Dämonendämmerung
Dämonendämmerung
©2006 by Torsten Hefenbrock
Inhaltsverzeichnis
Kapitel 1: Tod, Tod, Tod
Kapitel 2: Ein Zeuge
Kapitel 3: Gut, Böse, Freiheit, Sicherheit
Kapitel 4: Parallelwelt
Kapitel 5: Die Stadt
Kapitel 6: Sara
Kapitel 7: Die Verbrennung von Bruce Miller und der alte David Johnson
Kapitel 8: Haus Nummer 29
Kapitel 9: Falsch interpretiert
Kapitel 10: Der Bote
Kapitel 11: Alex Winters kommt
Tod, Tod, Tod
Alex Winters und seine Familie wohnten in einer großen, noblen Villa, die am Ende einer Straße erbaut wurde, von der die Leute früher, vor 2000 Jahren sagten, dass dieser Ort verflucht sei, allerdings wurden diese Legenden und Mythen im Laufe der Zeit vergessen und so wurden auf diesem beschaulichen Stück Land Nobelhäuser für mächtig reiche Leute erbaut.
Ein Unbekannter, dessen Name in keinem Dokument oder Vertrag auftaucht, hat sehr viel Geld in diese Häuser gesteckt und durch diese Häuser auch wieder sehr viel Geld eingenommen. Nun wohnt Alex Winters und seine Familie in dieser Straße und seit siebzehn Jahren gab es kein einziges Anzeichen für einen Fluch, eine Verwünschung oder irgendetwas anderes Übernatürliches.
Jeden Morgen um sieben Uhr zwanzig ging Alex diese Straße entlang um zur Schule zu gehen, jeden Mittwochmittag ging Alex diese Straße entlang um zum Boxtraining zu gehen und jeden Sonntagmorgen um halb zehn ging Alex diese Straße entlang um zur Kirche zu gehen.
Alex Winters stand in der Küche und kippte sich Orangensaft in den Mund. Er schluckte und stellte das Glas auf den Tisch in der Küche. Es war sieben Uhr neunzehn und er schnappte sich seinen Schulrucksack, warf ihn über die linke Schulter und steckte sich die Zigarettenschachtel in die rechte Hosentasche, die auf dem Küchentisch lag. Er lief aus der Küche in den Flur und schrie laut: „Ciao, Mom! Ciao, Dad!“
Alex schloss die Tür hinter sich und fuhr mit dem Fahrrad die Maximilian Avenue entlang.
Um sieben Uhr einunddreißig fuhr er mit dem Fahrrad auf den Schulhof und begegnete seinem Erdkundelehrer Professor Hill.
„Guten Morgen, Mr. Hill.“
„Alex Winters! Sie kennen die Schulordnung!“, schrie er.
„Ja, zu gut. Musste sie ja schließlich zwanzigmal wegen Ihnen abschreiben.“
„Dann kennen sie sicherlich auch Abschnitt zwei: Auf dem Schulhof darf mit Fahrzeugen jeglicher Art nicht gefahren werden.“
Immer wenn Professor Hill redete, bebte die Locke direkt über der Mitte seiner Stirn. Alex fand es sehr belustigend dabei zuzusehen wie sie auf und ab sprang.
„Sicher“, antwortete er.
„Wieso tun Sie es dann?“
Alex war inzwischen von seinem roten Mountain Bike abgestiegen und schob es in Richtung Fahrradständer.
„Tu ich doch gar nicht. Sehen Sie nicht? Ich schieb es doch.“
„Willst du mich verscheißern Junge?“
„Was haben Sie gesagt?“, fragte Alex und runzelte die Stirn.
„Gar nichts.“
„Na gut, dann werde ich wohl unsern guten, alten Direktor Whiteman fragen müssen.“
„Ich habe gesagt-“
„Hörn sie, ich muss in den Unterricht, ich hab jetzt Mathematik und sie wissen doch, dass ich Mathematik für ein wichtiges und lehrreiches Fach halte, im Gegensatz zu Erdkunde. Also muss ich jetzt los. Wir sehen uns dann am Freitag in der dritten Stunde, Professor Hill.“
Hill blieb abrupt stehen und starrte ihn an. „Erdkunde ist ein wichtiges und informatives, interessantes Fach, Alex Winters.“
„Nun, darüber kann man streiten“, und schon war er durch die Eingangstür verschwunden. Hill hatte überhaupt nicht mitbekommen, dass Alex sein Fahrrad abgeschlossen und ihn an der Nase herumgeführt hatte, bis sie schließlich an der Eingangstür standen, hinter der er einfach verschwinden konnte.
Mathematik, Algebra, Physik und Chemie waren die einzigen Fächer von denen Alex etwas verstand. In Erdkunde konnte man vielleicht etwas über Nordafrika, Polen und Russland erfahren, aber warum zum Teufel sollte er etwas über Russland wissen wollen. Das was er wissen muss, weiß er auch. In Russland gibt es Schnee, in Polen wird gestohlen ohne Ende und in Nordafrika sind neunzig Prozent farbige Afroamerikaner.
Er ging die Stufen zum dritten Stock hoch und dachte über einen Satz nach, den er in einem Science-Fiction Magazin gelesen hatte, das sich Galaxie nannte: Uns wird gesagt dass es real ist, wir denken das es real ist und es sieht real aus und wir glauben zu wissen das es real ist, aber ist es das wirklich?
Was wäre wenn überhaupt nichts real ist, wenn ich mir meine ganzen Erlebnisse bis zu diesem Augenblick nur ausgedacht habe? Was ist, wenn ich im Koma liege und dies alles ein Traum ist? Nein, dies hier kann kein Traum sein…wo sind denn dann die ganzen nackten Weiber?
Stimmt, eine lächerliche Theorie.
Nichts ist real, nichts existiert wir denken uns alles nur aus…
Ts…
Um halb zwei am selben Tag steckte Alex Winters den Haustürschlüssel in das Türschloss und drehte ihn. Mit einem leisen klicken öffnete sich das Schloss und er drückte die Tür auf. Ein warmer Luftzug kam ihm entgegen und blies ihm die Haare aus der Stirn. Mit dem Rucksack über der Schulter trat er ein und schloss die Tür hinter sich.
„Mom! Dad! Ich bin wieder da!“
Er ging in die Küche und legte seinen Rucksack neben ein Tischbein. Das Glas, das er an diesem Morgen auf dem Tisch abgestellt hatte, stand immer noch an genau demselben Platz. Normalerweise räumte seine Mutter immer alles weg, was schmutzig, gebraucht oder Müll war. Sie war meistens den ganzen Tag damit beschäftigt ihm und seinem Vater hinterher zu räumen.
Alex öffnete den Kühlschrank und nahm sich eine Dose Cola Light heraus. Mit einem Zischen öffnete er sie und nahm einen kräftigen Schluck. Es tat gut nach einem fünfstündigen Schultag eine eiskalte Cola zu trinken.
„Was gibt’s zum essen?“, rief er. Keine Antwort. Er wartete eine Minute und stellte dann die Dose neben das leere Glas, indem inzwischen der Orangensaft vom Morgen antrocknete.
Er streifte sich die Jacke ab, hängte sie über einen Stuhl und ging durch den Flur zur Treppe, die nach oben zum Schlafzimmer seiner Eltern und zu seinem Zimmer führte.
„Mom?!“ Nichts. „Dad?!“
Langsam stieg er die Stufen nach oben. Bei jedem Schritt knarrte es. Er vernahm ein Gurgeln, es hatte sich angehört wie kochendes, blubberndes Wasser. Er runzelte die Stirn und stieg weiter die Treppe hinauf.
Oben angekommen sah er sich um. Nichts Ungewöhnliches. Hier oben sah alles noch genauso aus wie heute Morgen. Auf der linken Seite befanden sich sein Zimmer und das Badezimmer. Rechts war das Schlafzimmer seiner Eltern.
Manchmal konnte Alex nachts hören, wie sich seine Eltern stritten, aber es schien nie etwas Ernsthaftes gewesen zu sein, denn am nächsten Morgen schien alles wieder in Ordnung zu sein. Sie küssten sich zum Abschied und seine Mutter machte Kaffe. Alles wie immer. So als wäre es programmiert, als wäre alles so eingeübt worden.
Er ging zum Schlafzimmer und legte seine Hand auf den Türknauf. Für einen kleinen Augenblick sendete er ein kurzes Gebet an den Allmächtigen und wünschte sich, dass seine Eltern lebten und nicht zerstückelt im Kleiderschrank lagen, wie es der perverse Killer aus Derry getan hatte. Er nannte sich Bill Stephen Porter, wenn Alex sich richtig erinnerte.
Er drehte den Türknauf und öffnete die Tür.
Blut… Überall war Blut. Das Bett war ein Swimming Pool aus Blut. Der Kleiderschrank war mit in der Sonne glänzendem Blut bespritzt und die Vorhänge hatten nicht mehr dieses liebliche Oleanderweiß, sie waren nun rot, so rot wie eine Rose und so rot wie Blut.
Über dem Bett stand etwas geschrieben:
Denn Ich Bin Viele
Auf dem Bett lagen seine Eltern. Christina Winters lag in einer völliger abstrakten Lage da und ihr Gesicht sah aus wie zermatscht. Als hätte jemand zwanzigmal mit einem Feuerlöscher darauf eingeschlagen. Mann konnte keine Augen mehr erkennen und wenn man nicht wusste das vorher mal eine Nase da war, hätte vielleicht jemand gesagt, dass sie nie eine hatte. Ihre blonden Haare waren mit Blut getränkt und das weiße Nachthemd verbarg einen zermantschten Brei aus Organen, Knochen und noch mehr Blut. Neben ihr lag ein Mann, den Alex nicht kannte, aber er hielt ihre Hand, an dem der goldene Ehering glänzte. Der Unbekannte war völlig nackt, seine Kleidung hing über einem Kleiderbügel der am Griff des Kleiderschranks hing. So wie es aussah, wurde dem Mann die Kehle aufgeschlitzt und dann das Messer in den Mund gerammt, wo es immer noch Furcht einflößend herausragte.
Im Kleiderschrank polterte etwas. Langsam näherte sich Alex dem mit Blut bespritzten Schrank und streckte die Hand aus. Er riss die Tür auf und ein Mann kam ihm entgegengesprungen. Der Mann hielt etwas in der Hand. Mit aller Kraft stieß Alex ihn weg und er landete auf dem Boden. Aus dem Kleiderschrank rollte etwas heraus. Ein Kopf. Er blieb genau vor Alex Füßen zum Stillstand und da erkannt er diesen Kopf. Sein Dad, Matthew Winters starrte ihn vom Fußboden herauf an. Der Mann der ihn attackiert hatte, war kein Mann, es war der Rest des Körpers, der seinem Vater gehörte.
Er drehte sich um und fiel auf die Knie. Er erbrach einen weißen joghurtartigen Schleim auf den roten Teppich.
„Alex!“, sagte eine Stimme scharf. „Schäm dich, du hast gerade auf den Ort des Verbrechens gekotzt.“
Alex sah sich um. Vor dem Fenster saß plötzlich ein Mann auf einem Ledersessel. Lange braune Haare fielen hinter ihm herunter und eine Zigarette qualmte in seiner rechten Hand.
„Weißt du was das bedeutet?“
„Wer sind Sie?“, fragte Alex flüsternd.
„Nein? Weißt du es nicht? Na Alex, es liegt doch auf der Hand was das bedeutet. Die Polizei wird als erstes dich verdächtigen. Deine Eltern haben hier einen flotten Dreier gehabt, du platzt rein, siehst es und drehst völlig durch weil deine Mutter mit einem anderen Mann fickt als mit deinem Vater. Du schnappst dir dein Taschenmesser aus der Hosentasche und schlitzt diesem fremden Mann die Kehle auf, von Ohr zu Ohr. Anschließend nimmst du dir die Kanne Kaffe, die neben dem Bett stand und schlägst deiner Mutter die Fresse ein und zu guter letzt bemerkst du, dass du deinen Vater ganz vergessen hast und nimmst das Frühstückstablett, auf dem die Kanne Kaffe stand, mit der du deine Mutter erschlagen hast, und schleuderst es nach ihm. Du wolltest ihm eigentlich nur eine Lektion erteilen, aber das ging leider in die Hose, denn die Scharfe Kannte des Tabletts säbelte deinem Vater den Kopf von den Schultern. Das ist doch mal ne’ interessante Geschichte, oder?“
„Ja, und dann soll ich ihn im Schrank verstecken damit ihn niemand findet, wobei ich noch zwei Leichen auf dem Bett liegen lasse?“
„Kennst du die Bibel Alex?“
„Nein! Verdammte Scheiße! Sie etwa? Hä? Natürlich kennen Sie die Bibel! Jeder Serienkiller, Massenmörder oder pedofile Kinderficker kennt die Bibel, nicht wahr?“
„Wenn man mal richtig über die Bibel nachdenkt, dann könnte man behaupten, dass mindestens ein oder zwei Horrorgeschichten darin verewigt wurden. Und weißt du was? Ich bin eine davon.“
„Was soll das heißen?“
„Das mein Freund, erzähl ich dir ein anderes Mal. Ich habe die Polizei gerufen und in exakt neunundzwanzig Sekunden wird sie hier sein und ich habe denen gesagt das ein Junge namens Alex Winters seine Eltern und einen Mann namens John Jason Jesperson umgebracht hat und ich alles von einem sicheren Platz auf der Straße beobachtet habe. Bis dann, Alex Winters.“
Die Gestalt schien wie Wachs zu verlaufen und schien sich in den Sessel einzuarbeiten. Der Mann verschmolz mit diesem Sessel, der nicht einmal zur Einrichtung dieses Zimmers gehörte.
Alex wusste, dass sie nun ihn verdächtigen werden und das Klügste wäre, jetzt einfach hier zu bleiben und zu warten bis sie kamen.
Er wollte heulen und er gab nach. Ihm liefen Tränenbäche über die Wangen und er hatte keine Absicht sie zurückzuhalten.
Die Polizei kam, legte ihm Handschellen an und brachte ihn in ein Polizeiauto. Sie fuhren los und kamen im Polizeirevier an.
Ein Zeuge
„Kannst du uns sagen was passiert ist, Alex?“, fragte, der aus dem Mund nach Knoblauch stinkende, Polizeichef der hiesigen Wache. „Oder hast du vielleicht eine Vermutung oder sonst etwas in der Richtung? Alles was du sagst könnte uns weiterhelfen, egal was.“
„Wenn ich Ihnen erzähle was los war, dann würden Sie mich sowieso nur für verrückt halten, Mr. Wattson“, antwortete Alex. „Oder nein, ich sollte eher sagen, wenn ich Ihnen erzähle wen ich dort gesehen habe, werden Sie mich für verrückt halten, schon alleine wenn ich Ihnen erzähle, was diese Person zu mir gesagt hat, werden Sie mich für verrückt halten oder sogar für den Killer, weil das was diese Person mir erzählt hat und was danach passierte, ist etwas, das nur verrückte Menschen glauben würden, aber ich habe es mit eigenen Augen gesehen und das sagen natürlich auch alle verrückten Menschen, nicht wahr, Mr. Wattson?“
„Nun ja, Alex, es würde eigentlich schon reichen, wenn du uns diese Geschichte erzählen würdest. Natürlich werden wir dich nicht in eine Irrenanstalt bringen“, entgegnete Mr. Wattson in einem netten Ton, den nur Alex’ Großmutter so hinbekommen hätte, als sie noch unter den Lebenden weilte. Alex musste wieder an den Mann im Schlafzimmer seiner Eltern denken. Er hatte keinen Namen genannt und er hatte ihn auch nur von hinten gesehen, in diesem geheimnisvollen Sonnenlicht, das durch die Vorhänge glimmte. Er konnte ihnen nicht sagen wie er hieß, genauso wenig wie er aussah. Das Einzige was er über diesen geheimnisvollen Mann wusste war, dass er auf einem Sessel, den Alex noch nie zuvor in seinem Haus gesehen hatte, wie Wachs geschmolzen war. Und würde er das der Polizei erzählen, würden sie ihn garantiert für verrückt abstempeln und in ein Irrenhaus stecken. Wenn er dann auch noch erzählen würde wie sich die ganze Geschichte nach Meinung dieser Person abgespielt haben soll, würden sie ihn in eine Jugendheilanstalt stecken und danach für ein, zwei Jahre in den verdammten Jugendknast. Also sagte er am besten-
„Ich habe keine Ahnung was passiert sein könnte.“
„Keine Ahnung, hm?“, hakte Mr. Wattson etwas enttäuscht nach.
„Nein, tut mir leid.“
Die Tür zu dem kleinen, stickigen Büro von Mr. Wattson wurde aufgestoßen und ein dürrer, junger Polizist namens Edwart Marce kam aufgeregt herein und ein lächeln schmückte sein dürres Gesicht.
„Wir haben jemanden da, der sagt, er hätte etwas zu dem Winters Mordfall zu sagen. Er heißt Ethan Ligion.“
„Schon mal was von klopfen gehört, Marce?“
„Nein, Sir! “
Mr. Wattson und Mr. Marce entfernten sich gemeinsam aus dem Büro und redeten miteinander während sie den Gang in Richtung Zeugenaufenthaltsraum entlangliefen. Alex konnte noch einen Satz hören, bevor sie völlig aus seinem Hörfeld verschwunden waren: „Er sagt er weiß, wer der Mörder ist!“
Alex erhob sich aus dem ungemütlichen Stuhl auf dem er gesessen war und ging langsam auf die geöffnete Tür zu. Langsam streckte er den Kopf durch den Türrahmen und sah den Gang entlang. Niemand da.
Wie eine Katze schlich er nach draußen und ging den gleichen Weg wie die Polizisten. Das Zeugenaufenthaltszimmer war noch ungefähr zehn Meter entfernt, als ein großer Polizist mit einem harten, runden Bierbauch aus einer Tür trat und eine Kaffeetasse in der Hand hielt. Unter der Nase befand sich ein brauner Schnurrbart, der in zwei Schneckenröllchen an beiden Seiten endete.
Der wird mir wohl keine Schwierigkeiten machen, ich bin schließlich nur Zeuge oder so was. Nein, ich bin nicht mal ein Zeuge, ich bin einfach nur der Sohn der Opfer und das macht einen wohl nicht gleich zum Verdächtigen!
Er ging weiter. Versuchte wie ein zivilisierter, normaler Mensch zu wirken, dachte nur an die eine, entscheidende und wichtige Frage: Wer ist der gottverdammte Killer von meinen Eltern?!
Dieser komische Typ am Ort des Verbrechens,
wie er es nannte, war es bestimmt, schließlich hatte er darüber
nachgedacht der Polizei zu erzählen, dass Alex diese drei Menschen
umgebracht hätte. Aber dies war nur eine Vermutung, genau wie alles
andere was er von sich geben konnte, schließlich war er erst siebzehn,
noch nicht einmal volljährig, aber immerhin schon allein stehend. Der
Polizist nahm einen Schluck aus der Kaffeetasse und sah zu Alex.
“Kann ich dir behilflich sein, Kumpel?“, fragte er.
„Nein, danke. Ich komm schon zurecht. Bin nur auf der Suche nach Mr. Wattson, wissen Sie, ich muss noch etwas mit ihm klären, aber ich will Sie jetzt nicht unnötig damit aufhalten. Ich wünsch Ihnen noch einen schönen Tag.“
Und schon war Alex an ihm vorbei gehuscht.
Verdammt war der neugierig, wie kann ein Mensch nur so neugierig sein, verdammte Scheiße!
Der war doch gar nicht neugierig, der hat dir nur EINE EINZIGE Frage gestellt mehr nicht! Und diese Frage kann man nicht einmal als Frage bezeichnen, eher war es eine auf seine Weise formulierte Höflichkeit. Der war nicht neugierig. Das liegt einfach nur daran das du nervös bist. Und außerdem könntest du gleich erfahren, wer der Mörder deiner Eltern war. Also spul jetzt erst einmal ne’ Stufe runter und dann fang an dich in den Griff zu kriegen, alles klar?
Natürlich musste er sich in den Griff kriegen, aber gleichzeitig war es erlaubt auszurasten und völlig den Verstand zu verlieren, wenn man seine Eltern eines Tages tot auffindet und dazu noch mit einem fremden Mann zwischen ihnen.
„Ganz ruhig, Alex…“, flüsterte er sich zu. „Ganz ruhig.“
Er vernahm ein vielstimmiges Gemurmel aus der großen Eingangshalle dieses Polizeipräsidiums. Er kam dem Zeugenaufenthaltsraum näher und umso näher er ihm kam, umso mehr Schweiß stand ihm auf der Stirn.
Er bog noch einmal um eine Ecke und da standen sie. Mr. Wattson schüttelte gerade dem unbekannten Mann die Hand, während Edwart Marce lächelnd daneben stand. Der Zeuge war groß, hatte graue Haare, war breitschultrig und besaß tief eingesunkene Augenhöhlen. Die Stirn hatte etwas Ähnlichkeit mit der eines Affen, während seine Nase wie ein krummer Haken da hing. Er trug einen hautfarbenen, mit braunen, großen Knöpfen besetzten Mantel, eine dunkle Jeanshose und schwarze Lackschuhe, deren Schnürsenkel zu kleinen Schleifchen gebunden waren. Alex hatte plötzlich ein tückisches, sich langsam anschleichendes Dèjà-vu – Gefühl im Bauch, so als hätte er diesen Mann schon einmal gesehen, aber nicht kennen gelernt oder als hätte er ihn schon einmal gekannt, aber noch nicht gesehen.
Nun schüttelte Edwart Marce dem Mann die Hand und lächelte ihn an, während er etwas sagte, was sich verdächtig ähnlich wie Hoffentlich wissen sie etwas womit Sie uns weiterhelfen können anhörte. Nun vielleicht sagte er dies oder etwas anderes, aber das war nicht von belangen. Die drei Personen drehten sich in Richtung Alex und kamen auf ihn zu. Sie unterhielten sich über eine Bäckerei, die in der Loyd Logic Street sein soll. Allerdings kannte sie Alex nicht und wollte es auch gar nicht, schließlich hätte er alles wieder ausgekotzt wenn er nun etwas gegessen hätte. Er ging zurück in Mr. Wattsons Büro. Der dicke Polizist mit der Kaffeetasse hatte sich aus dem Gang entfernt und die Tür hinter sich geschlossen, sodass Alex nun freie Bahn hatte. Er spurtete schon fast den Gang entlang und rutschte fast auf dem säuberlichen Boden aus, aber mit der linken Hand konnte er sich noch am Türrahmen zu Mr. Wattsons Büro festhalten und hineingehen, um sich anschließend, auf den unbequemen Stuhl zu setzen.
Nun konnte er langsam die Stimmen näher kommen hören.
„Wissen Sie, der Junge ist ziemlich verstört, durch den Anblick, der ihm im Schlafzimmer seiner Eltern geboten wurde und durch den Verlust, den er sicherlich noch nicht ganz realisiert hat. So etwas ist für die meisten in seinem Alter noch etwas Irrationales. Also Sie sind wirklich bereit auszusagen?“, fragte Mr. Wattson ernst und ohne einen Hauch von Humor oder Theatralik. „Und Sie wissen wirklich wer der Mörder ist?“
„Oh ja, natürlich weiß ich wer der Mörder ist, sonst wäre ich doch wohl nicht hier, oder?“, fragte er mit einer geheimnisvollen, düsteren und gänsehauterregenden Stimme. Es hörte sich an, als würde ein kalter, unheimlicher Luftzug Alex den Rücken hinunterschleichen.
„Und wer ist es?“, hakte Edwart Marce nach.
„Oh, oh, oh“, lispelte der Mann, „ich will Ihnen doch nicht den ganzen Spaß verderben.“ Und er lächelte. Es war ein hässliches Lächeln, das gelbe, nikotingetränkte Zähne entblößte. Aber das schlimmste war, es schien breiter als ein gewöhnliches Lächeln zu sein. Es war eher wie das eines Clowns, der sich das Lächeln mit Schminke auf das Gesicht zeichnete. Dieses Grinsen war so etwas wie der Riss in einer Maske.
Wo wir gerade bei Maske sind, die Haut im Gesicht dieses Mannes ist etwas schlaff, findest du nicht auch, Alex?
Ja, er fand sie schon von Anfang an etwas…schlaff. So als wäre dieser Mann uralt. Aber es war nicht einmal diese Schlaffheit die Alex Sorgen bereitete, es war eher das darunter.
Es war das, was unheimlich war.
Die drei Personen traten in das Büro ein. Der Mann lief an einem dunkelbraunen Mahagonistock, der Alex vorhin noch gar nicht aufgefallen ist. Er lächelte immer noch und auf einmal war es verschwunden. Es war einfach weg. Es hatte etwas gefehlt. So als hätten sie einen Zeitsprung getätigt. Es hatte eine Bewegung gefehlt. Von einer Millisekunde auf die andere war es verschwunden. Es hatte das Erschlaffen des Mundes gefehlt. Und ohne Lächeln, sah diese menschliche Kreatur noch angsteinflößender aus. Alex war siebzehn und aus dem Alter, in dem er sich vor anderen Leuten fürchtet raus, aber trotz alledem, hatte dieser Mann etwas an sich, was er nicht an sich haben sollte. Mr. Wattson setzte sich hinter seinen Schreibtisch, gleich gegenüber von Alex Winters. Edwart Marce lehnte sich zu seiner linken an die Wand hinter ihm, sodass über seinem Kopf Bilder von irgendwelchen, unbekannten Künstlern schwebten und der unbekannte Zeuge zog sich einen Stuhl her und setzte sich direkt neben Alex.
Die Tür war plötzlich geschlossen, ohne dass sie jemand geschlossen hatte und ohne das sie von irgendeinem schwachen Luftzug zugezogen wurde. Sie war einfach zu, genau wie das Grinsen einfach verschwunden war. Alle drei beugten sich in Richtung Alex nach vorne und der Unbekannte begann zu sprechen: „Er hat sie alle drei umgebracht, er ganz alleine. Er lief am helllichten Mittag mit einem Messer in das Haus und kurz darauf konnte man sie alle nur noch schreien hören. Alle schrieen. Seine Mutter wie eine nach Jahren zum ersten mal wieder befriedigte Hure, sein Vater wie ein Verlierer der von der Golden Gate Bridge springt. Und natürlich unser aller geliebter Freund Bill Stephen Porter!“ Er begann wie ein Irrer zu lachen. Er hörte sich an wie ein durchgeknallter Lachsack und die hören sich schon normal, durchgeknallt an.
Edwart Marce lehnte sich noch ein Stückchen weiter nach vorne und sackte in einer kranken Stimme, die man nur in einem Irrenhaus zu hören bekommen würde: „Was?! Du hast deine Eltern umgebracht. Ey, man, das is’ aber ziemlich uncool, weißt du das eigentlich, Kleiner. Immer noch grün hinter den Ohren und schon ungestraft seine Eltern umbringen wollen!“
Mr. Wattson beugte sich so weit nach vorne, dass Alex den Whisky riechen konnte, den er sich am Morgen reingekippt haben musste: „Ja, dieser Bill Stephen Porter kam dir nicht irgendwie bekannt vor? Nein? Na, dann helfe ich dir mal ein bisschen auf die Sprünge. Dieser Mann war mal dein Kindergartenbetreuer und weißt du, was ich daraus schließe? Ich schließe daraus, dass deine Mutter deinen Vater schon seit deiner Kindergartenzeit betrügt! Hahahahahaha!!!“
Und alle begannen kreischend wie Irre zu lachen. Nein, sie lachten nicht, sie drehten vollkommen durch. Der Unbekannte stand auf und sah mit großen, rollenden Augen auf ihn herab, genau wie Mr. Wattson es tat. Edwart Marce trat neben Alex und schlang die Arme übereinander.
Plötzlich riss der Unbekannte im hautfarbenen Mantel Alex vom Stuhl und warf ihn auf den Boden. Und alle drei, die zwei Polizisten und der Zeuge, stellten sich um ihn herum auf und begannen nach ihm zu treten. Mr. Wattson trat ihn dauernd in die Rippe, während der Unbekannte seinen Oberschenkel unter die Lupe nahm und der gute, alte Edwart Marce bearbeitete mit dem schwarzen Schuh Alex’ Gesicht. Er spuckte Blut und Spritzer landeten auf dem Teppich während die Tritte immer stärker und stärker wurden.
Und plötzlich saß er wieder auf dem Stuhl und öffnete die Augen. Er musste eingeschlafen sein. Das Warten wurde ihm wohl zu lang und er war eingeschlafen. Nichts von alledem ist geschehen. Er hat Wattson und Marce nicht verfolgt und hat den Unbekannten im hautfarbenen Anzug noch nie in seinem Leben gesehen und nur ein Dèjà-vu – Gefühl gehabt, weil es ein Traum war.
Ja, nur ein Traum und wenn du einen hautfarbenen Stoff siehst, würde ich rennen, so schnell und so lange du kannst. Rennen…rennen…rennen…
Genug! Mein eigenes Ich traumatisiert mich mehr als alle anderen Personen auf dieser Welt. Verdammt noch mal!
Denk einfach daran, was dein Ich dir geraten hat!
Ach, geraten? Für mich klang das eher wie ein Befehl!
Sieh es wie du willst, aber merk es dir.
„Alles klar.“
Schritte hallten durch den langen Gang und schlüpften unter dem engen Türspalt am Boden hindurch. Sie kamen näher und redeten miteinander. Alex konnte noch nichts verstehen und wollte es eigentlich auch gar nicht, er wollte sich die Überraschung nicht verderben.
„So, da wären wir“, sagte Wattson. Der Türgriff begann zu wackeln und drehte sich dann mit einem leisen Klicken. Die Tür schwang auf und Entsetzen, Überraschung und Grauen stiegen in Alex immer weiter nach oben. Es wurde ihm plötzlich kalt und er fröstelte ein wenig. Ein Luftzug strich ihm durchs braune Haar und übers Gesicht, das nun die Farbe eines Eisbärenfells angenommen hatte. Mit diesem Luftzug kam auch ein Geruch nach Leder und Alex fand ihn irgendwie besänftigend, aber irgendetwas stimmte trotzdem nicht.
Die drei Personen traten ein.
Wattson setzte sich hinter seinen Schreibtisch. Marce lehnte sich neben ihm gegen die Wand und der unbekannte Zeuge, der genau so aussah wie in Alex’ Traum, nahm sich einen Stuhl, stellte ihn neben Alex und setzte sich.
„Alex“, sagte Wattson ruhig, „darf ich vorstellen, dies hier ist André Ligion, der französische, einzige Zeuge, wenn das so ausdrücken darf, Mr. Ligion.“
„Sehr erfreut, Mr. Ligion, mein Name ist Alex.“ Er streckte diesem französischen Typ seine Hand hin und versuchte ein Lächeln hinzubekommen, doch er bekam keine Hand zum schütteln. Ligion sah nur verachtend auf Alex hinab.
„Ja, ich bin auch sehr erfreut, Alex Winters“, sagte er nur. Alex nahm die Hand wieder runter und legte sie auf seinen Schoß.
„Wenn Sie eine Aussage machen wollen, muss ich diese auf Tonband aufzeichnen, sodass dies auch vor Gericht verwendet werden kann, falls es irgendwelche Schwierigkeiten geben sollte, was so gut wie nie vorkommt, aber immerhin ist es eine zweite Absicherung, wissen Sie“, erklärte Marce. Er nahm ein kleines, silbernes Tonbandgerät aus der rechten Hosentasche und legte es in die Mitte des Schreibtisches. „Dann wollen wir mal beginnen.“ Er betätigte den kleinen roten Knopf, über dem in dicken, aber kleinen Buchstaben Record stand.
„Mr. Ligion, dann erzählen Sie uns mal, was Sie an diesem besagten Tag gesehen haben“, forderte Wattson ihn auf. Misstrauisch betrachtete Alex Ligion und war jeder Zeit bereit wegzurennen, wenn er auch nur eine falsche Bewegung machen würde.
„Ich saß an der Bushaltestelle und wartete auf den Bus, mit dem ich nach Hause fahren konnte. Dieser hatte allerdings etwas Verspätung und so saß ich um halb zwei immer noch da. Und da kam Alex angefahren. Ich hab davor schon mehrere Schreie von dem Haus gehört, aber kein Schrei in meinem Leben hat mir je so eine Gänsehaut den Rücken hinuntergejagt. Alex stieg von seinem Fahrrad und sah zum Fenster hinauf und da stand ein Mann mit nacktem Oberkörper…und es war nicht sein Vater. Er warf das Fahrrad hin und zog ein Messer aus der Hosentasche. Es war, so weit ich mich noch erinnern kann, schwarz. Ja, es war schwarz und die Klinge glänzte im Sonnenlicht. Erließ es mit einer schwingenden Handbewegung aufspringen und ging zur Tür. Ich kann mir nicht helfen, aber er hatte einen Gesichtsausdruck, als wäre er von etwas besessen. Er öffnete die Tür und schloss sie wieder hinter sich. Einige Minuten war es still. Ich konnte schon den Bus die Straße hochfahren sehen, doch dann…dann schrie jemand…eine Frau. Es klang sterbend. Ich weiß nicht ob sie so etwas schon einmal gehört haben, aber wenn jemand so schreit, dann klingt das sterbend. Man weiß es einfach. Vielleicht liegt es an der Tonlage oder-“
„Das ist nicht so wichtig, Mr. Ligion, erzählen sie weiter“, unterbrach Marce ihn, denn er hatte Alex’ traurigen und deprimierten Gesichtsausdruck gesehen.
„Jedenfalls hörte ich dieses Kreischen. Und Blut spritzte gegen den Vorhang. Und ich weiß noch was mir durch den Kopf schoss: Muttermord. Dann hörte ich noch einen Schrei, diesmal von einem Mann, der dann ganz plötzlich verstummte und schließlich drang noch ein einziger Name an meine Ohren: Alex. Da wusste ich, er hat seine Mutter, seinen Vater und diesen Fremden umgebracht.“
„Sind sie verrückt sie gottverdammter Wichser!“, brach es aus Alex heraus. „Wie können sie so eine Scheiße erzählen! Ich würde doch nicht meine eigene Mutter umbringen!“ Er stand auf und wollte sich auf Ligion stürzen und er konnte es schon wieder erkennen, genau wie in dem Traum, das Gesicht wirkte wie eine Maske aus Gelee.
„Also, du würdest deine Mutter nicht umbringen, okay, aber deinen Vater schon, oder wie siehst du das?“, fragte Ligion.
Alex holte zum Schlag aus. Er hatte da ein gewisses Glänzen in den Augen, das wie Rache aussah.
Rache ist ein Gericht, das man besser kalt serviert.
Marce packte seinen Arm und legte ihm eine Handschelle um das Handgelenk.
„Hiermit bist du wegen Verdacht am Mord von Bill Stephen Porter, Christina Winters und Adam Winters“, sagte Marce.
„Hey, was soll denn das, ich hab nichts getan“, erwiderte Alex und Tränen quollen aus seinen Augenwinkeln. „Mr. Marce, wieso nehmen sie mich fest, ich könnte doch nicht meine eigenen Eltern umbringen.“
„Ich weiß, dass du das nicht tun könntest“, flüsterte Marce und brachte ihn auf den Gang hinaus. Er schloss hinter sich die Tür und nahm dem siebzehnjährigen Jungen die Handschellen wieder ab. Mitleidig sah er ihn an. „Hast du’s getan oder nicht?“
„Nein.“
„Sicher?“
„Ja.“
„Wie sicher?“
„Hundert Prozent sicher.“
„Hoffentlich.“
„Nein, nicht hoffentlich, sicher.“
„Hast du diesen Mann schon einmal gesehen, Alex?“
„Ich weiß es nicht…nein.“
„Du weißt es nicht? Sag mir was du weißt und die Aussicht auf Freiheit ist viel größer als jetzt.“
Alex sah ihn an und atmete tief durch.
Er erzählte ihm die Geschichte. Wie er von der Schule kam, niemand antwortete und dann die Leichen fand und schließlich von dem geheimnisvollen Mann, der wie eine Kerze zu schmelzen schien.
Gut, Böse, Freiheit, Sicherheit
„Okay, Alex“, sagte Marce. „Jetzt will ich dir mal was sagen: Wenn du weiter so ne’ Scheiße erzählst, dann bist du wirklich dran.“
Alex war verwirrt. Vor zehn Minuten hatte Edwart Marce noch gesagt er würde hinter ihm stehen und jetzt so ein Spruch, nachdem er sich überwunden hatte und diese ganze Geschichte erzählt hatte. Was war denn jetzt los? Er wusste es nicht. Dieser Mann, der vor ihm stand war nicht Edwart Marce, es war nicht mehr der Polizist, der logische Schlussfolgerungen ziehen konnte, es war nicht mehr der Mann, der sich jeden Morgen rasierte und ABBA Songs vor dem Spiegel plärrte. Er beugte sich hinab und sah Alex in die Augen. Sie schienen zu glühen, wie Katzenaugen bei Nacht.
„Du sollst wissen, dass wir dich überall finden und überall kriegen. Du sollst wissen, dass du zu uns gehörst und dass du nicht fliehen kannst und du sollst wissen, dass wir dich nicht freiwillig gehen lassen werden.“ Seine Stimme klang erstickend und irgendwie schaurig. Sein Kehlkopf hüpfte auf und ab beim Reden und ein starker Mundgeruch kam ihm entgegen, der irgendwie wie ein altes, warmes, muffiges Dachbodenzimmer roch, in dem alte Sessel und Couches stehen. Er stellte sich wieder senkrecht auf und sah zu ihm hinab. „Ich muss dich einsperren, also komm mit“, sagte er.
Mr. Wattsons Büro:
„Und Sie sind sich wirklich sicher, dass dieser Junge mit einem Messer bewaffnet ins Haus marschiert ist und seine Eltern umgebracht hat?“, fragte Wattson mit zusammengekniffenen Augen und einem entsetzten Tonfall.
„Ja, ich sage Ihnen doch, dieser Junge hatte etwas Irres in seinen Augen und glauben Sie mir, niemand in dieser Welt hätte ihn in diesem Augenblick aufhalten können, geschweige denn ihm das ausreden können.“
Wattson und Ligion sahen sich einen Moment an. Wattson griff nach seiner Kaffeetasse und nahm einen kräftigen Schluck. Inzwischen war der Kaffee darin abgekühlt und er schmeckte scheußlich. Ligion strich mit der rechten Hand währenddessen über seinen hautfarbenen Mantel und sah gen Boden. Wattson stellte die Tasse ab und sah Ligion an. Er saß da wie hypnotisiert oder in Trance.
„Kannten Sie die Eltern des Jungen?“, fragte Wattson und sah den ihm gegenüber Sitzenden weiterhin an. Keine Antwort.
Was zum Geier ist denn jetzt mit dem los?
„Mr. Ligion?“ Nichts. Er zuckte noch nicht einmal mit einem Augenlid. „Mr. Ligion?“
Immer noch nichts.
Wattson konnte hören wie er ganz leise, fast unvernehmlich flüsterte: „…freiwillig gehen lassen werden.“
Und plötzlich war er wieder voll da. Sie sahen sich wieder an und Mr. Ligion fragte, was denn los sei, denn er sei so bleich. Da antwortete Wattson nur, er hätte fast nen’ Kotzanfall bekommen, weil der Kaffee so scheußlich schmecke, wobei er sich sofort für den Ausdruck entschuldigte.
Marce ließ die Gitter zu krachen und drehte den Schlüssel um abzuschließen. Das war die Ausnüchterungszelle und Alex hatte hier überhaupt nichts verloren schließlich hatte er nichts getan und schon gar nicht wollte er in dieser unbequemen Ausnüchterungszelle sitzen und trauern. Hätten sie ihm wenigstens eine nette, kleine, gemütliche Gefängniszelle gegeben die nur halbwegs normal war, wäre er damit dann auch schon zufrieden gewesen, aber nein, sie stecken ihn in diese kleine, drei mal drei Meter große Ausnüchterungszelle.
„Danke für Ihre Hilfe, Mr. Marce!“, rief Alex dem davon laufenden Polizisten hinterher und setzte sich dann auf einen kleinen Block aus Steine, der mit Schaumstoffgummi gesichert wurde. Auf dem Boden lagen Styroporplatten, die wohl vor der Kälte schützen sollten, die vom Boden aufstieg, allerdings funktionierte diese Idee wohl nichts völlig. Er dachte vage an einen Versuch hier auszubrechen, schlug sich dann aber diese Idee mit einer kleinen Notiz – dann werde ich noch verdächtiger – aus dem Kopf.
In der Wand stand eine Zahl. Alex musste erst die Augen zusammenkneifen, um sie richtig entziffern zu können:
666
Bestimmt hatte sie irgend so ein durchgeknallter Satanistentyp an die Wand gekritzelt, als er von der Polizei völlig besoffen in Gewahrsam genommen wurde. Es war langweilig und er war gerade mal erst fünf Minuten hier drin. Hier hatte man wohl Zeit über alles nachzudenken was man je in seinem Leben getan hat – oder noch tun wird. Alex war noch nie besoffen, geschweige denn von der Polizei inhaftiert worden. Er hatte keine Ahnung, wie es war, wenn man hier drinnen war und sich die Wände um einen herum drehten und man die ganze Zelle voll kotzte. Er wusste auch nicht wie es war, als Betrunkener auszurasten und sich in dieser Zelle wieder abzukühlen. Er war erst siebzehn und noch keine einundzwanzig. Er durfte noch nicht rauchen und schon gar nicht Alkohol trinken. Das wäre alles gegen das Gesetz. Aber dafür, dass er schon soviel mit seinen Freunden angestellt hatte, kam ihm diese Situation hier aberwitzig und beschissen vor. Er hatte schon mit großen Steinen Fensterscheiben eingeschmissen, leerstehende Häuser in Brand gesetzt und Läden beklaut, während ein paar Kollegen von ihm den Kassierer ablenkten. Wegen solchen Sachen wurde er noch nie eingebuchtet und auch noch nie erwischt und nun wurde er wegen etwas eingesperrt das, tausendmal schlimmer war als Brandstiftung, Diebstahl oder Sachbeschädigung – Mord. Dreifachmord.
Er lehnte sich mit dem Rücken an die kalte Fließwand. Was sollte er jetzt tun? Es gab keinen Ausweg. Alle seine Verwandten gab es nicht mehr. Beide Großmütter und Großväter waren gestorben (natürlicher Tod) und blutsverwandte Tanten hatte er nicht. Er hatte eine Patentante, leider wusste er nicht, in welchem Land sie gerade herumreiste. Normalerweise schrieb sie immer eine Karte im Abstand von einem Monat und da war dann schon wieder das nächste Problem. Die letzte Karte hatten sie vor zwei Wochen bekommen, was hieße, das er noch weitere zwei Wochen auf die Karte warten musste und noch eine längere Zeit auf seine Tante selbst, dass würde dann insgesamt, wenn er Glück hätte, was sehr selten war, drei Wochen dauern und innerhalb von drei Wochen wäre er hier drinnen schon längst verschimmelt.
Und wieder kam ihm der Gedanke an Ausbruch. Er schlich sich jedes Mal heimtückisch an und bohrte sich dann in das Zentrum seines Gehirns.
Ausbruch, Alex! Ausbruch, Ausbruch, Ausbruch…
Ja toll, Ausbruch! Und wie? Könnte mir das mal einer sagen. Vielleicht finde ich hier drein so etwas wie einen Ratgeber für frustrierte Inhaftierte die gerne Ausbrechen werden oder noch besser, ich frag den Aufseher ob er vielleicht gerade so ein Buch liest, na, wie wär’s? Ich kann’s mir schon ganz genau vorstellen, wie er reagieren wird. Er schließt dieses gottverdammte Gitter auf und kommt herein. Zieht ein Taschenbuch aus der Gesäßtasche, mit der Aufschrift Lernen sie das professionelle Ausbrechen und zieht dann seinen Knüppel und fängt an, auf mich einzuschlagen. Also die Idee mit dem Ausbruch ist wirklich schlecht. Ich hab für eine halbe Stunde kein Alibi. Also brauch ich ein Alibi. Vielleicht kann ich irgendjemanden schmieren oder so. Aber vielleicht kommen die ja selber drauf, das ich eine halbe Stunde von der Schule bis zu meinem Haus brauche. Und ich erzähl die Geschichte so, wie sie war, nur mit einer kleinen Änderung. Ich sag, dass ich den Killer meiner Eltern sah, wie er noch neben dem Bett saß und mit mir sprach. Dann stand er auf und ging einfach zur Tür hinaus, wie ein ganz gewöhnlicher Mensch und nicht wie eine schmelzende Kerze.
„Hey, Winters!“, rief die Wache plötzlich. „Hier ist Besuch für dich, sagt er sei ein Freund!“
Ich sah zur Wache, die mit einem Soll-ich-ihn-reinlassen-Blick zu mir sah. Ich nickte und stand auf, um zu den Gitterstäben zu gehen, an denen ich mich festhielt und durchlugte. Noch konnte ich niemanden sehen, doch dann kam jemand um die Ecke.
Dieser Mann… Er besaß so etwas wie eine Aura. Alex glaubte nicht an so etwas wie Auras oder so einen übersinnlichen Quatsch, aber anders konnte er es sich nicht erklären. Es war so, als würde diese Person ein unglaublich schwaches, wärmeerzeugendes Licht von sich geben. Ein Licht das zwar unsichtbar war, aber trotzdem existierte. Er konnte es zwar spüren, aber doch nicht glauben. Er trug einen schwarzen Sommerhut, dessen Krempe an den Seiten nur leicht nach oben geneigt war und vorne gerade verlief. Die schwarzen Lackschuhe (tock, tock, tock, tock) erzeugten einen angenehmen Ton auf dem Marmorboden und glänzten in der inzwischen nachmittäglichen Sonne. Er hatte eine ausdruckslose Miene und, soweit Alex es von seinem kleinen Gefängnis aus beurteilen konnte, blaue Augen. Er trug keinen Mantel, nicht einmal einen Pullover, nur ein weißes Armani Hemd und eine Wrangler Jeans. Alex hatte diesen Mann noch nie in seinem Leben gesehen. Ein Freund? Nein, niemals, er hatte keine Freunde die so durch die Gegend liefen. Und er hatte sowieso keine Freunde in seinem Alter. Er schätzte diesen Mann auf fünfunddreißig, womit er sich nur um ein einziges Jahr verschätzte, soweit ich weiß. Ich habe diesen Mann nie persönlich kennen gelernt. Ich kenne ihn nur aus Erzählungen von Alex und… Nein, dazu kommen wir später, es würde nichts bringen, Ihnen jetzt schon die Geheimnise zu verraten, die noch geschahen, im Laufe der Zeit. Alex saß da und schaute ihn an. Er war irgendwie von ihm angezogen worden. Er konnte seinen Blick einfach nicht abwenden und starr auf ihn einglotzen, als würde ein Haus in Flammen stehen und er einfach nur daneben stehen würde um zuzuschauen. Umso näher er kam, umso wärmer wurde es ihm, aber nicht temperaturmäßig. Es wurde ihm sozusagen warm ums Herz. Eine innere Wärme, die mit keiner Klimaanlage auf der Welt hätte gekühlt werden können.
Nun stand er vor ihm, und Alex’ Herz glühte förmlich. Er wollte etwas sagen, doch sein mund war so trocken, dass irgendwie seine Zunge an seinem Gaumen klebte. Man kann sich das vielleicht nicht vorstellen, aber glauben Sie mehr, das geht.
„Hallo, Alex“, sagte er. Zuerst wusste er nicht was er von dieser unglaublichen Stimme halten sollte, aber dann konnte er sich doch etwas daraus schließen, aber nur für sich selbst. Er hätte niemals geschworen, dass sich diese Stimme so anhörte, aber für ihn war es nun einmal so. Er hatte das Gefühl, ein Engel wäre aus glühend, weißem Licht zu ihm herabgestiegen und so eben ein Wort zu ihm gesprochen. Diese Stimme hörte sich an, wie von einem von Gott ausgesandten Engel. So sanft und so wohltuend. Als wäre sie direkt aus himmlischen Stimmbändern hervorgesprungen. Eine Stimme die so unmöglich zu beschreiben ist, dass nicht einmal ich vermag weiter darauf einzugehen. Und nun stand dieser Mann mit einer wärmenden Aura und einer Engelsstimme vor ihm sah zu ihm herab. Trotz seiner siebzehn Jahre war Alex relativ klein, aber Sie werden noch überrascht sein, was dieser kleine Siebzehnjährige alles zustande bringen konnte. Und endlich hatte sich seine Zunge wieder gelöst und er konnte wieder sprechen.
„Wer sind Sie?“ Seine Stimme klang zwar immer noch trocken und vor allem leise und gleichzeitig auch erstaunt, aber dieser Mann konnte sie trotzdem hören.
„Ich bin kein Engel, Alex, das ist wohl eins, was sicher ist“, antwortete er und ging in die Hocke, was dann auch Alex machte und so konnten sie sich in die Augen sehen. Alex brannte plötzlich eine Idee im Kopf, eine Frage, die er aber ungern stellen wollte, aber sich nicht traute, schließlich war er hier in einer kleinen Zelle eingesperrt und dieser Kerl mit der lieblichen Stimme konnte eine Waffe haben, mit der er Zielübungen an Alex durchführen konnte. Er hatte da so eine Vorahnung, dass dieser Kerl auf keinen Fall ein Mensch sein konnte, schließlich hatte er seine Gedanken gelesen. Alex wollte ihn fragen, ob er der Mann gewesen sei, der bei ihm zu Hause auf dem Sessel gesessen hatte und ihm diese kleine Lügengeschichte erzählt hatte. Und da war es schon passiert.
Alex hatte an diese Frage gedacht und dieser Mann konnte Gedanken lesen.
„Nein, bin ich nicht“, sagte er mit seiner lieblichen, angenehmen Stimme. „Dieser Mann, hat er zu dir gesagt, wer er ist?“
Und bevor Alex antworten konnte, kam ihm dieser Mann, der vorgab kein Engel zu sein, zuvor. „Nein, hat er nicht. Natürlich nicht, damit wartet er immer ab, bis kurz vor dem Ende.“
„Ende?“, fragte Alex verblüfft und immer noch ganz verwirrt.
„Das Ende, ja, klingt vielleicht ein bisschen theatralisch, aber ist leider so. Mann kann es nicht ändern.“
„Stimmt, man kann die Zukunft nicht verhindern, selbst wenn man in die Zukunft sehen oder reisen könnte.“
„Hast du meine Gedanken gelesen?“, fragte der Unbekannte.
Alex runzelte die Stirn und dachte darüber nach. Nein, dieser Satz ist ganz alleine seinem Gehirn entsprungen. Seinem eigenen.
„Nein, hast du nicht. Darf ich dir mal etwas über die Zukunft erzählen?“
Alex nickte.
„Die Zukunft, mein Freund, beinhaltet alles, was schon geschehen ist und geschehen wird und auch das was in diesem Moment geschieht. Man kann sie nicht verhindern, denn es ist schon in die Zukunft eingeplant, das man versuchen wird sie zu verhindern, schließlich weiß die Zukunft, was passieren wird. Die Zukunft ist die einzige Hellseherin, die die Wahrheit sagt und glaube mir, die ist nicht immer schön. Du wirst auch noch mit ihr sprechen, mein Junge, glaube mir.“
Mit ihr sprechen?
„Was meinen Sie, mit, mit ihr sprechen?“
„Na, das, was du darunter verstehst.“
„Meinen Sie, ich werde mit einem Gott oder so etwas sprechen?“
„Nein, ich meine, du wirst mit der Zukunft sprechen. Sie ist eine Schöpfung Gottes. Aber wie alles andere in der Welt des Fantastischen und Unantastbaren, wird auch sie irgendwann sterben und von jemand anderem abgelöst werden. Die Zukunft, mein Junge, ist nur ein Beruf für jemanden, der die Begabung dazu hat“, erklärte dieser Mann.
„Was meinen Sie mit der Welt des Fantastischen und Unantastbaren?“
„Ich meine, dass ich dir dies nicht erklären kann. Um es zu verstehen, geschweige denn glauben, muss man es gesehen haben. Allerdings, wird das noch eine ganze Weile dauern. Rechnen wir mal mit einem Jahr. Das dürfte ungefähr hinkommen und dann wirst auch du, die Köstlichkeiten dieser verborgenen Welt genießen können, vorausgesetzt, du willst es und aus deinem Blick spricht Neugierde und Neugierde ist das beste, was du in diesem Moment empfinden kannst, mein Junge.“
„Sie meinen das doch jetzt nicht wirklich ernst, oder, Sir?“
„Und wie ernst ich das meine.“ Er hob die hand und berührte das Schloss des Gitters. Es klickte laut und er zog mit der rechten Hand die schweren Metallstäbe beiseite. „Wir müssen von hier verschwinden, bevor er kommt.“
„oh, ich glaub der Wachtmeister ist gerade auf die Toilette gegangen, hatte wohl ziemlichen Druck auf der Blase.
Sie haben mir immer noch nicht erzählt, wer Sie sind. Wie heißen Sie?“
„Ich habe viele Namen, aber auch gleichzeitig wieder keinen. Nenn mich wie du willst.“
Er überlegte und kam dann zu dem Schluss, dass er ihn auf den Namen Raphael taufen wollte. Er hatte im Moment keine Lust sich einen Nachnamen auszudenken.
„Raphael. Ist der in Ordnung?“
„Perfekt“, sagte der Mann, der von nun an Raphael heißen sollte, mit seiner lieblichen Stimme.
Normalerweise würde ich dieses Kapitel nun beenden, aber sie hatten erst die Freiheit errungen und noch nicht einmal das vollständig. Sie waren noch nicht in Sicherheit.
Ein Satz schoss Alex plötzlich in den Kopf. Er versuchte ihn wieder zu verdrängen, aber er sah nun wieder das Bild vor sich, als er in das Schlafzimmer seiner Eltern trat und dort seine tote Mutter auf dem Bett sah. Neben ihr ein ihm unbekannter Mann und im Schrank sein toter Vater. Und über dem Bett in Blut die Worte Denn Ich Bin Viele an die Wand gekritzelt.
Sie gingen den Gang entlang, den auch Marce mit ihm entlanggegangen war. Alex Turnschuhe quietschten ununterbrochen auf dem glänzenden Boden, während Raphaels Schuhe ein ständiges tock, tock, tock von sich gaben. Da vorne war das Tor durch das sie mussten, bei dem nun kein Wächter stand und Wache hielt, der war zu diesem Zeitpunkt auf der Toilette, es ist nie ein Polizist in der Nähe wenn man mal einen brauchte, aber wenn man mal was anstellt, stehen sie sofort vor oder hinter einem. Alex sah zu Raphael auf, der neben ihm her lief und wie glorreicher, strahlender Held wirkte. Alex befürchtete schon dass das Tor verschlossen sei und behielt Recht.
Sie hatten nicht mehr viel Zeit, seit der dickliche Polizist aufs Klo gegangen war um seine Blase zu entleeren, waren inzwischen schon zwei Minuten vergangen und dieser Mann hatte bestimmt keine Elefantenblase.
Nun standen sie vor dem verschlossenen Stahltor und keiner von ihnen sprach ein Wort. Alex blieb still, weil er Raphael nicht stören wollte, vielleicht musste er sich konzentrieren. Und da konnte Alex es sehen. Der Türgriff der Toilette vibrierte zuerst und wurde dann nach unten gedrückt und heraus kam nicht der dickliche Polizist, der hier neben dem Tor am Schreibtisch saß, Kaffee trank und Donuts in sich rein schaufelte, heraus kam dieser unheimliche, geheimnisvolle Mann – Mr. Ligion.
Er konnte noch hören wie Raphael ganz leise Scheiße flüsterte und dann kurz und sanft mit dem Daumen und dem Mittelfinger der rechten Hand schnippte, worauf ein komisches, übelkeitserregendes Gefühl sich in seinem Magen ausbreitete. Er hatte nicht bemerkt dass Raphael ganz sanft an seine Schulter gefasst hatte und nun eine seelische oder auf Mentalität basierende Verbindung zustande gekommen war. Er hatte nicht den blassesten Schimmer, was da eben mit ihm und Raphael geschehen war, das einzige was er wusste, war, das eine Verbindung zwischen ihnen bestand.
Wie ein Hund stand Ligion vor der WC-Tür und streckte die Nase in die Luft. Er schnüffelte und wäre er ein Hund, hätten sich jetzt seine Lefzen nach oben gezogen. Was Alex da sah, war das erste Unglaubliche, was er je in seinem Leben gesehen hatte. Aber dies war noch lange nicht das Unglaublichste. Glauben Sie mir.
Wie Ligion so da stand, hatte er verblüffende Ähnlichkeit mit einem Hund. Aber die beiden wussten ja gar nicht, dass er keinen Hund darstellte, sondern ein aus den tiefsten Tiefen geborenes Monster, das nur eine Ähnlichkeit mit einem Hund hatte.
Ligion warf mit einer ruckartigen Bewegung den hautfarbenen Mantel von seinen Schultern. Er kniete sich hin und begann auf allen vier Gliedmaßen zu gehen. Er schnüffelte am Boden.
Und da… Er schien sich zu verändern. Zuerst nur ganz langsam und fast unmerklich, aber dann konnte auch Alex es erkennen. Seine Haare wurden grau und kürzer. Sie breiteten sich aus. Zuerst auf seinem Nacken und dann auch auf der Stirn und auf dem Rest des Gesichts. Seine Augen verengten sich zu Schlitzen und wurden rot. Die Iris verschwand und zurück blieb eine vollkommen schwarze Pupille, die sich auf dem weißen Gallert des Auges ausbreitete. Die Nase verschwand im wuscheligen Fell des Ungetüms. Die Kleidung wurde von seinem Körper gerissen, wahrscheinlich durch zuviel Druck, da dieses Ding immer und immer größer wurde. An den Beinen war noch nicht alles mit Fell bedeckt. An den wenigen kahlen Stellen traten die Adern wie Stöcke unter einem Seidentuch hervor, woraufhin sie sofort von wuscheligem, schwarzgrauem Fell überdeckt wurden.
Alex konnte sich nicht helfen, aber zwischen der Angst und der Verwirrung geisterte ein Satz in seinem Kopf umher: Gebt ihm Morphium! Gebt ihm Morphium! Gebt ihm Morphium! GEBT IHM MORPHIUM!
Und da stand es nun, ein wolfsähnliches Wesen, das Alex noch in keinem Naturwissenschaftsbuch gesehen hatte. Vielleicht stammte es ja aus irgendeinem Horrorfilm den Alex im Kino verpasst hatte, aber er glaubte es nicht. Er hatte jede Menge Horrorfilme mit Werwölfen und Vampiren und so ´nem Quatsch gesehen, aber so etwas ist noch nie darin vorgekommen.
Erst jetzt kam ihm der Gedanke, das er in, wie im Büro von Wattson, in seiner Ausnüchterungszelle eingeschlafen sein könnte und er dies alles nur träumte, aber dies war so real. Es war real und gleichzeitig irrational. Für menschliches Gehirn viel zu komplex.
Gebt ihm Morphium! Es hört nicht auf zu wachsen.
Wie wahr. Es fand einfach kein Ende. Hatte das auch die Zukunft mit eingeplant, dass er von einem riesigen Monstrum, das aussah wie ein überdimensionaler Wolf, gefressen werden sollte. Nein, das vermutete er nicht. Es war albern Vermutungen anzustellen in einer so irrationalen Situation wie dieser. Schließlich stand da ein fast fünf Meter langer Wolf. Nein, es war kein Wolf. Es war überhaupt kein Tier. Tiere haben nicht diesen unheimlichen Blick und schon gar nicht solche roten Teufelsaugen. Nein, dies war eine Ausgeburt der Hölle. Vielleicht ist es auf irgendeinem Planten in einem anderen Universum gestorben und wurde von der Hölle wieder hierher ausgespuckt.
Und da war er kurz davor in Ohnmacht zu fallen. Er schwankte nach hinten, wobei sich Raphaels Hand von seiner Schulter löste, fasste sich allerdings noch rechtzeitig, bevor er auf dem Boden wie ein Brett hinschlagen konnte. Dieses Ding überstieg seine Vorstellungskraft und sein menschliches Denken.
Raphael warf den Kopf herum sah ihn an.
„Scheiße“, sagte er ruhig und immer noch mit einer lieblichen Stimme, die von einem Engel stammen musste.
Das Monster sah von dem Boden auf, den es beschnüffelt hatte und funkelte die beiden an. Für es mussten sie zwei saftige Steaks gewesen sein, aber das kann keiner sagen.
Und da standen sie nun, völlig hilflos und vor allem, und das war am schlimmsten, unbewaffnet. Alex hatte die Gewissheit zu sterben.
Folgendes passierte so schnell, das Alex fast den Verstand verlor, vor Angst und Aufregung.
Raphael rannte zum Tor, das Wesen stieß sich mit beiden Hinterpfoten ab und sprang bis vor Alex Füße. Es öffnete das Maul und wollte zuschnappen, doch Raphael war irgendwie mit Blitzgeschwindigkeit zu ihm gekommen und hatte ihn weggezogen, womit das Wesen nur um vier oder fünf Zentimeter Alex’ rechten Arm verfehlte und an ihm vorbei sprang. Es landete auf allen vieren, schlidderte allerdings auf dem glänzenden Boden und krachte gegen die Wand neben der Ausnüchterungszelle. Was einen lauten, dumpfen Ton erzeugte. Raphael schwang seine Hand über das Schloss des Tors und öffnete es. Das Wesen kam angerannt und schlidderte wieder über den Boden, biss sich allerdings an der Kannte fest und schleuderte sich somit gegen die Wand neben dem rettenden Tor. Alex schloss hinter sich das Stahltor und Raphael vollführte noch einmal seinen Zaubertrick, kurz bevor das Monster gegen den Stahl krachte und eine kleine Biegung hineinbekam. Alex meinte etwas knacken zu hören, vielleicht war ein Knochen gebrochen oder so etwas in der Richtung. Er hatte keine Ahnung und wollte es ehrlich gesagt gar nicht herausfinden.
Sie machten keinen Halt, sondern liefen direkt durch den langen, schlecht beleuchteten Gang. Weit und breit war niemand zu sehen. Normalerweise wimmelte es in einem Polizeipräsidium nur so von Polizisten, aber heute anscheinend nicht. Keiner war ihnen im Weg und das war auch gut so. Er hatte keine Lust irgendwelche schwachsinnigen Fragen zu beantworten. Als sie um die nächste Ecke gebogen Waren, wurde Raphael etwas langsamer und ging wieder normal. Es war nicht gerade klug, wenn man hier herumrannte, dann wurde man nur noch eher unters Kreuzverhör genommen. Sie kamen an Wattsons Büro vorbei. Es war leer, stand aber trotzdem offen.
„Irgendwas ist hier sehr faul“, sagte Raphael. Er hatte sich sein Hemd nicht in die Hose gesteckt und beim schnellen Laufen wehte es quasi hinter ihm her.
Alex spürte da auch so etwas. Eine gewisse Vorahnung schlummerte in ihm. Er konnte aber nicht sagen was es war. Noch nicht.
Und dann kamen sie in die große Vorhalle. Dort waren sie alle.
Nein, sie tranken keinen Kaffee, aßen keine Donuts und unterhielten sich auch nicht über irgendwelche Vermisstenanzeigen, Mordfälle oder Indizien. Sie waren da alle. Auf einem riesigen Berg lagen sie alle. Dem einen fehlte ein Fuß, dem anderen eine Hand. Knochen ragten hervor, um die eine dünne rote Blutschicht gezogen war. Es stank nach Tod und Anfangsstadien der Verwesung. Es war, als befänden sie sich in einem Leichenhaus, nur das es hier nicht nach allen möglichen Chemikalien roch. Es war der Schauplatz des Horrors. Ein ganzes Polizeipräsidium war niedergemetzelt worden und keiner war mehr da, der ihnen helfen hätte können. Niemand. Alle waren sie tot. Sogar Mr. Wattson und Mr. Marce lagen auf diesem Stapel. Aus Wattsons Kopf hing ein Auge, es hielt sich nur noch an einem hauchdünnen Sehnerv, ein starker Luftzug hätte ausgereicht und es wäre hinuntergeflutscht.
„Komm“, sagte Raphael und packte Alex am Oberarm. Sie verschwanden durch den Haupteingang und kamen auf die Aniston Street, die wie leergefegt schien. Nur ein alter Obdachloser lag auf einer Bank mit einer Whiskyflasche in der Hand und Zeitungen unter seinem Hintern. „Wir gehen am besten erst einmal in mein Hotelzimmer und überlegen dann, was wir unternehmen werden.“
Es war ein prachtvolles Hotel. Aber selbst diese Prächtigkeit, konnte das Bild dieses Fleischhaufens nicht aus Alex’ Kopf verbannen. Vielleicht sah Raphael es jeden Tag oder hat so etwas auch zum ersten Mal gesehen, aber er ließ sich kein Ekel, Schrecken oder Mitgefühl anmerken. Er ließ sich überhaupt nichts anmerken. Alex konnte nichts von seinem Gesichtsausdruck ablesen und aus seinen Augen auch nicht.
Seine Mutter hatte ihm früher immer eingebläut er solle nicht mit fremden Männern mitgehen… und was tat er nun? Der einzige Mensch den er mehr oder weniger kannte war ein Fremder. Und dieser Fremde hatte ihm das Leben gerettet. Allerdings glaubte Alex, das ein Fremder kein Fremder mehr sei, wenn dieser Fremde einem das Leben vor einem riesigen Monstrum gerettet hatte. Er wusste aber praktisch nichts über diesen Mann. Das einzige was er wusste war, dass er kein Engel war, sich aber wie einer anhörte und verhielt und er wusste, dass er viele, aber auch gleichzeitig keinen Namen hatte. Das war wohl dann als nichts zu bezeichnen.
Das Hotel in dem er ein Zimmer gemietet hatte, trug den Namen Glamour. Wie die Disco, in der Alex meistens mit Freunden, die er nun nicht mehr hatte, die Sau raus ließ. Sie gingen in den Aufzug und ließen sich in die sechzehnte Etage befördern. Der Boden war mit roten Teppichen ausgelegt. An jedem Fenster standen ein Tisch, zwei Stühle und eine wunderschöne, antik wirkende Vase mit wunderschönen Rosen. Dieses Hotel war wohl das einzige Fantastische in dieser Welt, wie es Alex schien. Er kannte dieses Hotel hier nicht. Aber es war wunderschön, soviel wusste er.
Raphaels Zimmernummer war 1645. Er öffnete die Tür (diesmal mit dem Schlüssel) und trat ein. Es war ein Doppelzimmer mit getrennten Betten und einem Balkon, von dem aus man eine wunderbare Aussicht auf die Stadt hatte. Als Alex zum ersten Mal diesen Balkon betreten hatte, dachte er: Wow, ich glaub ich kann fliegen!
Raphael hatte aus einem kleinen Kühlschrank eine Flasche Cola genommen und auf den einzigen Tisch im Raum gestellt. Das war wohl das einzige nicht alkoholische Getränk in der Bar. Und die Cola war wahrscheinlich nur zum Mixen da rein gestellt worden. Er nahm zwei Gläser aus einem der zwei Schränke, die sich hier drinnen befanden und setzte sich zu Alex an den Tisch. Er öffnete mit einem Zischen die Flasche und füllte beide Gläser, stellte die geschlossene Flasche auf den Tisch und legte die Hände auf seinen Schoß.
„Du musst durstig sein“, sagte er und sah Alex dabei eindringlich an.
Er nickte und nahm das ganze Glas in einem Zug. Er war immer noch verblüfft von der unglaublichen Schönheit dieses Hotels, konnte nicht glauben dass er hier übernachten wird. Das war besser als mal zwischendurch eine Nacht bei einem Freund zu verbringen, bei denen man meistens sowieso fast keinen Schlaf bekam, nur fernsehen und Karten spielen.
Das war alles wie ein böser und gleichzeitig wunderschöner Traum. Er konnte sich nicht entscheiden, ob er aufwachen wollte oder noch ein wenig in diesem Traum verweilen sollte.
„Sind wir hier in Sicherheit?“, fragte Alex misstrauisch und sah dabei Raphael in die Augen. Dabei fiel ihm auf, dass er keine blauen Augen hatte. Es war auch kein grün oder braun. Es war, als konnten sich seine Augen nicht für eine Farbe entscheiden und wechselten sie die ganze Zeit. Von blau zu grün, von grün zu braun, von braun zu schwarz und von schwarz zu weiß und wieder von vorne.
„Nun ja, ich habe einen Bannzauber verwendet und ein Sicherheitssymbol unter unsere Betten gezeichnet und dann habe ich unter dem Balkon ein Kruzifix befestigt, ich denke mal, dass wir in Sicherheit sind. Zumindest zeitweise.“
„Zeitweise? Wie lange genau?“
„Na ja, auf jeden Fall die ganze Nacht.“
„Gut. Was war das vorhin?“
Er klang wie ein kleiner elfjähriger Junge, der von Nichts eine Ahnung hatte und begierig auf Wissen war. Er fragte wie ein kleiner elfjähriger Junge seine Mutter fragen würde, was denn ein Bagger für eine Funktion hatte.
„Das was du da gesehen hast, war noch nichts im Vergleich zu dem, was du noch sehen wirst.“
Er war der Frage perfekt ausgewichen.
Im Klartext: Wir wissen es nicht.
„War es von hier?“
„Was meinst du damit? Meinst du von dieser Erde?“, fragte Raphael.
Alex nickte.
„Nun ja, im Grunde genommen schon. Aber dennoch nicht. Es stammt von einer Parallelwelt, die noch nicht viele der menschlichen Rasse erblickt haben.“
„Und wir werden dort hinkommen, oder wie?“ Er klang ungläubig.
Raphael zog eine Augenbraue hoch und nickte. Das kann doch nur ein Traum sein, sagte sich Alex und sah weiter in Raphaels Augen, die ständig ihre Farbe wechselten. Er schenkte sich noch ein Glas Cola ein und bemerkte, dass Raphael noch nicht einmal an seinem Glas genippt hatte. Er hätte doch genau so durstig sein müssen wie Alex. Aber er trank nicht. Keinen einzigen Schluck.
„Okay, und jetzt mal eine andere, völlig unbedeutende Frage: Wie kommen wir dahin?“
„Von Zeit zu Zeit öffnen sich an verschiedenen Orten in dieser Welt Portale. Zurzeit müsste sich ein offenes Tor in der Ukraine befinden. Um genauer zu sein in Kyyiv. Aber noch genauer will ich nicht werden, du weißt ja gar nicht, wie schwer es ist, die ganzen Straßennamen auszusprechen. Jedenfalls werden wir warten, bis sich das Tor hier öffnet. Nicht genau hier, aber immerhin näher. Auf das nächste Tor hier müssten wir noch ungefähr drei Jahre warten. Wir werden nach Arizona, Phoenix fahren und dort wird unser Tor sein.“
„Von Santa Ana nach Phoenix. Oh man, du musst verrückt sein. Und wann wird es sich öffnen?“
„Vier Tage.“
Vier Tage. Oh man, oh man. Innerhalb einer Woche sehe ich einen Mann der sich auf einem Sessel in Kerzenwachs verwandelt, finde meine Eltern tot auf, komm in den Knast und lerne einen komischen Typen kennen und dann werde ich auch noch nach Phoenix fahren und ne fremde Welt betreten. Witzig, aber wahr. Witzig? Nichts war witzig. Ein neuer Schwall von Trauer überkam ihn. Sie sollten 475 Kilometer Luftlinie innerhalb von vier Tagen zurücklegen? Ohne Auto? Und dann noch eine Nacht in diesem Luxushotel verbringen?
Dieser Mann hat wirklich nicht mehr alle Tassen im Schrank, aber gut, soll er nur machen. Wir werden das Tor verpassen und er wird sehen, wohin das alles führt.
„Woher weißt du, wo diese Tore sich öffnen?“, fragte Alex neugierig.
„Ich habe eine…“, er kramte in seiner Jeanshosentasche rum und nahm einen Zettel heraus. „Ich habe eine Liste. Frau Zukunft hat mir die Liste gegeben.“
Er legte sie auf den Tisch und entfaltete sie.
Alex las:
19.06.2002/Ukraine, Kyyiv
23.06.2002/Arizona, Phoenix
27.06.2002/Deutschland, Berlin
31.06.2002/Tunesien, Lorzot
35.06.2002/Marokko, Quarzazate
Die Liste ging noch weiter, bis 22.02.2003, aber das genügte Alex schon. Falls sie das Tor in Arizona verpassten, mussten sie wohl das in Deutschland verwenden, was allerdings eine noch weitere Reise beanspruchte.
„Werden wir es in vier Tagen bis nach Phoenix schaffen?“, fragte Alex misstrauisch.
„Sicher.“
Sicher. Wie sicher verdammt? Ich fahr doch nicht bis nach Phoenix, nur um dann wieder umzukehren, wenn dort nicht das ist, was er vermutet.
„Und wie wollen wir das anstellen?“
„Lass dich überraschen und sei doch nicht so neugierig.“ Seine Stimme klang immer noch lieblich wie die eines Engels.
Was ist er…? Was ist…?
„Wir gehen jetzt besser schlafen. Du musst fit sein, für morgen. Dein Bett ist in dem Zimmer nebenan, wenn es dir nichts ausmacht. Ich bevorzuge dieses Zimmer.“
„Natürlich“, antwortete Alex, trank sein Glas aus und stand auf um in sein Zimmer nebenan zu gehen.
Dort stand ein riesiges Bett und zwei Kerzen brannten. Ein großes Fenster befand sich neben dem Bett, mit dem man einen wunderbaren Panorama Blick auf die Stadt hatte. Er zog seine Sportjacke aus und warf sie neben dem Bett auf den Boden. Dann ließ er sich einfach fallen und landete in einem Meer aus Kissen und Decken, die weich wie Seide waren. Er konnte hören, wie Raphael den Balkon öffnete, dann war es still.
Er begann einzuschlafen.
Er träumte.
Er träumte sehr schlecht.
Bevor er einschlief, sah er noch einmal das Bild des hässlichen, wolfsähnlichen Wesens vor sich und driftete dann langsam in den Schlaf.
Parallelwelt
Alex erwachte schweißgebadet aus einem schrecklichen Alptraum. Er hatte von diesem Wolfswesen und seinen toten Eltern geträumt. Er hatte geträumt, wie seine Eltern auf dem Bett lagen, mit Blut am ganzen Leib beschmiert, und dieses Ding immer und immer wieder seine Schnauze in Christina Winters’ Bauch rammte. Er hatte gesehen, wie es große Fleischfetzen herausriss und kaute, wobei ein saftiges, schmatzendes Geräusch entstand. Alex hatte nur dagestanden und von der Türe aus zugeschaut, als dieses Monster den Kopf herum warf und ihn wie ein saftiges Steak ansah. Aus seinen Augen sprach Hunger… Und vor allem Mordlust. Es setzte eine Pfote vor die andere. Bei jedem Schritt traten die scharfen, zerfleischenden Krallen hervor, die wie Messer in der Mittagssonne glänzten. Es sprang auf ihn zu und-
In diesem Moment war er aufgewacht. Er saß auf seinem Bett und rieb sich mit der linken Hand über die verschwitzte Stirn. Er musste auf jeden Fall duschen, bevor sie sich auf den Weg machten, er wollte nicht stinkend nach Arizona fahren, schließlich hatte er immer noch so etwas wie einen menschlichen Stolz, den jeder mit sich rumschleppt.
Es war schon hell. Die Sonne stand schon weit über dem Horizont und die Autodächer glänzten. Er ging zum Fenster und sah hinaus. Im grellen Tageslicht sah alles nicht mehr so schön und wunderbar aus wie in der nächtlichen Ruhe. Es war alles so unglamourös wie immer und selbst diese Aussicht konnte nichts daran ändern.
Wieder ein ganz normaler Tag, aber hey! Das Leben geht weiter!
Hoffentlich, er hatte überhaupt keine Lust an diesem Tag drauf zu gehen. Er entfernte sich von dem Fenster und bemerkte erst jetzt, dass er gestern so hundemüde gewesen sein musste, dass er sich mit all seinen Klamotten außer der Jacke ins Bett gelegt hatte. Normalerweise fand er das immer sau unbequem, aber in dieser Nacht hatte es ihn nicht gestört. Er ging durch die Tür in den anderen Raum, in dem sie gestern gesessen, Cola getrunken und sich unterhalten hatten. Raphael saß immer noch wie gestern am gleichen Platz und sah aus dem Fenster.
Hat der nen inneren Wecker oder so was in der Art?
Er war auch schließlich kein Mensch und auch nicht von hier.
„Guten Morgen, Alex“, sagte er völlig ruhig und wach.
Der hat sich schon mindestens drei oder vier Kaffee reingezogen, dachte Alex und verzog sich wieder in sein Zimmer.
Er streifte sich das T-Shirt ab und zog die Hose aus. Sie stanken. Alles stank, selbst seine Boxershorts stanken. Fürchterlich so ein Geruch. Er konnte es nicht leiden, wenn er stank. Er wollte die frischeste Brise in Person sein. Schon immer.
Er schlich barfuss förmlich ins Badezimmer und stellte sich erst einmal für eine halbe Stunde unter die Dusche. Und er konnte schon beinahe das schwarze Wasser sehen, das an ihm hinunterlief, wie dicke Tränen.
Raphael hatte kein einziges Wort an diesem Morgen gesprochen. Es war, als hätte er einen Tennisball verschluckt. Alex hatte im Badezimmer ein Parfum gefunden und seine gesamte Kleidung damit eingesprüht, Socken, Boxershorts, Hose, T-Shirt und Sportjacke.
Das war so ziemlich das einzige, was er besaß. Vielleicht hätte er noch etwas Geld von seinen Eltern nehmen sollen, die es in einem kleinen Schmucketui aufbewahrten, Rolle für Rolle. In jeder Rolle steckten schätzungsweise tausend Dollar und die hätte Alex nun gebrauchen können und noch einen kleinen Bonus oben drauf.
Er ging wieder zu Raphael und setzte sich an den Tisch. Erst jetzt bemerkte er, dass hinter ihm eine schwarze Quarzuhr hing, die leise vor sich hin tickte. 17:02 Uhr konnte er von ihr ablesen.
Zwei nach fünf! Habe ich so lange geschlafen? Verdammt, wir müssen los. Wir werden es niemals rechtzeitig schaffen.
„Äh, nur mal so nebenbei, wann hast du eigentlich die Abreise geplant?“, fragte Alex.
„So gegen zweiundzwanzig Uhr. Punkt zweiundzwanzig Uhr. Dann haben wir noch etwas Zeit in Phoenix, um uns die Stadt anzuschauen, vielleicht. Ich habe noch nicht sehr viel von dieser Welt gesehen, die meiste Zeit die ich hier verbrachte, war ich auf der Suche nach dir.“
„Du warst auf der Suche nach mir?“
„Natürlich. Ich musste dich doch finden, bevor Legions Anhänger Ligion gefunden hätte, sonst würdest du jetzt nicht kerngesund hier sitzen und mit mir quasseln.“
„Moment mal, davon hast du mir gestern aber nichts erzählt. Wer ist denn dieser Legion überhaupt, ich kenne ihn doch gar nicht. Was hab ich ihm denn gemacht?“
„Legion, der erste, der mit dem Teufel in Verbindung kam, auf thelepatischer und mentaler Ebene meine ich. Er wurde von der Hölle, sozusagen, wieder ausgespuckt. Er hat das alles geschaffen, das Reich der Finsternis, das einen Großteil unseres Universums einnimmt. Überall, wo es dunkel und kalt ist. Du darfst solche Todeszonen nie betreten. Verstehst du mich? Hast du das verstanden?!“ Zum ersten Mal seit sie sich im Gefängnis begegnet sind, war er lauter geworden und dabei hatte sich seine Stimme nicht mehr lieblich und wohltuend angehört, eher erschreckend und zerstörerisch. Alex war vor ihm zurückgewichen und starrte ihn nun mit großen Augen an.
„Um zehn?“, fragte er.
„Ja“, antwortete Raphael wieder mit seiner Engelsstimme.
Der Abend rückte näher und sie saßen immer noch in diesem luxuriösen Hotelzimmer, allerdings hatte es inzwischen etwas an seinem Glanz verloren. Es schien irgendwie düsterer geworden zu sein und nicht mehr so hell erleuchtet. Aller Kerzen waren abgebrand. Gegen halb neun bestellte Raphael etwas zu essen nach oben und Alex hatte gar nicht geahnt, was es war. Eine riesige Ganz auf einem silbernen Tablett serviert und drum herum Gemüse, eine Suppe als Vorspeise und eine Banane als Nachtisch. Das Wasser lief ihm schon im Mund zusammen als Raphael ihm sagte, er solle reinhauen. Diesen Befehl befolgte er mit größter Freude. Erst jetzt war ihm aufgefallen, dass er an diesem Tag noch überhaupt nichts gegessen hatte. Nur einen Orangensaft heute morgen. Es schmeckte vorzüglich. Aber Raphael wollte nicht, so oft Alex es ihm auch anbot. Hatte er so viel Geld bei sich, um dies alles zu bezahlen? Er sah zumindest nicht so aus. Aber darum hatte er sich jetzt nicht zu kümmern. Er stopfte sich mandarinengroße Stücke der Gans in den Mund und schluckte sie, nachdem er ein bisschen lustlos darauf herumgekaut hatte. Es war ihm egal, ob er an so einem Stückchen ersticken würde, er hatte so einen Hunger, dass konnte er sich selbst gar nicht vorstellen. Er hätte nie gedacht, dass er an einem Tag einmal so viel essen könnte.
Ein Stückchen Gans, Knochen, eine halbe Banane und ein letzter Löffel Suppe blieben danach noch übrig. Er hatte fast das gesamte Menü für drei Personen verschlungen und hatte immer noch Appetit. Aber es passte kein Bissen mehr in seinen Magen.
Ich bin so voll
Und das ist toll.
Nachdem er sich mit der Servierte den Mund abgewischt hatte, sagte Raphael: „Ich war heute Nacht unterwegs und habe uns angemessene Kleidung besorgt.“
„Angemessene Kleidung?“, fragte Alex und sah ihn mit einer hochgezogenen Augenbraue an.
„Sicher. Dort wo wir hingehen werden wird es sehr kalt sein. Zumindest für einen Monat. Wir müssen den größten Teil der Strecke zu Fuß zurücklegen und das wird kein Zuckerschlecken werden, glaub mir.“ Er ging zum Kleiderschrank und legte beide Hände auf die Griffe. Ein übelkeitserregendes Gefühl breitete sich in Alex’ Bauch wieder aus. Er musste an den Schrank denken, den er vor zwei Tagen geöffnet hatte und ihm ein abgeschnittener Kopf entgegen gerollt war. Das war kein schöner Anblick gewesen.
Raphael öffnete den Schrank und ein Ärmel eines dicken Pelzmantels schwang heraus. Es sah aus wie die vage Hand eines Serienkillers. Wie eine Silhouette im schummrigen Mondlicht. Ein Bild aus einem Alptraum oder Horrorfilm. Am Ende des Ärmels säumte eine Art Kunstpelz und wärmte somit die Handgelenke. Der Kragen war ebenfalls mit Kunstpelz gesäumt. Neben der Jacke im Schrank, lagen am Boden zwei Paar Handschuhe aus Leder, schwarz. Die schwarzen Lederhandschuhe des Killers von Santa Monica.
„Ich wusste deine Größe nicht genau, probier ihn doch mal an, damit ich eine andere Größe holen kann, wenn er dir nicht passt“, sagte Raphael und brach somit das Schweigen. Alex wusste es nicht, aber er war darüber erstaunt, wie leise dieser Mann mit der lieblichen Engelsstimme aus dieser Penthouse Wohnung schleichen konnte. Normalerweise erwachte er immer bei dem kleinsten und leisesten Geräusch. Wenn eine Türe zugeschlossen oder gar aufgeschlossen werden würde, könnte er es im Schlaf hören und er würde aufwachen. Aber heute Nacht musste er wie ein Murmeltier geschlafen haben. Er hatte zwar geduscht und sich angezogen, seine Haare waren aber immer noch durcheinander gewuschelt und kreuz und quer in alle Richtungen stehend.
„Ich geh mich erst mal kämmen, sonst bekommen die Menschen auf den Straßen ja Angst vor mir“, erwähnte er und machte sich davon um ins Bad zu gehen.
„Du brauchst dich eigentlich gar nicht kämmen. Ich habe Wintermützen gekauft!“, rief ihm Raphael hinterher.
„Es ist aber Sommer und wie sieht das denn aus, wenn ich mit Skimütze durch die Straßen laufe?“
Raphael zuckte die Achseln und schloss den Schrank wieder.
Er sah sich im Spiegel. Er sah elendig aus. Dicke, dunkle Ringe zeichneten sich unter seinen Augen ab, es waren neue Pickel entstanden und ein Popel hing ihm aus der Nase, den er sofort mit dem Zeigefinger entfernte und ins Spülbecken warf. Hässlich solche Popel. Sein Gesicht hatte sich in letzter Zeit verändert. Es hatte begonnen ein Bart zu wachsen, er sah älter aus und wurde so langsam zu einem Mann. Zu einer Respektsperson. Aber nein, da war etwas. Sein Gesicht veränderte sich. Schnell. Er wurde nicht zu einem Mann. Er…
Eine Zyste quoll an seiner Stirn hervor.
Was zum Geier ist denn das?
Er erschrak und wollte sich umdrehen, krachte dabei aber gegen die Duschwand, genau mit der Stirn. Er konnte ein schmatzendes Geräusch hören und knallte dann auf den Boden. Er raffte sich auf und legte die Hand an den Rand des Spülbeckens, um sich nach oben zu ziehen. Da war er wieder, im Spiegel. Sein jugendlich männliches Gesicht. Das Geschwulst war aufgeplatzt und ein grüngrauer Eiter sickerte heraus. Es war ein ekliger, schleimiger Rinnsal, der in Richtung Nase nach unten floss. Weitere Zysten bildeten sich auf seinem gesamten Gesicht. Alle pochten sie. Es sah so aus, als würde sich etwas Lebendiges in ihnen bewegen, wie kleine Fliegenlarven unter dem Wasser. Aus dem bereits aufgeplatzten kroch etwas. Ein kleines, lebendiges Etwas.
Mit einem einzigen, winzigen glotzenden Auge starrte es in den Spiegel und rührte sich kein bisschen, genau wie Alex. Es sah aus wie ein Wurm mit einem kleinen menschlichen Auge.
Jetzt wusste es Alex. Es waren keine Würmer. Es waren einfach nur Augen. Das was wie der hintere Teil eines Wurmes aussah, waren die Sehnerven, nichts anderes. Aber wie waren diese verdammten Würmer in seinen Kopf hineingeraten?
Es machte ihn irre. Panik breitete sich in ihm aus und ein Drang, sich seinen Kopf gegen das Spülbecken zu donnern.
Verschwindet aus meinem Kopf! Verschwindet doch endlich! Ihr gottverdammten Viecher, es ist mein Kopf, meiner!
Er tastete mit der rechten Hand nach der bereits geplatzten Zyste und konnte spüren, wie es sich bewegte, sich wand und schlängelte. Eine weitere der Blasen platzte. Fletsch! Und ein wenig der grüngrauen Masse spritzte an den Spiegel. Alex packte das kleine Auge und zog es aus seiner Höhle. Er riss es heraus und warf es in das Becken. Er empfand einen hässlichen schmerz, tief in seinem Kopf und als er sah, wie lang der Wurm tatsächlich war, wunderte es ihn nicht einmal. Der Sehnerv hatte ungefähr die Länge eines Bleistifts. Dieses kleine Monster musste mit seinem Kopf verbunden gewesen sein. Wie ein blutiger Faden mit einem Nadelkopf am Ende lag es im Waschbecken und wand sich noch einige Sekunden, bis es dann starb oder sich einfach nicht mehr regte.
Aus drei der vielen Zysten in seinem Gesicht (es waren inzwischen schon über ein dutzend) lugten diese einäugigen Monster hervor und starrten in den Spiegel.
Oh mein Gott, oh mein Gott, oh mein Gott, sagte er sich immer und immer wieder. Wie konnte er nur in eine so saudämliche Situation geraten. Wieso denn er? Das fragte sich wohl jeder, der in so eine Situation geraten war. Aber er auch. Und das wollte er nun wissen. Wieso er?
Hinter seinem rechten Auge kribbelte es plötzlich. Ein stechender Schmerz folgte und eine Blutspritzer. Schließlich konnte er unter Qualen spüren, wie Gallert seines Auges über sein Gesicht floss und einen dünnen, weißen Lasurstreifen hinterließ. Es wirkte wie eine weiße, göttliche Träne. Der Schmerz wurde schlimmer und es schien so, als würde er ihm den Schädel zerreißen. Er drückte sich mit beiden Händen an den Schläfen und kniff die Augen zu. Da geschah es. Er torkelte einen kleinen Schritt zurück, trat auf den Teppich im Bad und rutschte aus. Er landete auf dem Hinterteil und dem Hinterkopf.
Schwärze.
Er lag da, auf dem Rücken, die Arme von sich gestreckt und unter den Lider rollten seine Augen hin und her, was ein ekliges Gefühl in Raphael erzeugte. Er sah hinab zu dem jungen Mann und wusste nicht was er zu tun hatte. Sollte er versuchen ihn zu wecken? Oder sollte er ihn einfach liegen lassen? Er hatte keine Ahnung, aber es bereits zweiundzwanzig Uhr und er wollte nicht zu spät kommen, zu dem Treffen.
Er rüttelte an Alex’ linker Schulter. Der am Boden liegende Bewusstlose schwabbelte auf eine komische Weise vor sich hin. Die Augen rollten nun schneller und nicht mehr gleichmäßig. Ab und zu machten sie eine Pause, um danach wie gewohnt weiter zu rollen. Es gefiel Raphael gar nicht, was er da sah. Und plötzlich öffnete er die Augen. Kleine Blutäderchen waren geplatzt und Bluttränen rannen herab. Es war ein ganz normales Gesicht, wie das eines jungen Mannes eben.
Alex raffte sich auf. Stand vor den Spiegel und lächelte.
Nur ein Traum. Nur eine Einbildung oder was auch immer, es ist weg und das ist gut so. Das ist die Hauptsache, nicht wahr?
Ja, natürlich, Alex.
Er sah sich um. Raphael stand neben ihm. Er hatte ihn überhaupt nicht wahrgenommen. Er war so sehr damit beschäftigt gewesen, sein Gesicht zu betrachten, das er ihn überhaupt nicht wahrgenommen hatte. Alex hatte so das Gefühl, als hätte er irgendetwas verloren, als wäre er nicht ganz er selbst. Als fehle ihm etwas.
Aber das war ihm nun schnuppe. Schließlich hatte er keine glotzenden Augen mehr in seinem Gesicht und die klaffenden Kraterchen waren auch verschwunden. Vielleicht war es nicht einmal wichtig. Aber das wusste er nicht. Traum, Einbildung und Realität lagen immer so nahe beieinander. Manchmal war es zum verrückt werden.
„Wir müssen los“, sagte Raphael ohne näher auf das bereits geschehene einzugehen. Wahrscheinlich hatte er so viel von der Zukunft geredet, dass selbst er nur noch die Zukunft im Kopf hatte und alles andere über sich ergehen ließ, ohne darüber nachzudenken. Vielleicht war es ihm auch nur egal.
