Martin Moser: Der Erbe der Nacht
Martin Moser: Der Erbe der Nacht
Der Erbe der Nacht
Das Leben des Drake-du-Kane
2002-2004 Martin Moser
Prolog
Die Finsternis...
Ja, ich bin die Finsternis. Meine Klingen bringen den Tod, meine Seele ist vereist, ich bin gnadenlos und unerbittlich.
Hasse mich! Liebe mich! Denn ich bin der Tod. Sieh in mein Antlitz, rieche meinen verführerischen Duft, koste mich aus, verschenke dein Leben...
Du bist mein, ganz allein...
Denn ich bin die Finsternis!!!
Das Tosen des Sturmes umhüllte den grasbedeckten Hügel auf dem sich die beiden Gestalten gegenüberstanden. Ein Gewitter drohte die Welt auseinander zu reißen, Blitze erhellten die schaurige Zeremonie die die Nacht in einen Mantel der Dunkelheit gekleidet hatte. Lediglich der blutrote Vollmond war am tosenden Firmament zu sehen und warf seinen blutigen Schein auf die beiden Kontrahenten. Zwei schwarze Klingen durchschnitten die Luft, gingen ins Leere. Gelbe Augen tanzten in der Finsternis, gebleckte Zähne grinsten. Die zwei brachten den Tod auf leisen Schwingen, und nun, nach 15 Jahren war es wieder so weit. Ein Treffen war unvermeidlich, das wussten sie beide. Der eine war des anderen Schmerz, Leid, Schicksal! Sie jagten einander seit fast einem Jahrhundert, sie waren des Kämpfens müde, doch würde sie nichts aufhalten bevor nicht einer den anderen besiegt hatte.
"Wie oft werde ich dich noch besiegen müssen, bevor du endlich akzeptierst dass du mich nicht vernichten kannst, Kane?" sprach einer der Vermummten mit grausamer dunkler Stimme.
Sein Gegenüber rührte sich nicht, sein Gesicht war eine Maske des Schmerzes während er die beiden schwarzen Klingen die er führte langsam senkte.
"Du hast mir alles genommen dass mir etwas bedeutete Asteroth, es gibt für mich kein anderes Ziel als dich zu vernichten. Und ich werde nicht ruhen bevor du tot vor mir liegst. Du und deine Brut und jeder der dein Erbe trägt!"
"Das schließt dich mit ein, Jäger!" Asteroth hob die Arme gen Himmel und brüllte seine Worte in die Nacht. "Du kannst mich nicht töten. Einst hattest du diese Gelegenheit und hast sie nicht genutzt. Nun ist es zu spät. ICH BIN UNSTERBLICH! ICH BIN EIN GOTT!"
Drake du Kane schüttelte den Kopf. "Du bist nichts weiter als ein größenwahnsinniger Irrer Asteroth. Viele wünschen dein Ende, doch du gehörst MIR!"
Drake griff an, seine Klingen wirbelten durch die Luft, schneller als ein menschliches Auge es hätte erfassen können. Doch Asteroth erwischten sie nicht.
"Was ist los mit dir Kane? Warum schließt du dich mir nicht endlich an? Wir können gemeinsam diese Welt beherrschen!"
"NIEMALS! Nie wirst du diese Welt beherrschen."
"Was ist. Denkst du an Sen Lar? Er war schwach und unwürdig, ich habe ihn wie eine Wanze zerquetscht!"
Drake lächelte. "Er starb wie er es immer wollte. Sein Leben war erfüllt und ich werde für ihn weiter streiten. Du hast nur nach seinem Willen gehandelt, und ich habe ihm versprochen dich zur Strecke zu bringen. Damit kriegst du mich nicht klein Asteroth. Du hast mir bereits alles genommen, mir bedeutet nichts mehr etwas!"
Asteroth lächelte. "Ach wirklich? Und was ist mit Myra?" Drake taumelte keuchend zurück, das traf ihn wie ein Stich direkt ins Herz. Verkrampft umklammerte er das Medaillon das an seinem Hals hing.
"Wage nicht ihren Namen in den Mund zu nehmen."
"Aha, da habe ich wohl eine Schwäche gefunden. Der große Drake du Kane ist also doch verwundbar. Sie diente mir, nicht dir, sie war mein!"
"Das war sie niemals. Du hast sie auf dem Gewissen du Monster. Sie hatte keine Chance, sie war unschuldig, du hast sie in eine Bestie verwandelt. Das verzeihe ich dir nie!"
"Alles was sie tat, tat sie aus freien Stücken. Sie erkannte wer der Stärkere von uns war, sie erkannte die Stärke der Finsternis, und es hat ihr gefallen. Auf Knien hat sie gebettelt das ich sie verwandeln würde..."
"DAS IST NICHT WAHR!" Auf einmal stürmte Drake auf sein Gegenüber los, geführt von unbändiger Wut und Verzweiflung. Wie konnte er nur so über die einzige Frau reden die ihm je etwas bedeutet hat? Er würde nicht zulassen dass er so über seine Geliebte redete. Die Klingen schlugen zu. Ein Kampf entbrannte, der Energien entfesselte die schon seit Jahrzehnten nicht mehr auf der Welt gesehen wurden, doch die Nacht war noch lange nicht vorbei...
Wie lange ist die Unendlichkeit?
Was bin ich? Was tue ich? Warum ich? Ich bin ein Wanderer zwischen den Welten, nicht tot, nicht lebendig. Ich bringe Tod und Verderben, ich bin des Teufels Herold. Mein Inneres schreit nach blutiger Vergeltung. All die Schmerzen, all das Leid, tief in mir brennt das ewige Feuer der Rache. Auf der Suche nach IHM ist meine einzige Erlösung der Tod. Und der wird mir verwehrt. Ich bin verdammt, in alle Ewigkeit verdammt. Doch ich lache. Denn ich bin der letzte, und ich werde siegreich sein!
Denn auch die Ewigkeit besteht aus Augenblicken - ich wünschte es wäre anders!
Kapitel 1
Das Erbe
1.
"Du bist zu langsam. Streng dich an Norin, du musst schneller werden!"
Es war schon das dritte mal dass mich Sen Lar überrumpelt hatte. Ich biss mir auf die Lippen und verfluchte mich innerlich selbst dass ich mir vor meinem neuen Meister diese Blöße gab.
Taumelnd kam ich auf ihn zu, die beiden Schwerter zum Angriff erhoben und musterte meinen Gegner. Es war unglaublich dass dieser alte Mann so schnell sein konnte.
"Du musst dich konzentrieren. Deine neuen Kräfte sind dir noch fremd, dir fehlt noch das Wissen sie richtig zu nutzen. Los versuchen wir es noch einmal."
Ich holte tief Luft. Mein rechter Arm schmerzte. Obgleich es nur Holzschwerter waren, war der Treffer doch voller Wucht und unerwartet. Ich konnte ihn kaum mehr bewegen. Ich warf das eine Schwert achtlos in die Ecke und nahm das andere mit beiden Händen. Meine einzige Chance. Sen Lar kam auf mich zu, wir umkreisten uns lauernd. Jeder wartete auf den Angriff des anderen. Mir rann bereits der Schweiß von der Stirn, doch auch Sen Lar schien zu schwitzen. Der Kampf dauert nun schon über eine Stunde. Noch immer keine Reaktion von meinem Gegner. Schließlich hielt ich es nicht mehr aus. Ich hob das Schwert und stürmte auf ihn zu. Ich versuchte eine Finte, links angetäuscht um ihn dann die Klinge vertikal über den Körper zu ziehen doch Sen Lar durchschaute meinen Trick. Er parierte meine Attacke drehte sich blitzschnell von mir weg und im nächsten Moment spürte ich seinen Schwertknauf in der linken Seite. Der Schlag war hart. Ich ging nach Luft ringend in die Knie.
"Sei nie leichtsinnig Norin. Wäre ich ein Gegner gewesen, wärst du jetzt tot. Du musst besser auf deine Deckung achten. Deine linke Seite war völlig ungedeckt. Du darfst dich nie überschätzen!"
"Und ihr Meister, dürft eueren Gegner nie unterschätzen" antwortete ich, packte seinen Fuß und zog. Der Angriff kam überraschend, Sen Lar fiel, die Klinge entglitt ihm. Ich fing sie ihm Fall mit meinem verletzen Arm auf. Ein grauenhafter Schmerz durchzog meinen Arm, doch ich durfte jetzt keine Schwäche zeigen. Ich setzte Sen Lar die Klinge an die Kehle. Er betrachtete mich überrascht. Dann glätteten sich seine Züge und er begann zu lachen.
"Ich bin beeindruckt. Du beginnst endlich zu lernen. In Ordnung, ich ergebe mich, du hast gewonnen. Der erste Kampf denn ich seit langem verloren habe." Er musterte mich anerkennend. Ich nahm das Schwert von seinem Hals. Ich gebe zu dass ich Stolz auf meinen Sieg war. Sen Lar sah mich fordernd an. "Was ist? Willst du einem alten Mann nicht auf die Beine helfen?" Ich sah ihn verwundert an, und musste plötzlich zu Lachen anfangen. Schließlich begann auch Sen Lar zu lachen. Ich reichte ihm meinen gesunden Arm und half ihm auf die Beine. Ein Fehler wie ich feststellen sollte, denn fünf Sekunden später flog ich quer durch den Raum. Wie schaffte er es nur immer wieder mich zu überlisten?
"Traue nie deinem Gegner. Du darfst nie Schwäche zeigen. Glaube mir. Wenn du Ihnen erst einmal gegenüberstehst geht es um Leben und Tot."
Ich stand auf, alles tat mir weh, ich fühlte mich schrecklich.
"Es sind nun annähernd 2 Monate vergangen seit ich dich in jener Nacht vor ihnen gerettet habe. Ich weiß nicht wie viel Zeit mir noch bleibt Norin, um dich auf Sie vorzubereiten. Doch du musst all das wissen was ich weiß. Ich bin alt, wer weiß wie lange ich noch zu Leben habe. Dann musst du meine Nachfolge antreten."
"Was redet Ihr da Meister, ihr werdet noch viele Schlachten schlagen."
Ich war erschüttert. So hatte ich meinen Meister noch nie reden hören. Was wollte er damit andeuten? Er konnte mich jetzt nicht alleine lassen. Jetzt wo ich langsam anfing zu verstehen was mit mir vorging.
Er schien meine Gedanken gelesen zu haben als er antwortete: "Oh mach dir keine Sorgen, noch ist es nicht soweit. Doch wir müssen auf alles vorbereitet sein. Sie sind überall, und sie jagen uns da wir mehr wissen als alle anderen. Weil wir zuviel über Sie wissen. Doch mach dir keine Sorgen Junge, so leicht kriegen Sie uns nicht."
Ich wusste wovon er redete. Nacht für Nacht träumte ich von Ihnen. Ich fand keine Ruhe, ich konnte nicht vor meiner eigenen Vergangenheit fliehen. Ich träumte von spitzen Zähnen und vor den gelben Augen. Oh diese Augen, diese grauenhaften gelben Augen, sie verfolgten mich Tag für Tag.
Ich hatte Angst. Schreckliche Angst. Angst genau so zu werden. Ihr Erbe war in mir. Ich fühlte es. Und es wurde von Tag zu Tag immer stärker. Die Veränderungen schreiten nun schneller voran. Ich erinnerte mich, wie alles begonnen hatte, kurz nachdem mich Sen Lar gerettet hatte:
Meine Pupillen trübten sich, ich konnte tagelang nicht sehen. Als ich schon dachte ich wäre erblindet war mein Augenlicht plötzlich wieder da. Mehr noch es war besser als je zuvor. Ich konnte mit einer Schärfe und Genauigkeit sehen die unglaublich war. Das Unfassbare war aber das ich selbst in der Dunkelheit sehen konnte. Sen Lar schien nicht überrascht, eher besorgt darüber zu sein. Ich wusste damals schon dass er mir etwas verheimlichte. Auch meine anderen Sinne hatten sich auf unglaubliche Weise verbessert. Ich hörte den kleinsten Laut, konnte jeden Duft sofort identifizieren egal wie Schwach er war. Immer wieder wurde ich von Krämpfen heimgesucht die so schlimm waren das ich dachte dies wäre das Ende. Ich fühlte mich elend wollte nur noch das alles vorbei ginge. In diesen Zeiten stand mir Sen Lar bei. Er half mir dies alles zu überstehen. Er gab mir die Kraft die ich brauchte. Ich war froh so einen Freund zu haben, auch wenn ich wusste dass er mir nicht die Wahrheit über jene Nacht erzählt hatte als er mich fand. Schließlich stellte ich weitere Veränderungen an mir fest. Meine Haut bleichte. Ja tatsächlich. Mittlerweile bin ich so bleich wie ein Leichentuch. Mir wurde oft kalt. Meine Hände waren immer kalt, ebenso wie der Rest meines Körpers, ich fühlte mich an wie eine Leiche. Und ich sah aus wie eine Leiche. Und ich sollte herausfinden dass dies gar nicht einmal so falsch war. Irgendwann schmerzte mich dass Sonnenlicht. Es blendete meine Augen und brannte auf meiner Haut wenn ich mich der Sonne ungeschützt aussetzte. Damals schon hatte ich es befürchtet doch ich wollte es nicht wahrhaben. Doch dann eines Tages hatte sich mein Kiefer verändert, plötzlich über Nacht und spürte es genau. Ich sah in den Spiegel. Ich hatte spitze Eckzähnen wie...wie Sie, doch am schlimmsten waren meine Augen.
Sie waren Gelb...
In jener Nacht war die Entscheidung gefallen. Sen Lar war mir eine Antwort schuldig. Was war in jener Nacht passiert? Ich wusste nur noch das ich wie immer nachts durch die Gassen von Ankohead wanderte, auf der Suche nach einer billigen Spelunke um mein letztes Geld mit Huren und Schnaps zu verprassen, als mich irgend etwas in einer dreckigen stinkenden Gasse angriff. Erst dachte ich es wäre ein Tier, weil es so schnell war, aber es schien ein Mensch zu sein. Ich konnte ihn in der Dunkelheit nicht richtig sehen aber es waren eindeutig menschliche Konturen. Mehr weiß ich aus jener Nacht nicht mehr. Ich wurde bewusstlos nachdem ich einen stechenden Schmerz am Hals verspürte. Als ich wieder erwachte fand ich mich auf einem Bündel Stroh in einem alten verfallenen Lagerhaus wieder. Über mir das Gesicht von Sen Lar. Er sagte er habe mich bewusstlos in der Gasse gefunden und hierher gebracht. Später erfuhr ich dass diese Lagerhalle sein Versteck war. Hier versteckte er sich vor Ihnen. Er sagte es wäre riskant gewesen mich hierher zu bringen da sie meine Fährte aufspüren konnten und mir vielleicht bis hier her folgen könnten. Doch er glaubte ich sei etwas Besonderes. Das könne er spüren und ich bräuchte seine Hilfe. Ich verstand damals kein Wort.
Ich fühlte mich todkrank, ich kotzte mir die ersten Tage die Seele aus dem Leib und siechte mehr tot als lebendig dahin. Sen Lar sagte später ich hätte für drei Tage im Delirium gelegen. Er hatte die Hoffnung schon aufgegeben. In dieser Zeit durchwanderte ich die schlimmsten Alpträume und Schreckensvisionen meines Lebens. An eines konnte ich mich noch erinnern was in jener Nacht geschah. Bevor ich das Bewusstsein verlor sah ich seine Augen. Ich werde diesen Anblick nie vergessen. Es waren gelb glühende Augen. Und sie zeigte kein Mitleid, nur Hass und Verderben. Sie schienen direkt aus der Hölle zu kommen, als wollten sie meine Seele verschlingen. Und ich sollte erfahren dass sie dies tatsächlich wollten. Schließlich pflegte mich Sen Lar gesund. In dieser Zeit begannen die Veränderungen. Gut zwei Wochen dauerte es bis sie abgeschlossen waren. Neben meinen körperlichen Veränderungen glaubte ich auch dass sich mein Geist veränderte. Eine zweite dunkle Persönlichkeit schlich sich in mein sonst so heiteres Gemüt. Erst dachte ich, ich würde verrückt werden, schizophren. Ich hörte Stimmen, mein Gemüt verdunkelte sich langsam, aber Sen Lar stand mir bei und gab mir Kraft meinen Geist zu bändigen. Doch in jener Nacht als ich diese Augen im Spiegel wieder sah, die SELBEN Augen von damals dachte ich das ich endgültig den Verstand verloren hätte.
Sen Lar stand hinter mir als ich mich im Spiegel betrachtete, auf seinem Gesicht lag Trauer. Er wusste das er es mir nicht länger verheimlichen konnte was in jener Nacht passiert war. Er sah mich an. "Wir müssen reden." sagte er schlicht und setzte sich auf einen alten ausgebrannten Sessel der in der Halle stand. Ich nahm neben ihm Platz. Was dann auf mich zukam, kann ich bis heute nicht ermessen. Er begann zu erzählen:
"Norin, weist du was Vampire sind?"
2.
Ein Gewitter zog auf. Ein Sturm tobte in jener Nacht vor beinahe zwei Monden. Die Straßen von Ankohead waren verlassen, die Bewohner suchten Schutz in ihren Häusern. Blitze zuckten am nächtlichen Firmament und das Grollen des Donners hallte durch die Straßen. Eine stille, heimliche Bedrohung lag über der Stadt, als sollte bald großes Unheil über sie hereinbrechen. Nur in einem alten verfallenen Lagerhaus brannte noch das einzelne flackernde Licht einer entzündeten Kerze. Zwei Gestalten saßen dort. Die eine alt und gebrechlich doch ungebeugt und von einer inneren Kraft umgeben. Die andere groß, jung doch auf eine seltsame Art und Weise der Welt entrückt. Totenbleich und mit seltsamen Augen. Wäre in jener Nacht ein nichts ahnender Bewohner an der Halle vorbeigekommen und hätte Ihn gesehen... und seine Augen... wäre vermutlich am nächsten Tag die ganze Stadt hinter ihm her gewesen, doch dank des Sturmes blieben sie unentdeckt.
"Vampire?"
Ich ließ das Wort durch meinen Kopf wandern. Ein ungutes Gefühl breitete sich in mir aus. Es war finster, nur der Schein einer Kerze tauchte die Halle in ein gespenstisches Zwielicht. Das Unwetter draußen dessen Blitze die Hallen grell erleuchteten unterstützte diese Unheimliche Atmosphäre noch zusätzlich. Ich wusste nicht was ich jetzt sagen oder denken sollte. Die direkte Konfrontation mit dem was ich längst befürchtet hatte traf mich dennoch wie ein Schlag. Ich hätte dieses Wort nie ausgesprochen, doch nun war es zu spät.
"Ganz Recht Norin. Egal was du bisher glaubtest zu wissen ist nun belanglos. Es gibt Sie dort draußen. Sie sind überall und allgegenwärtig. Was dich in jener Nacht anfiel war kein Tier, sondern ein leibhaftiger Vampir. Du hast seine Augen gesehen, nicht wahr?"
Ich fühlte mich als würde ich einen Abgrund hinabstürzten. Woher wusste er dass nur? Mein bestürztes Gesicht schien ihm Antwort genug zu sein. Diese Augen..., ich versuchte es zu vergessen, zu verdrängen, doch nun waren die Erinnerungen wieder da.
"Du wurdest gebissen Norin. Gebissen von einem Vampir. Und nun ist seine Essenz in dir."
"Was..." Ich schluckte, wagte den Satz nicht zu vollenden. "Was soll das heißen?"
"In jener Nacht streifte ich wie jede Nacht durch die Gassen der Großstadt um Sie zu finden."
Ich verstand nicht was er damit sagen wollte. Er wollte sie finden, wieso? Ich sah ihn fragend an, er schien zu wissen was ich fragen wollte ohne es auszusprechen.
"Ich bin ein Vampirjäger Norin. Der letzte. Früher gehörte ich zum Clan der C'ael Rohen, einer mächtigen Sippe von Vampirjäger. Damals waren wir viele, doch der Clan wurde einer nach dem anderen von Ihnen ausgelöscht oder zu ihresgleichen gemacht bis nur noch einer übrig war. Das bin ich. All meine Freunde und Mitgefährten sind schon seit Jahrzehnten tot, nur mich erwischten Sie noch nicht. Aber sie verfolgten mich. Ich bin ihnen ein Dorn im Auge. Sie wissen das ich der letzte bin, und der Mächtigste, denn keiner weiß so viel über Sie wie ich. Doch ich werde alt. Ich fürchtete schon mein Wissen ginge durch meinen Tod auf ewig verloren, doch das Schicksal schien es gut mit mir zu meinen als es meine Schritte in jener Nacht in die Gasse lenkte wo ich dich fand."
"Was wollt Ihr damit sagen? Was passierte in jener Nacht, was für eine Essenz?" Ich verstand damals gar nichts mehr. Ich fühlte mich als wäre ich in einem Alptraum gefangen aus dem ich krampfhaft versuchte zu erwachen, doch diese Gnade wurde mir nicht gewährt.
"Ich habe dich damals angelogen als ich dir sagte ich hätte dich bewusstlos in der Gasse gefunden. Tatsache ist das ich dich in den Fängen von Asteroth fand."
"Asteroth?" Diesen Namen brannte sich in mein Hirn ein. Schon als ich ihn das erste mal hörte wusste ich das er mit meinem Schicksal verbunden war. Erst mit seinem Tod würde ich Frieden finden, dies ist mir heute klar geworden.
Sen Lar fuhr mit seiner Erzählung fort: "Asteroth ist einer der Mächtigsten unter den Vampiren, ein so genannter Erzvampir. Von ihnen soll es nur 13 auf der ganzen Welt geben. Ihnen dienen wiederum 13 mal 13 hohe Vampire die wiederum über ihre Diener die minderen Vampire sowie über Untote und Geister regieren, doch dazu später.
Ich wusste dass dies meine Chance war. Schon lange war ich hinter Asteroth her. Ich sah dies als meine Chance ihn endgültig zu vernichten, doch ich war zu übermütig. Er war schneller. Ich konnte ihn verwunden doch er entkam und lies dich zurück. Das war vermutlich dein Glück. Ich konnte die Verwandlung unterbrechen bevor es zu spät war, doch deine Chancen standen schlecht. Ich brachte dich sofort in meinen Unterschlupf wo ich dich so gut versorgte wie es in meiner Macht stand und tatsächlich gelang es mir dich aus den eisigen Armen des Todes zu reisen." Sen Lar holte tief Luft. Ich war wie erstarrt. Ich konnte nicht fassen was er mir eben erzählt hatte. Meine Welt die bisher so einfach und unkompliziert war geriet ins wanken. Ich war doch nur ein einfacher Fischerjunge aus einem kleinen Nest in der Nähe von Caldäna der auf den Namen Norin Read hörte und der eines Tages ausbüxte um sein Glück in der großen Stadt zu suchen. So einfach war immer alles. Doch das schlimmste stand mir noch bevor.
Sen Lars Geschichte war noch nicht beendet:
"Das war noch nicht alles." Er sah mich lange und eindringlich an bevor er fort fuhr: "Dir sind sicher einige Veränderungen an dir Aufgefallen. Dein Aussehen, deine Sinne, vielleicht sogar deine innere Gefühlswelt haben sich verändert. Weißt du wieso?"
Ich wusste es. Ich wusste es schon bevor ich es von ihm erfuhr, doch ich wollte es nicht wahrhaben. Das waren Dinge die über die Vorstellungskraft eines einfachen Menschen wie ich einer war hinausgingen. Mein Blick war leer, keine Gefühle regten sich in mir als Sen Lar das Aussprach was ich mir nicht eingestehen wollte: "Du bist einer von ihnen Norin. In jener Nacht als Asteroth dich anfiel übertrug er sein unsterbliches Erbe auf dich und machte dich so zu einem von Ihnen."
Obwohl ich es längst wusste glaubte ich in einen tiefen endlosen Abgrund zu stürzten. Nichts war mehr so wie es einmal war, alles hatte sich verändert. Und dennoch war mir vieles unklar, denn vieles was ich aus Geschichten und Mythen von Vampiren zu wissen glaubte traf auf mich nicht zu, oder zumindest nur im beschränkten Maße. War das vielleicht doch alles nur Aberglaube? Doch mein Lehrer fuhr fort:
"Aber du bist anders als Sie. Als ich Asteroth stellte und er von dir abließ war sein Werk noch nicht vollendet, ich unterbrach die Verwandlung. Ich habe dich während du im Fieberwahn lagst lange untersucht und bin mir sicher das Asteroths Werk unvollständig ist. Du trägst nur einen Teil des dunklen Erbes in dir. Du bist einzigartig auf der Welt Norin, den du verkörperst beide Formen des Seins. Ein Teil deiner Menschlichkeit blieb erhalten, wäre dem nicht so wäre einer von uns jetzt sicher tot, denn Vampire kennen kein Mitleid und keine Furcht. Es wäre unweigerlich zum Kampf gekommen. Sie verkörpern das pure Böse. Sie sind Uralt und existieren nur um ihre eigene Macht und ihren Einfluss zu steigern und um Sklaven zu machen. Du hingegen scheinst deine menschliche Gefühle behalten zu haben, dennoch glaube ich das auch der vampirische Charakter zum Tragen kommen wird, ebenso wie die körperlichen Merkmale schon langsam hervortreten. Doch da das Ritual gestört wurde dauert die Verwandlung sehr lange. Ich kann nicht abschätzen wie sehr du dich verändern wirst, da es noch Wochen, Monate ja sogar Jahre dauern kann bis deine Verwandlung abgeschlossen ist. Doch ich denke den Großteil wirst du in Kürze überstanden haben."
Ich wusste immer noch nicht was ich denken fühlen oder sagen sollte. Ich spürte die Gegenwart dieses fremden Geistes. Der vampirische Teil könnte man sagen. Eine zweite Persönlichkeit, dunkel, gnadenlos und voller Hass, Sen Lar nannte es das Tier. Noch war es schwach doch wurde es immer stärker und drängender.
Auch spürte ich wie meine Sinne von Tag zu Tag schärfer wurden, meine körperliche Kraft, Belastbarkeit und Schnelligkeit stieg. Ich war so gut in Form wie nie zuvor. An mein Aussehen hatte ich mich langsam gewöhnt auch wenn ich mir vermutlich nie selbst in die Augen sehen kann ohne an jene Nacht erinnert zu werden. Doch etwas ganz anderes stieg in mir hoch. Vampire hatte ja nicht nur Stärken. Das Sonnenlicht mich nicht tötete wusste ich mittlerweile, auch wenn es auf der ungeschützten Haut schmerzte und zu Verbrennungen führte. Aber es gab ja noch mehr. Ich löcherte Sen Lar mit Fragen. Was war mit Tempeln, Göttersymbolen, Weihwasser, Silber, Knoblauch? Auf vieles wusste auch er keine Antwort. Das meiste würde ich wohl erst mit der Zeit herausfinden. Was ich bemerkte war, das ich keine Schatten mehr besaß und eines Tages als ich mein Aussehen im Spiegel betrachtete merkte ich wie es langsam blasser wurde. Mittlerweile ist es vollständig verschwunden und ich besitze auch kein Spiegelbild mehr. Ich musste nicht in Särgen schlafen (das tun sowieso die wenigsten Vampire meinte Sen Lar) und ich konnte mich auch nicht in Fledermäuse oder ähnliches verwandeln. Dinge wie fließende Gewässer, Heimaterde oder die Einladung um ein fremdes Heim betreten zu können tat Sen Lar mit einer ärgerlichen Grimasse ab. Nichts weiter als närrischer Aberglauben. Über Unsterblichkeit oder Unverwundbarkeit wusste ich nichts, doch zumindest letzteres musste ich schmerzhaft feststellen traf nicht zu. Es gab noch andere Dinge, wie etwa Eichenpflöcke. Von den Dingen die kein Aberglauben waren traf vieles auf mich nicht oder nur bedingt zu. Doch dies sollte ich erst später herausfinden.
Eine Sache jedoch ließ mir keine Ruhe und es war das erste wonach ich Sen Lar fragte:
"Was ist mit Blut?"
Ich sah den alten Mann erwartungsvoll an während draußen das Gewitter tobte. Er antwortete lange nicht auf meine Frage. Er saß einfach nur da und blickte ins Leere. Ich dachte zuerst er hätte mich gar nicht wahrgenommen, wollte die Frage schon erneut stellen, als er mich plötzlich ansah und sagte: "Ich weiß es nicht mein Junge. Bisher hast du keine Anzeichen von Blutdurst gezeigt, vielleicht bleibt dir diese schwerste aller Bürden erspart."
Er sollte sich täuschen. Zwei Wochen später begann es.
Zuerst war es nur ein unglaublicher Durst denn ich verspürte. Ich konnte trinken soviel ich wollte, er ging nicht vorbei. Der Durst wurde immer schlimmer und bald lag ich in Krämpfen und konnte mich kaum mehr bewegen, weißer Schaum floss mir aus den Mundwinkeln. Schließlich flößte mir Sen Lar ein rotes Gebräu ein. Ich konnte nicht sagen was es war aber es war köstlich. Gierig trank ich den ganzen Becher aus und merkte wie die Krämpfe nachließen und ich mich wieder rühren konnte. Sen Lar sah betrübt aus. Auf meine Frage was in dem Becher war antwortete er: "Ziegenblut".
Von da ab wusste ich dass dies alles kein böser Traum war, ich war tatsächlich ein Vampir, oder zumindest ein halber was schon schlimm genug war. Ich musste nicht so oft Blut zu mir nehmen wie normale Vampire und zum Glück blieb es mir auch erspart Menschenblut zu verwenden, doch erspart blieb es mir auch nicht. Dies war zum Glück die letzte Verwandlung, der Prozess war damit abgeschlossen. Ich wusste nun dass ich gegen fast all das verwundbar war, gegen das auch Vampire verwundbar waren, nur nicht so stark. Dafür aber teile ich noch einige menschliche Schwächen und verfüge bei weitem nicht über alle vampirischen Vorteile im gleichen Umfang wie Sie. Im ersten Monat meines "neuen Lebens" oder wie immer man es nennen will lernte ich den neuen Körper mit all seinen Eigenschaften kennen. Ich schaffte es die Stimmen zumindest soweit abzuschalten das ich wieder normal denken und handeln konnte, doch die dunkle Seele des Vampirs nagte weiter an mir. Ich machte mich mit meinen neuen Stärken und Schwächen vertraut. Die ganze Zeit verbrachte ich in Sen Lars Unterschlupf. Schließlich stellte er mich vor die Wahl. Er war Vampirjäger, und musste seiner Berufung nachgehen. Er glaubte dass ich ihm geschickt worden wäre, doch sollte ich selbst die Entscheidung treffen. Er fragte mich ob ich sein Schüler werden wollte. Er brauchte einen Nachfolger, es gab keine anderen Vampirjäger mehr und ich könnte durch meine Verwandlung viel tiefer in das Bewusstsein deren eindringen die wir jagten. Mit meinem einzigartigen Wissen könnte ich einer der mächtigsten Jäger aller Zeiten werden meinte Sen Lar. Für mich kam das alles zu schnell, doch was sollte ich den sonst tun? Bei ihm war ich am sichersten und ich verdankte ihm immerhin mein Leben - oder das was davon noch übrig war. Außerdem wollte ich Rache an dem üben der mich verwandelt hatte. So beschloss ich auf seinen Vorschlag einzugehen und mich von ihm unterrichten zu lassen.
Von diesem Moment war ich ein C'ael Rohen.
Schon am Tag darauf sollte das Training beginnen.
3.
"Verflucht!"
Wütend knallte Tarim o Kiel den Pokal auf die große Eichentafel. Dunkelrote Flüssigkeit schwappte über und tropfte auf den Tisch. Sagul war erschrocken ein Stück zurückgewichen. So wütend hatte er seinen Meister lange nicht mehr erlebt.
"Wie konnte das passieren? Der Fürst war ahnungslos. Wie konnte er uns auf die Schliche kommen? Das gefährdet die ganze Mission." Kochend vor Wut stapfte der alte Erzvampir in seinem Speisesaal auf und ab.
"Es war die Schuld seiner Leibgarde, mein Gebieter. Sie leisteten schlampige Arbeit als sie versuchten unser Vorgehen zu vertuschen."
"Die Leibgarde des Fürsten sagst du? Verdammt noch mal ich kann es nicht glauben. Ein halbes Vermögen habe ich ihnen gezahlt damit sie die Todesfälle vor dem Fürsten vertuschen. Es waren alles Bettler. Nie wäre ihr verschwinden jemanden aufgefallen, doch nun erwischt er uns in Flagranti. Wer war es?"
"Barim Herr."
"Zur Hölle, wie oft muss ich ihm noch sagen dass er besser aufpassen soll wenn er trinkt. So ein törichtes Verhalten kann ich nicht tolerieren. Lass ihn herbringen ich werde persönlich seine Bestrafung veranlassen."
"Und was ist mit der Leibgarde mein Gebieter?"
Tarim machte eine abfällige Geste. "Ach, beseitigt sie schnell und unauffällig. Werft sie den Ghulen zum Fraß vor. Sie haben ihren Meister kläglich enttäuscht." Tarim ging weiter auf und ab und versuchte zu überlegen was nun zu tun sei.
"Nur weil Barim dieser Sohn einer billigen Hafenhure nicht aufgepasst hat und diese verfluchten Leibgardisten besseres zu tun hatten, weiß der Fürst nun von unserer Existenz. Drei Monate konnten wir versteckt in Ankohead agieren, doch nun ist alles gefährdet."
"Lasst den Fürst doch einfach aus dem Weg räumen bevor er reden kann." schlug Sagul, der ernannte Berater des Erzvampirs vor.
"Wenn das so einfach wäre, glaubst du ich würde dann hier auf und abmarschieren und mir das Hirn zermartern? Der Fürst hat Freunde in der Stadt, sein Ableben würde unangenehme Fragen aufwerfen. Die ganze Stadt ist sowieso schon hellhörig seit der blutleere Bettler vor 10 Tagen im Hafenwasser treibend gefunden wurde. Unser Vorgehen wurde dadurch schon erschwert. Stirbt der Fürst können wir ein weiteres Vorgehen ganz vergessen und wir hätten gleich die halbe Stadt im Nacken."
"Dann macht ihn zu einem von uns, auf dass er uns dienen wird. So kann er zum Schein die Fassade aufrechterhalten." Sagul grinste dämonisch, doch Tarims Mine blieb ungerührt.
"Diesen verweichlichten Aristokraten? Wäre ein Wunder wenn er überhaupt die Verwandlung überstehen würde. Er ist ein verdammter Regent, die taugen nur zum reden und zu sonst nichts. Er wäre eine Schande für das ganze Vampirgeschlecht. Nein es muss eine andere Lösung geben. Ich bin nicht den ganzen Weg bis Ankohead gereist um nun wieder mit leeren Händen zurückzukehren. Ich will wissen wo der Blutstein ist."
"Aber Meister, wir haben die Stadt 3 Monde Stück für Stück abgesucht. Vielleicht ist der Stein gar nicht hier."
"NEINN!" Tarim o Kiel fuhr plötzlich Zorn entbrannt herum und fegte den noch halbgefüllten Pokal vom Tisch. Krachend polterte er auf den Fußboden und der rote Saft ergoss sich über die Fliesen. "Er ist hier. Ich habe das Necronomicon genau studiert. Dort wird genau diese Hafenstadt beschrieben, es kann nur Ankohead sein. Ich suche diesen Stein schon so lange. Das Necronomicon schreibt das der, der den Stein in Händen hält zu großer mächtiger, fast gottgleicher Macht gelangt, und der Stein ist hier, ich weiß das er hier ist." Tarim beruhigte sich langsam wieder.
"Keiner meiner 4 Geschwister war dem Stein je so nahe wie ich es jetzt bin. Ich werde ihn für mich beanspruchen." Tarim stieg in den klebenden roten Saft der noch immer am Boden klebte. Angewidert zog er den Fußweg und klatschte in die Hände. "Los schick jemanden der diese Schweinerei entfernt." Ein gerüsteter Soldat, der bisher wie gelähmt an der Tür Spalier stand verbeugte sich knapp und entfernte sich dann lautlos. Tarim wandte sich wieder Sagul zu.
"Ihr vergesst Asteroth Herr", sagte er zu Tarim, "er ist ebenfalls in der Stadt und sucht den Stein."
"Asteroth ist ein Narr. Er hat nur den Blutrausch im Kopf. Er wird es nie zu einem fähigen Anführer schaffen, egal wie groß seine Kräfte mittlerweile sind. Ihm fehlt das Wissen sie richtig einzusetzen. Besitze ich erst einmal den Stein werde ich ihm schon zeigen wo sein Platz in der Hierarchie ist. Doch vielleicht kann er uns nützlich sein was unser Problem mit dem Fürst betrifft."
Sagul grinste. "Ihr habt doch sicher schon einen Plan mein Gebieter?" Auch auf Tarim o Kiels Gesicht machte sich nun das gleiche Boshafte Grinsen breit als der Soldat wieder erschien und lautlos seinen Posten an der Tür wieder einnahm. Ihm folgte ein junges Dienstmädchen das sofort begann den etwas eigenartig riechenden Wein?! vom Boden zu wischen. Sagul betrachtete sie lüstern, sein Mundwinkel entblößte zwei spitze Zähne während die gelben Augen das Mädchen musterten. Als die Arbeit verrichtet war und sich die Dienstmagd anschickte den Saal zu verlassen hielt sie Sagul zurück und begann ihren Hals zu liebkosen. Das Mädchen blickte überrascht und verängstigt, doch wagte sie nicht sich zu widersetzen. Schließlich jedoch schloss sie genüsslich die Augen und zuckte nur ganz kurz als sich Saguls Zähne in ihren Hals bissen. Als er begann von ihr zu trinken stöhnte sie lustvoll. Tarim verfolgt die Szene unbekümmert, doch schließlich hob er die Hand. "HALT! Nicht hier im Speisesaal, er ist gerade erst frisch gewischt." Sagul lies von seinem Opfer ab das sich immer noch in wilder Ekstase in seinen Armen wand. Sein Mund war blutverschmiert. "Wie Ihr wünscht mein Gebieter."
"Warte", sagte Tarim als Sagul gerade den Raum verlassen wollte, "ich hörte das Sen Lar Asteroth hierher gefolgt wäre. Stimmt dass?"
Saguls Grinsen verschwand von seinem Gesicht. Er wies das Dienstmädchen an den Saal zu verlassen das langsam wieder zu sich kam und scheinbar nicht wusste was gerade passiert war. Wie in Trance verließ Sie den Speisesaal und rieb sich dabei den schmerzenden Hals. Sagul schien die Frage unangenehm zu sein. Er schwieg.
"Ich habe dich was gefragt, antworte mir gefälligst!" fuhr ihn der Erzvampir wütend an.
"Ja Meister, er ist hier. Asteroth hat seine Spuren nicht richtig verwischt. Vielleicht wollte er auch das ihn der letzte der C'ael Rohen findet. Aber keine Sorge er weiß nicht das wir ebenfalls hier sind."
"Wieso bist du dir da so sicher?" fragte ihn Tarim
"Er ist im Moment damit beschäftigt eines von Asteroths Opfern vor dem Unausweichlichem zu retten."
"Was?"
"Meine Späher berichteten das Sen Lar Asteroth dabei ertappte wie er gerade über einen jungen Stadtburschen herfiel, das dürfte vor etwa 4 Wochen gewesen sein, kurz nach unserem letzten Zusammentreffen. Der Junge schien noch am Leben zu sein, also dachte der alte Narr wohl das er ihn retten könne. Vermutlich ist der Knabe längst tot."
"Seit 4 Wochen weist du dass er hier ist und hieltest es nicht für nötig mir das zu berichten."
Tarim ballte die Fäuste. Sagul zuckte die Schultern "Was soll er uns schon anhaben. Er ist nur ein alter verrückter Mann, längst nicht mehr der mächtige Jäger, der er früher war." Plötzlich packte Tarim seinen Berater und schlug ihn so heftig gegen die Wand, dass die Marmorplatten Sprünge bekamen.
"Unwissender Wurm! Du hast ja keine Ahnung. Unterschätze nie einen C'ael Rohen! Er ist der letzte seiner Art, die letzte Gefahr die uns noch droht, und dennoch haben wir es nicht geschafft ihn zu beseitigen. Aber er hat schon einen meiner Brüder auf dem Gewissen, und bestimmt 2 Dutzend andere Vampire. Hast du das verstanden?"
"J...ja, ja mein Gebieter" röchelte Sagul. Tarim ließ ihn achtlos zu Boden fallen. Sagul massierte seinen Hals an dem sich rot die Abdrücke von Tarims prankengleicher Hand abzeichneten. Der Erzvampir war zwar klein aber stark wie 5 Ochsen.
"Und...und was soll ich tun?"
"Ich kann es mir jetzt nicht leisten mit ihm eine neue Fehde auszufechten, ich brauche meine Diener um nach dem Stein zu suchen. Aber vielleicht löst ja mein einfältiger Bruder das Problem. Er will sich sicher für die Schmach rächen die ihm Sen Lar in jener Nacht zugefügt hat. So lösen sich unsere Probleme ganz von selbst." Tarim o Kiel grinste. Mal wieder bewunderte er seine eigene Genialität. Er sah Sagul an der noch immer am Boden kauerte. "Los, versuch herauszufinden ob der Alte etwas plant und was mit diesem Jungen ist denn er mitgenommen hat."
"Aber was ist mit dem Fürst..."
"Schweig! Darum kümmere ich mich schon. Und nun hinfort mit dir, ich will alleine sein." Sagul machte sich zum zweiten Mal daran den Saal zu verlassen.
"Ach und Sagul..."
Er drehte sich herum "Ja Herr?"
"Vergiss nicht mir Barim hierher zubringen." Sagul nickte und entfernte sich. Tarim blickte ihm hinterher. Die Magd stand noch immer draußen wie Sagul ihr es befohlen hatte. Ihr Hals hatte aufgehört zu bluten, Sagul hatte die Wunde magisch verschlossen, doch sie rieb sich den schmerzenden Hals ohne zu wissen woher der Schmerz auf einmal kam. Sagul legte seinen Arm um ihre Taille und fuhr dort fort wo er gerade unterbrochen wurde. Das Stöhnen der Frau ging schon bald in ein schrilles Kreischen über. Tarim sah flüchtig wie die junge Frau leblos zusammenbrach und von zwei Dienern weggebracht wurde. Doch seine Gedanken drehten sich um den alten C'ael Rohen und inwieweit er seinen Plänen im Wege stand.
4.
Etwas flüsterte meinen Namen.
Es kam aus der Dunkelheit. Leise und wispernd drang der gespenstische Laut an meine Ohren. Ich blickte mich fragend um doch ich konnte nichts entdecken. Nicht als Dunkelheit. Eine weite schwarze Ebene ohne Substanz.
"Norin, Norin Read" Eine zweite Stimme und eine dritte. Sie wisperten meinen Namen von allen Seiten. Wer seid Ihr? Woher kennt ihr meinen Namen?
"Wir wissen alles über dich", flüsterten die Stimmen, "du trägst unser Erbe in dir. Bald wirst du zu uns gehören." Plötzlich erschienen überall um mich herum gelbe Augenpaare die mich gierig und verschlagen anstarrten. Was wollt Ihr? Panik machte sich in mir breit, ich begann zu schwitzen.
"Wir wollen dich" Ein leises grässliches Lachen ertönte von allen Seiten. Es wurde immer lauter und fordernder. Ich hielt mir die Ohren zu, konnte es nicht ertragen. Der Schweiß rann mir vom Gesicht, doch nein es war kein Schweiß...es war Blut! Nicht mein Blut. Als ich noch oben sah entdeckte ich über mir schwebend eine junge Frau. Ihre Kehle war durchschnitten, ebenso die Pulsadern. Aus diesen Stellen ihres Körpers tropfte unnachgiebig Blut auf mich, das mein Gesicht herunter floss, meine Lippen benetzte. Oh dieser verlockende Duft, dieser süße Geschmack. Ich leckte mir über die Lippen, meine Augen funkelten gierig. Oh diese Wonne die meinen Körper durchflutete. Ich öffnete den Mund, legte den Kopf in den Nacken und fing jeden Tropfen des nie versiegenden Blutstroms auf. Nie zuvor hatte ich so etwas Köstliches erfahren, nie zuvor hatte ich mich so gut gefühlt. Die Frau schwebte zu mir herab, mein Gesicht war schon vollkommen blutverschmiert. Ich grub mein Gesicht in die offene Kehle der toten Frau und zog ihren herrlichen Lebenssaft schnell und gierig aus ihrem Leib. Ich konnte nicht aufhören - wollte nicht aufhören. Ich wollte nur noch Blut, Gewalt, herrschen, versklaven, erniedrigen, verstümmeln und töten, töten, töten...
"Du bist einer von uns" wisperten die Stimmen.
Mit einem lauten Schrei erwachte ich schweißgebadet auf meinem Lager. Was für ein furchtbarer Traum. Immer derselbe Traum, Nacht für Nacht. Ich musste dagegen ankämpfen, koste es was es wolle. Ich konnte so nicht weiterleben. Ich musste die Ursache bekämpfen, die Angst vor mir selbst.
Langsam erhob ich mich von meinem Bett, streifte mir eine Decke um und trat ans Fenster. Es war noch mitten in der Nacht, draußen regnete es unaufhörlich. Die Strassen der Großstadt waren leergefegt, nur der ein oder andere streuende Straßenköter lief ab und zu vorbei. Die Welt um mich herum war kalt und erbarmungslos. Nur die Stärksten konnten in ihr Überleben. Das lernte ich schon in meinen jungen Jahren als ich auf der Straße bettelte oder die umherziehenden Passanten bestahl. Genug um am Leben zu bleiben. Nicht gerade das beste Leben, aber immerhin war es ein Leben, im Gegensatz zu dem was nun aus mir geworden war. Manchmal wünsche ich mich in mein Fischerdorf zurück. Nicht das mir meine Eltern oder Geschwister fehlen würden, die hatten sowieso nie etwas für mich übrig, aber immerhin wusste ich dort wohin ich gehörte. Vielleicht hätte ich nicht davonlaufen sollen. Wäre ich eben ein Fischer geworden, es gibt schlimmeres. Aber nun musste ich diese traurige Existenz fristen in der mir nur Sen Lar Trost spenden kann. Längst war er mehr als mein Lehrer, er war in der kurzen Zeit zu einem tiefen Freund für mich geworden, den besten den ich bisher hatte, vermutlich der einzig wirklich wahre Freund denn ich je hatte. Und der mir das Leben gerettet hatte, irgendwie zumindest. Ich war es ihm schuldig ein guter Schüler zu sein, der Beste den er je hatte.
Ich wandte mich vom Fenster ab. Mein verletzter Arm pochte noch immer von dem schweren Schlag denn ich mir heute im Training zuzog. Ich musste wieder an die Anfänge meiner Ausbildung denken. Damals nachdem ich meine Entscheidung getroffen hatte...
Rasch stellte Sen Lar meine Stärken und Schwächen fest, von denen ich selbst kaum etwas wusste. Da nun meine Verwandlung abgeschlossen war( so glaubten wir zumindest ) konnte er mich eingehender untersuchen. Zu seinem Bedauern hatte ich kaum etwas von dem magischen Erbe der Vampire geerbt. Je nach Art gab es Vampire die über mehr oder weniger mächtige Magie verfügten, ich zählte leider zu letzteren. Lediglich das Ritual der Selbstheilung das jedem Vampir in die "Wiege" gelegt wurde beherrschte ich. Ein Akt der Selbsterhaltung nannte es Sen Lar da der Vampir nicht durch normale Medizin geheilt werden konnte. Der Körper des Vampirs ist tot, und kann deshalb nicht behandelt werden. Totes Gewebe kann sich nicht mehr schließen, Verletzungen deshalb nicht mehr verheilen. Deshalb konnte jeder Vampir sich selbst heilen, durch ein kompliziertes magisches Ritual was eine menge Kraft erforderte und nur einmal am Tag anwendbar war. Durch langes Training beherrsche ich diese Fähigkeit mittlerweile einigermaßen, was mir im Kampf einen großen Vorteil bringen würde. Ansonsten hatte ich keine magische Begabung. Ich konnte mich nicht verwandeln oder in Nebel auflösen( was aber sowieso nur die mächtigeren Vampire vollbringen konnten) und leider konnte ich auch niemanden beherrschen oder beeinflussen, dafür war nicht genug vampirische Essenz in mir. Dafür aber glaubte Sen Lar dass ich das Zeug zu einem guten Kämpfer hatte, zumal ich durch meine Vampirkraft an Geschwindigkeit, Stärke und Widerstandsfähigkeit zugenommen hatte. Ich stellte fest das große Langschwerter und plumpe Rüstungen für mich ungeeignet waren, ebenso wie Beile oder andere schwere Waffen. Um meine größte Stärke im Kampf, meine Schnelligkeit perfekt ausnutzen zu können, verzichtete ich größtenteils auf störende Rüstungen und nahm für den Kampf normale handliche Schwerter. Da ich weder Rechts- noch Linkshänder war, sondern mit beiden Händen gleich geschickt war, konnte ich mich nicht für einen Waffenarm entscheiden. Also nahm ich einfach zwei Schwerter, und das war wohl genau das richtige, denn die beidhändige Kampftechnik war mir wie auf den Leib geschrieben. So trainierte ich mit Sen Lar Stunde für Stunde, jeden Tag bis zur Erschöpfung. Attacken, Paraden, Ausfälle, Finten und so weiter und so fort. Sen Lar war erfreut wie schnell ich Fortschritte machte. Dafür dass ich noch nie mit einem Schwert gekämpft hatte war ich unglaublich lernfähig. Das Talent muss mir angeboren sein. Ich frage mich nur ob es von meiner menschlichen oder meiner vampirischen Seite kam? Egal, wir trainierten weiter. Neben dem Kampf mit dem Schwert unterrichtete er mich auch im Umgang mit dem Messer, dem Dolch und natürlich dem Pflock. Ich lernte wie ich ihn anzusetzen hatte, damit er das Herz durchsticht und wie viel Kraft man in den Schlag mit dem Hammer legen sollte. Doch ich stellte fest dass ich durch meine Verwandlung genug Kraft besaß den Pflock auch ohne Hammer benutzen zu können.
Dazu kam dass typische Training um denn Körper fit zu halten, wie Laufen, Liegestützen, Klettern und der ganze Kram. Auch hier bemerkte man meine unglaubliche Konstitution. Es vergingen oft Stunden bis ich schlamp machte. Ich fing langsam an mich an meine neuen Fähigkeiten zu gewöhnen.
Des Weiteren unterrichtete mich Sen Lar im waffenlosen Kampf. Hier halfen mir meine Schnelligkeit und Stärke nicht viel da mir die richtigen Tricks fehlten. Ich war erstaunt was für eine gute Figur mein Meister trotz seines Alters im Ring machte. Immer wieder warf er mich auf die Matte. Doch auch hier war ich lernwillig und wurde von Tag zu Tag besser. Nach all diesen körperlichen Ertüchtigungen war aber das Wissen Sen Lars am wichtigsten. Jeden Tag in den Abendstunden erzählte er mir alles über die Vampire was ich wissen musste. Er begann bei ihrem Ursprung. Niemand wusste wie oder wodurch Vampire entstanden, Tatsache aber war, dass sie seit Tausenden von Jahren den Planeten bevölkerten. Vermutlich wurden sie von einem bösen Gott erschaffen der aber längst tot und vergessen war. Heute ist nichts mehr bekannt über lebende Vampirgötter. Wohl verehren noch viele alte Blutgötzen und glauben an deren Existenz, doch gab es schon seit Jahrhunderten keinen Beweis mehr für die Existenz irgendwelcher vampirischer Götter. Mein Meister erzählte mir von dem Necronomicon, dem Buch der Toten und Dämonen. Ich hörte Geschichten darüber, das es mit Blut geschrieben sei und in Menschenhaut gebunden. Darin befänden sich Beschwörungsformeln um Untote und Geister zu erwecken, weshalb jeder Schwarzmagier hinter dem Buch her sei. Ich wusste allerdings nicht dass dieses Buch tatsächlich existierte. Dem Clan der C'ael Rohen, der übrigens vor über 1000 Jahren von Selfter Kane gegründet wurde, dem ersten bekannten Vampirjäger, gelang es an das Buch zu gelangen und eine Abschrift über den Teil der Vampire zu erstellen bevor es ihnen von den Vampiren geraubt wurde. Doch die Abschrift konnte der Clan vor ihnen verbergen. Dort fanden die C'ael Rohen alles was sie wissen mussten um gegen sie effektiv vorzugehen. Stärken, Schwächen, Geschichte, Hierarchie, Aussehen, Verhalten, eben alles. Keiner wusste woher dieses Wissen stammte, doch es war echt und keine falsche Fährte, das fanden die C'ael Rohen in ihrer Jahrhunderte langen Jagd heraus, sehr zum Ärgernis der Gejagten.
Laut dem Buch schuf der finstere Gott dessen Name verschollen ist 13 Erzvampire. Sie waren die Mächtigsten und in der Hierarchie ganz oben. Keiner wusste allerdings ob sie alle gleich mächtig waren. Es waren Geschwister, alles Kinder desselben Vaters, doch ihre Fähigkeiten unterschieden sich. Der eine hatte große magische Kraft, der andere war ein guter Kämpfer, der nächste ein hervorragender Redner und Anführer der das Volk für sich gewinnen konnte. Keiner wusste ob es in den Reihen einen Obersten Erzvampir gab, jemand der die anderen führte. Die 13 Erzvampire erschufen wiederum 13x13 hohe Vampire, oder auch geborene Vampire genannt, da sie bereits mit dem dunklen Erbe geboren wurden. Diese Vampire sind unsterblich und auch nur schwer zu verwunden, aber sie können sich nicht auf natürliche Weise fortpflanzen. Deshalb wird es nie mehr als 13 mal 13 geborene Vampire geben können, früher oder später werden sie - hoffentlich - aussterben. Doch die Vampire hatten andere Möglichkeiten sich zu vermehren. Durch Biss konnten sie ein spezielles Sekret in den Körper ihres Opfers pumpen wodurch das Opfer ebenfalls ein Vampir wurde, ein so genannter minderer Vampir, ein Vampir durch Verwandlung. Er ist nicht unsterblich aber lebt trotzdem ungefähr 10 Menschenleben und ist ebenfalls nur schwer zu verletzen. Von ihnen bevölkern mehrere hunderte, wenn nicht gar Tausende die Welt. Die unterste Ebene in der Vampirgilde sind die Untoten die von den Vampiren zu neuem Leben erweckt werden und die ihnen dienen müssen, dazu zählen Zombies, Widergänger, Ghule, zum Teil auch Werwölfe, doch dies ist eine andere Geschichte. Den Untoten fehlt jeglicher Verstand, sie tun nur das was ihnen die Vampire befehlen.
Eines der größten Probleme bei der Vampirjagd ist das Erkennen der Beute wie sich Sen Lar immer gerne ausdrückte. Das Problem war das man einen Vampir nicht ohne weiteres erkannte, da sie sich benahmen und aussahen wie normale Menschen. Die bleiche Haut ließ sich mit ein paar Tinkturen schnell überdecken und auch die gelben Augen ließen sich verbergen. Außerdem verfügten viele Vampire über die Möglichkeit sich per Magie ein anderes Aussehen zu verschaffen. Sen Lars Geschichten entsetzen mich. Vampire waren überall. In jeder Stadt, in jedem Weiler konnten sie sein. Sie waren normale Bürger, Bettler, Krieger, gar Fürsten und Könige. Keiner durchschaute ihre Maskerade und wenn doch fand man seine Leiche bald darauf in einer stinkenden Gosse oder im Hafenbecken treibend. Sie bevorzugen Städte, aber auch in der Wildnis oder verlassen Stollen traf man welche an. Sie verteilten sie auf dem ganzen Kontinent, so dass sie alles überwachen konnten. Doch Vampire begingen oft kleine Fehler an denen man sie erkannte. Sie fielen normalen Leuten nicht auf, aber wenn man streng darauf achtete konnte man sie so entlarven. Vampire bewegten sich anders. Sie hatten ihre eigene Gangart, ein wenig als wären sie in Trance, und doch ganz leichtfüßig als berührten sie kaum den Boden. Ihre Bewegungen wirkten oft auch leicht abgehackt und mechanisch wenn sie länger kein Blut mehr zu sich genommen hatten. Vor allem aber waren es ihre Blicke. Konnte man die gelben Augen auch mit Illusionen verbergen, ihre Blicke verrieten sie. Wenn sie gierig die Hälse von Passanten anstarrten oder diese tiefgründige verschlagene Art wie sie ihre Umgebung mustern. Sen Lar viel es schwer mir das zu erklären. Er meinte ich müsse es selbst sehen, dann verstünde ich es. Doch ich verstand ihn bereits. Nie würde ich Asteroths Augen vergessen können.
Ein weiteres Indiz war auch der Geruch. Er war Schwach, normalen Leuten fiel er nicht auf. Eine Mischung aus ranzigem Blut, Erde und Schwefel. Alle Vampirjäger schulten von Anfang an ihren Geruchssinn um Sie sozusagen erschnüffeln zu können. Ich hatte sowieso einen verbesserten Geruchssinn, was natürlich ein großer Vorteil war. Die letzte Möglichkeit war eine direkte Berührung ihres Körpers. Vampirische Körper sind weicher als menschliche, fast schon wie weiche Daunenkissen. Nichts desto trotz sind sie zäh wie Leder. Und ihre Haut war so kalt wie die jedes Toten.
Nachdem ich nun wusste wer Sie waren, wie viele es gab, wer über sie herrschte, wo sie überall lebten und wie man sie ausfindig machen konnte lehrte mich Sen Lar wie man sie bekämpfen konnte und wie man sich vor ihnen schützte.
Das Problem bei der Vampirbekämpfung war, dass man nicht genau sagen konnte gegen was ein Vampir verwundbar war. Viele Mittel trafen nur auf manche zu. Eine mögliche Erklärung wäre das die Vampire von bestimmten Göttern verflucht wurden denen sie in ihrem sterblichen Leben gedient hatten. Bestimmte Mittel, die diesen Göttern heilig waren halfen dann gegen diese Vampire. Ein Vampir der von einem der Meeresgötter verflucht war, gegen den half fließendes Wasser oder Weihwasser, Knoblauch half bei Vampiren die von Göttern des Ackerbaus oder der Ernte verflucht wurden usw.
Natürlich war dies nur eine Theorie. Es war ein langwieriger Prozess herauszufinden welche Götter sich von dem zu jagenden Vampir abgewandt hatten, die Erfolgschancen waren aber durchaus gut. Natürlich konnte es auch einen anderen Grund haben. Tatsache war: bei den Erzvampiren war größtenteils unbekannt welche Stärken und Schwächen sie hatten, bei den hohen Vampiren variierten sie, bei den verwandelten minderen Vampiren waren die Stärken und Schwächen fast immer dieselben.
Sen Lar sagte mir alles was er darüber wusste, Wissen das der Clan über Jahrhunderte sammelte. Für diese Informationen ließen viele Jäger ihr Leben oder wurden selbst zu Vampiren gemacht. Dieses Wissen durfte nie in falsche Hände fallen, dies bläute mir mein Meister immer und immer wieder ein. Sonst wäre alles was die C'ael Rohen jemals geschaffen hatten, umsonst gewesen.
Mindere Vampire die durch Verwandlung entstanden hatten eine Lebensspanne von etwa 10 Generationen. Sie besaßen feinere Sinne, waren schneller, stärker und ausdauernder als normale Sterbliche. Manche von ihnen konnten sich verwandeln, aber nur wenn sie von einem besonders mächtigen hohen Vampir oder gar von einem Erzvampir gebissen wurden. In diesem Fall entweder in einen Nebel, oder ein kleines Tier, das von der bekannten Fledermaus über Ratten oder Schlangen alles sein konnte. Doch verwandlungsfähige mindere Vampire waren selten. Vampire mussten nicht Essen, waren immun gegen Kälte. Sie konnten sich beinahe lautlos bewegen und hatten die Gabe mit der Dunkelheit zu verschmelzen so dass Sie nur schwer gefunden werden konnten. Sie mussten einmal am Tag Blut zu sich nehmen, mindestens einen halben Liter. Ein Vampir konnte ohne Menschenblut überleben, doch war dies sehr schwer und auf Dauer hielten es die wenigsten durch (und da Vampire keinerlei Skrupel besaßen versuchte es auch niemand). Verwundbar waren sie gegen Sonnenlicht, Silber, Weihwasser, Göttersymbole, Wunder von Priestern, teilweise durch Magie - doch hier ist das Wissen noch sehr lückenhaft, Pflöcke aus Eiche oder Silber die das Herz durchbohren mussten. Knoblauch konnte sie verscheuchen. Sie konnten keine Tempel betreten, hatten keine Spiegelbilder und keinen Schatten. Auch heilige Stätten wie z.B. Friedhöfe sind ihnen trotz aller Geschichten zuwider, allerdings konnten sie von dort ihre Untoten Diener beschwören. Die einzige Möglichkeit einen Vampir mit herkömmlichen Waffen zu töten war ihm entweder den Kopf vom Rumpf zu trennen oder seinen Körper vollständig zu zerstückeln was bei der Geschwindigkeit und Kraft eines Vampirs aber sehr schwierig war. Um Vampire ihrer Untoten Lebenskraft zu berauben bedurfte es Waffen die entweder aus Silber oder magischen Metallen bestanden. Oder Waffen die von der richtigen Magie durchwoben waren (und das waren nicht alle magischen Waffen).
Hohe Vampire hatten dieselben Stärken, doch sie konnten sich auf jeden Fall verwandeln, besaßen mehr Immunitäten und brauchten weniger Blut. Doch vor allem hatten sie weniger Schwächen. Denn auf sie traf immer nur ein Teil der Schwächen zu, nie alles. Das einzige gegen das jeder Vampir verwundbar war (soweit bekannt) war das Sonnenlicht und der Eichenpflock. Selbst Tempel und Symbole halfen nicht immer, außer sie stammten von Göttern der Sonne oder des Lebens. Ansonsten lief es wieder darauf hinaus welcher Gott oder welche Götter sie verflucht hatten, soweit die Theorie des Clan stimmte. Von den 13x13 sollten nach Schätzungen noch etwa 3 bis 4 Dutzend existieren, der Rest fiel den C'ael Rohen oder etwas anderem zum Opfer.
Von den Erzvampiren wusste man leider so gut wie gar nichts. Von den 13 existierten mittlerweile noch 5. Die ersten 3 starben (oder wie immer man das bezeichnen sollte) bereits vor der Gründung des Clans. Keiner wusste wodurch, der Rest wurde von dem Clan aufgespürt und zerstört, bei zweien war sogar Sen Lar dabei. Gegen sie half Sonnenlicht, doch nur gegen einen der Pflock, der andere zog ihn einfach aus seinem Herz als wäre nichts gewesen. Dafür half gegen ihn Silber und Weihwasser, doch Sen Lar wusste nicht wie es bei den anderen war. Doch er kannte alle fünf noch existierenden:
Es gab Galselfantil, der Mordbrenner. Ein Hünenhafter barbarischer Erzvampir der versklavt und mordet wo es nur geht.
Urisan, über ihn war kaum etwas bekannt, nur das er des Öfteren auf einer Inselgruppe gesichtet wurde was ungewöhnlich war da Vampire Wassergegenden verabscheuten.
Morisia, die einzige noch lebende Erzvampirin. Sie galt als absolut krank und pervers. Man sagte sie sähe zu wie ihre Opfer langsam und qualvoll getötet wurden, entweder durch strecken, verstümmeln verbrennen oder anderen grausamen Methoden.
Tarim o Kiel, der Regent. Ein Meister der Verwandlung, der am liebsten in Rollen von Fürsten, Beratern oder anderen hohen Persönlichkeiten schlüpfte. Er war auch das Oberhaupt der so genannten Vampirgilde. Sie war ein Zusammenschluss des kompletten Vampirgeschlechts. Ein Rat, bestehend aus den mächtigsten und einflussreichsten Vampiren regierten sie, und Tarim o Kiel war ihr Anführer.
Der letzte war Asteroth, der Schatten, da er sich überall verstecken konnte und fast nie gesehen wurde. Es war mein Schöpfer, doch konnte mir mein Meister leider wenig über ihn sagen, da kaum etwas über ihn bekannt war. Es schien jedoch als hätte er in den letzten Jahrzehnten deutlich an Macht zugenommen. Sen Lar war überzeugt dass von ihm die größte Gefahr ausging. Und das obwohl, oder gerade weil er der unscheinbarste von allen war.
Wir redeten jeden Tag bis tief in die Nacht. Meine Fähigkeiten wurden von Tag zu Tag besser. Sen Lar lehrte mich neben dem Kampf auch andere wichtige Dinge wie Lesen, Schreiben, Etikette, Rechtskunde oder Staatskunde und andere Dinge die wichtig sein könnten. Schließlich musste man als Jäger oft Inkognito reisen und somit über eine breite Palette an Wissen verfügen. Aus meinem "früheren" Leben hatte ich noch Kenntnisse im verkleiden oder verstellen und auch im Schleichen oder Verstecken. Sen Lar war beeindruckt was aus mir geworden war, ein neuer ernst zunehmender Gegner der Vampire. Doch noch war meine Ausbildung nicht abgeschlossen. Mir fehlte es an Geduld, Einfühlungsvermögen und vor allem an Selbstbeherrschung. Meine Meister fürchtete mein "böses Ich", also meine vampirische Charakterseite, könnte überhand nehmen, mich verführen. Ich müsste mein Inneres ins Reine bringen. Eine Bemerkung für die ich nur ein gequältes Lachen übrig hatte. Wenn das so einfach wäre, dann hätte ich es schon längst getan. Ich konnte meine dunkle Seite verdrängen, bekämpfen... aber bezwingen würde ich sie wohl nie.
Der grelle Schein eines Blitzes ließ mich aus meinen Gedanken aufschrecken. Mein Arm hatte sich wieder beruhigt, doch würde ich damit wohl einige Tage nicht kämpfen können. Nichtsdestotrotz würde das Training Morgen weitergehen. Meine Ausbildung war fast abgeschlossen. Nach gerade einmal zwei Monden hatte ich erlernt wozu andere Jahre brauchten. Mein vampirisches Erbe war mir eine große Hilfe gewesen obwohl ich es jeden Tag verfluchte. Doch Sen Lar meinte dies wäre nicht alles. Ich hätte schon von Geburt an, also von meiner richtigen Geburt an, ein großes Potential in mir. Dies wäre vermutlich auch der Grund gewesen warum mich Asteroth auserwählt hatte, denn er spürte es auch. Eine große Zukunft sei mir in die Wiege gelegt worden. In einer Welt in der Helden rar geworden waren könnte ich vielleicht ein Neuanfang sein. Natürlich glaubte ich nicht an derlei Spinnereien, obwohl ich zugeben musste dass ich eine gewisse Verbundenheit verspürte mit dem Abenteurerleben. Mich konnte noch kein Ort lange halten, ich war immer auf der Durchreise, auf der Suche nach Erlebnissen, Gefahren und Abenteuern, wie in den klassischen Sagen und Liedern der Barden. Doch dies sind Jugendträume und mein Gemüt wurde in den letzten Wochen ernster und ruhiger. Ich hatte eine Mission. Ich wollte ein C'ael Rohen werden. Alles andere war erst einmal unwichtig.
Ich legte mich wieder ins Bett, doch ich schloss die ganze Nacht kein Auge. Der Traum saß mir noch zu tief in den Gliedern. Was wäre wenn er eines Tages Wirklichkeit werden würde? Könnte ich mich dagegen wehren, wollte ich mich überhaupt dagegen wehren? Ich wusste darauf keine Antwort, doch früher oder später würde ich mich damit auseinander setzen müssen.
5.
Asteroth gähnte. Amüsiert musterte er sein Gegenüber wie es aufgebracht im Raum auf und ab marschierte. Wie immer wenn er wütend war.
"Verdammt was hast du dir nur dabei Gedacht?" fuhr ihn Tarim o Kiel wütend an. Asteroth gab sich unbeeindruckt. Lässig lümmelte er sich in die bequeme Couch des großen Wohnzimmers von Fürst Menzhold III.
"Was soll ich mir schon dabei gedacht haben?" Asteroth blickte seinen Bruder herausfordernd an. Das machte Tarim nur noch wütender.
"Verflucht, tu nicht so als wäre nichts passiert, warum hast du den Jungen nicht getötet?"
"Das sagte ich dir schon dreimal. Sen Lar hatte mich verfolgt. Er war mir auf der Spur, sah seine große Chance mit mir abzurechnen. Er hatte mich überrascht."
Tarim o Kiel konnte sich ein spöttisches Grinsen nicht verkneifen. "Du lässt nach Bruder, ich dachte du hörst sonst jedes Geräusch und siehst alles?" Asteroth ging nicht auf o Kiels Spott ein, blieb stattdessen gelassen und zuckte nur mit den Schultern.
"Ich hatte nicht damit gerechnet dass er mich soweit verfolgt hatte. Ich dachte ich hätte ihn bereits in Talagos abgehängt. Ein Irrtum, man sollte den alten Spinner nicht unterschätzen."
"Aber wieso hasst du den Jungen nicht gleich getötet? Er trägt dein Erbe, wieso? Los, nun sag mir endlich was du für ein Spiel spielst?"
"Weil er etwas besonderes ist", platzte Asteroth heraus, der das Geschrei seines Bruders nicht mir aushielt. "Er trägt ein großes Potential in sich. Schon als ich ihn das erste mal in den Straßen sah wusste ich das dieser Knabe etwas besonderes ist. Ich wollte ihn zu meinem Schüler machen, zu meinem Gefährten. In ihm sah ich einen großen Kämpfer der Gilde. Deshalb übertrug ich ihm meine Stärke!"
"Doch nun hat Sen Lar den Burschen und bildet ihn aus. Scheinbar war die Verwandlung nicht vollständig, er verfügt immer noch über menschliche Gefühle. Und deshalb will er nun auch ein Vampirjäger werden." Tarims Stimme überschlug sich. "Weißt du überhaupt was du angerichtet hast. Ein Jäger mit unseren Stärken und der unseren Verstand teilt. Er kennt alle unsere Geheimnisse, unsere Schwächen. Jetzt wo wir die C'ael Rohen endlich so gut wie ausgelöscht hatten könnte dieser Norin Read alles zunichte machen."
"Beruhige dich o Kiel. Seine vampirische Seite bringt ihm nicht nur unser Wissen sondern auch unser Fühlen und unsere Bestimmung. Bald wird sie überhand nehmen und diese jämmerliche menschliche Seele verschlingen. Sen Lar wird denn Jungen nicht halten können. Er wird begreifen zu wem er gehört. Ich persönlich werde mich seiner Annehmen."
"Und wenn er sich weigert?"
Asteroths Gesicht zierte ein höllisches Grinsen. "Das wird er nicht, keine Sorge." Tarim konnte das nicht beruhigen. Sicher, der Junge wäre ein großer Gewinn für die Gilde, doch als Jäger stellte er ein unnötiges Risiko dar, und Tarim o Kiel war jemand der schon immer auf Nummer sicher ging und der keine Risiken mochte. Ganz im Gegensatz zu Asteroth. Er lag wieder ganz gelassen auf dem Sofa. Ihm schien diese Bedrohung zu gefallen. Es war wie eine Herausforderung für ihn..
Es klopfte an der Tür. Eine Wache des Fürsten von Ankohead trat ein. "Ich entschuldige die Störung, aber es scheint dringend zu sein." stotterte die Palastwache.
"Was ist denn schon wieder?" fuhr ihn Tarim o Kiel wütend an.
"Jemand wünscht euch zu sprechen Herr."
"Wer?"
"Ein gewisser Barim Sir, er sagte er wird erwartet."
"Los schick ihn hoch." Die Wache verneigte sich stumm und schloss die beiden Flügel der Tür hinter sich.
"Du scheinst ja in der Position des stellvertretenden Beraters voll und ganz aufzugehen." lächelte Asteroth amüsiert über die Gebaren seines Bruders.
"Menzhold ist ein Narr, aber ich brauche ihn."
"Wie ich hörte gab es da einen kleinen Zwischenfall mit Barim und dem Fürsten. Ist er deshalb hier?"
"Er hat die Strafe verdient. Wegen ihm weiß der Fürst nun von unserer Existenz. Es ist zu riskant die Suche jetzt noch fortzusetzen wo der Fürst versucht uns ausfindig zu machen."
Asteroth wollte etwas erwidern, doch in diesem Moment öffnete sich die Tür und eine kleine drahtige Gestalt trat ein. Furcht lag in seinen Augen. Er ging direkt auf Tarim o Kiel zu, fiel vor ihm auf die Knie und senkte das Haupt.
"Vergebt mir großer Herrscher, ich habe Schande über euch und unser ganzes Geschlecht gebracht."
Tarim schüttelte den Kopf. "Oh Barim, du Narr. Weißt du eigentlich in was für Schwierigkeiten du mich gebracht hast? Wie soll ich das dem Fürsten jetzt erklären? Verdammt noch mal, glaubst du es war einfach den Posten des Beraters zu bekommen? Es hat mich wochenlange harte Arbeit gekostet bis ich das Vertrauen des Fürsten hatte. Hätte ich ihn unter einen Bann gestellt wäre er zu nichts anderem mehr zu gebrauchen gewesen und man hätte den Unterschied bemerkt. Also musste ich ihn selbst von meiner Loyalität überzeugen. Und jetzt wo ich sein Vertrauen hatte und wir uns praktisch unbekümmert durch die Straßen bewegen konnten passiert dass. Es war dass Paradies Barim das ich dir bot. Überall frisches Blut, und kaum Widerstand. Und du hasst dies alles zunichte gemacht durch deine Unachtsamkeit." Tarims Stimme wurde von Satz zu Satz immer lauter und bedrohlicher bis sie schließlich in einem Brüllen endete. Asteroth konnte über dieses Spektakel das ihm hier geboten wurde nur lächelnd den Kopf schütteln. Keine Beherrschung steckte in seinem Bruder, er war viel zu hitzköpfig. Es würde leichter werden als erwartet.
Barim sank inzwischen immer tiefer bis sein Gesicht schon fast den Marmorboden des Gemachs berührte.
"Verzeiht, ich werde es nie wieder tun." flüsterte er.
"Nein, das wirst du ganz sicher nicht." antwortete Tarim nun deutlich ruhiger. Er klatschte in die Hände worauf zwei Gardisten erschienen.
"Du weist was dich nun erwartet. Für dein Versagen gibt es nur eine Bestrafung." Die Gardisten packten Barim und zogen ihn hoch. Er sah seinen Meister mit vor Schrecken geweiteten Augen an. "Nein", flüsterte er, "NEIN! DAS KÖNNT IHR NICHT TUN! IHR BRAUCHT MICH! NEIIIIN!!!" Barim schrie und schlug um sich. Zwei weitere Gardisten waren nötig um ihn festzuhalten. Danach wurde er nach draußen auf den Hof gebracht. Tarim deutete nach oben auf die Schlossmauer des Fürstensitzes. Dort befand sich ein hölzernes Kreuz. Barim wurde nach oben geschafft, noch immer wehrte er sich verbissen. Tarim spazierte neben ihm gemächlich her und verfiel in einen gemütlichen Plauderton: "Weißt du Barim, das schönste an dieser Burg die so schön weit oben auf einem Hügel liegt ist die wundervolle Aussicht. Man kann über die Wälder, den Fluss bis hin zu den Bergen im Osten sehen." Sie hatten den Wehrgang der Ostmauer erreicht auf dem das Kreuz stand. Tarim wandte sich an die Gardisten und befahl barsch: "Los, hoch mit ihm!"
"NEIIIIIN!" Barims Augen traten aus den Höhlen, er spannte alle Muskeln an, doch es half alles nichts. Auch seine enorme Kraft war machtlos gegen vier muskulöse Söldner. Sie legten ihn ans Kreuz. Während sie ihn dort festhielten übernahm es Tarim o Kiel Höchstselbst die Hände und Füße mit starken Hanfstricken festzubinden. Und er überzeugte sich auch dass sie schön fest saßen. Danach ließen ihn die Gardisten los. Es war unglaublich was Barim für eine Ausdauer besaß. Er zappelte noch immer wie ein Berserker, doch die Stricke hielten, dafür hatte o Kiel gesorgt. Mit einer Kopfbewegung bedeutete er den Söldner das sie gehen sollten, was diese stumm befolgten. Tarim betrachtete Barim wie er dort am Kreuz hing, den Blick gen Osten auf das mystische Bergmassiv.
