete gespannt, was kommen wird, als der junge Mann dieses Ansinnen von sich wies.
Die erzürnte TSG ließ direkt neben seiner Station eine TSG-Station der Extraklasse errichten und aufs Allerfeinste und Modernste ausstatten. Aber inzwischen lief das Geschäft der Baikalstation derartig gut, daß sie den Touristen bereits ebenbürtige oder sogar noch bessere Angebote machen konnte. Und der Erfolg gab ihr recht, die Touristen kamen alle zu ihr. Nach vielen Jahren erbitterter Konkurrenz war die Baikalstation der TSG-Station noch immer permanent überlegen.
Schließlich gab die TSG zu, daß ihre Station ein Flop ist und das Ziel, die Liquidierung der Baikalstation, nicht erreicht werden kann. Also schloß sie ihre Station und überließ das gute Geschäft am Baikalsee zähneknirschend einem no name - Unternehmer.
Die Wetterstation hatte für diesen Nachmittag Regen angekündigt, denn ab und an mußte doch auch einmal am Tag Niederschlag fallen.
Und so begann es eben zu regnen. Mit Sicherheit wurde es einer jener Wolkenbrüche, denen der Regenwald seinen Namen verdankt und die in sehr kurzer Zeit den Wasserspiegel der Flüsse um mehrere Meter ansteigen lassen.
Bei einem solchen Wetter fanden sich natürlich sehr bald alle Besucher der Station im Informationszentrum ein. Man erfuhr dort alles über die Geschichte der Inkas und den Untergang ihres Reiches. Schließlich war ja nicht jede kleine und unbedeutende Einzelheit in den Speicherchips enthalten.
Stani staunte sehr, daß sogar sein Bild dort zu sehen war. Er stand am Ufer des Titicacasees neben Antolin und hielt einen goldenen Götzen in der Hand. Der Kyrob erzählte die Geschichte, wie der Schatz entdeckt wurde in spannenden Worten, die ihn zum Schmunzeln brachten.
Unter dem Bild hing ein gläserner Kasten an der Wand, in dem der goldene Inkagott schwebte, den Chiroga einst von Antolin zur Untersuchung erhielt. Verblüfft stellte er fest, daß es wirklich das erste Exemplar war, durch das sie beide auf die Spur des Schatzes gekommen sind. Er hatte es erst vor einigen Wochen aus seinem privaten Besitz an das Kosmoszentrum zurückgegeben und dafür eine Kopie erhalten. Nun lag es hier als Attraktion, die TSG war wirklich sehr geschäftstüchtig.
Auch Chirogas Fingerabdrücke sind daran, dachte er beim Betrachten und wurde jäh wieder an den erneuten Streit erinnert.
Da er sinnend vor seinem Bild und dem Götzen stand nahm es auch nicht Wunder, wenn ihn die umstehenden Touristen erkannten. Diese Nachricht verbreitete sich wie ein Lauffeuer über das gesamte Zentrum und brachte dort den alltäglichen Rhythmus des gewohnten Tagesablaufes völlig durcheinander.
Zunächst legte man ihm feierlich das Ehrenbuch der Station mit der Bitte um einen Eintrag vor und das Holo dieses Ereignisses wurde sofort neben dem Bild mit Antolin, über dem Schaukasten angebracht.
Danach umringten ihn die Touristen. Stani staunte nur, wie viele Menschen noch auf Autogramme erpicht sind. Er, der immer etwas scheu war und sich meist zurückhielt, stand plötzlich im Mittelpunkt des Interesses, das durch den bevorstehenden Start der Expedition Omikron und den wertvollen goldenen Inkagötzen im Schaukasten noch unterstützt wurde.
Obwohl ihm jetzt die Einsamkeit lieber gewesen wäre, genoß er die Achtung die man ihm hier entgegenbrachte. Er nahm die Situation von der heiteren Seite und war ein amüsanter, leutseliger Gesprächspartner, ganz entgegen seiner sonstigen Gepflogenheit. Er plauderte munter und vertraut mit den Leuten und bald hatte sich ein regelrechtes Freundschaftsverhältnis zu ihnen herausgebildet, denn auch er stellte manche Frage.
"Liebst du eigentlich deine Partnerin Chiroga?" kam da die etwas indiskrete Frage einer jungen Touristin. Stani starrte sie betroffen an.
"Meiner.. Partnerin?" murmelte er und sein eben noch so sorglos-fröhliches Gesicht wurde düster.
Schöne Partnerin, dachte er, die wie eine Mimose reagiert und sofort wegrennt, wenn etwas nicht nach ihrem Konzept abläuft. Was sah sie eigentlich in ihm?
Zum zweiten Mal stellte er sich diese Frage. Die Freude in ihren Augen war jedesmal echt, wenn sie sich begegneten, und sie versuchte das auch nicht zu verbergen, soviel wußte er.
Ich müßte ihr einmal sagen, wie sehr sie mir gefällt, vielleicht will sie das eher hören als alle großen Worte von Liebe.
Nur, wie sagt man so etwas einem Mädchen, das immer gleich wegrennt, wenn man nicht gleich die richtigen Worte findet? Er dachte an Benbil. Der sagt es ihr bestimmt, hat es vielleicht schon gesagt. Und wenn sie sich nun darüber freut, auf solche Worte nur gewartet hat, sogar von ihm einwickeln läßt? Nein, das durfte nicht geschehen, das mußte er verhindern.
Die umstehenden Touristen bemerkten mit Erstaunen Stanis plötzlich finstere Miene und den Zusammenbruch seiner guten Stimmung. Sie blickten vorwurfsvoll auf die etwas vorlaute junge Dame, die dadurch knallrot wurde und verlegen zu Boden sah.
"So habe ich das doch nicht gemeint, entschuldige bitte", stotterte sie.
Und da wußte Stani plötzlich, wie man sich gegenüber Chiroga verhalten muß, was er jetzt zu tun hatte. Es war, als ob eine zentnerschwere Last von ihm genommen würde und sein Körper richtete sich entspannt auf. Staunend blickten alle auf den seltsamen Mann, dessen Gesichtsausdruck schon zum zweiten Male innerhalb so kurzer Zeit wechselte und nun die Freude über den eben gefaßten Entschluß nicht verbergen konnte. Er ging auf die junge Frau zu und ergriff ihre Hand, um sie mit beiden Händen herzlich zu drücken. Fest und sicher klang seine Stimme, als er sich von den Touristen verabschiedete, und schon saß er wieder im Gravistaten.
"Na, der ist aber komisch", brachte irgendwer endlich hervor. Dann zerstreuten sich die Anwesenden und erzählten überall ihr Erlebnis mit Stani.
Kapitel 15 Hindernisse vor dem Start
Übermütig formte Tamina einen Schneeball und warf ihn auf Antolin. Dem fiel es ohnehin schwer, ihrem schnellen Tempo zu folgen, denn es war gerade so, als ob sie in den letzten Tagen auf der Erde noch die gesamte nördliche Halbkugel kennenlernen wollte. Dabei hatten sie doch nur an eine Skiwanderung von Kanada nach Alaska gedacht, soweit sie kommen würden.
Als Antolin nach der letzten Versammlung sagte:
"Eigentlich schade, ich habe immer nur auf Südseeinseln Urlaub gemacht, den ganzen Norden kenne ich gar nicht", und als auch Tamina bei sich dasselbe Manko feststellte, beschlossen sie diese Wanderung.
Antolin stand zum ersten Mal auf Skiern, während Tamina damit schon einige Erfahrungen hatte, denn sie war früher mehrmals auf Antarktika gewesen. Nun bereitete es ihm natürlich erhebliche Schwierigkeiten, ihrem Tempo zu folgen. Aber Tamina war eine gute Lehrerin. Immer wieder zeigte sie ihm diesen oder jenen Kniff und seine Sicherheit wuchs zusehends.
Letzte Nacht hatte es übrigens geschneit und in der klaren, kalten Winterluft konnte man den Blick sehr weit schweifen lassen.
"Tamina, es ist so wunderschön hier, wie ich das nie für möglich gehalten hätte. Berge, Schnee und blauer Himmel, wie im Paradies, das gibt es nur auf der Erde."
"Ja, Antolin wie im Paradies. Und genauso wollen wir unsere Erde für alle Zeiten in Erinnerung behalten, wunderschön und strahlend hell."
Die Spuren im Schnee deuteten auf einen reichen Tierbestand hin, wenn auch trotz der guten Sicht nur ein paar Vögel von weitem zu sehen waren.
Aber auf einmal hallten aus der Ferne Stimmen an ihr Ohr, offenbar unterhielt sich dort eine Gruppe Touristen, die ebenfalls in dieser herrlichen Gegend Entspannung suchte. Beim Näherkommen stellte sich jedoch schnell heraus, daß es eine Gruppe Tierpfleger war, die das gesamte riesige Gebiet als eine Art offener Farm für alle möglichen Wildtiere betreuten.
Heute hatten sie eine besondere Aufgabe, die leider auch manchmal zu ihren Pflichten gehörte. Sie waren gerade auf der Jagd nach einem starken Grizzlybären, der schon zweimal im Mordrausch in verschiedene Herden eingedrungen war und dabei sinnlos viele Tiere getötet hatte.
Die Raubtiere wurden von ihnen sehr genau beobachtet, denn sie mußten sich in der ökologisch richtigen Anzahl vermehren. Die Natur selbst hatte ihnen ja die Aufgabe zugeteilt, alte und kranke Tiere auszumerzen. Vermehrten sie sich zuviel oder zu wenig, war irgendwo das Gleichgewicht gestört worden und mußte durch den Menschen behutsam wiederhergestellt werden.
Daß ein Bär in Mordrausch verfällt, ist schon öfter vorgekommen. Aber dann muß er eben erlegt werden, denn die riesigen Tierbestände in Kanadas Wildnis waren eine der Nahrungsgrundlagen für alle Menschen und durften nicht gefährdet werden.
Einige von den Wildhütern riefen den beiden im Vorübergehen zu, sie sollen sich vor einem großen Bären in Acht nehmen, er sei gefährlich und sie hoben die Hand zum Zeichen, daß sie verstanden hatten.
Tamina und Antolin tollten dann ausgelassen wie die kleinen Kinder herum, bewarfen sich mit Schneebällen oder stießen sich lachend gegenseitig in den Schnee. Endlich lief Tamina wieder los und Antolin konnte kaum folgen. Als er sie eingeholt hatte, lud er sie zum Picknick ein und zauberte aus seinem Tornister Kaffee und Kuchen hervor. Sie fühlten sich so beschwingt und sorglos, daß sie alles um sich herum vergaßen.
Später erhob sich über ihnen in der Schlucht ein schmerzliches Brüllen. Wahrscheinlich hatten die Tierpfleger aus ziemlich großer Entfernung mit einem Laserstrahl auf den Bären geschossen. Das schauerliche Geheul verstärkte sich immer mehr, brach dann aber plötzlich ab, und ein Stück vor ihnen rollte der leblose Körper eines gewaltigen Grizzly auf den Weg. Interessiert gingen beide näher heran.
"Schade um ein so herrliches Tier", meinte Tamina.
"Ein prächtiger Bursche", gab Antolin zu und drückte gegen die Schulter des Tieres, um ihn umzudrehen.
Doch der Bär war noch nicht tot. Er war zwar tödlich verwundet, aber noch war Leben in ihm. Von ungeheurem Schmerz zerrissen, in wahnsinniger Angst richtete er sich urplötzlich auf und stürzte mit lautem Wutgeheul auf Antolin zu. Der konnte so schnell gar nicht reagieren, wie ihn der Bär anfliel. Wild mit den Tatzen schlagend und beißend, halb besinnungslos vor Schmerz, hatte Antolin gegen ihn nicht die geringste Chance und brach zusammen. Doch noch ehe sich der Bär auf sein Opfer werfen konnte, hatte der Üsat die nächste Rettungsstation alarmiert. Im nächsten Moment flog der gewaltige Tierkörper wie von einem Faustschlag getroffen in die Höhe und blieb etwa zwei Meter entfernt auf der Seite liegen.
Die entsetzte Tamina lief sofort zu Antolin. Der blutete aus einer großen Wunde am Kopf und ein Biß des gewaltigen Tieres hatte ihm die Schulter zermalmt. Er lag leblos am Boden, mit geschlossenen Augen.
"Wenn sie mit Astor herumtollt, ist sie ganz die alte", sagte die Mutter und blickte liebevoll auf Chiroga, die im Garten mit einem großen Schäferhund spielte.
Das gelehrige Tier apportierte allerlei Gegenstände und legte sie in die zugehörigen Kästen ab. Dieses Kunststück hatte sie sich selbst ausgedacht und war stolz darauf, daß Astor schon sieben verschiedene Gegenstände in die richtigen Kästen ablegen konnte, auch wenn man heimlich die Plätze vertauschte. Natürlich bekam er dafür so manchen Leckerbissen von Chiroga. Dann setzte sie sich auf eine Bank und Astor legte behaglich seinen Kopf auf ihren Schoß. Grübelnd sagte sie:
"Dich müßte ich mitnehmen können, dann hätte ich wenigstens einen Freund."
Noch konnte sie ja vom Flug zurücktreten. Es würde eine ärgerliche Aussprache und ein paar Tage Verzögerung geben, aber Vorwürfe würde ihr danach bestimmt niemand mehr machen.
Doch so schnell ihr dieser Gedanke auch gekommen war, so schnell verwarf sie ihn wieder. Nein, sie war nicht nur wegen Stani zu Megira gegangen, sie wollte etwas Besonderes leisten und erleben. Und sie wußte genau, daß sie alle Mitglieder der Crew zum Freund hatte. Da war zum Beispiel Benbil, der ihr unverhohlen seine Verehrung zeigte, aber von Gabriella immer wieder zurückgeholt wurde.
Ganz so schlimm war das mit den vielen Millionen Jahren in ihrer Vorstellung übrigens gar nicht. In spätestens drei bis vier Wochen würde die ganze Crew für 1,6 Mill. Jahre einschlafen. Nach dem Aufwachen werden ein paar Wochen, Monate, Jahre vielleicht in Arbeit und Abenteuern vergehen, dann geht es im Tiefschlaf wieder zurück, um in drei Millionen Jahren wieder hier auf der Erde, vielleicht sogar in Australien, aufzuwachen.
Natürlich würde sie das alles gern mit Stani erleben, aber wenn es unbedingt sein muß sein muß, geht es auch allein, ohne ihn.
Er darf eben nicht mit normalen Maßstäben gemessen werden, dachte sie, wer schüchterner und sensibler als andere Männer ist, hat es schwerer. Die Kopfbewegung gestern hatte bestimmt nichts Schlimmes bedeutet.
Ich müßte ihm einfach ein wenig mehr Mut machen. Die Freude, die er zeigt, ist doch echt, wenn wir uns begegnen und das Geständnis seiner Liebe hat mich damals so glücklich gemacht. Aber wenn irgend etwas nicht nach dem richtigen Konzept abläuft, geht es bei ihm einfach nicht weiter.
Ein wenig seltsam ist das schon bei einem Mann, der in den schwierigsten Situationen im Raum immer die Nerven behält und ganz bestimmt tut es ihm jetzt auch leid. Eigentlich trifft mich doch ebensoviel Schuld, denn anstatt ihm meine Liebe zu zeigen, bin ich weggelaufen, habe ihn allein gelassen, während sich sein bester und vielleicht sogar sein einziger Freund Antolin mit Tamina in Kanada rumtreibt.
Wenn mir einmal etwas nicht paßt, sind immer noch meine Eltern und Astor da, bei denen ich Trost und Zerstreuung finde, aber er ist völlig einsam, das muß ihn doch verbittern.
"Mein Kleines, nun laß uns doch die letzten Stunden nicht durch deine trübseligen Grübeleien verderben, dein Partner wird schon noch kommen. Und wenn er wirklich nicht kommt und wir ihn nicht kennenlernen, wollen wir uns doch wenigstens mit fröhlicher Miene in Erinnerung behalten", hörte sie da ihre Mutter auf der Terasse ein wenig vorwurfsvoll sagen.
"Wenn Stani nicht von allein kommt, rufe ich ihn eben her. Ich glaube bestimmt, daß er nur darauf wartet", war die Antwort, zu der die Mutter erfreut nickte und ins Haus zurück ging.
Sie wollte ihn auch sofort über Tele zurückbitten, verwarf aber diesen Gedanken gleich wieder:
"Selbst holen werde ich ihn! Und wenn er dann noch immer trotzig ist, mag er mir gestohlen bleiben."
Ruckartig hob Astor den Kopf, ließ ein leises Knurren vernehmen und spitzte die Ohren.
"Was ist los?" fragte Chiroga und lauschte ebenfalls. Dabei wurden alle ihre Chips aktiviert, die die Sinnesorgane verfeinerten. Sie hörte im Haus Stimmen und kurze Zeit danach trat die Mutter auf die Terasse:
"Mein Kleines, hier ist Besuch für dich!"
Hinter der Mutter trat Stani aus dem Hause.
Chiroga traute ihren Augen kaum. Sie sprang auf, kaum daß Astor schnell genug seinen Kopf wegnehmen konnte. Dann stand sie wie angewurzelt, während Stani ihr lächelnd entgegenkam. Plötzlich aber lief sie los, rannte auf Stani zu und fiel ihm glücklich um den Hals:
"Ich glaube, ich habe magische Kräfte. Immer wenn ich an dich denke, bist du plötzlich da."
Astor tollte um die beiden herum und machte vor Freude einen Luftsprung.