Alex war eigentlich auch froh darüber, keine Rechenschaft ablegen zu müssen. Vielleicht veranstalteten diese Würmer gerade, wie in einer Menagerie, eine kleine Lunchparty, ganz unter sich und unterhielten sich über den Masterplan, wie sie endlich aus seinem Kopf entkommen konnten. Es gab wahrscheinlich nur einen Ausweg: Volles Rohr durch die Mitte. Aber wenn sie wirklich entkommen wollten, mussten sie wohl auch darauf achten, dass Alex nichts geschah, schließlich war er ihr Wirt. Er hatte also, sozusagen, die vollkommene Macht über sie, was auch immer ihm das nützen könnte. Schließlich lebten sie in seinem Kopf und konnten schlecht wie ein Hund Gassi geführt werden. Vielleicht gab es in seinem Kopf auch so eine Art Würmertoilette, wo sollten sie denn sonst hin machen? Diesen Gedanken fand er belustigend und ein weiteres Lächeln umspielte seine Lippen. Dann kam ihm ein schrecklicherer Gedanke. Was fressen diese Dinger überhaupt? Gehirnmasse? Schädeldecke? Was es auch war, er spürte nichts davon und das war auch gut so. Vielleicht lebte er in so einer Art ihm unbewussten (bis an diesem Tage jedenfalls) Symbiose mit diesen Wesen. So etwas solle es schon in der medizinischen Forschung gegeben haben, das sollte man nicht bestreiten.
„Äh, ja, das müssen wir wirklich. Hast du genug Moneten dabei, damit wir auch ohne Schwierigkeiten reisen könne?“, fragte Alex in einem etwas zu neugierigen Tonfall, wie er fand.
„Nein, wir werden nicht reisen, wir gelangen auf eine andere Weise an diesen Ort“, erklärte Raphael. Nun wusste Alex was es war. Nicht ihm fehlte etwas, sondern Raphael. Na ja, es fehlte ihm nicht direkt etwas, seine Stimme klang nur irgendwie monoton, einschläfernd. Nicht mehr lieblich, himmlisch und wie die eines Engels. „Ist irgendetwas?“
„Nein, nichts ist“, antwortete er. Aber da war doch etwas. Was war nur mit ihm los? Okay, Alex kannte Raphael noch nicht so gut. Vielleicht lag es am Wetter oder er hatte Stimmungsschwankungen. Oder er war einfach nur enttäuscht wie mickrig und schwächlich Alex war. Er hatte mit Sicherheit sein ganzes Leben damit verbracht Alex zu finden und nun war er da. Wie ein junger Mann. Und er sollte für irgendetwas gut sein? Für was denn? Er konnte gut auf dem Land arbeiten, konnte in der Schule gut basteln und kannte sich mit Technik aus, aber was hatte er sonst noch für außerordentliche Privilegien. Er war ein ganz normales Individuum, nichts anderes. Er gehörte genauso zu den übrigen 5.999.999.999 Erdbewohnern wie der Präsident der Vereinigten Staaten. Ein ganz normaler Mensch. Gut, vielleicht hatte er Würmer im Kopf, aber machte ihn das zu etwas Besonderem?
Nein, er befürchtete nicht.
Aber die Sache hatte doch etwas Gutes. Er konnte den Mörder seiner Eltern und diesem Bill Stephen Porter rächen und vielleicht war er auch wegen genau dieser Sache ausgewählt worden. Aber dann stellte sich wieder die Frage, warum er gewählt wurde.
Und eine zweite Frage stellte sich auch: Wurde er von diesem Legion, Raphael, der Zukunft dem Guten oder dem Bösen gewählt?
Er wusste es nicht.
Das war die einzige Antwort, die er sich geben konnte.
„Gib mir deine Hand“, bat ihn Raphael. Seine Stimme hatte wieder etwas zurückgewonnen, etwas Unbeschreibliches. Sie klang nicht mehr monoton und öde, sondern etwas erfrischt.
Alex streckte ihm seine Hand entgegen. Er machte sich auf etwas gefasst. Er wusste nicht genau auf was, aber er hatte eine Ahnung. Raphael umklammerte mit seiner großen Hand Alex’ etwas kleinere. Es wurde ihm wieder warm ums Herz und ein komisches Gefühl machte sich in ihm breit, als würde er Achterbahn fahren und sein ganzer Magen hinter ihm zurückbleiben würde. Er sah nichts. Es war nicht schwarz, nicht weiß und auch nicht rot. Es war eine unendliche Farblosigkeit, die sich über unendliche Kilometer um ihn herum erstrecken würde. Es war, als würde er in einem Glas voller Mineralwasser schwimmen. Ein gigantisches Glas.
Doch an den verschiedenen Seiten waren Löcher. Befanden sie sich in einem Raum zwischen unserer Existenz und der Welt, die es nicht gab? Er wusste es nicht. Er wusste nur, dass ihm allmählich übel wurde und es nicht mehr lange dauerte, bis er sich schließlich übergab. Er wollte es dringend vermeiden, hatte allerdings, so stark er dagegen ankämpfte, keine Chance. Es war dieses Scheiße-ich-kann-nichts-dagegen-tun-Gefühl. Diese Löcher schienen in eine unheimliche, unendliche Schwärze zu führen. In eine Schwärze, in die Alex nie geraten wollte. Aus ihnen drangen Laute. Worte in anderen Sprachen. Es waren keine Menschen die da sprachen, das war eines der Dinge die sicher waren. Aber wenn es keine Menschen waren, was sprach dann, in dieser unendlichen, tiefen Schwärze? Monster, Kreaturen aus dem Unterbewusstsein der Menschheit? Landete vielleicht dort der ganze Müll den sich Menschen ausdachten? Vielleicht das Monster unter dem Bett, vor dem sich der kleine Junge im Dunkeln immer fürchtete, wenn ihn seine Eltern baten schlafen zu gehen. Mit der Zeit vergisst man Monster eben und somit landeten sie wohl an diesem unergründlichen Ort, der in Schwärze gehüllt war. Alex war sich sicher, dass diese Orte noch nie von irgendwelchen Menschen betreten worden waren. Vielleicht von Engeln. Vielleicht hatte Raphael schon einmal einen Blick hineingeworfen, sich diese Silhouetten der monströsen Gestalten angesehen, aber gehörten Monster nicht zu den Dingen, die eigentlich nicht existierten? Hatte Christina Winters ihrem Sohn nicht eingetrichtert, dass Monster nur aus seinem Unterbewusstsein kamen und sich langsam an ihn heranschlichen um ihm einen mordsmäßigen Schrecken einzujagen? Hatte sie im nicht gesagt, dass in dem Kleiderschrank, gegenüber von seinem Bettchen, kein Schreckgespenst lauerte? Das hatte sie ihm alles erklärt, jeden Abend vor dem Schlafengehen und danach noch ein Märchen zum einschlafen.
Er musste an die Gebrüder Grimm denken, die all diese Horrormärchen erzählt hatten. Haben sich diese beiden Menschen sich diese Geschichten ausgedacht oder sie wirklich erlebt? Er wusste es nicht, aber er vermutete, dass sie bei einigen dieser Geschichten wirklich dabei gewesen waren, von anderen wiederum nur gehört hatten und wiederum andere hatten sie durch bereits vorhandene Geschichten abgeleitet und eine neue daraus geformt. Vielleicht waren sie damals und heute nur Geschichtenerzähler, aber für Alex hatte sich gerade ein neues Tor geöffnet, er hatte seinen Horizont erweitert: Diese beiden Menschen sprachen die Wahrheit. Vielleicht war es eine verschleierte Wahrheit, eine Verstümmelung der Realität, aber ein Funken Wahrheit, steckt in jeder Geschichte.
Die einzige wichtige Frage, die sich Alex nun stellte, war: Wo sind wir hier? Diese schwarzen Löcher könnten genauso gut U-Bahn Tunnel sein. Sie könnten alles Mögliche darstellen. Schwarze Löcher, Zugänge, U-Bahn-Tunnel, Erdlöcher, große zu einem O geöffnete Münder oder sonst irgendetwas. Vielleicht sind wir hier in einer riesigen Flöte und jeden Moment legt ein gigantischer Musiker einen Finger auf eines dieser Löcher.
Dies alles war nicht mehr von belangen. Ihm war zwar schon übel von dieser ganzen herum Fliegerei, aber das sollte noch nicht alles sein. Denn Raphael, der immer noch Alex’ Hand hielt, legte noch einen Gang zu. Sie beschleunigten wieder. Aber trotz der hohen Geschwindigkeit, wehte Alex’ Haar nicht. Es rührte sich nicht einmal, wie in einer schwachen Herbstbrise. Es lag reglos da, so wie es immer dalag, wenn er auf dem Sessel im Wohnzimmer vor dem Fernseher saß und sich Twilight Zone ansah.
Und da kam es auf sie zu. So unaufhaltsam wie ein Zug auf jemanden zukommt, der gefesselt auf den Schienen liegt. Man sieht die Scheinwerfer, man hört das Tuckern und das nervtötende Summen der Schienen, dass durch die Stahlräder des Zuges erzeugt wird. Man sieht den schwarzen Dampf, der aus dem Kamin empor steigt und denkt: Was habe ich für einen Fehler gemacht?
Es war ein großes, schwarzes Loch, das da auf sie zukam. Es war größer als all die anderen, viel größer. Es war still geworden und kein anderer dunkler Durchgang befand sich mehr in der farblosen Unendlichkeit, die Alex und Raphael umgeben hatte. Die Übelkeit verschwand aus seinem Bauch und ein anderes Gefühl begann sich auszubreiten. Ein mulmiges, ängstliches Flüstern wuselte plötzlich in seinem Kopf herum und sagte ihm immer wieder, er solle sich von Raphaels Hand losreißen, bevor sie diese Dunkelheit erreichten. Aber er wehrte sich dagegen. Er widerstand diesem Bedürfnis und blickte zu Raphaels Gesicht empor, das ernst und ausdruckslos nach vorne schaute. Und sie tauchten ein, in ein Meer von Farben.
Es war nicht du unendliche, unheimliche Schwärze, die Alex erwartet hatte. Es war bunt und lebendig. Die verschiedenen Farben schienen sich zu bewegen, sie waberten, blinkten und blendeten. Raphaels Griff wurde nicht lockerer, eher noch stärker. Es schien so, als müsste er sich anstrengen den Kurs beizubehalten. Das bunte Licht hüllte sie ein, verschluckte sie förmlich. Sie waren nur noch zwei Striche in einem Lichtermeer.
Ein scharlachroter Fleck zischte zuerst durch Alex’ Bauch hindurch und schließlich durch Raphaels Bauch. Danach fügte er sich wie ein Puzzleteil wieder in die Menge ein. Es war ein seltsames, kribbeliges Gefühl gewesen und irgendwie schien sein Bauch und Raphaels Bein dunkelrot zu leuchten, als hielte man eine Taschenlampe hinter den Zeigefinger, der wie bei einer Röntgenaufnahme leuchtete. Ihre Knochen schimmerten durch ihre Haut und Kleidung, wie Silhouetten vor einem wunderschönen Sonnenuntergang im Sommer.
Und wieder kam etwas auf sie zu. Ein weiterer kreisförmiger Durchgang. Er war nicht schwarz, wie bisher alle anderen. Er war grellgelb, wie eine Feuerzeugflamme über der blauen. Es war ein Wüstengelb, wie Alex es noch nie gesehen hatte. Etwas Grünes und etwas Rotes schwebte ebenfalls zwischen diesem blendenden Licht. Er konnte nicht erkennen was es war. Seine Augen schmerzten schon ziemlich von diesen ganzen leuchtenden Farben und er konnte nur noch verschwommen Dinge wahrnehmen. Dieser Händedruck, der ihn immer noch mit Wärme erfüllte, wollte einfach nicht lockerer werden, was ihn eigentlich nicht störte, allerdings machte sich eine unbegründete Panik in ihm breit. Warum Panik? Vor was? Es gab nichts, vor dem er sich hätte fürchten müssen. Zumindest nichts, was er erkannte, in diesem farbenfrohen Lichterfest.
Ganz langsam kam ihm der Gedanke, dass er sich womöglich die Netzhaut verletzt hatte. Durch diese riesige Neonröhre zu fliegen ohne eine Sonnenbrille aufzusetzen konnte nicht gesund sein. Was sollte er tun? Es Raphael sagen? Und was würde er dann tun? Ihm einmal kurz mit der Hand über die Augenlider streichen und alles wäre wieder in bester Ordnung? Er versuchte zu sprechen, konnte allerdings seinen Mund nicht öffnen. Was war los? Wieso konnte er seinen Mund nicht öffnen? War er gelähmt? War er krank geworden, während dieser ganzen Prozedur? Hatte diese kleine Reise vielleicht Nebenwirkungen? Vielleicht hatte er sich irgendeine schlimme Krankheit zugefügt. Vielleicht Malaria, Gelbsucht, HIV?
Das verschwommene grellgelbe, grünrote Bild kam näher und langsam erkannte er etwas. Es wurde schärfer, wie bei einem Fotoapparat, den man erst einstellen musste. Er erkannte ein Licht das aus dem runden Bild strahlte, rote Dachziegel und grünes, im Wind wehendes Gras. Was war das nur für ein Ort? Er war so wunderschön. So musste es sich wohl anfühlen, wenn man irgendwo geborgen war. Und kurz bevor sie durch das Loch geflogen wären, riss Raphael ihn nach oben; und der kreisrunde Durchgang verschwand langsam hinter ihnen. Vor ihnen war ein neuer, kleinerer Kreis geöffnet, der wie ein brauner Kaffeefleck vor ihnen Trostlosigkeit verbreitete. Noch bevor Alex auch nur daran denken konnte etwas zu sagen, wurden sie wie in einen Staubsauger in einen Strudel aus Wind gesaugt. Nach einer kurzen Wirbelung landeten sie auf einem kleinen, zwei Meter breiten Bett, neben dem ein kleiner Nachttisch aus Buchenholz stand, auf dem sich eine kleine fünf Dollar und fünfundneunzig Cent Uhr und eine antik wirkende Lampe befand.
Alex’ Rücken schmerzte und er hatte keine Ahnung ob sie da waren, wo er glaubte. Neben ihm lag Raphael, der immer noch seine Hand hielt. Inzwischen etwas fester als je zuvor. Er drehte den Kopf und sah den Jungen neben sich an.
„Wir sind da“, sagte er mit trockener, ausgedörrter Stimme. „Ich bin am Ende.“
Alex hatte das Gefühl, als hätte er einen Schlag auf den Unterkiefer bekommen. Es war, als würde dieser locker unter seinen Schneidezähnen hängen. Konnte er reden?
„Mei-m-mein Rü-rücken“, stotterte er und griff sich mit der linken Hand ans Kreuz. Er ließ den Kopf in das Kissen sinken, über dem er gelandet war und sah zur Decke. Breite Risse spalteten die Decke von der Wand bis zur Hängelampe an verschiedenen Stellen und Wasserflecken säumten die Ecken, während Spinnen in ihren Netzen ihre Beute vertilgten. Staub war aufgewirbelt, als sie in diesem alten Bett gelandet waren. Und eine Art Luftwechsel war vollzogen worden. In diesem mächtigen Durchgang, den sie durchflogen hatten, war die Luft viel reiner gewesen, so als hätte sie jemand oder etwas gefiltert. Sie war nicht durch den ganzen Smog der Großstädte vergiftet gewesen und auch nicht von Zigarettenqualm, Fabriken, Dampfloks und andere giftige Dämpfe, die sich niemand traut auszusprechen.
Und nun lagen sie in einem modrigen, stickigen Mietsapartment.
Alex war so müde. Es war, als hätte ihm jemand eine Ladung Lachgas verabreicht. Vielleicht lag es an dem Druckwechsel, oder auch nicht. Das einzige was er momentan wollte, war schlafen. Was er auch tat. In diesem Bett, das bei jeder kleinsten Bewegung ein Quietschen von sich gab, schlief es sich erstaunlich gut, besser als er erwartet hatte.
„Los, los, los!“, schrie Raphael, der ganz aufgeregt durch das kleine Zimmer lief und seine Sachen einsammelte. „Wir müssen gehen!“
Alex öffnete die Augen, musste sich erst an das Licht gewöhnen, das durch die kleinen Fenster hineinströmte. Er strich sich mit der rechten Hand durchs Haar und sah zur Decke, die immer noch mit Rissen und Wasserflecken geschmückt war. Er war noch nicht dazugekommen Raphael zu fragen, wo sie hier waren, aber er hatte eine gewisse Vorstellung.
„Wir sind in Arizona, stimmt doch, oder etwa nicht?“, fragte er mit trockener Kehle. Er klang, als hätte er Sand gegessen.
„Ja, aber das ist jetzt unwichtig. Wir müssen los! Legion hat uns aufgespürt und Ligion ist auch schon auf dem Weg hier her. Außerdem müssen wir das Tor erreichen, heute ist der sechsundzwanzigste, Alex.“
„Der sechsundzwanzigste…“, flüsterte Alex. Hatte er so lange geschlafen? So lange?
Er hatte keine Ahnung. Er wollte weg von hier. Mit Ligion war nicht gut Kirschenessen. Raphael stopfte gerade einen Handschuh in seine Jackentasche, als Alex bemerkte, dass seine Lippen an mehreren Stellen aufgeplatzt waren und rostrot in der Sonne glänzten. Was war mit ihm passiert? Hatte er Alex in diesem kleinen Einzimmerapartment alleine gelassen? Wie konnte er nur?
„Komm jetzt, Alex, schnell!“ Er schrie schon fast. Er klang genauso heiser wie Alex selbst, was ihm gar nicht gefiel. Was hatte er in diesen drei Tagen getrieben, dass er so aussah. Hatte er sich geprügelt und dabei die Lunge aus dem Leib geschrieen? „Zieh deinen Mantel an.“
Alex folgte seiner Anweisung und streifte sich auch gleich noch die Handschuhe über.
Ein lautes Summen drang an Alex’ Ohren. Er wusste nicht ob Raphael es auch wahrnahm, aber es wurde immer lauter und lauter. Es erinnerte ihn irgendwie an Elektrizität aus einem Stromkraftwerk. Aber das war im Moment nicht von belangen. Raphael trat die Tür ein, die schon morsch und feucht war. Eigentlich hätte er nur kurz den Griff drehen müssen, aber vielleicht stand er einfach nur auf einen dramatischen Auftritt. Im Gang war niemand, nicht einmal eine Spinne die ihre Beute verzehrte. Es war vollkommen still, bis auf dieses Summen. Ssssssssssssssssssssssssssssssssssssssss! Es wurde wieder eine Stufe lauter. Und langsam bekam es einen Rhythmus, es hörte sich an wie Musik die für eine Ballettaufführung geschrieben wurde. Ssssszzzzzssssszzzzzssssszzzzz! Bei diesem Rhythmus blieb es dann und auch die Lautstärke veränderte sich nicht. Raphael rannte den Gang entlang in Richtung Hauptausgang und Alex folgte ihm so schnell er konnte, in dieser warmen Winterjacke. Der Schweiß lief ihm schon in kleinen Rinnsälen an den Schläfen hinunter. Die Tür kam auf sie zu, aus Glas mit der Aufschrift: Hier übernachten die Schlauen! Luxus Palast
Luxus Palast, wenn ich nicht lache, ich kann ja froh sein, dass mir nicht die Decke auf den Kopf gekracht ist.
Anstatt wie ein normaler Mensch die Tür zu öffnen, sprang er hindurch und zerstörte das Glas mit der Aufschrift des Luxus Palasts. Alex sprang durch das Loch hinterher, blieb allerdings an einer spitzen Scherbe hängen, die von unten aus dem Türrahmen ragte und knallte wie ein Brett auf den Asphalt. Er hatte gedacht er hätte es geschafft, hatte gedacht er wäre diesem grässlichen Summen entkommen, aber all diese Gedanken wurden durch eine kleine, mickrige Scherbe zunichte gemacht, die ihn wie ein altes Brett zu Fall gebracht hatte. Raphael wollte anhalten und rutschte auf dem noch nassen Asphalt aus. Er landete mit dem Arsch auf der Rinnsteinkannte und gab einen kurzen Schmerzensschrei von sich. Alex hatte noch nie eine solche Stimme schreien gehört. Es war eine Qual für seine Ohren, schlimmer noch als dieses stetige Summen.
„Raphael, alles in Ordnung?“, fragte Alex, der sich langsam aufrappelte.
„Alles okay“, antwortete er stand ebenfalls auf. „Nur ist es jetzt zu spät.“
„Zu spät für was?“ Alex rieb sich mit den Handrücken die Augen.
„Zu spät, um zu flüchten.“
Das Summen erlosch. Es wurde still. Sogar die Menschen die auf den Straßen liefen, ihre Einkäufe erledigten und mit dem Taxi zur arbeit fuhren waren still. Es war so, als würde die Welt still stehen.
Ein Fauchen hallte durch die Straßen, zwischen Frauen, Kindern und Männern hindurch. Es war nahe, aber noch nicht so nahe, dass sie es hätten sehen können. Noch während das erste, grässliche Fauchen die Straßen weiter hallte, ertönte ein zweites, schlürfendes Kreischen, das bestimmt nicht von einem Menschen stammte, dessen war sich Alex sicher.
Und da kam es. Mit einer unheimlichen Geschwindigkeit bewegte es sich an der Wand eines Hauses auf sie zu. Es stieß die Krallen in die Ziegelsteinwände hinein, wie man ein Messer in Butter stoßen würde. Aus dem weit geöffneten Maul tropften Sabberfäden, die hin und her schwangen, bis sie schließlich davonflogen. Jedes mal wenn eine Frau oder ein Mann davon getroffen wurde, schrieen sie von Ekel erfüllt auf und sanken zu Boden. Erst jetzt, bemerkte Alex, dass der Boden unter seinen Füßen begonnen hatte zu vibrieren, nein, gar zu beben. Und eine riesige Staubwolke zog weit hinter dem ersten wolfsähnlichen Wesen auf. Es war nicht einer und auch nicht zwei, es war eine ganze Armee. Zuerst tauchten zwei von ihnen am Ende der Straße auf, dann wurden es ein dutzend, drei dutzend und es wurden immer mehr. Die Frauen und Männer, die von diesen Sabberfäden getroffen worden waren, verwandelten sich andere Wesen. Ihre Augen begannen zuerst rot zu leuchten, ihre Zähne wurden spitzer und ihre Lippen verwuchsen mit dem Gaumen. Die Nase wurde zu einer kleinen Kugel mit zwei Löchern und die Ohren verwuchsen mit der Kopfhaut. Dies waren keine Menschen mehr, nicht einmal im entferntesten Sinne.
Diejenigen die nicht infiziert wurden, wurden von den Nachzüglern erbarmungslos gefressen. Alex konnte sehen, wie eines dieser grauen Wesen, einem Mann in einem braunen Jacket den Arm abbiss und dann zu einem anderen Wesen schleuderte, der ihn wie einen Leckerbissen verschluckte. Diese Wesen waren viel größer, als Ligion es im Polizeipräsidium war. Im Schaufenster eines Elektronikfachgeschäftes lief gerade ein Nachrichtenbericht von Jennifer Aniston, die über den tragischen Vorfall berichtete, da die Sache allerdings noch nicht aufgeklärt worden war, konnten sie keine weiteren Informationen an die Öffentlichkeit weitergeben. Anscheinend soll ein wildes Tier manche Polizisten regelrecht zerfetzt haben.
„Äh, Raphael, was hast du für eine Idee?“, fragte Alex, der mit erschrockenen, weit aufgerissenen Augen in Richtung der sich vermehrenden Wesen starrte.
„Na ja, ich würde jetzt vorschlagen, dass wir rennen, bis uns die Lunge platzt oder wir in Sicherheit sind, aber ich habe ein komisches Gefühl im Magen, das mir sagt, wir sollen nicht rennen, ich habe so ein Gefühl, dass wir gleich ein bisschen Unterstützung bekommen, aber keine Angst, wir kennen unsere Unterstützung nicht.“
Unterstützung? Was ist wenn unsere so genannte lebensrettende Unterstützung ein bisschen zu spät kommt und wir bis dahin schon in einem Magen von diesen Dingern liegen?
„Was soll das heißen, wir kennen unsere Unterstützung nicht, wie soll sie uns dann bitteschön unterstützen, wenn wir sie nicht einmal kennen?“, fragte Alex, der inzwischen etwas schreien musste, um die anderen Schmerzens- und Qualenschreie zu übertönen.
„Denkst du, ein Lastwagen der Armee würde hilflose, unschuldige Menschen abknallen?“, fragte Raphael und sah ihn mit einem Hauch eines Lächelns an.
Ein langes Rohr kam um die Ecke hinter ihnen. Zuerst nur das fünf Meter lange Rohr. Dann ein riesiger, kugelsicherer Kasten, der sich über fünfzehn Meter erstreckte und ein weiteres langes Rohr hinter sich her zog. Der obere Teil des Panzers drehte sich und richtete das Rohr auf die Menschenmasse, die weiter vorne von ihnen um ihr Leben schrie und sich verwandelte. Die Wesen kämpften sich hindurch, sprangen über ihre Köpfe hinweg, wollten Alex und Raphael erreichen, als ein lauter, ohrenbetäubender Knall hinter ihnen ertönte, Alex aufschrecken ließ und ein großes Loch in die Menschen- und Monstermenge fetzte. Drei der Menschenwesen tapsten in dieses Loch und begannen in Alex’ und Raphaels Richtung zu rennen. Sie waren verdammt schnell, hatten die Ausdauer eines Fuchses. Der Panzer beschoss sie nicht. Sie hatten freie Bahn. Natürlich würde die Armee keine unschuldigen Menschen ermorden, was würde das nur für Schlagzeilen geben. Das würde aufs Titelblatt der Phoenix Morning News kommen.
Die drei Frauen mit rot glühenden Augen, scharfen Zähnen und sabbernden Mündern sprangen alle auf Raphael, der wie ein Sack Kartoffeln zusammensackte und zu Boden ging. Sie schlugen mit ihren Fäusten, an denen die Fingernägel immer länger wurden, auf ihn ein und kreischten wie Adler in der freien Natur. Alex rannte hin und wollte sie verscheuchen, wie er es früher immer mit Tauben gemacht hatte. Er schrie sie an, sie sollen verschwinden, sich vom Acker machen und ihre Verwundeten fressen, aber sie bewegten sich kein Stück von der Stelle, schlugen immer weiter auf den am Boden liegenden ein. Und Sabber tropfte von ihren Kinns und fraß sich wie Säure in den Asphalt.
Alex holte mit dem rechten Bein aus, während ein weiterer Knall ertönte und ein Kugelgeschoss abgefeuert wurde, und trat einer Frau, deren Lippen völlig verschwunden waren, gegen das Gesicht. Sie flog ungefähr einen halben Meter neben Raphael zu Boden und wand sich wie eine sterbende Schlange in der Wüste. Sie kreischte, spuckte und schniefte. Aber nicht einmal diese Mischung aus ekelhaften Geräuschen brachte Alex davon ab, diese Ungeheuer von Raphael zu reißen ihn zu retten. Vielleicht war es Instinkt, einem sterbenden Menschen oder Engel zu helfen. Vielleicht war es aber eine Art Verbindung zwischen ihnen. Er hatte das Gefühl, wenn Raphael sterben würde, würde auch er sterben, was somit wohl als Selbsterhaltungstrieb abgetan werden konnte. Aber es war egal, wie man es nannte, es zählte nur das Überleben. Und er schaffte es. Er packte das letzte hässliche Weib am Kragen ihres Kleides und riss sie herunter, um sie anschließend vor die Ketten des Panzers zu werfen, der langsam an ihnen vorbeistreifte. Die Ketten erfassten den Kopf mit den braunen, langen Haaren und zerquetschten ihn wie eine faule Tomate. Rotweiße Gehirnmasse, vermischt mit Schädelknochen spritzten in allen Richtungen auf die Straße und hinterließen einen hässlichen, großen Fleck. Langsam sickerte die Masse in einen Abwasserkanal und verschwand am Ende eines dünnen Rinnsals.
Raphael nahm Alex’ Hand und rappelte sich auf. Er stand da und sah sich mit seinen ständig verändernden Augen um. Der Panzer war inzwischen weiter vorgedrungen, in den Krieg zwischen wolfsähnlichen Wesen, Menschenmonstern und normale Bürger aus der Stadt Phoenix.
„Wir müssen verschwinden, Alex, schnell, bevor sie es schaffen hierher zu kommen“, sagte Raphael und sah ihn eindringlich an. Alex war wie hypnotisiert von dieser Straße, die in Blut getränkt und von Gewalt gezeichnet war. Abgerissene Köpfe lagen da, herausgebissene Gliedmaßen und zerquetschte Eingeweide. Diesen Anblick würde er nie vergessen, bis zu seinem Tod.
„Ja, wir müssen zum Durchgang, richtig?“, fragte er abwesend.
„Ja, er ist gleich dort vorne, noch ungefähr fünf Minuten, wenn wir normal laufen.“
Die beiden ließen die blutbefleckte Straße, den Zweischusspanzer, die wolfsähnlichen Wesen, die fauchten und knurrten, denen Sabber zwischen den Zähnen hervorspritzte und die Menschenmonster, deren Augen rot leuchteten, hinter sich und machten sich die Lankaster Street entlang davon, um den Durchgang zur Parallelwelt zu durchschreiten.
Raphael, dessen Hemd im Gegenwind an den Schultern und am Gesäß flatterte, rannte vor Alex. Alex, der ihm dicht folgte, dessen Schuhe ein quietschendes Geräusch auf dem feuchten Asphalt erzeugten, sah einen Mann mit einer Stange Marlborozigaretten aus einem Kiosk kommen, der sie verwirrt ansah. Er wusste nicht, dass diese beiden, Mensch und Engelswesen, von einer Horde tollwütiger Wolfswesen verfolgt wurden, aber er würde es sicherlich zu spüren bekommen. Sie kamen an einem Kaffee mit dem Namen Phoenix best Cafè vorbei, in dem die Leute Tee, Kaffee und heiße Schokolade schlürften, auch sie hatten nicht den blassesten Schimmer, was sich vor etwa zehn Sekunden in einer Straße um die Ecke abgespielt hatte.
Hinter sich, konnte Alex das Sabbern und Fauchen näher kommen hören. Sie kamen, um sie zu fressen, um sie zu zerfleischen, um sie endgültig vom Angesicht dieser Erde zu entfernen. Sie waren geschickt worden um zwei zu fassen, hatten aber nun fünfzig, wenn nicht sogar schon hundert auf dem Gewissen. Würde eines dieser Dinger vor Gericht aussagen müssen, würde es wahrscheinlich sagen, dass es schwer wäre, so viele Mäuler zu stopfen und man nicht jeden Tag so eine Menschenmenge auf dem Silbertablett serviert bekommen würde. Aber an diesem Tag hatten sie einmal Glück gehabt, allerdings würde ihr Anführer nicht so erfreut darüber sein, das war sicher.
Der Boden unter ihren Füßen zitterte wieder. Erst jetzt war Alex aufgefallen, dass seit sie losgelaufen waren, kein einziger Knall mehr ertönt war. Der Panzer war besiegt worden, ihre einzige, vernünftige Unterstützung.
„Sie kommen, Raphael!“, schrie Alex und legte einen höheren Gang ein. Er beschleunigte so schnell, dass er fast schon wieder gestolpert und auf dem nassen Boden gelandet wäre. Aber er konnte sich wieder fangen, indem er etwas mit den Armen gewedelt hatte. Er kämpfte sich bis auf Raphaels Höhe vor, sodass er neben ihm rennen konnte. „Wie weit noch?“
„Links!“ Raphael bog links ab und stieß dabei leicht gegen Alex, der wie es schien, ganz alleine, ohne sein Zutun, gesteuert wurde. Er bog ab, ohne es wirklich selbst zu wollen. Aber das war natürlich nicht schlimm. Vielleicht wurde ihm in diesem Moment auch sein Leben gerettet, denn nur einige Zentimeter hinter ihm, sprang eines dieser Wolfswesens an ihm vorbei und landete mit dem Kopf an der gegenüberliegenden Hauswand. Ein Blutfleck, etwa von der Größe einer Compact Disc blieb zurück und das Wesen landete mit einem dumpfen Geräusch auf dem Boden. Erst bogen drei in diese Straße ein, ein weiterer rutscht aus Versehen, nahm Alex mal an, vorbei und krachte in eine Mülltonne. Vier weitere folgten und dann noch zwei. Es wurden wieder immer und immer mehr.
„Da vorne ist unser Durchgang“, sagte Raphael, der schwer atmete.
Wieso ist er denn außer Puste, sonst hatte er doch auch immer die Ausdauer eines Leoparden?, fragte sich Alex und runzelte die Stirn.
Raphael hob die rechte Hand, zentrierte damit den Kanaldeckel förmlich und ließ die Hand nach oben schießen. Der Kanaldeckel schoss mit einem Zischen nach oben und landete auf dem Kopf eines dieser Wesen.
„Spring da rein“, sagte Raphael und deutete mit dem rechten Zeigefinger auf das schwarze, unergründliche Loch vor ihnen. Alex wurde nochmals schneller. Er wollte vor Raphael rennen, damit dieser ihm gleich folgen konnte, und nicht mit diesen Monstern da oben warten musste. Alex stoppte, soweit man das, was er da tat, stoppen nennen kann. Er schlitterte mit seinen Turnschuhen über den Boden bis zum Loch, anschließend ließ er sich, ohne darüber nachzudenken, fallen.
Er fiel und fiel und fiel.
Dunkelheit. Schwärze. Wenn man eine Taschenlampe einschalten würde, würde das Licht von dieser unheimlichen Schwärze verschluckt werden. Es war, als würde die Dunkelheit praktisch leben. Zuerst hatte Alex das Gefühl zu schweben, aber er schwebte nicht, er fiel und wurde immer schneller. Sein Haar stand nach oben hin ab, in seinen Ohren rauschte der Wind wie an einem windigen Tag am Strand. Aber so unheimlich diese Schwärze auch war, auf eine verstörende Weise war sie auch wunderschön und faszinierend. Wenn man es nicht selbst gesehen hat, weiß man nicht, wie sie war. Es sah aus, als würden unendlich viele mikroskopisch kleine Käfer an Wänden entlang krabbeln. Er fiel eigentlich nur einen kurzen Moment durch diese undurchdringliche Schwärze, aber es kam ihm so vor, als wäre es eine unendliche Zeitspanne. Und als er einen kleinen, gelben Fleck unter sich immer näher und größer kommen sah, wurde ihm plötzlich schlecht.
Ich werde aufschlagen wie ein Stein, den man aus einem Hochhaus wirft. Ich werde draufgehen und niemand in der richtigen, realen Welt würde es mitbekommen. Ich werde sterben und das in einer so irrationalen Situation. Aber der Auserwählte stirbt nie. Ich bin doch der Auserwählte. Oder war das alles nur eine Lüge? Eine große Lüge um mich hierher zu bringen, wo ich dann sterben soll? Wollte er mich wirklich nur zu diesem Punkt bringen? Zu meinem schon geplanten Tod?
Er wusste es nicht, aber das gelbe Loch kam leuchtend näher. Und es verschluckte ihn. Wie Wasser im Abfluss verschwand, schluckte ihn dieses gelbe Loch. Er stürzte weiter, ein gelber Boden kam auf ihn zu. Er sah einen blauen Fleck, etwa eine Meile weiter rechts von ihm aus. War es Wasser? Er konnte es nicht genau erkennen. Dies war eine Welt, die er nicht kannte. Dies war nicht New York, Santa Monica oder Phoenix. Hier gab es keine scheiß hohen Wolkenkratzer und auch keine riesigen Menschenmassen, die zu ihrem morgendlichen Einkaufsrummel unterwegs waren. Hier war nur Wüste. Eine leere Wüste. Nicht ein Mensch war zu sehen. Nicht einmal ein Lebewesen in einer anderen Form.
Er landete in einem Berg aus Sand. Es war eine weiche Landung. Sand rutschte ihm hinten in die Jacke und er klebte auch an seinen Handschuhen. Er hatte geschwitzt und somit klebte das gelbe Zeug an seinem Rücken, was ein unangenehmes Gefühl erzeugte. Es kratzte und juckte gleichzeitig und durch die Feuchtigkeit wurde es noch einmal eine Stufe ekliger. Die Sonne schien vom Himmel, wie ein anklagendes Auge. Aber es wurde ihm nicht warm, im Gegenteil, er kühlte immer und immer mehr ab. Weit und breit war kein einziger Mensch zu sehen. Und hier sollte er etwas retten? Was sollte er retten wenn nicht einmal etwas da war?
Raphael landete neben ihm. Ein dumpfes Geräusch. Sand wirbelte auf, setzte sich auf seine Augen und er konnte für einige Momente nichts sehen, bis er ihn heraus gerieben hatte. Neben ihm lag Raphael, der komische, gurgelnde Geräusche von sich gab. Und da war, das was nicht eingeplant war. Immer wenn man glaubt, man hätte gewonnen, macht irgendetwas jemandem einen Strich durch die Rechnung.
Raphael lag da, Blut sickerte aus einer Schnittwunde, die direkt über seine Halsschlagader verlief. Quer über seinen ganzen Hals. Der Nacken war zum größten teil verschont geblieben, allerdings war die Gurgel in zwei Hälften geteilt und hing in einer abstrakten Position heraus. Bei jedem Atemzug blubberte es und weiteres Blut sickerte heraus. Sand klebte an der Wunde. Seine Augen hatten aufgehört, die ganze Zeit die Farbe zu ändern, sie hatten ein gläsernes Weiß angenommen und bewegten sich nicht. Nur die schwarzen Punkte in den Mitten starrten Alex an.
„Du musst ungefähr zehn Meilen nach Norden gehen, dann kommst du in das kleine Dorf“, sagte Raphael. Bei jedem Wort verdoppelte sich die Blutmenge. Er konnte fast nicht mehr atmen, man konnte es an seiner schwächer werdenden Stimme erkennen. „Frag in diesem Dorf nach Ronald Peter Mathews und sag ihm, dass du von Martin kommst, er wird dann schon wissen um was es sich handelt.“
„Wo ist Norden?“, fragte Alex und Tränen brannten in seinen Augen, als hätten sie sich wieder mit Sand gefüllt.
„Im-immer i-in diese Rich-richt-richtung“, hustete er. Er hatte vielleicht noch zwei, drei Minuten, in seinem Unterbewusstsein wusste es Alex, aber er wollte es nicht wahrhaben. Er kannte diesen Mann, diesen Engel, vielleicht erst seit fünf Tagen, aber er war der einzige Freund, den er hatte. Er war der einzige Mann gewesen, dem er hätte vertrauen können. Und nun starb er vor seinen Augen, ohne das er etwas dagegen hätte tun können. Er hätte wahrscheinlich versucht ihn bis zum Dorf zu tragen, aber diese Idee boxte er förmlich aus seinem Kopf heraus. Er würde es mit ihm auf den Schultern niemals zehn Meilen schaffen. Die Lebensenergie dieses Mannes rann ihm durch die Finger wie Wasser. Er konnte es nicht aufhalten oder verlangsam, er musste zusehen. Ein letztes Blubbern und ein Satz, es war nicht einmal ein Flüstern, aber Alex verstand es: „I-c-h b-i-n e-i-n E-n-g-e-l…“
Raphael starb, er schloss seine weißschwarzen Augen und sein kopf sackte zur Seite in den sonnenbeschienen, aber dennoch kalten Sand. Das war der Tropfen, der das Fass zum überlaufen brachte. Tränen quollen aus seinen Augen und kullerten an seinen Wangen hinab, sie landeten in dem toten Gesicht, das unter seinem reglos dalag. Alex schürzte die Lippen, schniefte und schluchzte. Wie viel hatte er innerhalb fünf Werktage gesehen? Den Mord an seiner Mutter, seinem Vater, an Bill Stephen Porter, an all den Menschen auf der Straße vor dem heruntergekommenen Motel und nun auch noch an Raphael, dem Engel, der hoffentlich in das himmlische Reich aufgenommen wurde.
„Nein! Verdammt, nein!“, schrie Alex in die Leere hinaus. Niemand würde ihn hören können und niemand würde sich darum scheren, es würde jedem egal sein, der es gehört hätte. Vielleicht jemand in Phoenix, der ebenfalls in die Seitenstraße eingebogen war und die Wolfswesen um das schwarze Loch versammelt dasitzen sah. Vielleicht hatte jemand diesen Verzweiflungsschrei gehört. Vor allem die Wolfswesen, die wie schwarze Untergrundkreaturen im Kreis saßen und heulten, den Mond erblickten und bemerkten, dass sie nur dumme, fleischfressende Kreaturen waren, die auf Befehle eines wahnsinnigen Möchtegernherrschers hörten.
Ein weiterer dumpfer Aufprall, direkt neben Raphael oder Martin oder wie auch immer er geheißen haben mochte. Er hatte Alex gesagt, er habe viele Namen und gleichzeitig keinen. Aber das, was ihnen da gefolgt war, war der Kopf eines mutierten Wolfs. Er war größer, hässlicher und Furcht einflößender als alles andere, was Alex je gesehen hatte. Der Mund war zu einem letzten, verstörten Knurren verzerrt und die Augen zu einem letzten wütenden Blick weit geöffnet. War dies der Kopf Ligions? Er wusste es nicht und wollte es nicht wissen. Er zog den Reißverschluss seiner Winterjacke bis zum Anschlag nach oben, zog seine Handschuhe etwas weiter nach hinten und machte sich auf den Weg nach Norden, um zu einem Dorf zu gelangen, in dem er Hilfe bekommen sollte.
Alle waren tot, alle die er gekannt hatte und alle die er zu diesem Augenblick kannte.
Die Stadt
Ich kann Ihnen nicht so genau sagen, wie ich hier gelandet bin, aber glauben Sie mir, meine Geschichte war genauso unerfreulich wie Alex’. Ich war damals eins neunundsiebzig groß, hatte braune, kurz geschnittene Haare, war neunzehn Jahre alt und hatte genug Geld um ohne Probleme über die Runden zu kommen. Ich arbeitete in einer kleinen Autowerkstatt in Radock City, der Stadt, in der wahrscheinlich die meisten unerklärlichen Phänomene auf der ganzen Welt stattgefunden haben. Das hatte schon 1940 angefangen, als ein alter Müllcontainer einen Mann zur Hälfte verschlungen hatte. In einem Apartment haben sich 1965 fünfzehn Leute gegenseitig umgebracht ohne plausiblen Grund. Niemand hatte eine rationale Erklärung dafür. 1998 war das gleiche wieder passiert, im selben Apartment. Wieder ohne erkenntlichen Grund. Ich sage Ihnen, in Radock City gehen ab und zu seltsame Dinge vor sich. Vielleicht liegt es an dem Flecken Erde auf dem die Stadt gebaut wurde oder sie war einfach nur ein Magnet für geheimnisvolle Ereignisse. Vielleicht wurde sie auf einem Pickel vom Angesicht der Erde erbaut. Ein Pickel, in dem die Mitesser nicht kleine Bakterien in Talg waren, sondern einem Pickel, in dem die Dämonen und Geister ein Zuhause gefunden hatten. Nun ja, wer drückt den die Pickel der Erde aus? Niemand. Nicht einmal der überaus reiche Staat. Der kümmert sich sowieso nur einen reck um die lieben Bürger der Stadt Radock City. Radock City besaß gerade mal ein kleines Polizeirevier mit insgesamt zwei dutzend Polizisten, die Dienst hatten.
Als ich neunzehn warm, schrieb die Welt das Jahr 1999, kurz vor dem Millennium. Das Jahr 2000 stand kurz bevor und manche in Radock City behaupteten das Ende der Welt stünde bevor. Das waren wohl diejenigen, die hinterher frustriert nach Hause gingen und am nächsten Tag behaupteten, die Menschheit hätte sich mit dem Zählen der Jahre vertan.
Wenn Sie sich das Wörtchen Diamond einmal vorknöpfen würden, könnten Sie vielleicht das I und das D am Ende des Wortes entfernen und das A in ein Ä verwandeln, dann würden Sie das Wort Dämon herausbekommen. Aber ich schätze, dass man aus jedem Wort ein anderes machen kann. Es war vielleicht nur ein Zufall, dass man aus diesem Wort, so ein bedrohliches formen konnte.
Ich befand mich am fünfundzwanzigsten Dezember 1999 in der Werkstatt. Es war fast halb eins und die Mittagspause stand kurz bevor, als ein nachtblauer Mercedes hereinfuhr. Er war schätzungsweise Baujahr 1998, aber ich war mir nicht sicher. Ich war zwar ein Automechaniker, hatte aber keine Ahnung von Baujahren und all dem Zeug. Mich interessierte es nicht, wie viel Pferdestärken oder wie viele Kilometer pro Stunde ein Auto brachte. Mich faszinierte einfach nur das reparieren. Ich war froh das ich diesen Job hatte und er machte mir Spaß, aber als ich dieses nachtblaue Auto die Einfahrt hochkommen sah, lief mir eine Gänsehaut über den Rücken, wie ich sie noch nie in meinem Leben gehabt hatte. Ein Mann in einem schwarzen Anzug, mit einer roten Krawatte, durch die sich gelbe Streifen zogen und zurückgekämmtem, schwarzem Haar saß hinter dem Steuer. Der Wagen glänzte und spiegelte das herabscheinende Licht wider. Ich stand da und starrte den näher kommenden Wagen an. Ich hatte das Gefühl, als würden meine Augen gleich herausfallen. Es war nichts außerordentlich besonderes an dem Wagen, aber trotzdem zog er meinen Blick an. Es war, als würde ich an einem Autounfall vorbeifahren, an dem die Polizeiwagen, mit ihrem Blaulicht und mit ihren aufgesetzten Hüten standen, an dem die Verletzten mit Tragen und Verbänden in die Krankenwagen geladen wurden. Man fuhr nicht mit Höchstgeschwindigkeit an so einem Geschehnis vorbei, man verringerte die Geschwindigkeit und sah sich alles ganz genau an, um jedes kleinste Detail zu sehen. Man wollte auf keinen Fall etwas verpassen. Das ist wie im Kino, dachte ich jedes Mal, wenn ich an solchen Unfallorten vorbeifuhr. Und dies war auch wie im Kino. Es war so, als würde dieser Mann gleich aussteigen, zu meinem Chef laufen, der gleich fünf Meter hinter mir sein Büro hatte und sagen: „Du hast mich über den gottverdammten Tisch gezogen, Evans!“ Und dann würde ich nur noch einen Schuss hören. Der Mann würde zurück zu seinem Auto gehen, einsteigen, seine Handschuhe ausziehen, sie auf den Rücksitz werfen und im Rückwertsgang davonfahren. Kurze Zeit später würde ich in das Büro gehen und Mr. Evans auf dem Schreibtisch liegend vorfinden, mit einem Loch im Kopf, aus dem ein einziger Tropfen Blut floss, der sich auf dem unter ihm liegenden Papier wie ein Tumor ausbreitete. Er würde von dem Papier aufgesaugt werden. Und vielleicht würde das Papier meine Entlassung sein, die er gerade unterschreiben wollte, als dieser Kerl hereinplatzte und ihn erschoss. Er konnte meine Entlassung nicht mehr rechtzeitig unterschreiben, folgend dessen, hätte ich diesem Killer im nachtblauen Mercedes dankbar sein müssen.
Aber so war es nicht. Der Wagen hielt an, stellte den Motor mit einem letzten Aufheulen ab und stieg aus. Es waren weiße Hände. Er trug keine schwarzen Lederhandschuhe, wie sie Killer gerne benutzten und er schlug auch die Fahrertür nicht zu. Er stand da und sah sich um. Sagte nichts, sah sich nur um. Dieser Mann war ein Mensch, aber gleichzeitig hatte ich den Eindruck, als wäre da noch etwas anderes. Etwas das ich nicht zuordnen konnte. Aber da solches Denken vollkommen irrational war, schlug ich mir diesen Gedanken sofort wieder aus dem Kopf und ging ein paar Schritte auf ihn zu. Ich schluckte den Sabber herunter, der sich in meinem Mund angesammelt hatte, schließlich stand ich schon seit über fünf Minuten hier. Ich zog das kleine Taschentuch aus meiner Gesäßtasche und wischte mir die Hände damit ab. Danach steckte ich es wieder weg und streckte ihm die Hand entgegen.
„Ronald Peter Mathews“, sagte ich und sah ihm in die Augen. Sie waren blau, aber gleichzeitig auch wieder grünbraun. Ich konnte die Farbe nicht zuordnen und beschloss nicht weiter darauf einzugehen. Ich würde nächste Woche zum Augenarzt gehen und mich untersuchen lassen. Dann würde er mir wahrscheinlich eine Brille oder Kontaktlinsen verschreiben. Eine Brille zum Autofahren, eine zum Fernseher gucken und eine zum lesen. Und ein paar Kontaktlinsen sollten Sie sich auch noch anschaffen, würde er sagen. Und der Bündel Geld in meiner rechten Hosentasche würde immer und immer dünner werden. Bis ich dann schließlich noch genug zum Essen und einen Kasten Bier hatte, den ich natürlich illegal bei einem Freund bekommen konnte, der in einem Getränkeladen arbeitete.
Der Mann in dem schwarzen Anzug, der gestreiften Krawatte und dem schwarzen, zurückgekämmten Haar ergriff meine Hand und sagte: „Smith.“
„Smith, aha“, sagte ich und sah ihn mit einer hochgezogenen Augenbraue an. „Was stimmt denn mit Ihrem Auto nicht, Mr. Smith?“
„Gar nichts“, antwortete er.
„Meinen Sie es stimmt überhaupt nichts an Ihrem Auto?“
„Nein, ich meine es ist alles in Ordnung mit meiner Karre und lassen Sie die Witze, ich bin nicht dazu veranlagt, über irgendwelche Witze, jeglicher Art zu lachen, weil ich sie einfach nicht witzig finde.“
„Aha.“ Nun kam mir dieser Mann erst recht komisch vor. Vielleicht wäre es besser gewesen, wenn er doch ein Killer gewesen wäre und meinen Chef umgebracht hätte.
„Sie wissen, dass Ihr Chef Sie gerade feuern will, nehme ich an?“, fragte Smith und schniefte.
„Wie meinen Sie das?“
„Na, er unterschreibt gerade die Papiere. Wollen Sie, dass ich ihn erledige?“
„Ihn erledigen?“
„Ja, ihn kalt machen, abknallen, umbringen, terminieren!“ Smith war etwas laut geworden und meine Arbeitskollegen sahen mich und Mr. Smith etwas verwirrt an. Die meisten schraubten allerdings nach zwei, drei Sekunden wieder an ihren Autos weiter. Es interessierte sie nicht, über was wir hier redeten. Sie wussten alle, dass wenn man zuviel wusste, gab das nur Schwierigkeiten. Es war eine komische Art sich auszudrücken, aber Smith hatte es auf den Punkt gebracht. Es war genauso, wie ich es mir ausgedacht hatte.
Vielleicht sollte ich Schriftsteller werden, dachte ich mir damals.
„Hören Sie mal, Mister. Sie können hier nicht einfach hereinplatzen, herumschreien und meinen Chef abknallen. Das geht doch nicht.“
„Wollen wir wetten?“, fragte er und lächelte, wobei er blitze blanke Zähne entblößte. Sie waren schon wieder so weiß, dass es albern wirkte.
„Nein, wir wetten nicht, am besten fahren Sie einfach wieder nach Hause und hauen sich ne’ Runde aufs Ohr“, sagte ich. Ich wollte auf keinen Fall, dass er jetzt in das Büro von Mr. Evans spazierte und mit einer schallgedämpften Pistole ein Loch in seinen hohlen kopf ballerte.
„Sie haben noch zehn Sekunden um die richtige Entscheidung zu treffen“, sagte er und sah mich mit seinen gemischten Augen an. Das Lächeln war wieder verblasst und der ernste Blick des Mannes der vor mir stand, jagte etwas unheimlich Kaltes meinen Rücken hinunter.
„Nein“, sagte ich und sah ihn genauso ernst an. Es war kalt in der Werkstatt, aber auf einmal schwitzte ich. Der Schweiß trat mir auf die Stirn und rann an meinen Schläfen hinunter, während meine Augen weit aufgerissen waren.
„Wissen Sie, wie man so etwas nennt, Mr. Mathews? So etwas nennt man übernatürlich starke Nervosität. Sie sind in genau diesem Moment nervös, weil ich Ihnen anbiete Ihren Chef umzunieten, der gerade in diesem Moment Ihre Entlassungspapiere ausfüllt. Und Sie sind nervös? Deswegen?“
„Es geht um ein Menschenleben! Sie können nicht einfach ein Menschenleben auslöschen!“
„Denken Sie das, Mr. Mathews?“ Er hörte sich ruhig an. Er machte das nicht zum ersten mal, das war mir klar. Ich konnte einen dicklichen Mann sehen, der zusammengekauert auf seinem Schreibtischstuhl saß, in den er seit fünfzehn Jahren seine Fürze abließ. Ich konnte sehen, wie dieser Mr. Smith ihn mit seiner Waffe bedroht, wie der Schalldämpfer auf den Mann gerichtet war und wie dieser die Waffe sieht, die ihn gleich töten würde. Genau wie dieser dickliche Sesselfurzer fühlte ich mich in diesem Moment.
Und tatsächlich griff Mr. Smith unter sein Jacket und zog eine moderne Waffe aus dem Halster. Etwa zwanzig Schuss, aber ich konnte sie zu keiner mir bekannten Knarren zuordnen.
„Irgendjemand wird heute noch draufgehen, und da Sie die Chance ausgelassen haben, sich für Mr. Evans zu entscheiden, werden Sie es wohl sein müssen.“
„Warum haben Sie mir nicht vorher gesagt dass es um mein Leben geht? Hä? Warum nicht?! Bringen Sie ihn doch um, mir doch egal!“ Ich schrie wie ein Kind das mehr Eis wollte, aber das war mir in diesem Augenblick vollkommen scheißegal. Es ging um mein Leben. Ich war doch erst verdammte neunzehn Jahre alt. Zu jung um Alkohol zu kaufen, aber alt genug um zu arbeiten.
„Ach, jetzt soll ich ihn umbringen, oder was? Aber ich habe leider eine schlechte Nachricht für dich, Ronald! Deine Entlassungspapiere, sind leider schon ausgefüllt!“
„Hey, aber Sie könnten ihn doch trotzdem umnieten, aus Spaß an der Freude vielleicht.“
Tränen brannten inzwischen in meinen Augen. Er drückte mir den Lauf der Pistole unter das Kinn.
„Ja, so seid ihr alle, ihr Menschen. Ihr gottverdammten Menschen. Wenn noch keine Waffe da ist, riskiert ihr alle ein großes Maul. Ihr sagt, ihr wollt nicht dass der oder der erschossen wird, aber geht es um euer eigenes Leben, schiebt ihr alles auf jemanden anderes. Warum soll dieser Mann in seinem Büro für deine Dummheit büßen, könntest du mir das mal sagen, Ronald?“
Ich konnte nicht antworten. Ich konnte an nichts anderes denken, als an diesen Ölgeruch, der in meine Nase stieg. Warum halfen mir meine Arbeitskollegen denn nicht. Sie schraubten immer noch an den Karren herum, sahen nicht einmal her. Und da fiel es mir wieder ein: Sie halten sich aus allem raus, was nicht sie selbst betrifft. So bekommt man am wenigsten Schwierigkeiten.
Da hatten sie wahrscheinlich Recht. Was wäre gewesen, wenn ich niemals diesem Mann zuerst die Hand hingestreckt hätte, nachdem ich sie mir mit einem alten Taschentuch abgewischt hatte. Wäre er dann schnurstraksgerade zum Büro meines Chefs gegangen und hätte ihn kaltblütig erschossen? Ich hatte keine Ahnung.
Nun stand ich da, streckte die Hände nach oben und spürte den kalten Lauf der Knarre unter meinem Kinn. Wie sie sich immer fester und fester gegen meine Haut drückte und ich dachte daran, dass ich danach einen Abdruck unter dem Kinn haben werde. Ich wusste zu diesem Zeitpunkt noch nicht, was mich an den folgenden Tagen noch erwartete.
Schweißtropfen hingen an meinen Ohrläppchen herunter, während Smith mich starr anblickte. Ich spielte mehrere Möglichkeiten in meinem Kopf durch, wie ich aus dieser Situation entkommen konnte. Es geschah immer jemand anderem, nie geschieht es einem selbst, aber nun war der Tag gekommen, an dem auch ich einmal durch so eine Situation belehrt worden war. Ich lernte das Gefühl kennen, wie es war, kurz vor seinem Tod zu stehen.
Ich hätte versuchen können, ihm die Waffe aus der Hand zu schlagen und sie dann selbst ergreifen und ihm zeigen wie es war, den Tod praktisch vor Augen zu haben. Ich hätte ihm auch einen Tritt zwischen die Beine verpassen können oder einfach nur weiterreden mit mich so retten.
Die Glocke über der Tür zum Büro meines Chefs bimmelte zur Pause. Alle strömten sie davon. Sie gingen in die Mensa, die kleine Halle zum Pausenessen. Kein einziger von ihnen hatte auch nur einen verhohlenen Blick zu mir und diesem Irren geworfen, der mir den kalten, öligen Lauf der Knarre immer fester unter das Kinn drückte.
Alle Möglichkeiten die ich mir ausgedacht hatte, endeten in demselben Szenario. Wenn ich versuchen sollte ihm die Waffe wegzuschlagen, wäre ich bereits tot, bevor ich auch nur mit den Fingerspitzen das kalte Metall berührt hätte. Würde ich ihm zwischen die Beine treten, würde er wahrscheinlich aus Versehen abdrücken. Somit wären die einzigen Möglichkeiten, die noch übrig blieben, mit ihm zu reden und auf ein Wunder zu warten.
„Also hören Sie mal, sie wollen doch nicht etwa einen neunzehnjährigen, unschuldigen Mechaniker töten, oder?“, fragte ich mit zitternder, brüchiger Stimme.
„Ich wollte vor einigen Minuten noch deinen verdammten Chef umbringen, also halt gefälligst die Klappe und steig in den gottverdammten Wagen!“ Seine Stimme stieg zu einem verrückten Schrei an.
Okay, er will dass ich in seinen Wagen steige und mit ihm irgendwohin fahre, wo er mich in aller Ruhe erschießen kann. Alles klar, tu am besten was er sagt und spring mitten auf dem Highway raus. Er wird dich wohl nicht erschießen, wenn ein Arsch voll Autos vorbeifährt. Das wären definitiv zu viele Zeugen, selbst für ihn.
„Natürlich“, antwortete ich und ging langsam, rückwärts zur Beifahrertür. Ich nahm den Griff, zog ihn nach außen und öffnete die Tür. Ein Gestank kam mir entgegen, den ich zuerst nicht zuordnen konnte. Es waren viele verschiedene Sorten von diesen kleinen Duftbäumchen, komischerweise sah ich aber keinen einzigen Duftbaum, der diesen Geruch verbreitet hätte können. Und ich glaube auch nicht, dass es so eine Sorte gab. Es roch wie in einem Gewächshaus, in dem alles verfault war, sogar die toten Ratten in der Ecke, die man manchmal findet.
Ich setzte mich hinein. Das Polster des Sitzes war hart und warm, so als wäre vor mir schon jemand darauf gesessen, erst vor wenigen Minuten. Ich zog die Tür zu und nahm die Hände herunter auf den Schoß. Smith setzte sich hinter das Steuer und steckte die Waffe zurück in das Halster unter seinem Jacket.
Ich wollte ihn fragen, wo wir hinfahren, traute mich aber nicht so recht. Es war wohl besser die Klappe zu halten.
„Wir fahren an einen Ort, den du sehr gut kennst, Ronald“, sagte er, als hätte er meine Gedanken gelesen.
„Und wo ist dieser Ort?“
Der einzige Ort den ich sehr gut kannte, war meine Wohnung, in der ich seit einem Jahr alleine lebte. Er drehte den Schlüssel und der Motor heulte in der kleinen Werkstatt auf, wie ein schwer verletzter Wolf in der Nacht. Smith schaltete in den Rückwertsgang und trat auf das Gaspedal. Ich wurde leicht nach vorne gedrückt und stemmte eine Hand gegen das Airbackbrett vor mir. Die Autos in der Werkstatt wurden kleiner. Ein roter Ford Baujahr 1985 stand ganz hinten und verschwand schon langsam im Schatten eines schwarzen BMW Baujahr 1979. Auch dieser wurde kleiner und schließlich bogen wir um eine Kurve und die beiden Autos waren völlig verschwunden. Wir kamen heraus auf die Straße. Es war ein sonniger, kalter Mittwoch und die Straßen, Wiesen und Häuser waren mit weißem Pulverschnee bedeckt. Es rieselte leicht einen Eisregen auf uns herab und die Reifen rutschten, als er zurücksetzte, den ersten Gang einlegte und die Straße entlang davon fuhr… mit mir im Auto.
„Weißt du, Ronald, du hast so ein schönes Leben und dann willst du plötzlich deinen Chef umbringen? Das ist nicht die feine englische Art, Junge.“
„Hey, ich wollte meinen Chef umbringen? Sie wollten mich umbringen!“ Wut stieg in mir auf. Dieser Mann hatte in der Werkstatt so lange mit mir gespielt, bis er mich am Arsch hatte. Wir bogen in die Coin Avenue ein. Hier standen große, prächtige Hochhäuser mit zwanzig Stockwerken, die höchsten Gebäude in Radock City und sie standen in zwei Reihen gegenüber, Haus an Haus.
„Ja, aber zuerst habe ich dir vorgeschlagen, dass ich ihn umbringe und du hast das Angebot ausgeschlagen und jetzt muss ich jemand anders umbringen. Und glaub mir, du wirst dich freuen, wenn du erfährst, wer es sein wird.“
„Dann sagen sie es mir doch einfach“, sagte ich in einem gelangweilten Tonfall. Meine Wut war abgeschwächt, ich empfand Ekel gegenüber diesem Typ. Er fuhr mordend durch unsere Stadt und keiner hatte es bis jetzt bemerkt.
Wie kann unsere Polizeistation das zulassen, die müssten doch so ein Arschloch in Radock City sofort in die Finger bekommen. Er ist nicht von hier, das sieht man sofort.
„Arschloch?“, fragte er mich und zog eine Augenbraue hoch. „Hast du mich gerade ein Arschloch genannt?!“
„Was, nein! Ich habe überhaupt nichts gesagt!“ Stimmt, ich hatte nichts gesagt, aber ich hatte es gedacht.
„Du hast mich ein Arschloch genannt! Verdammte Scheiße, wieso hast du mich ein Arschloch genannt! Du hast kein Recht dazu, mich ein Arschloch zu nennen!“ Er rastete vollkommen aus, schrie sich die Lunge aus dem Leib. Sein Gesicht lief rot an und die Augen schienen ein paar Millimeter herauszukommen.
Ich versucht mit den Fingerspitzen der rechten Hand den Türgriff zu finden. Ich tastete am gepolsterten Metall dieser Tür herum, fand ihn aber nicht. Es fühlte sich an, als würde ich meine kleine Katze streicheln, die ich liebevoll Pussy nannte.
Bchrrr!
Ein Schmerz durchfuhr zuerst meinen ganzen rechten Arm, dann meinen gesamten Körper. Es war ein brennender Schmerz, aber wahrscheinlich noch nicht so stark durch den Schock und das ganze Zeug. Er hatte mir ein Loch mit dem Durchmesser eines Füllers in die Hand geschossen. Es blutete ein bisschen, aber nicht stark, dafür schmerzte es mit jeder Sekunde umso mehr.
„Oh, Gott, sie verdammtes Arschloch!“, sagte ich mit schmerzverzerrter Stimmer. „Sie gottverdammtes Arschloch!“
„Tja, so ist nun einmal das Leben. Versuch niemals mich über den Tisch zu ziehen. Ich bemerke alles. Und wie heißt noch einmal dieses Sprichwort? Wer andern eine Grube gräbt fällt selbst hinein? Nein, das passt wohl nicht zu diesem Szenario.“
Wir kamen aus der Coin Avenue heraus und bogen nach rechts ab, in eine Straße mit dem Namen Diamond Maine Street.
„Noch drei Minuten, Ronald, dann sind wir da!“ Er gab ein hässliches Lachen von sich, es hörte sich an, als würde er Glasscherben gurgeln und dann noch etwas Sand hinzukippen.
Das Loch, das die Kugel die sich durch meine Hand gebohrt hatte, in dem Stoff der Tür gebohrt hatte, war um ein, zwei Millimeter größer als das in meiner Hand. Allerdings schien es sich zu verkleinern. Es wuchs geradezu wieder zusammen. „Gefällt dir diese Karre genauso wie mir? Ich hab sie vor einem Jahr hier in Radock City von einem Autohändler für nur fünfzig Dollar gekauft. Zuerst dachte ich, der wollte mich über den Tisch ziehen. Hat er aber nicht, ich gab ihm fünfzig Dollar und fertig war das Geschäft. Der Mann hatte mir gesagt, man müsse dieses Teil nie voll tanken, es würde auch ohne Benzin laufen. Aber dieses Schnuckelchen hier, ist ne kleine Naschkatze. Ab und zu gebe ich ihr ein paar Liter, damit sie wieder gesund und munter ist. Wir wollen sie doch nicht aggressiv machen, oder Ronald?“
„Wollen Sie mir sagen, dieses Auto ist lebendig?“, fragte ich stirnrunzelnd.
„Natürlich ist sie das! Manchmal kann man wirklich gute Gespräche mit ihr führen, vor allem nachts. Sie ist wie eine Freundin für mich, deswegen bin ich wahrscheinlich auch nicht verheiratet!“
Jetzt weiß ich warum er so frustriert ist, dachte ich mir, bestimmt ist er noch Jungfrau. Der Mann, der nie zum Stich kam! Das ist doch ein Witz, oder? Ich werde von einer Jungfrau entführt und in die Hand geschossen, das kann nicht euer ernst sein!
Aber es war so, ich schwöre! Das war natürlich nur eine Vermutung, nichts anderes, aber vielleicht war er eine Jungfrau und hatte sich nun in dieses Auto verliebt, wollte mit diesem Mercedes durch die Welt reisen und mich als Geisel mitnehmen. Wie wäre das wohl für mich ausgegangen? Ich hatte keine Ahnung und wollte auch nicht daran denken.
Wir waren am Ende der Diamond Main Street angekommen und bogen nach links in die Tower Road ein. Wahrscheinlich hätte dieser Straßenname besser zu den Häusern mit den zwanzig Stockwerken gepasst, aber in dieser Straße hatte ich früher einmal gewohnt, als ich noch siebzehn war und all die Jahre davor auch. Ich bin in Radock City aufgewachsen und glauben Sie mir, diese Stadt ist nicht gerade die richtige Umgebung für ein Kind. Hier passierten hin und wieder rätselhafte Dinge die sich keiner Erklären konnte. Diese Stadt hatte wahrscheinlich die meisten unheimlichen Schlagzeilen auf der ganzen Welt geschrieben.
Aber es ging hier wahrscheinlich nur um ein einziges Haus. Das Haus mit der Nummer 11.
Das Haus in dem ich einmal gewohnt hatte.
Das Haus in dem meine Eltern lebten.
„Ganz genau, Ronald, es geht um das, was du gerade denkst“, sagte Smith in einem hinterhältigen Tonfall.
Im Schleichtempo fuhren wir über den feuchten, vereisten Asphalt. Wie auf einer Leinwand schlüpften die Häuser an uns vorbei. 16,15,14,13,12 und dann…11.
Smith trat auf die Bremse, blieb mitten auf der Straße stehen, machte sich nicht einmal die Mühe auf einen der freien Parkplätze zu fahren. Er stieg aus. Ich wollte mit der linken, unverletzten Hand nach dem Türgriff greifen, fand aber keinen. Es lag nicht daran, dass ich ihn nicht finden konnte, es lag daran, dass er überhaupt nicht existierte.
Smith kam nicht, um mir die Tür von außen zu öffnen. Er ging über den Randstein auf den Gehweg und die Treppe zur Eingangstür des Hauses hinauf. Er drückte auf den kleinen gelben Knopf und ich konnte sogar hier im Auto die ratschende Klingel hören.
Es vergingen zehn Sekunden der Stille. Ich saß in diesem Auto fest wie in einem Gefängnis.
Die Fahrertür, Pete, die Fahrertür.
Na klar, die Fahrerseite. Ich kämpfte mich von meinem Sitzplatz, über die Handbremse hinüber zur Fahrerseite. Nun saß ich hinter dem Lenkrad und nicht er. Dieser verrückte Penner.
Aber auch auf dieser Seite war kein Griff.
Wie zum Teufel ist er hier raus gekommen?
Ich konnte mir vorstellen, dass dieses Auto vielleicht wirklich einen gewissen Grad von Leben in sich hatte, aber nicht vollkommenes Leben. Ich dachte, wenn ich diesem Ding einen Befehl erteilen würde, würde es auf mich hören…vielleicht.
„Griff!“, sagte ich in die Stille hinein. „Auf!“ Nichts geschah. „Lass mich heraus!“ Nichts.
Der Zündschlüssel steckte noch. Ich versuchte ihn zu drehen, in beide Richtungen. Nicht einmal das funktionierte.
Okay, bleib ganz cool, Pete, ganz cool. Guck dir das Ding doch erst einmal an.
Ganz genau, eine gute Idee. Ich versuchte ihn herauszuziehen. Das klappte genauso wenig wie die Befehle und das Drehen.
Smith stand immer noch vor der braunen Mahagonihaustür. Wenn ich Glück gehabt hätte, wären meine Eltern vielleicht nicht zuhause gewesen, aber seit meine Mutter ihren siebzigsten Geburtstag hinter sich gebracht hatte, war sie die meiste Zeit zuhause und mein Vater hatte überhaupt keine Lust mehr auf irgendwelche Feiern oder Baseballspiele zu gehen.
Schließ ihn kurz, du kannst ihn kurzschließen!
Das war eine fantastische Idee. Normalerweise hätte ich mich bei dem Gedanken daran, ein Auto kurzzuschließen schlecht gefühlt, aber in diesem Moment ging das wohl in Ordnung. Ich suchte unter dem Lenkrad nach Schrauben oder Ecken, aber es war ein total abgerundetes, schraubloses Brett. Das einzige, was in der Nähe des Lenkrads aus Metall war, war das Zündschloss und das konnte man wohl schlecht aufbrechen. Nichts. Mann konnte dieses verdammte Brett noch nicht einmal herausreißen.
Die Mahagonitür öffnete sich. Meine Mutter, in einem grauen Jogginganzug und einem paar blauer Hausschlappen, stand, mit zurückgekämmtem Haar in einem Gummiband, im Türrahmen und erkundigte sich wahrscheinlich, was dieser junge Mann wolle. Die Antwort gab er ihr mit einem gedämpften Schuss in den Kopf. Er hatte die Waffe blitzschnell herausgezogen und abgedrückt. Eiskalt.
Ich drehte durch. Ich war eingesperrt in einem Mercedes, von denen ich mindestens einmal in der Woche ein Modell reparierte, aber so ein Modell hatte ich noch nie in meinem ganzen Leben gesehen. Und nun musste ich auch noch zugucken wie dieser scheiß Smith meine Mutter umbrachte.
Er warf einen kurzen Blick zu mir herüber und sah mir direkt in die Augen, soweit ich es von dieser Entfernung beurteilen konnte.
Ich hatte ihn wütend gemacht und das war ein Fehler gewesen. Er trat durch den Türrahmen und trat dabei meiner Mutter ins Gesicht, dies wie ein geplatzter Fußball in sich zusammenfiel.
Ich strampelte wie ein Irrer in diesem Auto mit meinen Füßen, versuchte die Scheibe auf der Beifahrerseite einzuschlagen, aber es funktionierte nicht. Alles was ich ausprobiert hatte, funktionierte nicht. Wenn es drauf ankam, versagte ich, wie immer.
Ich konnte nichts hören. Es war wieder völlig still. Den Schuss erwartete ich nicht, schließlich verwendete er einen Schalldämpfer. Bald würden wir Menschen wieder mit Atomwaffen, Biobomben und all dem Scheiß gegenseitig auf uns schießen. Und wozu? Damit irgendein Präsident von irgendeinem Staat die Weltherrschaft an sich reißen konnte? Das ist doch albern. Man zerstört doch nicht das, was man haben will, bevor man es überhaupt hat.
Aber trotzdem fraß sich diese unerträgliche Stille in mein Gehirn. Ich konnte nicht verhindern, dass dieser verdammte Killer meinen Vater ermordete, es lag nicht in meinen Händen.
Vielleicht hätte ich mir an diesem Morgen frei nehmen sollen. Ich hatte mit dem Gedanken gespielt, aber hatte mich dagegen entschieden, schließlich brauchte ich das Geld und wenn man krank war, machte Mr. Evans einem die Hölle heiß. Aber die Entlassungspapiere hatte er trotzdem schon ausgefüllt und unterschrieben. Ich hätte mir wirklich frei nehmen sollen, so wie es alle anderen schon ein dutzend Mal gemacht hatten. Nur war ich bis jetzt immer zu feige dazu gewesen. Ich hatte Angst davor, gefeuert zu werden, hatte Angst davor, meinen Job zu verlieren, bei dem ich so einen mickrigen Lohn bekam, das er gerade einmal für die Miete und das tägliche Brot reichte.
Aber es war besser als Arbeitslos zu sein.
Smith kam wieder heraus. Er sah zu seinem Auto. Ich saß immer noch auf der Fahrerseite und bekam ein ungutes Gefühl. Er ging die Treppe hinunter auf den Gehweg. Jetzt konnte ich sehen, dass sein Gesicht mit Blut verschmiert war. Er hatte sich nicht die Mühe gemacht es abzuwischen. Er wollte wahrscheinlich, dass ich es sehe.
Aber aus dem Haus meiner Eltern kam eine zweite Person. Ein weiterer Mann. Er trug einen schwarzen Sommerhut, dessen Krempe an den Seiten und hinten leicht nach oben gebogen war und vorne gerade herauslief. Er trug ein weißes Armani Hemd und eine Wrangler Jeans, die an schwarzen Lackschuhen endete. Es war, als würde dieser Mann eine Wärme ausstrahlen, die ich mir nicht erklären konnte. Er sandte ein Gefühl von Geborgenheit aus.
Smith hatte noch nicht bemerkte, dass hinter ihm diese andere Person aufgetaucht war.
Komplizen! Sie arbeiten in einem Team, natürlich, wie konnte ich nur so dumm sein. Kein professioneller Kidnapper arbeitet alleine!
Das hatte in meinem Kopf herumgespukt, als ich diese beiden, zum Auto hinunter kommen sah. Ich wusste ja nicht, in welcher Beziehung sie zueinander standen. Ich zwängte mich über die Handbremse zurück auf den Beifahrersitz. Ich hoffte, dass er mich noch nicht gesehen hatte. Hoffnung, das einzige menschliche Gefühl, dass bedeutsam ist. Liebe vielleicht auch noch, aber zu diesem Gefühl, konnte ich in diesem Augenblick noch nichts sagen. Freundschaft, das war das einzige liebenswerte Gefühl, das ich bis zu meinem sechzehnten Geburtstag empfunden hatte. Mein bester Freund Eddie Nero, mit dem ich alles teilte, von meinem zehnten bis zu meinem sechzehnten Lebensjahr. Er war so etwas wie ein Bruder für mich. Er gab mir die Hälfte seines Taschengeldes, wenn ich wieder einmal keins von meinen Eltern bekommen hatte, um neunzig Minuten im Kino zu verbringen. Allerdings gab ich es ihm dann auch wieder zurück, falls er keines hatte für sonstige Aktivitäten, die ihm seine Eltern nicht erlaubten. Er starb 1996, als er einen alten Buick von einem Farmer gestohlen hatte. Er raste mit hundertzehn Sachen den Highway entlang und war für einen kurzen Moment abgelenkt, als es geschah. Ein Truckfahrer hatte sich die Diamond Morning News durchgelesen und hatte nicht auf die Straße geschaut, während Eddie auf dem Rücksitz des Buicks nach etwas suchte. Sie krachten ineinander. Der Buick wurde wie eine verfaulte Banane zerquetscht, während der Truckfahrer mit einer leichten Gehirnerschütterung davongekommen war. Wer war an dieser Tragödie Schuld? Eddie, der auf dem Rücksitz kramte oder der Zeitung lesende Truckfahrer, der wahrscheinlich schon Überstunden machte? Das wurde nie geklärt, aber an diesem Tag, als dieser Mann mit dem schwarzen Sommerhut aus dem Haus meiner Eltern kam, überwältigte mich ein Gefühl, das genau dasselbe war, wie wenn ich Eddie eine oder zwei Wochen nicht gesehen hatte und er dann plötzlich vor meiner Haustür stand um zu fragen, was wir an diesem Abend unternehmen sollten.
Smith kramte eine Schachtel Kentzigaretten aus der Innentasche seines Jackets. Er klopfte sich eine heraus. Sie hatten weiße Filter, waren lang. Früher hatten wir diese Zigaretten immer Nuttenstängel genannt, aber heute war die Regel, dass man schwul war, wenn man solche Zigaretten als Junge rauchte, wohl vollkommen neutralisiert worden. Es gibt wohl immer noch Leute, die die These vertreten, dass man von diesen Zigaretten mehr hatte, als von den normalen Marlboro und West, aber das stimmt nicht, es sind nur die Filter, die sie so lang erscheinen lassen.
Smith steckte sie sich in den Mund und zog ein Elektrikfeuerzeug aus seiner Hosentasche. Mit einem Klick schoss die Flamme heraus und ließ den Tabak erglühen. Er zog kräftig an ihr und ließ den Rauch langsam aus seiner Nase heraus. Es war wohl der Brauch nach einem Mord eine zu rauchen. Oder vielleicht war es auch nur um die Nerven zu beruhigen, wie man so schön sagt.
Der andere Mann ging aufrecht zu ihm, ohne das Smith ihn bemerkte. Ich dachte er würde ihm auf die Schulter tippen und sagen: „Hey, Rauchen schadet Ihrer Gesundheit, lesen sie nicht was auf den Verpackungen steht?“
Aber nein, er trat hinter ihn, während Smith die Kippe aus dem Mundwinkel nahm und sie zwischen dem Zeigefinger und Mittelfinger hielt. Er legte in einer schnellen Bewegung den rechten Arm um seinen Hals, flüsterte ihm etwas ins Ohr und drehte dann seinen Kopf mit Hilfe der linken Hand um hundertachtzig Grad in einer schnellen Bewegung. Ich konnte fast das Knacken hören, mit dem sein Genick brach und ich wollte aufspringen und jubeln, wollte Beifall klatschen, wollte diesen Mann anfeuern und schreien, er solle ihm noch eine verpassen, ihm seine hässliche Visage herunterreißen.
So sieht Vergeltung aus, Smith!
Der Giftstängel, wie mein Vater gerne dazu sagte, rutschte aus seiner Hand und landete auf dem vereisten Boden. Zuerst fiel er auf die Knie, dann auf den Bauch und zuletzt schlug er mit dem Kopf auf. Die Polizei von Radock City hatte hier wohl wieder etwas zu tun. Ich wollte in diesem Moment lachen und weinen, wollte trauern und mich freuen, aber ich konnte beide Gefühle zurückhalten, schließlich wusste ich noch nicht, auf welcher Seite dieser Mann nun stand. Auf meiner oder auf seiner? Es konnte möglich sein, dass die beiden mich als Geisel haben und Lösegeld verlangen wollten, wenn die Polizei hier auftauchen sollte. Und wäre da nicht mehr für ihn drin, wenn er alles für sich alleine haben konnte? Er könnte den Mord meiner Eltern auf Smith schieben, allerdings hätte er dann noch Freiheitsberaubung und einen Mord auf seinem Konto und er würde hier nie wieder herauskommen. Aber da war etwas. Smith wurde unscharf. Wie eine Ecke auf einem Polaroidfoto. Er verschwamm. Zuerst dachte ich, ich würde mir das alles nur einbilden, aber er wurde durchsichtig und als der Mann mit dem schwarzen Hut einen Fuß vorsetzte um herzukommen, schritt er geradewegs durch ihn hindurch, wie in den Science Fiction Filmen, in denen die Leute immer durch Hologramme hindurch laufen.
Die Augen des Mannes blinkten im Schatten seines Huts. Er kam näher, sodass ich sie deutlicher sehen konnte. Blau, weiß, rot, grün und schwarz. Alle Farben, sogar solche, die ich noch nicht einmal kannte, Farben, die ich in meinen neunzehn Lebensjahren noch kein einziges Mal gesehen hatte.
Er kam nicht zu mir, er ging zur Fahrerseite.
Er öffnete die Tür und stieg ein. Er sah mich mit seinen, ständig die Farbe wechselnden Augen an und führte seine rechte Hand zum Zündschloss und drehte den Schlüssel, als ob ich nicht vor zwei, drei Minuten versucht hätte diesen Wagen zum laufen zu bringen. Der Motor heulte auf und der Sitz unter meinem Arsch begann zu vibrieren. Langsam trat er aufs Gaspedal und achtete nicht auf mich. Ich warf einen letzten, trauererfüllten Blick zum Haus meiner Eltern und verabschiedete mich schweigend. Smith war inzwischen überhaupt nicht
mehr zu sehen, er war verschwunden in eine andere, wunderbare Welt vielleicht.
Wir entfernten uns von dem rosenroten und hautfarbenen Haus. Wir fuhren die Tower Street
entlang zum Ende der Stadt. Es würden zwanzig Meilen Highway folgen und dann würden wir in Harmoniy City sein.
„Weißt du wer ich bin, Pete?“, fragte der Mann, dessen Augen ständig immer und immer wieder die Farbe wechselten. „Hast du mich schon einmal gesehen?“
„Nein!“, sagte ich mit ruhiger, aber innerlich aufgeregter Stimme. An so einen Typen hätte ich mich mit Sicherheit erinnert. Ich meine, wer läuft im Winter in einem Hemd und einem Sommerhut durch die Gegend und dazu auch noch in Radock City, wo alle rätselhaften Ereignisse ihren Ursprung haben.
„Nun ja, meine Frage hätte wohl eher Kennst du mich noch lauten sollen, aber egal. Mein Name ist Martin. Ich sorge dafür, dass die Kinder, die dafür bestimmt sind, in der Stadt zu leben, in die Stadt kommen, Pete. Und du bist dafür bestimmt. Allerdings muss ich dich fragen ob du das überhaupt willst, ich meine was hält dich denn noch hier? Keine Freundin, Eltern tot, in einer Welt aus Terror und Schrecken ermordet worden, also, was hält dich noch hier? Kommst du mit? Ja oder nein?!“
„Zuerst einmal, um was für eine Stadt handelt es sich? Wo auf ist sie?“
Ich hatte ein merkwürdiges Gefühl im Kopf, ein Pochen, so als würde mein Kopf in wenigen Minuten explodieren. Aber nichts geschah. Es war plötzlich drückend heiß in diesem unheimlichen Mercedes. Wir fuhren auf dem Highway 160 entlang. Fast kein einziges Auto kam uns entgegen oder fuhr hinter uns. Wir waren fast völlig alleine in auf dieser Straße Richtung Harmoniy City.
„Ich darf dir nichts darüber sagen, solange du nicht eingewilligt hast!“, erklärte er und wurde etwas lauter. Das Motorengeräusch war inzwischen zu einem monotonen Raunen angestiegen.
Vielleicht antwortete ich aus Neugier oder aus Trauer, ich weiß es selbst heute noch nicht, aber ein einziges Wort verließ meinen Mund, noch bevor ich an es dachte: „Ja.“
Es war ein in den Molekühlen der Luft verloren gegangenes Wort, es wurde praktisch von der Atmosphäre verschluckt und ich war auf eine irritierende Weise froh darüber. Es hatte sich so tot angehört, nur wusste ich noch nicht, in wie fern diese Antwort mein Leben verändern würde. Der Asphalt erstreckte sich vor uns wie ein endloser, grauer Streifen, der sich einmal um die ganze Welt gewickelt zu haben schien. Die Luft in diesem Mercedes war dick und die Atmosphäre auf eigenartige Weise elektrisiert. Ich hatte keine Erklärung dafür, aber die Luft war irgendwie geladen. Und das meine ich wörtlich. Immer und immer wieder funkten kleine Blitzchen auf. Manchmal an der Windschutzscheibe, manchmal direkt vor meiner Nase und ab und zu unter meinem Jackenärmel. Es kribbelte bei mir im ganzen Körper, bevor Martin auf mich aufmerksam wurde.
„Was ist los?“, fragte er mich, als ich zuckend und zitternd zu ihm sah. Eine Träne, von der ich so gut wie gar nichts mitbekam, floss aus meinem linken Auge, während ein Schweißtropfen ihr folgte und sich mit ihr vermischte. An meinem Kinn tropfte der Tränenschweißtropfen hinunter auf das harte Polster des Beifahrersitzes.
Nun zuckte auch Martin. Zuerst nur mit dem linken Bein, mit dem er zum Glück nicht auf dem Gaspedal stand, dann aber mit den Armen und mit dem Genick, sodass sein Kopf hin und her wackelte. Er sah mich an, nahm den Fuß vom Gaspedal und der Wagen kam ins Schleudern. Zuerst war es nur ein kleines, unbedeutendes Schlingern, dann wurde es zu einem größeren Schleudern und anschließend zu einem Überschlag. Er kippte auf meine Seite, die rechte, das Glas zersplitterte nicht, es blieb standhaft, fast wie gottverdammtes, kugelsicheres Panzerglas. Dann machte er noch eine Drehung. Für einen Moment glaubte ich, er würde af dem Dach liegen bleiben, täuschte mich allerdings, denn er drehte sich weiter und krachte auf die Fahrerseite, an der sich zuckend Martin am Lenkrad festhielt. In dieser Position blieb der Mercedes liegen und gab Geräusche von sich, die sich anhörten wie quietschendes, sich verbiegendes Metall, aber ich wusste es besser. Dieser Karren konnte einen Griff verstecken, konnte sich weigern sich in Bewegung zu setzen und konnte natürlich auch heulen. Dieses Quietschen war kein sich verbiegendes Metall, es war ein Heulen. Das schrecklichste Heulen, das ich je in meinem Leben hörte. Ich konnte aus den Augenwinkeln wahrnehmen, wie sich das Lenkrad Millimeter für Millimeter bewegte, zuerst ein Stückchen nach rechts, dann ein Stückchen nach links. Versuchte es die Reifen frei zu bekommen? Ich hatte keine Ahnung, aber wir mussten, was immer es vorhatte, es verhindern, sonst würden wir als verschmorte Toastbrote aus dieser Sache raus kommen. Kein einziger Wagen kam vorbei. Nicht ein einziger. Wenn wir Glück gehabt hätten, so richtiges Glück, dann wäre ein Highway Polizist auf Streife vorbeigekommen und hätte über Funk die Feuerwehr geholt, die uns dann aus diesem scheiß Mercedes herausgeschnitten hätte, aber es kam kein Highway Trooper, nicht einmal ein VW Käfer.
„W-wir mü-mü-müssen hier rau-raus!“, stotterte Martin laut, sodass seine Stimme das stetige Summen übertönte.
Guter Scherz, und wie bitteschön, könntest du mir das auch sagen, du komischer Mann mit den farbigen Augen?
Ich konnte nicht aufhören mit meinen Gliedmaßen zu zucken, es fühlte sich an wie ein ungewollter Schüttelfrost als Nebeneffekt bei einer Grippe. Das heulen wurde lauter und das Quietschen ebenfalls. Die Blitze wurden weniger, das Zucken ließ einigermaßen nach und ich konnte meine Arme und Beine wieder kontrolliert bewegen, aber das komische, kribbelnde Gefühl blieb. Martin sagte etwas, aber ich konnte es nicht richtig verstehen, es hatte sich wie Scheiß Scheibe angehört.
Ich drehte mich in eine komisch wirkende, verwinkelte Position, sodass meine Bein nach oben gen Scheibe ragten und begann zu treten, trat so fest ich konnte gegen dieses Glas, das einfach nicht brechen wollte. Die ganze Zeit wartete ich auf ein lautes, klirrendes Geräusch und auf ein Gefühl der Freiheit, mit dem meine Beine in Luft ragen sollten, direkt über die Standspur des Highways. Aber nichts geschah, das Glas blieb standhaft. Langsam spielte ich mit dem Gedanken, dass wir in diesem Mercedes sterben würden, dass wir hier drinnen einen elektrischen Schlag bekämen und dieses Auto uns grillte, wie ein Steak, das ein fröhlicher Ehemann auf den Grill wirft.
Der Himmel war klar und wunderschön bläulich. Die Sonne konnte ich nicht sehen, aber dafür den blauen, wolkenfreien Himmel, wie er vor mir wie ein gigantisches Magnetfeld schwebte. Meine Füße wirkten wie zwei Kneteklumpen an den Klingen einer auseinander gespreizten Schere, die an einer Autofensterscheibe klebten. Ich gab es auf. Meine Oberschenkel schmerzten inzwischen und der Schweiß rann mir in Strömen auf meine Arbeitskleidung, mit der Aufschrift: Auto kaputt? Wir bekommen das hin! Der gesamte vordere und hintere Hemdkragen war von Feuchtigkeit dunkel gefärbt worden.
Martin sprach nicht. Er war wohl nicht sehr redegewandt. Aber im Moment war mir das egal. Ich saß mit einem Fremden in einem Auto fest, das einen eigenen Willen besaß, wie oft kam das wohl in der Geschichte der Menschheit schon vor? Ich dachte nach, suchte nach Möglichkeiten, aus dieser Todesfalle zu fliehen, aber es gab einfach keine, zumindest keine, die mir einfiel oder die ich in diesem Moment sah.
„Hast du eine Idee?“, fragte ich und drehte den Kopf so weit ich konnte nach links, um hinter mich zu sehen. Verschwommen nahm ich Martins Gesicht wahr und konnte nicht seinen Gesichtsausdruck erkennen, nachdem ich ihm diese Frage gestellt hatte.
„Nun ja, die einzige Möglichkeit, die mir im Moment einfällt, wären die Hintertüren, aber ich bin mir nichts sicher. Du könntest nach hinten klettern und nachsehen, Pete, aber nur, wenn du es kannst, ansonsten warten wir einfach, bis jemand kommt und uns herausholt“, sagte Martin, mit einer eigenartigen, wärmeausstrahlenden Stimme, die sich anhörte, als käme sie direkt aus Gottes Händen.