"Wunderschön nicht war. In einer so schönen sternenklaren Nacht gibt es nichts Schöneres als den Blick über das weite Land streifen zu lassen. Nur eines ist noch schöner." Tarim grinste ihn an. "Die wunderschönen Sonnenaufgänge. Wenn sich die gelbe Scheibe langsam über die Bergkuppen schiebt und das Land in seine herrliche Pracht taucht." Tarim atmete verzückt aus. "Ich hoffe du genießt es Barim."
Tarim stieg die Stufen zu Asteroth hinunter, der das ganze vom Burghof aus betrachtet hatte, während Barim ihm Verwünschungen hinterher brüllte. Doch die zwei hatten ihn schon vergessen als sie sich ins Wohnzimmer zurückbegaben.
6.
"Wie geht es deinem Arm?"
Sen Lar sah mich ernst an. Der Arm war angeschwollen, er fürchtete wohl mich ernsthaft verletzt zu haben.
"Besser, danke Meister." antwortete ich knapp. Die Schmerzen hatten tatsächlich nachgelassen aber dafür war er jetzt so gut wie taub. Es würde wohl einige Tage dauern bis ich wieder voll einsatzfähig war. Ich überlegte ob ich versuchen sollte mich selbst zu heilen, doch die Vampirmagie war gefährlich und ich noch zu unerfahren. Das Risiko wäre zu hoch, ich brauchte noch mehr Übung.
Passenderweise war heute eine gute Gelegenheit dazu, denn heute stand Meditationstraining an, Sen Lar war der Meinung dass es gerade bei mir sehr wichtig wäre meine mentalen Kräfte zu stärken. Mit überkreuzten Beinen saßen wir auf dem Boden eines alten verfallenen Schuppens der an der Lagerhalle angrenzte. Fahles Licht fiel durch die Ritzen im Holz herein und tauchte das Ganze in ein düsteres Zwielicht. Perfekt für die Meditation beschloss mein Meister.
"Konzentriere dich Norin. Du bist körperlich den meisten Kämpfern überlegen, auch mir. Doch dir fehlt die Kenntnis diese neuen Fähigkeiten richtig einzusetzen. Dein Wille ist stark, doch zersetzt von Zweifeln. Du musst mit dir selbst ins Reine kommen."
Ich senkte den Blick, schloss die Augen, doch es fiel mir schwer mich auf das Wesentliche zu konzentrieren. Die Stimmen in meinem Kopf nagten an meinem Verstand. "Es sind die Stimmen Meister. Sie wollen nicht verstummen."
"Es sind deine beiden Seelen die sich bekämpfen. Ein innerer Zwist der dir keine Ruhe gibt. Der Grund warum du keine Ruhe findest, ist weil du den falschen Weg gehst."
"Den falschen Weg? Was meint ihr damit?"
"Du versuchst die Stimmen zu bekämpfen, zu vernichten, doch so schadest du dir nur selbst. Nutze sie stattdessen, höre was sie zu sagen haben und mach dir ihr Wissen zu eigen."
"Aber eine Stimme ist falsch. Böse. Sie versucht mich zu verführen."
"Aber sie kann dir auch von Nutzen sein bei deiner Jagd. Du hasst einen Vorteil denn noch kein Jäger zuvor hatte. Du teilst ihr Wissen. Du weißt wie sie denken und fühlen. Zumindest ansatzweise. So kannst du sie leichter aufspüren und bekämpfen. Mit dieser Gabe wirst du vielleicht einmal der beste Jäger den die C'ael Rohen je hatten."
"Aber sie birgt auch eine Gefahr, oder?" Sen Lars Gesichtszüge wurden ernst. "Es gibt immer zwei Seiten. Alles hat seine Vor- und Nachteile. Benutze die Stimmen, aber lass dich nicht von ihnen benutzen. Sie werden versuchen dich zu verwirren, deinen Verstand zu vernebeln, versuchen dich zu einem von Ihnen zu machen. Deshalb ist es wichtig dass du deinen Geist stärkst, um ihnen widerstehen zu können. Du darfst dein menschliches Ich, deine Gefühle und deine Sterblichkeit nicht verleugnen. Nehm dich in acht vor Hass, Eifersucht und Rache, diese Wege führen dich schnell auf den Pfad der Dunkelheit. Denke an meine Worte, vielleicht kannst du sie irgendwann gebrauchen."
Ich nickte stumm, dachte über das nach was mir mein Meister eben beigebracht hatte.
"Ich hatte wieder diesen Traum Meister."
"Er ist ein Zeichen. Es ist immer derselbe Traum nicht wahr?" Ich nickte. "Eine Warnung. Er zeigt eine mögliche Zukunft, dann wenn du dich denn Kreaturen der Hölle hingibst. Du musst verhindern dass es soweit kommt. Schließlich trägst du all mein Wissen. Es war ein riskanter Entschluss dir alles zu erzählen. Läufst du zu ihnen über wüssten sie alles was wir wissen. Und sollte es außer uns dort draußen noch andere Jäger geben die unbekannt sind, könnte es eine große Gefahr für sie bedeuten. Deshalb darf dein Wissen nie an sie fallen."
Ich schluckte. Daran hatte ich bisher nie gedacht, aber er hatte Recht. Würde ich den Vampiren alles sagen wäre dies das Ende der C'ael Rohen und seiner Nachfolger, und auch das Ende der Welt wie wir sie kannten. Ich versuchte mir vorzustellen wie es wäre sollte die Vampirgilde immer mehr an Macht gewinnen. Sie würden irgendwann über alles regieren. Ein Sklavendasein wäre die Folge. Ihnen ewig zu dienen, und die einzige Hoffnung in dieser Hölle wäre der Tot. Ich schüttelte diesen Gedanken ab. Nein, noch war es nicht soweit.
"Niemals werde ich ihnen dienen, das verspreche ich euch Meister."
"Ich hoffe dass man dir die Wahl lässt." Ich wusste was er meinte. Mir missfiel der Gedanke nicht Herr über mich selbst zu sein. Aber damit musste ich mich wohl abfinden, jedes Erbe hatte seinen Preis Die Welt der Sterblichen blieb mir fremd und unwirklich und zur Gilde gehörte ich auch nicht. Ich war ein Wanderer zwischen beiden Welten, gehörte nirgends dazu. Nur Sen Lar gab mir einen Platz an dem ich mich Zuhause fühlte und eine Aufgabe, einen Grund weiter zu existieren.
"Du bist stark Norin. Ich bin mir sicher dass du deiner Bestimmung folgen wirst. Du wirst dich richtig entscheiden, das weiß ich."
"Ja Meister. Es...es ist nur dass..."
"Was bedrückt dich Norin?"
Ich sah meinem Meister tief in die Augen, versuchte zu ergründen was in ihm vorging. "Ich habe Angst Meister. Angst davor mich falsch zu entscheiden, Angst vor mir selbst."
Sen Lar musterte mich lange und aufmerksam. "Mein Schüler, du darfst eines nie vergessen. Angst ist der Begleiter derer die große Taten vollbringen, aber..." er lächelte mich an, "nie deren Meister. Sei froh dass du dich fürchtest. Ein Zeichen dafür das noch gutes in dir steckt, den einem Vampir ist Furcht fremd, eben so wie Mitleid oder Vergebung." Sen Lars Züge schienen verbittert, als wäre er an schreckliche Dinge erinnert worden. "Oder Gnade" flüsterte er.
Mir wurde bewusst dass ich kaum etwas über meinen Meister wusste. Woher er kam, warum er zu einem Jäger wurde, was mit seiner Familie war. Doch ich merkte dass dies jetzt nicht der richtige Moment war ihn danach zu fragen. Ich verschob mein Vorhaben auf ein andermal. Stattdessen fuhren wir mit unserem Meditationstraining fort. Den ganzen Tag verbrachte ich damit mein inneres Selbst in Einklang zu bringen.
Ich glaubte am Abend fast dass ich die Fortschritte in mir spüren konnte. Diese Nacht war seit langer Zeit endlich ruhig und traumlos für mich.
Barim öffnete die Augen. Seine Gliedmassen hatten aufgehört zu schmerzen. Als er sie betrachtete stellte er fest dass sie blau angelaufen waren. Er konnte sie nicht bewegen. Taub, vielleicht schon abgestorben. Es machte keinen Unterschied mehr. Er wusste nicht mehr wie lange er hier hing. Es mussten schon mehrere Stunden sein, er hatte sein Zeitgefühl verloren. Irgendwann war ihm die Kraft ausgegangen und er hat seinen sowieso sinnlosen Kampf gegen das Kreuz an dem er hing aufgegeben. Er wurde immer schwächer. Er brauchte unbedingt Blut, er merkte wie seine Kräfte schwanden. Müdigkeit umfing ihn. Seine Gedanken verschwammen. Voller Entsetzen stellte er fest wie der Himmel immer heller wurde. Es konnte nicht mehr lange dauern. Eine Zeitlang hatte er gehofft Tarim würde vielleicht Nachsicht mit ihm üben, ihn nur ein wenig schmoren lassen um ihm eine Lektion zu erteilen, doch es schien sein bitterer Ernst zu sein. Barim wurde geblendet von den ersten gleißenden Sonnenstrahlen die über den Berg strahlten. Er glaubte sein Kopf würde explodieren so gleißend hell war das Licht. Seine Augen erblindeten auf der Stelle, seine Haut begann zu brennen. Barim öffnete seinen Mund zu einem letzten Schrei während er im Schein der Sonne langsam zu Asche zerfiel.
Kapitel 2
Die Schlacht am Drake-Stone-Mountain
1.
Ein verhüllter Reiter ritt durch die Dunkelheit in den tiefen fürstlichen Wald von Ankohead, der reichen und glänzenden Hafenstadt. Nervös sah er sich um, ob ihm niemand folgte. Ihm war dieses nächtliche Treffen gar nicht recht. Doch es musste sein. Wenn es stimmte was der Fremde ihm ausrichten ließ, musste er ihn sofort sehen. Die dunklen Silhouetten glitten an dem Reiter vorbei, gleich gespenstischen Schatten die drohten ihn jeden Augenblick zu verschlingen. Der Mond war heute kaum zu sehen, von einer dicken Wolkendecke verborgen, so dass kaum Licht in den sowieso schon düsteren Wald fiel.
Der Reiter kam zum stehen, stieg vom Pferd ab und sah sich um. Dies war Treffpunkt, doch niemand war hier. Das Pferd schnaubte nervös so dass der Reiter ihm die Hand vor die Nüstern hielt um das Geräusch zu dämpfen. Er versuchte so wenig Geräusche zu verursachen wie möglich. Er wusste nicht ob jemand seine Abwesenheit bemerkt hatte und ihm gefolgt war. Er konnte mittlerweile niemandem mehr trauen. Er sah sich um. Niemand da. Wurde er reingelegt? Eine Falle? Panisch schaute er sich um, die Sache gefiel ihm immer weniger. Sich nachts in einem dunklen verlassenen Wald mit einem Fremden zu treffen, und das in seiner Position. Er musste nicht ganz bei Sinnen gewesen sein als er sich darauf einließ. Aber er hatte auch keine große Wahl. Alles drohte ihm aus den Händen zu gleiten. Plötzlich glaubte er ein Geräusch in den Büschen zu hören. Er drehte sich um, den Griff an dem Säbel den er sicherheitshalber mitgenommen hatte. Er hasste Waffen und konnte nicht besonders gut damit umgehen, doch er wollte kein Risiko eingehen.
"Wer ist da? Gebt euch zu erkennen?" rief er in die Richtung aus der das Geräusch kam. Tatsächlich kam von dort eine Person auf ihn zu, doch war es zu dunkel um zu sehen um wenn es sich handelte. Fast als würde sie mit der Dunkelheit des Waldes verschmelzen. Es war unheimlich.
"Steckt euere Waffe weg Fürst Menzhold, ihr werdet sie nicht brauchen." antwortete die Gestalt dessen Stimme dem Fürsten irgendwie bekannt vorkam.
"Wart ihr es der mir die Nachricht zukommen ließ? Wer seit ihr?" fragte der Fürst ängstlich.
"Das spielt keine Rolle. Aber ich kann euch bei euerem Problem helfen. Ich weiß was euch solche Sorgen bereitet. Ihr seid über etwas gestoßen dass ihr nie für möglich gehalten hättet. Etwas dass ihr nur gehört habt, das ihr für Legenden hieltet, und dass nun zur erschreckenden Wahrheit wurde."
Der Fürst schluckte. Wie genau dieser Fremde doch Bescheid wusste. Er wurde dem Fürsten von Sekunde zu Sekunde unheimlicher.
"Woher wisst ihr dass alles?"
"Sagen wir mal dass ich auch schon die eine oder andere Begegnung mit Ihnen hatte. Und ich weiß wer hinter dieser ganzen Sache steckt und wie ihr in zur Strecke bringen könnt."
Der Fürst sah ihn an, überlegte was er davon halten sollte. Langsam hatte er seine Gelassenheit wieder zurück erlangt, für die er beim regieren seines kleinen Königreiches an der Westküste so bekannt war von welchem Ankohead die Hauptstadt war.
"Sprecht weiter, ich höre zu." forderte er ihn auf.
"Es wird bald eine große Schlacht geben. Und dort werden alle Schuldigen versammelt sein. Dann könnt ihr mit ihnen allen auf einmal abrechnen."
"Eine Schlacht?"
"Ja, eine endgültige. Danach werdet ihr euere Ruhe von Ihnen haben."
"Aber wieso helft ihr mir?"
"Kein Sorge. Ich habe meine Gründe." Der Fürst war sich nicht sicher, doch er hätte schwören können das sein Gegenüber gelächelt hatte, und einen Moment bildete er sich ein gelb glühende Augen in der Finsternis gesehen zu haben.
Die Sonne schien hell und gleißend. Ich hasste das. Ich hasste die Sonne weil sie mich hasste. Zum Glück war ich schon immer ein Nachtmensch gewesen sonst wäre mir die Abneigung gegen den Lebensspender schwerer gefallen. Doch ein Lebensspender hat kein Mitleid mit jemandem in dem kein Leben mehr steckt. Ich stand auf einer Waldlichtung, nur mit einem Lendenschutz bekleidet, die Sonne stach unbarmherzig auf meine Haut. Normalerweise verdeckte ich sie mit schwarzer Kleidung um sie so zu schützen, doch nicht heute. Abhärtungstraining. Sen Lar meinte ich müsste auf alles vorbereitet sein. Er selbst stand am Rand der Lichtung und betrachtete mich neugierig. Ich hatte die Augen geschlossen. Meine zwei Schwerter lagen neben mir auf dem Boden. Um mich herum standen aufgereiht zehn Holzblöcke. Ich hatte die Arme um die Brust verschränkt und konzentrierte mich. Meine Haut brannte, meine blasse Haut verfärbte sich rot und Brandblasen begannen sich zu bilden. Doch ich bemerkte den Schmerz nicht, unterdrückte ihn. Mir gelang es von Tag zu Tag besser. Sen Lar meinte ich wäre wirklich stark. Tatsächlich waren es weniger die Schmerzen die mir Qualen bereiteten als viel mehr die Tatsache dass ich die Sonne nie mehr so genießen konnte wie normale Sterbliche. Langsam ließ ich die Arme sinken, atmete tief ein und aus. Führte langsame rhythmische Bewegungen mit meinen Armen durch, drehte und bewegte mich nach einem nicht zu vernehmenden Rhythmus im Kreis und bewegte die Arme gleich in Trance auf dem Höhepunkt der Konzentration. Die Meditation zeigte ihre Wirkung, ich nahm meine Umgebung schärfer wahr, auch wenn ich die Augen geschlossen hielt. Ich konnte alles hören, riechen, sogar fühlen. Lange stand ich da, führte meinen seltsamen Tanz durch, der trotzdem unglaublich genau und ehrfürchtig wirkte. Mittlerweile war meine Haut von Brandblasen übersät. Dann fuhr ich blitzschnell in die Tiefe, griff nach den beiden Schwertern, die Augen immer noch geschlossen und begann einen Holzblock nach dem anderen genau in der Mitte zu spalten. Meiner Schulter ging es wieder gut, nachdem ich einige Tage ruhen konnte während wir das mentale Training fortsetzten. Als ich die Augen öffnete lagen vor mir 20 genau gleichgroße Hälften. So genau hätte man sie wohl nicht mal mit geöffneten Augen spalten können.
Sen Lar trat auf mich zu, musterte mich anerkennend. "Du hast wirklich viel gelernt Norin. Du siehst, es ist alles eine Frage des Willens. Du hast deine Umgebung gespürt, dich nicht auf deine Sinne verlassen die man täuschen und vernebeln kann. Du hast dich auf dein inneres Gleichgewicht verlassen, auf deine innere Stimme gehört." Als er innere Stimme sagte wurde ich schmerzlich an andere innere Stimmen erinnert, ließ es mir aber nicht anmerken. Mein Meister fuhr fort: "Nun hast du das wahre Wesen des Kämpfers verstanden. Er muss immer eins sein mit seiner Umgebung. Muss sich voll auf den Augenblick konzentrieren. Dann, wenn er dies begriffen hat sind auch getäuschte Sinne kein Hindernis mehr. Aber um dies zu perfektionieren wirst du noch lange üben müssen. Doch dies musst du selbst tun, ich habe dir nun alles beigebracht was du wissen musst."
Nun da ich aus der Meditation gerissen wurde überrumpelten mich die Schmerzen und ich knickte langsam ein.
"Los, las und lieber rein gehen und dich versorgen" sagte Sen Lar und wir machten uns auf den Rückweg zu einer alten Blockhütte, die sich hier in den Wäldern befand, die sich am Stadtrand von Ankohead erstreckten und die Stadt von dem mysteriösen Bergmassiv im Osten trennte das als die Drake-Stone-Mountains bezeichnet wurden. In der Hütte angekommen ließ ich mich auf den Boden fallen. Mein ganzer Körper schmerzte, alles war mit Blasen und Verbrennungen überzogen.
"Du hast dich heute gut gehalten, mein junger Schüler, doch wird es Zeit jetzt deine Fähigkeit erneut zu prüfen. Die Verbrennungen sind schlimm, deine Haut war über eine Stunde der direkten Einstrahlung der Sonne ausgesetzt. Nun versuch sie zu heilen." Ich wusste was er damit meinte doch ich hatte Zweifel das ich in meinem Zustand noch fähig wäre das Ritual zu vollführen, denn es verlangte absolute Konzentration.
"Ich weiß was du denkst Norin, aber du musst es versuchen. Du musst dich auch bei starken Schmerzen konzentrieren können, denn du brauchst deine Regeneration ja schließlich immer dann wenn du stark verwundet wurdest. Deshalb ist es wichtig das Ritual gerade in solchen Situationen wie dieser zu beherrschen." Was er sagte schien Sinn zu machen, also wollte ich es versuchen. Ich richtete mich auf und setzte mich mit überkreuzten Beinen auf den Boden. Erneut versuchte ich meine Gedanken zu ordnen, meine innere Kraft zu finden. Ich kannte das Ritual, es war in meinem Kopf ohne dass es mir jemals jemand beigebracht hatte. Ein Geschenk meines Schöpfers, oder ein Geschenk des Erbes. Ein Geschenk auf das ich gerne verzichtet hätte. Vielleicht aber würde es mir einmal das Leben retten. Ich saß lange in dieser Position, ein Außenstehender hätte glauben könne das ich betete obgleich ich nicht wüsste zu welchem Gott ich betten sollte, waren sie mir doch alle fremd und unnahbar geworden. Schließlich merkte ich die Veränderung. Die Schmerzen verstummten langsam, satt dessen umgab ein wohliges warmes Kribbeln meinen ganzen Körper. Die Brandblasen verschwanden, die Verbrennungen gingen zurück. Es blieb nur makellose heile Haut, ohne Spuren der eben noch so gravierenden Verletzungen. Gleichzeitig aber merkte ich auch wie mir die Kraft aus dem Körper gesaugt wurde. So musste es wohl auch für einen Magus sein wenn er einen anstrengenden Zauber webte. Man spürt förmlich wie einen die Kraft verlässt, man immer schläfriger und ausgelaugter wird um so länger der Zauber andauert. Und als es dann schließlich vollbracht war wurde mir Schwarz vor Augen und ich fiel in einen langen traumlosen Schlaf.
2.
Die Nacht brach über Ankohead herein. Eine stürmische regnerische Nacht, wie sie dieser Tage oft das Land heimsuchten. Die meisten Einwohner flüchteten sich in ihre Häuser. Nur noch hoch oben auf dem Schloss des Fürsten Menzhold III brannte Licht. Der Fürst saß an der großen Eichentafel im Versammlungssaal, um ihn herum seine Untergeben, kleine Grafen, Barone oder Gemeine. Ankohead war eine reiche und große Stadt, doch ihr Einfluss war nicht mehr so groß wie früher. Die Stadt verdiente sich ihr Geld mit dem Seehandel, der dank der vermehrten Piratenpräsenz beinahe zum erliegen kam. Hier waren alle versammelt die in der Stadt noch etwas zu sagen hatten, auch wenn sie sich unter diesen Umständen wohl nicht mehr lange würde halten können. Und nun kam zu allem Überfluss noch ein neues Problem hinzu. Und genau deshalb ließ der Fürst nun alle versammeln um über das Problem zu debattieren. Zu seiner linken saß Tarim o Kiel, weiter hinten an der Tafel auch Sagul. Heftige Wortgefechte wurden in dem kleinen Saal ausgetragen, alle redeten durcheinander. Jeder suchte die Schuld beim anderen. Fürst Menzhold räusperte sich schließlich laut und der Redefluss kam zum erliegen.
"Meine getreuen Landsleute, ihr wisst sicher warum ich euch heute zu mir bestellt habe."
Alle Anwesenden nickten stumm.
"Ich bin nunmehr seit 12 Jahren der Herrscher dieser beschaulichen Stadt. Eine Stadt die einmal zu den größten und einflussreichsten des ganzen Landes gehörte." Der Fürst seufzte.
"Nun diese Zeiten sind lange vorbei. Die Piraterie hat uns immer mehr in den Ruin getrieben. Doch dieses Problem ist allseits bekannt und wir haben uns auch schon damit auseinander gesetzt. Und jetzt wo auch andere Königreiche davon betroffen sind haben wir auch endlich Unterstützung erhalten. Die Chancen stehen also gut das Ankohead wieder zu dem wird was es einmal war und zu dem Status kommt wie ihn Caldäna oder Faraday genießen. Doch unser Vorhaben ist durch eine neue Gefahr bedroht. Wir wissen alle das unsere Welt voller Mysterien steckt von denen wir einfachen Leute nur wenig verstehen. Magier mit ihren unglaublichen Kräften werden uns wohl immer ebenso fremd bleiben wie das Feenvolk das in den Wäldern lebt oder die mystischen Drachen die sich mittlerweile zum Glück vom Festland zurückgezogen haben. Doch befinden sich Wesen unter uns von denen lange niemand wusste ob sie tatsächlich existieren. Jeder von hat schon von Untoten Kreaturen gehört", alle Anwesenden schlugen Schutzzeichen als sie von Untoten hörten, "die durch die Kräfte irgendwelcher düsteren Nekromanten oder Paktikern der dunklen Mächte zu verfluchtem Leben erweckt wurden. Doch diese Bedrohung ist für uns neu. Ich denke ihr wisst was ich meine, deshalb werde ich es nicht aussprechen." Die Anwesenden schienen erleichtert deshalb zu sein, nur Tarim und Sagul konnte man ein leichtes Grinsen ansehen das jedoch keiner der anderen bemerkte. Amüsiert stellten sie wieder einmal fest wie abergläubischen, schwach und zerbrechlich diese Menschen waren, und dies obwohl sie über Länder und Kontinente herrschten.
Der Fürst nahm einen tiefen Schluck aus seinem Pokal und fuhr fort: "Nun, ich weiß mittlerweile das es erschreckende Wirklichkeit ist. Viele sind schon gestorben, und es werden noch mehr werden wenn wir nicht einschreiten. Die Frage ist jetzt: Was sollen wir tun? Wie bekämpft man einen Feind von dem man nichts weiß? Ich würde mich nicht auf alle Geschichten verlassen die man gehört hat. Vielleicht helfen diese Mittel gar nichts." Der Fürst sah in die Runde. Utalga von Halsgor, ein kleiner Gaugraf und Behüter einer Reihe von Weilern um die Stadt hob die Hand. "Ich wäre dafür alle Einwohner einer Untersuchung der Inquisition zu unterziehen. Dann werden wir schon sehen wer von dem Hexenwerk befallen ist. Und die dann alle verbrennen lassen."
"Hier geht es nicht um Hexenwerk. Außerdem ist die Inquisition unfähig uns hier weiterzuhelfen", warf Jalko von Ismerde, Baron einer kleinen Nachbarstadt ein, der Utalga sowieso nicht leiden konnte. "Die Inquisition wirft nur eine Menge unangenehmer Fragen auf und die Ermittlungen ziehen sich vermutlich unnötig in die Länge."
"Ja die Mühlen des Gesetzes drehen sich langsam", stimmte ein dritter zu. Ein Gemeiner, der von weiter her kam, Menzhold hatte seinen Namen vergessen. Utalga betrachtete die beiden ärgerlich, insbesondere Jalko der das vermutlich nur gesagt hatte um ihn wütend zu machen. Die beiden konnte sich noch nie leiden, vor allem seit Jalko die Weiler besteuert hatte. Aber mit solchen Nebensächlichkeiten konnte sich der Fürst jetzt nicht auseinandersetzen.
"Wie wäre es einfach einen mächtigen Priester kommen zu lassen der über die ganze Stadt seinen Segen legt und alle unnatürlichen Kreaturen verflucht?" Dieser Vorschlag wurde größtenteils mit verächtlichem schmunzeln aufgefasst, was dem Grafen gar nicht gefiel der den Vorschlag vorbrachte.
Die Debatte sollte sich noch lange so weiterziehen. Die eine Seite wollte gleich offenen gegen die Bedrohung vorgehen, ihre Kampfesstärke demonstrieren, die andere Seite lieber erst einmal verdeckt ermitteln um so weniger Schaden anzurichten. Die Debatte wurde immer hitziger und entwickelte sich letztendlich zu einem lautstarken Streit zwischen mehreren Parteien. Der Fürst beobachtete das Spektakel eine Zeitlang schweigend aber kopfschüttelnd bis er schließlich die Faust auf den Tisch knallen ließ.
"RUHE!"
Sofort war es still im Raum und alle Augen lagen gespannt und fragend auf dem Fürsten. Dieser seufzte tief und rieb sich den Nacken.
"Das bringt doch nichts. So kommen wir nie weiter. Wir müssen zusammen gegen diese Bedrohung vorgehen. Also lasst und noch mal in aller Ruhe überlegen was zu tun ist." Tarim, der den ganzen Abend bisher nur stiller Beobachter war hob nun an zu sprechen: "Mit Verlaub euer Hoheit aber ich hätte da eine Idee. Warum engagieren wir nicht jemanden der sich mit so etwas auskennt. Es gibt Leute die solche Kreaturen jagen, Experten in dem Gebiet."
Menzhold betrachtete ihn überrascht. "Ach ja? Und woher wisst ihr das?"
"Nun ja als ich von der Bedrohung hörte habe ich mich ein wenig Schlau gemacht und bin auf einen Clan gestoßen der vor früher gegen solche Kreaturen zu Felde gezogen ist und der sich C'ael Rohen nennt."
"Unsinn", fuhr ihn einer der anderen Anwesenden an, "die gibt es schon lange nicht mehr. Die sind schon vor Jahrzehnten ausgestorben. Außerdem waren das sowieso nur Scharlatane."
Tarim beachtete ihn gar nicht. "Soweit ich weiß sind sie das ebenso wenig wie die Kreaturen eine Legende sind von denen hier die Rede ist. Ja es stimmt. Der Clan gilt als Ausgestorben, aber einer hat überlebt. Man nennt ihn Sen Lar, und ich glaube er ist sogar schon in der Stadt, da er das Unheil ebenfalls spürte das bald über sie kommen sollte."
Der Fürst wandte sich an seinen Berater. "Nehmen wir einmal an das stimmt alles und dieser Sen Lar existiert tatsächlich und befindet sich in der Stadt. Wie können wir Kontakt zu ihm aufnehmen?"
"Ich glaube das ist kein Problem. Überlasst das mir."
"Mir gefällt es nicht das Schicksal meiner Stadt in die Hände dieses Phantoms zu legen."
"Das sollt ihr auch nicht. Es wird unweigerlich zu einem Kampf, einer Konfrontation kommen, doch soll sie nicht in der Stadt ausgetragen werden. Es würde zuviel aufsehen erregen. Wir sollten sie an einem abgelegen Platz austragen. Nur Ihr, euere persönliche Leibgarde, der ihr vertraut, sowie ich und mein treuer Begleiter Sagul. Und natürlich Sen Lar und der Feind."
"Und wo wenn ich fragen darf soll diese Entscheidung ausgetragen werden?" kam die Frage aus der Menge die mit Kopfnicken der anderen bestätigt wurde. Tarim wandte sich zum Fenster und deutete hinüber auf das Bergmassiv.
"Was, auf dem Drake-Stone Mountain? Wieso ausgerechnet dort, dieser Ort gilt als verflucht."
"Er ist nicht verflucht, das sind nur Legenden. Dort wird uns niemand finden, keiner geht dort hin. Es ist der abgelegenste Platz im ganzen Königreich, der Platz ist perfekt." Tarim schien sich seiner Sache immer sicherer zu werden.
"Ihr habt nur eine Sache übersehen mein lieber Freund. Wie sollen wir den Feind dorthin bringen?" Tarim grinste. "Keine Sorge, der kommt von ganz alleine. Soviel ich weiß haben Sie noch eine Rechnung mit Sen Lar offen. Wenn sie erfahren wo er sich aufhält kommen sie schon von selbst. Und ihr könnt die Falle zuschnappen lassen." Der Fürst überlegte. "Dieser Plan klingt völlig verrückt, doch hast du mich noch nie enttäuscht. Es ist riskant, viele Zufallsfaktoren spielen eine Rolle doch was sonst könnten wir tun."
Das Gemurmel am Tisch wurde lauter. Bestürzt sprangen einige von ihren Stühlen auf die lautstark auf den Boden polterten. "Ihr wollt diesem schwachsinnigen Plan doch nicht zustimmen. Das ist doch Wahnsinn, ihr alleine unter diesen Bestien, ihr müsst von Sinnen sein." Menzhold wusste später tatsächlich nicht mehr genau warum er diesem Plan einfach so leichtfertig zugestimmt hatte der im Vorfeld eigentlich schon zum scheitern verurteilt war. Doch das Gespräch der letzten Nacht war sehr aufschlussreich. Er wusste jetzt Bescheid, deshalb war es wichtig den Plan so durchzuführen wie es Tarim wollte.
3.
Die Sonne war untergegangen, die Nacht brach herein. Diese Zeit war mir die liebste, denn es war meine Zeit. Ich wusste nicht mehr genau was passiert war. Aber die Regeneration schien geglückt zu sein denn an meinem Körper waren keine Verbrennungen mehr zu sehen. Trotzdem fühlte ich mich elend und ausgelaugt. Es hatte mich viel Kraft gekostet. Vermutlich mehr als nötig gewesen wäre doch war ich noch nicht befähigt meine Kräfte richtig in das Ritual einzubeziehen. Nun, alles hatte seinen Preis. Ich betrachtete denn roten Abendhimmel durch das Fenster des Lagerhauses. Der Geräuschpegel der gefüllten Straßen ließ langsam nach. Es bestand kein Zweifel, ich spürte wie meine Kraft größer und ich stärker wurde. Jetzt endlich, wo ich wusste wie ich meine neuen Fähigkeiten richtig einsetzen konnte, fühlte ich mich bereit meiner Bestimmung zu folgen. Sen Lar war sich nicht sicher ob ich dafür schon bereit wäre, fürchtete er doch um meinen seelischen Gesundheitszustand. Doch hatte ich irgendwie das unbestimmbare Gefühl das es nicht mehr lange dauern würde bis es zu einer schicksalhaften Begegnung kommen würde. Aber auch ich konnte nicht sagen ob ich diesen Moment herbeisehnen oder fürchten sollte. Wie es auch kommen würde und egal wie es ausgehen sollte, ich war bereit. Tief in meinem Inneren wusste ich dass sich bald mein Schicksal erneut wandeln würde - die Frage war nur ob zum Guten oder zum Schlechten...
"Du siehst nachdenklich aus Norin." Ich schreckte hoch. Ich hatte gar nicht bemerkt das Sen Lar plötzlich hinter mir stand.
"Ich war nur kurz abwesend Meister." erwiderte ich müde.
"Was bedrückt dich?" Er sah mich forschend an. Ich schüttelte den Kopf. "Nichts, es ist nur... ich dachte nach über mich und meine Bestimmung."
"Du hast es weit gebracht in den letzten 3 Monden." Laut ächzend setzte sich mein Lehrer neben mich zu Boden. Heute sah man ihm die Last es Alters deutlich an. Sein Aussehen erschreckte mich, war er doch im Training ein so voll Kraft strotzender Kämpfer, so war er jetzt eben nur ein alter vom Leben gezeichneter Mann.
"Ich gestehe, du bist der beste Schüler denn ich je hatte."
Ich sah ihn interessiert an. "Wie viele Schüler hattet Ihr denn?" Er schien kurz darüber nachzudenken, schüttelte dann aber den Kopf. "Ach, zu viele um sie noch alle im Kopf zu haben." Ich betrachtete ihn nachdenklich. Es war nun an der Zeit etwas Licht in diese Figur zu bringen von der ich kaum etwas wusste obwohl ich ihr mein Leben verdankte. Wieder einmal schien er meine Gedanken gelesen zu haben - etwas dass ich nie verstehen sollte - als er sagte: "Du willst mehr über meine Vergangenheit wissen oder?"
"Ja, ich weiß so wenig über euch. Wie soll ich euch so jemals in Erinnerung behalten?" Sen Lar musste über diese Bemerkung lachen obwohl sie keineswegs komisch gemeint war, sondern mein voller Ernst war.
"Ja du hast Recht, ich sollte es dir vielleicht wirklich erzählen." Er lehnte sich zurück und schloss die Augen, schien Bilder der Vergangenheit wieder zu beschwören und begann schließlich zu erzählen:
"Ich war der einzige Sohn einer reichen Kaufmannsfamilie. Ich gehörte zu den jungen Burschen die mit dem Kopf voller Ideale und stolzer Ritterlichkeit den leichten Weg des Lebens einschlugen. Unbewusst der rauen Welt die mich weit entfernt vom heimatlichen Hof erwarten sollte zog ich mit 16 Jahren aus um Abenteuer zu bestehen, Schätze zu bergen, Drachen zu erschlagen und..."
"...die Jungfrau aus seinen Klauen zu retten." beendete ich lächelnd den Satz. Es gab wohl keinen der als kleiner Junge nicht von solchen Sachen geträumt hatte. Sen Lar betrachtete mich einen Moment überrascht, dann nickte er.
"Ja genau. Ich war jung und unerfahren, den Kopf voller Flausen. Ich verdiente mir mein Geld als Tellerwäscher und Musikus da ich sehr begabt mit der Flöte umgehen konnte."
"Ach tatsächlich?" Ich konnte mir meinen Mentor unmöglich mit einer Flöte vorstellen.
"Ich glaube kaum dass ich das heute noch so gut beherrschen würde, aber damals... nun egal, wo war ich stehen geblieben. Ach ja richtig. Also ich hielt mich mit diversen Arbeiten über Wasser. Ein hartes Leben für einen verwöhnten Kaufmannssohn aber ich wollte keine Hilfe von meinen Eltern sondern endlich mal auf eigenen Beinen stehen. Auch ich war damals schon ein guter Kämpfer und es dauerte nicht lange bis mein Talent entdeckt wurde. Schließlich wurde ich ausgebildet und in die Garde der Stadt aufgenommen. Am Anfang liebte ich die Arbeit, konnte ich nun endlich meine Ideale von Recht und Ordnung verwirklichen. Doch das wahre Leben ist eben nicht so wie in den Phantasien von kleinen Kindern..." Ich nickte, wusste genau was er damit meinte.
"... die Garde war korrupt, sah für genügend Gold weg wenn wieder einer dieser mysteriösen Morde passierte. Der damalige König schien unbeeindruckt von den Todesfällen zu sein. Irgendwann hatte ich den Fehler gemacht ihn zur Rede zu stellen. In dieser Nacht sollte sich alles ändern. Der König war niemand geringeres als Tarim o Kiel, einer der Erzvampire, die Leichen die allesamt blutleer aufgefunden wurden waren sein teuflisches Werk. Und die ganze Garde war eingeweiht wenn auch nicht alles selbst Vampire, das wäre mir aufgefallen. Damals wurde mir zum ersten Mal bewusst welche Macht diese Kreaturen hatten. Sie beherrschten die ganze Stadt. Und niemand wagte es sich gegen sie aufzubegehren. Niemand außer mir. Mein Handeln war unüberlegt und töricht und hätte viele Menschen in Gefahr bringen können, aber... handeln so nicht alle Helden?
Ich stellte also Tarim o Kiel und erfuhr so mehr als mir lieb war über Vampire und ihre Anhänger. Mein Weltbild sollte sich in jener Nacht schlagartig wandeln. Tarim o Kiel erzählte mir mit Vergnügen eine Menge über sich und Seinesgleichen, auch über das Buch, er zeigte es mir sogar. Er genoss seine Position in der er alle Macht über mich hatte. Nur um mir dann vollmundig zu erzählen wie sie mich umbringen wollten. Doch dann geschah es. Kurz bevor das Urteil in die Tat umgesetzt wurde flog plötzlich die Tür zum Thronsaal auf und eine Gruppe aus Kämpfern, Zauberern und Priestern stürmten die Halle. Es waren die legendären C'ael Rohen, die heute nur noch aus den Legenden bekannt sind. Sie hatten die Gilde hier aufgespürt und einen Überraschungsangriff geplant. Im anschließenden Gefecht gaben viele ihr Leben, doch auch viele Vampire wurden vernichtet. Am Ende musste o Kiel und der Rest seiner abscheulichen Geschöpfe fliehen, die Schlacht war gewonnen, und mir hatten sie das Leben gerettet. Zum Dank und weil ich von ihnen so fasziniert war wurde ich Mitglied. Sie nahmen mich freudig auf, ich hatte sowieso zuviel gesehen als dass sie mich einfach unbehelligt hätten ziehen lassen können. Endlich war ich dass was ich mein Leben lang sein wollte. Ein richtiger Held der für das gute focht. Schnell entwickelte sich zwischen mir und einigen anderen Jäger eine dicke Freundschaft. Wir gingen gemeinsam durch dick und dünn. Ich erwies mich als sehr geschickter Jäger und war bald ein Ehrenmitglied. Viele Jahre zogen wir durch die Welt. Ich besuchte die großen Städte, die fernen Ozeane, das weite Land, dichte Wälder, hohe Berge und dunkle Grotten. Wir fochten gemeinsam gegen so manche Gefahr und waren immer auf der Suche nach ihnen. Bald schon stellte ich fest dass der Clan bei der Gilde sehr gefürchtete war, unser Ruf eilte uns weit voraus. Ach, das waren noch Zeiten." Sen Lar schien ins Träumen versunken zu sein, so als wäre die alte Zeit wieder bildlich vor ihm und er wünschte sich dorthin zurück. Doch schließlich schien er seine Gedanken wieder geordnet zu haben und er fuhr fort:" Nun in dieser Zeit habe ich viel gelernt. Der Clan gab mir halt und das Gefühl gebraucht zu werden. Doch irgendwann endet jedes Glück, auch das meine." Er schien traurig und verbittert zu sein.
"Was ist passiert." fragte ich ihn leise.
"Wir bekamen einen neuen Gegenspieler." Er sah mich an.
"Asteroth!" Als ich diesen Namen hörte begann sich alles zu drehen. Nicht er schon wieder. Das Wesen aus meinen Träumen, mein Schöpfer. Jener, denn ich zur Strecke bringen wollte, koste es was es wollte. Sen Lar nickte. "Ja genau Norin. Niemand geringeres. Wir hatten ihn wohl alle unterschätzt. Er war der einzige Erzvampir der nicht in Saus und Braus lebte und mit seinen Kräften prahlte. Er agierte im versteckten, kaum jemand kannte ihn oder wusste etwas über ihn zu berichten. Und deshalb war er so gefährlich. Denn er war stärker als wir dachten. Er zog gegen uns zu Felde, und seine Anhänger waren zu hunderten. Darauf waren wir nicht vorbereitet. Ein Hinterhalt. Ich musste mit ansehen wie meine Freunde einer nach dem anderen dahingemetzelt wurden. Nur wenigen gelang die Flucht. Dieser Schachzug verschaffte Asteroth eine hohe Position in der Gilde, sehr zum Ärgernis einiger anderer hohen Vampire, besonders von Tarim o Kiel der bis dahin der höchste gewesen war und der nun von seinem Thron geworfen wurde. Seitdem herrscht ein stiller Zwist zwischen den beiden. Die glanzvollen C'ael Rohen jedoch gab es seitdem nicht mehr. Wir waren nur noch einzeln und zerstreut und gingen als Einzelgänger unserem Werk nach. Das war vor über 40 Jahren, ich war damals 33 Jahre alt." Ich sah ihn verdutzt an.
"Aber dann seit ihr ja, mittlerweile 73..."
"74 Jahre alt." Sen Lar nickte lächelnd. Ich konnte es nicht glauben. Ich wusste dass er nicht mehr der jüngste war, aber dass er so alt war. Wenn man bedachte wie fit und geistig gestärkt er noch war, so war dieses Alter erstaunlich.
"Nun", Sen Lar zuckte die Schultern, "mir ist eben eine starke Gesundheit gegeben. Nun ja, vielleicht lag es auch an dem einen oder anderen Trank denn unsere Alchimisten für die Clansmitglieder gebraut haben, ich weiß es nicht. Jedenfalls starb einer nach dem anderen von den letzten Überlebenden. Die meisten während der Ausübung ihrer Pflicht, bis schließlich nur noch ich übrig war. Und was soll ich sagen. Was sollte ich tun? Einfach alles hinter mir lassen, das konnte ich nicht. Ich war es meinen Freunden schuldig sie zu rächen, außerdem waren sie mir sowieso auf der Spur, ich hatte also gar keine Wahl als mich ihnen zu stellen. Wieder und immer wieder. Bis ich dich traf. Ich habe schon vor dir einige Schüler ausgebildet doch sie alle haben es nicht geschafft. Ich habe wohl zu viel von Ihnen erwartet, sie haben gegen die Gilde nicht bestehen können. Doch du, Norin, du bist anders. Ich bin mir sicher dass mit dir ein neuer Abschnitt der Jäger angebrochen ist. Du wirst siegen und den Clan wieder neu zum erblühen bringen..."
"Moment Mal, das geht mir jetzt zu schnell. Wieso seid ihr euch da so sicher?"
"Glaub mir ich weiß es, ich SPÜRE es!!!" Er sah mir tief in die Augen und er war sich tatsächlich sicher. Ein seltsames Gefühl überkam mich. Seine Worte beschäftigten mich. Erwartete er von mir zuviel? Woher nahm er diese Zuversicht? Wusste der alte Mann mehr als er mir sagte? Auch jetzt wo ich seine Geschichte kannte blieb er mir ein Rätsel. Doch klärten sich in jener Nacht einige Fragen und ich konnte ihn endlich besser verstehen. In dieser Nacht spürte ich deutlich das Band das uns verband, ich spürte aber auch dass dieses Band brüchig war und dass ein Schatten es zu zerstören drohte. In dieser Nacht begannen die Alpträume wieder. Ein großes Unheil drohte, dessen war ich mir sicher.
Ein neuer Tag begann und ich fühlte mich Hundemüde. Ich hatte die Nacht kaum geschlafen. Die Träume waren wiedergekehrt, ein schlechtes Zeichen. Ich spürte dass etwas in der Luft lag. Nicht zu erfassen, nur so ein Gefühl. Doch hatte ich gelernt auf meine Gefühle zu hören. Ich beschloss meinen Meister zu fragen ob er es auch fühlen würde, doch war dieser im Moment mit etwas anderem beschäftigt. Er schien in Eile zu sein, hastete hin und her. Er war nervös, das war ihm anzusehen
"Was ist geschehen Meister?"
"Es ist soweit Norin", antwortete er schnaufend, kam dann aber endlich zur Ruhe. "Setz dich Norin, es gibt Neuigkeiten." Jetzt war ich neugierig geworden. Gespannt setzte ich mich und wartete auf dass was Sen Lar mir zu sagen hatte.
"Es ist nun Zeit dein Können in der Praxis zu testen."
"Was?"
"Ja du hast richtig gehört. Ich weiß nicht ob du schon für eine Konfrontation bereit bist aber wir haben keine Wahl. Ich erfuhr von einem Treffen zwischen dem Fürsten Menzhold III und der Gilde, angeblich handele es sich sogar um Sagul, die Linke Hand von Tarim o Kiel oder gar ihn selbst. Ich weiß nicht ob du nach der kurzen Zeit schon bereit bist in ein so bedeutendes Treffen zu ziehen, geschweige denn bereit für eine Konfrontation mit einem Erzvampir, doch diese Chance bietet sich so schnell nicht wieder. Körperlich bist du bereit doch ich fürchte dass dich das Treffen seelisch überstrapazieren könnte." Ich sprang empört auf.
"Ich bin bereit. Ich werde mich ihnen stellen, irgendwann muss es sein. Vielleicht hören dann auch diese Träume auf."
Sen Lar nickte zustimmend und gleichzeitig nachdenklich. "Ja ich denke du solltest mit. Ich brauche vielleicht deine Hilfe und für dich ist es auch gut, so kannst du deinen Ängsten ins Gesicht sehen. Doch nimm dich in Acht. Ich spüre Gefahr."
"Ich ebenfalls. Erzählt mir was ihr wisst."
"Ich habe erfahren das der Fürst dahinter kam das es in seiner Stadt von Ihnen wimmelt und will wohl versuchen sie in eine Falle zu locken."
"Wo?"
"Auf dem Drake-Stone Mountain."
"Dem Drake-Stone Mountain?" Von diesem Berg hatte ich noch nie gehört.
"Das Gebirgsmassiv im Osten der Stadt. Man munkelt dass es von magischen Kräften durchwoben ist. Ich weiß nicht wieso sie diesen Platz wählten doch werden sie ihre Gründe haben. Vermutlich wird es zwischen den beiden Parteien zum Kampf kommen, eine Chance für uns den Feind zu Schwächen wenn wir uns mit dem Fürsten verbünden könnten."
"Aber woher wisst ihr davon?"
"Ich habe es in der Stadt aufgeschnappt. Du musst lernen zuzuhören wenn du an Informationen herankommen willst. Es war nicht einfach aber es hat sich gelohnt. Einen überraschenden Aufbruch des Fürsten in Richtung der angeblich verwunschenen Berge kann man nicht einfach geheim halten. Irgendetwas dringt immer durch, und darüber unterhalten sich die Leute dann auf der Straße."
"Irgendwie gefällt mir das Ganze nicht. Könnte es sich nicht um eine Falle für uns handeln?"
"Natürlich könnte es das. Das weiß man vorher nie. Deshalb müssen wir sehr vorsichtig sein. Aber ich werde mir diese Chance nicht entgehen lassen." Sen Lar schien fest entschlossen. Mir gefiel die Sache ganz und gar nicht. Mir kam es so vor als würde dieser Schatten, diese Bedrohung deren Präsenz ich allzu deutlich spürte mit diesem Treffen zusammenhängen. Großes Unheil würde uns dort auf dem Berg erwarten. Aber ich sah das Sen Lar nicht von seiner Meinung abzubringen war. Mir blieb keine Wahl, ich konnte ihn nicht alleine gehen lassen. Manchmal war Stolz eine gefährliche und törichte Eigenschaft, doch ich akzeptierte ihn so wie er war. Auch seine Schwächen waren sie doch nur allzu menschlich.
"Wann?" fragte ich ihn.
"Morgen Nacht." antwortete er genauso knapp. Ich nickte stumm. So würde ich also zum ersten Mal ihnen gegenübertreten. Ich hätte mir die erste Konfrontation anderes gewünscht, am liebsten gar nicht, doch ich wusste es musste sein. Morgen würde die Entscheidung fallen.
4.
"Wie ist es gelaufen?" fragte die Person im Schatten.
"Alles bestens. Niemand ahnt etwas. Scheinbar hat Menzhold die Sache geschluckt. Unser Gespräch letzte Nacht schien seine Wirkung nicht verfehlt zu haben. Morgen Nacht wollen sie sich auf dem Drake-Stone Mountain auf die Lauer legen. So wie wir es geplant haben."
"Sen Lar?"
"Er wird ebenfalls kommen. Ich habe die Gerüchte so in die Welt gesetzt dass man nicht leicht an sie rankommt damit es glaubhaft wirkt. Doch ich habe den Alten nicht unterschätzt. Er hält es für eine einmalige Gelegenheit und wird kommen."
Der Mann im Schatten schüttelte den Kopf. "Der Alte Narr scheint Senil zu werden. Ich hätte nicht gedacht dass alles so einfach werden würde. Ohne einen Gedanken an eine Falle zu verschwenden kommt er zu uns. Nun gut, was ist mit seinem neuen Schüler?"
"Sein Name ist Norin Read. Soviel ich erfahren konnte wird er seinen Meister begleiten. Ich bezweifle aber das seine Ausbildung schon abgeschlossen ist. Wenn ihr mich fragt reiner Selbstmord diesen Knaben mit hineinzuziehen."
Plötzlich wurde die kleine gedrungene Gestalt die eben gesprochen hatte von dem Mann im Schatten hochgehoben. Augen die in der Dunkelheit gelb glühten starrten ihn wütend an. "Unterschätze nie diesen Jungen. Er ist stärker als du denkst. Er ist stärker als die meisten Jäger in der Laufbahn dieses jämmerlichen Clans. Und deshalb will ich ihn haben. Hast du das verstanden? Norin Read gehört mir!" Der Mann im Schatten ließ den anderen achtlos in den Staub fallen. Er grinste. "Morgen wird die Nacht der Überraschungen sein."
"Sagul, wo steckst du verflucht?"
"Hier Meister." Sagul gab seinem Pferd die Sporen und holte auf bis er neben dem Pferd seines Meisters ritt um sich mit ihm unterhalten zu können. Tarim o Kiel wirkte heute überraschend gutgelaunt, ihm schien der anstrengende Ritt nichts anhaben zu können. Schon seit Stunden waren sie nun auf diesem engen Pass unterwegs, das Ziel war ein Hochplateau etwa in der Mitte des Gebirgskamms. Vor ihnen Ritt Fürst Menzhold in schlichter Reisekleidung um nicht sofort aufzufallen (obgleich hier sowieso niemand war, aber Fürsten litten eben oft an einer gesunden Portion Verfolgungswahn) sowie seine treu ergebene Leibgarde die aus 5 Männern und 3 Frauen bestand. Sie waren die einzigen zu denen der Fürst noch vertrauen hatte, alle anderen hielt er längst für Verräter die zum Feind übergelaufen waren. Sagul grinste denn damit hatte er nicht einmal so Unrecht.
"Was glaubst du? Wie stark ist wohl dieser Norin Read?"
Sagul verzog den Mund abschätzig und schüttelte den Kopf. "Nur ein kleiner Wurm der sich anmaßt ein großer Held zu sein. Macht euch um ihn keine Sorgen, wir werden ihn wie eine Wanze zerquetschen."
"Aber er trägt das Erbe von Asteroth." gab o Kiel zu bedenken.
"Ach, was ist schon Asteroth, er ist ein nichts gegen euch mein Gebieter. Wie viel Kraft kann er ihm schon gegeben haben?"
"Siehst du, das mag ich so an dir Sagul. Du bist der größte Schleimscheißer und Arschkriecher den ich kenne."
Sagul verneigte sich lächelnd. "Oh vielen Dank." Tarim erwiderte nichts, das Gespräch schien beendet zu sein und Sagul wies sein Pferd an langsamer zu traben und setzte sich wieder hinter Tarim an das Ende der Schlange das immer noch dem Pfad folgte. Die Stimmung war insgesamt überraschend ruhig, obwohl sich alle der kommenden Auseinandersetzung bewusst waren. Auch der Fürst blieb gelassen obwohl man ihm anmerkte das er wohl solch lange beschwerliche Ritte nicht gewöhnt war. Aber er wollte ja keine Schwäche vor seinen Soldaten zeigen, und erst recht nicht vor seinem Berater der sich gerade und unerschöpflich im Sattel hielt. Er schien nie müde zu werden. Menzholds Gedanken drehten sich noch immer um die kommenden Ereignisse. Misstrauisch beäugte er Tarim. Dieser Plan konnte nicht funktionieren, aber der Fürst war sich sicher dass er es riskieren musste um so endlich die Wahrheit ans Licht zu bringen. Zu lange musste er mit ansehen wie seine Stadt vor die Hunde ging. Er wollte endlich wieder Herr über eine gleißende vor Reichtümern strotzende Metropole sein, ein Leuchtfeuer das über den Ozean erstrahlen würde um jedes Schiff willkommen zu heißen - außer natürlich dieser widerlichen Piratenbrut der sie denn Schlammassel zu verdanken hatten. Denen und den..., nun ja dies würde sich heute ja hoffentlich klären. Menzhold würde zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen. Er fühlte sich schon als Sieger. Mit seinen getreuen Soldaten würde er jeden Verräter einfach den Garaus machen, egal um wenn es sich handelte, ein Fürst duldete keine Gefangenen.
Der Fürst brachte sein stolzes Ross zum stehen, die anderen taten es ihm gleich. Vor ihnen war das Hochplateau, direkt am Eingang zu den verwunschenen Katakomben.
'Wieso ausgerechnet hier` dachte der Fürst ärgerlich. Niemand der bei heilem Verstand war betrat freiwillig die Katakomben, oder kam auch nur in ihre Nähe. `Warum o Kiel? Was soll dass? Was hast du vor?` Der Fürst würde warten was passieren würde. Sollten diese seltsamen Jäger überhaupt erscheinen, dann würde sich ja zeigen wie die Dinge standen.
Die Gruppe verteilte sich über das Plateau. Die Soldaten bezogen hinter verstreuten Steinen und Büschen Stellung. Sagul dackelte dicht hinter Tarim o Kiel her der aufmerksam die Umgebung musterte, ebenso wie Fürst Menzhold
"Und was nun?" wandte sich der Fürst an seinen Berater.
"Wir warten!"
Ich fühlte mich unwohl in diesen Bergen. Ein seltsames erdrückendes Gefühl brach über mich herein. Meinem Meister schien es nicht fiel besser zu gehen, doch schien es Ihn nicht zu überraschen. Wir ritten nun schon seit Stunden den Bergpfad hinauf zu einem Hochplateau, dem angeblichen Treffpunkt. Sen Lar zeigte nicht die geringsten Ermüdungsanzeichen. Meine Gedanken drehten sich im Kreis. Wieso hier, warum gerade jetzt? Das konnte doch nicht mit rechten Dingen zu gehen. Ich befand mich in einer schwierigen Situation. Auf der einen Seite mein Gefühl das mir eindeutig zu verstehen gab nun umzudrehen, auf der anderen Seite mein Meister und treuer Freund der mir das Leben gerettet hatte und der sich von nichts und niemanden davon abbringen ließ die Gruppe auf dem Hochplateau zu stellen, selbst wenn es eine Falle sein sollte. Was sollte ich tun? Ich konnte ihn doch nicht alleine weiterziehen lassen. Nein das konnte ich nicht. Und ich konnte auch nicht für immer vor Ihnen davonlaufen. Ich musste mich Ihnen entgegenstellen, sie bekämpfen. Vielleicht nicht unbedingt gewinnen, aber es zumindest versuchen. Ich beschloss weiter zureiten.
Der Pferde wurden unruhig, auch sie schienen etwas zu spüren dass in der Luft lag, eine Gefahr, eine Bedrohung. Doch ging sie von dem Berg aus, oder von jenen die sich dort verbargen? Sen Lar verzog unmerklich das Gesicht, ich glaubte ein flüchtiges Lächeln in seinen Zügen zu erkennen, als wüsste er was das zu bedeuten hatte. Er wusste eindeutig mehr über diesen Berg als er mir sagte. Ich beschloss dies zu ändern.
"Meister?" wandte ich mich an ihn.
"Ja?" Er drehte sich zu mir um.
"Was hat es wirklich auf sich mit diesem Berg? Ihr wisst doch mehr als ihr mir gesagt habt."
Sen Lar lachte. "Ja du hast Recht. Zumindest kenne ich die Legende, falls sie stimmen sollte. Nun gut, ich werde sie dir erzählen. Man erzählt sich, dass vor langer Zeit schreckliche Kreaturen das Land heimsuchten wie eine Seuche. Keiner weiß was für Bestien dies waren. Drachen, Untote oder uralte Schrecken die heute keinen Namen mehr haben. Die Sage erzählte von einem Helden den man Drake nannte, der in das Land kam um es von den Kreaturen zu befreien. Angeblich zog er nur mit seinem Schwert gegen sie zu Felde. Und mit dem Beistand der Götter."
Über diese Bemerkung konnte ich nur den Mund verziehen. Beistand der Götter, pah. Konnte ja nur eine Legende sein. Sen Lar schien meine Reaktion bemerkt zu haben und zu bedauern, war er doch selbst ein gläubiger Mensch. Es tat mir im selben Moment leid, ich hätte mir das nicht so anmerken lassen sollen, aber so bin ich nun einmal. Sen Lar fing sich aber schnell wieder und erzählte weiter: "Nun dieser Drake zog also los um einen großen äh Drachen soviel ich weiß zu bekämpfen, denn dieser tyrannisierte dieses Gebiet hier. Das Vieh hatte seinen Hort irgendwo hier auf dem Berg. Drake stellte ihn auf jenem Plateau das wir erreichen wollen. Ich weiß nicht genau ob er den Drachen vernichtete oder nur verjagt hatte, aber auf jeden Fall kehrte nach diesem Kampf wieder Ruhe und Frieden in das Land ein."
"Und was war mit Drake?"
"Nun er fiel in dem Kampf. Viele Jahre später entdeckte eine Expedition aus Totenpriestern den Leichnam. Sie beschlossen ihm ein würdiges Grab zu errichten, doch konnte sie ihn auf dem harten Steinboden des Plateaus nicht begraben. Sie wollten aber dass er in der Nähe seines letzten Gefechts begraben wurde. Schließlich entdeckte sie den Eingang zu alten Katakomben die sich scheinbar wie ein Labyrinth durch den ganzen Berg zogen. Und in diesem Labyrinth entdeckten sie verschiedene Kammern die sie kurzerhand zu Totenkammern umfunktionierten. In der größten beten sie den gefallenen Helden zur letzten Ruhe, die anderen Kammern bereiteten sie für andere große Helden vor die dereinst auf dem Berg ihr Leben lassen sollten."
"Wieso ausgerechnet auf dem Berg?"
"Es heißt das der Berg ein Ort sei für schicksalhafte Auseinandersetzungen die das Leben einzelner für immer verändern können."
"Aber es betrat doch nie mehr jemand den Berg, er gilt doch als verflucht."
"Eben deshalb. Weil man sich sagt das jeder stirbt der ihn betritt. Das liegt aber nicht an einem bösen Zauber oder solchem Humbug wie man sich es erzählt sondern basiert einzig und allein auf der Legende. Dieser Berg ist kein verwunschener oder verfluchter Berg. Im Gegenteil, es ist ein heiliger Ort wo das Gute über das Böse triumphiert. Und deshalb werden wir heute auch siegen."
"Aber es ist doch nur eine Geschichte. Vielleicht gab es diesen Drake nie."
"Es gab ihn, da bin ich mir ganz sicher." Sen Lar schien durch nicht von seiner Meinung abzubringen zu sein. Er verließ sich meiner Meinung nach zu viel auf himmlische Kräfte die schon dafür sorgen würden dass den Guten nichts passiert. Mir war Schleierhaft wie ein so weißer Mann wie er, der mir so viele Erkenntnisse offenbarte, sich so sehr auf Götter oder himmlisches Heldengetue verlassen konnte. Vielleicht war er ja mit seiner Einstellung zu beneiden, doch ich konnte sie nicht teilen. Ich fühlte mich weder wie ein Held der dazu auserkoren war die Welt zu retten noch wie vom Schicksal geführt. Aber auch jetzt wo ich seine Beweggründe kannte, oder eben weil ich jetzt seine Gründe kannte verließ ich ihn nicht. Keiner wusste wie die Sache ausgehen würde, doch wir würden sie gemeinsam durchstehen.
Die Pferde wurden immer unruhiger und sträubten sich stärker. Wenn dies ein heiliger Ort war, wieso hatten dann alle so ein ungutes Gefühl? Sen Lar sah mein fragendes Gesicht und sagte: "Man erzählt sich das die Priester einen Zauber auf den Berg warfen, das jeder der nicht von der Geschichte tief und fest überzeugt ist ein ungutes Gefühl überkommt und sie zum umdrehen ermahnt. So wollten sie den heiligen Leichnam vor Plünderern schützen."
"Und so etwas können Priester vollbringen?" fragte ich ungläubig.
Sen Lar zuckte die Schultern. "Ich weiß es nicht, es ist nur eine Sage. Wer kann schon wissen mit welchen Gaben die Götter ihre Diener belohnen."
So etwas hatte ich erwartet. Eine Antwort nach der ich genau so schlau war wie vorher. Aber es spielte keine Rolle. Wir beschlossen unsere Pferde hier zurückzulassen und zu Fuß weiterzugehen. Das ungute Gefühl wurde stärker als wir unseren Weg fortsetzten. Ich fragte mich immer noch warum wir nirgends Fuß oder Hufspuren fanden. Waren wir schneller als sie? Unwahrscheinlich. Hatten sie die Spuren nur gut verwischt oder waren sie einen anderen Weg gegangen? Die ganze Sache war viel zu undurchsichtig, keiner wusste wie viele sie waren oder was auf uns zukam. Doch meinen Meister schien das nicht zu stören. Er zog gegen das Unheil ohne ein Anzeichen von Furcht oder Zweifel zu zeigen. War dies nun echtes Heldentum oder einfach nur grenzenlose Dummheit? Ich wusste es nicht, doch würde sich die Frage bald klären. Wir hatten das Hochplateau erreicht.
5.
Es war still. Eindeutig zu still. Ich sah mich nervös um. Der Wind pfiff über den kalten Fels. Nichts wuchs hier oben, alles tot. Für mich sah dieser Ort in keiner Hinsicht heilig aus. Ich gebe allerdings zu das ich etwas spürte. Schwer zu erfassen, nur ein Hauch aber eindeutig vorhanden. Sen Lar ging vorne, er hielt lediglich einen einfachen Holzstab in der Hand der aber an beiden enden Silberspitzen hatte. Und ich hatte gesehen wie meisterlich er diese Waffe zu führen vermochte. Ich zog ebenfalls meine Waffen. Zwei schlichte Schwerter, nicht verziert, nicht magisch, nicht aus Silber. Gegen Vampire nutzlos, dafür mussten die Pflöcke und das Weihwasser reichen das Sen Lar mit sich trug( ich hielt mich möglichst fern davon da auch ich darauf reagierte). Zumindest konnte ich sie mir damit vom Leib halten und Vampire sind selten alleine. Entweder sie hatten lebende oder tote Diener die sie begleiten, und die waren keineswegs gefeit gegen meinen blanken Stahl. Wir standen abwartend auf dem Berg, hier war die Stelle. `Ideal für eine Falle` schoss es mir durch den Kopf, doch wollte ich erstmal abwarten. Ich spürte ganz genau die Präsenz von einem artverwandten Wesen, doch erfühlte mich diese Präsenz nur mit diabolischer Kälte.
"Ah, ihr seid gekommen." Erschrocken drehte ich mich um, Sen Lar tat es mir gleich. Obwohl wir aufmerksam die Umgebung gemustert hatten und keine Nebengeräusche vorherrschten, hatten wir nicht gemerkt dass sich jemand hinter uns geschlichen hatte. Vor mir stand ein gut aussehender aber klein gewachsener Mann mit vornehmer Kleidung und einem fein gestutzten Kinnbart. Die fehlende Größe wurde durch seine breiten Schultern jedoch mehr als ausgeglichen. Seiner Gestik nach zu urteilen war er wohl den feineren Umgang gewöhnt. Ein fieses kaltes Lächeln bildete sich auf seinem Gesicht. Ich spürte eindeutig eine Präsenz, ähnlich meiner doch ungleich stärker. Sen Lar schien den Mann zu kennen, denn seine Mimik gefror sogleich zu Eis als er ihn erblickte.
"Tarim o Kiel, welch Freude euch wieder zu sehen." flüsterte er. Ich sah den Mann erstaunt an.
"Das ist Tarim o Kiel, der Regent?" fragte ich meinen Meister verblüfft und deutete auf den Mann vor mir.
Tarim o Kiel machte eine höfliche Verbeugung. "Eben jener", antwortete er an meines Meisters Stelle. "Mein Ruf scheint mir vorauszueilen. Ich vermute du bist Sen Lars neuer Schüler. Norin, nicht wahr?"
"Woher wisst ihr das?"
"Oh, ich weiß vieles, mein junger Freund." Ich betrachtete Tarim näher. Er sah nicht aus wie ein Vampir. Keine spitzen Zähne, keine bleiche Haut, blaue runde Pupillen, keine gelben geschlitzten. Vermutlich magische Tarnung.
"Wo ist denn der Rest o Kiel, du bist doch nicht alleine hier oder?" fragte ihn Sen Lar und sah
sich um.
"Welchen elenden Kriecher hast du mitgeschleppt? Lass mich raten? Sagul, diesen Sohn eines räudigen Straßenköters?"
"Gut geraten alter Mann." kam eine Stimme aus dem Gebüsch neben uns und eine weitere Gestalt trat heraus. Sie war klein und sah verschlagen aus. Lange schwarze Zotteln und ein gebückter fast buckeliger Gang fielen einem als erstes an ihm auf. Auch er war nicht als Vampir zu erkennen, doch glaubte ich auch in ihm eine Präsenz zu spüren. Nicht so mächtig wie den von o Kiel, dennoch sehr Stark. Konnte diese jämmerliche Erscheinung wirklich so mächtig sein? Er gesellte sich neben den Erzvampir und wir vier betrachteten uns einen Moment lauernd. Zwei gegen zwei.
"Schluss jetzt mit dieser Farce." ertönte nun eine dritte Stimme und neue Geräusche von vorne aus dem Dickicht waren zu hören. Eine weitere Gestalt trat auf das Plateau. Ihn kannte ich. Es war Menzold III, der Fürst von Ankohead. Niemand in der Stadt kannte ihn nicht. Er galt als gnadenloser aber gerechter Fürst, doch ging es mit seiner Stadt den Bach herunter. Das Problem seien zum einen die Piraten, doch sie alleine konnten es nicht sein. Keiner kannte den wahren Grund, doch ich konnte ihn mittlerweile vermuten. Ihm folgten 8 gerüstete Soldaten, 5 Männer und 3 Frauen. Sie alle trugen kurze Kettenhemden oder Harnische und waren bewaffnet mit Schwertern, Äxten oder Hellebarden. Sie schienen gut trainiert zu sein. Der Fürst wandte sich an seinen Berater: "Was soll denn das? Ich dachte das wären unsere Verbündeten. Warum redet er so mit euch?" Der Fürst schien nicht wirklich überrascht. Sen Lar auch nicht als er sich an den Fürsten wandte. "Verbündet? Was hat euch Tarim o Kiel sonst noch alles erzählt, falls er euch überhaupt seinen richtigen Namen genannt hat?"
"Er sagte ihr wärt ein Vampirjäger und würdet uns helfen diesen Fluch von meiner Stadt zu nehmen." Menzhold war gar nicht aufgefallen das er das unheilige Wort ausgesprochen hatte, etwas das der abergläubische Fürst eigentlich vermeiden wollte. Doch in diesem Moment merkte er es nicht einmal.
"Ich bin in der Tat ein Vampirjäger. Und ich werde euch gerne helfen bei euerem Problem. Am besten wir fangen gleich bei euerem Freund und seinem Diener an." Sen Lar deutete auf die beiden Vampire.
"Was soll das heißen?" fragte der Fürst.
"Wisst ihr es denn wirklich nicht? Er, Tarim o Kiel ist ihr Anführer. Er ist es der euere Stadt bedroht. Er ist einer von Ihnen."
Der Fürst betrachtete seinen Berater, dieser musterte ihn ebenfalls
"Ist das wahr?" fragte ihn der Fürst ohne jedes Erstaunen. Er wusste es bereits.
"Ja!" Tarim o Kiel zog das Wort, hauchte es dem Fürsten förmlich entgegen. Und während er die Wahrheit aussprach veränderte sich sein Aussehen. Seine Haut wurde weiß, die Augen gelb, die Zähne spitz, und auch Sagul ließ die Illusion fallen. Wieder war ich entsetzt zu was die Vampire fähig waren. Sie konnten uns blenden, uns von der Wahrheit so leicht ablenken.
Der Fürst blieb nach wie vor gelassen. "Also stimmt es tatsächlich. Ihr seid also wirklich der Anführer der Kreaturen. So sprach er die Wahrheit, und ihr seit mein Feind."
Diesmal schien Tarim überrascht zu sein. "Was soll das heißen, ihr habt es gewusst?"
"Natürlich, oder glaubt ihr ich hätte sonst so einfach in eueren hirnlosen Plan eingestimmt."
Diese Runde ging an den Fürsten.
"Aber wer hat es euch Verraten?" fragte Tarim ihn interessiert. Mittlerweile hatte er sich wieder gefasst.
"ICH!" donnerte eine neue Stimme über den Platz. Grünlicher Nebel zog auf, umhüllte uns alle in ein mystisches Licht. Die Umgebung wurde eiskalt, die Luft knisterte vor magischer Energie, und ich bekam Krämpfe als ich eine weitere übermächtige Präsenz spürte. Das war eindeutig zu viel für mich. Und dann stand er in mitten von uns wie aus dem nichts. Er persönlich. Das Wesen aus meinen Träumen. Mein Schöpfer. Asteroth!!!
Mich überkam eine Welle unsäglicher Schmerzen. Zwei Erzvampire auf einem Fleck, noch dazu war einer mein Schöpfer. Ich war nicht darauf gefasst ihm so bald wieder zu begegnen. Mit dieser Situation hatte auch Sen Lar nicht gerechnet. Doch nun war es zu spät. Die Entscheidung stand bevor. Ich musste jetzt all meine Stärke zusammennehmen um die nächsten Momente durchzustehen und um vielleicht den Berg lebend zu verlassen.
"Asteroth, du? Ich hätte es wissen müssen." zischte Tarim o Kiel. "Wie immer planst du hinter meinem Rücken."
"Und dabei warst du doch immer der Ränkeschmied Bruder. Aber es lief alles schon zu perfekt. Ihr habt alles ganz genau so gehandelt wie ich es plante. Gleichzeitig 3 Parteien hinters Licht zu führen war nicht leicht, doch für mich ist nichts unmöglich. Ich werde der neue Herrscher der Welt sein und eine neue Ordnung einführen. So wie es mir beliebt."
Atemlose Stille herrschte auf dem Hügel. Ich kämpfte immer noch mit meiner Selbstbeherrschung. Mein Meister musterte das Spektakel ruhig und gelassen. Unglaublich woher er diese Ruhe und diese Kraft nahm. Tarim musterte seinen Widerpart grimmig, ihre Antipathie war nicht zu übersehen. Nun wusste ich zumindest dass sich auch die Gilde untereinander hasste. Eine Schwäche. Etwas das ich mir merken würde!
Sagul beobachtete das Ganze mit einem stillen Grinsen, das er schon die ganze Zeit auf den Lippen trug.
Der Fürst stand stocksteif und regungslos da und versuchte das eben gehörte zu verarbeiten, versuchte zu begreifen was hier vorging, in was für ein Intrigenspiel er nur hinein geraten war. Die Gardisten zeigten nicht die geringste Regung obwohl ihnen die Angst anzumerken war.
Asteroth stand über alles thronend in der Mitte. Er hat es sich nicht nehmen lassen den größten Auftritt von allen zu haben, wie es seiner Art entsprach. Immer warten bis zum Schluss. Die beiden Erzvampire musterten sich noch immer lauernd.
"Was willst du hier Asteroth. Misch dich nicht in meine Angelegenheiten. Das hier ist meine Stadt."
"Und was, wenn ich fragen darf, gedenkst du mit ihr zu tun. Sieh sie dir doch an. Sie zerfällt durch deine Aktivitäten, geht vor die Hunde. Deine glorreiche Stadt", Asteroth lachte, "durch deine fanatische Suche nach einem Mythos hast du sie ruiniert."
Tarim o Kiel fuhr zornig auf: "Der Blutstein ist kein Mythos, wie kannst du nur solch verwerfliche Reden führen!" Asteroth schüttelte traurig den Kopf. "Oh Tarim, du bist in den Jahren so tief gesunken, ich erkenne dich nicht wieder. Ich kann einfach nicht glauben dass ich mit dir verwandt sein soll. Du warst außer mir immer der einzige von uns 5 der etwas im Kopf hatte.
Urisan dieser Feigling versteckt sich auf einer Insel, umgeben von Wasser dem uns feindlich gesinnten Element. Galselfantil ist ein Muskelprotz ohne Geist. Er kann nur Brandschatzen, Morden und Foltern." Asteroth lächelte. "Alles sehr amüsante Dinge, ABER es reicht eben NICHT! Und Morisia? Sie ist so krank und pervers, sie ist nicht zum Herrschen geschaffen. Aber du dachte ich, bist anders o Kiel. Du hast Ausstrahlung, Charisma, du kannst Scharen begeistern. Wir hätten gemeinsam diese Welt beherrschen können..." Asteroth schüttelte den Kopf "...doch leider hängst du zu sehr alten Legenden und Sagen nach. Du hinkst der Zeit hinterher, sie hat dich längst überholt."
Tarim schien immer wütender zu werden. Sich zu beherrschen war noch nie seine Stärke gewesen. "Wie kannst du es wagen den Blutstein als Märchen abzutun. Er steht im Necronomicon geschrieben und ich werde..."
"Dem Necronomicon", stieß Asteroth aus, "ein Buch das irgendein geistig Verwirrter geschrieben hat der zuviel auf alten Friedhöfen herumgewandert ist."
"WAS???"
Tarim o Kiel konnte es nicht fassen. "Damit beleidigst du nicht nur die Gilde sondern jeden Vampir den es jemals gab und geben wird. Das Buch ist unser Heiligstes! Es wurde vom großen Schöpfer selbst geschrieben, wie kannst du seine Göttlichkeit anzweifeln?"
"ES GIBT KEINE VAMPIRGÖTTER!!! Wann wirst du das endlich verstehen? Das Buch ist nichts weiter als das Werk eines Geisteskranken. Vampire überleben auch ohne Götter. Der Glaube an irgendwelche Götzen ist nichts weiter als eine Schwäche der Sterblichen, so etwas haben wir nicht nötig. Und was die Gilde betrifft. Sie ist eben so unfähig wie Töricht. Veraltete Gesetze ohne Sinn, idiotische Ritten und unfähige Versager als Anführer und Fürsprecher. Solch einer lächerlichen Gemeinschaft werde ich mich nicht beugen. Ich bin nur einem Treue schuldig, nämlich mir selbst, und keiner Vampirgilde mit ihrem dämlichen Ehrenkodex. Das ist etwas für Schwache. Sie werden nie die Welt regieren!"
Tarim musste all seine Willenskraft zusammen nehmen um Asteroth für das eben ausgesprochene nicht sofort anzugreifen. Er konnte einfach nicht fassen wie er alles verraten konnte, sich von allem so loszueisen. Das ihm alles gleichgültig und er sich über alles erhaben fühlte. Dieses Privileg genoss nicht einmal ein Erzvampir, denn auch er war nur Teil der Gilde. Doch Asteroth hat gerade eben öffentlich seinen Bruch mit der Vampirgilde bekundet. Nun würde Tarim ihn nicht mehr schonen müssen.
"Nun gut Ketzer, du wolltest es so. Ich bekunde hiermit öffentlich dass du wegen groben frevlerischen Reden von der Gilde ausgeschlossen wirst, Sagul dient als mein Zeuge.
Du bist eine Schande für das ganze Vampirgeschlecht, und du bist nicht länger mein Bruder. Und nun zieh von dannen."