Eine silbrig schimmernde Kette von Luftblasen stieg von Benbil auf als er zu Gabriella herabtauchte. Sie schwamm ruhig und gleichmäßig über den Sand von Waikiki. Benbil drehte sich zu ihr um, sodaß sie sich in die Augen sehen konnten, machte eine Handbewegung und plötzlich saßen beide auf dem Sand in einem Loch aus Wasserwänden. Gabriella lachte:
"Du bist und bleibst ein großes Kind!"
"Warum soll ich aus Stanis Entwicklung nicht auch mal einen persönlichen Nutzen ziehen? Auf so eine Idee käme der doch nie". Es klang reichlich spöttisch und abfällig, wie Benbil das sagte.
Gabriella betrachtete ihn prüfend von der Seite. Sie wußte, daß er oft an Chiroga dachte und vielleicht noch immer hoffte, sie Stani auf dem Flug auszuspannen. Deshalb gab sie sich auch große Mühe, Benbils Liebe und Zuneigung zu erringen. Ihre schlanke, aufrechte Gestalt, ihr halblanges braunes Haar, das weich bis kurz über die Schultern fiel und ihre ansteckende Fröhlichkeit begeisterten ihn auch immer wieder. Sie war ein Mensch, dem man niemals böse sein konnte und der jeden in seinen Bann zog.
Vielleicht war ihr das bei anderen Menschen bisher immer viel zu leicht gefallen, um Benbil jedenfalls mußte sie ständig erneut kämpfen. Dabei sollte er aber von ihren Bemühungen um seine Liebe nichts merken, sie wollte nur interessant und begehrenswert sein, den ersten Schritt mußte schon Benbil unternehmen, etwas anderes ließ ihr Stolz denn doch nicht zu.
So wartete sie darauf, daß er ihr ein Gesatändnis machte. Aber gerade das dauerte an, denn Benbil war bisher noch niemals eine feste Bindung eingegangen. Immer waren alle Frauen in ihn verliebt und ihm gefielen natürlich auch alle Frauen.
Sollte oder konnte sie eigentlich auf Chiroga böse sein? Nein, im Gegenteil, das Mädchen war auch ihr sympathisch. Als eine Nebenbuhlerin trat sie ja nicht auf und wollte sowieso mit Benbil nichts zu tun haben. Aber gerade das schien seinen Stolz zu verletzen und ihn anzuspornen, ihr noch mehr als bisher schon nachzulaufen.
Wenn ich ein Mann wäre, gefiele mir ein so natürliches und hübsches Mädchen ebenfalls, gestand sich Gabriella ein. Aber wie konnte sie Benbils Gedanken auf sich lenken, seine Liebe erringen? Hier in Hawaii war das kein Problem. Chiroga war weit weg und sie war ständig mit Benbil zusammen. Trotz der hübschen Hawaiimädchen, die noch immer blumengeschmückt die Touristen mit großer Freundlichkeit empfingen, hatten sie sich noch niemals getrennt. Aber was wird während des Fluges geschehen? Ein wenig sorgte sie sich schon.
Vielleicht mache ich mir zuviel Sorgen, Chiroga gehört zu Stani und jeder weiß, wie sehr sie ihn liebt. Und auch Stani wird ganz bestimmt nicht ruhig zusehen, wenn Benbil hinter Chiroga her ist, dachte sie.
Inzwischen hatte Benbil in dem Wasserloch sogar von werweißwoher eine Flasche Wein und einen kleinen Imbiß herbeigezaubert. Der letzte Urlaub auf der Erde war wunderschön und beide genossen ihn. Benbil fielen immer neue Überraschungen ein, bei denen Gabriella sogar ihre trüben Gedanken vergaß. Hier, in dem Wasserloch, war sie restlos glücklich. Da erreichte sie die Unglücksnachricht aus Kanada.
Kobrink wurde aus Südamerika sofort ins Kosmoszentrum gerufen. Seit Tagen schon wandelte er mit Hochilli auf den Spuren der Inkas und Quetzalkoatls. Sie besuchten alle Orte, die irgendwie darauf hinweisen konnten. Auf einer der wenigen im ursprünglichen Zustand erhaltenen Flächen des ehemals riesigen Amazonasregenwaldes lag eine alte Inkastadt.
Natürlich war sie völlig restauriert und in möglichst originalgetreuen Zustand versetzt worden. Eine kleine TSG-Servicestation wartete auf Touristen. Dort erfuhr man auch alles, was über diese Stadt bekannt war, leider ist es recht wenig.
Hier lebte einst ein großer Häuptling der es verstand, für Frieden zu sorgen und die Stadt zu großer Pracht zu entfalten. Da kamen die spanischen Eroberer unter Franzisko Pizarro, töteten den Häuptling, vernichteten und plünderten die Stadt, raubten sie aus, verbrannten alles Brennbare und ermordeten die meisten der Bewohner.
Viele Jahrhunderte kümmerte sich niemand um die Trümmer, bis man im Rat die Errichtung von Museen und Denkmälern an allen Stätten mit historischen Ruinen oder geschichtlichem Ruhm beschloss.
Aufwendige Programme wurden erstellt, um weltweit die Ruinen zu restaurieren, und die eifrige Touristik- und Sportgesellschaft stellte daneben moderne, gern genutzte Servicstationen auf. So erging es auch dieser vergessenen Stadt.
Es gab auch hier eine Menge andere Unternehmen, die Servicestationen betrieben, aber sie hatten meist nur lokale Bedeutung. Lediglich die USC, wurde schon im 21. Jahrhundert in Amerika gegründet. Diese United Service Companie war zwar kleiner als die TSG, aber man stieß doch überall auf ihre Einrichtungen und es war dem Wettbewerb zwischen diesen beiden ewigen Konkurrenten zu verdanken, daß die Stationen derart hohe Niveaustandarts aufweisen konnten.
Selbstverständlich standen der Mond und die Planeten nach wie vor an erster Stelle in der Touristengunst, aber auch auf der Erde wurden alle Servicestationen jederzeit viel besucht.
Dieses Mal waren Hochilli und Kobrink allein in der Station und beschlossen sofort, die letzten paar Tage dort zu bleiben, um in Ruhe die Schönheit der fast unberührten Natur voll zu genießen. Am Vormittag waren sie in der Stadt herumgelaufen und in den Häusern herumgeklettert. Nun unterhielten sich beide in den bequemen Gravisesseln der vollklimatisierten Station und scherzten über ihre Erlebnisse.
Hochilli war durch ein kleines Äffchen erschreckt worden, das sich in der Kühle eines dunklen Hauses zum Ausruhen niedergelegt hatte. Als sie das Haus betrat, sprang es mit ohrenbetäubendem Gekreisch auf und war sicherlich ebenso erschrocken wie Hochilli. Noch ehe diese recht begriff, was eigentlich los war, kletterte das kleine Tierchen behende an ein paar Steinen nach oben und verschwand durch ein Loch in der Mauer. Kobrink sah es laut schreiend und schimpfend im Urwald verschwinden, aus dem auf das entsetzliche Geschrei des lautstarken Tierchens für eine kurze Zeit Antwort gegeben wurde.
Kobrink hingegen hatte sich an einem Dorn gestochen, als er eine unbeabsichtigte Bewegung machte und dabei einen dornigen Strauch berührte. Der Stich schmerzte derart, daß er sofort zur Station flog und die Hand vom Diagnostikana behandeln ließ.
Über diese und ähnliche Erlebnisse sprachen die beiden gerade, als die Meldung von Antolins Unfall an alle Teilnehmer der Expedition durchgegeben wurde. Sie sahen sich erschrocken an.
"Was ist mit Antolin, lebt er noch, wie konnte das überhaupt geschehen, was soll jetzt werden, übermorgen wollen wir doch schon starten, kann er mitkommen?" Hochilli sprudelte die Fragen nur so hervor, ihre sonst so ruhige und besonnene Art zu sprechen hatte einer inneren Spannung Platz gemacht, die ihre Sorge um Antolin und ihre Bedenken gegen einen Startverzug deutlich zeigten. Aber es dauerte nur einen Augenblick und sie hatte sich wieder in der Gewalt. Sie blickte auf Kobrink: logo
"Entschuldige, ich bin etwas aus der Fassung geraten, das kam ja auch alles zu plötzlich."
Schweigend legte Kobrink seinen Arm um ihre Schultern. Da meldete sich Megira über Tele:
"Ich störe euch nicht gern in den letzten Tagen auf der Erde, aber deine Anwesenheit hier im Kosmoszentrum ist jetzt dringend notwendig."
Kobrink und Hochilli flogen unverzüglich los. Über dem unendlich erscheinenden Blätterdach des Urwaldes ballten sich dunkle Wolken und eine neuangekommene Gruppe Touristen blickte argwöhnisch zum Himmel auf.
Ein wilder Schmerz ergriff Tamina, als sie sich neben Antolin auf die Knie niederließ und in seinem Gesicht vergeblich nach einem Lebenszeichen suchte. Da senkte sich auch schon ein riesiger Schatten hernieder und Antolins Körper glitt wie von Geisterhand getragen in den TY-Reky (Rettungskyrob). Auch Tamina stieg mit ein, dann entfernte sich der Reky in schnellem Flug. Antolin lag unter dem Diagnosegerät und als Ziel wurde eine medizinische Station in den Rocky Mountains bestimmt.
Dies alles geschah innerhalb weniger Augenblicke durch die Kyrobs. Gleichzeitig entfernten sie Antolins Kleider und brachten eine Vielzahl von Schläuchen und Drähten an seinem Körper an. Jetzt glimmten über ihm einige Emittoren auf, die bestimmte Strahlen erzeugen, dosieren und genau plazieren konnten.
Gleichzeitig wurde auch Tamina von einem zweiten Diagnostikana untersucht und behandelt. Mit seiner Hilfe hatte sie bereits innerhalb weniger Minuten ihren Schock überwunden und konnte wieder klar denken.
Tamina wußte, daß alles Erdenkliche geschah, um Antolin zu helfen. Sie berührte einen Sensor, um den Befund zu erfahren. Zu ihrer Erleichterung waren seine Verletzungen nicht ganz so gefährlich wie sie es am Anfang befürchtet hatte.
Außer der zermalmten Schulter und mehrerer Frakturen, vor allem der Rippen, hatte Antolin ein starker Prankenhieb am Kopf getroffen. Das hatte nicht nur ein Schädel-Hirn-Trauma mit Bewußtlosigkeit zur Folge, sondern brachte ihm auch noch zwei gebrochene Halswirbel ein. Aber er lebte wenigstens noch, denn wie durch ein Wunder entging er einem Genickbruch.
Tamina starrte vor sich hin. Früher wäre ein derartiger Unfall eine Tragödie gewesen. Monatelange Genesungen, meist blieben ohnehin ernsthafte Folgen zurück, waren damals unvermeidbar. Und komplizierte neurochirurgische Eingriffe waren immer sehr gefährlich.
Zum Glück mußte sich Tamina diese Sorgen nicht machen. Antolin lebte noch, also konnte er auch völlig geheilt werden. Aber drei Tage vor dem Start, das gab doch zu denken. Sollte er denn als Patient zur Andra fliegen, vielleicht halb geheilt viele Millionen Jahre hindurch im Tiefschlaf liegen?
Doch das war jetzt unwichtig, erst mußte die Station mit ihren weitaus größeren Möglichkeiten als der TY-Kyrob die genaue Diagnose stellen und die erforderliche Therapie bestimmen.
"Wollen Sie zurückfliegen?" fragte eine Kyrobstimme.
Tamina schreckte auf. Sie waren längst gelandet und Antolin befand sich schon in der Station. Hastig verließ Tamina die Kabine und begab sich in das Besucherzimmer.
Die Station war für ganz Nordamerika als Unfallstation für schwere Unfälle vorgesehen, denn kleinere Unfälle und einfache Brüche konnten schon in jedem Touristenzentrum durch den Diagnostikana, einem medizinischen Kyrob, behandelt werden.
Die großen Unfallstationen waren nur für die seltenen schweren Unfälle zuständig. Hier konnten bis zu 100 Verunglückte auf einmal aufgenommen und behandelt werden, wenn es erforderlich sein sollte, außerdem bestand durch die TY's Schnellverbindung zu anderen Unfallstationen auf der Erde.
Die Station, in die Antolin gebracht wurde, war mit 5 Ärzten besetzt. Aber sie hatten eine unübersehbare Anzahl Kyrobs unter ihrer Kontrolle.
Tamina konnte sich zum Glück über die Videowand in die Vorgänge um Antolin einschalten, sonst wäre ihr die Ungewißheit unerträglich geworden. Der lag in einer Rettungsbox und wurde von vielen geschäftigen Kyrobs umsorgt, während zwei Ärzte die Operation aufmerksam an Videowänden verfolgten. Ab und zu gaben sie eine Anweisung. Plötzlich rief einer laut und erregt:
"Stop!".
Beide wechselten einige Worte, dann zog sich einer der Ärzte einen weißen Kittel sowie Handschuhe an und begab sich in den Operationsraum. Er hantierte dort mit verschiedenen Geräten und kam nach etwa zehn Minuten wieder zurück.
"Der Mensch ist eben doch trotz aller perfekten Technik niemals ganz zu ersetzen", stellte er fest.
Später erfuhr Tamina, daß sich ein Knochensplitter am Schädel gelöst hatte und durch die Bewegung des Arbeitsarmes der Operationskyrobs in das Gehirn gedrückt worden wäre. Der Arzt hat ihn dann vorsichtig entfernt und an seiner ursprünglichen Stelle sauber wieder eingeschweißt. @18)
Für einen Menschen wäre die Operation der zermalmten Schulter ein fast aussichtsloses Unterfangen, aber die Kyrobs fügen sicher, schnell und genau Zelle für Zelle zusammen.
Die gesamte Operation dauerte fast 4 Stunden. Eine Chemotherapie, wie sie früher üblich war, gab es nicht mehr oder zumindest kaum noch. Selbst die Narkose wurde ersetzt, die früher unumgänglich schien. Einige der Chips, die jedem Menschen bei der Geburt eingesetzt werden, also der körpereigenen Chips, übernehmen die Abschaltung der Leitungsbahnen zum Gehirn. Damit werden die betreffenden Körperpartien ruhiggestellt. Antolin wurde während der langen Operation in künstlichem Schlaf gehalten, was natürlich auch mit Hilfe von ganz bestimmten Strahlen geschah.
Körpereigene Chips ersetzten darüberhinaus eine Unzahl von Sensoren und Drähten, die ehemals zur Überwachung unentbehrlich waren.
Da Antolin - wie überhaupt alle Menschen - einen gesunden und leistungsstarken, widerstandsfähigen Körper besaß, waren durch die Verletzungen und die sehr schwere Operation wenigstens keine weiteren Komplikationen zu erwarten. Bereits sechs Stunden nach dem Unfall meldete Tamina nach Australien:
"Operation gut überstanden, Antolin ist auf dem Weg der Genesung. Wir treffen morgen früh ein."
Tamina entschied sich für die Frührakete, den Flug im Gravistor wollte sie Antolin denn doch noch nicht zumuten. Der erwachte gerade aus seinem Schlaf und sah verständnislos um sich:
"Was ist denn los, Tamina, wo sind wir hier?"
Liebevoll tupfte sie ihm die Stirn mit einem Tuch ab und sagte leise:
"Bleib ganz ruhig liegen, bald ist alles wieder in Ordnung."
"Hast du schon wieder den Schreibstift liegengelassen? Wenn ich nicht laufend aufpassen würde, kämst du total um in deiner Unordnung!", zeterte Ulzine.
Sie wohnten seit gestern in ihrem gemütlichen Haus in Asien. Die Kyrobs hatten alles schön in Ordnung gehalten, auch der Garten war ordentlich und gepflegt. Trotzdem fand Ulzine laufend etwas auszusetzen. Gandew beschwichtigte sie:
"Wir sind zum letzten Mal hier, morgen früh gehen wir für immer fort, nun laß doch alles wie es ist, es sieht doch ordentlich aus".
"Sollen unsere Enkel denken, daß wir liederlich waren?" fauchte Ulzine, "lieber lasse ich mir von Tanja noch ein paar Kyrobs machen, dann ist wirklich alles in Ordnung."
Und sie gab die Bestellung auch gleich per Tele auf. Tanjas kleine Werkstatt hatte doch schon alle anderen Kyrobs geliefert und Ulzine schätzte ihre unbedingte Zuverlässigkeit.
Das hinderte sie aber nicht, eine wilde Debatte anzufangen. Tanja bestätigte die Bestellung und kündigte die Lieferung für morgen früh an. Ulzine verlangte dagegen unbedingt, daß bis Mitternacht geliefert wird.
"Wir fliegen morgen früh, da will ich die Dinger erprobt haben", zeterte sie.
"Na gut, Ulzine, weil du es bist, ich mache Überstunden und liefere heute Nacht".
Gandew winkte ab. Er ging zum Haus, betrat es über die breite Treppe vom Garten aus und stellte die Schuhe sauber ausgerichtet in den Schuhständer.
Das große Fenster mit der breiten Solbank aus schwarzem Marmor war spiegelblank geputzt.
Im Haus selbst herrschte angenehme Kühle. Dicke, weiche Teppiche dämpften den Schritt und an den Wänden hingen wirkungsvoll plazierte Holos. Hier im Hauseingang waren es Szenen von Weltraumexpeditionen, an denen beide gemeinsam teilgenommen hatten.
Das Mobiliar des Raumes sah gediegen und geschmackvoll aus. Die Garderobe mit dem fast zu großen Spiegel, die Kommode und der Schuhschrank waren mit Nußbaumfurnier versehen und im Stil der Renaissance, in geschwungenen Formen ausgeführt.