„Ich probiere es.“
Tobe Hooper hätte uns wahrscheinlich in einem seiner Filme sterben lassen, aber ich war noch nicht bereit zu sterben und dafür würde ich kämpfen, wenn es sein müsste. Ich kletterte durch die Lücke zwischen den beiden Vordersitzen nach hinten und stellte den linken Fuß auf der Scheibe ab, die sich unten befand. Anschließend zog ich den zweiten Fuß hinterher und stellte ihn daneben. Ein leises Knirschen war zu hören, als ich mit meinem gesamten Gewicht auf dem Fenster stand. Ein Funken Hoffnung hatte wieder ein Feuerwerk ausgelöst und ich war zuversichtlich, dass ich hier die Lösung finden würde. Aber genau wie vorne, gab es hier keine Griffe, genauso wenig wie über mir und unter mir. Das Feuerwerk der Hoffnung wurde zum Teil gelöscht und lediglich ein kleines Lagerfeuer blieb zurück. Ich schlug mit der rechten Faust gegen die Scheibe über mir. Ein Knirschen, ein Riss. Ein Lächeln breitete sich auf meinem Gesicht aus und ich schlug ein zweites Mal zu. Der Riss wurde länger und breiter, ein winziges Loch war in der Mitte entstanden, durch das vielleicht ein kleiner Kugelschreiber gepasst hätte. Ein weiteres Mal landete meine zu einer Faust geballte Hand auf dem inzwischen blutigen, rissigen Glas und Splitter flogen davon. Sie landeten in meinem Gesicht, auf meiner Stirn, auf meinen Wangen, einige sogar auf meinen zu einem Grinsen verzogenen Lippen. Blut spritzte bei jedem Schlag aus meinen Knöcheln und das Loch wurde breiter, ich konnte den Himmel nun richtig sehen, nicht durch eine fernsehartige Glasscheibe, die den Eindruck von Realität vermitteln sollte, sondern in Wirklichkeit, mit eigenen Augen. Ich ließ die Faust noch ein letztes Mal niedersausen und entfernte dann die restlichen Glassplitter vom Rand des Fensters. Langsam zog ich mich heraus und setzte mich auf die rechte, nach oben neigende Seite des Wagens und sah mich um, ich konnte nicht glauben, was ich sah, konnte nicht glauben, was sich um mich herum befand. Doch bevor ich mir darüber Gedanken machen konnte, musste ich meine Hand verbinden, sonst würde ich noch verbluten. Ich zog das Stofftaschentuch aus meiner Gesäßtasche, wickelte es um meine blutende Hand und machte einen Knoten über der Handfläche. Martin streckte zuerst die linke Hand durch das Loch, in dem sich einmal eine Scheibe befunden hatte, legte sie dann auf den Rand und zog sich mithilfe der anderen Hand nach oben. Er streckte den kopf hinaus und nahm einen Zug dieser komischen Luft, dieser warmen Luft. Wie konnte im Winter eine warme, angenehme Brise wehen? Das war die Frage die sich mir in diesem Moment der Überraschung und Faszination stellte. Martin setzte sich hin und ließ seine Beine in den Mercedes baumeln, während er sich mit seinen im Moment weißen Augen umsah. Sie wechselten zu grün und er sah zu mir. Sein Blick sah aus, als wollte er sagen: Hey, ich weiß auch nicht, was passiert ist, schließlich bin ich nicht Jesus, oder? Erklär du es mir! Aber er sagte nichts dergleichen, er sah mich nur schweigend an, warf hin und wieder einen Blick in seine Umgebung und atmete tief durch. Schließlich schwang er die Beine heraus und sprang vom nachtblauen Metall herab auf die Straße, die Staub aufwirbelte, als seine schwarzen Lackschuhe auf dem Boden landeten. Wieder warf er einen Blick auf die merkwürdige Landschaft, die ihn umgab. Ich sah ein Comicbild vor mir, wie ein Mann mit schwarzem Hut, Armani Hemd, Wrangler Jeanshose und schwarzen Lackschuhen dasteht und eine Gedankenblase mit einem Pfeil zu seinen Schläfen zeigt, in der drei Fragezeichen in kursiver Schrift stehen. Es war eine witzige Art, diese Situation darzustellen, aber sie war definitiv nicht witzig, schließlich waren wir vor wenigen Augenblicken noch in einem nachtblauen Mercedes eingeschlossen, der einem fragwürdigen Mann in einem schwarzen Anzug gehörte, der mich mit einer schallgedämpften Pistole bedroht hatte und vor einigen Minuten waren wir auf dem Highway Richtung Harmoniy City gefahren und da sah alles noch ganz anders aus, als jetzt. Da sah diese Landschaft noch schneeweiß aus. Jetzt war sie windig, warm und wüstengelb. Um genauer zu sein, war es eine Wüste. Sand erstreckte sich endlos in alle Richtungen und nirgends war jemand zu sehen, nicht einmal etwas, das von Menschenhand gebaut worden war. Kein Geschwindigkeitsbegrenzungsschild, kein Gebäude, kein Highway, keine verdammte Eidechse genauso wenig wie Vögel oder andere Lebewesen. Nichts außer Staub und Sand und Leere. Wieder warf Martin einen Blick zu mir, diesmal mit blauen Augen. Ich sagte nichts, hatte nicht einmal einen Satz oder ein Wort in meinem Kopf, ich war praktisch sprachlos. Die Sonne schien herab, sie brannte in meinem Nacken, dessen Hemdkragen langsam wieder trocknete, den ich vollgeschwitzt hatte. Allerdings sammelte sich darunter eine neue Feuchtigkeitswelle. Sand spritzte in mein Gesicht, als ein weiterer Windstoß den sandigen Boden aufwirbelte. Es war ein hässliches Gefühl in meinem schwitzenden Gesicht. Ich musste sofort mit dem Ärmel meines Arbeitshemds darüber wischen, weil ich es nicht leiden konnte, wenn mir Sand im Gesicht klebte. Ich versuchte mir einzureden, dass ich das alles nur träumte, konnte es aber nicht glauben, es fühlte sich alles so echt an. Der Schmerz meiner Hand, die Sonnenstrahlen auf meiner Haut, die Wärme, die Martin ausstrahlte, als wäre er ein Engel, der Sand der in meinem Gesicht klebte und die Angst die ich empfunden hatte, als ich in diesem Mercedes eingeschlossen war und mich dieser Mr. Smith mit seiner schallgedämpften Waffe bedrohte. Ich war in gewissem Sinne erstaunt. Zuerst quasselte dieser eine Typ, ich solle nicht wollen dass jemand anderer starb, nur weil ich mein eigenes Leben retten wollte. Und saß ich hier, auf einem Mercedes, der nachtblau lackiert war, dessen Baujahr ich nicht kannte, hatte einen Mann in meiner Nähe, von dem ich lediglich den Namen kannte und starrte in eine, mir unbekannte Welt hinaus, die in nichts anderem als Sand zu enden schien. Es war eine irrationale, unheimliche Unendlichkeit, die sich mir darbot, aber ich konnte sie mir, wie ich es auch drehte und rollte nicht erklären.
„Wo sind wir?“, fragte ich langsam mit brüchiger, verwirrter Stimme.
„Ich habe keine Ahnung, ehrlich“, gab Martin zurück.
„Disney Land?“
Ja, es war wohl eine verstörende Version von Disney Land, aber eine sehr verstörende. Meine Augen schmerzten inzwischen von der unglaublichen, blendenden Helligkeit der Sonne, die vom Himmel wie ein überwachendes Auge hinab schien. Ein runder, schimmernder Kreis, der in der Unendlichkeit des Universums vor sich hin brannte. Es kam mir plötzlich alles so groß vor, alles, sogar das kleinste Detail dieser komischen, nicht existieren dürfenden Wüste.
„Wir sind in einer Zwischenwelt, die Welt zwischen deiner und der anderen Welt, Pete und diese hier, ist nicht gerade eine schöne Version.“
„Was meinst du damit?“, fragte ich ihn. Ich war irritiert, hatte keine Ahnung, was hier vor sich ging. Ich hätte vielleicht Vermutungen anstellen können, aber wollte es nicht, weil sie wahrscheinlich in völlig falsche Richtungen verlaufen würden. In was hatte mich dieser geheimnisvolle Kerl mit dem schwarzen Sommerhut nur hineingezogen?
„Nicht so wichtig.“
Nicht so wichtig! Wenn ich nicht lache! Nicht so wichtig! Was glaubt er wer er ist! Gott!! Er hat kein Recht dazu, mich in eine solche Situation zu verfrachten! Er hat kein Recht dazu, mich einfach aus meiner gewohnten Umgebung zu reißen und alles an das ich glaube über den Haufen zu schmeißen! Wozu hat er überhaupt ein Recht?
Nein, er hatte wirklich kein Recht dazu, mich hierher zu bringen und dann nicht zu wissen, wo wir waren, aber andererseits musste ich ihm dankbar sein, da er mir mit Mr. Smith geholfen hatte. Smith! So heißen doch nur Serienkiller, Auftragsmörder und Drogenbosse, wie konnte ich überhaupt auf so einen uralten Trick reinfallen? Wer heißt schon in Wirklichkeit Smith? Niemand!
Ich sprang ebenfalls vom Wagen und meine Füße landeten im staubigen, trockenen Boden. In meiner Welt wäre ich ausgerutscht und auf meinen Arsch gefallen, womöglich hätte ich mir ein Loch im Kopf geholt. Aber in dieser Welt, konnte ich einfach herunterspringen, schwitzend und verwirrt.
„Wir gehen am besten nach Norden“, sagte Martin und sah zu mir. Seine Augen hatten einen unheimlichen Grauton angenommen.
„Und woher willst du wissen, wo Norden ist? Hä?!“
„Da ist Norden!“, antwortete er und deutet mit der rechten Hand direkt von sich aus voraus.
„Woher weißt du das?!“ Ich schrie ihn schon fast panisch und ängstlich zugleich an. Er konnte nicht einfach sagen da und da liegt das und das. Er war nicht irgendein Hellseher oder sonst irgendjemand mit übernatürlichen, fantastischen Fähigkeiten. Er war nur ein Mann. Nun ja, ich musste gestehen, er war ein Mann mit Augen, an die man sich erst einmal gewöhnen musste, aber trotzdem nur ein normaler Mann. Nichts besonderes, kein Zauberer, Hexer, Hellseher oder glorreicher Wissenschaftler, der seinen Lebensunterhalt damit verdiente, chemische Zusammensetzungen zu studieren und zu katalogisieren, um daraus anschließend irgendwelche Atombomben für die russische Regierung zu bauen.
„Ich weiß es einfach, glaub mir.“
„Ach, ich soll dir glauben, ich kenn dich noch nicht einmal und außerdem hast du mich in diese Situation gebracht! Ich soll dir vertrauen? Wie zum Teufel soll ich das machen? Alles um mich herum vergessen und daran denken, wie wunderbar die Welt doch sein kann. Würde ich ja gerne, aber die Welt um mich herum ist nicht wunderbar und ich kann sie garantiert nicht vergessen, schließlich wurde ich vor eineigen Augenblicken fast von einem Mercedes gefressen, dessen Fahrer mich zuvor mit einer Knarre bedroht hatte und nun sitze ich in einer endlosen Wüste fest und du bist schuld daran!“ Ich schnappte nach Luft. Diese ganzen Worte waren aus mir herausgesprudelt wie Wasser einen Wasserfall hinbfließt. Ich konnte sie nicht zurückhalten, genauso wenig, wie ich Luft zwischen den Worten holen konnte, die ich ohne Pause hintereinander sprach, sodass sie sich alle wie ein einziges Wort angehört haben mussten. Martin sah mich mit einer hochgezogenen Augenbraue an und verzog die Lippen zu einem Lächeln. „Und was zum Geier ist so komisch?“
„Na, du natürlich!“ er sah mich weiterhin lächelnd an. Er ging ein paar Schritte in Richtung Front des Mercedes, sodass er an mir vorbeikam. „Du regst dich auf wie ein altes Waschweib. Schreist hier rum und tust so, als hätte ich dir nicht das Leben gerettet, als ich diesem komischen Kerl das Genick gebrochen habe. Hätte ich das nicht getan, würdest du wohl kaum noch am Leben sein und erfreust du dich nicht am Leben? Ich weiß, wie es ist, tot zu sein. Und glaub mir, keine Engelstrompeten, weißes, warmes Licht und eine tiefe, nette Stimme erwarten dich hinter dem Tor des Todes. Nur Schwärze und Kälte. In Ewigkeiten nur unsagbare, unheimliche Kälte. Aber ich glaube, du hast keine Ahnung davon und sagst dir in diesem Moment, dass dieser verrückte Kerl nur übertreibt, aber ich übertreibe nicht, ich sage nur die Wahrheit, ich darf nicht lügen, sonst muss ich wieder in diese unheimliche Schwärze zurück und ich hasse sie, du hast ja keine Ahnung!“
„Oh, du denkst, ich denke, du übertreibst? Na schön, gehen wir nach Norden, zumindest in die Richtung, der du glaubst, das Norden liegt, na schön! Aber du wirst selbst sehen, wo das hinführt, niemand würde eine Stadt im Norden bauen, geschweige denn einen Zeltplatz oder ein Hotel mit fünf Sternen!“
„Wenn du in ein fünf Sterne Hotel willst, muss ich dich enttäuschen, das findest du hier nirgends, sagen wir mal im Umkreis von……der ganzen Welt.“
Ich gab nach. Ich hatte keine Lust zu streiten. Mir war einfach nicht danach, schließlich drückte mir die Hitze aufs Gehirn und der Sand überall um mich herum machte mich verrückt, auch wenn wir noch nicht übermäßig lang hier waren. Er ging einmal um den demolierten Wagen herum und kam dann wieder bei mir an. Er sah mich an und sagte: „Nachgiebigkeit ist das schönste, was es an euch Menschen gibt.“
Ja, Nachgiebigkeit und die gute alte Ich-tret-dir-gleich-in-den-Arsch-Formel.
„Gehen wir.“ Er sah mich mit einem zynischen Blick an und begann zu gehen. Aus einem Augenwinkel heraus, konnte ich wahrnehmen, wie sich etwas hinter mir bewegte, ich konnte aber nicht sagen, was es war, als ich mich umdrehte. Es hatte entweder aufgehört oder mich machte der Sand wirklich wahnsinnig…oder paranoid. Martin hinterließ tiefe Fußspuren im Sand, genau wie ich. Allerdings hatte ich mir nach einer halben Stunde ein kindisches Spiel angeeignet, das ich auf den Namen Tritt in seine Fußstapfen, wenn du daneben trittst hast du verloren taufte.
Man konnte den Mars sehen, als wir eine Stunde hinter uns hatten. Der rote Kreis schimmerte wie eine irrationale Einbildung am Himmel und sah wie ein rotes, glühendes Auge auf uns hinab. Die Sonne stand schon tiefer als am Mittag und der Mercedes war hinter uns schon vollkommen verschwunden. Nach zwei Stunden mussten wir mindestens vier Meilen zurückgelegt haben, bei dem Tempo, das wir zurücklegten. Ich war mir allerdings nicht sicher. Unsere Fußspuren erstreckten sich hundert Meter hinter mir, bis ich sie nicht mehr sehen konnte. Sie verloren sich im glühen des Sandes. Es war eine wabernde Hitze über dem sandigen, heißen Boden, die alles verschwimmen ließ. Sogar unsere, in weiter Ferne liegenden Fußspuren, die ich überhaupt nicht mehr wahrnahm in der drückenden Hitze. Man konnte wirklich in einer gelben Unendlichkeit verrückt werden, bis zu diesem Tage hatte ich es nie geglaubt, aber es war wahr, alles was in diesen psychoanalytischen Büchern steht und was diese Seelenklempner redeten stimmte. Ich hatte nie daran gedacht selbst einmal so eine Erfahrung zu machen, nicht einmal im entferntesten Sinne. Ich hatte mir nicht einmal vorgestellt, wie es sein könnte irre zu sein. Aber ich erfuhr es an diesem Tage am eigenen Leib. Es begann erst mit einem eigenartigen, ungewohnten Schwindelgefühl. Es drehte sich alles um mich herum. Martin wanderte von der einen Seite meines Sichtfeldes auf die andere und wieder zurück. Immer und immer wieder. Wie eine Wiederholung, die man an seinem Fernseher einstellen konnte. Der Sand um mich herum schien zu leben. Er drehte sich ebenfalls. Ich fühlte mich wie in diesem Karussell das ich mit zehn Jahren gefahren bin. Es hieß Wild Horses und es machte seinem Namen alle Ehre. Es war eine Art eigensinnige Achterbahnfahrt für Kinder. Die Pferde auf die man sich setzte bewegten sich in einem tempo von zwanzig Runden pro Minuten, wenn man davon absah wie groß und lang eine Runde war könnte man vielleicht die genaue Geschwindigkeit berechnen, aber hey, ich war erst zehn, da interessierte mich so etwas noch nicht. Während diese Pferde ihre Runden machten, wippten sie ständig auf und ab, ohne Unterbrechung. Ab und zu wippten sie zur Seite nach außen, sodass man sich mit aller Kraft festhalten musste, damit nicht hinunterfiel, wie es schon einmal auf diesem Karussell vorgekommen war. Diese Geschichte hatte mir der Fahrkartenverkäufer erzählt, der die komischen Kommentare während der Fahrt machte. Er sagte, ich solle mich gut festhalten, es sei schon einmal ein Kind schwer verletzt worden, weil es freihändig gefahren sei. Ich befolgte seinen Rat und hielt mich mit aller Kraft fest und es ist mir nichts passiert, ich hatte die zwei Dollar teure Fahrt unverletzt überstanden. Als ich ausgestiegen war, hatte der Mann mir zugezwinkert und mich angelächelt. Ich kniff ebenfalls das linke Auge kurz zusammen und schenkte auch ihm ein nettes Lächeln. Das Lachen eines jungen Kindes konnte und kann wahrscheinlich jeden bezaubern.
Mit gesenktem Kopf tapste Martin in Schlangenlinien vor mir her. Ihm tropfte ein Sabberfaden vom Kinn herunter und seine weißen, trockenen Zähne standen hervor. Er war genauso ausgelaugt wie ich – oder sollte ich besser sagen ausgetrocknet?
„Okay, wir machen eine Pause“, sagte er mit tonloser Stimme. Sie klang trocken, genau wie alles andere in diesem Teil der Welt.
Trocken, Trockenzeit, Trockenheit, trocknen, Trockner, trockenlegen mehr Wörter fielen mir nicht ein, als ich mich mit meinem Gesäß auf den heißen Sand setzte, der mir schon fast die Arschbacken grillte. Es war fast ein schlimmeres Gefühl, als in diesem blitzenden Wagen zu sitzen.
„Wie weit willst du noch gehen?“, fragte ich Martin.
„Es ist immer besser in ein und die selbe Richtung zu gehen, als sie ständig zu wechseln, irgendwann muss etwas kommen, auch wenn es nur ein gottverdammter Kaktus ist!“
Wir saßen da, schwiegen, starrten in die unendlich scheinende Wüste.
Eine halbe Stunde später, nachdem wir ausgiebig pausiert hatten und unsere Hintern zu glühen begonnen hatten, von diesem abartig heißen Sand, waren wir wieder unterwegs. Immer noch – Martins Meinung nach – Richtung Süden.
„Bist du immer noch davon überzeugt, dass wenn man in eine Richtung geht, irgendetwas kommen muss?“, fragte ich ihn mit einem Hauch eines Lächelns auf den Lippen, die nun aneinander klebten. Er gab mir keine Antwort, schwieg und starrte zum Horizont, an den die Sonne inzwischen Näher gerückt war.
„Ich wusste es doch“, konnte ich Martin flüstern hören. Allerdings begriff ich nicht, was er damit gemeint haben könnte. Es gab nichts, noch nicht einem einen gottverdammten Kaktus, wie er sich ausgedrückt hatte.
„Was wusstest du?“
„In anderthalb Stunden wirst du es erfahren, Pete, in anderthalb Stunden."
„Komm schon, sag’s mir, ich bin neugierig! Ist es ein Kaktus oder eine Fata Morgana?“
„Weder noch!“
Ich runzelte die Stirn, ging ein paar Schritte schneller und gesellte mich neben ihn. Ich konnte auch etwas erkennen, aber nicht richtig, sodass ich hätte sagen können: „Das ist die schwarze, unendlich unheimliche Stadt, Martin, da können wir nicht hingehen, also hast du die Wette verloren und komm jetzt ja nicht mit irgendwelchen faulen Tricks.“ Es war nur ein dunkler Punkt am Horizont, nicht einmal ein Fleck, nur ein kleiner, dunkler Punkt. Es sah aus, als hätte jemand mit einem Füller einen Punkt auf ein Bild Picassos getupft. Ein Verunreinigung in der Atmosphäre vielleicht, aber was war das? In Wahrheit konnte er es bestimmt auch nicht erkennen, schließlich besaß er keine Adleraugen, wobei ich mir da nicht ganz sicher war.
„Wir können uns nun nach diesem Ding dort orientieren, das ist wenigstens schon einmal etwas, das kannst du nicht bestreiten“, sagte er und sah mich an.
Ich nickte.
„Wir gehen am besten immer auf diesen Punkt zu und wenn wir dort sind, gehen wir weiter und achten darauf, dass dieser Punkt ständig hinter unserem Rücken bleibt, damit wir wissen, dass wir in ein und die selbe Richtung gehen.“
„Was ist das?“, fragte ich, obwohl ich ihm seine Antwort sowieso nicht abkaufen würde. Wahrscheinlich waren es sowieso nur Mutmaßungen und Spekulationen.
„Eine Stadt, eine dunkle Stadt, allerdings, wir dürfen nicht dort halt machen, diese Kreaturen die dort leben, sind böse und ich will nicht in einer Auseinandersetzung mit ihnen enden“, sagte er und sah mich ein wenig lächelnd an. Es schien mir so, als würde er diese ganze Situation nicht ernst nehmen, er sah dieses ganze Geschehen eher wie ein lustiges Spiel, genau wie ich Tritt in seine Fußstapfen, wenn du daneben trittst hast du verloren gespielt hatte.
Wir stolperten dahin und der kleine, dunkle Punkt im Bilde Picassos kam näher und wurde größer. Am Anfang konnte ich noch nicht glauben, was ich sah, als ich endlich etwas erkennen konnte. Es waren große, hohe Gebäude, aus denen schwarzer Rauch aufstieg, wie aus Fabriken und Textilindustrien. Es war ein dicker, undurchsichtiger Rauch. Wären Vögel durch ihn hindurch geflattert, wären sie wahrscheinlich daran erstickt und wie Steine auf die Dächer der hohen Gebäude gekracht. Der Rauch stieg bis zu dem schönen, blauen Himmel auf, wo er sich dann verlor und in alle Winde verweht wurde. Lichter strahlten gen Himmel, die man an einem leichten, fast unsichtbaren Schimmer erkennen konnte. Sie stammten aus riesigen, ovalen Scheinwerfern, etwa mit den Durchmessern riesiger Kreisverkehre. Sie waren in der gesamten dunklen Stadt verteilt. Manche waren mit Graffiti besprüht, andere sahen fabrikneu aus. Allerdings waren alle schwarz. So schwarz wie die Unendlichkeit des Alls. Alle Häuser waren schwarz, alle Straßen waren schwarz, alle Mülleimer waren schwarz, alle Antennen waren schwarz und alle Bewohner dieser Stadt waren schwarz.
Wir standen am Rande der Stadt, von wo aus ich erkennen konnte, dass alles schwarz war, so schwarz wie das Haar auf meinem Kopf. Ich erinnerte mich in diesem Augenblick, an ein Besuch auf dem Jahrmarkt in der Nähe von Radock City. Ich war in ein Spiegelkabinett gegangen und fand es Anfangs auch ganz lustig, aber als ich bemerkte, dass ich ganz alleine war und niemand anderes sich dieses Verwirrungsspiel antat, überkam mich ein Gefühl der Angst. Ich sah mich in diesen Parabolspiegeln und konnte mein in die Länge gezogenes Gesicht sehen, sodass es wie eine geisterhafte Erscheinung wirkte. Ich war vollkommen alleine gewesen. Dieses komische, unheimliche Gefühl. Normalerweise sollte man sich auf einem Jahrmarkt amüsieren, aber ich hatte nur Angst. Mein in die Länge, in die Breite, in die Ecken gezogenes Gesicht machte mir Angst und ich konnte den Ausgang nicht finden. Schließlich kam dann meine Mutter hatte mich rausgeholt, aber dieses Gefühl hatte ich nie vergessen. Es war so ein Scheiße-ich-finde-hier-nie-wieder-raus-Gefühl, das wahrscheinlich jeder schon einmal empfunden hat. Aber an diesem Tag, in diesem Augenblick hatte ich es gehasst und ich wäre lieber gestorben, als diese Demut über mich ergehen zu lassen, als meine Mutter mich heulend herausgeholt hatte.
Es war dieses Gefühl, das ich in diesem Moment empfand, als ich vor diesen Lampen, Häusern, Mülleimern (die alle unbenutzt aussahen), Straßen und Antennen stand, die alle schwarz angestrichen waren. Erst in diesem Moment fiel mir auf, dass keines der Häuser noch zusammengesetzte Fensterscheiben besaß. Es war, als wurden alle herausgeschlagen, vielleicht aus Angst davor, man könnte sich darin spiegeln, so wie Vampire diese Angst empfanden haben müssen in den alten Geschichten aus Pennsylvania.
In diesem Moment konnte ich ja noch nicht ahnen, wer oder was und warum diese Scheiben herausgeschlagen worden waren. Und ich hatte auch nicht die leiseste Ahnung.
Es bewegte sich etwas hinter einem leuchtenden Scheinwerfer. Es war noch relativ hell, aber ich erkannte nichts. Konnte es nicht sehen. Ich sah zu Martin, der ebenfalls nach der Bewegungsquelle Ausschau hielt.
„Es war nichts, wahrscheinlich nur Einbildung“, sagte ich geistesabwesend zu mir selbst, während ich weiterhin zu der Stelle sah, an der sich etwas bewegt hatte, das ich nicht identifizieren konnte. Ich fragte mich in diesem Moment, was wohl mein alter Freund Eddie Nero zu dieser Situation gesagt hätte. Wahrscheinlich hätte er das alles mit einem skeptischen, positiven Auge betrachtet und gesagt: „Hey! Sieh’s doch mal positiv! Du siehst Dinge, von denen andere Menschen nich ma träum’!“ Ich hätte dann darauf gesagt, in meinem mürrischen Tonfall: „Na schön, tolle Sache, können wir weitergehen?“ Und dann hätte ich ihn mit einer hochgezogenen Augenbraue angesehen und er hätte den Kopf geschüttelt, das besagen soll Mach doch was du willst, ist dein Leben, das du da vermurkst! Am liebsten hätte ich ihn gefragt, was er dazu sagt, dass ich einen Job habe und mein Geld mit eigenen Händen und eigenem Schweiß verdiene, aber dann fiel mir wieder ein, das ich mit ziemlich hoher Wahrscheinlichkeit nie wieder arbeiten werde, zumindest nicht als Mechaniker.
„Wir müssen weiter, wenn du nicht verdursten willst“, sagte Martin und sah mich mit einem violetten Augenpaar an. Scheiße, ich wollte wirklich nicht verdursten, ich konnte mir gar nicht vorstellen wie es wohl war zu verdursten und drauf ankommen lassen wollte ich es ganz sicher nicht.
Es war wohl ein Paradoxon, das ich nicht in diese unheimliche Stadt wollte, es aber mindestens zwei Tage gedauert hätte sie zu umrunden, also hatte ich keine Wahl.
„Wir könnten doch bestimmt ein bisschen Wasser hier finden“, sagte ich an Martin gewandt, der mich stirnrunzelnd ansah.
„Wasser? Hier gibt es schon seit Jahren kein Wasser mehr und wenn, dann ist es verseucht.“
„Verseucht? Wie kann Wasser verseuchen wenn nicht einmal eine Menschenseele hier ist?“
„Gut dass du es ansprichst. Hier ist vielleicht keine Menschenseele, aber es gibt andere Geschöpfe Gottes, die keine Seele besitzen und auch gut darauf verzichten können. Ehrlich gesagt würde ich auch keine Seele wollen, wenn ich so etwas wie diese Kreaturen getan hätte. Was ist wohl, wenn du da oben vor Gott stehst und er dich fragt was du gutes in deinem Leben getan hast? Und du hast nur eine Antwort parat: >Äh, weiß nicht. < Aber wenn er dich fragt, was du schlechtes in deinem Leben getan hast, beginnst du Geschichten zu erzählen, die Geschichten deines Lebens und er steckt dich in eine Zwangsjacke, wirft dich in einen engen Aufzug und schickt dich auf direktem Wege hinunter in die Hölle, in der das schlimmste und qualvollste die Wiederholung ist, wie jeder weiß.“
Ich schluckte den Speichel hinunter, der sich in meinem Mund gesammelt hatte, na ja, es war eher ein schleimiger Schaum mit Luftblässchen. Martin ging einen Schritt voraus, setzte seinen rechten Fuß auf den schwarzen Asphalt. Das Unheimliche, dass über dem Boden zu waberte, schien auf irgendeine verrückte Weise vor seinem schwarzen Lackschuh zurückzuweichen. Ich konnte es mir nicht erklären, aber es war so, ich schwöre es. Martin hatte die Luft angehalten, die er nun mit einem lauten Geräusch ausstieß.
„Ist ja noch mal-“
Bevor er den Satz beenden konnte, packte ihn etwas schattiges, etwas dunkles an seinem Knöchel und zog. Er landete auf dem Rücken und wurde über den schwarzen, rauen Asphalt geschleift. Er entfernte sich die Straße entlang von mir. Am Ende der schwarzen Straße konnte ich ein hohes Gebäude erkennen, auf dem Scare Tower in fetter, roter Graffitischrift geschrieben war. Es waren so fette Buchstaben, dass man sie wahrscheinlich von einem Kilometer Entfernung hätte lesen können. Aber wir hatten einfach nicht darauf geachtet und nun wurde Martin in Richtung dieses Turms gezogen, der wie ein klagender Finger aufgerichtet war.
Ich rannte ihm hinterher, stolperte allerdings über etwas, das sich wie eine Wurzel angefühlt hatte, die keine Wurzel war. Ich fiel auf den Bauch und schlug mir die Nasenspitze und schürfte mir sie auf. Blutspritzer landeten auf meiner Oberlippe. Es war eine hand aus Schatten, über die ich gestolpert war. Eine Hand, die wie ein unwirkliches Dasein vor sich hin schwebte und nach meinem Schienbein griff, noch bevor ich reagieren konnte um es wegzuziehen. Diese Hand sah aus wie Äste in einer Halbmondnacht. Lange, knochige Finger, spitze, scharfe Fingernägel. Sie war so tief im Boden versunken, dass ich das Handgelenk nicht sehen konnte, aber ich wollte den dazugehörigen Körper sowieso nicht sehen, ich konnte in Gedanken ein Bild sehen, wie ein schnaufendes, geiferndes Monster mit langen, scharfen Schattenzähnen vor mir steht und mit seinen Krallen an den langen Astfingern nach mir greift.
Ich wurde um hundertachtzig Grad herumgerissen und sah nun zu dem Platz, an dem Martin und ich zuvor gestanden hatten. Ich konnte ihn nicht hören, er schrie nicht, soweit ich es in meiner Position beurteilen konnte. Schnell wurde ich über den rauen Boden geschliffen, der meinen gesamten Bauch- und Brustbereich aufschürfte. Es wurde heiß und ein großes Loch wurde in mein Arbeitshemd gerissen, sodass man meinen etwas behaarten Bauch und die Brust sehen konnte, wenn ich aufgestanden wäre. Ich hatte das Gefühl, als würde mir diese durchsichtig schattige Hand gleich das Bein abreißen, als sie mich losließ und ich in die Leere rutschte. Ich stoppte, als meine Füße an einen Treppenabsatz stießen.
Martin stand hinter mir auf der ersten von ungefähr fünfzig Stufen. Er starrte nach oben, wo sich diese riesige Graffitischrift befand. Scare Tower. Wer hatte es da bloß hingeschmiert? Gab es jetzt auch noch kriminelle Jugendliche mit Flügeln oder rannten sie in dieser Welt mit fünfhundert Meter hohen Leitern durch die Gegend. Scare Tower. Vielleicht hatte die Stadtbevölkerung diesen Turm so genannt, bevor sie endgültig ausgerottet worden war. So wie ich das sah, war hier irgendetwas ziemlich faul. Ich meine, welche Organisation konnte eine gesamte Stadt mit sagen wir mal fünfzigtausend Einwohnern auslöschen? Aber so langsam zweifelte ich daran, dass in dieser Version der Welt so einiges nicht nicht unmöglich war. Schließlich gab es in meiner Version von New York keine Schattenkreaturen, die einen bei betreten der Straße sofort zum World Trade Center zerrten. So weit ich sehen konnte, war dieser Turm wirklich das höchste Gebäude in der Umgebung. Es zogen plötzlich dunkle Regenwolken auf. Sie verdeckten die Sonne und ein unangenehmer Schatten breitete sich über uns aus.
Ein großes Tor aus massivem Holz bildete den Eingang zum Scare Tower. Die Maserung war wunderschön; so gleichmäßig. Aber auf andere, schockierende Weise war dieser schwarze Eingang auch wieder unheimlich. Ich wollte auf gar keinen Fall in dieses Gebäude, selbst wenn es mein Untergang wäre. Aber eine unterbewusste, auf spiritueller Ebene basierende Stimme rief mich, verführte mich. Sie bat mich hereinzukommen. Zuerst nahm ich sie gar nicht war. Ich war viel zu interessiert an dieser merkwürdigen Stadt und diesem merkwürdigen Turm, als dass ich hätte so eine unterbewusste Stimme hätte wahrnehmen können. Aber sie wurde lauter, kam näher. Ich konnte es mir nicht erklären, aber als ich dachte, sie würde direkt vor mir stehen, öffnete sich mit einem lauten Dröhnen das Tor. Beide Seiten klappten zur Seite weg und schmiegten sich genau in die Wand ein, sodass ein glatter Durchgang entstand.
Hinter diesem Durchgang lag eine vollkommene Dunkelheit. Ich konnte nichts erkennen. Keine Wände, keine Decke, keinen Boden und auch keinen Hinterausgang, den ich mir wahrscheinlich nur wünschte, als dass ich ihn wirklich erwartet hätte.
Martin stieg eine Stufe nach oben (jetzt blieben nur noch achtundvierzig). Eis war ein schwarzes Loch im hellen, heißen Sonnenschein der Nachmittagssonne. Inzwischen musste es schon mindestens halb fünf sein, wenn nicht sogar später. Ich konnte mir schon denken, was sich in der vollkommenen Dunkelheit verbarg. Es waren diese Schattenmonster, mit den scharfen, langen Schattenzähnen und den Astfingern mit den scharfen Fingernägeln, die nach uns griffen und uns in der Luft zerfetzen würden. Ich teilte diesen Gedanken Martin nie mit, ich hatte vielleicht Angst davor, dass er mich auslachen und sich wie ein Irrer im Sand wälzen würde.
Langsam folgte ich ihm und setzte auch einen Fuß zwei Stufen weiter oben ab. Ich steig nach oben und gesellte mich neben Martin, der langsam aber sicher dem dunklen Tor näher kam. Die schwarz angestrichenen Stufen sahen aus wie unheimliche Zwangsjackenbänder, die sich unter unseren Füßen in die Länge erstreckten. Nun schien Martin auch noch den letzten Zweifel beseitigt zu haben und stieg wie eine Schlange schnell die Stufen hinauf.
Er rannte schon fast hinauf, ohne auf mich zu achten. Ich war ungefähr fünf Stufen unter ihm, war schon fast außer Puste.
N’ bisschen mehr Sport hätte dir wirklich nicht geschadet, Pete. Ich wusste nicht wessen Stimme es war, aber sie hörte sich verdächtig nach der meiner Mutter an. Amelie Mathews und Ricardo Mathews, die wohl nettesten und großherzigsten Menschen auf der gesamten weiten Welt. Es war auch eine gewisse Tonlage meines Vaters mit eingeflochten in diese Stimme, die ich nur allzu gut kannte.
Ricardo Mathews: Hey, ich geb’ dir einen Rat: geh bloß nicht darein, da wartet nur der Tod.
Amelie Mathews: Dein Vater hat Recht, hör auf deinen Vater.
Sie hörten sich nicht alt an, auch nicht jung. Es war schon eine gewisse Vitalität in ihren Stimmen, aber nicht die, die man bei Normalsterblichen zu hören bekommt. Es war eine andere, eine von Gott gesegnete und von den Wolken geformte.
Es war vielleicht verrückt, aber ich glaubte, dass mein Vater Recht hatte. Ein Geruch, wie der in einem Leichenschauhaus strömte aus dieser dunklen Öffnung.
Da wartet nur der Tod.
Er hatte wirklich Recht, aber es war der Tod höchst persönlich.
„Martin, wir sollten da nicht reingehen“, hörte ich mich sagen. Diese Worte, sie sprudelten einfach aus mir heraus, sie warn mir durch die Finger geglitten wie abgestandenes Mineralwasser.
„Da wartet nur der Tod“, konnte ich ihn flüstern hören und eine Gänsehaut lief meinen Rücken hinunter. Wie konnte er das wissen? Und warum hatte sich seine Stimme so komisch angehört? So tot?
Ja, tot war der richtige Ausdruck.
„Woher weißt du das?“, fragte ich fassungslos und verwirrt, gleichzeitig mischte sich ein wütender und trauernder Unterton mit hinein.
„Was?“
„Na, das!“
„Was?“
„Das was du gerade eben gesagt hast!“ Ich schrie ihn an. Ich war wütend. Ein Funken hatte einen ganzen Waldbrand in mir ausgelöst.
„Ich verstehe nicht. Ich habe nichts gesagt.“ Seine Stimme klang ruhig und irgendwie macht mich das noch wütender.
„Natürlich hast du! Du hast das gesagt, was ich gedacht habe!“
„Zufall“, sagte er sachlich. Während unserer hitzigen Unterhaltung sah er mich kein einziges Mal an. Wahrscheinlich hätten mich seine farbwechselnden Augen sowieso nur noch wütender gemacht.
Ich beließ es dabei, obwohl mich dieser Gedanke nicht losließ. Und dieser eine Satz schwirrte in meinem Kopf herum wie eine fette Mücke auf dem Klo. Da wartet nur der Tod, da wartet nur der Tod, da wartet nur der Tod.
Vielleicht stimmte es sogar. Die menschliche Rasse hatte schon immer ein Furchtgefühl gegenüber der Dunkelheit und vielleicht war es nicht einmal so unbegründet wie wir immer denken.
Martin ging einen Schritt weiter und trat hinein. Im selben Moment, als er den Fuß auf den betonierten Boden des Turms setzte, erhellte sich die anthroposophisch gestaltete Halle und wir konnten ihn erkennen. Zuerst dachte ich, der Tod höchst persönlich würde da auf seinem Thron sitzen und auf uns herab schauen, so wie er es macht, wenn er sich seine nächsten Opfer aussucht. Aber dies war nicht die Unterwelt. Dies war nur eine untergegangene Stadt mit Schattenmonstern und einem Mann, dessen Gesicht etwas Wölfisches hatte. Die Augen, die in der Dunkelheit das auffangende Licht zu reflektieren schienen, leuchteten. Mit seinen Wolfsaugen sah er auf uns herab, während sein menschliches Gesicht wie eine aufgesetzte Maske wirkte. Er hatte den Mund geschlossen und seine Lippen hatten einen purpurnen Farbton. Seine Haut war weiß, wie wenn man nach einer starken Kotzattacke über dem Klo hängt und sich denkt Warum hab ich soviel getrunken?. Er trug einen hautfarbenen Mantel und schwarze Lackschuhe, ich hätte gewettet, dass es dieselben waren, wie die, die Martin an seinen Füßen hatte.
Als er begann zu sprechen, hörte sich seine Stimme zuerst wie das Klirren von Scherben an, die auf Metall fallen, dann veränderte sich seine Stimme und es war eher, wie das Kratzen mit langen Fingernägeln auf einer Schultafel. „Ihr seid bestimmt nicht gekommen, um mich anzusehen, als wäre ich ein Portrait Picassos, oder?“
„Wir sind aus keinem bestimmten Grund hier. Wir sind nur auf der Durchreise!“, gab Martin zurück und reckte dabei den Hals wie eine beißende Schlange. „Und sagen Sie Ihren Schoßhündchen da draußen, dass sie uns in Ruhe gehen lassen sollen, sonst werde ich nämlich sauer und das wollen wir beide doch vermeiden, da sind wir uns doch einig, nicht?“
„Ach ja, meine lieben kleinen Schoßhündchen. Wer sagt denn, dass sie nur da draußen sind?“
er saß auf seinem Thron aus Metall und Stein, hatte die Arme auf Lehnen gelegt, die aus purem Gold gegossen zu sein schienen, lehnte den Kopf an ein gepolstertes Steinquadrat und saß mit dem Kissen wahrscheinlich auf einem roten Seidekissen, was ich allerdings nicht erkennen konnte.
„Wir haben uns noch gar nicht vorgestellt“, sagte der Mann mit dem wölfischen Gesicht.
„Das müssen wir auch nicht, ich weiß wer du bist. Du bist der Abtrünnige, der Verräter!“
„Das ist ein bisschen hart ausgedrückt, aber ja, dass stimmt. Aber eigentlich wollte ich das ganze höflichkeitshalber auf namentlicher Vorstellung beruhen lassen und nicht in die Details gehen, Martin oder Raphael oder Harry, wie auch immer du dich im Moment nennen magst.“
„Na gut, das hier ist Peter, ich bin Martin und du bist Ligion, Legions kleiner Laufbursche, nicht wahr? Oder wurdest du in der Zwischenzeit befördert?“
„Halt DEIN Maul!“
„Wenn das alles ist, was du zu sagen hast, gehen wir am besten wieder und hiermit verabschiede ich mich von dir. Tschüss!“
Martin packte mich am Arm und drehte mich um hundertachtzig Grad, sodass ich Richtung zweitüriges Tor sah. Wir gingen ein paar Schritte, als sich das Tor schloss. Ich konnte erkennen, wie schattige Hände es am unteren Spalt zuzogen.
„Lass uns gehen!“, schrie Martin. Auch er war nun wütend, man konnte es an seiner lieblichen Stimme erkennen, die nun kein bisschen mehr lieblich war.
„Oh, du wirkst ein bisschen…gereizt“, sagte Ligion leise mit einer gespielten Überraschung in der Stimme.
„Reiz mich noch mehr und du wirst meinen Schuh in deinem verfaulten Arsch spüren!“
Ich warf einen Blick zu Martin und bemerkte dass seine Augen scharlachrot leuchteten. Er schien sich zu verändern. Seine Aura, die eine ungewöhnliche Wärme ausstrahlte, schien sich zu verändern. Ich fühlte mich wieder so wie ich mich in diesem Mercedes gefühlt hatte, als um mich herum die Blitze funkten und ein kribbeliges Gefühl meinen Körper durchfuhr. Er veränderte sich wirklich, nicht nur seine Aura, auch sein Aussehen. Adern an seinen Schläfen und an seiner Stirn traten hervor. Seine Oberarme wurden dicker und länger, genau wie seine Beine und seine Finger. Sie hatten eine unheimliche Ähnlichkeit mit denen dieser Schattenmonster.
„Erhebt euch, meine Untertanen!“, schrie Ligion auf seinem Thron. Seine Maske schien verrutscht zu sein. Ein Büschel Fell lugte vor seinem rechten Ohr hervor. Es wirkte wie ein fachmännischer Schnitt bei einer chirurgischen Operation, bei der jedoch kein Blut herausströmte, sondern dunkelgraues Fell. „Ach, ich hasse dieses Ding sowieso“, sagte er und riss sich mit der rechten Hand endgültig dieses geleeartige Maskending vom Gesicht. Er entblößte ein wuscheliges, unheimliches Gesicht aus grauen Haaren. Es wirkte irgendwie eingedrückt, so als wäre er gegen eine Wand gelaufen – mit dem Gesicht voraus. Er warf die Maske beiseite, die mit einem Flatsch auf dem Betonboden drei Meter neben seinem Thron landete.
Die zuvor eingedrückte Nase wuchs heraus, verlängerte sich. Seine Zähne wurden spitzer und länger. Die Lippen nahmen ein dunkles Violet an und der Unterkiefer verschmolz mit der Lippe, sodass es wie die Vorderseite eines ICEs wirkte. Wie ein aufgescheuchter Käfer sprang er herunter und landete auf allen Vieren zehn Meter vor uns. Sein Rücken dehnte sich, wurde doppelt so lang. Die Beine wurden knochig und behaart und ebenfalls länger. Ich erinnerte mich wieder an das Spiegelkabinett und die in die Länge ziehenden Parabolspiegel. Ich erinnerte mich an das unheimliche, fast undefinierbare Gefühl der Eingeschlossenheit und Einsamkeit. Das Scheiße-ich-finde-hier-nie-wieder-raus-Gefühl. Aber es mischte sich noch etwas anderes dazu: Ekel. Eine dünne Schleimschicht hatte sich über den noch unbehaarten Bereich auf Ligions Haut gebildet, die mich an eine Schneckenspur erinnerte.
Neben mir schrie Martin auf, dessen Kopf um das doppelte angewachsen war, seine Augen traten hervor, seine Oberarme waren inzwischen fünfmal so dick wie vorher und ich hätte mein letztes Hemd darauf verwettet, dass sie steinhart waren. Ich fühlte mich wie in einem Horroractionfilm mit Arnold Schwarzenegger. End of Days vielleicht. Aber dies war nicht damit vergleichbar. Es war die Realität (mehr oder weniger), ich sah es mit eigenen Augen und nicht durch eine zwei Zentimeter dicke Glasscheibe. Seine Jeans hatte begonnen zu reißen, dass weiße Armani Hemd hing nur noch an einem Fetzen an seinem Handgelenk. Seine roten, hervortretenden Augen glotzten zu Ligion hinüber, der sich wand und wölfisch heulte.
Die Schleimschicht auf seinem Körper war nun mit grauem Fell bedeckt. Seine lichtreflektierenden Augen blickten abwechselnd zu mir und zu Martin. Ab und an sah er auch mal in andere Richtungen.
Und da tauchten sie auf. Es waren mindestens ein dutzend: Die Schattenmonster. Es waren noch unheimlichere Kreaturen als Ligion und Martin (der sich immer noch wand und schrie, als würde ihm sein Gehirn gleich platzen), wie sie so dastanden. Mit ihren herunterhängenden Armen und den eingefallenen Schultern. Sie hatten dunkle Boxerstirne und scharfe, eckige Zähne, die wie die eines Säbelzahntigers aussahen.
Sie haben uns umzingelt, sie haben uns umzingelt, sie haben uns umzingelt!!!
Ich konnte einfach nicht von diesem Gedanken ablassen, schließlich sah es so aus, als wären wir dem Tode geweiht. Die Monster hatten einen Kreis um Ligion, Martin und mich gebildet, sodass es wie eine Arena wirkte. Zuerst würde Ligion Martin fertig machen und als Nachtisch gab’s dann Pete-Filet.
Ich konnte ein Reißen hören und die Wrangler Jeans landete vor meinen Füßen. Schließlich sah ich zu Martin hinüber und stellte fest, dass er sich in ein riesiges, monströses Nervenbündel verwandelt hatte. Er schnaufte und bei jedem ausatmen puffte ein Wölkchen in die warme Luft. In dieser Halle war es warm, aber sein Atem war heiß. Er sah aus wie ein Gehirn auf vier Beinen, mit scharfen Zähnen und scharlachrot glühenden Augen. Er war zu einem muskulösen Monster mutiert. Wolf gegen Nervenbündel, ein witziger Gedanke wäre das gewesen, wenn wir nicht in einer so ernsten Situation gesteckt hätten.
Die Schattenmonster standen da und beobachteten das ganze Spektakel mit einem misstrauischen Blick. Ich dachte, wenn Martin Ligion auch nur ein Haar krümmen würde, würden sich diese Kreaturen der Unterwelt einmischen und ihn auseinander nehmen.
Mit gesenktem Kopf tapste Ligion die Reihe entlang, sah Martin in die Augen. Das Nervenbündel auf vier Beinen machte es ihm gleich und blieb parallel zu ihm, ging in die gleiche Richtung und sah ihn dabei eingehend an. Es war so, als würden sich ein Mädchen und Junge gegenseitig studieren, in einem Fach das sich Sexualkunde nennt. Nur wurde es hier praktisch ausgeführt, nicht nur theoretisch.
Ligion gab ein sanftes, aber gefährlich klingendes Knurren von sich, wie das einer Katze, bevor sie sich eine Maus schnappt. Ich erinnerte mich an eine Dokumentation, die ich einmal im Fernsehen gesehen hatte. Es ging im Löwen, wie sie sich an Antilopen heranpirschen und dann zuschlagen, ich glaubte auch dort ein Knurren vernommen zu haben. Aber dieses Knurren klang viel bedrohlicher. Es kam aus den tiefsten Tiefen einer verfaulten, bösen Kehle. Sie drehten eine dreiviertel Runde, bevor Ligion mit den Hinterbeinen absprang und sich auf Martin stürzte, der gekonnt auswich und sich dann in eines seiner Vorderbeine verbiss. Auch er knurrte, fauchte förmlich. Es war ein wildes Fauchen. Das Fauchen eines Raubtiers, wenn es seine Beute fast erlegt hatte.
Die Schattenmonster blieben in ihrem Kreis stehen und griffen nicht ein, wie ich es vermutet hatte. Sie standen da und beobachteten das ganze.
Ligion trat mit dem rechten Hinterbein in Martins Seite, der wie ein verschrecktes Kätzchen davon sprang und mit seinen scharlachroten Augen einen kurzen Blick zu mir warf. Ich war mir nicht sicher, aber ich vermutete, dieser Blick bedeutete: Keine Sorge, ich mach das schon. Und irgendwie konnte ich hören wie mein Vater diesen Satz in meinem Kopf wiederholte. Ricardo Mathews hatte das auch immer zu mir gesagt, wenn es irgendeine schwere Arbeit zu erledigen gab, wenn ich etwas angestellt hatte und es meiner Mutter beichten musste, wenn ich Stress mit anderen Jugendlichen gehabt hatte und wenn unser Haustier (eine Katze) ein gebrochenes Bein hatte. Er sagte immer Keine Sorge, ich mach das schon.
Und ich glaubte ihm. Ich wusste aus meinem tiefsten inneren, dass er das hinbekommen würde, so wie mein Vater auch das gebrochene Bein meiner Katze hinbekommen hatte, wie er meiner Mutter immer so alles gebeichtet hatte, dass sie nicht sauer auf mich war, wie er den Streit mit meinen Kollegen beseitigt hatte, wie er die schwere Arbeit erledigt hatte, die im Haushalt anstand.
Martin sprang auf, landete, sprintete auf Ligion zu und rammte ihm seinen Kopf in die Rippen. Der Wolf wurde mit einem quietschenden Wimmern weggeschleudert und rutschte durch die Beine eines dieser Schattenmonster.
In diesem Moment konnte ich etwas näher kommen hören, etwas das die Straße entlangkam.
Es war ein Motorengeräusch. Zuerst dachte ich, es wäre Ligions Verstärkung, was auch soweit gestimmt hätte, nur war dieses Ungetüm auf keinerlei Seite. Ein neutrales Monstrum, könnte man sagen. Ich konnte es poltern hören, wie es die Treppen heraufkam. Das stetige Brummen des Motors wurde lauter und kam näher. Ein letztes Aufheulen und das zweiflüglige Tor wurde mit großer Wucht aufgestoßen.
Es war der unheimliche, nachtblaue Mercedes von Mr. Smith, der wie ein lebendiges Tier mit zwei Scheinwerferaugen in die Runde blickte, in der sich zwei andere Monster gegenüberstanden. Ligion blickte erschrocken drein, Martin folgte seinem Beispiel und ich vermutlich auch, wobei ich mir vorstellen konnte, dass mein Gesicht wie eine erschrockene Maske gewirkt haben musste. Dieses Blitzegefühl übernahm wieder meinen Körper und war fast unmöglich zu verdrängen. Und nun wusste ich auch, was sich bewegt hatte, als wir vor dem Wagen gestanden waren. Es war die Fensterscheibe, die wieder zusammengewachsen war. Sie war nun wieder vollständig und die Schattenkreaturen spiegelten sich darin, worauf sie sofort in einem schwarzen Nebel verpufften. Es blieben nur noch kleine, feuchte, kalte Wölkchen von ihnen übrig. Ligion war alleine. Seine Verstärkung hatte ihn im Stich gelassen und in diesem Moment empfand ich sogar einen Funken Mitgefühl, als ich sein Gesicht sah. Die Ohren hatte er nach unten gezogen, die Zähne waren nicht mehr zu erkennen, denn er hatte die violetten Lippen darüber gezogen, während er seinen Kopf senkte und ein leises, gänsehauterzeugendes Wimmern von sich gab, wie es Hunde und Katzen manchmal tun, wenn man sie anschreit oder sie Angst haben.
Die Scheinwerfer leuchteten in seinen Augen. Sie spiegelten sich darin. Der nachtblaue Wagen schien sich zu bewegen, aber nicht so, wie sich normale Autos bewegen. Er schien sich wie eine Schlange oder ein anderes Tier aus organischer Zusammensetzung zu bewegen, so als besäße er Haut und Knochen und ein…Herz. Vielleicht hatte er auch eines.
Ja, und vielleicht hat er auch eine Seele! Hey man, das ist ein AUTO!
Ein Auto, dass einen aggressiven, höchstgefährlichen Wolfsmenschen verschreckte und jedes Ding, dass das konnte, war wohl automatisch mein Freund und Helfer, was mich zu dem Schluss brachte, dass dieses Ding nicht gekommen war, um uns zu schaden, eher um uns zu helfen. Okay, vielleicht hatte ich ihn ein wenig verletzt, aber immerhin sind wir diesen Blitzen entkommen. Und dieser Gedanke führte mich zu einem anderen. Vielleicht war dieser Mercedes Smiths Gefangener gewesen. Wir hatten – oder besser gesagt Martin – Smith erledigt und ihn somit aus der Gefangenschaft befreit.
Und er hat euch dafür auf diesen Wüstenplaneten gebracht, Pete.
Der Motor heulte auf, Reifen quietschten. Er setzte sich in Bewegung und zwar schnell. Ich sprang zur Seite, konnte allerdings nicht erkennen was Martin machte, weil der Wagen schon zwischen uns hindurchraste. Der wimmernde Mr. Ligion unter seiner Wolfsmaske wurde praktisch von der nachtblauen Haube gefressen. Ich konnte nur noch eine dünne, glänzende Blutspur erkennen, als sie durch eine Tür weiter hinten hindurch krachten.
Tageslicht strömte nun von zwei Seiten herein, von der Hintertür und von dem Vordereingang, dessen Türflügel drei Meter weiter links und vier Meter weiter rechts lagen. Es war auf einmal so still und so wunderbar. Das einzige was wir hörten, war das sich entfernende Motorengeräusch und hin und wieder ein Aufheulen des auf der Motorhaube klebenden Wolfes. Martin stand auf allen Vieren neben dem linken Türflügel. Er schien sich wieder zurückzuverwandeln. Sein kopf schrumpfte, seine Ober- und Unterarme wurden dünner und kürzer. Das aggressive Nervenbündel wurde wieder zum Klugscheißer, dachte ich mir damals. Ich bemerkte überhaupt nicht, dass ich ihn langsam aber sicher gern hatte, so wie man seine Haustiere hin und wieder liebt, aber man kann nie sauer auf sie sein, selbst wenn sie von einem Schrank springen und dann ein Regal herunterreißen, das man an der Wand mit Schrauben befestigt hatte. Meistens sagt man dann so etwas wie: „Ach, die Wände waren sowieso schon immer scheiße.“
Da hast du aber noch einmal Glück gehabt, Peter, konnte ich die Stimme meiner Mutter sagen hören.
Natürlich hatte ich Glück, Mutter, aber hast du schon einmal daran gedacht, dass das alles nichts mit Glück zutun hat?
Ich hatte gehofft, sie hätte es nicht gehört, aber sie hörte alles, was sich in meinem Kopf abspielte. Nicht einmal in seinem eigenen Kopf war man sicher.
Sei doch nicht so, schließlich hast du die ganze Chose überlebt, oder nicht?
Mehr oder weniger ja, aber kann ich jetzt mal über einige andere Dinge nachdenken, Mutter, ich hab auch noch andere Dinge in meinem Kopf, Dinge die ich lieber für mich alleine behalten würde, also wärst du so freundlich?
Ja, ja, schon gut!
Man kann fast alles haben, wenn man nur freundlich darum bittet. Zumindest war es bei meiner Mutter schon immer so gewesen.
Martin hatte sich inzwischen wieder vollständig zurückverwandelt. Nur mit einem Unterschied: er war nackt. Sein Glied schwang zwischen seinen Beinen hin und her als er sich aufraffte und zu mir sah. Er war leicht errötet und sagte, ich solle ihm doch sein Hemd geben. Ich tat es und fragte: „Wie stellst du dir vor nackt durch die Wüste zu kommen?“
„Es gibt für alles eine Lösung.“ Er klang als wäre er außer Atem, wie nach einer heißen Dreistundennacht in einem Bordell an der Ecke dreiundvierzigste. Es lag wahrscheinlich an der Verwandlung und an dem Kampf zwischen ihm und Ligion. Ich konnte mir einfach nicht helfen, aber ich konnte das Gefühl nicht abschütteln, dass wir mit Ligion noch nicht fertig waren. So ist es doch meistens in Comicheften und Superheldenfilmen. Der Bösewicht stirbt, taucht aber später in der Geschichte wieder, vielleicht ein bisschen massakriert, aber er taucht wieder auf, wie es alle guten Schurken tun. Joker aus Batman, der grüne Kobold aus Spider – Man. So gut wie alle.
Ich sah mich um, suchte nach irgendetwas Brauchbarem…und wurde fündig. Da lag Ligions Mantel, der wie ein riesiger Hautfetzen auf dem Boden lag. Ich ging hin und bückte mich. Mir kam ein Geruch von verfaultem Gemüse entgegen, wie man es manchmal in die Nase bekommt, wenn man den Kühlschrank aufmacht, eine Tomate essen will und sich die Schüssel herausnimmt. Man zieht den Deckel herunter und ein fauliger Gestank kommt einem entgegen, auf den man erst einmal mit einem Kotzestrahl antworten will. Genau so ging es mir in diesem Moment.
Ich wollte ihn trotzdem aufheben, nur um zu sehen, was er alles darin aufbewahrte und was nicht. Vielleicht wollte ich auch nur wissen, von wo dieser unheimlich ekelerregende Gestank kam. Ich berührte mit der Fingerspitze den geschmeidigen Stoff, als der ganze Mantel in Staub zerfiel, genau wie diese Schattenmonster in kleine Wölkchen verpufft waren.
Ich sah zu Martin, der nur mit den Schultern zuckte und eine Augenbraue hochzog. Er hatte sich das zerrissene Hemd um die Taille gebunden, um sein bestes stück zu verbergen. Ich setzte mich auf den Boden neben den Ascheberg. Schlang die Arme um die Knie und sah vor mir auf den schwarzen Boden. Der Turm bestand nicht aus hundert Stockwerken, es war ein völliger Hohlraum, wie man ihn in Kirchen sieht. In Graffitischrift stand an der Wand gegenüber von mir: Denn Ich Bin Viele.
„Das ist so etwas wie sein Markenzeichen“, sagte Martin hinter mir, der inzwischen seine Jeanshose eingesammelt hatte und versuchte sie anzuziehen. Seine Boxershorts konnte er vergessen, die war vollkommen zerfetzt worden, von seiner Verwandlung. Er war ein wirklich eigenartiger Mensch. Er sprach nicht sonderlich fiel, ließ nicht seine Gefühle raushängen, ließ mich nicht einmal an seinen Gedanken teilhaben, konnte allerdings, soviel ich wusste, meine lesen. Ich wurde aus ihm nicht schlau. Ich fragte mich, was er wohl mit mir vorhatte. Wollte er mich beschützen und an einen anderen sicheren Ort bringen? War ich so etwas wie auserwählt? War ich vielleicht sein Sohn und erfahre jetzt erst, dass ich bei den falschen Eltern aufgewachsen bin? Ich konnte mir keine Antworten geben. Er hatte nur irgendetwas von einer Stadt gequasselt. In all der Hektik hatte ich ihm nicht genug Aufmerksamkeit geschenkt, um all dies richtig zu deuten und zu verstehen.
„Das Markenzeichen von wem?“, fragte ich mit einem neugierigen Unterton.
„Legion.“ Er senkte den Kopf und schnaufte. „Hör zu, warum stellst du nicht einfach deine Fragen und redest nicht drum herum, ich meine warum drumherumreden, wenn du sie sowieso irgendwann ansprechen wirst?“
„Okay. Warum bin ich hier und was hat es mit dieser komischen Stadt auf sich, in die du mich bringen willst?“
Er sah amüsiert aus in seinem, um die Taille gewickelten Hemd, und antwortete: „In die Stadt, kommen diejenigen, natürlich nur freiwillig, was in deinem Fall mit einigen Komplikationen zusammenhing, die dafür bestimmt sind. Du bist eben aus diesem Grund hier. Alles andere, die Hintergründe und so weiter und so fort, wird dir in der Stadt mitgeteilt.“
„Hm-Hmm. Und warum ich?“
„Liegt wohl daran, dass du eine ganz besondere Anziehungskraft besitzt“, antwortete er mit einem Lächeln. „Noch welche Fragen?“
„Eine noch.“
„Und die wäre?“
Ja, ganz genau, und die wäre? Wahrscheinlich wollte ich mich einfach nur ein bisschen klugscheißerisch benehmen, denn mir war auf eigenartige Weise die Frage entfallen. Aber eine andere drängte sich in meinen Kopf.
„Was meinst du damit, dafür bestimmt? Für was bestimmt? Warum bin ich dafür bestimmt in die Stadt zu kommen? Ich hätte doch genauso gut in meiner eigenen Welt bleiben können.“
„Natürlich, vorausgesetzt du willst als das neue, ultimativ leckere Ronald-Peter-Mathews-Steak enden.“
„Was soll das heißen?“
„Das soll heißen, dass dir das alles in der Stadt erklärt wird. Seit hunderten von Jahren führen wir einen erbitterten Kampf gegen diesen gottverdammten, von der Hölle ausgespuckten Legion und du bist einer von den Auserwählten, die die spirituelle Kraft besitzen, diesen dunklen Lord zu stürzen, allerdings musst du dafür erst ausgebildet und eingeweiht werden und das kannst du nur in der Stadt.“
„Aha.“ Ich schluckte. „Und was ist, wenn ich das gar nicht will?“
„Du hast zugestimmt, oder nicht?“
Ich nickte. Es war allerdings ein erzwungenes nicken. Ich hätte schlecht den Kopf schütteln können unter diesen Umständen. Ich sah zu der mir gegenüberliegenden Wand. Es hingen Bilder von Künstlern die ich nicht kannte daran, auf denen verstümmelte, zerfetzte, gefressene Leichen zu sehen waren.
Eine makabre Einrichtung, dachte ich.
„Was ist dies hier? Was ist diese Stadt?“ Ich konnte meine Augen nicht von diesen grässlichen Bildern abwenden. Ich fixierte mich auf ein Bild, das so ziemlich in der Mitte hing. Darauf war ein schwarzer Mann zu sehen, dessen Augen nur noch dunkle, tiefe Höhlen waren. Sein rechter Arm war herausgerissen worden und ein Löwe mit einer brächtigen Mähne an seinem rechten Oberschenkel. Sein Mund war zu einem letzten Schmerzens- und Verzweiflungsschrei geöffnet.
„Ein Außenposten, schätze ich. Ich bin mir nicht sicher. Aber er will wohl alles einnehmen, was es einzunehmen gibt, also hat er wohl beschlossen, diese Stadt, in der höchstwahrscheinlich auch einmal Menschen gelebt haben, unter seine Fittiche zu nehmen und zu einem dunklen Punkt auf der Landkarte zu machen, was er wie du siehst, auch geschafft hat.“
„Und diese Dämonen?“
„Dämonen? Du meinst diese Schatten?“
Ich nickte.
„Nun ja, diese Schattenwesen waren auch einmal Menschen, sehr wahrscheinlich sogar Menschen aus dieser Stadt. Dämonen bleiben meistens da, wo sie früher einmal gelebt haben. Aber solche wie diese habe ich noch nie gesehen. Normalerweise verkriechen sie sich in irgendwelchen Gegenständen. Zum Beispiel in einer Lampe oder einem Messer: Sie ergreifen Besitz von diesem Gegenstand und warten bis ein Mensch kommt, von dem sie besitz ergreifen können. Anschließend töten sie ihn und übernehmen seinen Körper. Sie verdrängen die reine Seele und nehmen ihn sich einfach. Es gab schon Überlebende, die erzählten, es sei ein schreckliches, unnaturelles Gefühl. Man kann es sich gar nicht vorstellen sagen sie. Jedenfalls sind diese Dämonen alle mal Menschen gewesen, egal welches Aussehen sie jetzt haben. Dämonen sind Dämonen und man muss sie vernichten. Dann kommen ihre Seelen frei und sie können endlich in Frieden ruhen.“
„Seid wann gibt es diese Dämonen?“
„Seit sich Legion vorgenommen hat die Weltherrschaft an sich zu reißen und ein Reich zu erschaffen in dem die Schwachen getötet werden und die Großen überleben. Du kennst ja den Spruch: Es gibt immer etwas Größeres. Nun ja, vielleicht nicht in deiner Welt, aber in dieser hier schon, du wirst sehen. In deiner Welt ist das größte Tier vielleicht eine Giraffe, früher waren es Dinosaurier, mächtige Geschöpfe Gottes, genau so wunderschön wie sie sind, genauso gefährlich sind sie. Aber die sind ausgestorben, aus welchem Grund auch immer und ich sag dir eins, es gab keinen Urknall bumm und alles war da. Es hat sich auch nicht aus Bakterien entwickelt. Es war ein grelles, gelbes Licht, das die gesamte blaue Kugel eingehüllt hatte und anschließend grasten diese Wesen herum. Sie jagten sich gegenseitig und fraßen sich. Aber damals war das Motto eben nicht, leben und leben lassen. Eher fressen und gefressen werden.“
Ich dachte eine Weile über seine Worte nach.
„Zuerst dachte ich, wir wären in der falschen Welt gelandet, aber ich weiß jetzt, dass wir in der richtigen sind. Wenn wir weiterhin nach Norden gehen, kommen wir zur Stadt und dort gibt es Essen, Trinken und ein bequemes Bett. Du schläfst dich dann erst einmal aus und dann reden wir weiter, ich will dir nämlich keine Angst machen, okay?“
„Alles klar“, sagte ich. Der Gedanke an ein bequemes Bett war so wunderbar, dass er schon wieder schrecklich war. Und der Gedanke an Glas Wasser, bewirkte, dass ich bemerkte, wie trocken meine Kehle war. Ich hätte in diesem Moment auch ein Glas verseuchtes Wasser zu mir genommen. Es war mir eigentlich egal. Aber Hunger hatte ich noch keinen. Meistens aß ich sowieso nicht viel und wenn, dann nur wenn es ein Ausflug nach Burger King oder McDonald’s war. Ich konnte mir massenweiße Hamburger und Cheeseburger reinziehen und dabei vergaß ich doch immer wieder, wie ungesund dieses ganze Zeug doch ist.
Martin stand auf und kratzte sich am Hinterkopf. Er sah zu mir hinab, während ich noch immer das Bild mit dem Mann ansah, der bei lebendigem Leibe gefressen wurde. Wer hatte das wohl gemalt?
Ich wusste nicht, in wie fern es eine Bedeutung hatte, aber ich musste nachsehen, wer dieses Bild gemalt hatte. Es war mir irgendwie so, als müsste ich es überprüfen, es war wichtig, aus irgendeinem, unerklärlichen Grund. Ich stand ebenfalls auf und kniff die Augen zusammen. Manchmal konnte man etwas auf Bildern erkennen, nur wenn man die Augen etwas zusammenkniff und den Kopf ein bisschen zur Seite legte. Genau das tat ich, legte etwas zur rechten Seite. Es muss komisch ausgesehen haben, wie ich so dastand, mit zusammengekniffenen Augen, zur Seite gelegtem Kopf und nach oben gezogenen Schultern, aber es war ja keiner da, der mich sehen konnte. Und irgendwie machte mir genau das Angst.
Ich ging zu dem Bild. Es hing zu hoch, als das ich es hätte herunternehmen können, aber mit einer Leiter hätte ich es ganz sicher geschafft.
„Hilfst du mir mal?“, fragte ich Martin, der sich umsah, mit einem etwas verwirrten Gesichtsausdruck, als hätte er in einer Nacht mit viel Alkohol einen Filmriss gehabt.
„Mit was?“
„Das Gemälde, ich muss es herunterholen.“
„Hast du eine Intuition?“
„Hm-Hmm.“
„Das ist gut. Das gibt es nur bei den Auserwählten, verstehst du?“
Ich nickte vorsichtshalber. Ich wollte ihn nicht beleidigen oder so etwas in der Richtung, aber so langsam übertrieb er mit einem Auserwähltengeschwätz.
Er verschränkte die Finger ineinander und bildete eine Art Fläche, in die ich meinen Fuß setzte. Ich konnte mit den Fingerspitzen den Rahmen berühren, aber weiter kam ich nicht. Es war wie bei Martin. Dieses makabre Portrait gab eine unheimliche Schwingung von sich. Es konnte keine Aura sein, soviel ich wusste, gab es das nur bei Menschen, aber eine unangenehme Schwingung gab es trotzdem von sich. Eine schlechte Schwingung.
Ich stupste mit den Fingerspitzen einmal fest dagegen und es rutschte von der Wand. Ich konnte es nicht festhalten, versuchte es allerdings und kam aus dem Gleichgewicht. Martin gab einen kurzen Überraschungslaut von sich, während ich einen lauten Schrei herausließ. Das Bild landete auf dem schwarzen Boden und das Glas zerbrach mit einem lauten Klirren. Es zerstörte diese Stille, was aber nicht weiter von belangen war. Ich spürte einen Moment dieses Gefühl, als würde mein Magen drei Meter über mir hängen, wie in diesen Zeichentrickfilmen, wenn sie eine Schlucht hinunterstürzen und die Augen noch einen Moment in der Luft hängen bleiben. Ich stürzte und stieß mir hart den Rücken. Ein stechender Schmerz schoss durch meinen gesamten Körper hindurch und verdrängte für einen Moment mein Denkvermögen. Ich konnte den heißen, glühenden Schmerz vor meinen Augen sehen. Das rot, das Blut das sich in meinen Augenlidern befand, versperrte mir den Blick und für einen Augenblick dachte ich, ich würde sterben, ich wäre auf einem Spitzen Gegenstand gelandet, der mich in zwei Hälften geteilt hatte, aber nein, ich war nur auf meine Wirbelsäule gestürzt, die fürchterlich brannte, als hätte mir jemand ein glühendes Stück Eisen draufgelegt.
Ich öffnete die Augen. Ich konnte Martin sehen, der über mich gebeugt war und zu mir hinab sah und irgendetwas sagte. Seine Lippen bewegten sich, genauso wie seine Zunge, aber ich konnte nichts hören.
Oh, Gott, ich bin taub, ich werde für immer taub sein!
Ich wollte etwas sagen, aber selbst das konnte ich nicht, denn meine Zunge wollte einfach nicht von der Stelle rücken und sich bewegen.
Stumm bin ich auch noch, oh man.
Und für einen Moment wurde mir schwarz vor Augen, ich schätze ich war kurz davor ohnmächtig zu werden.
Und blind bin ich auch noch…
Und als letztes sah ich dieses Bild vor mir, mit dem Mann, dessen Mund zu einem Schrei geöffnet war und dessen Arm herausgerissen worden war. Und diesen Löwen mit der brächtigen Mähne an seinem Oberschenkel.
Dann machte es Platz für ein anderes Bild, für die drei Affen. Der erste hielt sich den Mund zu, der zweite hielt sich die Augen zu und der dritte presste die Hände an die Ohren.
Ich bin taubstummblind, schlimmer geht’s immer.
Und ich fiel fast in eine Ohnmacht, was ich noch nie erlebt hatte, um ehrlich zu sein wollte ich auch schon immer mal ohnmächtig sein, aber nicht in diesem Augenblick, nicht in dieser Situation in der wir steckten, Martin und ich.
Ein anderer Schmerz durchfuhr mich und auf einmal wurde wieder alles klar. Das Schwarz vor meinen Augen zog sich zurück, ein knirschen konnte ich hören, wie Martin mit seinen Schuhen auf den Scherben herumstand und ich konnte reden, wie ich feststellte.
„Was war das?“, fragte ich ihn und blinzelte, da sich meine Augen noch etwas fremd anfühlten. Doch noch bevor er antwortete wusste ich es. Er hatte mich geschlagen, damit ich nicht ins Reich der Träume übergegangen war.
„Ich hab dich geschlagen, damit du nicht ins Reich der Träume übergehst.“
„Ich wusste dass du das sagen wirst!“, schrie ich schon fast. In mir hatte sich plötzlich eine unglaubliche Heiterkeit ausgebreitet. Er hatte wirklich Recht damit gehabt, dass ich ein Auserwählter war und meine Intuitionen irgendetwas damit zu tun hatten. Und nun musste ich mich wieder diesem Bild widmen. Musste herausfinden, was es herauszufinden gab.
Es hatte sich nicht verändert, nach dem nicht mehr das Glas davor war. Es war immer noch derselbe Mann und derselbe Löwe. Ich suchte nach einer Unterschrift, Initialen oder sonst irgendeinem Hinweis darauf, wer dieses Gemälde gemalt haben können.
Es gab keine Initialen und auch keine Unterschrift oder einen Fingerabdruck oder sonst irgendetwas. Ich drehte das raue Papier um. Nichts. Eine gelbliche Fläche, auf der sich vielleicht ein zwei Flecken befanden. Aber da, in der untersten Ecke befand sich doch etwas. Ein Name in kleinen, winzigen Buchstaben geschrieben: Andy Perry.
„Andy Perry“, las ich. Der Name sagte mir nichts. Ich war aber auf irgendeine Weise zufrieden gestellt. Ich hatte herausgefunden wer dieses Gemälde gemacht hatte. Ich stellte mir einen jungen, durchgeknallten Mann vor, etwa im Alter von fünfundzwanzig Jahren, der immer nervös und schnell vor sich hin plappernd durch seine Wohnung läuft und hin und wieder sich vor seine Leinwand stellt, um einen weiteren Strich zu malen. Er würde Locken haben, eine Brille mit dicken Gläsern tragen und einen dreckigen Maleranzug an haben, vielleicht auch einen Ärztekittel, damit er sich nicht sein Kakihemd verschmutzen würde, wenn er mal an seinem Bild arbeitet.
Aber andererseits könnte Andy Perry auch ein durchaus ernstzunehmender Mann sein, der mit ständigen Falten in der Stirn durch seine Wohnung läuft und sich mit seinen Fingern ständig über seinen Dreitagebart reibt, um besser nachzudenken. Und er nimmt seine Kunstwerke wirklich ernst, weil er damit seinen Lebensunterhalt verdient.
Ich gab es schließlich auf, Mutmaßungen anzustellen, weil sie alle in völlig falsche Richtungen verlaufen würden, schließlich hatte ich nur einen Namen auf einem Stück Leinwand gelesen und nicht ein ganzes Buch von Thomas Harris, der über den Menschenfleisch essenden Hannibal Lecter schreibt. Eine reine Persönlichkeitsstudie, wie man so schön sagt.
„Sagt dir der Name etwas? Andy Perry?“, fragte ich an Martin gewand.
„Nein, noch nie gehört.“
„Von wegen Intuition, was?“ Ich nickte einmal, um mir selbst zuzustimmen und zog meinen Arbeitsoverall aus, um ihn Martin zu geben, der schwitzend dastand, mit nichts als einem Hemd um die Hüfte. Er bedankte sich und schlüpfte hinein. Es war ein komischer Anblick ihn so zu sehen, aber es war auch ein komischer Anblick mich so zu sehen. Ich stand in einer kurzen Hose und einem weißen T-Shirt mit der Aufschrift: SCHÖNHEIT LIEGT IM AUGE DES BETRACHTERS. In einer anderen Situation hätte mir das vielleicht peinlich sein sollen, aber in dieser war es mir genauso egal wie es Martin egal war. Er war froh, dass überhaupt sein bestes Stück hinter einem Stück Stoff verborgen wurde.
Schönheit liegt wohl wirklich im Auge des Betrachters. Vielleicht hatte sich dieser Andy Perry gesagt, dieses Bild ist etwas für die dunkle Seite. Ja, etwas für die Bösen. Und das lag wohl auch im Auge des Betrachters. Dieser Legion würde sich dieses Bild angucken und sagen: „Oh, wie schrecklich, das muss ich haben!“ Martin hätte wohl eher eins mit einer Frau in einem weißen, wunderschönen Kleid mit einem Blumenstrauß in der Hand und mit einem schönen, azurblauem Himmel gekauft.
„Wir müssen weiter“, sagte er und sah mich dankend an. Es war ihm wirklich wohler, wenn er nicht splitterfasernackt durch die Wüste laufen musste, die heiß wie in einer Sauna war. „Wir werden etwa zwei Tagen brauchen, bis zur Stadt und es wird kalt werden, nach dem ersten Tag. Es ist so etwas wie eine Eiswüste, nur eben mit Sand. Wir bräuchten etwas um uns einzuwickeln.“
Den ganzen Tag waren wir durch diese drückende Hitze gestapft und nun ging langsam, aber sicher die Sonne unter. Es dämmerte, als wir beschlossen an einer überwiegend tiefen Stelle zu übernachten. Ich hatte zu Martin gesagt, dass es in den Wüsten meiner Welt nachts kalt wurde, aber er sagte mir, dass es hier nie kalt würde, erst wenn wir über diese Linie gegangen wären, die noch vor uns lag.
„Linie. Was für eine Linie?“
„Grenze, wenn du es so nennen willst. Schlaf jetzt, morgen liegt ein langer Tag vor uns und wir werden die Stadt erreichen, also schlaf.“
Ich legte mich auf die Seite und schloss die Augen. Es dauerte nicht lang, bis sich die Wirklichkeit verabschiedete und ich ins Land der Träume eintrat, dem Teil der Welt, der noch ganz alleine mir gehörte, auch wenn er manchmal nicht schön war. Und in dieser Nacht war er nicht schön.
Ich gehe einen Weg entlang. Gras kitzelt mich an meinen nackten Fußsolen. Es ist feucht und ich kann den Dunst meines Atems in der Luft vor meinen Augen sehen. Um mich herum wachsen Bäume und Büsche. Manche sehen aus wie menschliche Gestalten in der Dunkelheit. Ich kann etwas tropfen hören, vielleicht ist es Regen- oder Tauwasser, das von Blättern an den Bäumen herabtropft. Es macht mir keine Angst, aber das, was vor mir im Nebel steht, das macht mir Angst, sogar ziemlich große Angst. Ich kann es nicht wirklich erkennen, es ist nur eine unheimliche Silhouette im Mondschein. Es wirkt nicht menschlich, aber auch nicht gerade wie eine Kreatur aus der Hölle. Es sind verborgene, abstrakte Umrisse eines Lebewesens, das sich holen will, was ihm zu steht. Es will mich holen. Es will mich haben, mein Blut aus den Adern saugen und mein Fleisch essen, will mich schmecken und riechen, will mich spüren und anfassen und es will mich tot haben und nicht lebendig.
Aber es steht nur da; zunächst.
Es sieht mich mit Augen an, die ich nicht erkennen kann. Und es riecht mich mit einer Nase, die ich nicht erkennen will. Ich kann spüren, wie groß das Verlangen nach mir ist, kann spüren, wie es mich haben will und kann den Schweiß spüren, der aus den Poren meiner Haut hervortritt. Ich stehe da und will weglaufen, denke allerdings, dass ich nicht würde laufen können. Aber es funktioniert. Ich kann laufen, setze meine Beine in Bewegung, drehe mich um und schaue den dunklen, im Mondschein unheimlich wirkenden Waldweg hinab. Nichts. Ich habe freie Bahn. Ich beginne zu rennen, setze mich mit aller mir zur Verfügung stehenden Kraft in Bewegung. Meine Füße setzen sich einen vor den anderen. Immer und immer wieder denke ich: Gleich werde ich stolpern, gleich wird irgendeine Wurzel mich zum stolpern bringen, ich werde hinfallen und es wird sich über mich beugen, um mein Herz herauszureißen und den blutigen Saft herauszusaugen. Aber ich stolpere nicht. Ich laufe den matschigen Weg entlang, während ich den Dunst meines Atems vor meinen Augen sehen kann, der dann hinter mir verschwindet. Nun kann ich Schritte hören. Nicht die meinen, Schritte hinter mir. Es verfolgt mich. Und ich kann es atmen hören. Oh, Gott , dieses Geräusch. Wie es atmet. Es hört sich an wie eine kleinere Version einer Dampflok. Jedoch handelt es sich hierbei um die Horroredition. Es ist ein rasselndes, rhythmisches Geräusch und wie er rennt. Er kann rennen ohne sich auch nur im Geringsten anzustrengen. Ich würde irgendwann den Geist aufgeben und mich hinsetzen zu können, aber dieses Ding nicht. Es kann rennen wie ein Gepard und hat eine Kraft wie eine Riesenanakonda die einem Menschen sämtliche Knochen im Leib bricht. Es sieht mich durch den feuchten Nebel hindurch an, wie ich renne und mich verausgabe. Aber es lässt mich rennen und das ist wichtig. Es gibt mir eine Chance. Es ist zwar eine kleine Chance, aber eine Chance und diese darf ich nicht vermasseln. Ich renn, achte hin und wieder auf den Boden, aber ich kann nichts sehen. Der Nebel ist so dicht, dass er den Boden vollkommen bedeckt. Dieses Schnaufen bohrt sich in mein Hirn, immer und immer tiefer hinein. Ich denke: Wenn es das Zentrum erreicht hat, werde ich einfach tot umfallen. Ich bin dann nur noch ein Sack voller Knochen. Aber ich falle nicht tot um. Ich atme schnell und kann das Ding hinter mir wie eine Lok schnaufen hören, aber es ist nicht außer Puste. Es kann rennen wie der Wind, kann mich schnappen, aber es lässt mir eine Chance und das ist wichtig, nicht wahr? Ich sehe einen anderen Umriss vor mir. Einen viel größeren, aber er ist nicht unheimlich, er ist angenehmer, als dieses schnaufende Ding hinter mir, das mich verfolgt und nicht außer Puste gerät. Es will mich kriegen und meine Eingeweide essen, will sie zerfetzen und essen. Aber es schnappt mich nicht, will noch nicht. Es will nur mit mir spielen. Der Schweiß läuft mir in Strömen die Stirn und die Schläfen hinab. Tropfen sammeln sich über meiner Oberlippe und laufen schließlich in meinen Mund hinein. Ich schmecke meinen Schweiß, salzig und unangenehm. Aber das ist unwichtig. Wichtig ist der Umriss, der vor mir immer und immer größer wird. Wie er sich aufbaut und seine nicht so unangenehme Schwingung wie diese Kreatur hinter mir an mich weiter gibt. Ein kleiner, roter Punkt leuchtet inmitten dieses riesigen Umrisses auf und für einen Moment glaube ich etwas zu erkennen, etwas wunderbares, das mich vor dieser Kreatur retten kann, aber dann verschwindet der Punkt wieder und dieser Umriss wird wieder zu dem was er vorher war, einer Verborgenheit im Nebel. Ein Geheimnis in meinen Träumen.
Ich erwachte. Schrie kurz auf und bemerkte dann, dass ich das Land der Träume wieder verlassen hatte. Ich fühlte mich, als hätte ich ein Bad genommen. Ein Schweißbad. Der Saft rann mir den Rücken, das Gesicht und den Bauch hinunter. Als ich aufstand klebte er an mir und es war ein hässliches, ungewohntes Gefühl. Ich war noch nie in meinem Leben an einem Strand gewesen, die einzige Gegend die ich kannte, war Radock City. Ich hatte sie in meinem ganzen Leben nie verlassen. Und ich hatte es eigentlich auch gar nicht vor. Bis so ein blöder Mercedes kam, uns in diese Welt verfrachtete und dann dachte es hätte uns einen Gefallen getan. Dankeschön! Dachte! Wie sich dieses Wort im Zusammenhang mit einem Auto anhört, so albern und zugleich auch wieder wirklich. Es war ein Paradoxon. Es gibt so viele davon, auf der ganzen Welt. Überall Paradoxons. Widersprüche über Widersprüche überall und es machte nicht den Anschein als würden es weniger werden.
Es war inzwischen hell. Das Morgenrot am Himmel war wunderschön…beeindruckend. Ich konnte nicht fassen, dass die Nacht schon wieder vorüber war, schließlich hatte ich nur einen kurzen Traum gehabt. Aber andererseits war ich froh, aus meinem eigenen kleinen Land geflüchtet zu sein. Es hatte mir Angst gemacht. So einen realistischen Traum hatte ich noch nie gehabt. Es gab mal einen, als ich noch ein Kind war, aber selbst der, konnte diesem grauenhaften Traum nicht das Wasser reichen. Als ich ein Kind war, hatten wir ein Haustier. Es war eine Katze, die wir alle Kitty nannten. Keiner hatte jemals gesagt So, diese Katze heißt jetzt Kitty und wer was dagegen hat, soll er doch zum Teufel gehen! Wir nannten sie einfach Kitty. Das hatte sich im Laufe der Jahre so entwickelt. Vielleicht war sogar ich derjenige, der damit angefangen hatte. Jedenfalls, begann es damit, dass sie rausgegangen war und nie wieder kam. Wahrscheinlich war sie erfroren oder sie hatte einfach nur den Besitzer gewechselt, aber ich hatte wochenlang meine Weinanfälle. Als ich diese überstanden hatte, ging ich in die Phase der Alpträume über. Es war nur ein kurzer Traum, aber jedes Mal wenn ich erwacht, war es schon wieder früh morgens und ich fühlte mich nie richtig fit.
Ich träumte davon, wie mein bester Freund bei mir übernachtet. Er auf einer Matratze unter einem Regal in dem Brettspiele standen und ich auf einer Matratze unter einem Spieltisch. Jedenfalls konnte ich, in meinem Traum, nicht schlafen und sah in die Dunkelheit, in der noch ein klein wenig Licht durch den Mondschein steckte. Die Tür zu meinem Kinderzimmer war einen Spalt geöffnet, damit ein bisschen gute Luft hineinströmen konnte. Meine Katze schlüpfte hinein, ein kleiner, dunkler Fleck über dem Teppichboden mit kleinen Supermans drauf. Sie stolzierte ein wenig herum, beschnüffelte Eddie Nero, meinen besten Freund, und kam dann zu mir. Sie schnurrte ein wenig, wie es Katzen tun, wenn sie sich wohl fühlen. Ich streichelte sie hinter dem Ohr und urplötzlich riss sie das Maul auf und unnatürlich viele Zähne kamen zum Vorschein. Sie riss das Maul so weit auf, dass ich dachte, ihr Kieferknochen müsste gleich durchbrechen. Dann schnappte sie zu, biss in mein Knie und ein kräftiger, pieksender Schmerz durchfuhr mich. Im selben Moment erwachte ich aus meinem Traum und ich konnte den Schmerz immer noch spüren. Natürlich erzählte ich das meiner Mutter nicht, weil ich mich um alles in der Welt dafür schämte, aber ich hatte diese Albträume noch circa fünf Wochen lang und irgendwie fühlte ich mich einfach nicht fit am Morgen danach. Es war, als hätte ich eine alkoholisierte Nacht hinter mir, wobei ich den Ausdruck damals natürlich noch nicht gebrauchte. Eher sagte ich mir schlaflose Nacht.
Und genauso fühlte ich mich an jenem Morgen in der brütenden Hitze der Wüste.
Herrgott, es ist doch höchstens sieben und schon so eine Hitze!
Es war heißer als in der Nacht, aber es hatte nicht wirklich abgekühlt nachts, so wie Martin es vorausgesagt hatte. Es war noch eher so, als würde mit jedem Tag, die Hitze zunehmen, anstatt abzunehmen. Martin lag nicht mehr da, wo er gelegen hatte. Ich konnte noch das Loch sehen, das er hinterlassen hatte, aber sein irdischer und spiritueller Teil war weg. Ich rief nach ihm.
„Martin! Martin! Martin! MARTIN!“ Vor diesem Zeitpunkt hatte ich gar nicht gewusst, wie laut ich schreien konnte. Ich bekam eine Antwort. Mein eigenes, dumpfer und leiser klingendes, Echo. Die Sandberge warfen es nicht so gut zurück, wie es Wolkenkratzer und Steinhäuser taten, aber das Ergebnis war nicht gerade das schlechteste, das ich je erzielt hatte.
„Ich bin hier!“ Zuerst dachte ich, es wäre eines meiner Echos gewesen, aber dann erkannte ich die Stimmlage und den Ton. Es war Martin und er schien erfrischt und vitaler zu klingen, als gestern. Ich folgte der Stimme, die mich direkt zu einem Bild der Schönheit bildete, so wie man es nur im Fernsehen oder im Kino zu sehen bekam.
Er hatte eine Oase gefunden. Einen kleinen Teich, wenn man es so nennen will. Zwei Palmen standen direkt daneben und ein kleiner, verkümmerter Kaktus, aber diese Schönheit des Wassers war überwältigend, vor allem, wenn man seit zwei Tagen nichts mehr getrunken hatte. Das Wasser war etwas braun, aber es war mir egal. Ich interessierte mich nicht für Bazillus und Bakterius, das einzige, was mich interessierte, war meine Lunge mit einem Schluck Wasser mit Feuchtigkeit zu benetzen. Nein, nicht mit einem Schluck, ich hatte das Gefühl, den ganzen Teich leerschlürfen zu können. Ich stand auf diesem Sandhügel und als ich hinunter ging stolperte ich, sodass ich nun hinunter rollte. Mir wurde schwindelig und ich hätte fast eine Kotzattacke bekommen, wenn ich nicht ruckartig zum Stillstand gekommen wäre, indem ich in diesem wunderbaren, lauwarmen Wasser landete. Es war wie nach einem harten Arbeitstag ein schönes Bad zu nehmen, nur das dieses Gefühl weitaus angenehmer war. So sehr hatte ich mich in meinem gesamten Leben nicht nach Wasser gesehnt gehabt. In diesem Augenblick empfand ich Freude und Erleichterung, die allerdings nicht von Dauer war.
„Was machst du da?“, fragte Martin, der mit in die Hüfte gelegten Händen dastand und in Richtung Norden blickte. Er sah mit einem sachlichen, ernsten Blick zu mir hinab.
Ich lag nicht in Wasser, ich lag in Sand, der eine Weile im Schatten des Hügels gelegen hatte und deswegen nicht allzu heiß war. Ich hatte mir das alles nur eingebildet. Zum ersten Mal in meinem Leben hatte ich eine Fata Morgana. Und ich wusste nicht, real so eine sein konnte. Ich spürte wie ich rot an den Wangen wurde und fragte, wonach er Ausschau hielt.
„Ich halte nicht Ausschau, ich beobachte“, antwortete er.
„Beobachten?“
„Ja, ich beobachte das, was ich da sehe.“
„Und was siehst du? Ich sehe nämlich Null.“ Ich sah wirklich nichts. Nicht einmal einen dunklen Punkt am Horizont.
„Ich sehe unser Ziel und beobachte, um festzustellen, ob es eine Fata Morgana ist oder Realität. Falls es keine Fata Morgana ist – falls – dann werden wir heute Abend unser Ziel erreicht haben und in bequemen Betten, in einem kühlen Raum schlafen können.“
Wir machten uns wieder auf. Setzen einen Fuß vor den anderen und hinterließen Spuren im Sand.