Darauf konnte Asteroth nur herzlich lachen. "Ich soll gehen. Ich bin nicht gekommen um gleich wieder zu gehen. Der Spaß hat doch gerade erst begonnen."
"Und was hast du nun vor?" fragte ihn Tarim herausfordernd.
"Die Welt ist zu klein um von uns beiden regiert zu werden, ich kann dich leider nicht am Leben lassen Tarim o Kiel?"
"Du fordert mich heraus?" fragte ihn sein Bruder ungläubig. "Du weißt was das letzte Mal passiert ist als sich zwei Erzvampire gegenseitig bekämpft haben?"
"Ha, glaubst du mich kümmert was früher war? Ich schrecke vor nichts und niemanden zurück. Ja, ich fordere dich hier und jetzt heraus Tarim o Kiel. Auf das der bessere gewinnen möge!"
"Wie du willst. Diesen Tag wirst du noch bereuen."
Ich beobachtete die ganze Szenerie ungläubig. Asteroth gab sein wahres Ich zu erkennen. Er schien völlig den Verstand verloren zu haben sich mit der Gilde anzulegen und seinen eigenen Bruder herauszufordern, immerhin war dieser in der Überzahl. Irgendeinen Trumpf hatte er bestimmt im Ärmel. Gebannt wartete ich auf das noch kommende, ebenso wie mein Meister für denn die Situation auch neu schien. Nur einer meldete sich zu Wort der bisher völlig fassungslos das Geschehen verfolgt hatte. Fürst Menzhold III, der scheinbar verstanden hatte, dass auch Asteroth ein Vampir war und dass er nun doppelt verraten wurde.
"Ich weiß nicht was ihr seit Kreaturen der Hölle, doch ich werde euerem schändlichen Treiben ein Ende bereiten" rief er ihnen entgegen nachdem sie sich ihm zugewandt hatten. Besonders überzeugend klangen die Worte jedoch nicht. Angst war deutlich in seiner Stimme zu hören. Er sah seine Gardisten an die immer noch steif neben ihm standen und deutete auf die drei Vampire, die in der Mitte des Platzes standen.
"Los, greift an. Macht sie alle nieder! Ich dulde kein Versagen und ich will keine Gefangenen." befahl er ihnen, doch sie rührten sich kein Stück.
O Kiel grinste ihn an. "Oh nein, mein lieber Fürst, ich fürchte das kann ich nicht dulden." Menzhold schien nicht ganz zu begreifen was er damit meinte. Tarim nickte den Gardisten zu. Eine junge Frau nickte zurück. In Fürst Menzholds Gesicht zeigte sich plötzlich ein erschreckter Gesichtsausdruck als er verstand, doch da war es bereits zu spät. Ein stechender Schmerz in der Brust, als das Schwert der Gardistin seinen Körper durchdrang. Fürst Menzhold fiel tot vom Pferd. Das letzte auf seinem Gesicht war grenzenloses Erstaunen. Die letzten Untergebenen denen er vertraut hatte, sogar sie waren Verräter.
Langsam fing ich an das ganze zu begreifen. Tarim suchte etwas in der Stadt, irgendeinen Stein. Menzhold musste dahinter gekommen sein und das ganze Unternehmen flog auf. Tarim konnte ihn aber nicht einfach beseitigen, dass wäre aufgefallen. Also lockte er ihn unter irgendeinem Vorwand der wohl etwas mit uns zu tun hatte auf diesen Berg der als verflucht galt. Wenn er von dort nie lebend zurückkehrte, wunderte dies wohl niemanden da ja angeblich nie jemand lebend zurückkehrte. Auch Asteroth musste darin irgendwie verwickelt sein, denn er verriet dem Fürsten was o Kiel in Wirklichkeit war. Und nur deshalb ging der Fürst so leichtfertig auf den Vorschlag ein, um ihn auffliegen zu lassen. Und nun war der Fürst tot, ermodert von seiner eigenen Leibgarde und Tarim würde vermutlich neuer Fürst von Ankohead. Und das hätte er ohne Asteroths Hilfe wohl nicht geschafft. Aber warum half Asteroth ihm wo er ihn doch jetzt vernichten wollte? Wollte er vielleicht selbst den Platz des Fürsten einnehmen. Was diesen Teil betraf konnte ich nur mutmaßen doch noch war es nicht vorbei. Die beiden Vampire wandten sich uns zu.
"Nun alter Mann, was hast du jetzt vor? Willst du mir einen Pflock in die Brust rammen" fragte ihn Tarim zuckersüß. Sen Lar ballte wütend die Fäuste. "Wenn du mich so direkt fragst, JA!" Wütend standen sich die beiden gegenüber. "Dummerweise nur habe ich keine Zeit mit euch beiden zu spielen." Er drehte sich zu Sagul: "Ich überlasse ihn dir mein treuer Diener." Sagul verzog das Gesicht zu einer Fratze. "Darauf habe ich lange gewartet. Endlich rechnen wir ab Sen Lar!"
"Du warst schon immer die schleimigste, widerlichste miese kleine Kröte die euere heruntergekommene Gilde je gesehen hat. Heute werde ich dich ein für alle mal vernichten!" konterte Sen Lar und sein Körper bebte bei diesen Worten mit jeder einzelnen Faser. Sagul fletschte die spitzen Zähne. "Wir werden sehen Jäger" fauchte er und sprang ihn mit weit aufgerissenen Rachen an, einen schartigen Säbel schwingend. Ich hob meine Waffen und wollte meinem Meister zu Hilfe eilen doch war ich bereits von den 8 Gardisten umzingelt.
"Halt, ich will ihn lebend!" rief Asteroth ihnen zu, doch wurde er je von Tarim unterbrochen: "Zu spät Bruder, du wirst keine Zeit mehr haben ihn auszubilden. Sie hören auf mein Kommando und nicht auf einen Verräter wie dich" Er sah die Gardisten an: "Macht mit ihm kurzen Prozess!" Danach stürmte er auf seinen Bruder und ein höllisches Gefecht brach zwischen den beiden aus. Die Söldner überlegten einen Moment auf wenn sie denn nun hören sollten, doch nahm ich ihnen diese Entscheidung ab. Mein Meister brauchte mich. "Ihr werdet mich töten müssen, den lebend werde ich mich euch nicht unterwerfen." Mit diesen Worten stürmte ich auf sie zu, der Kampf war eröffnet!
6.
Stahl auf Stahl! Das Klirren der Waffen, die Schreie der Verdammten und das Knistern magischer Gewalten hüllten das Schlachtfeld in einen eisigen Mantel des Grauens. Schrecken und Verzweiflung, Blut und Tot, sie waren meine Begleiter in jenen Momenten. Ich sah mich umzingelt, meine beiden Schwerter in den Fäusten erwartete ich ihren Angriff. Die ersten beiden Söldner stürmten gleichzeitig auf mich ein, doch sah ich auch in ihren Gesichtern Angst und Zweifel. Der Geist siegt letztlich über den Körper, und ist der Geist schwach, so war der Kampf schon verloren bevor er begann. Doch mein war Geist bereit. Auch er war von Zweifeln und Furcht erfüllt, doch in jenem Moment war dies alles verschwunden und ich fühlte nur die eisige Gewissheit nicht auf diesem Berg unterzugehen. Mein Schicksal sollte sich heute erfüllen, aber nicht auf diese Weise. Der erste Söldner, ein bärtiger Mann mit einer Axt holte aus, doch war er zu langsam. Blitzschnell wich ich zur Seite, sein Schlag ging ins leere und die Wucht der Axt riss ihn zu Boden. Der andere Soldat ein junger Bursche mit einem Kurzschwert versuchte mir seine Waffe in den Magen zu rammen doch auch für ihn war ich zu schnell. Im nun drehte ich mich um die eigene Achse, stand plötzlich hinter dem verdutzten Söldner und rammte ihm mein Schwert durch die Brust, während das andere eine großen Bogen beschrieb und sich schon dem dritten gerade anstürmenden Gegner, einer jungen Frau zuwandte. Sie schien von der schnellen Reaktion überrascht zu sein, versuchte noch ihr Schwert zur Parade zu erheben doch war sie einen Augenblick zu spät und meine Klinge traf statt ihrem Schwert ihr Handgelenk das sich blutend von ihrem Arm trennte. Ihr Schwert fiel mit samt Hand zu Boden und noch während die Frau verdutzt ihren blutenden Stummel betrachtete zog ich mein anderes Schwert aus dem Brustkorb des toten Soldaten und hieb der Frau den Kopf vom Rumpf bevor sie überhaupt reagieren konnte.
Meine Schwerter, meine Kleidung, mein Gesicht... alles war voll Blut. Überall der rote Lebenssaft. Plötzlich kam in mir ein neues Gefühl auf. Wild und Unbarmherzig. Ich leckte mir über die Lippen. Oh bei allen Wesen der Finsternis, war dieser Geschmack herrlich. Der Geschmack von Blut. Frischem Blut. Ich wollte mehr. Mit meiner Beherrschung war es dahin, ich leckte das Blut von meinen Klingen, meinem Gesicht und fast wäre ich über die Leichname der gestorbenen Soldaten hergefallen, wenn nicht die nächsten 3 Kämpfer mich angriffen. Ein etwas ältere Mann und eine nicht sehr attraktive Frau mit einer hässlichen entstellenden Narbe am Gesicht versuchten mich von vorne zu attackieren während von hinten der Mann mit der Axt, der sich mittlerweile wieder erhoben hatte, auf mich einstürmte. Meine Sinne und meine körperlichen Fähigkeiten schienen nachdem Blutgenuss gestiegen zu sein, ich fühlte mich stärker als eh und je. Wie in Trance hielt ich mein blutiges Gericht ab. Ich schlug dem herausstürmenden Mann den Schwertknauf mit einer Wucht ins Gesicht das ich das Brechen der Nasenknochen hören konnte. Der Mann war sofort tot, ich hatte ihm seine eigene Visage ins Hirn gerammt. Aus dem Augenwinkel sah ich dass der Mann hinter mir die Axt erhoben hatte und mit einem Schrei auf mich zustürmte. Ich bückte mich und rammte dem Mann meinen rechten Fuß in die Schienbeine. Wie erwartet strauchelte er und fiel mit der Axt voraus direkt auf die Gardistin die, bevor sie überhaupt wusste wie ihr geschah die mächtige Axt im Schädel hatte. Ich grinste dämonisch, mit jedem Menschen der durch meine Hand ein grausiges Ende fand wurde mein Lust zu töten immer stärker. Ich dachte nicht darüber nach ob es richtig war. Es waren doch nur Menschen die ihre Pflicht taten. Tapfere Männer und Frauen mit Familie und Kindern...einerlei, ich wollte nur noch töten, verstümmeln und Leid verbreiten. Wie ein Berserker pflügte ich durch ihre Reihen, rammte dem Mann mit der Axt der noch immer auf der Gardistin lag beide Schwerter in den Rücken und stürmte auf die letzten drei, zwei Männer sowie die Frau die Menzhold getötet hatte. In ihren Augen war blankes Entsetzen als sie mich auf sie zustürmen sahen, blutverschmiert mit gebleckten Zähnen glühenden Augen und erhobenen Schwertern, eine so unmenschlichen Schrei ausstoßend das ich mich vor mir selbst fürchtete. Doch in diesem Kampf war das vampirische Erbe mit all seiner Grausamkeit durchgebrochen und ich konnte es nicht verhindern. Ich hoffte nur dass mein Meister dies nicht gesehen hatte.
"Komm schon alter Mann. Was ist, soll das alles gewesen sein?" Sagul stand grinsend da, sein Oberarm blutete nachdem Sen Lars Silberspitze ihn dort getroffen hatte. Doch schien ihn das nicht weiter zu kümmern. Er schwang ganz gelassen seinen Säbel in der rechten Hand und versuchte seinen Gegner mit Drohungen einzuschüchtern was jedoch nicht von nennenswertem Erfolg gekrönt wurde.
"Ich habe noch gar nicht angefangen. Heute werde ich dir ein für allemal das Handwerk legen Sagul, dir und deinem Meister. Ihr habt diese Welt lange genug heimgesucht."
"Starke Worte für jemanden in deiner Stellung. Sieh es ein, dein Kampf ist vorbei. Wir haben deinen Clan vernichtet, du alleine kannst uns nicht bezwingen. Du hast verloren, alter Mann, wir sind überall und wir werden siegen."
"Niemals, das werde ich nicht zulassen. Bei meinem Blute, ich werde nicht ruhen bis keiner mehr von euch auf dieser Welt wandelt."
"Ja, du sagst es. Bei deinem Blut." Sagul leckte sich lüstern über die Lippen. "Lass mich doch einmal kosten wie lieblich es ist."
Sen Lar sah ihn grimmig an. "Hol es dir doch Höllenkreatur!" Sagul stürmte auf Sen Lar zu versuchte ihm den Säbel über die Brust zu ziehen, grub sich aber lediglich in das Holz des Stabes der bereits zur Parade erhoben war. Eine Folge von Attacken, Ausfällen, Finten und Abwehrmanöver folgte. Sagul drängte Sen Lar ein Stück zurück, versuchte ihn durch seine wilden und kraftvollen Attacken zu erschöpfen, doch Sen Lar war besonnener und intelligenter im Kampf. Ohne Probleme blockte er einen Angriff nach dem anderen und wartete nur darauf das Sagul seine Deckung vernachlässigte um dann den Spieß umzudrehen. Und schließlich schaffte es Sen Lar seinerseits mit Attacken Sagul zurückzudrängen. Doch keiner der beiden Kontrahenten konnte einen entscheiden Treffer erringen.
Ich war nicht aufzuhalten. Meine beiden Klingen hielten blutige Ernte unter den drei verbliebenen Söldnern. Ich spürte wie die dunkle Macht in mir stieg, mich zu verschlingen drohte, als sie mir übermenschliche Kräfte verlieh und ich erbarmungslos und ohne Mitleid auf die Soldaten einschlug, die nicht den Hauch einer Chance hatten zu entkommen. Fast beiläufig fiel mein Blick auf die beiden Erzvampire die sich noch immer gegenüberstanden und sich nur mit ihren magischen Kräften bekämpften. Keine Gesten, keine Formeln, nur Gedanken. Welcher Geist war der stärkere, welcher würde gebrochen werden. Dann wandte ich mich wieder meinen Feinden zu, oder vielmehr meinen Opfern. Einer lag schon tot am Boden, ich hatte ihm mit meinen Zähnen die Kehle durchbissen. Doch zum trinken war keine Zeit, die anderen beiden durften mir nicht entkommen...
Warum eigentlich nicht? Warum durften sie mir nicht entkommen? Sie wollten nicht mehr kämpfen, sie wollten nur noch weg, um ihr blankes Leben rennen. Nein, das durften sie nicht. Sie waren schuld. Sie waren an allem schuld. An meinem Elend, sie waren verantwortlich dass ich zu dem wurde der ich nun war. Wütend sprang ich die Frau an. Sie waren Verräter, hatten ihren eigenen Fürsten verraten und getötet, dafür mussten sie sterben. Kein Mitleid, keine Gnade!!!
Ich lag auf der Frau, meine kräftigen Arme drückten sie zum Boden. Ich sah in ihre Augen. Große Schreckensgeweitete blaue Augen. Panik und Entsetzen spiegelte sich in ihnen als würden sie einem Monster entgegensehen. Tränen liefen der Frau über die Wangen. Nie im Leben war mir ein solcher Blick begegnet. Sie sah in das Antlitz der Hölle... und das war ich. Bei allen Götter, was tat ich da nur? Was war nur aus mir geworden. Mögen diese Menschen auch nicht ohne Fehl sein, so taten sie nur was ihnen geheißen wurde. Um ihre Familien zu schützen oder um sich selbst am Leben zu erhalten. Und selbst wenn nicht, konnte ich mir anmaßen sie dafür zu richten? Wenngleich ich selbst nicht mehr an die himmlischen Mächte glaubte, ich konnte sie doch nicht einfach abschlachten. Erst jetzt spürte ich was ich eben getan hatte. Ich war in einem Rausch, einem Blutrausch... einem Mordrausch. Ich ließ die Frau frei, und schloss die Augen. Ich hörte wie die beiden davon rannten so gut sie konnten und versuchte mich sammeln. Ich musste die böse Präsenz vertreiben, ich musste wieder Herr meiner Gefühle werden. Ich verfluchte die Gabe die mir gegeben wurde, ohne dass ich sie gewollt hätte. Langsam kehrte Ruhe ein und ich konnte wieder klar denken. Und das erste was ich wieder von meiner Umwelt mitkriegte war Kampflärm. Und dann kam die Erkenntnis wie ein Schlag: Meister!
Keiner schenkte den beiden Erzvampiren Beachtung deren Geister sich eine erbarmungslose Schlacht lieferten. Doch schon bald wurde ersichtlich das Asteroth seinem Bruder weit überlegen war, und dass wusste er auch. Schließlich sah er ein dass, es keinen Sinn hatte, er konnte nicht mehr siegen. Erschöpft ging Tarim o Kiel in die Knie. Um sie herum tobte noch immer der Kampf. Asteroth blickte verächtlich auf Tarim nieder. "Du hast verloren Bruder, du und deine lächerliche Gilde."
"Noch ist es nicht vorbei Asteroth. Du magst die Schlacht gewonnen haben, aber der Krieg hat gerade erst begonnen. Wir werden uns wieder sehen." keuchte Tarim o Kiel und im selben Moment begann sich sein Körper zu verändern, bis nichts weiter als ein gräulicher Dunst zu sehen war der sich schnell vom Berg entfernte. Der Regent wurde in die Flucht geschlagen. Plötzlich hallte ein Kreischen über den Berg.
Auf einmal ging alles gleichzeitig. Die nächsten Momente liefen für mich wie in Zeitlupe ab.
Ich erhob mich von meinem Schlachtfeld und sah gerade noch wie sich Tarim o Kiel der vor Asteroth kniete, sich in grauen Nebel verwandelte, offenbar war er unterlegen. Mein Blick glitt zu meinem Meister der noch immer im Kampf mit dem verfluchten Vampir war. Sagul versuchte eine Finte um dann seinen Säbel Sen Lar in die Rippe zu schlagen, doch der Stab war schneller, Blitzschnell knallte das Holz auf Saguls Gesicht der fluchend nach hinten taumelte. Nur einen kurzen Augenblick war die Deckung offen, und dieser Moment reichte.
Sen Lar stieß ihm die Silberspitze in die Brust, Sagul kreischte auf vor Schmerzen doch hatte das Silber das Herz verfehlt, den Sagul war noch nicht tot. Er taumelte blutend nach hinten. "Noch hast du nicht gewonnen..." waren seine letzten Worte als auch er begann sich aufzulösen. Mein Meister stand erschöpft aber zufrieden da, wir beiden erkannten die Gefahr zu spät. Plötzlich war Asteroth hinter ihm, so schnell das mein Auge ihm kaum folgen konnte.
"MEISTER!" rief ich, versuchte ihn zu warnen. Ich rannte auf ihn zu, doch es war bereits zu spät. Asteroth hatte Sen Lar gepackt.
"Dies ist dein Ende!" knurrte er ihn an. Sen Lar wehrte sich nicht. Sein Blick war ganz klar als er antwortete. "Niemals wirst du über mich siegen. Mein Geist ist frei!" Sein letzter Blick galt mir bevor Asteroth seine Zähne in den Hals meines Meisters grub und ihm die Kehle zerfetzte.
"NEINNN!" Ich fiel zu Boden, meine Beine versagten mir den Dienst. Ich konnte nicht fassen was ich da sah. Das konnte einfach nicht wahr sein. Sen Lar konnte nicht tot sein. Ich wollte es nicht wahrhaben. Doch es war geschehen! Asteroth ließ den leblosen Körper zu Boden falle, wischte sich das blutverschmierte Maul ab und kam auf mich zu.
"Dein Meister ist tot, nun gehörst du mir!" herrschte er mich an. Ich war unfähig etwas zu sagen oder zu denken mein Blick haftete alleine auf dem Leichnam meines Mentors und Meisters.
"Du gehörst zu mir. Folge mir, schließe dich mir an. Werde nun mein Schüler." Ich gab Asteroth keine Antwort, ich beachtete ihn nicht einmal. Meine Blicke hafteten auf Sen Lar. Der Erzvampir wurde wütend. "Wie du willst. Ich habe dich geschaffen und du wirst mir dienen oder sterben!" Asteroth wollte mich packen doch musste in diesem Moment wohl jemand Erbarmen mit mir haben, denn im gleichen Moment hoben sich die ersten Sonnenstrahl über die Hügel und tauchten das blutige Schlachtfeld in ihren Glanz. Asteroth zuckte fauchend zurück. "Wir werden uns wieder sehen." Dies waren die letzten Worte von ihm bevor auch er sich zu verwandeln begann, allerdings nicht in einen Nebel oder Dunst sondern in einen pechschwarzen Raben der schnell wie der Wind davon flatterte. Ich krabbelte langsam auf meinen Meister zu der immer noch blutüberströmt auf den steinigem Boden lag und versuchte das unbegreifliche zu erfassen.
7.
Sen Lar war tot!
Daran bestand kein Zweifel. Ich kniete vor seinem leblosen Körper während sich die grelle Sonnenscheibe über den mystischen Hügel schob. Ich fühlte Trauer, Verständnislosigkeit und unbändige Wut. Wut auf Asteroth und seine Bande, Wut auf meinen Meister das er sich so leichtsinnig in Gefahr begeben hat und Wut auf mich selbst das ich ihn nicht zurückgehalten hatte. Es war nicht gerecht. Ich kannte diesen Mann gerade einmal seit drei Monaten und trotzdem war zwischen uns eine tiefe Freundschaft entstanden die nun viel zu schnell zerbrochen, auseinander gerissen wurde. Ich strich meinem Freund das feuchte von Blut verklebte Haar aus dem Gesicht und stellte fest dass auf seinem Gesicht ein Lächeln war, ein tiefer Frieden. Der gleiche Ausdruck den er mir zuwarf, Sekunden bevor er starb.
Warum, fragte ich ihn. Wieso hatte er das getan! Aber ich wusste die Antwort bereits. Seine Zeit war vorbei. Er wollte endlich wieder zu seinen Brüdern. Sie alle gingen ihm voraus und ließen ihn zurück, nun endlich ist er wieder bei ihnen. Er musste nur warten bis er einen Nachfolger gefunden hatte, und das sollte ich sein. Meine Ausbildung war beendet und damit war Sen Lars Aufgabe erfüllt. Er ging auf dem Berg um zu Sterben, so wie viele vor ihm hier an diesem Ort ihr Leben ließen Aber ich war noch nicht so weit. Der Blutrausch hatte mir auf erschreckende Art und Weise gezeigt welche Folgen mein Handeln haben konnte. Ich konnte jetzt noch nicht sein Erbe antreten! Oder doch? Vielleicht redete ich mir das nur ein. Sen Lar glaubte an mich, warum ich nicht? Ich stand langsam auf, mein Entschluss stand fest. Sen Lars tot sollte nicht umsonst gewesen sein. Ich war nun bereit für dieses neue Leben das einem der Drake-Stone-Mountain angeblich schenkte, doch vorher galt es noch etwas zu tun um von meinem alten Leben Abschied zu nehmen. Ich musste meinen Freund begraben, und ich wusste auch schon wo...
Ich wanderte durch die Finsternis des Berges, in meinen Armen trug ich den leblosen Körper meines gefallenen Meisters. Es gab nur einen Ort der ihm würdig war, und wenn die Legende stimmte so konnte es kein Zufall sein das Sen Lar ausgerechnet hier starb. Es war eine Fügung, die die Weichen für sein Leben nach dem Tot stellen würde, ich war der Schlüssel dazu. Lange wanderte ich durch die mystischen Gänge und Verzweigungen des Labyrinths, die sich im Inneren dieses Bergmassives befanden. Ich würde ihn in einer der Grabkammern beerdigen sofern diese existierten, das war ich ihm schuldig. Stundenlang suchte ich nach ihnen und hatte die Hoffnung schon beinahe aufgegeben als ich endlich fündig wurde.
Die Kammer des legendären Helden Drake sollte ich nicht finden. Jene die ich fand war ziemlich klein und bescheiden, doch strömte sie eine seltsame Kraft aus, die mir großes Unwohlsein bereitete, wie immer wenn ich etwas Heiliges betrat. Eine Kraft die von irgendeinem Totengott herrührte und der sein Reich gegen den Feind verteidigen wollte, und das war ich. Doch ich hielt stand, die Kraft war schon alt und schwach. Ich bettete Sen Lar auf einem steinernen Altar, versuchte ihn so gut es ging zu reinigen, wusch Dreck und Blut von ihm ab bis meine Wasserflasche leer war. Seinen treuen Stab legte ich ihm in die Hände die ich vor seiner Brust verschränkte. Er sah friedlich aus, so wie er da lag, friedlich und stolz. Langsam schloss ich ihm die Augen.
"Lebt wohl, mein Mentor, Meister und Freund. Ich werde euch nie vergessen und was ihr für mich getan habt. Ihr habt euer Leben gegeben um mir ein neues zu schenken" flüsterte ich. Ich schloss die Augen, schluckte. Der Abschied fiel mir unendlich schwer. Was sollte ich nur tun oder sagen. Ich wusste es nicht. Schließlich ergriff ich seine Hand. "Ich werde tun was ich tun muss, so wie ihr es wolltet. Ich werde euch rächen und eueren Kreuzzug fortsetzen. Ich werde sie bekämpfen, bis aufs Blut. Auge um Auge, Zahn um Zahn, das verspreche... nein das schwöre ich euch!" Meine Hand, die seine hielt, verkrampfte sich während ich sprach. Mehr gab es nicht zu sagen. Ich sah ein letztes Mal zu ihm zurück, einen kurzen Moment in denen ich mich an die schönen Tage zurückerinnerte, dann verließ ich die Kammer. Ich sah das der Torbogen lediglich aus Holzbalken bestand die das Gestein trugen. Ich nahm mein Schwert und hieb auf den Querbalken an der Decke ein bis er brach und der Eingang der Kammer von dem Geröll verschüttet wurde. Niemand sollte hier jemals eindringen und das Grab schänden, Sen Lar hatte seine Ruhe und seinen Frieden verdient. Danach verließ ich das Labyrinth.
Ich stand auf dem Bergplateau, mittlerweile hatte es zu regnen begonnen und ein Sturm zog auf. Mein schwarzes Haar wehte im Wind und mein Blick schweifte über das Land. Wohin sollte ich nun gehen? Ich musste dieses Land verlassen, hier war ich nicht mehr sicher. Ein Lebensabschnitt ging für mich zu Ende und ein neuer begann. Die Zeit des Jägers war angebrochen. Ich brauchte eine neue Identität, damit sie mich nicht so schnell finden würden. Einen neuen Namen, der gleichzeitig auch der endgültige Beweis für ein neues Leben sein sollte. Von diesem Moment an war ich nicht länger Norin Read, der Schüler, von diesem Moment an war ich DRAKE DU KANE der Jäger. Drake, wie der Drake-Stone Mountain, meinem Geburtsort, und Kane nach dem Gründer der C'ael Rohen Selfter Kane. Dieser Name sollte in Zukunft Furcht und Schrecken unter den Geschöpfen der Nacht verbreiten, unter diesem Namen würde ich mein Erbe antreten. Ich wusste nicht wohin mich meine Schritte nun lenken würden und was mich dort erwarten würde, aber gleich was es auch sei, ich würde mein Versprechen halten.
Was ist los?
Was war geschehen?
Ist er nun einer von uns?
Der Jäger war geboren. Mit dem Blute seines Mentors getauft erhob er sich auf dem Berg des Schicksals. Nun war er frei, und doch gebunden an einen Schwur der seine ganze Existenz bestimmen sollte. Doch wir wollen ihn, begehren ihn, verlangen nach ihm.
Die dunklen Mächte sammelten sich, drohten zu explodieren, doch er stand wie ein Fels in der Brandung. So leicht würde er es ihnen nicht machen. Oh nein, noch war der Kampf nicht entschieden. Er würde lange und blutig werden, doch sein Sieger war noch nicht gewiss...
Kapitel 3
Das Orakel
1.
Mein Leben begann sich seit jener Nacht zu verändern. Völlige Orientierungslosigkeit war das häufigste Gefühl das mich beherrschte. Woher kam ich, wohin sollte ich gehen, zu wem gehörte ich? Ich wusste keine Antworten. Mein Meister war tot! Nur er hatte mir nach meiner Verwandlung einen Platz in der Welt anbieten können. Nun da er fort war wusste ich nicht was ich tun sollte. Ich verließ Ankohead und das Königreich, denn hier konnte ich nicht bleiben wollte ich meinem Meister nicht alsbald folgen. Der Fall war nun klar. Asteroth hatte Tarim vertrieben und konnte sich nun in aller Ruhe die Stadt, wenn nicht gar das ganze Land Untertan machen. Es war nur eine Frage der Zeit, und davon hatte ein Vampir mehr als genug. Seine Intrige war perfekt aufgegangen. Wie die Zahnräder die ineinander griffen, hatten wir wie nach seinem Textbuch gehandelt. Er hatte uns gegeneinander ausgespielt um am Ende als Sieger hervor zu gehen. Doch noch war es nicht vorbei. Ich würde wiederkehren und abrechnen... doch zunächst musste ich dafür sorgen dass meine eigenen Kräfte stärker wurden, den obgleich ich nun meine Ausbildung abgeschlossen hatte, so fehlte mir die Übung und Erfahrung eines Heldenlebens.
Und genau das wollte ich nun führen. Endlich einmal ein Held sein. Vielleicht konnte ich so meine dunkle Seite besiegen und die grausamen Visionen aus meine Kopf verdrängen, dich mich heimsuchen. Visionen von Blut und gelben Augen. Mir war klar dass die Zeit des Schülers vorbei war und das nun vermutlich erst einmal die Zeit des Wartens und Kräftesammelns anbrechen würde, doch wollte ich diese Zeit sinnvoll nutzen um die Welt zu bereisen. Ich kannte mich in der Welt nicht sonderlich gut aus, aber das hielt mich nicht davon ab. Ich ging einfach los, immer der Nase nach um den ganzen Kontinent zu besuchen. Große Städte, mystische Wälder, einmal das Meer sehen, all solche Dinge. Nirgends hielt ich es lange aus. Ich kehrte zu meinen Wurzeln zurück, denn schon als Mensch war ich rastlos und immer auf der Suche nach neuen Entdeckungen.
Die Zeit hing ins Land. Ich verdiente mich als Söldner, Rausschmeißer oder besorgte seltene und wertvolle Schätze, war mal hier mal da. Es wäre mühsam alles aufzuzählen was ich in jener Zeit gemacht hatte, deshalb will ich nur von den wichtigsten Sachen berichten die mir in meiner Abenteurerlaufbahn widerfahren sind. Sie alle hingen irgendwie zusammen, so als wäre mein ganzes Leben ein dichtes Netz dass das Schicksal gewebt hatte. Doch ich greife vor, fangen wir von vorne an:
Das erste besondere Ereignis geschah etwa drei Jahre nach der Schlacht. Mittlerweile wurde ich ein richtig guter Kämpfer, überlegter, ruhiger und erfahrener. Meine böse Seele hatte ich unter Kontrolle, von meinem Meister hatte ich endgültig Abschied genommen und ich hatte die Jagd eröffnet. Natürlich ging ich neben der Jagd auch anderen Tätigkeiten nach. Ich war nie ein sehr ehrenhafter Mann und verlangte grundsätzlich meinen Preis der von mal zu mal höher wurde, aber auch ich besaß noch einen Gerechtigkeitssinn. Des Öfteren galt es Kreaturen zu vertreiben, irgendwelchem abergläubischen Geschwätz über Geister und Dämonen nach zugehen (an denn selten etwas dran war) und ab und an wurde mir sogar die Ehre zuteil tatsächlich auf Untote zu stoßen. Und selbst wenn diese zu denen gehörten die nicht der Gilde dienten, war es mir stets ein Vergnügen ihnen den Garaus zu machen, erinnerten sie mich doch an mein eigenes Schicksal. Wie dem auch sei, mein Hauptziel war natürlich die Jagd nach Ihnen, und in den drei (sehr Lehrsamen) Jahren gelang es mir fast ein Dutzend aufzuspüren und zur Strecke zu bringen, allesamt niedere Vampire. Ihre Verhaltensmuster glichen sich erstaunlich und es fiel mir von mal zu mal leichter sie aufzuspüren. Sie zu bekämpfen war hingegen nicht so leicht. Es war nicht einfach einem Wesen das schnell wie der Wind und stark wie 10 Männer war, einen Pflock durchs Herz zu rammen. Doch ich lernte. Nach und nach wurde ich geschickter, vorsichtiger und erfolgreicher. Einmal begegnete ich sogar einem hohen Vampir, doch entkam er mir leider da ich seine Stärke unterschätzte. Aber eines war gewiss. Sie wussten dass sie einen neuen Feind da draußen hatten. Einen allgegenwärtigen Schatten, der sie aufspüren und richten würde. Von Asteroth, Tarim o Kiel oder einem anderen bedeutenden Vampir jedoch fehlte jede Spur und mir gelang es nicht einmal auch nur einen entfernten Hinweis zu erhaschen was sie gerade planten, wo sie sich befanden oder ob sie mich suchten. Die Gilde hatte ihre Drohung offenbar wahr gemacht und Asteroth als Verräter von der Gilde ausgeschlossen. Er war nun sozusagen vogelfrei. Asteroth war jedoch wie vom Erdboden verschluckt. Um sie wurde es lange Zeit still. Doch die Vampirjagd war mittlerweile zu etwas alltäglichem für mich geworden, auch wenn es natürlich jedes Mal etwas Besonderes war. Aber ich will nun von einem anderen Ereignis berichten das mein Leben in eine neue Bahn lenken sollte.
2.
Es regnete in Strömen. Es war früher Abend, die Sonne versank gerade und ich erreichte ein kleines beschauliches Nest irgendwo im Niemandsland. Vor mir konnte ich eine Schenke ausmachen, wohl die einzige in diesem Dorf. Zumindest war es der einzige Ort in dem Licht brannte. Nun, ich hielt nie viel von Wasser und beschloss dort einmal reinzuschauen und mich ein wenig umzuhören. Ich lenkte meine Schritte also in Richtung Taverne und konnte schon von weitem munteres Gelächter vernehmen.
Als ich die schwere Eichentür öffnete schlug mir eine derbe Mischung aus Bier, Pfeifenqualm und Schweiß entgegen, eine Mischung die man wohl in jeder Schenke antraf. Das Bild das sich mir bot, entsprach ebenfalls dem was ich erwartet hatte. Die Taverne machte einen gemütlichen, rustikalen Eindruck. Die Leute waren hauptsächlich stämmige Männer, deren Gesichter rau und hart wirkten. Die Stimmung schien gut zu sein, der Wirt war eifrig damit beschäftigt den stetigen Bierfluss nicht zu unterbrechen. Die Stimmung änderte sich allerdings schlagartig als ich das Gasthaus betrat. Vermutlich kam nicht jeden Tag ein Gast wie ich in dieses beschauliche Lokal. Von Kopf bis Fuß komplett in Schwarz gekleidet, mit kreidebleicher Haut und solch seltsamen Augen, zwei Schwerter auf dem Rücken ...so etwas sah man hier wohl nicht alle Tage. Augenblicklich verstummten alle Gespräche und sämtliche Blicke galten mir als ich mich langsam und unbeeindruckt zur Theke vortastete. Dem Wirt schien nicht ganz wohl zu sein als er mich sah, obwohl er gut einen halben Kopf größer war als ich und auch deutlich stämmiger gebaut. Aber ich strahlte wohl etwas aus dass einen normalen Menschen Abstand nehmen ließ. Konnte mir nur Recht sein. Ich setzte mich auf einen der Barhocker und wartete darauf bis sich jemand meiner annähme, was allerdings auf sich warten ließ, da sich keiner auch nur ein Stück weit bewegte. Schließlich kam der Wirt dann doch.
"Äh..., was darf es denn sein?" fragte er mich zögernd.
"Bier" antwortete ich knapp. Mir war nun wirklich nicht nach einer Plauderei zumute. Während der Wirt sich um meine Bestellung kümmerte kam auch in den Rest der Gäste wieder Leben, die mich entweder weiter verstohlen musterten oder angeregt anfingen zu tuscheln. Ein besonders neugieriger kam sogar zu mir.
"Ihr seid wohl nicht von hier mein Herr, ich habe euch hier zumindest noch nie gesehen."
"Bin auf der Durchreise" antwortete ich. Der Wirt kam wieder und brachte mein Bier. Es schmeckte nicht schlecht, allerdings war ich niemand der darauf viel Wert legte. Geschmack hatte für mich jegliche Bedeutung verloren, außer der von Blut.
"Nun, äh was führt Euch denn in unser kleines Nest, wir sind Fremde hier nicht gewohnt." Ich sah den Kerl ungläubig an. Der ließ nicht locker.
"Es regnet und ich werde nicht gerne nass, deshalb bin ich hier." fuhr ich ihn gereizt an. Ich hoffte den Typ damit endlich los zu sein, doch weit gefehlt. Zwar zuckte dieser kurz zusammen, erhob jedoch sofort wieder das Wort: "Nun, wenn ich mir Euere Schwerter so ansehe würde ich sagen ihr seit kein gewöhnlicher Reisender. Seid ihr etwa ein Söldner oder ein Kopfgeldjäger oder so etwas. Ich hoffe es wird keinen Ärger geben?" Der Mann schien leicht verängstigt.
Ich grinste den Mann an. "Vielleicht bin ich ja beides. Aber ich bin nicht hier um Ärger zu machen. Zumal habt Ihr mich jetzt genug gefragt, ich fange an meine Geduld mit Euch zu verlieren, also zieht von Dannen und lasst mich in Ruhe."
Wieder zuckte der Fremde zusammen und trotzdem wollte er sich nicht entfernen. Ich fragte mich langsam ob der Kerl Lebensmüde oder einfach nur Blöd war als er endlich damit herausrückte: "Verzeiht, ich war wohl etwas zu aufdringlich. Darf ich mich vorstellen, mein Name ist Falbon Tamm und ich bin so etwas wie der Vorstand von diesem Weiler..."
"Schön für Euch." sagte ich knapp ohne ihn anzusehen und nahm einen Schluck von meinem Bier.
"Nun der Grund warum ich mit euch rede ist, weil ich glaube das Ihr uns helfen könntet. Wir haben seit geraumer Zeit Probleme mit, nun ja wie soll ich sagen. Ich weiß nicht was für einen Namen dieses Ding hat, aber es treibt hier schon seit geraumer Zeit sein Unwesen." Ich sah den Mann an wie er vergeblich nach Worten suchte.
"Was soll das denn jetzt sein?" fragte ich ihn ungeduldig.
"Nun ja, es ist ein Tier, oder so etwas Ähnliches. Drei Meter groß und es kann fliegen. Es kommt immer nur in der Nacht und es besteht aus... äh... aus Stein!"
"Ein Gargoyl? Ihr meint einen Wasserspeier? Und der soll sich hier in einem Dorf wie diesem herumtreiben? Ausgeschlossen, Gargoyles leben in großen Städten, auf alten Gemäuern, Kirchtürmen und auf Burgmauern. Was wollte er wohl in dieser götterverlassene Gegend?"
"Aber wir haben eine alte verlassene Burg. Schon halb verfallen, oben auf dem Hügel. Von dort kommt er immer, aber keiner hat es bisher gewagt dorthin zu gehen. In der Burg spuckt es, und diese Bestie ist der Beweis dafür. Jeden Mond kommt es mindestens einmal und macht sich über unser Vieh her."
"Ihr wollt mir also allen ernstes erzählen, dass sich auf einer alten heruntergekommenen Burg ein Gargoyl aufhält der euer Vieh verstümmelt?" Ich dachte nach. Ich hatte von diesen Wesen gehört, aber ich wusste nicht einmal ob es sie überhaupt gab. Andererseits glaubte ich früher auch dass Vampire Legenden seien. Aber ich hatte noch von keinem Gargoyl gehört der sich sosehr in die Einsamkeit zurückgezogen hatte. Normalerweise bevorzugen sie große Städte wo viele Menschen waren. Aber natürlich könnte es sich hier um eine Ausnahme handeln. Die Leute hier machten mir allerdings einen sehr abergläubischen Eindruck, wie es bei den einfachen Bauern üblich war. Vielleicht hatten sie sich das nur ausgedacht.
"Und was soll ich Euerer Meinung nach tun?" fragte ich den Dorfschulzen (oder was immer der Mann war).
"Nun, wir haben gehofft dass ihr die Bestie töten würdet. Ich bin bereit euch 30 Goldstücke zu zahlen."
Ich lachte. "Sehe ich aus wie jemand der von jedem Aufträge annimmt?"
"Nun, ich äh...hoffte, das ihr äh..." Der Mann kam ins stottern, wusste nicht mehr was er sagen sollte.
"Ich will 50 und keinen Silberling weniger. Dafür werde ich zu dieser Ruine gehen, nachschauen ob dort etwas ist und es vernichten. Und wenn dort nichts ist werde ich mir trotzdem die 50 Goldstücke holen, ist das klar?"
Der Mann nickte ängstlich.
"Na dann wäre ja alles geklärt." Ich bestellte mir noch ein Bier und ließ mir erzählen was die Leute über diesen Wasserspeier zu berichten wussten.
Zum ersten Mal wurde die Kreatur vor 3 Monden gesehen. Ein Bauer berichtete, dass er in der Nacht etwas gehört hätte. Im Schein seiner Lampe erkannte er eine riesige Gestalt wie sie gerade wegflog, er konnte aber nicht erkennen um was es sich handelte. Auf jeden Fall fand der Bauer die Überreste von zwei Kühen und 3 Ziegen im Stahl. Von ihnen blieb nicht fiel übrig, scheinbar hatte das Wesen sie lebendig verschlungen. Danach verging kaum eine Woche in der nicht jemand das Wesen gesehen zu haben glaubte. Nach den Beschreibungen der verschiedenen Anwesenden in der Kneipe, die angeblich alle das Monster gesehen hatten wollen, schloss ich, dass es sich tatsächlich um einen leibhaftigen Gargoyl handeln musste. Jedes Mal kam er in der Nacht und fraß ein paar Tiere der Bauern. Aber er hatte noch keinen Menschen angegriffen - noch nicht. Für die Bewohner stellte er auf jeden Fall eine Bedrohung da und ich sollte mich wohl um das Problem kümmern.
Nun ja, wollte ich nun ein Held sein, oder nicht? Außerdem hatte ich noch nie einen Gargoyl gesehen. Ich war also einverstanden und wollte mir die Sache einmal ansehen. Ich ließ mir den Weg zur alten Burgruine beschreiben (keiner wollte mich begleiten, was mir auch ganz Recht war, da ich es gewöhnt war alleine zu arbeiten) und machte mich dann sogleich auf den Weg. Ich hielt es für einen Auftrag wie jeden anderen, doch sollte sich meine Meinung bald ändern. Der Wirt bot mir ein Zimmer für die Nacht an, doch ich lehnte ab. Natürlich hielten sie mich alle für verrückt als ich ihnen sagte dass ich noch heute Nacht zur Ruine wollte. Keiner würde nachts diesen verfluchten Weg gehen, aber die Nacht war eben meine Zeit und ich wollte schließlich auf den Gargoyl treffen der womöglich am Tage schlafen würde. Es sprach also alles dafür keine Zeit zu verlieren und sofort aufzubrechen. Als ich die Gaststube verließ wurden mir noch Beistände der Götter und ähnlich dummes Zeug hinterher gerufen, doch war ich schon ein paar Sekunden später von dem stürmischen Wetter verschlungen.
3.
Während ich durch den Sturm wanderte, fragte ich mich im Nachhinein immer wieder warum ich mich so schnell auf die Sache eingelassen hatte. Es war eigentlich nicht meine Art so überschnell und unüberlegt zu handeln, aber etwas tief in mir sagte mir dass es wichtig war zu dieser alten Ruine zu gehen und ich hatte gelernt auf mein Gefühl zu vertrauen. Es hatte mich noch nie im Stich gelassen. Es war nicht gerade eine Freude bei strömenden Regen durch den Matsch zu waten der Mal einen Pfad darstellte, aber Angst mir eine Erkältung zu holen hatte ich nun wirklich nicht. Über mir vernahm ich leises Donnergrollen und ab und zu wurde das Firmament in helles Licht getaucht, wenn ein Blitz den Himmel zerriss. Genau das richtige Wetter um eine alte verlassene Burg zu durchkämmen auf der es spukte. Ich kam mir vor wie in einem dieser billigen Bücher die an den Märkten feilgeboten wurden.
Nachdem ich etwa eine halbe Stunde dem Weg (oder was davon übrig war) gefolgt war konnte ich sie schon vor mir ausmachen. Tatsächlich machte das alte Schloss keinen allzu guten Eindruck auf mich. Sie musste schon seit langer Zeit verlassen sein so heruntergekommen wie sie war. Die Westmauer war nur noch ein Haufen Geröll, der rechte Wachturm war in sich zusammengebrochen, von dem Wehrgang der wohl mal aus Holz bestand war nichts mehr übrig bis auf ein paar einzelne vermoderte Bretter. Die Fenster waren allesamt kaputt oder zugenagelt, Türen hingen aus den Angeln oder fehlten ganz und hin und wieder fanden sich mannsgroße Löcher in den Mauern. Der ehemalige Schlossgarten bot ein jämmerliches Bild, um genau zu sein existierte er eigentlich nicht mehr. Hier und dort fand sich im Staub noch das ein oder andere Schwert, Helm oder Schild.
Das Prasseln des Regens, das Pfeifen des Windes und das Grollen des Donners untermalten diese Szenerie passend. Ich sah mich um, keine Anzeichen hier irgendetwas vorzufinden. Plötzlich glaubte ich im gleißenden Licht eines Blitzes eine wuchtige Gestalt auf dem linken Turm zu erkennen. Was war dass? Kaum hatte sich wieder die nächtliche schwärze über die Ruine gelegt, war die Gestalt verschwunden. Hatte ich mir dies eingebildet? Nein, da war etwas, dessen war ich mir sicher. Ich beschloss äußerst vorsichtig zu sein.
Das Burggatter war herabgelassen, so beschloss ich über die Mauer zu klettern was angesichts ihrer Baufälligkeit gar nicht so leicht war (mal ganz abgesehen davon das die Mauer vom Regen glitschig war). Im Burghof angekommen suchte ich einen Eingang ins Innere des Schlosses. Der Hof selbst offenbarte nichts Aufregendes. Da die Türen nicht mehr vorhanden waren, stellte es auch kein Problem dar ins Innere vorzustoßen. Im Inneren war es noch finsterer als es in dieser stürmischen Nacht ohnehin schon war, selbst für meine vampirischen Augen war es zu dunkel. Zum Glück hingen an denn Wänden Fackeln wie ich tastend feststellte, die ich schnell entzündet hatte. Die Fackel warf ein unheimliches fahles Licht an die Wände und ich wurde Zeuge eines faszinierenden Schattenspiels: Der Schatten einer Fackel die durch die Luft zu schweben schien als wäre ich unsichtbar. Ich arbeitete mich langsam vor, immer gefasst dass ich jeden Moment von einer gewaltigen steinernen Pranke gepackt würde, aber nichts geschah.
Nach dreijähriger Berufserfahrung war es für mich nicht das erste Mal das ich dunkle alte Gewölbe untersuchte und so war dies schon fast Routine. Ich fand einen alten Speisesaal, Küche, Speisekammer, Wohnzimmer, Waffenkammer, Galerie und andere Räume die typisch waren für alte Schlösser. In keinem der Räume ließ sich etwas Besonderes entdecken außer viel Staub. Lediglich in den Schlafsälen entdeckte ich zwei Skelette in den Betten. Waren früher vermutlich Wächter gewesen die man im Schlaf erdolcht hatte. Trotz meiner Befürchtungen aber standen sie nicht plötzlich auf um mich anzufallen - es waren eben nur alte Knochen.
Wie einem solche Dinge nach einiger Zeit in Fleisch und Blut übergingen, war schon erstaunlich. Ich schritt durch die dunklen Gänge als wäre es das selbstverständlichste auf der Welt. Andererseits konnte ich hier auch nichts entdecken dass mir hätte gefährlich werden können. Sicher, hier war es dunkel, muffig, gruselig, kein Wunder das man hier von Geistern munkelte wie es bei einfachen Dörflern eben üblich war. Aber ich konnte bisher nichts entdecken außer dem Staub der Zeit.
Interessanter wurde es dann schon als ich den Abgang in den Keller fand, eine glitschige glänzende Treppe. Ich musste mich am Treppengeländer festhalten um nicht auszugleiten so rutschig waren die Steinstufen. Ich leuchtete mit meiner Fackel den Weg ab und konnte frisches Blut entdecken das überall auf der Treppe verteilt war. Langsam schloss ich die Augen um das Tier in mir zu zähmen. Der Anblick von Blut war noch immer gefährlich für mich. Im Moment brauchte ich all meine Sinne, ich durfte mich nicht von so etwas ablenken lassen. Schließlich hatte ich mich wieder unter Kontrolle und schritt langsam die Treppe hinab. Im selben Moment vernahm ich ein lautes animalisches Brüllen unten aus dem Keller. Ich hatte nie zuvor etwas so Brüllen hören, dass war definitiv kein Mensch. Es klang viel größer, gefährlicher. Sogleich machte ich mich auf den Weg nach unten. Unten angekommen entdeckte ich die Quelle des Blutes welches an der Treppe klebte. Vor mir lagen die Überreste eines Tierkadavers. Es handelte sich wohl einmal um eine Kuh. Es sah aus als hätte etwas faustgroße Fleischbrocken aus ihr herausgerissen. Meine Zweifel hatten sich in nichts aufgelöst. Was auch immer die Bauern gesehen hatten, es war hier. Ich zog eines meiner Schwerter (in der anderen Hand hielt ich noch immer die Fackel) und sah mich vorsichtig im Keller um, versuchte erst einmal mich zu orientieren. Vier Türen, eine davon aus schwerem Gusseisen. Ich öffnete zuerst die drei einfachen Holztüren die mir kaum Widerstand entgegenbrachten. Die erste war eine verrottete Kerkerzelle in der ich ein weiteres Skelett vorfand. Wohl ein Gefangener der hier verhungert war. Die zweite war eine Gerümpelkammer in der absolutes Chaos herrschte. Aber niemand hätte sich dort verstecken können so voll gestopft war sie. Das dritte Zimmer schließlich war eine Wachstube in der wohl früher die Gardisten ihren Dienst ausübten. Mehr als die schmächtigen Überreste eines alten Schreibtisches konnte ich hier allerdings nicht identifizieren. Blieb nur noch das große gusseiserne Tor das den Zahn der Zeit recht gut überdauert hat. Es waren einige harte Schläge erforderlich bis das alte Vorhängeschloss endlich nachgab und das Tor aufschwang. Mit gezücktem Schwert stürmte ich in den Raum.
Ich ließ den Schein meiner Fackel durch den Raum gleiten. Eine Folterkammer, wie passend. Streckbänke, eiserne Jungfrauen, Daumenschrauben, Schürhaken, Räder, Stricke, Messer, Äxte, nichts fehlte hier. Langsam tastete ich mich durch den Raum. Irgendwo hier musste etwas sein. Langsam setzte ich einen Fuß vor den anderen, die Fackel spendete zu wenig Licht für einen so großen Raum. Ich fühlte das Gefahr drohte. Irgendein Gefühl, wie ich es öfters hatte. Dann bemerkte ich aus den Augenwinkeln eine Bewegung. Blitzschnell drehte ich mich um und richtete Fackel und Schwert gleichzeitig auf das Untier...
...das sich als eine Ratte erwies die mich verängstigt ansah und dann schnell davonhuschte. Ich atmete tief aus und entspannte mich. Ich machte mich hier noch selbst verrückt.
Dann geschah es! Ich merkte es zu spät, zu sehr war meine Aufmerksamkeit bei der Ratte. Ein Brüllen hinter mir und schon flog ich quer durch den Raum. Die Fackel entglitt mir und rollte brennend über den Boden. Hart schlug ich gegen die Wand. Dann hörte ich es wieder brüllen und plötzlich ein ohrenbetäubender Lärm von bröckelnden Steinen. Der Boden bebte. Dann war es still, absolut still. Ich richtete mich auf, rieb mir meine geschundenen Knochen und hob die Fackel auf die wie durch ein Wunder immer noch brannte. Als ich mich umsah wusste ich auch woher der Lärm kam. Irgendetwas hat ein zwei Meter breites und fast 5 Meter hohes Loch in die Ostwand des Raumes gerissen. Ich konnte den angrenzenden Raum hindurch erkennen, die Zelle. Dort wiederum gähnte ein ähnliches Loch in der Decke. Erst jetzt fiel mir ein dass ich solche Löcher schon öfters im Schloss gesehen hatte. Ich hielt es einfach nur für Verfall, aber scheinbar war dies die Art dieses Wesens, sich fortzubewegen. Wie dem auch sei, ich musste hinterher bevor es verschwunden war. Ich stürmte also wieder die glitschige Treppe hinauf und folgte dann einfach der Schneise der Zerstörung. Sie führte direkt hinaus in den Burghof.
Draußen angekommen stellte ich fest dass es noch immer unaufhörlich regnete denn ich war schon wieder bis auf die Haut durchnässt. Auch das Gewitter schien jetzt erst richtig in Wallung zu kommen. Grelle Blitze zuckten über den schwarzen Himmel, ließen ihn grell aufleuchten. Doch ich konnte nichts entdecken. `Es spielt mir dir` schoss es mir durch den Kopf. Ja natürlich. Was auch immer hier lauerte, es versuchte mich auszutricksen. Ich drehte mich im Kreis und sah gen Himmel, suchte die Burgmauern und Türme ab.
"WO BIST DU? ZEIG DICH VERDAMMT! ICH BIN HIER!!! NA LOS, KOMM UND HOL MICH ODER HAST DU ETWA ANGST VOR MIR?" Ich brüllte die Worte in die Nacht hinaus und das Echo wurde hundertfach von den alten Mauern zurückgeworfen. Dort stand ich, mitten im Hof die Arme in den Himmel gereckt, der Regen prasselte unaufhörlich auf mich hernieder und wartete darauf das sich mein Gegenspieler endlich zeigen würde. Und das tat er tatsächlich!
Plötzlich packten mich zwei steinerne Pranken an den Schultern und ich fühlte wie ich auf einmal hochgehoben wurde und durch die Luft segelte. Hart schlug ich auf dem Boden auf.
Da stand er vor mir, ein leibhaftiger Gargoyl. Er maß mindestens vier Meter, er hatte riesige steinerne Schwingen, Arme so dick wie Betonpfeiler und ein kantiges grimmig schauendes Gesicht wie die Wasserspeierfiguren die an einen Kobold erinnerten. Ich stand langsam auf. Ich hatte keine Ahnung ob er mich verstehen konnte oder ob er mir gleich den Kopf abreißen wollte. Die Frage beantwortete sich im selben Moment in dem sie mir durch den Kopf schoss, als der Gargoyl das Wort an mich richtete: "WER SEIT IHR UND WAS HABT IHR IN MEINER BURG VERLOREN?" donnerte mich eine gewaltige Stimme an. Ich wich intuitiv ein Stück zurück und bereitete mich auf den Angriff vor.
"Mann nennt mich Drake du Kane und ich bin hier um euerer Schreckensherrschaft ein Ende zu bereiten." antwortete ich laut in der typischen Heldensprache(mutig, protzig und unüberlegt). Doch der Gargoyl fiel mich nicht wie erwartet an, sondern er begann zu lachen. Zumindest vermute ich dass es sich bei diesem seltsamen Geräusch das der Gargoyl von sich gab um ein Lachen handelte. Dieses Steinwesen nahm mich zweifellos nicht ganz ernst.
"Sieh an sieh an, ein weiterer Söldner der sich anschickt mir den Garaus zu machen." Nun klang die Stimme schon deutlich ruhiger.
"Ganz recht, aber ich wüsste nicht was es da zu lachen gibt." Mir kam die ganze Sache langsam etwas dämlich vor, ich hatte keine Ahnung wie man mit einem Gargoyl umzugehen hatte.
"Was haben dir die dummen Bauern denn über mich erzählt. Das ich ein fliegender Dämon wäre?" Die Frage überraschte mich einen Moment. Er redete auf so eine menschliche Art, ich hatte mir diese Wesen immer anders, mystischer vorgestellt.
"Sie sagen dass du ihr Vieh frisst und verstümmelst und Unglück über ihr Dorf bringst."
"Unglück? Ich beschütze das Dorf! Frag sie wann sie das letzte Mal jemand angegriffen oder ausgeraubt hat. Seit ich auf der Burg hier lebe hatten die Bewohner nie mehr Ärger mit Außenstehenden. Und was das Vieh betrifft, dafür dass ich sie beschütze wird es ja wohl erlaubt sein sich ab und zu das ein oder andere Schaf zu gönnen. Warum seht ihr Menschen es nicht endlich ein. Nicht alles was nicht aussieht wie ihr muss euch feindlich gesinnt sein." Der Gargoyl schüttelte traurig den Kopf. "Wie viel bekommst du dafür?"
"50 Goldmünzen!"
"Ist es dass Wert? Für 50 blinkende Münzen hier sein Leben zu lassen? Du kannst es gerne herausfinden, du wärst nicht der erste der in Stücken zurück ins Dorf kommt. Na los komm her und versuch dein Glück!" Fordernd sah mich der Gargoyl an. Er schien es ernst zu meinen und wenn ich ihn nun angreifen würde, wäre es ein Kampf auf Leben und Tod. Ich begann zu zögern, irgendwie machte er auf mich nicht den Eindruck einer reisenden Bestie. Was wenn er recht hatte? Ich fragte mich sowieso warum ich auf das dümmliche Geschwätz abergläubischer Bauern gehört hatte. Vielleicht weil ich das Gold nötig hatte, vielleicht weil ich endlich mal einen Gargoyl sehen wollte oder einfach nur um mal wieder etwas zu erleben. Doch nun wusste ich nicht so recht was ich tun sollte. Eigentlich gab es keinen Grund ihn anzugreifen. Und vermutlich hätte ich auch keine Chance. Ich hing zwar nicht sonderlich am Leben doch wollte ich es nicht auf so sinnlose Art verschwenden. Ich steckte meine Waffen weg.
"Eine sehr kluge Entscheidung. So noch mal von vorne. Mein Name ist Cas'tohr und ich bin wie du unzweifelhaft erkennen kannst ein Gargoyl. Und du wirkst auf mich nicht wie die gewöhnlichen Spinner die mich sonst aufsuchen. Ich frage mich gerade was du wohl sein magst."
"Was? Was soll das heißen?"
"Nun, ich habe noch nie einen Menschen mit solch seltsamen gelben Augen gesehen, und ein wenig zu blass siehst du auch aus..."
Stimmt, ich hatte ganz vergessen dass der Regen die Schminke weggewaschen hatte mit der ich versuchte meine Leichenblässe zu übertönen.
"...außerdem riechst du so eigenartig modrig. Ja wir Gargoyles riechen gut. Und irgendetwas geht von dir aus, irgendetwas Unnatürliches. Auf jeden Fall bist du kein Mensch."
"Und wenn du recht hättest, ich wüsste nicht was es dich anginge?" Der Gargoyl sah mich lange und intensiv an, es schien fast so als würde er überlegen.
"Es gibt nur einen Fluch der über dich gekommen sein kann. Ich weiß was du bist." Ich betrachtete den Gargoyl misstrauisch an. "Was willst du damit sagen?"
"Das du ein Vampir bist, nicht wahr?"
"Woher willst du das wissen?" stellte ich eine Gegenfrage um Zeit zu gewinnen. Doch der Gargoyl ging nicht darauf ein, er schien weiter zu überlegen. "Antworte mir, ich muss es wissen!" Seine Stimme wurde härter, fordernder.
"Na gut, wenn du es unbedingt wissen willst. Ich trage einen Teil ihres Erbes in mir. Aber wieso willst du das wissen?"
"Und du bist ein Jäger, das sehe ich an den Pflöcken die du am Gürtel trägst." Der Gargoyl brüllte in die Nacht, lange und laut doch könnte ich nicht sagen ob es ein Freuden - oder ein Wutschrei war.
"Der Wanderer der nicht lebt und nicht stirbt und jagt seine eigene Rasse um zu richten denn der ihm den Fluch geschenkt!" Der Gargoyl schien irgendeine Prophezeiung zu zitieren und ich stellte erschrocken fest dass sie geradezu perfekt auf mich zutraf. Etwas Unheimliches ging hier vor. Steckte in diesen alten Gemäuern etwa mehr als das Auge sah?
"Was war das, woher hast du diesen Spruch, wo steht er geschrieben? Los antworte mir!" Ich kam auf ihn zu, seine Größe schien mir plötzlich nicht mehr von Bedeutung zu sein, ich musste wissen woher diese Prophezeiung stammte.
Der Gargoyl lachte(?) erneut. "Endlich habe ich dich gefunden. Nach so vielen Jahren des Wartens bist du nun also endlich gekommen. Das Orakel sprach die Wahrheit."
Orakel? Er mich gefunden? Verdammt was wurde hier gespielt? Ich verstand nun gar nichts mehr. Ich setzte mich erstmal auf den nächsten Stein und versuchte meine Gedanken zu ordnen. Wohin hatte mich denn das Schicksal diesmal geführt? Cas'thor schien meine Ratlosigkeit bemerkt zu haben. "Die Zeit drängt Jäger. Ich werde dir später alles erklären, wir müssen nun los!"
Los? Wohin?
Plötzlich packte er mich und setzte mich auf seinen Rücken. Mir kam ein schrecklicher Gedanke und ich hoffte dass er sich nicht bewahrheiten würde. Doch ich sollte wieder einmal Recht behalten. Auf einmal sprang der Gargoyl mit einem mächtigen Satz an den Wachturm der Burg und fing an, an ihm hinaufzuklettern. Seine Prangen schlugen sich in den harten Fels als bestünde er aus Pappe. "Gut festhalten, könnte etwas ungemütlich werden." sagte er zu mir und im nächsten Moment ließ er sich fallen.
4.
Ich glaubte in einen Abgrund zu stürzten. Alles drehte sich. Instinktiv schloss ich die Augen bis sich alles wieder beruhigt hatte. Als ich es wagte sie wieder zu öffnen stellte ich fest, dass ich 50 Meter über dem Erboden war. Cas'thor glitt sacht im Wind, schien die zusätzliche Last gar nicht zu bemerken die sich an ihn klammerte. Ich gebe zu dass die Luft nie mein Element war. Ich brauchte den Boden unter den Füßen und seit jener Nacht ist eines sicher: Ich hasste fliegen!
Doch im Moment hatte ich ganz andere Probleme. Ich flog hier mit einem Gargoyl durch die Luft, wusste nicht einmal wohin er mich bringen wollte. Oder warum? Woher er mich kannte, woher die Prophezeiung über mich stammte und wieso ausgerechnet ich deren Mittelpunkt sein sollte. Ich betrachtete die Landschaft unter mir. Sie war so winzig wie Spielzeug. Ich glaubte die Kneipe zu sehen in der ich angeheuert wurde. Immer weiter brachte mich der Gargoyl in ungewisse Lande. Doch er schien genau zu wissen wo er hinflog.
"Wo zum Teufel fliegen wir überhaupt hin." schrie ich durch das Getöse des Gegenwindes.
"Du wirst es bald erfahren Auserwählter." war die einzige Antwort die ich erhielt. Zu allem Überfluss nannte er mich jetzt schon Auserwählter. Ich kam mir vor wie in einem Alptraum. Und dem Gargoyl schien es sogar noch Spaß zu machen, ich hätte ihn am liebsten sein schadenfrohes Maul gestopft.
"Sagst du mir jetzt endlich was hier eigentlich gespielt wird." Meine Stimme klang ziemlich wütend, aber entweder hörte er es im Tosen des Fluges nicht, oder er ignorierte es. Ich dachte schon er würde mich überhaupt nicht beachten, als er zu erzählen begann: "Es ist nun etwa 10 Jahre her, da entdeckte ich eine alte Höhle in den Bergen. Gerüchte die ich aufgeschnappt hatte besagten das sie verflucht sei und das jeder der sie betrat des Todes wäre und der Verdammnis anheim fiele. Natürlich war mir das Gerede einerlei, im Gegenteil es machte mich nur noch neugieriger, wie es eben die Art der Gargoyles war. Ich erforschte also die Höhle, doch was ich dort fand überstieg meine kühnsten Vorstellungen..." Cas'thor machte eine Pause, fast so als wollte er die Spannung steigern, wie als würde er eine Lagerfeuer-Gruselgeschichte erzählen.
"In der Höhle lebte ein Orakel. Es war sehr mächtig und sehr alt. Und es duldete keine Eindringlinge. Es sagte zu mir dass jeder der unbefugt sein Reich betrete des Todes sei. Mir wäre es wohl auch so ergangen, und ich zweifle nicht daran dass mich das Orakel hätte töten können wenn es gewollt hätte. Aber es sagte dass es mich verschonen würde wenn ich ihm einen Dienst erweisen würde. Nun ich hatte ja keine große Wahl, also willigte ich ein. Das Orakel sagte mir, dass ein Mann kommen würde, in Schwarz mit zwei Schwertern auf dem Rücken und glühend gelbe Augen. Einer vom Blut der Vampire der sich jedoch von ihnen abgewandt hätte um sie nun zu jagen und zur Strecke zu bringen. Dieser Mann würde irgendwann auf jene verfallene Burg kommen auf der du mich gerade gefunden hast. Das Orakel sagte, dass es diesen Mann unbedingt sprechen müsste und das ich auf die Burg sollte und dort auf ihn warten. Und wenn ich ihn gefunden hätte dann sollte ich ihn unverzüglich zum Berg bringen. Dann hat es mich gehen lassen. Erst dachte ich dran einfach fortzufliegen, nun da ich frei war, aber erstens halten wir Gargoyles immer unser Wort auch wenn es erzwungen wurde, und außerdem wusste ich nicht wie groß die Kräfte des Orakels wirklich waren und ob ich tatsächlich frei war. Angst und Stolz gleichermaßen also bewogen mich fast 10 Jahre auf dieser verdammten Burg auszuharren und auf dich zu warten, und ich bin verdammt froh dass du endlich hier bist und ich mein Versprechen einlösen kann."
Ich saß still und gebannt auf dem Rücken des Gargoyl und lauschte seinen Worten. Konnte das möglich sein? Konnte damit ich gemeint sein? Vor 10 Jahren? Damals war ich 16 und noch weit davon entfernt der zu werden von dem das Orakel sprach. Konnte es das damals schon gewusst haben? Eine dumme Frage, schließlich war es ein Orakel. Aber was zum Teufel war so wichtig an mir? So besonders. Warum musste es mich unbedingt sprechen?
"Du sagst du gingst nur zu der Burg weil du wusstest das ich dort auftauchen würde?" fragte ich Cas'thor.
"So ist es."
"Aber ich ging nur zu der Burg weil du dort warst. Das heißt also dass...das dich das Orakel nur deshalb dorthin geschickt hatte weil es wusste das ich nur so ebenfalls dort hingehen würde und..."
Ich versuchte eine Logik daraus zu schließen, aber ich gebe offen zu das mir dass eine Nummer zu hoch war.
"Ein ganz schön verzwicktes Spiel dass das Orakel da mit uns treibt was?" lachte der Gargoyl, aber mir war nicht nach lachen zu mute. Mein ganzes Leben schien einem Leitfaden zu folgen, als wäre alles vorherbestimmt. Ich konnte jetzt einfach nicht mehr an Zufälle glauben. Vielleicht könnte mir das Orakel ja sagen wie der Faden weitergeht. Was immer es war, es musste wichtig sein. Ich konnte es jetzt kaum mehr erwarten dieses Orakel endlich selbst zu sehen und herauszufinden was mir vorbestimmt war.
Lange sollte ich darauf nicht warten müssen denn plötzlich setzte der Gargoyl zum Sinkflug an. Er deutete auf das Gebirgsmassiv vor mir. "Dort drüben ist es. Es kommt mir vor als wäre es erst gestern gewesen. Ich hoffe du fühlst dich bereit Drake du Kane." Dann ging es runter. Wieder drehte sich alles und ich klammerte mich fester an den kalten Stein als Cas'thor zur Landung ansetzte. Dann endlich hatte ich wieder festen Boden unter den Füßen und sah mich um. Wir standen auf einem Felsplateau, direkt vor uns der Eingang zu einer tiefen schwarzen Höhle. 'Schon wieder Berge' dachte ich, als Cas'thor das Wort an mich wandte: "Das war's dann wohl. Ich habe meinen Teil erfüllt, ich bin frei.10 Jahre sind für einen Gargoyl zwar nicht viel aber ich bin trotzdem froh nicht mehr auf der alten Burg hocken zu müssen. Vielleicht sehen wir uns ja irgendwann einmal wieder Drake du Kane, ich wünsche dir viel Glück." Dann breitete er seine Schwingen aus und im nächsten Moment hatte ihn die Nacht verschluckt. Nun war ich wieder alleine. Es hatte aufgehört zu regnen und auch das Gewitter war weiter gezogen. Ich zog meine Waffen, sicher war sicher, und ging langsam in die Höhle bis mich die Dunkelheit verschlungen hatte...
5.
Das Innere der Höhle war finster und muffig, ich konnte mich nur tastend vorwärts bewegen. Je tiefer ich in die finstere Grotte vordrang umso mehr beschlich mich ein ungutes Gefühl. Als würde da drinnen etwas lauerte das mich verschlingen wollte. Ein beklemmendes Gefühl breitete sich in mir aus und ich stellte fest das ich meine beiden Schwerter so fest umklammert hatte das meine Adern an den Händen hervortraten. Ich glaubte ein leises Summen zu hören das von den Wänden widerhallte. Ganz leise aber vorhanden. Dann glaubte ich vor mir seltsame Lichter zu sehen. Blaue, rote, grüne, gelbe. In allen Farben schwirrten sie durch die Luft. Der Gang wurde breiter, daran Bestand kein Zweifel und mir kam es so vor als würde sich der Weg leicht nach unten neigen. So ging ich den Gang weiter der immer breiter und immer steiler wurde. Um mich herum die mystischen Lichter und das Summen wurde mit jedem Schritt lauter.
Es war kalt, trotzdem schwitzte ich. Der Schweiß lief mir über die Stirn, kalter Schweiß. Langsam gewöhnten sich meine Augen an die Dunkelheit und ich glaubte in der Ferne zu erkennen das der Gang in eine weitere große Höhle mündete. Und was immer auch dieses Summen und diese Lichter zu bedeuten hatten, sie kamen von dort. Es galt jetzt oder nie. Entschlossen schritt ich in die Höhle.
Ich sah mich um. Die Höhle wurde von blauem Feuer erleuchtet, das in mannshohen Metallschalen brannte und sie in ein unwirkliches mystisches Licht tauchte. Zwischen den beiden brennenden Schalen befand sich ein Block aus schwarzem Obsidiangestein. Er war etwa einen Meter hoch, einen halben breit und 2 Meter lang und schien völlig makellos zu sein. Keine Risse, Kerben oder andere Unreinheiten. Absolut glatt und vollkommen. Von ihm kam das Summen und ich fühlte eine fremde Macht an diesem Ort. Der ganze Raum war erfüllt von magischen Energien. Sie durchströmten mich, schienen mich erforschen zu wollen.
Dann sprach eine Stimme zu mir: "Ahhhh endlich. Drake du Kane. Bist du endlich zu mir gekommen."
Es war eine weibliche Stimme und von solchen Liebreiz wie ich nie zuvor eine Stimme gehört hatte. Sie hauchte mir die Wörter ins Ohr und doch waren sie so gewaltig dass die Wände darunter zu erzittern schienen.
"Ja, ich bin Drake du Kane. Was wollt ihr von mir?" Meine Stimme hallte durch den Raum und bekam dadurch einen seltsam hohlen Klang, unheimlich aber passend zu dieser Situation. Einen Moment herrschte eine Pause, bis das Orakel antwortete: "Du bist der Auserwählte Drake du Kane. Du weist es nur noch nicht. Ich ließ nach dir schicken damit du dich mit mir vereinigst. Öffne dich mir und ich werde dir die Zukunft weissagen."
"Vielleicht will ich meine Zukunft gar nicht wissen." antwortete ich.
Das Orakel lachte. "Du hast keine Wahl. Es ist deine Bestimmung. Alles hat sich so gefügt wie es vorherbestimmt war. Du spielst eine wichtige Rolle im Weltgefüge...wichtig für einen Sterblichen " fügte das Orakel schnell hinzu als hätte es das vergessen.
"Ich bin aber nicht länger sterblich. Weißt du das etwa nicht? Ich trage das unsterbliche Erbe der Vampire."
"Wie kannst du es wagen anzunehmen ich wüsste das nicht. Natürlich weiß ich über dich Bescheid. Doch solltest DU nicht vergessen dass du nur einen Teil ihres Erbes trägst. Deine menschliche Seite blieb erhalten, und mit ihr auch ein Teil deiner Sterblichkeit. Also überschätze dich lieber nicht mein lieber Drake. Und nun lass und endlich hinter uns bringen weswegen du hier bist."
Ich verschränkte die Arme vor der Brust. "Und wenn ich mich weigere?"
"Dann wirst du sterben wie alle anderen die meine Höhle betraten und mir nicht von Nutzen waren."
"Von Nutzen? Welchen Nutzen ziehst du aus unserer Vereinigung?" Das Orakel schwieg. Was führte es im Schilde?
"LOS ANTWORTE MIR! WAS WILLST DU VON MIR? WARUM BIN ICH DIR SO WICHTIG? SPRICH ENDLICH!" Das Echo meiner Stimme brach sich tausendfach in der Höhle. Ich wartete auf die Antwort. Ich wollte wissen warum ich hier war. Endlich erhob das Orakel das Wort: "Deine Jugend ist die Antwort"" sagte es schlicht.
"Meine Jugend? Ich verstehe nicht. Erkläre dich mir? Was hat das zu bedeuten?"
"Ich sterbe!" sagte das Orakel. Einen Moment herrschte Stille während ich versuchte den eben gesagten Worten einen Sinn zu geben. Konnte denn ein Orakel sterben? Und was konnte ich daran ändern?
"Ja ich kann sterben. Und du kannst mir helfen." Ich erschrak. Es wusste was ich dachte.
"Natürlich weiß ich was du denkst. Dein schwacher Geist ist keine Hürde für mich. Aber dein Wille ist stark. Und deshalb brauche ich dich. Ich bin alt und schwach geworden, meine Kräfte schwinden zusehends. Bald werde ich der Vergangenheit angehören. Doch du steckst voller Kraft. Du bist mein Schlüssel um weiter existieren zu können. Deshalb musst du dich mit mir vereinigen."
"Aber wie profitiere ich davon?"
"Das gefällt mir an dir Drake. Du forderst immer deinen Preis, gibst nie auf. Also gut, du sollst ihn bekommen. Wenn du Asteroth tatsächlich besiegen willst brauchst du meine Hilfe. Ich werde dir zeigen was dich erwartet und was du tun musst. Es sind Ereignisse die noch kommen werden. Doch nur so wirst du ihn besiegen können."
"Woher weiß ich dass du die Wahrheit sprichst?"
"Gar nicht. Aber du hast keine Wahl. Du bist nicht in der Position Forderungen zu stellen. Entweder du nimmst mein Angebot an oder wir werden gemeinsam untergehen."
"Ich schätze es nicht wenn man mir droht."
"Und ich schätze es nicht wenn man mich warten lässt. Also was ist. Wie entscheidest du dich?"
Da stand ich nun. Was sollte ich tun. Wer konnte wissen ob das Orakel sein Wort hallten würde. Unterschätzen würde ich es sicher nicht. Ich hatte seine magische Kraft gespürt, es wäre sicher in der Lage mich zu vernichten. Was blieb mir also übrig? Gegen mein Schicksal konnte ich mich sowieso nicht wehren also musste ich mich ihm eben fügen.
"Ich bin einverstanden Orakel. Was muss ich tun?"
"Gut so, zieh dich aus."
"Was?"
"Na los nun zier dich nicht. Das Ritual funktioniert nur wenn du so bist wie du geschaffen wurdest." Ich seufzte. Mir blieb keine Wahl. Ein Kleidungsstück nach dem anderen wanderte zu Boden. Meine blasse Haut färbte sich rot im Schein der Fackeln. Es war kalt, doch ich war ein Untoter, mich störte die Kälte nicht.
"Na also. Warum denn nicht gleich so. Leg dich auf den Altar."