Auf der Kommode lag überdies ein schneeweißes gesticktes Spitzendeckchen, darauf stand ein großer Blumenstrauß in einer Kristallglasvase.
Den Schuhschrank zierte auf weißen Decken eine Garnitur Pokale, die Gandew früher einmal im Sport erkämpft hatte und in der Mitte erhob sich der schlanke Rumpf eines Forschungsraumschiffes, ebenfalls eine Auszeichnung; für die Erforschung der magnetischen Anomalien auf einem Mond im Siriussystem.
Die indirekt beleuchtete Decke war, wie die Wände, in leichten Pastellfarbtönen gehalten.
Der eigentlich zweckbestimmte Korridor wirkte einladend und gemütlich. In die Wohnräume führten mehrere Türen, die farblich nur leicht abgesetzt waren. Aber geschmackvolle Holos, die den Eindruck eines blumenüberdachten Bogenganges vermittelten, hoben sie hervor.
Gandew ging zunächst in die Küche, um einen Schluck zu trinken. Zwar hätte ein gedanklicher Telebefehl gereicht, um den Küchenkyrob zu aktivieren, aber er ging selbst, um in Ruhe wählen zu können.
Der peinlich saubere weiche Fußbodenbelag dämpfte seine Schritte, als er auf den offenen Einbauschrank mit dem Geschirr zuging, der die ganze hintere Wand des länglichen Raumes bedeckte. Darin befand sich Geschirr für insgesamt zehn Personen in kleinen Ständern so aufgestellt, daß es wie ein Gemälde, wie ein Stilleben aussah. In der gesamten Einrichtung des Hauses zeigte sich Ulzines auserlesener Geschmack.
Gandew nahm eins der kostbaren Gläser aus buntem, geschliffenen Kristall und ging zum Getränkekyrob. Die eben noch hellgrüne Wand begann sich einzutrüben und es erschien eine Schrift, die das heutige Angebot an Getränken angab. Lange studierte er die Liste und entschied sich schließlich für einen Südfrüchtemix mit Mineralwasser.
Während des Trinkens betrachtete er den Gugronenherd mit den blitzblanken Tiegeln, Pfannen, Töpfen u.a. Gerät in der Art eines Kamines, der in die Wand eingelassen war. Rings um den Kamin standen auf Regalen oder hingen an Haken nostalgische eiserne Küchengeräte, wie sie früher zum Kochen und Feuermachen verwendet wurden. Vielfach waren sie künstlich geschwärzt worden, sodaß der optische Eindruck einer mittelalterlichen und vielbenutzten Kochecke entstand.
Gandew stellte das Glas auf die Spülablage, wo es sogleich im Spülkyrob verschwand. Noch ehe er die Küche verlassen hatte tauchte das saubere Glas an seinem Platz wieder auf und wurde exakt ausgerichtet.
Hinter ihm zündeten sofort einige Strahler, die in der Küche sowohl für hygienische Sauberkeit als auch für frische Luft sorgten. Die überreich mit blühenden Blumen bepflanzten Balkonkästen vor dem Fenster wurden dabei geschützt, indem sich die Scheiben kyrobgesteuert verdunkelten.
Als er eben den Raum wieder verlassen wollte, stand seine Frau Ulzine etwas ratlos in der Wohnzimmertür. Sie sah ihn fragend mit großen Augen an:
"Hast du den schönen Blumenstrauß auf den Tisch gestellt? Solche Blumen haben wir gar nicht im Garten!"
"Ich habe doch keine Blumen auf den Tisch gestellt", brummte Gandew und ging an ihr vorbei ins Wohnzimmer. Es gefiel durch einen braunen Ton, auf den alles im Zimmer abgestimmt war.
Das auf Hochglanz polierte Eichenfurnier der kostbaren Möbel und Schränke, die flauschigen Teppiche mit den dezenten Ornamenten als Muster, die beiden Gobelins, die weißen Wände, die Bilder und Holos, alles paßte bis in die kleinste Einzelheit zusammen und wirkte ebenso gemütlich wie geschmackvoll.
In den durch Scheiben geschützten Schrankteilen lagen interessante Fundstücke von ihren Expeditionen, die zugehörigen Daten konnte der Kyrob nennen. Gandew besah sich vor allem einen Meteorsplitter vom Mond, der einen profilähnlichen Abdruck trug. Diesen Splitter hatte er zum wiederholten Male untersucht und analysieren lassen. Der Abdruck darauf war ca. 4 Billionen Jahre alt und der Meteor zersplitterte vor ca. 75 Jahren, wie sich nachweisen ließ.(W6)
Wie der Abdruck hineinkam und woher der Meteor kam, konnte keiner sagen. Die üblichen Meteoriten galten als Splitter eines geborstenen Planeten, der aber unbewohnt war, es gab jedenfalls bisher noch keine brauchbaren Hinweise auf "vitale Veränderungen", wie ein eingeschliffener Begriff lautete.
Gandews Meteorsplitter brachte die Fachwelt zum Staunen. Noch niemals ist Materie mit einem derartigen Alter entdeckt worden. Trotz des mehrfachen Einsatzes spezieller Kyrobs konnten niemals weitere Bruchstücke des Meteors gefunden werden.
Schade, nun werde ich wohl niemals etwas Näheres über diesen Splitter erfahren, dachte er. Und weil inzwischen von dem Stück bestimmt fünf Kopien angefertigt wurden, beschloß er es mit auf die Expedition zu nehmen.
Aber so richtig war er nicht bei der Sache. Eigentlich lief er etwas ziellos herum und kam sich nutzlos vor. Die Kinder wohnten in Europa und Amerika. Ihre Tochter war vor einigen Wochen in ihrer Wohnung im Kosmoszentrum mit dem Urenkel zu Besuch gewesen. Gandew und Ulzine hatten sie hinterher noch in Europa besucht, dann den Sohn in Amerika.
Er dachte noch einmal an den Abschied von den Kindern und Enkeln. Natürlich hatten sie über das Haus gesprochen. Die Kinder waren längst groß und hatten schon erwachsene Enkel, die alle ihr Elternhaus bewohnten. Doch nur dem 12-jährigen Urenkel Frankie gefiel das schöne Haus der Großeltern und er möchte es gern weiter bewohnen, wenn er dazu alt genug ist.
Ulzine bereitete es so vor, als ob es für die Ewigkeit unbewohnt bleiben soll. Zum zwanzigsten Male überprüfte sie bereits alle Kyrobs und die Einrichtung, nörgelte noch hier und da rum, gab weitere Anweisungen.
Gerade fragte die Tochter aus Amerika an, ob der große Blumenstrauß schon eingetroffen ist, da kam fast gleichzeitig die Meldung von Antolins Unfall. Ulzine und Gandew sahen sich betroffen an.
"Was bedeutet denn das nun schon wieder, wird der Start verschoben, kann er überhaupt mitfliegen?", sprudelte Ulzine aufgeregt hervor.
"Warten wir ab, bis wir Näheres erfahren", antwortete Gandew in seiner ruhigen Art. Er legte den Stein wieder an seinen Platz und schaltete die Videowand ein, um aus den Meldungen Einzelheiten zu erfahren.
Ausgerechnet an diesem Tag war der sonst so strahlend blaue Himmel von dunklen Wolken bedeckt und es blies ein kalter Wind. Dazu bildete der leichte Nieselregen einen ganz feinen Schleier, der die Sicht nahm.
Vorsichtig wurde Antolin von Tamina aus der Rakete geleitet und lag im nächsten Augenblick im Grav, da er zum Laufen und Stehen noch zu schwach war. Dabei hatte er die medizinischen Kyrobs, die ihn begleiten sollten, selbst zurückgeschickt. Tamina verstand ihn gut, er wollte nicht einen Tag vor dem Start wie ein Schwerkranker ankommen. Das wäre denn doch eine lohnende Story für die allgegenwärtigen Reporterkyrobs gewesen.Immerhin fühlte er sich bis auf die Schwäche doch schon wieder fast gesund.
So glitt er schwebend in den Gravistaten und ließ sich ohne großes Aufsehen ins medizinische Zentrum bringen. Dort sollte er noch den ganzen Tag im Schlaf gehalten und im Tunnel intensiv behandelt werden.
"Meinen letzten Tag auf der Erde soll ich verschlafen, das kann ich noch Millionen Jahre lang tun", maulte er zwar, aber die Ärzte waren auf keinen Fall zu irgendwelchen weiteren Zugeständnissen bereit.
"Andere Möglichkeiten gibt es keine, denn der Start soll möglichst auch nicht verschoben werden, weil der Zeitpunkt optimal gewählt wurde. Wenn du nicht zustimmst, mußt du auf der Erde bleiben!" war die Antwort.
Antolin war selbst oft genug als Arzt mitgeflogen und mußte sich eingestehen, daß er in jedem Falls auch so gehandelt hätte. Also blieb ihm gar keine andere Wahl, als zuzustimmen.
Und so schwebte er einige Minuten später schon im "Tunnel", dem wohl kompliziertesten medizinischen Gerät, das es jemals gab. Es wurde in Australien speziell für die Raumschiffe entwickelt, wird aber inzwischen auf der ganzen Erde in allen größeren medizinischen Stationen ebenfalls angewendet.
Eine unübersehbare Anzahl Chips, Kyrobs, Sensoren und Strahler waren darin angebracht, die den Körper Zelle für Zelle untersuchen und alle kranken Stellen ausheilen konnten.
Bis zum Start waren es inzwischen nur noch 18 Stunden, er war für 7.00 Uhr früh festgelegt worden. Die Besatzung mußte auf Kobrinks Weisung eine halbe Stunde vorher zur Stelle sein. Aber bereits jetzt war die gesamte Crew eingetroffen und alle hatten ihre Kabinen in der Omikron schon besichtigt, evtl. auch einige Erinnerungen an die Erde dort hineingebracht. Aber keiner hatte Lust, die letzte Nacht auf der Erde in der Omikron zu verbringen. So verschwanden alle nach kurzer Zeit wieder.
Wenn man Stanis Kabine betrat, fiel der Blick zuerst auf das große Holo aus Thüringen. Die Tiere wirkten so echt, als ob sie leben würden.
Daneben hatte er aber einen winzigen Kyrob behutsam auf einer Konsole abgelegt. Dieser für ihn so teure Gegenstand war in Wirklichkeit ein Speicher und hatte die letzten Tage auf der Erde aufgezeichnet, die er mit Chiroga in ihrem Elternhaus verbrachte. So konnte er jene für beide unvergleichlich glückliche Zeit immer wieder nacherleben. Der Kyrob trat dabei mit den körpereigenen Chips in Kontakt, die über bestimmte Nervenbahnen ein echtes Erlebnisgefühl erzeugten.
Niemand von der Besatzung schlief in der letzten Nacht, Antolin ausgenommen. Während alle anderen zu zweit oder in Gruppen mit Angehörigen und Freunden spazieren gingen, wich Tamina nicht von seiner Seite. Weil die Behandlung gegen 3.00 Uhr beendet war, konnte sie mit ihm um 4.00 Uhr das medizinische Zentrum verlassen.
An der frischen Luft wachte er auf, blieb aber im Grav, weil er sich für Spaziergänge zu schwach fühlte. So saß er mit Tamina auf der Terasse vor dem Park des Kosmoszentrums und sog die Luft, die nach dem gestrigen Regen besonders frisch war, in sich hinein. Es waren ja für einige Millionen Jahre die letzten Atemzüge auf dem vertrauten Heimatplaneten. Sie saßen eng umschlungen, aber schweigend nebeneinander. Jeder nahm auf seine Weise Abschied von der Erde. Nach kurzer Zeit gesellten sich ihre Freunde und Verwandten zu ihnen, die bis dahin gemeinsam in einer Servicestation gewartet hatten.
Kapitel 16 Start der Expedition Omikron
Gegen halb sieben Uhr schwebten sie zur Omikron, etwa zur gleichen Zeit trafen auch die anderen ein. Da jeder auf seine Art Abschied genommen hatte, zumeist mit Freunden und Angehörigen, hing jeder noch seinen Gedanken nach. Von einer fröhlichen Begrüßung konnte also wirklich keine Rede sein.
Die lästigen Reporterkyrobs wimmelten ununterbrochen um die Omikron herum und jeder der hineinging, wurde von ihnen auf Schritt und Tritt verfolgt. Jedoch zu einem Interview hatte niemand Lust, so blieb es bei den Bildern vom Eintreffen der Crew.
Antolin wurde von Tamina sofort zur medizinischen Station gebracht, wo ihn die medizinischen Kyrobs bereits erwarteten. Alle anderen trafen sich im Kommandoraum, und nahmen ihre Plätze ein. Zehn Minuten vor dem Start ertönte eine Kyrobstimme:
"Start in 10 Minuten, bitte gesamte Besatzung Startvorbereitungen treffen."
Benbil und Stani prüften noch ein letztes Mal sämtliche Teile des Raumschiffes. Dann erschien an der Wand Megira und wünschte der Expedition im Namen aller Lebewesen der Erde Erfolg.
"Vielleicht könnt ihr eine Freundschaft zwischen Bewohnern verschiedener Galaxien begründen, die unserer Existenz neue und ungeahnte Dimensionen verleiht", sagte er.
"Noch 30 Sekunden bis zum Start", ertönte die Kyrobstimme.
"Ich wünsche uns ebenfalls Erfolg", antwortete Kobrink, dann hob Omikron von der Erde ab.
Zuerst langsam, dann immer schneller werdend, verschwand der riesige Quader schließlich vor den Blicken der meist weinenden Angehörigen am Himmel.
Natürlich hatte die Besatzung den Startvorgang nicht gespürt, denn das Gravitationsfeld im Inneren der Omikron entsprach dem auf der Erde und wurde durch Kyrobsteuerung konstant gehalten. Trotzdem blieben alle auf ihren Sitzen und starrten auf die Videowand, wo die Erde immer kleiner wurde.
Es war ein endgültiger Abschied, vielleicht für immer. In diesen Augenblicken begriff es jeder so deutlich wie bisher nie: sie hatten von nun an keine Heimat mehr, sondern nur ein unendlich weit entferntes Ziel.
Auch Antolin beobachtete aus seinem Bett die Erde. Er mußte noch einmal in den Tunnel, dann war er gesund. Um den Aufschub bis nach dem Start hatte er die an Bord verantwortliche Ärztin Gabriella gebeten.
Trotz ihrer Bedenken verstand sie ihn und nach einem Blick auf Chiroga, die als stellvertretende Ärztin nickte, hat sie es ihm gestattet, sogar den Abschiedsausflug auf der Erde bis zum Startplatz. Dann aber, etwa 30 min. nach dem Start, wurde er unerbittlich vom Kyrob in den Tunnel geschoben, gerade in dem Moment, als Tamina die Kabine betrat.
"Bis nachher", sagte er und es sollte fröhlich klingen.
Sie nickte nur schweigend und sah zu, wie er gleich darauf in einen tiefen Schlaf fiel.
Behutsam, als könnte er gleich wieder aufwachen, verließ sie die Kabine. Zum Glück rief eben Kobrink aus dem Kommandostand nach ihr, sonst wäre sie bestimmt ziellos durch das Schiff geirrt.
Inzwischen bummelten Chiroga und Stani durch die riesige Omikron und Stani erklärte ihr die Besonderheiten des Schiffes. Es gab soviel interessante Dinge an Bord, Chiroga kam aus dem Stanuen nicht heraus.
Da war zuallererst natürlich die Steuerzentrale, also das Herz der gesamten Expedition. Auch Chiroga hatte hier als Navigator einen der vier Arbeitsplätze, an dem sie ja schon während der Startphase saß. Dieser Platz hatte ganz genau das Aussehen, wie sie es aus dem zurückliegenden Lehrgang gewohnt war.
Vor ihr auf dem Pult die Tastatur und einige Mikrophone, dahinter mehrere Videowände. Mit dieser Anordnung konnte sie sowohl den Hauptkyrob der Omikron als auch viele spezielle, nur dem Navigator zur Verfügung stehende hochintelligente Kyrobs erreichen.
Selbstverständlich ließen sich die Befehle sowohl mündlich als auch mit der Tastatur eingeben und die Antworten entweder auf der Videowand oder durch den Lautsprecher empfangen, ganz wie sie es wünschte. Selbst das Ausdrucken war kein Problem.
Eigentlich arbeiteten die Kyrobs völlig selbständig und mußten nicht kontrolliert werden, aber Chiroga überprüfte doch lieber alle ihre Entscheidungen erst noch einmal selbst.
Neben Chiroga hatte der Bordingenieur Benbil seinen Platz, was ihr natürlich weniger gefiel. Er konnte von seinem Platz aus jede Ecke des gesamten Raumschiffes bis in alle Einzelheiten erreichen, untersuchen und durch seine Kyrobs beeinflussen.
Aber auch er durfte sich auf seine Kyrobs verlassen und Chiroga fürchtete, daß ihm dadurch mehr Gelegenheit für seine Annäherungsversuche bleibt.
Und in der Tat hatte sie sofort den Eindruck, daß sich Benbil viel mehr um ihre Arbeit als um seine Aufgaben kümmerte. Jetzt, wo Stani noch dabei stand, hielt er sich ja noch zurück. Was aber, wenn Stani einmal nicht bei ihr war?