Ich hatte die Zeit aus den Augen verloren, konnte nicht feststellen, gegen wie viel Uhr wir angekommen waren. Aber es war etwa eine Stunde bevor es dämmerte. Wir erreichten das große Tor, von dem aus ein Zaun in beide Richtungen um die Stadt herum verlief. Dies war der südliche Eingang in das Dorf. Ein Schild stand daneben:
Der, dessen Seele nicht rein ist,
darf diese Stadt nicht betreten,
falls doch, wird er erbarmungslos hingerichtet.
Ich hatte mir diese kurze Warnung durchgelesen und ein Anflug von Gänsehaut jagte mir den Rücken hinunter. Für einen Moment dachte ich, ich wäre in einer Sekte gelandet, die nur die christlichen aufnahm und sich am Glauben an Gott festklammerte und jeden hinrichtete, der sich dem Glauben an ihren Gott verweigerte.
„Sind wir hier richtig?“, fragte ich und sah zu Martin, der direkt neben mir stand, aber genauso gebannt auf das Schild starrte wie ich. Er sah so aus, als hätte er es hier nicht erwartet. Er sah so aus, als wäre er schockiert, über die Veränderung, die sich seit seinem letzten Besuch hier zugetragen hatten.
„Ja“, antwortete er geistesabwesend.
Und hinter uns konnte ich die Fußspuren sehen, die wir hinterlassen hatten und man hätte uns mit Leichtigkeit verfolgen können, von unserem Autounfall aus bis hier her.
Sara
Wir standen da, sahen das Schild mit der warnenden Aufschrift und da fiel mir auf, dass sich Martin mit seiner Prophezeiung geirrt hatte. Wir hatten keine Linie überschritten und es war auch nicht zu Kälte gewechselt. Es hatte keinen rapiden Klimawechsel gegeben. Es war alles so geblieben, wie es schon immer gewesen war, brütend heiß. Andy Perrys Name war zu diesem Zeitpunkt schon völlig aus meinem Hirn gelöscht worden. Hinter diesem Tor befand sich ein kleines, stickig wirkendes Aufseherhäuschen, in dem wohl eine Art Zollbeamter saß und das Kinn auf die Brust gelegt hatte, um ein kleines Nickerchen zu machen. Das konnte uns wohl nur Recht sein, denn ich hatte keine großartige Lust auf eine hitzige Diskussion, auch wenn sie nicht aggressiv verlaufen wäre, hätte ich einfach keine Lust mit einem Zollbeamten zu sprechen, der seinen Beruf sowieso nicht ernst nahm und froh war, wenn er mal einen oder zwei unartige Menschen in die Mangel nehmen konnte.
Aber ich irrte mich. Es gab keine hitzige Debatte und schon gar kein herumgenörgel, der Mann mit der Yankee Mütze kam aus der Holztür heraus und stellte sich neben den rechten Pfosten des Tors, lehnte sich mit dem Ellenbogen dagegen und öffnete den grinsenden Mund.
„Martin, wir haben Sie schon lange nicht mehr hier gesehen, wie ist es Ihnen auf Ihren Reisen so ergangen? Wie immer kein Gepäck dabei, was?“ Er sprach mit einer krächzenden Stimme, die man leicht mit dem Quaken eines Frosches verwechseln hätte können. Aber er hatte so eine nette Sprache, die man nur auf dem Land oder in kleinen Dörfern fand, in denen alle zusammenhielten, egal was kommen würde.
„Albert Wesp, wie oft habe ich dir schon gesagt, du sollst Du zu mir sagen?“, fragte Martin, mit ebenfalls krächzender Stimme, die sich allerdings mehr nach Trockenheit und Dürre anhörte, als nach einem quakenden Frosch in einem Tümpel.
„Sir, Regeln sind Regeln, da kann ich leider nichts dran machen!“ Er salutierte mit einem Lächeln und sah dann mit glitzernden, glänzenden Augen zu mir. Sein Gesicht zeigte eine gewisse Gier, aber nicht wie die in meinem Traum, diese Gier war eher so wie, dich will ich haben, du bist genau richtig für diese eine Sache, die ich noch zu erledigen habe. „Du bist also der junge Bursche. Der junge Mann, den ich in meinen Träumen gesehen habe.“
„In Ihren Träumen?“ Ich konnte es nicht fassen. Er hatte mich in seinen Träumen gesehen. Zuerst dachte ich, es wäre ein Scherz gewesen. Aber es war keiner. Sein Gesicht war so ernst und müde, wie es gewesen war, als er aus der Hütte gestapft war. Er sah mich noch ein, zwei Sekunden an und blickte dann wieder zu Martin. „Ich hab ihn in meinen Träumen gesehen, Sir, glauben Sie mir das?“
Martin nickte und sah ihn zufrieden an. Vielleicht war es auch einfach nur eine innere Belustigung.
„Aber
wie können Sie mich in Ihren Träumen gesehen haben, ich bin zum ersten
Mal hier. Wahrscheinlich verwechseln Sie mich einfach mit irgendeinem,
nebeligen Menschen.“
Wieso hast du das gesagt, Pete, hä? Kannst du mir mal erklären, wieso du das gesagt hast? Ich konnte es nicht. Es war einfach aus mir herausgesprudelt, wie so vieles in den letzten zwei Tagen.
Albert Wesp sah mich stirnrunzelnd an und bewegte seinen Unterkiefer in einer langsamen, rhythmischen Bewegung hin und her.
„Äh, wir haben uns nach gar nicht vorgestellt, Sir!“, sagte er schließlich mit einem entschuldigenden Blick. „Ich bin Albert Wesp, der Pförtner, zu dem ich geschaffen wurde.“ Er streckte mir die Hand hin. „Nur zu, ich beiße nicht, glauben Sie mir!“
Ich gab ihm meine und sagte ihm meinen vollständigen Namen. Ronald Peter Mathews.
„Es ist mir eine große Ehre, Mr. Mathews, sie in der Stadt willkommen zu heißen!“ Und er machte mit der linken Hand eine präsentierende Bewegung, die mir wohl die mächtigen Ausmaße deuten sollte, die ich nun erst erkannte. Ich hätte schwören können, dass ich vor zwei Sekunden nur eine verlassene Ruine gesehen hatte, aber nun war es ein Meer aus Farben und Leben. Die Menschen liefen in den staubigen Straßen, trugen geflochtene Taschen in den Händen und machten Spaziergänge in der nachmittäglichen Sonnenwärme. Es dauerte nicht mehr lange, dann würde es dämmern und wir hatten es endlich geschafft, wir hatten die Stadt erreicht, wie Albert Wesp dazu gesagt hatte.
„Vielen Dank für Ihren Besuch in der Stadt, beehren Sie uns bald wieder!“ Mit einem Lächeln drehte er sich um und ging in Richtung Aufseherhäuschen.
Ein netter Mensch-
„Mensch?“, fragte Martin mich stirnrunzelnd. „Du denkst er wäre ein Mensch? Du musst noch viel dazulernen, Ronald Peter Mathews.“
Dann war er eben eine nette Schöpfung Gottes, wenn man es so ausdrücken will. Wenn ich ihn schon keinen Menschen nennen durfte, nannte ich ihn eben anders.
Wir gingen die sandige, staubige Straße entlang, auf der alle möglichen Leute umhergingen. Sie trugen lange, selbst gestrickte Gewänder, wie ich erkennen konnte. Sogar die Taschen schienen selbst gemacht zu sein. Aber ich wunderte mich, wie leise so eine riesige Menschenmasse sein konnte. Man hörte nur das leise Flüstern der Schritte, sonst Stille. Rcht, rcht, rcht, rcht.
Ich überließ Martin die Führung, der uns durch enge, dunkle Seitenstraßen führte, in denen es kühl und angenehm war, gegenüber der prallen Hitze. Nach etwa zwanzig Biegungen blieb er stehen, vor einem Gebäude mit dem Namen Alc. Line.
Yeeeeeeehaaaa! dachte ich. Wie im wilden, wilden Westen!
Nicht ganz so. Es ging nicht so zu wie man es in diesen Spaghettiwestern sah. In der Realität verhielten sch diese Menschen in dieser Kneipe zivilisierter und nicht wie eine Großstadtgang, die jedes Stückchen Holz das unter ihre Fittiche kommt in zwei brechen muss. Die Leute saßen das, tranken ihren Whisky und Bourbon und aßen ihr Mais, das dampfend auf den Tellern lag und sie mit Stechern anhoben, um daran zu knabbern. Zigarettenqualm verpestete die Luft, aber ich hatte selbst das Verlangen nach einer. Nach all dieser ganzen durch die Wüste Hetzerei, konnte ich gut eine vertragen, aber schließlich hatte ich mir das Rauchen abgewöhnt und unter meinem Namen steht nur noch Ehemaliger Raucher und nicht Kettenraucher, schenken sie ihm zum Geburtstag eine Schachtel, zu Weihnachten, zu Ostern, zum Totensonntag, Nikolaustag und alle anderen Tage im Jahr eine Packung Marlboro…oder besser noch: eine Schachtel Pall Mall, für das extra kranke Luftverpesterarschloch.
Nachdem wir eingetreten waren, setzten wir uns an einen freien Tisch in einer Ecke am Ende der Kneipe, gleich gegenüber von der kleinen Ecktheke, hinter der jede Menge Flaschen Hochprozentiges stand. Martin und ich hatten uns jeweils eine Flasche Bier bestellt, bei der Kellnerin, der eine dicke, fette Warze auf der Stirn wucherte. Als sie kam und das Tablett abstellte, fragte ich sieh, wie viel das Bier kosten würde und sie sagte gar nichts, aber in einem irritierten, schockierten Tonfall. Mir war das Recht, denn ich hatte nicht mehr als zwanzig Dollar bei mir. Freibier. Da schmeckt es doch am besten.
„Du hattest gesagt, Albert wäre kein Mensch?“, fragte ich.
„Ja, er ist kein Mensch, er gehört der Gattung der Osaris an, eine komplizierte Schöpfung Gottes. Hier wurde er jedenfalls als Pförtner aufgenommen. Nun, und er macht seinen Job Tag und Nacht, das ganze Jahr, die Osaris müssen nämlich nicht einmal schlafen. Es wurde bis jetzt noch niemand anderes aus seine Abstammung gesehen, er ist der einzige lebende Osaris, den je Menschenaugen zu sehen bekommen haben. Eigentlich eine bekehrte Form von Dämon.“
Ich nickte. Neben der kleinen Theke konnte ich ein Gitter erkennen, hinter dem etwas in eine Metallkiste mit einem Vorhängeschloss eingeschlossen war. Ich fragte mich, was wohl so eine Sicherheit bedurfte. Aber im Moment war das wohl nicht von belangen, denn die Schwingtür öffnete sich und ein Mann mit dunkelbraunem Haar, bleichem Gesicht und herunterhängenden Schultern kam hinein. Er sah aus als hätte er sich etwas vorgenommen, das er nicht zu Ende bringen konnte. Er trug einen kirschroten, selbst gestrickten Umhang und eine stellenweise zerrissene Jeanshose. Ich hatte bis zu diesem Zeitpunkt noch niemanden in dieser Welt mit einer Jeanshose gesehen. Alle hatten ihr selbst gestricktes Zeug an, aber keine Jeanshosen.
Martin stand auf und hielt seine Flasche Bier in der Hand, auf dem keine Marke zu lesen war.
„Coffee!“, rief er und hob die rechte Hand zum Willkommensgruß.
Der Mann mit dem dunkelbraunen Haar und den herunterhängenden Schultern hob ebenfalls die Hand und lächelte ein wenig. Es war ein natürliches Lächeln, kein gespieltes, wie es viele Leute aufsetzen, wenn sie Bekannte sehen und einfach keine Lust haben glücklich zu sein.
„Martin!“ er kam zu uns herüber, setzte sich an den Tisch und musterte uns beide. „Ihr seht irgendwie trocken aus.“
Martin lachte. „Das ist ganz normal wenn man durch die Wüste stapft, die eigentlich gar keine Wüste sein sollte. Was ist hier passiert?“
„Wetterumschwung. Es geht alles den Bach runter. Er hat alles verändert. Der Klimawechsel, das ist nur der Anfang. Zumindest bis jetzt.“
„Aber er kann doch nicht das Klima verändern, er kann so etwas nicht. Er ist vielleicht mächtig, aber nicht so mächtig.“
Coffee zuckte mit den Schultern. „Wie geht es dir, Mart?“
„Mir geht’s gut, und bei dir, wie geht’s dir, gibt’s was Neues?“
„Außer dem Klima? Na ja, eigentlich nicht. Ich hab immer noch nicht die Frau meines Lebens gefunden und Kinder habe ich auch noch keine und mein Gedächtnis ist immer noch so abgegammelt, dass man es vielleicht völlig herausschneiden sollte.“
Martin nickte. „Du kannst dich immer noch nicht erinnern, was?“
„Nur an das, was nach meiner Ankunft in dieser Stadt passiert ist, aber davor…puff, weg.“
„Das hier ist Pete, er ist aus Radock City!“
„Warum kommen alle die auf deiner Liste stehen aus Radock City? Ist doch mal ne interessante Frage, oder nicht?“
„Ja, aber ich habe da so eine Theorie. Vielleicht ist Radock City der Scheitelpunkt aller dämonischen Phänomene und deswegen auch so begehrt, von ihr. Oder sie hat einfach nur etwas gegen diese Stadt.“
Die Kellnerin kam zu uns herüber und fragte Coffee was er trinken wolle. Er bestellte sich eine Tasse Kaffee und wandte sich dann mir zu.
Coffee trinkt einen Kaffee. Ha, guter Witz, echt guter Witz!
„Hat er dir schon erzählt, warum du hier bist?“
„Nun ja, einigermaßen schon.“
„Aber ich bin sicher, nicht alles.“
„Wollen wir das nicht auf ein anderes mal verschieben?“, warf Martin dazwischen.
„Nein!“, entgegnete ihm Coffee, der seinen Blick nicht von mir wendete. „Hat er?“
„Ich sagte doch schon, einigermaßen.“
„Legion mobilisiert hinter dem Tal des Schattenregens hinter den Mauern seiner Festung eine Armee. Eine Dämonenarmee, so mächtig, dass du keine Vorstellung davon haben kannst. Wie viele genau er dort hat, weiß ich nicht. Aber ab dem Tal des Schattenregens hat er Wachen aufgestellt. Kreaturen die ihn vor Eindringlingen schützen sollen. Es geht ein Gerücht um, dass er eine neue Gattung von Dämon erschaffen haben soll, mit Hilfe eines Massenmörders.“ Bei Massenmörder klingelte es bei mir. Eine Alarmglocke. „Er soll einen Tragelaphos unter den Dämonen geschaffen haben, einen Mischling der vier mächtigsten Dämonenwesen, die es gibt. Atra, Systeria, Megnariu und Basili. Diese vier sind die so genannten Dämonengötter. Natürlich wollten sie wie alle Götter ihre Linie fortpflanzen. Sie zeugten Kinder mit anderen Gottheiten der Unterwelt und benannten sie nach ihren eigenen Namen. Den heutigen Dämonengöttern. Legion hat Atra, Systeria, Megnariu und Basili miteinander gekreuzt und herausgekommen, soll eine unvorstellbar mächtige Kreatur gekommen sein, die nur er kontrollieren kann.“
Ich schluckte. Atra, Systeria, Megnariu, Basili. Ich hatte da wieder so eine Intuition, dass ich mir diese Namen merken musste, genau wie ich mir Andy Perry merken musste. Allerdings hatte ich diesen Namen schon in den Hinterkopf geschoben.
„Wir können den Kindern in dieser Stadt zwar nicht viel beibringen, aber so viel wir können. Sie lernen alles über Penicillin, Alexander Flemming und so weiter. Das müssen sie lernen, schließlich müssen sie den Verwundeten auf den Schlachtfeldern helfen und ihnen die notwendige Medizin in die Adern spritzen, oder nicht? Und natürlich müssen sie aller über Dämonologie lernen, was wohl das zweitwichtigste Fach ist. Aber du weißt wohl schon genug über Dämonen, aus deinen modernen Büchern, die du in deiner Welt gesehen hast, aus den Filmen und Erzählungen, nicht wahr, Peter?“
„Dämonen: Eigentlich kenne ich mich mehr mit Vampiren und Werwölfen aus, als mit Dämonen. Vielleicht kann ich dir eins, zwei Sätze über innere Dämonen sagen, aber ehr auch nicht. Das einzige was ich weiß, ist, dass sie früher einmal Menschen waren, alle.“
„Ganz genau und Atra und ihre drei Geschwister infizierten. Sie haben einen Pakt mit dem Gott der Unterwelt geschlossen und ihn gebrochen, allerdings weiß ich nicht, was für einer es war. Vielleicht dafür zu sorgen, dass genug Seelen durch das Unterweltstor wanderten, aber sie haben nicht genug Seelen gebracht und der Gott der Unterwelt hat sie in blutrünstige, geisterhafte Kreaturen verwandelt.“
Ich erinnerte mich wieder an meinen Traum. Blutrünstige, geisterhafte Kreaturen. Mein Traum, es war ein geisterhafter Traum und mein Verfolger war eine blutrünstige Kreatur, ganz recht.
Ich warf wieder einen Blick zu diesem Gitter neben der Theke. „Was ist dort drin?“, fragte ich.
„Verderben.“ Er senkte den Kopf ein wenig und ließ dann wieder ein lächeln blicken. Er nahm einen schluck von seinem Kaffee und sah mich dann wieder an. „Wie wäre es mit einer Führung durch die Stadt?“
Ich grinste ihn an, was wohl eher ein reflexartiges Grinsen war, das man aufsetzt, wenn man eigentlich gar nicht grinsen will. Ich nickte und nahm den letzten Schluck meines markenlosen Biers. Es schmeckte trotz allem fabelhaft.
Wir waren durch die Schwingtür herausgegangen und hinter uns glänzte das Metallschild mit der Aufschrift Alc. Line.
„Ich würde vorschlagen, dass wir zuerst einmal zum Sonnenhügel gehen, der ist gleich dort drüben, vielleicht zwei Minuten laufen.“
Er hatte Recht, es waren nur zwei Minuten. Wir mussten dreimal abbiegen, links, rechts, links. Schließlich kamen wir auf ein offenes Feld, in dessen Mitte ein kleiner, runder Hügel sich erhob. Auf ihm standen fünf Personen. Einer von ihnen hielt eine art Schriftrolle in der Hand. Ein anderer eine Schrotflinte und die drei anderen waren mit den Händen hinter dem Rücken gefesselt und standen in einer kurzen Reihe hintereinander.
„Oh, das tut mir leid, Peter, wir haben heute einen schlechten Tag erwischt, um den Sonnenhügel zu besuchen“, sagte er und richtete seine bläulichen, in der Sonne etwas glänzenden Augen gen Boden. Es sah so mitleidsbedürftig aus. Am liebsten hätte ich ihm eine Hand auf die Schulter gelegt und gesagt: Hey, es wird alles gut. Aber ich kannte diesen Mann nicht, nicht einmal seinen Namen, also warum sollte ich ihm dann Beistand leisten? Ich sah da keinen Grund. Coffee.
Martin stand neben ihm und hatte die Hände in die Taschen des Arbeitsoveralls gesteckt und sah mit zusammengekniffenen Augen zu dem Mann mit der Schriftrolle. Er las etwas daraus vor, aber wir konnten es nicht verstehen, von unserem Standpunkt aus. Die Sonne ging langsam unter und die Dämmerung war wunderschön. Der Wechsel von Sonne zu Mond.
Der vorderste, gefesselte Mann trat vor, in die Mitte des Hügels und senkte den Kopf, um, wie es aussah, ein kleines Gebet aufzusagen.
„Was machen die da?“, fragte ich in einem schockierten, aufleuchtenden Tonfall. Mir war klar geworden, was die vorhatten. Ich konnte es schon vor meinem inneren Auge sehen. Aber ich wollte es nicht glauben. Ich dachte diese Stadt sollte mein zukünftiger Wohnsitz werden. Aber ich würde doch nicht in einer Unfallstelle eines psychischen Totalschadens wohnen.
Psychischer Totalschaden! Diese Leute sind doch alle krank! Schon alleine wie sie sich anziehen. Wer zieht sich schon so an? Sag mal, Pete!
Keiner zog sich so an, zumindest nicht in meiner Welt. Aber das war belanglos. Es ging ganz alleine um den Mann, die Schrotflinte und die Schriftrolle.
„Ich wollte nicht, dass du das an deinem ersten Tag siehst, aber wenn es so ist, dann ist es so. Vergangenes ist vergangen. Ich kann die Zeit nicht zurückdrehen. Diese Schriftrolle ist unser Gesetzbuch. Mörder, Diebe andere Gesetzesbrecher werden hingerichtet, steht darin. Der erste hat seine Frau umgebracht, weil sie lieber las, als mit ihm in die Kiste zu hopsen. Der zweite hat sechs Häuser niedergebrannt…bewohnte Häuser. In jedem eine Familie, in einem sogar zwei. Der dritte hat uns gefragt, ob wir ihm behilflich sein könnten, wenn er sein Leben beenden wolle. Wir helfen ihm somit. Jeder hat das Recht dazu, mit seinem Körper zu machen was er will.“
„Und ihr helft ihm dabei, Selbstmord zu begehen?“
„Er will es so und er will es so, weil er somit durch die Hand eines anderen stirbt und nicht durch seine eigene, womit er im Himmeln landen wird und nicht wie ein Selbstmörder in der Hölle.“
„stellt ihr euch vor, dass Gott nicht denken kann? Er wird es durchschauen! Er ist nicht dumm!“
„Und irgendwo hab ich mal gehört, dass Gott alle unsere Taten kontrolliert, also wird er auch diese kontrollieren und wenn er das tut, wird er sie zu verhindern wissen.“
Ich sah ihn an und wollte nicht weiter darüber diskutieren, ob es recht ist, einen Mann einfach hinzurichten, nur weil er es so will. Für mich war die Antwort klar, aber ich wusste ja nicht was in seinem Hirn vor sich ging. Er stand da und hatte die Hand an die Stirn gelegt, um die Sonne abzuschirmen.
Der Mann mit der Schriftrolle trat einen Schritt beiseite und ließ den Mann mit der Schrotflinte vor den ersten gefesselten Verbrecher treten. Er hob sie und spannte sie. Noch bevor ich mich darauf vorbereiten konnte, hörte ich einen ohrenbetäubenden Knall und das Gesicht des Mörders wurde weggerissen, wie man eine Maske an Halloween herunterreißt, wenn man einfach keinen Bock mehr auf dieses kindische Spielchen hat. Die blutige Masse spritzte nach hinten und beschmutzte das gestrickte Hemd des Brandstifters, der seine Augen aufriss und erschrocken dreinschaute. Der Mörder sackte auf die Knie und sein rotes, verbranntes Gesicht mit den verkokelten Augen klatschte auf den sandigen Boden. Der Hahn der Schrotflinte wurde erneut gespannt und ein weiterer Schuss erfüllte mich mit Entsetzen. Er zerfetzte die Luft und riss auch ihm das Gesicht herunter. Der letzte, der Freiwillige, hatte die Hände vor der Brust gekreuzt. Die rechte Hand zur linken Schulter, die linke Hand zur rechten Schulter, sodass es wie ein X aussah. Er warf einen letzten Blick zu mir, den letzten, den er in seinem selbstmörderischen Leben werfen konnte und sein Gesicht wurde ebenfalls mit einem trommelfeldzerreissenden Knall weggefetzt.
Ich wandte mich wieder an Coffee, der sich bekreuzigte und dann zu mir aufsah. „So sollte es geschehen.“ Er runzelte entschuldigend und mitfühlend die Stirn und drehte sich dann um. „Kommt, kommt meine Freunde, ich werde euch dem Rat vorstellen, wir müssen schließlich nicht auch noch zusehen, wie sie die Überreste wegräumen, nicht wahr?“
„Ganz recht“, entgegnete Martin und flüsterte abschließend noch in mein Ohr: „Ich hätte es dir sagen sollen. Vielleicht gibt es hier Geheimnisse, für die du gewappnet hättest sein sollen. Aber die Umstände ließen uns keine Zeit. Tut mir leid.“
Der Rat, bestand aus fünf juristisch gebildeten, alten Leuten, die die Verwaltung, die Regierung, den Bürgermeister, das Gesetz darstellten und darüber entschieden, was in dieser Stadt gemacht werden durfte und was nicht. Coffee hatte mir versprochen, nach dem Gespräch mit den fünf Obersten bei ihm zu schlafen. Er hatte immer ein unbenutztes, bequemes Bett bereit für Neuankömmlinge. Schließlich war er selbst mal einer.
Bruce Miller, Joshua Hunt, Emelli Black, Elizabeth Duncan und Christoph Brown waren die nennenswerten Obersten der Stadt. Sie hatten ihren Sitz im Zentrum, in einem großen Gebäude, das alle den Phillips Tower nannten, wie mir Coffee erklärte. Sie nannten ihn deshalb so, weil hier auch sämtliche elektronische Geräte gelagert wurden, die sie nicht verwenden konnten, weil sie keinen Strom erzeugen konnten.
Es war eine Art kleiner Gerichtssaal, in dem sie hinter einem langen Tisch neben einander saßen und weiße Blöcke vor ihnen lagen. Alle hielten einen Stift in der Hand. Bruce Miller saß rechts außen, von mir aus. Neben ihm starrte Elizabeth Duncan mich an, mit zusammengefalteten Händen unter dem Kinn. Christoph Brown neben ihr, der sich mit der Hand im schwarzen Haar herumfummelte. Joshua Hunt saß neben ihm und kritzelte hastig etwas auf seinen Block, während Emelli Black etwas interessiert las, das auf ihrem Tisch lag. Es waren wirklich ältere Personen, aber nicht so alt, wie ich erwartet hatte. Der älteste von ihnen war vielleicht Christoph Brown, der aussah, als würde um die siebzig sein. Aber das war natürlich nur geschätzt und ich fragte nicht nach.
Bruce Miller ergriff die Chance und erhob die Stimme: „Sie sind also Ronald Peter Mathews?“ Er sprach meinen Namen langsam aus, fast so, als würde er ihn sich auf der Zunge zergehen lassen.
„Ja, Sir“, antwortete ich.
„Und Sie haben vor, länger hier zu bleiben?“, fragte er mit einer dunkelbraunen, hochgezogenen Augenbraue.
„Nun, ja, so lange es nötig ist.“
Er setzte sich wieder und schnaufte. Sog die Luft laut ein und blies sie laut auch wieder aus.
„Verstehen Sie mich nicht falsch, das ist nur fürs Protokoll, aber haben Sie vor Kinder zu zeugen?“, fragte mich Joshua Hunt mit einem lüsternen, interessierten Tonfall.
„Darauf habe ich leider keine Antwort, Mr. Hunt, aber ich kann ihnen versichern, nicht in den nächsten Wochen, falls Sie das damit gemeint haben.“
Hinter mir saßen Martin und Coffee auf einer Holzbank, während ich auf einem harten, ungepolsterten Stuhl in zwischen den beiden hinter mir und den fünfen vor mir saß. Es war ein unangenehmes Gefühl, von beiden Seiten beobachtet zu werden, aber es war okay, es war okay. Es fühlte sich allerdings ein wenig so an, wie in der Schule, wenn ich an die Tafel gehen musste, um mein Buch vorzustellen, das ich über die Ferien gelesen hatte. Ein kribbeliges, nervöses Gefühl.
Emelli Black fragte: „Wo werden Sie denn heute Nacht unterkommen, Mr. Mathews?“
„Bei mir, Mrs. Black“, warf Coffee ein.
„Ah, Sie sind auch da, was für eine Freude“, sagte Bruce Miller. „Sie müssen sich mal wieder bei meiner Tochter melden, sie hat schon nach Ihnen gefragt, Coffee.“
„Natürlich, Sir, mit großer Freude.“
Sie müssen sich mal wieder bei meiner Tochter melden! Ha, wieso sagt das nie ein besorgter Vater zu mir? So eine Scheiße aber auch!
Elizabeth Duncan meldete sich erstmals zu Wort: „Haben Sie vielleicht noch irgendwelche Fragen oder Wünsche, die wir Ihnen unter Umständen erfüllen könnten?“
„Nein, aber ich möchte noch etwas anderes los werden“, sagte ich. „Auf dem so genannten Sonnenhügel wurden heute drei Menschen brutal niedergeschossen. Darf ich fragen, warum Sie diese mittelalterliche Methode verwenden, um Verbrecher hinzurichten? Es würde doch genügen, sie einzusperren.“
„Sehen Sie, Mr. Mathews“, erklärte Mrs. Duncan, „wir haben nur einen begrenzten Platz, um Gefangene unterzubringen. Wenn wir sie nicht beseitigen, dann haben wir hier bald eine voll gestopfte Gefängniszelle und das würde man dann als quälen bezeichnen und wir wollen nicht als Monster im Zusammenhang mit Menschenquälerei genannt werden, verstehen Sie mich, Mr. Mathews?“
Ich hielt es für besser, nicht mit diesen Leuten zu verhandeln, diskutieren oder debattieren, wie man es auch nennen mag. „Natürlich, Mrs. Duncan.“
„Wir erklären Ihnen noch einige Dinge und dann sind wir fertig“, sagte Christoph Brown. „Zunächst möchte ich Sie darauf hinweisen, dass Verbrecher mit der Todesstrafe bestraft werden, was soviel heißt wie, wir tolerieren keine Kriminalität. Dann möchte ich Ihnen sagen, dass Sie sich von dem Gitter in der Kneipe Alc. Line fernhalten sollten, das ist nur zu Ihrem besten. Drittens, und das ist schon fast ein Gesetz, Haus Nummer 29 ist verbotenes Terrain. Keiner darf näher als fünf Meter an es heran. Falls doch, es ist Ihr Kopf, der dann vor der Haustier aufgefunden wird. Die Stadt darf nur mit ausdrücklicher Genehmigung in Richtung Norden verlassen werden, wir wollen diesen Dämonen keine Leckerbissen zukommen lassen. Haben Sie alles verstanden, Mr. Mathews?“
Ich denke schon, was ist Nummer 29 für ein Haus? Verbotenes Terrain? Darüber will ich mehr wissen, definitiv! Was ist hinter dem Gitter in der Kneipe? Was befindet sich nördlich dieser Stadt? Beantwortet meine gottverdammten Fragen, ihr Hohlköpfe!
„Ja, sicher“, antwortete ich und stand auf. Ich drehte mich gerade gehen und hatte schon einen Schritt zustande bekommen, da fuhr eine Stimme hinter mir durch den Raum, die mir einen Schrecken einjagte, den ich wahrscheinlich nie vergessen werde. Ich wusste auch nicht warum.
„Mr. Mathews!“ Es war Bruce Miller, der hinter mir aufgestanden war und mich eindringlich ansah. „ Haben Sie vielleicht Lust heute Abend zu mir nach Hause zu kommen, um einen schönen, heißen Tee meiner Frau zu kosten? Er ist wirklich wunderbar.“
Oh, Gott! Jag mir nie wieder so einen Schrecken ein, alter Mann!
„Sicher, gegen wie viel Uhr soll ich denn da sein?“
„Kommen Sie doch einfach gleich mit.“
„Oh, jetzt gleich?“
Ich warf einen Blick zu Martin und Coffee, die beide nickten. Fast gleichzeitig, sodass es wie eine Synchronisation wirkte.
Am selben Abend saß ich auf einer Couch gegenüber von Bruce Miller, der gar nicht so gefährlich und einschüchternd war, wie ich mir anfangs dachte. Er war sogar sehr nett und verströmte ein Gefühl der Geborgenheit und er erinnerte mich ein wenig an meinen Vater; Ricardo. Seine Frau Angela hatte einen köstlichen Tee gemacht, dessen Geschmack ich nicht zuordnen konnte, aber was es auch war, es schmeckte vorzüglich. Es hatte eine gewisse Note von Kirsch und Apfel, aber auch gleichzeitig Birne und Aprikose. Es war auf keinen Fall ein Früchtetee, das hatte mir schon Angela Miller klar gemacht. Etwas Fremdes, dieses Wort suchte ich wohl.
Es war ein schön eingerichtetes Haus, in dem sie lebten. Bilder hingen an den Wänden, die riesige, grüne Prärien auf denen Pferde grasten zeigten und Bäume die in Flammen standen. Bücherregale wo man hinschaute und natürlich Videokassetten. Wahrscheinlich beschlagnahmtes Material; das Privileg eines Obersten. Aber wieso besaßen sie Videokassetten, wenn sie sowieso keinen Videorekorder hatten. Eine Frage, die ich wohl nie beantwortet bekommen würde.
„Mr. Miller, wie haben Sie dies alles erschaffen, ich meine, dieser Legion will doch diese Welt für sich alleine haben und als Sie diese Stadt geschaffen hatten, müssten Sie doch am schwächsten gewesen sein, oder liege ich da falsch?“, fragte ich, lehnte mich zurück und sah den mir gegenübersitzenden Bruce an. Er schob die Finger in einander und stellte die Tasse auf den Tisch zwischen uns.
„Ich war noch nicht hier, als dies alles erschaffen wurde und kann dir nur sagen, was mündlich überliefert wurde. Damals war Legion noch ein Junge, so wie wir alle. Er kam nicht aus dem Nichts und war auf einmal da, er musste erst einmal heranwachsen und seine Fähigkeiten entdecken.“
„Mr. Miller-“
„Nenn mich Bruce.“
„Bruce, was für Fähigkeiten besitzt er denn überhaupt?“
„Ich weiß es nicht, keiner aus unseren Reihen weiß das. Es gibt Mutmaßungen und andere Gerüchte, dass er alle vier Elemente kontrollieren kann, aber keiner ist sich dieser Sache sicher.“
Mir kam ein Gedanke. „Kann es vielleicht etwas mit diesen vier dämonischen Gottheiten zutun haben? Ich meine, vier Elemente, vier Gottheiten, das kann vielleicht ein Zufall sein, aber ich glaube eigentlich nicht an Zufälle.“
„Wie gesagt, es sind nur Vermutungen, keine Feststellungen. Sie müssen mir wohl oder übel glauben, dass ich es nicht weiß und sich irgendwie damit zufrieden stellen.“
Angela Miller hastete durch das Wohnzimmer und suchte etwas im Bücherregal.
„Sie bleiben zum Essen, Mr. Mathews, verstanden?“, sagte sie. Es klang nicht wie eine Bitte, es klang wie ein Befehl. Nun nahm sie ein Buch heraus und als sie das Zimmer verließ, konnte ich den Titel lesen: Das Buch der guten Küche. Klang viel versprechend.
Ich rief ihr noch hinterher: „Nennen Sie mich Pete!“ und sie gab zurück „ Und Sie mich Angela!“
Mein Freundeskreis erweiterte sich. Das war gut, sogar sehr gut.
„Gelegentlich gibt es auch Zufälle, Peter, das kannst selbst du nicht bestreiten.“
Er hatte Recht, gelegentlich gibt es auch Zufälle. Und dieser Name trat wieder in meinen Kopf.
Vergiss Andy Perry nicht. Vielleicht hast du ihn nur zufällig entdeckt, aber für den weiteren Verlauf deines Lebens, solltest du ihn dir merken, Peter! Es war die Stimme meiner Mutter und nicht die meiner eigenen, inneren Persönlichkeit.
„Ich schätze du hast Recht, Bruce“, sagte ich und achtete mit Absicht darauf, seinen Vornamen zu verwenden, schließlich hatte er es mir erlaubt, der Mann, der in der Reihe der Obersten saß.
Ich hörte ein Knirschen, ein Klicken und ein Knallen.
„Hey, Mum, Hi, Dad!“, rief eine liebliche, unglaublich süße Stimme, so süß, dass ich sie in meinem ganzen Leben nicht vergessen würde. Es war die Tochter, der Familie Miller.
„Sara! Komm doch mal her und begrüße unseren Gast, er wird sich bestimmt freuen dich kennen zu lernen, schließlich ist er neu hier und es geht doch nichts über neue Bekanntschaften, nicht wahr, meine Süße?“, rief Bruce in die Küche. Sie war zur Hintertür hineingekommen und stellte etwas ab, womöglich eine Tasche oder einen Rucksack – natürlich selbst gestrickt.
Ein Mädchen so wunderschön wie ich es mir in meinen kühnsten Träumen nicht vorstellen konnte kam durch die Tür in das Wohnzimmer, in dem Bruce und ich im Licht eines Kaminfeuers saßen. Sie hatte braune, hüftlange Haare, blaue Augen, so wunderschön wie ein azurblaues Meer in der Sommersonne der Karibik. Ich hätte am liebsten den ganzen restlichen Abend hineingestarrt. Ihr schön geschwungenen Lippen waren rot und im flimmernden Feuer wirkten sie zum küssen bereit. Sie trug ein hellblaues Shirt und eine Jeanshose, der zweite Mensch, den ich hier mit einer normalen Hose gesehen hatte. Und sie hatte Turnschuhe an, aus einem echten Laden mit der Aufschrift Nike. Allerdings war über dem Schriftzug eine dünne Schmutzschicht, sodass man nur noch N ik lesen konnte. Das war das Mädchen, der ich mein Herz schenken konnte, das wusste ich schon damals, als sie im Schein des Feuers stand in mich lieblich ansah.
„Hallo, ich bin Sara Miller!“, sagte sie und kam zu mir. Sie streckte mir ihre rechte Hand hin und sah mich mit einem grinsen an. Ein Grinsen, in das ich mich verlieben hätte können. Und dann auch später tat.
Ich nahm ihre Hand und sagte ihr meinen Namen, sagte ihr sie solle mich Pete nennen und sie beugte sich zu mir hinunter, küsste mich auf die Wang und ging lächelnd wieder weg. Ich starrte noch lange zur Tür, die zur Küche führte, bis mich Bruce aus meiner Hypnose riss. Es war keine wirkliche Abwesenheit, aber ich hatte einen Tagtraum, darüber, wie mich die Lust überwältigte und ich zu ihr in Bett stieg und wir uns wie wild küssten und sie mir meine Hose auszog.
„Peter, alles in Ordnung mit dir?“ Er klang besorgt und zog eine Augenbraue hoch.
„Ja- Ja, mir- mir geht’s gut.“
„Du bist nicht der erste, dem es so ergeht. Coffee hat schon um ihre Hand angehalten, aber sie lehnte eiskalt ab, dazu muss ich allerdings noch erwähnen, sie hatte ihn auch nicht so herzlich empfangen, wie dich. Glaub mir, sie hat ein großes Herz, aber sie kann eben keine Gefühle für Coffee erzwingen und sie kennt nicht einmal seinen wahren Namen.“
„Nicht? Kennen sie ihn?“
Er schüttelte den Kopf. „Nein, er kam ohne Gedächtnis hierher. Er hatte sich wohl den Kopf geschlagen, als er im Sand gelandet war.“
„Was ist, wenn er ein Spion von Legion ist?“
„Nein, er kam aus Süden, Legions Festung liegt im Norden, hinter dem Schattenregental. Dem Tal der ewigen gottverdammten Dunkelheit und dem ewigen gottverdammten Regen! Vier Leute sind an dieser Barriere gescheitert und wir trauen uns nicht, noch mehr in Richtung Norden zu schicken, schon alleine wegen diesem Tal. Was wäre wohl, wenn sie durchkommen würden? Was würde Legion dann mit ihnen anstellen? Sie foltern bis sie schreien und reden? Ich habe nicht den blassesten Schimmer. Und ehrlich gesagt, will ich es mir auch gar nicht vorstellen. Kannst du das glauben. Vier Leute, nur wegen so hässlichen Dämonen.“
Ich nickte zustimmend und lehnte mich tiefer in die Polster der Couch. Nach zwei Tagen auf seiner einer für Menschen zurechtgemachten Couch zu sitzen war eine Sache, die ich mir nicht mehr vorstellen konnte, nachdem wir in dieser Wüste gelandet waren.
„Martin hatte gesagt, dass es kalt sein würde, aber es war heiß, brütend heiß und es ist es immer noch.“
„Ja, vor einer Woche hatte sich das Klima drastisch verändert. Viele Rinder sind gestorben. Wir fanden sie verfaulend in der Sonne. Menschen wurden krank und starben ebenfalls. Diejenigen, die überhaupt keine Rinder mehr hatten, nach diesem Geschehnis, waren natürlich ziemlich angeschissen und starben größtenteils an Grippe oder an Hungersnot. Die Nachbarn konnten ihnen nicht helfen, weil diese ebenfalls keine Rinder mehr hatten oder eben nur noch sehr wenig. Was nicht heißen soll, dass diese nicht hilfsbereit gewesen wären, wenn sie etwas gehabt hätten.“
Ich sah ihn an und rieb mir mit den Zeigefingern die Augen. Ich war verdammt müde und wusste nicht, ob ich das Essen überstehen würde ohne in die Suppe zu klatschen und einzuschlafen. Aber ich tat bereits mein Bestes; hatte bereits auf Reserve gestellt. Ich musste an Albert Wesp den Pförtner denken, der nie schlief, sondern immer wache am südlichen Tor hielt. Ein scheiß Job würde ich sagen, aber wenn er ihm gefiel, warum denn nicht, er war schließlich ein nie schlafender Osaris. Eine Gattung, von der man bis jetzt nur zwei oder drei Exemplare zu Gesicht bekommen hatte.
Nach einer halben Stunde kam Angela hinein, sie hielt ein riesiges Tablett mit Fleisch und Gemüse in der Hand und stellte es auf den Tisch. „Essen ist fertig, Sara!“, rief sie nach oben. Ich hörte schnelle, trampelnde Schritte und ein poltern. Schließlich kam sie eine Treppe hinunter und in das Wohnzimmer, wo sie sich neben mich auf die Couch setzte. Sie hatte sich umgezogen und trug nun ein dunkelrotes Kleid mit blauen Rosen drauf gestickt. Sie war wunderschöner als vorher und noch anziehender.
Sie saß mir gegenüber und neben Angela Miller, gegenüber von ihrem Mann. Wir redeten nicht viel, aber das mussten wir auch nicht, denn die Blicke zwischen Sara und mir reichten aus um ein ganzes Buch zu füllen – oder auch nicht. Zierlich steckte sie sich mit der Gabel ein Stück nach dem anderen in den Mund und sah mich dabei mit einem leichten Anflug eines Lächelns an. Ich war nicht so der feine Typ. Ich meine hey, ich arbeite in einer Autowerkstatt und nicht als Oberster. Ich sollte lieber sagen arbeitete.
Am selbigen Abend, nachdem Angela abgeräumt hatte und Bruce ihr beim Abwasch half – ich hatte auch angeboten zu helfen, so gut bin selbst ich erzogen worden – kam Sara noch einmal hinunter zu mir. Sie setzte sich auf den Sessel gegenüber von mir und faltete die Hände zwischen den Knien. Sie sah mich eindringlich an und sagte etwas, das ich zu erst nicht verstanden hatte, aber dann dämmerte es mir.
„Hör zu, Peter, wir können keinen schlechten Anfang haben, nur eine schlechte Zeit“, sagte sie. „Und wenn wir eine gute Zeit wollen, dann muss sie jetzt sein.“
Die kommt aber schnell zur Sache. Oh man oh man.
Ich wusste nicht was ich sagen sollte, das war gemein. Ich hatte nicht einmal die Gelegenheit, über alles nachzudenken. Und dann kommt sie und sagt mir, dass wir uns beeilen müssten. Beeilen! Das hatte noch nie eine Frau gesagt, die ich erst vor einer, zwei Stunden kennen gelernt hatte. Und saß sie da und erklärte mir, wir müssen uns beeilen, wenn wir eine schöne Zeit haben wollten.
Eigentlich hätte ich nichts dagegen einzuwenden gehabt, ich bin schließlich ein Mann und kein Freund von Gefühlsduselei, aber in diesem Moment hätte ich einfach nur heulen können. Ich wusste nicht, was ich sagen sollte, weil das alles so überraschend kam, wen man bedachte, dass ich seit über drei Jahren keine feste Beziehung gehabt hatte. Hin und wieder mal solche kurzen Bumsaffären, aber die waren höchsten nur auf drei Nächte verteilt. Aber seit über drei Jahren keine feste Freundin mehr. Und nun saß sie da, das Mädchen, das schöner nicht sein konnte und sagte mir, wir sollten uns beeilen, was mich wieder an meine Affären erinnerte, wenn man das überhaupt so nennen kann.
„Peter? Alles in Ordnung?“ Sie riss mich gnadenlos aus meinen Gedanken. Es war wie eine kalte Dusche an einem heißen Julitag.
„Ja, ja.“ Hatte ich mir das vielleicht nur eingebildet? Hatte sie in Wirklichkeit etwas anderes gefragt? Ich würde es drauf ankommen lassen müssen, sonst würde ich es womöglich nie herausfinden.
„Also, was ich damit sagen will, ist, dass wir uns heute Nacht auf dem Sonnenhügel treffen“, flüsterte sie, so leise, dass selbst ich sie fast nicht verstehen konnte. „Um Mitternacht.“
Und woher soll ich bitteschön wissen, wann hier Mitternacht ist? Habe ich etwa eine Uhr oder so etwas in der Art an? Und außerdem muss ich schlafen, können wir uns nicht morgen Nacht um Mitternacht treffen? Warum gerade heute? Ich bin hundemüde und wie heißt es so schön? Schlafende Hunde soll man nicht wecken. Tja, leider bin ich kein Hund.
„Okay.“ Ich stimmte trotzdem zu. Habe trotzdem zugesagt und sie hatte ihr liebliches Lächeln wieder aufgesetzt. Wir unterhielten uns noch eine Viertelstunde ungefähr, dann bot mir Bruce an, mich nach Hause zu begleiten, weil ich mein Bett heute Nacht sonst nicht finden würde. So einer Aussage kann man einfach kein Nein entgegnen. Und ich nahm natürlich an, wobei ich immerzu an den Sonnenhügel im Mondschein denken musste. Den Sonnenhügel, auf dem Sara und ich liegen würden, eng umschlungen und liebend. Aber Tagträumer, sind diejenigen, die nachts erst so richtig mit ihrer Fantasie spielen und dazu gehöre ich wohl nicht, ich bin kein großartiger Fantasiemensch. Realität ist Realität und Fantasie ist Fantasie. Da muss man eine klare Linie ziehen, sonst kann man irgendwann nicht mehr zwischen Halluzination und Wirklichkeit unterscheiden.
„Wie findest du sie?“, fragte mich Bruce Miller, während wir auf den dunklen Straßen zu Coffees Haus unterwegs waren. Es gab auch dunkle Gassen, durch die ich nicht gerne alleine gewandert wäre, aber mit Bruce an meiner Seite fühlte ich mich sicher. Er war schließlich einer der Obersten.
„Wie finde ich wen?“ Ich sah ihn verwirrt an. Natürlich wusste ich, wen er meinte, es war nicht schwer es herauszuhören, aus seiner Stimme. Es war die Stimmlage eines besorgten, führsorglichen Vaters.
„Sara. Wie findest du sie? Ich meine, sie hat dich so komisch angesehen, so hat sie seit Jahren niemanden mehr angesehen, seid wir hier gelandet sind, meine Familie und ich.“ Er hatte die Hände hinter dem Rücken ineinander gelegt und sah auf den Boden vor ihm. Ich hatte da so einen Verdacht, dass er mich umbringen wollte, sobald ich etwas Falsches sagen würde.
„Ich finde sie nett.“
„Nur nett?“
„Nett und liebenswert.“
„Liebenswert?“ Er lächelte ein wenig. „Habt ihr etwas ausgemacht, ein Treffen vereinbart?“
„Nein.“ Ich log einen der Obersten an. Einen der mächtigsten in dieser Stadt. Wie konnte ich nur? Aber Menschen sind fast zu allem bereit, das ihre eigene Existenz schützen kann. So war ich eben auch einmal.
„Wie kommst du darauf?“
„Na ja, ich kenne meine Tochter eben, wenn du es so ausdrücken willst.“
„Da waren nur solche Blicke, mehr nicht, kein Treffen, keine Verabredung und auch nichts anderes.“
„Wir sind da“, sagte er, immer noch lächelnd.
Wir waren in einer dunklen Gasse gelandet, die nur das schwache Mondlicht beleuchtete. Er ging etwas nach rechts und klopfte an eine Marmortür. Schritte stampften durch das Haus über einen Holzboden. Jemand öffnete die Tür und ich befürchtete im ersten Moment, dass es nicht Coffee oder Martin sein würde. Aber Coffee stand lächeln da und streckte Mr. Miller die Hand hin, die Sich Bruce nahm und kräftig drückend schüttelte.
„Sie haben ihn wieder heile zurückgebracht, was?“, sagte Coffee und streckte auch mir die Hand hin.
„Ja, hab ich und du passt hoffentlich gut heute Nacht auf ihn auf, oder etwa nicht?“
Ich werde heute Nacht sowieso nicht da sein, also macht euch keine Sorgen um mich, ich werde eng umschlungen mit Sara daliegen und wir werden uns wie zwei Wilde küssen.
Ich ging hinein und Martin saß auf einem Sessel vor dem Kamin und hielt eine Tasse in der Hand. Neben ihm standen noch zwei Sessel. Einer für mich und einer für Coffee.
„Peter“, sagte Martin und drehte sich zu mir nach hinten. „Setz dich doch.“
Ich hatte keine Lust mehr, mich zu unterhalten. Der ganze Stress machte mich kaputt und ich wollte endlich in ein bequemes Bett und wahrscheinlich würden die mich nächsten Morgen so früh wecken, dass ich die Ringe unter meinen Augen so schlecht erkennen können würde, weil meine Augen noch zu sind, ohne dass ich es merke.
Ich setzte mich aber trotzdem auf den Sessel in der Mitte und starrte in das Kaminfeuer, das vor sich hinloderte. Es war wunderschön. Wie lange war es her, dass ich in meiner Welt ein Feuer gesehen hatte, abgesehen von Kerzen oder Feuerzeugen. Ewigkeiten.
„Habt ihr gegessen?“, fragte Martin und sah zu mir.
„Ja. Es war köstlich.“ Hinter uns unterhielten sich Coffee und Bruce. Ich konnte nicht verstehen, was sie sagten, aber es war mir auch egal, ich hatte lange genug diesem alten Mann zugehört. Es war interessant, aber keiner in dieser Stadt hatte bis jetzt meine wirklich wichtigen Fragen beantwortet.
„Ich möchte mich mit dir unterhalten. Coffee und ich müssen in deine Welt zurück, wir haben noch etwas zu erledigen.“
„Was?“
„Geheim“, sagte er und sah mich an.
Geheim. Hört sich verschwörerisch an, findest du nicht auch, Peter?
Ja, sogar sehr.
„Coffee und du? Ihr versucht wohl, sein Gedächtnis ein wenig aufzufrischen.“ Ich lächelte.
„Ja, aber der hauptsächliche Teil dieser Unterhaltung sollte eigentlich dein weiteres Leben in der Stadt betreffen. Du wirst in der Zeit unserer Abwesenheit hier in diesem Haus leben. Heute Abend werden wir losgehen und benimm dich, das will ich dir nur raten, denke daran, was mit den Leuten auf dem Sonnenhügel passiert ist. Nicht gerade schön.“
„Ja, da hast du allerdings Recht.“
Coffee kam zum Kamin und trug einen Mantel.
„Gehen wir?“, fragte er und sah Martin mit einer hochgezogenen Augenbraue skeptisch an.
Er nickte und stand auf indem er seine Arme auf die Armlehnen des Sessels stützte. Mit einem schnaufen wünschte er mir viel Glück. Ich wusste nicht für was und fragte auch nicht danach, aber vielleicht wünschte er mir Glück für das später folgende.
Sie gingen und ich hatte das Haus für mich alleine, nachdem die Tür zugeschlagen worden war. Ich sah mich um und fragte mich, was ich wohl bis Mitternacht machen sollte, wenn ich überhaupt wusste wann Mitternacht war, schließlich entschied ich mich dafür, zu warten, bis der Mond am höchsten stehen würde.
Er wollte und wollte einfach nicht seine Bahn bewältigen, schien festzustecken, aber es ist wohl immer so, wenn man auf etwas Aufregendes wartet. Die Zeit kommt einem endlos lang vor und man würde sie am liebsten beschleunigen, nur ein ganz kleines bisschen.
Aber alles nimmt seinen Lauf und so auch der Mond. Mitternacht und ich schloss hinter mir die Tür, an der sich kein Schloss befand, womit der erste Schock den ich hatte bewältigt wurde.
Nun musste ich nur noch den richtigen Weg finden. Ich stapfte durch die Gassen und Straßen, suchte nach dem Hügel in mitten der offenen Wiese. Und ich kam zum Mittelpunkt der Stadt, einem Platz in dessen Mitte ein Brunnen stand, aus dem leise flüsternd Wasser floss.
„Ich will den Generator haben!“, flüsterte eine hitzige Stimme. „Ich will ihn haben und ich habe dafür bezahlt, also, wo ist er?“
„Er ist auf dem Weg!“ Eine andere, ruhigere Stimme.
Es war besser zu warten, ich wollte nicht in ein Gespräch hineinplatzen, das sich zu einer Schlägerei entwickelte. Und schon gar nicht wollte ich in ein Gespräch hineingeraten in dem es um etwas ging, das der Rest des Volks nicht erfahren durfte.
Ich wartete hinter der Ecke und lauschte.
Stimme Nr.1: Wohin wird er geliefert?
Stimme Nr.2: Zu Ihnen nach Hause, kommen Sie lieber mit, ich will nicht, dass uns irgendjemand hört verdammte Scheiße. Warum mussten wir uns gerade hier treffen?
Stimme Nr.1: Weil dies ein öffentlicher Versammlungspunkt ist und ich will mich nicht in einer dunklen Ecke mit Ihnen unterhalten, es soll nicht so sehr nach Verschwörung aussehen!
Stimme Nr.2: Aber ist es das denn nicht?
Stimme Nr.1: Ist mir egal! Gehen wir jetzt zu mir oder wie?
Der Mann dem Stimme Nummer 2 gehört hatte musste genickt haben, denn die beiden entfernten sich. Ich konnte ihre Schritte hören, aber in welche Richtung wusste ich nicht.
Verschwörung. Kann man in einer so kleinen Stadt die nicht einmal eine Regierung besitzt überhaupt von Verschwörung reden?
Ich weiß es nicht und du auch nicht. Also zerbrich dir nicht den Kopf darüber, sondern geh zum Hügel, du weiß schließlich was dich dort erwartet!
Ja, natürlich wusste ich das. Dort erwartete mich die Tochter eines Mannes, der zu den angesehensten Menschen zählte.
Ich ging weiter, schlich regelrecht über den Brunnenplatz. Es war ein Löwe, aus dessen Maul ein Wasserstrahl sprühte. Ein wunderschöner Anblick im Mondlicht, allerdings nicht von Dauer, denn hinter mir näherten sich wieder Schritte. Ich beeilte mich und gelangte in eine Straße, die geradeaus auf ein offenes Feld führte.
Und ich sah sie, in einem weißen Kleid. Sie lag da und wand sich im Mondschein. Es wirkte wie ein exotischer Tanz auf einer Veranstaltung. Nur war diese Showeinlage ganz alleine für mich. Niemand anderes sah zu und bewunderte sie. Sara und ich waren ganz alleine und sie trug nur ein weißes, seidiges Kleid. Nichts drunter, das wusste ich schon in diesem Augenblick. Ich hatte es nicht gesehen, nur gewusst. Manchmal weiß man eben Dinge ohne eine Zustimmung zu brauchen, eine Versicherung.
Sie setzte sich auf und sah mich an, deutete mir mit dem Zeigefinger, dass ich kommen solle.
Geh…geh zu ihr. Nimm sie dir und lass dich von nichts aufhalten. Nicht von deinen Zweifeln und nicht von deiner Menschlichkeit und dem menschlichen Denken. Das ist ganz alleine Saras und deine Sache.
Ganz genau, es war nur ihre und meine Sache und niemand anderes hatte etwas damit zu tun und niemand anderes durfte sich einmischen, nicht einmal ihr Vater. Ich ging hinauf, setzte mich zuerst neben sie und sie schlang ihre Arme um meinen Hals, sodass mich eine unheimliche Gänsehaut durchfuhr und ich dachte in diesem Moment ich wäre wirklich sicher. Sicher vor Legion, sicher vor dem Mörder meiner Eltern, sicher vor allen Gefahren die die Existenz noch für mich bereithielt. Und wir liebten uns. Liebten uns so lange, bis die ersten Strahlen der Sonne während der Morgendämmerung uns erreichten und unsere Körper durch den Schweiß glänzten.
Es war eine kurze Welle, eine Erschütterung, eine Art Erdbeben, aber nicht so lang und heftig. Es war, als wären die Kontinentalplatten verrutscht und ein Schock hätte Mutter Erde durchfahren. Ich fühlte mich ab diesem Zeitpunkt so, als hätte ich einen großen Verlust erlitten, als hätte ich etwas verloren, etwas Lebenswichtiges. Aber ich konnte mir dieses Gefühl nicht erklären, aber es gab wohl so vieles in dieser fremden Welt, das ich mir nicht erklären konnte, dass diese eine Sache es auch nicht mehr schlimmer machte. Aber wie heißt es so schön? Schlimmer geht’s immer.
Ein Tag nachdem Martin weg ist passiert so etwas, wie immer ein perfektes Timing für Katastrophen. Wenn ich mal jemanden brauche, ist er nicht da.
PP – Persönliches Pech steht fast im Zusammenhang mit ST – Scheiß Tag.
SPPT – Scheiß persönlicher Pechtag!
Zum schießen, nicht wahr?
Ja, und wie das zum schießen ist, zum erschießen!
Dieses Verlustgefühl machte mir wirklich zu schaffen. Ich war müde und musste schlafen. Ich saß mich auf den Sessel vor den Kamin und dachte noch einen Moment an Sara, als ich in ein Land der Träume verfiel, meinem eigenen Land, meinem höchstpersönlichen Land der Träume, das einzige das mir alleine gehört.
Ich stehe auf der matschigen Straße und ich kann das Schmatzen näher kommenden Schritte hören. Wie sie sich nähern. Und ich bekomme Angst, will weglaufen, habe allerdings Angst davor, mich nicht bewegen zu können, aber es funktioniert. Ich laufe, immer damit rechnend über eine Wurzel zu stolpern die ich nicht sehen kann, da der Nebel so dick und dicht über dem Boden schwebt, dass ich überhaupt nichts sehen kann.
Ich renne, sehe den Dunst meines Atems und höre die schmatzenden Geräusche hinter mir. Es ist kein Mensch, sondern eine blutrünstige Kreatur die mich fressen will, und zwar bis auf die Knochen. Ich merke wie ich bei jedem Schritt ein paar Zentimeter im Boden einsinke und sich meine Schuhsolen festsaugen. Es wird schwerer mich fortzubewegen und es wird riskanter. Ich bekomme noch einen guten Schuss Angst dazu. Meine Kehle verschnürt sich und ich spüre einen dicken Kloß in meinem Hals, direkt über dem Adamsapfel. Zu gerne will ich wissen was mich verfolgt, aber die Verlockung ist nicht größer als die Angst vor dem Unbekannten. Es sind nicht die blutrünstigen, stinkenden Monster vor denen wir uns fürchten, es ist das Ungewisse, das noch nie gesehene. Aber was es auch ist, es verbreitet eine schüttelfrostartige Kälte, die ich auf meiner schweißnassen Haut spüre und nicht dämmen kann. Ich trage nur ein T-Shirt mit der Aufschrift: TRITT MICH!!! und eine Jeans, dessen Marke ich nicht erkenne, da ich zu sehr mit Rennen beschäftigt bin. Ich spüre, wie Schlamm an meinen Rücken spritzt und höre wie die Kreatur hinter mir einen Schrei der Belustigung von sich gibt. Ich kann etwas vor mir sehen, eine riesige Silhouette, aber ich kann es noch nicht erkennen. Ein rotes Licht flackert auf und erlischt wieder. Flackert auf und erlischt wieder. Flackert auf und erlischt wieder. Es erinnert mich an eine Alarmanlage, aber ich bin mir nicht sicher. Ich werde langsamer, in meiner Lunge brennt ein Feuer, so schlimm, dass ich einfach nicht weiter rennen kann. Ich halte an und stütze mich auf meine Knie. Es kommt näher und ich kann es schön hören, wie es sich freut und die Zähne bleckt. Aber ich kann nicht zulassen, dass es mich frisst. Ich muss etwas dagegen unternehmen, muss kämpfen und mich gegen es zur Wehr setzen, aber es kommt unaufhaltsam näher. Eine Gänsehaut überfällt mich. Ich renne weiter den Waldweg entlang, sehe es, sehe das Haus, das sich hinter dem Nebel verborgen hatte. Und es trägt ein Schild mit der Aufschrift: VITA. Der Name des Hauses ist Vita und ich will hineingehen, doch bevor ich das kann
erwachte ich. Ich war schweißgebadet und ein Brennen trat in meine Augen. Zuerst dachte ich, ich würde in diesem Moment erblinden und nie wieder sehen können, aber es war etwas anderes. Eine Art Vision.
Ich sah, wie eine Welle, eine schwarze Welle das Dorf überflutete. Ich konnte nicht genau erkennen, was für eine Flüssigkeit es war und ob es überhaupt eine war, aber diese unheimliche Welle begrub alle Menschen die sich im Sonnenlicht dieses Tages auf den Straßen aufhielten. Sie war mächtig, riesig und unaufhaltsam. Sie bahnte sich erbarmungslos einen Weg durch die engen Gassen und breiten Straßen und vergrub den Löwenbrunnen unter sich. Ich bekam eine Flugansicht zu sehen, und konnte erkennen, dass sich die Straßen mit einer dunklen, grauen Masse füllten. Die Stadt ging unter, sie verlor den Krieg gegen Legion und sie konnten nichts dagegen tun, soweit ich sehen konnte. Was hatte das zu bedeuten? Ich wusste es nicht.
Die schwärze entfloh meinem Sichtfeld wieder und machte Platz für eine blendende Helligkeit. Es dauerte eine Weile bis sich meine Augen an das Licht gewöhnten, aber als sie es dann taten, bemerkte ich, dass ich nicht mehr in meinem Bett war. Ich saß an Coffees Schreibtisch und hatte ein Wort auf ein weißes Blatt Papier geschrieben und ich konnte mir einfach keinen Zusammenhang zusammenreimen:
Verrat
Ich saß auf dem weichen, gepolsterten Stuhl und sah es an, versuchte Verbindungen zu erstellen, aber es ergab einfach keinen Sinn. Für mich jedenfalls nicht. Verrat. Verrat gegenüber wem? Mir, der Stadt, Legion oder wem? Ich wusste es nicht. Konnte es nicht wissen, aber aus irgendeinem Grund musste ich dieses Wort doch auf dieses Blatt geschrieben haben. Ich lehnte mich zurück und legte den Kopf in den Nacken. Ich sah zur Decke und schaute die gelbliche Wand an. Raucherzimmer. Rauchen. Eine Zigarette hätte ich in diesem Moment dringend gebrauchen können. Wenn man bedachte, dass ich seit dem Tag an dem mich Smith mit seiner Kanone bedroht hatte keine mehr geraucht hatte und ich normalerweise ziemlich viel rauchte, war das bis jetzt eine ziemliche Meisterleistung. Bis jetzt hatte ich allerdings noch niemanden in dieser Stadt rauchen gesehen. Und ich bezweifelte, dass Coffee hier irgendwelche herumliegen hatte. Aber es kostet schließlich nichts, nachzusehen, wie es so schön heißt.
Ich saß an einem dunkelbraunen Mahagonischreibtisch und begann in den fünf Schubladen nachzusehen. In der ersten lagen Papiere und Dokumente, mit denen ich mich nicht lange aufhielt. In der zweiten befanden sich Stifte. Nur Stifte, Kugelschreiber, Füller, Bleistifte und Farbstifte. Das brauchte ich nicht. Ich brauchte einen Giftstängel. Aber ein komisches Gefühl durchfuhr mich, als ich Bleistifte erblickte. Ich wusste auch nicht woran das lag. Ich schob es auf die Vision und sah in die dritte Schublade hinein. Bücher. Fünf oder sechs Bücher lagen darin. Eines trug den Titel: Dämonisches über Dämonen. Ich wunderte mich nicht, dass ich so eine Lektüre in Coffees Schreibtisch fand, schließlich gehörte so etwas in die Grundschule dieser Stadt. In der vierten fand ich Landkarten. Eine war mit der Überschrift Zukünftiges Königreich Legions versehen. Ich runzelte die Stirn und nahm sie ein wenig zögernd heraus.
Langsam breitete ich sie auf der Fläche des Schreibtisches aus. Es war eine dunkle Karte, größtenteils in einem schwachen Grauton gezeichnet. Und ich konnte die Stadt sehen. Weiter unten, schon fast am Rand des Papiers befand sich ein dunkelroter Punkt, neben dem Die Stadt stand. Der restliche Teil der Karte war in schwarz gezeichnet, dann folgte eine gepunktete, dunkle Fläche mit der Aufschrift Tal des Schattenregens und gleich darüber war ein Komplex gezeichnet worden, der mich ein wenig an meine Bank in Radock City erinnerte, die genauso kompliziert und riesig gebaut wurde. Aber dieser gebäudekomplex übertraf meine Bank. Er war riesig. Größer als der Punkt auf der Karte, der die Stadt darstellte und wie ich sah, erweiterte sich dieses riesige Ding noch, allerdings ging dem Künstler dann das Papier aus. Daneben stand: Legions Festung.
Ich konnte es nicht verstehen. War dies auch Pflichtstoff in der Schule? Zukunftspläne des dunklen Lords, der hinter seiner Mauer Däumchen drehend sitzt und sich das ganze Spektakel amüsiert anschaute? Ich wusste es nicht und war vielleicht Coffee der Verräter? Der treue Diener Legions? Vermutungen, ich konnte hier nicht herumlaufen und Behauptungen in die Welt setzen, ich brauchte handfeste Beweise und ich müsste wahrscheinlich recherchieren. Ich hatte so einen Verdacht, dass Legion diese Schlacht gewinnen könnte. Es war natürlich Blasphemie, aber die Realität ist Realität und die konnte man nicht einfach abschalten wie einen Fernseher, zumal er ohne Strom läuft.
Ich musste mich mit Sara unterhalten, Bruce Miller hatte mir gesagt, dass Coffee etwas von ihr wollte, um ihre Hand angehalten hatte. Vielleicht konnte ich ihr etwas entlocken. Und wenn nicht, es ist nicht meine Stadt, aber ich fand es trotzdem nicht richtig einfach nur da zu sitzen und zuzusehen, wie dieses Volk wegen einem Mann möglicherweise zu Grunde ging.
Ich legte die Karte zurück und öffnete die letzte Schublade.
Jackpot!
Die ganze Schublade war bis zu den Rändern mit Zigarettenschachteln gefüllt. Marlboro, West, Kent, Fair Play, Pall Mall, Next und andere. Ich nahm mir eine Schachtel Pall Mall und eine Marlboro heraus, steckte sie in meine Tasche und stand auf.
„Jetzt brauch ich nur noch Feuer.“
Ich ging herunter zum Kamin und nahm mir einen glühenden Ast heraus, um meine Pall Mall anzuzünden, dich mir in den Mund gesteckt hatte. Ich drückte das Holz am glühenden an Ende an meine Zigarette und zog daran. Zuerst paffte ich und sog dann den Rauch in meine Lungen. Was für ein erleichterndes Gefühl das doch war.
Drei Tage später, Martin und Coffee waren immer noch nicht zurückgekehrt, ging ich die Straßen entlang und wollte die Stadt vollständig kennen lernen. Dieses Unternehmen scheiterte jedoch, als ich Sara traf, sie stand mit zerzaustem Haar und roten Augen da und starrte mich an. Sie sagte nichts – zunächst.
„Sara, was ist los mit dir?“, fragte ich und die Leute strömten in Massen an uns vorbei. Eine kleine zusammengeschlossene Gruppe unterhielt sich über ein heikles Thema, wie es schien, den sie waren, wie ich erkannte, kurz vor einem Streit. Ihre Stimmen wurden laut und wütend und ehe die Situation richtig eskalieren konnte, führte ich Sara um die nächste Ecke und fragte sie noch einmal: „Was ist los?“
„Was hast du getan?“ Sie flüsterte und sah mich dabei weiter eindringlich, nett und wütend zugleich an. „Ich wusste von Anfang an, dass es ein Fehler war.“
„Ein Fehler? Was war ein Fehler?“
„Alles war ein Fehler. Eine große Sache, aber die kleinen Leute bekommen das nicht mit. Du musst aufhören!“
„Womit muss ich aufhören?“
„Hör auf“, flüsterte sie leiser als zuvor.
Womit gottverdammt?
„Sara, sag mir erst einmal was passiert ist“, sagte ich ruhig und zutraulich, wie es mir schien.
„Hör auf.“ Es war kein Flüstern mehr, nur noch ein leises, undeutliches Hauchen. Und ich konnte noch erkennen, wie sich ihre Augenwinkel mit Tränenwasser füllten, bevor sie sich umdrehte und davonging. Und ich dachte, ich würde sie nie wieder sehen.
Aufhören! Womit aufhören?
Und ich hatte gehofft, sie konnte mir Informationen über Coffee zukommen lassen. Alles ging den Bach runter. Und ich sagte mir, dass ich nicht weiter hinter einem Hirngespinst hinterher jagen sollte. Einer Intuition, wie es Martin nannte. Wenn er Coffee vertraute, dann konnte ich das auch. Und zwar ohne Probleme. Schließlich hatte er mir zwei Schachteln Zigaretten spendiert. Wenn auch nicht gerade freiwillig.
Und ich ging die Straße zurück, wollte mich in mein Bett legen und schlafen. Ich hätte lieber von diesem Monster geträumt, als dieses ganze hin und her mitzumachen. Und schon gar nicht unter so angespannten Umständen, die im Moment zwischen allen herrschte. Es war wie eine unfreiwillige, unbemerkte Gefangenschaft. Aber dagegen konnte ich nun nichts tun und die anderen ebenso wenig.
Als ich auf dem Rückweg war, kam mir auch noch Bruce Miller entgegen, der Mann, der in der Reihe der Obersten saß. Und er hatte ebenfalls tränengefüllte, angeschwollene Augen. Und er sah mich an mit einem enorm zornigen Blick, den ich einfach nicht verstehen konnte. Aber er kam auf mich zu, wie ein wilder Pit Bull. Und er sah mich wutentbrannt an.
„Was hast du ihr angetan?! Hä?! Sprich mit mir! Ich will scheiß Antworten von dir haben!“, schrie er über die gesamte Menschenmenge hinweg. Aber keiner drehte sich um und sah nach, was da wohl los sei. Ich kapierte es einfach nicht. War ich an diesem Tag mit dem falschen Fuß aus dem Bett gestiegen? Ich hatte nicht den blassesten Schimmer.
„Ich- Äh- Was soll ich bitteschön wem angetan haben?“, fragte ich verwirrt mit vorsichtshalber erhobenen Händen.
Er sah mich an, sein Kopf war inzwischen zu einer roten Tomate geworden. „Du weißt ganz genau von was ich spreche, also spiel nicht den Unschuldigen, du verdammter-“
„Verdammter was?“
„Hurenbock!“
Ich war schockiert. Ich hatte nicht erwartet so ein Wort aus dem Munde dieses Mannes zu hören und schon alleine der Gedanke daran hätte mir einen unheimlichen Schauder über den Rücken gejagt, aber dies war hundertmal schlimmer, als ich es mir in meinen Gedanken vorgestellt hatte. Würde er mich jetzt aus der Stadt schmeißen? Am nördlichen Tor aussetzen und mich mir selbst überlassen, auf meine Überlebenskünste vertrauen und endlich froh sein mich los zu haben? Aber ich verstand den Grund nicht. Ich konnte ihn nicht sehen. Nur dieses Wort schwirrte mir im Kopf herum und ich konnte es einfach nicht loswerden. Und als ich schon dachte ich würde hier verzweifeln, tauchte plötzlich Emelli Black hinter mir auf und Bruce Miller wurde ruhig. Wie ein gezähmter Pit Bull.
Sie sah zuerst mich an und musterte dann Bruce. Wahrscheinlich fragte sie sich, was hier vor sich ging. Aber ich hätte keine Antwort für sie parat gehabt. Aber Bruce war verschwunden, als ich wieder zu der Stelle sah, an der er gestanden war. Nicht spurlos, sondern ungeschickt und auffällig. Er bahnte sich einen Weg durch die Menschenmassen. Hatte er Angst vor Mrs. Black? Wusste sie vielleicht etwas, das ich nicht wusste?
„Er ist ein merkwürdiger Mensch“, sagte sie sachlich.
Merkwürdig, das kann man aber wohl sagen.
„Ja“, stimmte ich ihr zu. „Sehr merkwürdig. Können Sie mir sagen, ob es in dieser Stadt Strom gibt?“
„Nein, hier gibt es schon seit Beginn keinen Strom.“
„Ich meine jetzt auch nicht generell. Eher meinte ich vereinzelt, ausgelegt auf verschiedene Punkte oder sogar nur auf ein Haus.“
„Worauf wollen Sie hinaus?“
„Ich will darauf hinaus, dass jemand vielleicht nicht will, dass der Rest des Volks Strom besitzt, sodass dieser jemand einen kleinen Vorteil gegenüber den anderen hat.“
„Nennen Sie mir einen Namen, Mr. Mathews, Namen.“
Namen, soll ich Ihnen wirklich einen Namen nennen? Okay, hier ist er:
„Bruce Miller“, sagte ich entschlossen und sah sie blinzelnd an, was sie wohl ein wenig belustigte, denn ich konnte es in ihren Augen sehen.
„Bruce Miller ist vielleicht zu einem gewissen Teil ein Narr, aber bestimmt kein…“ Sie schnaufte und sah zu Boden, aber nur mit den Augen, sodass ich ihr betrübtes Gesicht sehen konnte. Mir kam langsam, aber sicher der Gedanke, dass hier die Kacke am dampfen war und ich war nicht dafür bestimmt ein Tuch darüber zu legen. Und mir kam ein weiterer, erschreckender Gedanke. Dieser Gesichtsausdruck erinnerte mich an den meiner Mutter, als Ricardo ihr gebeichtet hatte, dass er sie hintergangen hatte. Und ich hatte so ein flaues Gefühl im Magen, einen Verdacht.
„Verräter?“, fragte ich helfend.
„Ich weiß wirklich nicht, worauf Sie hinaus wollen, Mathews!“ Ja, ich hatte mich nicht getäuscht, sie hatte diesen Gesichtsausdruck und ich wusste nun, was zwischen ihr und Bruce gelaufen war. Sie hatten ein Verhältnis gehabt, nur dass nicht sie hintergangen wurde, sondern Angela Miller und ich war mir nicht sicher, ob diese das nicht mitgekriegt hatte. Was nicht heißen soll, dass sie ihn deswegen verlassen hätte. Angela hätte das als eine Belanglosigkeit abgetan und es weggesteckt, so wie es alle guten Haus- und Ehefrauen wegstecken, die schon einmal einen Braten in der Röhre hatten.
„Ich will darauf hinaus, dass sich in dieser Stadt ein Verräter aufhält und etwas Furchtbares passieren wird, wenn wir ihn nicht ausfindig machen, Mrs. Black.“ Ich sprach liebevoll mit ihr – noch. Ich wusste nicht, wie lange ich noch meine unglaubliche Wut im Zaum halten konnte. Sie stellte mich wirklich auf eine harte Probe. Und ich ließ mich nicht gerne auf Proben stellen.
„Okay, okay, okay! Wen vermuten Sie denn? Es kann – wenn er denn überhaupt etwas damit zutun hat – nicht nur Mr. Miller sein. Miller muss fast jeden Tag im Phillips Tower erscheinen, um an den Konferenzen teil zu nehmen. Und er hat bis jetzt noch kein einziges Mal gefehlt, was sagen Sie nun?“
„Ich sage, dass ihm jemand geholfen hat, wer weiß ich noch nicht.“ Ich hörte mich schon wütender an.
„Stellen Sie keine anfangs viel versprechenden Behauptungen in den Raum und gehen Sie wieder ohne Beweise zu hinterlegen. Das ist nicht richtig und so können Sie mich nicht überzeugen und schon gar nicht die anderen Mitglieder des Rates. Und außerdem kann keiner aus diesem Volk ihm behilflich gewesen sein, denn schließlich ging niemand nach Norden.“
„Was ist mit Coffee?“
„Coffee ist schon seit einer halben Ewigkeit bei uns, kritisieren Sie ihn nicht auch noch.“ Wieder dieser betrübte Gesichtsausdruck.
Haben sie denn alle Männer im Stich gelassen?
Das war eine wohl interessante Frage, aber momentan nicht von Wichtigkeit. Sie sah mich weiterhin an und starrte ab und zu auf den Boden.
„Tue ich aber! Was ist, wenn ich viele Dinge kritisiere, die Sie seit Ewigkeiten in einer natürlichen Harmonie verwenden und benutzen, was ist wenn ich gottverdammt noch mal ALLES kritisiere und etwas herausgefunden habe, für das Sie einfach nicht schlau genug waren! Liegt es daran, dass Sie einfach zu dumm dafür waren oder ich einfach zu schlau dafür bin?! Denken Sie verdammt noch mal darüber nach!“ Ich schwieg. Meine Stimmbänder und Lungenflügel mussten sich von diesem kleinen Wutausbruch erst einmal erholen. Aber es musste sein. Ich hatte einfach keine andere Wahl. Ich musste die Bewohner dieser Stadt oder zumindest die Obersten davon überzeugen, dass sich ein Spitzel hier aufhielt und er mehr Schaden anrichtete, als sie zu diesem Zeitpunkt feststellen konnten.
Sie sah mich fassungslos an. Sie konnte es wahrscheinlich nicht glauben, dass ich sie so angeschrieen hatte. Aber anders hätte sie mir nicht zugehört, dessen war ich mir sicher.
„Und was soll ich Ihrer Meinung nach machen?“, fragte sie und zeigte mit dem rechten Zeigefinger auf ihre Brust.
Das ist eine gute Frage.
Sieh das doch mal von der positiven Seite: wenigsten ist sie nun kooperativ und nicht so verschlossen und unbehilflich wie vor ein paar Minuten.
Hm-Hmm. Du hast Recht. Sie ist immerhin kooperativ geworden und Zusammenarbeit ist schließlich die halbe Miete.
Meine Rede.
Stille herrschte nun in meinem Kopf. Niemand quasselte dazwischen und versaute mir die Tour. Ich erzählte ihr meinen Plan. Und dieser Plan sollte nicht zum Scheitern verurteilt sein, wie ich hoffte. Hoffnung, das einzige was den Menschen in solchen Situationen bleibt, mal von der Tatsache abgesehen, dass niemand in diese Situation kommt.
Ich erwachte. Lag auf dem Sessel und hörte das Feuer im Kamin prasseln und knistern. Es war ein traumloser Schlaf gewesen und wenn ich einen gehabt hatte, dann konnte ich mich nicht mehr daran erinnern, was mich ein wenig glücklich machte. Und war dies nicht ein Zeichen der Genesung? Ich wusste es nicht, aber seit diesem Beben hatte sich einiges verändert. Dinge, die vorher nur verschwommen in meinen Gedanken herumschwebten, kamen mir auf einmal klar vor und dieser Traum hatte mich in der letzten Nacht nicht heimgesucht. Inzwischen hatte ich einen Plan mit Mrs. Black geschmiedet und hatte Dinge entdeckt, die mich wirklich in Schwierigkeiten bringen könnten. Aber das war mir noch nicht bewusst. Ich dachte, ich würde dieser Stadt einen Gefallen tun, was ich meiner Ansicht nach auch tun musste, aber es kam mir so vor, als wollten sie nicht die Geheimnisse aufdecken, die in der Erde vergraben waren. Und was war mit Bruce und Sara Miller am vorigen Tag los gewesen? Warum waren sie nur so aufgewühlt? Hatten sie einen Streit? Hatte ich sie vielleicht mit irgendeiner unbewussten Tat in Schwierigkeiten gebracht? Und hin und wieder musste ich an das Gespräch auf dem Brunnenplatz denken und versuchte die Stimmen zu identifizieren. Ab und zu fielen mir auch einzelne, bruchstückhafte Gedanken an das Haus Nummer 29, das Gitter in der Kneipe, die Videokassetten in Bruce Millers Haus und das Wort Vita in den Kopf. Ich konnte mir keinen Reim auf all das machen. Am Abend, nachdem ich mich mit Emelli Black, Bruce und Sara Miller unterhalten hatte, blinkte auch dieser Namen vor meinen Augen auf: Bill Stephen Porter und er veränderte sich, wurde zu Andy Perry, wer auch immer diese zwei Personen waren, ich musste etwas über sie herausfinden. Ich dachte mir, dass es mit Bill Stephen Porter ein wenig schwer werden würde in dieser Stadt Informationen über ihn zu bekommen…und ich behielt Recht. Was Andy Perry anbelangte, den Namen hatte noch nie jemand gehört. Es war nie ein Andy Perry zu Gast in dieser Stadt gewesen und nie hatte ein Verwandert irgendeiner Familie Andy Perry geheißen, sonst wäre das alles in den Akten gestanden. Emelli Black berichtete mir, dass die Videos in Millers Haus nur Erinnerungsstücke waren und er sie nie zweckentfremden würde. Für was auch immer.
Ich trank in den nächsten zwei Tagen viel Whisky, viel zu viel. Und ich merkte es auch. Wenn ich am Morgen aufgewacht war, stand immer noch mein halbvolles Glas neben dem Bet auf dem Nachttisch. Ich sah es immer wieder an und nahm es dann, um mir den Rest die Kehle hinunter zu kippen. Morgens war es noch keine so feine Sache, aber am Abend hatte ich mich dann vollkommen warm gemacht und konnte in die Endrunde übergehen, wo ich dann nur noch den Flaschenboden am zweiten Tag erblickte und keine neue Flasche im Haus von Mr. Coffee fand. Es war wie ausgetrocknet und meine Kehle hatte sich inzwischen zugeschnürt. Ich wusste nicht, wohin das führen sollte, aber mein Verstand und meine Intuition hatten es mir nicht geraten. Kein Tropfen Flüssigkeit befand sich in diesem Haus. Und ich konnte es nicht aushalten. Ich wollte rausgehen und eine neue Flasche kaufen, da fiel mir ein, dass ich für das Bier im Alc. Line nichts bezahlen musste und ich kam weiter zu dem Gedanken, dass die Läden vielleicht gar nicht geöffnet haben könnten, weil sie schließlich nicht bezahlt wurden, was mich weiter zu dem Gedanken brachte, dass ich nun auf dem Trockenen saß und keine einzige Oase in Sichtweite.
Na ja, ich hatte jedoch trotzdem das Bedürfnis, nachzusehen, ob nicht vielleicht ein netter Mitbürger oder Nachbar eine Flasche für mich hätte. Von mir aus konnte es auch Kirschwasser oder Wodka sein; Hauptsache Alkohol. Viel Alkohol. Vielleicht dämpfte der Alkohol meine Sinne und ich hatte deswegen keine Träume und Wahnvorstellungen oder Visionen mehr, aber es war mir gleich, woran es lag: Wenn ich Alkohol im Blut hatte, träumte ich nicht und das war auch gut so.
Ich konnte dieses Monster hinter mir mit schmatzenden Schritten nicht mehr hören, es machte mich inzwischen schon krank und ich fragte mich, was wohl dieses Haus in meinem Traum für eine Rolle zu spielen hatte. Vita. Ist das ein Name, ein Wort, ein ausländisches Wort oder was? Ich wusste es nicht. Aber in meiner Schulzeit kannte ich mal eine russische Vita, die allerdings nicht gerade die ruhigste Persönlichkeit besessen hatte. Bei jeder Gelegenheit brachte sie ihre kräftigen und starken Stimmbänder zum Einsatz und schrie einen in Grund und Boden, sodass einem Hören und Sehen verging – in diesem Fall wohl eher das Hören.
Ist sie etwa hier? Will mir das mein Traum sagen?
Das lag im Bereich des Möglichen, aber ich stützte mich nicht zu sehr auf diesen Gedanken, denn es gab noch viele andere Probleme mit vielen Möglichkeiten und Geheimnissen, die diese Stadt nicht haben wollte und sie schon gar nicht aufdecken wollte, was wohl soviel heißen sollte, wie: Lass das Vergangene vergangen sein!
Aber was, wenn das Vergangene etwas mit dem Zukünftigen zutun hatte? Ich hatte auch darauf keine Antwort.
Aber ich verwarf diese Idee wieder, als mir einfiel, dass meine alte Schulfreundin vor Jahren gestorben war. Ich erinnerte mich, weil sie von einem nachtblauen Mercedes überfahren wurde, der dann Fahrerflucht begangen hatte. Ich hatte so ein ungutes Gefühl, dass unter Umständen Mr. Smith etwas mit diesem Unfall zutun hatte. Aber der war nun tot und konnte keinen Schaden mehr anrichten.
Es klopfte an der Tür, als die Sonne hoch am Himmel stand und ich dachte, höher könnte sie nicht mehr steigen. Es war Angela Miller. Sie hatte tränenfeuchte Wangen und rote, angeschwollene Augäpfel. Was war nur passiert? Hatten alle einen Heulkrampf erlitten?
Sie
sah mich mit zitternden, erhobenen Händen an. Ihre Lippen bebten genau
wie ihre Stimme, als sie sprach. Es kam einheitliches,
zusammenhängendes Wort heraus:
„Siehabensaraaufdensonnenhügelgebrachtundwollensiehinrichtenwegennichtsund-
wiedernichtssiehabensichnureinengrundgesuchtumdaszubewerkstelligen!“
Ich sah sie sprachlos an.
Was hast du gesagt, ich glaube ich habe mich verhört, könntest du das noch einmal wiederholen?
Ich musste es ihr nicht extra sagen, denn sie tat es ohne Aufforderung: „Sie haben Sara auf den Sonnenhügel gebracht! Sie wollen sie hinrichten! Verdammt, sie hat überhaupt nichts getan!“
„Und unter was für einem Vorwand wollen sie sie dann hinrichten?“
Sie überlegte, sah zu Boden und zu ihren Fingern. Sie zitterte immer noch. Und erneute Tränen sickerten aus den inneren Augenwinkeln. Und langsam sprach sie es aus, das was ich nie vermutet hätte: „V e r r a t.“
„Aber Bruce sitzt doch im Rat, der kann doch sicherlich etwas dagegen unternehmen?“
„Sie haben ihn herausgeschmissen.“
Ich fühlte wie ein Schwall von Aufregung, Angst, Mitgefühl und Bedauern in mir hinaufstieg. Ich war an allem Schuld, ich hatte Emelli Black vorgeschlagen Bruce Miller zu überwachen und ihn sorgfältig zu durchleuchten. Ich hatte ihr klar gemacht, dass sie ihn unter Druck setzen mussten, damit er redete. Aber wie es schien hatte er immer noch nicht geredet. Und wenn er es nicht in geraumer Zeit tun würde, dann würden sie ihm seine Frau nehmen und ebenfalls auf den Sonnenhügel bringen. Und wenn er dann immer noch nicht redete… Diese Möglichkeit wollte ich mir nicht einmal in meinen Gedanken ausmalen. Ich hatte alles nur noch schlimmer gemacht und nun ging es um Sara, die weinend und schluchzend dort stand und ihrem Tod entgegensah.
„Los, wir gehen, ich komme mit!“, sagte ich und trat einen Schritt aus dem Türrahmen, zog die Tür hinter mir zu und folgte ihr. Wahrscheinlich hätte ich den Hügel alleine nicht gefunden, aber mit ihr, war ich innerhalb von anderthalb Minuten dort. Sie standen da, im Sonnenschein, warfen sich gegenseitige, ängstliche Blicke zu. Emelli Black war ebenfalls zu Gast, genauso wie Christophe Brown und Joshua Hunt. Elizabeth Duncan war nicht anwesend, aus welchem Grund auch immer. Bruce Miller stand hinter Sara und blickte zu ihr auf. Er hielt ein Taschentuch in der Hand und schniefte ab und zu hinein. Als er mich erblickte warf er mir einen widerwärtigen Blick zu und sah wieder zu Sara auf. Der Mann mit der Pistole und der mit der Schriftrolle waren wieder da. Genau dieselben. Aber bei den letzten drei Hinrichtungen, die ich gesehen hatte, schauten Emelli, Christophe und Joshua nicht zu. Sie waren in ihrem Phillips Tower gesessen und hatten über irgendeine unwichtige Kleinigkeit debattiert, während drei Menschen erbarmungslos erschossen worden waren. Aber nun waren sie hier, um zu sehen wie sich Bruce Miller verhielt, um zu registrieren, wenn er irgendwelche Hinweise auf ein Schlupfloch in ihrer Stadt gab.
Aber er stand nur schluchzend da und warf hin und wieder einen Blick zu mir, den er sofort mit den Augen zu Boden schmetterte. Ich konnte mir vorstellen, wie er sich fühlte. Ich kannte dieses Gefühl aus meiner Jugend. Mann will etwas ansehen, aber will es dennoch nicht. Aber man wirft hin und wieder einen Blick hin, um sich der Situation zu vergewissern, auch wenn einen das gar nichts angeht. Und genau in dieser Lage befand sich Bruce in diesem Moment. In diesem – selbst für mich – schrecklichen Augenblick. Er stand da und ich konnte die Trauer sehen, die in ihm grollte und auch in mir anstieg und ich konnte sehen wie wild er werden wollte. Ich konnte sehen, wie er ausrasten wollte und sich den Mann mit der Schrotflinte vornehmen wollte. Aber im Grunde genommen, sah ich es gar nicht, so etwas konnte man nicht sehen, ich spürte es. So wie ich etwas Seltsames bei Martin gespürt hatte, bevor er mit Coffee zurück in meine Welt gegangen war. Nun waren sie schon ganze vier Tage weg und die Lage verschlechterte sich rapide. Es ging alles den Bach runter, wie ich mir immer sagte.
„Sara Anne Miller!“ Es war Joshua Hunt, der das Plädoyer verlas. „Sie werden des Hochverrats beschuldigt, gemäß Paragraf hundertsiebenundfünfzig Abschnitt sechs. Der Rat hat daher beschlossen, eine Hinrichtung nach Vorschrift stattfinden zu lassen, an der alle Angehörigen und außenstehenden Freunde teilnehmen dürfen. Ich muss mein großes Bedauern Kund tun. Ich möchte der Familie von Sara Anne Miller mein Beileid aussprechen und mich bei Ihnen entschuldigen, dass wir nicht neuere Methoden verwenden können, die das Ableben herbeiführen. Es tut mir von Herzen leid.“
Im Beileid aussprechen war der noch nie der Größte und wortmächtigste, wie mir schien. Ziemlich herzlos ausgedrückt, aber darum ging es schließlich nicht. Die Hauptsache war, Bruce Miller herauszulocken, aber da stellte sich mir doch die Frage: Was ist, wenn er überhaupt noch nichts von dieser Verratsverschwörung weiß? Was ist, wenn sie seine Tochter hinrichten und danach erst fragen stellen?
Ich traf eine Entscheidung. Und diese Entscheidung half mir bei meinen weiteren Plänen, die ich für die Zukunft meines Lebens mit eingeplant hatte.