Ich sah mich um. "Welcher Altar."
"Er steht direkt vor dir." Damit konnte nur der schwarze Block gemeint sein. Na gut. Ich holte tief Luft und ging langsam auf den Felsen zu. Ganz langsam legte ich mich mit dem Rücken auf den Altar, der kalte Stein schmiegte sich an meinen Körper.
"Jetzt schließe deine Augen." raunte es mir ins Ohr wie eine Geliebte. "Öffne deinen Geist und sei bereit." Ich tat wie mir geheißen und das Ritual begann.
Gleißendes Licht umfing mich. Doch es blendete mich nicht, es verbrannte mich nicht. Es war einfach nur da. Ich schwebte. Um mich herum nichts. Meine Sinne waren bis aufs äußerste geschärft. Ich spürte plötzlich zarte Finger auf meiner nackten Haut. Ein weiblicher Körper über mir von unendlicher Schönheit. Zärtlich liebkoste sie meinen Körper. Ich gab mich ihr hin. Es war vielmehr als eine spirituelle Erfahrung, ich glaubte sie mit jeder Faser meines Körpers zu spüren. Dann verschmolzen wir miteinander in einem Feuerwerk der Leidenschaft. Meine Kraft floss in sie über. Ich spürte wie ich schwächer wurde und sie wieder neu aufblühte. Dann war sie plötzlich in meinem Geist. Ich spürte wie das Orakel seinen Geist öffnete und mit meinem verschmolz. Und dann, nur für einen einzigen Augenblick konnte ich einen Blick auf Ihren Geist werfen. Ich sah was das Orakel sah, unendliche Weisheit, Uralt, nicht fassbar für ein einfaches Wesen wie mich. Dann fiel ich in einen tiefen Schlaf... und ich träumte ... träumte von der Zukunft. ..
Du bist der Auserwählte Drake du Kane. Geh uns suche deine Bestimmung. Setze deine Jagd fort, suche und vernichte Sie. Bald schon wird dir eine Konfrontation mit deinen Feinden bevorstehen. Ein Mann wird in dein Leben treten, ein düsterer Mann, ein Zauberer. Er führt dich zu den SCHWARZEN ZWILLINGEN. Nur mit ihrer Hilfe kannst du Asteroth bezwingen. Suche sie, nur dann kannst du siegen, doch vergiss nie: Sie sind Teil von dreien: Die Klingen, der Stein und die Kraft die verbindet! Finde alle drei!
Dein Weg wird dich weiterführen zu einer jungen Frau. Auch sie ist vom Schicksal auserwählt, euer Schicksal verbindet euch. Sie wird dir helfen doch achte darauf das sie nicht zu deinem Feind wird. Auf deinem Weg findest du einen geschuppten Gefährten, doch nimm dich in Acht, manche Dinge haben zwei Gesichter. Ein Ritter kreuzt euren Weg, das Gute in sich tragend, kann ihm dein Geheimnis zum Verhängnis werden. Du wirst deinen Schöpfer wieder sehen, doch euer Kampf wird nicht der letzte sein, am Ende wird er dich vor eine Wahl stellen von der mehr als nur dein Leben abhängen wird.
Wenn die Zeit gekommen ist, wirst du auf ein Eiland stoßen auf dem du 4 ebenfalls Auserwählte finden wirst. Begleite sie, sie führen dich zu dem Wissen um Asteroths Vernichtung und unter ihnen findest du vielleicht einen Erben für dein Wissen. Asteroth musst du aber ganz alleine gegenübertreten, und es wird dein letzter Kampf sein. Nun geh Drake du Kane und suche dein Schicksal, der erste Schritt ist getan. Wach auf und gehe... WACH AUF!!!
Ich schreckte hoch. Ich saß auf dem Obsidianaltar. Es war still, das Orakel war nicht da, oder es schlief. Mein Kopf schmerzte. Ich fühlte mich unendlich müde. Die Vereinigung hatte viel meiner Kraft genommen. Doch nun wusste ich endlich was ich zu tun hatte. Nein, eigentlich wusste ich nicht mehr als vorher, denn tun konnte ich nichts weiter als das was ich bisher tat. Aber ich wusste was mich erwarten würde. Die Prophezeiung war verschwommen und zweideutig. Ich wusste nicht was sie zu bedeuten hatte, aber ich war mir sicher das ich es wissen würde wenn es eintreffen sollte. Und dann würde ich bereit sein. Ich stand auf und legte meine Kleidung wieder an. Das Summen war verschwunden ebenso wie das Licht. Und doch fühlte ich die Anwesenheit des Orakels, stärker als vorher. Aber es ruhte. Für mich gab es hier nichts mehr zu tun. Ich wusste nun alles was ich wissen musste. Es würde wohl noch eine lange Zeit vergehen bis ich richtig verstanden hätte was eben vorgefallen war aber ich hatte Zeit, viel Zeit. Ich machte mich dran die Höhle zu verlassen. Draußen graute bereits der Morgen. Ich wusste nicht wohin mich meine Beine nun tragen würden, aber ich wusste das nun der Grundstein meiner Suche gelegt war. Was immer kommen mochte, ich war bereit.
Kapitel 4
Ein Treffen alter Freunde
1.
Ungeduldig trommelten Tarim o Kiels Finger auf die Eichenholzplatte der großen Tafel. Im Raum herrschte reges Gemurmel und obwohl es fast stockfinster war konnte man deutlich die Schemen von mindestens 3 Dutzend Personen erkennen, die sich angeregt unterhielten. Ihnen allen war gemein dass sie (wie auch o Kiel) in eine schwarze Tuniken gehüllt waren, auf die rote Zeichen gestickt waren. Seltsame Wellen und Verschnörkelungen denen keinerlei Sinn entnommen werden konnte. Der Raum besaß keine Fenster, lediglich einige schwarze Kerzen spendeten ein wenig düsteres Zwielicht. Auf jedem Platz stand außerdem ein silberner Pokal indem sich eine rote Flüssigkeit befand. Die Anwesenden führten allesamt Waffen mit sich. Von Degen bis zur Streitaxt war alles vertreten und ebenso wie die Waffen unterschieden sich auch ihre Besitzer: Feine Herren und Damen die aussahen als wären sie reiche Grafen, verhüllte Diebe, raue Söldner, Muskelbepackte Hünen sowie mystische Gelehrte (oder Magier?) in beiden Geschlechtern, nichts fehlte. Tarim o Kiel saß am Kopfende der Tafel. Ungeduld machte sich langsam unter der Gesellschaft breit. Dann ging die Tür auf und eine kleine bucklige Gestalt huschte hinein, direkt auf o Kiel zu.
"Na endlich, wo hast du gesteckt? Du weißt dass man den Rat nicht warten lässt." tadelte er den zu spät gekommenen, in dem man im Schein der Fackeln eindeutig Sagul erkennen konnte.
"Verzeiht, ich wurde aufgehalten, aber ich habe wichtige Informationen." antwortete Sagul. Tarim machte eine ausholende Geste.
"Nun? Sprich, wir warten. Oder willst du dem Rat deine Informationen vorenthalten?"
"Nein, gewiss nicht." beteuerte Sagul schnell. Er wusste dass es tödlich wäre den Rat zu verärgern. Er räusperte sich und wandte sich dann den anderen zu: "Verehrte Ratsmitglieder unserer über alles erhabenen Gilde, ich bringe euch Kunde von dem Verräter Asteroth." Aufgebrachte Rufe wurden laut, Verwünschungen ausgesprochen, Flüche verhängt. Ein jeder wollte etwas anderes über den elenden Verräter zu berichten haben der der Gilde den Rücken gekehrt hatte. Doch Tarim o Kiel setzte dem ganzen mit einem wütenden Faustschlag auf die Tafel ein Ende.
"Ruhe verflucht. Noch bin ich der Ratsvorstand und solange ich der Führer der Gilde bin herrscht hier Ruhe und Ordnung. Und nun sprich endlich bevor ich die Geduld verliere!" Die letzten Worte galten Sagul der unter ihnen deutlich zusammenzuckte. Seit Tarim o Kiel oberster Herrscher über die Gilde wurde war er noch unbarmherziger als vorher. Und wenn er den Namen Asteroth hörte sollte man lieber in Deckung gehen, denn seit der Niederlage auf dem Drake-Stone-Mountain war sein Hass auf ihn grenzenlos. Sagul begann zu erzählen: "Der Verräter wurde in der Nähe der alten Kultstätte von Malastere gesehen. Es handelte sich dabei um einen alten Tempel der tief im Dschungel des südlichen Regenwaldes steht, vermutlich handelte es sich um ein altes Heiligtum einheimischer Echsenmenschen die aber mittlerweile ausgestorben sind."
"Und was wollte er dort?" fragte der Erzvampir interessiert. Sagul zögerte einen Moment, doch der finstere Blick seines Meisters löste schließlich seine Zunge:"Er...er hat ihn gefunden."
"WAS???" Tarim o Kiel sprang auf, sein Stuhl fiel polternd nach hinten und er war kurz davor Sagul anzuspringen und ihn zu massakrieren. Fast hätte er vergessen welche Position er belegte und das man als Vorstand stets einen kühlen Kopf bewahren musste.
'Keine Schwäche vor den anderen zeigen sonst sitzt Morgen ein anderer auf meinem Stuhl' rief er sich ins Gedächtnis. Tarim hatte gelernt sein Temperament zu zügeln und so setzte er sich ganz ruhig und gelassen zurück auf seinen Stuhl, nahm seinen Pokal in die Hand und drehte ihn bedächtig im Kreis während überlegte.
"Bist du sicher?"
"Ja, auf meine Quellen ist verlass."
"Verdammt, ich wusste dass er uns all die Jahre etwas vorgemacht hatte. Mag sein das er unserer Religion abgeschworen hat, aber das der Stein existierte war eine Tatsache die selbst er nicht leugnen konnte. Also hat er uns sie ganze Zeit vorgegaukelt der Blutstein wäre nur ein Ammenmärchen und hat stillschweigend selbst danach gesucht."
"Wie ihr es vermutet hattet Meister." warf Sagul ein.
"Ja, aber ich hätte nicht gedacht dass er ihn tatsächlich findet. Warum ausgerechnet in einem Echsentempel? Ich war mir so sicher ihn in Ankohead zu finden. Was haben die Schuppenhäuter denn mit unserem Stein zu schaffen."
"Nun", Sagul hob zu einer Erklärung an, "einige meiner Spione haben ein Gespräch zwischen Asteroth und einem seiner Gefolgsmänner mitgehört. Der Verräter ist der Ansicht das der Tempel nicht der Ursprungspunkt des Steines war. Er glaubt vielmehr dass ihn die Echsen vor langer Zeit einmal gestohlen und dann in ihren Tempel geschafft hatten."
"Woher will er das wissen?"
"Tut mir Leid mein Gebieter, aber das hat er nicht gesagt."
"Was verheimlichst du uns?" sprach o Kiel mehr zu sich selbst als den anderen und betrachtete seinen Pokal.
"Nun gut. Weiß er wie man ihn benutzt?" hakte der Erzvampir nach.
"Er weiß genau so wenig wie wir. Aber er sucht wie ein Besessener nach der Antwort."
"Wir müssen uns diesen Stein unbedingt holen. Aber noch nicht jetzt. Asteroth plant etwas, das ist eindeutig. Ich will ihn noch eine Zeitlang beobachten. Vielleicht nimmt er uns die Arbeit ab herauszufinden wie man den Blutstein benutzt. Nun wie entscheidet der Rat?" O Kiel wandte sich an die Ratsmitglieder die von der Gilde ernannt wurden und die aus allen Teilen des Kontinents angereist kamen um an der Versammlung teilzunehmen. Tarim o Kiels Antrag wurde angenommen. Man sollte mit einem Angriff noch warten und Asteroth erst einmal beobachten. Die Kunst lag darin den richtigen Moment für einen Angriff zu kennen. Das wussten die Ratsmitglieder so gut wie er selbst. Dieser konnte sich nach 15 Jahren des Wartens nun auch noch etwas gedulden.
Außerdem gab es noch ein zweites Problem zu besprechen. O Kiel richtete das Wort an Sardgasson, einem Edlen aus einem der nördlichen Königreiche. Dieser erhob sich um vor dem Rat vorzutragen was er in Erfahrung bringen konnte: "Der Jäger wurde gesichtet, er kommt direkt auf uns zu. Vor drei Monden wurde er in meinem Königreich gesichtet und er arbeitet sich jetzt Stück für Stück nach Süden vor." Wieder gab es verärgerte Diskussionen und Verfluchungen. Tarim o Kiel blieb diesmal überraschend ruhig. "Soso, dieser Drake du Kane ist also wieder da. Verluste?"
"3 von uns hat er aufgespürt und vernichtet, allesamt entbehrlich."
"Trotzdem muss ihm endlich Einhalt geboten werden. Wir haben schon genug Probleme mit Asteroth, da fehlt uns dieser Möchtegern C'ael Rohen gerade noch. Wer verbirgt sich nur hinter diesem Namen. Es kann nur dieser verfluchte Schüler von Sen Lar sein. All unsere Versuche ihn zu stoppen sind bisher gescheitert. Jedes Mal verschwindet er einfach ohne Spuren zu hinterlassen nur um dann Monate oder gar Jahre später wieder aufzutauchen. Dieser Mann kennt keinen Stillstand, er ist wie eine Maschine. Es ist lange her das wir einen Jäger hatten der so zäh war."
"Was sollen wir tun?" kam die Frage aus den Reihen des Rates. Tarim o Kiel überlegte.
"Ihr verfolgt weiter Asteroths Pläne. Ich will wissen was er im Schilde führt. Und was diesen Drake du Kane betrifft. Darum werde ich mich selbst kümmern. Wenn er hier ankommt werde ich ihn erwarten. Sollte es wirklich Sen Lars Schüler von damals sein kann er mir vielleicht sogar nützlich sein." Tarim o Kiel grinste. Damit war die Versammlung beendet, der Rat löste sich auf und niemand Ausstehendes sollte jemals erfahren was sich in jener Nacht hier abgespielt hatte, so dafür würde man sorgen - wie immer.
2.
Nun mein Freund, es war soweit. Ich kam aus meinem Versteck heraus. Und wieder hatte sich einer durch sein Verhalten verraten. Es war fast schon zu einfach. Auf den Straßen herrschte reges Treiben, die ganze Stadt war zu so später Stunde noch auf den Beinen. Der Frühling stand vor der Tür und die Stadt feierte ihr alljährliches Frühlingsfest. Und wie ich mir dachte war dass wieder ein idealer Platz für eine ganz eigene Art von Festgästen. Und in dem jungen Kerl dort hinten in der schwarzen Kutte wurde ich auch fündig. Der nun folgende Vorgang war für mich lediglich Routine. Ich packte einen der Eichenpflöcke. Von einem Schmied ließ ich mir die Spitzen der Pflöcke in Silber gießen, nur die Spitzen, ich wollte mit dem verfluchten Metall auf keinen Fall in Berührung kommen. Der Schmied sah mich zwar etwas schief an als ich meinen Wunsch äußerte aber für genug Gold stellt keiner Fragen. Ich huschte durch die Straßen, die Hand mit dem Pflock unter meinem Umhang verborgen. Drängelnd bahnte ich mir meinen Weg durch die Menschentraube. Fast hätte ich ihn entwischen lassen. Der Bursche hatte es auf einmal ziemlich eilig. Verdammt, er musste mich entdeckt haben. Offenbar waren ihm meine Blicke nicht entgangen. Leider sprach es sich schnell herum das es wieder einen Jäger gab, der auf den Pfaden der C'ael Rohen wandelte. Ich kann wohl behaupten dass ich in Ihrem Kreis zu einer Berühmtheit geworden bin, nicht nur weil ich der letzte sondern auch einer der erfolgreichsten Jäger war. Das verdankte ich größtenteils meinem vampirischen Erbe auch wenn ich mir das nach wie vor ungern eingestehe. Aber es ist wie es ist, und da ich es nicht ändern kann nutze ich es eben für mich so gut ich kann. Mein Opfer war ziemlich gut zu Fuß und in der Dunkelheit und mit dem schwarzen Mantel nur schwer zu erkennen. Meine guten Augen leisteten mir hier gute Dienste. Er flüchtete in eine abgelegene Scheune.
Umso besser, dann hatte ich schon keine Zeugen. Leise schlich ich mich zur Scheunentür. Sie stand offen. Ich trat ein. Wage erkannte ich die Umrisse der Scheune, versuchte erst einmal mich zu orientieren. Wo versteckte sich der Kerl? Langsam schritt ich durch die Scheune, den Pflock mittlerweile aus dem Umhang gezogen, jederzeit bereit zu handeln. Es war absolut still, nur das Grölen der Menge in der Ferne drang leise an mein Ohr. Plötzlich neben mir eine Bewegung, ein Rumpeln und ich sah einen großen gelben Heuballen auf mich zurasen. Mit einem gekonnten Sprung nach links wich ich diesem aus und konnte oben auf dem Heuboden gerade noch eine Gestalt davonhuschen sehen.
"GIB AUF KREATUR, ICH KRIEGE DICH SOWIESO!" brüllte ich hinauf. Keine Reaktion. Du willst spielen? Na schön, lass und spielen. Ein teuflisches Grinsen erschien auf meinem Gesicht. Diese waren mir die liebsten, sie gestalteten die Jagd ein wenig abwechslungsreicher und ohne Herausforderungen ging einem der Biss verloren. Trotzdem hatte ich nicht vor diese Farce noch lange weiterzuspielen. Es war hier drinnen eindeutig zu dunkel. Ich griff nach einem Büschel Heu und wickelte es um meinen Holzpflock. Ein guter Abenteurer war immer für alles vorbereitet und natürlich fehlte ein Feuerstein nicht in meiner Sammlung. Der Funke sprang über, das Heu brannte. Ich nahm meine provisorische Fackel und warf sie hinauf in den Heuboden. Das trockene Stroh brannte wie Zunder und nur ein paar Sekunden später brannte die ganze Scheune lichterloh. So war das ganze schon besser. Früher oder später musste er herauskommen, wollte er nicht verbrennen und Vampire hassten das Feuer. Ich zog einen neuen Pflock aus meinem Gürtel und legte mich auf die Lauer. Neben mir fiel ein brennender Balken um, ein Teil der Scheune brach ein, Funken stoben. Langsam wurde es ungemütlich, ich hoffte der verfluchte Mistkerl ließ sich nicht zu lange Zeit. Dann endlich gab er sein Spiel auf und griff an. Der Hurensohn wollte von hinten kommen, doch ich war schneller. Blitzschnell drehte ich mich ihm zu, den Pflock erhoben. Mein Gefühl hatte mich nicht getäuscht, vor mir stand ein Vampir. Nur ein gewöhnlicher, das sah ich sofort, aber die Chance auf einen hohen zu stoßen war auch äußerst gering. Ich war jetzt seit 15 Jahren Jäger, eine verdammt lange Zeit, und dennoch war mir erst zweimal ein hoher Vampir begegnet. Und beide waren entkommen, ich hatte sie unterschätzt.
Nun dieser Vertreter war ein eher kümmerliches Exemplar, ausgemergelt und schon alt. Vermutlich ein Bettler der aus Versehen ein Vampir wurde. Ab und an kam es vor das beim Saugvorgang das Sekret unfreiwillig ausströmte und dann wurden Opfer die eigentlich als minderwertig eingestuft wurden aus versehen zu Vampiren. Meistens wurden sie ausgestoßen oder für Drecksarbeiten versklavt. Vor mir stand so ein trauriges Exemplar.
"Du gehörst mir Jäger." zischte die Kreatur mich an. "Mal sehen wie dein Blut schmeckt."
"Komm doch her und hol es dir du Ratte." Ich konnte ihn einfacher reizen als ich dachte. Sofort stürmte er wie ein Berserker auf mich los. Um uns herum zuckten die Flammen, Holz barst und die Scheune war kurz davor einzustürzen. Und das viele Feuer war es wohl auch was den Vampir so rasend machte das er blind auf mich zu stürmte, mit seinen gelben Augen meinen Hals fixierend. Eine schnelle Drehung, den Fuß in sein Scheinbein gerammt und er stolperte nach vorne, genau in den Pflock den ich ausgestreckt vor ihn hielt. Ein kräftiger Schlag auf den Rücken des Vampirs und der Pflock drang bis zum Anschlag in die Brust meines Opfers ein. Mit einem lauten Aufkreischen zerfiel der Vampir in meinen Armen zu einem Haufen Asche...
Und die Scheune wohl auch bald. Zeit für einen schnellen Abgang!
Ich spurtete aus der Scheune, sprang über einen quer liegenden brennenden Balken, rollte mich unter dem eingestürzten Tor durch. Nur knapp hinter mir fiel die Scheune endgültig in sich zusammen, es blieb nur ein großer brennender Holzhaufen. Ich sah bereits die ersten Schaulustigen vom Fest kommen. Bis die hier waren sollte ich lieber verschwunden sein.
"Wem auch immer die Scheune von euch gehört hat, tut mir echt leid, aber der Zweck heiligt nun mal die Mittel." flüsterte ich zu mir selbst und grinste. Nun aber nichts wie weg von hier. Kurz darauf war die ganze Straße vor der Scheune mit einer Menschenmasse gesäumt die gebannt auf das Feuer starrten. Von dem einsamen Jäger keine Spur.
Langsam schob sich die Sonnenscheibe über die Hügel im Osten. Ich saß auf einem Dachgiebel eines etwas von der Stadt abgelegenen Hauses und betrachtete die Sonne missmutig. Alle erfreuten sich an ihrer Pracht, nur mir wurde dieser Freude verwehrt. Sie war mein natürlicher Feind, ihre sonst wärmenden Strahlen waren wie Nadelstiche auf meiner Haut. Andererseits war ich wohl so ziemlich der einzige Vampir der sich einen Sonnenaufgang ansehen konnte ohne dabei zu Asche zu zerfallen. Meine rechte Hand schmerzte, ich hatte sie mir bei dem Kampf an einem brennenden Stück Holz verbrannt. Während ich sie verband dachte ich nach. Wieder ein Vampir weniger auf diesem Planeten, doch es gab so viele von ihnen, und jeden Tag kamen neue dazu. Auf jeden Vampir den ich vernichte kamen zwei neue. Meine Queste schien aussichtslos. Ein ganzer Clan bestehend aus über 100 Mitgliedern konnte sie nicht stoppen, was wollte ich da ausrichten? Aber mein Ziel war es nicht alle Vampire zu vernichten, ich wusste dass dies nicht möglich war. Ich wollte nur einen. Und ich würde ihn kriegen. Früher oder später wird die Zeit der Rache kommen. Ich war nun seit fünfzehn Jahren Vampirjäger. Trotzdem konnte ich mich noch ganz genau an meinen Meister erinnern. Nie hatte ich ihn vergessen. Und nie vergaß ich die letzte Schlacht auf dem Berg. Seitdem war viel passiert. Ich wurde ein verdammt guter Jäger, sammelte viel Erfahrung und erlebte auch so viele Abenteuer: Ich hatte die seltsamsten Kreaturen bekämpft und geheimnisvollsten Orte erforscht. Und natürlich die Jagd in Großstädten, dem natürlichen Lebensraum der Blutsauger. Ich hatte mittlerweile viel von der Welt gesehen doch noch viel mehr war mir fremd.
Doch ich hatte vor den ganzen Kontinent zu bereisen. Ich bahnte mir meinen Weg langsam vor nach Süden. Ich wusste nicht wieso, aber irgendetwas führte mich in diese Richtung. Ich glaube es wäre richtig nach Süden zu gehen, vielleicht war mir diese Richtung ja wieder vom Schicksal vorgeschrieben. Ich musste lachen. Ich dachte wieder an das Orakel. Es war nun schon 12 Jahre vergangen seit unserer Vereinigung. Eine lange Zeit, und noch nichts von dem was es mir prophezeit hatte, ging in Erfüllung. Bald hatte es gesagt, doch vergaß ich dass das Orakel in anderen Dimensionen denkt. Das Orakel ist vermutlich schon Tausende von Jahren alt. Für es sind 12 Jahre nur ein Augenblick. Nun, ich würde wohl noch bald genug erfahren was es mit den Traumbildern auf sich hatte. Zuerst sollte ich meine weitere Route planen. Soviel ich in Erfahrung bringen konnte war dies wohl der einzige Vampir. Es gab weit draußen in der Steppe noch einen alten schwarzen Turm. Man munkelte dass dort ein böser Schwarzmagier hausen sollte der Dämonen und Untote beschwören würde und andere götterlästerliche Sachen zelebrierte. Ich hatte diesen Turm tatsächlich schon gesehen, das in diesem alten Gemäuer aber noch jemand wohnte bezweifle ich. Aber vielleicht sollte ich ihm mal einen Besuch abstatten. Ich hatte bisher noch nie Kontakt mit einem Magier, und ich war neugierig. Und sollte es sich tatsächlich um einen Schwarzmagier handeln konnte ich ihm ja immer noch das Handwerk legen. Doch zuerst wollte ich einer anderen Spur nachgehen. In der Stadt kursieren Gerüchte über eine Reisegruppe die aus dem Süden direkt hierher kam und die aus sehr merkwürdigen Männern und Frauen bestand, alle ganz in schwarz vermummt und mit mächtigen Schwertern und Beilen bewaffnet. Morgen sollten sie ankommen. Ich schnappte dies auf dem Marktplatz auf. Aufmerksame Ohren kamen dort an die besten Informationen, und was die Leute über diese dubiose Reisegruppe zu berichten hatten klang ziemlich verdächtig. Hatte man mich aufgespürt? Ich sollte die nächste Zeit wohl etwas vorsichtig sein. Falls die Fremden tatsächlich wegen mir kamen, würde ich darauf vorbereitet sein.
3.
Ein tiefes mystisches rot pochendes Licht erfüllte den Raum. Der Stein lag auf einem Samtkissen und strahlte heller als die Sonne. Um ihn herum standen alchimistische Geräte. Kolben, Tiegel, Brenner und Messgeräte säumten den Tisch. Ein gelbes Augenpaar war auf den Stein gerichtet, musterte ihn angestrengt und nachdenklich. Asteroth war erschöpft. Seit Stunden stand er nun in seinem Studierzimmer und versuchte das Geheimnis dieses Steines zu lösen doch alle Mühen waren bisher vergeblich. Er war bereits Dutzende Bücher durchgegangen, hatte die verschiedensten Experimente durchgeführt. Er war zu dem Schluss gekommen das der Stein absolut unzerstörbar war, weder Feuer, Säuren, Stahl oder Magie konnten ihm auch nur einen Kratzer zufügen. Er war von einer Magie durchwoben die ihm völlig unbekannt war (und er hatte früher als er noch in der Gilde war zwei Jahrzehnte lang Magie studiert) und die wohl auch das Glühen des Stein verursachte. Er war sich mittlerweile völlig sicher dass dies der Blutstein aus dem Necronomicon sein musste, und dennoch fand er etwas anderes als er erwartet hatte. Der Stein war völlig nutzlos. Laut der Prophezeiung sollte er einem große magische Macht verleihen. Die Passage in der stand dass er einem eine halbgöttliche Macht verlieh war falsch, das wusste Asteroth. Aber er wusste auch, dass der Stein trotzdem große Macht verleihen konnte. Man musste nur verstehen ihn richtig zu benutzen. Und er wusste das er sich beeilen musste herauszufinden wie, denn Tarim und seine Schergen waren ihm bereits auf der Schliche. Asteroth hatte gehofft mit seiner kleinen Showeinlage, damals auf dem Drake-Stone-Mountain mehr Zeit zu gewinnen das wahre Geheimnis dieses Stein zu lösen. Zu Anfang hatte es auch funktioniert. Sein Ausscheiden bei der Gilde hatte zunächst alles durcheinander geworfen und es dauerte Jahre die zersplitterte Gilde wieder zusammen zu fügen. O Kiel gelang es letztendlich die Gilde wieder zu einen und zu versöhnen, weshalb er seinen Posten als Oberhaupt nun immer noch und auf unbestimmte Zeit ausüben konnte. Ärgerlich, aber es war vorherzusehen. Tarim war der einzige noch lebende Erzvampir der in der Lage war zu führen und zu kämpfen. Bis auf ihn natürlich. Aber Asteroth hatte andere Pläne, er brauchte die Gilde nicht. Er würde sich ihnen noch früh genug offenbaren.
Zunächst interessierte ihn viel mehr was aus dem jungen Schüler von Sen Lar geworden war. Er war ihm ein Dorn im Auge. Nachdem er endlich, nach so vielen Jahren seinen Meister und letzten Vampirjäger erledigt hatte tauchte nun dieser Grünschnabel auf und machte ihm einen Strich durch die Rechnung. Asteroth dachte wohl etwas zu kühn als er dachte er könne diesen Norin Read als seinen Schüler ausbilden. Es steckte noch zuviel menschliches, zuviel von seinem Meister in ihm. Entweder würde er einen Weg finden wie er diesen Teil brechen konnte oder er würde ihn eben vernichten wie einst seinen Meister. Mochten seine Kräfte in den vergangen Jahren auch gewachsen sein, gegen ihn hätte er nicht den Hauch einer Chance, und das wusste dieser Bengel auch. Deshalb hielt er sich von ihm fern. Lebte unter neuem Namen, zog wie ein Vagabund durchs Land und hinterließ eine blutige Spur der Vernichtung unter den Reihen derer Vampire mit denen er sich messen konnte. Asteroths sollte es Recht sein, es waren alles Mitglieder der Gilde die dieser Drake du Kane wie er sich jetzt nannte abschlachtete. Unbewusst half er ihm damit sogar. Umso weniger Anhänger die Gilde hatte, um so leichter würde es sein die Gilde zu stürzen und neuer Herrscher eines neuen Zeitalters für die Vampire zu werden. Er würde abwarten und den Jäger gewähren lassen. Sollte sich Tarim o Kiel mit ihm rumärgern. Es würde zum Kampf zwischen den beiden kommen und egal wer von den beiden ihn gewinnen würde, Asteroth würde davon profitieren. Jetzt galt es erst einmal die eigene Macht zu verstärken. Er hatte schon Dutzende von Deserteuren, die der Gilde und ihren veralteten Gesetzen und Weltanschauungen abgeschworen haben, und die sich nun in den Dienst von Asteroth dem Bringer einer neuen Ordnung gestellt haben. Und auch seine eigene Macht würde wachsen, wenn er endlich herausgefunden hat wie er den Stein zu nutzen hatte. Bald, bald würde er sich offenbaren, und seine Rache würde furchtbar sein.
Bedächtig drehte Tarim o Kiel das verbrannte Stück Holz in den Händen. "Er ist hier. Das ist seine Handschrift, da bin ich mir sicher." Tarim erhob sich und ließ den Blick über das Schweifen was einmal eine Scheune gewesen war. Jetzt mitten in der Nacht sah die Verwüstung gar nicht mehr so schlimm aus. Die Trümmer wurden mittlerweile größtenteils weggeschafft und nur hier und da fand sich noch ein kleines Stückchen verkohltes Holz. Der Brand lag mittlerweile 5 Tage zurück und die Schaulustigen hatten sich mittlerweile alle satt gesehen. So konnte Tarim o Kiel hier ohne Probleme herumspazieren ohne entdeckt zu werden.
"Wieso seit ihr euch da so sicher, mein Gebieter?" fragte Xaraxon, einer der 3 Vampire die er neben seiner rechten Hand Sagul, der unbeweglich in einer düsteren Ecke stand, auf die Jagd mitgenommen hatte. Tarim sah ihn einen Moment verärgert an. Es galt als große Beleidigung in der Gilde den Führer einfach anzusprechen wenn man nicht gefragt wurde. Zumindest für den einfachen Vampir der keine oder kaum Privilegien genoss. Tarim wollte seinem Ärger Ausdruck geben doch dann besann er sich darauf dass sich ein Streit im Moment nur negativ auf ihn auswirken könnte. Er brauchte die drei, sie waren gute Kämpfer. Er hatte Asteroth unterschätzt, bei Kane würde ihm das nicht passieren. Tarim deutete auf einen schwarzen Fleck auf dem Boden. Er fiel unter all den Brandstellen kaum auf. "Siehst du die Asche hier?"
"Ja, mein Gebieter."
"Riech daran!" befahl Tarim o Kiel. Xaraxon kniete nieder und roch nachdenklich an der kalten Asche. Er runzelte die Stirn und stand schließlich wieder auf. "Einer von uns? Ich bin mir nicht sicher, der Duft ist sehr schwach."
"Ja, ein kleiner Fisch. Kein Mitglied der Gilde, nicht mal ein richtiger Vampir. Trotzdem spricht das hier wohl für sich. Das war kein einfacher Brand. Er war hier und hat ihn zur Strecke gebracht. Dieser Drake du Kane ist wie ein Wirbelsturm der quer durch das Land pflügt und jeden von uns der ihm in die Quere kommt mitreißt. Er hat eine Spur der Vernichtung hinterlassen. Und hier endet sie. Er muss also noch in der Nähe sein."
"Und wenn er nur eine Fährte gelegt hat? Vielleicht will er euch eine Falle stellen!" Sagul hatte das Wort ergriffen und trat aus dem Dunkel. Auf seinem Gesicht lag wieder dieses hämische Grinsen mit dem man ihn immer sah.
"Ha, soll er nur kommen. Ich bin bereit. Aber ich glaube dazu bringt diese feige Ratte nicht genug Mut auf. Verkriecht sich vor uns, er ist nichts weiter als ein Feigling. Ich schätze wir werden selbst herausfinden müssen unter welchem Stein er sich verkrochen hat. Aber wir werden ihn finden, ich kann ihn schon förmlich spüren. Und diesmal werden wir es zu Ende bringen, diesmal gibt es keine Schonung." Tarim ballte die rechte Faust und reckte sie in die Luft.
"Vielleicht unterschätzen wir ihn. Immerhin hat er in den ganzen Jahren fast 5 Dutzend Vampire erlegt." gab Falas der zweite Kämpfer zu bedenken. Wütend drehte sich Tarim o Kiel zu ihm um. "Was muss ich da hören? Zweifelst du etwa an meinem Verstand? Ich sollte dich auf der Stelle töten," Tarims Augen funkelten zornig während Falas merklich zusammenzuckte und ein Stück zurückwich, "doch ich werde es nicht tun. Es gibt jetzt wichtigeres. Ich brauche dich vielleicht noch, deshalb werde ich es dir noch mal verzeihen, unwürdiger Wurm!" Falas sank auf die Knie und beugte den Kopf. "Vergebt mir großer Gebieter, ich werde nie wieder euer Wort anzweifeln." Tarim nickte ärgerlich und ging zu Sagul. "Hör dich in der Stadt um. Versuch in Erfahrung zu bringen was die Leute hier über einen seltsamen vermummten Kämpfer wissen, der mit zwei Schwertern auf dem Rücken und in Schwarz herumläuft, davon sollte es ja nicht allzu viele geben."
Sagul nickte. "Ich werde ihn finden Herr." Anschließend verschwanden er und die drei Kämpfer um mit der Suche zu beginnen. Tarim o Kiel grinste. "Du entwischt mir nicht Drake du Kane. Du kannst dich verstecken, aber davonlaufen kannst du mir nicht. Wir zwei haben noch eine Rechnung zu begleichen. Und jetzt ist Zahltag!" redete er mit sich selbst und fiel dann in ein schallendes lautes Gelächter.
Vollmond! Welch herrlicher Anblick. Ich liebte es mich an diesem wundervollen Anblick zu ergötzen. Obgleich er kein richtiger Ersatz ist für die strahlende Sonne war, die ich nicht mehr wie früher bewundern konnte, so war der Mond dennoch ein Lichtstrahl in der Finsternis die mein Leben bestimmte.
Morgen Nacht würde es zur Entscheidung kommen. Es hatte keinen Sinn es abzustreiten, sie hatten mich gefunden. Es war o Kiel. Und er wollte mich. Genau wie ich ihn. Ich würde mich nicht verstecken und darauf warten dass sie mich finden. Ich würde mich ihnen stellen. Er war der Oberste. Ihn zu vernichten war mein zweitwichtigstes Bestreben. Außerdem wusste ich, dass dieses Zusammentreffen unausweichlich war. Wenn nicht heute dann eben Morgen oder in 10 Jahren. Ich konnte meinem Schicksal nicht davonlaufen, das Orakel hat mir dieses Zusammentreffen vorher gesagt. Die Prophezeiung begann sich zu erfüllen. Und ich bin bereit mich ihr zu stellen, egal wie es ausgehen mochte. Nach 15 Jahren des Kräftesammelns und des Lernens war nun die Zeit für einen erneuten Kampf gekommen. So wie es schon immer gewesen war und auch immer bleiben würde. Denn ich war Drake du Kane, er letzte meiner Art. Und nur ich konnte Sie aufhalten.
4.
"Glaubt ihr wirklich dass er kommen wird Meister?" Sagul schien zu zweifeln.
"Er kommt, da bin ich mir sicher." O Kiel ließ sich nicht aus der Ruhe bringen. Herrschend stand er auf dem weiten von Gras überdeckten Land außerhalb des Dorfes. Gekleidet in eine teuere silbern blinkende Rüstung, ein rotes Cape flatterte im Wind. Rechts an seiner Seite ein mächtiges glänzendes Zweihandschwert. Hinter ihm seine drei Söldner Xaraxon, Falas und Ramon, alle ebenfalls in teuere Rüstungen gekleidet und bewaffnet waren Schwert, Axt und Morgenstern. Sagul stand neben seinem Gebieter, machte eine weniger heroische Figur. Doch auch er war mit seinem Krummsäbel den er mit sich führte nicht zu unterschätzen. Im Moment allerdings holte er ein Stück abgegriffenes Pergament aus der Tasche und lass die mittlerweile stark verwaschene Schrift. Nachdenklich wandte er sich an Tarim: "Die Nachricht könnte eine Falle sein. Warum sollte er sich euch stellen wollen?"
Tarim o Kiel lächelte. "Weil er mich genauso gern vernichtet sehen würde wie ich ihn. Er weiß dass er uns nicht entkommen kann. Keine Sorge er wird kommen."
"Und wenn er kommt, was habt ihr dann mit ihm vor. Er würde sich in unseren Reihen sicher gut machen, schließlich hat er eins sehr großes Poten..."
"SCHWEIG!!!" Tarim fuhr seinen Berater wütend an. "Ich werde diesen Mistkerl doch nicht auch noch belohnen indem ich ihm die Ehre verschaffe ein Vampir sein zu dürfen. Es ist eine Schande. Er trägt unser Erbe und missbraucht es um den Menschen zu helfen. Dass verdient die schlimmste Strafe. Ich werde ihn gefangen nehmen und verurteilen wie es unser Gesetz will. Er wird hängen. Und wenn wir ihn nicht gefangen nehmen können dann stirbt er eben hier und heute auf diesem Schlachtfeld, das soll mir auch recht sein. Aber er wird sterben. Ich kann es nicht zulassen das er weiter durch die Welt streift und noch mehr Schaden anrichtet, oder noch schlimmer diesem Verräter Asteroth in die Hände fällt und er ihn zu seinem Sklaven macht." Sagul schwieg. Der Mond erhellte das Feld, doch von Drake du Kane keine Spur. Sie warteten. Sagul schien nervös zu werden. "Ich sage euch, der hält euch zum Narren. Vermutlich macht er sich gerade aus dem Staub und versucht so Zeit zu gewinnen."
"Nein, er wird kommen. Er will den Tod seines Meisters rächen und mich zu Strecke bringen..."
"SO IST ES TARIM O KIEL!" dröhnte eine Stimme durch die Nacht. Dort stand er, in jeder Faust ein schön verziertes neues Schwert, die Kapuze seines schwarzen Ledermantels tief ins Gesicht gezogen. Er verschmolz fast mit der Dunkelheit als er langsam auf die Gruppe zuging. Tarim o Kiel grinste. "Ich wusste dass du kommen würdest."
"Ich stelle mich jeden Kampf, und mit euch habe ich noch eine Rechnung offen o Kiel."
"Schön. Dann können wir es endlich hinter uns bringen. Zu lange schon hast du meine Pläne gestört. Doch hierher zu kommen wird dein letzter Fehler sein in deinem Leben. Die Gilde ist so stark wie noch nie, und das verdankt sie einzig und alleine mir. Und ich werde mir mein neu aufgebautes Imperium nicht von dir zerstören lassen."
"Niemals werde ich zulassen dass ihr die Herrschaft über das Land an euch reißt. Mit meiner ganzen Kraft werde ich dem entgegenwirken. Das ist ein Versprechen."
O Kiel schüttelte lächelnd den Kopf. "Du armer Narr. Du weißt gar nicht gegen was du kämpfst, du weißt nicht wie viel Macht ich besitze. Wenn du glaubst, dass das was du bisher vollbracht hast mir Schaden würde, liegst du falsch. Es gibt Tausende von uns. Es wird uns immer geben. Und auch du wirst das nicht verhindern können."
"Mag sein, aber ich werde nicht der letzte sein. Und solange ich lebe werde ich mein Leben einzig alleine dem Kampf gegen euch und euresgleichen widmen."
"Du wirst aber nicht mehr lange leben. Ich werde dir langsam überdrüssig." Tarim winkte die drei Kämpfer herbei. "Xaraxon, Falas, Ramon. Schnappt ihn euch. Wenn es geht lebend, tot ist mir auch recht!" Die drei zogen blank, der Kampf war eröffnet.
Vergiss nie Junge, unterschätze nie deinen Gegner. Und zeige nie Furcht vor ihm. Wenn dein Herz stets rein ist und du den Kampf in aller Intensität spürst, tief in dir drinnen, kann der Gegner noch so stark oder so zahlreich sein, letztendlich wirst du ihn bezwingen...
...Sen Lars Worte hallten in meinem Kopf. Ich versuchte stets nach seinen Lehren zu leben und zu handeln. Und nun da ich von drei gleich guten Kämpfern umzingelt war schien es Zeit herauszufinden ob sie der Wahrheit entsprachen. Ich ließ meine Schwerter kreisen. Meine Gegner waren Vampire, doch wusste ich nicht wie mächtig. Konnte ich sei mit diesen einfachen Klingen töten? Wohl kaum, aber wenigstens verletzen hoffte ich. Ich ging zum Angriff über. Mein linkes Schwert beschrieb einen weit ausholenden Bogen, während ich die rechte Klinge schnell und wuchtig nach vorne schnellen ließ. Doch mein Gegner, ich glaube o Kiel nannte ihn Falas wich schnell und behände aus, die Klinge ging ins leere. Aus dem Schwung heraus wuchtete ich nun auch den linken Stahl von oben auf Falas, doch parierte er meinen Schlag mit seiner mächtigen Axt. Bevor ich mich von ihm lösen konnte rammte er mir den Stiel eben jener Axt in den Magen und warf mich zu Boden. Plötzlich sah ich die Sterne über mir und Sekunden später einen gewaltigen Körper, ich glaube er gehörte dem, der Ramon genannt wurde, mit erhoben Schwert auf mich zustürmen. Er wollte sich auf mich werfen, seine Schwertspitze zeigte auf mein Herz. Reflexartig zog ich die Knie an und stemmte die Füße in die Höhe. Ramon konnte seinen Angriff nicht mehr bremsen und rannte direkt in meine Beine. Ich stemmte ihn mit aller Kraft von mir und warf ihn dabei gegen Falas die beide eng umschlungen zu Boden gingen. Während ich mich aufrappelte kam auch schon Xaraxon, der dritte im Bunde auf mich zu. Der bullige Typ hatte einen mächtigen Morgenstern in der rechten Hand den er wie ein Spielzeug schwang. Instinktiv wich ich ein Stück zurück. Ich trug keine Rüstung nur meine Lederkleidung. Ein Schlag mit diesem Mordinstrument und ich war verloren. Mein Blick glitt über das Schlachtfeld. Tarim und Sagul betrachteten das Spektakel still aber interessiert. Sie machten keine Anstalten einzugreifen. Xaraxon kam immer noch wie eine Lawine auf mich zugestampft. Hinter ihm erhoben sich auch die anderen beiden. Dann griff er an. Sirrend flog die schwere mit Eisenspitzen besetzte Kugel durch die Luft. Ich duckte mich, der Schwung riss Xaraxon ein Stück nach vorne. Diesen Moment nutze ich und rammte ihn den Fuß in die Schienbeine, doch er stürzte nicht wie erhofft sondern blieb einfach stehen als hätte er es nicht einmal gespürt. Der Kerl war wirklich ein Stier von Mann und in seinen Augen konnte ich nur schiere Mordlust und absoluten Wahnsinn lesen. Dieser Gegner war eine reisende Bestie und hatte nichts mehr mit einem Menschen oder zumindest einem Vampir zu tun. Er war wie ein wilder Dämon der meine Seele verschlingen wollte. Und die anderen beiden standen ihm zumindest an Wahnsinn und Mordlust in nichts nach. Mit solch einem Gegner hatte ich es seit der Begegnung mit Asteroth nicht mehr zu tun gehabt. Aber heute würde mir nicht die Sonne zu Hilfe kommen, es war gerade einmal Mitternacht.
Erneut schlug Xaraxon zu. Ich sprang nach hinten, der Morgenstern durchschnitt die Luft genau an der Stelle wo vor zwei Sekunden noch mein Brustkorb gewesen war, den die Eisenkugel einfach zertrümmert hätte. Nun war der Goliath vor mir so richtig in Fahrt gekommen und hieb wie ein Irrer auf mich ein. Ich wich seinen doch relativ sinnlosen aber kraftvollen Attacken mit Leichtigkeit aus und hoffte darauf dass ihm irgendwann die Kraft verlassen würde, doch ich hatte mich getäuscht. Diesem Kraftpaket schien nie die Energie auszugehen. Ich Gegenteil, je länger ich ihm auswich umso wütender wurde er. Und nun begannen auch die anderen beiden die mittlerweile wieder ihre Waffen in den Händen hielten und Kampfbereit waren mich erneut zu umkreisen. So hatte das ganze keinen Sinn. Ich beschloss nach vorne zu gehen. Ich stürmte auf Xaraxon zu, meine Schwerter malten seltsame Figuren in die Luft als ich sie über meinen Kopf schwingen ließ um ihn zu verwirren, nur um dann blitzschnell zuzustoßen. Doch wieder unterschätzte ich meinen Gegner. Dem ersten Schwert wich er mit einer Geschicklichkeit aus, die ich dem Giganten nie zugetraut hätte, während er mit dem Morgenstern ausholte und nach dem zweiten Schwert schlug. Ehe ich mich versah hatte sich die Kette um die Klinge geschlungen. Ein kräftiger Ruck und mein Schwert flog quer durch die Luft und wanderte weit entfernt zitternd mit der Spitze in den weichen Erdboden. Der Ruck hätte mich fast wieder zu Boden gerissen, taumelnd kam ich zum stehen. Doch da holte Xaraxon schon mit seiner mächtigen Faust aus die unglücklich mit meiner gerade noch erhobenen Schulter kollidierte. Ich konnte deutlich das Knacken meiner Knochen hören und wusste im selben Moment das die Schulter gebrochen war. Ich verlor jedes Gefühl in meinem Arm und verlor nun auch mein zweites Schwert während ich von Xaraxon hochgehoben wurde. Sekunden später drehte sich alles und ich merkte dass ich durch die Luft flog. Unsäglicher Schmerz durchfuhr mich als ich hart aufschlug. Als ich die Augen öffnete konnte ich erkennen das Ramon das Schwert das ich fallen ließ aufhob. Scheinbar verstand auch er den beidhändigen Kampf und wollte mich nun mit meiner eigenen Waffe attackieren.
Tarim o Kiel stand immer noch unbewegt auf dem Hügel und betrachtete die Szene. Ich glaubte ein amüsiertes Lächeln auf seinen Lippen zu erkennen. Es bestand kein Zweifel dass er jede Sekunde dieses Kampfes genoss. Ich sah Falas, den Mann mit der Axt auf mich zukommen. Ich biss mir auf die Lippen. Ich musste mich zusammenreißen. Wenn mich Sen Lar so sehen könnte. Noch war ich nicht fertig. Ich erinnerte mich an das Versprechen das ich meinem Meister an seinem Totenbett gegeben hatte. Es schien zu helfen. Ich spürte meine Lebensgeister wieder erwachen, ich schöpfte neue Energie. Falas war heran, ich sah die mächtige Streitaxt auf mich zusausen. Schnell rollte ich mich über das Gras beiseite während sich die Axt in die Erde neben mir grub. Erdbrocken flogen durch die Luft. Ich sprang auf, rammte meinen Kopf in den Bauch von Falas und rammte ihn mit meiner puren Wucht von den Beinen, während ich gleich mit zu Boden ging. Ich versetzte ihm zwei kräftige Schläge ins Gesicht, dann sprang ich auf und rannte zu der Axt die noch in der Erde steckte. Xaraxon und Ramon bemerkten das ihr Kumpan in Schwierigkeiten steckte und rannten auf uns zu.
Ich riss die schwere Axt mit beiden Armen aus dem Boden und rammte den Griff blitzschnell Falas in den Magen der sich hinter mir aufbäumte. Keuchend ging er in die Knie. Erneut holte ich aus und wollte zum tödlichen Schlag ausholen (sofern er so einfach zu töten war) doch in diesem Moment warf sich etwas auf mich und warf mich zu Boden. Es war Ramon, der nun versuchte mich mit meinem eigenen Schwert zu töten. Sein Gewicht drückte mich zu Boden. Ich hatte keine Waffe mehr. Ramon grinste mich finster an, er glaubte sich schon als Sieger. Doch so einfach würde ich es ihm nicht machen. Noch war ich nicht fertig.
Mit meinem gesunden Arm griff ich nach meinem Gürtel. Ramon holte ein langes Messer heraus. Er würde mir den Tod nicht so einfach machen. Endlos schien mir die Zeit vorzukommen bis meine tastenden Hände endlich das fanden wonach sie suchten. Während dessen setzte Ramon sein sadistisches Spiel fort.
"RAMON!" hallte Tarims scharfe Stimme zu uns herüber. "Ich sagte wenn möglich lebend!" Ramon blickte verärgert zu seinem Meister. Genau darauf hatte ich gewartet. Nur einen kurzen Moment war mein Arm frei und ich nutzte meine einzige Chance. Mit aller Kraft zerschlug ich die Flasche in der sich heiliges Wasser befand auf Ramons Schädel. Das Weihwasser spritzte in alle Richtungen, ein Teil davon traf auch mich. Ramon stieß einen Schrei aus, wie ich nie zuvor einen gehört hatte. Es war wie das Kreischen direkt aus der Hölle. Er sprang auf, gab mich frei und rannte quer über das Feld. Ein Bild des Grauens war sein Anblick. Das Weihwasser ätzte ihm förmlich das Gesicht weg. Er versuchte seine davon schmelzende Haut irgendwie festzuhalten doch Sekunden später war nur noch der bleiche Totenschädel zu sehen, aber er war noch nicht von seinem unheiligen Leben erlöst. Seine Augen quollen aus den Höhlen und zerplatzen in einer roten Blutfontäne während Ramon auf die Knie sank und sich plötzlich entzündete. Meter hohe Flammen stiegen einer Stichflamme gleich in den Himmel und ließen die Nacht zum Tage werden. Dann endlich verhallte sein unbeschreiblicher Schrei der Schmerzen und das was einmal Ramon war sank endgültig tot in sich zusammen. Die anderen beteiligten waren wie gelähmt.
Tarim o Kiel gewann als erster seine Fassung wieder. "Verdammt steht nicht rum. Ich will diesen Mistkerl haben! Los packt ihn euch endlich!" Seine Stimme überschlug sich fast und das weckte die anderen beiden auf. Ich stand auf. Das Weihwasser hatte mir an mehreren Stellen die Haut verbrannt, ich konnte auf meinem rechten Auge nichts mehr sehen. Doch noch gab ich nicht auf. Ich rannte zu dem was einmal Ramon war und holte mir mein Schwert zurück. Mein zweites Steckte immer noch einige Dutzend Meter weiter entfernt im Boden, aber ich konnte mit dem verletzten Arm sowieso nicht mehr kämpfen. Falas war schon wieder heran und versuchte mich mit seiner Axt zu bearbeiten. Es gelang mir gerade noch seinen Hieben auszuweichen, doch spürte ich wie mich langsam meine Kräfte verließen. Doch es half nichts, ich musste noch einmal alle meine Reserven mobilisieren. Ich ging zum Angriff über. Es war ungewohnt nur ein Schwert zu führen dennoch hieb ich wie ein verrückter auf Falas ein und schaffte es ihn zurückzudrängen. Dann bemerkte ich ihn hinter mir. Es war Xaraxon der Riese der mir scheinbar in den Rücken fallen wollte. Blitzschnell duckte ich mich weg als er mit seinem mächtigen Morgenstern ausholte. Fast hätte er damit Falas getroffen der ihm danach einen ärgerlichen Blick zuwarf. Das schien Xaraxon jedoch nicht im Geringsten zu stören. Er wollte nur mich, alles andere war ihm egal. Schnell sprang ich zurück und ging erneut in den Angriff über. Ich bearbeitete erneut Falas mit einer Reihe von mehr oder weniger gezielten Attacken, Ausfällen und Finten. Doch ich merkte schnell das ich so nicht an ihn rann kam. Er war ein mir ebenbürtiger Kämpfer... und ich konnte nur noch eine Waffe führen. Eine Zeitlang ging dieser Schlagabtausch hin und her, auch den beiden anderen Kämpfern war mittlerweile die Erschöpfung anzusehen. Doch schafften sie es mich immer weiter in die Enge zu treiben. Ich sah das Unvermeidliche bereits auf mich zukommen. Schließlich hatten sie mich umkreist. Ich hatte Mühe mir Xaraxon mit seinem Mordinstrument von der Pelle zu halten und plötzlich war Falas hinter mir und packte mich an den Armen. Ich verfügte schon seit ich verwandelt wurde über große körperliche Kraft, aber Falas Hände waren wie Schraubstöcke aus denen es kein entkommen gab. Xaraxon kam grinsend auf mich zu und ließ den Morgenstern kreisen bereit mir damit den Schädel einzuschlagen, egal was Tarim ihm gesagt hatte. Purer Wahnsinn stand in ihren Gesichtern, Wahnsinn und Blutgier. Sie würden mich nicht leben lassen, das wusste ich. Ich versuchte mich vergeblich aus Falas Umklammerung zu lösen...ohne Erfolg. Dann war Xaraxon heran und holte mit der Eisenkugel aus. Ich hatte keine Wahl. Nur eines konnte mich noch retten. Ich tat das was ich nie tun wollte, etwas das ich geschworen hatte nicht anzuwenden. Aber ich musste leben, ansonsten könnte ich das Erbe der C'ael Rohen nicht verbreiten. Und dafür musste ich Opfer bringen. Ich zog meine menschliche Seite zurück und ließ den Vampir in mir heraus!
5.
Ich spürte sofort wie er wie eine rasende Bestie von meinem Geist Besitz ergriff. Es brachte mich schier um den Verstand. Meine Augen begannen zu glühen, meine Zähne wuchsen und ich spürte wie sich mein Körper leicht verformte. Das pure böse herrschte nun in mir, aber es war stark. Mit aller Kraft trat ich nach hinten, Falas genau zwischen die Beine. Heulend vor Schmerz ging er in die Knie. Ich sprang in die Luft, vollführte einen doppelten Salti über Xaraxon der immerhin mindestens 2.20 Meter groß war und rammte dem überraschten Koloss mein Schwert in den Rücken das es auf der anderen Seite wieder herauskam. Überrascht taumelte dieser zurück und gab den Blick auf Falas frei der verwundert und immer noch mit schmerzverzerrtem Gesicht aufstand. Blitzschnell griff ich zum Gürtel zog einen der Pflöcke, wobei eine erneute Welle des Schmerzes, verursacht durch die Silberspitze, meinen Körper malträtierte und schleuderte ihn auf Falas. Der Pflock wirbelte durch die Luft, drehte sich ein paar Mal um die eigene Achse und landete schließlich in Falas Kehle der röchelnd zu Boden ging. Das Silber und das heilige Holz zeigten sofort ihre Wirkung. Falas zerfiel zu einem Häufchen Asche.
Im nächsten Moment hörte ich ein wütendes Brüllen. Mein Blick schwenkte nach rechts und ich sah wie sich Xaraxon wütend das Schwert aus der Seite zog und auf mich zu gestürmt kam. Er schien es überhaupt nicht gespürt zu haben. Doch ich wich nicht zurück. Jetzt nicht mehr, denn ich wusste das er mich nicht besiegen würde. Ich warf mein Schwert beiseite und griff ihn mit bloßen Händen an. Ich wusste er war viel stärker als ich aber der Hass brannte wie das Feuer der Hölle in mir und verlieh mir unbeschreibliche Kräfte. Der Morgenstern sauste auf mich herab doch ich fing ihn mit einer Hand an der Kette auf, riss sie dem Goliath aus der Hand und schleuderte sie weg. Verdutzt starrte mich Xaraxon an, doch schließlich machte ihn das nur noch wütender und er stürzte sich auf mich. Ich glaubte ich würde von einer Lawine erschlagen als ich sein Gewicht auf meine Knochen spürte doch befand ich mich bereits in einer Raserei wo ich keine Schmerzen mehr spürte. Das darauf folgende Gerangel konnte keiner mehr durchschauen, doch obwohl mir mein Gegner körperlich deutlich überlegen war und ebenfalls über die vampirischen Kräfte verfügte, würde er mich nicht besiegen. Ich konnte es mir nicht erklären. Je länger der Kampf andauerte desto wütender wurde ich. Der unbändige Hass in mir sammelte sich bis das Gefäß das mein Körper war zu platzen drohte. In einem Schrei der nicht von dieser Welt war ließ ich der Energie des Hasses freien Lauf. Ich packte Xaraxons Kopf mit bloßen Händen und riss ihn von seinem Rumpf. Eine der wenige Methoden einen Vampir zu töten war ihn zu köpfen. Xaraxon war sofort tot. Ich hielt den Kopf triumphierend über mich. Blut troff auf mein Gesicht und ich sog es gierig in mich auf. Ich hatte keinerlei Kontrolle mehr über meinen Körper. Ich muss ausgesehen haben wie ein Dämon. Ich trank weiter bis Xaraxons Körper schließlich ebenfalls Feuer fing.
"Das ist unglaublich", staunte Tarim o Kiel. "Diese Kraft, er wäre der beste Diener denn ich hätte." Mein Kopf ruckte zu den beiden und ich stapfte auf sie zu. "Doch leider", sagte o Kiel nun traurig, "ist er nicht zu kontrollieren. Er nützt mir nichts. Sagul - TÖTE IHN!" Sagul zögerte einen Moment dann trat er mir gegenüber. Ich grinste diabolisch. Nach diesen dreien sollte dieser kleine Gnom kein Problem sein - ich sollte mich täuschen...
Die Nacht ist wie ein Mantel des Schweigens hatte mal jemand zu mir gesagt. Sie verbirgt das was keiner sehen sollte, schützte die, die nicht erkannt werden wollten und vertuschte die Wahrheit die in ihren dunklen Ecken darauf wartete gefunden zu werden. Wer kann schon sagen was uns in der Finsternis erwartet würde, welche Alpträume uns heimsuchen würden wenn wir den Weg der Finsternis beschreiten, welche Wahrheiten wir erfahren sollten, was für Kreaturen sich wanden im Reich der Dunkelheit. Die Nacht würde immer etwas besonderes, mystisches, an sich haben, nie würden wir genau ergründen können warum wir uns vor ihr fürchten oder uns nach ihr sehnten. Auf jeden Fall aber bringt die Nacht Bestien hervor die lieber nie existiert hätten. Für sie ist die Nacht ein Verbündeter und sie sind ebenso wie die Finsternis. Sie bildeten eine Einheit mit ihr und wenn die Nacht hereinbrach war keiner mehr vor ihnen sicher - vielleicht war dies der Grund warum die Menschen sich vor der Dunkelheit fürchteten. Ich wusste es nicht, ich wusste nur das diese heutige Nacht noch nicht zu Ende war für mich.
Mein ganzer Körper schmerzte, ich war am Ende meiner Kräfte, doch die vampirische Seite war noch nicht ruhig gestellt. Ihre Kraft war stärker als der Körper in dem sie steckte uns sie hielt ihn aufrecht und ließ ihn auf den nächsten Gegner einstürmen. Mein Geist bekam von diesem Kampf nicht mehr viel mit. Wie ein Berserker stürmte ich auf Sagul zu, doch ich hatte den kleinen Mistkerl ganz offensichtlich unterschätzt. Mit einer selbst für einen Vampir unglaublichen Grazie wich er meinen Attacken mühelos aus und bedrängte mich schließlich selbst mit seinem Krummsäbel. Ich hatte Mühe seinen Attacken zu entgehen und es entwickelte sich ein langer Kampf mit einem ständigen hin und her. Die Tatsache dass mein Gegner mit am Tod von Sen Lar Schuld war verlieh mir noch größere Kraft, trotzdem schien ich Sagul so nicht bekommen zu können. Schlag, auf Schlag, Parade um Parade. Aufeinander klirrende Klingen, Funken stoben - es war ein erbitterter Kampf bis einer von uns beiden zusammenbrechen würde. Plötzlich ein harter Ruck und Sagul hielt mein Schwert in der Hand. Ich wusste nicht wie er es geschafft hatte mich so leicht zu entwaffnen aber ich stand plötzlich waffenlos ihm gegenüber. Er grinste. "So Drake du Kane, das ist dein Ende - endgültig!!!" Und auch in Saguls Augen der bisher so beherrscht gehandelt hatte konnte ich nun dieses Funkeln, diese Gier sehen.
"Noch bin ich nicht fertig!" keuchte ich mit letzter Kraft und griff erneut an meinen Gürtel. Sagul schlug zu, die beiden Klingen wirbelten durch die Luft. Ich duckte mich unter der ersten durch und brachte mich mit einer Sprungrolle außer Gefahr, trotzdem spürte ich einen stechenden Schmerz als mir eine der beiden Klingen die linke Seite aufschnitt. Ich zog meine zweite und letzte Weihwasserflasche aus dem Gürtel. Ich rappelte mich auf, verbarg die Flasche hinter dem Rücken. Sagul war schon wieder heran, seine Geschwindigkeit war unglaublich. Erneut sah ich die Klingen auf mich zurasen, doch diesmal zu spät. Der ersten konnte ich gerade noch entgehen, doch die andere bohrte sich in meinen Oberschenkel. Meine vampirische Seite schien sich aus irgendeinem Grund zu verflüchtigen denn auf einmal spürte ich den Schmerz wieder in all seiner Intensität und brach in die Knie. "Bist du bereit zu sterben?" fragte mich Sagul, mein eigens Schwert auf mich gerichtet.
"Ich gehe nicht ohne dich!" zischte ich mit zusammengebissenen Zähnen und schleuderte das Weihwasser nach Sagul. Doch dieser machte keine Anstalten auszuweichen. Das Glas zersprang an seiner Brust und das Wasser benetzte seinen Körper- doch nichts geschah...
...was hatte das zu bedeuten???
"Leider muss ich dich enttäuschen Kane, du solltest einen Hohen Vampir nicht unterschätzen!"
Verdutzt starrte ich ihn an als sein Krummsäbel meine Brust durchdrang. Eine Sonne explodierte in meinem Schädel so stark waren die Schmerzen, ich keuchte spuckte Blut und sank zusammen als Sagul den Säbel wieder aus meinem Herzen zog. Mir schwanden die Sinne. Das letzte was ich noch mitkriegte waren Tarim o Kiels Worte: "Wirklich Schade, er wäre so ein guter Kämpfer gewesen. Egal, lass ihn uns lieber verbrennen, sicher ist sicher." Danach fiel ich in eine Lache aus meinem eigenen Blut und die eisige Hand des Todes griff nach mir, als ich auf dem Schlachtfeld mein Leben aushauchte.
Es ist vorbei!
Nein, nicht ganz! Noch nicht. Noch ist es nicht vollbracht. Noch ist sein Lebenswillen nicht gebrochen.
Aber er ist gestorben!
Er ist schon tot. Kann etwas das tot ist überhaupt sterben? Er wird zurückkehren. Er wird wieder leben, wenn auch nur als Toter, denn dies ist sein Schicksal.
Doch er war im Reich jenseits der Schleier - in der Dunkelheit. Keiner weiß was einen dort erwartet. Denn alle die es wissen sind tot, und nie kehrte jemand zurück.
Doch er wird wiederkehren aus dem Reich der Toten und sein Zorn auf seine Schlächter wird grenzenlos sein. Er wird wieder Jagen... jagen und töten. Wieder wird er seine Hände mit Blut beflecken.
Er ist zurückkehrt!!!
Kapitel 5
Die schwarzen Zwillinge
1.
Gleißendes Licht blendete meine Augen. Sie brannten, mein ganzer Körper schmerzte höllisch. Ich konnte mich kaum rühren. Was war nur passiert? Mein Kopf hämmerte als würde ein Drache darauf herumspringen. Langsam versuchte ich meine schmerzenden Augen zu öffnen. Noch immer blendete mich etwas. Wo war ich hier - was war das hier? Langsam ließ das Brennen nach und auch das Licht erschien mir jetzt nicht mehr gleißend, sondern wurde zu hell und schließlich zu normal. Scheinbar mussten sich meine Augen erst wieder an das Licht gewöhnen - aber wieso? Mein restlicher Körper wollte mir immer noch nicht gehorchen doch langsam ließ das Hämmern in meinem Kopf nach. Ich hatte einen trockenen Mund, fühlte mich als würde ich jeden Moment verdursten müssen. Langsam kehrte die Erinnerung wieder, zuerst nur lose Bilder ohne Sinn. Ich sah gelbe Augen, ein blutiges Schlachtfeld und die Sterne. Was war mit mir geschehen? Ich wusste nur noch dass ich Tarim o Kiel stellen wollte und dass es zum Kampf mit seinen Söldnern kam. Ich hatte gewonnen. Ich hatte sie wie ein Tier in Stücke gerissen. Doch was war dann? Ich wollte o Kiel aber jemand war mir im Weg.
Sagul!
Natürlich. Sein getreuer Diener forderte mich zum Kampf. Was war dann? Oh verdammt, alles schmerzte. Ich versuchte krampfhaft mich zu erinnern. Ein langer Kampf, keiner konnte ihn für sich entscheiden. Schlag auf Schlag, Parade auf Parade - ein ewiges hin und her. Dann ein günstiger Moment - ein Stich. Blut, überall Blut. Doch es war nicht Saguls Blut, er war unverletzt. Es...es war mein Blut. Oh verdammt ich blute. Ja das dachte ich. Eine Lache aus meinem eigenen Blut. Ich war in sie hinein gestürzt - wäre fast an meinem eigenen Blut erstickt. Und dann, dann war ich... war ich...
...gestorben!
Ich war tot. Ich musste es ein, ich hatte gespürt wie das letzte bisschen Kraft aus mir gewichen war und ich in eine nie enden wollende Finsternis stürzte.
Und jetzt? War ich in der Hölle? Das würde zumindest die teuflischen Schmerzen erklären. Doch langsam war ich wieder in der Lage meinen Körper zu bewegen. Ich wollte aufstehen und mich umsehen, da merkte ich erst das ich mit Eisenketten die um meine Arme und Beine geschnallt waren auf einen Tisch gekettet war. Ich konnte mich nicht rühren.
Das also sollte die Hölle sein? Ich sah mich um. Irgendwie hatte ich mir die Hölle anders vorgestellt. Ich befand mich in einem dunklen Raum, schon eher ein Saal. Die Wände waren allesamt pechschwarz und voller seltsamer blutrot gezeichneter Runen. Am Boden befanden sich zwei Pentagramme und weitere seltsame Zeichen. Überall im Raum brannten schwarze Kerzen die ihn in ein unheimliches Licht hüllten. Die komplette Westwand wurde von einem mächtigen Bücherregal eingenommen in dem sich ein uralter Wälzer neben den anderen reihte. Die meisten Bücher beschäftigten sich mit Magie - schwarzer Magie. Dämonenbeschwörungen, Geister rufen, Untote beschwören. Beherrschungen, das erschaffen von Chimären und Hybriden oder magischen Dienern sowie Bücher menschlicher Anatomie oder gewisser Foltermethoden. An der Südwand stand ein gewaltiger Tisch auf dem sich alchimistische Gerätschaften und Tinkturen sowie einige alte Schriftrollen stapelten. Daneben eine Glasvitrine in der einige Gegenstände lagen. Kristalle, zwei herrlich verzierte Stäbe, ein schwarzer Dolch mit roter Spitze sowie einige in Gläser konservierte Dinge aus dem menschlichen Körper. Herzen, Augen, sogar Gehirne und Genitalien lagerten hier. 4 im Moment leere Eisenkäfige standen ebenfalls hier. In der Mitte des Raums stand ein großer quadratischer Glaskasten. Darin ein schwarzer Tisch, der irgendwie aus Knochen zu bestehen schien. Und auf diesem Tisch mit Ketten gefesselt lag ich und fragte mich gerade wo ich nun schon wieder hineingeraten war. Auf eine Bekanntschaft mit dem Besitzer dieses Saals konnte ich allerdings verzichten. Ich stellte fest das ich nackt war, von meinem Hab und Gut keine Spur. Ich stellte aber auch fest dass ich absolut unversehrt war. Eigentlich müsste ich einen gebrochenen Arm, ein verletztes Bein, ein verätztes Auge und zuletzt eine klaffende Wunde in der Brust haben, doch nicht mal eine Narbe ließ sich auf meinem Körper finden. Und ich stellte auch fest dass ich mich von Minute zu Minute besser fühlte. Meine Kräfte kehrten zurück. Doch der Versuch die Ketten zu sprengen war sinnlos, das war massivstes Eisen. Eher würde ich mir die Arme erneut brechen als sie durchzureisen. Da hatte jemand ganze Arbeit geleistet.
Plötzlich hörte ich etwas an der großen Eichentür - der einzigen Tür übrigens in diesem Raum. Ein Schlüssel wurde ins Schloss gesteckt und herumgedreht. Gleich würde ich also wissen wer sich hier meinetwegen so sehr ins Zeug gelegt hatte. Die Tür schwang auf.
Ein Schatten schälte sich aus der Dunkelheit. Ich konnte ihn fast nicht erkennen. Eine hagere Gestalt, 1,70 groß. Bleiches ausgemergeltes bartloses Gesicht. Gekleidet war der Mann in eine lange schwarze Tunika auf der überall blaue Runen und Pentagramme gestickt wurden. Die Tunika hatte eine Kapuze die der Mann tief über sein Gesicht gezogen hatte, so dass man ihn nur schwer ausmachen konnte. Doch ich hatte meine perfekte Sehfähigkeit mittlerweile wieder gewonnen. Eigentlich hatte ich alle meine physischen Fähigkeiten zurückerlangt. Vampire regenerieren ihre Kräfte bekanntlich sehr schnell. Die Gestalt kam auf mich zu. Als er merkte dass ich aufgewacht war verzog sich sein Mund zu einem triumphalen aber bösen Lächeln. In seinen Augen funkelte es. Eine Gier nach irgendetwas musste ihn gepackt haben. Dann warf er die Kapuze zurück, grinste übers ganze Gesicht und eilte zu dem Glaskäfig indem ich mich befand. Erst jetzt fiel mir auf das der Mann einen Stab in seiner linken Hand hielt, der ebenfalls schwarz und irgendwie seltsam durchscheinend oder gläsern wirkte. Deshalb hatte ich ihn vermutlich auch nicht gleich gesehen. Er nahm selben Stab und hielt die Spitze, die ein herrlicher grüner Smaragd schmückte, an das Glas. Dann schloss er die Augen und murmelte irgendetwas vor sich hin. Auf einmal leuchtete der Glaskasten grün auf und war im nächsten Moment einfach verschwunden. Danach wandte er sich mir zu.
"Unglaublich...es ist vollbracht. Endlich nach so langer Zeit habe ich es geschafft. Es lebt!
ES LEBT!!!!"
2.
Die Gestalt schrie die Worte des Triumphes mit geballten Händen in den Saal, so dass seine Worte in einem gespenstischen Echo widerhallten. Neugierig musterte er mich von oben bis unten.
"Verdammt noch mal wo bin ich hier und wer seid Ihr? Und warum bin ich gefesselt?" Wütend knurrte ich ihn an, doch der Mann hatte dafür nur ein flüchtiges Lächeln übrig.
"Oh Verzeihung, habe ich mich etwas gehen lassen und gar nicht standesgemäß vorgestellt? Mein Name ist Sorlag von Saspendro, meines Zeichens Magister der hohen Künste. Und dieser Ort hier ist mein Reich. Hier kann ich meinen Forschungen in Ruhe nachgehen ohne dass mir diese Götzenpriester auf die Finger schauen. Und was die Fesseln betrifft - versuch erst gar nicht sie zu zerreißen, sie sind aus massivem Eisen und außerdem magisch verschlossen. Ich will doch nicht dass du mir davonläufst."
"Ihr seit dieser Schwarzmagier von dem man sich in der Stadt erzählt." mutmaßte ich zornig.
"Oh, ich sehe mein Ruf eilt mir voraus. Du hast Recht, eben jener bin ich." Der Magier lächelte. "Oh du fragst dich sicher was passiert ist, und warum du nicht in der Hölle aufgewacht bist wo wir letztlich alle landen." Ich gab ihm darauf keine Antwort sondern sah ihn nur verärgert und vor allem immer noch fragend an. Das alles machte keinen Sinn.
Sorlag begann zu erklären: "Nun du bist die beste Chance die ich jemals erhalten habe Forschung zu betreiben. Du bist ein einzigartiges Geschöpf. Du bist der erste Vampir der mir in meinem Leben begegnet ist, und noch dazu bist du so etwas wie ein Hybrid - halb Mensch halb Vampir. Irgendetwas scheint wohl bei deiner Verwandlung nicht ganz funktioniert zu haben, was? Aber egal, ich habe schon eine Woche bevor du hier eingetroffen bist von dir erfahren. Wie es aussieht verstehst du dich mit den anderen Artgenossen nicht sonderlich. Diesen Eindruck hatte ich zumindest als ich dich auf dem Schlachtfeld sah. Aber ich schweife ab. Als ich von dir hörte begann ich sofort mit meinen Erkundigungen. Schließlich konnte ich dich ausfindig machen und habe dich beobachtet. Schon allein dein Verhalten ist hochinteressant. Dann erfuhr ich von 4 weiteren Fremden die hierher kamen. Ich dachte mir schon dass sie wegen dir kommen würden. Also folgte ich dir auf das Schlachtfeld - natürlich erst nachdem ich mich mit einem Zauber unsichtbar gemacht hatte. Als es zum Kampf zwischen dir und den anderen Vampiren kam konnte ich weitere faszinierende Erkenntnisse über euch sammeln. Unglaublich diese Geschwindigkeit zum Beispiel mit der ihr gekämpft habt. Ich war fasziniert von deiner Stärke und deiner Wildheit mit der du die anderen vernichtet hast. Dein letzter Gegner schien dir wohl aber dennoch überlegen zu sein und als du blutend auf dem Feld lagst wusste ich, dass dies meine beste Gelegenheit war. Die beiden anderen die noch übrig waren wollten dich verbrennen, also habe ich sie mit einer Illusion deines brennenden Körpers getäuscht während ich dich in meinen Turm schaffte. Obwohl der eine von den beiden über eine große spürbare Macht verfügte sind sie auf die Illusion hereingefallen und wieder abgezogen. Du hingegen lagst unten in meinem Krematorium. Unbeschädigt, aber tot. Aber das warst du ja vorher auch schon wenn man es genau nimmt. Nun...so tot hast du mir nicht viel genutzt also habe ich in ein paar meiner Bücher nachgeschlagen. Du musst wissen das ich was das beschwören von Untoten betrifft sehr geübt bin aber bei dir war das ganze etwas kniffliger. Vampire sind keine einfachen Untoten, sie müssen anders beschworen werden, und wenn du ein richtiger Vampir gewesen wärst dann hätte es vermutlich gar nicht funktioniert, dann wärst du jetzt vermutlich nur noch ein Haufen Asche. Letztendlich musste ich einen Packt mit einem Dämonen schließen der mir zusätzliche Macht verlieh. Es hat mich eine Menge meiner astralen Fähigkeiten gekostet um dich langsam aber sicher 5 Jahre lang zu regenerieren."
"Was? 5 Jahre?"
"Du hast ganz richtig gehört. Dir mag es so vorkommen als wäre der Kampf erst gestern gewesen, aber Tatsache ist das seit jener Nacht in der du gestorben bist 5 Jahre und 4 Monate vergangen sind. Und nun endlich, nach all der Zeit habe ich es geschafft dich wieder zum Leben zu erwecken. Der größte Sieg den ich je erzielt habe."