Auf der anderen Seite des Raumes saß der Kommandeur Kobrink und Tamina als seine Stellvertreterin. Eigentlich hatte sich Chiroga diese Plätze anders vorgestellt, mit einer Wand voll Knöpfen und Instrumenten. Nun sah sie erstaunt, daß dort auch nur eine Tastatur nebst Mikrofonen, ansonsten aber eine Menge Videowände waren. Lediglich ein großer, aber extra gesicherter roter Knopf für den Notstop aller Aggregate des Schiffes unterschied diese Plätze von dem Ihren.
Durch eine Glastür getrennt von diesem Raum, konnte sie den kugelförmigen Freizeitraum erreichen, der für die gesamte Besatzung als Gemeinschaftsmesse diente. Hier konnten sie sich sowohl zu Beratungen, als auch zum gemütlichem Beisammensein nach getaner Arbeit treffen. Vor allem besaß dieser Raum eine kugelförmige Videowand, auf die von den Außenkameras das Bild des Raumes rings um die Omikron so perfekt aufgezeichnet werden konnte, daß man den Eindruck hatte, direkt im All zu schweben. Die Tische und Sessel der Crew wurden dabei stets in der Mitte des Raumes im Grav gehalten.
Überhaupt bestand die gesamte Etage nur aus den Arbeits- Gemeinschafts- und Privaträumen der Besatzung. Direkt der medizinischen Station, also Gabriellas Arbeitsbereich gegenüber, befand sich Stanis Gravitronikwerkstatt. Sie war nicht sehr groß, aber mit ihren unendlich vielen kleinen Fächern voll Chips und anderer Ersatzteile mehr als vollkommen ausgerüstet.
Fast am Ende des schier unendlich langen Korridors führte eine durch zwei Schotte gesicherte Abzweigung in das chemische Laboratorium, das ebenfalls zu Chirogas Aufgabenbereich gehörte. Sie war ja von Megira insgesamt als Chemikerin, Navigator, Psychologin, stellvertretende Ärztin und Fahrer für den Graviplan, das komplexe Landefahrzeug, eingeteilt worden.
Wenn im Labor nun ein gefährliches Experiment durchgeführt wird, müssen die Schotten geschlossen sein. Chiroga leitet die Kyrobs vom Kommandostand aus und bei Gefahren wird zumindest die Crew nicht gefährdet. Selbst eine Explosion im Laboratorium würde nur eine völlig abgeschottete Ecke des Raumschiffes absprengen.
Stani erklärte ihr, daß die Konstrukteure der Omikron sogar eine solche, fast unwahrscheinliche Havarie bedacht hatten, und ein durch Vakuum konserviertes Ersatzlaboratorium in einer anderen, aber ebenso gesicherten Ecke, vorhanden war. Bei Bedarf konnte es jederzeit belüftet und sofort benutzt werden.
Daß es auch alle anderen Arbeitsplätze mehrfach gab, vor allem natürlich die gastronomischen und medizinischen, verwunderte sie nach alledem schon nicht mehr. Steuerzentralen gab es insgesamt sogar vier Stück im Raumschiff.
Wahrlich, an Kosten und Aufwand für diese erste Expedition zu einem mit intelligenten Wesen bewohnten Stern in einer anderen Galaxis hatten die Konstrukteure nicht gespart, sie hatten sogar fast alle möglichen Gefahrensituationen und Havarien bedacht.
Welche Gefahren nun tatsächlich auftreten, und wie die Raumschiffe später einmal ausgerüstet werden, wird sich nicht zuletzt auch aus den Erfahrungen solcher Expeditionen wie der Omikron zeigen, wenn sie die Erde jemals wieder erreichen sollten.
Mit einem verschmitzten Lächeln öffnete Stani nun die Tür zur Freizeitetage. Sprachlos stand Chiroga vor dem riesigen Schwimmbecken, das durch eine mit Pflanzen berankte Mauer von dem Erholungspark getrennt war. Erst später erfuhr Chiroga, daß sich der große Park bereits wieder auf einer anderen Etage befand.
Dann saßen sie beide in der Messe und lauschten den Geschehnissen im All. Gerade meldete sich Galja von der Mondstation. Sie fragte, ob alles in Ordnung ist, wünschte guten Flug und große Erfolge. Sehr gern wäre sie auch mitgeflogen, doch durch den Kyrob wurde sie leider aussortiert, Sie hatte bei einem Meteoreinschlag einmal die Nerven verloren und durch ihr hektisches Geschrei die ganze Mannschaft nervös gemacht.
Seitdem flog sie nicht mehr weiter als bis zum inneren Planetoidengürtel, obwohl sie sich durchchecken und durch den Tunnel kurieren lassen hatte.
Tamina kannte sie von zwei gemeinsamen Flügen und sie wechselten ein paar freundschaftliche Worte miteinander. Galja verriet ihr, daß sie sich wieder für Fernexpeditionen melden und so ihr schlechtes Image im Kyrob korrigieren will.
"Vielleicht werde ich dann für Omikron II aufgestellt", sagte sie scherzend.
"Du schaffst es ganz bestimmt, ich wünsche dir jedenfalls viel Glück. Bist du eigentlich noch mit Kola zusammen, was macht er denn"?
"Kola ist gestern auf die Erde zurückgekehrt, er will sich für eine neue Fernexpedition melden. Ich muß hier oben noch meine Arbeit zu Ende führen, dann fliege ich zu ihm. Vielleicht hat er dann für uns schon etwas erreicht", war die Antwort.
"Leb wohl, Galja, grüße Kola".
Die Verbindung wurde zusehends schwächer, da der Mond hinter der Erde verschwand. Omikron aktivierte nun ganz nach Plan die Hauptgugronentriebwerke und steigerte die Geschwindigkeit. So sollte der Planetoidengürtel erreicht werden, bis dahin aber würden noch gut vierzehn Tage vergehen.
Für die Teilnehmer gab es jetzt ständig etwas zu tun, denn alle irgendwie erreichbaren Stationen wollten sich von der Omikron verabschieden und irgendwen kannte immer jemand persönlich.
Im übrigen war die etwas gedrückte Abschiedsstimmung bald überwunden und die gewohnte, auf Expeditionen übliche sachlich-freundschaftliche Atmosphäre machte sich auch auf diesem Raumschiff breit.
Lediglich Chiroga war etwas unzufrieden, weil Benbil ihr allzu unverhohlen den Hof machte. Es gab keine Gelegenheit, die er nicht nutzte. Er öffnete ihr Türen, machte sie aufmerksam, wenn sie etwas liegen ließ das Ulzine verärgern würde, schaltete sich in ihre Arbeit ein, tauchte auf dem Holoschirm vor ihr auf und gab ihr ungefragt diesen oder jenen Rat.
"Hör auf damit, Benbil, ich kann meine Arbeit allein machen."
"Aber wenn sie dir von jemand bestätigt wird, bist du sicherer".
"Laß mich in Frieden, sonst..."
Chiroga drehte sich wortlos um und ging in den Park. Das war ein großer, über eine ganze Etage gehender Raum, der wie ein Park angelegt war und mit seinen verträumten Wegen zu Spaziergängen einlud. Nur war er gleichzeitig auch noch zweckbestimmt.
Hier wuchsen Kartoffeln, Getreide, Gemüse, Beeren, Obstbäume und Palmen. Dazwischen zeigten sich in wunderschönen Ensembles Blumen und andere Pflanzen, sogar Pilze. Man hatte wirklich weder Mühe noch Kosten gescheut, und die jahrtausendelange Erfahrung der Menschen bei der Gestaltung von Erholungs- und Parkanlagen voll ausgeschöpft.
Schließlich wird dieser Raum auf Andra als Bild der Erde angesehen werden. Das optimale Klima, die gute Kyrobpflege und die gesteuerte Ernährung der gesamten Anlage brachten mehrere Ernten im Jahr hervor, sodaß kaum Mangel an frischer Nahrung zu befürchten war. Es gab sogar Tiere, die natürlich ebenfalls auf dem Speiseplan standen und im Vorratsraum waren genügend Zellen als ewige Konserve vorhanden, aus denen jederzeit Tiere oder Pflanzen nachgezüchtet werden konnten, wenn sie trotz aller Vorsicht verloren gehen sollten.
Während des Kyrobfluges soll auch diese Etage in den Tiefschlaf versetzt werden. Bis dahin aber glich der Raum noch einem Park auf der Erde, mit Tieren, Pflanzen, einem Fischteich und sogar einigen Insekten und Kolibris, ein perfekt funktionierendes irdisches Ökosystem, das der Erholung diente
Als Chiroga den Park betrat, sah sie Stani schon von weitem auf einer Bank sitzen und ging erfreut auf ihn zu.
"Na, hat dir denn deine neue Liebe mal frei gegeben?" fragte der bissig.
Chiroga wurde rot bis zu den Ohren, drehte sich um und lief fort, natürlich geradewegs in die Arme von Benbil, der ihr gefolgt war. Mit dem sicherem Instinkt des erfahrenen Verführers erriet er gleich, was geschehen war. Stanis ziemlich trotzige Miene und Chirogas Tränen sagten ja auch genug.
"Nicht weinen, Chiroga, hier ist jeder dein Freund. Und wenn du Probleme hast, komm einfach zu mir".
Wie ein kleines Kind schluchzte Chiroga los, lief in die Kabine und warf sich aufs Bett. Indeß dauerte ihre Niedergeschlagenheit nicht lange an.
Wir benehmen uns beide schlimmer als kleine Kinder, stellte sie fest.
In ihre Augen und ihr Gesicht trat ein entschlossener Ausdruck, sie trat aus der Kabine und wollte Stani aufsuchen. Doch auf dem Gang traf sie Gabriella. Bissig sagte sie:
"Sag mal, willst du dich nicht endlich mal um deinen Benbil kümmern, ich habe keine Lust, mich seinetwegen mit Stani zu verzanken"!
"Ach Chiroga, was soll ich nur machen, wir waren so glücklich und verliebt auf Hawaii. Aber hier bist du, und du weißt ja, daß du ihm gefällst. Zudem sieht er dich ständig, da versucht er es eben immer wieder. Ich habe das genau so befürchtet, wie es nun gekommen ist. Benbil ist noch niemals in seinem Leben eine feste Beziehnung eingegangen, für ihn waren alle Frauen immer nur Freiwild, ich glaube, er war bisher überhaupt noch niemals so richtig verliebt."
"Wenn Stani nur ein wenig mehr Vertrauen zu mir hätte, er ist so eifersüchtig", erwiderte Chiroga, während sie zusammen wieder in den Park gingen. Stani saß nicht mehr auf der Bank, er war weg.
Da sah Gabriella plötzlich überrascht auf:
"Was sagst du da, eifersüchtig? Mensch, du bringst mich auf eine ganz verrückte Idee. Wir könnten doch mal versuchen, Benbil eifersüchtig zu machen. Vielleicht würde ihn das von seinen Seitensprüngen abbringen, denn verlieren möchte er mich nun doch wieder nicht, - und ich ihn auch nicht", setzte sie ganz leise hinzu.
Dazu kam ihr sogar gleich eine brauchbare Idee und die beiden Frauen tuschelten noch längere Zeit miteinander. Der Plan war ganz einfach, Gabriella sollte nur in Benbils Gegenwart ganz offen mit Stani flirten.
Chiroga hoffte, daß sich Stani dann entscheiden muß und von seiner Eifersucht geheilt wird, während Benbil eifersüchtig werden und um Gabriella kämpfen sollte.
Wer den Weg durch den Park, vorbei an Bänken, Brunnen und vielen liebevoll gestalteten Kunstwerken und Pflanzenensembles, wie Blumentieren usw. zurückgelegt hatte, erreichte eine zwischen grünen und blühenden Kletterpflanzen kaum sichtbare Tür, den Eingang zur Schwimmhalle. Die befand sich zwar in Wirklichkeit auf einer anderen Etage, doch durch eine raffiniert angelegte Gravitation merkte man davon nichts. Alle Räume von Omikron konnten ohne Treppen oder Aufzüge erreicht werden, weil man immer den Eindruck hatte, daß es geradeaus ging.
"Wollen wir baden?"
Ohne eine Antwort abzuwarten streifte Chiroga ihre Kombination ab und sprang ins Wasser. Gabriella folgte ihr und bald kamen auch noch andere Teilnehmer dazu.
Wie alle anderen Räume, so hatte auch das riesige Schwimmbecken mehrere Aufgaben gleichzeitig zu erfüllen und war keinesfall nur als Erholungs- und Sportstätte für die Besatzung gedacht. Es war der Mittelpunkt aller Vitalsysteme und konnte den gesamten Wasservorrat von Omikron, bis auf die im Lager eingefrorene Notreserve aufnehmen. In ihm lebten viele Tiere und Organismen, die zusammen mit dem Park ein komplettes ökologisches System bildeten.
Der Plan sah vor, sowohl den Park, als auch das gesamte Schwimmbecken genauso wie alle die anderen Vorräte während des Kyrobfluges in Tiefschlaf zu versetzen, da sie dann ohnehin nicht benötigt werden. Gleichzeitig konnte bei dieser totalen Abkühlung auch nichts verrotten und die zu einem festen Körper erstarrte Luft erzeute ein völliges Vakuum.
Im Inneren von Omikron wird also, genau wie bei den Refos, ein totales Vakuum sein und die Temperatur soll nur bei einigen Kyrobs und bei der Funktionaltechnik der Tiefschlafkabinen wenig über dem Nullpunkt liegen. Sollte es allerdings kleinere Störungen während des Fluges geben, entscheiden die Sicherheitskyrobs über die Aktivierung von einzelnen Systemen im Schiff.
Übrigens rechnete niemand mit großen Zwischenfällen, weil bisher aus dem intergalaktischen Raum keinerlei Gefahren bekannt geworden sind.
Einzelne Meteore von verschiedener Größe wurden zwar schon beobachtet, aber der Refo-Fächer bietet genügend Schutz und kann bereits beim Erkennen eines solchen Hindernisses mit Gugronenstrahlen die Bahn des Körpers verändern oder ihn sogar zerstören. Das war natürlich nur die allerletzte Möglichkeit, wenn es sonst zu einer Katastrophe für die Expedition kommt.
Wenn also alles ruhig bleibt, werden drei Jahre vor dem Erreichen des Zielplaneten Andra der Park und die Wasserversorgung aktiviert, und im Jahr vor der Ankunft soll dann die Besatzung geweckt werden. Das Verringern des Abstandes zum Refo-Fächer und die Auswertung aller Daten der Galaxis Guatorena geschieht durch die Kyrobs völlig selbständig und die Menschen müssen das nicht persönlich überwachen.
Nur wenn unabwendbare Gefahr besteht oder wenn irgendwo auf dem Flug eindeutig intelligentes Leben festgestellt wird, darf der Tiefschlaf durch die Kyrobs vor Erreichen des Zieles unterbrochen werden.
Bis jetzt lag das aber noch in weiter Ferne.
"Na, dann paß mal auf, wie ein Kranker schwimmen kann."
Antolin sprang ins Wasser und holte Tamina, die sich durch wegtauchen retten wollte, mit einigen kräftigen Schwimmbewegungen ein.
"Du bist wirklich völlig gesund", lachte sie, als er mit ihr zusammen nach einiger Zeit wieder auftauchte.
Am Rand stand Stani, der seit dem Vorfall mit im Park etwas unwirsch und wortkarg war. Da kam Benbil und sprang mit einem eleganten Sprung vor Chiroga, die eben auf Stani zuging, ins Wasser. Natürlich verfinsterte sich dessen Miene noch mehr, aber sie schien es nicht zu bemerken und nahm ihn einfach beim Arm, um ihn in den Park zu führen. Er ließ es ohne Widerstand geschehen. Chiroga bemühte sich, recht unbefangen zu wirken. Sie bat Stani, ihr mehr über den Tiefschlaf zu erzählen.
"Eigentlich gibt es da gar nichts zu erzählen, du legst dich hin, schläfst ein, und wenn du aufwachst ist es ein paar Jahre später.
In der ersten Phase kommt der Erholungsschlaf, dann der Tiefschlaf und nach dessen Beendigung dann wieder ein ganz normaler Erholungsschlaf, bis du aufwachst. Ich habe mich danach immer frisch und munter gefühlt, alle anderen auch. Angst brauchen wir keine zu haben, es macht sogar Spaß, die Zeit zu verschlafen."
Stani hatte sich in Eifer geredet, er erzählte von seinen Erlebnissen auf früheren Expeditionen und Chiroga hörte still zu. Da kamen Gabriella und Benbil in den Park und Stani stockte. Gerade sagte Benbil so laut, daß es Chiroga hören sollte:
"Ich hoffe nur, daß sie auf Andra auch gemütliche Freizeitzentren haben. Nach anderthalb Millionen Jahren Abstinenz fällt uns bestimmt viel ein, was wir dort machen können".
Er zwinkerte dabei Chiroga zu, die sich sofort umdrehte und Stanis finstere Miene betrachtete.
"Nun, Stani, führst du mich dann auch mal in so ein tolles Freizeitzentrum?" fragte Gabriella verführerisch.
Benbils Kopf sauste zu ihr herum und Chiroga amüsierte sich insgeheim über Stanis verdutztes Gesicht.
Inzwischen näherte sich Omikron der Umlaufbahn des Mars und verringerte die Geschwindigkeit wieder, weil dahinter schon der Planetoidengürtel mit seinen unendlich vielen kleinen und größeren Steinen begann, die sich wie die Planeten um die Sonne drehten. Dort mußte man immer mit Problemen rechnen, denn obwohl er gut abgesichert war und die Fernerkundung für die Bahn der Omikron freie Fahrt bestätigte, blieb er gefährlich. Es verging kein Jahr, wo es nicht mindestens einen Vorfall gab, daß trotz der "Freien Fahrt" von einem Raumschiff starke Gravitationsfelder eingesetzt werden mußten, um irgendwelche Hindernisse und Gefahren aus dem Weg zu räumen.