Ich sah noch einmal zu Bruce. Das konnte ich ihm nicht antun, selbst wenn er der Verräter wäre, was ich vermutete. Und seiner Tochter erstrecht nicht. Ich schlang mich an Angela Miller vorbei und warf noch einen Blick hinter mich, als ich am Sonnenhügel vorbei ging. Sie hatte mich nicht bemerkt. Alles hatte sie aus ihrem Sichtfeld neutralisiert – sogar mich – und sie sah nur noch ihre Tochter, die sie über alles liebte. Und das würde sich nie ändern, wenn ich was unternehmen konnte. Bruce war nur noch fünf oder sechs Meter von mir entfernt, als sich der Blick des Schriftrollenmannes auf mich richtete. Ich sah ihm in die Augen und er wusste, dass er mich nicht mit guten, anständigen Worten aufhalten konnte, also ließ er es bleiben und ließ mich meinen Weg gehen. Er hatte sich inzwischen wieder Sara Miller zugewendet, der kühle Tränen die Wangen hinunterliefen. Einige vorherige waren inzwischen im Erdboden versickert und getrocknet, aber diese neuen Tränen waren die Erkenntnis das sie sterben würde. Mit so wenig Jahren auf dem Buckel zu sterben war nicht Recht und kein Vater sollte sein eigenes Kind verlieren, kein einziger. Ich konnte zwar nicht alle Tochter- und Sohnmorde verhindern, aber diesen schon, zumal ich mit schuld war. Nur durch mich bekam sie jetzt eine Schrotflinte unter die Nase gehalten und nur durch mich würde sie sterben. Aber was konnte ich Bruce sagen? Ich konnte ihm doch nicht sagen, dass ich dem Rat gesagt hatte, sie sollen ihn unter Druck setzen und seine Tochter hinrichten lassen. Nein, dann würde er mich zusammenschlagen und dann in Einzelteile zerlegen, sodass ich am Schluss in eine Streichholzschachtel passen würde. Das konnte ich ihm wirklich nicht unter die Nase reiben.
„Bruce, es ist nicht meine Schuld, dass sie dort steht! Was soll ich denn deiner Meinung nach getan haben?“, fragte ich ihn und sah in mit ernsten, eindringlichen Augen an.
„Du hast ihre Absichten an den Rat preisgegeben!“ Er schrie schon fast, aber nicht so laut, dass Emelli Black und die anderen ihn hören konnten.
„Woher willst du das wissen?“
„Elizabeth Duncan hat es mir gesagt und glaub jetzt ja nicht, ich hätte etwas mit ihr gehabt, wir sind nur gut befreundet!“
Ja, so gut, dass du ihr deine geheimsten Geheimnisse anvertrauen kannst, bezüglich Legion und deinen gottverdammten Videokassetten, die du dir ohne Strom gar nicht ansehen kannst, sie aber trotzdem in einem Regal verwahrst!
„Ja, ja, schon gut. Ich will dir nur sagen, was die von dir wollen. Beichte! Geh hin und gestehe alles. Gestehe den Verrat!“
„Verrat?“
„Ja!“
„Ich habe niemanden verraten und schon gar nicht diese Stadt! Wie sollte ich das denn bewerkstelligt haben?“
„Egal, geh hin und gestehe alles. Dann werden sie Sara gehen lassen, das ist die einzige Möglichkeit die es gibt.“
„Aber ich kann nicht den Rat anlügen, sie werden mich an ihrer Stelle erschießen lassen!“
„Willst du etwa deine eigene Tochter beerdigen?“
„Wenn es sein muss!“
Aus seinem Blick sprach eine Dunkelheit. Ein Boshaftigkeit die bis in die Tiefen seiner Gedanken reichte. Er war nicht er selbst. Dies war nicht der Bruce Miller, mit dem ich vor drei Tagen an einem Tisch mit seiner Tochter und seiner Frau gegessen hatte. Der Bruce von diesem in der Vergangenheit liegenden Tag war nicht dunkel und geheimnisvoll gewesen. Hatte er sich vielleicht doch nicht des Verrats schuldig gemacht? Ich wusste es nicht, aber irgendwie hatte ich das Gefühl, dass hier etwas faul war. Und es stank fürchterlich. Es stank bis zum Himmel.
„Geh und gestehe, um deiner Tochter Willen.“
„Ich kann nicht.“
„Gestehe, verdammt noch mal!“
„Ich kann nicht.“
„Ge-“
„Verdammt! Kapierst du es immer noch nicht? Ich kann nicht! Wenn ich es nicht war oder bin, kann ich nicht gestehen, verstehst du das denn nicht!“ Er holte Luft und sah mich mit tränenfeuchten Augen an. Den nächsten Teil flüsterte er. „Ich kann nicht gestehen. Er wird es merken und mich umbringen. Schon mal was von spiritueller Verbindung gehört? Das ist so was wie eineiige Zwillinge besitzen, nur hat er ein vielfaches dieser Fähigkeit, mit der er alles töten kann, das unter seinem Befehlt steht oder in Verbindung mit ihm ist. Und ich stehe in einer Verbindung mit ihm und ich bin einer seiner ergebenen Diener und du kannst nichts dagegen tun.“ Er gab ein leises Kichern hinter vorgehaltener Hand von sich, damit die anderen Anwesenden nichts davon mitbekamen, was würden sie schließlich sagen, wenn er am Hinrichtungstag seiner eigenen Tochter lachend am Rande des Schauplatzes stand.
Ich konnte eine leise, zischende Stimme in meinem Kopf hören. Es wurde mir erst später bewusst, dass ich nur zufällig empfänglich dafür war, weil ich so nahe bei ihm stand wahrscheinlich, aber ich wusste sofort wer es war, denn nur einer besaß eine so grässliche Stimme: Legion.
Verräter, Verräter, Verräter! Verrate nie jemandem deine Pläne, wenn du nicht sicher bist, ob du ihn töten kannst, Bruce, yeah, Baby und nun, schmore! Burn, baby, burn!
Ich rieb mit der linken Hand an meiner Schläfe, denn ein Kopfschmerzstoß durchfuhr mich, als sich Bruce Miller zuckend zu Boden warf. Er ließ ihn braten. Ließ ihn wild zuckend alleine in der Dunkelheit zurück. Blut spritzte aus seinem Mund, ich konnte Schreie hinter mir hören, Schreckenschreie, Überraschungsschreie und Entsetzensschreie. Es war wie eine Fontäne, als das in der Sonne glänzende Blut aus sich aus seinem Mund ergoss. Seine Augen traten hervor und er drückte sich mit den Daumenballen gegen den Kopf, versuchte ihn vermutlich unter Kontrolle zu halten, aber er bekam es anscheinend nicht hin. Seine Augen platzten in einem Regen aus weißen Gallert heraus und aus seinem linken Nasenloch spritzte ein Strahl Blut. Nicht nur ein kleiner Strahl, ein langer unaufhaltsamer Strahl, wie aus eine Wasserhahn, dessen Griff klemmt und Wasser ohne Ende herausfließt.
Ich wusste schon zu diesem Zeitpunkt, dass es Bruce Millers Ende war, aber es wurde noch schlimmer, denn Legion ließ nicht mit sich spaßen. Und er hasste es wohl auf den Tod, hintergangen zu werden. Und dieser Mann, der sich windend auf dem Boden lag, hatte ihn hintergangen. Er hatte mir die Wahrheit gesagt, hatte mir geschildert, wie Legion seine Laufburschen unter Kontrolle hielt. Und er hatte nicht gelogen.
Bruce warf sich herum, landete auf dem Rücken und streckte alle Gliedmaßen von sich. Sie schienen sich zu dehnen, länger zu werden. Als würden sie in alle vier Richtungen gezogen werden, von Pferden, wie in den alten Filmen, die ich damals gesehen hatte. Und ich nahm ein Reißen wahr. Konnte sehen, wie der Stoff seines selbst gestrickten Umhangs gesprengt wurde und konnte sehen, wie der rechte Arm in des Gras sauste, als das Muskel- und Hautgewebe schließlich nachgab und zerrissen wurde. Der zweite Arm flog davon. Er war nur noch ein zweifüßiger, sich windender Wurm, der am Boden lag und um sein Leben schrie. Es war ein grässliches Schreien und es jagte mir eine starke Gänsehaut den Rücken hinunter. Und die beiden Beine flogen davon. Eines traf Christophe Brown am Bauch und er fuhr zusammen. Er fiel zu Boden und gab ein schnelles Schnaufen von sich. Das zweite, rechte Bein schleifte noch Joshua Duncans Ohr und landete fünfzehn Meter weiter hinter ihm im Gras. Ein raschelndes Geräusch drang an meine Ohren, als es das trockene, gelbliche Gras berührte.
Arm- und beinlos lag er da. Sah mit herausgeplatzten Augen zum Himmel und schrie einen verstummten Schrei mit weit aufgerissenem Mund. Es war grausam so zu sterben. Und vor allem für Sara. Sie war nicht länger auf dem Hügel. Sie rannte herunter und kniete sich mit den hinter dem Rücken gefesselten Armen neben ihren verstorbenen Vater. Erneute Tränen kullerten herunter und landeten auf dem Umhang, auf den die Sonne ihre erbärmlichen Freudestrahlen warf, die uns Wärme und Schweiß schenkten. Ich konnte es nicht mehr ertragen. Sie würden ihn verbrennen. Hier gab es mit Sicherheit Ratten und durch Leichen kamen sie besonders gerne in eine Stadt. Verbrennen wie eine Hexe auf einem Scheiterhaufen. Nur das es als Beerdigung hinhalten musste. Es musste genügen, für die Angehörigen, was in diesem Falle die Tochter und die Ehefrau waren, mehr nicht und die Versicherung würde ihnen nicht einen Cent bezahlen, schließlich wurden sie in der wirklichen Welt schon für tot erklärt. Was nun bei Bruce Miller auch zutraf.
Mit den ausgehöhlten Stellen im Gesicht, wirkte er wie ein Geist, dessen Seele geraubt wurde.
Die Verbrennung von Bruce Miller und der alte David Johnson
Ich hatte Emelli Black, Christophe Brown und Joshua Hunt erklärt, dass Bruce Miller, kurz bevor er starb, ein Geständnis abgelegt und somit seine Tochter entlastet hatte. Zuerst wollten sie Sara nicht freilassen, weil sie sonst als Dumme dastehen würden, aber dann entschieden sie sich um, denn sie wollten keine Unschuldige erschießen lassen, was viel schlimmer gewesen wäre. Joshua Hunt war gegen alles gewesen, er war gegen die Freilassung und gegen den Glauben an meine Aussage, die ich schnell aus dem Ärmel geschüttelt hatte. Es gab wieder einen Toten und die Zahl erhöhte sich. Es wurden mehr und mehr und es war kein Ende in Sicht. Bruce Millers Rolle war zu Ende, aber Saras und meine ging weiter. Wir hatten noch Dinge zu erledigen, die nur für uns bestimmt waren, so wie ich sah.
Drei Tage danach fand die Verbrennung statt. Ein hässlicher, widerwärtiger Anblick war das. Sie haben ihn ohne Abdeckung auf einen Holzhaufen gelegt, hatten diesen mit Öl beschüttet und Fackeln in das Holz geworfen. Es gab eine Stichflamme mit einem merkwürdigen Chrum!. Seine Haare schmorten dahin und wickelten sich in kleine Röllchen auf. Sie verbrannten und eine kahle, glänzende Fläche blieb, die kurze Zeit später zuerst rot und dann schwarz wurde. Er verbrannte und der Gestank, den der Wind mir in die Nase trieb, war grauenhaft und er macht mich für einige Augenblicke atemlos. Ich konnte nicht glauben, dass sie ihn verbrannten und nicht vergruben, was eine viel ehrenvollere Art war, beigesetzt zu werden, anstatt als Asche in alle Himmelsrichtungen verteilt zu werden. Die Augen des Mannes wären wohl der schlimmste Anblick gewesen, aber die waren schon geplatzt, sodass in den dunklen Höhlen die Feuchtigkeit zu kochen begann und brutzelte. Wie in einer Bratpfanne in der man heißes Fett brät, blähten sich kleine Bläschen auf und platzten. Blähten sich auf und platzten, blähten sich auf und platzten. Es war eine abscheuliche Endlosschleife, die sich in meinem Kopf abspielte. Als dann auch noch seine Kleidung zu brennen begann und Angela Miller einen Schrei von sich gab, brach es das Fass zum Überlaufen und eine einzige Träne kullerte aus meinem rechten, äußeren Augenwinkel meine Wange hinunter. Sie blieb in einer kleinen Kugel kurz an meinem Kinn hängen und fiel dann hinab, landete auf dem Boden und versickerte zwischen Gras, Erde und Wurzeln.
Ein Gedanke machte mir zu schaffen: Was war, wenn Bruce Miller nicht der einzige Anhänger Legions war? Was wenn noch mehr von diesen Typen hier herumspazierten und diese Stadt observierten? Alle standen sie in spiritueller Verbindung mit Legion, der auf seinem Thron im dunklen Land hinter dem Tal des Schattenregens saß. Wir alle waren Schachfiguren. Vielleicht spielte gerade Gott gegen den Teufel Schach mit uns, ich konnte es nicht mit Sicherheit sagen, aber es kam mir wirklich so vor. Mit jedem Schachzug kamen wir dem Bösen näher und es gab immer mehr Geheimnisse preis. Aber auch die Guten, die für Gerechtigkeit und das Wohlergehen der Menschheit kämpften, hatten Geheimnisse, die nicht einmal ich kannte. Und es lag an mir und den anderen, diese Geheimnisse aufzudecken und zu enthüllen. Sie zu verstehen und alle drohenden Gefahren abzuwehren. Und es schien, als wären alle verloren oder tot, die einmal auf meiner Seite waren. Vielleicht sollte ich zu Legions Glauben konvertieren oder mich bei ihm einschmeicheln, ich wusste es nicht, aber alles endet im Tod. Und der Tod war nicht mehr fern, ich konnte es bereits spüren.
Wenn man von Gott und dem Leben redet, dann muss man in größeren Maßstäben denken. Mann muss in Millionen Jahren denken, nicht ihn zehn oder zwanzig Jahren. Man kann nicht einmal mit Jahrhunderten rechnen. Wenn man vom Leben im Zusammenhang mit Gott spricht, dann redet man von der Ewigkeit. Der Allmächtige hatte diese Welt geschaffen und es ging nur darum, wer auf ihr existieren durfte und wer nicht. Egal, ob es böse oder gut ausgehen würde, die Welt würde weiter existieren.
Wie es auf meinem T-Shirt stand: Schönheit liegt im Auge des Betrachters. Vielleicht dachte Legion, er täte etwas Gutes und wir dachten ebenfalls, wir würden etwas gutes tun. Aber wer war es nun, der das Gute bewerkstelligte? Ich hatte auch darauf keine Antwort.
Sara, die in einem schwarzen Kleid anwesend war, hielt sich ein Taschentuch vor den Mund und die Nase. Sie sah mich und machte Anstalten zu mir zu kommen. Sie kämpfte noch mit sich, doch dann entschied sie und ich konnte ihre raschelnden Schritte hören, die inmitten des knisternden Feuers wohltuend waren. Diese Hitze machte einem zu schaffen und dieses Gefühl, an allem Schuld zu haben noch dazu. Bis jetzt hatte ich in dieser Stadt nur einen Mann mit einer normalen Jeanshose gesehen, die nicht selbst gestrickt worden war. Aber Sara trug nie selbst gestrickte Kleidung. Sie besaß Seidenkleider und Hemden, sie besaß Pullover und Hosen. Aber alle anderen trugen diese unangenehme, kratzige Wolle. Ich wollte nicht danach fragen, jetzt nicht. Hinter ihr brannte ihr Vater und ich musste Mitleid und Bedauern zeigen, auch wenn ich keines empfand. Vielleicht hatte ich welches am Tage seines Todes, als er neben mir in Einzelteile zerlegt wurde, aber ich will ehrlich sein, an diesem Tag hatte ich keinen einzigen Funken Bedauern oder Mitleid. Aber die Liebe zu ihr begrub dies alles. Es war, als hätte sie einen unsichtbaren Schleier um mich gelegt, damit ich alles vergessen konnte. Und es funktionierte. Ich vergaß alles. Hörte nicht mehr das Prasseln des Feuers und sah nicht mehr die züngelnden Flammen und die trauernden Gesichter. Sogar Elizabeth Duncan war an diesem Tag da. Am Tag des Todes. Sie hatte am Hinrichtungstag gefehlt, obwohl sie hätte da sein müssen. Was hatte sie an diesem Tag getan? Wieder Geheimnisse. Aber ich kümmerte mich in diesem Augenblick der Sehnsucht und Liebe nicht darum. Sie sah mich mit ihren blauen Augen an und ich hatte wieder das Gefühl, darin zu versinken. Sie hielten mich gefangen, hatten mich in einen Hinterhalt gelockt und überrannten mich nun. Ich hatte nicht die geringste Chance mich zu widersetzen oder zu schreien. Sie hatten mich gnadenlos gefangen genommen.
Ich musste allerdings vorsichtig sein. Denn Liebe und Verlangen können trügerisch sein. Sie konnte andere Absichten haben und wenn ich nicht ganz bei Sinnen wäre, könnte sie mich mit Leichtigkeit erstechen oder erwürgen, oder was auch immer sie sich für eine irre Möglichkeit der Ermordung ausgedacht hätte. Aber dies war eine böse Behauptung und es war nichts, was mich darauf gebracht hatte. Es war nur eine kleine Erweiterung des Spinnennetzes.
Ich wendete die Augen von ihren und sah ihr auf den Mund. Ich konnte es nicht länger ertragen, in diese blauen Augen zu sehen und an meinen Tod zu denken. Sie bewegte die Lippen, aber es kam kein Wort heraus, noch nicht einmal ein Ton oder Geräusch.
Dann schloss und öffnete ihn wieder: „Ich liebe dich.“
Ich wünschte mir, dass ich es auch sagen könnte, aber ich musste daran denken, dass ich keinem vertrauen konnte. Es war ein one-night-stand, wie man so schön dazu sagt, mehr nicht. Wir hatten es auf dem Sonnenhügel getrieben, hatten uns geliebt, aber mehr war da nicht.
„Sara, ich will nicht, dass du dir zuviel Hoffnung unseretwegen machst“, sagte ich leise. Ich hatte einen Ausraster erwartet oder einen ungehemmten Wutausbruch, direkt vor dem Feuer, in dem ihr Vater verbrannte. Aber nichts dergleichen geschah. Sie sah mich an und ihr rechter Mundwinkel verzog sich zu einem leichten Hauch eines Lächelns.
„Du bist mein Liebling. Und dein Herz ist vollkommen wahrhaftig und wer so etwas hat, wie du es bist, kann nicht unglücklich sein oder zuviel hoffen. Für etwas wie dich zu hoffen ist ein Segen für mich. Eine Erholung meines schlimmen Alltags.“
„Ich will dir wirklich nicht wehtun“, sagte ich noch leiser und das Knistern des Feuers erschien mir nun wie ein beruhigendes Geräusch. Ich sah immer noch auf ihre Lippen, als sie meine Hand ergriff und fest drückte. Es war ein wunderbarer, mit Liebe erfüllter Händedruck. Sie ließ meine Hand los und schlenderte wie eine bewegliche Schlange an mir vorbei. Ihr Kleid streifte mein rechtes Bein, als sie davonlief und ich nur noch einen schwarzen Schatten im grellgelben Sand erkennen konnte. Sara Anne Miller, die mich liebte, aber ziemliche Persönlichkeitsprobleme hatte, war ein nettes und liebenswertes Mädchen und ich konnte mir vorstellen, mit ihr alt zu werden, aber nicht in Zeiten wie diesen, in denen seit dem kurzen, wellenartigen Erdbeben alles den Bach hinunter ging und die Welt am Abgrund schwankte. Sie schwankte, hing nur noch an einem Felsbrocken fest und wenn dieser brechen würde, dann wäre alles dahin. Die Menschheit würde untergehen und Legion würde triumphierend lachen und sich zurücklehnen, um den Untergang aller und sich selbst zu genießen.
Ich sagte Angela Miller noch mein Beileid, schüttelte ihre Hand und machte mich anschließend auf den Heimweg.
Die Straßen waren leer. Keine Menschenseele war draußen in der Sonne. Schwarz angemalte Kränze lagen vor den Türen, denn ein Mann war gestorben. Ein Mann, der einmal im Rat gesessen hatte und ein Mann dessen Tochter einen Mann liebte, dessen Name Ronald Peter Mathews war, und dessen Frau nun einen Toten lieben musste. Es war eine Familie, die nun alleine war, ohne ihren Mann und Vater. Und nun mussten sie alleine für sich sorgen, denn er würde nicht mehr mit Legion kommunizieren können und den Plänen lauschen. Denn er war nun tot. Und er konnte nicht mehr Sara etwas vorlesen oder ihr Geschichten aus seiner Jugendzeit erzählen, denn er war tot.
Ich saß in Coffees Haus und sah in den Kamin. Neben mir stand ein Glas Wodka, aus dem ich noch keinen einzigen Schluck genommen hatte, denn ich sollte nicht soviel trinken. Das war nicht gut für meinen Verstand und nicht gut für meine Leber. Und wenn diese Träume wiederkehren sollten, dann würde ich aufstehen und mir die kalte Flasche an den Kopf drücken, bis ich mir sagen konnte, dass ich sie vertrieben hatte. Ich saß da, starrte in die Flammen und dachte nach. Ich brauchte Informationen. Informationen über alles, was wichtig sein könnte. Bruce Miller war tot. Der Spitzel war beseitigt.
Aber Emelli Black hatte ein Geheimnis. Nicht nur das Verhältnis mit ihm, nein. Es war noch etwas anderes. Ich konnte es spüren. Und ich musste herausfinden, wer diese Männer auf dem Brunnenplatz gewesen waren. Sie hatten über einen Generator gesprochen und ich war mir fast sicher, dass es sich dabei um einen stromerzeugenden Generator gehandelt hatte. Aber ich hatte die zwei Stimmen nicht identifizieren können. Wie denn auch? Ich war in Eile, hatte viele Gedanken in meinem Schädel und Sara Anne Miller wartete halbnackt auf dem Sonnenhügel auf mich, was ein ziemlich abartiger Platz war, um miteinander Liebe zu machen, wenn man bedachte, dass auf diesem Hügel schon jede menge Leute erschossen worden waren. Ich sah dieses Bild vor mir, wie sich Sara um meinen Hals schlang und um uns herum stöhnende, wimmernde Leichen sich wanden und die Hände nach uns ausstreckten. Es war eine bizarre Version unseres Abends, aber das war nur die Sache, die wir nicht wahrnehmen konnten, nur in unseren Fantasien.
Es klopfte und die Tür wurde aufgestoßen. Ich hörte schnelle Schritte, die den Flur entlanggingen und näher kamen. Die Tür wurde nicht geschlossen und der Wind drängte sich durch das klaffende Loch. Ein warmer, angenehmer Wind, der sich an meine Haut schmiegte und sich anfühlte, als würde ein Seidentuch darüber streichen. Ich drehte mich nicht um, um zu sehen, wer es war, denn ich konnte es mir schon denken. Und ehe diese Person etwas sagte, wusste ich, dass meine Vermutung richtig war.
„Bruce hatte herausgefunden, was sie tun“, sagte Angela Miller hinter mir und ich drehte mich um. Ich legte den Unterarm auf die Rückenlehne des Sessels und sah sie mit einer hochgezogenen Augenbraue an. Ich war nun froh, nichts getrunken zu haben, denn nun war ich bei Verstand und ich konnte die Teilchen zusammensetzen, die sie mir gab. „Er hat all diese Videokassetten archiviert und sortiert, hatte sch Notizen gemacht und sie katalogisiert. Sara und ich durften keine davon anfassen. Sie waren so etwas wie ein Heiligtum für ihn. Als hätte er sie von seinem Großvater geerbt und wollte sie nun vor fremden Händen beschützen. Händen, in denen nicht sein eigenes Blut floss. Aber ich habe mir gestern Abend eine angesehen. In seinem Arbeitszimmer.“
Es gab keinen Strom in dieser Stadt, aber sie konnten Videos gucken. Ich machte mich bereit für einen Videoabend. Ich achtete nicht mehr auf das Glas, das neben mir auf einem kleinen Tischchen stand und mich fröhlich anlächelte. Es bettelte förmlich, dass ich es austrinken solle, aber mein Wille und meine physische Zusammensetzung hielten mich davon ab, denn ich würde meine Leber noch brauchen, wenn auch nur noch für eine gewisse Zeit. Aber bis dahin durfte ich keinen Alkohol mehr trinken, denn das schadete meinem scharfsinnigen Verstand, wie ich behaupten durfte. Ich hatte mehr in ein paar Tagen in Erfahrung gebracht, als der Rat in ein paar Jahren. Und stand Angela Miller da und erzählte mir etwas über Filme. Filme, die niemand außer mir und ihr sehen sollte, denn es waren verbotene Filme.
„Was hast du auf ihnen gesehen?“, fragte ich sie und mein Interesse war nun vollkommen geweckt worden.
„Ich kann es dir nicht sagen, du musst es dir selbst ansehen.“ Ich hatte gehofft, dass sie das sagen würde. Eine Erklärung wäre nur halb so gut gewesen, wie eine Selbstüberzeugung. Ich musste diese Videos praktisch sehen. Denn ich war der Puzzlemann. Der Puzzlemann des Übernatürlichen.
Ich folgte ihr dicht auf den Versen, als wir zu ihr gingen. Es war noch hell und die Leute gingen auf den Straßen in alle Richtung. Aus der Vogelperspektive musste es ausgesehen haben wie ein Armeisennest. Wir traten in das Haus ein, es war kühl und Sara war nicht zuhause. Angela und ich waren alleine. Aber ich dachte an nichts Falsches. Sie war mindestens zwanzig Jahre älter als ich. Wir hielten uns nicht mit irgendwelchen Förmlichkeiten auf. Sie bot mir nichts zu trinken oder zu essen an, forderte mich nicht auf, mich hinzusetzen und sagte mir auch nicht, dass ich ihr folgen solle, denn ich machte alles automatisch.
Wir landeten in seinem Arbeitszimmer ohne dass ich mir dessen bewusst war, denn ich war so in Gedanken versunken, dass ich erst vor dem Bücherregal stehen blieb, in dem vor mir das Buch Sara von Stephen King stand. Sara, überall diese unglücklichen Zufälle, die ich mir einfach nicht erklären konnte. Daneben stand ein Lateinbuch. Ich nahm es heraus, ohne dass ich den Grund dafür kannte. Es war eine intuitive Handbewegung, die ich getätigt hatte. Ich schlug das Buch auf und blätterte durch. Bei V nahm ich die Hand weg und sah mir die aufgeschlagenen Seiten an. Sie reichte bis E. Ein Wort, das Venus bedeutete, dass wohl der Name eines Gottes war. Ich blätterte um. Diese zwei Seiten zeigten nur Wörter die mit V E begannen. Ich blätterte noch eine Seite weiter und da war es, so glasklar, dass ich es eigentlich sofort hätte wissen müssen, denn ich hatte mal einen Lateinkurs besucht, in dem wir ganze zwei Minuten über dieses Wort geredet hatten: Vita. Es bedeutete: Das Leben.
Ich schlug es zu und stellte es in die Lücke, in der sich die zwei Bücher, die neben diesem gestanden waren, zu einer Pyramide zusammengefaltet hatten. Ich drückte sie beiseite und schob das, dass ich in der Hand hielt hinein. Der rote Einband stand wie ein Blutfleck auf einer weißen Bluse zwischen diesen zwei Büchern. Ich drehte mich um und sah Angela mit übereinander geschlagenen Armen im Türrahmen stehen. Und ich konnte den Schreibtisch in meinem Sichtfeld sehen, der in der Mitte des Zimmers stand. Ein kleiner Fernseher befand sich auf ihm neben dem ein Videorekorder stand auf dem vier Hüllen der schwarzen, unbeschrifteten Videokassetten lagen. Eine steckte und die anderen lagen wie Backsteine herum. Ich drückte den Knopf auf dem Fernseher, mit dem man ihn einschaltete und sofort summte unter dem Stuhl auf dem ich saß etwas auf. Es war ein kleiner Generator, der vibrierend Strom erzeugte. Und mit einem klick und boing zeigte der Bildschirm ein Schneegestöber. Ich drückte auf die Playtaste des Rekorders und ein Bild verdrängte das – meiner Meinung nach – hypnotisierende Schneegestöber. Es war ein rotes Bild, das sich veränderte. Es wurde zu einer grauen Farbe, dann zu einer hellgrünen und zu einer dunkelblauen und schließlich zu einer nachtblauen, die mich sofort an den Mercedes erinnerte, der uns hierhin katapultiert hatte. Ich drückte die Lautstärketaste und eine Stimme wuchs langsam von einem Flüstern zu einem Donnern heran. Die Stimme, die ich schon einmal gehört hatte. Einmal, auf dem Hinrichtungsplatz neben dem Sonnenhügel, auf dem heulend Sara stand und ein Mann mit einer Schrotflinte auf sie zielte. Es war jene Stimme, dessen Besitzer Bruce Miller gebraten hatte.
„Bruce, ich möchte mich bei Ihnen für Ihre wundervolle Zusammenarbeit in den letzten fünf Monaten bedanken. Es war eine hervorragende Idee von mir, Sie für diesen Job auszuwählen, da Sie mir schon seit Jahren ein ergebener Diener und Freund sind. Es betrübt mich ein wenig, uns nur über solch eine Kommunikation zu unterhalten, aber eine andere Möglichkeit gibt es leider nicht. Und wenn Sie dieses Band sehen, haben Sie auch den Generator von meinem Boten bekommen. Das erfreut mich. In letzter Zeit erfreut mich vieles, denn es läuft gut. Die Armeen wachsen schneller heran, als ich dachte und der Schlag gegen Ihre Stadt und Vitalis wird hart sein. Und beide Städte werden fallen und ich kann den Durchgang einnehmen und die Welt der Menschen vernichten. Für Sie wird natürlich auch etwas herausspringen, eine kleine Belohnung, sagen wir es mal so. Sie haben meinem Boten schließlich eine Menge Geld dafür bezahlt, dass er Ihnen den Generator aushändigt, aber keine Angst, ihn werde ich bestrafen…mit dem Tod. Wollen wir zu unseren Plänen kommen. Sie haben alles so gemacht, wie ich es Ihnen gesagt habe? Dann bin ich froh. Als nächstes müssen Sie verhindern, dass die anderen Ratsmitglieder herausfinden, was Sie hier treiben und Ihre Tochter und Ihre Frau dürfen natürlich auch nichts erfahren. Es wäre eine Schande für uns beide, wenn eine so große Sache scheitern würde, wegen einem Mädchen und einer Frau. Ich hoffe Sie stimmen mir zu, denn wenn nicht, werde ich es erfahren und Sie braten. Folglich dürfen Sie sich von keiner Menschenseele erwischen lassen, die beabsichtigt dem dunklen Lord Schaden zuzufügen. Sie werden Coffee umbringen. Er ist ein Problem. Stellen Sie keine fragen tun Sie es einfach!“
Das Bild verblasste, flackerte und erlosch.
„Geht es auf den anderen Bändern weiter?“
Angela nickte und sah mich mit verwirrtem Blick und tränengefüllten Augen an. Ich drückte die Ejecttaste und mit einem Klappern stieß der Rekorder die Kassette aus. Ich öffnete die nächste Hülle und steckte sie hinein.
„Planänderung, Bruce. Coffee wird nicht beseitigt: Er bleibt am Leben. Es ist ein zu gefährliches Unterfangen ihn zu töten. Er muss lebendig bleiben. Die Bewohner dürfen nichts mitbekommen. Sie sollen einfach nur die Stellung halten und weiter Informationen für mich sammeln.“
Wieder das Verblassen und Schneegestöber. Ich wollte mir die anderen Videos nicht mehr ansehen. Von dieser rasselnden, zischenden Stimme bekam ich Kopfschmerzen. Es so, als würde man einem ohrenbetäubenden Rauschen lauschen, das einfach nicht verstummen will.
Nun hatte ich, was ich wollte, Coffee war kein Verräter. Legion wollte ihn sogar umbringen, was mich zu der Überzeugung brachte, dass er ein gefährlicher Mann war für Legion. Vielleicht konnte er ihn sogar zum Sturz bringen. Ich war mir nicht sicher, aber ich musste abwarten. Ich musste darauf warten, dass Martin und Coffee zurückkehren würden.
Ein Piepsen erfüllte plötzlich die Stille, die in Bruce Millers Arbeitszimmer herrschte. Ein melodisches Piepsen. Ich hätte schwören können, dass es ein Lied von den Beatles war. Zumindest die Melodie davon. Ich wusste nur nicht welcher Song. Es kam von unter dem Stuhl, auf dem ich saß und den Bildschirm des Phillipsfernsehers betrachtete. Ich beugte mich nach unten und erblickte ein Handy. Solche Telefone, mit denen man überall telefonieren konnte. Wirklich nervige, kleine Dinger. Sogar Headsets gab es dafür, womit man freihändig sich mit seinem Geschäftspartner oder Freund unterhalten konnte. Ich nahm es und bemerkte, dass es mit einem Stecker an den Generator angeschlossen war. Langsam löste ich das Kabel von dem Handy, drückte den Knopf mit dem grünen Telefon und hielt es mir ans Ohr.
„Hallo?“, flüsterte ich langsam und ein einzelner Schweißtropfen kullerte mir von der Stirn das Nasenbein hinunter. Ich hatte Angst. Angst davor, Legion am anderen Ende zu hören, Angst davor in eine Trance zu fallen und danach im Bann des dunklen Herrschers zu sein. Aber es war nicht Legion, der mir antwortete. Seine Stimme hätte ich sofort erkannt, es war jemand anderes, der sagte: „Hallo, Bruce! Ich hätte da noch eine Frage, hörst du mich?“
„Ja, ja“, antwortete ich langsam mit sicherer, sachlicher Stimme.
„Äh, sorry, aber ich brauch erst mal das verdammte Codewort.“
„Scheiße, ich hab’s vergessen. Kannst du nicht mal drauf verzichten?“
„Nein, Sir, geht leider nicht.“
Das Besetztzeichen drang in mein Ohr und ich warf das Handy wutentbrannt in eine Ecke des Zimmers. Er zerschellte und ein zerschmetterndes Geräusch hallte durch die Gänge des Hauses der Millers.
„Scheiße!“ Ich war wütend.
Ein Codewort, wer hat sich denn so eine scheiße einfallen lassen? Codewort! Scheiß verrückter, alter Penner!
Er ist tot, hab ein wenig Respekt. Er hat für seine Sünden bezahlt. Also nenn ihn nicht so.
Wahrscheinlich hatte die Stimme in meinem Kopf wieder einmal Recht. Die Toten bezahlen für ihre Sünden und wenn sie das getan hatten, sollte man sie nicht mehr dafür verantwortlich machen. Ich glaubte, Bruce hätte schon genug gelitten, für das, was er verbrochen hatte. Aber so langsam schien es mir so, als hätte Legion einen undurchschaubaren Plan entwickelt. Und das Ende war irgendwie unvermeidlich. Ich stand auf und sah Angela mit einem rasenden Blick an. Ich war in Rage, hatte alles um mich herum vergessen und konnte mich auf nichts Bestimmtes konzentrieren.
„Haben Sie davon gewusst?“, fragte ich Angela, die ganz perplex herumfuhr und aus dem Türrahmen trat. Sie war schockiert von meinem kleinen Wutausbruch. „Haben Sie davon gewusst, dass er dies alles machte?“
„NEIN!“ Sie schrie und ich Sie-te sie. Es war so eine komplexe Sache mit diesen ganzen Angelegenheiten. Legion hatte einen Plan, aber um ihn bezwingen zu können, musste ich erst einmal die Probleme dieser Stadt löschen. Ich musste diese Stadt auf ihr altes, normales Niveau zurückbringen, musste herausfinden, was sich in Haus Nummer 29 befand und was hinter dem Gitter in Alc. Line lauerte. Es wurde das Verderben genannt. Aber so leicht war die Sache nicht. Bruce sagte, es wäre gefährlich, zu nahe an das Haus heranzukommen. Allerdings hatte er auch gesagt, dass er nicht zu Legion gehörte. Aber das war etwas anderes.
Ich ging hinaus. Stellte mich kurz neben Angela und schnaufte. Ich überlegte mir, was ich zu ihr sagen sollte, entschied mich aber dafür, am besten meine Klappe zu halten und sie nachdenken zu lassen, denn sie hatte einen schweren Verlust erlitten. Für Legion, war dies nur ein nebensächlicher Schaden, den er mit Freuden hinnehmen konnte, denn seine Armee wuchs und wuchs.
Ich ging; ließ das Haus von Angela und Sara Miller hinter mir.
Und es kam mir eine weitere Idee, als ich auf dem Sessel vor dem Kamin saß, dessen Hitze mich zum schwitzen brachte. Das Wodkaglas stand immer noch unberührt neben mir und lächelte mich an. Ich spielte immer wieder mit dem Gedanken, einen Schluck zu nehmen, verbannte ihn dann aber in wieder in den Gefängnisteil meines Gehirns. So blieb ich standhaft und starrte weiterhin die züngelnden Flammen an. Ich wollte nicht trinken, aber ich wusste, wenn ich nicht trank, würden die Träume wieder kommen und diese wollte ich ebenfalls nicht.
Meine Idee war, mit dem ältesten der Bewohner zu sprechen. Emelli Black oder Christophe Brown konnten mir sicher behilflich sein, bei der Suche nach dem Ältesten. Und ich hatte Recht. Ich stand auf und ging wieder aus der Tür. Eine warme Brise kam mir entgegen und ich konnte sehen, wie die Sonne langsam unterging und die Dämmerung sich wieder einmal in die Länge zog. Diese unglaublich schönen Dämmerungen würde ich nie vergessen. Bis an mein Lebensende nicht. Dessen war ich mir sicher.
Ich ging Richtung Phillips Tower, in dem der Rat in diesem Moment eine Sitzung hatte, in der es – wie immer – um das Wohlergehen der Bevölkerung ging.
Wie können wir sie am besten schützen?
Was können wir gegen Legion unternehmen?
Welche Informationen könnte Bruce Miller an Legion weitergegeben haben?
Wie hatten sie sich kontaktiert?
Wie konnte Legion ihm diese Bänder zukommen lassen?
Und wie hatte sich Bruce diesen Generator besorgt?
All diese Fragen würden sie in ihrer kleinen Sitzung am Abend behandeln, aber für fast alle, fanden sie bestimmt keine Lösung. Jedenfalls unterbrach ich ihre kleine Kaffeekränzchenrunde und schlug die zweiflüglige Tür auf. Ich kam herein und sah sie an. Einen nach dem anderen. Christophe Brown, Joshua Hunt und Emelli Black. Elizabeth Duncan war wieder nicht anwesend. Sie war zurzeit etwas häufiger auf Reisen, wie mir schien. Und der Rat war um einiges geschrumpft, wie mir schien. Bruce Miller und Elizabeth Duncan, was auch immer mit ihr war. Ein weiteres Rätsel, das es zu lösen galt.
„Können wir Ihnen helfen, Mr. Mathews?“, fragte Mr. Hunt. Er sah mich an und zuckte mit dem linken, unteren Augenlid.
„Ja.“
„Und in wie fern?“, erkundigte sich Christophe Brown.
„Wer ist der älteste Mann in dieser Stadt?“, fragte ich und alle drei sahen mich fassungslos an. Diese Frage hatten sie garantiert noch nie gestellt bekommen. Warum denn auch? Niemand sollte sich dafür interessieren und sie rechneten bestimmt nicht damit, dass ich aus einem bestimmten Grund nach ihm fragte und sicherlich wollten sie sich nicht den Kopf darüber zerbrechen. Was, wie mir schien auch nicht angebracht war.
„Nun, Mr. Mathews, warum möchten Sie das wissen?“, fragte Emelli, die ein Geheimnis verbarg. Ich warf ihr einen wissenden Blick zu in sie schien erstarrt zu sein.
„Ich möchte etwas über das Dorf erfahren. Sie wissen schon, Bau, Leben, Geschehnisse und so weiter. Ich höre viel lieber alten Menschen zu, denn sie können erzählen, dass ist wundervoll. Mein Großvater hatte mir oft Geschichten erzählt und ich konnte einfach nicht genug davon bekommen. Also, haben sie einen Namen für mich?“
„Sie wollen ihn doch nicht etwas zu so später Stunde noch besuchen?“, fragte Christophe Brown.
„Spät? Es ist gerade mal schätzungsweise neunzehn Uhr. Also, wenn Ihr das spät nennt, dann will ich gar nicht wissen, wann bei Euch früh ist.“
„Ich habe einen Namen für Sie“, meldete sich Emelli Black wieder. „Er heißt David Johnson und wohnt im Haus Nummer zwanzig. Sie können ihn besuchen, er hat nämlich nicht oft Besuch und es wird ihn sicherlich freuen.“
Ich nickte dankend und zog mich zurück. Ich schloss die Tür und machte mich auf den Weg – oder eher auf die Suche. Bedauernswerterweise kannte ich mich hier noch nicht so gut aus, also musste ich wohl suchen. Es war eigentlich eine inkompatible Rettungsmission, wenn man sich mal die andere Seite der Münze ansah. Ich kannte mich noch nicht einmal in dieser Stadt aus und trotzdem wollte ich sie retten, weil ich schon in kürzester Zeit ein Mitglied davon geworden war. Ich hatte früher immer gerne Sherlock Holmes gelesen und gesehen und wahrscheinlich hatte ich daher diese Aufmerksamkeitsfähigkeiten, denn seit ich diese dünnen Heftchen gelesen hatte, achtete ich auf jede Kleinigkeit und hoffte seit jeher, dass ich irgendwann einen Fall lösen durfte, der für alle anderen unmöglich zu lösen war.
Ich hatte Glück. Nach drei Straßen stand da ein Haus mit der Aufschrift:
David Johnson Hausnummer 20
Wäre ich diese Straße weiter entlang gegangen, hätte ich das Haus Nummer 29 erreicht, von dem ich mich fernhalten sollte, wie Bruce Miller gesagt hatte. Ich klopfte an die Tür mit silbernem Knauf. Langsame, schlurfende Schritte auf Holz näherten sich. Kurz bevor sich die Tür öffnete, konnte ich ein schweres Atmen hören, dass sich anhörte, als würde sich ein Asthmatiker h2o in die Lunge pumpen. Der Griff drehte sich langsam und ein Quietschen begleitete meine Erwartungen an einen steinalten Mann, dessen Gesicht schlaff herunterhing und mit Augen, die im Laufe der Jahre zu zwei Schlitzen geworden waren, mich ansah und fragte was ich wolle. Doch als sich die Tür öffnete, erblickte ich einen Mann, dessen Gesicht man nur im Entferntesten mit dem Ältesten eines Dorfes in Verbindung bringen würde, wenn man es nicht besser wüsste. Er trug einen ausgeblichenen, weißen Hut, in dessen Krempe eine Feder steckte.
Capone, Baby, Capone!
Der grünrot gestreifte Morgenmantel, den er um die Schultern hängen hatte, schliff über den Boden, während er mich mit seinen blauen Augen ansah. Es waren wissende Augen, aber zugleich auch betrübte Augen. Die Augen eines Waisen.
„Hallo, Sir. Mein Name ist Ronald Peter Mathews, aber Sie können mich Peter nennen.“
Er gab ein mürrisches Stöhnen von sich und sah mich weiter an. „Was willst du von mir, Kleiner?“
„Reden.“
„Reden?“ Er machte eine Pause und sah kurz zu Boden. „Über was reden?“
Ich wusste selbst noch nicht, über was ich mit ihm reden wollte. Legion hatte auf einem der Bänder Vitalis erwähnt. Vitalis war, wie ich vermutete, eine Nachbarstadt. Und Vitalis hatte etwas mit meinem Traum zutun. Vita/Vitalis.
„Über Vitalis.“
Er riss die Augen auf, sah mich an und seine Unterlippe begann zu zittern.
Du hast schon wieder etwas Falsches gesagt, Peter! Sieh dir an, was du schon wieder angerichtet hast, jetzt kannst du es vergessen!
Halt mal für eine Sekunde die Klappe, ja?
Stille in meinem Kopf. David Johnson sah zu Boden. Ich ebenfalls.
„Komm rein, Peter“, sagte er schließlich, schluchzte einmal und gab noch einen letzten Seufzer von sich, bevor er von der Tür trat und den Gang entlang ging. Ich trat ein und schloss hinter mir die Tür.
Wir saßen in einem kleinen Zimmer, in dem es unglaublich kühl war und ein kleiner Fröstelanfall über mich kam. Ich war es nicht mehr richtig gewohnt, in einer kälteren Umgebung zu sein, als vor der Tür dieses Hauses. David Johnson war ein zurückgezogen lebender Mann, dessen Eltern er nicht kannte und der nie verheiratet war, da er schon sein Leben lang hier war, in dieser Welt. Zuerst nicht hier, aber dann schon.
„Also“, sagte er, „was genau, willst du über Vitalis erfahren, mein Junge?“
Er nannte mich nicht Sie, er sagte Du zu mir und das gefiel mir. Alte Leute durften mich Du nennen, denn ich war erst neunzehn und dann war das okay. Aber bald würde ich zwanzig sein, denn in meiner Welt wurde bereits das Millennium gefeiert, der Beginn eines neuen Zeitalters im Dasein der Menschheit.
„Alles was Sie mir sagen können, Sir, aber zuerst hätte ich eine andere Frage.“
Er nickte und sah mich an.
„Wie alt sind Sie?“
„Du wirst es mir nicht glauben-“ oh, doch. So langsam glaube ich wirklich alles. „-aber ich bin hundertneunundzwanzig Jahre alt.“
Ich schluckte und räusperte mich. Hundertneunundzwanzig. Neunundzwanzig. Neun. Zwanzig. Hundert. Es gab noch ein Geheimnis: Haus Nummer 29.
Zufälle gibt’s, die gibt’s gar nicht, Peteboy!
„Hundertneunundzwanzig Jahre sagen Sie? Nun ja, wenn ich nicht schon so viel irrationales und unglaubliches gesehen hätte, dann würde ich Sie wahrscheinlich als verrückt abstempeln, aber in meiner Situation glaube ich Ihnen.“
Ja, ich glaube dir und jetzt beginn endlich mit deiner Geschichte, du alter Knacker!
„Also, du wolltest etwas über Vitalis erfahren?“
„Ja.“
„Gut, dann sage ich dir etwas darüber, aber glaube danach nicht, ich sei ein Lustmolch oder etwas in der Richtung, okay?“
„Ja.“
„Ich bin nämlich nicht pervers oder dauergeil, wie ihr jungen Leute heutzutage zu sagen pflegen würdet!“ Er lachte kurz und abgehackt und kehrte dann zurück zu unserer Unterhaltung. „Es war 1893, als dieses komische Weib aufkreuzte…“
...und David fassungslos im Türrahmen seines Zimmers stand, in dem er damals wohnte, als er noch an die Universität ging. 1893 hatte noch niemand ein Handy und noch niemand machte sich Sorgen, um das immer größer werdende Ozonloch. Er stand da und sah diese wunderschöne Frau an, die ihm entgegenkam. Aber sie beachtete ihn nicht. Denn sie war zu schön für ihn. Er war gerade mal einundzwanzig Jahre alt und war noch grün hinter den Ohren, wie er mit hundertneunundzwanzig zu sagen pflegen würde.
Als sie an ihm vorbeiging, drang ein süßer, rosiger Duft in seine Nase und riss ihn in den Bann der Liebe und Hypnose. Er war wie verzaubert und er schwor sich diese Frau zu erobern. Er war vielleicht nicht der kräftigste und klügste, aber in Sachen Überredungskünste, war er ein As. Der Meister seines Faches könnte man sagen. Aber trotzdem fehlte es ihm an Charme. Und Feingefühl besaß er auch keines. Aber das war belanglos. Denn nur diese schöne Frau zählte, die mit dem Hintern wackelnd den Gang hinunter ging. Und es war kein dezentes Wackeln. Es war eine Aufforderung. Eine Herausforderung für David Johnson, der vor wenigen Augenblicken noch über einem Biologiebuch gesessen und sich etwas über Bakterien durchgelesen hatte.
„So eine schöne Lady kann man nicht einfach gehen lassen“, flüsterte er und schloss hinter sich die Tür. Er trat heraus und kein einziger Mensch schien da zu sein. Das gefiel ihm. Es kam ihm gelegen. Ein Wunder? Vorhersehung? Göttliche Unterstützung? Er wusste es nicht, aber wer auch immer dafür verantwortlich war, David Johnson dankte ihm. Es war ungewöhnlich an dieser Universität so eine hübsche Frau zu sehen. Normalerweise trugen sie immer Brillen mit dicken Flaschenböden und Zahnspangen, aber diese Frau nicht. Sie war außergewöhnlich, perfekt.
Schnapp sie dir, Dave! sagte sich Johnson und folgte ihr. Er schlich ihr praktisch hinterher. Am Ende des Ganges bog sie um eine Ecke und David sputete sich. Er lehnte sich mit dem Rücken an die Wand und tastete sich langsam vorwärts. Als er einen Blick um die Ecke riskierte, überkam ihn ein unsäglicher Schock.
„Sie war weg!“, sagte er entrüstet. „Kannst du mir das glauben, Junge? Sie war einfach so verschwunden und ich hatte so ein komisches Gefühl, dass ich irgendwie mit ihr in Verbindung stand, aber das war natürlich nur Unsinn, wie ich damals dachte, als ich noch grün hinter den Ohren war. Drei Tage später…“
...befand er sich in der Raucherecke des Außengeländes. Dort, wo sich immer die riesige Rauchwolke befand. Er unterhielt sich mit zwei Kollegen und blickte hin und wieder um sich, in der Hoffnung, die unbekannte Schönheit wieder zu erblicken. Und an diesem Tag hatte er Glück. Sie war da. Wirklich da. Wäre er nicht so in Ekstase gewesen, hätte er seine Kollegen nicht nur die Zigarette gegeben, sondern auch noch von ihr erzählt, aber er ließ sich eine Ausrede einfallen (die David Johnson vergessen hatte. „Schließlich kann man nicht alles in seinem Kopf behalten“, begründete Johnson in dem kleinen, kühlen Zimmer.). Er bahnte sich einen Weg durch die rauchende Menge und sah sie, wie sie über den Hof schritt…nein, sie glitt eher. Wie eine schwebende Ione. Aber er konnte seinen Blick nicht von ihr abwenden. Sie beachtete ihn wieder nicht. Er hatte sich seit jenem Tag im Flur der Universität immer gute Kleidung angezogen, für den Fall, dass er sie wieder treffen würde, aber nicht einmal damit achtete sie auf ihn. Sie hatte ihm nicht einmal einen verachtenden, interessierten oder angewiderten Blick geschenkt. David lief ihr hinterher. Sah ihr nicht auf den Hintern, denn er war gut erzogen worden. Er sah ihr auf den Hinterkopf, von dem die roten Haare bis zu ihrem Steißbein reichten. Ihre Hüfte war dünn und geschmückt von einem glänzenden, roten Sommerkleid, das gelbe und blaue Blumen zeigte, die das ganze noch zusätzlich dekorierten.
Sie drehte sich nicht um, es schien, als würde sie ihn überhaupt nicht bemerken. Ihre Schritte gaben ein dumpfes glock, glock, glock von sich. Die Sonne wurde von dem glänzenden Kleid in sein Gesicht reflektiert, während er sich weiter und weiter in ihren Haaren verlor.
Und da blieb sie stehen. Blieb einfach nur stehen und rührte sich um keinen Zentimeter. David empfand plötzlich Angst und Unbehagen. Und sie drehte sich plötzlich um und sah ihn an. Sie hatte Augen wie eine Katze. Die Pupillen wirkten wie schwarze Diamanten. Die Iris weitete und verengte sich wieder. Das weiße der Augen war mit geplatzten Blutäderchen gesprenkelt.
„Ich fragte mich: Was zum Teufel ist das?“, sagte David Johnson und sah mich an. Ich saß stirnrunzelnd und gespannt da, sah ihm in die Augen und versuchte daraus irgendeine Schlussfolgerung zu ziehen. Aber ich konnte es nicht. Hätte er nun gesagt, er hätte keine Lust mehr, weiterzuerzählen, dann hätte ich ihm eine harte Ohrfeige verpasst. Diese Geschichte war unglaublich. „Sie sah mich mit diesen linkischen Katzenaugen an…“
...und öffnete den Mund. Er konnte einen schwachen, rosa Hauch erkennen, der zwischen ihren Lippen hervorströmte. Sie stand so nahe vor ihm, dass er es riechen konnte. Diesen faulen Gestank gemischt mit Rosen und Tulpen. Er konnte nicht glauben, dass etwas so Widerwärtiges gleichzeitig so gut und verführerisch duften konnte. Eine schwache Brise wehte ihm die Haare aus der Stirn. Sie sah ihn an und zuckte nicht einmal mit der Wimper.
Wo bin ich hier gelandet? fragte er sich. Wer würde sich das nicht fragen? Aber im Banne einer so wunderschönen Frau konnte man sich nicht dagegen wehren, von jemand anderem gelenkt zu werden.
„Ich bin Atrasia“, sagte sie in einer Stimme, die so unglaublich, wohltuend und bändigend war, dass man sie fast nicht beschreiben konnte.
An dieser Stelle unterbrach ich ihn: „Sie sagte, sie hieße Atrasia?“
David nickte zustimmend und sagte: „Ja, ganz genau!“
Atra! Peter, stell mal deine kleine Alarmanlage in deinem Kopf ab und kehr zum Puzzlemann zurück! Atrasia ist gleich Atra! Atrasia!
„Kennen sie die vier Gottheiten der Dämonen?“, fragte ich ihn. Er blickte auf und sein Gesicht verfinsterte sich.
„Damals noch nicht, Peter, aber heute schon und ich hätte sie zum Teufel geschert, wenn ich es damals gewusst hätte und ich hätte mir eine Menge Ärger erspart. Aber ich tat es nicht und sie sah mich…“
...an. Ein verführerischer Blick mit keinen Hintergedanken, wie er dachte, aber das denken wohl alle verliebten Männer.
„Gib mir deine Hand“, sagte sie liebevoll. „Gib mir deine Hand und ich werde dir etwas zeigen, dass du nie vergessen wirst!“
David blickte in ihre Augen und die Pupillen weiteten sich. Sie riss die Augenlider auseinander und sah aus wie ein schockiertes Monstrum. Er nahm ihre Hand in seine und drückte sanft. Und plötzlich legte sich ein warmer Mantel um ihn. Eine Wärmedecke, die ihn bis in jede Pore mit Wärme erfüllte. Und Dunkelheit begrub die Welt um ihn herum. Seine Kollegen, die in der Ecke rauchten, wurden von der Dunkelheit gefressen und die Gebäude wurden verschlungen, der Himmel färbte sich schwarz und selbst Körper wurde schwarz. Nur Atrasia blieb da. Sie schwebte in der Dunkelheit wie eine rote Flamme. Es war ein heroisches Gefühl, dass sich in ihm ausbreitete, aber gleichzeitig kam auch etwas Bedrohliches näher. In diesem Augenblick war es noch in weiter Ferne, aber dann, kam es näher und er konnte das Schnaufen im Nacken spüren und hören. Es verursachte eine innerliche Panik und brachte ihn zum schwitzen. Er war nun vollkommen in Ekstase und konnte nicht mehr an dieses Mädchen denken, das vor ihm stand und ihn ansah. Es schwebte schwerelos im Nichts und begann zu rotieren. Sie wurde zu einem rotgelben Strudel und verschmolz alle Farben ineinander. Und David Johnson wurde schwarz vor Augen. Zuerst überkam ihn ein leichter Schwindelanfall, aber dann wurde ihm schwarz vor Augen und er verdrehte sie, sodass nur noch das Weiße zu sehen war.
„Das fühlte sich an wie sterben“, sagte Johnson und sah mich mit einem nachdenkenden Blick an. „Ich weiß zwar nicht, wie es sich anfühlt zu sterben, aber ich würde jeden Eid dafür ablegen, dass es genau das war: sterben.“
„Hatten Sie große Angst?“, fragte ich ihn. Es war eine überflüssige Frage, aber ich musste einfach etwas sagen. Es erschien mir als klug, sein Nachdenken zu unterbrechen, weil ich dachte, er würde mich womöglich rausschmeißen, damit er seine Gedanken sammeln konnte. Aber er schmiss mich nicht raus und er antwortete nicht. Er schaute weiterhin nachdenklich drein.
Als er weite sprach, schien es mir erst so, als würde er vom Thema abweichen, aber wie der Puzzlemann mittlerweile wusste, hing alles miteinander zusammen.
„Willst du vielleicht etwas trinken?“, fragte er mich und räusperte sich.
Oh ja, keine schlechte Idee. Meine Kehle fühlt sic schon wie verschimmelt an.
„Ich hab nur Wasser, aber so wie du aussiehst, scheint es mir so, als wäre dir alles recht, Hauptsache irgendetwas flüssiges, oder hab ich etwa Unrecht?“, fragte er und stand auf.
„Ja, Sir, Wasser wäre in Ordnung.“
Er ging und ich sah ein Buch auf seinem Sessel liegen. Ein in Leder eingebundenes Tagebuch. Auf dem Cover konnte man in sorgfältiger Handschrift David Johnson lesen. Ein Tagebuch.
Hat der etwa geahnt, dass du kommen würdest? Hat bestimmt so eine Merkwürdige Intuition gehabt, hä? Ach, was rede ich denn da? An dem Penner ist doch irgendetwas faul, das merkst du wohl auch selber, oder etwa nicht? Es war Mr. Smiths Stimme. Ich wusste nicht, was er in meinem Kopf zu suchen hatte, aber er hatte Recht. Es war irgendetwas faul mit diesem Typ.
Aber seine Geschichte höre ich mir noch zu Ende an, das ist etwas, was sicher ist, Smith.
Mach, was du nicht lassen kannst! Aber ich helfe dir später nicht, es wieder auszubaden! David kam mit zwei vollen Gläsern mit Wasser zurück. Es waren Gläser, in denen als Verzierung fünf Kreise mit eingearbeitet worden waren, in denen man Fragezeichen sehen konnte. Sie passten zu meinem derzeitigen Punkt meines Lebens. Komischerweise passte irgendwie alles zum meinem Leben. Aber im Normalfall, hätte ich so etwas nicht beachtet. Aber außergewöhnliche Situationen erforderten außergewöhnliche Maßnahmen.
Ich nahm ihm das Glas aus der Hand und nahm einen Schluck. Es war frischer und wohltuender, als das, das aus dem Wasserhahn in Radock City kam. Dieses hier war nicht verkalkt oder durch irgendwelche Zusatzstoffe gereinigt worden. Dieses kam direkt aus Mutter Erde.
„Sie wollen weiterhören, hm?“, fragte er und schürzte die Lippen.
Ich nickte. „Ich finde Ihre Geschichte gerade nervenzerfetzend spannend.“ Vielleicht übertrieb ich ein wenig, aber es schadete nicht.
Nervenzerfetzend spannend! Noch was Originelleres ist dir nicht eingefallen, oder wie Peteboy?
„Nun gut… Ich war ohnmächtig eine Zeit lang. Wie lange weiß ich nicht, aber die Qualen begannen erst, als ich wieder aufwachte. Wie du siehst habe ich keine Kinder und werde nie welche haben. Ich besitze ebenso wenige Brüder. Die Linie der Johnsons ist dahin. Das Blut der Johnsons versickert und versiegt im Bauche der von Gott geschaffenen Welt, falls es denn je so einen Gott gegeben haben sollte. Ich erwachte…“
...und er sah sich um. Der Raum bestand aus vier soliden Holzwänden und eine schalldichten, dicken Metalltür. Er konnte den Tod spüren, wie er ihm im Nacken saß. Aber Johnson wollte nicht so leicht aufgeben. So leicht war er nicht zu kriegen. Vielleicht war es eine hinterlistige Methode einen Mann in den Wahnsinn und danach in den Tod zu treiben, aber David Johnson überstand das schon. Der Teufel musste sich besser anstrengen, sonst würde er ihn nicht bekommen. Eine Seele mehr oder weniger in mehr als hundertmillionen Jahren, was machte das schon?
Es befanden sich keine Bilder oder anderweitige Verzierungen an den Wänden, nur eine einzelne Lampe, die wie in einem Verhörzimmer in der Mitte des Raumes ohne Lampenschirm herunterhing und hin und her schwing. Johnsons Hände waren hinter dem Stuhl auf dem er saß gefesselt und ein Klebeband klebte seine Füße an die Stuhlbeine, während ein anderes seine Hüfte mit dem Stuhl verband. In was für eine schreckliche Lage war er hier nur geraten, nur weil er einem Mädchen hinterher gerannt war, das sowieso viel zu hübsch für ihn gewesen wäre. Und nun hatte er das Resultat des ganzen Unternehmens. Gefesselt an einem Stuhl in einem kleinen, leicht beleuchteten Zimmer saß er da und wartete. Ihm blieb wohl nichts anderes übrig, als zu warten. Es gab kein Fenster, er wusste nicht einmal, wie viel Uhr es war. Als er in Ohnmacht gefallen war, hatte seine Uhr, die er von seinem Vater geerbt hatte, zwölf Uhr sechzehn angezeigt.
Was hatte er sich da nur eingebrockt? Er wusste es nicht, das einzige, was er hatte, war ein einziger Name: Atrasia. Atrasia reimte sich auf Fantasia. Vielleicht träumte er das alles nur. Und bald würde dies alles verschwommen sein und er in seinem Bett aufwachen und einen neuen Tag beginnen. Und er würde sich nicht einmal mehr an seinen Traum erinnern können, denn er vergaß sie immer so schnell wieder. Meistens lag es am Stress, aber er war so oder so vergesslich wie ein Alzheimererkrankter.
Plötzlich klickte etwas. Ein langes, schiebendes Geräusch drang an seine Ohren. Metall rieb auf Metall und die Tür wurde mit einem großen Kraftaufwand aufgeschoben. Es war eine mindestens ein Meter dicke Tür. Und riesige Bolzen mit dem Durchmesser von fünfzig Zentimetern ragten zirka fünf Zentimeter heraus.
Eine Person trat herein und sah ihn an. Man konnte es eigentlich nicht als Person bezeichnen, eher als überdimensionale Python mit Armen und Beinen. Der lange Schlangenkörper zog einen grünen Schwanz hinter sich her, während die Arme beim Laufen an den Körper stießen und jedes Mal eine Welle von sich gaben, sodass die Haut zu schwabbeln begann. Dieses Schwabbeln breitete sich dann über den ganzen Körper aus, bis es dann aufeinander traf. Das Gesicht war nach vorne hin in die Länge gezogen und die Augen waren ein einziger schwarzer Kreis umrundet von einem braunen Ring. Die gespaltene Zunge schnellte heraus und das Wesen gab ein Zischen von sich. Eine weiteres wesen trat ein, dass mich an eine Regenbogen-Boa erinnerte. Der Körper mit der braunen, musterübersäten Haut wackelte hin und her beim gehen und dann betrat ein drittes Wesen den Raum. Er hätte schwören können, dass es eine Perlnatter war. Aber vor einem amtlichen Gericht hätte er das niemals bezeugen können. Er hätte diese Geschichte nicht einmal erzählt. Dieses Perlnatterwesen schien der Boss zu sein. Der Führer. Es sah ihn an.
Der Kopf schnellte hervor und kam mit Maul kurz vor seiner Nase zum Stillstand. Die Augen weiteten sich. Das schwarze füllte nun die gesamte Augenhöhle aus. Angstschweiß stand ihm auf der Stirn. Der Körper schwarze mit gelben Punkten gesprenkelte Körper hatte sich in die Länge gezogen und stand drei Meter vor Johnson mit festem Halt auf dem Boden. Sie hielt die Hände hinter dem Schlangenkörper und sah ihn an. Sah ihn einfach nur an.
„Den nächsten Teil möchte ich überspringen, wenn es dir nichts ausmacht“, sagte Johnson und schaute in sein Glas, das er inzwischen geleert hatte.
„Warum, was ist passiert?“, fragte ich und runzelte die Stirn.
Er kann nicht einfach mittendrin aufhören, sag ihm das! Die Stimme meines Vaters war eine Wohltat für meinen Kopf.
„Sie können aber nicht mittendrin aufhören!“, sagte ich etwas erbost. „Wenn man etwas erzählt, dann erzählt man es auch zu Ende. Was man angefangen hat, soll man auch beenden, also machen Sie das auch!“
Er stand auf und ging aus dem Zimmer. Er ließ mich für einige Augenblicke alleine. Nur meine Gedanken und ich.
Geh einfach!
Was? Ich kann doch nicht einfach gehen!
Doch, geh einfach!
Aber warum denn? Es gibt keinen Anlass dazu!
Wenn er dir nicht die ganze Geschichte erzählt, dann hilft es dir nicht weiter, also geh!
Nein, ich werde sie mir trotzdem anhören, ich glaube, es war eine ziemliche Überwindung für den Alten, diese Story zu erzählen und wenn ich jetzt gehen würde… Wie würdest du dich dann fühlen?
Die Stimme schwieg und ich konnte spüren wie ein anklagendes Auge auf mich gerichtet war. Ein böses, hinterlistiges Auge.
Er kam wieder. Das Wasser im Glas schwappte schon fast über, aber er bekam es in den Griff und nahm einen großen Schluck.
„Erzählen Sie es mir, ich muss wirklich alles wissen!“, beharrte ich.
„Alles? Wieso? Bist du eine Art Sherlock Holmes oder so ein Detektiv oder irgendetwas?“
„Ich bin ein Helfer. Das muss Ihnen genügen.“
Er nickte und lächelte. „Es ist eigentlich überhaupt nicht lustig und an diesem Tag konnte ich überhaupt nicht darüber lachen, glaub mir.“
„Erzählen Sie es mir?“
„Dafür brauch ich aber etwas stärkeres als Wasser, Junge“, sagte er und erhob sich ein weiteres Mal. Er ging zu einem Schrank auf der linken Seite des Zimmers und öffnete eine Schublade. Heraus zog er eine 1,5 Liter Flasche Sambuca.
Bäh! Das Zeug ziehst du dir aber nicht rein, Peter, das schmeckt wie Lakritz und du weißt, von Lakritz musst du dich übergeben!
Ja, Mama.
Sie hatte vollkommen Recht, so ein mieses Gesöff, das mich angriff ohne dass ich es merkte, trank ich nie wieder. Lakritze, ich hasste Lakritze und dazu auch noch zwei, drei Kaffeebohnen.
Er nahm noch ein kleines Schnapsglas und ein Feuerzeug heraus. Mit diesen drei Gegenständen setzte er sich wieder hin und schüttete sich ein Glas voll ein. R nahm das Feuerzeug und zündete sich das Gesöff an. Anschließend kippte er es sich in den Mund und schluckte.
„Hchchchchchchch! Echt gutes Zeug, glaub mir. Willst du auch?“
„Nein, danke. Zurück zu Ihrer Geschichte, Mr. Johnson.“
Pass auf, dass er nicht zuviel trinkt, sonst erfindet er womöglich noch etwas dazu!
„Ja! Ja, ganz Recht, zurück zu meiner Geschichte!“ Er wirkte auf einmal aufgedreht und durcheinander, aber er blieb bei sich und fuhr fort mit seiner Story. „Ich saß da, die drei Schlangenwesen vor mir, eines mit den Händen…“
...hinter dem Rücken. Es sah ihn an und zog den Kopf schließlich wieder zurück. Mit einer zischenden Stimme fragte die Schlange, die als erste eingetreten war: „Warum sind Sie Atrasia gefolgt? Wer hat Sie geschickt und was war das Ziel der Mission?“
„Ziel der Mission? Niemand hat mich geschickt! Ich dachte, ich hätte eine Chance bei diesem Mädchen und wollte sie fragen, ob sie vielleicht mit mir ausgeht oder mit zu mir kommen wolle, um etwas zu essen. Aber sie hat mir nicht einmal genug Zeit gelassen, um den Mund zu öffnen.“
Die drei sahen ihn an. Zuerst ungläubig, wie er vermutete, dann betrübt und wütend.
Die Schlange mit den Händen hinter dem Rücken sprach zischend: „Dann, musst du bestraft werden!“
Sie zeigte ihre behandschuhten Hände und hielt in der einen Hand drei Nägel und in der anderen Hand einen kleinen Hammer und einen Vorschlaghammer. Seine Angst steigerte sich ins Unermessliche und die Panik in ihm machte ihn krank. Der Schweiß rann ihm in die Augen und sie begannen zu brennen. Ein unangenehmes Gefühl, wenn einem die Hände hinter dem Rücken gefesselt waren und man nicht reiben konnte. Für einige Sekunden schloss er die Augen und er konnte die hereinziehende Kälte auf seiner schweißbedeckten Haut spüren und erst jetzt stellte er fest, dass er vollkommen nackt war. Sein Glied hing zwischen seinen Beinen über den Hoden herunter. Und er spürte etwas Kaltes an seinem Penis. Es war diese Schlange, wie sie einen Metallnagel an die Eichel hielt und den Hammer zückte. Den Vorschlaghammer hatte sie der anderen Schlange gegeben und die restlichen zwei Nägel hatte sie sich in den Mund gesteckt. Sie holte aus. Der Kopf des Hammers sauste nieder und traf den Nagelkopf frontal und direkt. Der Schmerz schoss durch seinen gesamten Körper und er hatte wieder das Gefühl zu sterben. Sein Magen verkrampfte sich, die Gedärme zogen sich zusammen und er konnte gerade noch das Holz zersplittern hören, bevor sich ein zweites, kaltes Etwas an seinen linken Hoden presste.
„Ach du scheiße! Nein, bitte, hört auf. Das könnt ihr doch nicht tun! Ich hab nichts getan. Ich hab sie nicht einmal angesprochen! Hey, falls ich doch etwas getan habe tut es mir aufrichtig leid, aber bitte, bitte, bitte tu das nicht!“
„Es ist zu spät, David“, sagte die nagelnde Schlange und er konnte ein schwaches Lächeln in ihrem ausdruckslosen Gesicht erkennen.
Der Hammer hob sich ein zweites Mal und er zerfetzte die Luft wie eine Kanonenkugel. Wieder ein Volltreffer und der unglaubliche Schmerz durchzog sein gesamtes Nervensystem. Er ließ Johnson mit jedem einzelnen Körperteil (außer mit den festgenagelten) zucken und vibrieren. Er schrie, ein endloser, unhörbarer Schrei, denn ohne dass er es mitbekommen hatte, musste eine der Schlangen die schalldichte Tür geschlossen haben und niemand konnte ihn schreien hören, während dieser irre Schlangenclan seine Geschlechtsteile zermantschte. Und ein weiteres, kaltes Metallstück wurde an den rechten Hoden gepresst und ein weiterer Hammerschlag brachte ihn zum schreien. Aber diesmal hatte diese grausame Schlange nicht getroffen. Es war ein Fehlschlag, mit dem sie den rechten Hoden nicht durchlöcherte, sondern zermatschte, wie eine Kirsche. Rotweißer Saft spritzte heraus und befleckte den sauberen Boden. Die rechte Regenbogen-Boa gab ein angewidertes Zischen von sich und ein weiterer Hammerschlag versenkte den Nagel. Er spürte den Nagel nicht mehr, denn es war kein Hoden mehr da.
Ihr verdammten, missgebildeten Arschlöcher! Ihr habt mir meine Eier durchbohrt! dachte er und gab einen Bedauernsschrei von sich.
Die Schmerzen waren unerträglich. Wäre er nicht gefesselt gewesen, hätte er einen Tanz aufgeführt und wäre kreischend wie ein Mädchen aus dem Zimmer gerannt. Aber die Tortur des Schreckens war noch nicht vorüber. Sie legte den kleinen Hammer beiseite und nahm sich das größere Kaliber.
„Oh, mein Gott! Nein, tut das nicht, bitte nicht“, jammerte er und begann zu heulen und zu schluchzen.
„Tut mir leid, aber es muss sein. Bestrafung, mein Lieber, Bestrafung, ssssssssss“, zischte sie und hob den Hammer über ihren Kopf. Und er sauste hernieder und schlug auf seine Weichteile auf, die in einem roten Saft zerquetscht wurden, der in Rinnsalen den Stuhl hinuntertropfte.
Und er wurde wieder ohnmächtig.
„Das war’s“, sagte er. „Die Zerstörung meiner Träume. Ich wollte schon seit ich siebzehn war, kleine Davids haben, aber aus diesem Traum wurde nie etwas.“
„Als hätten sie es gewusst, oder nicht?“
Und nun rannen ihm Tränen die Wangen herunter.
Ich wartete einen Moment und lehnte mich zurück.
Du warst ohnmächtig, alter Mann? Und was ist dann passiert? Los, heul nicht wie eine Memme, erzähl weiter, ich will alles wissen.
Es waren unangebrachte Gedanken, die mich selbst anwiderten, aber man kann eben keinen Krieg gegen seinen eigenen Kopf führen und schon gar nicht, kann man ihn abschalten.
Er nickte und sah mich wieder an. „Als ich wieder zu mir kam, lag ich mitten auf einer staubaufgewühlten Straße. Vor wenigen Minuten…
...mussten noch Menschen herumgelaufen sein. Aber nun war er alleine und niemand war da, der seine zerquetschten Eier oder sein verstörtes Gesicht sehen konnte. Es war ruhig. Die Ruhe vor dem Sturm. Aber es geschah nichts. Die Fensterläden an den Häusern um ihn herum waren alle geschlossen und die Türen, so vermutete er, von innen vernagelt.
Er versuchte aufzustehen. Sah seine zerquetschten Weichteile und übergab sich seitlich. Ein brauner Brei mit Stückchen flutete über den sandigen Boden.
Oh, Gott, was hab ich denn zuletzt gegessen? fragte er sich und sah dabei den Brei an, der in einem Schwall aus seinem Mund geströmt war. Direkt aus den Tiefen meines unergründlichen Bauches! Wenn ich nicht lache!
Es war nicht zum lachen. Wo war er hier gelandet? In Texas? In einer verlassenen Geisterstadt irgendwo in irgendeiner Wüste? Er sah sich ein weiteres Mal um. Die Sonne blendete ihn und wurde von dem Kruzifix, das er um den Hals trug, reflektiert. Ein schönes Stück, das er für zwanzig Dollar auf einem Flohmarkt ergattert hatte, dabei wusste er, dass es wertvoller war.
Atrasia war weg, seine Hoden und sein Penis waren weg, sein gesamter Freundeskreis war weg und sogar seine Kleidung war weg. Alles spurlos verschwunden und er saß alleine und verlassen da, sah hoch zum Himmel und erkannte in den Wolken einen alten Mann, der sich mit dem Daumen und dem Zeigefinger nachdenklich im Bart zwirbelte. Der Beobachter nannte er ihn in Gedanken. Er stellte sich vor, wie diese lebendige Wolke über alles Wache hielt und über Gut und Böse entschied. Es war zwar nicht Gott, aber der Beobachter und er hatte eine große Macht.
David kehrte zum Versuch zurück, aufzustehen. Es funktionierte diesmal, aber neues Blut strömte zwischen seinen Beinen herunter und es wurde ihm ein wenig schwarz vor Augen. Zuerst vermutete er, schon wieder ohnmächtig zu werden, aber er blieb standhaft und begann einen Fuß vor den anderen zu setzen. Er ging die Straße entlang und kein einziges Haus hatte die ausklappbaren Fensterläden geöffnet. Ein Alptraum. Er konnte sich noch daran erinnern, dass er in dem schalldichten Zimmer einen Blackout erlitten hatte und stempelte dieses Ereignis als einen im komatösen Zustand erlebenden Traum ab. Vielleicht war es auch eine Wirklichkeitsverdrängung, aber es war alles so echt. Er konnte sogar den Sand schmecken, den der Wind ihm in den Mund blies. Und er konnte die Wärme auf seinen Schultern spüren, den Schweiß und die Angst. Alles war dar. Empfindungen, Sinneswahrnehmungen und geistiges Denken. Er zog sogar die Möglichkeit in Betracht, dass dies Karma war. Das Leben danach, in dem man für alle seine Sünden bezahlen musste. Aber wenn er sich recht entsinnen konnte, hatte sich bei ihm nicht so viel schlechtes Karma angesammelt, im Gegenteil, seine Mutter ging immer spenden und er auch. Jeden verdammten Dienstag und das hatte er nun davon. Jeden Dienstag zwanzig Dollar in eine kleine Spendenkasse werfen und dann im Leben danach in einer psychischen Hölle landen! Vielleicht lag es einfach auch nur daran, dass man anonym blieb, wenn man spendete und nirgends seinen Namen eintragen musste oder durfte. Aber das war alles nicht von größerer Bedeutung. Es ging ganz alleine um diese Häuser, diesen Weg und den Beobachter.
Die Gebäude am Straßenrand schienen sich zu wiederholen. Nicht nur gleiche Bauten, sondern bis auf den Fleck, der direkt über der linken Ecke der Haustür sich befand, bis zu der Fußmatte, die graugrün war.
Der Beobachter schien sich verändert zu haben, er blickte nun senkrecht auf David herab, nicht mehr diagonal, sondern senkrecht, als wolle er wie eine Rakete in die Erdatmosphäre eintreten. Der Kopf verfolgte ihn, sah ihn durch die Wolkenbrillengläser an und er schien sein Verhalten zu bestaunen.
„Was willst du von mir?!“, schrie David und streckte die Arme von sich, um ihm zu zeigen, dass es sich um eine Frage handelte. Aber er bekam keine Antwort. Der Wolkenmund blieb stumm und reglos. Aber er schien sich trotzdem ein wenig bewegt zu haben. Zu einem interessierten, amüsanten Lächeln, indem man nur einen Mundwinkel nach oben zieht.
David gab es auf. Er ließ sich auf seinen Hintern sinken und starrte die endlos wirkende Straße hinab. Haus an Haus, Wand an Wand, Ziegel an Ziegel.
Und plötzlich öffneten sich mit einem Schlag alle Türen. Frauen in weißen Kitteln und zurückgekämmten Haaren traten heraus. Die geschwungenen Lippen lächelten und ein Hauch zuviel Lippenstift hatten sie aufgetragen. Der Kittel reichte bis zur Taille, darunter konnte man nackte, sexy Beine erkennen, wie David dachte.
Aber alle sahen sie gleich aus. Hundertlinge. Aus jedem haus war diese Frau getreten und sie war genauso wunderschön wie Atrasia, das einzige Problem war, dass es sie so oft gab. Hunderte von ihr.
David begann zu rennen, achtete sorgfältig darauf nicht zu stürzen oder ohnmächtig zu werden um sich nicht zu blamieren.
„Und ich könnte schwören, dass eine Lady aus dieser Stadt hier, diesem Teufelsweib verblüffend ähnlich sieht, ich weiß allerdings nicht ihren Namen. Natürlich ist sie inzwischen älter, aber damals, als ich hierher kam, fiel es mir sofort auf. Ich sagte aber nichts, denn sie hatten mich so nett aufgenommen“, sagte er und nahm einen Schluck aus seinem Glas, das er somit leerte und es neben dem Sessel auf den Boden stellte. „Ich ging also diesen Weg entlang, völlig nackt und ich dachte nicht einmal daran, mich anzuziehen, denn diese Schlangen waren wahrscheinlich alle weiblich und mit Weibern wollte ich von diesem Moment an nichts mehr zutun haben. Aber diese Miststücke sahen so verdammt gut aus und ich hatte nicht einmal mehr einen Hammer, um sie zu nageln, verdammt schade, aber Schicksal ist Schicksal.“
„Ich glaube nicht an Schicksal, das alle unsere Handlungen von jemand anderem, jemand größerem gelenkt werden, macht mich auf eine unnatürliche Weise nervös.“ Ich schluckte und räusperte mich kurz. Meine Kehle war inzwischen wieder trocken und mein Glas Wasser war leer, ich wollte allerdings nicht mitten in der spannenden Sequenz seiner Geschichte nach einem weiteren Glas bitten. Also ließ ich es bleiben und ließ mich tiefer in den Sessel sinken. Ich machte es mir richtig bequem.
Er fuhr fort:
Und eine dieser Frauen trat heraus. Kam zu ihm und legte ihm den Arm um den Hals.
„Wir werden dir helfen, David“, sagte sie mit einer tröstenden Stimme.
„Könnt ihr mir meine Teile wiedergeben? Könnt ihr das?!“
„Nein, aber wir können dir anderweitige Zufriedenstellung bieten, falls du das wünschst.“
„Nein! Ich will wissen, wo ich hier bin!“
„In Vitalis, die lebenden Stadt. Das war übrigens gerade eben eine Zufriedenstellung, falls es dir nicht aufgefallen ist.“
Vitalis, die lebende Stadt. Was redete sie nur? Vor einigen Minuten schien diese Stadt noch ausgestorben. Ein Artefakt einer früheren Zeit.
Und da konnte er etwas hören. Ein Brummen. Es kam rasendschnell näher und wirbelte jede Menge Staub auf, der hinter ihm eine Spur der Verwüstung hinterherzog, wie es schien. Es war ein dunkler Punkt, der brummend näher kam. Noch konnte er es nicht identifizieren, aber es beschleunigte weiter und hatte wohl auch nicht vor zu bremsen, denn es war ein nachtblauer Wagen, der da diese Straße entlangkam. Die Frau im weißen Kittel wich von ihm zurück und trat zurück in den Türrahmen des Hauses. David ging in die Hocke und sah dem Auto entgegen, das immer näher kam. Die Scheinwerfer fingen das Sonnenlicht auf und schienen es zu absorbieren. Solarenergie hätte er es genannt, wenn er dieses Wort damals schon gekannt hätte. Aber 1893 war so etwas noch nicht erfunden worden und die Menschheit musste ohne Sonnenenergie auskommen, was bis zu diesem Tage immer gut funktioniert hatte. Der nachtblaue Mercedes absorbierte das Sonnenlicht und gewann daraus Energie.
Anfangs befürchtete David, der Wagen würde ihn überfahren, aber ohne Grund, wie sich dann herausstellte, als dieser neben ihm zum Stillstand kam.
Kein Fahrer saß darin. Keine Person, nicht einmal ein Tier.
„Wie...? Hä?“ Er starrte fassungslos durch das Fahrerfenster. Als es dann klickte und die Tür um einige Zentimeter aufsprang, kam ihm ein Ledergeruch entgegen, den er in seinem ganzen Leben nie vergessen würde. Er stieg ein. Der Sitz war erhitzt, war warm, nicht kalt. Er setzte sich hinter das Steuer und wollte gerade die Tür zuziehen, als sie es von selbst tat. „Was zum Geier ist hier los?“, staunte er und erblickte den Rückspiegel. Ein nacktes, nasses Mädchen saß auf dem Rücksitz. Algen schmückten ihre Haare und ihre Lippen waren blau. Sie schnellte vor und gab ein ohrenbetäubendes Kreischen von sich, dass David zusammenzucken ließ und er fast schreiend und fluchend aus dem Auto gesprungen wäre.
Aber ein zweiter Blick verriet ihm, dass da kein Mädchen saß. Das Auto legte selbst einen Gang ein und grub zwei Löcher in den Erdboden, als es startete. Der Sand wurde aufgewirbelt und mit David Johnson in sich, brauste es die Straße entlang.
Es ließ die in weißen Kitteln bekleideten Frauen, die Replikanten der Häuser und den Staub hinter sich.
ES SAUSTE UND BRAUSTE,
BIS ES IHM KRAUSTE!
Und eine andere Stadt kam näher. Es war eine viel größere Version der vorherigen Stadt. Mit einem großen Turm im Zentrum und eine eigenen Sicherheitsumzäunung, die aber nicht viel taugte, wie er erkennen konnte.
„Das war’s. Das Auto setzte mich ab und fuhr wieder davon, Richtung Westen, in die entgegengesetzte Richtung aus der wir gekommen waren. Es warf mich praktisch heraus, klappte einfach den Sitz um und ich landete im Sand. Nettes Ding. Aber es hatte mich wenigstens vor diesen Horrorweibern gerettet und Unglaublicherweise bin ich so alt geworden. Ich glaube das liegt an dieser Stadt.“
„Wow“, sagte ich. „Also meine Anreise war nicht so kompliziert, schmerzhaft und aufregend. Ich habe nicht einmal ein Mädchen zu Gesicht bekommen.“
„Schade für dich.“
„Hm-Hmm.“
Er sah mich mit einem Blick an, der besagte, ich solle gehen. Ich würde auch bald gehen, nur noch eine Frage: „Sie wissen wirklich nicht, wer sie an dieser Duplikate der Frau in Vitalis erinnert?“
„Nun ja, nein. Tut mir wirklich leid, das ist wohl der einzige ungelöste Teil meiner Geschichte, mein Junge.“
„Kann man nichts machen. Wie heißt es denn so schön? Man kann nicht alles haben.“
„Stimmt genau!“ Er stand auf und streckte mir die Hand hin. Er wollte unbedingt dass ich gehe, denn er hatte noch etwas zu tun. Er musste den letzten Eintrag in sein Tagebuch schreiben. Der heutige Tag würde sein letzter sein, denn seine Augen wurden glasig und die Pupillen verengten sich. „Ich muss noch eine Menge erledigen, also wäre es wohl besser, du würdest jetzt gehen, denn ich habe kein amerikanisches Geld, um dich dafür zu bezahlen.“
Er lächelte, aber dieser unfreundliche Unterton machte mir zu schaffen. Er hatte während der Geschichte ein ausdruckloses Gesicht gehabt, aber nun hatte er es auf einmal eilig.
Ich folgte seiner Aufforderung und machte mich auf den Weg zur Tür.
„Sie wissen es wirklich nicht?“ Ich betonte das besonders bedeutende Wort in meinem Satz mit einem strengen, nachhakenden Unterton.
„Nein.“
„Dann verabschiede ich mich mal. Denken Sie noch einmal darüber nach“, sagte ich und zog hinter mir die Türe zu.
Es dauerte etwa zehn Sekunden, die ich schwitzend vor seiner Haustür verbrachte, bis sie geöffnet wurde.
„Mir ist es eingefallen“, sagte er mit einem triumphierenden Grinsen.
„Und?“
„Elizabeth Duncan! Ist das nicht wunderbar? Mir ist es wieder eingefallen!“
Am nächsten Morgen gab es wieder eine Verbrennungszeremonie. David Johnson erhängte sich am darauf folgenden Tag.
Haus Nummer 29
Ich hatte geahnt, dass Elizabeth Duncan ein Geheimnis verbarg, aber ich konnte nicht ganz verstehen, was das nun bedeutete. Ich war der Puzzlemann und dieser musste normalerweise jedes Teil in ein anderes fügen, aber ab und zu konnte man auch eines beiseite legen und es für später aufbewahren und solange auf die passende Stelle warten.
Nach der Verbrennung von David Johnson hatte ich mich zuhause hin gesetzt und mir ein Glas Whisky gegönnt. Ein Glas konnte nicht schaden, sagte ich mir. Und im Keller fand ich sogar noch etwas Pökelfleisch und eine Dose Erbsen mit Karotten, die ich mir in einem alten Topf über dem Kaminfeuer warm machte. Eine köstliche Mahlzeit. Allerdings nicht so vorzüglich wie Angela Millers Kochkünste, aber für mich konnte es ruhig herhalten.
Nachdem ich gespeist hatte, legte ich mich in das Bett im ersten Stock. Ich hatte schon lange nicht mehr darin geschlafen, denn die meiste Zeit die ich in Coffees Haus verbrachte, saß ich vor dem Kamin im Sessel und versuchte zu puzzeln. An diesem Abend wollte ich meine Nerven und mein Gehirn schonen, wollte nicht über Probleme anderer Leute nachdenken, wollte mich ganz alleine meinen Träumen widmen, die, so hoffte ich, nicht aus einem Haus mit der Aufschrift Vita und einem schnaufenden Etwas bestanden. Und ich hatte Glück. Ein traumloser Schlaf, der mich die Erlebnisse der letzten Tage vergessen und wieder klar denken ließ.
Als ich am nächsten Tag erwachte, stand die Sonne schon hoch am Himmel und brutzelte die Menschen, die durch die Straßen liefen und ihre Einkäufe erledigten, wenn man das überhaupt so nennen konnte, schließlich besaß niemand Geld. Und ich dachte daran, wie ich mit David Johnson in dem kühlen Zimmerchen gesessen und er mir seine Geschichte erzählt hatte. Ich konnte nicht glauben, dass er tot war. Ein Mensch, mit dem ich erst einen Tag zuvor gesprochen hatte, war einfach so auf den Gedanken gekommen, eine Schlaufe zu knoten und seinen Kopf hindurch zu stecken. Selbstmord ist nicht gerade eine schöne Art, abzutreten und schon gar nicht mit hundertneunundzwanzig.
Ich dachte an Haus Nummer 29, an Atra, Systeria, Megnariu und Basili, an das Verderben in Alc. Line, an Bruce Miller und an Elizabeth Duncans Geheimnis. Ich dachte an Andy Perry, der zum ersten Mal seit längerer Zeit wieder in meine Gedanken geschlichen war, an Eddie Nero und an Smith, der sich einmal in meinem Kopf gemeldet hatte. Und ich musste darüber nachdenken, wie Bruce Miller am Sonnenhügel bestialisch auseinander gerissen worden war. Und ich wartete. Im tiefsten Inneren wartete ich darauf, dass Martin und Coffee zurückkehren würden, um mich zu unterstützen. Aber sie kamen nicht. Genauso wenig schaute Angela Miller oder Sara vorbei. Nicht einmal Emelli Black sagte Hallo, wenn sie durch die Straßen schlenderte und über verschiedene Dinge nachdachte. Aber ich rief mir immer wieder den bedauernswerten Gesichtsausdruck in Erinnerung. Diese Geheimnistuerei in dieser Stadt machte mich fertig. Ich konnte keine passenden Puzzleteile mehr finden, hatte keine Chance gegen dieses gigantische Bild. Es schien mich unter Millionen von Puzzleteilen zu begraben. Ich konnte hören, wie ich nach Hilfe schreiend eines verschluckte und wertlos, unbedeutend und unwissend starb. Ich ging unter und mit mir diese verkommene, geheimnisvolle Stadt, die mehr zu verbergen hatte, als man auf den ersten Blick feststellen konnte.
Mein alter Freund hätte wahrscheinlich gesagt: „Steck deine Nase nicht überall hinein!“ Womit er auch Recht gehabt hätte, aber ich konnte es einfach nicht lassen. Ich musste weiterwühlen, musste den Dreck lockern und eine Lawine der schlechten Ereignisse und Aufdeckung vieler Geheimnisse auslösen. Aber ich brachte wenigstens etwas ins rollen. Wenn ich es nicht machen würde, dann würde es keiner machen. Keiner von diesen Menschen hatte genug Mut dazu und schon gar kein Selbstvertrauen, an dem es mir auch mangelte, aber ich hatte Mitgefühl und das war mein Antrieb.
Der Beobachter, schoss es mir durch den Kopf. Was hatte das zu bedeuten? Der Beobachter beobachtet die Menschen, wie sie andere Menschen beobachten. Ein verwirrender, aber gleichzeitig logischer Satz, der die Frage löst: Wer beobachtet die Beobachter?
Niemand. Es gab einen einzigen Kontrolleur. Und dieser war mächtig.
Mir schwirrten nur Unsinnssätze im Kopf herum. Nichts, das einen Sinn ergab.
Aber soll es das denn? fragte mich Smith argwöhnisch. Vieles ergibt keinen Sinn, oder nicht? Ich meine schon alleine, wie du hierher geraten bist ergibt keinen Sinn und Davids Geschichte auch nicht, genauso wenig, wie Martin einen Sinn ergibt. Er dürfte eigentlich gar nicht existieren!