Sorlag grinste selbstgefällig. Langsam begann ich zu verstehen. Scheinbar war ich tatsächlich 5 Jahre tot. Ein Zeitraum von dem ich absolut nichts mehr wusste. Kein Tunnel mit einem hellen Licht am Ende. Kein Himmel und Hölle. Nichts. Nur Dunkelheit und Vergessen. Ich fragte mich was wohl in all der Zeit passiert war. Tarim o Kiel musste noch immer denken das ich tot war und damit auch die ganze Vampirgilde und vielleicht sogar Asteroth.
Doch im Moment hatte ich ganz andere Probleme. Ich hatte mir mein erstes Treffen mit einem Schwarzmagier oder Dämonologen oder was immer dieser Sorlag auch war anders vorgestellt.
"Was habt Ihr nun mit mir vor?" fragte ich ihn möglichst ruhig.
"Oh du wirst mir sehr nützlich sein. Du bist mein Studienobjekt. Ein Versuchskaninchen wenn dir diese umgangssprachliche Metapher lieber ist. An dir kann ich meine Forschungen über Untote vertiefen. Oh, keine Sorge du wirst keine dauerhaften Schäden davontragen - hoffe ich zumindest. Ich brauche dich ja schließlich noch. Ich kann an dir testen inwieweit du Immun bist gegen Hitze, Kälte, Magie, Schmerzen und so weiter. Wir zwei werden eine lustige Zeit zusammen haben. Des Weiteren werde ich dich als meinen Diener anstellen. Ich muss eine Menge Dinge erledigen die mir zu riskant sind. Schließlich muss ich mich auch finanzieren - du darfst die nötigen Geldmittel organisieren. Des Weiteren gibt es einige Leute die mir ein Dorn im Auge sind oder meine Forschungen stören könnten, diese gilt es möglichst stillschweigend zu beseitigen. Du bist ja ein recht guter Kämpfer, das solltest du schon hinkriegen." Sorlag setzte ein hämisches Grinsen und blickte herrisch auf mich herab. Oh, wie ich diesen Blick verabscheute, schon vom ersten Augenblick. In diesem Moment hätte ich den Mistkerl am liebsten aufgeschlitzt, oder mit bloßen Händen erwürgt. Doch im versuchte ruhig zu bleiben.
"Ihr vergesst dabei eine Sache." sagte ich.
"So? Und das wäre?" fragte Sorlag interessiert.
"Wie kommt ihr darauf dass ich euch helfen werde? Wenn ich diese Aufträge ausführen soll müsst ihr mir die Ketten abnehmen und dann gnaden euch euere Götter die ihr habt." Sorlag reagierte mit etwas das ich nicht erwartet hatte. Er begann schallend zu lachen. Er lachte mich tatsächlich aus, das machte mich nur noch zorniger. Ich hätte platzen können vor Wut. Oh wie ich diesen Kerl hasste. Schließlich hatte er sich wieder unter Kontrolle und antwortete: "Oh du armer Narr. Die Ketten stören dich? Nun gut, dann nehme ich sie dir eben ab." Sorlag schnippte mit den Fingern und ich hörte 4 klickende Geräusche als die Verschlüsse von den Ketten aufsprangen. Einen Moment starrte ich nur völlig verdutzt auf die offenen Ketten, doch dann reagierte ich blitzschnell. Mit einem Satz war ich auf den Beinen - ich hatte meinen Körper jetzt wieder völlig unter Kontrolle - und stürmte dann brüllend mit ausgestreckten Armen auf Sorlag zu. Ich würde diesen kleinen Scheißkerl einfach in Stücke reisen. Ich wollte nur noch eines, ihn töten, sonst nichts. Sorlag lächelte immer noch und rührte sich kein Stück. Und dann traf mich plötzlich dieser Schmerz. Bei allen Mächten der Finsternis, was zur Hölle war dass? Keuchend ging ich direkt vor Sorlag in die Knie und krümmte mich vor Schmerzen während ich meine Pein in den Saal brüllte. Sorlag begann grausam zu lachen als er sah wie ich mich vor ihm im Staub wand.
"Hältst du mich tatsächlich für so dumm, Kreatur? Glaubst du ich würde nicht vorsorgen. Sieh mal auf deinen rechten Unterarm. Siehst du die rote Rune darauf. Ich habe sie dir verpasst während du im anderen Reich warst. Es ist eine Beherrschungsrune, mit der ich über dich gebieten kann. Und das erste was ich deinem schwachen Verstand einbläute war: Du kannst mich nicht verletzen oder töten. Versuchst du es trotzdem wirst du am Versuch zu Grunde gehen. Ich herrsche nun über deinen Verstand und du wirst tun was ich will, hast du verstanden? Und übrigens, versuch nicht die Rune abzuwaschen oder, was ich dir durchaus zutrauen würde, sie dir aus dem Fleisch zu schneiden. Sie ist magisch mit dir verbunden und zwar für immer. Es ist also zwecklos. Es gibt für dich kein Entkommen." Mit diesen Worten stülpte sich Sorlag seine Kapuze über und verließ den Raum während ich immer noch stöhnend am Boden lag.
3.
Es war ruhig in der Stadt geworden. Die Nacht legte ihren Mantel der Dunkelheit über die Häuser und die braven Bürger der Stadt lagen längst in ihren warmen Betten. Es war Mitte November und der erste Schnee war gefallen. Keiner war freiwillig bei dieser Kälte noch draußen. Nur vereinzelt sah man Stadtbüttel durch die Straßen patrollieren oder den Nachtwächter die Zeit ausrufen. Inmitten dieser Idylle schlich ein Schatten durch die Gassen der Stadt, zielstrebig und vorsichtig um nicht erkannt zu werden. Ein reiches Herrenhaus war sein Ziel das sich majestätisch in der Stadtmitte aus dem Boden erhob. Die vermummte Gestalt sah sich rasch um ob auch niemand in der Nähe war, dann schlich er zur Rückseite des Hauses, weg von der Straße. Überlegt musterte er ein Fenster das sich an der Rückseite des Hauses befand, zog schließlich ein Stück Stoff aus seiner Tasche, wickelte es sich um die Hand und schlug die Scheibe möglichst lautlos ein. Ein leises Klirren war alles, was zu hören war. Der Einbrecher langte durch das Fenster, öffnete die Verriegelung und klappte das Fenster auf um anschließend in das Haus einzusteigen. Schnell scharrte er die Scherben unter einen großen roten Teppich. Er befand sich im Salon. Große Sofas, Tische, eine Reichgefüllte Bar, ein großer Schrank und mehrere Ölgemälde an den Wänden. Langsam schlich der Schatten durch das Zimmer und hing ein Gemälde nach dem anderen ab, bis er fündig wurde. Ein Wandtresor. Wieder kramte der Dieb in seiner Tasche und holte eine kleine Phiole mit einer durchsichtigen Flüssigkeit hervor. Mit einer Piepte tröpfelte er einige Tropfen der Flüssigkeit auf das Schloss des Safes, welches im selben Moment anfing zu dampfen und langsam von der Säure zersetzt wurde. Schließlich war das Schloss nur noch ein Klumpen Metall, das der Dieb mit einem Dolch vom Tresor hebelte der daraufhin einfach zu öffnen war. Im Inneren des Safes befand sich Schmuck und Gold, das alles in einem großen Beutel verschwand den der Einbrecher über der Schulter trug. Anschließend schloss er den Tresor wieder und hing das Gemälde zurück an seinen Platz. Er schlich aus dem Zimmer ins Treppenhaus. Er stieg in den ersten Stock, die Stufen knarrten leise. Zielstrebig ging er auf das Zimmer zu dass sich ganz hinten am Ende des Flur befand. Bevor er die Tür öffnete zog er erneut seinen Dolch...
Vom Regen in die Traufe. Ich denke dieses Sprichwort beschrieb meinen weiteren Lebensweg am besten. Zuerst ein Spielball der Vampirclans, dann fünf Jahre tot - einfach aus der Welt getilgt - nur um dann wiederzuerwachen um als Sklave eines wahnsinnigen Schwarzmagiers zu enden. Er hatte Recht, es war unmöglich seinen Zauber zu brechen, er hatte mich völlig unter seiner Kontrolle und das wusste er. Ein grausames Spiel begann, bei dem ich schon vorher wusste dass ich immer und immer wieder verlieren würde. Mein Mal, dass ich am Arm trug, bekam ich nicht ab, selbst als ich es einmal schaffte an Schwefelsäure aus dem Labor zu kommen und mir in meiner Verzweiflung den halben Arm wegätzte. Nach einigen Tagen war der Arm wieder regeneriert - dank meiner dunklen Gabe - doch das Zeichen war noch immer da und Sorlag hatte mich immer noch völlig unter seiner Kontrolle. Egal was ich auch versuchte, jedes Mal wenn ich mich seinen Befehlen widersetzte habe, kam dieser Schmerz. Ich musste ihm einfach gehorchen, es war als würde ich es automatisch machen. In diesen Momenten war es als würde ein anderer mich steuern, als wäre ich eine Marionette und hing an den Stricken eines perversen Puppenspielers der mich all die Schandtaten machen ließ.
Ich war sein Forschungsobjekt wie er mich bezeichnete. Er setzte mich den verschiedensten Folterungen aus. Eis, Feuer, Stahl, Magie, Sonnenlicht und was ihm sonst noch so in den Sinn kam. Er untersuchte wie lange ich es ohne Blut aushielt und folterte mich bis zur totalen Erschöpfung. Und es bereitete ihm Freude mich so leiden zu sehen. Die restliche Zeit ließ er mich Sklavenarbeit verrichten. Das ging von gewöhnlichen demütigenden "Hausarbeiten" über Diebstähle bis hin zu gelegentlichen Attentaten auf potentiell gefährliche Personen für ihn. Und so ging das Tag für Tag, Woche um Woche, Monat für Monat, seit fast zwei Jahren. Mein Wissen war in dieser Zeit stark gestiegen. Nicht nur das ich mittlerweile ein fast perfekter Dieb und Assasien war zudem mich Sorlag ausgebildet hatte, nein auch mein Wissen in der Kunst der Magie stieg. Oft hatte ich ihn heimlich bei seinen Studien beobachtet oder hatte es geschafft an das eine oder andere Buch zu gelangen. So lernte ich selbst von der verblüffenden Welt der Magie. Ich hoffte irgendwo einen Gegenzauber für seinen Fluch zu finden, doch war diese Suche vergeblich. Trotzdem war jenes Wissen und meine neuen Fähigkeiten sicherlich nützlich für die Jagd - vorausgesetzt ich kam hier irgendwann heraus, die Hoffnung hatte ich noch nicht aufgegeben.
Doch mir lief die Zeit davon. Ich war fünf Jahre außer Gefecht, und in dieser Zeit hatte sich viel getan. Hin und wieder konnte ich während ich meine Aufträge ausführte das ein oder andere aufschnappen. Man musste nur wissen wo man zu suchen hatte. Die Vampire hielten mich für tot und fühlten sich nun wieder sicher, feierten ihren Sieg über den letzten Jäger. In den ersten Jahren erlebte die Gilde dadurch einen Aufschwung, sehr zum Ärger von Asteroth und seinen Rebellen. Irgendwann dann muss etwas innerhalb der Gilde passiert sein, dass zu Auseinandersetzungen führte. Ein Thronräuber oder etwas Ähnliches. Jemand der o Kiels Platz übernehmen wollte. Es dauerte Monate um die Situation zu bereinigen und Tarim o Kiel erneut als obersten Vampir zu vereidigen. Doch die Kraft der Gilde wurde schwächer und viele wechselten die Fronten zu der neuen Allianz unter Asteroth. Die Situation wurde immer gespannter. Gegenseitige Sabotageakte und kleine Scharmützel waren der Anfang, ein völlig überraschendes Ultimatum von Asteroth an die Gilde schließlich der Auslöser. Er forderte Tarim o Kiel auf sich ihm zu unterwerfen und die Gilde an ihn abzutreten. O Kiel ging selbstverständlich nicht darauf ein. Etwa ein Jahr bevor ich wiedererweckt wurde brach dann der Krieg aus. Tarim o Kiel eröffnete Asteroth auf sein Ultimatum hin den Krieg und seitdem werden blutige Gefechte zwischen den beiden Parteien ausgetragen. Im Grunde wurde mir damit die Arbeit abgenommen, sollte allerdings eine der beiden Parteien den Krieg gewinnen würde er wohl zu mächtig für mich werden. Deshalb musste ich endlich wieder zuschlagen bevor es zu spät wurde. Doch dazu musste ich erst einmal diesen Sorlag loswerden. Es gab noch soviel unerfüllte Prophezeiungen des Orakels, ich konnte mir nicht vorstellen dass mein Leben in den staubigen Studierkammern eines irren Dämonologen enden sollte. Nein, so einfach würde ich es diesem verfluchten Schwarzmagier nicht machen.
Doch im Moment musste ich mich auf meinen Auftrag besinnen. Den Safe hatte ich geknackt, blieb noch diese andere Sache übrig...
Langsam öffnete ich die Tür, den Dolch mit der rechten Faust umklammert. Mir eröffnete sich ein teuer möbliertes Schlafgemach. Ein riesiges Himmelbett, teuere Gemälde schmückten die Wände, weiche Samtteppiche und Vorhänge, goldene Kandelaber. Edles Räucherwerk schwängerte die Luft. Ein leises Schnarchen tönte aus dem Bett. Ein gewaltiger Körper lag unter der Decke die sich stetig im selben Rhythmus hob und senkte.
Der Fettsack war einer der reichsten und einflussreichsten in der Stadt, und er war Sorlag und seinen Machenschaften auf die Schliche gekommen. Dies machte ihn zu einem meiner bedauernswerten Opfer. Doch mein Herz war längst erkaltet, ich empfand keine Reue bei dem Gedanken dass ich gleich einen wehrlosen im Schlaf erdolchen würde. Außerdem blieb mir keine Wahl, ich musste es tun. Meine Mission war weit wichtiger als ein einzelnes Leben. Langsam schlich ich auf mein Opfer zu. Vorsichtig zog ich ihm die Decke weg. Ein kurzes Grunzen war die einzige Reaktion bevor er weiterschlief. Ich hob den Dolch, ein Spiel das ich in den letzten zwei Jahren oft gespielt hatte. Am Anfang schloss ich noch die Augen da ich diesen Blick nicht ertragen konnte. Sicher, ich hatte schon Dutzende von Vampiren gepflöckt, doch bei diesen Menschen war es stets etwas anderes. Aber mit der Zeit härtet man ab und mittlerweile störte mich ihr Gesichtsausdruck nicht mehr - diese Mischung aus grenzenlosem Erstaunen und grausamer Erkenntnis. Dann ging alles blitzschnell. Ich stach zu mit der Kraft eines Hünen. Der Dolch drang in den Hals des Mannes. Röchelnd fuhr dieser hoch, seine Augen quollen aus den Höhlen während er wild mit den Armen ruderte. Er wollte schreien, doch der Dolch steckte in seiner Kehle, er bekam nur noch ein Krächzen heraus. Völlig ungläubig betrachtete er mich, wohl mit dem Gedanken dass ihm so etwas nie passieren könnte, obwohl reiche Leute bekanntlich viele Feinde hatten. Er polterte lautstark aus dem Bett und krabbelte noch ein Stück über den Holzboden. Er hinterließ eine rote Blutspur. Blut das aus seiner Kehle troff in der noch immer mein Dolch steckte. Er versuchte seinen Balkon zu erreichen, zog sich am Vorhang nach oben, der unter seinem Gewicht nachgab und zusammen mit dem gut 3 Zentner wiegenden Mann zu Boden ging. Er war tot, keine Reaktion mehr. Nur noch ein blutiges Bündel das halb in samtene Vorhänge gewickelt vor seinem Balkon lag. Das Bett und der Boden waren blutverschmiert. Was für eine Sauerei, ich hoffte nur das niemand vom Personal das Aufschlagen des Körpers gehört hatte welches in den Gesindekammern schlief. Ich hatte mir extra soviel Mühe gegeben keinen Lärm zu machen, aber dass dieser Kerl so zäh sein würde hätte ich nicht erwartet. Dann hörte ich ein Geräusch, jemand stieg die Treppe empor.
Verflixt, also doch. Eine Stimme drang an mein Ohr. "Herr? Ist etwas passiert, seid ihr gestürzt?"
Es klang wie ein Dienstmädchen. Nein, nicht noch ein unschuldiges Opfer. Ich musste schnellstens hier verschwinden. Die Tür schied aus wenn das Mädchen schon auf der Treppe war. Blieb nur der Balkon. Schnell stieß ich die beiden Flügel der Glastür auf, stieg über den Leichnam hinweg und fand mich draußen am Balkon wieder. Ich sah mich um. Vor dem Balkon befand sich eine alte Eiche - perfekt. Ich nahm Anlauf und sprang über das Balkongeländer direkt in die Baumkrone. Ich zerkratzte mir an dem spitzen Geäst meine Hände und das Gesicht, Blut lief mir über die Augen und ich konnte nicht mehr richtig sehen. Schnell wischte ich es aus dem Gesicht und blickte zu dem Fenster hinüber. Die Tür wurde geöffnet. Schnell ließ ich mich an dem Baum herunterrutschen, nicht ohne dabei Lärm zu verursachen, doch jetzt musste es schnell gehen. Dieser Mann hatte bestimmt auch Wachpersonal und auf solch eine Konfrontation war ich heute Nacht nicht gerade wild. Unbequem kam ich unten an und hörte von oben einen gellenden Schrei. Kreischend schien das Zimmermädchen die Treppe hinunterzustürzen und rief dabei um Hilfe. Zwei Sekunden später war das ganze Haus hellwach, Lichter gingen an, Hunde bellten, unverständliche Wortfetzen wurden gebrüllt. Ich überzeugte mich schnell ob ich noch meine Beute hatte, sprang dann über den Zaun und verschwand schnell in einer der dunklen Gassen. Nichts als ein Schatten in der Nacht, während ein weiterer Bürger dieser braven Stadt eines unnatürlichen Todes starb. Ich hatte was ich wollte und machte mich auf den Weg zurück zum Turm. Unterwegs fiel mit ein dass ich meinen Dolch vergessen hatte, aber das würde ihnen auch nichts nützen. Ich war wie ein Phantom, ein Schatten in der Dunkelheit.
4.
"Hast du deinen Auftrag ausgeführt?"
Sorlag war sichtlich neugierig. Nervös rieb er sich die Hände. Ich blieb stumm, und warf ihm den Beutel mit den Wertsachen vor die Füße. Seine Augen fingen gierig an zu funkeln.
"Oh gut, sehr gut." Er grinste übers ganze Gesicht, ein kaltes boshaftes Grinsen. "Und was ist mit seinem Besitzer, hast du ihn zum Schweigen gebracht?"
"Ja." antwortete ich knapp.
"Hast du einen Beweis, hast du mir etwas von ihm mitgebracht?"
"Nein."
"Wieso nicht." Er schien wütend zu werden.
"Es gab Komplikationen, ich musste schnell verschwinden." sagte ich ruhig und ohne jede Gefühlsregung.
"Was? Hat man dich entdeckt du dummer Tölpel???"
"Nein, niemand hat mich gesehen."
"Verdammt noch mal. Du bist nicht einmal im Stande die leichtesten Aufträge auszuführen du nutzloses Subjekt. Wie steh ich nun wieder da." Zornig musterte mich der Magier.
"Mich hat niemand gesehen." wiederholte ich meine Aussage. Sorlag sah mich noch einen Moment an, er versuchte wohl in meinem Gesicht nach einer Lüge zu forschen, doch er fand keine. Dann winkte er ab. "Also gut, ich will dir glauben schenken. Trotzdem, so etwas kommt nicht wieder vor." Dann wandte er sich dem Sack zu und ließ den Schmuck und das Gold durch seine knochigen Finger gleiten. Schon war er wieder besser gelaunt. Sorlag war ein Mensch (sofern man ihn als Mensch bezeichnen konnte) der extrem schnell seinen Gemütszustand änderte. In der einen Sekunde war er mit allem zufrieden, und dann explodierte er plötzlich. Aber ich hatte mich daran gewöhnt. Ich stand noch immer starr hinter ihm, während er gierig das Gold zählte. Schließlich merkte er dass ich immer noch da war.
"Ach so ja, richtig. Das hast du gut gemacht Sklave. Als Belohnung gibt es heute keine Versuche mehr. Bedanke dich bei mir und dann kannst du gehen." Ich zeigte darauf keine Reaktion.
Sorlag stand auf, schon wieder lag dieser zornige Ausdruck in seinen Augen. "Was ist los, bist du taub? Na los, auf die Knie und sage habt dank großer Meister für euere unendliche Milde!"
In anderen Situationen hätte ich darüber vielleicht gelacht, aber im Moment war mir nicht nach lachen zumute. Das einzige was ich noch hervorbrachte war ein gepresstes: "Das werde ich nicht tun."
Danach war es um Sorlag geschehen, seine Wut übernahm die Kontrolle über ihn.
"WAS?" Seine Stimme überschlug sich und wechselte in ein hohes Kreischen. Er konnte vermutliche nicht fassen dass jemand sich seinem Wort widersetzte. "BEFEHLSVERWEIGERUNG! DU UNDANKBARES STÜCK DRECK, WIE KANNST DU ES WAGEN? WAS HAB ICH NICHT ALLES FÜR DICH GETAN! ICH HAB DICH VON DEN TOTEN AUFERSTEHEN LASSEN, ICH SORGE HIER FÜR DICH UND BESCHÜTZE DICH VOR DEINEN BRÜDERN, UND ALLES WAS ICH DAFÜR WILL IST EIN SIMPLES DANKESCHÖN. LOS, SOFORT TUST DU WAS ICH DIR SAGE!!!"
"Niemals!" zischte ich ihm ins Gesicht. Und dann war es schon passiert. Sorlag schmetterte seine Hand auf meine Stirn, und ein grellroter Blitz leuchtete auf. Ich hatte das Gefühl als würde eine Sonne in meinem Kopf explodieren. Vor Schmerz brüllend ging ich in die Knie und hielt mir den Kopf.
"Na also, geht doch. Und nun sag: Verzeiht mir großer Meister für mein grobes Fehlverhalten, ich werde es nie wieder tun."
Die Schmerzen waren unerträglich, doch so leicht würde er mich nie kriegen. "Das werde ich nicht tun." Sorlag packte mich erneut und die Schmerzen begannen von neuem.
Warum nur wurde ich nicht bewusstlos? Doch Sorlag ließ nicht zu dass ich von dem Schmerz erlöst wurde. Wenn ich nur irgendetwas tun könnte. Doch gegen Magie war ich machtlos.
"Ich werde dich nicht töten, den Gefallen tu ich dir nicht Jäger. Aber du wirst den Rest deines erbärmlichen Daseins ein Wrack sein. Du hast keine Ahnung welche Qualen ich dir bereiten kann. Also tu endlich was ich dir sage bevor ich wirklich böse werde." Eine neue Welle des Schmerzes, die Pein spottete jeder Beschreibung. Es würde nicht mehr lange dauern, dann würde dieser Körper aufgeben. Aber das durfte nicht passieren - ich hatte eine Mission.
"Es...es tut mir leid, ich habe einen Fehler gemacht."
"Und?"
"Ich werde es nie wieder tun."
"Haben wir nicht etwas vergessen. Wie sollst du mich nennen?" Ich gab ihm keine Antwort.
"Du hast mich Meister zu nennen. Also los sag es!"
"Das werde ich nicht tun. Sen Lar war mein Meister, und sonst niemand." Danach dachte ich wirklich ich würde zum zweiten Mal sterben. Ich weiß nicht was es war, dass Sorlag auf mich schleuderte, doch schlimmer konnte auch keine Pein der Hölle sein. Mein Körper hatte mittlerweile kapituliert, ich brach unkontrolliert zuckend auf dem Boden zusammen. Sorlag thronte über mir.
"Du magst stark sein, jeder normale Mensch wäre schon längst tot oder Wahnsinnig, aber trotzdem, noch eine Attacke und du bist am Ende. Also wie nennst du mich?"
Ich biss die Zähne zusammen und schloss die Augen. Ich hatte keine Wahl. "M...M..."
"Ja?" Sorlag zog das Wort genüsslich in die Länge.
"Meister!" stieß ich hervor. Ich hatte mein Wort gebrochen, ich hatte den wichtigsten Menschen denn ich hatte verraten. Sorlag würde es büßen das er mir das aufgezwungen hatte.
"Ich... ich werde euch töten." keuchte ich mit letzter Kraft.
Sorlag blieb unbeeindruckt. "Mag sein, jeder muss einmal sterben. Doch ich bezweifle dass du mein Henker sein sollst. Aber du kannst es ja gerne versuchen. Solange aber gehörst du mir und wirst tun was ich sage." Sorlag entfernte sich und indem Moment wurde mir schwarz vor Augen und endlich setzte die erlösende Ohnmacht ein.
Ich saß in meiner kleinen engen Kammer und dachte nach. Mein Blick glitt durch mein Domizil. Ein Haufen Stroh und ein klappriger Holztisch mit Stuhl war alles was sich hier befand. Und ein kleines Fenster, welches so angebracht war, dass die Sonne genau auf mein Stroh fiel und ich jeden Morgen mit der Sonne geweckt wurde - eine kleine Gehässigkeit die sich Sorlag für mich ausgedacht hatte. Wagte ich es das Stroh zu verschieben bedeutete dies Züchtigung und das konnte sehr schmerzvoll werden. Ich führte jetzt seit fast zwei Jahren ein Leben als Sklave des sadistischsten Menschen den ich kannte. Seine Grausamkeit stellte sogar so manchen Vampir in den Schatten. Zwei Jahre voller Qual, Demütigungen, Pein und Hoffnungslosigkeit. Ich stahl und ich mordete. Diese zwei Jahre gehörten zu den düstersten meines Lebens. Doch noch waren mein Wille und mein Stolz nicht gebrochen. Ich dachte oft darüber nach dem ganzen ein Ende zu setzen. Ich wusste nicht ob Sorlag es hätte verhindern können, aber ich tat es ohnehin nicht. Nein, ich würde mich nicht töten. Ich hatte eine Mission - ich war ein C'ael Rohen und musste meiner Pflicht nachkommen. Also was sollte ich tun? Warten? Ich würde durch meine Kräfte vermutlich länger leben als Sorlag, aber konnte ich mir da sicher sein? Verdammt wie lange lebte denn ein Magier? Er konnte sich bestimmt verjüngen. Außerdem konnte ich nicht so lange warten, draußen eskalierte der Krieg zwischen den Clans und ich musste langsam wieder ins Spiel kommen bevor meine beste Chance vertan war. Es blieb mir keine Wahl, ich musste handeln. Irgendwie musste ich hier raus. Aber was dann? Sorlag verreiste oft, doch er konnte mich jederzeit zurückholen egal wie weit ich weg war. Nein, ich musste diesen Zauber brechen - oder Sorlag töten. Am besten beides.
Doch ich wusste nicht wie, ich hatte doch schon alles versucht. Er war einfach zu mächtig. Ich brauchte Hilfe - doch wer könnte mir helfen? Ich wusste darauf keine Antwort. Ich schlurfte zu der mannshohen Eisentür, die mein Gemach begrenzte. Sie war nicht verschlossen, wo hätte ich den schon hin gesollt? Unten war eine kleine Metallklappe zu der mir Sorlag ab und zu ein blutiges Stück Fleisch hin warf. Er gab mir ausreichend Blut damit ich bei Kräften blieb, ansonsten würde dies die Experimente beeinflussen. Ich betrachtete meinen geschunden Körper. Verbrennungen, vernarbte Einstiche und Abschürfungen. Spuren der heutigen Versuche. Die Wunden begannen bereits zu heilen - dennoch würde ich sie noch eine Zeitlang spüren. Ich war eben kein richtiger Vampir, bei mir dauerte der Heilungsprozess länger. Ich sah aus dem Fenster. Dort war die Freiheit, ich konnte sie sehen, riechen, schmecken. Doch war sie nur eine Illusion. War Freiheit eine Illusion? Ich war mir dessen mittlerweile nicht mehr so sicher, doch eines war gewiss, Sorlag sollte nicht das letzte Kapitel meines Lebens werden. Ich würde diesem Alptraum hier entfliehen und wenn auch nur um dann in den nächsten zu geraten. Aber Sorlag würde bestimmt nicht mein Schicksal sein. Ich hatte ihm nun lange genug gedient, es war an der Zeit abzurechnen!
5.
Meine Hände vollführten eine komplizierte Geste.
`Na komm schon, du hast doch schon tausendmal gesehen wie es geht`. Nichts passierte. Die Tür blieb verschlossen. Ich musste es noch einmal probieren, dies war vielleicht meine einzige Chance. Sorlag brach heute Morgen auf. Studienreise. Ich kannte das Spiel. Es konnten Tage oder gar Wochen vergehen bis er wiederkommen würde. Ich konnte mich frei bewegen - Sorlag wusste genau das ich nicht fliehen konnte. Sein Fluch wirkt auch über die größten Distanzen. Doch eins hatte Sorlag vergessen, und dies war meine einzige Chance. Er unterschätzte mich. Schweißperlen standen auf meiner Stirn.
`Na los, geh schon auf. ` Erneut vollführte ich die Geste über dem Türknauf - mittlerweile zum fünften Mal. Ich konzentrierte mich so stark ich konnte. Und dann endlich spürte ich ein Kribbeln in meinen Händen. Energie die durch meinen Körper strömte. Das Türschloss gab ein leises Klicken von sich. Schwer atmend taumelte ich zurück. Ich hatte es geschafft. Mein Plan ging auf. Vor einer Woche war es mir gelungen an einen von Sorlags Tränken zu gelangen die einem für kurze Zeit magische Kräfte verliehen. Heute Morgen nachdem Sorlag aufgebrochen war, trank ich ihn und spürte sogleich die magische Kraft in mir. Mein Ziel war seine geheime Studierkammer. Wenn ich irgendwo einen Gegenzauber finden konnte, dann dort drinnen. Die Tür war dummerweise magisch verschlossen, doch hatte ich mir die Geste mit der Sorlag die Tür öffnete genau eingeprägt und ständig geübt. Und mit Hilfe dieser Geste und des Zaubertrankes war es mir nun tatsächlich gelungen den Zauber zu brechen und die Tür zu öffnen. Nun stand nichts mehr zwischen mir und seinen geheimen Forschungen. Ich hoffte dort fündig zu werden und so öffnete ich die massive Tür und betrat das Labor, als mich ein seltsames Gefühl überkam. Gefahr! schrie eine innere Stimme und ich ließ mich instinktiv zu Boden fallen. Im selben Moment brannte eine gewaltige Feuerlanze über meinen Kopf hinweg, die mich vermutlich auf der Stelle gegrillt hätte. Verfluchter Mistkerl, ich hätte mir denken können dass es nicht so einfach war. Ich stand wieder auf und sah mich vorsichtig um.
Ich hatte noch nie so viele Bücher auf einmal gesehen, scheinbar war das Regal im Keller nur ein Teil seiner Sammlung. Es würde Wochen dauern um sie alle durchzugehen. Gedanken versunken wollte ich über die Bücher streichen als plötzlich ein heißer stechender Schmerz durch meine Hand fuhr. Schreiend zog ich sie zurück, sie war verbrannt. Was war dass? Ich sah mich um, fand ein leeres Tintenfass auf einem der Schreibtische und warf es gegen das Regal. Es gab ein Zischen und kurz leuchtete das komplette Regal grün auf. Ein magisches Kraftfeld umgab seine Bücher. Sorlag war vorsichtiger als ich dachte. Aber daran konnte ich im Moment auch nichts ändern. Ich sah mich weiter um. Ich widmete mich denn Schreibtischen auf denen sich verschiedene Bücher, Pergamente, Schreibfedern und anderes Arbeitsgerät befanden. Wenn ich schon nicht an seine Bücher herankommen konnte, dann würde ich mir zumindest ansehen woran er gerade arbeitete, vielleicht konnte es mir nützen.
Ein Buch handelte um Edelsteinkunde, ein anderes um die Artefaktmagie. Das dritte war ein Geographiebuch der Umgebung und das letzte ein altes mythologisches Geschichtswerk das sich hauptsächlich mit alten Göttersagen und anderen Mythen beschäftigte. Ich verstand nicht in welcher Verbindung diese Bücher standen, doch sollte es bald alles einen Sinn ergeben. Ich durchforstete Sorlags Unterlagen und fand ein schmales Büchlein in welches der Magier seine Forschungsergebnisse schrieb. Ich las den letzten Eintrag:
Ganz eindeutig, langsam wird mir alles klar. Die Steine sind keine Erfindung, sie existieren tatsächlich. Seit fast 10 Jahren bin ich nun diesen geheimnisvollen Steinen auf der Spur. Wie es scheint handelt es sich um so etwas wie magische Artefakte. Edelsteine in denen sich je nach Art verschieden mächtige Magie befindet. In dem Buch wurden diesen Steinen je nach Farbprägung unterschiedliche Eigenschaften zugeteilt. Offenbar gibt es grüne, blaue, gelbe, violette und rote Steine. Mein Interesse gilt vor allem den roten Steinen, da sie angeblich in die stärksten sind und große Macht verleihen können. Wörtlich steht in dem Buch: Man erhält die Kraft eines mächtigen magischen Wesens. Ich kann nur spekulieren was das genau bedeuten soll, aber ich vermute das es sich hierbei um die Beschwörung von Dämonen oder ähnlichen Kreaturen handelt die einem dann ihre Macht übertragen. Ich muss diese Steine finden, sie wären für die Dämonologie von unschätzbarem Wert. Doch ich weiß weder wo sie sich befinden noch wie viele es davon gibt. In meiner langen Forschung ist mir aber eine interessante Verbindung zu einem anderen Artefakt aufgefallen und zwar als ich ein Buch mit alten Mythologien durchging. Auch hier war die rede von "Steinen der Macht" oder "Steinen der Ahnen", doch wurde dort beschrieben das sie nur ein Teil des Artefaktes sind und alleine praktisch nutzlos. Nur in Verbindung mit einer magisch geschmiedeten Waffe, die unzerstörbar und ebenfalls von großer magischer Energie durchwoben ist, entfalten die Steine ihre Kraft. Und zu meiner großen Überraschung ist es durchaus möglich dass sich eine dieser Waffen ganz in der Nähe befindet. Ich nahm mir ein Geographiebuch der Umgebung, und einer der im Buch beschriebenen Orte wo sich einst solche Waffen befanden passt exakt auf eine alte Grotte die etwa 50 Meilen westlich meines Turms liegt. Dummerweise muss ich in Kürze abreisen um meinen jährlichen Blutzoll an meine Meister aus der anderen Sphäre zu entrichten, aber danach werde ich dieser Sache unverzüglich auf den Grund gehen. Ich frage mich ob an diesen alten Legenden etwas dran ist und ob diese Waffen tatsächlich existieren. Doch ich glaube nicht mehr an Zufälle, bald werde ich dem Mysterium auf den Grund gehen.
Der Eintrag war zu Ende. Ich war verwirrt. Nicht das wonach ich gesucht hatte, aber eine andere erschreckende Wahrheit. Nach all den Jahren dachte ich wieder an mein Erlebnis mit dem Orakel und an seine Weissagung. Ich war mir sicher das Sorlag mit dem schwarzen Mann gemeint war, und vielleicht wusste ich jetzt auch was es mit der nächsten Zeile auf sich hatte. Das Orakel sagte ich bräuchte Die Klingen, den Stein und die Kraft die verbindet. War damit vielleicht eine dieser Waffen und einer dieser roten Steine gemeint. Ich erinnerte mich daran das Tarim o Kiel einst in Ankohead Nacht etwas suchte. Wenn ich mich noch Recht daran erinnerte war damals die Rede von einem Objekt gewesen das die Vampire Blutstein nannten. Angeblich ein heiliges Relikt ihrer Ahnen, doch wäre es möglich das dieser Blutstein einfach nur einer jener roten Steine war? Konnte es sein das ein Wink des Schicksals mich ausgerechnet an diesen Ort des Kontinents geführt hatte um mich darauf zu stoßen?
Ich merkte wie ich mich in Spekulationen verrannte. Es war nicht meine Art solchen Überlegungen nachzugehen, doch bisher hatte alles was das Orakel gesagt hatte einen tieferen Sinn. Ich fühlte dass ich an diesen Ort musste, das ich dort endlich meine lang ersehnten Antworten finden würde. Es gab immer noch viele Unklarheiten. Was ist die Kraft die verbindet? Wo sollte ich einen dieser Steine finden? Selbst wenn es diesen Blutstein gab, so wusste ich nicht ob er von der Gilde je gefunden wurde. Und wer waren die schwarzen Zwillinge? Würden sie mir bei der Suche nach diesen Artefakten helfen? Waren sie Verbündete oder Feine, Menschen, Vampire oder noch schlimmeres? Und dann blieb da noch Sorlags Fluch. Ich stand ratlos in seiner Studierkammer und überlegte was ich nun tun sollte.
Meine Entscheidung war getroffen. Ich hatte noch stundenlang das Labor auf den Kopf gestellt doch meine Suche blieb erfolglos. Wenn es stimmte das sich dieser Ort nur 50 Meilen von seinem Turm befand wäre ich in zwei Tagen dort - sofern ich die Grotte gleich finden würde. So schnell kam Sorlag mit Sicherheit nicht zurück. Jetzt wusste ich zumindest endlich warum er so oft vereiste, er musste einen Blutzoll entrichten. Scheinbar hatte das paktieren mit Dämonen seinen Preis. Dies war meine einzige Chance endlich Antworten zu bekommen, ich musste es riskieren.
Ich brach noch am selben Tag auf. Zwei Tage lang wanderte ich durch die Wildnis, hielt mich immer westwärts. Ich hatte das Geographiebuch dabei und folgte der Beschreibung die mich zu der Grotte bringen sollte. Trotzdem verlief ich mich dreimal bevor ich sie fand, so versteckt in den dichten Wäldern das es ein Wunder war, das sie überhaupt bekannt war. Sie machte auf den ersten Blick einen ganz normalen Eindruck, eine Grotte wie alle anderen auch. Aber etwas trübte dieses Bild.
Vor der Grotte lagen die Knochen von etwa 2 Dutzend Menschen, um sie herum die verrosteten und zerfallenen Überreste der Rüstungen, Waffen und Kleidungsstücke die sie einst mit sich führten. Manche dieser Sachen schienen dort schon seit Ewigkeiten zu liegen und zerfielen sobald man sie berührte. Scheinbar hatte man schon vor mir versucht dort hinein zu gelangen. Langsam näherte ich mich den sterblichen Überresten. Eines der Gebeine schien noch relativ neu zu sein, gut erhalten. Das Skelett war noch vollzählig und in unbeschädigte Stoffe gewandet. Doch ich konnte kein Fleisch und keine Haut mehr an den Knochen erkennen. Es sah fast so aus als hätte es sich einfach aufgelöst. Ich konnte es mir beim besten Willen nicht erklären was hier vorgefallen war. Mich interessierte in diesem Moment allerdings viel mehr seine Ausrüstung, vor allem sein Schwert, da ich ja gar keine Waffe bei mir hatte. Es war ein einfaches aber solides Schwert. Es würde reichen. Nicht die Waffe, sondern der, der sie führte entscheidet den Kampf. Ich nahm das Schwert und wandte mich dem Höhleneingang zu. Dunkel und Bedrohlich ragte er vor mir auf, als wollte er mich jeden Augenblick verschlucken. Und dann erst fiel mir die Inschrift auf, die in den Fels gemeißelt wurde. Sie war in der Allgemeinsprache geschrieben:
Bevor du deinen Fuß in diesen heiligen Ort setzt, wisse das nur jene über die Schwelle treten können die Auserwählt sind den Schatz zu erobern und zu benutzen. Alle anderen finden hier nur denn Tod!
Schon wieder so etwas wie ein Rätsel? Nein, eher eine Warnung. Was sollte ich jetzt tun? Das Orakel sagte zu mir ich wäre ein Auserwählter, aber vertraute ich diesem Orakel so sehr um hier mein Leben aufs Spiel zu setzen. Andererseits, was hatte ich für eine Wahl? Ich hatte jetzt die Wahl zwischen dieser Grotte und Sorlag. Mein Schwur erinnerte mich daran mein Leben nicht leichtsinnig zu gefährden, aber lieber dieses Risiko eingehen als ewig ein Sklavendasein zu fristen. Ich atmete tief durch, packte das Schwert fester und trat über die Schwelle in die Höhle.
6.
Langsam schritt ich durch die in düsteres Zwielicht getauchte Höhle. Auf den ersten Blick eine gewöhnliche Tropfsteinhöhle, aber bei genauerer Betrachtung stellte ich fest dass mehr dahinter steckte. Die Höhle war nicht natürlich entstanden, sie schien aus dem Felsen gemeißelt worden zu sein. Ich versuchte mir vorzustellen wie lange es dauern musste und wie viele Arbeiter nötig waren um eine Höhle dieses Ausmaßes aus dem Stein zu schlagen. Eine andere Möglichkeit wäre, dass sie magisch entstanden war, vielleicht wurden Dämonen oder Elementargeister dazu beschworen. Ich hielt diese Möglichkeit für wahrscheinlicher, immerhin handelte es sich hierbei um einen magischen Ort. Darauf ließen auch die Runen an den Wänden schließen, leider konnte ich sie nicht entziffern. Auch spürte ich ständig ein seltsames Kribbeln auf meiner Haut und unterbewusst spürte ich eine Energie in der Luft. Dann passierte es. Ich war noch keine 10 Schritt in die Höhle gegangen( auf dem Boden lagen immer noch überall Skelette oder halbverweste Kadaver) da spürte ich wie etwas durch meinen Körper fuhr. Es war als würde reine Energie durch meinen Leib fließen. Vermutlich fühlte man sich so, wenn man von einem Blitz getroffen wurde. Ich zuckte unter der Energie, meine Haut begann zu rauchen, doch ich blieb unversehrt. Dann hatte ich plötzlich das Gefühl etwas wäre in mir. Irgendeine Wesenheit wäre in mein Inneres eingedrungen, in meinen Geist und erforsche ihn nun. Und ich wusste dass ich vor dieser Entität nichts verbergen konnte. Die Prozedur dauerte einige Augenblicke und dann war die Präsenz plötzlich wieder aus meinem Geist verschwunden und auch das Kribbeln verschwand. Alles war wie vorher, ich war unversehrt.
Noch während ich mich fragte was da eben mit mir geschehen war, erinnerte ich mich an die vielen Kadaver um mich herum und mir fiel die Antwort wie Schuppen von den Augen. Es war ein Test. Wie es draußen im Stein geschrieben stand, nur die Auserwählten konnten passieren. Vermutlich hatten die meisten diese Prüfung nicht bestanden, das Meer aus Knochen welches vor meinen Füßen lag, war Zeugnis genug. Doch scheinbar wurde ich erwartet - wie es das Orakel vorhergesagt hatte. Entschlossenen Schrittes ging ich weiter, ich wollte der Sache endlich auf den Grund gehen.
Ich folgte der Höhle, doch stellte ich bald fest dass dies mehr ein Labyrinth als eine Grotte war. Bald gabelte sich der Weg vor mir, und dieser schließlich wieder und wieder. Überall zweigten neue Wege ab, führten in Sackgassen oder im Kreis. Es wurde immer dunkler je weiter ich in die Grotte vorstieß, bald konnte ich nur noch dank meiner guten Augen etwas erkennen. Ich musste jetzt schon Stunden durch dieses Gefängnis aus Felsen irren. Ein Ausgang war nirgends zu sehen. Irgendwann stieß ich auf ein weiteres Skelett das an der Wand lehnte. Keine Anzeichen äußere Einwirkungen, vermutlich war er oder sie verhungert, angesichts dieses Labyrinths keine Überraschung. Mir kam es fast so vor als wolle mich dieser Irrgarten nicht aus seinen Fängen lassen. Ich hatte beschlossen die Wände zu markieren indem ich Kreuze in den Felsen ritzte, doch sie verschwanden auf wundersame Weise im selben Moment. Wieder eine Prüfung, dies war die einzige Erklärung die mir einfiel. Ich würde die Sache anders angehen müssen. Mein Meister hatte immer gesagt ich solle mich von meiner inneren Stimme leiten lassen, also würde ich es versuchen. Ich schloss die Augen, denn sie konnten mich täuschen und horchte auf mein Gefühl. Ich ließ mich von meiner Intuition leiten und setzte einen Fuß vor den anderen. Auf einmal spürte ich einen kurzen Widerstand, dann hatte ich ihn passiert. Als ich die Augen wieder öffnete stellte ich fest dass ich soeben durch die Wand gegangen war. Magische Illusionen! Ich verfluchte dieses Blendwerk innerlich, mein bedarf an solchem Zauberwerk war mehr als gedeckt. Aber zumindest wusste ich jetzt wie ich diesem Labyrinth entkommen konnte. Entschlossen schritt ich auf die nächste Wand zu. Und tatsächlich, als ich die Hand ausstreckte glitten meine Finger durch den Felsen als wäre er nichts weiter als grauer Nebel. Verdammt, dieses ganze Gebilde war nichts weiter als eine einzige große Illusion um meine Sinne zu verwirren. Im selben Moment als mir dieser Gedanke kam, zerfloss das Bild vor mir und ich stand in einer leeren großen Halle. Dort wo eben noch verwirrende und verwinkelte Gänge waren, blieb nun nur gähnende Leere. Nur in weiter Entfernung konnte ich etwas schimmern sehen, doch war soweit entfernt, dass nicht einmal ich es erkennen konnte.
Die Höhle war gigantisch, mehrere Kilometer lang, bestimmt 200 Meter hoch und mindestens einen Kilometer breit. Ich begann auf das Objekt zuzugehen das ich nach einiger Zeit als so etwas wie einen Altar erkennen konnte. Auf einmal begann der Boden unter meinen Füßen zu beben. Was war dass nun wieder, ein Erdbeben? Ein weiterer Test? Doch ich hatte kaum Zeit zum nachdenken, denn schon riss der Boden zwischen meinen Füßen auf. Rotglühende Lava kam darunter zum Vorschein die sich zischend über den Boden ergoss. Schnell sprang ich nach rechts, brachte mich vor dem heißen Gestein in Sicherheit, als knapp neben mir ein Felsbrocken donnernd aufschlug. Das Beben hatte die Decke erreicht die unter der gewaltigen Erschütterung nachgab. Überall fielen Felsbrocken zu Boden die anschließend in Tausende kleinerer Brocken zerbarsten die wie tödliche Geschosse durch die Luft sirrten. Der Boden brach an immer mehr stellen auf und Magma spritzte durch die Luft. Erschrocken stellte ich fest, dass ich auf einer kleinen Felsinsel gefangen war. Um mich herum existierte kein Boden mehr, sondern nur noch Lava und gähnende Abgründe die sich aufgetan hatten um mich zu verschlingen. Über mir löste sich ein weiterer Steinbrocken und stürzte auf mich zu. Ich nahm Anlauf und sprang im letzten Augenblick bevor der Brocken hinter mir aufschlug und die Felsinsel unter sich begrub. Ich bekam den Rand des übrigen Bodens zu fassen während mein Körper in einer Felsspalte baumelte die gut 100 Meter in die Tiefe führte. Der Fels war brüchig ich konnte mich nur mit Mühe und Not halten. Ich spürte die Hitze der Lava über mir, die langsam auf mich zufloss. Und dann, noch bevor ich reagieren konnte, schlug ein weiterer Gesteinsbrocken ein und riss den kompletten Felsvorsprung mit sich in die Tiefe an dem ich hing. Ich stürzte abwärts. Ohne zu zögern packte ich mein Schwert und rammte es mit aller Kraft in einen kleinen Felsspalt. Es war gut gearbeitet und brach nicht, doch lange würde es dieser Belastung nicht standhalten können. So hing ich mit einer Hand an dem Schwert und versuchte irgendwie halt zu finden. Zu allem Überfluss tropfte auch noch Lava auf mich und lief den Felsen herab. Meine Kleidung begann bereits zu rauchen. Ich musste irgendwie wieder hinauf kommen. Mit der freien linken Hand versuchte ich Halt an dem brüchigen Gestein zu bekommen was mir nach einigen endlos scheinenden Sekunden schließlich gelang. Ich versuchte das Schwert wieder frei zu bekommen, doch vergeblich. Es hatte mir vermutlich das Leben gerettet, doch nun war es für mich verloren. Langsam kletterte ich die Felswand hinauf und versuchte dabei dem Lavastrom so gut es ging zu entgehen. Einmal flog ein Felsbrocken knapp hinter meinem Rücken in den Spalt und hätte mich fast mitgerissen. Knapp konnte ich mit meiner rechten Hand noch einmal Halt finden wobei ich sie mir jedoch an der Lava verbrannte die den Felsen bedeckte.
Dann endlich war ich wieder oben und zog mich aus dem Spalt. Im Umkreis von einem Kilometer war vom Boden nicht mehr viel übrig, überall durchzogen ihn rote Risse, überall floss Lava oder taten sich gähnende Abgründe auf. Doch gut 200 Meter vor mir hörte das ganze plötzlich auf, dort war der Boden intakt und keine Felsbrocken flogen von der Decke, als befände sich dort eine unsichtbare Linie die die Zerstörung zurückhielt.
Ich begann zu rennen, weichte den fallenden Gesteinstrümmern aus und achtete auf die Risse. Als wüsste die Grotte dass ich ihr zu entwischen drohte öffnete sich vor mir ein weiterer tödlicher Abgrund. Er war gut 7 Meter lang und so breit wie die ganze Höhle. 30 Meter ging es in die Tiefe und darunter erwartete mich dampfendes Magma. Ich hatte keine Wahl, ich musste springen. Ich nahm Anlauf und rannte. Rechts und links kamen krachend zwei Brocken runter, Felssplitter bohrten sich in meine Haut, doch ich rannte weiter. Und dann sprang ich! Ich setzte all meine vampirische Kraft in diesen Sprung. Ich hatte noch nie ausprobiert wie weit ich tatsächlich springen konnte, nun würde ich es herausfinden.
Schmerzhaft landete ich auf dem Boden. Ich hatte es tatsächlich geschafft. Langsam rappelte ich mich wieder auf und rieb mir meine schmerzenden Knochen. Plötzlich war es totenstill in der Höhle, kein Laut war mehr zu hören. Als ich mich herumdrehte stellte ich fest dass die Höhle wieder völlig intakt war. Keine fehlenden Stücke im Boden, keine Gesteinsüberreste von Felsbrocken die von der Decke gefallen waren, keine dampfende Lava. So als wäre das alles nie passiert. Die Sache hier gefiel mir immer weniger, ich fragte mich was mich hier wohl noch erwarten würde. Was sollten diese ganzen Prüfungen und Tests? Was war dies hier für ein seltsamer Ort? Ich klopfte mir den Staub von der Kleidung und setzte meinen Weg fort. Ich hatte gar nicht gemerkt wie nah ich dem Altar gekommen war. Er stand nun direkt vor mir. Es war ein goldener Altar, umgeben von mannshohen Kandelabern deren Kerzen mit blauer Flamme brannten. Es war ein ehrfürchtiger Anblick, ich spürte wie mächtig dieser Ort sein musste... und wie verdorben. Eine böse Aura, dunkel und finster hatte von mir besitzt ergriffen, jetzt da ich dem Altar so nahe war wurde sie immer stärker. Auf dem Altar waberten pechschwarze Schleier die jenes verbargen was auf ihm ruhte. Lange hatte es geschlafen, doch hatte ich es nun erweckt. Als ich auf den Altar zuschritt spürte ich eine Veränderung in mir. Ich spürte plötzlich wie ich mich immer wohler fühlte, und das machte mir Angst, denn es war meine dunkle Seite die sich hier gestärkt und fast wie Zuhause fühlte. Es war ein unheiliger Ort, ein Ort der Verdammnis. Und ich hatte ihn geweckt. Und dann stand das Wesen vor mir, dessen dunkle Aura ich in mir spürte schon seit ich die Grotte betreten hatte.
Es war ein Dämon!
Es musste ein Dämon sein, ich wusste nicht wie ich diese Kreatur sonst hätte beschreiben sollen. Er war gut 3 Meter hoch und hatte die Gestalt eines schwarzen vierarmigen Insekts. Violette leuchtende Facettenaugen musterten mich und gelber ätzender Speichel lief der Kreatur aus dem Maul. Zwei durchsichtige Flügelpaare hingen an ihrem Rücken. Dann begann es zu sprechen, jedoch in meinen Gedanken (ich bezweifelte auch ob ein Insekt in der Lage wäre Laute von sich zu geben die ich verstehen könnte).
"Na endlich mal wieder jemand der es geschafft hat die Fallen zu überlisten, mir wurde schon langsam langweilig. Wie ist dein Name?"
Meine Miene blieb fest und unverändert auch wenn ich mich alles andere als Wohl fühlte - zumindest der Teil von mir der im Moment noch die Kontrolle über meinen Körper hatte, was hoffentlich so bleiben würde.
"Man nennt mich DRAKE DU KANE, und wer oder was bist du?"
Die Kreatur begann zu lachen. "Große Worte für jemanden in deiner Lage. Das gefällt mir. Wir haben keine Namen, aber darauf kommt es nicht an."
"Du bist ein Dämon!"
"Ja, so nennt Ihr Sterblichen unseresgleichen. Und es ist lange her dass mich jemand besucht hat. Du bist der erste seit 300 Jahren der es bis zu mir geschafft hat. Ich gratuliere dir Drake du Kane" Die Stimme des Dämons sprühte nur so von Hohn und Verachtung.
"Was ist das für ein Ort. Wozu dient er?"
"Ha, viel weißt du ja nicht für einen Auserwählten."
Als die Kreatur meinen verständnislosen Blick sah fuhr sie fort. "Ja du bist auserwählt worden Sterblicher. Und ich glaube ich bin nicht der erste von dem du dass hörst. Ich spüre die Präsenz des Orakels aus dem Norden. Sicher hat Sie dich hierher geschickt."
Es wusste also von dem Orakel. Ich versuchte mir meine Überraschung nicht anmerken zu lassen. Es hatte mich Sterblicher genannt, offenkundig wusste es nichts von meiner wahren Existenz, eine Erkenntnis die sich vielleicht als nützlich erweisen würde. Was immer dieses Wesen auch war, allwissend war es nicht.
Schließlich fuhr es fort: "Nun gut ich werde dir sagen wo du dich befindest. Dies hier ist ein uraltes Heiligtum, ein Außenposten davon um genau zu sein."
"Außenposten?"
"Ja, das Zentrum dieser magischen Orte befindet sich auf einem kleinen Inselreich das gut verborgen irgendwo im Süden des Festlandes liegt. Dort befinden sich die meisten dieser Orte."
"Du meinst es gibt hiervon noch mehr?"
"Sehr viel mehr sogar. Früher waren es weit über hundert, doch in den Jahrtausenden wurden es immer weniger. Einige dieser Orte befinden sich als Außenposten auf dem Festland. Doch es sind wenige geworden. Dies hier ist einer der letzten."
"Wie heißt diese Insel und wie kann ich sie finden?"
"Oh ich fürchte das musst du selbst herausfinden oder sehe ich wie ein Orakel aus."
Langsam wurde ich wütend. Aber ich versuchte mich zusammenzureißen, vielleicht konnte mir dieser Dämon noch nützlich sein.
"Dann sage mir zumindest wo ich die schwarzen Zwillinge finde, ich muss mit Ihnen reden, vielleicht können sie mir weiterhelfen." Plötzlich begann der Dämon zu lachen und hörte nicht mehr auf. Er lachte ganz eindeutig über mich. Wollte er mich reizen? Die Motive dieses Wesens waren mir schleierhaft, ich musste vorsichtig sein.
"Oh du armer Narr, weißt du überhaupt was die Schwarzen Zwillinge sind?" Der Dämon deutete auf den Altar und im selben Moment verschwanden die Nebelschaden und zum Vorschein kamen...
...zwei glänzende aus schwarzem Stahl geschmiedete Schwerter. Als ich sie sah spürte ich einen ehrfürchtigen Schauder. Sie waren makellos, kein Kratzer, keine Unebenheiten, nichts. Und ich war mir sicher dass man sie auch nicht zerstören konnte, selbst wenn man es wollte. Es waren magische Klingen, aus einem magischen pechschwarzen Stahl geschmiedet und von uralten Kräften durchwoben. Ich hatte noch nie im Leben so etwas Vollkommenes und Schönes gesehen, dennoch kamen sie mir vertraut vor als würde ich sie schon mein ganzes Leben kennen. Und sie lockten mich, ich hätte fast schwören können dass sie mit mir reden würden. Ich wusste dass ich sie haben musste, egal zu welchem Preis. Sie waren für mich geschaffen, sie waren ein Teil von mir. Die Stimme des Dämons riss mich schließlich wieder aus meinem Staunen:
"Wunderschön nicht war?"
Er deutete auf die Klingen, erst auf die linke, dann auf die rechte: "Fortigan und Korosan, die Schwarzen Zwillinge. Es gibt nur wenige solcher magischen Waffen. Sie verleihen Ihrem Träger große Macht, nur wenige sind auserkoren sie zu führen. Deshalb wird jeder vorher geprüft ob er ihrer würdig ist. Dafür sind diese Orte gebaut worden. Keiner weiß von wem aber es waren jene mystischen Wesen die einst diese Waffen fertigten, und die Artefakte die zu ihnen gehören. Nur Auserwählten ist es erlaubt diese Orte zu betreten, alle anderen werden für ihre Anmaßung bestraft. Ihre Kadaver schmücken diese Orte als Warnung für alle unwürdigen Seelen die es wagen die heiligen Stätten zu entweihen. Doch jeder Erwählte muss sie sich erst verdienen, so warten manch tödliche Gefahren zwischen ihm und seiner Waffe. Erst wenn er all diese Fährnisse überwunden hat darf er diese Waffe führen. Und du Drake du Kane, bist seit 300 Jahren der erste, der die Schwarzen Zwillinge zu Gesicht bekommen hat."
Ich betrachtete die zwei Klingen immer noch staunend, dann wandte ich mich dem Dämon, dem Wächter oder was immer er war zu. "Dann gehören sie jetzt mir!"" sagte ich mit fester entschlossener Stimme.
"Oh, nicht so voreilig. Eine Prüfung ist noch offen. Wer die Zwillinge führen will muss erst an MIR vorbei!" Der Dämon stieß einen markerschütternden Schrei aus und griff mich an.
7.
Wie eine Naturgewalt raste das Biest auf mich zu. Ich war waffenlos, das Schwert welches ich der Leiche am Eingang der Grotte entwendet hatte, steckte nun wohl irgendwo im Felsgestein. Doch hätte es mir wohl ohnehin nichts genutzt, alleine die Vorstellung dieses Wesen mit einem einfachen Schwert zu bekämpfen war lächerlich. Es blieb mir also nichts anderes übrig als ihn irgendwie zu überlisten, der Verstand sollte nun meine Waffe sein. Doch wie überlistete man einen uralten Wächter, der einen der bedeutendsten magischen Schätze behütete. In diesem Moment erfolgte auch schon der erste Angriff, seine linke insektenartige Klaue schnellte nach vorne und hätte mir wohl die Eingeweide aus dem Leib gefetzt, wenn ich nicht schnell nach hinten gesprungen wäre. Dann kam auch die Rechte, schnell duckte ich mich unter ihr weg, doch ich hatte vergessen das dass Vieh vier Arme besaß. Mit den zwei übrigen versetzte es mir sehr schmerzhafte Schläge in die Seiten die mir die Luft aus den Lungen trieben.
"Schade, ich hatte mehr von dir erwartet. Nach den jahrhunderten des Wartens hatte ich mich so auf einen Kampf gefreut. Du enttäuscht mich." verhöhnte mich der Dämon. Wütend stand ich wieder auf, mein Leib schmerzte, doch ich ignorierte den Schmerz. Ich überlegte krampfhaft was ich tun konnte. Mit etwas Geschick könnte ich seinen Attacken eine Zeitlang ausweichen, doch ich glaubte nicht dass man diesen Gegner müde machen konnte. Die Konstitution eines Dämons war vermutlich unbegrenzt. Diese Möglichkeit schied also aus. Zaubern konnte ich auch nicht, ich musste mir schnellstens etwas einfallen lassen. Wieder griff er an, zwei seiner Klauen wollten mich offensichtlich in den Boden rammen. Gerade noch konnte ich mich aus der Gefahrenzone rollen während seine Pranken in den Höhlenboden schmetterten und dort Risse entstehen ließen. Die zwei anderen Arme vollführten eine seltsame Geste die ich zwar nicht kannte aber mir dennoch denken konnte was sie bewirken würde. Schließlich war ich fast zwei Jahre mit einem Zauberer zusammen und erkannte eine Zaubergeste. Schnell ging ich in Deckung und Sekunden später schlug knapp neben mir eine schwarze Energiekugel ein.
"He das verstößt gegen die Regeln." protestierte ich lautstark.
"Wer hat gesagt das es Regeln gibt?" lachte die Höllenkreatur. Dann kam schon eine zweite Kugel angeflogen die knapp vor mir explodierte und mich durch die Luft wirbelte. Schwer schlug ich auf. Mir tat jeder Knochen weh. Dieser Gegner war übermächtig, ich war ihm ausgeliefert. Und er kam genau auf mich zu um eine neue Angriffswelle zu starten. Ich versuchte so gut wie möglich seinen Attacken auszuweichen, doch lange würde ich dieses Tempo nicht mehr durchhalten. Ich erblickte auf dem Boden vor mir einige Steinsplitter die sich aus dem Boden gelöst hatten als die schwarzen Energiekugeln darin einschlugen. Mir blieb keine Wahl, ich packte den längsten Splitter den ich finde konnte und ging in den Angriff. Der Dämon versuchte nicht einmal dem Angriff zu entgehen. Das Gestein drang tief in den schleimigen Bauch der Kreatur ein, och diese zeigte nicht geringste Reaktion. Dann wurde ich gepackt und hochgehoben, zwei Pranken umklammerten mich. Eine dritte zog den Splitter aus dem Fleisch, das sich daraufhin sofort wieder schloss ohne eine Wunde zurückzulassen, und warf es weit von sich. Dann wurde ich durch die Luft geworfen, direkt gegen einen der Kerzenständer der mit mir zu Boden ging. Meine Kleidung fing Feuer, ich rollte mich über den Boden um sie zu löschen und stellte fest dass der Dämon schon wieder über mir war. Ich hatte keine Deckung, also griff ich einfach nach dem nächst besten und schlug zu. Es war der Kerzenständer indem sich noch immer die blau brennenden Kerzen befanden die mich angesengt hatten. Und es war kaum zu glauben, aber die Kreatur wich heulend zurück, dort wo die Flammen in getroffen hatten schmolz seine Haut. Ich wusste nicht wieso, aber diese Flammen schienen die Kreatur verletzen zu können. Ich nutzte meine Chance, packte den Kandelaber fester und ging auf das Monstrum los. Mit lautem Gebrüll schwang ich den Kerzenständer und drängte ihn zurück. Wieder und wieder traf ich das Ungeheuer und versengte ihm das untote Fleisch.
Doch ich war wohl etwas zu tollkühn, denn irgendwann packten zwei Pranken den Ständer und rissen ihn mir aus den Händen während die anderen beiden wie Dolche durch meinen Bauch und meine Brust fuhren. Ein stechender Schmerz und ich bekam keine Luft mehr. Blut quoll mir über die Hände die ich auf meinen Bauch und meine Brust presste. Schwer keuchend ging ich in die Knie, spukte Blut. Der Dämon warf den Kerzenständer in die Ecke und trat triumphierend auf mich zu. Immer noch tropfte ekelhafter gelber Speichel aus seinem Maul und tropfte vor mir auf dem Boden, in denn er Löcher ätzte. Die Augen des Wesens glühten violett und es hob alle vier Gliedmaßen zum finalen Schlag.
"Wirklich Schade. Du hast dich als überraschend zäh und einfallsreich erwiesen, doch reicht dies noch lange nicht um sich die Gunst der Schwarzen Zwillinge zu verdienen. Du hast die Prüfung nicht bestanden. Als Strafe für deine Anmaßung erwartet dich nun der tot."
"Noch ist es nicht soweit Kreatur." flüsterte ich. Ich packte einen weiteren spitzen Splitter aus dem Boden und warf ihn genau in das rechte Auge des Dämons. Überrascht zuckte dieser zurück und versuchte das Gestein wider aus dem Auge zu ziehen. Meine einzige Chance. Der Dämon stand genau vor dem zweiten Kandelaber. Ich rappelte mich mit letzter Kraft auf und verpasste dem Vieh mit aller Kraft einen Tritt in den Magen. Das Vieh taumelte ein Stück nach hinten und prallte gegen den Kerzenständer. Einen Moment rang er um sein Gleichgewicht, dann fiel der Dämon mitsamt Ständer zu Boden und war Sekunden später in Brand. Ich rannte zu dem anderen Ständer - die Flamme brannte immer noch immer - und warf diesen noch zusätzlich auf die Kreatur die wild zuckend und kreischend sich am Boden wälzte und in grellem Blauen Feuer verbrannte.
Ich ließ mich schwer auf den Boden sinken, ich hatte viel Blut verloren und fühlte mich unendlich schwach. Zitternd griffen meine Finger nach einer Ampulle am Gürtel in der ich konserviertes Blut aufbewahrte. Irgendwie war es mir einmal gelungen es an Sorlag vorbeizuschmuggeln, für den Fall dass ich es einmal brauchen würde. Ich trank es in einem Zug leer. Ich merkte sofort wie meine Lebensgeister zurückkehrten und ich mich erholte. Ich legte meine Hände auf die Wunden und konzentrierte mich. Schon Sekunden später fühlte ich ein warmes Kribbeln und meine Wunden begannen sich zu schließen. Ich hatte die magische Regeneration lange und viel geübt beherrschte sie nun gut genug um mich zu heilen. Die Blutung kam zum erliegen und außer zwei neuen Narben war nichts mehr zu sehen. Ich stand auf und ging zu den Resten des Monsters.
Der Dämon war nur noch ein zuckendes verbranntes etwas, umgeben von blauem Feuer.
Langsam schritt ich zu dem Altar auf dem die zwei magischen Klingen lagen und betrachtete sie. Dann hörte ich hinter mir ein Geräusch. Ich drehte mich um. Die blauen Flammen waren verloschen und es war kein Leichnam mehr zu sehen. Der Dämon war verschwunden.
"Nicht übel, du hast bestanden. Ich habe dich wohl unterschätzt, du bist der erste der mich besiegt hat. Ich muss wohl jetzt zu einem anderen Aufbewahrungsort gehen und dessen Wächter herausfordern. Nur wenn ich ihn besiege kann ich weiterhin eine Waffe bewachen - ansonsten ist meine Zeit in dieser Welt zu ende. Wie dem auch sei, du hast den Kampf gewonnen und alle Prüfungen bestanden. Ich habe keine Wahl - die Schwarzen Zwillinge mögen dir gehören."
Die Stimme hallte durch den Raum, sie schien von überall und nirgends zu kommen. Mein Blick glitt zurück zu den beiden Klingen die noch immer auf dem goldenen Altar ruhten und für die ich so viele Mühen auf mich genommen hatte.
Zitternd streckte ich meine Finger nach den beiden Schwertern aus und schloss sie um die Griffe von Fortigan und Korosan. In diesem Moment traf mich explosionsartig eine Welle der Macht und tiefer Glückseligkeit. Es war als würden die Waffen mit mir verschmelzen, eins mit mir werden. Wir waren füreinander bestimmt, niemand konnte mehr ohne den anderen existieren, mein ganzes Wesen schien mit ihnen eine unzertrennliche Bindung einzugehen. Dann hörte ich stimmen in meinem Geist. Zwei Fremde Präsenzen, die sich zu meinen beiden bestehenden - der menschlichen und der vampirischen - hinzugesellten und leise im Hintergrund flüsterten. Nun wusste ich woher diese dunkle Präsenz stammte. Es war nicht der Dämon oder dieser Ort, nein was ich die ganze Zeit über gespürt hatte waren die Zwillinge selbst. Sie lebten... und sie kommunizierten mit mir. Aber wie konnte das sein, es war doch nur Stahl, wie konnten sie zu mir sprechen?
"Es sind nicht einfach nur Waffen. Es sind lebende Wesenheiten. Du kannst sie befehligen, aber sie werden letztendlich immer ihren eigenem Willen folgen. Euer Packt wird nun ewig währen."
"Packt? Welcher Packt?" fragte ich in den Raum.
"Nun, es sind Lebewesen aus einer anderen Sphäre. Außerhalb des Tempels können sie ohne fremde Hilfe nicht bestehen. Deshalb haben sie mit dir einen Packt geschlossen."
"Was, wie bei einem Dämon?"
"Ganz Recht, Fortigan und Korosan sind Dämonen die in die Klingen gebunden wurden um so in unserer Welt zu überdauern. Sie haben freie Gedanken und Wünsche, aber du kannst sie deinen Befehlen unterwerfen wenn dein Wille stark genug ist. Sie helfen dir deine Feinde zu bezwingen und werden dir ab und zu mit Rat und Tat zur Seite stehen. Du hingegen ermöglichst es Ihnen in dieser Welt zu verweilen. Dieser Packt ist nun unabwendbar und mit deinem Blut besiegelt."
"Was soll das heißen?"
"Zerstören kann man die Waffen nicht, aber solltest du von ihnen länger als 72 Stunden getrennt sein, werden sie verschwinden und zurück an ihren Ursprungssort kehren um auf einen neuen Träger zu warten. Du hingegen wirst ohne sie sterben. Das ist Teil des Paktes. Keiner von euch kann ohne den Anderen Überdauern."
"Verdammt warum hast du mir das nicht gesagt."
"Alles hat seinen Preis Drake du Kane. Du wirst bald merken welche Macht dir in die Hände gelegt wurde. Suche nach den magischen Steinen um ihre Kraft noch zu steigern. Pass gut auf sie auf und lerne ihr Temperament zu zügeln. Sie sind wild und böse - genau wie du. Und nun geh, es gibt hier nichts mehr von Bedeutung für dich."
Die Stimme verstummte und ich war mit den Schwarzen Zwillingen allein. Ich spürte ihre Präsenz, ihren Hass und ihren verdorbenen Kern. Ihre bösartige Aura war es die meine dunkle Seite sich so wohl fühlen ließ. Und sie sprachen zu mir. Nicht in Worten, es war mehr ein Gedankenaustausch. Kleine Bildfetzen tauchten vor meinem inneren Auge auf, immer nur kurz und unscharf. Sie kannten nur ein Ziel, einen Sinn in ihrer Existenz. Sie wollten jagen. Und sie wollten töten. Und je mächtiger der bezwungene Feind war desto befriedigender war es für sie. Skeptisch betrachtete ich Fortigan und Korosan in meinen Händen. Konnte ich diesen Wesenheiten wirklich trauen. Konnte ich es wagen sie zu führen ohne dass dabei mein vampirisches Wesen überhand nahm? Konnte ich riskieren diese Instrumente der Zerstörung aus ihrem Gefängnis zu befreien und auf die Welt loszulassen? Doch blieb mir keine Wahl. Zu deutlich erinnerte ich mich an die Niederlage vor sieben Jahren. Ich würde sie im Kampf gegen SIE brauchen. Der Packt war nun ohnehin nicht mehr rückgängig zu machen, so musste ich mit diesem Los leben.
Ich schwang die beiden Klingen sanft in den Händen. Unglaublich wie leicht und elegant sie waren. Und sie waren exakt auf meine Hände und Arme zugeschmiedet als wären sie für mich geschaffen. Mit keiner Waffe in meinem Leben fiel es mir so leicht zuzuschlagen oder abzuwehren, fast als würden sich die Klingen von selbst führen. Doch merkte ich eine Unordnung in ihnen, eine Unausgewogenheit. Etwas fehlte ihnen noch. Ich brauchte noch einen dieser Steine. Und die Kraft die verbindet, was immer das sein sollte.
Dann fiel mir wieder ein anderes Problem ein. Sorlag. Er würde bald wiederkehren, ich hatte keine Ahnung wie lange ich schon hier unten in dieser Grotte herumirrte. Was konnte ich nur tun? Ich hörte die Stimmen in mir, sie wollten mir etwas mitteilen, etwas zeigen...
Plötzlich hatte ich den unstillbaren Drang eine der beiden Klinge an meine magische Zeichnung zu pressen. Ich wusste nicht warum, gab der Versuchung aber nach. Ich legte Fortigan auf das magische Zeichen, der kalte Stahl schmiegte sich an meine blasse Haut und die Rune begann zu rauchen und schmolz langsam von meiner Haut. Sie war einfach verschwunden, der Fluch war gebannt. Scheinbar war die Magie der Zwillinge mächtiger als die von Sorlag. Ich war frei, endlich nach so langer Zeit war ich wieder frei. Doch dann überkam mich dieses Verlangen. Diese unstillbare Gier nach Rache. Sorlag würde büßen.
Oh ja... er würde dafür bezahlen...
8.
Diesmal ging es schnell, die blutigen Herren waren gnädig gestimmt. Eine Truhe voller Gold, die abgetrennte Hand eines Priesters und eine Ampulle von Sorlags Blut, mehr wollten sie nicht um den Packt zu erneuern der Sorlag am Leben und bei Kräften hielt. Fünf Tage verstrichen bis er zurück in seinem Turm kehrte. Sorlag war neugierig was sein aufmüpfiger Diener wohl diesmal angestellt hatte. Er sollte froh sein das Sorlag sich um ihn kümmerte. Dieses Zwitterwesen wurde doch von allen verstoßen, sowohl von den Menschen als auch von den Vampiren. Und was war der Dank dafür dass sich Sorlag um diesen Nichtsnutz kümmerte? Ungehorsam. Sorlag wurde schon allein bei dem Gedanken wieder wütend. Er war ein unglaubliches Geschöpf voller Geheimnisse, aber sehr schwer zu kontrollieren. Ständig widersetzte er sich seinem Willen. Dafür musste er bestraft werden. Sorlag beschloss gleich nach seiner Ankunft diesem Möchtegernvampirjäger ein wenig einzuheizen damit er auch nie vergaß wer sein Herr und Meister war. Sorlag reiste auf einem fliegenden Teppich, damit hatte er die Entfernung von seinem geheimen Opferplatz zu seinem Turm schnell zurückgelegt. Es war etwa um die Mittagsstunde als er den Turm erreichte. Sorlag überkam ein ungutes Gefühl als er vor dem Turm landete. Er wusste nicht was los war, aber irgendetwas stimmte nicht, das sagte ihm eine innere Stimme. Und Sorlag hatte im Laufe seines Lebens gelernt auf diese Stimme zu hören. Er rollte seinen Teppich zusammen und schritt zur Tür. Sie war angelehnt. Der Junge war doch nicht schon wieder ausgebüxt? Er sollte doch langsam wissen dass er seinem Fluch nicht entkommen konnte egal wie weit er weglief. Er würde schon sehen was er davon hatte, Sorlag beschloss diesmal keine Milde walten zu lassen.
Er öffnete die Tür, im Inneren war es absolut still, niemand war zu sehen. Er schlich durch seinen Turm und suchte seinen Sklaven. Seine Kammer, war leer, ebenso wie die Küche und die Wohnräume. Wo zum Teufel steckte er bloß wieder? Er kam an seiner Studierkammer vorbei und seine Augen weiteten sich vor Schreck und Überraschung. Sie stand offen. Wie konnte das sein? Wie bei allen Dämonen ist er dort hineingekommen? Außer sich vor Wut stürmte er hinein... und blieb abrupt stehen.
Dort saß er auf seinem Stuhl vor dem wuchtigen Schreibtisch, lauernd und starrte ihn mit seinen Gelbgeschlitzten Augen an.
"Wie zum Teufel bist du hier rein gekommen. Wie hast du das Schloss aufbekommen. Antworte mir verflucht." Doch er blieb völlig regungslos.
"Ich spreche mit dir. Du scheinst nicht allzu sehr an deinem Leben zu hängen sonst hättest du so eine Dummheit lieber nicht begangen. Mögen dir deine Götzen gnädig gestimmt sein, ich bin es nicht. Nun wirst du meinen Zorn kennen lernen Kreatur, und sei gewiss du wirst den heutigen Tag nicht vergessen." Wütend reckte Sorlag die Faust in die Luft und versuchte den Behrrschungsfluch mit aller Härte durchgreifen zu lassen. Doch Drake blieb völlig ruhig und gelassen sitzen und starrten ihn weiter mit diesem irren Blick an.