Früher setzte man Laserstrahlen ein, um die Steine zu zertrümmern. Damit entstanden jedoch noch mehr Probleme, denn der Sand und Staub, der dabei entstand, war völlig unberechenbar. Er bewegte sich nach allen Seiten, nach anderen Bewegungsgesetzen und mußte gesondert beobachtet werden. Damals wurde der Einsatz von Energiestrahlen im Planetoidengürtel denn auch generell verboten und nur kyrobgesteuerte Felder von Gravistrahlen durften noch eingesetzt werden.
Ein großer Teil der jährlichen Störungen geht auf die damalige Zertrümmerung der Planetoiden zurück, weil plötzlich irgendwelche Teilchen von werweißwoher auftauchen.
Auch Omikron mußte vorsichtig durch diese Gefahrenzone hindurchfliegen. Doch bis dahin waren noch 5 Tage Zeit und die Geschwindigkeit wurde ganz langsam auf das absolute Minimaltempo verringert.
Chiroga hatte inzwischen einen neuen Zeitvertreib entdeckt, für den die gesamte Besatzung volles Verständnis aufbrachte, weil es ihnen auf ihrer ersten Fahrt ebenso ergangen ist. Sie konnte stundenlang im Sessel sitzen und um sich ein Panoramabild des Weltalls aufbauen, gefesselt von der faszinierenden Vielfalt dort draußen und benommen von dem Bewußtsein ihrer eigenen Winzigkeit und Vergänglichkeit.
Dazu konnte sie zwar die Videokugel in der Messe benutzen, aber die Halluzinationstechnik gefiel ihr doch noch viel besser.
Das Bild wurde von den Außenkameras aufgenommen und durch die körpereigenen Chips dem Gehirn zugeleitet. Das gab die Bilder so in ihr Bewußtsein, als ob sie selbst an Stelle der Kamera steht.
So hatte sie das Gefühl, körperlos und allein im Weltall zu fliegen, denn die Außenkameras gehorchten sogar ihren Telebefehlen. Wenn sie sich ein Objekt etwas genauer ansehen wollte, dann vergrößerte sie es einfach soweit bis sie das Gefühl hatte, unmittelbar davor zu stehen. Weil die Kameras nicht nur die Lichtstrahlen nutzten, sondern kyrobgesteuert alle ankommenden Strahlen einfingen und sichtbar machten, konnten sie vieles zeigen, das mit bloßem Auge nicht zu sehen war.
Stani bastelte unterdessen an seinen Kyrobs herum. Es sollte eine große Überraschung werden, als er am Steuerkyrob der neunten Außenkamera ein Gerät anbaute und sich danach ruhig in seinem Sessel zurücklegte. Von dort aus betrachtete er liebevoll Chiroga, die fasziniert in eine unsichtbare Ferne blickte, ohne dabei irgendetwas um sich herum wahrzunehmen.
Endlich aber schaltete er seinen Kyrob ein und bemerkte belustigt, wie sich auf ihr Gesicht sofort eine besorgte Spannung legte. Er wußte ja ganz genau, was sie jetzt erlebte.
Sie sah im All einen Menschen frei auf das Raumschiff zuschweben. Er kam so schnell näher, daß sie nur noch einen erstaunten lauten Ruf ausstoßen konnte, eigentlich bloß einen Ton, den sie wohl selbst nicht einmal wahrgenommen hatte.
Aber ein weiterer Schrei blieb ihr im Halse stecken, als der Körper genau vor ihr stoppte und sich ganz langsam herumdrehte. Sie riß die Augen auf und preßte atemlos die Hände ganz fest zusammen. Unendlich langsam wandte ihr der Mensch auch den Kopf zu und Chiroga blickte plötzlich Stani in die Augen.
Sein lachendes Gesicht erschien ihr dabei so sorglos-fröhlich, wie sie ihn bisher nur selten gesehen hatte. Und doch war es genau diese unbekümmerte Heiterkeit, die sie an ihm liebte, die ihr ganz besonders gut gefiel.
Jetzt aber sprang sie auf und blickte verständnislos und verstört auf Stani, der ihr noch immer ruhig im Sessel gegenübersaß und sie lächelnd ansah. Es dauerte auch eine ganze Weile ehe sie richtig begriff, daß sie von einem Kyrobbild genarrt wurde. Da leuchtete auch schon eine Lampe.
"Störung an Außenkamera IX", verkündete der Kyrob im gesamten Raumschiff. Stani entfernte unverzüglich sein Gerät und Benbil lief schnellen Schrittes an seinen Platz, um die Ursache der Störung zu suchen.
Zunächst sahen Chiroga und Stani schweigend zu, aber endlich wurde Benbil von ihnen doch über die wahre Ursache der Störung aufgeklärt. Er knurrte unzufrieden und alle anderen waren sprachlos, nur Gabriellas Augen leuchteten auf und sie sah Stani mit einem solchen Blick an, daß Benbil sofort gereizt die Fäuste ballte. Spöttisch sagte sie zu ihm:
"Auf so eine geniale Idee wärst du ja niemals gekommen, du kannst sie höchstens mal nachmachen."
Wütend und wortlos stürmte Benbil hinaus, um sich erst einmal zu beruhigen. Durch Gabriellas Verhalten fühlte er sich gehemmt und unsicher.
Chiroga umfaßte Stani und führte ihn hinaus:
"Was hast du dir nur dabei gedacht?" fragte sie.
Der Vorfall hatte eine sofort eine heftige Diskussion ausgelöst und Kobrink rief in aller Eile die gesamte Mannschaft in der Messe zusammen, um über Stanis Tat zu entscheiden.
Es war und blieb eine grobe Verletzung der Sicherheit. Zwar hatte Stani die Kamera nicht außer Betrieb gesetzt, das stimmte, aber er hatte sie in ihrer Funktion beeinflußt und damit eine Gefährdung des gesamten Unternehmens Omikron heraufbeschworen.
Am beharrlichsten setzte sich Gabriella für Stani ein. Wahrscheinlich hatte Benbil jetzt gehofft, daß er zurückgeschickt wird, aber nach kurzer Diskussion entschied man sich lediglich für einen Verweis, der für die gesamte Dauer der Expedition bestehen blieb. Sollte er sich zu weiteren unbedachten Streichen hinreißen lassen, wird er in Tiefschlaf versetzt und mit einem Transporter zur Erde zurückgeschickt.
Natürlich bestand auch die Möglichkeit, ihn im Tunnel zu manipulieren, aber das lehnte Gabriella gleich ab. Schließlich hatte Stani auf allen bisherigen Expeditionen sehr viel Disziplin und Zuverlässigkeit bewiesen und seine übermütigen Einfälle waren auch immer mit derart genialen Wegen zur Realisierung verbunden, daß alle an Bord überzeugt waren, keinen besseren Gravitroniker bekommen zu können.
Der Verweis, der im Übrigen sehr an ihm nagte, reichte sicherlich dazu aus, daß er seine übermütigen Einfälle in Zukunft lieber für sich behält.
Immerhin hatte die ganze Angelegenheit auch eine gute Seite: Benbil wurde zusehens immer unsicherer, denn klar und eindeutig stellten sich Gabriella und Chiroga auf Stanis Seite, während er sich dadurch etwas isoliert vorkam. Von Chiroga wurde Benbil ohnehin energisch zurückgewiesen, daran hatte er trotz allen Charmes bisher nichts ändern können. Daß aber auch Gabriella anfing, hinter Stani herzurennen, ging weit über sein Verständnis hinaus.
"Sie läuft ihm ja reineweg nach!".
Richtig wütend wurde er bei diesem Gedanken, denn Gabriella gehörte zu ihm und dieser grüne Jüngling soll sich gefälligst um Chiroga kümmern, die fühlt sich ohnehin ständig von ihm vernachlässigt. Benbil war es nicht entgangen, daß ihr Stani nach dem Verweis wieder aus dem Wege ging, als würde er sich schämen.
Gerade sah er, wie Stani von Gabriella aus dem Schwimmbecken mit Wasser bespritzt wurde und ein Gesicht machte, als ob er nichts versteht. Da fühlte er plötzlich ganz deutlich, daß er sie bald verlieren würde und ein Gefühl zwischen Leere und Angst überkam ihn. Nein, Gabriella wollte und durfte er nicht aufgeben, denn Chiroga war kein Ersatz für sie.
Mit einem Mal wurde ihm auch klar, wie sehr er sie liebte, und daß er um sie kämpfen mußte. In den letzten Tagen auf der Erde waren sie doch beide so glücklich gewesen, kann sie denn das alles so schnell vergessen haben?
Aber Benbil war auch fair und gestand sich ein, daß er ja schließlich selbst den Anlaß zu Gabriellas Verhalten gegeben hatte. Was wollte er denn eigentlich, warum lief er Chiroga nach? Sie gefiel ihm, das stimmt, aber es lohnte sich nicht, wegen ihr ein totales Zerwürfnis mit Gabriella zu riskieren.
Gabi, wie er sie bei sich immer nannte, möchte einen Mann für sich allein haben. Eigentlich war diese Moral doch Selbstverständlichkeit und nur er, Benbil, versuchte sich dagegen aufzulehnen.
Da wurde ihm endgültig bewußt, daß er noch niemals eine Frau so geliebt hat wie Gabi. Er brauchte ihre ungezwungene Heiterkeit, ihre Liebe, ihr fröhliches, ansteckendes Lachen, ihre Wärme. Und ihm war klar, daß er alles tun muß, um sich diese Dinge zu erhalten.
Er mußte ihre Liebe um jeden Preis zurückgewinnen und würde dann niemals wieder Anlaß zum Mißtrauen geben, das nahm er sich ganz fest vor. Gabi vereinte in sich alle die Eigenschaften, die er früher bei anderen Frauen gesucht, aber nur vereinzelt gefunden hatte. Er blickte entschlossen hoch. Stani ging endlich auf Gabriellas Spaß ein und rief laut:
"Na warte!".
Da sprangen zwei Männer ins Wasser und vor Gabi tauchte nicht Stani, sondern Benbil auf. Er ergriff die verdutzte Frau bei den Händen und sagte:
"Komm, wir gehen in den Park".
Stani schaute etwas überrascht hinterher. Er fragte sich später noch oft, ob er dabei nicht auch ein klein wenig Enttäuschung empfunden hat.
Inzwischen näherte sich Omikron dem Planetoidengürtel immer mehr und erreichte schließlich die Umlaufbahn der äußeren Planetoiden. Von der Besatzung war nur Chiroga ein wenig enttäuscht, daß es nichts Aufregendes zu sehen gab, denn sie hatte sich insgeheim auf einen gigantischen Ring aus Staub und Steinen vorbereitet, und jetzt war absolut nichts da.
Auf dem gesamten Weg bisher nahm sie übrigens fast ununterbrochen Glückwünsche von Besatzungen anderer Raumschiffe und Stationen entgegen. Es schien so, als ob jeder, der Omikron irgendwie erreichen konnte, sich persönlich von ihnen verabschieden wollte. Gerade eben hatte sie ein Gespräch mit zwei im Gürtel driftenden FXX-Stationen, da kam Kobrink in den Kommandostand:
"Sind deine Geräte alle in Ordnung? Wir sind jetzt in der vielleicht schwierigsten Phase unseres ganzen Fluges."
"Alles in Ordnung", sagte Chiroga, "auch die Außenstationen melden kein Hindernis in der Bahn".
"Fremdkörper auf Kollisionskurs", gellte es da durchs Raumschiff und in allen Räumen gab es Alarm.
Die Raumfahrer, die während der gesamten Zeit der Durchquerung des Gürtels in Alarmbereitschaft bleiben mußten, waren fast augenblicklich zur Stelle. An der Wand erschienen auch sofort die Bilder, Koordinaten und andere Werte des Fremdkörpers. Es handelte sich um einen kleineren Meteoriten mit einer Masse von etwa einer Tonne. Die Bahnen von Omikron und dem plötzlichen Gegner würden sich in etwa einer halben Stunde kreuzen, wenn keine geeigneten Gegenmaßnahmen eingeleitet werden.
Aber derartige Abwehrmaßnahmen gehörten seit über tausend Jahren zu den ganz normalen Arbeitsaufgaben der Sicherheitskyrobs und die Besatzung wurde nur in Kenntnis gesetzt, weil trotz aller Technik ein kleines Restrisiko niemals ausgeschlossen werden kann.
"Bahnkorrektur des Fremdkörpers zwei Strich rechts, zwei Strich nach unten reicht aus, um ihn mehrere Kilometer hinter und unter die Bahn von Omikron abzuleiten. Konsequenzen keine", meldete eine Kyrobstimme und Benbil bestätigte den Vorschlag.
Gemeint war eine geringfügige Kurskorrektur des Meteoriten, um die Gefahr abzuwenden, ohne ihn aus der Umlaufbahn innerhalb des Planetoidengürtels herauszuschleudern. Die Besatzung beobachtete nur noch, wie ein Gugronenstrahl in Richtung des Steines auf den Weg geschickt wurde. Nach einiger Zeit konnten sie ihn dann sogar auf dem Kugelvideo mit bloßem Auge erkennen. Er flog in weiter Ferne an Omikron vorbei.
Zwei Tage später saß Chiroga wie immer an ihren Geräten und überprüfte sämtliche Koordinaten des bevorstehenden Fluges. Da trat Kobrink an sie heran:
"Die kleine Störung neulich hat dir wohl einen tüchtigen Schreck eingejagt? Mir ist es nicht entgangen, daß du dich danach vor deine Kyrobs gesetzt und gerechnet hast."
"Eigentlich nicht, ich wollte nur mal sehen was passiert wäre, wenn wir anstatt des Meteoriten den Kurs gewechselt hätten", gab sie zur Antwort.
Kobrink lachte:
"Auch dann wären wir duch die Geräte sehr schnell wieder auf den richtigen Kurs zurückgebracht worden. Aber du hast selbst gesehen, wie gefährlich der Gürtel ist, denn dieser kleine Planetoid ist bisher noch nicht bekannt gewesen. Na ja, Omikron hat seine Koordinaten sofort an die nächste Station durchgegeben und nun wird er in die Beobachtung einbezogen, vielleicht wieder korrogiert.
Übrigens wird er immer an uns erinnern, denn er erhält den Namen 'Expedition Omikron', und der wird für alle Zeiten in den Karten stehen."
"Ob es wohl viele solcher bisher noch nicht bekannten Planetoiden gibt?"
Chiroga richtete die Frage mehr an sich als an Kobrink. Und während sie mit den Kommandeur noch weiter über die Möglichkeit von Störungen im Planetoidengürtel beriet, kam Stani in den Raum und wurde bei ihrem Anblick ganz verlegen.
Kobrink sah sie beide fest an und sagte:
"In dreißig Stunden sind wir durch den Gürtel hindurch, dann beginnt der Tiefschlaf. Seht zu, daß Ihr eure Beziehung bis dahin in Ordnung bringt, denn wenn wir aufwachen, haben wir ganz andere Probleme. Da können wir uns mit Liebesdingen nur das Leben schwer machen. Ihr müßt doch endlich einmal wissen, was ihr wollt, schließlich seid ihr als Paar mitgeflogen und könnt jetzt sowieso nichts mehr daran ändern".
Stani blickte auf Chiroga. Wie immer, wenn sie in der Nähe war, wurde er ganz verlegen, konnte aber seine Gefühle und seine Liebe zu ihr doch nicht völlig verbergen.
"Ich wüßte schon, was ich will", sagte er ganz leise, als Kobrink gegangen war.
"Dann zeig es doch endlich einmal und mach es uns nicht immer so schwer", erwiderte sie ebenso leise und ging auf Stani zu, "ich hätte niemals gedacht, daß ein so starker Mann wie du dermaßen empfindlich sein kann".
Noch ehe Stani darauf antworten konnte legte sie ihm beide Arme um den Hals, stellte sich auf die Zehenspitzen und küßte ihn zärtlich auf den Mund.
Am nächsten Tag begann die "Durststrecke", wie es Antolin nannte, die Verpflegung aus der Tube. Für Chiroga war das alles neu, doch wußte sie schon aus genügend Berichten, daß diese Art des Essens bei den Raumfahrern nicht besonders beliebt war.
Der Brei besteht eigentlich nur aus den unbedingt notwendigen Stoffen, Vitaminen und Spurenelementen, ganz ohne Zutaten. Damit kann man zwar überleben, aber eine angenehme Art der Verpflegung ist das nicht. Und wenn man trotzdem nicht auf die Tubenkost verzichten konnte, dann lag das vor allen Dingen an ihrer geringen Masse. In den Havarietornistern der Raumfahrer sind Vorräte vorhanden, die ein Überleben bis zu einem halben Jahr oder länger ermöglichen.
Vor vielen hundert oder auch tausend Jahren, als mit dem Beginn der bemannten Raumfahrt ein neues Zeitalter für die Menschen begann, mußte auch die Verpflegung für einen längeren Flug und eine längere Havarie gesichert sein. Damals begann man die gewohnte Nahrung immer mehr abzuändern, sodaß zum Schluß nur die lebenswichtigen Stoffe darin blieben. Endlich fand man auch die optimale und noch immer gebräuchliche Zusammensetzung, die man zunächst in Tabletten preßte. Aber gerade das führte zu einer Tragödie, die ein erneutes Umdenken in der Frage der Notreserve erforderlich machte.