Was meinst du damit? fragte ich.
Aber diese Stimme antwortete nicht. Was meinte er damit? Martin dürfte nicht existieren?
Und ein Gedanke kam mir. Ich hatte ein weiteres Puzzleteilchen an ein anderes gefügt. Vita hieß das Haus in meinem Traum. Vitalis hieß die Nachbarstadt von dieser. Das Mädchen in David Johnsons Geschichte sagte die Lebende Stadt. Ich hatte es. Falls es einen Krieg geben würde, dann würde diese Stadt fallen, aber Vitalis würde bestehen und ich hatte noch ein Teil in die Hände bekommen, das ich gleich an die anderen zwei heftete. David Johnson war hundertneunundzwanzig Jahre alt geworden und hatte dann Selbstmord begangen. Er konnte überhaupt nicht durch langsames dahinscheiden sterben. Er konnte nur durch einen gewaltsamen Tod sterben. Er war durch Vitalis unsterblich geworden und deswegen würde Vitalis auch den Krieg gegen Legion überstehen. Ich wusste es einfach.
Und es klopfte an der Tür. Dreimal. Glock, glock, glock.
Ich ging hin, atmete durch und strich mir die Haare nach hinten. Anschließend drückte ich den Griff nach unten und erblickte einen unerwarteten Besucher.
Coffee war wiedergekommen. Aber ich konnte hinter ihm niemanden sehen. Martin war nicht da. Nur Coffee, der sich neben mir durch den Türrahmen zwängte und sich ins Wohnzimmer zurückzog. Ich folgte ihm und setzte mich auf meinen Lieblingssessel.
„Wo ist Martin?“, fragte ich geradeheraus.
Er verzog den Mund zu einer fragenden Grimasse. „Martin?“
„Ja, Martin, der mit dem du aufgebrochen bist.“
„Oh, ja, stimmt! Der ist noch drüben, hat noch einige Dinge zu erledigen.“ Diese Antwort klang für den Puzzlemann nicht sehr überzeugend. „Geheime Dinge, wie du weißt.“
„Hm-Hmm“, erwiderte ich nachdenkend.
Was könnte er zu erledigen haben? Mich hatte er vor Mr. Smith gerettet und hierher gebracht und gesagt ich sei auserwählt. Vielleicht rettet er gerade noch jemanden.
Wir saßen da und schwiegen. Er hatte sich die Flasche Whisky geschnappt, die neben meinem Sessel gestanden hatte und den Flaschenhals an seinen Mund geführt, um einen großen Schluck zu nehmen.
Ich erkundete ein weiteres Mal die Stadt. Allerdings dämmerte es schon fast und die Sonne schien nicht mehr so viele Strahlen wie am Mittag abzugeben. Das gleißende, letzte Licht spendete mir allerdings ein wenig Trost, denn der Puzzlemann hatte schon eine Weile keine Teile mehr zusammengesetzt. Martin hätte mir in dieser Situation bestimmt helfen können, aber der war nicht da und Coffee war auch nicht zu gebrauchen, zumindest nicht, seit er zurückgekehrt war.
Und ich landete bei David Johnsons Haus. Der Nummer 20. Es war eine große Sache, für einen Neunzehnjährigen eine Art Verschwörung aufzudecken, aber im Moment empfand ich es als widerwärtig und langweilig.
Meine Eltern waren tot, Mr. Smith war tot, David Johnson war tot, Eddie Nero und Bruce Miller waren auch tot. Sechs Leichen zuviel in meinem Leben. Ich suchte Zusammenhänge zwischen diesen sechs Personen, aber ich fand einfach keine. Nicht einmal einen seidenen Faden zwischen Bruce Miller und David Johnson.
Mr. Smith hatte meine Eltern umgebracht, weil er mich haben wollte, David Johnson wurde von seinem Auto gerettet, das irgendwie ein Eigenleben führte. Eddie Nero war in einem Buick ums Leben gekommen, den er einem Farmer gestohlen hatte. Und Bruce Miller war als Verräter gestorben. Es gab nichts Zusammenhängendes.
Moment mal! Bruce Miller sah doch schon irgendwie aus wie ein Farmer, oder findest du etwa nicht?
Ja, und?
Eddie Nero hatte einen Buick gestohlen, kurz bevor Bruce Miller und seine Familie in diese Welt gerissen wurden. Es hängt alles miteinander zusammen, Peteboy!
Das erschien mir logisch.
Eddie war nicht schuld und der Truckfahrer ebenso wenig! schoss es mir durch den Kopf. Mr. Smith oder einer von Legions Männern hatte eigentlich geplant Bruce Miller umzubringen, bevor er in die Stadt kommen konnte, also schnitt er die Bremsleitungen des Buicks durch und bumm!
Eddie Nero war zum falschen Zeitpunkt am falschen Ort.
Und da stand ich nun, starrte das Haus an, in dem ich zuvor mit David gesessen hatte und er mir eine Geschichte erzählte. Eine Geschichte, die ein weiteres Geheimnis preisgab. Die Menschen schlängelten sich hinter mir vorbei und beachteten mich überhaupt nicht. Und aus dem Augenwinkel heraus konnte ich erkennen, wie sie einen Kreis bildeten, direkt um Haus Nummer 29 herum. Ich näherte mich dem unheimlich wirkenden Gebäude. Es strahlte eine gewisse negative Energie aus, die ich mir nicht erklären konnte. So wie Martin eine positive Energie ausstrahlte.
Ich hatte plötzlich das Gefühl, beobachtet zu werden. Langsam drehte ich meinen Kopf nach hinten und betrachtete die schweigende Menge. Sie standen erwartungsvoll in einem Kreis und vor mir konnte ich die Spuren im Sand erkennen. Es waren längliche Einkerbungen im Boden.
Bruce Miller hatte mich davor gewarnt, zu nahe an dieses Haus heranzutreten, aber wie ich nun einmal war, hörte ich auf niemanden und schon gar nicht auf irgendwelche, aus der Luft gegriffenen Ratschläge, wie ich hoffte. Er hatte gesagt, dass mein Kopf rollen würde, wenn ich mich nicht fernhalten würde, was ich natürlich nicht vorhatte und außerdem wollte ich die Menge nicht enttäuschen. Ich würde einfach klopfen und fragen, ob der Bewohner ein Bierchen mit mir trinken wolle. Wenn ja, dann alles klar. Wenn nein, dann eben nicht.
Ich würde mit ihm oder ihr ins Alc. Line gehen und mich nett mit ihm oder ihr unterhalten.
„Mach das nichts, Kleiner“, konnte ich eine ältere Stimme hinter mir sagen hören und sie erinnerte mich ein wenig an Johnson. Ein Gänsehautschauer kroch meinen Rücken hinab. Ein komisches Gefühl war es, von so vielen Leuten beobachtet zu werden. Sie standen da, hatten einen Kreis gebildet und schwiegen, was mich noch ein wenig nervöser machte. In der Schule hatte ich nie an Theaterstücken oder anderweitigen Veranstaltungen teilgenommen, bei denen ich vor einer Menschenmenge auswendig gelernte Sätze vortragen hätte müssen. Ich war so etwas nicht gewohnt und wollte es auch nicht.
Ich konnte nicht verstehen, wie sich berühmte Schauspieler das antun konnten. Aber ich dachte mir, dass man sich nach einer gewissen Zeit daran gewöhnte. Man bemerkte die vielen Menschen überhaupt nicht mehr, sondern hatte nur noch sein Ziel vor Augen. Ich versuchte es auf diese Weise und es funktionierte.
Der schwarze Türgriff blickte zu mir auf wie das Auge eines Zyklopen. Es sah mich an und sagte mir, ich solle verschwinden, aber ich befolgte den Befehl nicht. Denn ich ließ mich seit meinem achtzehnten Geburtstag von niemandem mehr herumkommandieren.
Ein leises Rascheln drängte sich durch die winzigen Spalten zwischen Tür und Rahmen. Es Zischen und ein Fauchen. Angst überkam mich. ich wollte gehen, nicht hier stehen und dem Tod ins Auge blicken, ich wollte mich umdrehen und einfach durch die Menschenmasse hindurch zu Coffee und noch irgendwelche Einzelheiten seiner Reise besprechen, die mich natürlich nichts angingen, wie er selbst sagte, wenn ich danach fragte.
Das Rascheln wurde lauter und kam näher. Es berührte schon fast das nachgiebige Holz der Eingangstür von Haus Nummer 29.
„Kleiner, komm da weg!“, rief dieselbe Stimme wie zuvor. Ich konnte nicht einfach gehen, ich hatte eine Pflicht, die ich erfüllen musste. Gott hatte mir eine Bürde auferlegt und es galt, herauszufinden, was hinter dieser Tür lauerte, was dieser Stadt schon seit Jahren Angst einjagte.
Seit diesem unnatürlichen Beben war alles außer Kontrolle geraten, seit mich diese verdammte Welle erreicht hatte und ich dieses Schwindelgefühl erlitt. Dieses Ereignis war sicherlich auch eine Folge des Geschehnisses. Eine Folge dessen, das eigentlich gar nicht hätte passieren dürfen, das hatte ich im Urin. Nach diesem Zischen musste ich an die Schlangenwesen aus David Johnsons Geschichte denken. An die Regenbogen-Boa und die anderen beiden. Wie sie ihm die Weichteile zerquetscht und durchlöchert hatte und ihn schreckliche Qualen erleiden ließ.
Ein Kratzen zerriss die herrschende, heroische Stille. Das einheitliche Atmen der Menge machte mich fast wahnsinnig und die warme Brise die mein Gesicht streichelte machte die Lage in der ich mich befand noch ungemütlicher. Und da war sie wieder.
Sara stand inmitten der Menge und starrte mich genau wie alle anderen an. Nur war sie nicht wie alle anderen. Sie gehörte nicht hierher. Sie passte nicht hier rein. Wäre Coffee nicht weg gewesen, hätte sich zwischen uns wahrscheinlich nie etwas abgespielt. Er hätte mir bestimmt sämtliche Knochen gebrochen. Aber er war weg und die Zeit konnte man nicht zurückdrehen.
Vergangenes ist vergangen.
Genau. Vergangenes war vergangen und ich konnte es nicht mehr ändern, denn nun musste ich mich um die Zukunft kümmern. Ich nahm die Zukunft in meine Hände und versuchte mich alleine auf dieses Etwas hinter der Tür zu konzentrieren. Ich würde mir soviel Zeit nehmen, wie ich benötigte. Keine Köpfe würden rollen, denn es wurde schon zuviel Blut vergossen. Unnötiges Blutvergießen hatte stattgefunden. Hinrichtungen und eine wurde durch mich verhindert, wobei es trotzdem einen Todesfall gab. Und nun stand Sara da, völlig in Schwarz gekleidet und wartete darauf, dass ich etwas tat, das ich eigentlich nicht machen wollte. Aber es war meine Pflicht.
Ich hob die rechte Hand und knickte sie nach hinten, sodass es wie ein epileptisches Winken wirkte. Langsam näherte sie sich dem Holz und ich begriff noch nicht einmal, was ich da überhaupt tat. Erst als ich das harte Material auf meinem Knochen spürte, merkte ich, dass ich geklopft hatte, wie ein anständiger Pfadfinder, der selbstgebackene Kekse verkaufen will. Und wie ein kleiner, unschuldiger Junge stand ich wartend da und starrte meine Hand an, die ohne mein Zutun etwas getan hatte, an das ich nur gedacht hatte.
Und es raschelte wieder etwas hinter dem fünf Zentimeter dicken Holz. Rch, rch, rch. Es klang geheimnisvoll und angsteinflößend. Es machte die ganze Sache nicht leichter. Eher verdoppelte dieses Geräusch meine Furcht und machte mich zu einem kleinen, wimmernden Kätzchen, dass nach Futter bittend in der Küche steht und darauf wartet, dass endlich mal jemand kommt, um ihr eine Dose Futter zu öffnen, damit sie endlich ihren Magen befriedigen kann. Ich stand da und wartete genau wie eine Katze.
Es gab kein Schlüsselloch und keinen Türspion, durch das er oder es oder sie mich hätte sehen können. Nur ich und das Etwas im unbekannten, dunklen Raum. Nicht einmal ein gottverdammtes Fenster gab es, durch das ich hätte hindurchspicken können, um herauszufinden, ob es sich überhaupt um einen Menschen handelte.
„Hallo? Ist jemand zuhause?“, fragte ich in einem schüchternen Tonfall eines Strebermädchens in der Abschlussklasse auf der Highschool.
Keine Antwort. Nicht einmal ein Rascheln oder ein Fauchen oder ein Zischen. Stille. Und auch das einheitliche Atmen der Menge um mich herum schien aufgehört haben zu existieren. Denn nur Gott wusste, was sich im Unbekanten verbarg oder gar versteckte.
Ja, vielleicht versteckt es sich. Vielleicht solltest du heute Abend noch einmal kommen und alleine Hallo sagen, damit es dich ohne Einwände von irgendwelchen Zuschauern verspeisen kann. Oh, man, wie kannst du nur auf solche dummen Gedanken kommen, hä?
Dumme Gedanken. Ich wäre froh gewesen, wenn es sich nur um dumme Gedanken gehandelt hätte, aber ich musste die Möglichkeit in betracht ziehen, dass es sich nur in der Dunkelheit nach draußen wagen konnte.
Also, was willst du tun, Peteboy? Wegrennen oder im Erdboden versinken. Hast du Wurzeln geschlagen oder was? Leben und dich vor einigen Leuten blamieren oder sterben inmitten eines Publikums, von dem du nicht einmal die Hälfte kennst?
Ich entschied mich für Nummer zwei und rückte ein paar Zentimeter weiter nach vorne, um meine Hand auf den schwarzen Griff zu legen, der mich immer noch anzustarren schien.
Dein Kopf wird rollen.
Ich versuchte zu denken, was allerdings nicht funktionierte, solange diese erbarmungslos klingende Stimme in meinem Kopf nicht die Klappe hielt.
Über was willst du denn nachdenken? Leben oder Tod? Zu welcher Seite fühlst du dich mehr hingezogen? Wenn du jetzt diesen Griff nach unten drückst, übernimmt diese Entscheidung jemand anderes oder sollte ich lieber sagen, etwas anderes.
Klappe!
Dieses Wort hatte sich inzwischen in der Liste meines Wortschatzes im Kopf auf Platz eins nach oben gearbeitet. Gleich danach folgte das Wort Tod an zweiter Stelle.
Und ich drückte den Griff in Begleitung eines Quietschens nach unten und drückte die Tür auf. Ein fauliger, modriger Gestank kam mir entgegen und ließ mich die Nase rümpfen. Sechzig Prozent aller körperlichen Äußerungen kontrollieren die Menschen nicht selbst. Lachen, heulen, Stirn runzeln, mit den Augen blinzeln und so weiter. Alle typischen Reaktionen auf verschiedene Sinneswahrnehmungen.
Ich konnte durch den dünnen Spalt nur Dunkelheit erkennen. Doch wo Dunkelheit ist, ist auch Licht. Und da war es tatsächlich. Ein einziger Lichtpunkt. Von einer Taschenlampe, wie es aussah. Und ich konnte Musik hören. Ein Lied. Es hörte sich an wie Already met you von Superfine. Die Stimme des Sängers verlor sich in der staubigen Dunkelheit und drang nur leise an meine Trommelfelle. Der Song wurde leiser und eine Stimme dröhnte aus irgendwelchen Boxen, die ich nicht sehen konnte, aber irgendwo versteckt sein mussten.
Die Schatten konnten alles Mögliche sein. Da erkannte ich einen Mann mit einer Axt, dort ein schleimiges, tropfendes Monster und direkt vor mir einen Werwolf der den Mond anheulte. Der modrige Gestank vermischte sich ein wenig mit Öl und etwas anderem, dass ich als alten Stoff abtat.
Eine Stimme sprach plötzlich: „Willkommen bei WHGB nur hier gibt’s die besten Songs der letzten Jahrhunderte und die neuesten Hits! Und nun für euch Tom Jones und Mousse T. mit Sex Bomb.“
Tom Jones’ Stimme hallte durch den Staub hindurch und erreicht mich. Langsam öffnete ich die Tür ein Stück weiter. Das Licht strömte nicht herein, es war, als würde es verschluckt werden, was natürlich unmöglich war, denn Licht besteht natürlich nicht aus Molekülen und Teilchen. Aber trotzdem erhellte es nicht mein Sichtfeld. Ich stieß das Holzbrett mit dem schwarzen Griff ganz auf und die Verankerungen kreischten demütig.
„Sex Bomb, Sex Bomb! You my Sex Bomb!”, sang Tom Jones und übertönte fast das Kreischen der Scharniere. Der innere Griff stieß gegen die Wand und brachte alles zum Stillstand. Stille, bis auf das ständige Singen von Tom Jones zu Mousse T.’s Beats.
„Hallo!“, rief ich noch einmal. Keine Antwort. „Ist wohl niemand zuhause.“ Ich trat weiter ein und hatte das Gefühl, schon fast mitten im Zimmer zu stehen, als sich hinter mir die Tür schloss und eine kleine Birne über meinem Kopf begann Licht zu spenden. Ich stand in einem großen Raum, an dessen Ende zu meiner rechten ein kleines Radio stand und eine Taschenlampe lag, wie ich vermutet hatte. Links von mir standen Schaufeln und ein Pickel, wie man ihn in Mienen benutzte. Davor war ein grabgroßes Loch gegraben.
Wie geschaffen für dich, Peteboy.
Vor mir hingen ein paar Bilder von verschiedenen Landschaften. Eines zeigte einen Fluss in den ein weiterer mündete und einen Wasserfall hinab in die Gewässer fiel. Bäume, Pflanzen und Büsche säumten die beiden Ufer, während ein Angler mit einem breiten Hut, wie man ihn in Mexiko trägt, auf einem Felsen sitzt und die Angelrute ins Wasser hielt. Ein weiteres Bild zeigte eine Frau, die am Rande einer Klippe stand und das Meer betrachtete, auf dem das Wasser gegen die Felsen am unteren Ende der Klippe brandete. Die Sonne spendete wohltuendes Sonnenlicht und das Kleid der Frau wogte im Wind. Ein drittes Bild zeigte einen jungen Amerikaner der eine Zigarette in der Hand hielt und sie sich mit einem Feuerzeug anzündete. Er trug ein kariertes Hemd mit silbernen Knöpfen und einer zugeschnürten Krawatte, eine braune Jeanshose und schwarze Cowboystiefel.
„Hallo, Mister“, sagte eine Stimme hinter mir und ich fuhr mit einem Schreck herum. „Keine Angst, ich möchte Ihnen nichts tun, falls Ihnen das lieber ist. Ich bekomme nämlich nicht oft Besuch.“ Er sah mich an. Blaue Augen, blonde Haare, kariertes Hemd mit silbernen Knöpfen, braune Jeanshose und schwarze Cowboystiefel.
Wie schon gesagt, Zufälle gibt’s, die gibt’s gar nicht, nicht wahr, Peteboy?
Sein Gesicht hatte etwas Schlangenhaftes an sich. Die Wangenknochen waren etwas zu weit herausgetreten und die Eckzähne hatten sich in letzter Zeit wohl ein wenig zu weit entwickelt. Die Nase wirkte auch etwas zu klein, aber das auffälligste Merkmal waren die Augen. Augen wie eine Boa oder eine Klapperschlange. Es waren Augen mit einem einzigen, schwarzen Punkt in der Mitte, der die braune Iris zu einer dünnen Linie verdrängt hatte.
„Wissen Sie, was es für ein Gefühl ist, verstoßen zu werden?“, fragte er mich mit einer zischenden, raschelnden Stimme. „Wissen Sie wie es ist, von allen als Monster bezeichnet zu werden? Hä? Wissen Sie es? Können Sie so fühlen wie ich? Oh nein, das können Sie nicht. Noch nicht.“
Verpiss dich von hier, das ist kein gutes Zeichen. Er hat gesagt noch nicht. Verpiss dich, Pete, aber schnell, wenn das möglich wäre. Das war Eddies Stimme.
„Wie sind Sie so geworden? Sagen Sie es mir. Ich kann Ihnen vielleicht helfen!“, erwiderte ich und sah in seine Schlangenaugen.
Als er den Mund zu einem weiteren Satz öffnete, konnte ich die gespaltene Zungenspitze erkennen. Es war eine bräunliche, verschimmelte Zunge, die schlaff in seinem Mund herumzuliegen schien. „Ich bin ein Opfer des Unvermeidlichen. Ein Opfer von Legions früheren Experimenten. Aber nun ist er weiterentwickelt und er kann eine größere Streitmacht aufstellen, als ihr es euch vorstellen könnt. Keine von euch hat je einen Blick hinter die Mauern Legions Festung geworfen, hab ich nicht Recht? Über eine Fläche von sechshunderttausend Quadratkilometern erstreckt sich sein Besitz und er hat garantiert nicht vor eine riesige Farm zu errichten. Hinter diesen Mauern erschafft er eine Armee, die alleine darauf ausgerichtet ist Menschen zu vernichten. Zuerst werden diese zwei Städte daran glauben müssen, dann die Welt der Menschen. Dein Daddy und deine Mami werden auch unter den Opfern sein!“ Er beugte sich nach vorne, gab ein hässliches Lachen von sich und streckte die Zunge heraus. Sie tanzte, während er zischte und mit den Augen jeden Ecken des Zimmers kurz anfixierte.
„Meine Eltern sind bereits tot. Ich kenne bereits Monster aus seiner ach so starken Armee. Wir haben gegen sie gewonnen. Und gegen den Rest von diesen Wesen werden wir auch bestehen, du wirst es schon sehen, Schlange!“
„Oh, du weißt also schon meinen Namen, jetzt bin ich aber enttäuscht, denn ich dachte meine Tarnung als Cowboy wäre so gut.“ Fast hätte ich gelacht, denn er sprach es in einem ernsten, sachlichen Tonfall aus, so als hätte er es erst gemeint. Später wurde mir klar, dass er es wirklich ernst gemeint hatte, denn er wollte unbedingt mal wieder an die frische Luft, wollte wieder einmal ein paar Sonnenstrahlen abbekommen, denn seine Haut war schon ganz blass und weiß. „Warum bist du gekommen, Fremder?“, fragte er mich.
„Wer hat dich verbannt?“
„Wer wohl? Die einzigen die von meinem kleinen Abkommen mit Legion wissen natürlich“, antwortete er.
„Wer weiß davon?“
„Die beiden Weiber! Elizabeth Duncan und Emelli Black natürlich! Sie haben es herausbekommen und diese Elizabeth hatte mir ein Angebot gemacht.“ Er zischte. „Sie bat mir ein Haus an, in dem ich leben konnte, unter der Voraussetzung, ich würde nie einen Fuß in den weichen, warmen Sand vor meiner Tür setzen. Sie hatte mir nicht einmal gesagt, wie ich ohne Nahrung überleben konnte. In einem der anderen Zimmer habe ich mir einen Brunnen gegraben. Wasser zum überleben. Die ganzen Jahre über fraß ich Ratten und anderes Ungeziefer. Ich hatte meine eigene Methode, sie anzulocken. Du hast in dieser Stadt doch kein einziges Tier gesehen, oder? Die Hunde, die anfangs hier lebten, gaben schöne Steaks. Sie verbreiteten Lügengeschichten in der Stadt über mich und dieses Haus. Alle haben Angst vor mir…Todesangst!“ Er zischte ein weiteres Mal.
„Wie bist du so geworden?“, fragte ich ihn mit interessiertem Unterton, obwohl ich mir die Antwort schon denken konnte.
„Das Abkommen mit Legion. Elizabeth hatte es herausgefunden und Emelli erzählt. Legion hat eine Verbindung zu allen seinen Dienern und Untergebenen. Mich hatte er sofort bemerkt und mich bestraft. Er hatte mich in eine Schlange verwandeln wollen. Ließ mich Qualen erleiden, die dein menschliches Gehirn sich nicht vorstellen kann. Aber Elizabeth rettet mir das Leben. Sie kann so etwas, denn sie kommt aus der lebenden Stadt.“ Er sah mich kurz an. „Wie ich sehe, weißt du, wovon ich rede. Sie heilte mich. Doch zu welchem Preis? Verdammt in alle Ewigkeit hier zu existieren und langsam vor mich hin zu vegetieren. Aber ich kann nicht sterben. Nicht einmal durch eine gewaltsamen Tod. Glaub mir, ich hab schon alles versucht. Ich hab mich erhängt. Leider hatte das nicht funktioniert und ich baumelte drei tage von der Decke herunter, bis ich eine Lösung gefunden hatte. Ich hab mir schon die Pulsadern aufgeschnitten, von Ohr zu Ohr, kannst du die Narbe sehen?“ Ich konnte sie sehen. Von einem Ohr zum anderen führte eine dünne Linie, die sich hindurchzog und seinen gesamten Hals freigelegt haben musste. „Ich rammte mir auch schon ein Messer in den Bauch und schlitzte mich auf. Meine Innereien lagen über dem gesamten Boden verteilt. Aber es heilte und alles wuchs wieder originalgetreu nach. Es war allerdings ein leckeres Abendmahl, meine eigenen Gedärme.“
„Elizabeth Duncan hat dich geheilt. Was hat sie getan?“
„Ihre hand hat sie mir in das Rektum gesteckt und ein bisschen darin herumgebohrt. Ich verstand e nicht, aber die Mutation wurde gestoppt. Weißt du, als ich noch ein Mensch war, war ich in deiner Welt ein angesehener Wissenschaftler. Meine Technologie hätte die Menschheit vor kriegen bewahrt und vor vielen Todesfällen. Eine Antialterungspille, das war es, was ich erfunden hatte. Aber das Gesundheitsministerium hatte es verboten und es hatte nie die Luft auf dem freien Markt gerochen. Auf dem Schwarzmarkt brachte es mir ein wenig Geld ein, aber keiner glaubte mir und somit verkaufte sich das Ding auch nicht sehr gut. Der Gesundheitsministeriumstyp hatte irgendetwas von einer schädigenden Wirkung erzählt, was natürlich völliger Unsinn war, schließlich hatte ich sie an mir selbst getestet.“ Er zögerte einen Moment. „Willst du eine?“
„Nein.“
„Du bekommst auch zwei. Hey, sie sind umsonst, keine Sorge.“
„Ich will keine, mir reicht das Stückchen Leben, das mir auf Erden zusteht“, antwortete ich. „Und außerdem müssen wir die Überbevölkerung der Erde beachten. Vielleicht war das ein weiterer Grund dafür.“
„Vermutungen. Sie mochten mich einfach nicht, das war der Grund. Ist dir eigentlich schon aufgefallen, dass es in diesem Dorf überhaupt keine Kinder gibt?“
Ja, es gab wirklich keine Kinder. Bis jetzt hatte ich nicht darauf geachtet, aber als er es sagte, fiel es mir auf. Ich hatte kein einziges Kind gesehen. „Ja.“
„Meine Pillen sind die einzige Überlebenschance für diese Stadt, denn das Stück Land, auf dem sie gebaut wurde, ist mit der Zeit unfruchtbar geworden und niemand wird mehr Kinder zeugen können. Hast du schon einmal das Wort aussterben gehört? Es hört sich so wunderbar an. Nachdem ihr diesen komischen Kerl verbrannt habt, gab es eine leckere Speise für mich. Er schmeckte zwar etwas zäh und alt, aber besser als verseuchte Ratten und irgendwelche dahergelaufene Köter. Wenn dieses Dorf beginnt auszusterben, dann wird es für mich mehr zu essen geben, als in meinen kühnsten Träumen, mein Freund. Ach, wie hast du gesagt, heißt du?“
„Ich habe überhaupt nichts gesagt.“ Ich dachte schon, ich wäre sprachlos, aber es sprudelte nur so aus mir heraus.
„Nun, auch gut. Bist wohl eher der schweigsame Typ, aber bald wird der Krieg anbrechen und selbst du, wirst schreiend das Schlachtfeld erobern wollen. Gegen Legion, habt ihr keine Chance. Hast du schon von dem Asyl gehört? Nicht?“ Ich schüttelte den Kopf. „Dort mobilisiert er die Zombiearmee. Die Wölfe, die Mutierten und die Widerauferstandenen bilden eine unbezwingbare Armee. Und ihr habt gegen sie keine Chance.“ Er gab ein Lachen von sich, dass sich wie eine Computerstimme anhörte. „Ihr werdet alle sterben!“ Er bückte sich wieder und streckte zischend die Zunge heraus. „Sterben werdet ihr!“
„Hey! Hey, hey!“, rief ich und hob die Hand, um ihm zu zeigen, er solle sich beruhigen. Er fuhr hoch und hielt sich die Hand vor den Mund. „Deine Pillen könnten uns doch retten.“
„Könnten sie, stimmt“, sagte er nachdenklich und sah mich lächelnd an. „Du bist brillant!“
„Dankeschön. Also, gib mir deinen gesamten Vorrat.“
Er griff in die Tasche und hielt mir anschließend die geschlossene Faust hin. „Hier“, sagte er. Ich hob meine Hand darunter und er öffnete sie. Vier dunkelblaue Pillen landeten auf meiner Handfläche. „Das ist alles. Den Rest hat mir Legion abgenommen, als er mich geholt hatte.“
„Vier? Das ist alles?“ Ich stand mit offenem Mund da und starrte auf meine Hand.
Vier mickrige Pillen, ich sagte doch, es sei ein Fehler, hierher zu kommen. Geh wieder und wenn er dich nicht lässt, landet ganz aus Versehen deine Faust in seinem Gesicht. Mr. Smith war immer so gewalttätig und hinterlistig. Aber er war tot. Was hatte seine Stimme überhaupt in meinem Kopf verloren? Ich wusste es nicht. Die vier kleinen Pillen die ich in meiner Hand hielt machten mich ein wenig nervös. Ich hielt hier den Schlüssel zur Unsterblichkeit in meiner Hand und würde ich dieses Geheimnis für mich behalten oder Coffee mitteilen? Vermutlich nicht. Er hatte kein Recht, es zu erfahren. Ich musste die Möglichkeit in betracht ziehen, dass er Martin im Stich gelassen hatte. Ein Verräter war er nicht, da war ich mir sicher. Legion wollte ihn umbringen. Er war ein Dorn im Auge des Bösen. Aber trotzdem wollte ich diese vier kleinen Dinger für mich behalten und sicher aufbewahren.
„Willst du ein Glas Wasser?“, fragte der Schlangenmutant.
„Nein, ich gehe jetzt besser.“
„Gehen? Du gehst nicht! Du bleibst! Menschenfleisch ist so lecker. Du kannst auch ein Stück von dir probieren, wenn du das willst, aber ich teile nur ungern mit anderen. Aber du bist nett und ich könnte vielleicht noch einmal ein Auge zudrücken.“
„Mein Fleisch bekommst du nicht!“ Ich steckte die Pillen in meine rechte Hosentasche. Klick, klick, klick. Ich hörte mich wie ein verdammter Superheld aus einer Kindersendung an. Aber es machte mir nichts aus, schließlich stand vor mir ein menschenfressendes Etwas. Es sah mich begierig an und bleckte die Zähne. „Lass mich doch einfach gehen. Ich werde niemandem etwas sagen. Niemand wird kommen und dich töten, niemand wird kommen und dir das letzte bisschen Würde nehmen, das du noch besitzt, es wird niemand kommen, überhaupt niemand, denn ich kann mein Maul halten!“
„Kannst du?“, fragte er. „Was gab dir das Recht dazu, einfach in mein Haus einzudringen? Das ist Hausfriedensbruch und ich wehre mich gegen dich. In meiner Erinnerung an meine Welt nennt man so etwas Notwehr.“
Er fauchte und rannte auf mich zu. Beide Arme mit geöffneten Händen ausgestreckt riss er seinen Mund auf und entblößte die scharfen Eckzähne. Zuerst vermutete ich, er wolle mich beißen, doch er stürzte sich nur auf mich und warf mich zu Boden. Ein harter Gegenstand bohrte sich in meine linke Gesäßhälfte und ein grässlicher Schmerz durchfuhr mich. Ich biss die Zähne zusammen und sah ihm in die Augen. Wahnsinn und Gier konnte ich darin erkennen. Ein Hauch von Angst mischte sich noch dazu und die Mischung eines Schizophrenen war komplett. Ein psychisch gestörter Mensch mit weniger Gehirnzellen als ein Affe. Aber dieser Mensch wollte mich umbringen und ich musste mich wehren, ich konnte nicht einfach dastehen und zusehen, wie er mich bei lebendigem Leibe verspeiste. Ich fuchtelte um mich. Fand nichts in greifbarer nähe. Dann musste ich an das grabgroße Loch denken. Wie geschaffen für einen Mörder. Er fauchte und schlug mir ins Gesicht, wobei drei Kratzer quer über das gesamte Gesicht zurückblieben. Ich rollte mich zur Seite und warf ihn von mir. Schnell stand ich auf und ging nach rechts zu dem Loch. Ich stellte mich davor und sah ihn erwartend an. Er erhob sich langsamer als ich, aber trotzdem kam er flink wie eine Schlange auf mich zu gerannt.
Er kreischte und fauchte, gab zwischendurch ein Zischen von sich und seine irren Augen machten mir Angst. Eine Heidenangst.
Kurz bevor er mich erwischen hätte können, wich ich aus und stellte mich auf die Seite. Er schlitterte an mir vorbei und stolperte über die Kannte des Lochs. Ich griff mir den Pickel und holte über meinem Kopf aus. Ich schlug ihn nieder und zerquetschte seinen Kopf. Das linke Auge zerplatzte, Blut spritzte und Gehirnmasse quoll aus einem tennisballgroßen Loch heraus. Wie rosa Schaumstoff in verschiedenen Mustern floss es über die linke Gesichtshälfte des schlangenartigen Kopfes. Ich nahm den Pickel hoch und holte ein zweites Mal zum Schlag aus. Das Ding wurde schwer um meine Finger und zog meine Arme nach hinten. Langsam kippte ich um und schlug mir den Kopf am harten Holzboden. Ein weiterer pochender Schmerz ergriff mich. Ich konnte spüren wie eine Beule heranwuchs, dass mich an einen Zeichentrickfilm erinnerte, in dem drei Hufeisen auf die hervorragende Beule krachen.
Ich stand auf und nahm die Schaufel, die neben dem Loch mit dem Schlangenmutanten an die wand lehnte. Ich hielt den Holzstiel nach oben und ließ sie hinuntersausen. Mit der Schaufel voraus hackte ich ihm den Kopf zur Hälfte ab. Aus der ehemaligen Gurgel strömte blubbernd Blut, während er versuchte zu atmen. Er stammelte sinnlose Wörter vor sich hin, versuchte etwas zu sagen, aber es kamen nur blubbernde, einsilbige Laute heraus. Es war, als würde ich mit einem Lungenkrebserkrankten sprechen, der sich ein Mikrofon an den Hals hielt. Ich stach ein weiteres Mal zu und säbelte den Kopf völlig ab.
Nicht den Kopf verlieren! Die Stimme meines alten Freundes Eddie Nero lachte lauthals in meinem Kopf.
Ich warf die blutbeschmierte Schaufel beiseite und beugte mich hinunter. Ein hässlicher Anblick. Meine normale Reaktion wäre ein Kotzanfall gewesen, aber in diesem Moment hatte ich ein anderes Ziel vor Augen. Ich streckte die Hand in das Loch und berührte aus Versehen den glibberigen Knäuel Gehirnmasse. Es schwabbelte hin und her und kam dann wieder zum Stillstand. Ich nahm ein Büschel Haare in die Hand und nahm den immer noch blinzelnden Kopf heraus. Er sah mich an, aus den Mundwinkeln strömte Blut und die Unterlippe hing schlaff herunter. Die Augen starrten mich glasig an.
„Ich dachte du kannst nicht sterben?“, fragte ich.
„Kann ich auch nicht, blöder Penner!“, antwortete der Kopf und grinste. Mit einem schlürfenden Geräusch wurde die herausgeqollene Gehirnmasse in das Loch zurückgesaugt. Die Haut zog sich zusammen, verwuchs miteinander und hinterließ eine dünne Narbe. Er grinste, entblößte blutrote Zähne und eine gespaltene Zunge.
Ich drehte mich um, nahm den Griff der Tür in die Hand und warf den Kopf heraus. Die etwas hervorgetretenen Wangenknochen, die mit Blut bedeckt waren, glänzten im Sonnenschein und ich konnte ein lautes, einheitliches Stöhnen hören, worunter auch ein, zwei Entsetzensschreie waren.
Hinter mir Schloss ich sie wieder und ging hinüber in das Zimmer mit dem Radio. Es war ein komisches Gefühl, alleine hier herumzulaufen und die Sachen eines fremden Mannes anzusehen. Meine Kleidung hatte jede Menge Blut abbekommen und würde nach einer gewissen Zeit stinken, aber darum konnte ich mich kümmern, wenn ich wieder aus diesem Drecksloch verschwunden war.
Im Radio lief nun ein anderer Song. Die Stimme von Lou Bega mit dem Song Baby keep smiling drang an meine Ohren. Ich wollte ins Bett, wollte nicht diese Wohnung nach irgendwelchen versteckten Hinweisen durchsuchen. Baby keep smiling wechselte zu The most expensive girl in the world. Ich kam zu dem Radio. Ein batteriebetriebenes Gerät, das die lange Antenne ausstreckte und neben dran eine kleine Taschenlampe lag. Ich schielt das Radio nicht aus, es war beruhigend ein wenig Musik zu hören. Erst am vierundzwanzigsten zwölften hatte ich mir das Album von Bega geholt und ich stand total auf diese Musik. Aber ich musste alles zurücklassen, hatte nicht einmal Zeit dazu, ein paar Kleider einzupacken und meinen batteriebetriebenen CD-Player mitzunehmen. Was für eine Schande.
Suchten sie in Radock City schon nach mir? Hatte mich irgendjemand als vermisst gemeldet? Ich wusste es nicht, aber wenn ja, dann war es wohl besser, wenn sie damit aufhören würden, denn mich würden sie nicht finden, außer sie würde Bekanntschaft mit einem nachtblauen Mercedes machen.
Ohne Kommentar wechselte die Musik wieder. Diesmal war es Bob Marley, dessen Musik durch die Lautsprecher drang. No water can quench my thirst hieß der Song. Ich stellte mir vor genau wie er zu sterben, wegen einem gebrochenen Zeh, den er sich in der Jugendzeit eingefangen hatte und nicht behandeln ließ. Aber wahrscheinlich würde mein Tod viel dramatischer sein, mit Hintergrundmusik und einem letzten, spannenden Gefecht und irgendwann würden meine Erlebnisse ins Kino kommen, wenn die Welt bis dahin dann nicht zerstört sein würde.
Ein weiteres Kreischen aus der Menge schlüpfte durch die Zwischenräume des Holzes, das die Wände dieses Hauses zusammenhielt. Ich sah mich um und fand etwas. Keine Videobänder, nur ein einziges Buch. Ich hatte das ganze Haus durchsucht, aber fand nur ein Buch. Es trug keinen Titel, war allerdings mit Leder umbunden und würde mit einer Schnur zusammengehalten, sodass ich erst den Knoten öffnen musste.
Als ich es aufschlug kam mir der Geruch von altem Papier entgegen. Die Seiten hatten einen gelblichen Farbton angenommen und die Buchstaben bildeten die drei Wörter:
Das Abrasive Ritual
Ein merkwürdiges Wort, das ich da erblickte, aber alles was ich in letzter Zeit erlebt hatte, war merkwürdig. Ich blätterte um. Es war nur jede zweite Seite beschriftet. Die Handschrift war alt, dass konnte man an der etwas verblichenen Tinte erkennen. Ich fragte mich, was dieses Buch bei dieser Schlange verloren hatte. Ich begann zu lesen:
Das Abrasive Ritual ist eine gefährliche Angelegenheit. Nur erfahrene Angehörige des Vitastammbaums sollten sich mit diesem Thema befassen. Durch das Abrasive Ritual werden die spirituellen Kräfte eines Wesens oder Menschen mit der eines anderen vereinigt oder gespalten. Somit kann erreicht werden, dass eine gespaltene Persönlichkeit oder ein Mutation infolge eines äußerlichen Eingriffes rückgängig gemacht werden kann. Das Abrasive Ritual darf nicht zweckentfremdet oder missbraucht werden, da dies schlimme Folgen haben könnte. Durch die freigesetzte, negative Energie wird ein Portal zwischen der jeweiligen Welt und einem Unteruniversum geöffnet, in das die abgespaltenen Teile eines Menschen oder Wesens weggesperrt werden. Dort angekommen wird dieses Etwas schlimme Qualen erleiden und nie wieder entkommen können. Das Unteruniversum darf nicht durch ein instand gehaltenes Portal betreten werden. Es dürfen auch keine Gefangenen freigelassen oder anderweitig geholfen werden.
Ich blätterte um. Dort stand ein Datum: 19.09.112
Ich wurde heute von seinen Männern gefangen genommen. Allerdings fanden sie nicht mein Buch. Ich weiß nicht was sie als nächstes vorhaben, aber ich glaube sie wollen mich töten.
Er hat ein Portal zwischen der Welt und dem Unteruniversum geöffnet. Sie werden kommen und mich holen, um mich zu foltern und alles aus mir herauszuquetschen, was ich weiß. Ich kann ihnen nichts sagen. Sie haben den falschen erwischt. Vater Rafferty ist für die dunkle Magie verantwortlich. Aber sie wollen mir nicht glauben und Rafferty ist nirgends zu finden. So langsam bekomme ich es mit der Angst zu tun. Er ist grässlich. Schon alleine sein Gesicht jagt mir eine Heidenangst ein. Und…
Sie kommen.
Ich blätterte wieder um. Es war ein dünnes Buch. Aber ich wusste schon jetzt, dass es gefährlich war. Auf der nächsten Seite stand: 15.04.1020
Das Abrasive Ritual
Für das Abrasive Ritual benötigt man eine Frau, die noch nie von einem Mann in sexueller Form berührt wurde. Man benötigt zehn abgeschlagene Schädel und das Blut eines Priesters.
Zehn Männer müssen einen Kreis um einen elften schließen. Dieser trinkt das Blut des Priesters, zerschmettert die Schädel und schneidet der Jungfrau das Herz heraus. Anschließend muss er das Herz der Frau essen. Das Etwas, mit dem sich der elfte Mann vereinigen möchte, tritt in den Kreis und nimmt die linke Hand des elften. Beide müssen die Augen schließen und an die Vereinigung denken. Sobald sie ein kribbelndes Gefühl durchfährt, öffnen sie die Augen und die Vereinigung ist abgeschlossen. Durch diese Vereinigung werden übernatürliche Mächte freigesetzt.
Sofort schossen mir die vier Namen der dämonischen Gottheiten durch den Kopf: Atra, Systeria; Megnariu und Basili. Und Legion.
Hatte er dieses Ritual angewandt, um sich mit ihnen zu vereinigen? Das war wohl die einzige Möglichkeit. Schon im Jahre einhundertzwölf war er danach her und hatte es nicht bekommen, dank diesem Vater Rafferty. Allerdings half das auch nicht. Die apokalyptische Machtergatterung wurde nur um ein paar Jahrhunderte aufgeschoben, nun hatte er die Macht und er wusste, wie er sie einsetzen musste. Und gleichzeitig hatte er sich mit vier verschiedenen Wesen vereinigt, hatte vier Frauen hingerichtet und vier Priester töten lassen. Und er hatte vierzig Männern die Köpfe abschlagen lassen. Ein grausames Ritual, das allerdings zu funktionieren schien.
Ich drehte mich um und behielt das in Leder gebundene Buch in der Hand. Der schwarze Türgriff war zum greifen nah, aber irgendetwas hielt mich noch hier.
Ich ging einmal in dem Zimmer im Kreis und kam bei dem grabgroßen Loch an. Es war leer.
„Wo zum Teufel ist er hin?“, flüsterte ich in die Stille. Ich hatte keine Schritte bemerkt. Die Menge stöhnte wieder auf. Ein weiteres Stöhnen und ein Kreischen. Ich ging wieder zurück zur Tür und riss sie auf. Dort standen sie, hielten immer noch den Kreis und in der Mitte stand ein kopfloser Körper, der sich um seine eigene Achse drehend, die Hände ausstreckend nach vorne beugte. „Er sucht seinen verdammten Kopf!“, stellte ich in einem ungläubigen Tonfall fest. Ich trat ein paar Schritte heraus und sah ihn mir genauer an. Der grinsende Kopf lag drei Meter weit von dem Torso entfernt. Ich hatte noch eine Chance ihn zu entfernen. Langsam trat ich vor und versuchte mich an dem tastenden Körper vorbei zu schleichen.
Als der Körper zu Boden viel, gab es wieder ein Stöhnen.
„Verdammte Kacke! Ich bin hier, du blöder Penner!“, rief der schlangenartige, in der Sonne glänzende Kopf, dessen blutige Zähne hervortraten. „Und du verpiss dich!“, rief er und sah mich mit den schwarzbraunen Augen an. Ich nahm mir wieder ein Büschel Haare und nahm ihn hoch. „Lass mich runter! Du Arschloch! Penner! Hu-“
„Halt deine Klappe“, unterbrach ich ihn und steckte ihm das Taschentuch in den Mund, das ich immer noch mit mir herumschleppte und nun seinen Zweck fand. Er murmelte unverständliches Zeug vor sich hin und blickte immer wieder nervös in die Menge, in der Sara immer noch hervorstach, wie ein Weinfleck auf einem weißen Kleid. Der Körper stand wieder auf und kam zu mir. Er ging langsam und abgehackt, so als würde er ferngesteuert werden. Die Arme hielt er suchend ausgestreckt. Aus dem Hals strömte jede menge Blut, dass sich auf dem karierten Hemd verteilte und auch den sandigen Boden besprenkelte.
Ich ging an ihm vorbei. Als ich mich schon in Sicherheit wog, packten mich zwei große, raue Hände von hinten am Hals und zerrten mich zu Boden. Über mir spritzte das Blut heraus und traf in Tropfen auf meinem Gesicht auf.
Keiner der Zuschauer kam mir zur Hilfe. Sie standen nur da und sahen sich das Spektakel an. Nicht einmal der Mann, der mich davon abhalten wollte, in dieses Haus zu gehen, warf mir einen blöden Kommentar zu. Und auch Sara stand nur staunend und gaffend da. Ich sah ihre Gesichter, die mich an Hunde erinnerten, deren Zungen nach Luft schnappend heraushingen. Wie Zombies standen sie da und sahen mich ausdruckslos an. Keiner rang sich dazu durch, eine Schaufel in die Hand zu nehmen und diesen kopflosen Killer zu töten. Keiner nahm sich eine Heckenschere und stach sie ihm in den Rücken und keiner hatte zufällig ein Taschenmesser dabei, dass er diesem Biest in den Hals stopfen konnte. Keiner wollte sich mit fremdem Blut beschmutzen, das ich literweise ins Gesicht geschüttet bekam.
„Warum hilft mir denn keiner?“, fragte ich nach Sauerstoff ringend. „So helft mir doch!“
Und es rührte sich etwas in ihren Gesichtern. Das Ding beugte sich über mich und setzte sich auf meinen Bauch. Nun bekam ich fast überhaupt keine Luft mehr. Mindestens achtzig Kilo hatten da auf mir Platz genommen und drückten mich zu Boden. Er machte mich platt und alle schauten zu. Ich würde vor einem fast gänzlich unbekannten Publikum sterben, wie Smith es prophezeit hatte.
Ich hielt immer noch den Kopf in der rechten Hand, der kichernd unverständliches Zeug vor sich hin murmelte. Das Taschentuch hielt ihn aber einigermaßen still, sodass ich mich besser konzentrieren konnte.
Es gibt für alles eine Lösung, Peteboy!
Genau, eine Lösung. Aber für solche Sachen wurde ich nie trainiert, noch nicht einmal für ein Fußballturnier oder anderweitige Sportarten. Das einzige, was ich an Sport getrieben hatte, war Krafttraining und das auch nur nebenbei zum Spaß. Ich war nie in ein Fitnessstudio gegangen, um meine Bauchmuskulatur zu härten.
„Phil!“, rief plötzlich eine hohe, aber kräftige Stimme. „Runter von ihm!“
Elizabeth Duncan trat aus der Menge heraus und kam zu mir geeilt. „alles in Ordnung mit Ihnen?“, fragte sie und sah mich mit mitleidigen, zusammengezogenen Augenbrauen an.
„Ja…ja, mir geht es gut“, antwortete ich und blieb noch eine Sekunde liegen, nachdem dieses Monster von mir gewichen war. Dann stand ich auf und hielt immer noch den abgehackten Kopf in meiner Hand, der krampfhaft versuchte etwas zu sagen.
Wie ein Soldat stand der Körper da und streckte die Brust heraus.
„Lassen Sie den Kopf fallen“, sagte Elizabeth und sah mich mit einem bösen Blick an. Ich ließ locker und der Haarbüschel rutschte aus meinen Fingern. Als der Kopf über den Boden kullerte blieb Sand an seinen Wangen und an der Stirn kleben. „Ich habe Ihnen gesagt, Sie sollen fern bleiben, von diesem Haus, aber nein, Sie müssen ja unbedingt herkommen, Sie neugieriger, egoistischer Mann!“
Mann! Sie hat es in einem verächtlichen Tonfall ausgesprochen. Hatte wohl noch nie eine schöne Zeit mit einem Mann verbracht.
Sie sah mich an und sie schien sich zu verändern, wurde jünger. Die zurückgekämmten, grauen Haare wurden kürzer, die Falten unter ihren Augen verschwammen und verschwanden, die gekräuselten Lippen glätteten sich und der vollbusige Körper nahm wieder eine junge Gestalt an. Sie sah nicht mehr aus wie achtzig oder fünfundachtzig. Nun hatte sie ungefähr das Alter von Sara erreicht. „Typischer Männer, müssen immer alles erforschen und klar machen. Haben immer den Drang dazu, ihre Stärke zu beweisen, aber warum mussten Sie unbedingt Harold töten?“ Ihr rannen Tränen an den Nasenflügeln hinunter. Sie war wunderschön. Ihre blauen Augen glänzten vor Feuchtigkeit und die Blutäderchen ließen sie rot leuchten. Auf einmal hatte ich Angst vor ihr. Aber gleichzeitig zog es mich zu ihr hin. Ein Paradoxon ohne Begründung oder Erklärung. Aber es war nun einmal so und ich konnte es nicht ändern.
Johnson hatte Recht, sie sieht wirklich so aus, wie er erzählt hatte, erst jetzt kann ich es erkennen.
Harold war also der Name dieser Schlange. Die Schlange, die mich erwürgen wollte, die mich hinter das Licht führen wollte, die Legions Geheimnis kannte und die nun bald lebendig begraben werden würde.
„Wir müssen dieses Ding vergraben, Mrs. Duncan“, sagte ich etwas zögernd. Der brabbelnde Kopf schien irgendwelche Einwände zu haben, die ich allerdings nicht beachtete. Er versuchte zu schreien, bekam aber durch das Taschentuch nur ein hohes Piepsen heraus. Immer noch herrschte Stille, die nur durch Elizabeths Schluchzen zerstört wurde. Ein ekelerregendes Gefühl durchfuhr mich jedes Mal, wenn sie den Rotz in die Nase zurückzog und mich immer wieder ansah, als wäre ich von einem anderen Planeten, was ich im Grunde genommen auch war.
„Dieses Ding hat einen Namen! Dieses Ding heißt Harold und dieses Ding ist mein Mann! Du gottverdammtes, überhebliches Arschloch!“, schrie sie und Spucke spritzte mir entgegen. Hätte sie sich jetzt übergeben, hätte ich eine Dusche aus kürzlich verdautem Fleisch und Kartoffelpüree bekommen, aber sie übergab sich nicht, sie kam zu mir und nahm Harolds Kopf unter den Arm. Sie sah mich noch einmal an und drehte sich dann wieder, um zu gehen.
„Wo wollen Sie hin?“, fragte ich sie.
„Weg von hier.“
„Sie können nicht einfach gehen! Es gibt viel zu tun!“
„Ach ja? Zum Beispiel?“
„Na ja, ich rechne mit einem Angriff von Legion. Er hat so viele Diener in diese Stadt eingeschleust und hat genug Informationen. Es wird nicht mehr lange dauern.“
„Zeit…spielt keine Rolle mehr.“ Und sie ging, den Kopf in der Hand. Der Körper blieb reglos stehen.
Coffee
und ich vergruben den Körper auf dem Friedhof, selbst diesem
hinterhältigen Arschloch war ein Platz freigehalten worden. Es dauerte
eine Stunde das Loch auszuheben und eine halbe, um es wieder zu
schließen. Wir steckten ein Kreuz mit dem Namen Harold in
die Erde und gingen nach Hause. Dies war wieder einmal ein harter Tag
für Ronald Peter Mathews gewesen. Ich musste mich hinlegen und ein
wenig schlafen, ich konnte nicht den ganzen Tag auf den Beinen sein und
dann auch noch die Nacht über nachdenken. Das ging nicht. Unmöglich.
Und ich schlief, diesmal wieder auf dem Sessel vor dem schwarzen Kamin. Ein Glas Wasser neben mir und die Füße auf einen Hocker gelegt. Und ich träumte. Ich träumte von…
...ein Nebel hüllt mich ein und befeuchtet meine Haut. Er trübt mein Sichtfeld und ich kann die Hand vor Augen nicht mehr sehen. Das schmatzende Geräusch von schnellen Schritten kommt näher und ich sinke langsam einige Millimeter in den Matsch ein. Langsam setze ich mich in Bewegung, versuche einen Fuß vor den anderen zu setzen, was bruchstückhaft funktioniert, so als würde ich meine ersten Schritte machen. Es sieht mich an, fixiert mich von hinten, wie eine Katze, die ihre Beute anvisiert. Aber es liegt nur auf der Lauer, es will mich nicht töten. Noch nicht. Es sieht mir einfach nur zu und unterdrückt das Verlangen nach Blut und Fleisch. Nach Menschenblut und Menschenfleisch.
Ich gehe weiter den Waldweg entlang und ein fauliger Gestank kommt mir entgegen. Er setzt sich in meiner Lunge ab und hinterlässt ein mulmiges Gefühl. Ich schwanke, habe Angst ohnmächtig zu werden, aber ich bleibe standhaft und konzentriere mich auf das hier und jetzt. Auch wenn ich weiß, dass dies nur ein Traum ist, fürchte ich mich vor diesem Etwas, das mich mit schmatzenden, Furcht einflößenden Geräuschen verfolgt. Es will mich haben, aber gleichzeitig darf es mich nicht haben. Es ist kein Mensch, aber auch kein Monster. Es ist eine gefangen gehaltene Kreatur aus dem Unterbewusstsein meines menschlichen Denkens. Aber irgendwann musste sie herauskommen und zurückschlagen, sie wollte nicht mehr gefangen sein, sie will frei sein, frei wie ein Vogel in einem Naturschutzgebiet.
Aber wenn ich es freilasse, dann wird es in Chaos enden und das will ich nicht. Ich will schützen und nicht zerstören und verletzen. Diese Kreatur schnauft und geifert, ich kann es hinter mir spüren und hören und riechen. Die im Nebel versteckten Bäume schwanken in der leichten Brise, die über meinen Nacken streichelt und mir eine Gänsehaut auf den Rücken zaubert. Aber es ist ein angenehmes Gefühl, das mich von der drohenden Gefahr ablenkt. Die Schweißtropfen treffen auf mein linkes Auge und bringen es zum schmerzen, aber ich bleibe nicht stehen, denn ich habe viel zu viel Angst, um stehen zu bleiben. Es sieht mich an und kann meine Furcht riechen, es kann sie schmecken und fühlen, aber der Schweißgeruch hält es nicht von mir ab. Es verfolgt mich weiter und bleckt die Zähne. Eine dunkle Gestalt im Nebel, die mich triefend anstarrt und fressen will. Aber sie muss mir noch etwas zeigen, etwas wichtiges, dass aller Leben retten kann. Aber ich kann es noch nicht sehen, es ist verhüllt. Der Nebel macht es für mich unsichtbar. Als hätte die Feuchtigkeit meine Gedanken gelesen, verzieht sich der Nebel und legt einen langen Weg frei, dessen Ränder mit Wurzeln und Steinen gesäumt sind. Ratten rennen von einer Seite auf die andere. Ein Elch gibt ein unbeschreibliches Geräusch von sich und eine Katze miaut hungrig, während sie einer Maus hinterher jagt.
Das kleine, graue Ding, das sich mir in den Weg stellt, sieht erst aus wie ein wuscheliger, grauer Tennisball, dann entpuppt es sich allerdings als kleines, menschenfressendes Monster, das die Augen aufreißt und spitze, blutige Zähne entblößt. Aber es greift mich nicht an. Mit einem Fauchen verschwindet es im Wald und hinterlässt eine dünne Spur im Schlamm des Weges. Ich folge ihr nicht, denn es ist nicht meine Bestimmung ihr zu folgen, ich setze meinen Weg fort und sehe den sich vor mir spaltenden Nebel. Er legt immer mehr Teile des Waldwegs frei und es wird unheimlich. Die Bäume sind nicht mehr grün, sondern grau und schwarz, alt und feucht, modrig und verschimmelt. Sie sehen aus wie alte Totenköpfe und die Geräusche im Wald machen sie noch angsteinflößender.
Im Wald kann ich ein Knacken hören, gleich gefolgt von einem werwolfartigen Heulen. Ich kann die Augen auf meiner Haut spüren, wie sie mich beobachten, die Tiere und unbekannten Wesen im Dickicht. Aber etwas Mächtigeres verbirgt sich hinter der Nebelbarriere. Es ist riesig und von unvorstellbarem Wert, aber ich erreiche es nicht. Eigenartigerweise spricht eine Stimme zu mir. Es ist eine mir bekannte Stimme, aber ich kann sie nicht zuordnen.
„Geh nach Vitalis! Hol dir das Flugzeug! Nimm vier Begleiter mit. Warte bis zum vierundzwanzigsten sechsten zweitausendsechs, dann wirst du alle zusammen haben und du kannst aufbrechen!“
Aber ich kann noch nicht aus dem Traum verschwinden, dieses unbekannte, mächtige Ding hinter dem Nebel zieht mich an. Ich muss es sehen, aber es lässt mich nicht. Immer wenn ich denke, der Nebel löst sich auf, wölbt er sich zu einer neuen Wolke auf und verdeckt meine Sicht. Es ist wie ein Alptraum. Es ist ein Alptraum. Aber eher eine Vision. Eine Art Reiseleiter für die Welt in der ich neuerdings lebe.
Die schmatzenden, flutschenden Schritte kommen wieder schnell näher. Ich kann den Atem in meinem Nacken spüren, ich nehme es durch meine Poren in mich auf und ein schreckliches Verlangen nach etwas Unbekanntem zu streben huscht plötzlich durch alle meine Nervenenden. Blitze schlagen in meinem Gehirn um sich, große Kugelblitze und Spezialgewitter, die man nur in außergewöhnlichen Wetterzonen zu außerordentlichen Bedingungen zu sehen bekommt. Sie lassen mich zittern wie eine Marionette. Aber ich lasse mich nicht steuern. Ich habe etwas dagegen, meine Bewegungen kontrollieren zu lassen, ich will selbst darüber entscheiden, was ich tue und was nicht.
Aber es lässt mich nicht aus seinem Griff. Kalte, glitschige Hände umfassen meine Oberarme, an denen der Schweiß in Strömen hinabsickert. Sie huschen über meine Haut, streicheln mich und ängstigen mich. Ein Schauder befällt meinen Rücken und meine gesamte linke Seite. Mein Gehirn schaltet für einige Sekunden aus und ich sehe nur die unbarmherzige Silhouette vor mir, die mich mit rot blinkenden Augen anstarrte. Es sind eigentlich nur zwei blinkende Kreise, die mich an die Augen Harolds erinnern. Aber es gibt keinen Zusammenhang, zwischen meinem Traum und dem Ereignis in Haus Nummer 29.
Immer noch nicht kann ich das Monster erkennen, das mit rot blinkenden Augen vor mir steht und stumm die Lippen bewegt. Es sieht mich an und unterdrückt immer noch das Verlangen mich zu fressen. Eine Verbindung besteht zwischen mir und diesem Etwas. Es ist eine art zwillingsbrüderlichem, eineiigem Gefahrenwarnungssystem, aber ich kann es nicht richtig zuordnen, denn ich besaß nie einen Bruder.
Aber ich habe mal einen besten Freund gehabt, zu dem ich eine gewisse Verbindung gehabt hatte. Aber dieser starb vor einigen Jahren bei einem Autounfall infolge eines Diebstahls. Ich stehe da und überlege, aber ich finde keine Lösung für dieses Problem.
„Denke nach oder dieser Weg wird für immer verschlossen für dich bleiben, Peteboy!“ Ich habe diese Stimme wirklich schon einmal gehört, aber nicht so tief, etwas heller, aber ich erkenne den Unterton heraus und er kommt mir so bekannt vor. Es steht vor mir und die Antwort mit diesem Etwas. Wem gehört diese Stimme? Ich weiß es nicht, aber ich muss darüber nachdenken, denn sonst wird mich dieses Ding nicht vorbeilassen. Aber kenne ich sie denn wirklich? Fragen über Fragen sammeln sich in meinem Gehirn und ich habe nicht ewig Zeit darüber nachzudenken, denn bald würde ich aufwachen und alles würde verfliegen. Die Erinnerungen würden verschwimmen und verblassen, bis sie gänzlich unerkennbar sein würden und ich auf den nächsten Traum warten musste. Aber so weit will ich es nicht kommen lassen, denn ich habe die Lösung im Prinzip schon. Und ich gehe einen Schritt auf die unerkennbare Gestalt zu, die zur Seite weicht und mir freie Bahn gewährt. Und ich kam dem mächtigen Objekt meiner Begierde näher. Es steht da, zum greifen nahe, ich muss nur die Augen öffnen und den Nebel beiseite schieben. Aber es funktioniert nicht ganz so wie ich mir das dachte. Der Nebel wird zwar etwas dünner, aber er löst sich nicht ganz auf, setzt sich nicht in einem flüssigen Aggregatzustand auf den grünen Blättern der Bäume und Büsche ab. Aber ich erkennen einen kleinen Teil des Umrisses-
Es klopfte an der Tür. Ich wachte auf. Sonnenschein glimmte durch die mit Gardinen behängten Fenster. Langsam schwang ich die Beine vom Hocker und stellte mich neben den Sessel, der eine Delle an der Stelle aufwies, an der ich mit meinem hinterteil gesessen hatte.
Ich ging zur Tür und legte die linke Hand auf den Griff. Bevor ich öffnete, strich ich mir das Haar noch einmal zurück, ich wollte nicht schlampig wirken. Dann zog ich sie auf und sah Emelli Black vor mir, die kurz durchatmete und mich anschaute. Ihr Blick verriet mir Besorgnis und Unbehagen, aber das war mir egal.
„Du weißt inzwischen von Harold Lancaster wie ich gehört habe?“, fragte sie.
„Ja, ich war dort. Coffee und ich haben den Rest von ihm vergraben.“
„Ich weiß, dass du weißt, dass ich ihn dort hin verbannt habe. Glaube mir, ich musste es tun. Ich wollte ihn nicht töten oder aus der Stadt verjagen, deshalb habe ich ihn dort eingesperrt und mit einem Verbannungsfluch belegt.“
„Oh, sind wir jetzt im Wunderland, oder was? Verbannungszauber? Sie glauben doch nicht etwa daran, dass sie wirklich so einen scheiß können, oder?“
„Es funktioniert nicht wirklich, aber er hat mir geglaubt und blieb dort-“
„Blieb dort? Blieb dort? Er hat sich nachts raus geschlichen und die Opfer der Hinrichtungen und Verbrennungen geschnappt, um sie fröhlich pfeifend und schmatzend zu vernaschen! Sie haben es gewusst und ließen es zu, aber nun haben Sie nicht den Anstand es zuzugeben und leugnen, dass er Scheiße gebaut hat!“ Ich war wütend. Um haaresbreite hatte mir dieses verrückte Schlangenwesen mit dem Namen Harold Lancaster den Kopf abgerissen und nun stand sie da und wollte mit mir eine nette Unterhaltung über die gestrigen Geschehnisse führen.
„Es geht mir aber heute nicht darum, es geht um etwas anderes“, sagte sie kleinlaut und sah zu Boden.
„Was?“
„Er kommt“, flüsterte sie.
„Martin kommt? Wo ist er?“
„Welcher Martin? Die Rede ist von Ligion, Legions kleinem Schoßhündchen und er hat etwa fünfhundert Wölfe im Schlepptau und einhundert Schattendämonen.“
„Wie weit ist er entfernt?“
„Etwa noch eine Stunde“, antwortete sie und sah mich ängstlich an.
„Eine Stunde?“
Verdammt! Hau ab von hier, geh weg und verkriech dich in Vitalis, dort kannst du es überstehen, aber bleib nicht hier, gegen solch eine Armee hat diese Stadt nicht genügend Soldaten! GEH!
Ich konnte nicht gehen, die Leute mussten gewarnt werden, sie mussten ebenfalls flüchten. Sie durften nicht zurückgelassen werden, auf diesem unfruchtbaren Stückchen Erde.
Und in diesem Augenblick brach die Ära der Kälte wieder an. Das Kalt kam so schnell über uns, dass wir nicht einmal die Zeit dazu hatten, mit den Augen zu blinzeln.
Emelli Blacks Haare begannen zu gefrieren, wurden weiß und ihre Augenbrauen verfärbten sich ebenfalls. Ich packte sie am Arm und zog sie ins Haus.
Coffee kam die Treppen herunter gerannt und fragte was los sei.
„Kälte“, flüsterte Emelli und sah ihn mit hypnotischen Augen an.
„Oh, mein Gott. Sie greifen an, oder?“ Ich nickte und er wurde fast ohnmächtig, hielt sich aber noch am Geländer der Treppe fest. „Wir müssen sie warnen, wir müssen alle warnen. Wenn wir es nicht tun, dann wird es hier ein Massenmassaker geben!“
Ich drehte mich um, nahm einen dick wirkenden Mantel von der Garderobe und schwang ihn mir über die Schultern. Anschließend nahm ich die Handschuhe aus der linken Jackentasche und streifte sie mir über.
„Wo willst du hin?“, fragte Emelli, wieder bei Verstand.
„Warnen.“
Und ich öffnete die Tür, setzte einen Fuß heraus und ein starker Südwind kam mir entgegen, der die Kälte tief unter meine Haut trieb. Warnen, von wegen, denn wie es schien, waren die Leute schon gewarnt worden. Sie rannten wie aufgescheuchtes Rudel Kaninchen in alle Richtungen. Von der Kälte begannen meine Ohren zu schmerzen und ich setzte die Mütze auf, die ich in der rechten Jackentasche fand. Ich sah aus wie ein Dorftrottel, aber alle hatten die gleiche Bekleidung und da machte es nichts.
„Geht nach Vitalis! Geht nach Vitalis!“, schrie ich mit der gesamten Kraft meiner Stimmbänder. Meine Lungen schmerzten.
Ich rannte durch die Straßen, zwängte mich an Menschen vorbei, die ängstlich schreiend, ziellos davon rannten. In alle Himmelsrichtungen verteilten sie sich, aber keiner ging nach Vitalis. Nicht einmal diejenigen, die meine Warnung erreichte.
Ein schwarzer Stoff streichelte meine Wange entlang und entschwand meinem Blick. Ich drehte mich um und sah Sara, wie sie, mit einer dicken Daunenjacke über dem schwarzen Trauerkleid, die Straße hinunter lief und keinen Blick hinter sich warf. Hatte sie mich gesehen? Ich wusste es nicht und rannte ihr hinterher.
Hätte ich mich umgedreht, hätte ich sehen können, wie Coffee und Emelli flohen. Sie rannten die Straße entlang und verschwanden um eine Ecke. Eine Familie kam mir Hand in Hand entgegen und ich konnte des Vaters nervösen, ängstlichen Augen sehen, wie er mich kurz ansah und dann mit einem leichten Schweißgeruch an mir vorbei brauste. Seine Haare über den roten Ohren wehten im starken, kalten Wind.
Ich hatte die Augen zu zwei kleinen Schlitzen zusammengekniffen und hielt mir eine Hand an die Stirn, um nicht von den Sonnenstrahlen geblendet zu werden. Ich konnte es nicht fassen. Während ich in einer dicken Winterjacke steckte und meinen Kopf gegen eine starke Kältefront gewappnet hatte, schien die Sonne mit ihren erbarmungslosen Strahlen hinunter. Der Sand wurde durch den Wind aufgewirbelt und brasste gegen mein Gesicht. In jedem Winkel piekste es und durchfuhr mein Gesicht mit einer ungewohnten Empfindsamkeit. Als wäre ich zum ersten mal in einer derartigen Kälte.
Natürlich bist du das, wie viele Menschen haben schon die Sonne so prall vom Himmel scheinen sehen, während ihnen ein starker Südwind entgegen bläst?
Ich sah nach rechts und konnte gerade noch erkennen, wie Sara um die gleiche Ecke verschwand, wie Emelli und Coffee. Ich folgte ebenfalls dem Weg und ging allerdings Richtung Stadttor.
Ich war noch einige Meter entfernt, als sich ein etwas älterer Mann, etwa um die fünfzig, an mich klammerte und „Der Teufel wird uns holen, der Teufel wird uns holen!“ vor sich hin schwafelte, aber seine unglaublich entsetzten Augen würde ich nie vergessen. Und da stand er, Albert Wesp, mit einem Fernglas in der Hand und starrt in die Leere hinaus. Doch dort bäumte sich eine riesige Staubwolke auf und wirkte wie ein Felsen am Horizont.
„Was ist das?“, fragte ich staunend, obwohl ich die Antwort eigentlich schon kannte.
„Sehen Sie es sich selbst an, Sir“, antwortete Albert und reichte mir das Fernglas. Ich nahm es und riskierte einen Blick. Ich legte die zwei Gummiringe an meine Augen und sah hindurch.
Ich
konnte einen mächtig großen Wolf erkennen, den ich schon einmal gesehen
hatte. Ich hatte ihn in einem schwarzen Dorf gesehen, es war der
Mutant. Ligion. Rechts von ihm rannte ein riesiges Heer von Wölfen und
hoben sabbernd die Lefzen. Ihre blutrot leuchtenden Augen sahen starr
geradeaus und schienen sich auf einen ganz bestimmten Punkt zu
konzentrieren.
Links von Ligion waberte eine hundertköpfige Armee
von den Schattenmonstern über den Sand. Diesmal waren sie bewaffnet.
Sie trugen riesige Schattenäxte bei sich, die diagonal von einer
Schulter zum Becken gehalten wurden, wenn diese Dinger überhaupt so
etwas besaßen.
Und Ligion, der größte und gefährlichste aller Monster, fauchte und jauchzte, er sabberte und geiferte und er sah mit einem Todesblick der Stadt entgegen.
Ich nahm das Fernglas von den Augen und schaute ihn verdutzt an. „Was sollen wir jetzt machen?“, fragte ich ihn flüsternd. Und ich hatte plötzlich das Gefühl mit Albert Wesp auf einer Wellenlänge zu sein, mit ihm in Verbindung zu stehen, genau wie ich mit Coffee in Verbindung stand und wie ich mit Sara auf dem Sonnenhügel in Verbindung gestanden war. „Wir müssen nach Vitalis“, sagte ich dann schließlich, nachdem ich darüber nachgedacht hatte, ob er gehen würde oder nicht, schließlich war er ein Osaris, der letzte oder einzige seiner Art.
„Warum?“, fragte er und runzelte die Stirn.
„Weil ich davon geträumt habe, von Vita“, antwortete ich und sein Gesichtsausdruck schien sich zu erhellen.
„Ich auch. Ich habe von Vita geträumt, dem Haus.“
„Hast du auch so ein unheimliches Wesen hinter dir, das dich zu verfolgen scheint?“
„Nein, nur dieses Haus. Es steht in meinem Traum auf einer Wiese, auf der an manchen Stellen Sonnenblumen wachsen und keine einzige Regenwolke bedeckt den Himmel. Nur ich und dieses leerstehende Haus mit der Aufschrift Vita. Und ich werde mit dir kommen.“
Ich ließ das Fernglas zu Boden fallen und drehte mich um. Albert sah noch einen Moment den aufgewirbelten Staub an, der wie ein Felsen wirkte.
„Wir stellen ihnen eine Falle“, sagte er dann.
„Eine Falle?“
„Ja.“
Er führte mich zur Alc. Line. Es wirkte alles wie ausgestorben. Erst vor wenigen Minuten rannten alle Menschen wie wilde Stiere durch die Straßen und nun waren sie verschwunden. Im Alc. Line lagen heruntergeworfene Bierflaschen und Schnapsgläser auf dem Boden. Halbvolle Biere lächelten mich an, die markenfrei dastanden und vor sich hin sprudelten.
„Was wollen wir hier?“, fragte ich ihn.
„Das wollen wir“, antwortete er und deutete auf das Gitter neben der Bar. „Dort drin befindet sich die ultimative Waffe. Das ist die Büchse der Pandora, das Verderben, unsere Rettung oder ihre Vernichtung, kommt darauf an, wie man es sich ansieht.“
Schönheit liegt im Auge des Betrachters.
Albert kramte einen Schlüsselbund aus seiner linken Hosentasche. Erst jetzt fiel mir auf, dass er immer noch in einem T-Shirt herumlief, anstatt in einer dicken Jacke, wie alle anderen auch. Er begann die Schlüssel abzuzählen und sah mich hin und wieder nervös an. „Ich weiß, ich weiß“, sagte er dann immer.
Als er einen eine Weile zwischen den Fingern hielt, bemerkte er: „Aha!“ Er nahm ihn, steckte ihn in das Vorhängeschloss und drehte ihn zweimal. Anschließend nahm er es heraus und öffnete das Gitter, er nahm die Box heraus und stellte sie auf die Theke. Dann zählte er einen zweiten Schlüssel heraus und öffnete das Schloss an der Kiste. Und als er die Klappe nach oben hob, bekam ich ein anziehendes Gefühl und wollte hineingreifen. Es zog mich an, beraubte mich meiner Sinne und bestahl mich meiner Gefühle. Der Inhalt sah mich wohlwollend an und bettelte darum, dass ich es herausnahm und mir aufsetzte. Das Flüstern in meinem Kopf bewegte mich immer mehr dazu.
Na los, hol es dir, nimm es heraus und setze sie auf. Du brauchst einfach nur hineinzugreifen und sie dir nehmen. Setze sie auf und du wirst der mächtigste Mann auf Erden sein. Alle wird dir zu Füßen liegen, wird dich vergöttern und verehren. Nimm sie und dann wirst du die Macht der Vollkommenheit erlangen, wirst alle Ungerechtigkeit zerschlagen und Hungersnöte und Armut beseitigen, du kannst alles tun, was du willst.
„Weißt du, warum ich diesen Schlüssel besitze?“
Abwesend schüttelte ich den Kopf.
„Weil ich gegen diese verdammten Stimmen immun bin, hast du mich verstanden? Ich bin immun dagegen, aber du nicht, also hör nicht auf sie, sie sind böse!“
Der trampelnde Ton der Armee Legions kam näher, wurde lauter und der Bass, der die Erde erzittern ließ, auf der wir standen, machte mich wahnsinnig, denn er hinderte mich daran, die Stimmen genauer zu hören.
Nimm sie heraus und setze sie dir auf, nimm sie dir einfach. Du musst nicht wählen oder entscheiden, du bist du selbst.
Lass es sein, Peteboy! meldete sich Eddies Stimme. Von den Drogen bist du auch runtergekommen, also wirst du doch wohl auf dieses alberne Ding verzichten können.
Ja, das kann ich.
Kannst du nicht, Peter, du musst einfach nur hineingreifen und sie dir aufsetzen, tu es JETZT!
Die leuchtende, goldene Maske, die in der Kiste lag sah mich mit zwei schwarzen Löchern für die Augen an und glimmte. Vielleicht war es nur reflektierendes Licht, aber das glaubte ich nicht. Das Glimmen kam aus dem tiefsten Inneren des Goldes und zog mich an, es erzeugte diese Stimmen und machte mich wahnsinnig. Es machte mich süchtig.
„Dieses Gold ist verflucht! Es wurde in einer Mine gefunden, in der es von Widergängern nur so wimmelte, Ronald. Lass uns gehen, die Stimmen werden Ligion und sein Gefolge schon anlocken. Glaub mir und jetzt komm!“
Nein, geh nicht, du musst bleiben, du musst sie aufsetzen und dich an der unendlichen Kraft der goldenen Maske laben, tu es und du wirst es schon sehen. Du wirst Dinge verändern können, die dir nicht gefallen, du dir nicht zusagen, die dich stören. Tu es einfach!
Peteboy, du weißt ganz genau, dass du das nicht machen darfst, oder hab ich etwas Unrecht?
Du hast Recht, ich darf nicht und werde nicht.
DU WIRST NICHT? DU WIRST NICHT? DENKST DU, DU DARFST DICH ENTSCHEIDEN? DENKST DU ETWA, WIR LASSEN DIR DIE FREIHE AUSWAHL? NEIN, WIR LASSEN KEINE SPIELCHEN MIT UNS SPIELEN, WIR SIND MÄCHTIG UND MACHT IST ETWAS SO UNVORSTELLBARES FÜR DICH, DASS WIR DICH LEHREN MÜSSEN. DU MUSST ERFAHREN, WAS ES HEISST MÄCHTIG ZU SEIN! DU WIRST ES ERFAHREN UND WIR WERDEN ES DICH LEHREN, HAST DU VERSTANDEN? NIMM DIR DIE MASKE UND WERDE GLÜCKLICH ODER LASS ES SEIN UND STERBE WIE EIN UNGLÜCKLICHES ARSCHLOCH!
Du weißt, was du zu tun hast, Peteboy. Das weißt du doch, oder?
Ja, ich muss gehen. Einfach nur gehen und nicht auf die Stimmen hören.
WENN DU JETZT GEHST, DANN WIRST DU ERBÄRMLICH STERBEN!
Ich drehte mich um und ging steif die zweiflüglige Tür hinaus, die hinter mir ein irrelevantes Geräusch abgab, während sie schwang und Albert hinter mir heraustrat.
Er sah mich an und atmete tief durch. „Es ist zu spät. Sie sind schon fast da. Die Zeit reicht nicht aus.“
„Zeit…spielt keine Rolle, Albert.“ Ich hatte diesen Spruch im Kopf und er fiel mir wieder ein, als Albert Wesp das Wörtchen Zeit gesagt hatte.
Zeit. Was bedeutet Zeit überhaupt? Eine unaufhaltsame Abfolge von unaufhaltsamen Geschehnissen, die alle von einem Produkt unserer gemeinsamen Imagination abhängig sind? Zeit, eine Illusion der menschlichen Rasse, des menschlichen Denkens? Bilden wir uns die Zeit nur ein, um mit unserem Leben besser klar zu kommen, in dem im Laufe der Zeit sich alles verändert. Verändert sich etwas fortwährend oder nur weil die Zeit überhaupt existiert? Würde die Zeit nicht existieren, würde sich dann auch alles verändern? Wenn die Zeit nicht existieren würde, dann wären wir heute noch in der Steinzeit und würden nackt als kleine Babys auf dem Boden herumkriechen und nach Nahrung suchen, die wir allerdings nicht finden werden, aber da es keine Zeit gibt, werden wir auch nicht sterben, also ist es eine Folgerung der Wiederholung. Anstatt der Playtaste, hatte jemand die Repeattaste gedrückt und sieht sich immer wieder den gleichen Abschnitt eines Films an.
Ich setzte mich auf die Treppe vor der zweiflügligen Tür und irgendwie hatte ich das Gefühl Hilfe zu bekommen. Aber ich konnte noch nicht sagen, von wem.
Das Donnern der näher rückenden Armee wurde immer lauter und schien mich verrückt zu machen. Es bohrte sich bis tief in mein Nervenzentrum hinein und schien sich durch meine Zellen hindurch zu fressen, als wären es Snacks die man an einem Kiosk für einen Dollar kaufen konnte, nur mit dem kleinen Unterschied, dass es sie in meinem Kopf kostenfrei gab. Die Staubwolke war näher gerückt, nun konnte ich sie von diesem Standpunkt aus sehen. Sie erhob sich hinter den mir den Blick versperrenden Häusern, die leer stehend vor sich hin pfiffen. Der kalte Wind raste durch die Atmosphäre und schmerzte in meinem Gesicht, aber ich hatte eine innere, spirituelle Wärme erhalten, die mich zu schützen schien, aber ich konnte mir nicht erklären, woher sie stammte. Das andauernde Donnern kam näher und entwickelte sich zu einem ständigen, lauten Knall, der einfach nicht verhallen wollte. Langsam kam mir in den Sinn, dass niemand kommen würde um uns hier heraus zu holen, denn niemand wusste, dass wir da waren und ich konnte sehen, wie Ligion und sein Gefolge uns gefangen nahmen und in die Festung Legions brachten. Eine schreckliche Zukunftsvision und ich wollte mir überhaupt nicht die Qualen vorstellen, denen wir unterzogen werden würden. Aber ich bewahrte die Haltung und blieb völlig ruhig und gelassen.
Du bist cool, Peteboy, ganz cool!
Die psychische Unterstützung von Eddie half mir und ich nahm sie dankend an. Er sprach mit mir in Moment, in denen ich nicht wusste, was ich sagen sollte, er sprach mit mir, in Momenten, in denen ich in Not war und er sprach mit mir, in Momenten der Liebe, in denen ich mich keinen Zentimeter bewegen konnte. Aber all diese Stimmen waren erst seit einem Zeitpunkt in meinem Kopf. Seit ich in die Geheimnisse einer fremden Welt eingeweiht wurde. In meiner Realität hatte nie die Stimme eines alten Freundes zu mir gesprochen und mir einen Tipp gegeben, der niemals von mir stammen konnte und in alten Zeiten hatte sich kein Mr. Smith in meine Gedankengänge eingemischt und seinen Senf dazu gegeben. Früher entschied ich noch alleine darüber, was ich tat und was nicht. Früher war noch das Schicksal für mich verantwortlich, aber seit diesem unnatürlichen Beben hatte ich das Gefühl, dass das Schicksal gescheitert war und endgültig vernichtet worden war. Aber konnte man das Schicksal überhaupt vernichten? Hing das Schicksal nicht mit der Zukunft zusammen? Ich wusste es nicht. Aber vielleicht bekäme ich noch Antworten, wie ich mir stumm einredete.
Wieder war die riesige Staubwolke ein Stückchen näher gerückt.
Warum musst du immer so sentimental werden, wenn der Tod ein Stückchen näher rückt und dir an der Schuhsohle klebt, hä? Peteboy? Komm schon, halt jetzt aber mal die Luft an. Denkst du etwa, ich bin ein Produkt deiner Imagination? Ich bin ich und nicht ein Teil von dir, hast du das verstanden, Peteboy?
Ich weiß nicht. Du sagst, du bist kein Teil von mir?
Ja.
Was bist du dann?
Ich bin ich, wie schon gesagt, aber ich konnte meine Spiritualexistenz in deine einschleusen, sodass wir jetzt in Kontakt stehen, aber das funktionierte nur, weil du in diese Welt gekommen bist. Glaub mir, für deine Eltern war das schon eine schwerere Angelegenheit. Sie mussten erst an zwanzig oder dreißig Wächtern vorbei und für Smith war es wohl am schwersten. Der hat sich einfach an deinen Sicherheitskontrollen in der spirituellen Ebene durchgeballert. Das kennst du ja, erst schießen, dann fragen stellen. Auftragskiller eben. Aber dieser hatte einen Fehler gemacht: Er war in das falsche Auto gestiegen. Denk mal nach, dieser Smith kommt nicht von irgendwo, er ist ein Auftragskiller. Und du wirst dir doch wohl denken können, von wem der beauftragt wurde.
Von Legion.
Ganz genau. Und dieser wiederum wusste natürlich nicht, dass Smith so blöd sein würde und ein Auto klaut, dessen Besitzer ein Magier ist, der seine Fähigkeiten gegen Legion einsetzt. Allerdings wusste dieser Magier nicht, dass Smith ein Gefolgsmann von Legion ist und verzichtet darauf, seine Fähigkeiten einzusetzen, schon alleine, damit seine Tarnung in deiner Welt nicht auffliegt. Und schwups die wupps sitzt du in dieser Karre, neben dir ein Killer und vor euch liegt die Straße, die euch zu deinen Eltern führt, die er umbringen wird.
Albert Wesp riss mich aus meinen Gedanken und tippte mir auf die Schulter. „Sie kommen, sie sind da.“
Ich sah mich um und erkannte, dass sich die Staubwolke in mehrere Abschnitte aufgeteilt hatte. Sie hatten Gruppen gebildet und durchforsteten die Stadt. Aber niemand außer mir und Albert Wesp war da.
Und ich konnte wieder dieses flüsternde Schreien hören. Ich weiß, es hört sich ein wenig merkwürdig an, aber es war ein flüsterndes Schreien.
LOSS, KOMM HER, NIMM DIR, WAS DIR ZUSTEHT, GREIFE HINEIN UND NIMM DIR, WAS DIR ZUSTEHT. DU MUSST ES DIR EINFACH NUR NEHEMEN.
Nein, ich werde nicht.
BITTE, NIMM UNS WENIGSTENS VON DIESEM BÖSEN ORT WEG, WIR WOLLEN NICHT VERNICHTET WERDEN, WIR WOLLEN GENAU WIE DU LEBEN!
Leben ist etwas, das ihr nicht dürft.
ABER DU KANNST UNS NICHT STERBEN LASSEN!
Oh, doch.
Ein endloser, innerer Konflikt tobte in meinem Kopfe und wollte einfach nicht verhallen. Sie sprachen und versuchten mich zu überreden, ihre dämliche Maske aufzuziehen, die goldene Maske des Wahnsinns. Aber ich hielt stand, wie Eddie Nero gesagt hatte. Es konnten mich keine zehn Pferde dazu bewegen, hinein zu gehen und mir diese Maske unter den Nagel zu reißen.
Aber aus irgendeinem Grund wollte ich sie trotzdem nehmen. Ich konnte nicht anders, ich musste sie haben.
Es war schon zu spät, die Wolfsarmee kam die Straße entlang und erblickte zwei, auf der Straße stehende Männer. Ich ging ins Alc. Line zurück und griff in die Kiste. Ich musste es tun, mir blieb keine andere Wahl, keine Entscheidungsmöglichkeit, sie zwang mich.
Und als ich sie auf mein Gesicht setzte, schien sie sich anzupassen, meine Züge anzunehmen und ich wollte mich in einem Spiegel sehen, denn es schien so, als wäre nun diese Maske meine Haut. Ich konnte normal atmen und sehen, nichts beeinträchtigte mein Sichtfeld.
Albert Wesp stürmte herein. „Was hast du vor?“ Und als er mich sah, schien er zu erstarren. Er schaute mich an und seine Augen weiteten sich zu zwei Schreckenskugeln, die ich nie in meinem Leben vergessen würde.
Das Donnern der anrückenden Armee würde lauter und ich konnte selbst nicht hören, was ich zu Albert sagte. Meine Lippen bewegten sich, aber ich blieb stumm. Ich hatte bemerkt, dass ich mich stärker und viel lebendiger fühlte, nicht mehr niedergeschlagen oder ängstlich. Ich war plötzlich voll gepumpt mit Pessimismus. Es erfüllte mich von meinem kleinen Zeh, bis in mein dünnstes Härchen. Plötzlich fühlte ich mich philosophisch veranlagt, verspürte den Drang zu reimen und zu dichten, wollte ein Poet sein und Shakespeare die Hand schütteln. Aber zum Wort an Wort fügen war keine Zeit.
Zeit spielt keine Rolle, Peteboy, vergiss das nicht. Nur nicht hetzen.
Das hatte Elizabeth Duncan gesagt, aber nur weil sie aus Vitalis stammte, hieß das nicht, dass sie mit allem Recht hatte, was sie sagte, besonders nicht mit der Zeit.
Meine Oberarme schienen angeschwollen zu sein. Als hätte ich den ganzen Tag schwere Möbel durch die Straßen getragen. Meine Finger schmerzten ein wenig, aber ansonsten ging es mir gesundheitlich bestens. Der medizinische Teil war okay, aber wie sah es mit dem psychischen und spirituellen aus?
Der Spiritualabschnitt ist in Ordnung, was den Psychokram angeht, na ja, ich habe keine Ahnung mit dieser komplizierten Sache.
Eine große Hilfe war Eddie. Aber immerhin hatte er mir in letzter Zeit schon oft aus der Patsche geholfen. Er war praktisch das Auge in meinem Hinterkopf. Aber aus dieser Klemme brachte mich nicht einmal sein ausgedehntes Denken. Ich musste Abhilfe schaffen.
WIR VERSPRECHEN DIR, DIR ZU HELFEN, WENN DU UNS VERSPRICHST, DASS DU UNS NACH DIESER SACHE VON DIESEM ORT WEG BRINGST.
Das ist ein guter Deal!
Ich konnte spüren, dass Eddie etwas sagen wollte, aber er schien es sich zu verkneifen. Ich trat aus der Schwingtür heraus und sah in beide Richtungen. Ohne dass es mir aufgefallen war, war das Donnern verstummt. Sie hatten mich umzingelt. Wölfe und Wölfe und zwischen ihnen auch vier bis sechs dieser bewaffneten Schattenwesen. Ich hatte nicht den blassesten Schimmer, wie ich aus dieser Situation herauskommen sollte. Umzingelt von etwa zweihundert, in Reihen aufgestellten Wolfsreplikanten, die eigentlich überhaupt keine Wölfe waren und noch irgendwelchen Schattendingern, die mit gefährlich aussehenden Äxten bewaffnet waren. Keine guten Aussichten für Peteboy.
Irgendwelche Vorschläge, Eddie Nero, alter Freund?
Die Maske, benutze sie. Sie haben dir ihre Hilfe angeboten. Sie haben es versprochen. Ein Versprechen ist so etwas wie ein Schwur bei diesen Dingern. Wenn sie ihr Versprechen nicht einlösen, sind sie so lange gefangene Diener, die demjenigen dienen müssen, dem sie das Versprechen gegeben haben, bis sie es erfüllt haben. Sie werden in dieser Zeit in einer Zwischensphäre eingesperrt, was soviel heißt, wie dämonischer Müllcontainer.
„Okay, was soll ich tun?“, fragte ich flüsternd.
„Sie bleiben da stehen und machen überhaupt nichts, Mr. Mathews.“ Ein Mann in einem hautfarbenen Anzug kam zwischen den Reihen der knurrenden Wölfe auf mich zu gelaufen. Sein Gesicht wirkte wie eine Silikonmaske, die um ein paar Millimeter verrutscht war. „Kennen Sie mich noch? Wir sind uns am Außenposten des dunklen Lords begegnet, in der dunklen Stadt.“
„Ja, natürlich erinnere ich mich daran, ich werde nie den Anblick vergessen, wie Sie von dieser Schrottkarre platt gefahren wurden.“ Ich lächelte, wobei ich mir nicht sicher war, ob man dieses Lächeln unter der goldenen Maske sehen konnte.