"Was zum..." Er vollführte die Geste erneut, doch nichts geschah. "Was hast du getan?" flüsterte Sorlag, doch in diesem Moment sprang Drake auf und rannte schneller als es das Auge erfassen konnte auf Sorlag zu. Er packte den Magier am Hals und hob ihn in die Höhe.
"Endlich ist die Zeit gekommen Sorlag. Seit Gewiss das ihr diesen Turm nicht lebend verlassen werdet. Mögen euch euere Götzen gnädig gestimmt sein denn ich kenne keine Vergebung mehr."
Sorlags Augen weiteten sich vor Panik. Es war nicht das was Drake du Kane gesagt hatte. Es war der Ausdruck in seinen Augen. Sorlag kannte diesen Blick. Er hatte solche Augen, solch einen unmenschlichen Ausdruck in ihnen schon öfter gesehen als er zählen konnte ... immer wenn er Dämonen beschworen hatte.
Sorlag sah direkt in das Gesicht der Hölle. Er öffnete den Mund zu einem Schrei.
Es war spät geworden, Mitternacht war bereits verstrichen als ich wieder bei Sinnen war. Ich torkelte erschöpft aus dem Turm. Ich zitterte am ganzen Leib und von meinen Händen tropfte Blut - aber es war nicht mein Blut. Was war nur geschehen? Was hatte ich nur getan. Mein Kopf pochte als würde er jeden Moment zerplatzen und ich fühlte mich elend, aber auf eine unbestimmte Weise glücklich und befreit. Ich weiß nicht was über mich gekommen war, diese unsägliche Welle des Hasses. Sie ließ mich Dinge tun die außerhalb des vorstellbarem liegen und so grausam waren das ich mit jeder Faser meines Körpers versuchte die Erinnerung daran zu verdrängen. Sorlag hatte den Tod verdient, aber nicht auf diese weise.
Ich hatte mir Zeit gelassen, von Mittag bis tief in die Nacht. Stunde um Stunde wurden die Qualen stärker denen ich ihn aussetzte. Ich bekam von mir selbst Angst. Das dort drinnen war nicht ich gewesen, oder etwa doch? Es war die Macht der Klingen die ich nicht zu kontrollieren vermochte. Sie hatten das Böse in mir wieder geweckt.. Dazu dieser unendliche Hass weil ich seinetwegen meinen Meister verleugnen musste. Dies alles hatte mich überwältigt und Dinge tun lassen die schlimmer waren als ich es für möglich gehalten hätte. Ich hatte während meiner jahrelangen Jagd den Glauben an fast alles im Leben verloren, doch zumindest hatte ich immer an mich und meine Berufung geglaubt. Nun, nach dieser Nacht war ich mir nicht mehr so sicher ob ich überhaupt noch an mich selbst glauben konnte. Was würde bei der nächsten Begegnung mit Asteroth passieren, oder o Kiel? Bei soviel Verdorbenheit, würde ich sie bekämpfen oder mich ihnen anschließen???
NEIN!!!
Niemals. Soweit war ich noch nicht. Ich würde eben wieder von vorne anfangen, meine dunkle Seiten beherrschen lernen und meine neuen Verbündeten zügeln müssen. Sie waren geschaffen um meine Feinde zu zerschmettern und nicht um mich von ihnen beherrschen zu lassen. Nach so langer Zeit war nun endlich wieder ein Jäger unterwegs. Tarim o Kiel und seine Brut würden schon bald merken das ich noch sehr lebendig war. Und das gleiche galt natürlich auch für Asteroth und seine kleine Rebellion. Der Krieg zwischen den beiden würde mir ein Werkzeug sein um blutige Ernte unter dem Volk der Vampire zu halten. Ich wusste nicht wohin ich mich jetzt wenden sollte. Die Welt war mir fremd geworden in den 5 Jahren meiner Abwesenheit. Vielleicht sollte ich diese Insel suchen? Nein, es war noch zu früh. Irgendwann wird mich das Schicksal so oder so dorthin führen. Bis dahin galt es hier auf dem Festland meine Mission zu erfüllen. Niemand von Ihnen, weder aus der Gilde oder der Rebellion rechnete mit mir. Ich konnte den Überraschungseffekt nutzen, und ich hatte schon lange nicht mehr gejagt. Mal sehen inwieweit mir Fortigan und Korosan dabei helfen konnten. Ich hatte so das Gefühl, die Aufhebung des Fluches war nicht die letzte Überraschung die sie für mich bereithielten.
Ich sah gen Himmel, der Mond war aufgegangen und die Sterne leuchteten heute besonders hell. Eine besondere Nacht, in der Tat. Ich schulterte meine neuen Waffen und machte mich auf den Weg ins Unbekannte. Möge die Jagd beginnen.
Kapitel 6
Die Jägerin
1.
Die Zeit überdauert alles, so sagt man. Sie ist ewig und unergründlich. Sie war immer und wird auch immer sein. Nichts kann sich ihr in den Weg stellen, nichts kann sie stoppen. Die Zeit ist wie ein Pfeil. Genau wie das Geschoß so schlägt auch die Zeit stets nur eine Richtung ein, und am Ende wird sie uns alle vernichten. Es ist das natürlichste auf der Welt das alles endet. Doch was ist wenn man unsterblich ist? Ist das nicht ein Widerspruch? Wenn doch alles vergänglich ist und alles ein Ende findet wie kann dann der Verstand akzeptieren das man von dieser Regel ausgeschlossen ist?
Ich kannte die Antwort nicht. Ich wusste nicht einmal ob ich überhaupt unsterblich oder einfach nur langlebig war. Von den Hohen Vampiren hieß es, das sie niemals starben, von den niederen lediglich das sie etwa 5 bis 10 mal so alt wie ein Mensch werden konnten, was auch schon ein würdiges Alter war. Doch niemand konnte einem sagen wie alt Halbvampire wurden, da sie so selten waren. Und ein Halbvampir der von einem Erzvampir gebissen wurde, war vermutlich einzigartig. Nein, keiner konnte mir sagen wie alt ich werden könnte - aber ich bezweifle sowieso das ich das jemals herausfinden sollte, denn das Leben eines Jägers ist gefährlich und ich war dem eisigen Hauch des Todes schon öfters nur knapp entgangen. Beim nächsten Mal würde mich vielleicht kein machthungriger Dämonenpaktiker wiedererwecken.
Aber wie dem auch sei ich hatte meine Suche nach Antworten und mein Streben nach Vergeltung fortgesetzt. Das Orakel hatte meinen Lebensweg vorherbestimmt. Viele Sterbliche würden sicher ihre Seele verkaufen um etwas über ihre Zukunft zu erfahren, doch für mich war dies eher Fluch als Segen. Ich bekam immer mehr das Gefühl, das mein Leben bereits genauestens durchgeplant war und ich keinen Einfluss darauf nehmen konnte. War ich denn nichts weiter als eine Spielfigur im großen Spiel von Mächten die ich nicht einzuschätzen vermochte? Mir missfiel dieser Gedanke, doch hatte ich schon längst gelernt nicht mehr an Zufälle zu glauben, dafür verlief mein Leben einfach zu gut durchdacht. Was immer ich später einmal vollbringen würde, musste wichtig sein und nicht einmal der Tod konnte das scheinbar verhindern. Doch diese Denkweise war gefährlich. Viele dachten so und starben schließlich doch. Auch wenn mir mein Leben nichts mehr bedeutete so hatte ich doch eine Queste die ich erfüllen musste. Und so setzte ich meine Jagd fort...
Und die Zeit verstrich... und verstrich... die Jahre gingen dahin und die Zeiten änderten sich, das Weltbild wandelte sich.... Kriege wurden geführt, Könige gestürzt, Reiche vernichtet, Revolutionen und Umschwünge brandmarkten das Land. Ich bekam das alles nur am Rande mit. Mich interessierte nur die Jagd und ein möglichst guter Held zu sein - töricht wie ich heute weiß, man war kein guter Held. Man war der, der man eben war und ob die Taten die man vollbrachte gut waren oder nicht kam auf den Gesichtspunkt an. Nichts war perfekt und niemand unfehlbar, auch kein Held.
Mittlerweile waren 25 Jahre vergangen seit ich Fortigan und Korosan eroberte und sie waren mittlerweile mehr als nur meine Verbündeten. Sie wurden ein fester Bestandteil von mir. Sie gingen wohin ich ging, eine Trennung hätte womöglich Katastrophale Folgen für uns beide. Und ihre Fähigkeiten waren mehr als beeindruckend. Mit ihnen wurde die Vampirjagd sehr viel einfacher da sie die unheiligen Wesen zu verletzen und zu vernichten vermochten, selbst die Mächtigsten unter ihnen. Durch sie wurde ich zu einem noch gefährlicheren Jäger als ich sowieso schon war. Natürlich blieb das den Kreaturen nicht lange verborgen. Die ersten Monate nutze ich die Gunst der Überraschung. Da mich jeder für Tod hielt wurden die Vampire leichtsinnig und unvorsichtig. E war mir ein leichtes sie zu vernichten, auch wenn ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht über die Kenntnis verfügte wie ich die Schwarzen Zwillinge am effektivsten einsetzten konnte. Dieses Wissen entwickelte sich erst über Jahre der Praxis und des Verständnisses über die Seele der Waffen. Doch sie zeigten mir über die Jahre wie ich sie führen musste. Sie waren noch immer wild und kaum zu kontrollieren, aber sie wollten töten. Und ich war der einzige der ihnen dabei helfen konnte. So war es in ihrem Interesse mir so gut es ging zu helfen und mich zu beschützen. Würde ich sterben mussten sie Zwillinge zurück in ihr Verlies und es würde vielleicht Jahrhundert dauern bis sie einen neuen Träger fanden. So weihten sie mich in ihr Wesen ein und erst als ich sie richtig verstand konnte ich sie auch richtig führen!
Wie dem auch sei, nachdem ich im ersten Jahr bereits 3 niedere Vampire (davon gehörten zwei zur Gilde) vernichtet und einen hohen schwer verwundet hatte (der zu Asteroths Rebellen gehörte) war es mit meinem Versteckspiel vorbei. Tarim o Kiel musste verärgert feststellen das ich noch immer auf der Jagd war und er einer geschickten Täuschung unterlag. Über Asteroths Reaktion konnte ich nur mutmaßen, doch ich bezweifelte dass es ihn sonderlich überraschte. Er wusste mehr als jeder andere unter den Vampiren und mir schien es oft als könne nichts ihn wirklich überraschen. Ich sah in all diesen Jahren jedoch keinen der beiden.
Von Jahr zu Jahr wurde meine Jagd erfolgreicher und unter den Vampiren entstanden Legenden über den letzten C'ael Rohen der mit Mächten im Bunde stand die ihn von den Toten auferstehen ließen und ihn mit magischen Waffen ausgerüstet hatten. Dass ich für meine Auferstehung gar nichts konnte und dass dies mitnichten an überirdischen Kräften lag wussten sie nicht. Andererseits hatte ich 25 Jahre Zeit darüber nachzudenken und ich bin war mir sicher, dass auch Sorlag eine weitere Karte in großen Spiel des Schicksals war. Die Tatsache dass er mich wiedererweckt hatte war mit Sicherheit kein Zufall. Sorlag glaubte vielleicht er hätte mich wegen unbezähmbarer Neugier erweckt doch bin ich davon überzeugt das auch er von jener Kraft geleckt wurde die mein ganzes Leben bestimmte. Ich wusste nicht ob man diese Kraft Gott, Dämon, Schicksal oder sonst wie nennen sollte, aber sie existierte. Und es würden noch weitere Elemente dazukommen. Mein ganzes Leben erschien mir wie einer dieser verrückten Zauberwürfel mit den verschiedenfarbigen Seiten die irgend so ein verrückter Gelehrter erfunden hatte. Es gab Tausende von Möglichkeiten aber letztlich gab es nur eine die alles zu einem Ganzen fügte. Und so erfüllte jede Komponente ihren Teil in dem überirdischen Puzzle. Nur meine eigene Rolle darin ist mir bis heute schleierhaft.
Doch zurück zu meiner Jagd: Natürlich kam mir der Krieg zugute der zwischen den Clans herrschte und der beinahe die Hälfte von Ihnen auslöschte - wohlgemerkt ohne mein dazutun. Und während die Gilde langsam an ihrem Glauben und an Tarim o Kiels Fähigkeiten als Anführer zu zweifeln begann und deshalb immer kleiner wurde, wuchs Asteroths Widerstand, den in ihm sahen viele das Tor zu einem neuen Zeitalter - dem Zeitalter der Vampire. Ich verfolgte diese Entwicklung mit Schrecken. Tarim o Kiel war ein mächtiger Gegner doch er war letztlich zu naiv um eine ernsthafte Gefahr für die Welt zu werden. Doch Asteroth war ganz anders. Seine Genialität und Voraussicht fegte seine Feinde davon wie Blätter im Wind. Umso mächtiger er wurde umso schwerer würde es sein ihn zu vernichten. Ohne ihren Anführer allerdings wären die Vampire blind und hilflos, ein Nachteil wenn man an und für sich selbständig denkende Individuen wie die Vampire dazu zwingt wie ein Kollektiv zu handeln (und genau das tat Asteroth insgeheim, allerdings so geschickt dass dies nie einem Vampir auffiel). Der Krieg dauerte schließlich beinahe 20 Jahre und wurde im Verborgen vor der heilen Welt ausgetragen Dies war schwierig aber möglich - und beide Parteien legten keinen großen Wert darauf das ihre Existenz bekannt wurde. Mittlerweile herrschte Waffenstillstand zwischen den beiden Parteien. Letztendlich hat die Vernunft gesiegt als beide Herrscher einsehen mussten dass der Krieg die totale Vernichtung ihrer Rasse bedeutet hätte. Die letzten Jahre wurde es deshalb sehr ruhig und man ist zurückgekehrt zur Regenerations- und Intrigenphase wo es hieß Kräfte zu tanken und Ränke zu schmieden, denn immer noch sannen beide auf die Vernichtung des anderen. Es war ein sehr brüchiges Band dass zwischen O Kiel und Asteroth herrschte und lediglich die Gewissheit dass dort draußen ein C'ael Rohen jagte verhinderte das erneute Ausbrechen des Krieges. Die Situation war also in etwa wie vor dem Krieg, kurz bevor ich gestorben war.
Und so jage ich weiter und Jahr um Jahr vergeht. Es gäbe so viele Heldentaten zu berichten. Ich versuchte meinem Meister stets gerecht zu werden und bekämpfte das Unheil wo ich konnte, jedoch stets mit dem Hintergedanken bei meinen Abenteuern auf neue Hinweise über SIE zu stoßen. Doch all diese Taten zu berichten wäre müßig und würde den Rahmen meines Werkes sprengen. Ich befasse mich daher nur mit dem Wesentlichsten was direkt mit meiner Geschichte und meiner Jagd zusammenhing. Im folgenden Fall eine weitere Erfüllung des Orakels, die diesmal ein viertel Jahrhundert auf sich warten ließ. Dafür war dies der wohl wichtigste und gleichzeitig schmerzvollste Teil der Geschichte. Denn er drehte sich um eine außergewöhnliche Person, die mein Leben vom ersten Augenblick an verändern sollte...
2.
Eine faszinierende Stadt. Staunend schlenderte ich durch die Straßen die von tausend hell leuchtenden Lampions erhellt wurden. Meine Suche hatte mich nach Sokanna geführt, einer großen Metropole und gleichzeitig Hauptstadt eines großen an der Ostküste gelegenen Königreichs das Mendelia hieß. Nachdem ich lange durch dichte Wälder und dunkle Höhlen gewanderte, war ich froh endlich wieder in zivilisiertere Lande vorzustoßen. Und da dies eine der reichsten Städte war musste ich ihr einfach einen Besuch abstatten. Es musste mein altes Ego sein, so wie ich vor meiner Verwandlung war, dass mich immer wieder in große Städte und Menschenmassen zog. Außerdem wimmelte es in so einer großen und reichen Stadt gewöhnlich von Vampiren, es war meine Pflicht der Sache nachzugehen. Im Moment feierte die Stadt ihre 100 jährige Unabhängigkeit von einem tyrannischen Nachbarkönigreich und so war fast die ganze Stadt auf den Straßen um zu feiern. Die Straßen der Stadt waren gesäumt von Musikanten, Händlern, Gauklern und anderem fahrenden Volk. In der Luft lag die laute Musik der Spielleute, und die feine Gerüchen exotischer Küchen. Lachende Gesichter zogen an mir vorüber, überall um mich herum wurde ausgelassen gefeiert.
Mich überkam bei solchen Feiern immer eine unbestimmbare Traurigkeit und Sehnsucht. Wenn ich den unbekümmerten Männer und Frauen beim Lachen und Scherzen zusah, beneidete ich sie um ihre Unwissenheit. Ich würde nie wieder so sein können. Die Last meines Wissen erdrückte mich und dieser halbtote Körper wurde nicht geschaffen um Freude zu empfinden sondern nur für Kälte und die Gnadenlosigkeit der Jagd. Ich war wahrlich verflucht, unfähig einfache Gefühle wie Freude oder Spaß empfinden zu können
Tief seufzend ging ich weiter, meinen schwarzen knielangen Mantel enger schnallend damit man meine Waffen nicht sehen konnte. In diesem Gewühl würde es schwer werden jemand ausfindig zu machen und tun konnte ich hier sowieso nichts. Deshalb bog ich in eine dunkle leere Gasse ein, weg vom Trubel zurück zur Einsamkeit die so lange mein treuer Begleiter war. In meinen Gedanken versunken schlenderte ich durch die Gassen, als mich ein Geräusch hinter mir in die Wirklichkeit zurückholte. Blitzschnell schnellte ich herum und sah nur noch einen Schemen auf mich zurasen. Etwas scharfes spitzes blitzte in der Dunkelheit auf.
"Stirb Kreatur!" schrie eine junge weibliche Stimme, dann prallte sie gegen mich. Ich packte ihr Handgelenk in der sie das spitze Etwas hielt und wir gingen beide zu Boden. Ich knallte ihre Hand auf den Boden bis sie die Waffe fallen ließ und packte sie. Sie schrie als wäre der Leibhaftige hinter ihr her und wehrte sich verbissen, so dass ich einige schmerzliche Schläge hinnehmen musste. Schließlich schaffte ich es doch einen meiner magischen Leuchtsteine (das Geschenk eines sehr dankbaren Druiden) auszupacken und zu entzünden um etwas Licht zu schaffen. Ich wollte meinen Angreifer sehen.
Als ich sie im hellen bläulichen Schein des Leuchtsteines zum ersten Mal sah war es als würde ein Schauer durch mich fahren. So etwas hatte ich noch nie vorher gefühlt. Es war wie, es lässt sich schwer beschreiben. Sie war wunderschön. Die schönste Frau die ich je gesehen hatte - und ich lebte schon lange auf dieser Welt. Lange rote Haare, grüne geheimnisvolle Augen. Ein wunderschön geformtes Gesicht, im Moment jedoch vor Schmerz und Hass verzehrt. Sie hatten einen vollendeten Körper und die Ausstrahlung einer Königin. Sie war etwas besonderes, ich konnte nicht aufhören sie zu betrachten. Doch ich wurde von einem heftigen Ruck wieder zurück in die Realität gerissen. Sie versuchte sich meinem Griff zu entwinden.
"Lass mich los du widerliches Monstrum. Mich wirst du nicht kriegen wie die anderen." Wieder begann sie laut zu kreischen und verdankte es vermutlich den Festgeräuschen dass uns niemand hörte.
"Verflucht hör endlich auf dich zu wehren, ich will dir nichts tun." versuchte ich sie zu beruhigen doch sie wehrte sich weiter.
"Auf deine falschen Versprechungen falle ich nicht herein, ich kenne dich und deinesgleichen gut genug um euch nicht zu trauen - und um euch alle zu hassen!" Ich konnte ihren Hass und ihre Verachtung förmlich spüren, aber ich wusste nicht was dass alles zu bedeuten hatte. Plötzlich holte sie aus und rammte ihr Knie genau dort hin wo es weh tut, auch einem Halbvampir! Verblüfft lockerte ich den Griff und sie entwischte mir. Mit katzenartiger Geschicklichkeit hob sie ihre Waffe wieder auf und kam damit auf mich zu. Erst jetzt erkannte ich dass es sich um einen Dolch oder Pflock handelte. Und er schien aus Silber zu sein. Verwirrt betrachtete ich sie und die Waffe, und dann endlich begriff ich was hier vorging. Leise murmelnd kam sie immer näher, es klang als würde sie beten. Dann hob sie den Pflock. "Fahr zur Hölle wo du hingehörst Dämon!"
Schneller als ihre menschlichen Augen es erfassen konnten packte ich den silbernen Pflock und heulte auf vor Schmerz als das Metal meine Haut verbrannte. Doch ich schaffte es ihn ihr zu entwenden - zum zweiten Mal.
"Hör mir doch zu. Ich bin nicht das was für das du mich hältst." versuchte ich es erneut sie zu beruhigen.
"Oh doch das bist du. Deine Augen verraten dich Blutsauger, sie sind genauso gelb wie die aller Mörder. Und deine bleiche Haut, die spitzen Zähne und wie du die anderen Festgäste beobachtet hast, ständig bereit dir ein Opfer zu schnappen. Ich weiß alles über dich. Du verdienst den Tod, ihr alle verdient es zu sterben!" Wieder griff sie mich an. Ich wich aus und riss mir dabei den Mantel vom Leib. Zwei Sekunden später lagen Fortigan und Korosan in meinen Händen. Ich wollte sie nicht verletzen, musste mich aber verteidigen. Ich hoffte die schwarzen Zwillinge zurückhalten zu können.
"Ich will das nicht tun, als bitte hör mir doch endlich zu." sagte ich.
"Was???" Sie geriet als sie meine beiden Klingen sah ins stocken, sie ließ den Pflock sinken.
"Was sind das für Schwerter?" Es sah fast so aus als würde sie, sie kennen.
"Hör mir zu, du hast Recht ich bin einer von ihnen. Aber ich hasse sie genau so sehr wie du. Und ich bekämpfe sie wo es nur geht. Du musst mir glauben, nie hätte ich dir etwas angetan. Und auch sonst keinem Menschen."
In diesem Moment weiteten sich ihre Augen und sie wurde leichenblass, so als hätte sie ein Gespenst gesehen.
" Der Jäger mit den beiden schwarzen Schwertern, " flüsterte sie wie in Trance. Dann sah sie mich völlig fassungslos an. "Ihr...ihr seit Drake du Kane?" Ihre Stimme wurde von Wort zu Wort schriller. Diesmal war ich der, der wirklich überrascht war.
"Woher zum Teufel kennst du meinen Namen?" Ich ließ die Schwerter sinken und erwartete eine Antwort. Kein Sterblicher kannte meinen Namen, hatte ich etwa ein Sicherheitsleck? Was dann geschah würde ich nie vergessen, denn es war das allerletzte mit dem ich gerechnet hatte.
Plötzlich fiel sie vor mir auf die Knie, senkte das Haupt und begann zu schluchzen während sie meine Beine umklammerte.
"Oh vergebt mir, bitte verzeiht mir. Ich wusste nicht das Ihr es seit. Ich hielt euch für einen von ihnen. Oh ihr Götter, Drake du Kane leibhaftig vor mir. Bitte, es tut mir so leid."
"Was...was soll denn das? Warum kniest du vor mir?"
"Weil ich euch verehre! Ihr seid der legendäre Jäger. Ich habe mein ganzes Leben gewidmet um wie Ihr zu werden großer Drake du Kane, ihr seit mein Idol."
Diese Worte kamen bei mir erst spät an, ich konnte sie einfach nicht glauben. Ich hielt die Jagd immer für meine private Queste, etwas das ich tun musste. Nie wäre ich darauf gekommen das jemals jemand von außerhalb von mir erfahren würde, geschweige denn mir nacheifert. Und noch weniger hätte ich damit gerechnet jemals vergöttert zu werden. Wütend packte ich sie am rechten Arm und zog sie hoch.
"Hör schon auf mit dem Blödsinn, ich will nicht das du vor mir auf die Knie fällst, und mein Name ist nicht großer Drake du Kane, nenn mich einfach Drake. Und jetzt sag mir endlich wer du bist und woher zum Teufel du dass alles über mich weist!"
Langsam schien Sie wieder zur Besinnung zu kommen und setzte zu einer Erklärung an als ich Geräusche hörte. Der Schein einer Laterne fiel in die Gasse.
"Ist da jemand?" hörte ich eine raue Stimme. Vermutlich ein Stadtgardist. Ich beschloss lieber kein Aufsehen zu erregen. "Los komm mit." flüsterte ich ihr ins Ohr und zog sie hinter mir her in eines meiner Verstecke die ich mir in dieser Stadt gesucht hatte.
3.
"Na schön o Kiel, was willst du von mir? Ich habe es eilig also los, raus mit der Sprache."
Wie immer lümmelte Asteroth gelangweilt in der teueren Couch und spielte mit einem seiner goldenen Ringe herum. Tarim o Kiel Hass auf ihn wurde von Treffen zu Treffen größer.
"Ich erhielt gestern Nachricht dass einige deiner kleinen feigen Kniefaller einen meiner Handelszüge überfallen und vernichtet haben." fuhr O Kiel seinen Bruder wütend an. Asteroth schien nicht im Mindesten beeindruckt zu sein. Unschuldig hob er beide Arme. "Was erwartest du. Mein Gefolge ist größer als so manches Königreich, ich kann nicht auf jeden aufpassen, ich bin ihr Anführer aber nicht ihr Gott ...noch nicht." fügte er grinsend hinzu.
"Du weist ganz genau das der Handel mit den Nordmännern wichtige Einnahmen für uns bedeutet. Das waren nicht einfach ein paar deiner Revolution spielender Jünger, das war ein gezielt geplanter Anschlag und das weißt du auch. Wer war dafür verantwortlich? Möglicherweise du selbst?"
"Ich weiß gar nicht wovon du sprichst." entgegnete Asteroth zuckersüß.
"Verdammt noch mal was glaubst du wer du bist? Der Waffenstillstand entstand auf beidseitigem Einverständnis, und dieses Einverständnis ist ein sehr brüchiges Band. Wenn du mit deinen Sabotageakten nicht aufhörst dann wird..."
"WAS? Was wird dann passieren? Dann werdet ihr uns angreifen? Ha, glaubst du ich habe vor dir und deiner lächerlichen Gilde Angst. Du hast ja keine Ahnung wie stark ich und mein Volk mittlerweile sind. Ich bin der Bringer einer neuen Ordnung. Euere Zeit läuft ab, ich muss mich nicht länger vor euch verstecken!"
"Ist das so? Warum bist du dir da so sicher? Ihr habt ebenso große Verluste in den vergangen Schlachten hingenommen wie ich. Die letzten 25 Jahre waren für uns alle sehr entbehrungsreich - verflucht deshalb entstand doch dieser Packt, damit wir zusammen gegen diesen verfluchten Drake du Kane vorgehen können."
"Der nur noch wegen deiner Unfähigkeit existiert wenn ich dich daran erinnern darf."
"Schweig du elender Verräter. Er war tot, ich weiß was ich gesehen habe. Irgendwie ist er wiedergekehrt. Durch Hexerei oder andere Kräfte. So etwas hat es noch nie gegeben. Noch nie war ein Jäger so schwer zu töten."
"Und so erfolgreich bei seiner Jagd." fügte Asteroth hinzu. "Diese seltsamen Zwillingsschwerter scheinen durch nichts aufzuhalten. Noch weiß ich zuwenig über sie um ihm persönlich gegenüberzutreten. Soll er nur weiter seiner sinnlosen Queste folgen. Früher oder später wird er fallen oder sich uns anschließen."
"Du meinst, er wird sich dir anschließen Asteroth. Das war doch immer dein Plan, ihn für deine Sache zu gewinnen. Du musst blind sein wenn du nicht erkennst das der Schüler Sen Lars niemals für dich streiten wird." sagte Tarim o Kiel.
"Mag sein. Dann muss er eben sterben. Mir ist es gleich." Doch sie beide wussten dass dem nicht so war. Drake du Kane war einer der stärksten Vampire die jemals auf dieser Erde wandelten, und das obwohl, oder gerade weil er nur ein Halbblut war. Asteroth wollte ihn haben. Er wusste nur noch nicht wie. Vor allem allerdings interessierten ihn die beiden Waffen die er seit seiner Rückkehr mit sich führte, wahrlich dämonische Werkzeuge und er wollte wissen woher er sie hatte.
"Nun, ich muss los O Kiel. Was den Überfall angeht, ich werde meinen Leute sagen das sie so etwas in Zukunft unterlassen sollen."
"Was? Das ist alles. Woher weiß ich das du dein Wort hältst, immerhin bist du ein elender Verräter."
"Ich bin der, der erkannt hat wie wir überleben können, und höchstens ein Verräter an dem was unser Untergang werden wird. Aber lassen wir dass. Die Antwort auf deine Frage ist dass du keine Wahl hast. Du weißt genau so gut wie ich dass wir uns im Moment keinen weiteren Krieg leisten können, nicht solange noch ein Vertreter der C'ael Rohen da draußen hinter uns her ist."
"Ich habe keine Furcht vor dem Untergang, aber dich und eine Brut werde ich mitnehmen."
"Oh doch, du hast Angst O Kiel. Angst dass dein Imperium wegen eines einzelnen Mannes auseinander fallen könnte." Asteroth verließ den Saal und ließ Tarim o Kiel sprachlos und wütend zurück.
Asteroth hatte weiterhin seine eigenen Pläne. Diese gelegentlichen Überfälle und ähnliche Scharmützel gegen die Gilde waren nur ein Ablenkungsmanöver. Tarim o Kiel sollte nicht denken das er etwas ausheckte, er wollte seine Aufmerksamkeit auf etwas anderes lenken. Und wie es aussah ging der Plan auf. Asteroth lächelte, ein kaltes freudloses Lächeln. Dieser alte Narr war doch so leicht zu kontrollieren. Die Gilde würde bald der Vergangenheit angehören, dessen war sich Asteroth sicher. Über 20 Jahre Krieg hatten beide Seiten ausgelaugt, doch Asteroth hatte noch einige Trümpfe im Ärmel. Weitaus mehr Sorgen machte ihm Kane. Der Jäger war mittlerweile von einer schlechten Angewohnheit zu einem Problem geworden. Er ist ausdauernder als jede andere Vampirjäger seit Selfter Kane, dem Gründer dieses verfluchten Ordens. Er trug großes Wissen in sich, zuviel Wissen nach Asteroths Geschmack. Aber er war Ahnungslos. Er wusste zu wenig um ihm wirklich gefährlich zu werden. Der Erzvampir schlenderte durch seine geheimen Kammern, von denen nur eine handvoll Personen wussten wo sie lag, tief verborgen in den Eingeweiden seines Schlosses. Seine Anhänger kannten den Ort nicht, die Gefahr wäre zu groß das es Spione sind oder das sie von der Gegenseite gefangen genommen und zum sprechen gebracht werden, sei dies nun mit Folter, Alchimie oder Zauberei. Nein, Asteroth konnte niemanden trauen, zu viel stand auf dem Spiel. Er erreichte sein kleines Museum wie er selbst es gern nannte. Hier bunkerte er all seine Schätze die er im Laufe der Jahrtausende gehortet hatte. Sein Ziel war der kleine glühende rote Stein der auf einem Samtkissen in einer Glasvitrine lag, umgeben von einer bläulichen schimmernden Kugel. Asteroth winkte mit geöffneter Handfläche über die Kugel und sie verschwand. Er öffnete die Vitrine und nahm den Stein heraus und musterte ihn fasziniert. Der Krieg hat viel Arbeit bedeutet, und so verschwand der Stein in der Versenkung seiner Sammlung. Doch nun, da sich die Situation langsam wieder entspannte konnte er endlich seine Forschungen weiter betreiben. Und allmählich kam er dem Geheimnis auf die Spur das den Stein umgab. Er war kein Einzelstück, dessen war sich Asteroth sicher. Es gibt mindestens ein Dutzend von den Steinen, eher noch mehr. Er wusste auch dass die Steine uralt waren und das es früher noch viel mehr waren, doch ihre Anzahl wurde immer geringer. Es gab neben den roten auf noch andersfarbige, doch diese interessierten ihn nicht. Die anderen Steine funktionierten anders, man konnte sie sogar selbst herstellen. Für ihn zählten nur die Roten. Diese waren einmalig und man konnte sie nicht selbst produzieren. Es gab eine feste Anzahl die aber im laufe der Jahrtausende langsam abnahm. Waren es vor 10000 Jahren noch an die 100, gab es mittlerweile wohl noch etwa 20 oder weniger. Es war also nicht der legendäre Blutstein aus dem Necronomicon wie es Tarim o Kiel gerne gesehen hätte, vermutlich war der Stein nur eine weitere Legende. Asteroths Problem war das er nicht wusste wie der Stein anzuwenden war. Er barg mächtige Zauber in sich, das wusste er, nicht aber wie man sie anwendete. Analysen ergaben dass die Magie die den Stein durchströmte nicht komplett war, es fehlte ein Teil - jener Teil der die Magie wirken ließ. Es gab ein oder mehrere Gegenstücke zu dem Stein, und nur wenn diese miteinander verbunden wurden konnte man den Stein nutzen. Aber was könnte dieses Gegenstück sein. Ein Artefakt das durch dieselbe Magie gespeist wurde wie der Stein. Asteroth konnte nur spekulieren, vermutlich waren es die anderen Steine. Möglicherweise musste man alle Steine zusammenfügen zu einem großen. Wäre dies vielleicht der Blutstein? Wenn ein Stein schon so mächtig war, was würde passieren wenn alle zusammen waren? War vielleicht doch mehr an den alten Legenden dran? Asteroth hatte schon viele seiner Krieger in alle Himmelsrichtungen ausgesandt, sie sollten denn ganzen Kontinent nach diesen roten Steinen absuchen, doch bisher war die Suche erfolglos. Asteroth war sich mittlerweile sicher, das es ein magisches Zentrum gab, ein Ort - der Ursprungssort der Steine - an dem ein Großteil oder gar alle lagen. Vielleicht war dieser Ort das magische Zentrum der ganzen Welt und es gab dort noch andere magische Kostbarkeiten. Asteroth musste herausfinden wo das war, und er musste dort hin, egal wie lange es dauern würde.
4.
"Mein Name ist Myra."
Sie sah jetzt im fahlen flackernden Licht welches die Kerzen in den alten Geräteschuppen warfen noch bezaubernder aus. Ihre langen roten Harre umschmeichelten ihr Gesicht, ihre großen tiefgründigen Augen sahen mich mit einer Mischung aus Neugier, Furcht und Verehrung an. Ihre Stimme war - jetzt wo sie nicht mehr voller Wut war, melodisch und unglaublich sanft, aber dennoch voll innerer stärke. Sie trug einfache Reisekleidung, braunes Leder, alt und speckig, einen weiten Mantel, schon völlig zerfetzt. Sie schien nicht viel zu besitzen. Trotzdem, selbst in diesen Lumpen sah sie wunderschön aus. Ich hatte sie in diesen alten Schuppen gebracht, in der Hoffnung hier endlich Antworten zu bekommen. Als erstes wollte ich ihren Namen wissen. Myra, was für ein wunderschöner Name.
"In Ordnung Myra, und jetzt erzähl mir woher kennst du mich?" Ich hatte meine Verblüffung überwunden und meine Stimme war jetzt ruhig und klar. Das schien sie ein wenig zu beruhigen, sie entspannte sich deutlich. Trotzdem war sie nervös. Ihre Finger spielten unablässig mit einem silbernen Medaillon das sie um den Hals trug während sie erklärte: "Ihr braucht keine Angst haben dass..."
"Du!"
"Was?"
"Nicht Ihr, sag Du zu mir. Ich bin weder König, noch Führe ich eine Arme oder bin unermesslich reich. Sag einfach du!"
Sie musste über diese Bemerkung lächeln, ich hatte das Gefühl als wäre das Eis geschmolzen.
"Du...du musst nicht fürchten das dich jemand verraten hätte. Es hat 6 Jahre gedauert bis ich alles über dich und die C'ael Rohen herausgefunden hatte."
Erneut war ich erstaunt, sie kannte auch den Namen meines Clans. Sie wusste zuviel, das machte mir Angst. Sie wusste mehr als gut für sie war.
"Warum? Und wie?" Ich war verwirrt, die Frage klang wie die eines Idioten, doch ich wusste nicht was ich sagen sollte. Sie lächelte, schien fast belustigt über meine Reaktion. Ich wusste nicht recht was ich davon halten sollte. Dann sah sie mir direkt in die Augen, es schien als würde sie mit sich ringen, als wolle sie mich etwas fragen. "Drake, bevor ich dir alles erzähle muss ich einfach sichergehen dass die Geschichten wahr sind." Ihre Äußerung überraschte mich, es schien als würde diese junge Frau mich nur noch überraschen. Sie war so völlig anders als alle die ich bisher kennen gelernt hatte. Ich konnte nicht sagen woran es lag, aber sie hatte etwas an sich, das mich nicht mehr los ließ.
"Du jagst SIE, richtig. Dein Clan hat sie gejagt?" Sie sah mich ernst an, als wollte sie sich vergewissern ob ich auch wirklich der Drake du Kane war für den sie mich hielt. Und ich wusste irgendwie dass ich von ihr gar nichts zu hören bekam bevor ich ihr nicht antwortete. Ich seufzte lang und hob die Schultern. "Ach was soll's, schlimmer kann's nicht kommen." Dann sah ich sie ebenso ernst an. "Ich bin ein C'ael Rohen und unsere Berufung ist es Vampire zu jagen! Ich bin ein Vampirjäger. War es dass was du hören wolltest?"
Sie schien erleichtert zu sein. "Also hatte ich Recht, du bist es tatsächlich. Ich hätte nie gedacht dass dies jemals passieren würde obwohl ich immer davon geträumt hatte. Entschuldige meine geheimnisvolle Art aber ich musste einfach sicher sein, denn SIE sind überall." Ich musste bei diesen Worten innerlich schmunzeln. Es gab wohl niemanden der dies so gut wusste wie ich.
Sie lehnte sich zurück und begann endlich zu erzählen: "Ich war das Kind einfacher Bauern. Ich hatte noch einen großen Bruder und eine kleine Schwester. Ich stamme aus Tahl, einem Königreich weit im Norden. Ich lebte in einfachen Verhältnissen. Wir hatten nie viel, aber ich hatte liebevolle Eltern und wir hielten zusammen. Es war ein hartes aber gutes Leben, eine fast perfekte Idylle. Doch dann begannen die Morde, ich war damals 9. Ein Bewohner unseres Dorfes nach dem anderen verschwand spurlos. Die meisten tauchten völlig blutleer und teilweise grausam entstellt wieder auf, einige blieben verschwunden. Keiner wusste wer dahinter steckte. Erst dachte man ein wildes Tier, dann es wären vielleicht Anhänger eines blutigen Kultes oder Schwarzmagier die die Dörfler opferten. Doch die Wahrheit war viel entsetzlicher, schlimmer als dass man es je ganz begreifen konnte. Ich hatte natürlich von IHNEN gehört. Uns wurden früher immer Gruselgeschichten erzählt. Doch dachten wir immer es wären nur Legenden und diese Wesen würde nur in der Phantasie existieren...ein Irrtum wie ich erkennen musste." Sie schwieg einen Moment und blickte verbittert auf den Boden. "Sie kamen um Mitternacht. Ich war damals gerade zehn geworden. Wir hörten Geräusche vor der Hütte. Vater nahm eine Laterne und sein Holzfällerbeil. Thalon, mein Bruder - er zählte 16 Sommer folgte ihm mit einem großen Fleischermesser. Vater sagte zu meiner Mutter sie solle mit uns im Haus bleiben. Das war das letzte Mal das ich meinen Vater und meinen Bruder lebend sah. Sie gingen hinaus um den Geräuschen auf den Grund zu gehen. Wir blieben im Haus, es war totenstill und ich hatte furchtbare Angst. Dann plötzlich Schreie, es waren entsetzliche Schreie. Es waren die Stimmen von Vater und Thalon, sie mussten etwas unglaublich Schreckliches gesehen haben, mir gefror das Blut in den Adern. Dann verstummten die Schreie. Ich begann zu weinen, genau wie Sara, meine kleine Schwester. Mutter versuchte uns zu beruhigen, doch ihr war selbst nicht besser zumute. In eine dunkle Ecke gekauert harrten wir aus. Dann wurde plötzlich die Tür aufgebrochen, und sie stürmten in unser Haus!
Es waren gesichtslose Bestien. Meine Mutter kreischte, packte sich ein Messer, das herumlag und stellt sich vor die Monster. Sie rief mir zu, dass ich Sara nehmen und verschwinden sollte. Dann warf sie sich ihnen entgegen. Ich rannte wie nie zuvor während ich hinter mir die Todesschreie meiner Mutter hörte. Ich rannte quer durch das Haus, doch es waren so viele, sie hatten uns umstellt. Ich schlug ein Fenster ein, meine Hand blutete und zerrte Sara die noch immer ihren Plüschbär umklammerte aus dem Haus. Doch sie waren überall. Ich sagte Sara sie solle zu den Nachbarn laufen und Hilfe holen, ich würde nach Ma und Pa und Thalon sehen. Ich...ich hätte sie niemals alleine lassen dürfen, a... aber ich war doch noch ein Kind und hatte schreckliche Angst. Ich konnte einfach nicht gehen. Sara, sie...sie lief los in Richtung der Nachbarn. Ich wollte zurück ins Haus, doch bei dem Kampf mussten ein paar Kerzen umgefallen sein, das Haus fing Feuer und es war nur eine Frage von Minuten bis es lichterloh brennen würde. Ich lief um das Haus herum und schrie verzweifelt nach meinen Eltern - doch sie antworteten nicht! Dann hörte ich Schreie - von Sara. Ich rannte so schnell mich meine Beine trugen. Ich glaube ich bin in meinen ganzen Leben nie schneller gelaufen. Ich konnte gerade noch sehen wie eine dunkle Gestalt sie fortzerrte. Nur ihr Plüschbär blieb zurück. Er lag in einer schmutzigen Wasserlache. Das Haus brannte bis auf die Grundmauern nieder. Das letzte was ich gesehen hatte waren diese furchtbaren Augen. Es waren keine normale Augen. Es waren die Augen des Bösen. Gelbe geschlitzte Augen. Dann waren sie fort. Eine weitere Tragödie, die das ganze Dorf mitnahm. Die Bewohner beschlossen das Dorf zu verlassen und sich woanders niederzulassen. Man nahm mich mit doch ich schlich mich heimlich davon. Ich konnte nicht bei ihnen bleiben." Sie weinte während sie erzählte, Tränen flossen ihr Gesicht herab, ihre Stimme wurde immer leiser. Sie sah mich mit ihrem von Tränen übersätem Gesicht an.
"SIE haben mir meine ganze Familie genommen! Dafür werden sie bezahlen!" Ihre Hände verkrampften sich zu Fäusten und sie begann wieder zu schluchzen. Ich wusste nicht genau warum, aber ich hatte das Bedürfnis sie zu trösten. Vielleicht weil ich ihren Schmerz nachvollziehen konnte. Niemand wusste besser als ich was sie durchlitten hatte. Vielleicht war ich auch einfach nur glücklich, da ich endlich jemanden gefunden hatte der meinen Schmerz teilte, der ähnliche Erfahrungen gemacht hatte als ich. Ich setzte mich neben sie und legte meinen Arm um sie. Sie wich nicht zurück sondern legte den Kopf an meine Schulter und weinte sich aus. In diesem Moment wusste ich das es mehr als nur Zuneigung war das ich für sie empfand. Ich hätte nie gedacht dass dieser tote Körper zu solchen Gefühlen im Stande war, aber scheinbar war die menschliche Seite noch stärker als die tote, vor allem wenn es um das stärkste ging was den Mensch auszeichnete. Die Fähigkeit zu lieben.
Ich war verliebt!
"Ich wanderte ziellos umher, auf der Suche nach einem Sinn im Leben. Jahrelang versuchte ich so viele Informationen wie nur möglich über SIE zu sammeln. Es war nicht einfach, sie waren sehr vorsichtig, beinahe niemand wusste von ihrer tatsächlichen Existenz, die meisten halten sie nur für Legenden."
"Ja", antwortete ich, "ihr größter Trick war es dem Menschen weiszumachen das sie nicht existierten."
Sie nickte nachdenklich. "Ich lernte das kämpfen, ich verbrachte 3 Jahre in einer Akademie und erlernte Nahkampf, Schwertkampf sowie den Umgang mit Messer und Dolch, außerdem lesen, Schreiben, Rechnen, Religion, Staatskunst und Etikette." Sie lachte, ein grauenhaftes verbittertes Lachen. "Ich war ein Musterschüler, ich denke ich beherrschte alles ziemlich gut. Aus dem dummen Bauernmädchen wurde eine gebildete Kriegerin. Mein Eifer zu lernen wurde von dem Hass genährt, denn ich wusste das ich sie nur vernichten konnte wenn ich gut ausgebildet war. Danach ging ich auf die Suche. Wohin ich auch ging, ich stieß jedes Mal auf eine Mauer des Schweigens. Entweder wusste man nichts über sie oder die Menschen hatten zuviel Furcht etwas zu erzählen. Doch ich merkte schnell dass in der Dunkelheit, in den versteckten Winkeln fast jeder Stadt noch eine andere Wahrheit existierte. Wenn man die Augen dafür öffnete, konnte man es gar nicht übersehen. Sie haben diesen Kontinent wie eine Seuche infiziert. Sie sind überall, egal wohin man auch seine Schritte lenkt. Und sie sind mächtig, sehr mächtig."
Sie senkte den Kopf, ihre Stimme wurde fast zu einem flüstern. "Ich begann an meiner Berufung zu zweifeln. Ich war drauf und dran aufzugeben, man konnte nicht gegen sie siegen, sie waren einfach zu zahlreich und zu mächtig. Doch dann hörte ich von dir. Ich belauschte ein Gespräch von zwei Vampiren. Sie redeten über einen von ihrem Blut, aber einem unreinen der die Fronten gewechselt hatte und sie nun bereits seit Jahrzehnten jagen würde. Es hieß er wäre von den Toten wiedergekehrt und nichts könne ihn aufhalten. Furcht lag in ihrer Stimme. Das war das erste Mal das ich Furcht in der Stimme eines dieser Untoten hörte. Das gab mir wieder Hoffnung. Ich wusste wenn jemand anderes es schaffen konnte sie zu bekämpfen konnte ich das auch. Du hast mir damals Kraft und einen Lebenswillen gegeben." Sie war schon wieder den Tränen nahe, aber ihre Augen strahlten mich voller Dankbarkeit an. "Das geschah vor fast 3 Jahren. Seitdem jage ich wieder. Und war auf der Suche. Auf der Suche noch dir. Ich hätte nie gedacht dass ich dich tatsächlich jemals finden würde, doch habe ich oft davon geträumt. Es ist Bestimmung!"
Ich las in ihren Augen felsenfeste Entschlossenheit und innerlich musste ich schmunzeln. Bestimmung, wie recht sie doch hatte. Alles in meinem Leben war vorherbestimmt, das Orakel hatte mir den Weg gezeigt denn ich beschreiten würde. Sollte sie etwa auch dazugehören. Du wirst eine junge Frau treffen die dein Schicksal teilt, waren so nicht die Worte des Orakels? Der zweite Abschnitt der Prophezeiung allerdings machte mir Angst. Ich beschloss diesen Gedankengang lieber nicht weiter zu vertiefen.
"Wie alt bist du Myra?" fragte ich sie.
"19."
Mein Güte, so jung, so unschuldig. Und dennoch stand vor mir eine erwachsene Frau. Ihr Leben musste hart gewesen sein, ihre Kindheit war längst vorbei. Trotz ihrer Jugend trug sie schon große Weisheit in sich, sie wusste mehr von der Welt als manch alter Mann. Und sie trug eine besondere Kraft in sich, sie besaß eine Gabe. Ich wusste nicht was aber sie war besonders, das fiel mir schon im ersten Moment an ihr auf. Sie war geboren worden um ein Held zu sein, dessen war ich mir sicher.
"Und was hast du nun vor?" fragte ich sie.
"Kämpfen! Ich werde weiterkämpfen. Jemand muss sie aufhalten. Ich werde mich ihnen nicht beugen, sondern sie bekämpfen, solange ich lebe." Die Kraft mit der sie diese Worte aussprach faszinierte mich, doch erschreckten sie mich auch. Kein so junges Gesicht sollte so düstere Schatten tragen. Sie war in Dinge geraten aus denen es kein Entkommen mehr gab. Sie sah mich an. "Wirst du mir helfen?" In ihren Augen lag ein flehender Blick.
Ich biss mir auf die Lippen. "Ich ... ich kann nicht." flüsterte ich.
"Wieso nicht? Lass mich dich begleiten, lass mich deine Weggefährtin sein. Wir kämpfen Seite an Seite gegen das Böse, so wie es die alten Heldenmythen erzählen."
"Das Leben läuft aber nicht immer so wie es die Barden singen. Das Leben ist grausam und hart, ich kann dich da nicht mit hinein ziehen. Es ist gefährlich mit mir unterwegs zu sein, ich werde von ihnen gejagt. Ich will nicht dass dir etwas passiert."
Plötzlich sprang sie wütend auf. "Was soll dass heißen? Glaubst du ich weiß nicht was es heißt sich ihnen zu stellen? Mir ist meine ganze Familie genommen worden als ich noch ein Kind war. Ich habe mich fast zehn Jahre lang alleine durch die Welt geschlagen, ohne Geld oder fremde Hilfe und sie gejagt, und sogar ziemlich erfolgreich wenn ich das behaupten darf. Ich kann nicht glauben das der Drake du Kane aus den Erzählungen solche Worte sagt."
"Der Drake du Kane aus deinen Geschichten ist ein Mythos, ich bin ihm nie begegnet." sagte ich müde.
"Aber was..." stotterte sie ungläubig "...gibst du etwa auf? Sollen sie gewinnen, ist es dass was du willst. Verdammt was ist los mit dir?"
"Ich gebe niemals auf. Ich habe einen Schwur geleistet, denn ich nicht brechen werde." Zornig war ich nun ebenfalls aufgesprungen. "Aber ich will nicht die Verantwortung übernehmen was sie dir antun könnten." Fuhr ich deutlich ruhiger fort.
"Du meinst meinen Tod?" fragte sie mich gelassen. Ich nickte stumm.
"Glaubst du etwa ich würde alleine sicherer leben. Ich habe keine Furcht vor dem Tod, aber ich will meinem Leben einen Sinn geben. Ich will dich begleiten, wissen wie du denkst und fühlst. Und warum du zum Jäger wurdest. Du hast so viel Wissen, teile es mit mir." Ihre Stimme war nun voll flammender Leidenschaft und tiefer Überzeugung.
"Ich verfluche mein Wissen, es hat mir nur Kummer bereitet." entgegnete ich leise.
"Dann teile es mit mir, teile deinen Schmerz, vielleicht kann ich dir Trost spenden."
Sie setzte sich neben mich und umfasste meine Hand mit ihrer. "Erzähl du mir deine Geschichte. Ich will sie hören, ich will wissen wie du zu dem geworden bist vor dem alle Vampire zittern. Erzähl mir dein Leben. Lass mich dein Schüler sein und bilde mich aus. Ich kann so viel von dir lernen."
Ich sah ihr in die Augen und wusste dass sie Recht hatte. Ich war so lange alleine, so lange einsam, das ich völlig vergessen hatte wie man sich anderen Menschen gegenüber verhielt, und mein Körper wurde nach dieser langen Einsamkeit von Gefühlen überschüttet die ihm Fremd waren. Ich war verwirrt und wütend, doch es gab keinen Grund das an Myra auszulassen. Vor allem, da sie ja recht hatte - es wurde Zeit das ich einen Gefährten bekam, bevor ich endgültig den Verstand verlor. Doch konnte ich sie ausbilden? Würde ich sie mein Wissen lehren können, wie es einst Sen Lar bei mir getan hatte?
Ich seufzte ergeben. "Du hast Recht, es tut mir Leid. Wenn du es möchtest dann sollst du alles erfahren was ich dir sagen kann." Dann begann ich zu erzählen.
5.
Ich erzählte ihr alles. Ich wusste nicht warum ich so offen zu ihr war und ihr Dinge erzählte, die ich sonst noch niemandem erzählt hatte. Doch ich wusste dass ich richtig handelte. Ich erzählte ihr von meinem Leben vor der Verwandlung, dem Leben eines naiven jungen Lebemannes der sich keine Gedanken um seine Zukunft machte. Ich erzählte ihr von meiner ersten Begegnung mit Asteroth und wie diese Nacht mein ganzes Leben verändern sollte. Ich erzählte ihr von Sen Lar, den C'ael Rohen und meiner Ausbildung. Noch einmal kehrte ich in meiner Erzählung zu jenen schrecklichen Ereignissen auf dem Drake-Stone-Mountain zurück und berichtete von Sen Lars Tod, meinem Schwur und der Geburt von Drake du Kane. Ich schilderte ihr die ersten Jahre des Jagens die hauptsächlich eine Zeit des Lernens waren, dann die Begegnung mit dem Orakel und die erneute Konfrontation mit O Kiel und Sagul als zum ersten mal meine vampirische Seite vollkommen von mir Besitz ergriffen hatte. Ich erzählte ihr von meiner Niederlage gegen Sagul und von Sorlag der mich gerettet und wieder belebt hatte, nur um mich danach als Sklave zu halten und zu foltern. Ich berichtete von den düsteren Seiten wo ich Attentäter und Dieb war. Ich erzählte ihr von den Schwarzen Zwillingen und während ich darüber berichtete sah sie die beiden Schwerter abwechselnd mit Furcht, Neugier und Ekel an. Ich sagte ihr dass ich Sorlag getötet hatte, aber ich ersparte ihr die Einzelheiten. Über die Spaltung der Vampirgilde und den ausgebrochenen Krieg musste ich nicht viel Wörter verlieren da sie überraschend gut Bescheid wusste, und das obwohl sie damals noch gar nicht geboren war. Schließlich schilderte ich ihr die weitere Zeit meiner ewigen Jagd und die Einsamkeit die mich während dieser Zeit ständig umfing. Kalt und Finster war meine Vergangenheit und ich glaubte dass sie während meiner Erzählung leise geweint hatte. Mir selbst schienen diese Ereignisse seltsam Fremd zu sein, wie aus einem anderen Leben, wie die vagen Erinnerungen an einen schlechten Traum kurz nach dem erwachen, wenn die Erinnerungen schon langsam zu verblassen begannen. Während der ganzen Zeit, in der ich ihr von meinem alles anderen als fröhlichem Leben erzählte, hielt sie meine Hand fest umklammert und sah mich abwechselnd traurig, mitfühlenden, teils aber auch erschrocken, ängstlich und sogar abgestoßen an, je nachdem was ich ihr erzählte. Ich konnte es ihr nicht verübeln. Ich hatte eine menge Dinge getan auf die ich nicht stolz war, ja teilweise fürchtete ich mich vor mir selbst. Wer wusste wozu ich alles fähig war wenn mein dunkler Bruder, meine finstere Seite, erwachen würde. Schließlich kam ich zum Ende meiner Geschichte und stellte fest dass Myra betroffen zu Boden blickte.
"So, nun weißt du alles was ich dir sagen konnte." Sie nickte stumm. Ich sah sie an. "Was ist mit dir? Vielleicht hätte ich es dir lieber nicht erzählen sollen ..."
"Nein", sagte sie entschlossen, "ich wollte es hören. Es ist nur...", sie sah mich mit feuchten Augen an, "soviel Leid und soviel Schmerz. Es macht mich krank mir vorzustellen dass dies ein einziges Lebewesen ertragen musste. Wie hast du das nur ausgehalten?"
"Ich habe die Hoffnung nie verloren."
"Die Hoffnung auf was?"
"Die Hoffnung dass es Erlösung gibt, selbst für jene die das Erbe der Verdammten in sich trugen."
Sie sah mich lange Zeit an, dann nickte sie. "Du, du hast eben nie aufgegeben." sagte sie mehr zu sich selbst als zu mir. "Was wirst du nun tun?"
Ich schüttelte ratlos den Kopf. "Ich weiß es nicht." antwortete ich wahrheitsgemäß. "Bis vor zwei Stunden hatte ich es noch gewusst, aber jetzt weiß ich gar nichts mehr." Hilflos schüttelte ich den Kopf, ich war völlig durcheinander. Ich spürte wie ihre sanften Hände meinen Kopf festhielten und zu ihr drehten. Unsere Blicke begegneten uns. Ich sah in ihre wunderschönen tiefgründigen grünen Augen, sie erwiderte den Blick ebenso lange. Dichter schrieben von diesen magischen Momenten. In denen man das Gefühl hatte sich in den Blicken des anderen zu verlieren. Nun endlich konnte ich verstehen was damit gemeint war, und nach einer endlos erscheinenden Zeit der Finsternis glaubte ich an Licht am Ende des Horizonts zu sehen. Nachdem ich ein halbes Jahrhundert nur Schmerz und Entbehrungen gefühlt hatte überschwemmte mich nun eine Welle von Glücksgefühlen, mit fehlen die Worte um es zu beschreiben. Doch sah ich in Myras Gesicht ähnliche Gefühle. Sie war ungleich jünger als ich, doch auch sie hatte bisher viel Leid ertragen müssen und scheinbar waren diese Gefühle auch für sie neu, keinem von uns hatte die Pflicht bisher solche Empfindungen gestattet.
Langsam näherte ich mich ihr. Sie zuckte nicht zurück sondern schloss die Augen als ich sie lange und leidenschaftlich küsste...
"Drake?"
"Ja?"
"Woran denkst du?" Myra streichelte sanft über meine haarlose bleiche Brust. Ich drehte mich zu ihr. Im dunklen flackernden Schein des Kerzenlichts konnte ich sie fast nicht erkennen. Die letzten Stunden waren für mich wie eine Wiedergeburt. Als wäre ich als völlig neuer Mensch wiedergeboren worden der nur Glück und Zufriedenheit kannte, mein Vergangenheit schien nicht länger von Bedeutung.
Es war nicht das erste mal das ich mit einer Frau geschlafen hatte, alleine in den Jahren vor meiner Verwandlung hatte ich den größten Teil meines gestohlenem oder erbettelten Geldes in billige Hafenhuren investiert. Aber diesmal war es anders. Noch nie hatte ich jemanden geliebt, oder wurde von jemand geliebt. Es war mehr als nur die körperliche Vereinigung zwischen Mann und Frau, es war eine ganze andere Erfahrung. Als wir uns leidenschaftlich geliebt hatten spürte ich eine tiefe Zusammengehörigkeit, ein starkes Band zwischen uns das immer stärker wurde. Ich bin mir nicht sicher, aber ich glaube dass sie es auch gespürt hatte. Diese Nacht war etwas ganz besonderes denn nun endlich würde ich nicht mehr allein sein. Ich wusste dass dies die Frau für mich war, nur sie und keine andere. Ich glaubte nie an solch romantische Versprechungen. Das Leben hatte mich hart gemacht und ich schüttelte diese Vorstellung schon früh als naive Träumerei ab. Doch nun schien es so als steckte doch mehr dahinter als ich gedacht hätte. Man sollte sich seine Träume und Illusionen eben doch bewahren, manchmal so schien es gingen sie in Erfüllung.
Ich hatte mich erneut verändert, in dieser Nacht kehrte ich zu meinen Wurzeln zurück. Myra hat geschafft was seit mehreren Jahrzehnten niemand vermochte. Sie hatte mich zum Lachen gebracht. Endlich konnte ich wieder lachen, endlich fühlte ich mich wieder wie ein Mensch, und endlich wusste ich dass ich noch ein Herz besaß und noch nicht völlig erkaltet war. Sicherlich, meine dunkle Seite schlummerte noch immer in mir und mein Erlebtes konnte ich nicht leugnen, so gerne ich das auch getan hätte. Doch zumindest konnte ich es für eine kurze Zeit vergessen. So lange ich Myra an meiner Seite spürte hatte ich das Gefühl allem trotzen zu können. Diese Gedanken waren gefährlich, das wusste ich, doch erst jetzt merkte ich wie dringend mein Geist sie nötig hatte um nicht endgültig im Wahnsinn zu versinken oder zu einer eiskalten hirnlosen Killermaschine zu mutieren. Myra war fast so etwas wie mein Rettungsanker in der stürmischen See der Einsamkeit.
Was mich jedoch beunruhigte waren die Worte des Orakels die mir plötzlich wieder in den Sinn kamen. Ich wollte sie verdrängen aber sie wollten nicht verschwinden. Myra musste die junge Frau aus der Prophezeiung seien, aber was sollte die zweite Zeile der Vorsehung bedeuten: Achte darauf dass sie nicht dein Feind wird? Konnte sie dass denn? Unmöglich, dass konnte ich nicht glauben. Womöglich irrte das Orakel, möglich wäre es. Aber war es dass wirklich? Eine warnende Stimme wollte dies nicht glauben, doch im Moment wollte ich nicht darüber grübeln. Der Moment war zu schön um ihn durch düstere Gedanken zu verderben.
"Ich dachte nur darüber nach wie sehr ich dich liebe." Antwortete ich schließlich
"Kann ein Vampir tatsächlich lieben?"
"Ich bin kein Vampir, zu dir spricht ein Mensch, meine dunkle Seite schläft."
"Und wird sie erwachen?" fragte sie und sah mich unsicher an.
"Nicht solange du bei mir ist. Sie ist nicht stark genug gegen das zu gewinnen was ich für dich empfinde."
Sie lächelte. "Und ich für." flüsterte sie mir zu und rollte sich auf mich. Ich spürte ihren herrlich weichen und warmen Körper auf meinem und sofort waren alle Zweifel und Ängste aus meinem Kopf verschwunden. Es war als würden wir uns schon seit Jahren kennen und hätten uns nicht erst vor wenigen Stunden kennen gelernt. Es war fast grotesk, vor einigen Stunden wollte sie mich noch mit einem Dolch erstechen und nun liebten wir uns im Kerzenschein. Aber das Leben nahm eben manchmal einen seltsamen Verlauf.
"Ich will nicht das du mich verlässt." sagte sie später zu mir als wir wieder einfach nur nebeneinander lagen. Sie klang traurig.
"Wie kommst du darauf dass ich dich verlassen würde?"
"Du wirst weiter ziehen, wieder auf die Jagd gehen. Wahrscheinlich schon Morgen. Dann werde ich wieder ganz alleine sein" Sie klang betrübt.
"Ich würde dich nie verlassen." Ich sah sie ernst an. "Ich will dass du mich begleitest!"
Ihre Augen schienen vor Freude zu sprühen. "Aber ich dachte du könntest mich nicht mitnehmen."
"Nein, du hattest Recht, ich war ein Narr. Ich brauche Hilfe, sonst werde ich noch wahnsinnig. Ich war zulange alleine, es wird Zeit das ich wieder jemanden habe der mich versteht und mir zur Seite steht. Und ich kann mir niemand besseren vorstellen als dich." Ich lächelte sie an. "Fortan soll es endlich wieder einen neuen C'ael Rohen geben und aus dem einsamen Jäger soll ein Duo werden."
Verträumt sah ich zur Decke. Sie würde lernen, und sie würde ein C'ael Rohen werden. Nun sollte ich der Mentor sein und Sen Lars Vision eines Neuanfangs des Clans war einen Schritt näher gerückt.
Des Zeitenflusses steter Weg barg viele Überraschungen für jene die den Mut hatten ihm lange genug zu folgen.
Welch zartes zerbrechliches Geschöpf doch nun an der Seite des zeitlosen Jägers stand, so jung und doch so außergewöhnlich. Würde sie der Kälte standhalten die sie an seiner Seite erwartete? Würde sie am Ende ebenso Gnadenlos werden wie der Jäger, oder vermochte sie es gar die Kälte von ihm zu nehmen und ihn zurück ins Licht zu führen?
Wieder war er seinem Ziel einen Schritt näher gekommen, aber immer noch lag ein weiter steiniger Weg vor ihm. Neue Abenteuer warteten auf die zwei neuen Jäger - und ebenso neue Schrecknisse.
Nun erst würde sich zeigen ob die menschliche Liebe tatsächlich stark genug war um in der Welt es Jägers zu überdauern.
Kapitel 7
Die Jagd geht weiter
1.
"Hast du auch alles?"
"Klar!" Lachend warf sie mir den Rucksack zu. Mit einem gespielten Ächzen fing ich die schwere Last. "Willst du mich erschlagen?" fragte ich sie scherzend. Sie kam langsam auf mich zu, mit diesem Lächeln das ich so an ihr liebte. "Vielleicht will ich das ja. Wo warst du denn gestern Nacht? Das Bett war so leer ohne dich." Ihre Finger glitten spielend über meine Brust.
"Ich wollte die wundervolle Nacht auskosten, du hast ja schon geschlafen."
"Mit wem hast du denn die Nacht ausgekostet?" fragte sie spitz.
"Eifersüchtig?" Ich setzte ein breitestes Grinsen auf.
"Pah, auf wenn denn?" Sie stieß mich mit gespielter Gekränktheit beiseite. "Ich bin doch das Beste was dir passieren konnte."
"Oh, du unterschätzt die Anziehungskraft auf den schwachen menschlichen Verstand." sagte ich verführerisch. Sie drehte sich um und sah mich lauernd an.
"Also gut, du hast gewonnen, es gäbe für mich niemals jemand Anderen als dich." Ich legte meine Arme um ihre Taille.
"Das ist auch besser so für dich. Und nun los, wir sind spät dran." Dann war sie auch schon aus dem Zimmer. Wie immer eben. Myra war wie ein Wirbelsturm, immer in Bewegung. Rastlos, sie kam nirgends zur Ruhe, zog immer weiter, wie der Wind. Aber da waren wir beide uns ähnlich. In den letzten drei Jahren waren wir durch den halben Kontinent gezogen, immer auf der Durchreise. Wir hatten nicht viel, aber wir hatten uns, mehr war nicht wichtig. Ich liebte sie, damals noch inbrünstiger, und sie liebte mich. Wenn das Leben doch immer so einfach wäre. Sie ist erwachsen worden, in zwei Monden wurde sie 23. Irgendwie fürchte ich mich davor, war es doch genau jenes Alter in dem mich Asteroth verwandelte. Aber die Zeit der finsteren Gedanken hatte nach all den Jahrzehnten endlich ein Ende gefunden. Die letzten drei Jahre waren die besten meines ganzen Lebens, noch nie hatte ich mich so Glücklich und Frei gefühlt. Myra hatte meinem Leben wieder einen Sinn gegeben, ein Leben mit dem ich eigentlich schon vor langer Zeit abgeschlossen hatte. Aber nun hatte ich wieder einen Lebenswillen, endlich lohnte es sich wieder am Leben zu sein. Meine Liebe zu Myra bedeutete mir jetzt am meisten, sogar mehr als meine Rache an Asteroth. Ich will nicht sagen dass ich mich von Grund auf geändert hätte, ich glaube dies ist nie ganz möglich. Mein dunkles Erbe ist nach wie vor Präsent, das kann ich nicht leugnen. Aber es schläft. Ich kann endlich wieder lachen, scherzen, mich des Lebens freuen und lieben. Ich hätte nicht gedacht dass ich das jemals wieder könnte.
Ich brachte ihr eine Menge in den drei Jahren bei. All mein Wissen über Vampire und wie man sie vernichten konnte. Ich wusste nicht ob es richtig war so offen mit den Geheimnissen des Clans umzugehen, aber irgendwann musste ich mich jemanden offenbaren. Endlich hatte ich meinen Schüler gefunden, und sie ist der beste Schüler den man sich vorstellen konnte. Sie war begierig nach Wissen, sie hatte einen scharfen Verstand, sie war zäh, unnachgiebig, und zielstrebig. Und sie war die verdammt beste Schwertkämpferin die ich jemals gesehen hatte, sie war fast so gut wie ich selbst es damals war.
Ihre einzige Schwäche war zugleich ihre größte Stärke - ihre Menschlichkeit. Sie hatte mich gelehrt wieder zu lachen, sie hatte mir gezeigt was es bedeutet wieder ein Mensch zu sein. Sie war so sanft, verständnisvoll und tolerant. Doch das machte sie verwundbar, ihre naive Träumerei von einer besseren Welt und das alles schon gut enden werden würde, könnte ihr einmal zum Verhängnis werden. Mir blieb nichts anderes übrig als ständig ein Auge auf sie zu werfen.
Wir hatten uns in der vergangen Zeit beide stark verändert. Sie hatte gelernt was es hieß ein richtiger Vampirjäger, ein echter C'ael Rohen zu sein und ich hatte gelernt ein Mensch zu sein. Wir zogen als Abenteurer durchs Land, wie ich es früher gemacht hatte, verdienten uns das ein oder andere Goldstücke indem wir gefährliche Lieferungen als Begleitschutz eskortierten, die ein oder andere Räuberbande etwas aufmischten oder uns auf die Jagd nach gefährlichen klingenden - jedoch meist frei erfunden - Monstern begaben. Durch Myra wurde ich auch öfter genötigt Aufträge ohne Entlohnung anzunehmen, des Öfteren sogar von Kirchen. Myra kannte meine Einstellung zu den Göttern und ich glaube es bekümmerte sie. Vielleicht hatte sie ja Recht, immerhin hatten Sie mir Myra geschickt. Vielleicht hatte ich voreilig geurteilt und die Götter waren doch nicht so grausam. Ich hatte Myra versprochen meinen Groll gegen sie zu beenden und das hatte ich getan. Ich werde nie ein Geweihter oder Heiliger sein, aber ich wollte es noch mal versuchen.
Und natürlich jagten wir SIE weiterhin. Ich spürte sie auf und konnte Myra dabei gleich zeigen wie man dabei vorging. Sie lernte schnell - unglaublich schnell, Sen Lar wäre stolz auf sie gewesen.
Ob er uns wohl sehen konnte? Ich war fest davon überzeugt. Er war immer an meiner Seite, die ganze Zeit und ich versuche sein Amt so gut wie ich konnte zu vertreten. Myra hatte sich in der Zeit zu einer exzellenten Jägerin entwickelt und hatte selbst schon so manchen Vampir gepflockt. Und nachdem sie ihr geliebtes Schwert Faliceat in einem Sonnentempel geweiht hatte, konnte sie sogar schwächere Vampire verletzen und manchmal sogar töten. Natürlich nicht annähernd so stark wie die schwarzen Zwillinge aber es reichte aus. Allerdings musste sie mir seitdem mit ihrer Klinge ein wenig vom Leib rücken da ich äußerst anfällig auf den heiligen Stahl reagierte. Trotzdem glaubte ich dass wir das beste Team bildeten dass man sich vorstellen konnte. Wir wussten dass wir uns 100%ig aufeinander verlassen konnten. Jetzt hatten die verdammten Blutsauger doppelt soviel Gründe auf der Hut zu sein, denn endlich war Drake du Kane nicht mehr alleine, endlich gab es einen neuen C'ael Rohen!
Ich streifte mir meine Schwertscheiden um, griff nach Fortigan und Korosan und platzierte sie auf meinem Rücken. Ein letzter prüfender Blick auf das Tavernenzimmer, eins von Tausenden die wir schon benutzt hatte, dann verließ ich das Zimmer.
2.
Der Wirt schien beunruhigt. Nervös blickte er sich um, seine dicken Finger trommelten unablässig auf die Theke. Man konnte es ihm nicht verübeln, wir boten schon ein seltsames Bild. Ich stieg gerade die knarrende Holztreppe hinunter, ganz in schwarzem Leder und mit den beiden Ehrfurcht gebietenden schwarzen Schwertern auf dem Rücken. Myra wartete bereits unten in der Schankstube an der Tür. Ihre hautengen schwarzweißen Kleider und ihre feuerroten Haare ließen sie aussehen wie eine Mischung aus verführerisch/gefährliche Sukkubi und Liebesgöttin. Die Anwesenden hielten jedenfalls respektvollen Abstand zu ihr auch wenn gerade die Männer nicht die Blicke von ihr lassen konnten. Doch ihr Schwert, das sie gut sichtlich am Gürtel trug, sprach eine eindeutige Sprache.
Ich lenkte meine Schritte in Richtung der Theke, der Wirt zuckte ängstlich zusammen und trat einen Schritt zurück. Er räusperte sich mehrmals und suchte vergeblich nach Worten.
"Wart Ihr, äh wart Ihr mit den Zimmer zufrieden?" fragte er kleinlaut.
"Sie waren dem Preis angemessen." sagte ich knapp und ließ zwei Silberstücke auf der Theke zurück. Ohne ein weiteres Wort wandte ich dem Wirt den Rücken zu, der hastig die Münzen einsammelte.
"Mein Herr, äh verzeiht wenn ich euch aufhalte aber..."
"Was?" Ich drehte mich ungeduldig um und warf ihm einen düsteren Blick zu. "Stimmt etwas nicht mit meinen Münzen?"
"Nein, nein, nein, das ist es nicht. Ich, ich habe nur gehört das ihr in Richtung Osten unterwegs seit."
"Und? Ich wüsste nicht was euch unsere Angelegenheiten kümmern sollten."
"Natürlich, ihr habt völlig Recht, aber ich wollte euch nur einen guten Rat geben. Den gebe ich allen meinen Kunden die nach Osten reisen."
"Na los, raus mit der Sprache."
"Dort draußen lauert ein Drache, ihr solltet vorsichtig sein. Viele Wanderer sind schon verschollen. Es ist eine riesige Bestie die sich von den Reisenden ernährt. Ich habe durch sie schon viele potentielle Kunden verloren."
"Nun, habt Dank für den guten Rat aber wir werden schon aufpassen." Mit diesen Worten ließ ich ihn hinter der Theke stehen und verließ zusammen mit Myra die Taverne. Sie knuffte mich wütend in die Seite. "Noch unfreundlicher hättest du nicht sein können oder? Er hat es doch nur gut gemeint."
"Wieso? Glaubst du ihm das alberne Geschwätz etwa? Weißt du wie oft ich schon von Dämonen, Feen und vor allem von Drachen gehört haben? Dieses Bauernvolk kann das doch sowieso nicht auseinander halten. Außerdem habe ich mich doch bei ihm bedankt."
"Ja, auf deine einzigartige charmante Art." schmunzelte sie.
Ich legte meinen Arm um ihre Taille. "Keine Angst, wenn dort draußen wirklich ein Drache ist werde ich dich vor ihm beschützen."
"Oh, ein edler Ritter der seine Prinzessin aus den Fängen des Drachen rettet, wie romantisch. Ich fürchte aber dass der Drache mich nicht wollen wird." Ich sah sie fragend an.
Sie lächelte mich auf ihre verführerische Art an die ich so an ihr liebte. "Drachen wollen doch nur Jungfrauen." Ich warf ihr einen zweifelhaften Blick zu. 3 Jahre Ausbildung und ein gefahrvolles Leben hin oder her, in manchen Dingen blieb Myra wohl immer ein kleines Kind. Schließlich musste ich dann aber doch darüber schmunzeln.
Wir lachten noch den ganzen Weg die Fuhrstraße entlang, hinauf nach Irgendwo. Wir hatten keine Ahnung wo wir eigentlich hingingen. Osten klang gut und eine Richtung war so gut wie jede andere. Wir waren Reisende, wir wanderten jeden Tag von einem Ort zum anderen, welche Rolle spielte es da wohin man ging, entscheidend war nur das man ging. Vielleicht erhielten wir in der nächsten Stadt einen Tipp oder eine Fährte auf einen Vampir oder Untoten. Und wenn nicht war es auch egal, dann würden wir uns eben an den Wundern der Stadt erfreuen.
Die nächsten beiden Tage verliefen ereignislos. Wir wanderten den Tag über und bewunderten die herrliche Landschaft die sich uns jetzt im Frühherbst bot: blühende Felder, die ersten rotgelben Blätter an den Bäumen und die letzten saftigen Wiesen. Ich hatte früher nie ein Auge auf die Natur geworfen und staunte nun immer wieder was ich mir da immer hatte entgehen lassen, was für Wunder der Schöpfung einfach an mir vorbeigezogen waren ohne das ich ihnen Beachtung geschenkt hätte.
In den stürmischen Nächten schliefen wir entweder in kleinen Heuschobern von Weilen die am Wegesrand lagen oder unter freiem Himmel unter einem Baum eng an einander gekuschelt und zählten die Sterne. Wir unterhielten uns dann oft bis zum Morgengrauen oder gaben uns der Liebe hin. Zu diesen Zeiten waren Asteroth und alle Vampire vergessen.