Vor einigen Jahrhunderten sind bei einem Unfall auf dem Mars drei Raumfahrer ums Leben gekommen. Ihr Fahrzeug zerschellte zwar in einem Abgrund, aber sie konnten sich retten und waren für längere Zeit auf die Tabletten angewiesen.
Es dauerte zu jener Zeit einige Tage, bis man sie vermißte und eine Suchexpedition von der nächsten Marsstation aus startete. Damals waren die Geräte längst noch nicht so perfekt und die Rettungsexpedition kam nur langsam voran. Endlich fanden sie in einem Abgrund das total zerstörte Raumschiff, aber von seinem Team fehlte jede Spur und man forderte noch weitere Verstärkung an.
Nach langer Sucherei fanden sich dann die ausgetrockneten Körper der Besatzung in einer Grotte. Trotz aller Berechnungen, Versuche und Erfahrungen hatte der Wasservorrat nicht gereicht, um das Überleben zu sichern. Seitdem wird eine Mindestwassermenge gleich mit der Nahrung zu einem Brei verrührt und zusammen aus der Tube aufgenommen, natürlich genau dosiert.
Die gleiche Kost gibt es vor jedem Tiefschlaf in den letzten drei Tagen, denn sie sorgt nicht nur für einen leeren Darm, sondern auch für Wohlbefinden, wenn man von dem unangenehmen Essen einmal absieht.
Chiroga war dann aber sehr überrascht, daß das Zeug nicht fade schmeckte, sondern angenehm süß. Natürlich wußte die Chemikerin in ihr sofort, daß das an dem hohen Anteil Traubenzuckerkonzentrat lag und sie aß ihre Portion sogar mit Genuß, ja, amüsierte sich dabei sogar noch über die anderen Raumfahrer, weil sie auf diese Art der Verpflegung immer so schlecht zu sprechen waren. Doch als sie fertig war, verlangte sie vergeblich nach weiteren Portionen, ohne ein einziges Gramm von den strengen Kyrobs nachgereicht zu bekommen. Da konnte sie erst Antolins Ausdruck von der "Durststrecke" so richtig verstehen.
Als sich jedoch nach geraumer Zeit bei ihr ein Gefühl der Sättigung und des Wohlbefindens einstellte, lehnte sie sich behaglich im Sessel zurück und wollte eben das Bild der Außenwelt in sich aufnehmen, als Stani auf sie zukam und die Hand nach ihr ausstreckte. Sie aber rannte ihm lachend und verliebt davon in den Park. Kobrink zwinkerte Hochilli heimlich zu, als er die beiden so ausgelassen herumtollen sah.
Inzwischen verging die Zeit eigentlich viel zu schnell, denn gar zu gern wären einige noch ein paar Tage länger wach geblieben. Aber man hatte ja mit Absicht den Tiefschlaf so zeitig wie möglich geplant, um die Kräfte für die Erlebnisse auf ihrem fernen Zielplaneten Andra zu schonen.
Vor dem Schlafen rief Gabriella die gesamte Besatzung noch einmal in die "Medizin", wie die Arzträume auf Raumschiffen genannt wurden, und ließ sie vom Diagnostikana genau durchchecken.
Der Diagnostikana, ein Kyrob, war das bekannteste medizinische Gerät und wurde sowohl für schnelle und gründliche Diagnosen, als auch für kyrobgesteuerte Therapien eingesetzt.
In den letzten drei Tagen vor dem Tiefschlaf waren insgesamt sechs derartige Tests als Pflichtveranstaltung für jeden Teilnehmer vorgeschrieben. Auch Gabriella konnte sich davon nicht befreien, denn die Kyrobs waren unbestechlich und sie hätte ohne die Untersuchung niemals ihren Tiefschlaf bekommen.
Inzwischen lag der Planetoidengürtel mit seinen Gefahren bereits hinter ihnen, die Geschwindigkeit wurde wieder gesteigert, und die Besatzung hatte für diese Zeit der Vorbereitung, die man übrigens scherzhaft "Zombizeit" nannte, keine rechte Aufgabe mehr. Darum trafen sie sich zumeist in der Messe, um sich gemeinsam Filme anzusehen, Musik zu hören, oder zu lesen. Mit einem Wort, es machte sich, wie immer in der Zombizeit, eine bedenkliche Langeweile breit, die nur durch den Gedanken an den kurz bevorstehenden Tiefschlaf noch so einigermaßen zu ertragen war.
Chiroga sprach sehr oft mit ihren Eltern und ihrer Schwester, doch die Gespräche wurden durch die Entfernung immer schwieriger. An der Stimme der Mutter hörte sie, daß diese dabei weinte. Mehrmals hatte sie auch eine recht gute Videoverbindung, und da sprach sie ihrer Mutter immer Mut zu.
"Ich bin ja nicht gestorben, ich bin nur nicht mehr auf der Erde und werde euch alle immer in lieber Erinnerung behalten", sagte sie.
Stani unterhielt sich indeß mit seinen Geschwistern, die der Omikron in einem Refo entgegengeflogen kamen. Seine Schwester, die auf dem Uranus eine Touristenstation leitete, hatte diese Idee. Sie mietete einfach das Refo und holte den Bruder auf dem Jupitermond ab. Gemeinsam flogen sie dann beide der Omikron entgegen und die letzten beiden Tage vor dem Tiefschlaf blieben sie auf Sichtkontakt dicht neben Omikron.
Gern wäre Stani natürlich zu ihnen hinübergeflogen, jedoch waren dafür die Sicherheitsregeln zu streng. Eine solche Maßnahme während der Zombizeit beschwört unverantwortliche Gefahren herauf. So mußte man sich leider auf Holobesuche beschränken.
Dazu sind an den Wänden der Räume ringförmig 3-D-Kyrobsysteme angebracht worden. Sie nehmen das gewünschte Bild auf und holographieren es beim Empfänger originalgetreu in den Raum. Auf diese Weise konnte sich ein Besucher z.B. in einen Sessel holographieren lassen. Da dasselbe auch die Gegenseite tat, saß man sich gegenüber und konnte sich unterhalten. Im allgemeinen wurden solche Holobesuche bei Konferenzen und in der Raumfahrt angewandt. Sie waren nicht so unpersönlich wie die gewohnten "Bildschirmgesichter".
Stani war jedenfalls froh, sich wenigstens auf diese Weise von seinen Geschwistern verabschieden zu können. Er hatte sie nicht allzuoft gesehen und empfand bei ihrem Anblick fast die gleiche heilige Scheu wie beim Gedanken an seine Eltern.
Natürlich lernten sein Bruder und seine Schwester dabei auch gleich Chiroga kennen. Sie hatte sich ein kurzes weißes Kleid angezogen und trug um den Hals ein Seidentuch. Die schönen langen Haare waren zu einem "Pferdeschwanz" zusammengesteckt und mit einem dezenten Make Up sah sie wie eine Märchenfee aus. Auch ihr unbekümmertes, fröhliches Wesen hinterließ bei den Geschwistern den denkbar besten Eindruck.
"Sei froh, daß ich nicht rüber darf, sonst würde ich sie gleich mitnehmen. Von solch einer Frau träume ich schon mein ganzes Leben", sagte der Bruder.
"Was macht denn deine Joshi?", fragte Stani.
"Na ja, wir sind beide noch auf demselben Jupitermond, sonst hätten wir uns bestimmt schon längst getrennt. Ich weiß auch nicht, an wem es eigentlich liegt. Es ist halt nicht die große Liebe", war die Antwort.
Während sich die letzten Stunden für den großen Teil der Besatzung in langweiliger Routinetätigkeit dahinzogen, vergingen sie für Chiroga und Stani viel zu schnell. Es schien, als ob sie in den letzten Augenblicken all das nachholen wollten, was sie auf der Erde versäumt hatten. Sie waren unzertrennlich und nichts konnte ihr Glück stören.
Natürlich machte die Omikron bei den Untersuchungen vor dem Tiefschlaf keine Ausnahme, denn wie immer hatte der Diagnostikana bei jedem noch etwas auszusetzen. Der eine mußte seinen Darm viel weiter entleeren, der andere hatte zu wenig getrunken, oder jemand mußte noch irgendein belangloses Wehwehchen behandeln lassen, auf alle Fälle gab es erwartungsgemäß Ärger.
Aber endlich war der Diagnostikana mit den Befunden zufrieden und hatte gegen den Tiefschlaf nichts mehr einzuwenden.
Herzlich und auch ein wenig betrübt verabschiedeten sich Stanis Geschwister, als das Signal: "Vorbereitung zum Tiefschlaf" gegeben wurde. Noch sehr lange blickte Stani dem kleinen Refo nach und Chiroga entdeckte dabei in seinen Augen sogar ein feuchtes Schimmern.
Während des Rückfluges zum Jupiter mußte das Raumtaxi mit dem Geschwisterpaar einem größeren Kometen ausweichen, der die Flugbahn kreuzte. Doch dies bereitete natürlich für das gut ausgerüstete Schiff keinerlei Mühe.
Auf der Omikron nahmen die Raumfahrer für lange Zeit die letzte Tubenmahlzeit ein und stellten sich noch einmal in den Diagnostikana.
Diese sonst nicht übliche Untersuchung hatte man angesichts der unvorstellbaren Länge des Tiefschlafes und auch der total unvorhersehbaren Bedingungen auf dem Weg angeordnet, damit im Falle eines Havarieweckens wenigstens bei jedem Einzelnen sofort die volle Leistungsfähigkeit garantiert werden kann.
Inzwischen war auch Antolin dank Taminas guter, liebevoller Pflege wieder völlig gesund und die "Medizin" hatte bei keinem der Besatzungsmitglieder mehr Bedenken gegen den Tiefschlaf.
Selbstverständlich ging Ulzine noch einmal durch das gesamte Schiff und fand auch überall noch etwas auszusetzen und zu verändern, aber dann war es soweit.
Die Raumfahrer trugen den leichten Skaphander mit einem speziellen Kopfschutz, als sie in die Kabinen stiegen. Auch das war Vorschrift, um bei einer Havarie sofort voll einsatzbereit zu sein und arbeiten zu können. Der leichte Skaphander sicherte ein Überleben im freien Raum für vierundzwanzig Stunden und beim Tiefschlaf stellte er keine Behinderung dar.
Gabriella als Ärztin überwachte das Einsteigen und Hinlegen in die Kabinen, während Stani und Benbil sich noch ein letztes Mal vom Funktionieren aller Systeme und Anlagen des gesamten Raumschiffes überzeugten.
Als sich Chiroga hinlegte, kam Stani gerade von der letzten Inspektion zurück. Er nahm zärtlich ihre Hand, drückte sie an seine Lippen und flüsterte ihr zu:
"Also, bis bald in anderthalb Millionen Jahren. Träume von mir und vergiß mich nicht in diesen paar Stunden."
Dann wurde er von Gabriella sanft aber erbarmungslos in seine Kabine gedrängt. Während sie sich schloß, lächelte Gabriella Chiroga zu und hielt den Daumen der rechten Hand in die Höhe.
Chiroga lächelte zurück und zwinkerte ihr zu, aber sie wurde dabei mit einem Mal sehr müde und schlief fast augenblicklich ein.
In dem unendlichen fast leeren Raum zwischen zwei benachbarten Galaxien jagten sechs winzige Objekte mit Lichtgeschwindigkeit einem entfernten Ziel zu.
Zehn Menschen lagen in den Kabinen und während sie traumlos schliefen legten sie Entfernungen zurück, die bisher nur dem Licht vorbehalten waren.
Auf der Erde traf ab und zu ein von einem Kyrob abgegebener Funkspruch ein der es den Menschen erlaubte, die Position zu bestimmen, den Kurs zu verfolgen, die Geschwindigkeit zu berechnen, und der wohl auch über Gefahren und Zustände dort draußen Auskunft gab.
Doch die Gedanken und Wünsche aller Menschen der Erde waren mit ihnen, die zum ersten Mal in der Geschichte der Raumfahrt ein Ziel ansteuern, das einem Stern in einer anderen Galaxis gilt, der von menschenähnlichen Wesen bewohnt wird.
Glückliche Reise und viel Erfolg den Helden der Expedition Omikron.
Anhang
Erklärung der wissenschaflichen und der Fictions-Begriffe
w = erklärt einen wissenschaftlichen Begriff
@ = erklärt einen Fictions-Begriff
1.) Allgemeinverständliche Erklärung der wissenschaftlichen Probleme:
Ernsthafte Leser mögen mir meinen unwissenschaflichen Stil verzeihen. Aber ich habe ja eine Science-Fiction-Story und kein Lehrbuch für Wissenschaftler geschrieben. Da muß ich auch kein sowieso unverständliches Fachchinesich anwenden nur damit andere denken, ich bin besonders klug.
w1 ) Kelvin, absolute Ruhe
Wir wissen von der Temperatur, daß es heißer und kälter werden kann. Wir messen sie in Grad Celsius.
Aber was geschieht denn nun wirklich?
Über Atome und Moleküle wissen wir ebenfals Bescheid. Es sind die kleinsten Teilchen der Stoffe. Sie lassen sich zwar noch weiter zerlegen, nur sind es dann nicht mehr die ganz bestimmten Stoffe, die wir untersuchen, z.B. ein Salz, oder Eisen.
Aber diese Atome oder Moleküle stehen nicht still, sie bewegen sich, je nach dem Aggregatszustand frei, oder sie schwingen an einem festen Platz hin und her, übrigens mit konstanter Frequenz.
Wenn es kalt ist, schwingen sie nicht so weit, wenn es wärmer wird, dann wird die Amplitude größer, d.h. sie schwingen weiter. Wie bei einer Gartenschaukel, die Zeit für eine Schwingung ist immer gleich, ob ich nun mit dem Bein nur so pendele oder ob ich bis ganz hoch hinaus schwinge.
Überlegen wir noch einmal.
Wenn bei Kälte die Bewegung immer kleiner wird, muß sie dann nicht irgendwann einmal ganz aufhören?
Tatsächlich ist das auch der Fall. Am absoluten Nullpunkt bewegen sich die Atome und Moleküle nicht mehr, dort ist alles erstarrt.
Aber es gelten noch die Atomgesetze, d.h. nach wie vor bewegen sich die Elektronen um den Kern und beim Erwärmen erhalte ich genau den gleichen Stoff, den ich abgekühlt habe, also Wasser bleibt Wasser und Eisen bleibt immer Eisen.(w3).
Nun hat ein kluger Mann namens Kelvin vorgeschlagen, doch die Temperaturskala am absoluten Nullpunkt beginnen zu lassen. Er kam dazu auch gleich mit einer brauchbaren Idee: man kann doch die Celsiusskala benutzen.
Der absolute Nullpunkt liegt wenige Zehntel unter -273 Grad Celsius. Wenn man diesen Punkt als Null nimmt, gibt es nur positive Temperaturen. Der Schmelzpunkt des Eises ist dann nicht Null Grad Celsius, sondern 273 Kelvin, der Siedepunkt des Wassers liegt bei 373 Kelvin. Die Bezeichnung Grad entfällt.
Wenn sich das einmal durchsetzt so liegt der Vorteil wohl vor allem darin, daß weltweit endlich einheitlich gemessen wird. Bis jetzt messen viele Nationen noch in anderen Maßeinheiten, in Farenheit, Reaumir usw. Das ist nicht unbedingt von Nutzen.
w2) Holo
Mit Hilfe spezieller Anordnungen kann mit Laserlicht ein Bild in 3D-Technik erzeugt werden. Dabei wird ein Lichtstrahl geteilt und auf der Bildplatte wieder punktgenau zusammengesetzt, nur dass ein Teil von links, der andere von rechts mit Laserstrahlen eingebrannt wird. Diese Technik heißt Holographie. Sie haben ganz bestimmt schon solche Bilder gesehen.
Gemeint sind aber nicht die bunten, metallisch aussehenden Laserbilder, die auf Trödelmärkten angeboten werden! Wenn man vor einer Holographie steht hat oft man den Eindruck, mitten im Bild zu stehen.
In unserer Geschichte ist der Begriff Holo für alle 3D-Bilder verwendet worden, ohne speziell auf die Technik dazu einzugehen. Ich habe einfach angenommen, daß sich dieser Begriff genauso hält wie z.B. Zollstock, der ja bekanntlich nichts mehr mit Zoll zu tun hat.
w3) schwarzes Loch
Wenn wir nachts zum Himmel blicken, sehen wir jede Menge Sterne. Wir wissen, daß das alles ferne Sonnen sind. Aber eine Sonne ist heiß und strahlt in jedem Augenblick mehr Energie ab, als wir uns überhaupt vorstellen können. Muß da diese Energie nicht irgendwann einmal zu Ende gehen? Wie lange leuchtet eigentlich ein Fixstern?
Natürlich nimmt auch die Energie eines Fixsternes ständig ab. Wenn er entsteht, leuchtet er sehr hell und fast bläulichweiß (etwa der Sirius) und dann wird er immer dunkler. Auch unsere Sonne ist schon rotgelb geworden, aber sie leuchtet noch sehr lange.
Nun gibt es natürlich Sterne, die keine Energie mehr haben, die also ausgebrannt sind.
Wenn ein Fixstern aber erkaltet, d.h. ausgebrannt ist, verändert er in verschiedenen Phasen seine Form und Gestalt.
Am Ende gelten für seine Materie nicht einmal mehr die Atomgesetze und die Bewegung der Elektronen um den Atomkern hört auf.