„Humor haben Sie also auch?“
„Hm-Hmm. Jede Menge.“
Dann sagte er in einem gleichgültigen, befriedigenden Tonfall: „Tötet ihn!“ Er deutete mit dem rechten Zeigefinger auf mich, der etwas krallenartiges an sich hatte, dass ich mir nicht genauer ansehen konnte, denn innerhalb von fünf Sekunden stürzten mehr als dreißig Wölfe auf mich, die mich unter ihnen begruben, als wäre ich in einem schlechten Wrestlingmatch gelandet, in dem jeder gegen jeden kämpft.
Aber die goldene Maske bewirkte, dass ich mich winden und einen Arm ausschlagen konnte, sodass drei Wölfe winselnd durch die Luft zischten und an der Fassade eines Hauses landeten, an der sie drei Abdrücke hinterließen. Beton bröckelte ab und landete kullernd auf dem Sand. Ich drehte mich wieder und versuchte mich mit einem Bein auf dem Boden abzustützen. Anfangs konnte ich nicht, da einer dieser Horrorwölfe meine beiden Beine blockierte, dann schien etwas passiert zu sein und er hatte sich entfernt. Ich stellte zuerst mein linkes Bein auf, dann mein rechtes. Ich war nun in einer nicht ganz richtigen Position für eine Hocke, aber das musste genügen. Ich ging noch ein paar Zentimetern tiefer in die Knie und stieß mich dann mit aller Kraft ab.
Ich dachte ich könnte fliegen. Hinter mir zischten die Wolfswesen in alle Himmelsrichtungen und landeten quietschend im Sand. Ich hob beide Arme und ballte die Hände zu Fäusten, sodass ich wie Superman wirkte. Ich konnte fliegen. Natürlich wusste ich, dass dies nicht von Dauer sein würde, aber ich genoss diesen Augenblick der Freiheit und Sicherheit. Und so, als hätte mir am Flughafen ein Gepäckstück gefehlt, bemerkte ich, dass ich etwas vergessen hatte.
Albert!
Ganz genau, ich hatte ihn einfach vergessen, ich Dummkopf! Er saß da unten, zwischen all den Wölfen und Monstern und ich hatte ihn einfach im Stich gelassen.
Hey! Du bist der Puzzlemann, aber im Moment bist du erst einmal Supermann, verstanden? Hol ihn da raus!
Natürlich! Im Moment war ich noch Supermann, diese Zeit musste ich ausnutzen, ich konnte nicht einfach zuschauen, während sie ihm die Gedärme herausrissen und sich dann sein warmes Gehirn ins Maul stopften. Das wäre makaber und unnatürlich, aber gleichzeitig auch falsch und ganz alleine mein existenzialisches Denken wäre daran schuld gewesen. Ich hing nun mal am Leben, aber nicht in diesem Augenblick. Ich wollte mich aufopfern, um ihn zu retten, der bestimmt ohnmächtig geworden war und jetzt dort unten happenweise verspeist wurde. Ich wollte ihn nicht sich selbst überlassen und für sein sterben verantwortlich sein, dass konnte ich nicht. Denn an diesem Tag waren schon wieder genug Menschen gestorben. Harold Lancaster hätte nicht sterben müssen, was ich glaube, er auch nicht getan hat, und Albert Wesp ist ein guter Mensch, der erstrecht nicht sterben sollte.
Ich versuchte mich zu drehen. Als erstes paddelte ich mit den Armen und verhielt mich wie ein Frosch in einem Tümpel, dann versuchte ich mich zu strecken, was auch nicht funktionierte. Schließlich stellte ich es mir in Gedanken vor, wie ich herniederbrauste und die Wölfe von Albert herunterriss, ich stellte mir vor, wie ich sie an ihren hässlichen Schnauzen packte und die Straßen entlangschleuderte. Als hätte ich einen Zauberspruch angewandt, drehte sich mein Körper wie von Geisterhand Richtung Erdboden und ich begann mit einer unglaublichen Geschwindigkeit nach unten zu fliegen, wie ein schwerer, großer Granitstein.
Der Wind brauste um meine Ohren. Er pfiff mir regelrecht ein Lied in den Kopf und ohne dass ich es bemerkte, wurde ich langsamer und das Pfeifen wurde leiser, der Wind schwächte ab und der Erdboden begann nicht mehr näher zu kommen. Alles wurde plötzlich farblos und eindruckslos, die Welt schien zu verschwimmen und alles in einem unheimlichen Grauton zu verschlingen. Und mir kam ein grausamer, hinterlistiger Gedanke: Diese blöde Maske hatte mich in ihren Bann gezogen und mich von innen heraus gefressen. Sie hatten mir versprochen mir zu helfen, wenn ich ihnen helfen würde. Nun gut, ich hatte ihnen geholfen von diesem Ort zu verschwinden, genau wie sie mir geholfen hatten, von dort zu verschwinden. Sie hatten was sie wollten und ich hatte was ich wollte.
Kopfschmerzen breiteten sich aus und ich begann wieder zu fallen. Eher glitt ich hinunter, die Erde kam langsam näher und schien mich überhaupt nicht zu ängstigen, wie sie es getan hätte, wenn ich mit sechzig Sachen runtergekommen wäre. Und als meine Beine den Sand erreichten, war es ein erleichterndes Gefühl. Schwerelosigkeit war nicht gerade meine Lieblingssimulation bei der NASA. Na ja, eigentlich war ich noch nie dort gewesen und ich kannte das Gefühl der Schwerelosigkeit auch nicht, aber das Fallen war schlimm. Man fiel und fiel und es wurde klar, dass egal wie man zappeln und sich bewegen würde, der Tod kam unaufhaltsam auf einen zu und man wusste, niemand konnte jetzt mehr helfen, außer vielleicht irgendein Trick aus einem James Bond Film. Aber in der realen Welt kam der Tod unaufhaltsam in einem Güterzug auf einen zu, nur um wieder eine Seele mehr platt zu machen, die er in einen Kerker stecken konnte und dann für immer leiden lassen konnte.
Die Wölfe hatten einen Kreis um mich herum gebildet. Meine kleine Show musste sie beeindruckt haben. Ligion wanderte hinter der ersten Reihe um mich herum im Kreis und beobachtete mich mit einem Knurren. Die Augenbrauen, die früher einmal hellbraun gewesen waren und jetzt dunkelgrau, waren zusammengezogen und die lichtreflektierenden Augen fingen die Helligkeit ein, die noch vorhanden war, denn die riesige, felsenartige Staubwolke hatte die Sonne verdeckt, die hinter der Fassade wie ein gelbes Auge wirkte, das alles skeptisch mit ansah. Würde man sich die Sonne als einen Menschen vorstellen, dann könnte man wohl sagen, sie ist ein Egoist. Sie glüht und flammt, keiner kann an sie heran und sie lässt niemanden an sich heran, sie alleine sorgt für sich alleine und braucht niemand anderen, auch wenn sie unabsichtlich einen fremden Planten mit Licht versorgt und man Sonnensystem sagt, anstatt Planetensystem.
Aber die auf mich herab scheinende Sonne war mein kleinstes Problem. Diese Armee, diese kleine, von Legion ab gesandte Armee machte mir zu schaffen, die mich umzingelt hatte. Nirgends konnte ich Albert sehen und keinen einzigen menschlichen Laut vernahm ich.
Sand rutschte in die Taschen meiner Winterjacke und es raschelte ein wenig, das einzige Geräusch in der barbarischen Ruhe vor dem wilden, brausenden Sturm. Ich fragte mich, auf was sie warteten. Mich umzingelt standen sie da und sahen mich hungrig und abgemagert an. Ich konnte in ihren Augen lesen, dass sie seit mehr als einer Woche nichts mehr gegessen haben mussten. Aber warum stürzten sie sich nicht auf mich und zerfetzten mich, so wie sie es – so vermutete ich – mit Albert Wesp getan hatten?
Eine kalte Bö blies mir die Haare aus der Stirn und kühlte meine pochenden Augen etwas ab, die sofort zu einem Doppelpochen angeregt wurden – gm-gm.
Und nun erst stellte sich mir die Frage, warum ich zugesagt hatte. Warum hatte ich nicht einfach gesagt, dass ich nicht mitkommen wolle, als mich Martin gefragt hatte? Warum hatte ich nicht gesagt, dass mich jede menge Polizisten suchen würden? Warum hatte ich ihm nicht gesagt, dass ich gewisse Verpflichtungen gegenüber der menschlichen Zivilisation und meiner Existenz hatte?
Weil du es nicht wolltest, Peteboy, weil du es nicht wolltest.
Stimmt, weil ich es nicht wollte. Nun saß ich da, hatte mir dieses Schlamassel eingebrockt und wusste nicht, wie ich es wieder auslöffeln sollte, denn ich war alleine gegen vierhundert. Nicht gerade fair, aber die Welt ist nie fair, wie mein alter Herr immer gesagt hatte, bevor ein Mann namens Smith ihn erschossen hatte.
Jetzt schwärz ja nicht mich an, Kleiner! entgegnete Mr. Smiths Stimme dröhnend in meinem Kopf, worauf das Pochen für einige Augenblicke aussetzte und mich kurz nachdenken ließ, aber egal wie ich meine Gehirnzellen anstrengte, ich kam auf keine Lösung. Ich war umzingelt, alleine und niemand konnte mir helfen. Die Polizei suchte mich in meiner Welt, meine Eltern waren tot und nicht einmal ihre Stimmen halfen mir und Eddie Nero unterstützte mich ebenso wenig.
Und ein vertrautes Geräusch drang an meine Ohren und mir wurde klar, warum sie mich nicht angegriffen hatten, denn Ligion kannte dieses Geräusch zu gut. Wölfe haben ein besseres Gehör als Menschen, deswegen konnten sie es auch früher vernehmen als ich und deshalb ließen sie mich in Ruhe – zumindest zeitweise.
Das mir bekannte Geräusch kam näher, schlich sich heran und wurde lauter, brummte auf und gab ein Dröhnen von sich. Es wirkte wie ein einziges Flüstern in einer stürmischen Nacht. Diese Situation erinnerte mich daran, wie ich mit vier Freunden im Keller gesessen bin, als ich vierzehn war und wir alle einen Joint in der Hand hatten. Wir hörten ein Motorengeräusch und alle blieben ruhig sitzen, sogar unsere Atmung schien ausgesetzt zu haben. Das Motorengeräusch kam näher und wir alle hatten den gleichen Gedanken: Polizei. Ich stellte mir damals vor, wie ein Polizist mit dem Namen Jeffrey Drugs hereinkommen und sagen würde: „Hiermit konfisziere ich alle Drogen und andere unerlaubten Habseligkeiten und fahre euch höchstpersönlich zu euren Erziehungsberechtigten“, was in meinem Fall meine – Gott habe sie selig – Eltern gewesen wären, die knallhart auf Drogen reagierten und mich erst einmal für fünf Wochen in mein Zimmer gesteckt und den Schlüssel in einer kleinen Schmuckschatulle verwahrt hätten. Eddie Nero hätte er zu seiner Großmutter gebracht, die ihn unheimlich gerne loshaben wollte, da er nur Scheiße baute, die sie immer wieder in Schwierigkeiten brachte, demnach hätte sie ihn in ein Heim für schwererziehbare Kinder gebracht und wäre für immer verschwunden. Ich konnte mir damals bildlich vorstellen, wie sie eine Party veranstalte, mit dem Titel ENDLICH BIN ICH IHN LOS! und wie wild auf einem Parkettboden in einer großen Halle mit einem zwanzig Jahre jüngeren Mann tanzte. Aber nichts dergleichen geschah. Während das Motorengeräusch noch langsam an uns vorbei zu schleichen schien, unterbrach Eddie die Stille, indem er an seinem Joint zog, was ein foppendes Geräusch erzeugte. Wir alle hatten uns erschrocken zu ihm umgedreht, worauf er angefangen hatte zu lachen und sich den Bauch zu reiben. Wir waren an diesem Tag dermaßen high, dass wir nicht einmal wussten, wo oben und unten war. Drei Stunden später kotzten wir uns die Seelen aus den Leibern und ich stellte mir vor, wie meine Mutter sagte: „Da, sieh nur, was du davon hast, kleiner Mann!“
Aber dieses Motorengeräusch bahnte sich einen Weg durch die Menge und die Wölfe wichen ängstlich vor dem nachtblauen Mercedes zurück, der wie ein Anführer durch die gespaltenen Reihen fuhr.
Er fährt nicht, Peteboy, er cruist!
Er kam auf mich zu, näherte sich dem Mittelpunkt. Ligion verbarg sich immer noch hinter der ersten Reihe. Hinter mir konnte ich ein Husten hören. Es war ein menschliches Husten, das sich anhörte, als hätte jemand aus Versehen Staub eingeatmet. Er wanderte hinter der ersten Aufstellung seiner Truppe umher und beobachtete mich mit zwei geduldigen, lichtreflektierenden Wolfsaugen und machte sich, wie es schien, Gedanken darüber, wie er mich am liebsten fressen würde. Aber er hatte zuviel Angst vor dem nachtblauen Mercedes, der mir schon einmal das Leben vor diesem blutrünstigen Monster gerettet hatte. Aber diesmal war es eine schwierigere Lage in der ich mich befand und ich konnte einfach nicht begreifen, warum dieser Mercedes es überhaupt tat und noch weniger konnte ich begreifen, wie dieser Mercedes selbstständig denken und ohne Benzin auskommen konnte. Und mir kam ein schrecklicher Hintergedanke: Was wenn dieses Auto gar nicht selbst dachte, sondern so etwas wie ferngesteuert wurde?
Ich schlug mir diese komplizierte Version aus dem Kopf. Alles um mich herum war so oder so schon ein kompliziertes Puzzle mit mehr als tausend Teilchen, die es galt zusammenzusetzen und der Puzzlemann ist auch nicht der Allmächtige. Er hatte auch nur zwei Hände und er konnte auch nicht übermenschlich denken, genauso wenig konnte er aus so einer Umzingelungsphase entkommen, die ihm den letzten Verstand geraubt hatte. Und genau für solche Situationen gab es die Unterstützung von lebendigen Autos, die immer dann aufkreuzten, wenn sie kommen sollten, so als würden sie über Telepathie gerufen werden. Drei der Schattenwesen spiegelten sich in den Fenstern des Mercedes’ und verpufften. Es gab ein leises, einheitliches Zischen, als sie in sich zusammenfielen und sich einfach in Luft und Licht auflösten.
Wieder ein Husten. Diesmal war ich mir sicher, dass es menschlichen Ursprungs war. Albert Wesps Lunge hatte dieses Geräusch produziert, dafür hätte ich sogar vor einem einheimischen Gericht geradegestanden. Es kam etwa aus der zweiten Reihe, aber mehr konnte ich auch nicht herausfinden, mit meinen ach so übernatürlichen Kräften und Fähigkeiten, die ich für alles und jeden einsetzen konnte, was natürlich ironisch und sarkastisch gemeint war. Und in diesem Moment bemerkte ich, dass ich keine Maske mehr trug. Sie hatte sich aufgelöst, war in tausende von kleinen Partikeln zerfallen und hatte sich in kleine, mikroskopischkleine Molekühle zerkleinert ohne dass ich es bemerkt hatte. Vor wenigen Augenblicken hatte ich sie noch auf der Nase und plötzlich war sie verschwunden, ohne dass ich es bemerkt hatte. Es war eine unheimliche Erfahrung, die ich an diesem Tag gemacht hatte, aber – wie heißt es noch so schön? – was einen nicht umbringt, macht einen nur härter.
„Peter!“, schrie Albert Wesp. „Peter, hier bin i-“ Etwas hatte ihn plötzlich daran gehindert zu schreien, hatte ihm den Mund zugehalten oder etwas hineingestopft oder ihm in die Magengruppe geboxt.
„Albert, ich komme, einen Moment!“, erwiderte ich. Das war leichter gesagt als getan. Ich hatte ihm versprochen zu kommen, also würde ich auch kommen. Ich stand auf, blickte mich um und stellte fest, dass es bis auf drei Schattenwesen, genauso viele Wölfe waren, wie zuvor. In diesem Moment sprang die Beifahrertür des Mercedes’ auf und ein Lächeln bildete sich um meinen rechten Mundwinkel, das ich einfach nicht zurückhalten konnte. Ich hatte in den letzten paar Stunden kein einziges mal gelächelt, aber in diesem Moment brachte ich eines zustande. Ich fragte mich, wie viel Zeit seit dem Temperatursturz vergangen war, ich schätzte es war erst eine Halbe- oder Dreiviertelstunde, wie dass immer ist. Man denkt, es ist eine Ewigkeit vergangen und in Wirklichkeit ist es erst ein bisschen und wenn einem etwas total schnell vorkommt, dann ist es in Wirklichkeit ein halber Tag oder mehr.
Ich ging auf den nachtblauen Wagen zu und stieg ein. Kein einziger Wolf, keiner von Legions Untergebenen, hinderte mich daran. Sie hatten zuviel Furcht vor diesem nachtblauen, denkenden Ungetüm, das brummend und bebend dastand und sie mit zwei Scheinwerferaugen anblickte. Der Motor heulte auf und das Gummi der Reifen grub sich einige Zentimeter in den Sand, bevor sie fassten und wir lossausten. Zuerst durchschnitten wir wackelnd den Sand und knallten dann auf zwei Wölfe, die mit den Köpfen zu versuchen schienen, das Metall der Motorhaube zu zerstören, was allerdings nach hinten losging. Sie wurden beiseite gerammt und wir bahnten uns einen Weg in die zweite Reihe. Nichts. Kein Albert Wesp. Keine menschliche Lebensform.
Ich wusste nicht, wovon ich da eigentlich redete! Albert Wesp war im Grunde genommen überhaupt nicht menschlich. Er war ein Abkömmling der Osaris, dem verloren gegangen geglaubten Volk. Aber für mich war er wie ein Mensch und in nur einer halben Stunde, seit ich mit ihm am Südtor der Stadt gestanden war, hatte sich zwischen uns eine Art vertrauliches Band gebildet, dass auf keinen Fall reißen durfte, wie ich im Gefühl hatte. Ich konnte es mir nicht erklären, aber es durfte einfach nicht durchtrennt werden.
Als wir die dritte Reihe durchquerten konnte ich etwas Hautfarbenes zwischen all dem Grau und Gelb erkennen.
„Halt! Halt!“, schrie ich und die Reifen kamen zum Stillstand. Das Auto schwankte ein wenig auf den Achsen, als es zwischen all den Wölfen stehen bleiben musste, aber es ließ sich nicht beeindrucken oder einschüchtern. „Zurück, nur ein Stückchen.“ Ich schrie nicht mehr. Es war nicht nötig und ich reizte nur ungern meine Stimmbänder und Lungenflügel, da ich sie für den heutigen Tag schon genügend verausgabt hatte. Sie brannten schon innerlich, standen in Flammen, die mich innerlich brieten. Aber so schnell gab ich nicht auf.
Ich schätzte, dass der Mercedes es auch gesehen hatte, denn er wendete automatisch, sodass wir in Richtung azurblaues Haus blickten, vor dem zusammengekauert ein Mann saß, der in einem T-Shirt und einer Jeanshose fehl am Platz wirkte. Albert Wesp hielt sich die Hände vors Gesicht und nagte an seinen Fingernägeln herum, die er immer wieder ausspuckte, um sie nich schlucken zu müssen. Vielleicht hoffte er sogar einen dieser grauen Wölfe zu sehen.
Aus der Vogelperspektive musste es wie ein graues Meer aussehen, dass sich in den Straßen der Stadt ausgebreitet hatte. Aber dass konnten wir nicht wissen, denn es gab keine Vögel, die über uns hinweg fliegen hätten können, um sich das ganze anzusehen, denn hier gab es noch nie Tiere, wie Harold Lancaster gesagt hatte, dieses Fleckchen Erde war im Laufe der Jahre unfruchtbar geworden und unwirtschaftlich. Die Farmen schienen in all den Jahren keine einzige Kirsche an den Bäumen gehabt zu haben und an Äpfeln mangelte es ebenso.
Das Lenkrad drehte ich neben mir. Das Gaspedal drückte sich selbstständig nach unten und der Motor heulte erneut auf. Ich wurde ein wenig in den Sitz gepresst, als sich die Reifen in Bewegung setzten. Wir drehten und kamen auf Albert zu, der immer wieder seitlich seine Fingernägel ausspuckte. Er schien uns überhaupt nicht zu bemerken. Der Wagen hielt so, dass ich die Tür aufmachen konnte, um Albert herein zu ziehen, und uns beide gleich wieder in Schutz bringen konnte. Ich warf ihn einigermaßen sanft auf den Rücksitz und so wie er da saß, tat er mir leid. Er hatte mein vollstes Mitgefühl.
Plötzlich musste ich wieder an Sara denken, die in ihrem schwarzen Trauerkleid in der Menge gestanden war und mir zugesehen hatte, als ich mich in das Haus Nummer 29 gewagt hatte. Ich fragte mich, ob sie in diesem Augenblick der Überwindung Mitleid empfand, ich fragte mich, ob sie sich in mich hineinversetzen konnte und es tat oder nicht oder einfach nur eine gedankenlose Zuschauerin war. Ich fragte mich in diesem Moment, in dem wir in einem nachtblauen Mercedes sitzend, der selbstständig denken konnte, zwischen den Reihen der blutdurstigen Wölfe wegfuhren und uns auf den Weg nach Vitalis machten, auf was diese ganze Sache hinauslaufen sollte. Ein unglaublicher Abschnitt in meinem Leben nahm gerade eine andere Wendung und ich fragte mich, wer meine vier Begleiter sein könnten, denn wie es schien, litt Albert Wesp an einem psychotischen Schock.
Saß auf dem Rücksitz und klemmte seine Hände zwischen die Oberschenkel, wahrscheinlich, damit er nicht mehr daran kauen konnte, denn wenn man sich so etwas erst einmal angewöhnt, dann kann man einfach nicht mehr damit aufhören, wie meine Mutter immer gesagt hatte, als noch kein Mr. Smith mit einer schallgedämpften Pistole gekommen war, um ihr das Gehirn weg zu pusten. Ein erneuter Schwall von Trauer überfiel mich und ich wollte mich in einer dunklen Ecke verkriechen und heulen. Ich wollte mir den Rotz über die Lippen laufen lassen, die Tränen meine Wangen hinunter kullern lassen und einfach nur heulen. Aber dazu hatte ich keine Gelegenheit, denn ich saß in einem Mercedes, der nu für fünf Personen Platz hatte und es gab keine dunkle Ecke und außerdem war ich nicht alleine, was meine Verfassung noch ein wenig weiter hinunter in den Keller zog. Ich fühlte mich ein wenig bedrängt. Seit der Nacht mit Sara auf dem Sonnenhügel hatte ich keinen engeren Körperkontakt mehr gehabt. Ich fühlte mich bis zu diesem Zeitpunkt noch zu niemandem hingezogen und ich wollte, wenn ich ehrlich bin auch keine Beziehung zu jemand anderem als Sara Miller.
Der Motor heulte wieder auf und die Reifen sprühten Sand in die Luft, der einige Wolfswesen in den Gesichtern traf und sich in das Fell einarbeitete. Sie schüttelten sich, versuchten den Dreck los zu werden – aber Sand kriecht in jede Ritze, egal wie oft man sich säubert oder ihn entfernt, er kriecht in jede Ritze.
Der Wagen holperte, als er einen größeren Wolf unter sich begrub. Ich schlug mir meinen Kopf an der Wagendecke im Inneren und ein bohrender Schmerz fuhr durch meinen Kopf hinab bis in meinen Hals, wo er zum Stillstand kam und ich einmal trocken schlucken musste. Mir war auf unnatürliche Art schlecht. Mein Magen fühlte sich an, als wäre ich in einem stark verrauchten Zimmer gesessen und hätte mit Freunden einige Stunden Poker gespielt. Ich hasste abgestandenen Rauch an verschiedenen Kleidungsstücken oder in Zimmern, es roch unangenehm und übelkeiterregend. Aber Zigarrenrauch war angenehm und ich genoss es, wenn ein Mitspieler sich eine in den Mundwinkel steckte und sie dann mit einem Streichholz anzündete und sich der wohlriechende Rauch sich im ganzen Zimmer verbreitete. Aber in diesem Auto roch es nach Tod. Es roch wie in einer Leichenhalle.
Wieder holperten wir über einen platt gefahrenen Wolf und für eine Sekunde ertönte die Hupe des Mercedes’. Ich vermutete, dass er geflucht hatte, konnte es aber nicht mit genauer Sicherheit sagen.
Aber nein, es war nicht Tod. Es war der Geruch eines Babys, das einen deftigen Stinker abgelassen hatte und jetzt weinend darum bettelte, jemand solle seine Windel wechseln. Aber niemand kam und niemand wechselte seine vollgeschissene Windel, weil keiner sie wechseln wollte und so lag es stundenlang da und heulte, bis die Mammi nach Hause kam und es dann vollbrachte, dass einzige, das nur Frauen können und Männer nicht. Und jetzt fiel mir auf, dass auch auf Alberts Wange eine Träne zu sehen war, die langsam und schrecklich bemitleidenswert hinabkullerte. Albert war normalerweise ein bewundernswerter Mann, aber in diesem Moment musste ich ein schreckliches, höhnisches Lachen zurückhalten, das mir in der Kehle saß und wie ein durchdrehendes Kätzchen zu strampeln begann und rief lass mich heraus, lass mich heraus!. Aber ich würde es nicht herauslassen, denn es würde herablassend und schadenfroh klingen und in dieser Situation brauchte niemand so etwas. Schon gar nicht der bemitleidenswerte Albert Wesp, der so oder so schon verstört war, obwohl er ein Abkömmling der sagenumwobenen Osaris war. Mensch bleibt Mensch, Osaris bleibt Osaris.
Bevor wir die Seitenstraße verließen und die Stadt, die nun völlig verlassen war, hinter uns ließen, konnte ich noch einen Blick auf einen bösen, hinterlistigen und verärgerten Wolf erhaschen, der trotz seines neuen Aussehens immer noch einem Mann glich: Ligion, Legions kleiner Laufbursche. Natürlich war er nur einer von vielen, aber trotzdem empfand ich Abscheu für ihn. Nicht Furcht oder Todesangst, nur Abscheu. Wie konnte man nur so einem grässlichen Monster wie Legion dienen? Wie konnte man sich all diese Leiden und Gemetzel ansehen und immer noch dem Mann dienen, der all dies verursachte? Ich wusste es nicht, aber Ligion war ein Mann, dem Macht versprochen worden war, die er nie bekommen hatte. Ich wusste zwar nicht, wie er zu einem Wolfswesen geworden war, aber im Grunde genommen, war mir das so ziemlich egal. Er war selbst für das verantwortlich, was er tat und nicht Legion für das, was er ihm befiel und Ligion dann ausführte. Er ganz alleine war verantwortlich für all die Menschen, die ihre Leben lassen mussten und niemand anderes. Er hatte sie abgeschlachtet und niemand anderes.
Der Motor brummte vor sich hin und ich begann einzudösen. Ich konnte mir nicht erklären warum, denn ich fühlte mich nicht müde, aber ich war trotzdem erschöpft. Die goldene Maske hatte mich spirituell ausgesaugt, wie mir Albert Wesp später erklärte und ich musste erst wieder meine Vorräte aufstapeln, bevor ich mit irgendetwas weiter machen konnte. Er sagte mir auch, dass sie normalerweise jeden Träger tötete, aber mit mir hatte sie einen Deal, ein Versprechen das sie nicht brechen konnte und sie hatte es eingehalten. Sie hatte mich leben lassen. Leben und leben lassen.
Aber es gibt noch eine andere Weisheit, die mir in Gedanken einfiel und die ich leise vor mich hin stammelte: Schönheit liegt im Auge des Betrachters.
Und aus dieser Weisheit schien ich viel zu lernen. Sachen, über die ich überhaupt nichts wissen wollte, wurden plötzlich schlagartig zu meinen Begleitern, zu meinen Hilfswerkzeugen. Und nun saß ich da. Wir ließen die Armee der Wölfe hinter uns und eine neue Ära begann. Die Ära der femininen Herrschaft, wie ich gerne sage. Aber nehmen Sie es nicht zu wortwörtlich.
Falsch interpretiert
Als ich erwachte kam uns ein dunkler Punkt entgegen und eine lange Schlange zog sich neben uns her. Es war eine Schlange aus wandernden Menschen. Sie hatten ihr wichtigstes und wertvollstes Hab und Gut unter den Arm genommen, sich eine dicke Jacke angezogen und waren in Richtung Vitalis marschiert, was ihre einzige Chance war, wie ich wusste. Vielleicht hatten meine Worte sie dazu inspiriert, ich wusste es nicht, aber Motivation war da. Manche lächelten sogar. Sie weinten nicht um ihre Besitzer und anderen Habseligkeiten. Sie gingen wie echte Männer und echte Frauen, sie sahen sich an, hielten die Hände, umarmten sich und küssten sich während dem Laufen. Ich konnte Christophe Brown erkennen, der mit gerunzelter Stirn nachdenklich zu Boden blickte. Vor ihm trottete Joshua Hunt vor sich hin und sah zur Sonne hinauf, die wie ein beobachtendes Auge auf uns herabsah und sich ihre eigene Meinung bildete. Auf dem Rücksitz war Albert Wesp eingeschlafen und er machte sich keine Gedanken über unseren Zielort, wobei ich David Johnsons Geschichte im Hinterkopf behielt. Er hatte gesagt, es seien alles Zwillingsschwestern. Unsterbliche Zwillingsschwestern, die in einer lebendigen Stadt lebten. Er hatte alles so lebhaft und realistisch erzählt, dass ich es mir vorstellen konnte und auch der Beobachter in den Wolken machte mir ein wenig zu schaffen. Ich blickte immer wieder hoch zum Himmel, konnte allerdings nichts erkennen. Keine verhohlenen Gesichter, die verschwommen alten Männern ähnelten. Ich konnte nicht einmal irgendwelche Kreaturen meiner eigenen Imagination erkennen, nicht einmal eine simple symmetrische Form oder einen Würfel. Auch keinen Ball, einen mir eingebildeten Troll oder Gnom, die ich mir manchmal vorstellte, wenn ich hinauf blickte, als ich noch ein kleiner Junge war und mit Eddie Nero durch die Straßen von Radock City zog. In den Radock City Weekly News stand einmal ein großer Artikel auf der ersten Seite: Fliegende Untertassen in Form von unnatürlich wirkenden Wolken gesichtet! Irgendwie schwirrte diese Erinnerung immer wieder in meinem Kopf herum, wie eine fette Mücke auf dem Klo, die einen zum Wahnsinn treiben konnte, wenn man sie nicht mit einer Zeitungsrolle oder einem Fliegenklatscher zerquetschte. An diesem Tag hatte ich aber auch andere Gedanken, die mir ein wenig Kopfzerbrechen machten. Ich dachte zum Beispiel daran, wie die Bewohner von Vitalis auf die Ankunft so vieler Menschen reagieren würden. Ich fragte mich, ob überhaupt so viel Platz war, um diese ganzen Leute unterzubringen. Ich hatte keine Ahnung und es war sinnlos darüber nachzugrübeln, denn ich hatte andere Sorgen. Ich musste über meine vier Begleiter nachdenken. Vier Begleiter für die Reise nach… Wohin überhaupt? Nach Afrika? Nach Australien? China? In eine andere Wüste? Sollten wir eine Realität überspringen und gleich in die nächste geraten? Auch das wusste ich nicht. Ich wusste, dass ich vier Begleiter brauchte, vier Begleiter die mich auf einer Reise in den fast sicheren Tod beratschlugen und weise führten.
„Sind wir schon da?“, flüsterte Albert hinter mir und ich drehte mich um, in der Hoffnung, er würde mit geöffneten Augen dasitzen und mich ansehen. Ich hatte gedacht, dass Osaris nie schliefen, aber diese Theorie wurde hiermit wohl zunichte gemacht. Es war nur ein aus der Luft gegriffener Mythos. Aber es konnte immer noch an dem Schock gelegen haben, normalerweise schliefen sie bestimmt nicht, denn ich konnte nicht glauben, dass etwas, das mir erzählt wurde, nicht der Wahrheit entsprach, denn bis jetzt hatte sich alles so ereignet und es hatte alles so elegant in das derzeitige Puzzle gepasst, dass es einfach zu schön war. Und ich hatte den Verdacht, dass sich diese Erholungsphase bald zerstören lassen würde, von irgendeiner äußerlichen Einwirkung. Aber ich wollte nicht den Teufel an die Wand malen, denn ich war gewöhnlich kein Schwarzseher. Ich war ein Pessimist und kein Optimist und ich war auch kein Gegen-alles-Typ.
Coffee stapfte neben Emelli Black im Sand hinter Angela und Sara Miller. Coffee und Emelli unterhielten sich und Sara und Angela hielten sich einfach nur Hand in Hand. Sie ließen ihre Münder geschlossen und das war wahrscheinlich auch gut so, denn es wäre sowieso nur übles Zeug herausgekommen, wie ich vermutete. Es wären Spekulationen über den herannahenden Krieg und die Streitmacht Legions gewesen und solche Sachen brauchte niemand in dieser Lage, schon gar nicht Angela Miller, die erst vor kurzem ihren Mann verloren hatte. Wir schlichen ein wenig schneller als das Tempo der marschierenden Menschen neben uns. Ich konnte nicht sehen, dass irgendjemand von ihnen zu uns herüber blickte, aber es war mir eigentlich auch recht so, denn ich wollte nicht, dass irgendjemand sagte: „Dieser falsche Hund fährt mit einem Auto, während wir uns hier Blasen an den Füßen holen. So ein Penner!“
Ich hatte schon genügend Schwierigkeiten und Entscheidungen zu treffen und außerdem musste ich hin und wieder an diesen Traum denken und an das mit schmatzenden Schritten näher kommende Monster hinter mir und an das riesige Etwas vor mir, das der Nebel verhüllte.
Langsam kam mir der Gedanke, dass wir eine alte (die nun wieder jung war – für ewig) Bekannte in dieser Stadt treffen würden. Ich vermutete, dass Elizabeth Duncan sich hierher verkrochen hatte, in ihre Heimat und dass sie den Kopf ihres Verlobten mitgenommen hatte und in einer Glasvitrine aufbewahrte, was natürlich völliger Schwachsinn war, denn sie steckte ihn natürlich auf einen Spieß und stellte ihn in einen Bleistifthalter, was natürlich eine harmlose Version dessen war, was ich in Wirklichkeit erwartete.
Hinter mir begann Albert wieder zu schnarchen. Seine Zunge hing seitlich heraus und ein Sabberfaden war kurz davor auf das Leder der Rücksitze zu tropfen. Ich war kurz davor diesen mit der Hand abzufangen, ekelte mich dann aber ein wenig davor und ließ es bleiben. Im Hinterkopf hatte ich auch den Gedanken, dass dieser Wagen den Sabber vielleicht selbst wegwischen oder ihn absorbieren würde.
Ich legte den Kopf auf die Lehne und sah ein kleines Radio im Armaturenbrett, das aussah, als stammte es aus dem Jahre 1979. Ich drückte auf den Schalter für die Inbetriebnahme. Ein grässliches Rauschen erfüllte den Innenraum des Wagens. Wesp stöhnte auf und schien sich erschrocken zu haben. Er riss die Augenlider auseinander und starrte hypnotisch nach vorne aus der Windschutzscheibe heraus.
„Was zum Geier ist passiert? Was habe ich da gerade getan? Habe ich geschlafen? Scheiße!“, fluchte er und es hörte sich zuerst an, wie ein einziges Wort, das ich dann allerdings auseinander nahm und jedes einzeln in meinem Kopf artikulierte.
„Ja. Du hast geschlafen. Hast du gut geschlafen?“, antwortete ich dann schließlich und sah ihn mit einer hochgezogenen Augenbraue an. Er wirkte erschrocken und schockiert.
„Ich…geschlafen?“
Ich nickte.
„Ich habe geträumt“, sagte er und sah mich unwillkürlich mit einem faszinierten Blick an. „Ich habe von einem weißen Blatt Papier geträumt, auf das Blut tröpfelt und hinter mir schlingen sich Arme um meinen Hals, die langsam zudrücken. Ich dachte, es wäre die Realität, ich dachte, ich würde sterben.“
Diese Geschichte beunruhigte mich ein bisschen, aber ich versuchte es nicht mit einem gequengelten Gesichtsausdruck zur Schau zu stellen. Ich wollte nicht, dass er es mitbekam. „Nur ein Traum, wie du gesagt hast.“ Ich sah ihn noch für den Bruchteil einer Sekunde an und wendete mich dann wieder nach vorne, um die vor sich hin trottende Menge zu beobachten. Keiner von ihnen tanzte aus der Reihe, alle hielten sie Schritt mit dem Entenmarsch.
„Aber, Peter, es war so realistisch!“
„Alle träume sind realistisch wenn man sie nicht gleich nach dem aufwachen nicht wieder vergisst, Albert.“
„Aber…“ Er senkte den Kopf und betrachtete seine Hände, die zwischen den Beinen steckten. Ich sah weiterhin durch die Windschutzscheibe hinaus. „Was ist, wenn es eine Art Vision war?“
„Vision?“, fragte ich ihn und runzelte die Stirn. Wieder drehte ich meinen Kopf, um ihn anzublicken. „Was meinst du mit Vision?“
„Ich meine damit Vorahnung. Du musst verstehen, ich habe noch nie in meinem Leben geträumt und noch nie geschlafen, also, warum sollte ich denn gerade jetzt träumen?“
Ich habe auch Visionen, wollte ich zuerst sagen, hielt es dann aber zurück und sagte dann: „Ich weiß es nicht.“
„Wirklich nicht? Du träumst schließlich jede Nacht!“
„Aber ich erinnere mich nie an meine Träume. Glaub mir, es ist nichts Besonderes.“
Warum belügst du ihn? Du weißt ganz genau, dass er einer deiner Begleiter sein wird, Peteboy, also, warum belügst du ihn so kaltblütig? Frag ihn doch mal, was die Wölfe mit ihm gemacht haben.
„Was haben sie mit dir gemacht?“, fragte ich ihn und rutschte auf dem Leder des Sitzes hin und her. „Die Wölfe.“
„Sie haben mir etwas in mein Ohr gesteckt.“
„In dein Ohr?“ Plötzlich fühlte ich mich schockiert und angeekelt. Sie hatten ihm irgendein absonderliches Ding in sein Ohr gesteckt und er rückte erst jetzt damit heraus. „Was haben sie dir denn da rein gesteckt? War es irgendein medizinisches Werkzeug oder eine fremde Gerätschaft oder was?“
„Nein, es war kein festes Material, es war irgendwie lebendig.“ Er schien sich nicht sosehr darüber aufzuregen wie ich, vielleicht lag es am Schock oder an der näher rückenden Erkenntnis. „Ich glaube, es hatte gezappelt, bevor sie es mir hineintaten. Es hat erst gekribbelt, aber dann war es angenehm und ich bin irgendwie froh darüber, denn langsam kommt mir der Verdacht, dass dieses Ding mir Träume gegeben hat.“
„Schlechte Träume, wie du nicht vergessen solltest.“
Ich beließ es dabei und wendete mich wieder nach vorne. Ich konnte Coffee sehen, der Emelli Blacks Hand ergriffen hatte. Sara und Angela Miller liefen immer noch schweigend nebeneinander her. Sie blickten stier nach vorne. Christophe Brown und Joshua Hunt hatten sich in eine hitzige Debatte vertieft, während hinter ihnen sich zwei Männer unterhielten. Der älter wirkende erklärte dem jüngeren Mann etwas. Der Erklärende schien um die fünfundachtzig zu sein, der jüngere um die fünfzig. Der Fünfundachtzigjährige hob eine Hand und knallte sie auf die andere, während der Fünfzigjährige zustimmend nickte. Ich konnte nur raten, über was sie sich unterhielten, aber ich vermutete über irgendeine neue Erfindung, die ein neues Glied in der Evolution der Menschheit bilden würde. Aber mit Sicherheit konnte ich es nicht sagen.
Hinter mir begann Albert wieder zu schnarchen. Das gefiel mir nicht. Er hatte vielleicht den Schlaf von fünfundzwanzig Jahren nachzuholen, aber eigentlich sollte er überhaupt nicht schlafen und jetzt konnte er gar nicht mehr damit aufhören. Ich machte mir Sorgen um dieses lebendige Ding in seinem Ohr. Das erste, das ich in Vitalis machen würde, wäre einen Arzt aufzusuchen, wie ich mir im Hinterkopf behielt, wobei ich dort meistens Sachen vergaß oder verlor oder wie auch immer man es nennen mag. Albert Wesp war von einer Art Ohrwurm befallen. Schon als kleines Kind hatte ich Angst davor, dass mir irgendwelche Insekten nachts in die Ohren kriechen konnten, aber im Laufe der Jahre hatte ich diese Angst beiseite geschoben und nun schien sie wieder heranzurollen wie ein unaufhaltsamer Stein. Meine Mutter hatte mir immer erzählt, dass keine kleinen Käfer in meine Ohren krabbeln konnten, da sich ein Trommelfell zwischen dem Gehörgang und dem Mittelohr befand, aber ich schenkte dieser These nie richtigen Glauben, bis ich dann im Alter von neun Jahren diese ganze Sache einfach vergessen hatte. Und nun saß ich da und ein Freund von mir hatte etwas Lebendiges im Ohr. Ich fragte mich, ob es sich durch die Membran des Trommelfells hindurch gefressen hatte, konnte aber nichts Genaueres feststellen. Es floss kein Blut heraus und auch keine Bewegungen spielten sich vor meinen Augen ab. Er war ein völlig normaler, schlafender Mann, der einfach ein bisschen zu lange gemacht hatte.
Der Punkt, der wie eine Fliege auf dem Bildschirm meines Fernsehers wirkte, wurde langsam, mit einer utopisch langsamen Geschwindigkeit näher. Zuerst wirkte er wie ein Floh, jetzt wie eine fette Mücke. Wir zogen eine dicke Staubwolke hinter uns her und der Motor brummte leise und monoton vor sich hin. Ich hatte keine Ahnung wie viele Kilometer wir schon zurückgelegt hatten und wie viele hinter uns lagen. Aber mir schien es so, als würden wir einfach nicht weiterkommen, mir schien es so, als würden wir ständig auf der gleichen Stelle treten – in diesem Fall fahren. Die zwei Männer, die sich hinter Christophe Brown und Joshua Hunt unterhalten hatten, schwiegen nun und liefen schweigend Vitalis entgegen. Ich schätzte, sie hatten sie gesehen und nun mussten sie erst einmal die Erkenntnis verdauen. Wahrscheinlich hatte keiner von ihnen eine Ahnung, wo sie überhaupt hingingen. Sie folgten einfach der großen Masse. So wie es immer getan wurde.
Als Gott die Menschen erschaffen hatte, musste er in irgendeiner psychischen Verdauungsphase gesteckt haben. Er hatte die Sonne erschaffen, die Erde und das ganze Universum und dann die Menschen, wahrscheinlich war er noch so sehr von der Erschaffung der anderen Dinge erschöpft, dass es für die Menschen keine großen Dinger gab. Menschen hatten Stimmungsschwankungen, Magengeschwüre, Kopfschmerzen und natürlich das Bedürfnis zu essen, was meiner Meinung nach ziemlich unnötig ist. Sie essen, nur um es später wieder in Form einer dicken, braunen Wurst von sich zu geben. Das alles könnte uns erspart sein, wenn Er nur ein bisschen mit der existenziellen Erschaffung gewartet hätte.
Ich fragte mich in diesem Moment, wie viele von ihnen wohl dringend aufs Klo mussten. Ich schätzte die Zahl auf fünfzig, aber keiner würde sich trauen sein Teil auszupacken und auf den Sand zu pissen. Eine gewisse Würde hinderte sie daran. Wie meine Mutter immer gesagt hatte: „Kümmere dich um deine eigenen Probleme, Ronald!“ Sie hatte Recht, aber ich setzte mich nun für eine ganze, aus der realen Welt gerissene Zivilisation ein. Ich konnte nicht einfach diesem Wagen befehlen, er solle umkehren und mich nach Hause bringen, ich wurde nun verpflichtet, es wurde mir von etwas unbekanntem auferlegt und ich hatte im Stillen geschworen es zu vollbringen, ich hatte geschworen diese Aufgabe zu lösen, auch wenn ich es eigentlich nicht musste.
Hinter mir gab Albert wieder ein Stöhnen von sich. Sein entspanntes, sorgenfreies Gesicht hing zur Seite herunter, seine Hände waren immer noch zwischen die Oberschenkel geklemmt und seine Schultern waren schlaff gegen die Sitze gelehnt. Er saß da wie ein dreijähriges Kind auf der Fahrt in den Sommerferienurlaub. Schlafen konnte einem helfen. Durch den Schlaf verarbeitet das Gehirn die erlebten Geschehnisse und man kann ein fast sorgenfreies Leben führen, aber die Osaris brauchten keinen Schlaf, sie schliefen nicht, weil sie nicht schlafen brauchten. Aber Albert Wesp war wohl der erste Osaris, der in den Genuss des Nickerchens gekommen war. Ich freute mich ein wenig für ihn, aber die Tatsache, dass sich in seinem Ohr etwas versteckte bereitete mir Kummer und ein wenig Angst. Wie sollte ich dieses Ding entfernen? Er hatte gesagt es täte ihm gut, also was sollte ich machen, wenn er es nicht herausrücken wollen würde? Es gewaltsam entfernen?
Die Wolken unter dem blauen Himmel schwebten dahin und verformten sich. Nun konnte ich ein schemenhaftes Auto erkennen, dass wohl eine abstrakte Version eines Thunderbirds sein musste. Neben dran sah ich eine besitzerlose Brille, die den T-Bird zu begleiten schien. Und hinter dieser fliegenden Brille war eine Art Gesicht. Es war nicht ganz das eines alten Mannes, aber es sah einem alten Mann auch nicht gerade unähnlich. Was hatte das zu bedeuten? Zeichen über Zeichen und ich wusste sie einfach nicht zu deuten.
Der kalte Wind blies den Leuten die Haare aus den Gesichtern. Sie kniffen reflexartig die Augen zusammen und hielten zum Schutz gegen die herabscheinende Sonne die Hände über die Augen. Ihre Mützen flatterten im Wind und der Sand prallte an dem plastikähnlichen Stoff ab. Im Auto war es relativ warm und ich zog den Reißverschluss meiner Jacke auf. Eine hellgraue Jacke, ohne Markenzeichen oder anderen Angaben. Nicht einmal die Größe war zu entdecken. Die Handschuhe die ich trug erinnerten mich irgendwie an Auftragskiller und ich zog sie aus. Langsam kurbelte ich mit der rechten Hand das Fenster hinunter und warf beide schwarzen Handschuhe aus Baumwolle hinaus in die kalte Sandwüste.
Es schneite nicht. Die Sonne schien zwar, gab aber keine Wärme von sich, so als würde sie von einem unsichtbaren Schutzschild abgehalten werden.
„Vitalis!“, schrie hinter mir eine heisere, erschrockene Stimme laut, sodass das Wort in meinem Kopf wie ein Ohrwurm – kleines Wortspiel, Entschuldigung – ständig wiederholte.
„Ja, du weißt doch, dass wir dahin unterwegs sind“, sagte ich ruhig und versuchte dieses schreckliche Wort aus meinem Kopf zu verbannen. Es hallte und hallte und wollte einfach nicht verhallen. „Schon seit zirka einer Stunde sind wir auf dem Weg dorthin.“
„Hab ich so lange geschlafen?“, fragte Wesp und lugte mit weit aufgerissenen Augen aus dem Seitenfenster. „Oh, Mann! Die wollen alle dorthin?“
„Ja.“
„Das wird die aber nicht gerade begeistern.“ Als er das aussprach, dachte ich, sie würden uns nicht in die Stadt lassen und uns in der Kälte erfrieren lassen, was ich mir qualvoll und extrem kaltblütig vorstellte. „Sie werden uns töten“, sagte er leise.
„Warum töten? Wir tun nichts. Wir sind friedliche Bürger. Wir wissen, wie wir mit unseren Mitmenschen umgehen müssen.“
Er kicherte leise. Dann verstummte er und sagte: „Der Schein trügt manchmal.“ Oh ja, da hatte er so was von Recht! Manchmal wurde man verarscht und man merkte es erst ein paar Tage später, in Radock City, als ich noch ein halbwüchsiger Junge war, der mit Drogen in den Taschen und anderem verbotenem Zeug durch die Straßen stolzierte, wie der Oberboss. Aber ich war nur ein kleiner Fisch und nach anderthalb Jahren war ich aus dem Geschäft ausgestiegen, weil es mir einfach zu heiß wurde, obwohl wir nur ein einziges Polizeirevier hatten, mit zwölf Streifenwagen ausgestattet und einer Crew von schätzungsweise einhundertdreißig Leutchen, die verzweifelt versuchten, den Krieg gegen die Korruption und Gewalt auf den Straßen zu gewinnen. Lächerlich.
Legte den Kopf in den Sitz und schloss für einige Sekunden die Augen. Ein Bild des Grauens offenbarte sich mir. Ich sah, wie hunderte von Zwillingen mit Maschinengewehren dastanden und die Leute einen nach dem anderen abknallten. Sie standen breitbeinig da und hielten die Gewehre mit beiden Händen, damit sie nicht zurückgeworfen wurden, durch den Rückschlag. Coffee und Emelli Black wurden erschossen, Christophe Brown und Joshua Hunt und andere Menschen, deren Namen ich nicht kannte.
Ich öffnete wieder meine Augen und sah aus der Windschutzscheibe. Die Stadt Vitalis hatte sich inzwischen zu einem riesigen Komplex erwiesen, ich musste für einige Stunden weggetreten sein. Vielleicht eingeschlafen, denn dies alles machte mich ganz schön fertig. Neben uns trottete die Menschenmasse vor sich hin. Sie hatten die Blicke gen Boden gerichtet und hielten die Gesichter gesenkt. Keiner von ihnen lachte oder grinste. Alle waren sie ernst und misstrauisch gegenüber ihrem Empfang. Ich wusste, welche Fragen ihnen durch den Kopf gingen, denn bei mir handelte es sich um die selbigen. Würden sie uns erschießen? Uns hinrichten, wie einst Sara Miller hingerichtet werden sollte? Hatten sie auch einen eigenen, speziellen Sonnenhügel für Verbrecher, was in ihrem Fall ihre Schwestern gewesen wären? Nein, das glaubte ich nicht. Aber würden sie uns aufnehmen oder uns zurückweisen?
Nach Wesps kleiner Ansprach hielt ich es für möglich. Vielleicht hielten sie uns sogar für Feinde.
Leise hupte der Mercedes und wurde noch ein bisschen langsamer. Keiner der Marschierenden sah zu uns. Entweder konnten sie es nicht hören oder sie wollten es nicht hören. Albert wachte auf und rieb sich langsam die Augen, während der mit den Knien zu zittern begann. Er hatte Angst, aber wer hatte das nicht in diesem Augenblick?
Ich schwitzte, die Klimaanlage musste voll aufgedreht sein, wenn man bedachte, dass draußen ein kalter Sturm sein Unwesen trieb. Vor uns spritzten fünf Sandfontänen in die Luft. Die Körner landeten auf der Motorhaube und erzeugten ein raschelndes, klirrendes Geräusch. Zuerst wusste ich nicht, was es war, aber dann wurde es mir klar. Sie feuerten auf uns. Es waren Kanonenkugeln die mit großer Geschwindigkeit im Sand landeten. Die Menge war zum Stillstand gekommen und blickte verdrossen und schockiert drein. Ich öffnete die Tür und ein kalter, nach Salz schmeckender Wind kam mir entgegen. Es roch nach dem wunderschönen blauen Meer, dass ich nur aus Büchern und dem Kabelfernseher kannte. Aber es wurde schon so oft in allen Details und Einzelheiten beschrieben, dass ich sofort wusste, was es war. Der Wind brachte diesen Duft mit und ich zog ihn tief in meine Nase.
Eine Kugel zerfetzte die Luft neben meinem rechten Ohr und landete ungefähr zehn Meter hinter mir im Sand. Sie waren zu weit weg, sodass wir nicht mit ihnen reden konnten.
Aber ich versuchte es trotzdem und schrie: „Hey! Hey, wir sind Freunde!“ Aber der Wind schien meine Worte davon zu tragen. Sie hörten mich nicht und eine Kugel streifte meinen rechten Oberschenkel. Ein beißender Schmerz durchfuhr mein Bein und kämpfte sich bis in den Magen nach oben. Ich dachte zuerst, ich hätte einen glatten Durchschuss erlitten, aber dann sah ich an mir herunter und erkannte es. Ich hatte schon zu viele Kriegsfilme gesehen.
Es hatte keinen Sinn zu schreien. Das Laufen war nicht gerade angenehm, aber auch nicht so schmerzhaft, wie ich anfangs geglaubt hatte. Verhältnismäßig flink arbeitete ich mich an den Menschen – die geduckt im Sand lagen, was meiner Meinung nach nichts nützte – vorbei und kam der Stadt näher. Es waren noch mindestens achthundert Meter bis zum Stadttor und noch mal zweihundert bis zur ersten weiblichen Person, die mit einem Maschinengewehr in der Hand dastand und hin und wieder ein Schuss abgab.
Als ich zurückschaute, bemerkte ich, dass ich der einzige war, der noch aufrecht stand und versuchte näher an die Stadt heranzukommen. Alle anderen hatten sich feige niedergeworfen und warteten darauf, dass sie endlich aufhörten zu feuern.
Da könntet ihr lange warten, ihr Mäuse, nicht wahr, Peteboy?
„Ganz genau, Eddie“, flüsterte ich zustimmend und humpelte weiter vor. „Da könnt ihr lange warten!“, schrie ich und blickte wutentbrannt nach vorne, als mich plötzlich etwas an meinem linken Knöchel packte und ich mit der Nase um lauwarmen Sand landete. Ich verstand die Welt nicht mehr. Kalter Wind, warmer Sand.
„Wo willst du hin?“, fragte mich eine flüsternde Stimme neben mir.
„Ich will dorthin!“, antwortete ich und deutete mit der rechten Hand auf Vitalis, die heroisch in der Sonne zu glitzern schien. Coffee sah mich misstrauisch an.
„Dorthin? Du kommst keine zwanzig Meter ohne dir eine Kugel einzufangen!“, fauchte er und kroch ein Stückchen weiter hoch, um auf gleicher Ebene mit mir reden zu können.
„Aber wenn wir hier liegen bleiben, kommen wir ungeschoren davon, oder wie?“
„Das behauptete ich doch gar nicht! Ich sagte, dass wenn du dorthin läufst, du dir eine Kugel einfangen wirst. Nimm dies hier!“ Er griff unter sich und zog ein Straßenschild aus dem Sand. „Ich bin drauf gelandet. Du brauchst es wohl.“
Es war zwei Meter lang und ein Meter fünfzig breit, was für meinen Körper genügen musste. Ich nahm es und las die Aufschrift:
Radock City 20 km
Stonelands 13 km
New York 16 km
Ich verstand den Sinn des Schildes nicht. New York lag nicht in der Nähe von Radock City und die Stonelands kannte ich nicht, hatte ich noch nie gehört. Ich lebte seit neunzehn Jahren in Radock City und ich war mir sicher, dass New York keine sechzehn Kilometer davon entfernt war und im Umkreis von hundert Kilometern gab es auch keine Stonelands. Ich schob diese Gedanken beiseite und erhob mich. Der Sand klebte ein wenig an dem plastikartigen Material der Winterjacke als ich aufstand. Das Schild stellte ich senkrecht vor mich und atmete noch einmal tief durch. Dann humpelte ich – mit den Straßennamen voraus – der Stadt entgegen. Projektile knallten funkensprühend gegen das Metall, das langsam aber sicher schwer wurde. Ich wusste schon, dass meine Arme danach leicht wie eine Feder sein und sich wie Gummi anfühlen würden. Das Metall war ein wenig warm an meinen nackten Händen, aber der frostige Wind schien sie langsam aufzufressen, was mir Sorgen bereitete, denn wie lange konnte ich so ein Teil mit erfrorenen Händen heben, wobei ich sowieso kälteempfindlich war? Die Antwort war – wie so oft – ich wusste es nicht. Ich fand mich mit dem Gedanken ab, dass ich nach vierhundert Metern aufgeben und mich in den Sand setzen würde. Aber vielleicht hatten diese waffengeilen Mädchen auch ein wenig Verstand und sahen, dass nur ein einziger Mann der Stadt näher kam und eigentlich keine Gefahr darstellte, außer er hätte eine acht Megatonnenbombe dabei.
Weitere Maschinengewehrsalven hämmerten gegen das Metall und ließen es erbeben, was es mir noch ein bisschen schwerer machte, es zu heben. Meine Oberarmmuskulatur spannte sich an und eine kleine, fast unmerkliche Wölbung trat hervor. Ich war noch nie ein richtiges Muskelpaket gewesen, dass hatten mir schon einige meiner Freundinnen mit einem hinterlistigen Lächeln gesagt. Sie scherzten oft darüber, aber ich fand es im Stillen immer etwas traurig.
Aber meine Kraft reichte aus. Zweihundert Meter konnte ich es tragen, dann musste ich zum ersten Mal absetzen. Ich konnte nicht mehr abschätzen, wie viel es wog, aber hätte mich irgendjemand gefragt, hätte ich wahrscheinlich eine Tonne geantwortet. Aber es kam niemand und erkundigte sich. Ich war auf mich allein gestellt und die Menschenmasse lag sich fürchtend im Sand und zog die Köpfe ein. Kein guter Ratschlag kam durch den Wind heran geflogen und auch kein Aufmunterungsgesang. Keiner unterstützte mich, sie hatte viel zu viel Angst davor zu sterben, was ich natürlich auch hatte, aber ich zeigte es nicht so offensichtlich wie sie.
Ein weiterer Regen aus Maschinengewehrsalven krachte auf das Metall und gab kiung, quing und wieng Laute von sich. Funken sprühten an den Seiten weg und wurden vom kalten Wind gelöscht. Als wäre ich gesegnet, blieben meine Finger verschont, mit denen ich das kalte Metall umklammerte. Mir wurde keine Fingerkuppe weggerissen oder die Handfläche durchbohrt, ich hatte Glück, wie manche Leute es vielleicht ausdrücken würden, aber ich dachte mir, dass es sich um Schicksal handelte und der Weg war noch weit. Ich konnte mir auf den restlichen sechshundert Metern noch jede menge Kugeln einfangen, wie Coffee gesagt hatte.
Das Knattern der Gewehre wurde durch den Wind ein wenig gedämpft, aber es drang trotzdem an meine Ohren und jagte mir immer wieder einen kalten Schauder den Rücken hinunter.
Und dann kam doch ein unterstützender Ruf von einer mir bekannten Stimme: „Sei vorsichtig, Peter!“ Coffee hatte nur kurz das Gesicht gehoben und drückte es dann sofort wieder gegen den Boden, als ein erneuter Projektilregen sich über den Sand ergoss.
Neben mir konnte ich ein Skelett erkennen, das mich mit leeren Augenhöhlen lippenlos angrinste. Es erinnerte mich ein wenig an einen Gorilla. Da sah man mal wieder, dass die menschliche Rasse von den Affen abstammt. Aber darüber zerbrach ich mir weniger den Kopf, denn ich fragte mich, ob dieser grinsende Typ auch mit einem Verkehrschild zum Schutz der Stadt entgegengelaufen und dann so geendet war. Ich fragte mich, ob ich mich bald als Zwillingsbruder daneben legen könnte und ich fragte mich, wie es sein würde, zu sterben. Aber auf all diese Fragen bekam ich nur eine Antwort: Einen weiteren Kugelhagel. Das Knattern der Maschinengewehre hallte durch die völlig leere und unendliche Wüste. Einige Meter neben mir, konnte ich eine riesige Sterndüne erkennen, deren Abhänge ein wenig schattig abgezeichnet wurden. Dahinter erstreckte sich der Boden in langen Reihendünen immer weiter dahin, bis zum Horizont, vor dem natürlich noch ein paar Sicheldünen einen unglaublichen Anblick boten. Allerdings musste ich mich voll und ganz auf mein Ziel konzentrieren, das aus irgendeinem Grund nie still zu sein schien, damit ich etwas sagen konnte. Sie gaben mir keine Chance.
Wenn man sich vorstellte, dass Sand früher einmal ein Berg war, dann kam es einem ziemlich absurd vor, dass man auf einem Gebirge herumlief und sich mit ein paar schießwütigen Damen stritt. Wasser; Wind, Regen und Sonne zerfressen den Stand und zermalen ihn im Laufe der Jahrmillionen zu Sand. Es gab soviel Sand auf der Erde und man musste sich mal vorstellen, wie lange es gedauert haben musste, diesen herzustellen. Also machte man sich einfach eine Skala und siehe da, wenn man berechnen würde, wie viel Sand existiert und wie lange es dauert, bis Sand zu Sand wird, dann könnte man herausfinden, wie lange die Erde nun wirklich existiert. Wissenschaftler aller Welt, vereinigt euch!
Ich dachte daran, wie viel ich in der Schule über Wüsten gelernt hatte. Über die Wüste Namib, über Sandwüsten, Felswüsten und Eiswüsten, aber keine war dabei, die man kalte Sandwüste mit Sonnenschein wie in der Karibik nannte. Darüber wurde uns nie etwas gesagt.
Ich beließ es dabei und erhob das Straßenschild aufs Neue. Es erschien mir schwerer denn je. Aber ich versuchte mein Bestes.
Das Schild lag mir falsch in der Hand und rutschte herunter, sodass es mit einem dumpfen Geräusch mit der Längsseite im Sand landete und so stehen blieb. Sofort attackierte mich ein Kugelhagel und ich sprang so schnell ich konnte auf den Boden und landete mit der Stirn im Sand. Die Kälte verhinderte, dass ich schwitzte und mir die Körner an mir kleben blieben, aber in diesem Moment konnte ich spüren, wie warm der Sand doch war, im Gegensatz zur Lufttemperatur.
Sie schienen nicht den Finger vom Abzug zu nehmen. Das Knallen und Krachen erschien mir unendlich lang. Kugeln hämmerten auf das nachgiebige Metall ein und zerstörten die Stille. Sie fetzten durch die kalte Luft und trafen mit einer hohen Geschwindigkeit ihr Ziel. Manche waren Fehlschüsse und landeten hinter und neben mir im Sand. Jedes mal spritzte Sand in die Höhe und prasselte mit einem erholsamen Geräusch wieder zurück auf den Grund.
Als der Lärm verstummt war, stützte ich mich mit den Händen am Schild ab und stand auf. Mein rechtes Bein schmerzte nun ein bisschen und ich dachte, dass es nur am Schock gelegen hatte, dass ich die Schmerzen nicht wahrnehmen konnte.
Wie schlimm es wirklich ist, weiß man immer erst hinterher, hatte meine Mutter oft gesagt. Und nun wusste ich, dass sie Recht hatte. Früher hatte ich mir mal ein Bein gebrochen, aber ich spürte nichts von dem schneidenden Schmerz, denn ich war einfach so ohnmächtig geworden und meine Freunde – unter anderen Eddie Nero – riefen einen Krankenwagen, der fünf Minuten später aufkreuzte.
Ich stand nun da und Stille war eingetreten, bis auf das stetige Pfeifen des Windes, der mir ständig um die Ohren blies. Ich begann mit den Armen zu wedeln und kam mir dabei ein wenig wie ein Hampelmann vor, der sich für eine Clownsvorführung an der Schulabschlussparty bewerben will.
„Wir sind in guten Absichten hier!“, schrie ich mit der gesamten Kraft meiner Lunge. „Wir wollen nichts Böses!“ Vielleicht hörte es sich ein bisschen albern an, aber ich wollte ihnen sowieso noch die Hölle heiß machen, weil sie mir an mein Bein geschossen haben, diese Weiber. „Hören Sie auf zu schießen!“
Ich konnte ein leises Geräusch vernehmen, als ein einziger, kläglicher Schuss an das Straßenschild traf. Das Metall erzitterte in meiner rechten Hand, mit der ich mich noch festhielt und ein Knall drang an meine Ohren. Zwei Buchstaben konnte ich hören, die leise und bruchstückhaft den Wind durchdrangen: „ay!“
„Das soll wohl Zustimmung sein“, sagte ich vor mich hin und beugte mich langsam über den Rand des Straßenschildes, das anzeigte, dass man nur noch zwanzig Kilometer bis Radock City, zwanzig bis zu den Stonelands und sechzehn bis New York fahren musste. Ich sah mir die beschriebene Fläche an. Die Farbe war von den Projektilen völlig zersplittert worden. Das silberne Metall, an dem ich verschiedene, schwache Regenbogenfarben erkennen konnte, spiegelte die Sonne leicht und blendete mich ein wenig. Aber am unteren Rand – der nun nach oben gestellt war – konnte ich drei Wörter lesen: MADE IN JACHTA. Ich runzelte die Stirn und dachte kurz darüber nach. Aber mir wurde nicht klar, was es zu bedeuten hatte. Leicht stieß ich mit der Hüfte gegen das Metall und es flog mit einem dumpfen Schlag auf den Sandboden. Ich sah die am Boden kauernde Menge an und rief: „Wir können gehen!“
Und sie standen auf. Der nachtblaue Mercedes, in dem Albert Wesp mit verschlafenen Augen saß, startete den Motor, der wie ein hungriger Tiger aufheulte, und kam langsam zu mir gefahren. Neben mir hielt er und öffnete von selbst die Beifahrertür.
Wie ein Haustier, dachte ich mir und setzte mich schweigend hinein, während mich Albert erwartungsvoll ansah. Aber ich sagte nichts. Schweigend schloss ich mit der rechten Hand die Tür, während ich die linke auf die Wunde an meinem Bein drückte. Durch eine Glasscheibe sah alles ein bisschen anders aus, irgendwie, als würde ich in einem Autokino sitzen und Popcorn essen, während ein Film mit irgendeinem berühmten Schauspieler mich vom Hocker riss. Es war ein Bild der Verängstigung und Freude zugleich, ein Bild der Hoffnung, ein Bild der soeben wiedererlangten Gabe zu sehen.
Die Menschen, die noch vor wenigen Augenblicken auf dem Boden gelegen waren und die Hände über ihrem Hinterkopf verschränkt hatten, standen nun auf und sahen der Stadt ihrer Zukunft entgegen, der Stadt ihres Lebens, der Stadt des Überlebens.
Und ich saß da und drückte eine Hand auf eine Wunde und sah aus dem Fenster und sah alles wie in einem Autokino, während ich Popcorn in mich reinstopfte.
Alle kamen unverletzt an – außer mir. Aber ich verspürte ein leichtes Kribbeln an der Wunde, konnte aber in diesem Moment nicht meine Hose herunterlassen und nachsehen, was da vor sich ging. Ich stieg aus dem Wagen und betrachtete das vor mir liegende. Große, spiegelnde Türme waren da. Kleine Läden wie Jamies Food And Drinks, Ollivers Bar und Andys Fruits And Vegetables. Ich fragte mich, von wo Andys Fruits And Vegetables sein Gemüse und Obst herbekam. Aber diese Fragen stellte ich fürs erste in den Hintergrund und es schien mir so, als müsste ich hier die Verhandlungen führen, anstatt Emelli Black, Christophe Brown und Joshua Hunt. Die riesigen Gebäude waren mit Glasscheiben versehen, die die Sonne reflektierten und mich leicht blendeten. Die Spitzen der Türme ragten fast in die Wolkendecke hinein und ich machte mir scherzhaft ein wenig Sorgen um den Mann im Himmel, den Beobachter, wie David Johnson ihn genannt hatte. Sicherheitshalber warf ich meine Augen noch einmal gen Himmel und erkannte nur einen keuleschwingenden Kater, dessen Schnurrhaare an den Seiten hervorragten.
„Ts!“, gab ich abwesend von mir und blickte eine Frau an, hinter der ein genaues Duplikat stand. Und hinter dem Duplikat noch eines und dahinter noch viele weitere. Na ja, vielleicht war es gut für das Zusammenleben, dass mal verschiedene Menschen in dieser Stadt lebten und nicht nur die selben. Alle hatten sie blonde, schulterlange Haare. Ihre Lippen waren rosenrot und ihre Wimpern hatten ein dezentes Schwarz. Schminke. In der Stadt, in der Bruce Miller getötet worden war, hatte ich keine einzige, geschminkte Frau gesichtet und nun stand ich inmitten einer Unmenge an wunderschönen Zwillingsschönheiten. Hätte ich mich in diesem Moment für irgendeine entscheiden müssen, dann wäre mir diese Entscheidung nicht schwer gefallen. Ich hätte mir die erste, die meinen Weg gekreuzt hätte geschnappt und wäre in irgendeinem billigen Motel mit ihr gelandet. Den Rest können Sie sich hoffentlich denken. Sie trugen weiße Anzüge, die hauteng über ihre Brüste und Schultern verliefen, sodass ich genau ihre Körper erkennen konnte. Von den Schultern bis hinunter zu den weißen Turnschuhen, verliefen zwei parallele, rote Streifen. Die Anzüge wirkten wie Motorradkleidung für Frauen. Aber es sah sexy aus, das muss ich zugeben.
Die blauen Augen der am nahesten stehenden Frau sahen mich an. Die Augenlider waren zur Hälfte geschlossen und das blonde Haar hing ihr ein wenig in der Stirn. Ihre Ohrmuscheln waren vom Haar verdeckt und es lag ein wenig auf ihrer linken Schulter auf, da sie den Kopf etwas nach rechts geneigt hatte. Sie sah mich auf und hielt das Maschinengewehr in der rechten Hand. Dünner, grauer Rauch stieg aus der Mündung auf. Es roch ein wenig an Öl und Blei, aber es störte meine Faszination ihrer unglaublichen Schönheit nicht, denn ihr Gesicht war so makellos. Perfekt könnte man fast sagen. Nein, es war perfekt.
„Hi, ich bin Ronald Peter Mathews“, sagte ich und brach somit das Schweigen. Ich streckte ihr meine rechte Hand hin, die sie mit einem lächeln entgegen nahm.
„War eine ziemlich beeindruckende Show, die Sie da geliefert haben, Mr. Mathews“, antwortete sie und ihre Stimme klang so… Ich kann es nicht mit Worten beschreiben, aber ihre Stimme klang so wunderbar. Als würde man sich den Arsch mit Seide abwischen, wobei ich dies noch nie versucht habe. Ich fühlte mich so, als würde ich nach einem harten Arbeitstag auf den Klippen sitzen und mir den Sonnenuntergang anschauen. Wundervoll.
„Danke sehr.“ Ich klang ein wenig verträumt und nicht ganz so, wie ich eigentlich beabsichtigt hatte. Aber sie sah mich mit einem leichten, nach links geneigten Lächeln an. „Wie haben Sie gesagt, heißen Sie?“
„Mein Name ist Stephanie Roaks, aber nennen Sie mich Steph“, entgegnete die vor mir stehende Schönheit, die mich völlig verzaubert hatte.
„Nur…wenn Sie mich Pete nennen!“
„Okay.“ Sie war diejenige, deren ay ich gehört hatte, als ich hinter dem Schild aufgestanden war und mich der vor mir liegenden, schießenden Menge offenbart hatte. Ich erkannte es daran, wie sie okay sagte.
„Steph, diese Leute mussten aus ihrer Stadt fliehen, mussten alles zurücklassen, ihr gesamtes Hab und Gut. Legions Wölfe haben die Stadt angegriffen.“
„Elizabeth kam hierher und erzählte etwas von einem drohenden Angriff. Sie trug den Kopf ihres Verlobten bei sich. Harold. Kennst du ihn?“
„Ja, ich bin derjenige, der seinen Kopf abgeschlagen hat, wenn du mir diesen Ausdruck verzeihst. Er hat versucht mich umzubringen.“
„Und wieso hat er das?“
„Weil ich sein Geheimnis kannte. Er ist ein Späher. Legions Spion. Wie auch immer man es nennen mag. Jedenfalls hatte er in einem kleinen Haus gelebt und dieses Geheimnis mit sich herumgetragen. Nachts ist er heraus geschlichen und hat sich Leichen geholt. Er hat sie gefressen. Das Abrasive Ritual hat ihn zu dem gemacht, was er jetzt ist. Kennst du dieses Ritual?“
„Ja, ich habe schon davon gehört und gelesen, wobei beides nicht gerade aufschlussreich war. Nur bruchstückhaft und unheimlich, wenn du verstehst, was ich meine, aber wie wäre es, wenn wir dies alles zu einem besseren Zeitpunkt besprechen, vielleicht bei einer Tasse Tee, wenn Sie Tee mögen, Pete?“
„Ja, dass wäre wohl besser.“
In diesem Moment drängte sich Joshua Hunt durch die Menge und stieß Coffee, der ganz vorne dabei war, beiseite. Er sah mich mit aufgerissenen Augen an, die mich in einer verkleinerten Form widerspiegelten. Seine Mundwinkel waren ein wenig nach unten gezogen und tiefe Furchen durchliefen seine Stirn von links nach rechts. Das jüngste Mitglied des Rats schien verärgert zu sein.
„Ich habe das Sagen!“, sagte er in einem verärgerten Tonfall und sah mich mit bösen Augen an. „Sie sind nur ein kleiner Mann, der im Dreck wühlt. Sie suchen einen kleinen Fleck auf dem Hemd eines Mannes, der eine weiße Weste trägt, Mr. Mathews und jetzt spielen Sie sich auch noch als Bürgermeister auf! Wollen Sie einer werden? Ja? Nicht in meiner Stadt!“
„Es ist nicht Ihre Stadt, Hunt!“, warf Coffee ein. „Nicht Ihre, nicht Peters und nicht die eines anderen. Die Stadt gehört jedem und jetzt niemandem mehr. Sie ist zerstört, zunichte gemacht worden vom dunklen Mann auf dunklem Thron in einer dunklen Stadt am dunklen Ende dieser dunklen Welt!“
„Bei Ihnen ist es doch schon dunkel im Kopf, Coffee!“, sagte Hunt und sah ihn ein wenig in die Enge getrieben an. „Sie wissen doch nicht einmal von was Sie da sprechen. Sie können sich ja nicht einmal an Ihren Namen erinnern! Ha, wenn ich nicht lache und Sie wollen mir sagen, dass ich nicht der Vorsitz der Stadt bin, dass ich nicht das Recht dazu habe, zu sagen, dass ich der Mann bin, der über alles zu entscheiden hat?“
„Elizabeth Duncan hat doch auch ohne Ihr wissen einen Mann in ein Haus verbannt, das zufälligerweise die Nummer neunundzwanzig trägt, Mr. Hunt!“, sagte ich ruhig und gelassen. Ich hatte schon das Gefühl gewonnen zu haben. „Und sie war auch Mitglied des Rates und Sie wussten nicht, dass sie aus Vitalis stammte und nun haben Sie das Schlamassel. Vielleicht hatten Sie in der Stadt das Sagen, aber hier nicht mehr, Hunt und jetzt reihen Sie sich wieder ein oder ich tu es!“
„Wenn Sie noch einmal so mit mir-!“
„Einreihen!“, schrie ich ihn an und er schien endlich begriffen zu haben. Neben Coffee und Emelli Black kämpfte sich Christophe Brown durch die Menge und sah mich mit dem Hauch eines Lächelns an. Emelli Black trat ebenfalls hervor und stellte sich neben Christophe, der mir freundschaftlich auf die Schulter schlug. Das sollte wohl heißen, dass ich es gut gemacht hatte. Hunt ging ein paar Schritte rückwärts. Bevor er in den Reihen der zuschauenden Menschen verschwand, stolperte er über einen kleinen Sandhügel und fiel mit dem Rücken und dem Hinterkopf auf den Rücken. Er kam ein leises Uff von sich und rappelte sich wieder auf. Mit einem letzten drohenden und gleichzeitig beschämten Blick lief er zwischen die Reihen und war weg.
„Das haben Sie gut gemacht, Peter“, flüsterte mir Brown in das rechte Ohr und fügte dann noch ein wenig schüchtern klingend hinzu: „Ich darf Sie doch Peter nennen, oder nicht?“
„Na klar.“
„Großartig!“, rief Emelli Black laut aus und erhob die Hände, wie ein für den Segen Empfänglicher.
„Also, wir treffen uns bei mir, Pete“, sagte Steph und sah mich mit funkelnden Augen an. Seit der Ankunft und meiner kleinen Show hatte ich Sara ganz aus meinem Kopf vertrieben. Ich hatte im Moment die Nacht auf dem Sonnenhügel vergessen, die mir langsam nur noch wie ein Traum vorkam. „Meine Hausnummer ist eins vier fünf zwei.“
Eintausendvierhundertzweiundfünfzig.
Vierzehn zweiundfünfzig.
Einhundertfünfundvierzig zwei.
Eins vierhundertzweiundfünfzig.
Egal wie ich die Nummer drehte und wendete, es hatte nichts mit dem großen Puzzle zutun und ich war froh, denn der Puzzlemann brauchte auch mal eine Auszeit. Aber dennoch wusste ich, dass ich in diesem Haus nicht nur Coffee informieren musste, sondern auch Albert Wesp, der noch im Wagen saß und sich die Veranstaltung aus dem hintersten Platz ansah.
„Ich werde kommen, wann?“
„Wenn es dämmert, zuvor werden dir Marie und Jennifer deine Unterkunft zeigen.“ Stephanies Zwillingsschwestern Marie und Jennifer traten hervor und begrüßten mich mit einem zurückhaltenden Hallo. Sie sagten mir, dass ich mitkommen solle, während sie ihre Maschinengewehre einer anderen Frau gaben, die genauso aussah wie diese drei Schönheiten.
War es eine Laune der Natur gewesen oder eine Laune Gottes? Hatte Er oder sie diese Stadt voller Zwillingen geschaffen oder waren sie es selbst? Inzucht? Eine andere Theorie von mir war, dass sie es selbst nicht wussten und einfach eines Tages da waren. Vielleicht gab es so etwas Ähnliches wie einen Urknall, aber die Wahrheit war, dass ich es nicht wusste und eigentlich war es auch gar nicht so wichtig. Sie waren da und halfen uns, als wir in Not waren.
Die zwei Zwillinge Marie und Jennifer hatten genauso wenig bemerkt wie Stephanie, dass ich am Bein verletzt war und das Kribbeln durchfuhr meinen Körper mit einem seltsamen Gefühl der Befriedigung, sodass ich mich nur in mein Bett im Haus Nummer 1258 legen musste, um sofort einzuschlafen und mich auf den nächsten Tag zu freuen. Aber wie ich schon wusste, würde der Tag nicht erfreulich sein, denn kein Tag war bis jetzt erfreulich.
Der Bote
Ich erwachte am nächsten Tag und fühlte mich so, als hätte ich eine Sauftour hinter mir. Mein Schädel pochte und meine Augen schienen aus ihren Höhlen zu treten. Mein Mund war trocken und meine Beine fühlten sich an, als wären sie aus weichem Gummi. Ich sah aus dem Fenster und stellte fest, dass es Nacht war.
„Oh, Scheiße!“, murmelte ich vor mich hin und rieb mir mit den Daumenballen die Augen. „Scheiße, scheiße, scheiße!“
Ich hatte vollkommen Stephanie vergessen, die wohl seit der Dämmerung auf mich wartete und auf ihrem Sessel saß und Tee schlürfte – alleine. Auf einmal fühlte ich mich schlecht, so als hätte ich etwas verloren, dass ich von meiner Mutter oder meiner Freundin zum Geburtstag bekommen habe und sie nun danach fragten. Was würde ich sagen? Hab’s zuhause vergessen? Ich glaub ich hab’s verloren, tut mir leid, in einem bittenden Tonfall? Ich weiß es nicht, aber wahrscheinlich würde diese Masche bei Stephanie nicht so gut funktionieren, wie bei meinen fürsorglichen Eltern, die einfach alles tolerierten. Außer Drogen natürlich. Sie wollten keinen heruntergekommenen Junkie als Sohn haben, schon gar nicht, weil ich ihr einziger war und bei meiner Mutter festgestellt worden war, dass sie keine Kinder mehr bekommen konnte, aus welchen Gründen auch immer. Zwei Monate später war meine einzige Tante an Multipler Sklerose gestorben. Das gab meiner Mutter schließlich den Rest und sie war für ein Jahr lang ein einziges Frack. Mein Großvater war an Lungenkrebs verschieden, womit meine Mutter und mein Vater sofort mit dem Rauchen aufhörten und mir jedes Mal einen auf den Deckel gaben, wenn sie mich mit einer Zigarette sahen.
Ich sah mich um, suchte meine Kleider. Nackt stand ich in dem kleinen Wohnzimmer, in dem mich ein leerer, schwarzer Kamin anstarrte. Ich konnte eine Uhr ticken hören. An der Wand hing ein Gemälde mit dem Titel DER TOD, das mich nicht gerade aufmunterte. Darauf konnte man einen grinsenden Schädel entdecken, dessen Haut vollkommen abgeschält worden war und nur noch die scharlachroten Lippen und die blauen, scheinwerferartigen Augen zu sehen waren, deren Äderchen rot hervortraten, wie bei einem Comicbild, auf dem ein Kopf kurz vor dem Explodieren ist.
Das schwache Mondlicht warf ein wenig Helligkeit in das längliche, O-förmige Zimmer. In der Mitte befand sich ein Runder Tisch, auf dem eine Schüssel mit Äpfeln, Bananen und ein paar Eiern befand. Drum herum standen vier Stühle mit braunem Leder bezogen.
Ich konnte nirgends meine Kleider entdecken und ging barfuss zur Treppe hinauf. Oben angekommen, stand ich in meinem Schlafzimmer. Ein stickiger Geruch hüllte mich ein. Mein Schweiß hatte die Luft verpestet und die alte Atmosphäre zunichte gemacht. Na ja, sagte ich mir, alles neue, muss auch mal alt werden. Ich vermutete, dass noch nie jemand in diesem Bett, weiß bezogen, mit einem roten Kopfkissen, geschlafen hatte, außer vielleicht ein paar Mücken oder Maden, die sich im Winter ein Unterschlupf gesucht hatten. Aber ich war wohl das erste menschliche Ding das sich hier breit gemacht hatte. Ein irgendwie beunruhigender Gedanke, aber nun gut, immerhin hatte ich ein Bett und musste nicht auf dem Sofa schlafen, wie schon einmal bei meiner Freundin in Radock City, als ich noch drei Jahre jünger war. Damals hatte ich mich schon auf eine heiße Nacht gefreut und dann…schickte sie mich einfach auf das Sofa ein Stockwerk unter ihr. Sie gab mir ein Kissen und eine Steppdecke, damit ich nicht fror. Und was war? Gar nichts, wie sich später herausstellte.
Da lagen meine Kleidungsstücke, direkte am Fußende des Bettes auf dem Holzdielenboden. Ein indonesischer Teppich war in der Mitte des Zimmers ausgebreitet, auf dem man viele verschiedene Farben erkennen konnte, aber auch ein komisches Gesicht, wenn man ein Auge zukniff und den Kopf ein wenig zur Seite neigte.
Ich schnappte mir meine Jeanshose und schlüpfte hinein, als ein kurzes, lautes Piepsen durch die Fensterscheiben hinein drang. Ein lang gezogenes, alarmähnliches Piepsen, das mich ein wenig an das Geräusch erinnerte, wenn man vergisst, seine Autotür zu schließen. Als es wieder verstummte beugte ich mich hinunter und nahm mein T-Shirt mit der Aufschrift Schönheit liegt im Auge des Betrachters in die linke Hand. Ich faltete es bis zum Kragen zusammen und steckte den Kopf hindurch. Anschließend zwängte ich meine Arme durch die Ärmel und stülpte mir die Socken über. Meine Schuhe standen unten an der Haustür.
Wieder stieg ich die Treppe hinab und sah in das O-förmige Wohnzimmer hinein. Ein kalter Hauch schien meinen Nacken zu streifen, der eine kribbelnde Gänsehaut erzeugte. Aber ich beachtete ihn nicht weiter, sah nur kurz nach, ob auch alle Fenster geschlossen waren.
Alle fest zu.
Ich ging die Diele entlang, als mir etwas schwarzes, L-förmiges ins Auge stach. Ich blieb ruckartig stehen und drehte den Kopf um fünfundvierzig Grad nach links. Da lag etwas Schwarzes. Daneben lag eine weiße Schachtel, auf der eine turmähnliche, goldene Patrone abgebildet war. Kugeln für eine Kanone, die direkt daneben lag. Es war kein Maschinengewehr, so wie die Frauen sie hatten, aber eine kleine, ansehnliche Kanone, die durchaus ein Loch durch jemanden oder etwas bohren konnte, wenn man es geschickt genug anstellte. Daneben lag ein Magazin, das gefüllt war und ohne dass ich nachsehen musste, wusste ich, dass noch alle siebzig Kugeln in der weißen Schachtel vorhanden waren und dass nur ein kleines Aparative obendrauf war. Sozusagen eine Kostprobe.
Frag später mal nach, ob es hier einen Schießstand gibt, notierte ich mir im Geiste und legte diese Notiz in mein Erinnerungslager für nebensächliche Fragen ganz hinten in meinem Kopf.
Erst jetzt kam mir der Gedanke, dass Stephanie schon schlafen könnte und ich ganz umsonst zu Haus Nummer 1452 laufen könnte.
Aber ich würde es trotzdem machen, denn ein Spaziergang würde mir bestimmt gut tun. Und außerdem brauchte ich die frische, kalte Luft, um die Kopfschmerzen ein wenig loszuwerden.
Ich ließ die Waffe, das Magazin und die Schachtel liegen und ging zur Haustür, neben der sich eine Garderobe befand, unter der meine Schuhe standen und an der eine weiße Winterjacke hing, in der ein paar schwarze Lederhandschuhe steckten.
Wie ich diese gottverdammten Dinger hasse! Mein Gott, warum denn immer schwarz und nicht weiß, grau oder grün oder so etwas? Fängt schwarz das Licht auf und wärmt besser, oder was? Warum immer diese gottverdammte Farbe?
Weil sie es so wollen, Peter! sagte ich mir und zog die Jacke an, wobei mir etwas anderes einfiel. Am Vortag hatte ich eine Bekanntschaft mit den Zwillingen gemacht und da hatte ich noch nicht darüber nachgedacht, dass sie nur in weißen Overalls mit roten Streifen an den Seiten dastanden. Ihnen musste doch bestimmt kalt gewesen sein, oder nicht? Ich wusste es nicht und zog meine Schuhe an. Direkt daneben lag ein Schuhlöffel.
Alte Männer brauchen so etwas, aber doch nicht ich!
Als ich meinen rechten Fuß in den Schuh steckte, bemerkte ich, dass die Wunde an meinem rechten Oberschenkel überhaupt nicht mehr schmerzte. Schnell knöpfte ich meine Jeans auf und zog den Reißverschluss herunter. Langsam streifte ich den Stoff ein Stück herunter und betrachtete meinen nackten, unverletzten Oberschenkel.
Nichts! Nicht einmal ein paar Tropfen zurückgebliebenes, getrocknetes Blut. Überhaupt gar nichts. Es war wie Zauberei. Nein, es war ein Wunder.
Ich konnte mir kein Lächeln verkneifen und entblößte meine Zähne, die schon seit Tagen keine Zahnbürste mehr gesehen hatten. Als ich so darüber nachdachte, fiel mir auch das raue Gefühl auf, wenn ich mit der Zunge über sie leckte. Und ich fragte mich plötzlich, wie lange Sara sich schon nicht mehr die Zähne geputzt hatte, bevor wir auf dem Sonnenhügel uns ineinander umschlungen hatten. Ich fragte mich, wie viele Bakterien sich im Laufe der Zeit in ihrer Mundhöhle angesammelt hatten, als wir uns küssten und an nichts anderes dachten, als an den jeweils anderen Liebespartner. Ich überlegte einige Augenblicke und schob dann diesen widerwärtigen Gedanken beiseite und öffnete die Tür des Hauses Nummer 1258.
Ein kalter, beißender Wind kam mir entgegen, der meine weiße Winterjacke aufblähte, die ich vergessen hatte zu schließen. Mit Mühe brachte ich den Reißverschluss zusammen und zog ihn nach oben zu. Meine Haare wurden nach hinten geblasen, während ich mir Handschuhe anzog. Hinter mir knallte die Tür zu und gab ein dumpfes, vom Wind weggeblasenes Geräusch von sich. Es erinnerte mich ein wenig an den Augenblick, in dem ich versuchte, den schießwütigen Frauen zuzurufen.
Der kalte Wind trocknete die dünne Schweißschicht auf meiner Haut und ließ mich ein wenig frösteln. Ich zitterte ein wenig, als ich die ersten Schritte auf dem mit Sandkörnern übersäten Boden machte. Als meine Augen begannen zu brennen, kniff ich sie zusammen und hielt mir die rechte Hand vor das Gesicht. Plötzlich erschien mir alles so surrealistisch. Es war doch ein unmögliches Unternehmen bei diesem kalten, starken Sturm zum Haus mit der Nummer 1452 zu marschieren, aber ich musste mich vergewissern, dass sie nicht schlief und dass sie nicht irgendwelche wichtigen Informationen für mich hatte.
Also ging ich die dunkle, nur vom Mondschein beleuchtete Straße entlang. An einem Haus, ich glaube es war die Nummer 1288, blieb ich kurz stehen und lauschte den gedämpften Stimmen. Irgendwie erinnerte mich eine Stimme an Coffee. Später erfuhr ich dann, dass er in 1288 untergekommen war. Schließlich ging ich weiter, die Hand vor das Gesicht gelegt.
Und irgendwie hatte ich das Gefühl, beobachtet zu werden, wobei ich mir ein bisschen bedrängt und verängstigt vorkam. Gleichzeitig verbannte ich diesen Gedanken wieder aus meinem Kopf und dachte ganz alleine an Stephanies wunderhübsches Gesicht – mit den wunderschönen, blauen Augen. Aber ich stellte sie mir gleich dreimal vor. Marie, Jennifer und Stephanie standen in einer Reihe in meinen Gedanken nebeneinander und starrten mich wie Tote an, die mit geöffneten Augen gestorben waren.
Ich bog um eine Ecke und stellte fest, dass die Häuser nach Nummern sortiert waren. Die nächste Straße beherbergte alle Häuser mit den zwei ersten Zahlen 1 und 3. Eine Reihe weiter erreichte ich die 14er Reihe. 52 musste demnach so ziemlich in der Mitte liegen.
Meine Füße hatten keine Lust mehr, mich zu tragen, sie wollten ihren Dienst versagen und aufhören mich wie ein totes Tier auf dem Rücken zu schleppen. Aber ich ließ sie nicht. Sie mussten nur noch etwa sechzig Meter durchhalten und das traute ich ihnen zu. Schließlich wäre der Weg zurück, viel länger gewesen.
Und da war es auch schon, Haus Nummer 1452. Ich klopfte an die Tür, deren Maserung mich ein wenig an die Wolkenbilder am Vortag erinnerte. Mein Verstand redete mir ein einen Gnom zu sehen, der mich verholen angrinste, während sich hinter ihm eine eigenwillige Brille anschlich, die ohne Träger zu schweben schien.