Am dritten Tag etwa um die Mittagsstunde begegneten wir einer interessant anmutenden Reisegruppe. Es waren 8 Männer und 2 Frauen, allesamt in bunten etwas abgewetzten Klamotten, die allesamt wie Söldner aussahen. Die Gruppe schien schwer bewaffnet zu sein. Die Söldner trugen alle mächtige Zweihänder, schwere Äxte und Bastardschwerter. Erst dachten wir dass wir es mit Raubrittern oder Wegelagerern zu tun hätten (auch wenn sie dafür etwas zu gut ausgerüstet waren), dagegen sprach allerdings die mächtige Balistra die sie hinter sich her zogen. In das riesige Mordgerät war ein mächtiger Eisenpfahl so groß wie eine kleine Eiche gespannt, zwei weitere Bolzen waren an den beiden Seiten der Balistra montiert. Es bedurfte bestimmt der Kraft von fünf Mitgliedern um so eine gigantische Lanze einzulegen, und drei um ihn zu spannen. Und es gab eigentlich nur eines gegen das man so eine Waffe einsetzen konnte. Dass vor uns waren ganz eindeutig bezahlte Drachenjäger. Ich war froh nach so langer Zeit mal wieder entfernte Jäger-Kollegen zu sehen, auch wenn wir hinter unterschiedlichen Sachen her waren.
Ich hob die Hand zum Gruß, sie taten uns gleich.
"Glück auf all eueren Wegen. Was führt euch hierher?" rief ich ihnen zu.
"Glück und den Beistand der Götter auch euch. Wir sind auf der Suche nach einem lukrativen Fang in Form eines großen blauen Drachens. Habt ihr zufällig so ein Biest gesehen." rief einer der Männer zurück.
"Den Göttern sei Dank nicht, wo soll sich den dieser Drache herumtreiben." rief Myra zurück.
"Dass wissen wir leider selbst nicht so genau. Wir verfolgen seine Spur schon seit geraumer Zeit haben ihn aber wieder verloren. Es ist nicht einfach die Gerüchte richtig einzuschätzen und Geschwätz und Aberglauben von authentischen Sichtungen zu unterscheiden. Aber wir sind überzeugt dass sich das Vieh hier noch irgendwo befinden muss, vermutlich haust es in einer Höhle in der Nähe. Seit ihr auch hier um ihn zu erlegen?" Mittlerweile waren sie zu uns gestoßen und wir konnten uns in normalem Tonfall unterhalten.
Myra schüttelte den Kopf, doch mir rutschte die Frage heraus die ich in solchen Situationen immer stellte. "Wie viel würde denn so ein Vieh bringen?" Die Söldner grinsten, gleiche Mentalitäten erkannten sie offenbar sofort.
"Eine Menge mein Freund. Wisst ihr wie viel Drachenhaut derzeit auf dem Markt einbringt, vor allem die blaue?"
"Ihr könnt doch nicht einfach Jagd auf solch ein Wesen machen, nur um daraus Profit zu schlagen. Der Drache hat euch doch kein Leid zugefügt." entgegnete Myra trotzig. Ihre Augen blitzten wütend während sie die Drachenjäger giftig ansah. Die Reaktion der Söldner darauf war schallendes Gelächter. "Mitleid mit einem Drachen? Verzeiht meine Liebe, aber ihr scheint nicht viel von Drachen zu verstehen..."
"Hütet euere Zunge." tadelte ich die Sprecherin, eine hünenhafte blonde nicht sehr hübsche Frau.
"Verzeiht ihr", entschuldigte sich der scheinbare Anführer der Gruppe bei uns, "aber wir wissen schon was wir tun." Er schüttelte belustigt den Kopf. "Wir können euere Entrüstung nicht nachvollziehen. Sind doch bloß Tiere. Sie sind ne Menge wert also warum sich Gedanken machen? Was ist nun, wollt ihr einsteigen? Wir könnten ein paar weitere Schwertarme gebrauchen und ihr seht so aus als würdet ihr euer Handwerk gut beherrschen."
Myra ballte die Hände zu Fäusten während sie die Söldner weiterhin wütend anfunkelte. Ich dachte da etwas pragmatischer und weniger emotional wie es eben meine Art war. Wir waren knapp bei Kasse, ein wenig Gold könnten wir schon brauchen. Myra bemerkte meinen Gesichtsausdruck und das Leuchten in meinen Augen und stieß mich hart in die Seite. Nun starrte sie auch mich wütend an. Manchmal konnte ihr gutes Herz sehr anstrengend sein.
"Es tut mir leid, aber wir müssen euer Angebot leider ausschlagen, auf uns warten wichtige Geschäfte." antwortete ich. Die Söldner schienen enttäuscht, doch nach ein paar Sekunden lächelte der Anführer wieder. "Ach kein Problem wir werden schon alleine zurechtkommen, wäre nicht der erste Drache. Wir wünschen euch weiterhin eine gute Reise."
"Wir euch ebenfalls und viel Glück bei euerer Jagd." verabschiedete ich die Gruppe und wir zogen weiter in verschiedene Richtungen. Myra schmollte immer noch. Zuerst wollte ich es einfach ignorieren aber irgendwann hielt ich es nicht mehr aus und wandte mich an sie: "Was sollte das gerade? Wir hätten das Geld gut gebrauchen können."
"Glaubst du wirklich dass ich mit solchen Gestalten durchs Land ziehe? Gewissenlose verruchte Mörder die für Geld alles tun würden. Ich will mit solchen Leuten nichts zu tun haben. Der Drache hat ihnen doch gar nichts getan."
"Der Wirt hat gesagt das er Reisende verputzt." sagte ich zuckersüß zu ihr um sie ein wenig zu necken.
"Das ist nicht lustig Drake." entgegnete sie gereizt. Ihr war offensichtlich nicht nach Scherzen zumute, ich würde das Thema lieber sein lassen.
"Du hast ja Recht. Lass uns nicht mehr darüber reden."
Sie lächelte mich an, das Kriegsbeil war begraben und wir zogen weiter die Straße entlang.
Der Tag neigte sich seinem Ende zu, am Horizont verschwand in einem Kaleidoskop aus orangeroten Farben die Sonne und die Nacht breitete ihren Mantel der Dunkelheit über dem wilden Land aus. Ich hatte diesen Moment schon geliebt als ich noch ein ganz normaler Mensch war. Es gab nichts was schöner war wie ein Sonnenuntergang. Außer einem Sonnenaufgang, doch an dem fand ich mittlerweile keine Schönheit mehr, wieder etwas um dass mich Asteroth betrogen hatte.
Auch Myra liebte den Sonnenuntergang. Und da offensichtlich so schnell kein Weiler mehr unseren Weg kreuzen würde suchten wir uns eine große Eiche unter der wir eng umschlungen zusahen wie der glühende Feuerball hinter den Hügeln verschwand. Es war einer dieser magischen Momente in denen wir einfach nur nebeneinander saßen und die Welt um uns herum vergaßen. Es würde eine sternklare Nacht werden, keine Wolken. Ich liebte die Sterne. Es war das Mysterium das sie umgab. Was waren sie? Keiner konnte der Sache wirklich auf den Grund gehen, sie strahlten ihre eigene Magie aus. Eigentlich wollte ich gar nicht dass man herausfand was hinter ihnen steckte, es würde den Tod ihres Mythos bedeuten. Schließlich brach Myra das Schweigen: "Und was glaubst du?"
Ich sah sie fragend an.
"Der Drache", erklärte sie, "glaubst du es gibt hier wirklich einen?"
Ich zuckte mit den Schultern. "Wer weiß. Ich halte es zwar für unwahrscheinlich, so fiel ich weiß hausen sie nur an abgelegten Orten, wie Klippen, unterirdischen Höhlen oder hohen Berggipfeln aber wer kann schon wissen wie ein Drache denkt. Möglich ist alles."
Sie sah verträumt zu den Sternen. "Ich habe noch nie einen Drachen gesehen."
Ich lächelte. "Welch Glück für die Drachen."
"Hey." rief sie empört und stieß mich in die Seite. Doch dann wurde sie wieder ernst. "Drake ich habe so ein komisches Gefühl seit wir in diese Gegend gekommen sind. Du hast mir einmal gesagt dass du fühlst wenn sich ein Vampir in deiner Nähe aufgehalten hat."
"Ja, weil ihr Blut in meinen Adern fließt, zumindest teilweise. Es sind meine Halbbrüder, und jeder Vampir hat die Fähigkeit seine Brüder zu fühlen und zu erahnen. Es ist ihm angeboren genau wie die Fähigkeit zur Regeneration. Es hilft mir enorm bei meiner Jagd, ich fühle wenn sich ein Vampir in der Nähe aufhält und kann ihn so leichter finden. Vampire haben auch die angeborene Fähigkeit ihre Brüder und Schwestern zu rufen. Sie nennen diesen Verständigungszauber Ruf der Vampire, doch diese Fähigkeit habe ich leider nicht übernommen."
"Aber du hast auch einmal gesagt dass es Menschen gibt die ebenfalls die Präsenz von ihnen fühlen können." hakte sie nach.
"Ja", antwortete ich, "mein Mentor Sen Lar besaß diese Fähigkeit. Selfter Kane und viele weitere C'ael Rohen besaßen sie angeblich ebenfalls, aber nur jene die schon lange auf der Jagd waren und so ihren Geist dafür schärfen konnten."
"Ich glaube ich spüre sie. Ich war mir nicht sicher, aber ich glaube dass sich nicht weit von hier ein Vampir versteckt."
"Ja, ich spüre es auch. Aber es muss mehr als einer sein, für einen einzelnen ist die Präsenz zu stark. Sie sind ganz in der Nähe."
"Wieso hast du nichts gesagt?"
Ich sah sie nachdenklich an. "Ich wollte wissen ob du es auch spürst. Es ist zwar äußerst selten das ein normaler Mensch diese Fähigkeit schon in so frühen Jahren besitzt, für gewöhnlich dauert es mehrere Jahrzehnte bis diese Technik beherrscht wird, aber ich wusste schon bei unserem ersten Treffen dass du kein gewöhnlicher Mensch bist Myra."
Sie sah mich fragend an, suchte in meinen Gesichtszügen eine Spur von Spott oder Flunkerei, doch meine Worte waren absolut Ernst gemeint. Und ich glaube sie wusste selbst dass sie etwas Besonderes war, so wie auch ich etwas Besonderes war schon vor meiner Verwandlung. Vielleicht steckte in uns der Stoff aus dem Helden gemacht wurden. Diese Besonderheit die einen echten Helden von einem gewöhnlichen Sterblichen trennt, egal welcher Rasse er angehörte.
Schließlich nickte Myra und blickte wieder zu den Sternen. "Es sind keine gewöhnlichen oder? Es sind mächtige Wesen sonst könnte ich sie nicht spüren?" fragte sie leise, mehr zu sich selbst als zu mir. Ich sah betroffen zu Boden wusste aber dass ich ihr nichts vormachen konnte.
"Ja. Oder sehr viele." antwortete ich ihr nur knapp. Mehr war nicht zu sagen, die restliche Zeit saßen wir schweigend nebeneinander bis uns schließlich die Müdigkeit übermannte und ich einschlief.
Mitten in der Nacht schreckte ich plötzlich hoch. Das Lagerfeuer war bereits erloschen. Ein Geräusch hatte mich geweckt, wie ein Rauschen in der Luft. Ich blickte nach oben und für einen Moment dachte ich dort einen großen Schatten zu sehen der an uns vorbeizog. Doch es war nichts zu erkennen. Schließlich zuckte ich nachdenklich die Schultern und schlief fast sofort wieder ein.
3.
"Wir werden verfolgt."
Myra sah sich hektisch um. "Wo? Wie viele?" flüsterte sie mir zu.
"Ich bin mir nicht sicher. Ich glaube knapp ein halbes Dutzend. Scheinen erfahren zu sein, aber ihre Tarnung ist etwas schlampig. Sie folgen uns schon seit geraumer Zeit." Unauffällig sah ich mich um, doch es war niemand mehr zu sehen. Aber ich wusste dass sie hier irgendwo stecken mussten. Meine Hände wanderten nervös zu Fortigan und Korosan, auch Myra griff nach ihrer Klinge. Ein Rascheln rechts im Busch. Myra wandte sich der Stelle zu, doch ich hielt sie am Arm fest und schüttelte stumm den Kopf. Sie schien verstanden zu haben, eine Falle. Ich war zulange auf dieser Welt um darauf hereinzufallen. Langsam näherten wir uns von zwei Seiten dem Busch. Ich deutete Myra meinen Rücken zu decken während ich mit den Schwertern die Sträucher beiseite schob. Es wäre nicht das erste mal dass im selben Moment eine ganze Meute von hinten über mich herfiel. Doch nichts dergleichen geschah. Hinter dem Busch war nichts zu entdecken und auch kein versteckter Angreifer sprang plötzlich aus seinem Versteck.
"Mir gefällt das nicht. murmelte ich.
"Wie gehen wir vor?" Myra sah mich fragend an.
"Erstmal weitergehen als wäre nichts passiert. Aber halt die Augen offen." Sie nickte und wir machten uns wieder auf den Weg.
Nach einiger Zeit lichtete sich der Wald und ging in ein blühendes Feld über. Überall lagen noch die abgeschnittenen Überreste des Weizenfeldes, so dass wir sprichwörtlich durch das Getreide waten mussten. Plötzlich horchte ich auf. Ein Geräusch. Von allen Seiten. Dann griffen sie an!
Ich Narr, darauf hätte ich auch kommen können. Die Bastarde hatten sich unter den am Boden liegenden Weizenhalmen versteckt und sprangen jetzt mit gezückten Waffen auf, strategisch gut um uns herum postiert. Ich hatte meine Angreifer unterschätzt. Ich erkannte sofort dass es die Drachenjäger von gestern waren. Doch dann war es schon zu spät.
Aus den Augenwinkeln erkannte ich gerade noch wie einer der Männer ein gläsernes Gefäß nach mir warf. Ich schnellte herum und wollte es abblocken doch diesmal war ich zu langsam. Schmerzhaft traf mich das Gefäß am Kopf und zerbrach. Ein stinkendes gelbes Gas drang aus und füllte meine Lungen. Es war ein Atemgift, soviel wusste ich nach meinem Aufenthalt bei Sorlag noch. Normalerweise absolut tödlich - für normale Menschen! Trotzdem ließ mich das Gas hustend in die Knie gehen noch bevor mir Myra eine Warnung zurufen konnte. Im nächsten Moment wurde ich gepackt und festgehalten, kniend wie ich war. Es waren die vier der Söldner. Überrascht stellten sie fest das mich tatsächlich zu viert halten mussten. Mein vampirisches Erbe verleiht mir eine Kraft die man mir nach außen hin nicht zutrauen würde. Dann hörte ich Myra kreischen als sie ebenfalls gepackt wurde.
"Nein. Lasst mich los, ihr Schweine. DRAKE! NEIN!" Doch die vier Fäuste der beiden Söldnerfrauen umklammerten sie wie Schraubstöcke und warfen sie zu Boden während zwei der Männer sie schon lüstern begafften. Der Anführer hingegen kam grinsend auf mich zu.
"Lasst sie sofort los ihr Mistkerle." hustete ich und versuchte mich aus der Umklammerung ihrer Umklammerung zu befreien. Aber es gab kein Entkommen. Ich musste mir etwas einfallen lassen. Ich konnte kaum glauben dass ich mich nun so viel durch gestanden und überstanden hatte um mich nun von einer Söldnerbande übertölpeln zu lassen.
Meine Gedankengänge wurden jäh unterbrochen als der Anführer das Wort an mich richtete. Mittlerweile ließ das Gift nach, mein Körper absorbierte solche Dinge ziemlich schnell. Aber das mussten sie ja nicht wissen. Trotzdem würden wir Hilfe brauchen.
"Nun mein Freund, du hättest mein Angebot lieber annehmen sollen." lächelte der Söldner.
"Was wollt ihr von uns?" zischte ich.
"Oh, nur einen kleinen Wegezoll. Man muss schließlich von etwas leben. Außerdem habt ihr uns in unserer Ehre gekränkt als ihr unser Angebot ausgeschlagen habt."
"Pah, Ehre. Gesindel wie ihr sollte an diesem Wort ersticken. Wir haben kein Gold da werdet ihr vergeblich suchen." stieß ich hervor. Der Söldner zuckte mit keiner Wimper.
"Zu schade. Aber ich glaube meine Männer haben auch schon etwas anderes gefunden das sie als Bezahlung akzeptieren würden." Sein Blick fiel auf Myra die noch immer strampelnd und schreiend am Boden lag.
"Wenn einer von euch sie auch nur berührt..."
"Was dann? Was willst du denn machen, den großen Helden spielen was? Aber keine Sorge, ihr wird nichts passieren solange sie mitspielt. Andernfalls können meine Männer leicht reizbar werden." Der Anführer gesellte sich zu seinen Kumpanen.
"Na dann auf ans Werk." grinste er und Myra begann wieder zu schreien während sie von den lachenden Frauen festgehalten wurde. Ich konnte das nicht mit ansehen. Es war ein Wunder das noch nicht die dunkle Gabe über mich gekommen war, aber ich fühlte dass es nicht mehr lange dauern würde. Aber damit würde ich auch Myra gefährden denn wenn erst einmal der Vampir in mir erwachte war nichts mehr vor mir sicher. Soweit durfte es nicht kommen. Ich versuchte es zu unterdrücken. Ich musste irgendwie an mein Messer kommen. Aber dazu brauchte ich irgendein Ablenkungsmanöver. Ich hörte das Gelächter von einem der Männer und das reißen von Stoff.
"IHR SEIT TOT!" brüllte ich und bäumte mich auf. Die Söldner waren überrascht von der Kraft, konnten mich aber dennoch halten. Dann geschah etwas womit keiner gerechnet hätte. Ein Geräusch über uns wie Flügel im Wind. Ein gewaltiger Schatten hoch über uns verdunkelte die Sonne. Plötzlich schossen alle Köpfe nach oben. Was zur Hölle war dass? Auf jeden Fall war es schnell, und es kam genau auf uns zu. Das Gelächter verstummte, ebenso Myras Schreie. Das war die Ablenkung die ich brauchte. Ich schaffte es mit einem heftigen Ruck meinen Arm zu befreien und binnen zwei Sekunden hatte ich mein Messer in der Hand und rammte es dem erstbesten Söldner in die Schulter der daraufhin laut schreiend nach hinten fiel. Über mir sah ich jetzt nur noch blaue Schuppen und ahnte bereits was nun passieren würde. Auch die anderen Kopfgeldjäger hatten mich mittlerweile losgelassen und tasteten nach ihren Äxten. Blitzschnell rollte ich mich aus dem Gefahrenbereich und eine Sekunde später erbebte der Boden hinter mir. Ich drehte mich um und konnte nicht glauben was ich dort sah. Vor mir stand ein Drache. Ein blauer Drache, so groß wie ein kleines Schiff mit grün funkelnden Echsenaugen, einem gehörnten Kopf und einem Maul indem sich Zähne befanden die länger waren als mein Unterarm. Der Drache hatte die vier Söldner einfach zerquetscht, unter jeder seiner riesigen Pranken einen. Jeder Beteiligte starrte das Monstrum mit offenem Mund an. Der Anführer war der erste der seine Fassung wiedererlangte.
"Da ist das Vieh. Los Männer schnappt es euch." Doch keiner reagierte. Nachdem was sie eben gesehen haben wollte sich keiner mehr mit dieser Naturgewalt anlegen, zumal sie nicht einmal ihre Balistra dabei hatten. Dann ging alles ganz schnell. Ich sah wie die Frauen Myra losließen und nach ihren Schwertern griffen. Im nächsten Moment peitschte der mächtige Schwanz des Drachen nach vorne, erfasste einen der Söldner und spießte ihn mit den Stacheln die sich am Schwanzende befanden einfach auf. Wütend schnaubte das Monstrum als es den leblosen Körper nicht mehr vom Schwanz herunter bekam und knallte den Körper so oft auf den Boden, bis er dort liegen blieb. Dann wandte es sich wieder den anderen zu. Myras ängstliche Blicke suchten mich. Ich musste zu ihr. Derweil hatte eine der Söldnerinnen vergeblich versucht mit ihrem Schwert den Drachen zu attackieren doch die Klinge rutschte vom harten Schuppenpanzer einfach ab. Verblüfft starte sie ihr Schwert an und ließ es dann fallen. Doch noch bevor sie sich in Sicherheit bringen konnten holte der Drache mit einer seiner Vorderpranken aus und schlug der Frau mit der Kraft einer ganzen Ochsenherde den Kopf vom Rumpf. Und während ihr vor Blut sprudelnder Körper noch immer zuckend am Boden lag zeigte ihr Gesicht nur grenzenloses Erstaunen.
"DU GEHÖRST MIR KREATUR!" schrie der Anführer und rannte mit erhobenen Zweihänder auf den Drachen zu und rammte die Klinge bis zum Heft in den weichen ungepanzerten Bauch des Monstrums. Die Kreatur brüllte auf und schnellte blitzschnell herab. Noch bevor der Söldneranführer wusste wie ihm geschah wurde er von mächtigen Kiefern gepackt. Meterlange Dolche bohrten sich in seinen Körper und das letzte was er hörte war das Knacken seiner eigenen Knochen als er von den mächtigen Kiefern des Drachen zermalmt wurde. Das Vieh hatte ihn mit einem Bissen verschlungen.
Ich hatte mittlerweile Myra erreicht. Nachdem ich meine Geliebte heftig in den Arm genommen hatte wusste ich das uns nur die Flucht blieb.
"WIR MÜSSEN IN DEN WALD!" rief ich Myra zu und wir begannen so schnell wie möglich zu rennen. Ich sah zurück. Die beiden anderen Söldner hatten bei dem Anblick wie ihr Hauptmann gefressen wurde jeglichen Kampfesmut verloren und rannten nun ebenfalls hinter uns her. Doch der Drache hatte nicht vor seine Beute so einfach entkommen zu lassen. Ich sah plötzlich wie Rauch aus seinen Nüstern aufstieg und wusste sofort was dass zu bedeuten hat.
"RUNTER!" Ich packte Myra und riss sie mit mir zu Boden. Fast im selben Moment schoss über unsere Köpfe ein gewaltiges Feuerinferno hinweg. Ich hörte die Söldner hinter mir kreischen und als ich zurückschaute sah ich wie die beiden inmitten des Feuerstrahls standen der aus dem Maul des Drachen gespieen wurde. Die beiden Körper brannten nicht einfach nur, sie schmolzen in der Hitze einfach dahin und von den beiden blieb nicht mehr übrig als eine undefinierbare Masse aus geschmolzener Haut, Fleisch und Knochen. Als die Flammen verloschen rappelte ich mich wieder auf und zog Myra mit mir. Wir mussten den Wald erreichen, hier draußen auf freiem Feld waren wir schutzlos gegen das Monstrum. Wir rannten so schnell wir konnten, doch der Wald schien in weiter Ferne zu sein. Dann hörte ich wieder das Rauschen über uns. Ich sah zurück, doch der Drache war verschwunden. Dann bebte erneut die Erde als das Vieh direkt vor uns landete und uns den Weg versperrte.
Es musterte uns mit seinen kalten geschlitzten Augen, ein Knurren groll aus der Kehle des Drachens. Flucht war jetzt unmöglich. Ich stellte mich schützend vor Myra und zog meine Waffen - obgleich ich wusste dass ich keine Chance gegen diese Kreatur hatte. Es gab Wesen mit denen sollte sich der Mensch lieber nicht einlassen. Ich hatte noch nie zuvor einen Drachen gesehen, obwohl ich länger auf Abenteuersuche war als die meisten anderen. Drachen waren selten geworden, sie hausen fast nur noch in wilden Randgebieten außerhalb der Zivilisation, auf hohen Bergen oder versteckten Höhlen. Und obwohl der Mensch sie vertrieben hatte, vernichten würde er sie nie können. Sie waren die wohl älteste Rasse auf der Welt und keiner konnte ihre Macht und ihr mystisches Erbe wohl je vollkommen fassen.
"LAUF!" brüllte ich Myra zu während ich mich breitbeinig vor sie stellte. Vielleicht konnte ich ihn ablenken und wenigstens sie retten.
"Nein, ich lass dich nicht allein." schluchzte sie.
"VERDAMMT TU WAS ICH DIR SAGE! LAUF, VIELLEICHT KANN ICH IHN ABLENCKEN!"
Endlich setzte sie sich in Bewegung und wollte davonlaufen. Doch sie kam nicht weit. Denn plötzlich drang etwas in meinen Kopf ein. Es war als würden glühende Nadeln direkt in mein Gehirn gerammt werden. Ich ließ Fortigan und Korosan fallen, presste die Hände an meine Schläfen und ging in die Knie. Ein Dröhnen in meinem Kopf, so laut dass ich glaubte mir würde der Schädel zerspringen. Und auch Myra schien es nicht besser zu gehen, auch sie wand sich am Boden. Dann ließen die Schmerzen langsam nach und ich konnte eine Stimme in meinem Geist hören, tief, grollend und gebieterisch: "HABT KEINE FURCHT, ICH WERDE EUCH NICHTS TUN!"
Der Drache sprach zu uns - in unseren Gedanken!
4.
Vorsichtig ließ ich meine Waffen sinken. Es stimmte also tatsächlich, Drachen verständigen sich über Gedanken. Ihre Zunge war wohl auch gar nicht in der Lage für uns normal klingende Laute zu erzeugen. Myra richtete sich neben mir auf. Ihr Brustkorb hob uns senkte sich schnell während sie den Drachen mit großen ängstlichen Augen anstarrte. Ich hatte keine Ahnung wie man mit einem Drachen sprach. Aber er wollte uns scheinbar nicht fressen und hatte uns durch sein Eingreifen gerettet, ob er dies jedoch beabsichtigt hatte vermochte ich nicht zu sagen. Weshalb hätte er das tun sollen? Reine Freundlichkeit? Wohl kaum wenn die Legenden über diese Wesen stimmten. Drachen fordern immer ihren Preis. Aber welchen? Sklaverei? Dass konnte das Schuppenvieh gleich vergessen, nicht noch einmal. Andererseits waren die Worte die er wählte zu freundlich. Es gab nur einen Weg es herauszufinden.
Entschlossen trat ich ein paar Schritt auf ihn zu. Myra klammerte sich verzweifelt an meinen Arm und wollte mich zurückhalten aber schließlich ließ sie mich frei. Als ich vor dem Ungetüm angekommen war sah ich ihm ins Gesicht und sagte: "Habt Dank dass Ihr uns vor dem Gesindel befreit habt." Ein Grollen ertönte aus dem Maul des Drachen. Dann trafen mich wieder seine Gedanken, als er mir antwortete: "Ich habe euch nicht gerettet, diese Jäger waren mir schon einige Wochen ein Splitter in der Pranke."
Also hatte ich Recht. Aber was war mit uns?
"Was wollt ihr von uns?" fragte ich ihn, jederzeit bereit gegen seinen Zorn gewappnet zu sein. Der Drache verzog sein Maul zu einer seltsamen Grimasse. Man hätte es fast als Grinsen bezeichnen können, hätte das Untier auch nur annähernd menschliche Züge besessen.
"Ihr seit interessante Geschöpfe. Eine eigensinnige und sturköpfige Rasse, aber in euch steckt viel Potential. Ihr zwei scheint zu den höchstentwickelten eueres kurzlebigen Volkes zu zählen, vor allem du." Sein Blick fiel auf mich. Er musste die Menschen meinen, und scheinbar waren wir für ihn etwas Besonderes. Der Drache schien die Gabe zu besitzen echte Helden von gewöhnlichen Sterblichen unterscheiden zu können.
"Es ist lange her, dass interessante Lebewesen meinen Weg gekreuzt haben. Ich führe ein einsames und langweiliges Leben. Nun aber finde ich endlich Wesen mit denen ich mich unterhalten kann."
Dass war es also. Der Drache war einsam und brauchte Gesellschaft. Toller Gedanke einem Drachen Gesellschaft zu leisten. Scheinbar waren diese Geschöpfe doch nicht so unnahbar abweisend wie man es sich erzählte. Dieser hier zumindest schien darauf zu brennen endlich andere Gesichter zu sehen. Und die Aussage dass wir uns mit ihm Unterhalten sollten zeigte dass er zwar seine Gedanken in unsere Köpfe setzen konnte, unsere Gedanken aber scheinbar nicht lesen konnte (wie es dass Orakel vermochte), was mir eine gewisse Sicherheit gab. Auch Myra war herangetreten. Sie schien noch immer ängstlich, hatte aber den Schrecken überwunden. Sie versuchte sich ein Lächeln abzugewinnen.
"Nur zu, keine Angst, ich werde euch nicht fressen." Plötzlich erzitterte die Erde erneut als sich der Drache schwerfällig auf den Boden plumpsen ließ. Er hatte offenbar vor es sich hier gemütlich zu machen und zu verweilen. Ich warf Myra einen fragenden Blick zu doch sie schien genau so ratlos zu sein wie. Ich zuckte die Schultern und wir setzten uns ebenfalls hin. Dies konnte eine lange Nacht werden.
"Wie werdet ihr genannt?" fragte die Kreatur interessiert.
"Man nennt mich Drake du Kane und sie heißt Myra." antwortete ich zögernd. Die Augen des Drachens weiteten sich einen kurzen Moment lang als wäre er überrascht.
"Ah, der Jäger vom Clan der C'ael Rohen. Wer hätte gedacht dass ich mal wieder einen zu Gesicht bekomme."
Nun waren wir überrascht.
"Ihr kennt uns?"
"Unterschätzt niemals die Weisheit eines Drachens. Wir wissen vieles was euch hochmütigen kleinen Menschen entgeht. Natürlich kenne ich euch. Vor allem du, Drake du Kane weilst nun schon eine lange Zeit für einen Menschen auf dieser Welt. Auch ich erfahre dann und wann interessante Neuigkeiten. Auch über dich und das Volk der Nachtwandler oder Vampire wie ihr sie nennt."
"Woher weist du soviel?" fragte Myra kleinlaut neben mir. Ich konnte ihr ansehen dass sie vor Neugier fast platzte. Aber ich konnte es ihr nicht verdenken, wer hatte schon die Gelegenheit mit einem leibhaftigen Drachen zu sprechen.
"Ich strebe nach Wissen, dass ist unser Wesen." antwortete der Geschuppte knapp. Ich wusste nicht wieweit ich bei so einer Kreatur gehen konnte und wie schnell man sie zornig machen konnte, aber ich war von je her ein hitzköpfiger Kämpfer und gab zu bedenken: "Das streben nach Wissen birgt viele Gefahren."
Sein Kopf ruckte zu mir und er musterte mich einige Augenblick. Ich war mir schon sicher seinen Zorn auf mich gelenkt zu haben, da verzog sich sein Antlitz wieder zu diesem eigenartigen Grinsen.
"Du sprichst wahr, ich habe schon viele Gefahren auf mich genommen um an neues Wissen und neue Erkenntnisse zu gelangen. Da sind wir uns wohl einig, so doch auch euere Rasse nach Wissen dürstet." Ich nickte düster. Denn genau das war oft der Grund für Kriege, Mord oder andere Konflikte unter den Menschen. Doch wusste ich aus den Geschichten dass sich auch die Drachen immer wieder bekriegt hatten. Vielleicht waren unsere Rassen tatsächlich nicht so unterschiedlich wie ich angenommen hatte.
"Habt Ihr einen Namen?" fragte Myra ruhig.
"Ja, aber es wäre unmöglich ihn mit eueren Zungen auszusprechen. Aber eine Gruppe von Druiden die mich vor langer Zeit als so etwas wie ihren Schutzpatronen verehrt haben nannten mich Valotica was soviel bedeutet wie blauer Erschütterer der vom Himmel kam. So könnt ihr mich nennen."
Valotica?
Irgendwo hatte ich diesen Namen schon einmal gehört, doch konnte ich mich im Moment nicht entsinnen wo dies gewesen sein könnte. Im Westen ging allmählich die Sonne unter, doch Valotica machte keine Anstalten sich von der Stelle zu rühren. Mir war die Drachenmimik fremd, doch glaubte ich unstillbare Neugier zu erkennen. Ich glaubte dass dieses Geschöpf noch nicht besonders alt war, auch wenn seine Erzählungen darauf schließen lassen sollten. Jugendlicher Wissensdurst schien ihn zu beherrschen, etwas dass wohl auch dem geschuppten Volk nicht fremd war. Ich hoffte nur dass ihm diese Eigenart nicht einmal zum Verhängnis werden würde. Im Moment allerdings interessierte mich vielmehr wie es weitergehen sollte. Valotica wollte sich ganz eindeutig mit uns unterhalten. Eigentlich war es eine Ehre wenn man die Gelegenheit hatte mit einem leibhaftigen Drachen zu diskutieren, doch wusste ich nicht wie die Unterhaltung in den Augen eines Drachens aussehen sollte. Vielleicht würde wir hier Woche oder Monate sitzen müssen. Und was wenn ihm das nicht gefiel was wir ihm sagten? Anderseits, hatten wir überhaupt eine Wahl?
"Worüber denkst du nach Menschenwesen?" grollte die tiefe Stimme in meinen Gedanken.
"Ich frage mich nur wie lange du schon über uns oder mich Bescheid weist?" antwortete ich geistesgegenwärtig.
"Oh schon eine lange Zeit. Ich weiß alles über euch. Ich habe früher öfter C'ael Rohen getroffen. Früher als es noch welche gab. Sehr bedauerlich dass sie ausgestorben sind, sie waren sehr intelligent - für Menschen. Mit ihnen konnte man sich gut unterhalten. Aber nun seit ja ihr hier. Ich habe viele Fragen an euch."
Wieder diese Ungeduld. Ich fühlte mich nicht wohl hier. Auch diese Ausdrucksweise erinnerte mich, auch wenn sie intelligent wirkte, an die eines kleinen weltfremden Kindes. Diese Naturgewalt könnte gefährlich werden - und Valotica wusste dass vielleicht nicht einmal selbst. Aber das Wesen der Drachen war mir einfach zu fremd um das mit Sicherheit zu sagen oder etwas dagegen zu unternehmen. Ich konnte nur hoffen dass wir die Begegnung unbeschadet überstehen würden.
"Woher kanntest du die C'ael Rohen?" fragte Myra.
"Ich wurde Zeuge eines ihrer Kämpfe gegen die Nachtwandler. Sie unterlagen, doch ich beschloss ihnen zu helfen da sie einen interessanten Eindruck auf mich machten - genau wie Ihr. Sie waren mir damals sehr dankbar und erzählten mir von ihrer Gemeinschaft und für was sie fochten."
"Und was ist mit den Nachtwandlern? Kennst du sie auch?" fragte ich misstrauisch.
"Natürlich, sie sind eine uralte Rasse, fast so alt wie wir Drachen. Doch sie interessieren mich nicht sonderlich. Sie sind ein Problem der Menschen und nicht der Drachen. Sie sind bösartig und ihr Geist ist weit entwickelt dafür dass sie in so einer primitiven Hülle stecken. Doch mich kümmern sie nicht. Ich habe andere Feinde und Probleme die meine ganze Aufmerksamkeit erfordern."
Ich wusste dass das gelogen war. Ich wusste nicht warum, aber ich wusste es eben. Seine Geschichte machte keinen Sinn, etwas passte da nicht zusammen. Die C'ael Rohen waren immer sehr vorsichtig, allen Rassen gegenüber. Sie würden ihr Wissen nicht so einfach teilen. Und dass ihn die Vampire nicht kümmerten konnte ich mir nicht vorstellen. Immerhin strebte er nach Wissen. Also musste ihn auch diese Rasse interessieren. Ich traute diesem Drachen nicht. Ich war schon immer sehr vorsichtig und hatte in der lange Zeit gelernt meinem Instinkt zu vertrauen. Irgendetwas war hier faul, ich wusste nur nicht was. Deshalb hieß es erst einmal abwarten.
"Na schön. Stell deine Fragen, wir sind bereit!" sagte ich überzeugt zu Valotica. Myra sah mich an. Auch in ihrem Blick konnte ich Zweifel lesen. Doch uns blieb keine Wahl. Wir müssen das Spiel mitspielen. Das konnte eine lange Nacht werden.
Fünf Stunden redeten wir. Dem Drachen schien nie der Gesprächsstoff auszugehen. Wir beide waren müde und erschöpft, doch Valotica ließ uns nicht zur Ruhe kommen. Er wollte immer noch mehr wissen. Wir erzählten ihm von der weiten Welt, den mystischen Geschöpfen und verborgenen Orten die es gab. Ich dachte eigentlich immer dass Drachen allwissend wären und über alles bestens Bescheid wussten doch scheinbar hatte ich mich getäuscht. Entweder ist dies ein Irrglaube oder meine Theorie stimmte und Valotica war tatsächlich noch sehr jung, denn er lauschte gespannt unseren Erzählungen und wollte immer alles im Detail wissen. Es war schon fast lächerlich. Wir saßen vor einem 50 Meter langen Drachen der uns mit einem Wink zerschmettern konnte und erzählten ihm Geschichten wie einem kleinen Kind. Manchmal nahm das Leben wirklich einen seltsamen Lauf.
Bei meinen Erzählungen ließ ich allerdings sämtliche Teile weg die mit mir und den Vampiren zusammenhingen. Sicher war sicher, dieses Vieh musste nicht alles wissen. Es gab gefährliches Wissen, sehr gefährliches Wissen. Wer wusste was passieren würde wenn so ein Monstrum an solches Wissen gelangen würde. Doch Valotica schien das gar nicht aufzufallen, obwohl er wusste dass ich Vampirjäger war. Er hinterfragte nie was für Erlebnisse ich mit meinen Todfeinden hatte.
Dann endlich als Myra kurz vor dem einschlafen war erhob sich der mächtige Leib des Drachens. Sofort waren wir beide wieder hellwach.
"Nun, ich muss sagen es war sehr unterhaltsam mit euch beiden. Ihr seid seit langem die ersten die mir etwas Interessantes berichten konnten. Es hat mir viel Vergnügen bereitet eueren Worten zu lauschen. Dafür möchte ich mich erkenntlich zeigen und euch bei euerer Suche helfen."
Myra und ich tauschten überraschte Blicke. Hatte uns der Drache tatsächlich seine Hilfe angeboten? Und vor allem bei was, unsere Suche? Er musste die Jagd meinen. Was wusste er? Nun war ich derjenige der neugierig wurde.
"Ihr sucht doch die beiden Zwillingsnachtwandler, oder?" fragte uns Valotica.
Was meinte er damit? Myra schien ebenfalls ratlos zu sein, doch dann dämmerte es mir plötzlich. Es war die Präsenz die wir beide gespürt hatten. Es waren Vampire in der Nähe. Und scheinbar wusste Valotica wo sie sich aufhielten.
"Was weist du über Sie?" fragte ich ihn.
"Ich weiß wo sie sich aufhalten. Wenn ihr wollt bringe ich euch zu Ihnen."
"Und was verlangst du dafür?" fragte ich ihn.
Valotica grinste. "Oh, ihr habt mir schon alles gegeben was ich wollte. Ich will mich erkenntlich zeigen."
Myra stieß mich an und sah mich ernst an. Sie wollte mir wohl etwas sagen was unser geschuppter Freund nicht hören sollte.
"Würdest du uns einen Moment entschuldigen?" fragte ich ihn. Valotica sah uns einen Moment verwirrt an (zumindest glaubte ich dass es Verwirrung war), doch dann glätteten sich seine Züge. "Sicher."
Ich und Myra gingen ein Stück in den Wald wo er uns nicht hören konnte.
"Drake, ich trau diesem Valotica nicht." gab Myra sofort zu bedenken.
"Ich weiß, ich auch nicht. Dass er uns einfach so seine Hilfe anbietet scheint mir unpassend für seine Rasse. Und die Geschichte die er uns aufgetischt hat stinkt bis zum Himmel. Aber ich habe keine Ahnung was er von uns will."
"Vielleicht lockt er uns in eine Falle. Vielleicht warten diese zwei Vampire nur auf uns."
"Möglich. Aber ich glaube das sie ohnehin von unserer Anwesenheit wissen." antwortete ich. "Es müssen sehr mächtige Vampire sein, dass spüre ich. Sie wissen bestimmt dass wir hier sind. Das wird uns aber nicht davon abhalten sie zu bekämpfen." sagte ich entschlossen.
"Bist du dir sicher?" fragte sie mich zweifelnd. "Was ist mit ihm?" Ihr Kopf nickte in Richtung des Drachens. Ich schüttelte den Kopf. "Ich weiß es nicht, aber wir müssen das Risiko eingehen. Sonst finden wir die beiden vielleicht gar nicht. Und ich glaube nicht dass er uns in eine Falle lockt."
"Warum bist du dir da so sicher?"
"Es ist die Art wie er über diese 'Nachtwandler` gesprochen hat. So eine Mischung aus Ekel, Faszination und gespieltem Desinteresse. Er würde gern mehr über sie wissen. Und er glaubt dass er durch uns mehr über sie erfährt."
"Und du denkst dass wir es ihm sagen wenn er uns hilft?"
"Durch Gewalt bringt er es nicht aus uns heraus. Und dass weiß er. Vielleicht will er auch nur einen Kampf zwischen Jäger und Gejagten sehen."
Myra dachte nach. Sie schien mit meiner Theorie nicht so recht zufrieden zu sein. Kein Wunder, ich war es selbst nicht. Aber ich wollte diese beiden Vampire, ich brannte drauf ihnen entgegenzutreten. Das Risiko würde ich dafür auf mich nehmen. Das ich damit auch Myra einem unnötigen Risiko aussetzte kam mir indem Moment gar nicht in den Sinn.
"Bist du dir sicher?" fragte mich Myra.
Ich lächelte sie an. "Vertrau mir."
Sie nickte stumm und wir gingen zurück zu dem wartenden Drachen.
"Haben die Menschenwesen sich endlich entschieden?" fragte er ungeduldig.
Wir sahen uns noch einmal gegenseitig an. Myra griff nach meiner Hand und drückte sie. Ich erwiderte die Geste. Ich sah Valotica an und sagte:
"Ja das haben wir. Wir nehmen dein Angebot an, führe uns zu den beiden Nachtwandlern!"
5.
Es war nun schon das zweite Mal das ich im Schlepptau eines mystischen Geschöpfes durch die Luft raste, und ich HASSTE es immer noch. Ich klammerte mich an die Rückenstacheln des Drachens und vermied es nach unten zu sehen. Es gab einfach ein paar Dinge an die gewöhnte man sich nie. Und ich brauchte Boden unter den Füßen. Ganz anderes Myra. Sie hockte mit einem breiten Grinsen auf dem Rücken Valoticas und jubelte in die Nacht. Für sie schien es nichts Schöneres zu geben als sich dem Rausch der Geschwindigkeit hinzugeben. Ihre anfängliche Besorgnis als wir auf den Drachen kletterten war nun wie weggeblasen. Vermutlich hätten sich viele den kleinen Finger abgeschnitten um einmal auf einem Drachen durch die Luft zu reiten, aber ich konnte darauf verzichten. Ich wollte nur noch runter. Valotica flog ungleich schneller als dies damals der Gargoyl getan hatte und obendrein musste ich mich diesmal selbst festhalten. Aber wenigstens war ich diesmal oben. Ein schwacher Trost. Die Landschaft unter uns wurde immer kleiner, und der Gegenwind immer beißender. Wie ein Pfeil schossen wir durch die Nacht. Ich konnte gar nicht glauben dass die Gesuchten soweit entfernt waren und dass ich sie so weit gespürt hatte. Oder wollten sie vielleicht dass ich sie aufspürte? Umso mehr ich darüber nachdachte umso weniger gefiel mir diese Sache, aber nun war es zu spät. Fortigan und Korosan hatten es bisher mit jedem aufgenommen, und Myra wurde von Mond zu Mond besser.
Schließlich ging Valotica tiefer. Ich und Myra wurden nach hinten gerissen. Valotica legte die Schwingen an den Körper und schoss fast senkrecht in die Tiefe. Ich schloss die Augen und versuchte verzweifelt mich festzuhalten. Ich hatte das Gefühl als würde mein Inneres nach außen gestülpt. Wir sanken immer tiefer, ich dachte schon der Sturzflug würde nie enden. Doch dann endlich faltete Valotica seine Flügel aus und bremste den Absturz elegant ab. Er beschrieb einen kleinen Bogen und kam dann unsanft mit einigen kleinen Hüpfern auf. Endlich wagte ich es die Augen wieder zu öffnen.
Wir waren tatsächlich am Boden - und mir war kotzübel! Myra war schon von dem Rücken des Drachens herunter gesprungen. Sie schwankte zwar noch ein wenig, ansonsten schien es ihr aber gut zu gehen. Schließlich kletterte auch ich von diesem Vieh herunter.
"Wir sind da." verkündete Valotica. Ich musste erstmal meine Gedanken sammeln bevor ich unsere neue Umgebung betrachten konnte. Als dass Schwindelgefühl vorbei war sah ich mich um. Wir befanden uns auf einer weiten kargen Felsebene. Im Umkreis von 5 Kilometern wuchs hier kein Grashalm. Eine Stätte des Todes. Hier spürte ich ihre Präsenz ganz deutlich. Und auch Myra schien etwas zu wittern. Sie sah sich ruckartig um, Faliceat lag bereits in ihrer Hand.
"Dort ist es." grollte Valotica und deutete mit einer seiner Pranken auf ein groteskes Gebilde inmitten dieser Einöde. Das Gebilde bestand aus Felsen, doch diese waren so modelliert das man sie für Knochen hätte halten können. Es war ungefähr 200 Meter lang und 20 Meter hoch. Ein riesiger Totenschädel der das Maul aufgerissen hatte diente scheinbar als Eingang. Brennende Fackeln erhellten den Eingang.
"Sehr gemütlich." sagte Myra sarkastisch.
"Dort drinnen seit Ihr auf euch alleine gestellt. Ich bin etwas zu Füllig um dort hineinzupassen." sagte Valotica. Wer hätte gedacht das Drachen Humor haben.
Ich nickte. "Also gut. Vorwärts." Ich zog blank und schritt auf den Schädel zu. Myra folgte mir und sicherte nach hinten.
"Ich wünsche euch viel Glück." erklang Valoticas Stimme, bevor wir von der Dunkelheit dieses abstrakten Monuments verschluckt wurden.
Über ein halbes Jahrhundert war ich nun schon Abenteurer und hatte auch schon eine Menge gesehen, aber solch ein bizarres Gebilde war mir noch nicht untergekommen. Als uns die Dunkelheit verschluckte wollten wir schon eine Fackel entzünden, bis wir feststellten, dass die Gänge gesäumt waren mit eisernen Fackelhaltern. In jedem steckte eine blutrote Kerze die mit einer schwarzen Flamme brannte und alles in ein sehr düsteres Zwielicht tauchte. Aber es reichte um sich zu orientieren. Und da wir nicht unnötig auffallen wollten beschlossen wir lieber keine Fackeln anzuzünden.
Wir befanden uns in einem langen dunklen und von kaltem Sandstein begrenzten Gang der den Eindruck machte als würde er sich wie eine Spirale winden. Alles wirkte seltsam schief und verdreht. Der Boden war pechschwarz und seltsam weich und elastisch. Es war fast als würde man über zarte Menschenhaut laufen, nur dass sie eben Schwarz wie die Nacht war. Die Wände hingegen glänzten. Als ich mit der Hand über den Sandstein strich blieb ein öliger Film an meinen Fingern kleben. Angewidert wischte ich ihn an meiner Kleidung ab. In die Wände waren abartige Folterszenen gemeißelt worden. Die Bilder zeigten Szenen wie schreienden Opfern das Herz aus der Brust gerissen wurde, der Kopf mit einer Säge geöffnet oder ihnen bei lebendigem Leibe die Haut abgezogen wurde. Als ich diese Bildhauerei betrachtete überkam mich ein Schauer. Sie sahen so realistisch aus. Keine plumpen Zeichnungen die aus dem Stein gehauen wurden sondern detailgetreue Darstellungen die absolut echt aussahen. Es musste Jahre gedauert haben so ein Meisterwerk zu vollbringen. Und der Schöpfer musste Geisteskrank gewesen sein. Myra die immer noch hinter mir lief entrann ein leiser Schrei des Entsetzens als sie die Bilder sah und sie sah schnell weg. Doch auch auf der anderen Seite waren groteske teilweise noch widerlichere Szenen in den Stein gehämmert worden. Dämonenfratzen, Opferzeremonien, Paktiker die es mit schrecklich entstellten Zwitterwesen trieben oder blutrünstige Schlachten. Selbst ich musste mich von diesen Bildern abwenden. Früher hätten sie mich nicht gestört. Aber nun wo ich wieder eine Seele und ein Herz besaß widern sie mich an. Myra griff nach meinem Arm, die Hand konnte ich ihr leider nicht geben da ich beide Hände für Fortigan und Korosan benötigte. Uns blieb nichts übrig als nach vorne in die Finsternis zu spähen. Schließlich gabelte sich der Weg.
Ein Weg nach links, einer nach rechts. Trennen wollten wir uns hier auf keinen Fall also mussten wir uns entscheiden. Wir entscheiden uns für den rechten Weg. Der Weg schien endlos. Wir marschierten und marschierten. Es mussten mindestens 20 Minuten vergangen sein und mir fiel auf das es immer kälter wurde je länger wir dem Weg folgten. Und auch Myra fröstelte es. Sie schmiegte sich näher an mich. Es wurde wirklich sehr kalt. Man konnte den Atem sehen. Der schmierige Film von den Wänden war verschwunden dafür hing überall Reif und Eiszapfen. Auch der Boden war mit einer Eisschicht überzogen und mir mussten aufpassen nicht zu stürzen. Selbst mir, dem die Kälte eigentlich nichts ausmachte wurde nun kalt, Myra hingegen litt nun schon deutlich unter den Temperaturen und ich überlegte gerade umzukehren als der Gang endete. Und nicht nur der Gang endete, sondern auch alles andere.
Es fällt schwer dass zu erklären, aber es hatte fast den Anschein als würde die ganze Welt dort enden. Oder zumindest die Realität, das was sich der Verstand vorstellen konnte. Der Gang vor einfach weg, wie mit dem Messer abgeschnitten. Und dann kam NICHTS. Absolut nichts. Nur Schwärze. Absolute Schwärze. Kein Windhauch, kein Laut, gar nichts. Ich beugte mich ein Stück über den Rand und spähte nach unten. Nichts! Ich brach einen Eiszapfen ab, warf ihn in die Tiefe und wartete auf den Aufprall - und ich hatte ein verdammt gutes Gehör. Aber nichts passierte. Als gäbe es keinen Boden. Ich wechselte verwunderte Blicke mit Myra.
"Was ist das hier Drake?" fragte sie mich. Ihre Stimme hallte tausendfach wieder und ein ohrenbetäubendes Echo ließ mich zusammenzucken. Erschrocken legte Myra die Hand vor den Mund. "Entschuldige." flüsterte sie verlegen. Eines stand fest, hier ging es definitiv nicht weiter - außer in die Hölle vielleicht. Doch dann hörten wir plötzlich ein Geräusch. Von unten, aus der Tiefe...
Ein Schaben!
Etwas glitt den Fels hinauf. Ein leises monotones Schaben das immer lauter wurde. Myra zerrte an meinem Ärmel. "Ich will hier weg. Das gefällt mir nicht." Ich sah verbissen in die Tiefe. Ich konnte nichts erkennen, aber das Geräusch wurde immer lauter. Myra zerrte heftiger. "Drake, bitte, lass uns gehen."
"Aber ich muss wissen..."
"Drake ich flehe dich an, lass uns von hier verschwinden. Etwas Grauenhaftes ist dort unten, ich weiß es. Und es hat uns gewittert." Das Geräusch wurde immer lauter. Und es kam näher, immer näher...
Ich gab schließlich nach, da mir selber nicht mehr recht wohl in meiner Haut war. In diesem Moment vernahm ich ein Brüllen das nicht von dieser Welt war. Nichts auf diesem Planeten war in der Lage so zu schreien.
"WAS WAR DASS?" Meine Stimme brach sich ebenfalls tausendfach in der Dunkelheit doch wurde sie übertönt von dem Brüllen dieser Bestie. Myra zerrte mich von dem Abgrund weg, zurück in den Gang und diesem Moment traute ich meinen Augen nicht, als ein gigantischer pulsierender glitschiger Tentakel aus der Finsternis schoss. Die Ausmaße waren gigantisch, nur die Spitze passte durch den Gang der immerhin über zwei Meter breit und 3 Meter hoch war. Der Tentakel musste einen Durchmesser von mindestens 10 Metern gehabt haben. Es war nicht vorstellbar wie groß das Tier seine musste zudem er gehörte und ich wollte es auch gar nicht wissen. Wir rannten als wären die Dämonen der Hölle hinter uns her(und waren sie das nicht auch?) und glitten auf dem Eis aus. Wir fingen uns an den Wänden ab und versuchten so schnell wie möglich vorwärts zu kommen. Der Tentakel hinter uns versuchte uns zu verfolgen. Er brach durch den Gang, die Wände zerbarsten unter der gewaltigen Wucht dieses schleimigen Wurms. Der Boden erzitterte als sich das Ding langsam vorwärts wand und alles unter sich begrub. Schließlich bekam auch die Decke Risse und alles drohte einzustürzen.
"SCHNELLER!" brüllte ich und schubste Myra immer weiter. Dann kamen die ersten Felsbrocken herunter und schlugen neben uns ein. Ich packte Myra und setzte zu einem Hechtsprung an. Der Tentakel schien festzustecken, er kam nicht weiter.
Ich sprang!
Hinter mir brach die Decke herunter und begrub den widerlichen Wurm unter sich. Der Gang war völlig verschüttet und das war wohl auch besser so. Ich atmete tief durch und sah nach Myra.
"Bist du verletzt?" fragte ich sie besorgt.
"Nein, mir geht es gut, denke ich", keuchte sie, "was bei allen Kräften des Himmels war dass?" Ich schüttelte den Kopf. "Ich weiß es wirklich nicht, aber es stammte nicht aus unserer Welt. Vielleicht ist es älter als unsere Welt, aber es muss gigantisch sein, gigantischer als dass es sich der Verstand vorstellen kann."
"Nächstes mal nehmen wir den linken Weg." versuchte Myra zu scherzen doch es wollte ihr nicht gelingen.
Wir standen auf, keiner von uns schien ernsthaft verletzt zu sein bis auf ein paar Schürfungen und Kratzer. Wir machten uns an den Rückweg und ich merkte fast sofort wie es wärmer wurde. Das Eis war verschwunden, an seine Stelle war wieder der ölige Film getreten.
"Wo sind wir hier nur?" fragte Myra, doch auch darauf wusste ich keine Antwort.
Ich schüttelte den Kopf und wollte gerade etwas erwidern als mir das Wort im Hals stecken blieb. Wir beide blieben wie angewurzelt stehen. Vor uns war die Gabelung. Aber wir waren doch nur ein paar Sekunden gelaufen und eben waren es gut 20 Minuten die wir gebraucht hatten.
"Was geht hier vor?" fragte ich mich selbst. Meine Nackenhaare hatten sich aufgerichtet, mich überkam von Minute zu Minute ein übleres Gefühl.
"Drake, lass uns umkehren, noch ist es nicht zu spät. Mir gefällt dass nicht. Dieser Ort ist nicht normal, etwas Böses regiert hier und schreibt die Gesetzte so wie es ihm gefällt."
Besser hätte ich es auch nicht ausdrücken können. Doch ich schüttelte entschlossen den Kopf. "Nein! Ich werde nicht weichen, ich werde dieser Sache auf den Grund gehen. Aber es ist vielleicht besser wenn du gehst und mit Valotica wartest."
"Ich werde dich um nichts in der Welt alleine weitergehen lassen. Ich werde bei dir bleiben. Außerdem habe ich keine Lust alleine mit diesem Drachen zu sein, der ist mir genauso wenig Geheuer wie das hier." Ich lächelte, diese Frau konnte so leicht nichts umhauen. Ich hatte Angst um sie wenn ich sie in das faulige Herz dieser Hölle mitnahm, aber andererseits war ich auch froh sie bei mir zu haben. Mit ihr an meiner Seite hatte ich das Gefühl alles tun und alles überstehen zu können. Entschlossen gingen wir in den linken Gang.
6.
Der Gang unterschied sich eigentlich nicht sonderlich von dem Rechten. Auch hier gab es die mit Schleim überzogenen Sandsteinwände in die abartige Szenerien gemeißelt worden. Der gleiche weiche schwarze Boden und dieselben schwarz brennenden Kerzen. Aber etwas war anders. Keinem von uns fiel es sofort auf bis schließlich etwas auf meine Wange tropfte. Fragend tastete ich mein Gesicht ab und stellte fest das ich Blut an mir kleben hatte. Sofort spürte ich die Gier tief in meinem Inneren aufbegehren, doch ich konnte sie zurückhalten.
"Was ist denn los Drake?" wollte Myra hinter mir wissen. Dann plötzlich tropfte weiteres Blut auf uns nieder. Erschrocken blickten wir an die Decke, und zumindest Myra konnte sich einen Schrei des Entsetzens nicht verkneifen: An der Decke hingen überall blutige Kadaver von Menschen, Tieren und wer weiß von was für Kreaturen sonst noch. Die ganze Decke war ein einziger Fluss aus Blut und Knochen. Ein Auge löste sich von einem menschlichen verstümmelten Körper und fiel auf Myra. Angewidert kreischte sie auf und schleuderte es von sich. Verzweifelt klammerte sie sich an mich. "Oh Drake, was ist dass nur für ein schrecklicher Ort?" heulte sie. Ich wusste es selbst nicht. Ich hatte sie vorbereitet dass sie als Jägerin viele schreckliche Sachen mit ansehen müsste, aber auf so etwas war nicht einmal ich vorbereitet.
"Wir müssen weiter." flüsterte ich ihr zu. "Sieh nicht nach oben. Am besten du schaust einfach nach vorne." Ich beschloss Korosan wegzustecken um Myra festhalten zu können. Sie brauchte mich jetzt mehr denn je. Wir gingen nebeneinander, jeder hielt den anderen. Ich war dankbar dass sie nicht gegangen war, ich weiß nicht ob ich das ohne sie überstanden hätte. Doch so folgten wir weiter dem Gang. Wir folgten ihm bestimmt 10 Minuten als wir einen kleinen kreisrunden Raum vorfanden. Er hatte etwa einen Durchmesser von 6 Metern. Seine Höhe wusste ich nicht, da ich es vermied an die Decke zu schauen. Von dem Raum zweigten drei weitere Gänge ab, die genau so aussahen wie der aus dem wir kamen. In der Mitte war so etwas wie ein blutiger Altar. Er bestand aus Gold und ein menschlicher Schädel war oben an ihm aufgespießt. Blut floss den Altar herunter. Das Gesicht der armen Seele kündete von unendlichen Qualen. Ich wollte Myra diesen Anblick ersparen doch sie bestand darauf sich nicht vor dem Kommenden zu verstecken. Mutig betrachtete sie den Altar. "Was für Kreaturen bringen es nur fertig so etwas zu tun?" fragte sie kopfschüttelnd und mir wurde in diesem Moment wieder bewusst wie wichtig es war dass man Ihnen Einhalt gebot. Ihre Grausamkeit schien keine Grenzen zu kennen. Wichtig war in diesem Moment allerdings mehr welche Richtung wir einschlagen sollten. Links? Rechts? Geradeaus?
Wir sahen uns an.
"Links?" fragte Myra
"Geradeaus?" fragte ich im selben Moment.
Dann eben Rechts! Wir schritten den Weg entlang doch schon nach wenigen Metern merkte ich dass der Boden hier noch weicher war als sonst, und irgendwie hatte ich das Gefühl zu schrumpfen. Aber wieso? Ich sah nach unten...
Ich steckte bis zu den Knöcheln in schwarzem Treibsand.
"VERDAMMT!" brüllte ich.
"DRAKE!" Myra sprang herbei und packte mich unter den Schultern. Sie war keineswegs schwach, und ich war auch nicht sonderlich schwer, aber der Treibsand zerrte an mir mit unmenschlicher Kraft. Ich versuchte mich vergeblich an irgendetwas festzuhalten, doch meine Hände rutschten an dem Schleim der die Wände benetzte ab. Myra versuchte verzweifelt mich zu halten während ich schon bis zu den Knien eingesunken war, doch sie wurde Stück für Stück selbst hineingezogen. Dann begann die schwarze zähe Masse zu brodeln.
Blasen zerplatzten an der Oberfläche und verströmten einen Ekel erregenden Gestank. Und dann glaubte ich etwas unter mir zu spüren. Etwas war da unten und schien mich zu packen und in die Tiefe zu zerren.
"VERFLUCHTER BASTARD!" schrie ich und rammte Fortigan in die Tiefe. Nichts. Ich zog das Schwert aus der zähen Flüssigkeit und stieß es erneut hinab. Etwas schien das Schwert zu packen und in die Tiefe ziehen zu wollen. ES kostete mich all meine Kraft es davon zu befreien und es ein weiteres Mal in die Tiefe zu rammen. Ich traf auf einen Widerstand, ich glaubte es erwischt zu haben. Es ließ los und Myra gelang es endlich mich ein Stück aus der Brühe zu ziehen. Ich war schon fast Draußen als sich wieder etwas bewegte. Es war noch da, und es merkte dass seine Beute ihm zu entwischen drohte.
Dann griff es an! Vor mir tauchte plötzlich ein etwa menschengroßes Etwas auf, von oben bis unten triefend vor schwarzem Schleim, packte mich und versuchte mich in die Tiefe zu zehren.
"DRAKE!" kreischte Myra und packte mich mit aller Gewalt. Die Kraft des Monstrums ließ sie zu Boden stürzen. Sie versuchte sich mit den Beinen irgendwo festzuhalten während ihre Arme schon komplett in der Schwarzen Masse verschwunden waren in die ich gezehrt wurde.
Ich schaffte es gerade noch meinen Kopf über der Oberfläche zu halten. Das Biest zog mit aller Gewalt. Ich biss die Zähne zusammen. und riss meinen linken Arm in dem ich Fortigan hielt aus der Umklammerung des Treibsandes. "FAHR ZU HÖLLE!" brüllte ich und rammte die Klinge bis zum Heft in die Grimasse vor mir. Das Gesicht zerplatzte vor mir in einer Woge aus schwarzem Schleim die mir und Myra entgegen spritzte.
Doch ich war frei.
Myra schaffte es mich aus dem Treibsand zu ziehen. Zurück auf festem Grund blieben wir erstmal einen Moment liegen und holten tief Luft - das war knapp. Wir waren beide von oben bis unten mit der klebrigen Masse bedeckt, aber wir lebten. Mühsam standen wir auf und umarmten uns.
"Du hast mir das Leben gerettet." flüsterte ich ihr zu.
"Dasselbe hättest du auch für mich getan." antwortete sie mit zitternder Stimme. Sie hatte natürlich Recht, ich hätte alles getan um sie zu beschützen. Doch warum hatte ich sie dann mit in diesen Alptraum genommen? Ich kannte die Antwort, doch verdrängte ich sie. Wollte es mir nicht eingestehen. Ich sammelte meine Gedanken, ich musste mich auf das Wesentliche konzentrieren.
Nachdem wir uns wieder einigermaßen gefangen hatten standen wir wieder vor dem alten Problem. Wo lang? Ich beschloss lieber mal auf Myra zu hören und den linken Weg zu nehmen doch stellten wir nach etwa 50 Metern fest dass der Weg verschüttet war. An die Wand vor uns hatte man einen gehäuteten Leichnam gebunden, Maden und Insekten krabbelten auf ihm herum und fraßen ihn langsam auf. Angewidert drehten wir uns um und gingen zurück zum Altar. Jetzt blieb ja nur noch ein Weg, die goldene Mitte. Ich ergriff Myras Hand und drückte sie. Dann folgten wir dem Gang.
Auch dieser Gang sah aus wie alle anderen. Das Gebilde glich immer mehr einem riesigen Labyrinth. Doch für mich gab es kein Zurück mehr. Ich wollte dieser Sache auf den Grund gehen. Auch dieser Gang wollte kein Ende nehmen. Ich fragte mich allmählich welch gigantische Ausmaße dieses Baumwerk haben musste. Oder war das alles nur ein Fantasiegespinst? Konnte man seiner Wahrnehmung hier überhaupt trauen? Solche Gedanken war in dieser Situation gefährlich, leicht konnten sie einem den Verstand rauben.
Plötzlich glaubte ich Stimmen zu hören. Ein leises Wispern? Viele verschiedene Stimmen die wild durcheinander redeten und jedes Mal ein gespenstisches Echo hinterließen.
"Hörst du dass auch?" fragte ich Myra.
Sie sah mich fragend an. "Was denn?"
Doch da waren sie wieder. Wurde ich verrückt? War es vielleicht gar meine Stimme, der Vampir in mir? Wieso wollte ich auf einmal mein Schwert heben und Blut fließen sehen?
Verräter?
Mörder!
Verdammt was ging hier vor?
Sie ist an allem Schuld!
Töte sie!
TÖTE SIEEE!!!
Natürlich sie war es, wegen ihr war ich in diesem Alptraum gefangen. Ich musste nur einen geschickten Hieb mit dem Schwert und alles wäre... NEIN! Das waren nicht meine Gedanken! Ich legte die Hände an den Kopf.
"Verschwindet aus meinem Kopf." stöhnte ich.
"Drake, was hast du?" fragte Myra besorgt. Dann waren die Stimmen plötzlich weg.
Einfach fort gespült als wären sie nie da gewesen. Verwundert blickte ich mich um. Hatte ich dass alles nur geträumt? Was ging hier vor? Dann bebte plötzlich die Erde. Eine gewaltige Erschütterung.
"Was war dass?" fragte Myra und sah sich ängstlich um. Und sie wurde gepackt. Blitzschnell schossen Dutzende von steinernen Händen aus dem Gemäuer und packte meine Geliebte. Sie versuchten sie in den Stein zu ziehen, sie schrie auf. Blitzschnell war ich bei ihr, zog Korosan und hieb mit beiden Klingen auf die Hände ein. Stein barst in alle Richtungen, Felsbrocken fielen zu Boden. Wie ein Berserker hieb ich auf den Felsen ein und bekam Myra schließlich frei. Die restlichen Hände zogen sich zurück.
Doch wird hatten keine Zeit zum verschnaufen, den hinter uns ertönte ein lautes Knurren. Ruckartig blickten wir nach hinten. Rote Augenpaare lauerten in der Finsternis. Es waren 4, nein 5, 6??? Ich wusste nicht wie viele es waren, doch sie kamen auf uns zu - schneller und immer schneller.
"LAUF!" keuchte ich und rannte los. Ich zehrte Myra hinter mir her. Das Knurren wurde lauter, hinzu gesellte sich ein gieriges Hecheln. Die roten Augen kamen immer näher. Wir rannten schneller.
Eine Abzweigung. Geradeaus oder rechts? Keine Zeit. Wir rannten nach rechts. Immer noch waren sie hinter uns. Schneller, schneller! Wieder eine Abzweigung, links oder rechts? Ich wandte mich links als mich ein rotes Augenpaar ansprang. Ich zog Korosan zwischen den Augen hindurch, etwas heulte auf, ein blutiges Stück Fleisch fiel zu Boden. Falscher Weg! Myra zehrte mich nach rechts. Wir rannten weiter, die Meute war noch immer hinter uns her. Der Gang wollte kein Ende nehmen. Die Jäger holten auf, wir rannten bis uns die Lungen brannten. Wieder eine Abzweigung. Links, Rechts, Geradeaus. Von Rechts erklang bösartiges Knurren vor uns schälten sich rote Augen aus der Dunkelheit. Also links! Und noch immer waren sie hinter uns. Lange würden wir das nicht mehr durchhalten. Dann schienen sie zurückzufallen. Unser Vorsprung wurde größer. Das Knurren und Hecheln verstummte und schließlich waren die Augenpaare verschwunden.
Und auch der Weg endete und ging über in einen gewaltigen Felsendom!
7.
Wir befanden uns in einer gigantischen Halle. Über uns ging es 40 Meter in die Finsternis. Das Ende konnten wir nicht erahnen obwohl der ganze Dom von Fackeln erhellt wurde. Aus der Mitte kam ein rotes Glühen. Ich ließ Myra los um wieder beide Schwerter führen zu können. Die Präsenz der Gesuchten war hier unglaublich stark. Sie mussten sich hier irgendwo verstecken. Langsam schritten wir durch die Halle. Es war viel zu still hier. Vor ein paar Sekunden wurden wir noch von der Meute gehetzt und nun befanden wir uns in vollkommener Stille und Einsamkeit.
Schließlich fanden wir den Ursprungspunkt des roten Glühens. In der Mitte dieses Saales befand sich ein kreisrundes Loch, etwa 8 Meter im Durchmesser. Es führte bestimmt hundert Meter in die Tiefe und endete dort in einem gewaltigen Lavastrom. Ich wollte gar nicht wissen wozu es dienen sollte. Wir gingen weiter. Sie waren hier, da war ich mir sicher. Ich glaubte Geräusche zu hören, leise im Dunkeln. Oder bildete ich mir das wieder nur ein. An diesem Ort war es gefährlich sich auf seine Gedanken zu verlassen. Etwas böses und uraltes herrschte hier. Dann glaubte ich das Ende des Domes erkennen zu können. Und dort stand etwas. Es war... ja tatsächlich dort stand ein gewaltiger Thron - und auf dem Thron saß jemand. Er erblickte uns, hob die Arme und begann zu klatschen. Langsam und monoton. Ich stellte mich breitbeinig vor ihn und hob die Zwillinge. Unser Gastgeber zeigte sich unbeeindruckt, er applaudierte weiter.
"Nicht schlecht. Meine Hochachtung, ich hätte nicht gedacht das ihr es soweit schaffen würdet. Aber immerhin seit ihr die letzten C'ael Rohen, und vor allem von dir hat man schon viel gehört Drake du Kane. Es ist mir eine Ehre dich endlich einmal persönlich kennen zu lernen." sagte der Vampir voll falscher Bewunderung.
"Und mit wem habe ich das Vergnügen?" fragte ich scharf. Der Untote grinste. "Mein Name ist Barlow."
"Was ist dies hier für ein Ort? Ist das alles dein Werk?" fragte ich ihn. Barlow schien geschmeichelt zu sein als er antwortete. "Oh nein, dieser Ort ist schon Uralt. Er war früher eine Dämonenfestung, ein Hort des Bösen, doch die Kreaturen sind schon vor Jahrtausenden ausgestorben - fast. Du hast die Kreatur in dem Schacht ja gesehen. Sie stammt aus einer Zeit in der Kreaturen über diesen Planeten herrschten die du dir in deinen schlimmsten Alpträumen nicht vorstellen könntest. Das zog uns an. Wir fanden die Festung vor und nahmen sie in Besitz als unsere neue Residenz. So lange man die alten Bewohner nicht stört kann es hier sehr gemütlich sein. Also blieben wir hier und warteten auf euch."
"Wir sagst du? Gibt's von euch noch mehr?" fragte ich ihn lauernd. Im selben Moment bemerkte ich eine Bewegung hinter mir. Etwas sprang von der Decke.
"MYRA, PASS AUF!" Ich stieß sie beiseite, und vor mir landete ein weiterer Vampir, der Barlow bis aufs Haar glich.
"Ach wie unhöflich, hätte ich doch fast meine bessere Hälfte vergessen. Das ist mein Bruder Straker. Er ist wohl ein wenig schüchtern und hat sich versteckt." entschuldigte sich Barlow.
Straker grinste mich an, er hatte an jedem Arm eine mächtige Metallklinge montiert, bestimmt einen halben Meter lang.
"Oh, der große Drake du Kane. Was verschafft uns den das Vergnügen?" schnurrte er. Dann fiel sein Blick auf Myra. "Oh, und er hat uns sogar was mitgebracht." Er streckte genüsslich eine ekelhaft bläuliche Zunge heraus und sabberte auf den Boden. "Und noch dazu so jung und frisch."
"Verschwinde, du widerst mich an." zischte Myra und schlug Straker die Faust ins Gesicht. Doch dadurch wurde sein Grinsen nur noch breiter. "Oh du wehrst dich, das gefällt mir." Ich wandte mich wieder Barlow zu. "Wer schickt euch? Ihr seid keine gewöhnlichen Vampire, also in wessen Auftrag seid ihr hier?"
"Keiner!" antworte Barlow scharf. "Wir unterstehen niemandem. Es war die Schlampe Morisia die uns einst entsandt hatte, doch wir haben ihr abgeschworen, wir waren lange genug ihre Schoßhündchen. Sie ist weit weg und wir sind frei und können tun und lassen was wir wollen."
Morisia? Die Erzvampirin? Was hatte sie damit zu tun? Aber ich konnte es mir schon denken. Vermutlich wollte sie sich am Machtkampf von o Kiel und Asteroth beteiligen und schickte deshalb ihre beiden besten Agenten aus um Informationen einzuholen. Oder ergriff sie sogar Partei für einen der beiden? Soviel ich wusste stand sie loyal zur Gilde auch wenn sie o Kiel nicht sonderlich leiden konnte, aber wer konnte das schon? Sie wollte vermutlich irgendwann selbst einmal die Gilde übernehmen, also war ihr Asteroth im Weg. Sollten die beiden ihn vielleicht ausspionieren? Dann hätten sie vielleicht wichtige Informationen. Ich glaubte aber nicht dass ich diese aus ihnen herausbekommen würde, es waren sehr mächtige Vampire. Und sie hatten sich von Morisia losgesagt, ein Umstand der ihr sicherlich nicht sehr zusagte.
"Und was wollt Ihr von uns?" fragte Myra.
"Oh, wir haben schon auf euch gewartet." antwortete Straker der immer noch lechzend hinter uns stand.
"Wir wollen uns mit den Besten messen und ihr zwei habt in den letzten Jahren einen nicht von der Hand zu weisenden Ruf erhalten. Es wird Zeit herauszufinden wie Gut ihr wirklich seid." fügte Barlow hinzu und griff hinter sich. Er hielt zwei Kurzschwerter in den Händen.
"Nur zu, ich werde euch vernichten wie Dutzende Vampire vor euch." konterte ich.
"Dann lasst uns beginnen." grinste Barlow und war mit einem Satz bei mir. Der Kampf hatte begonnen.
Die zwei waren gut, das erkannte mein geschultes Auge sofort. Sie ließen sich nicht lange bitten sondern stiegen gleich voll ein. Ihr Kampfstil war voller Leidenschaft und Aggressivität. Beide hatten die gleiche Technik und schienen gleich gute Kämpfer zu sein, aber Barlow war der Boss, er gab den Takt vor. Er sollte mein Gegner sein, während Myra versuchte sich Straker vom Hals zu halten. Nicht einfach, schließlich kämpfte sie mit nur einer Waffe.
Barlow eröffnete den Kampf indem er mich mit einer Reihe schneller und präziser Attacken aus dem Gleichgewicht bringen wollte. Er wusste dass ich gut war und überschätzte sich nicht. Er machte keine Fehler und war trotz seines stürmischen Temperaments stets besonnen, das machte ihn so gefährlich. Ich parierte seine Schläge und versuchte seine Deckung zu durchschauen. Ich vollführte eine Finte mit Fortigan über seine linke Schulter und versuchte ihm Korosan in die rechte Seite zu rammen, doch er sah den Schlag und wich ihm behände aus. Er vollführte eine Vierteldrehung nach links und rammte mir seinen Ellenbogen in den Magen während er gleichzeitig ausholte um mir den Kopf abzutrennen. Gerade noch duckte ich mich unter der tödlichen Klinge weg und ließ die Zwillinge kreisen. Ich erwischte ihn an der Seite. Die diabolische Klinge versengte sein Fleisch, ranzig stinkendes Blut quoll aus dem verwesenden Fleisch.
Barlow grinste. "Du bist gut Jäger. Aber noch lange nicht gut genug." Der Vampir fletschte die spitzen Zähne und sprang mich an. Ich hob beide Arme vor den Kopf, Barlow prallte gegen mich und warf mich zu Boden.
Aber auch Myra erging es nicht besser. Straker war nicht minder hartnäckig als Barlow. Er trieb Myra mit seinen beiden Metallklingen nach hinten, während sie verbissen seine Schläge parierte. Er war einfach schneller da er mit zwei Waffen kämpfte.