Ein Atom kann man sich wie ein Planetensystem vorstellen. In der Mitte, wo die Sonne steht, sitzt hier der Atomkern. In unendlich weitem Abstand befinden sich winzige Planeten, die Elektronen. Dazwischen ist nichts. Aber das nächste Atom ist außerhalb des Bewegungsgebietes der Elektronen. So gesehen besteht ein Körper fast nur aus leerem Raum, der ab und zu durch einen Atomkern oder ein winziges Elektron belebt wird.
Beim Untergang eines Sternes fallen nun diese leeren Räume in sich zusammen und die Kerne sowie die Elektronen werden dicht an dicht gepackt, wie Bälle in einem Vorratsbehälter.
Die ehemals riesige Sonne hat danach oftmals nur noch einen Durchmesser von wenigen Metern, aber darin ist die gesamte Masse dieser Sonne enthalten. Außerdem leuchtet sie natürlich nicht mehr.
Diese riesige Masse auf engstem Raum hat natürlich eine enorme Gravitation zur Folge. Was in ihren Bann gerät, ist hoffnungslos verloren, nichts kann dieser Kraft widerstehen
oder trotzen. Selbst das Licht wird eingefangen.
Eine solche Erscheinung trägt die Bezeichnung schwarzes Loch.
Bisher war die Existenz von schwarzen Löchern noch immer umstritten, aber die Wissenschaftler haben ausgerechnet im Andromedanebel, in der Guatorena, jetzt zweifelsfrei ein riesiges schwarzes Loch entdeckt.
w4 ) Gravitationskonstante
Jede Materie hat Gravitationskräfte, die von ihrer Masse abhängig sind. Ob es ein Kilo Gas oder ein Kilo Blei ist, die Gravitation ist zwar winzig klein, aber doch genau dieselbe.
Damit läßt sie sich nach der Masse bestimmen.
Man kann also sagen, ein Kilogramm einer beliebigen Masse sendet eine bestimmte Gravitationskraft aus bzw. im Raum herrscht um eine Masse ein Gravitationsfeld. Das läßt sich mit der Gravitationskonstanten berechnen.
Diese Konstante gilt sogar noch für das schwarze Loch, aber die Masse unvorstellbar groß und damit ist die Gravitation stärker als alles andere.
Um das richtig zu begreifen, müßten wir die allgemeine Relativitätstheorie studieren. Aber die hat noch nicht einmal Einstein zu Ende geführt und seither wird zwar viel darüber gesprochen, doch so richtig begriffen haben die Menschen nicht, was er eigentlich wollte.
Man sagt geheimnisvoll: Bei Anwesenheit von Massen ändert sich die geometrische Struktur des vierdimensionalen Raum-Zeit-Kontinuums.
Jetzt wissen wir Bescheid.
w5 ) Relativitätstheorie
Keine andere Theorie hat soviel Unverständnis und Spekulation hervorgerufen wie die Relativitätstheorie Einsteins.
Es interessiert hier nur die spezielle Relativitätstheorie. An dieser haben sich schon viele gelehrte Männer versucht, denn sie ist leichter zu verstehen und nicht so kompliziert wie die allgemeine Relativitätstheorie.
Was hat denn Einstein nun wirklich erkannt?
Er hat mehrere seltsame Dinge nachgewiesen:
1. Die Lichtgeschwindigkeit ist absolut.
Das heißt, wenn ich mit Lichtgeschwindigkeit fliege, kann ich nach vorn keine größere Geschwindigkeit erreichen, selbst das Licht kann von meinem Raumschiff aus nicht nach vorn abgestrahlt werden.
Wenn die Omikron also genau mit Lichtgeschwindigkeit fliegt, hat sie keine Möglichkeit, ein Signal an die Refos abzugeben. Die Signale der Refos, die nach hinten gesendet werden, kann sie dagegen ausgezeichnet empfangen.
Theoretisch müßte das Licht jetzt mit Lichtgeschwindigkeit nach hinten abgegeben werden, also für einen Beobachter auf der Erde still stehen. Seltsamerweise geschieht das aber nicht, denn das Licht bewegt sich mit Lichtgeschwindigkeit nach hinten, wenn wir es von der Erde aus sehen. Das haben sehr viele wissenschaftliche Versuche immer wieder bewiesen.
Kein gelehrter Herr hat sich aber bisher dazu geäußert, ob die Differenz der Geschwindigkeiten zwischen einem mit absoluter Lichtgeschwindigkeit fliegenden Raumschiff und nach hinten abgestrahltem Licht jetzt die doppelte Lichtgeschwindigkeit ist.
2. Die Zeit ist von der Geschwindigkeit abhängig.
Wenn ich auf der Erde stehe und einem Raumschiff nachschaue, das mit Lichtgeschwindigkeit fliegt, vergeht für mich die Zeit auf der Erde schneller als für die Besatzung im Raumschiff.
Für die wissenschaftlich Interessierten unter Ihnen:
Für das Raumschiff wird die Zeit mit einem Faktor multipliziert, der die
Wurzel aus 1 - v/c
darstellt. (In Fachbüchern unter Lorentz-Transformation nachzulesen).
Dabei ist v die Geschwindigkeit des Raumschiffes und c die absolute Lichtgeschwindigkeit.
Wenn das Raumschiff also mit dieser Lichtgeschwindigkeit fliegt, kann man das (unter Freunden) auch als
Wurzel aus 1 - c/c
ansehen.
Natürlich werden Sie sofort erkennen, daß die Wurzel aus 1 - 1 gleich Null ist.
Ein Produkt wird aber Null, wenn ein Faktor Null ist. Das heißt, daß für das Raumschiff mit Lichtgeschwindigkeit die Zeit = Null vergeht.
Die Fachleute sagen dazu "Zeitdilatation".
Sie wirkt natürlich nur bei Geschwindigkeiten, die nahe an die Lichtgeschwindigkeit herankommen. Wie sie genau aussieht werden wir wohl erst so richtig erfahren, wenn ein Raumschiff mal mit Lichtgeschwindigkeit geflogen und wieder auf der Erde gelandet ist. Ich glaube nicht, daß wir das noch erleben.
Auf der Erde gilt natürlich die gleiche Formel, aber die Differenz zur Lichtgeschwindigkeit ist immer so riesig, daß selbst große Schwankungen der Umlaufgeschwindigkeit der Erde um die Sonne nicht ins Gewicht fallen.
Deshalb können wir hier unten die Zeit ruhig als konstant ansehen.
3. Die Lichtgeschwindigkeit kann nicht überschritten werden.
Auch die Masse ist von der Geschwindigkeit abhängig. Sie wird durch den unter 2. genannten Term
Wurzel 1 - v/c
geteilt, und der wird ja bei Lichtgeschwindigkeit Null.
Nun wissen wir, daß eine Division durch Null verboten ist.
Aber mal langsam, was geschieht dabei wirklich?
Wenn ich eine Tafel Schokolade unter Freunden verteilen will, so muß ich sie in soviel Teile zerlegen, wie Freunde da sind.
Bei zwei Personen erhält jeder die Hälfte, bei zwanzig Personen ein Zwanzigstel, bei hundert Personen ein Hundertstel.
Wir erkennen, je kleiner die Stückchen werden, je mehr Personen bekommen etwas ab.
Mathematisch als Bruchgleichung ausgedrückt heißt das so:
Je kleiner der Nenner wird, um so größer wird das Ergebnis bzw. der Wert des Bruches. Das können Sie selbst nachprüfen.
Eigentlich kann ich doch beliebig viele Stücke aus der Tafel herausholen, sie werden nur immer kleiner.
Ebenso kann ich bei einer Bruchgleichung den Nenner immer kleiner machen, das Ergebnis wird immer größer. Aber irgendwann ist doch Schluß, dann wird der Nenner so klein, daß er Null wird.
Nun kann ich keine Nullstückchen von meiner Tafel abbrechen und verteilen, deshalb ist die Division durch Null ja verboten. Aber wir könnten uns überlegen, daß wir mit Nullstückchen unendlich vielen Freunden Schokolade anbieten können.
Die Wissenschaftler müssen aber mit sowas manchmal rechnen, wie hier bei der Berechnung der Masse nach der Relativitätstheorie.
Dabei sagen sie es (unter Freunden) so:
Wenn der Nenner unendlich klein wird, also "gegen Null geht", geht das Ergebnis "gegen Unendlich", wird damit also unendlich groß.
Wir haben erkannt, daß eine Division durch Null, wie wir sie ja hier bei Lichtgeschwindigkeit brauchen, einen unendlich großen, nicht mehr vorstellbaren Wert der Gleichung ergibt.
Als Ergebnis wollten wir ja eigentlich die Masse des Raumschiffes bei der Lichtgeschwindigkeit errechnen. Und diese Masse wird eben unendlich groß.
Eine unendlich große Masse kann aber nicht mehr beschleunigt werden, weil auch die Energie dazu unendlich groß sein müßte. Also, so sagen die Fachleute, ist die Lichtgeschwindigkeit die absolute Grenze, die je erreicht werden kann.
Ob das aber nur von der Erde aus oder auch im Raumschiff stimmt, ob die Menschen dann ihre unendlich große Masse nicht mehr bewältigen können, wird wohl auch erst die Zukunft zeigen.
Die weisen Männer jedenfalls sagen dazu lieber erst einmal kein Wort.
Wir haben immerhin erkannt, daß das, was für uns so selbstverständlich ist, eigentlich nur auf der Erde gilt. Wenn wir uns mit der Raumfahrt beschäftigen, müssen wir unbedingt die Geschwindigkeit der Raumschiffe mit berücksichtigen.
Ich habe solche Dinge in meiner Geschichte zwar erwähnt, aber nicht weiter ausgeschlachtet. Das wären wissenschaftliche Vorträge geworden, die in einer spannenden Story nichts zu suchen haben.
Deshalb hier die Fortsetzung von S.219
Aber da hat jede noch so kleine Änderung der Geschwindigkeit enorme Ausmaße auf die Zeit. Bisher ist es bei sämtlichen interstellaren Flügen noch nicht gelungen, die genaue relative Zeit dafür auch nur annähernd zu berechnen.
Um es genauer zu sagen, es ist nicht gelungen, die exakt berechenete Geschwindigkeit in diesen obersten Bereichen einzuhalten.
Die Theorien über den außergalaktischen Raum waren noch viel zu unsicher, als daß man Voraussagen treffen kann. Niemand weiß, ob die Expedition auch wirklich mit Lichtgeschwindigkeit fliegen kann oder ob es Schwierigkeiten gibt, durch die ein langsameres Tempo notwendig ist. Schließlich ist ja Quetzalkoatl auch nicht mit Lichtgeschwindigkeit geflogen.
Energie - Masse - Zusammenhang
Die bekannteste Formel aus der Relativitätstheorie ist die Beziehung
E = m x c
Diese Formel ist so einfach, daß sie sogar von vielen wissenschaftlichen Clubs und Gesellschaften begriffen wird. Deshalb steht sie auch so oft im Logo oder auf den Fahnen solcher Vereine.
Was bedeutet sie nun aber wirklich?
Energie ist Masse mal Quadrat der Lichtgeschwindigkeit oder, (unter Freunden) Energie und Masse sind dasselbe!
Der Faktor c ist immer gleich groß, also konstant. Er sagt uns nur, wieviel Energie man aus der Masse nun wirklich herausholen kann.
Die weisen Leute nennen so eine Konstante geheimnisvoll Proportionalitätsfaktor. Das klingt schön unverständlich und gelehrt.
Haben wir das eigentlich richtig mitbekommen, Energie ist gleich Masse?
Ja, die Formel stimmt. Wenn wir da mal nachrechnen, wieviel Energie in einem einzigen Gramm Masse steckt, werden wir ehrfurchtsvoll verstummen.
Die Lichtgeschwindigkeit mit 300.000 km/s oder 300 Mio m/s zum Quadrat ergibt ca.90 Brd. m/s, das multipliziert mit einem Gramm ergibt etwa 90 Billionen KW. Wer mag, kann selbst nachrechnen.
Damit kann man eine Millionenstadt für viele Jahre mit Strom versorgen. Und das alles aus einem einzigen Gramm Masse!
Jetzt kann ich mir Ihr Gesicht ganz gut vorstellen, wie Sie überlegen, warum die Energie nicht einfach aus Masse gewonnen wird. Alle Diskussionen über Kohle- und Kern- Kraftwerke, alle damit zusammenhängenden Probleme wären mit einem Schlag gelöst. Und die Kraftwerke, die mit Teilen von einem Gramm rechnen, arbeiten außerdem noch sehr, sehr kostengünstig.
Ja, da wissen die schlauen Köpfe nun aber auch nicht weiter. Sie sprechen betreten von "ruhender Energie" oder erfinden noch andere Ausdrücke.
Doch bei aller Redegewandtheit wollen sie uns leise andeuten, daß sie mit dieser Energie auch nichts anfangen können, daß man noch immer auf ein pfiffiges Kerlchen wartet, das einen Weg findet, um diese Energie nutzen zu können.
In meiner Geschichte bin ich davon ausgegangen, daß die allerkleinsten Teilchen der Materie, hier heißen sie Gugronen, entweder als Materie oder in Form von Energie (Kosmotronen) auftreten können. Irgendwo muß diese Wechselwirkung doch schließlich zutage treten. Und weil man Energie nur an ihren Wirkungen erkennen kann, gibt es die Kosmotronen nur im Inneren der Materie, wo sie dann ihre Wirkungen ausüben können.
w6 ) 40 Milliarden Jahre alter Meteorsplitter
Das ist völlig unmöglich, da das Alter des Weltalls von der Wissenschaft mit 15 Milliarden Jahren angegeben wird.
Trotzdem habe ich diesen Meteor in meiner Geschichte auftauchen lassen. Es ist eben eine Science-Fiction-Story und die Auflösung des Geheimnisses um diesen Meteoriten wird erst im zweiten Teil verraten.
2.) Erklärung der im Buch verwendeten Fictionsbegriffe:
@1 Seite 9:
AM= Atome und Moleküle
Stanis Gespräch mit den thüringer Waldarbeitern über die Gugronentheorie: (Seite 200)
"Gugronen sind die absolut kleinsten Teilchen der Materie. Noch immer sprechen wir dabei von "verdichteter Energie", einem etwas irreführenden Begriff aus vergangenen Tagen. Die wichtigste Erscheinung, die Materie und Energie (w5) verbindet, ist die Bewegung oder der Tapp.
Wenn die Gugronen auf Materie treffen, hört diese Bewegung auf. Dabei entspannen sie sich und sind keine Materie mehr, sondern reine Energie. Sie heißen Kosmotronen und regen die AM an, sich zu bewegen.
Wir sagen dann, daß Energie zugeführt wurde.
Jedes Kosmotron besteht aus einer genau bekannten Urenergie. Je mehr Kosmotronen vorhanden sind, um so mehr Energie steht zur Verfügung. Wenn es diese an die umgebende Materie abgegeben hat und die AM in Bewegung versetzt wurden, besitzt der Körper Energie.
Das Kosmotron bleibt im Inneren des Körpers erhalten und regt die AM ständig erneut zur Bewegung an. Weil es keine Materie ist, besitzt es auch keine Masse und stört die AM nicht. Wenn der Körper seine Energie dann wieder abgibt, werden die Kosmotronen wieder freigegeben.
Ob das nun als Wärme, Elektrizität, Licht bzw. in anderen Formen der Energie geschieht, können wir sehr leicht bestimmen.
Treten die Kosmotronen aber aus dem Körper wieder aus, bekommen sie unter natürlichen Umständen sofort eine Drehbewegung oder, wie wir sagen, einen Tapp. Damit haben sie Eigenschaften der Materie und heißen Gugronen. Der Tapp verläuft übrigens bei ungestörter Entwicklung gesetzmäßig immer rechtsdrehend.
Aber auch ohne Anregung gibt jeder Körper ununterbrochen einen genau bekannten winzigen Teil seiner Masse als Kosmotronen ab. Das hat zur Folge, daß andere Materie zum Ausgleich dieser Verluste angezogen wird. Wir bezeichnen das als Gravitation. Und je größer die Masse, desto größer die Gravitation. Sie ist es auch, die uns auf der Erde festhält, denn ohne die Erdanziehungskraft würden wir wegfliegen. [siehe auch (w4)]
Lange Zeit dachte man über das Problem des Energietransportes nach. Da entwickelte ein Forscherteam vor einigen hundert Jahren einen Gugronenlaser, mit dessen Hilfe gebündelte Gugronenstrahlen über weite Entfernungen gestrahlt werden können, sogar über den Spiegel eines Satelliten ist das möglich."
"Wie kann ich mir denn nun aber Kosmotronen eigentlich real vorstellen?" wollte Karl wissen.
"Dazu gehört sehr viel Phantasie, weil in unserer gewohnten Welt nichts Vergleichbares existiert. Kosmotronen sind, einfach gesagt, entspannte Gugronen, sie sich in Urenergie umgewandelt haben. Damit sind sie keine Materie mehr und haben keine Masse. Sie könnten sich sogar gegenseitig durchdringen, wenn es da nicht das erste Gugronengesetz gäbe.
Nach diesem dürfen niemals zwei Kosmotronen an der gleichen Stelle zur gleichen Zeit sein. Kosmotronen stoßen sich also ab, wenn sie sich zu nahe kommen.
Aber nach dem zweiten Gugronengesetz gibt es bestimmte günstige Entfernungen, die die Kosmotronen einzunehmen bestrebt sind. Ein weiter entferntes Kosmotron wird damit angezogen, bis es diese Entfernung hat. Doch die ständige Torkelbewegung läßt gar kein festes Gefüge zu. So ist es bei ungestörter Entwicklung der Kosmotronen.