Das sind die Augen des Beobachters! sagte mir mein Verstand andauernd. Aber mit der Zeit lernt man, mit seinem Verstand umzugehen und so auch ich, also ignorierte ich dieses andauernde Geschwätz meines zweiten Ichs. Es war nicht so, wie bei Eddies, Ricardos, Amelies und Smiths stimmen, diese konnte ich nicht so einfach ignorieren, denn diese hatten ihren eigenen Willen und mussten mir nicht gehorchen, aber die Stimme meines zweiten Ichs musste das, genauso wie die meines dritten Ichs. Mein Kopf war wohl der Versammlungspunkt in der Spiritualwelt der sonderbaren Stimmen für Abgestoßene und Geflohene. Es gab da mein gutes Ich und mein böses Ich und dann natürlich noch mein generelles Ich, das zwielichtig war. Dann sprachen Eddie, Ricardo, Amelie und Smith zu mir und so langsam fühlte ich mich, als wäre ich ein Irrer, der aus einer Nervenheilanstalt entflohen war.
Immer mit der Ruhe, Kleiner, sagte Smith und ich konnte mir denken, wie er ein hinterlistiges Grinsen aufsetzte. Verrückt? Kennst du überhaupt die Definition von verrückt sein? Warte, ich lies dir mal ein bisschen vor: (er räusperte sich) verrückt ist ein Adjektiv was geisteskrank, überspannt oder nicht recht bei Verstand bedeute. Unter anderem auch unsinnig, sehr merkwürdig und vom Normalen sehr abweichend. Kapiert? Ich glaube du bist einfach nur überspannt. Glaub mir, um verrückt zu sein, muss man wirklich ziemlich verrückt sein, Kleiner.
Ich konnte es nicht ausstehen, dass er mich andauernd Kleiner nannte. Aber gut, ich musste damit leben, konnte es nicht ändern, denn ich war ja schließlich überspannt.
Unter anderem gehören absonderliche Einfälle zur Verrücktheit, was in deinem Fall wiederum zutrifft. Also ich an deiner Stelle, würde mir mal Gedanken machen!
„Halt die Fresse!“, murmelte ich und schlug mir mit der Handfläche gegen die Stirn. Es klatschte laut und verhallte sofort wieder, als es vom Wind weggetragen wurde. „Ich bin nicht verrückt, klar!“
Oh, natürlich.
„Bis jetzt haben alle meine absonderlichen Einfälle in das Schema gepasst, okay?“
Du meinst in das Puzzle?
„Ja, verdammt!“
Na, dann ist ja gut, denn wenn ich in deiner Haut stecken und feststellen würde, dass ich verrückt sei, würde ich vom Dach eines ganz hohen Hauses springen.
„Dann ich ja gut, dass du nicht in meiner Haut steckst, Smith! Und jetzt: Klappe!“
Okay, okay, ist ja schon gut. Ich glaube, du musst dich jetzt konzentrieren, oder wie? Du musst wieder Puzzleteile zusammensetzen! Er gab ein verrauchtes Lachen von sich, gefolgt von einem starken, kotzähnlichen Husten.
Ich hob die rechte Hand um zu Klopfen und betrachtete noch ein letztes Mal den mich angrinsenden Gnom. Dann klopfte ich.
Zuerst hörte ich überhaupt nichts, was wahrscheinlich zum Großteil auch an dem pfeifenden Wind lag, der durch jede kleinste Ritze hindurchfegte. Aber dann, nach einigen Sekunden warten, nach denen ich schon wieder gehen wollte, kamen dumpfe Schritte näher.
Huhu, der Todesengel kommt!
„Ruhe“, flüsterte ich.
Ein Klicken, dann öffnete sich die Tür. Mit einem eigenartig aufgesetzten Lächeln begrüßte mich Stephanie. „Hi, wie geht es dir? Du kommst recht spät.“
„Ich weiß, ich muss eingeschlafen sein, ’tschuldigung.“
„Nun ja, macht nichts, aber ich bin froh, dass du überhaupt gekommen bist.“
Sie lächelte weiterhin, aber es schien schon ein wenig zu verblassen. Sie ließ mich hinein. Nachdem ich meine Jacke und meine Handschuhe ausgezogen hatte, blieben wir noch in der Diele stehen und sie sah mich mit düsteren Augen an.
„Vorhin wurde der Alarm am Stadttor ausgelöst und wir griffen einen jungen Mann auf, etwa im Alter von siebzehn Jahren. Er hat noch nichts gesagt, außer das irgendjemand gestorben sei.“
Das ist Alex Winters, Peteboy, darauf würde ich jede Wette abschließen.
Ich wollte erst laut fragen, wer Alex Winters sei, ließ es dann aber bleiben, da ich mich nicht lächerlich machen wollte, vor so einer schönen Frau wie Stephanie.
Eddie Nero, ein kluger Junge, warum hatte er nur diesen alten Buick von diesem alten, armen Farmer geklaut und sich dann zu Tode gefahren? Ich wusste es nicht, genauso wenig wie ich wusste, wer Alex Winters war. Und irgendetwas wurde mir über den Namen zugeflüstert, aber ich verstand es nicht.
„Wo ist dieser Junge?“, fragte ich und sah sie mit einem Blick an, der besagen sollte, dass ich ein wenig besorgt war.
„Im Wohnzimmer.“
Sie und Todesengel? Sie ist eher der Engel jeder maskuliner Begierde, Peteboy, hab ich nicht Recht?
Ich wollte ihm erst zustimmen, hielt aber wieder die Klappe und folgte ihr in das Wohnzimmer, in dessen Kamin ein flammendes Feuer brannte. Holzstücke brannten lichterloh, die Flammen züngelnden an den Seiten des steinernen Kamins heraus und schienen nach mir zu greifen. Aber sie erreichten mich nicht. Ich war zu weit entfernt.
Langsam betraten wir das Wohnzimmer, in dem Coffee mit einem betrübt wirkenden Gesichtsausdruck, Albert Wesp mit verschlafenen Augen, Elizabeth Duncan mit böse nach unten gezogenen Mundwinkeln und ein blonder Junge, mit leuchtend, blauen Augen saßen. Zwei Plätze waren noch frei. Einer auf einem Sessel und ein Stuhl, der unbequem aussah. Aber da ich der Lady den Vortritt ließ, setzte sie sich auf den bequemen, weichen Sessel. Die vier anderen, die sich auf eine Zweiercouch und zwei weitere Sessel verteilt hatten, sahen mich erwartungsvoll an, außer Elizabeth natürlich. Sie hatte so etwas absonderlich Feindseliges an sich, als hätte ich ihr etwas angetan. Ironischerweise hatte ich das auch, aber es tat mir kein bisschen leid. Und ihre Miene schien auch Trauer und Schuldgefühle zu zeigen, dich mit Freuden in mich aufnahm. Fast hätte ich gegrinst, konnte es mir dann aber noch verkneifen – zum Glück.
Es war nicht Coffee gewesen, der in Haus Nummer 1288 mit jemand anderem ein hitziges Gespräch geführt hatte, ich hatte mich geirrt, auch wenn ich mir das nicht eingestehen wollte, denn wenn ich mich bei so einer Kleinigkeit geirrt hatte, könnte ich mich auch bei größeren Entscheidungen irren. Aber ich beließ es erst einmal dabei.
„Er ist doch noch gekommen“, sagte Stephanie und sah mich mit etwas erfreuten Augen an.
Einzig und alleine an ihrer Kleidung konnte ich Elizabeth von Stephanie unterscheiden, denn hätten sie nebeneinander gestanden, dann hätten sie genau gleich ausgesehen, bis auf die letzte Strähne.
„Ich bedanke mich, dass ich überhaupt kommen durfte.“
Sie nickte und setzte sich. Zuerst schien sie ihren Platz mit dem hintern ein wenig zu wärmen, wie eine Katze, die vor dem Hinlegen mit den Pfoten den Boden bearbeitet, und lehnte sich dann vollkommen nach hinten.
„Lassen wir die Förmlichkeiten, Peter, wollen wir zum Wichtigen teil dieses Abends kommen“, erklärte Steph. „Dieser Junge, der einfach nicht mit uns reden will, kam aus dem nordöstlichen Teil dieser Welt, von dem niemand etwas weiß. Sozusagen eine unbekannte Zone. Quarantänezone, wie wir sie nennen, denn wir würden nie jemanden dort hin schicken. Er spricht nicht mit uns. Vor einer Stunde ist Liz hier aufgetaucht, sie hat gesagt, sie wartet-“
Steph wurde von Elizabeth unterbrochen: „Ich kann für mich selbst reden, Schwester!“ Steph nickte und sah sie mit einem egoistischen, zynischen Blick an. „Ich bin gekommen, um mich bei dir zu entschuldigen, was ich hiermit tue. Ich war nicht bei klarem Verstand, als ich alles so vorgefunden hatte, wie es war. Du musst verstehen, du hattest immerhin seinen Kopf in der Hand und so ein Anblick kann einen ganz schön fertig machen. Dazu kam, dass es sich dabei auch noch um meinen Verlobten handelte. Aber du hast Recht gehabt, er musste sterben. Ich habe es zu Ende gebracht. Ich hab ihn hinter meinem Haus vergraben – oder zumindest das, was noch von ihm übrig war – und ein Grab angelegt. Zwei Gräber für einen Menschen.“
Na klar, Menschen! Wenn man ihn als Menschen bezeichnen kann! Nicht wahr, Peteboy?
Ganz klar, er war kein Mensch – nicht mehr. Und wenn sie ihn als solchen bezeichnete, lief mir jedes Mal ein kalter Schauder den Rücken hinunter. Ein Satz zischte mir dir ganze Zeit im Kopf herum, seit sie es erwähnt hatte: Die Leiche im Garten hinter dem Haus! Die Leiche im Garten hinter dem Haus! Die Leiche im Garten hinter dem Haus! Ein Grab für einen Kopf!
Sie war in der Stadt künstlich gealtert, um bei ihrem Verlobten zu bleiben, aber wäre das nicht irgendwann irgendwem aufgefallen? Vielleicht hätte Martin es gewusst, wenn er jetzt hier wäre. Bis jetzt wusste ich immer noch nicht, wer der Junge war, der Zwischen Coffee und Albert Wesp mit zusammengezwängten Schultern saß und mich mit ängstlich zusammengezogenen Augenbrauen ansah. Er kannte mich; er kannte mein Gesicht; er kannte meine Augen. Das alles konnte ich aus seinem Gesicht herauslesen, aber ich wusste nicht, wer er war, obwohl mir eine fremde Stimme andauernd sagte, dass es sich um einen gewissen Alex Winters handele, dessen Namen ich noch nie zuvor gehört hatte. Aber als ich diese erschrockenen, verängstigten Augen sah, wusste ich, dass er ein schlimmes Erlebnis hinter sich hatte. Es waren dieselben Augen, die ich hatte, als ich meine Eltern tot am Boden liegen sah, nachdem Smith sie erbarmungslos erschossen hatte. Aber ich hatte keine Zeit für Mitleid und weitere Sorgen, ich musste mich den wichtigeren Dingen zuwenden, der Wahrheit und meiner Bestimmung.
Vier Begleiter.
Waren diese vier Personen hier meine gesamte Kameradschaft? Hatte ich meine vier Begleiter vor Augen? Elizabeth Duncan, ein unbekannter, blonder Junge, Coffee und Albert Wesp, der verträumt dreinblickte? Nein, dass konnte es nicht sein. Ich musste den blonden, mir unbekannten Jungen mit Steph austauschen, dann war meine Gefährtschaft komplett. Aber es machte sich wieder ein unbehagliches Gefühl in mir Breit, so als hätte ich im Mathematikunterricht etwas Falsches gesagt und mich alle auslachten. War es so? Hatte ich etwas Falsches gesagt? Hatte sich mein Verstand schlecht und unangebracht benommen? Keine Ahnung.
„Coffee ist hier, weil hier seine Unterkunft ist. Schließlich muss er auch irgendwo schlafen, wir können ihn ja nicht in der Kälte in einem Schlafsack herausschmeißen.“ Sie lachte kurz und abgehackt. „Albert Wesp ist ebenfalls hier, weil es sein vorübergehendes Heim ist. Und dieser Junge wurde zu mir gebracht, weil er in die Stadt eingedrungen ist, aus nordöstlicher Richtung, dem unerforschten Land.“
Und plötzlich durchschnitt eine dünne, heisere Stimme die Luft: „Ich wollte warten, bis Sie hier sind, Mr. Mathews.“
„Woher kennst du meinen Namen?“, fragte ich misstrauisch.
„Ich weiß es einfach, also zerbrechen Sie sich nicht den Kopf darüber, Mr. Mathews. Alle Ihre Fragen werden sich schon noch klären.“
„Okay, dann fangen wir mal mit meiner ersten an: Was soll ich tun, allwissender, blonder Junge?“
„Mir zuhören, Sir.“
„Aha, das ist alles?“
Er nickt langsam, wie ein alter Mann, dem jede Bewegung in den Gelenken schmerzen bereitet. „Am besten fange ich ganz am Anfang an, wenn Sie es mir gestatten.“ Er fragte mich eigentlich gar nicht. Er ließ mir nicht einmal Zeit, um zu antworten. „Ich bin so eine Art Bote der überirdischen Zeit. Der Zukunft, des Unaufhaltsamen, wie auch immer Sie es nennen möchten. Bis jetzt war ich ihr Diener gewesen, freiwillig. Sie war schließlich die Herrin der Zeit. Aber leider kamen Legions Wölfe und Schattenkromler, wie sie genannt werden. Nicht sehr einfallsreich, aber so heißen sie nun mal. Jedenfalls fielen sie über meine Herrin her wie ein Rudel wildgewordener Hunde. Sie starb, aber ich konnte entkommen. Eins stand fest, kurz vor ihrem Tod bat sie mich, zu Ihnen zu gehen. Sie über alles aufzuklären und Ihnen klar zu machen, welche Aufgaben Sie haben. Ich tat es, ließ sie zurück und floh. Sicherlich haben Sie diese Erdbebenwelle bemerkt, die unter Ihnen hinweggefegt ist?“
„Ja, natürlich. Ab diesem Tag schien mir alles so klar und ab diesem Tag hatte der Puzzlemann mit seinem Puzzle begonnen, ich meine richtig begonnen. Ich kam nur nicht richtig voran.“
„Also, jedenfalls starb die Herrin der zeit während dieses Erdbebens. Und seit diesem Zeitpunkt habt ihr eure Schicksale selbst in der Hand. Natürlich wirkt sich das bei allen anders aus. Bei Ihnen gut, Mathews, bei Mr. Miller schlecht. Er verfiel dem Lord auf dem dunklen Thron und wurde zu seinem Anhänger. Anschließend starb er. Sie jedoch haben herausgefunden, was Elizabeths und Emelli Blacks Geheimnis war, sie haben das Opfer eines Abrasiven Rituals getötet und Liz zur Besinnung gebracht. Allerdings war dies alles nur eine Vorbereitung. Die Stimmen die Sie hören, sind eine Folge des Todes der Herrin der Zeit. Sie müssen sich vier Begleiter auswählen, aber noch nicht. Es sind noch nicht alle anwesend.“
„Alex Winters, der fehlt, stimmt’s?“
„Ganz genau, Mr. Mathews. Er ist noch unwissend und lebt sein Leben wie ein Jugendlicher in seinem Alter sein Leben eben lebt, falls Sie verstehen, was ich meine. Jedenfalls beobachtet Martin ihn gerade. Der Junge wird ihn allerdings unter dem Namen Raphael kennen lernen, merken Sie sich das bitte. Das wird so etwas, wie ein Erkennungszeichen sein. Wenn er kommt, werden Sie vielleicht überrascht sein, weil Sie sich jemand anderen vorstellen, aber er wird seiner Aufgabe gerecht werden.“
„Wie alt wird er sein? Du hast gesagt, er wäre noch ein Jugendlicher.“
„Siebzehn. Im Moment ist er noch fünfzehn und wird bald sechzehn. Das soll heißen, dass du noch knappe zwei Jahre Zeit hast – Zeit, sie spielt immer wieder eine Rolle in der Geschichte der Menschheit, nicht wahr? – um dich auf die Mission vorzubereiten.“
„Mission? Was für eine Mission?“
„Ich dachte eigentlich nicht, dass Sie so schwer von Begriff sind, aber nun gut. Sie werden in nordöstliche Richtung gehen, einen Bogen um die Ländereien des komischen Kerls machen – so nennen ihn alle. Aber dennoch ist er gefährlich. Schließlich werden Sie das Tal des Schattenregens durchqueren und zur Festung gelangen. Dort müssen Sie das Asyl betreten und die gefangenen Seelen befreien, aber haben Sie keine Angst, sie können Ihnen nichts tun, soviel ich weiß und dass ist ziemlich viel. Mehr kann ich Ihnen auch nicht sagen, ich kann Ihnen nicht sagen, was Sie alles erwarten wird, auf der Reise, aber glauben Sie mir, sie werden es schaffen. Und noch etwas: Achten Sie auf Alex Winters, er ist noch jung, aber sehr gewitzt und gleichzeitig bietet er eine große und gute Angriffsfläche.“
„Was ist mit meinen anderen vier Begleitern?“
„Coffee.“ Dieser sah mich mit erleuchtenden Augen an. Aber das Gesicht des blonden Botenjungen schien sich zu verfinstern. „Elizabeth Duncan.“ Auch bei diesem Namen verfinsterte sich sein Gesicht. Liz sah mich überrascht an. Glauben Sie mir, ich war genauso überrascht. Liz sollte in meine Truppe gehören? In meine Einheit? In meine Spezialeinheit?
„Nein, nein, nein! Das kann doch nicht sein, oder doch? Ich kann doch nicht…Ich meine…Er hat Harold umgebracht!“
„Das ändert nichts an der Tatsache, Missus Duncan.“
Aber dann schenkte sie mir doch ein Lächeln und ich erwiderte es, wobei sich meine Haut wie eine Maske anfühlte. Nicht wie die goldene Maske, sondern eher wie eine geschminkte Clownsfratze.
„Und Albert Wesp.“ Der blonde Botenjunge lächelte und sah den verträumten Albert an. Ich hatte es gewusst. Ich hatte es von Anfang an gewusst, denn ich war der Puzzlemann. Und erst jetzt fiel mir die Holzschatulle in der Mitte des Tisches auf. Unwillkürlich musste ich an die Knarre in der Diele denken, der ein gefülltes Magazin als Präsent beigelegt worden war.
„Und nun zu etwas erfreulicherem, Pete“, warf Stephanie ein. „Ich habe ein kleines, aber kostbares Geschenk für dich. Sie griff nach vorne und nahm das Holzkästchen auf den Schoss. Sie atmete kurz tief durch. „Das ist ein Familienerbstück – wenn man dass in einer Stadt voll von einer einzigen Familie überhaupt noch behaupten kann. Mein Urururururgroßvater übergab es seinem Sohn und dieser wiederum seinem Sohn, dieser Zeugte dann nur noch Kinder und kam in dieses Dorf, dessen Boden gesegnet zu sein schien. Und er schien unsterblich zu sein, aber irgendwann rammt der Tod jedem die Sichel in den Nacken. Dieses aus Nautrizium bestehende Stück, verleiht dir die bisher geheim gehaltene Gabe der Geschicklichkeit.“ Sie öffnete den dunklen, nussbraunen Deckel und ein türkisblaues Licht strömte heraus. Zuerst nur an den Seiten, dann in alle Richtungen. Ein wunderschöner Anblick bot sich mir dar. Als der Deckel vollkommen geöffnet war, blendet dieses türkisblaue Licht mich fast, aber langsam begann es zu verblassen und gab ein wunderschön glimmendes Armband preis. „Das ist der Geschicklichkeitsarmreif. Von Generation zu Generation und nun an dich, Peter.“ Sie beugte sich zu mir und küsste mich sanft auf die Wange, sodass ich ein wenig in meiner eigenen Peinlichkeit zu ersticken drohte. Und da kam mir der Gedanke. Ich sollte Schriftsteller werden und ein Buch über diese ganzen Geschehnisse schreiben. Oder einfach nur Philosoph und ein paar Gedichte verfassen, was an sich nicht so schwer klang. Bestimmt eine leicht zu bewältigende Aufgabe, sagte ich mir. Leichter als die Zurückeroberung des dunklen Lands auf jeden Fall, denn Legion schlief nie, genau wie ein Osaris. Die vier ihm innewohnenden Götter, Atra, Systeria, Megnariu und Basili, machten ihn zu einem Übergott, wie ich vermutete, und wie sollte ein so kleiner, unbedeutender, neunzehnjähriger Mensch wie ich es war, so etwas bewerkstelligen?
„Ein Mensch, ein Osaris, eine Vitaliaranerin, ein Auserwählter und ein Geschädigter bilden die Gruppe“, verkündete der blonde Junge und sah uns alle mit einem Lächeln an.
„Apropos, ich hätte da noch eine Frage: Als ich mich mit dem Straßenschild genähert habe, hatte mich eine von euch mit einer Kugel am rechten Oberschenkel erwischt.“
„Oh, nein. Das tut mir echt leid! Ist-“
„Genau das macht mir Sorgen. Es ist verheilt, aber viel zu schnell.“
„Was glaubst du, warum wir diese Stadt Vitalis genannt haben?“
„Weil ihr alle voll vital seid?“
„Auch. Aber nein. Wir nannten sie so, weil Vita in deiner Sprache das Leben bedeutet. Hättest du im Lateinunterricht besser aufgepasst, dann wüsstest du das. Und eben deswegen, weil diese Stadt auf heiligem Boden erbaut wurde, besitzt sie magische Heilkräfte. Dein Bein ist nur ein weiteres Beispiel“, erklärte Steph mir. Sie nahm den Geschicklichkeitsarmreif aus dem Kästchen und legte ihn mir um mein Handgelenk. Mit einem Klicken schloss es sich. (Später bemerkte ich dann, dass ich es nie wieder abnehmen könnte, denn Nautrizium erwies sich als sehr widerstandsfähiges Material.) „Fühlt es sich gut an?“
Aus irgendeinem Grund spürte ich rein gar nichts. „Ja, irgendwie fühle ich mich…vitaler.“ Wieder einmal hatte ich die besten Worte gefunden.
Du solltest wirklich ein Buch schreiben, Peteboy!
„Dann bist du empfänglich für die Heilkunst unserer Stadt, Peter.“
Ich nickte und sah sie mit einem zurückhaltenden Lächeln an. Der Armreif fühlte sich schwer an. Er fühlte sich an wie ein merkwürdiges Objekt aus einer Hexenshow im Fernsehen.
„Dann wollen wir zum nächsten Punkt auf meiner Liste kommen“, sagte Steph. Aber ich unterbrach sie, bevor sie weiterreden konnte: „Als Martin und ich in diese Welt gekommen sind, waren die Wölfe in der dunklen Stadt.“
„Ja, dem äußersten Außenposten“, stimmte der blonde Junge mir zu.
„Der Mercedes hat uns gerettet, hat diesen Oberwolf platt gefahren. Wie konnte er so schnell eine neue Armee herrichten?“
„Ein Wolf kann schnell wie der Wind sein, wenn er dazu veranlasst wird, Mr. Mathews.“
Ich hatte noch mehr Fragen, hielt aber besser den Mund, schließlich hatte ich nun mein Schicksal selbst in der Hand.
„Also, dann kommen wir nun zum nächsten Punkt auf meiner Liste“, begann Steph wieder, aber diesmal wurde sie von Coffee unterbrochen: „Und woher weißt du, dass ich mit ihm gehen würde?“ Plötzlich begann aus unerfindlichem Grund mein Herz schneller zu schlagen. Meine Poren stießen schweiß aus und mir wurde heiß. Hinter meinen Augen pochte etwas, wollte herauskommen. Was war das denn für eine Frage?
„Ich weiß es eben“, antwortete der Bote.
„Also, sind jetzt alle Fragen gefragt worden?“, erkundigte sich Steph und sah einmal jeden in der Runde an. Mich, Coffee, Liz, den blonden Jungen, Albert. „Na dann-“
„Ich soll mit ihm gehen?“, kreischte Elizabeth plötzlich los. „Woher willst du wissen was ich machen werde? Woher willst du wissen, dass ich mich nicht einfach umbringe, hä? Soll ich dir zeigen, was es heißt, sein SCHICKSAL selbst in der Hand zu haben? SOLL ICH?“ Sie verstummte. Während sie geschrieen hatte, war sie aufgestanden und hatte mit dem Finger immer wieder auf den Boten, auf sich selbst und auf mich gezeigt.
Man zeigt mit dem nackten Finger nicht auf andere Leute, Peteboy, stimmt doch!
Ganz genau, da hatte er vollkommen Recht. Das machte man nicht. Aber dennoch konnte ich ihr nicht böse sein, schließlich hieß diese Mission in meinem Kopf immer Unternehmen Tod, falls Sie verstehen, was ich meine. Hätte mir vor ein paar Wochen jemand gesagt, dass ich demnächst mit einer achtzigjährigen Frau , die aussieht als wäre sie zwanzig, in einem Wohnzimmer in einer fremden, irrationalen Welt sitzen und mich von ihr anschreien lassen würde, dann hätte ich diesen jemand für verrückt erklärt.
Aber ich blieb einfach nur sitzen und hörte mir an, was sie zu sagen hatte. Ihre Stimme hatte sich inzwischen wieder ein wenig gesenkt und sie sprach etwas deutlicher: „Dieser Mann hat Harold Lancaster auf dem Gewissen und du sagst, ich soll mit ihm auf eine Reise gehen?“
„Wie du weißt“, antwortete der Junge, der höchstens siebzehn sein konnte, „ist dies keine Urlaubsreise oder ein Marsch in die Flitterwochen. Es geht um das Wohl der Allgemeinheit.“ Ich konnte sehen wie ihre Mundwinkel bebten. Sie zuckten geradezu. „Lach ruhig, aber später wird dir das Lachen vergehen.“ Und als wäre dies der beste Witz den sie je gehört hatte, prustete sie mit schallendem Gelächter. Sie riss den Mund weit auf, während ein skurriler Ton auf den anderen folgte. Ich selbst fand den Anblick so albern, dass ich mich ganz schön beherrschen musste. Zuerst dachte ich, ihr Lachen wäre nur gespielt, aber als ihr Gesicht langsam die Farbe einer Tomate annahm, wusste ich es besser.
„Kann ich jetzt mal zum nächsten Punkt auf der Liste kommen?“, fragte Stephanie etwas gereizt. Keiner sagte etwas. Auch Elizabeth verstummte.
Arme Irre!
„Also, ich habe eine Lösung für die Auswanderer gefunden. Wir sind im Besitz eines geheim gehaltenen Tors das nach New Orleans führt. Ab und zu öffnet es sich auch nach Queens oder direkt vor dem Buckingham Palace, aber meistens in New Orleans, wo genau weiß ich nicht. Jedenfalls ziehe ich die Möglichkeit in Betracht, dass wir die Leute in Sicherheit bringen, indem wir sie in deine Welt transportieren, mut Hilfe eben dieses Tors. Was hältst du von diesem Vorschlag, Pete?“ Steph sah mich mit der rechten, hochgezogenen Augenbraue an.
„Ich finde, dass es eine gute Idee ist. Allerdings bin ich dafür, dass wir die Leute erstmal über unsere neuen Erkenntnisse informieren.“ Es hörte sich alles so klugscheißerisch an. Aber es war nicht schlimm ein Klugscheißer zu sein, denn manchmal half das. Es brachte mir ein gewisses Selbstwertgefühl und auch ein wenig Respekt der anderen. Hunt hatte sich seinen Respekt am Vortag zunichte gemacht. Er war ausgerastet und nicht für das Allgemeinwohl. „Wir werden für morgen eine Versammlung einberufen, seid ihr damit einverstanden?“ Albert, Coffee und Steph nickten. Der blonde Junge nicht, denn dieser wollte wahrscheinlich nichts mit der Sache zutun haben, denn er war ein Außenstehender. Elizabeth machte es einfach nur aus Trotz und Dickköpfigkeit. „Dann würde ich sagen, dass der alte Rat nicht mehr gilt. Der neue Rat besteht aus Mr. Wesp, Mr. Coffee, dir Steph, Christophe Brown, Emelli Black und mir. Jedenfalls morgen. Coffee, Liz, Albert und ich werden nicht mit den restlichen Leuten auswandern, wir werden hier bleiben. Liz, ich muss trotzdem fragen: Bleibst du oder gehst du?“
Sie sah mich an und ihr Blick verfinsterte sich wieder. „Ich gehe.“ Sie stand auf, nahm praktisch die Beine unter die Arme und war auf und davon, als hinter ihr die Mahagonitür mit den Maserungen, die für mich einen grinsenden Gnom dargestellt hatten, zuschlug. Damit war das geklärt. Keiner sagte etwas, wir alle schwiegen für einige Momente.
Dann ergriff Coffee das Wort: „Ich glaube ich bin von uns allen am bekanntesten bei den Leuten. Du Peter bist erst vor nicht all zu langer Zeit zu uns gestoßen. Albert ist nur der Pförtner gewesen und Stephanie kennt niemand aus unserer Stadt. Brown und Black wissen noch überhaupt nichts von unserem Plan, also schlage ich vor, dass ich morgen mit den Leuten reden sollte. Wer ist dafür?“
Steph, Albert und ich hoben die Hand. „Okay, damit wäre das geklärt“, sagte ich. „Nun müssen wir nur noch die Rede vorbereiten. Hast du Papier und einen Stift hier, Steph?“
Sie nickte und stand auf. Es schien mir so, dass mit Elizabeths Verschwinden auch etwas aus ihrem Gesicht verschwunden war: die letzten Schimmer ihres Egoismus, ihre Jähzornigkeit, ihr Misstrauen. An ihre Stelle war eine komplexe Mischung aus Freude, Zuversicht, Leidenschaft, Rationalität und Selbstwertgefühl getreten. Das gleiche Gefühl, dass ich inzwischen auch wieder hatte. Wahrscheinlich war es bei mir nicht so offensichtlich, aber in meinem tiefsten Inneren wusste ich, dass ich es wieder hatte. Und das war auch gut so, denn für die nächsten Tage und Nächte würde ich es brauchen, obwohl ich schon seit geraumer Zeit keine Alpträume mehr hatte. Langsam spielte ich mit dem Gedanken, dass ich sie nie wieder haben würde.
Ich ging in dieser Nacht nicht mehr nach Hause, wenn ich das überhaupt als solches bezeichnen kann. Schon als ich Stephs Haus betreten hatte, wusste ich, dass ich in dieser Nacht nicht mehr meine eigene Unterkunft zu Gesicht bekommen würde. Dies war der Beginn einer langen Kette von Liebesnächten, die sich bis zu der Ankunft eines siebzehnjährigen Jungens hinzog. Coffee schlief in einem Zimmer im Erdgeschoss, Albert in einem im zweiten Stock und ich im dritten, während Stephanie in meinen Armen lag. Ich sah zur dunklen Decke hinauf, konnte nichts erkennen, aber ich konnte auch nicht schlafen und nachdenken konnte ich noch weniger.
Ich machte mir Sorgen um Elizabeth. Es bereitete mir Kopfzerbrechen. Vier Begleiter, von wegen, jetzt hieß es nur noch drei Begleiter. Ich musste daran denken, wie sie ausgerastet war und mich angeschrieen hatte. Wie ihre Augen ein wenig aus den Höhlen gequollen waren und wie sich ihre Halsschlagadern unter der Haut hervorgehoben hatten, wie sich ihr Gesicht langsam in ein tomatenrot verfärbt hatte.
Dieser Name, Alex Winters, schwirrte in meinem Kopf herum. Ich konnte es mir nicht erklären, aber der blonde Botenjunge, der einfach wieder verschwunden war, hatte gesagt, er würde Martin unter dem Namen Raphael kennen. Bedeutungen über Bedeutungen, Bestimmung hinter Bestimmung. Ich musste ein Kichern unterdrücken. Zuerst wollte es einfach so aus mir herausplatzen, aber ich musste Rücksicht auf Steph nehmen, schließlich hatte auch sie einen harten tag hinter sich. David Johnson hatte von Vitalis erzählt, aber in seiner Geschichte kam mir alles so absurd und abstrakt vor, wie in einer Edgar Allen Poe Geschichte. Es kam mir in seiner Erzählung so vor, als wären alle Menschen um ihn herum verrückt und er wäre der einzig normale. Falsche Interpretation. Wie immer. Die Menschen bekommen alles in den falschen Hals. Ich wusste schließlich, was man über schlafende Hunde sagt. Aber ich konnte einfach nicht genug davon bekommen. Ich warf so lange mit Stöcken und Ästen nach einem schlafenden Hund, bis er erwachte und mich biss. Aber so war ich nun mal und niemand konnte es ändern. Nimm mich so wie ich bin oder nimm mich gar nicht.
Dein Name ist Mathews. Peter Mathews! Peteboy, nicht wahr?
Ganz genau. Warum schwirrten in meinem Kopf nur so viele Weisheiten herum? Aber keine von ihnen konnte ich anwenden, keine von ihnen half mir weiter. Neugier bringt die Katze um, aber gestillte Neugierde bringt sie wieder hatte mal ein berühmter Schriftsteller gesagt. Aber gilt das auch für Menschen? Ich wusste es nicht und heute weiß ich es immer noch nicht. Denn ab einem bestimmten Punkt schielt sich meine Neugierde bis jetzt immer aus oder ich wurde durch irgendein erhabenes Wunder gerettet. Frau Zukunft war gestorben, wie der Junge gesagt hatte und dieses Erdbeben war ein Zeichen. Der Puzzlemann machte langsam Fehler. Aber das musste ich verhindern, wenn ich denn konnte.
Ich lag da, hörte wie Steph neben mir gleichmäßig, rhythmisch atmete. Sie war wunderschön, selbst als sie schlief. Und sie wusste nicht einmal, dass ich sie beobachtete. Das Millennium war vergangen und die Welt lebte trotzdem weiter, in einem Jahr, das den Titel 2000 trug. Und ich war hier, hielt eine schöne Frau in meinen Armen, dachte über Dinge nach, die ich mir nicht einmal in meinen Träumen hätte vorstellen können, wenn ich noch ein normaler Automechaniker gewesen wäre. Und ich ertappte mich dabei, wie ich mir die unlösliche Frage stellte, wer die zweite Stimme auf dem Brunnenplatz war. Männlich. Etwas älter, auf keinen Fall ein Frischling. Nicht mehr grün hinter den Ohren. Und der Beobachter? Das Gesicht im Himmel? Jedes mal, nachdem David Johnson mir seine Geschichte erzählt hatte, sah ich zum Himmel und suchte nach etwas, dass aussah, als könnte es das Gesicht eines alten Mannes sein. Aber bis jetzt hatte ich nur ansatzweise Erfolge. Kein Mann mit Brille um die sechzig, nur Wolken. Wolken, die schon seit Jahrmillionen herumzuschweben schienen. Sie schwebten, sahen die Weltkriege, sahen wie die Erde entstand, sahen wie die Dinosaurier zugrunde gingen und sahen was sich hinter der Festung Legions befand und was dort gerade geschah. Aber ich hatte nicht den blassesten Schimmer. Ich hatte keine Erleuchtung und nichts, dass ich hätte in meine Pfeife tun können, um es zu rauchen, wie mein Großvater gerne gesagt hatte, bevor er an Thrombose gestorben war. Aber er war alt und sein Tod war vorhersehbar. Die Ärzte hatten es prophezeit und mein Vater wollte es einfach nicht glauben. Aber die zeit heilt alle Wunden und hol mich doch der Teufel wenn diese Aussage nicht stimmt. Mein Vater verarbeitete den Tod Franks und lebte weiter. Brachte mir viele wissenswerte Dinge bei und lehrte mich im Umgang mit Automechanik, was dann später auch mein Beruf wurde. Und dann kam so ein Möchtegerngangster daher und schoss ihm eine Kugel zwischen die Augen. Das Leben ist ein scheiß Spiel. Kaum dreht man sich mal um, bekommt man einen Tritt in den Allerwertesten. Typisch!
Aber ich lag da und betrachtete die Dunkelheit, die über mir zu schweben schien. Schwärze, die mich anziehen wollte, aber es nicht fertig brachte. Mein Wille war stark und meine Arme auch. Rechte das aus?
Der Mondschein erhellte ein wenig den Raum und ich begann in den Schlaf zu driften. Und ehe ich mich versah, befand ich mich im Land der Träume.
Ein unvergesslicher Sonnenaufgang prägte den darauf folgenden Tag. Die Sonne ging in einem dünnen, wässrigen Rot auf und erhellte die vom Sturm gekennzeichneten Straßen. Ich lag in Stephs Bett und betrachtete die nun erleuchtete Decke. Ein hölzernes Braun starrte mich ausdruckslos an und schien mich heuchlerisch anzustarren. Die Gedanken, die ich mir letzte Nacht gemacht hatte, waren wie verflogen. Herausgespült vom Schlaf. Es wurde eine psychische Säuberung an mir vorgenommen. Ich war dankbar dafür. An diesem Tage konnte ich wieder klar denken, unbeeinträchtigt von irgendwelchen Gedanken, die sich von hinten anschlichen und mir einen Tritt in den Hintern verpassten.
Ich drehte mich zur Seite und blickte in Stephanies schlafendes Gesicht. Ihre Augenlider waren mit einem dezenten Gold geschminkt, während mich ihre himbeerroten Lippen anzulächeln schienen. Wir hatten uns in dieser Nacht nicht geliebt. Wir waren einfach nur nebeneinander eingeschlafen, was meiner Meinung auch besser so gewesen war, schließlich war erst ein Tag vergangen, seit dem ich in Vitalis war. Ich sah nach rechts aus dem Fenster. Eine Antenne auf einem der Häuser zerschnitt die Sonne in zwei Hälften. Die eine schien schwarz zu sein, während die andere mich in einem Grellgelb anlächelte. Von dem Bett aus konnte ich keine Wolken erkennen, nur den blauen Himmel und die auf uns herabscheinende Sonne. Kein Wolkengesicht, das beobachtend auf mich herabsah und jeder meiner Bewegungen studierte. Ich und Steph alleine in einem Bett unter der aufgehenden Sonne und dem azurblauen Himmel.
Neben mir regte sich etwas. Steph hatte die Augen aufgeschlagen und sah mich mit einem wirklichen Lächeln an. Sie schwieg, aber ich wusste genau, was ihr auf der Zunge lag und was sie mir sagen wollte. Aber sie hielt die herauszuplatzen drohenden Worte zurück. Sie sah mich einfach nur an und dachte sich ihren Teil.
Ihre Augen sagten: Ich liebe dich.
Aber ihr Verstand sagte: Das darfst du nicht!
Und irgendwie war ich froh, dass sie es nicht durfte, denn wenn sie es hätte dürfen, dann wäre heute Nacht etwas passiert und ich wollte nicht sexuell mit ihr in Kontakt kommen. Ich wollte einfach nur neben ihr liegen und Steph beim Schlafen zusehen. Ihre wunderschön geschwungenen Wangen und ihre Nasenflügel, die sich beim Atmen bewegten, betrachten. Einfach nur daliegen und alles andere in meiner Fantasie stattfinden lassen.
Langsam setzte ich mich auf und streckte meine Arme, sodass sich ein angenehmes Gefühl zwischen meinen Schultern ausbreitete. Anschließend dehnte ich meinen Nacken, indem ich den Kopf nach vorne hinunterdrückte und schwang dann meine Beine über die Bettkante auf den Holzboden, de unter meinem Gewicht ein wenig nachgab und ein Knirschen und Knarren von sich gab. Gequältes Holz, hatte mein Vater früher gesagt. Gequält durch die Last meines Körpers, die es auf den Schultern (Brettern) trug.
„Guten Morgen, Peter“, flüsterte Stephanie, als ich mit herunterhängendem Kopf auf der Bettkante saß und den Holzboden betrachtete, über den mir mein Vater einmal eine Geschichte erzählt hatte.
Dielen, Bretter, Nieten, Schrauben und Nägel, hatte mein Vater gesagt, bekommen alles mit. Jahrhunderte können sie ohne Schaden überstehen, wenn nicht irgendein Besoffener herbeikommt und eine Pulle Whisky über ihn leert. Linoleumböden und Teppichböden, was sie nicht schon alles erlebt haben. Wenn ein Mord in einer Wohnung geschieht, bekommt der Teppich vielleicht das ganze Blut ab, aber er weiß auch, was geschehen ist. Auch wenn sich der Kleister löst, er weiß was geschehen ist und behält es in seinem Gedächtnis, bis er entfernt wird. Es gab da mal so einen Mörder, sie nannten ihn Teppichmesserkiller, wie ich mich erinnere. Komischer Zufall, nicht wahr? Er schlitzte seinen Opfern die Kehle von Ohr zu Ohr mit einem Teppichmesser auf. Nach sechs Morden an gutaussehenden, jungfräulichen Frauen, fanden sie endlich heraus, wer der Killer war. Seinen Namen hatten sie wenigstens. Ich glaube er hieß Aled Owen, bin mir aber nicht hundertprozentig sicher. Jedenfalls fanden die Cops heraus, wie er hieß. Sie kamen mit vier Streifenwagen und einem Motorrad. Alle neun Polizisten stiegen die Treppen hinauf und einer trat dann in vollkommenem Übermut die Tür ein. Und da fanden sie ihn. Neben ihm lag ein weiteres, aufgeschlitztes Mädchen auf dem Teppich. Das Blut hatte sich auf dem weißen Fußbodenbelag ausgebreitet, wie ausgeschütteter Wein auf einem weißen Shirt. Aber der Knaller ist: Er war in eine Rolle Teppich eingewickelt. Später, bei der Obduktion, fanden sie heraus, dass er Unmengen von Fusseln in der Lunge hatte. Jetzt reim dir deine eigene Geschichte dazu.
Eine unheimliche, aber gleichzeitig wieder moralische Geschichte. Der Teppichmesserkiller wurde von einem Teppich ermordet, jedenfalls so, wie es aussah. Aber natürlich redete ich mir ein, dass mein Vater diese kleine Gruselgeschichte nur erfunden hatte, die mir damals einen ziemlichen Schrecken eingeflößt hatte.
Nachdem ich in Boxershorts aufgestanden war, meine Klamotten zusammengesucht und mich angezogen hatte, ging ich hinunter in das Wohnzimmer. Ein Geruch von frisch gekochtem Kaffee kam mir entgegen. Das beste, dass ich seit geraumer Zeit gerochen hatte. Abgesehen von Jack Daniels und Jim Beam. Auf der Zweiercouch saß mit auf die Lehne gelegten Armen Coffee.
Coffee macht sich einen Kaffee.
Allmählich liebte ich dieses Wortspiel. Auf dem Sessel, auf dem am Vorabend Elizabeth Duncan gesessen war, die wutentbrannt aus dem Haus gestürmt war, saß gähnend Albert Wesp, der nie schlafende – normalerweise – Osaris. Beide sahen mich mit müden, erschöpften Augenpaaren an.
„Guten Morgen“, sagte Coffee dann schließlich und Albert folgte seinem Beispiel. Ich erwiderte den Gruß und setzte mich auf den Stuhl, denn ich bei der Diskussion verwendet hatte, da ich der Lady den Vortritt gelassen hatte. Man gewöhnt sich an alles – und so unbequem war er eigentlich gar nicht.
„Gut geschlafen?“, fragte ich in die Runde hinein. Ich verspürte überhaupt keine Müdigkeit, geschweige denn war ich erschöpft. Gesund und munter.
Coffee nickte, aber Wesp zeigte keine Reaktion. Er saß da und sah den Tisch an. An meinem Handgelenk schien der Geschicklichkeitsarmreif zu vibrieren. „Überhaupt nicht geschlafen“, sagte er dann.
„Warum nicht?“
„Alpträume und schrecklich Horrorszenarien in meinem Kopf. Ungewöhnlicher Zustand für einen Osaris.“
„Du wolltest sagen: für einen ungewöhnlichen Osaris in einer ungewöhnlichen Situation.“
„Vielleicht. Und wenn nicht?“
Und wenn nicht? „Was meinst du damit?“
„Vergiss es. Ich bin zu müde, um mit dir zu reden.“ Er senkte den Kopf und schien einzudösen.
„Coffee“, flüsterte ich, „kann ich mal mit dir reden?“ Er nickte und stand auf.
Wir hatten uns in die Küche begeben und standen vor dem elektronischen Herd, der ausgeschaltet wie ein kaltes, fressendes Loch starrte.
„Albert hat etwas in seinem Ohr.“ Zuerst wollte ich Hörorgan sagen, ließ es dann aber bleiben. Ein bisschen klugscheißerisch ist okay, aber total klugscheißerisch bringt einen in die Hölle.
„Was meinst du damit?“, fragte er stirnrunzelnd.
„Na ja, wir saßen in diesem Auto und haben uns unterhalten.“ Ich erzählte ihm alles, was in der Stadt geschehen war.
„Ach du heiliger Bimbam!“, gab er von sich, als ich geendet hatte. „Er hat einen gottverdammten Ohrwurm. Gottverdammich. Ich hab schon darüber in der Stadtbibliothek gelesen, aber noch nie so etwas gesehen. Wenn wir den entfernen wollen, müssen wir die gesamte Ohrmuschel amputieren.“ Ich hatte schon viel von Bein-, Arm- und Fingeramputationen gehört, aber noch nie etwas von einer Ohrmuschelamputation. Hörte sich ein wenig zu fachmännisch für meine Gehörorgane an. „Aber wir müssen ihn auf jeden Fall entfernen.“
„Und wie stellen wir das deiner Meinung nach an?“, fragte ich, aber es hörte sich kein bisschen spöttisch an, denn ich wusste, in was für einer ernsten Lage sich Albert Wesp befand.
„Wir bitten um Hilfe bei einer medizinisch ausgebildeten Vitaliaranerin“, antwortete er und es erschien mir einleuchtend.
„Welchen Zweck verfolgt so ein Ohrwurm überhaupt?“
„Nun ja, er frisst sich zuerst einmal durch das schützende Trommelfeld, dann weiter hinein, durch das Mittelohr. Dort angekommen entfernt der Wurm den so genannten Steigbügel und zwängt sich durch das ovale Fenster. Dann an der Hörschnecke vorbei und den Hörnerv hinauf, der durch den Wurm ein ziemliches Stück geweitet wird. Das verursacht wiederum schreckliche Kopfschmerzen. Dann nistet er sich im Gehirn ein, legt Eier und benutzt das menschliche Gehirn als Nahrung für seine Kleinen. Ist alles Fleisch aufgebraucht, verschwindet er durch die Nase und lebt glücklich mit seinen Kindern weiter. Und das war noch die Kinderversion.“
„Kopfschmerzen wären also die Symptome, wenn er bereits den Hörnerv durchdrungen hätte?“
„Bei einem Menschen, ja. Aber nur bei einem Menschen. Ich weiß nicht, wie sich das alles bei einem Osaris auswirkt.“
„Aber ich denke, dass auch die Gleichgewichtsorgane beschädigt werden, wenn dieses Ding da drinnen wütet. Und selbst ein Osaris besitzt solche und verwendet sie auch, demnach müsste er sich nicht mehr richtig orientieren können, aber so wie es scheint, funktioniert das noch.“
„Ja, das funktioniert anscheinend noch“, erwiderte Coffee und sah um die Ecke, um sich Albert anzusehen, der mit gesenktem Kopf auf dem Sessel saß und döste. Unwissenheit muss ein Segen sein. „Wir müssen allerdings einen Arzt aufsuchen, das ist etwas, das sicher ist.“
Aber bevor wir das konnten, hatte Coffee noch eine Rede zu halten. Das Volk brauchte Unterstützung für die Bewältigung ihrer Sorgen. Was wäre dafür besser geeignet als eine Rede an die Menschen gerichtet? Brown, Black, Steph, Wesp, Coffee und meine Wenigkeit hatten uns in die Versammlungshalle Vitalis’ begeben. Coffee stand ermutigend durchatmend hinter dem Pult und sah auf die leeren Sitzplätze in Form von langen, hölzernen Bänken hinab. Diese Stadt bekam von irgendwoher Strom, denn die Deckenleuchten brannten und erhellten den fensterlosen Raum ein wenig, sodass wir über alles eine genaue Übersicht hatten. Am Mittag war Stephanie zu Brown und Black gegangen und hatte sie über die bevorstehende Versammlung informiert. Sie stimmten zu, dass Hunt aus dem Rat entfernt werden musste und lasen sich die vorbereitete Rede vor, die wir in de vorigen Nacht ausgeklügelt hatten. Keiner war da – noch nicht. Aber sie würden erst alle kommen, wenn die Sonne den höchsten Punkt erreicht hätte.
Christophe Brown und Stephanie unterhielten sich über die bevorstehende Auswanderung, während Emelli Black und Coffee über der Rede brüteten, die auf einem kleinen, ovalen Tisch in Form mehrer Zettel lag. Albert Wesp und ich, Ronald Peter Mathews, standen etwas abseits, denn ich machte mir Sorgen um Albert, der mit verschwitztem Gesicht in meine Richtung stand, sodass die anderen ihn nicht sehen konnten. Aber sie sahen mich und meine kummervolle Miene. Meine Augenlider waren einwenig gesenkt, sodass ich einwenig ermüdet wirken musste, aber ich war voller Power, wie sich Eddie Nero gerne ausdrückte.
Ganz genau! Du bist mein Mann, Peteboy, mein Kollege, mein Partner, mein compadré!
Der aus Nautrizium bestehende Armreif an meinem Handgelenk schien wieder zu vibrieren. Aber ich kümmerte mich nicht darum. Eingehend studierte ich Albert, der mit herunterhängenden, schlaffen Schultern und ermüdetem, schweißnassem Gesicht vor mir stand.
„Wir können dir helfen“, sagte ich dann schließlich, als ich nach dem herunterhängenden Seil gegriffen hatte, dass mir Eddie als seelische Unterstützung hinuntergeworfen hatte. „Wir können es herausnehmen, bevor es schlimmer wird.“
„Was wird schlimmer? Es ist überhaupt nichts! Ich bin in Ordnung – in bester Ordnung!“ Er war ein bisschen laut geworden, aber die anderen, die nachdenkend sich miteinander unterhielten, hatten es nicht mitbekommen.
„Es frisst dich von innen heraus auf und du willst es loswerden, dass weiß ich, denn es ist schlecht für dich“, sagte ich in einem ruhigen, mitfühlenden Tonfall. Diesen hatte ich immer aufgesetzt, wenn ich meine armen, toten Eltern belogen hatte. Sie kauften mir meine Lügen jedes Mal ab und wenn sie es herausbekamen, setzte ich ihn wieder auf, nur um sie ein wenig zu besänftigen. Es funktionierte jedes Mal, nur nicht an diesem Tag, den ich so zuversichtlich begonnen hatte.
„Es ist nicht schlecht für mich! Was weißt du denn überhaupt? Schlecht für mich? Ich würde einmal darüber nachdenken, was schlecht für dich ist, du Absonderung eines pickeligen Rektums!“ Ich musste mir ein Lachen verkneifen. Es war das erste mal, dass Albert Wesp in seinem leben geflucht hatte. Und gleichzeitig hatte er mich als einen Scheißhaufen bezeichnet, was mich ein wenig wütend machte. Er war wieder etwas laut geworden, lauter als beim ersten mal, aber die anderen hatten sich immer noch nicht umgedreht und ich hatte noch nie so sehr gehofft, dass mir jemand wie Coffee zur Hilfe kommen würde. Aber er kam nicht.
„Hör zu-“
„Nein! Du hörst zu! Meine Probleme, wenn ich überhaupt jemals irgendwelche gehabt habe, sind MEINE Probleme, verstanden?“ Ich nickte. „Misch dich nicht in Dinge ein, die dich nichts angehen, VERSTANDEN?“ Ich nickte wieder. Sein Gesichtsausdruck flößte mir eine unbeschreibliche, unterschwellige Angst in der unbewussten Zone meines Hirns ein. „DU HAST NICHT DAS RECHT DAZU, MICH ZU DEMÜTIGEN UND MICH ZU ERLEUCHTEN, WIE DU ES VIELLEICHT NENNEN WÜRDEST. DU BIST NUR EIN KLEINER, SELBSTGEFÄLLIGER MANN, DER DENKT, ER WÄRE ETWAS BESSERES!“ Er hatte sich ein wenig wie meine Exfreundin angehört, aber das war nicht vergleichbar, denn diese unbeschreibliche Angst war zu einem riesigen Unwetter herangewachsen, dass mir wiederum ein wenig Angst machte. Meine eigene Angst jagte mir Angst ein.
Er drehte sich auf den Absätzen seiner ein wenig abgewetzten Schuhe um und marschierte schnurstracks auf die Ausgangstür zu. Als er die zweiflüglige Tür öffnete, kam ein kalter, frostiger Windzug herein, der seine weiße Winterjacke, die mit Daunenfedern gefüllt war, ein wenig aufplauschen ließ. Der Stoff gab ein elektrisierendes Ritsch-Ratsch von sich, als er mit den Armen und Beinen strampelnd die Versammlungshalle verließ. Hinter ihm schlug der linke Flügel der Tür zu und gab einen lauten Knall von sich.
Fassungslos stand ich da und starrte auf die unförmige Maserung der eben zugeschlagenen Tür.
Und da waren’s nur noch zwei, Peteboy.
Elizabeth Duncan war weg, Albert Wesp war weg und ob dieser Alex Winters kommen würde, war fragwürdig. Und der gedächtnislose Coffee konnte zwar eine große Hilfe sein, aber er war kein Kämpfer, das sah man sofort auf den ersten Blick. Ich wollte diesen Jungen plötzlich umbringen. Seinen Kopf in das Wasser einer bis zum Rand gefüllten Badewanne drücken und abwarten, bis er nicht mehr zuckte und ruckte. Aber dieser rätselhafte Junge war verschwunden, wie ein Geist in dicke Mauern verschwinden konnte.
Man kann nicht alles bewerkstelligen, sagte Mr. Smith herablassend und begann sein klirrendes Lachen von sich zu geben. Man kann nicht allen Anforderungen der Menschen gerecht werden, dass müsstest du doch inzwischen wissen, Ronald Mcdonald!
Irrsinn. Mit gutem Willen und Kampfeslust kann man alles schaffen, sagte ich mir und drehte mich um. Emelli, Christophe und Coffee sahen mich an, während Stephanie verlegen zu Boden blickte. Da kam mir die schreckliche Idee, die mich noch in den darauf folgenden Jahren verfolgen sollte und genau in diesem Augenblick wurden beide Flügel der Tür aufgestoßen und eine Menge von Leuten kam herein. Sara und Angela waren auch dabei. Ich konnte sogar Joshua Hunt sehen, der mit erbostem Gesicht sich zwischen den Leuten zu verstecken schien.
Aber deine Adleraugen sehen alles, oder wie?
Adlerauge hin oder her, ich konnte ihn sehen. Seine erröteten Wangen, die dunklen Ringe unter seinen Augen und die sich auf und ab bewegenden Nasenflügel. Er trug ein selbst gestricktes Kilt. Die Frauen von Vitalis kamen nicht. Sie ging das ganze nichts an, außer Stephanie natürlich. Sie war die Anführerin und musste ein Auge auf ihre Halle haben.
Coffee schien auf einmal nervös zu sein. Er hatte Lampenfieber, wie ich mir sagte. Als er einen Hilfe suchenden Blick zu mir warf, fühlte ich mich ein wenig in die Enge getrieben. Ich befand mich in einer Sackgasse, während zehn Taschendiebe mit gewetzten Teppichmessern auf mich zukamen. Die Klingen blitzten und glänzten in der aufgehenden Sonne und ihre wurde vom Schatten verdeckt, den das hinter mir erbaute Gebäude warf. Mein herz schlug schnell und unregelmäßig. Ich befürchtete einen Herzinfarkt zu bekommen, trat dann aber ein paar Schritte beiseite und lehnte mich gegen die kühle Steinwand.
Coffee tat mir ein wenig Leide, denn inzwischen befanden sich über vierhundert Leute in der Halle und sahen erwartungsvoll zu ihm auf, genau wie sie es getan hatten, als ich vor Haus Nummer 29 gestanden war. Ich stand da, betrachtete die Maserungen und bildete mir verschiedene Figuren ein, während hinter mir die Menge gefesselt zu sein schien.
Aber das eine konnte man nicht mit dem anderen vergleichen. Er hielt die bekritzelten Zettel in der Hand und ging zum Pult. Fast wäre er über eines der Beine des ovalen, kleinen Tisches gestolpert, aber er konnte sich noch vor einer peinlichen Aktion retten. Mit geweiteten Pupillen und auseinander gerissenen Augenlidern betrat er den kleinen Hocker, der ihn um zehn Zentimeter wachsen ließ. Ruhig legte er die Papiere auf das Holz des Pults und sah tief durchatmend die Menge mit einem zurückgehaltenen Lächeln an. Aber die Leute, die mit dem Hintern auf dem Hartholz der Bänke Platz genommen hatten, fanden dies alles überhaupt nicht belustigend. Ich wusste, wie er sich fühlte, aber unterstützen konnte ich ihn in diesem Moment nicht, so gerne ich es auch getan hätte. Erstarrt stand er da und blickte über alle Köpfe hinweg. Er wurde bleich, ich konnte sehen, wie sich langsam die Farbe aus seinem braungebrannten Gesicht verflüchtigte und wie es kreideweiß wurde. Wie sich die Härchen auf seinen Armen aufstellten und wie seine Knie schlotterten. Aber er fasste allen Mut zusammen und beugte sich über die beschriebenen Zettel, obwohl noch nicht alle Zuhörer anwesend waren. Die letzten Nachzügler traten in die Halle.
Ich glaube der Name des Mannes, der die Türen hinter sich schloss, war Jerry Downfield, aber ich bin mir nicht sicher. Nachdem er dies getan hatte, steckte er die nicht behandschuhten Hände in die Jackentaschen und lehnte seinen Rücken an das etwas wärmende Holz.
Der Geschicklichkeitsarmreif gab ein türkisblaues Schimmern von sich und kam dann wieder zur Ruhe.
„Ich möchte Sie heute Mittag alles willkommen heißen, in dieser etwas wärmenden Halle“, sagte er schließlich. „In Anbetracht unserer aller Situation und dem Verlust unserer wichtigen Habseligkeiten, möchte ich Ihnen mein Beileid aussprechen. Es handelt sich vielleicht nicht um einen Todesfall, aber es ist genauso schlimm sein Zuhause zu verlieren, wie einen geliebten Menschen. Ich weiß das, denn ich habe schon beides verloren, auch wenn ich mich an letzteres nicht mehr erinnern kann, aber in meinem Herzen weiß ich dies. Wir haben lange über eine Lösung nachgedacht und sind zu mehreren Entschlüssen gekommen. Der erste Punkt ist: Wir können hier nicht bleiben, da Vitalis’ Vorräte nicht ausreichen, für so viele Menschen. Der zweite Punkt, der sich daraus ergebende: Wir müssen von hier weg. Wohin fragen Sie sich nun sicherlich. Auch dafür gibt es eine Lösung. Sagt Ihnen der Stadtname New Orleans etwas?“ Einzelne Zustimmungen aus der zuhörenden Menge. „Auch wenn er Ihnen nichts sagt, das macht nichts. Jedenfalls haben wir einen Vorrat von Geld in dieser Stadt. Gelagert in einem dreifach gesicherten Safe. Es handelt sich um eine riesige Summe, die ausreicht, damit sich jeder von euch ein Hotelzimmer in New Orleans leisten kann, bis er etwas besseres, festes gefunden hat.“ Jerry Downfield nickte zustimmend. Er las nicht wortwörtlich von den Papieren ab, er variierte ein wenig. „Die Vitaliaranerinnen sind im Besitz eines Tores nach New Orleans, das sie kontrollieren. Jedenfalls hat sich der Rat dazu entschlossen, Sie in diese Stadt zu transportieren, wenn Sie mir meinen Ausdruck entschuldigen. Jedenfalls werden wir von den Vitaliaranerinnen unterstützt und bekommen eine Sondergenehmigung für das Tor.“ Ein wenig klugscheißerisch zu sein, ist immer gut. „Jedenfalls sollten wir darüber abstimmen. Ich wäre sehr glücklich, wenn wir heute zu einem Entschluss kommen würden. Ich will Ihnen eine Weile Zeit geben, um über ihre Entscheidung nachzudenken.“ Coffee tat einen Schritt rückwärts und drehte sich um. Sofort brach das große, laute Gemurmel los. Sie zerrissen sich die Mäuler über das soeben gesagte.
Aber es interessierte Coffee nicht im geringsten, so wie es schien. Er blieb cool, wie Eddie Spaghetti wahrscheinlich gesagt hätte.
Natürlich hätte ich das gesagt, Peter! Also du bist mir einer. Du verunstaltest meinen Namen und sagst, ich würde so etwas sagen? Gut so, mach ruhig weiter so, wenn du mich in den Schlund zur Hölle stoßen willst! Eddie Spaghetti kicherte ein wenig.
Wir anderen sahen ihn mit einem bewundernden Blick an. Gut gemacht, sollte er wahrscheinlich bedeuten, denn er hatte es super hinbekommen.
Eine halbe Stunde später ungefähr, sammelten sich wieder alle in der Halle und nahmen Platz, bis auf Jerry Downfield, der lehnte sich wieder an die kühle Tür. Diesmal stand nicht Coffee hinter dem Sprecherpult, sondern Christophe Brown ein Mitglied des ehemaligen Rats. Er atmete tief durch und sah aus den Augenwinkeln heraus noch einmal zu uns. Er hatte Angst, aber nicht so, wie Coffee Angst davor hatte, sich vor der Menge zu äußern, er hatte Angst vor der Reaktion der gefesselten Menge. Er wusste nicht, wie sie reagieren würden, es hätte sein können, dass sie mit Bananenschalen, Äpfeln oder Tomaten nach ihm werfen würden, aber selbst diese irrationale Idee brachte ihn nicht im geringsten aus der Fassung. Er verlor auch nicht den Faden – wie man so schön sagt – und er blieb standhaft. Keiner musste sich Gedanken machen. Wäre er ausgerastet oder hätte gestottert, dann hätten sie vielleicht denken können, dass er Schiss hatte und sie sich in einer ernstzunehmenden Situation befanden, aber er blieb ruhig und fixierte einen bestimmten Punkt an der Wand, die uns gegenüberlag. Dort war ein Gemälde aufgehängt worden, dass einen rennenden Leoparden zeigte, der hinter seiner Beute – einem Mann, dem schon der Arm abgerissen worden war – her war. Ich sah es fasziniert an, als ich bemerkte, dass es überhaupt hier war. So etwas in einer Versammlungshalle? Eher nicht, aber dennoch war es da. Ich fragte mich, wer es wohl gemalt hatte. Andy Perry vielleicht? Keine Ahnung, aber nach dieser Besprechung würde ich es abnehmen und mir den Künstlernamen ansehen.
„Ich hoffe, Sie sind zu einem Entschluss gekommen“, sprach Christophe und atmete noch einmal tief durch. „Ich weiß, es ist keine leichte Entscheidung-“
Jerry Downfield fiel ihm ins Wort. Seine Stimme klang apart und irgendwie hysterisch, aber nicht wie die eines ausgewachsenen, normal denkenden Mannes: „Schwer? Diese Entscheidung ist die leichteste, die ich je in meinem Leben treffen musste! Sie hätten fragen sollen: Hier sterben oder in New Orleans leben? Das wäre die korrekte Frage gewesen. Aber Sie haben sich so umständlich ausgedrückt, deswegen mussten wir erst einmal den Sinn der Frage begreifen und wir sind zu dem einstimmigen Entschluss gekommen, dass wir freiwillig und mit großer Freude diese Welt verlassen werden und in unsere zurückkehren! Viele von uns haben Familien, Kinder und Frauen und wir werden sie wieder sehen. Ist das nicht der beste Grund zurückzukehren?“
„Verstehen Sie mich nicht falsch“, entgegnete Brown, „aber wie lange leben Sie schon in der Stadt?“
„Seit mindestens zwanzig Jahren.“
„Denken Sie, dass Ihre Frau so lange Zeit auf Sie gewartet hat? Denken Sie, sie wird mit Ihrem Kind in den Armen vor der Haustür stehen und Sie fröhlich lächelnd wieder bei sich zuhause aufnehmen?“
„Darauf können Sie aber einen lassen, Mr. Brown!“
Christophe schien darüber nachzudenken. „Nun gut, wenn Sie es so wollen, dann soll es so sein. Ich werde auch nach New Orleans gehen, aber drei Männer – Albert Wesp, Ronald Peter Mathews und Coffee, wer weiß wie er wirklich heißt? – werden sich zur Festung Legions begeben und ihr Leben aufs Spiel setzen, nur um diese zwei Welten zu retten. Also wenn Sie gehen und dann in New Orleans Santa Monica oder New York einen festen Wohnsitz finden werden, hängt trotzdem Ihr Überleben an diesen drei Männern. Sie können dem Tod nicht davonlaufen! Dies ist ein Teufelskreis. Ihr Leben hängt von diesen drei Männern ab und das Leben dieser Männer hängt von den launischen Taten ihres Schicksals ab. Wollen Sie trotzdem zurück?“
„Okay, Sie haben Recht“, sagte Jerry Downfield und sah Brown eingehend an. „Sie haben Recht, Sie haben Recht. Wir können dem Tod nicht entkommen. Aber lohnt es sich nicht zu sterben, wenn man noch einmal vorher seine Familie sehen kann? Was meinen Sie Mr. Brown?“
Christophe senkte den Kopf und bejahte die Frage. „Wenn Sie nun ja sagen, dann können wir gehen. Also, wie ist Ihre Entscheidung ausgefallen?“
„Klar wie Kloßbrühe“, flüsterte Jerry, „wir werden gehen.“ Die Menge stimmte in einem einheitlichen Ja zu.
„Okay“, flüsterte Brown trat zurück und schürzte die Lippen, wie ein Mann, der gerade etwas Schlimmes erfahren hatte, zum Beispiel dass seine Frau bei einem Autounfall gestorben war.
Da fiel mir auf, dass er vergessen hatte, Elizabeth Duncan zu erwähnen, aber gleich darauf kam mir der Gedanke an ihren Ausraster bei Stephanie Zuhause. Sie war einfach gegangen, hatte die Tür hinter sich zugeschleudert und war verschwunden.
Als die Menge sich einigermaßen verflüchtigt hatte, stieg ich von der Bühne und stand auf dem Paketboden der großen Halle, in der vor kurzem noch über vierhundert Personen gesessen waren. Die restlichen würden alles durch Mundpropaganda erfahren, was mir eigentlich auch ganz recht war, schließlich war Coffee schon bei vierhundert Menschen nervös, was wäre erst vor tausend passiert?
Die letzten Menschen, außer Steph, Brown, Black, Coffee und mir, verließen die Halle und schlossen hinter sich die Tür. Ich stand in meinem T-Shirt mit der Aufschrift Schönheit liegt im Auge des Betrachters da und betrachtete das Bild an der gegenüberliegenden Wand.
„Von wem ist das Bild?“, fragte ich laut.
„Welches Bild?“ Man sollte nie eine Frage mit einer Gegenfrage beantworten, hatte meine Mutter immer gesagt. Sie und ihre Weisheiten fehlten mir schon jetzt. Stephanie sah mich fragend an.
„Na das da!“, antwortete ich und deutete auf das Gemälde mit dem jagenden Leoparden und dem flüchtenden Mann ohne arm, der ganz nebenbei schwarz war, genau wie der in der dunklen Stadt. Das Gemälde, das von Andy Perry stammte. Langsam näherte ich mich ihm. Ich konnte schon besser alles erkennen. Das im Wind wogende, goldene Gras, das Muster des Fells, das den Leoparden kleidete und die im Hintergrund untergehende Sonne wurden deutlicher. Nun konnte ich auch eine dicke, summende Wespe erkennen, die neben dem Mann flog, ihn zu verfolgen schien.
Unwichtig, Peteboy! Der Name des Künstlers ist wichtig und nur das!
Ich holte einen Stuhl von dem Stapel in der Ecke links von mir und stellte ihn direkt unter das Bild. Es hing genau einen Meter links von der zweiflügligen Tür. Die weit vor Angst aufgerissenen Augen schienen mich anzusehen, aber das taten alle Augen auf allen Bildern immer. Langsam kletterte ich auf den Holzstuhl und sah, dass eine kleine Spalte zwischen Wand und Gemälde eine Schwärze hinter sich verbarg. Ich griff mit den Fingern hinein und drückte den Bilderrahmen nach oben, sodass sich die Verankerung vom Nagel löste und mir nun schwer in der Hand lag. Ich hatte Angst nach hinten zu fallen, also ließ ich es einfach wie beim Polterabend meiner Mutter nach hinten Fallen. Der Rahmen zersprang auf dem harten Betonboden in fünf Teile, die in alle Richtungen des Saals zersprengt wurden.
Ich sah einen massiven, großen Tresor in die Wand hinter dem Bild eingebaut. Ein Zahlencode musste eingegeben werden. Ich blinzelte und plötzlich war er weg. Ich hatte ihn mir nur eingebildet, vielleicht hatte ich etwas besseres als eine leere, unverfärbte Stelle an der Wand erwartet, aber da war nichts, außer einem viereckigen, zwei auf ein Meter großen weißen Fleck. Der rostige Nagel steckte noch im Stein, aber ich machte mir nicht die Mühe, diesen jetzt herauszuziehen, also stieg ich vom Holzstuhl und stellte diesen wieder zurück zu den anderen.
Ich runzelte nachdenklich die Stirn und hoffte zu finden, was ich suchte. Langsam ging ich in die Hocke und hob den Rest des Gemäldes auf. Die Leinwand war hart, durch die literweise aufgetragene Ölfarbe. Aufmerksam sahen mir Coffee, Steph, Brown und Black zu. Wie ich so da saß und dieses zerstörte Meisterwerk eines durchgedrehten Künstlers betrachtete, wirkte ich wie ein Kind, das gerade ein neues Spielzeug zu seinem Geburtstag bekommen hatte. Langsam drehte ich das Stück Leinwand und betrachtete das Weiß, das sich mir darbot. Kein Name am oberen Rand. Kein Name an der rechten und linken Seite.
Aber am unteren Rand stand etwas in winzig kleinen Buchstaben, die Handschrift eines gigantisch kleinen Zwergs: Andy Perry. Ich ließ das Gemälde fallen und stand wieder auf. Meine Augen wanderten über die auf der Bühne stehenden Personen.
„Wer hat dieses Bild hier aufgehängt?“, fragte ich entrüstet und etwas zornig. Ich war eigentlich nur entschlossen, diesen Typen zu finden, diesen Andy Perry. Ich sah zu Stephanie. „Wer?“, fragte ich sie und kniff die Augenbrauen so weit zusammen, dass sie sich fast berührten. Mein zorniges Gesicht musste sie verängstigt haben, denn sie wich einen Schritt zurück und antwortete flüsternd, so als wäre ich ihr Boss: „Ich weiß es nicht. Ehrlich gesagt, war ich noch nie in dieser Halle. Die war schon hier, als wir gekommen sind.“
Sie wollte mir sagen, dass sie noch nie diese Halle betreten hatten? Das konnte ich nicht glauben. Ich schluckte viel, aber dies war ein zu großer Brocken, um ihn meinen Hals hinunter zu zwängen. „Du willst mir sagen, dass du noch nie in deinem Leben hier drinnen warst?“ Der Geschicklichkeitsarmreif an meinem Handgelenk leuchtete wieder türkisblau auf. Diesmal ein wenig heller. Er schien mich fast zu blenden, aber ich beachtete ihn nicht weiter.
„Coffee“, sagte ich gebieterisch, „schon mal den Namen Andy Perry gehört?“
Sein Gesicht schien sich für den Bruchteil einer Millisekunde zu erhellen, aber dann sagte er: „Nein, noch nie gehört.“
„Brown?“
Er schüttelte den kopf.
„Black?“
Auch sie schüttelte den Kopf. Ich schnaufte und stemmte die Hände in die Hüfte. Mein Herz überschlug sich schon fast, weil es so schnell gegen meine Brust hämmerte. Langsam schüttelte sich mein Kopf – ohne mein Einverständnis.
Du drehst durch, wenn du so weitermachst, Peteboy! Beruhige dich.
„Ja, beruhige dich, ganz ruhig“, sagte ich zu mir selbst.
Willst du etwa durchdrehen, Kleiner. Nur zu, schnapp dir ’ne Waffe und leg sie alle um. Drei gegen zehntausend haben keine Chance, also niete sie einfach um, wie ein echter Kerl, Kleiner.
„Halt die Fresse!“, schrie ich, ohne mich um die anderen zu kümmern, die immer noch mich anstarrend da standen und sich nicht bewegen konnten. Ich hatte ihnen eine Heidenangst eingejagt, aber ich konnte nicht anders, ich musste einfach…einfach meine Wut herauslassen. Wenn ich es nicht getan hätte, dann wäre ich womöglich noch wirklich verrückt geworden, aber ich fasste mich wieder und ließ meinen Hintern zu Boden sinken. Ich zog die Füße an meinen Hintern und legte die Unterarme auf die Knie, zwischen denen meine Hände baumelten. „Tut mir leid“, sagte ich dann und ließ den Kopf herunterhängen.
Wahre Freundschaft ist zu einer unglaublichen Seltenheit in der Welt der Menschen geworden, aber Coffee und Steph kamen herunter und gesellten sich zu mir. Stephanie legte mir den linken Arm um die Schulter und Coffee den rechten. Eine einzelne Träne kullerte apokalyptisch meine Wange hinab und tropfte auf das am Boden liegende Bild. Auf dem Stoff schien sie sich wie eine Sintflut auszubreiten. Sie griff nach den Poren des Stoffs und tränkte ihn mit einer salzigen Flüssigkeit. Die Träne nahm die gestalt eines heulenden Wolfs an und bescherte mir ein wenig Gänsehaut. Eine ganze Armada von Tränen folgte, während wir noch eine halbe Stunde auf dem Boden saßen und uns den Namen ansahen, der in einer winzigen Zwergenschrift auf den Stoff geschrieben worden war.
Wir saßen in Stephanie Roaks’ Wohnzimmer und tranken einen heißen Pfefferminztee, der über dem Feuer im Kamin in einem Hexenkessel gekocht worden war. Stephanie hielt ihre Tasse mit beiden Händen umklammert, während sie die Ellenbogen auf den Tisch stützte. Ich saß zurückgelehnt da und starrte in den Kamin, dessen Flammen die Steine zu streicheln schienen. Meine Tasse hing locker an meinem Zeige- und Mittelfinger der rechten Hand. Christophe Brown und Emelli Black saßen nebeneinander auf der Zweiercouch. Seit drei Nächten hatte ich schon nicht mehr in meinem eigenen Haus geschlafen, was mir eigentlich auch recht war. Ich wollte keine Alpträume von Häusern und Monstern haben, die mich mit schmatzenden Schritten verfolgten. Ich wollte von großen, bunten Blumenfeldern und riesigen Apfelbäumen mit roten Kugeln träumen und von Schmetterlingen mit wunderschönen Mustern auf den Flügeln.
Aber solche Träume hatte ich noch nie, nicht einmal als ich bei Stephanie Roaks im Bett geschlafen habe.
Wir saßen da und schlürften schweigend unseren Tee. Hin und wieder warf mir Steph einen etwas beunruhigten Blick zu, den ich aber immer wieder mit einem Lächeln abwehrte. Albert war nicht hier gewesen, als wir gekommen waren, demnach war er entweder ausgewandert oder hatte sich in einem anderen Haus verkrochen.
Er war mit einem unerwünschten, illegalen Begleiter unterwegs, was alles andere als gut war. Morgenfrüh würden alle nach New Orleans einwandern, aber Albert durfte nicht dabei sein, er durfte dieses Ding nicht mit in die andere Welt nehmen.
Ich schlief ein, die Tasse rutschte von meinen Fingern und zerschellte auf dem Boden. Aber Stephanie weckte mich nicht. Sie ließ mich ruhig schlafen und wischte so lautlos wie eine Katze den verschütteten Tee auf, damit sie mich nicht weckte.
Alex Winters kommt
Zwei Jahre waren vergangen, seit ich in dieser Welt gekommen war. Nach meinen Berechnungen musste der 25.06.2002 sein, also ein wenig mehr als zwei Jahre. Zwei Jahre und ein halbes, wie man es auch sagen will, es hört sich immer so wenig an, aber in Wirklichkeit war es eine lange Zeit, denn im Laufe dieser zwei Jahre kam Elizabeth Duncan wieder zurück. Sie entschuldigte sich noch einmal für ihr Benehmen und fragte, ob sie vielleicht in die Vitalis bleiben könnte, da sie schließlich eine Vitaliaranerin war. Stephanie Roaks tat ihr diesen Gefallen und brachte sie im Haus Nummer 1258 unter, dem Haus, in dem ich früher auch einmal gelebt hatte, aber nun wohnte ich inzwischen schon bei Steph und wir waren ein glückliches Paar und Elizabeth Duncan schien wieder eine meiner Gefährten zu sein. Sie war wiedergekommen, genau wie der blonde Botenjunge es vorhergesagt hatte, aber ich hatte nicht vergessen, dass noch jemand kommen sollte, nämlich ein siebzehnjähriger Junge namens Alexander Winters. Alex, nenne mich einfach nur Alex, verstanden? Ist das klar? Korrekt? Verständlich? Kapiert? Aber von Albert Wesp hatten wir in den ganzen zwei Jahren keine einzige Spur gesehen. Durch das Tor in die normale Welt war er nicht gekommen, wir hatten alles kontrolliert und fast hermetisch abgeriegelt, sodass er unmöglich hätte hindurch kommen können. Er musste demnach noch in dieser Ebene der Welt sein, was soviel heißen soll, dass er entweder Richtung Norden, Süden, Osten oder Westen gegangen sein könnte. Aber normalerweise dürfte er in zwei Jahren wieder hier angekommen sein. Als Linkshänder wird man automatisch nach links gezogen, da das linke Bein besser entwickelt ist, als das rechte es je sein wird. Also hätte er schon längst wieder die Stadt durchqueren müssen. Aber das hatte er nicht, denn der Alarm hätte es registriert und wieder so ein lautes, hässliches Piepsen von sich gegeben.
Nachdem die Menschen aus der Stadt verschwunden waren, jeder mit hundertzwei Dollar und zwanzig Cent in der Tasche, wie wir es versprochen hatten, schien Vitalis verdammt leer. Um ehrlich zu sein, sah sie fast aus wie eine Geisterstadt. Aber der menschliche Verstand wird mit allem fertig.
Zu diesem Zeitpunkt, am 25.06.2002, stapfte Alex Winters mit schweißgenässtem Shirt und Schweißseen in seinen Schuhen durch den Sand und sah der Stadt entgegen, von der aus eine riesige, apokalyptische Rauchwolke aufstieg. Seine Armbanduhr hatte den Geist aufgegeben und er hatte sie teilnahmslos in den Sand drei bis vier Meter neben sich geworfen. Man konnte sehen, wo er sie früher einmal getragen hatte, denn die Stelle war weiß markiert. Der schwarze, dicke Qualm verdeckte die Sonne und Alex verlor jeden Schimmer Hoffnung. Er hatte kein Wasser mehr und der kalte, beißende Wind blies um seine Ohren. Man sollte meinen, dass niemand in einer solchen Kälte schwitzen kann, aber Alex konnte es. Unter der weißen Winterjacke und den schwarzen Handschuhen hatte sich inzwischen eine unglaubliche Wärme gesammelt. Seine Nase, seine Wangen und sein Kinn fühlten sich an, als würden ihm diese Körperteile gleich abfallen, denn er spürte nichts mehr an diesen Stellen seiner siebzehnjährigen Körpers. Er hatte inzwischen begonnen Selbstgespräche zu führen, aber nur selten, denn er wollte nicht verrückt werden und sein Wille war stark.
An diesem Morgen erwachte ich aus einem etwas unruhigen Schlaf. Mein Nacken schmerzte, denn ich hatte in einer ungünstigen Position geschlafen. Nach links und rechts schauen bereitete mir genauso starke Schmerzen, wie wenn ich nach oben sah. Da blieb mir nur noch eines übrig, starr geradeaus sehen. Stephanie war an diesem Morgen schon wach und hatte einen starken Kaffee über dem Kaminfeuer zubereitet. Als sie mich sah, wie ich mit schmerzverzerrtem Gesicht die Treppe hinunter kam, schenkte sie sofort meine Tasse voll ein und setzte sich wieder auf die Zweiercouch, die mir plötzlich ziemlich unbequem vorkam. Aber wie heißt es doch so schön, nimm das was du kriegst, wenn nicht, dann nimm überhaupt nichts. Inzwischen war ich einundzwanzig, alt genug um in Amerika ein Glas Whisky zu bekommen, aber ich hatte in den ganzen zwei Jahren keinen Tropfen Alkohol angefasst. Der Puzzlemann hatte sein Puzzle für einige Zeit beiseite gelegt und sich an einem schönen Ort niedergelassen. Elizabeth Duncan hatte mir versichert, dass sie als Wiedergutmachung mich bei der reise begleiten würde. Coffee lebte auch noch, auch wenn er keinen Kaffee mehr trinken konnte. Er sagte immer: „Der steht mir schon bis hier“ und deutete mit der Hand an ein kleines Stückchen über seinen Adamsapfel. Also kochte er sich in einem separaten Töpfchen Wasser und nahm sich einen Pfefferminzteebeutel, den er eine Viertelstunde in das Wasser tunkte. Dann nahm er, nachdem er gepustet hatte, einen kräftigen Schluck und gab ein ahhhhh von sich.
Doch an diesem tag lag etwas in der Luft. Sie schien elektrisiert zu sein, etwas Symbolisches lag darin und wir atmeten es unwissend ein. Aber es war nichts Infektiöses, eher etwas Voraussichtliches.
„Wisst ihr, welcher Tag heute ist?“, fragte ich in die Schweigensstille hinein.
„Ein wunderschöner Morgen“, antwortete Coffee und dehnte seine Arme.
„Nein, heute ist es zwei Jahre her, seit dieser Bote bei uns war. Und ich glaube heute ist der Tag, an dem dieser Alex Winters kommen wird.“ Sie sahen mich verblüfft an.
„Du kannst dich noch an diesen Namen erinnern?“, fragte Steph mit offenem Mund.
„Seit zwei Jahren denke ich an nichts anderes.“ Dies war kein einfach so dahergesagter Spruch, dies war ernst gemeint und es war die Wahrheit. Wieder Schweigen, nur das Knistern des Feuers. Dampf stieg aus den Kaffeetassen auf, stieg mir in die Nase und erfreute meine Geschmacksknospen. Dieser Kaffee. Er erinnerte mich ein wenig an eine Fernsehwerbung, in der die goldbraunen Kaffeebohnen gezeigt wurden und eine kleine, silberne Schaufel hinein sticht, um einen Kilo abzufüllen.
Inzwischen war Alex bei der alten, brennenden Stadt angelangt, von der ein historisch wirkender Rauch aufstieg. Er stand vor dem Stadttor, neben dem das Schild mit der Aufschrift Der, dessen Seele nicht rein ist, darf diese Stadt nicht betreten, falls doch, wird er erbarmungslos hingerichtet aufgestellt worden war. Die Häuser, die die Straße säumten, standen in lodernden Flammen. Der Anblick war unglaublich, aber inmitten dieses Wirrwarrs stand ein Mann.
Scheiße, ich muss hier weg, ich muss hier weg!
Seine Silhouette schimmerte, schien wie ein Schatten über dem Boden zu flimmern. Aber er stand da. Ein Bein von sich gestreckt, um sich besser abstützen zu können und die Arme schlaff herunterhängend. Erst jetzt bemerkte Alex, wie viel Wärme dieses Feuer ausstrahlte. Sein Gesicht brannte schon fast. Aber dieser Mann stand inmitten dieses Schauplatzes der unheimlichen Zerstörungswut eines unliebsamen Wesens. Nachdem Alex Bekanntschaft mit einem Mann namens Ligion gemacht hatte, der ihn in den Knast befördern und schließlich töten wollte, war dies ein bombastischer Anblick. Er hatte noch nie in seinem Leben – außer im Fernsehen – etwas so schönes und gleichzeitig grässliches gesehen. Und dieser silhouettenartige Mann bewegte sich. Er zog das ausgestreckte Bein zu sich und drehte sich. Aber Alex konnte durch den starken Kontrast sein Gesicht nicht erkennen.
Ich stand auf und kratzte mich unaufmerksam am Hintern. Leise stellte ich die Kaffeetasse auf den Tisch. Alle dachten wohl darüber nach, was wohl geschehen würde, wenn dieser Typ auftauchen würde. Der letzte. Stephanie Roaks’ Gedanken konnte ich aus ihren Augen heraus lesen: Er wird fortgehen und nie wieder zurückkehren. Womit sie wahrscheinlich auch Recht hatte. Langsam begab ich mich in die Küche und lehnte mich auf die Arbeitsfläche gleich neben dem unbenutzbaren Herd. Irgendetwas stimmte nicht mit mir und es lag garantiert nicht an der elektrisierten Luft, die heute überall herum schwebte. Meine Gedanken schweiften jedes mal ab, wenn ich an etwas anderes denken wollte, zum Beispiel an Steph oder Sara, die irgendwie unbemerkt an der Kontrolle für das Portal gekommen war. Dieser Gedanke führt mich zu einem anderen: Wenn sie unbemerkt hindurch kommen konnte, dann könnte auch Albert einen Weg gefunden haben.
Der Mann starrte Alex aus dem Feuerinferno heraus an. Alex erstarrte, konnte sich nicht bewegen, sein Herz überschlug sich vor Aufregung. Wegrennen wollte er nicht, denn die Neugierde hatte ihn gebannt. Er stand nur da und sah den Mann an, der nun näher zu kommen schien. Es war schwer zu sagen, aber so sah es aus, denn der Umriss des Mannes wurde allmählich größer.
Er wird dich töten, dich fressen, wie ein halbdurchgebratenes Rumpsteak! Renn, Alex!
Doch er rannte nicht.
Ich stellte mich wieder aufrecht hin und ging zum Kühlschrank. Als ich den Türknopf in die Hand nahm, durchfuhr mich ein einziger Blitz voller Entsetzen und Schmerz. Meine Hand schien kurz davor zu sein, zu explodieren. Der Türknopf vibrierte und schien mich einsaugen zu wollen. Die Haut auf meiner Handfläche dehnte sich ein wenig, wurde hinein gesogen in ein winziges Loch kleinster Teilchenspaltung.
Alex setzte den linken Fuß hinter den rechten, denn was er gesehen hatte, hatte ihm große Furcht beschert.
Dieses…dieses Gesicht…oh, mein Gott…hast du dieses Gesicht gesehen? Alex, renn weg! Lauf so schnell du nur kannst!
Ja, er wollte rennen, er wollte so was von rennen, aber irgendetwas hielt ihn zurück. Der Mann im Feuerinferno schien eine unsichtbar, unbegreifliche Macht über ihn zu haben. Er schien Alex mit einer nicht sichtbaren Hand festzuhalten, zu sich zu ziehen. Genauso wenig wie er sich rückwärts bewegen konnte, kam er dem Man näher, der inzwischen bis auf fünfzig Meter an ihn herangekommen war. Das letzte, was Alex sah, war eine muskulöse, herblilafarbene Gestalt im Vordergrund eines Verwüstungsschauplatzes. Aber das war nicht das Schlimmste. Das Schlimmste an dieser Gestalt, waren die Augen. Sie hatten einen grausilbernen Farbton angenommen, als er näher gekommen war, sie schienen wie die Warnblinkanlage an einem T-Bird zu auf zu leuchten und wieder zu erlischen, aufzuleuchten und wieder zu erlischen und in diesem Moment, in dem Alex Winters das Gesicht des Mannes sehen konnte, dass von blaulilafarbenen Adern überzogen war, kippte er nach hinten, schloss die Augen und landete mit einem dumpfen Geräusch im Sand.
Und in genau diesem Moment bekam ich eine Art Schlag in den Nacken und stürzte nach hinten. Während des Flugs stieß ich mir meinen Kopf an der Arbeitsplatte neben dem Herd und knallte mit den Ellenbogen auf den Boden. Ich konnte mit Glück sagen, dass ich mir nicht meinen Kopf am Boden aufgeschlagen hatte, denn so blieb nur eine dicke, blaugrüngelbe Beule zurück.
Lass mich nicht ohnmächtig werden, bitte, dachte ich, kurz bevor Stephanie in die Küche gestürmt kam. Sie hatte den Krach gehört, den ich erzeugt hatte, als mein Dickschädel gegen die Arbeitsplatte geknallt war und ich die Gläser zum erzittern brachte, um die sie sich im Moment aber keine Sorgen machte, was mich ein wenig glücklich machte, schließlich soll es solche Hausfrauen geben, denen es egal ist, ob ihr Mann sich einen Finger abschneidet, während er das Essen für sie und die Kinder zubereitet und dabei das Messer mit Blut beschmiert, was die besagte Hausfrau natürlich wieder sauber machen muss, worüber sie sich natürlich wutentbrannt aufregt. Aber Stephanie war nicht so eine Art von Mensch. Sie war fürsorglich und mitleidig, sie hatte ein großes Herz unter beachtlichen Brüsten und eine reine Seele, die nicht von irgendwelchen schlimmen Erlebnissen geprägt war.
„Alles in Ordnung mit dir?“, fragte sie, während sie mir wieder, während sie mir unter die Arme griff und hoch half.
Als ich wieder auf eigenen Füßen stand, fühlte ich mich noch ein wenig schwummerig, aber ich konnte stehen, ja wahrhaftig. Vor meinen Augen drehte sich noch alles und ich hatte das Gefühl mich gleich übergeben zu müssen, aber nicht an diesem Tag, das schwor ich mir, ich hätte mir nie Peinlichkeit verzeihen können, wenn ich vor der schönen Stephanie Roaks gekotzt hätte. Aber dien eigentlich wichtige Frage war doch: Was war gerade passiert? Hatte ich eine Art Zusammenbruch? Nervenzusammenbruch? Herzattacke? Mit einundzwanzig Jahren auf dem Buckel ziemlich unwahrscheinlich.
Steph sah mich verwundert an. „Was ist gerade mit dir passiert?“, fragte sie dann schließlich.
„Ich weiß es nicht.“ Diese vier Worte hatten schon eine zu große Rolle in meinem Leben übernommen, ich musste sie endlich loswerden, aber das war nicht so einfach wie es sich anhörte. Coffee war im Wohnzimmer geblieben und trank seinen Tee, während wir zwei wie Kinder in der Küche standen und uns in die Augen sahen. Langsam näherten sich ihre Lippen meinen und wir küssten uns, während ein Mann, den Alex nicht kannte, ihn auf den Armen trug und durch die Wüste lief, die kalte Sandwüste. Und zu diesem Zeitpunkt hatte ich so meine Zweifel, was den vierten Gefährten anbelangte.
Hand in Hand gingen wir zurück zu Coffee. Er saß da und sah mich mit einer hochgezogenen, fragenden Augenbraue an. „Ist nichts passiert“, sagte ich, während die Beule an meinem Hinterkopf vor sich hin pochte. Seltsames Leben, wir werden verletzt, nur um dann wieder regeneriert zu werden. Aber dies würde ich nicht als Teufelskreis bezeichnen, sondern eher als Engelskreis.
Ich setzte mich auf den Sessel, auf dem ich schon vorher gesessen war.
Was wolltest du überhaupt in der Küche, Peteboy?
Ja, was wollte ich überhaupt in der Küche?
Eis, du wolltest Eis, Kleiner, antwortete Smiths Stimme ruhig und ich konnte mir vorstellen, wie er sein grässliches Grinsen grinste.
Aktualisiert (Sonntag, den 05. März 2006 um 00:43 Uhr)