Nach dem dritten Gugronengesetz.."
"Und was ist dann Antimaterie?" Karl war nun doch von dem Thema gefesselt.
"Auch das ist ganz einfach zu erklären. Wir müssen uns die Kosmotronen ähnlich wie einen Magneten mit zwei Polen vorstellen, aber die Pole aller Kosmotronen zeigen stets in die gleiche Richtung. Wir sagen, sie sind polarisiert und nennen das den "Spon". Diese Polarisierung erscheint gesetzmäßig immer nach oben, vo der Gravitation der Erde weg, weil sich vorher auch schon die Gugronen in ihrem Tapp gegenseitig beeinflußt und angeglichen hatten.
Wenn so ein Kosmotron nun in seiner Polarisierung gestört wird, beispielsweise durch ein starkes Strahlungsfeld, kann es die Geschwindigkeit der Bewegungen von Atomen und Molekülen nicht mehr wie gewohnt anregen.
Nicht verwechseln darf man diese Antikosmotronen mit den Betakosmotronen.
Durch gezielten Einsatz von speziellen Feldern läßt sich der Spon aller Kosmotronen ändern und sogar genau bestimmen. Interessant ist in diesem Falle nur die genau entgegengesetzte Polrichtung, also nach unten. Wenn diese Kosmotronen die Materie verlassen, bekommen sie ebenfalls einen Tapp, aber negativ.
Aus den Kosmotronen bilden sich dabei Gugronen als Materieteilchen mit entgegengesetzten Eigenschaften. Äußerlich sind sie schon von normalen Gugronen durch den negativen Tapp zu unterscheiden. Aber wenn sie mit normaler Materie zusammentreffen, bilden sich wieder Kosmotronen mit entgegengesetzter Polarisierung, die im Inneren der Materie die AM zu entgegengesetzter Bewegung, also negativer Energieaufnahme, anregen wollen.
Diese kollidiert aber mit der bereits in der Materie vorhandenen normalen Energie, die zu positiver Bewegung anregt. Dabei lösen sich beide Materieteilchen zuerst in Gugronen mit unterschiedlichem Tapp, dann in reine Energie auf.
Bei diesem Vorgang entstehen explosionsartig freie Kosmotronen, also enorme Energiemengen. Und es entsteht doppelt soviel Energie, wie Antimaterie vorhanden ist, nach der bekannten Einstein-Formel Energie = Masse mal Quadrat der Lichtgeschwindigkeit (w5), weil sich sowohl die Materie, als auch die Antimaterie in Energie auflöst. Zum Glück können wir den Vorgang leicht steuern und beherrschen.
Dieses Phänomen wird zur Freisetzung sehr großer Energiemengen angewendet. Gefährlich wird diese Erscheinung vor allem den Raumfahrern, wenn sie im All auf solche Antimaterie stoßen sollten."
"Und was ist ein Tapp?"
"So wird die Drehung der Gugronen bezeichnet. Auch diese ist ausgerichtet. Wenn Gugronen mit negativem Tapp auf Kosmotronen anstatt auf Materie, gestrahlt werden, entstehen unpolarisierte Betakosmotronen.
Treffen Beta-Kosmotronen auf Materie, so stoppen sie die Bewegung der AM. Damit können wir der Materie also Energie entziehen. Die bekannteste Anwendung hierfür ist die Abkühlung der menschlichen Körper beim Tiefschlaf."
"Und wie funktioniert ein Gugronengerät?" Olly wollte das wissen.
In einem Gugronengerät werden Gugronen erzeugt. Das kann aus jeder beliebigen Materie geschehen, meist wird dabei Sand oder Wasser eingesetzt.
Wenn radioaktive Strahlen mit einer bestimmten äußerst kurzwelligen Strahlung, die noch weit kürzer als das Licht ist auf der Oberfläche einer Materie zusmmentrifft, so werden dort Gugronen emittiert.
Im Gugronengerät benutzt man radioaktiven Kohlenstoff und einen speziellen Kyrob, der den Vorgang sehr genau steuern kann.
Dabei treten die Gugronen entweder an einer Fläche ohne jede Beschleunigung aus, dann sprechen wir von einem Gugronengerät, oder sie treten mit einer erheblichen Geschwindigkeit aus einem Beschleuniger aus, das ist dann ein Gugronenstrahler."
"Wie kann man denn Originale kopieren?" interessierte sich Arnie.
Da die Gugronen aus Materie bestehen, läßt sich aus ihnen auch jede beliebige Materie herstellen. Dazu werden große Mengen von Gugronen kyrobgesteuert unter Kosmotronenbeschuß bestimmten Strahlungen ausgesetzt. Als Ergebnis erhält man die gewünschte Materie.
Beim Kopieren benutzt man Strahlungen, die die Materie zwar durchdringen, aber dabei ihre Wellenlänge ändern. Und aus dieser Änderung kann man die Materie genau bestimmen. Solche Strahlen werden in einem komplizierten Verfahren zum Kopieren benutzt, um ein zweites Original zu erhalten."
(@2) Mixer, Krisonsches Gerät
Wenn sich Raumfahrer auf lebensfeindlichen Planeten im Raumanzug bewegen, müssen sie auch essen oder trinken. Dazu haben sie in ihrem Tornister Nahrung und Getränke mitgenommen.
Um sie zuzubereiten, ohne mit der Atmosphäre des Planeten in Berührung zu kommen, wird ein Gerät benötigt, das Mixer heißt. Es bereitet eine trinkbare Nahrung, die in den Raumanzug über eine Vorrichtung eingeschleust werden kann.
Ein Krisonsches Gerät ist eine Kreuzung aus Gugronengerät und Kopiergerät, welches aus den Gugronen sofort entweder atemfähige Luft, Wasser oder Nahrung herstellt. Es gehört zur Notausrüstung der Raumfahrer.
(@3) Kyrob ist eine Abkürzung für kybernetischer Roboter. Die Weiterentwicklung der Computer führte zu immer neuen Anwendungsmöglichkeiten, sodaß schließlich unterschiedliche Geräte für alle Zwecke entstanden. Es gibt sie von winzigen Steuereinheiten bis zu riesigen Arbeitsmaschinen. Gemeinsam ist ihnen, daß sie eine intelligente Steuerung haben und selbst wichtige Entscheidungen treffen können. Sie bewegen sich frei und ohne Zutun des Menschen, um ihre Tätigkeit zu verrichten und nehmen von ihrem Besitzer oder Vorgesetzten mündliche Anweisungen entgegen. Auch ihr Aussehen ist total unterschiedlich, von einer kleinen Pille bis zu großen Konstruktionen.
(@4) Grav
Mit Hilfe der körpereigenen Chips (@11) werden Gugronen erzeugt,die eine Gravitationskraft entgegen der natürlichen
Gravitation der Erde bewirken. Damit kann der Körper schwerelos gemacht oder sogar beim Fall abgefangen werden.
Gern wird dies zum Ausruhen angewendet
Gravistor
Auch ein Flug ist mit Hilfe eines Gegenstandes (Gravistor) möglich. Ohne den Gravistor wäre die Fortbewegung nicht möglich, da der Grav eigentlich nur zur Schwerelosigkeit gedacht ist. So aber wird der Gravistor mit Gugronen bestrahlt, was zur Emission von Energie führt. Diese bewirkt die Fortbewegung. Der menschliche Körper würde bei Gugronenbestrahlung zugrundegehen.
Ein Gravistor wirkt chipgesteuert und ist ziemlich kraftaufwendig.
(@5) Tele
Durch die körpereigenen Chips (@11) können auch Funkwellen erzeugt werden, die einem Funkverkehr zwischen beliebigen Menschen ermöglichen.
Dazu hat jeder Mensch einen eigenen, ganz bestimmten Kanal.
Die Anzahl der Kanäle ist durch Vielfachmodulation der Wellen praktisch unbegrenzt.
(@6) Kreislersches Phänomen
Nach dem Entdecker P.Kreisler:
Treffen Gugronen auf Materie, so werden sie zu Kosmotronen, also zu reiner Energie. (w5)
Eine Ausnahme gibt es allerdings. In Metallen sind die Atome regelmäßig als Gitter angeordnet, während bestimmte Elektronen das Gefüge verlassen und sich frei bewegen können. Treffen nun Gugronen auf ein Metall, so werden zuerst die freien Elektronen wieder unter Anlagerung der Gugronen ins Gitter eingefügt, bevor Kosmotronen erzeugt werden. In diesem kurzen Moment werden die Gugronen vom Metall verschluckt und können nicht zu irgendwelchen Wirkungen verwendet werden.
(@7) Gravistat
Universalfahrzeug, das mit Hilfe von Gravitationsenergie fliegen kann. Jeder Mensch hat ein solches Fahrzeug, das ihn kyrobgesteuert überallhin begleitet, auch wenn er sich auf eine andere Art fortbewegt. Gravistaten werden von vielen Firmen gebaut.
(@8) Tunnel und Diagnostikana (siehe S.291)
medizinische Geräte zur Diagnose und Therapie.
(@9) Hauptkyrob
Um die Menschen zu beschützen und überhaupt zu unterscheiden wurden die körpereigen Chips (@11) entwickelt, die mit einem Hauptkyrob in Verbindung stehen. Dieser hat auf der gesamten Erde Sensoren. Er speichert sämtliche Daten und kann jederzeit den Standort sowie die Tätigkeit aller Menschen bekanntgeben.
Diese Maßnahme, die zunächst als Notwendigkeit gegen die wachsende Kriminalität und für die Unterscheidung der einheitlich aussehenden Manis gedacht war, ist beibehalten worden. Die Menschen fühlen sich sicherer, weil sie damit nicht nur unter dem ständigen Schutz der Üsats (@13) stehen, sondern auch ständig über den Hauptkyrob erreichbar sind.
(@10) Attotechnik
Aus der Miroelektronik des 20 jahrhunderts entwickelten sich Bausteine, die immer kleiner wurden.
Über die Nano, Pico, Femto-Technik entstand schließlich die Attotechnik.
Atto ist ein Vorsatz im internationalen Einheitensystem SI und bedeutet 10-18.
Diese Technik stößt an die Grenzen der Schaltfähigkeit überhaupt. Die noch um zwei Zehnerpotenzen kleinere Hyper-Attotechnik ist die absolute Grenze.
Mit Elektronik läßt sich das nicht mehr erreichen, dazu sind die Elektronen zu riesig. Bei der Attotechnik wird wie überall nur Gugronentechnik verwendet, indem zum Schalten oder als Speicher die Kosmotronen jeweils anders polarisiert werden.
(@11) körpereigener Chip
Gleich bei der Geburt eines Kindes wird in verschiedene Nervenknoten des Körpers eine Serie Hyperattochips eingesetzt. Sie sind vom Material her dem Nervengewebe ähnlich und verbinden sich mit diesem.
Der eigentliche körpereigene Chip sitzt hinter dem Ohr und dient der Erkennung, außerdem hat er die persönlichen Daten des Menschen gespeichert.
Inzwischen sagt man zu der gesamten Serie körpereigene Chips. Sie dienen der Verfeinerung der Sinnesorgane, dem Speichern von Fakten und Erlebnissen, dem fotografischen Gedächtnis,, der Telekommunikation, der Überwachung des Körpers, dem Zeitgefühl uva.
Da der Erkennungschip mit dem individuellen körpereigenen Gewebe verwächst, das von Mensch zu Mensch verschieden ist, und von ihm beeinflußt wird, kann man ihn auch nicht fälschen. Die ganz persönlichen Merkmale des Menschen werden vom Hauptkyrob erkannt und jede Fälschung ist damit zum Scheitern verurteilt.
(@12) Hyper-Attotechnik (10-20)
einige hundert Billionen Mal leistungsfähigere Technik als Mikroelektronik (10-6)
(@13) Üsat
Überwachungssatelliten. Die gesamte Erde wird von einem dichten Netz Üsats überzogen, die in geringer Höhe ein Gebiet völlig überwachen und sämtliche Veränderungen erkennen. Vor allem Gefahren und Notstände werden sofort gemeldet.
Auch aus dem Weltall auf die Erde zukommende Gefahren werden von den Üsats erkannt und gemeldet.
(@14) Rettungskyrobstation
Ein Teil der Üsat-Technik. In der automatischen Station steht die Technik zur Hilfe für die möglichen Unfälle im Gebiet bereit.
In Bergregionen sind sie z.B. auf Bergrettung vorbereitet, an der See auf Wasserrettung, in den Tropen auf Schlangenbisse usw.
Die Rettung wird bei Alarm durch die Üsats blitzartig durchgeführt und Verletzte mit hervorragend ausgerüsteten Rettungsschiffen zur medizinischen Versorgung transportiert.
(@15) Tiefschlaf siehe S.216
Dazu wird der gesamte Körper mit einer genau dosierten Strahlung von geordneten Gugronen mit negativem Tapp, sogenannten Beta-Gugronen, bestrahlt. Als Ergebnis entstehen im Körper die sog. Beta-Kosmotronen.
Sie haben die Eigenschaft, sich unter Energieaufnahme in neutrale Gugronen zu verwandeln. Die Energie nehmen sie aus der Bewegung der Atome und Moleküle. Bei richtiger Bemessung der Dosierung entziehen sie der Materie sämtliche Energie und lagern sich als Masseteilchen in den Atomverbänden ab.
Natürlich würde solch ein Teilchen sofort wieder unter Abgabe von Energie aus dem Atomverband herausgedrückt werden. Jedoch unter dem Einfluß der absoluten Kälte und Ruhe, wie er hier durch die genaue Dosierung der Strahlung entsteht, erstarren sie in den Atomverbänden.
Beim Erwärmen werden sehr wenig geordnete Gugronen mit positivem Tapp auf den Körper gestrahlt, der Fachmann sagt dazu, der Körper wird geimpft. Dadurch löst sich die Erstarrung und einige der angelagerten Gugronen werden sofort aus dem Verband herausgeschleudert. Sie treffen dann auf die anderen Verbände, also auf Materie und verwandeln sich in Kosmotronen. Deren Energie läßt den Vorgang nun im gesamten Körper explosionsartig umgekehrt ablaufen.
Weil sie einst aus der Energie des Körpers entstanden sind, geben sie auch genau die Menge Energie wieder ab, aus der sie einmal entstanden sind, das heißt der Körper wird schlagartig auf die richtige Temperatur gebracht.
Im Laufe der Zeit wurde dieses Verfahren immer weiter verbessert, so daß es als absolut zuverlässig gilt.
Während des Tiefschlafes liegen die Raumfahrer in einer harten Formkonturenunterlage, die den Körper von allen Seiten eng umschließt und ebenfalls in den Zustand der absoluten Ruhe versetzt wird. Das ist notwendig, damit es durch das unendlich lange Liegen keine Beschwerden geben kann.
Es ist doch so, daß ein Arm oder ein Bein, das nicht fest auf der Unterlage liegt, selbst bei absoluter Starre in der unendlich langen Zeit des Tiefschlafes herabsinken kann, ähnlich den Bewegungen des Eises an Gletschern. Das würde beim Aufwachen zu verformten oder abgetrennten Gliedmaßen führen. Auch könnte der Körper im Laufe der Zeit auseinanderfließen. Solche Dinge werden durch die maßgeschneiderte Form verhindert.
Rings um die abgeschirmte Unterlage gibt es eine Unmenge Kontroll- und Überwachungsgeräte, Strahlenquellen für Gugronen usw., die bei jeder Störung sofort eingreifen können. Sie sind nahe am Zustand der absoluten Ruhe, arbeiten aber noch.
Die minimale Wärmedifferenz zu den Körpern wird durch die Abschirmung beseitigt. Die Beta-Gugronenstrahler werden ständig aktiviert gehalten und geben bei Bedarf einen dosierten Strahl ab, der zur absoluten Ruhe zurückführt.
(@16) Cizzwe siehe S.112
Bewohnter Planet im Planetensystem der Kapella. Er ist von intelligenten Lebewesen bewohnt, die noch nicht die Entwicklungsstufe der Menschen erreicht haben.
Bewohner sind freundlich und liebenswert.
(@17) Bagollinistrahlen siehe S.153
Nach dem Entdecker Luigi Bagollini benannte Strahlung, die mit den Beta-Strahlen des menschliche Gehirns zusammen einen Trance-Zustand auslösen.
(@18) M-Strahlen
medizinisch genutzte Strahlung, die aktivierend auf die Vitalprozesse in den Gewebezellen wirken und diese zur sofortigen Teilung und Vermehrung anregen. Dadurch können Wunden sehr schnell verschweißt werden.
Das Einschweißen geschah mit den sogenannten M-Strahlen. die ein Forscherteam vor 450 Jahren entdeckte. Diese Strahlen haben die Eigenschaft, organisches Gewebe zu verbinden. Sie müssen sehr vorsichtig dosiert und punktförmig auf kleinstem Raum eingesetzt werden, dürfen nur die Zellen treffen, die sie verbinden sollen. Dabei werden die Zellen so angeregt, daß sie sich teilen und gleichzeitig an den Zellwänden zusammenwachsen. Solche Vorgänge sind kyrobgesteuert und gehen schnell vonstatten. Zur Erwärmung, Desinfektion u.a. werden noch andere Strahlenarten eingesetzt. Dadurch ist ein Operationsraum immer durch eine Vielzahl von Strahlern gekennzeichnet.
Bei einer Fraktur wird vor allem die Knochenhaut durch M-Strahlen verbunden, und die gebrochenen Knochenteile wachsen durch andere Strahlen ebenfalls in kurzer Zeit wieder zusammen.