"Na los, Süße gib auf. Du weißt wer der Bessere ist. Wenn du brav bist und tust was ich dir sage werde ich dich am Leben lassen." Straker grinste. Er leckte sich mit seiner Zunge über die Lippen und sabberte wie ein Hund beim Anblick eines Knochens. "Na komm schon, zier dich nicht so, ich weiß was du brauchst."
"Ach ja, dann komm her und versuch dein Glück." fauchte sie ihm ins Gesicht und vollführte mit Faliceat eine elegante Drehung über den Kopf und stieß zu. Blitzschnell zog Straker die Arme zusammen und klemmte das Schwert mit den beiden Klingen ein. "Oh ja, es wird mir ein Vergnügen sein." zischte er und drängte sie gierig weiter zurück. Myra versuchte vergeblich Faliceat frei zu bekommen, doch die zwei Schneiden klemmten es ein wie ein Schraubstock.
Straker machte ein bedrücktes Gesicht. "Oh, möchte das kleine süße Püppchen sein Spielzeug wiederhaben?"
"Ich werd dir damit die Eier abschneiden du Mistkerl!" fuhr sie ihn wütend an.
"Viel Glück Schätzchen." Mit diesen Worten zog Straker an der Klinge. Gegen die Kraft eines Vampirs konnte Myra nicht viel ausrichten. Faliceat flog in die Ecke. Myra wich zurück - bis sich kalter Fels an ihren Rücken schmiegte. Hinter ihr war die Wand, sie sah sich erschreckt um, Straker war direkt vor ihr. Sie war in der Falle!
Fingernägel, lang wie Dornen kratzten über meinen Oberkörper, zerrissen meinen Mantel, ritzten meine Haut. Barlow saß auf mir und drückte mich mit den Knien zu Boden. Fortigan und Korosan waren mir entglitten und lagen auf dem Boden, zu weit weg um sie zu benutzen. Barlow schlug auf mich ein. Er brach mir die Nase, schlug mir 3 Zähne aus und verpasste mir ein geschwollenes Auge, von den Quetschungen die seine Beine verursachten mal ganz abgesehen. Doch während er mich vermöbelte gelang es mir an einen meiner Pflöcke zu kommen. Ich zog ihn aus dem Gürtel und stieß ruckartig zu - genau zwischen die Beine. Es gab ein reißendes Geräusch, wie als würde man eine Stoffbahn auseinander reißen und Barlow begann zu schreien. Er sprang auf und hielt sich den Schritt, Blut quoll zwischen seinen Fingern hindurch. "Du verdammter Bastard." brüllte er. Dann schloss er die Augen und begann etwas zu murmeln. Ich nutzte die Gelegenheit und holte meine Waffen. Als ich mich ihm wider zuwandte sah ich ein grünes leuchten zwischen seinen Beinen und stellte fest das er zu bluten aufgehört hatte. Natürlich, die Heilung - die Fähigkeit jedes Vampirs.
"Na schön Kane, Schluss mit den Spielchen. Jetzt", er hob eines seiner Kurzschwerter und lächelte mich an, "hol ich mir die Augen des Jägers." Barlow versuchte einen Ausfall, setzte mir mit wilden und schnellen Attacken zu, die aber nicht besonders gefährlich waren. Ich sprang nach links und rammte meinen Fuß in seinen Magen. Keuchend ging er nach vorne und ich ließ den Schwertknauf auf seinen Nacken niedersausen. Barlow ging in die Knie. Ich holte aus, doch im selben Moment hörte ich Myra schreien.
Sie stand mit dem Rücken zur Wand, Straker schritt mit erhobenen Waffen auf sie zu, die Klingen glitzerten in dem Glanz des Felsendoms. Schnell griff ich nach einem meiner Pflöcke, drehte mich um und schleuderte ihn aus dem Schwung heraus. Ich hatte nichts verlernt, der Pflock traf Straker ins Handgelenk als er gerade ausholte. Zischend zog er sie zurück und blitzte mich hasserfüllt an. Doch bevor er etwas sagen konnte trat ihm Myra mit einem anmutigen Kick zwischen die Augen. Überrascht taumelte Straker nach hinten, während Myra ein Rad schlug und in derselben Bewegung ihr Schwert aufhob.
"Okay, du Flittchen. Jetzt hast du mich wütend gemacht." Straker stürmte wieder auf meine Geliebte. Plötzlich wurde ich von hinten gepackt. Barlow war wieder auf den Beinen. Er umklammerte mich und schien mich einfach zerquetschen zu wollen - die Schmerzen spotteten jeder Beschreibung. Ich versuchte mich dennoch zu konzentrieren, nahm all meinen Willen zusammen und ließ ihn in meine Muskeln fließen. Ich stieß einen höllischen Schrei aus und sprengte seine Umklammerung. Ruckartig riss ich den Kopf in den Nacken und rammte damit sein verwundertes Gesicht. Er zuckte zurück und spuckte Blut. Ich nahm Schwung und vollführte einen Rückwärtssalti über ihn, so dass ich nun hinter ihm war und stieß Korosan in seinen Rücken. Röchelnd wankte er von mir als ich das Schwert wieder herauszog, bereit dem ganzen ein Ende zu bereiten.
"Du...du bist besser als ich dachte Jäger", keuchte er, "aber du unterschätzt immer noch meine Fähigkeiten." Im selben Moment glühten seine Augen weiß auf und ich wurde durch den Raum geschleudert. Eine unsichtbare Druckwelle hatte mich von den Füßen gefegt. Der verfluchte Mistkerl hatte Magie angewandt. Es würde wohl doch schwerer werden als erwartet.
Inzwischen hatte Myra es geschafft ein Gleichgewicht zwischen sich und Straker aufzubauen. Die beiden Kontrahenten hielten sich die Waage, tauschten Schlag um Schlag. Metall klirrte auf Metall, hallte tausendfach in dem riesigen Dom, Funken stoben. Myras Gesicht wirkte angespannt und konzentriert, sie durfte jetzt keinen Fehler machen. Straker ließ nicht locker. Er war wie eine giftige Schlange, bereit jederzeit zuzustoßen. 'Ganz ruhig Mädchen, jetzt behalte einen kühlen Kopf' redete sie sich ein. Straker versuchte sie auszutricksen. Er richtete beide Schläge nach oben und trat gleichzeitig nach ihren Beinen um sie zu Fall zu kriegen. Doch Myra schlängelte sich an den Klingen vorbei und hielt das Gleichgewicht. Stattdessen konterte sie indem sie ein weiteres Rad schlug und so mit beiden Beinen Straker in Brust und Gesicht trat, der von der Aktion überrascht keine Gegenwehr leistete und nach hinten taumelte. Myra ließ ihr Schwert fallen machte einen Handstand und klemmte Strakers Kopf zwischen ihre Schenkel. Ein kräftiger Ruck und er ging mit ihr zu Boden. Sie griff nach ihrem Schwert und rollte sich nach rechts ein Stück von ihm weg um sicher aufstehen zu können. Sie stieß an den Rand des Lavaschachtes, neben ihr ging es steil in die Tiefe wo flüssiges Magma wartete. Schnell stand Myra auf und wollte Abstand gewinnen, doch Straker war schon wieder auf den Beinen und packte sie.
"So mein Engel", flüsterte er ihr zu, "Zeit für ein kleines Bad..."
Stöhnend rappelte ich mich wieder auf. Barlow thronte vor mir, grinste und reckte die Arme in die Höhe. "So Jäger, jetzt wirst du zu spüren bekommen wozu ich alles fähig bin. Die Mächte der Finsternis werden dich in Stücke reisen." Dann brüllte er etwas in einer fremden abartig unnatürlich klingenden Sprache. Ich konnte mir nicht vorstellen dass auch nur halbwegs menschliche Stimmbänder fähig waren solche Laute von sich zu geben. Dann zerriss um mich herum die Wirklichkeit und auf einmal war ich umstellt. Skelette, aber keine menschlichen, sondern von Wölfen. 5 Stücke sprangen nach mir. Ich wich zurück, doch sie setzten mir geifernd nach. Ich konnte ihren heißen fauligen Atem im Nacken spüren. Wenn sie mich zu fassen bekämen würden sie mich einfach auseinander reißen.
Dann kam der Angriff. Sie versuchten mich in die Zange zu nehmen, einer sprang von rechts, einer von links. Ich rollte mich unter dem Rechten durch und wurde sofort vom nächsten attackiert. Fortigan und Korosan fuhren vertikal durch den Körper und zerschnitten ihn. Die Knochen fielen polternd zu Boden. Im nächsten Moment wollte mir einer in den Nacken springen. Ich wirbelte herum, zog Korosan horizontal durch den Wolf und trennte den Schädel vom Rest ab. Blieben 3. Einer, ein etwas größeres Exemplar hielt sich etwas zurück, scheinbar der Leitwolf - sofern es das bei Untoten gab. Doch die anderen beiden sprangen mich wieder an. Einem konnte ich ausweichen der andere verbiss sich in meine Wade. Ich hob das Bein, doch das Vieh wollte nicht loslassen und blieb einfach hängen. Ich sah mich um. Die leicht nach außen gebogene Wand des Domes befand sich genau hinter mir. Ich holte aus und schmetterte den Fuß gegen die Wand. Das Skelett wurde förmlich pulverisiert und Knochensplitter regneten auf mich herab. In den Augenwinkeln sah ich den anderen auf mich zustürmen. Ich vollführte einen Flickflack nach rechts um ihm zu entgehen. Er rannte an mir vorbei und ich befand mich hinter ihm. Zu spät bemerkte die Kreatur die Gefahr. Er drehte sich zu mir, doch da war es schon zu spät. Fortigan sauste herab und teilte das Vieh in zwei Hälften die zur Seite klappten. Blieb noch der Anführer. Seine glühenden roten Augen blitzen mich an. Hasserfüllt knurrte er und entblößte mächtige Reißzähne. Schließlich kam er auf mich zu. Er riss kreischend seinen Rachen auf, bereit mich zu verschlingen. Ich blieb ruhig. Als er in Position war verpasste ich ihm einen kräftigen Kick. Verdutzt fiel er ein Stück zurück. Doch schon zwei Sekunden später war er wieder da und stellte sich auf die Hinterbeine um mir an die Kehle zu gehen. Ein Skelettwolf der Männchen macht sieht schon ziemlich interessant aus. Ich nutzte meine Chance, holte mit meinen beiden Klingen aus und schlug ihm beide Beine weg. Jaulend fiel das Untier zu Boden und zappelte am Boden. Es war aber noch nicht tot. Im Gegenteil, es versuchte immer noch mich zu beißen. Ich stieg mit einem Fuß auf seinen Brustkorb. Knochen knackten und brachen, mein Gewicht zerdrückte den morschen Brustkorb förmlich. Doch der Kopf des Wolfes zuckte immer noch geifernd umher. "Fahr zu Hölle" flüsterte ich, holte aus und kickte den Kopf vom Rumpf der an der nächsten Wand zu Staub und Splittern zerbarst.
"Gar nicht übel Kane, aber noch hast du nicht gewonnen." Barlow grinste und vollführte eine komplizierte Geste. Plötzlich wurde es eisig kalt. Und dann erkannte ich auch den Grund. Barlow vereiste, seine Arme bestanden plötzlich aus purem funkelndem Eis das sich bis zu seinen Schultern zog. Eine unheilige dämonische Kälte ging davon aus. Er kam langsam auf mich zu, doch da hatte mit einemmal ein schreckliches Gefühl, als würde gleich etwas Schlimmes passieren. Ein einzelner Gedanke bohrte sich in meinen Kopf: Myra!
Straker lachte lange und grausam. Myra konnte nicht weiter zurückweichen. Hinter ihr ging es in die Tiefe. "So du kleine Hure, diesmal kann dir dein Freund nicht helfen." Myra sah zu Drake, doch er kämpfe gerade gegen eine Übermacht von Skelettwölfen. Sie umklammerte ihr Schwert fester. "Ich hab keine Angst vor dir." sagte sie.
"Oh doch, die hast du. Aber das spielt jetzt keine Rolle mehr." Straker war schnell, einfach zu schnell für ihre Augen. Etwas prallte gegen sie, stieß sie nach hinten. Sie ruderte mit den Armen, ihre Klinge entglitt ihr. Plötzlich hatte sie keinen Boden mehr unter den Füßen, alles drehte sich. Gerade noch erspähte sie den Rand des Schachtes. Reflexartig reckte sie Arme danach und schaffte es mit einer Hand Halt zu finden. Ein Ruck ging durch ihren Körper. Die andere Hand gesellte sich zum Rand und sie hing senkrecht an der Innenwand des Lavaschachtes. Unter ihr brodelte das heiße Gestein. Über ihr stand Straker und grinste. Ein Schmerz durchfuhr ihre Finger als Straker ihr auf die Hand trat und seinen Fuß langsam drehte. Die Schmerzen waren grauenhaft, doch sie biss die Zähne zusammen.
"Deine letzte Chance. Diene mir und ich will dich am Leben lassen."
"Niemals." stieß Myra hervor. Straker trat fester zu, sie verlor den Halt und hing nur noch mit einer Hand an dem Schacht. Jeden Moment konnte sie stürzen.
"WARTE!" rief sie. "Warte, du hast gewonnen. Ich werde mich dir unterwerfen. Bitte, ich will nicht sterben." flehte sie. Straker lachte. "Ich wusste es, du kleines Miststück. Du gibst bestimmt eine gute Lustsklavin ab."
"Bitte, bitte lass mich nicht sterben, zieh mich hoch." flehte Myra weiter und reckte ihre verletzte Hand Straker entgegen. Ihre Knöchel bluteten dort wo Straker auf sie getreten war. Straker war sich siegessicher, er hatte sie da wo er sie haben wollte. Immer noch grinsend streckte er ihr seine Hand entgegen um sie hochzuziehen. Myra reagierte blitzschnell während ein Ausdruck absoluten Hasses in ihre Augen trat.
"Merk dir eines." zischte sie und packte stattdessen seinen Unterarm mit aller Kraft. "Nie werde ich eine euerer Sklaven sein!" Mit diesen Worten zog sie mit aller Kraft. Straker verlor das Gleichgewicht und stürzte an Myra vorbei in den feurigen Schacht. Sein Gesicht zeugte von Überraschung, er fiel auf einen der ältesten Tricks rein. Und er hat sich von einer Frau übertölpeln lassen. Einer FRAU! Doch dann lächelte er wieder und breitete die Arme aus während er in die Tiefe stürzte. "WIR WERDEN UNS WIEDERSEHEN JÄGERIN!" brüllte er ihr entgegen. Dann schloss er die Augen, murmelte etwas und war plötzlich verschwunden. An seiner Stelle schwebte ein Nebelschleier im Schacht der sich sogleich im Raum verflüchtigte. Myra dämmerte es, Vampire konnten sich in Nebel verwandeln, Drake hatte ihr von dieser Fähigkeit erzählt. Schließlich atmete sie tief durch und zog sich den Schacht hoch. Dieser Kampf war vorbei, zumindest für sie...
Ich schlug nach Barlow doch keiner meiner Hiebe fand sein Ziel, er war zu schnell. Er hielt nun keine Waffen mehr in den Händen, seine Hände waren die Waffen. Alles was sie berührten wurde zu Eis. Er konnte damit kleine Eiskristalle verschießen, tödliche Geschosse wenn sie einen erwischten, aber ich gab nicht auf. Ich wich seinen Attacken so gut aus wie ich konnte, er hatte die Initiative übernommen. Dann dieser beißende Schmerz in der Schulter. Ein Eissplitter steckte darin, er hatte mich erwischt. Dann noch ein sengender Schmerz in meinem Oberschenkel. "Gib auf Kane, gegen mich kommst du nicht an." Er kam näher. Plötzlich richtete er seine Hände auf meine Füße und ein Eisstrahl formte sich aus seinen Händen. Ich spürte wie meine Füße erstarrten und musste nicht nach unten sehen um zu wissen was passiert war. Er hatte mich am Boden festgefroren, meine Füße überzogen sich bis zu den Knöcheln mit einer Eisschicht. Ich war bewegungsunfähig. Er kam auf mich zu, die Hände nach vorne gestreckt. "Zeit es zu beenden. Findest du nicht auch?" fragte er mich. Dann hatte ich plötzlich einen Einfall. Schnell tastete ich nach meinem Gürtel. Als ich gefunden hatte was ich suchte lächelte ich zurück. "Ja, das ist es." antwortete ich und zog meine Feldflasche während ich den Deckel abschraubte.
"Was zum...?" fluchte Barlow doch es war zu spät. Ich schüttete den Inhalt über seine ausgestreckten Hände. Das Wasser gefror augenblicklich und fesselte seine Hände zusammen. Ich holte mit den Zwillingen aus und zerschlug das Eis an meinen Füßen, nicht leicht wenn diese Heil bleiben sollten. Dann stürmte ich auf Barlow zu und schlug mit Korosan auf das Eisgewirr an seinen Armen. Das Eisbündel das mal seine Hände gewesen waren zersplitterte und er kreischte vor Entsetzen. Doch ich stieß wieder zu, bohrte die Klingen in seinen Bauch und seine Brust, schien das Herz aber verfehlt zu haben. Keuchend ging er in die Knie. Ich wollte zum finalen Schlag ausholen aber er stammelte schnell etwas und mir wurden beide Schwerter von einem Windhauch aus den Händen gerissen. Doch Barlow schien mit seinen Kräften fast am Ende zu sein.
"Das wirst du mir bitter bezahlen Drake du Kane", presste er hinter zusammengebissenen Zähnen hervor während mich seine untoten Augen anstarrten. "Beim nächsten Mal stirbst du." Er sackte zusammen, schloss die Augen und murmelte etwas. Ich hatte mittlerweile einen meiner Pflöcke gezückt doch als ich zustechen wollte war Barlow verschwunden. Nur noch einige sich verflüchtigende Nebelschwaden waberten im Raum. Ich fluchte laut.
VERDAMMT, es war so knapp, fast hätte ich ihn gehabt und dennoch war er mir entkommen. Plötzlich eine Hand auf meiner Schulter. Ich schreckte hoch, drehte mich um und erhob den Pflock.
"Beruhig dich Drake, ich bin es Myra." rief sie schnell und ich ließ den Pflock aufatmend sinken.
Sie lebte, dem Himmel sei dank( etwas das ich früher auch nie gesagt hätte). Sie hielt sich die Hand die stark blutete, schien auch einige andere Verletzungen zu haben, war aber ansonsten okay. Mich hatte es stärker erwischt, aber meine dunkle Seite würde es schnell heilen. Seufzend sanken wir auf dem Boden zusammen. Es war überstanden. Dies waren die mächtigsten Vampire seit Sagul und diesmal hatte ich gewonnen, besser gesagt WIR hatten gewonnen. Ein perfektes Team.
"Es ist vorbei." flüsterte ich ihr zu.
8.
Ich wusste nicht genau wie wir die verfluchte Festung wieder verlassen hatten, ich hatte nur verschwommene bruchstückhafte Erinnerungen, wie als würde ich aus einem Traum erwachen. Myra schien es ebenso zu gehen. Kaum hatten wir den Ort verlassen und wieder klaren Himmel über den Kopf verblassten die Erinnerungen. Wohl ein Versuch unseres Unterbewusstseins die schrecklichen Ereignisse zu verdrängen. Oder ein magischer Bann, wer konnte das schon wissen? Ich wusste nur eines. Zum ersten Mal seit einem halben Jahrhundert freute ich mich die Sonne wieder zu sehen.
Schnell machten wir uns daran weg von diesem verdammten Bauwerk zu kommen.
"Ich dachte schon wir würden dort drinnen sterben." sagte Myra erschüttert.
"Ja, das dachte ich auch." Und es wäre nicht das erste mal dachte ich, sagte aber nichts.
"Es war verflucht knapp. Das waren zwei der stärksten Vampire die mir je unterkommen waren und ich habe eine Menge Blutsauger gegenüber gestanden. Und dieser Ort, ich hatte so etwas noch nie gesehen..."
"Und ich will so was auch nie wieder sehen, oder erleben. Ich dachte ich würde dort drinnen den Verstand verlieren." Myra zitterte immer noch.
Ich nickte, ich wusste wovon sie sprach. Das Grauen dort drinnen lässt sich kaum mit Worten beschreiben. Ich umarmte Myra heftig und lächelte sie an. "Aber jetzt haben wir es ja überstanden."
"Ja", seufzte sie, "du hast recht." Plötzlich schien ihr etwas einzufallen. Sie sah sich fragend um.
"Was ist den los?" fragte ich sie
Sie sah mich an. "Wo ist Valotica?"
"Verflucht noch mal. Seit ihr zwei den völlig unfähig?" Asteroth raste vor Wut. Er stapfte in seinem Zimmer umher und warf wahllos Sachen zu Boden oder schmetterte sie gegen Wände. Er hätte den beiden am liebsten den Kopf abgerissen, aber er brauchte sie noch.
"Verzeiht Meister, wir haben sie unterschätzt, wer konnte ahnen dass sie so stark sind." Es war Barlow der in der Ecke kauerte wie ein geprügelter Hund. Straker stand neben ihm, und sah nicht sehr viel glücklicher aus. Straker hatte Barlow die Hände auf seine Stümpfe gelegt und eine Zauberformel gesprochen. Sekunden später wuchsen Barlow zwei neue Hände die äußerlich nicht von den alten zu unterscheiden waren.
"Natürlich ist er stark, er ist immerhin fast mein Sohn. Meine Essenz steckt in ihm, ich habe euch gesagt ihr sollt ihn nicht unterschätzen. Aber diese Frau... unglaublich was sie für ein Potential hat - für einen Menschen. Kane hat sie gut ausgebildet. Sie könnte eine ernsthafte Gefahr bergen. Wir sollten sie im Auge behalten."
"Was habt ihr vor Meister?" fragte Straker neugierig.
Asteroth lächelte. "Oh vorerst nichts. Einfach nur abwarten. Endlich konnte ich diese ominöse Jägerin einmal in Aktion sehen. Sehr interessant, wirklich äußerst interessant. Vielleicht habe ich endlich eine Schwachstelle von Kane gefunden." Dann wandte er sich wieder den Zwillingen zu. "Nun zu euch beiden. Ich will noch einmal Gnade walten lassen, aber so etwas kommt mir nicht noch einmal vor. Zumindest weiß er nicht dass ihr in Wirklichkeit zu mir gehört."
Barlow schüttelte energisch den Kopf. "Nein mein Gebieter. Er glaubt wir würden auf eigene Faust arbeiten, er hatte keine Ahnung dass wir mit euch im Bunde stehen."
"Nun, nichtsdestotrotz seit ihr gute Kämpfer. Es war ein Fehler von Morisia euch einfach so gehen zu lassen, aber dieses Weibsbild war schon immer dümmer als die Nacht finster. Nun, soll sie sich ruhig auf o Kiels Seite schlagen. Sie stellt keine Gefahr dar."
Ein Geräusch ertönte draußen vor dem Fenster. Eine Art Rascheln. Asteroth öffnete das Fenster. Etwas Großes war Draußen in seinem Schlosshof gelandet.
"Erstaunlich wie gut der Plan funktioniert hätte." lächelte Asteroth. "Die beiden haben die Geschichte geschluckt die du den beiden erzählt hast und sie sind euch beiden direkt in die Falle gelaufen", der letzte Teil galt den Zwillingen. Dann wandte er sich wieder dem Fenster zu: "Nur zu Schade das die Falle nicht zugeschnappt ist."
"Ich habe getan was ihr mir befohlen habt, jetzt haltet eueren Teil ein!" forderte eine dunkle dröhnende Stimme welche die drei Anwesenden in ihren Köpfen vernahmen. Ein mächtiger Kopf schob sich zwischen den Fensterläden in das Zimmer.
Es war Valotica!
"Sei nicht so ungeduldig mein geschuppter Freund, du wirst deinen Lohn erhalten. Du bist ein guter Diener." Asteroth lachte lange und sah wieder in den Raum. "Wir werden in Zukunft regieren. O Kiel ist am Ende, es mag zwar noch ein wenig dauern, aber unsere Zeit wird kommen Wir sind geschaffen worden um zu herrschen. Das wird auch Kane und sein kleines Flittchen noch erkennen." Die anderen stimmten in sein diabolisches Lachen.
Bald, bald war es soweit!
Kapitel 8
Ritter der Göttin
1.
"Dürfte ich wohl euere Einladung sehen, werter Herr?" Der Ausrufer sah uns wartend an.
"Aber natürlich mein Wertester." antwortete ich in der lang einstudierten geschwollenen Adelssprache. Der Ausrufer nahm die Karte entgegen die ich ihm in die Hand reichte und sah sie sich einen Moment an. Nun galt es Daumen drücken. Hoffentlich würde es funktionieren. Dann hob er seinen Stab und klopfte dreimal auf den Boden.
"Lord und Lady Alsery!" verkündete er lautstark. Myra neben mir atmete erleichtert aus. Wir schritten an dem Aufseher vorbei, hinein in die Eingangshalle des Schlosses. Sogleich kam ein Dienstbote angesprintet und nahm uns die Mäntel ab. Ich gab ihm drei Silberstücke dafür, er nickte dankbar und eilte davon. Wir sahen uns um. Die ganze Halle war voll von dekadentem hochnäsigem Pack. Die Blaublütler standen in größeren oder kleineren Gruppen zusammen und unterhielten sich über die unwichtigsten Dinge. Die Männer stets in den nobelsten Anzügen, die Damen hüllten sich in möglichst prunkvolle Mäntel aus toten Tieren und hatten die Schminke so dick aufgetragen das man ihr Gesicht nicht einmal mehr erahnen konnte. Es machte mich krank sie zu beobachten, ich fühlte mich hier miserabel. Aber es musste eben sein.
"So weit so gut" wandte ich mich an meine Begleiterin. Myra sah in ihrem Aufzug einfach umwerfend aus. Wäre es für die Jagd und die beschwerliche Reise durch die Wildnis nicht zu unpassend, würde ich darauf bestehen dass sie immer dieses Kleid tragen sollte. Der weite Ausschnitt und der kurze Rock gaben eindeutig ihre Vorzüge preis und nicht wenige Männer sahen sie ein wenig zu oft an, als das es nur Neugier gewesen wäre. Aber es störte mich nicht, ich wusste dass sie eine Ausstrahlung hatte die einen fesseln konnte, und das lag nicht nur an ihrem Aussehen.
Sie schenkte mir ein wunderschönes Lächeln und sagte: "Von so etwas habe ich schon immer geträumt. Es ist wie in den alten Märchen, der Prinz und die Prinzessin. Wer hätte gedacht, dass ich jemals an so einem Festball teilnehmen würde." Sie strahlte übers ganze Gesicht.
"Du solltest doch langsam aus dem Alter raus sein indem man blauäugig vor sich hin träumt." antwortete ich wohl etwas zu schroff, den sie reagierte beleidigt.
"Tut mir leid, es war nicht so gemeint." entschuldigte ich mich schnell. "Aber diese Gesellschaft macht mich krank. Ich bin Jäger, und keiner von diesen Feiglingen die nicht wissen wohin mit ihren ganzen Reichtümern."
"Jetzt stell dich nicht so an, du wirst es schon überstehen. Ich dachte immer ein Jäger muss sich jeder Situation anpassen können. Wir haben einen Auftrag auszuführen, also vergiß mal kurz dein Ego und reiß dich zusammen." Ich sah Myra überrascht und sprachlos an. Dann begann ich zu lachen, worauf sie mir einen fragenden Blick zuwarf. "Was ist denn so lustig?" fragte sie mich.
"Du klingst genau wie Sen Lar." antwortete ich ihr immer noch lachend. "Bitte sag mir jetzt nicht, dass ich auch immer so klang als ich dich unterrichtet habe." Jetzt musste auch sie lachen.
"Ständig." sagte sie und zog eine Grimasse.
Ich nahm sie in den Arm und sagte: "Ich fürchte ich werde alt."
"Ich liebe dich trotzdem." flüsterte sie mir zu und küßte mich. Ich erwiderte den Kuß lange und ausgiebig und wandte mich dann wieder der Halle zu. "Also gut, dann wollen wir mal versuchen etwas in Erfahrung zu bringen."
"Und du bist dir sicher dass wir hier fündig werden?" fragte mich Myra skeptisch.
"Zweifelst du etwa an meinen Fähigkeiten Liebes? Wir haben wochenlang jede Informationsquelle abgeklappert und ich bin mir sicher dass wir einem dicken Fisch auf den Fersen sind. Vielleicht sind es Ratsmitglieder der Gilde, das sind adlige Vampire fast immer. Die Gilde steht kurz vor ihrem endgültigen Zusammenbruch. Sie müssen handeln und werden dadurch unvorsichtig. Das ist unsere Chance."
"Aber damit würdest du Asteroth doch einen Gefallen tun und seine Ausgestoßenengruppe hat vielleicht bald soviel Macht das wir nicht mehr gegen sie ankommen." gab Myra zu bedenken.
"Ich weiß. Es ist riskant. Aber auch O Kiel stellt nach wie vor eine Bedrohung dar, ich werde ich kein zweites Mal unterschätzen. Seine Macht wird mittlerweile in Frage gestellt, unter ihren Reihen spricht man von einem Umsturz - und das weiß er. Er weiß auch, dass er etwas Großes vollbringen muß um sich wieder die Loyalität seiner Untertanen zu sichern. Asteroth kann er im Moment nicht offen attackieren, das Bündnis zwischen den beiden Parteien ist gespannter denn je. Also was kann er tun?" fragte ich sie.
"Den letzten Vampirjäger gefangen nehmen und öffentlich hinrichten lassen." seufzte sie.
"Nein, die zwei letzten Jäger. Ich schätze dass sie mittlerweile auch auf dich aufmerksam geworden sind. Und das macht mir Angst." gestand ich ihr.
Sie umklammerte meine Hand fest. "Hab keine Angst, ich werde immer zu dir stehen. Wir werden uns nicht so einfach geschlagen geben."
"Nein, das werden wir nicht. Und deshalb muß ich o Kiel einen Strich durch die Rechnung machen. So leicht lassen wir uns nicht fangen." Myra nickte zustimmend. Sie verstand. Ich war stolz auf sie, und ich gebe zu auch ein wenig auf mich. Ich war ein guter Lehrer. Sie war perfekt ausgebildet, sie konnte jetzt alles was sie können musste. Sie war mir schon fast ebenbürtig. Die letzten vier Jahre seit dem Kampf mit den Zwillingen waren für sie sehr lehrreich. Und es hatte sich auch einiges getan. Wir fanden heraus das Barlow und Straker - beide noch am Leben (oder am Unleben) wie ich befürchtet hatte - sich Asteroth angeschlossen hatten und zu seinen ersten Rittern ernannt wurden. Sozusagen seine Befehlshaber wenn es zu einem weiteren Krieg kommen würde. Und das würde es. Es war nur eine Frage der Zeit.
Die Gilde zerbrach Stück für Stück. Viele waren übergelaufen, viele einfach ausgewandert. Vor etwa einem Jahr konnte der Versuch eine Revolution gegen Tarim o Kiels Herrschaft noch mal von ihm abgewandt werden, doch die wenigsten zollten ihm noch aus Überzeugung Loyalität. Die meisten warteten darauf dass er fiel. Soviel zu meinen Informationen die ich oder Myra erhaschen konnten. Den Rest kann man sich denken. Asteroth würde warten bis man einen weiteren Umsturzversuch unternimmt, vielleicht führt er ihn sogar durch einige seiner Leute selbst aus. Dann wird er vermutlich das Kriegsrecht ausrufen und ich war mir ziemlich sicher, dass er diesmal gewinnen würde. Das Ende der Gilde würde aber auch gleichzeitig die unumstößliche Macht für Asteroth bedeuten. Wenn ich nur wüsste was ich dagegen unternehmen konnte.
Im Moment jedoch musste ich mich auf unseren Auftrag konzentrieren, die Gilde sollte auch nicht unterschätzt werden. Ich wusste dass sich auf diesem Fest mindestens ein Ratsmitglied befand, vielleicht mehr. Und die galt es zu finden und zu vernichten - so einfach war das.
Wir bahnten uns unseren Weg durch die Menge, die erste Gelegenheit einen genaueren Blick auf die Festgesellschaft werfen zu können. Typische Blaublütige: Arrogant, selbst verliebt und über jeden Zweifel erhaben. Meine vampirische Seite hätte sie am liebsten gleich ausgesaugt, meine menschliche fand sie einfach nur zum kotzen.
Myra hingegen schien es zu genießen. 27 Jahre hin oder her, das kleine Mädchen steckte eben immer noch in ihr. Nun gut, wenn es sie glücklich machte. Wir verließen den Empfangssaal und gelangten in ein geräumiges Wohnzimmer. Im Kamin prasselte ein Feuer und der Raum war vom Rauch der Pfeifen und vom Parfüm der Gäste geschwängert. Die Wände schmückten Gemälde dessen Wert ich nicht einmal schätzen konnte, die Vitrinen säumten goldenes Geschirr und Schmuck, der Boden war mit den teuersten Teppichen ausgelegt und die Möbel bestanden aus den edelsten Holz- und Stoffsorten. Die hohen Herren und Damen saßen entweder gemütlich auf Sofas, edle Weine in der einen, gedrehten Tabak in der anderen Hand und unterhielten sich über Ländereien, Intrigen und wer mit wem. Das übliche eben. Andere standen um den Kamin und tauschten Tipps aus wo man am besten Essen konnte oder welcher der miserabelste Frisör war. Die Reichsten und Einflussreichsten badeten hier im trivialem. Nur mühsam konnte ich ein Gähnen unterdrücken.
"Scheint dich ja unheimlich zu faszinieren." neckte Myra mich.
"Tut mir Leid, aber ich habe meine Begeisterung wohl Zuhause vergessen." antwortete ich gelangweilt. Wir verließen den Raum. Es folgten noch zwei weitere Wohnzimmer und der Speisesaal. Eine riesige Tafel mit gut 100 Stühlen darum. Doch das dinieren fand erst in einer Stunde statt, die Tafel war noch leer. Der angrenzende Raum war die Großküche, in der ungefähr 20 Köche und Bedienstete wie vom Hafer gestochen umherwuselten. Wir schienen hier nicht erwünscht zu sein und standen wohl nur im Weg. Edle Herrschaften hin oder her, man merkte das die Angestellten im Stress waren und so bat man uns höflich aber bestimmt die Küche zu verlassen. Also machten wir uns auf den Rückweg. Unterwegs wurde ich an der Schulter angetippt. Ein etwa fünfzigjähriger grauhaariger Mann mit stahlgrauem Schnurrbart, einem Monokel und einem Elefanten von einer Frau im Arm grinste mich an.
"Verzeiht mir, aber ich glaube wir kennen uns noch nicht. Mein Name ist Baron von Gratfels, und das ist meine bezaubernde Gattin, die Baroness von Gratfels. Und ihr seid..."
"Lord und Lady Alsery. Wir sind neu in der Gegend und wollten den Ball dazu nutzen Bekanntschaften zu knüpfen." antwortete ich leicht hochnäsig. Myra neben mir hielt sich die Hand vor den Mund und versuchte ein Kichern zu verkneifen wofür ich ihr einen ärgerlichen Blick zuwarf.
"Geht es euch nicht gut, Teuerste?" fragte die Baroness. Die Frau musste mindestens 300 Pfund wiegen und noch mal 50 Pfund Klunker an den Wurstfingern und um den Stiernacken hängen haben. Wie sie sich in das Kleid zwängen konnte war mir ein Rätsel, aber es war so zum zerreißen gespannt, das ich dachte ihr kolossaler Busen würde es jeden Moment sprengen.
"Danke, es geht mir gut. Ich hatte mich wohl verschluckt." antwortete Myra mit gespielter Verlegenheit. Die Antwort schien sie ruhig zu stellen und der Baron wandte sich wieder mir zu: "Nun mein Verehrter. Sagt mir, über welchen Landstrich gebietet ihr?"
"Nun, unsere Ländereien liegen..." setzte ich an, kam jedoch nicht weit als mich Myra mit dem Ellenbogen leicht in die Seite stieß. Ich sah sie an und sie nickte nach rechts. Mein Blick folgte ihrem und ich sah was sie meinte. Eine Gestalt in schwarzem Frack sah uns überrascht und etwas erschrocken an und verschwand dann durch die Tür. Keine äußerlichen Anzeichen, aber ich war mir sicher dass es einer von IHNEN war. Und er hatte uns scheinbar erkannt.
"Verzeiht, ich bin untröstlich aber ich fürchte wir müssen unsere Konversation auf später aufschieben. Wir haben so eben einen Bekannten entdeckt und wollen uns eilen bevor wir ihn wieder im Getümmel verlieren." entschuldigte ich mich bei dem Baron und seiner Frau.
"Aber sicher doch. Wir werden hier sein. Und dann müsst ihr mir unbedingt mehr über euch und euere bezaubernde Gemahlin erzählen."
Ich und Myra schenkten ihm ein gekünsteltes Lächeln. Danach versuchten wir möglichst schnell, aber unauffällig der Gestalt zu folgen. Unterwegs stach mir ein Festgast ins Auge. Er war kein Vampir, da war ich mir sicher, aber mir fiel er auf weil er völlig fehl am Platz erschien und sich seiner Mimik nach zu urteilen auch nicht besonders wohl fühlte. Er sah aus wie ein Krieger oder etwas Ähnliches. Sehr groß, muskulös, von Kampf und Schmerz gezeichnetes Gesicht, blaue Augen, kurzes blondes Haar. Der Anzug den er trug passte nicht zu ihm, eher eine Rüstung. Er schien uns auch bemerkt zu haben und sah uns argwöhnisch an. Dann wandte ich mich wieder der Gestalt zu. Sie war verschwunden.
2.
"Er ist hier!" keuchte Telfer und schlug die schwere Eichentür hinter sich ins Schloss. Sardgasson drehte sich erbost um und wollte den Störenfried zurechtweisen. Er hatte ausdrücklich angeordnet nicht gestört zu werden solange er und Graf Melwin tagten. Doch dann sah er den Ausdruck in Telfers Gesicht und wusste Bescheid. In seinem Gesicht zeugte von blanker Furcht, Sardgasson hätte es Todesangst genannt, wäre dieser Ausdruck nicht so grotesk für einen Untoten.
"Wo?" fragte er knapp. Er wusste dass es sich nur um einen Handeln konnte. Oder mittlerweile schon um zwei.
"Mitten unter den Festgästen. Ich glaube sie haben mich gesehen doch ich konnte sie abhängen." antwortete Telfer immer noch völlig daneben. Sardgasson stampfte auf ihn zu und packte ihn am Kragen. "Bist du sicher?"
Telfer nickte hastig mit dem Kopf. "J-Ja ich bin mir sicher. Sie wissen nicht wo wir sind."
"Aber sie werden es herauskriegen", schnaubte Sardgasson wütend und ließ Telfer zu Boden fallen, "wir müssen verschwinden!" Er wandte sich an Melwin. Dieser nickte. Auch ihm schien nicht wohl in der Haut zu sein. Sein Gesicht war selbst für einen Vampir zu bleich. Sie mussten hier unbedingt weg. Sich mit dem Jäger einzulassen bedeutete den sicheren Tod. Es hieß dass er unsterblich sei und Klingen führte die in den Feuern der Hölle selbst geschmiedet wurden. Normalerweise glaubte er derlei Dinge nicht, aber es war Hoheit Sagul - ihr Herrscher und nach Tarim o Kiel der höchste Rang der Gilde - selbst der ihm den tödlichen Streich versetzt haben sollte, und dennoch wandelte er durch die Welt und machte Jagd auf ihn und seinesgleichen. Wer wusste mit welch mörderischer Macht ihn Asteroth, dessen angeblicher Vater und bekanntlich größter Feind der Gilde, ihn ausgestattet hatte?
"Also los, packt alles zusammen und dann nichts wir raus hier!" befahl Sardgasson. Kaum hatte er die Worte ausgesprochen hörten sie jemanden die Treppe hinauf stürmen, direkt auf ihr Zimmer zu. Stimmen waren zu vernehmen, eindeutig die des Jägers und der Jägerin. Sie hatten sie aufgespürt.
"Verflucht, sie haben uns gefunden!" brüllte Melwin. Telfer sah sich ruckartig um und hechtete hinter einen Schrank. Sekunden später zersplitterte die Eichentür als sich etwas von außen dagegen warf. Die beiden Vampire hatten keine Wahl, sie würden sich dem Kampf stellen müssen!
Mein Gefühl hatte mich nicht in die Irre geführt. Gleich wohl wir den Vampir nirgends sehen konnten wusste ich wo wir hin mussten, ich konnte die Kreatur förmlich riechen. Und die überraschten Blicke der anderen Gäste die sich verdutzt nach der Gestalt umsahen die gerade an ihnen vorbei gerannt war, war zugegebenermaßen auch sehr hilfreich. Dank meines guten Gehörs konnte ich trotz des Festlärms hinter einer Tür deutlich Stimmen hören die sich aufgeregt unterhielten. Das musste es ein. Ich riss mir das Festgewand vom Leib. Darunter befand sich ein Spezialhemd das mir (für einen fürstlichen Preis) ein Experte angefertigt hatte. Man konnte darin Dolche verbergen ohne dass man sie sah oder spürte. Für welche Zwecke solche Hemden gedacht waren, lag wohl auf der Hand, doch für genug Gold konnte man alles bekommen, wenn man wusste wo man zu suchen hatte. Nun zog ich zwei meiner Eichenholzpflöcke mit Silberspitze aus diesen Dolchscheiden. Es war ein seltsames Gefühl, sich nach so langer Zeit ohne die Schwarzen Zwillinge in den Kampf zu stürzen, aber ich hatte keine Wahl, sie konnte man nicht einfach verbergen. Ich hatte sie gerade einmal vor zwei Stunden abgelegt und sicher versteckt, und dennoch spürte ich bereits ein unangenehmes ziehen in der Magengegend. Der Packt war unbarmherzig!
Ich schaffte es einmal vor langer Zeit, noch lange bevor ich Myra kennen lernte, 3 Tage ohne sie zu leben - ein vergeblicher Versuch den Packt zu brechen der beinahe tödlich endete.
Am ersten Tag ließen sich die Schmerzen ertragen, obwohl man glaubte man würde von innen heraus zerrissen zu werden, an Schlaf war diese Nacht nicht zu denken. Aber ich dachte ich wäre stärker und machte weiter. Den zweiten Tag verbrachte ich mit Meditation um die Schmerzen zu übertönen was mir halbwegs gelang. Am dritten Tag begann ich dann zu bluten. Erst nur leicht, Schnittwunden die sich einfach überall am Körper bildeten, doch bald wurde es schlimmer bis ich blutete wie ein abgestochenes Schwein. Da gab ich auf, ich wusste dass ich bei dem Versuch sterben würde. Kaum hatten meine zitternden blutüberströmten Hände die Klingen berührt stoppte die Blutung und die Wunden schlossen sich von selbst. Nachdem ich einen Tag geruht hatte waren die Schmerzen vergangen und es war, als wäre nichts passiert. Doch ich hatte nicht vor solche Schmerzen noch einmal auf mich zu nehmen wenn es nicht unbedingt sein musste. Ich hoffte das hier würde nicht zu lange dauern, spätestens in 10 oder 12 Stunden würden die ersten Schmerzen einsetzten. Vielleicht ging es mittlerweile sogar schneller weil ich sie nun länger führte und der Packt dadurch mächtiger wurde. Ich wollte es lieber nicht ausprobieren.
Ich nickte Myra zu, sie nickte zurück und ich nahm Anlauf. Meiner vampirischen Kraft konnte die Tür nicht viel entgegensetzen und sie zersplitterte unter meinem Gewicht. Im Raum dahinter befanden sich zwei Vampire die uns erschrocken anstarrten. Auch von unten drangen erschreckte Stimmen von Ballgästen. Ich warf Myra einen der Pflöcke zu und wir drangen ins Innere ein, wir mussten uns beeilen.
Einen der beiden Vampire kannte ich, sein Name war Sardgasson, ein Mitglied des Rats der Gilde. Volltreffer! Der andere war mir unbekannt, doch musste es wohl auch ein höheres Tier sein. In meinem Kampfesrausch fiel mir überhaupt nicht auf das der Verfolgte nicht anwesend war. Myra auch nicht - ein Fehler der fast tödlich geendet hätte.
Die beiden Blutsauger stürzten sich ohne groß Worte zu verlieren auf uns. Der Fremde ließ einige Papiere fallen über die sie wohl gerade gesprochen hatten und attackierte Myra, Sardgasson mich. Ich konnte in seinen Augen lesen dass er selbst nicht an einen Sieg glaubte. Ihm fehlte der Wille, der Kampf war schon gewonnen. Ich holte mit dem Pflock aus und stach mehrmals zu, Sardgasson wich den Attacken mehr schlecht als Recht aus, aber ich hatte die Initiative und drängte ihn Stück für Stück in die Ecke. Myra machte es ähnlich und versuchte den Vampir von der Tür fernzuhalten. Von Draußen konnten wir Getrampel auf der Treppe hören. Nun zählte jede Sekunde.
"Ich kenne euch Sardgasson. Euere Zeiten der Knechtschaft sind gezählt." versuchte ich ihn anzustacheln.
"Du wirst nicht mein Richter sein Jäger." zischte er zurück und versuchte mir seine Fingernägel, die wie Klauen an seinen Händen hingen, durchs Gesicht zu ziehen. Ich wich ihm ohne Mühe aus und stieß ihm den Dolch in die Nieren. Sardgasson heulte auf und verpasste mir einen Kinnhaken der aber nicht gut gezielt war und mich nur streifte. Neben mir schrie der andere Vampir als Myra ihm zuerst ins Schienbein trat und ihm anschließend den Ellenbogen ins Gesicht rammte. Der Blutsauger hob die Hände ans Gesicht und taumelte ein Stück zurück. Myra vollführte eine 180 Grad Drehung und rammte ihm den Pflock bis zum Anschlag ins Herz. Kreischend fing die Kreatur Feuer und ging zu Boden, wo sie sich langsam in ein Häufchen Asche verwandelte. Mittlerweile waren die ersten Gäste bei uns angelangt, aber keiner wagte es denn Raum zu betreten. Sardgasson riss die Augen auf und sah das brennende Bündel am Boden. Ich nutzte meine Chance und zog den Pflock mit aller Wucht horizontal über Sardgasson Hals. Mir schoss eine Blutfontäne entgegen als sich sein Kopf vom Rumpf löste und sein erstauntes Gesicht so wie auch der Rest von ihm Feuer fing.
Anschließend passierte alles ganz schnell und ich kann es nur noch bruchstückhaft rekonstruieren. Ich drehte mich um und lächelte Myra an, sie lächelte zurück. Dann sah ich eine Bewegung hinter ihr, etwas sprang hinter einem Schrank hervor und hielt einen großen Dolch erhoben, bereit jeden Moment damit auf Myra einzustechen. Dann stürmte plötzlich jemand ins Zimmer, doch das bekam ich nur am Rande mit. Ich riss die Arme hoch und wollte Myras Namen rufen, bekam aber keinen Ton heraus. Die Gestalt würde gleich zustechen, sie hatte Myras Genick schon im Visier, ein tödlicher Streich!
Dann musste Myra mein Gesicht bemerkt haben, denn sie drehte sich erschrocken herum und sah die Kreatur hinter sich, die in ihrer Bewegung erstarrt war. Erst verstand ich nicht was los war, warum er nicht zugestoßen hatte, doch dann sah ich die blutige Metallspitze aus seinem Herzen ragen. Dann fing auch dieser Körper Feuer und verwandelte sich in Asche.
Hinter dem Blutsauger erkannte ich den blonden Mann der mir unten in der Halle aufgefallen war, der verdutzt auf den Haufen Asche starrte, das Kurzschwert mit dem er ihn erstochen hatte immer noch in der Hand.
"Was bei Torscha und allen himmlischen Mächten war das für eine Ausgeburt der Hölle?" fragte er völlig irritiert. Myra war immer noch ganz neben sich und wusste nicht was sie tun oder sagen sollte. Ich hatte als erster wieder die Fassung erlangt und stellte fest dass uns die Festgäste ängstlich, verwirrt und wütend anstarrten. Wir hatten bereits zuviel Aufmerksamkeit erregt, das war nicht gut. Unsere Stärke war das wir im Verborgenen operierten. Wir mussten verschwinden bevor wir alles noch schlimmer machten. Ich nahm einen Stuhl und warf ihn durch eines der großen Butzenglasfenster das klirrend zersprang. Wir befanden uns im zweiten Stock, doch unter uns befanden sich Büsche die den Fall bremsen würden - hoffentlich. Ich griff mir die Papiere die der Fremde Vampir fallen gelassen hatte und wand mich an meine Geliebte.
"Wir müssen verschwinden!" rief ich, packte Myra und stürzte mich mit ihr aus dem Fenster.
Die Büsche dämpften den Fall tatsächlich, angenehm war er dennoch nicht. Ich sah nach Myra, sie schien unverletzt zu sein.
"Geht es dir gut?" fragte ich.
"Denke schon!" stotterte sie. Dann krachte etwas Schweres neben uns in die Büsche. Raschelnd kam der blonde Hüne zum Vorschein. "Ich weiß zwar nicht wer Ihr seid und was das da oben für Kreaturen waren, aber die Gäste werden mir wohl dank euch eine Menge unangenehmer Fragen stellen. Deshalb sollten wir hier schnellstens verschwinden!" keuchte er. Ich sah nach oben, einige neugierige Gestalten starrten in die Dunkelheit, konnten uns aber nichts erkennen. Ich sah den Fremden an und nickte. "Also gut, folgt uns!"
3.
Wir versteckten uns zwei Kilometer weiter südlich in einer alten Hütte die am Waldrand stand. Ich wusste nicht wie lange wir hier unentdeckt bleiben würden, dachte aber dass die Festgäste im Moment viel mehr an den Opfern interessiert waren, die sich vor ihren Augen im wahrsten Sinne des Wortes in Rauch aufgelöst hatten. Ich schloss die Tür hinter uns und blickte in die Runde. Myra war an der Wand zusammengesunken und hatte die Augen geschlossen. Sie versuchte immer noch das eben passierte zu verarbeiten. Der blonde Hüne stand mitten im Raum, hatte die Arme vor der Brust verschränkt und sah mich fragend an. In dem Moment als ich in seine tiefgründigen blauen Augen blickte fühlte ich eine seltsame Verbundenheit, als würde ich diesen Mann schon ewig kennen, fast als wäre er mein Bruder. Dieses Gefühl hatte ich in meinem Leben erst dreimal gespürt. Einmal bei Sen Lar, einmal bei Myra... und einmal bei Asteroth. War er nun Freund oder Feind?
Myra wollte im Moment wohl lieber alleine sein also galt es nun diesem Herkules auf den Zahn zu fühlen. Als er merkte dass ich mich ihm zuwandte konnte er seine Ungeduld nicht länger zügeln.
"Also schön. Wer immer ihr auch seid, ich glaube ihr schuldet mir eine Erklärung. Was ist gerade passiert?"
"Ihr habt einen Fehler begangen als ihr jenen Raum betreten habt. Nun gibt es für euch kein zurück mehr, nun werdet auch ihr gejagt!" war das einzige was ich ihm antwortete.
"Was soll das bedeuten? Wer jagt mich? Was beim Zorn von Torscha waren das für Wesen?"
"Wer zum Henker ist Torscha?" fragte ich ihn ungeduldig.
Der Krieger (oder was immer er war) schien fassungslos zu sein. "Ihr wisst nicht wer Torscha ist? Torscha, Göttin des Mutes, des Kampfes und des Feuers! Ihr könnt nicht allen ernstes behaupten das ihr sie nicht kennt."
'Na großartig' dachte ich. Das hatte mir jetzt gerade noch gefehlt. Schlimm genug das ich nun einen Fremden am Hals hatte, aber musste es auch noch so ein verrückter Glaubensfanatiker sein, noch dazu von einer Göttin der Ehre? Ich versuchte dennoch mein Missfallen zu verbergen. Ein Streit war im Moment nicht sehr zuträglich, und diese Leute konnten sehr unberechenbar reagieren wenn man ihren Glauben beleidigte. Ich hatte Myra versprochen die alte Fehde zwischen mir und den Himmelsmächten zu begraben. Ich musste sie nicht mögen, aber ich würde sie akzeptieren. Außerdem hatte er ihr das Leben gerettet.
"Wir kommen nicht von hier, und sind mit den Sitten und Gebräuchen nicht vertraut." antwortete ich stattdessen.
"Sitten und Gebräuchen? Torscha ist doch keine Sitte. Sie herrscht über das ganze Weltenrund. Aber ich weiß schon dass man in den entfernten Königreichen andere Götzen verehrt. Nun gut, ihr wisst es eben nicht besser, ich kann euch keinen Vorwurf machen."
Seine herablassende Art gefiel mir überhaupt nicht. Lebensretter hin oder her, ich hatte gute Lust ihm seine freche Reden auszutreiben.
"Seit ihr Paladin oder etwas ähnliches?" fragte ich ihn stattdessen. Sein Gesicht nahm einen bedrückenden traurigen Ausdruck an. "Ich diene meiner Göttin." erklärte er ausweichend. Ich beschloss es dabei beruhen zu lassen.
"Wie ist euer Name?" fragte ich ihn weiter.
Seine Züge glätteten sich wieder ein wenig. "Mein Name ist Craven." antwortete er erleichtert nicht länger über seinen Titel befragt zu werden. "Und wie ist der Euere?" Ich überlegte kurz, sah aber keinen Grund ihm etwas vorzulügen.
"Man nennt mich Drake du Kane, und die bezaubernde Dame deren Leben ihr gerettet habt heißt Myra." Die Angesprochene hob den Kopf als sei ihren Namen hörte, doch ihr Blick war leer und glitt einfach durch uns hindurch. Es passierte nicht jeden Tag dass man den Tod vor Augen sah. Ich verspürte den Drang zu ihr zu gehen und den Arm um sie zu legen, aber ich wusste dass es besser wäre sie in Ruhe zu lassen. Ich wusste das aus eigener Erfahrung. Also wendete ich mich wieder unserem Gast zu. Dieser schien zu überlegen. Schließlich bildete sich ein Grinsen auf seinem Gesicht als hätte er gerade die Pointe eines Witzes verstanden. "Schön, wer seit ihr wirklich?" fragte er lächelnd.
Darauf fiel mir keine Antwort ein. "Was meint ihr damit? Ich habe euch unsere Namen genannt..."
"Ach bitte", fiel er mir ins Wort, "und das soll ich euch glauben? Drake du Kane ist eine Legende. Der unbesiegbare Vampirjäger? In den heiligen Büchern der Kirche gibt es einen Artikel über ihn. Dort wo die Fabelwesen stehen. Vampire und anderes Zeug. Drake du Kane soll angeblich selbst ein Vampir sein - ein guter - und nun Jagd auf andere Vampire machen." Craven lächelte immer noch. Ich war sprachlos. Ähnlich wie damals als mir Myra ihre Anbetung bekundet hatte, aber diesmal war es schlimmer. Der Gedanke dass ich in einem heiligen Buch stand, wenn auch nur als Legende oder Gute-Nacht-Geschichte war unvorstellbar. Ich merkte wie meine Beine wacklig wurden und ließ mich auf den Boden fallen. Ich schloss die Augen, alles begann sich zu drehen. Als ich die Augen wieder öffnete sah ich Cravens besorgtes Gesicht über meinem. "Geht es euch gut? Ich dachte schon ihr würdet das Bewusstsein verlieren."
Langsam nahm meine Umgebung wieder feste Konturen an und ich spürte meine Beine wieder. Ich stand auf und atmete tief durch. Es war als würde mir das Schicksal einen bösen Streich spielen. Was ich auch tat um meine Existenz geheim zu halten, jedes Mal wusste jemand etwas über mich, es war zum verrückt werden.
Andererseits, schoss es mir durch den Kopf, wenn ich als Legende galt, war das vielleicht noch besser. Jeder würde glauben dass ich nur ein Märchen war. Etwas Besseres hätte mir, nüchtern betrachtet, eigentlich gar nicht passieren können. Ich sah Craven ernst an. "Vermutlich wird das in eueren Ohren absurd klingen, aber ich bin tatsächlich Drake du Kane. Ich bin kein Ammenmärchen."
Craven schüttelte den Kopf. "Unmöglich. Wenn ihr echt wärt müsste es Vampire geben und das..." Plötzlich begann er zu stocken. Auf seinem Gesicht zeichnete sich eine grausige Erkenntnis ab.
Ich nickte stumm. "Ganz recht. Menschen verwandeln sich nicht in Asche wenn man sie tötet. Ihr habt einen leibhaftigen Untoten vernichtet. Euere Göttin wäre wohl stolz auf euch." Ob sie das tatsächlich war, ob Götter sich überhaupt darum scherten was wir machten, bezweifelte ich. Aber vielleicht gab ihm dass Halt bei dem Versuch die Wahrheit zu verkraften.
Nun war es Craven der sich setzte. Er schüttelte noch immer den Kopf. "Ich hätte es eigentlich wissen müssen. Ich wusste dass es in diesem Königreich nicht mit Rechten Dingen zugeht. Darum war ich auf jenem Ball, ich wollte herausfinden welch Götterlästerliche Dinge dort vor sich gehen. Der Glaube lehrt uns dass nichts unmöglich ist. Soviel Kreaturen leben auf dieser Welt, aber Vampire. Schon immer bin ich in dem Glauben aufgewachsen sie seien nicht Real."
"Ja, ich weiß. Und genau das ist ihre Stärke. Sie versuchen uns weiszumachen das sie nicht existieren. Aber sie gibt es schon länger als die meisten anderen Rassen auf diesem Planeten. Und sie müssen bekämpft werden bevor sie noch mächtiger werden. Normalerweise müsste ich euch töten, jetzt wo ihr es wisst, schon alleine um euch vor euch selbst zu schützen." Craven sah mich zornig und kampflustig an. Er schien bereit sein Leben teuer zu verkaufen. "Aber ihr habt meiner Geliebten das Leben gerettet." beruhigte ich ihn.
"Und nun soll ich euch wohl für euere Milde dankbar sein?" fragte er wütend. "Niemand entscheidet über mein Leben außer Torscha. Ich hoffe also das euere Wort nicht so gemeint waren." Ich hatte wohl einen Fehler begangen, aber ich war den Umgang mit Menschen einfach nicht gewöhnt, Myras Mühe zum Trotz.
"Schon gut, vergesst einfach was ich gesagt habe. Aber glaubt mir, wenn man von Ihnen gejagt wird, gibt es schlimmeres als den Tod. Ihr könntet verwandelt und zu einem von Ihnen werden."
Craven schien verstanden zu haben worauf ich hinaus wollte. Er nickte stumm. Manchmal war der Tod wirklich besser. Er sah mich an. "Und was nun? Was soll ich jetzt tun?" Aber auf diese Frage wusste ich keine Antwort. Er hatte einen Vampir getötet. Das alleine war noch nicht so schlimm, das hatten andere Menschen auch schon getan, wenn auch mehr aus Zufall oder Verzweiflung. Aber er wurde mit mir und Myra gesehen, das machte ihn zu einem potentiellen Gegner. Schon die zweite Unschuldige Seele die ich in meinen Kreuzzug hineingezogen hatte. "Viele Möglichkeiten bleiben euch nicht mein Freund. Es tut mir Leid, aber ich denke dass ich euch nur den Tod anbieten kann."
Craven schüttelte energisch den Kopf. "Der Freitod ist etwas für Feiglinge, und Feiglinge duldet Torscha nicht. Nein, niemals werde ich das tun."
Ich nickte. "Nun, ihr scheint stark zu sein. Vielleicht könnt ihr sie bekämpfen. Es wird hart und entbehrungsreich und ihr werdet mit ziemlicher Sicherheit sterben oder einer von Ihnen werden." Es war die blanke Wahrheit, es hatte keinen Sinn ihm etwas vorzulügen.
"Ich verstehe." antwortete er. "Wenn so mein Schicksal aussehen soll, dann werde ich es akzeptieren."
"Es gibt auch eine dritte Möglichkeit." ertönte plötzlich eine Stimme hinter uns. Myra kam auf uns zu, ihr Blick war wieder klar und sie schien wieder sie selbst zu sein. Wir beiden sahen sie fragend an.
Myra brachte ein Lächeln zustande und schüttelte leicht den Kopf. "Du bist den Umgang mit anderen Menschen wohl wirklich nicht gewohnt Drake du Kane", schollt sie mich, "sonst hättest du längst in Betracht gezogen was am nächsten liegt."
Myra trat neben Craven, der sie gut zwei Köpfe überragte und sah ihn an. "Er begleitet uns!"
Craven reagierte überrascht über Myras Vorschlag, doch ich hatte es befürchtet. Ich hatte diese Möglichkeit nicht vergessen sondern verdrängt. Ich schüttelte energisch den Kopf. "Nein, mein Kreuzzug hat schon genug Schaden angerichtet. Wenn er uns begleitet ist er hundertprozentig tot!"
"Und wenn er uns nicht begleitet zweihundertprozentig!" erwiderte Myra energisch. "Fang nicht wieder die alte Diskussion an wie bei mir. Du weist doch so gut wie ich das nur wir ihn noch vor Ihnen schützen können."
"Alleine könnte er sich möglicherweise vor Ihnen verstecken." entgegnete ich, doch die Worte klangen in meinen Ohren nicht besonders überzeugend. Ich glaubte sie selbst nicht.
"Und sie würden ihn dennoch finden. Hast du mir nicht selbst gesagt dass sie dich überall finden wenn sie dich suchen? Du weist das ich Recht habe. Gib es zu, du willst nicht dass er uns begleitet." Sie funkelte mich herausfordernd an.
"Also gut, du hast Recht. Ich will es nicht, weil es riskant ist. Drei Jäger sind leichter zu finden als zwei. Es wird so schon immer schwerer unterzutauchen. Zu dritt wäre es so gut wie unmöglich, an einen von uns würde man sich immer erinnern."
"Das ist doch nicht der einzige Grund. Ich weiß warum du zögerst. Aus dem gleichen Grund warum du auch mich zu anfangs nicht mitnehmen wolltest. Es ist Asteroth. Er gehört dir, nicht wahr? Du willst nicht dass wir deinen Hass auf ihn teilen."
"Ich will nicht das er euch das antut was mir und Sen Lar und hundert anderen C'ael Rohen widerfahren ist. Und was meine Rache betrifft..." Ich schwieg. Vermutlich hatte sie recht auch wenn ich mir das selbst nicht eingestehen wollte. "Er wird für seine Taten bezahlen, das habe ich geschworen. Doch dies ist mein Krieg!" flüsterte ich mit bebenden Lippen. Ein lautes Räuspern riss mich aus meinen Gedanken und ich schreckte hoch.
Craven stand nach wie vor am selben Fleck und sah uns ungeduldig an. "Ich störe eueren Streit ja nur ungern, aber da ich wohl der Grund dafür bin, habe ich wohl auch ein Wort mitzureden. Vor einer Stunde war mein Leben noch in Ordnung. Ich war ein einfacher Ritter der das Recht hütete und seiner Göttin diente. Und nun stehe ich hier und stelle fest das Kreaturen mich jagen, von denen ich bisher dachte sie wären eine Legende. Auch wenn ich mir den Dienst gegenüber meiner Göttin immer anders vorgestellt habe so bekämpfe ich nach wie vor das Böse. Und wenn es sein muß eben als ein - wie nanntet ihr sie - C'ael Rohen? Ich werde mich nicht einfach erlegen lassen. Wegen euch sitze ich in dieser Zwickmühle, also lehrt mich gefälligst wie ich sie bekämpfen kann!" Craven schien es bitter ernst zu sein mit seiner Forderung. Er setzte alles auf eine Karte und ich musste mir eingestehen dass mir das an ihm gefiel.
"Und außerdem", fügte er hinzu, "ihr könnt meine Hilfe brauchen!"
Ich lächelte. "Tatsächlich?" fragte ich ihn. "Nun ich gebe zu das euer Auftritt sehr eindrucksvoll war, und ihr habt Myra das Leben gerettet. Und ihr besitzt sogar eine Waffe die sie vernichten kann."
Myra fixierte mich noch immer mit ihren Blicken. Ich seufzte ergeben. "Na schön, wir brauchen Hilfe, die Vampire werden von Tag zu Tag stärker." Ich reichte ihm die Hand. "Kämpft für unsere Sache und ich werde euch lehren was ihr wissen müsst!"
Craven zögerte keine Sekunde und schlug mit starrer Mine ein. "So soll es sein!"
Myra lächelte erleichtert.
Von jener Nacht an waren wir zu dritt!
4.
Die Nacht war fortgeschritten, im Osten war bereits die Morgenröte auszumachen und die ersten Vögel stimmten ihren Gesang an. Ich saß auf einem alten wackeligen Holzstuhl und studierte die Dokumente die ich bei dem Kampf sicherstellen konnte. Mein Blick glitt des Öfteren ins Nebenzimmer. Myra lag auf einem alten verstaubten Bett. Craven stand an einem alten verschmutzten Fenster und blickte hinaus. Die beiden unterhielten sich leise miteinander. Trotz meines guten Gehörs konnte ich nur vereinzelte Gesprächsfetzen aufschnappen, aber das störte mich nicht. Ich gehörte nicht zu jener Charaktersorte die andere belauschten sofern ich keinen triftigen Grund dazu hatte. Und obwohl ich Myra mehr liebte als alles andere auf der Welt, war ich zu alt um solch ein kindisches Gefühl wie Eifersucht zu verspüren. Im Gegenteil, ich war froh dass sie mit ihm redete und versuchte ihm Trost zu spenden, in den schweren Zeiten die er nun durchmachen musste. Man erfuhr nicht jeden Tag dass man von nun an sein Leben lang gejagt wurde. Und ich war nun wirklich nicht der Richtige um jemanden aufzubauen. Außerdem musste ich wichtigeren Dingen nachgehen. Die Dokumente waren sehr aufschlussreich. Ich las den Brief - darum handelte es sich nämlich - zweimal und verbrannte ihn anschließend.
Danach ging ich zu den beiden und lehnte mich gegen den Türrahmen. Myra hob fragend den Kopf und auch Craven drehte sich zu mir. Seine Miene war ausdruckslos, er hatte wohl über eine Menge Dinge nachzudenken.
"Und?" fragte mich Myra erwartungsvoll. Ich ließ meinen Blick einen Moment durch die Runde schweifen, bevor ich antwortete: "Es sieht so aus als hätten wir diesmal einen Volltreffer gelandet. Sardgasson war der Baron eines mittelständigen Reiches in der näheren Umgebung und ganz zufällig auch Mitglied des Gildenrates. Ebenso wie Melwin, der andere Kerl, Graf und scheinbar ein Gesandter aus einem Reich im Norden. Diesmal haben wir die Schweinebande erwischt." Ich grinste triumphierend und auch Myras Gesicht wirkte entspannter. Lediglich Craven wirkte verwirrt.
"Also, nur damit ich das richtig verstehe. Dieser Rat ist so eine Art Zusammenkunft aller hohen Vampire die..."
"Nein", verbesserte ich ihn, "nicht aller hohen Vampire, das wären viel zu viele. Der Rat besteht aus etwa 20 Mitgliedern, die alle eine hohe Stellung in der Welt der Sterblichen besitzen wie z.B. Barone, Grafen oder sogar Könige, aber auch Diebe und Attentäter die sich einen Ruf gemacht haben und über wertvolle Verbindungen zur Unterwelt verfügen. Oder mächtige Kämpfer oder Magier. Die Gilde ist über die ganze Welt verteilt und gliedert sich in einzelne Clans in den jeweiligen Ländern. Diese Clans wählen dann ihren Vertreter der dann in den Rat aufgenommen wird und an den Treffen teilnehmen darf. Es muß nicht zwangsläufig ein hoher Vampir sein, er muß nur Macht besitzen."
"Und dieser Rat wiederum wählt ihr Oberhaupt und Anführer der Gilde?"
Ich grinste. "Man muß zugeben, dass die Vampire über ein ausgeklügeltes Regierungssystem verfügen. Soviel zum verstaubten Schreckgespenst das in einem verlassenen Spuckschloss geistert."
Craven schüttelte ungläubig den Kopf. "Ich kann das einfach nicht glauben. Sie sind überall. Und keiner erkennt sie. Sie bewegen sich mitten unter uns und keiner weiß etwas davon."
Ich räusperte mich. "Fast keiner, mein Freund. Die Wahrheit ist nie leicht zu akzeptieren, aber genau deshalb werden wir sie bekämpfen, egal wie aussichtslos die Lage auch sein mag." Craven sah mich an, suchte in meinem Gesicht nach einer Lüge, doch er fand keine. Es war mein voller Ernst, und er wusste das, das konnte ich in seinen Augen lesen. Er nickte stumm.
"Also", fuhr ich fort, "die Dokumente die ich bei den Vampiren gefunden haben weisen auf einen Stützpunkt der Rebellen hin."
Myra schreckte hoch. "Du meinst welche von Asteroths Untertanen?"
"Genau das meine ich. Scheinbar konnte die Gilde diesen Unterschlupf ausfindig machen. Es handelt sich um ein mittelgroßes Lager, knapp ein Dutzend niedere und ein hoher Vampir als Anführer. Dazu noch etwa 20 menschliche Untertanen. Es ist wohl so etwas wie ein Außenposten. Sie überwachen die Grenzen. Scheinbar glaubt Asteroth an einen Übergriff der Gilde in diesem Gebiet."
"Und damit schien er ja auch Recht zu haben, oder was glaubst du was die Gilde auf den Ball vorhatte?" fragte mich Myra.
"Ich weiß nicht so recht. Es ist kein Geheimnis dass das Bündnis zwischen Asteroth und Tarim o Kiel mehr als dünn ist und dass ständig gegenseitige Sabotageakte erfolgen. Aber ein direkter Angriff auf ein Land das Asteroth untersteht wäre eine erneute Kriegserklärung. Ich glaube nicht das Tarim o Kiel das beabsichtigt - noch nicht. Ich denke sie wollten lediglich Informationen."
"Glaubst du etwa sie wollten gar nicht angreifen?"
"Einen Krieg können sich die beiden im Moment nicht leisten, beide Parteien sind noch zu angeschlagen. Sie spielen auf Zeit, spionieren sich gegenseitig aus und warten auf den richtigen Moment um zuzuschlagen."
"Wann?"
"Ich weiß es nicht. Ein paar Jahre, Zeit ist für Vampire bedeutungslos. Aber ich denke nicht, dass o Kiel zu lange warten wird. Asteroths Armee wächst. Doch im Moment glaube ich ist O Kiel noch zu viel mit uns beschäftigt."
Myra legte den Kopf schief und musterte mich grübelnd. "Also gut, was schlägst du vor Drake?"
Ich grinste. "Ich finde wir haben uns lange genug um O Kiel und die Gilde gekümmert. Es ist an der Zeit Asteroth und seiner kleinen Rebellion ein wenig auf den Zahn zu fühlen. Wir sind Vampirjäger, tun wir was wir am besten können!" Myra grinste nun ebenfalls während Craven, der die ganze Zeit stumm gelauscht hatte, mich zweifelnd ansah. "Du willst dieses Lager stürmen? Hast du nicht eben gesagt da sind ein Dutzend Vampire und noch mal 20 Gegner?"
"Und ihr Anführer, der ist der Gefährlichste." verbesserte ich ihn nickend.
"Das ist doch Wahnsinn! Ich bin Kämpfer von ganzem Herzen, aber ich erkenne eine Übermacht, und gegen die kommen wir nicht an."
"Craven, du musst einfach glauben. Das sollte doch für dich als überzeugter Ritter kein Problem sein."
"Und wie wollt ihr das anstellen? Ihnen einfach gegenübertreten?"
"Wir sind hier nicht auf einem Kreuzzug mein Freund. Es mag sich nicht mit deinem Ehrenkodex vertragen, aber wir werden sie überrumpeln. Wenn sie merken dass wir hier sind, dann wird es bereits zu spät sein." Ich sah ihn ernst an. "Das ist deine Feuerprobe Craven, bist du dabei?" Er schien einen Moment überlegen. Einen Krieger fiel es nicht leicht den offenen Kampf gegen stilles meucheln einzutauschen, aber er war jetzt kein Krieger mehr. Er war jetzt einer von uns - ein Jäger. Schließlich nickte er. "Ich werde euch helfen. Ohne mich schafft ihr das nie!" Myra lächelte und auch ich konnte mir ein Schmunzeln nicht verkneifen. Der Mann hatte etwas das mir gefiel. Er würde nicht aufgeben. Vielleicht brauchten wir ihn wirklich.
"Also schön Freunde, sehen wir uns das Lager mal an."
Wir saßen noch stundenlang in der kleinen Hütte und sprachen unsere Taktik durch. Auf einem wackeligen alten Holztisch lag eine ausgebreitete Karte, die die nähere Umgebung zeigte. Mit Hilfe der Informationen die ich aus dem Brief entnommen hatte zeichnete ich das Lager in die Karte ein. Es handelte sich um eine Zeltstadt. Ein großes rundes Hauptzelt und noch mal ein Dutzend kleinerer Zelte drum herum. Das Lager war auf einem Hügel errichtet worden von dem aus man das ganze Umland gut überblicken konnte, es würde also schwierig werden sich einfach heranzuschleichen.
"Na schön, wie wollen wir vorgehen?" fragte Craven in die Runde. "Ich bin Krieger, kein Stratege, aber ich würde sagen wenn wir uns heran schleichen wollen werden wir es nicht leicht haben. Ein Kilometer um das Lager ist nur offenes Territorium. Keinerlei Deckung, und die Tatsache dass sich das Lager auf einer Anhöhe befindet erleichtert das ganze auch nicht. Wir müssen also nachts angreifen, im Schutze der Dunkelheit."
"Falsch." antwortete ich knapp. Craven sah mich fragend an.
"Für einen einfachen Kämpfer hast du gut kombiniert und dein Plan würde auch Sinn machen", erklärte Myra ihm, "wenn es sich bei unseren Feinden um einfache Menschen handeln würde. Aber vergiß nicht wogegen wir kämpfen." Craven verdrehte sie Augen und ließ einen Stoßseufzer erklingen. Ein leises götterverdammt entrann seiner Kehle.
"Ich weiß, wir verlangen viel, aber du musst aufhören wie ein einfacher Ritter zu denken. DU bist jetzt ein Jäger und wir jagen Kreaturen die anderen Naturgesetzen folgen." erklärte ich ihm. "Nein, wir müssen sie am Tage überrumpeln wenn sie schlafen und uns nur ihre Handlanger im Wege sind. Mit ihnen werden wir fertig. Und den verfluchten Blutsaugern rammen wir im Schlaf einfach einen Pflock durchs Herz!" Craven warf mir einen missbilligenden Blick zu und wollte zu einem Widerspruch ansetzen doch ich kam ihm zuvor: "Und komm mir jetzt nicht mit einem verfluchten Ehrenkodex. Diese Bestien haben keinen ehrenhaften Kampf verdient. Sie sind das pure Böse und das hinterhältigste was es gibt. Ein Vampir würde dir schwören dein bester Freund zu sein während sein Kumpan dir einen Dolch in den Rücken rammt. Hab kein Mitleid mit ihnen, hege keinerlei Gefühle für sie, und vor allem...traue ihnen nie!"
Ich hämmerte ihm diese Worte ein, er musste sich daran halten. Davon würde sein Überleben abhängen, denn ich und Myra konnten ihn nicht ständig beschützen. Ich konnte ihn lehren, was ich sie gelehrt hatte, und das würde ich auch tun, aber er war zu neu und unerfahren. Ich und Myra hatten schon unsere Erlebnisse mit den Vampiren bevor wir Jäger waren. Wir wussten wozu sie fähig waren. Craven unterschätzte sie möglicherweise. Er durfte keinen Fehler diesbezüglich begehen, er war zu wertvoll. Die C'ael Rohen waren beinahe ausgestorben, nun gab es immerhin wieder drei. Craven sah mich an und murmelte dann etwas Unverständliches. Ich glaubte es war an seine Göttin gerichtet und warum sie ihm solch eine schwere Prüfung auferlegt hatte. Er blickte wütend zu Boden. Myra ging zu ihm und redete leise auf ihn ein, schien ihn zu beruhigen. Ich wollte ihn nicht so hart anfahren, aber es musste sein. Ich trug die Verantwortung für ihn, auch wenn ich ihm dass nicht sagen würde. Es würde ihn in seiner Ehre verletzen. Ich hielt das für schwachsinnig. Wir waren Jäger in einem vermutlich aussichtslosen Kampf. Ehre hatte da keinen Platz, es ging ums nackte Überleben. Andererseits war er stark im Herzen. Ich durfte ihm diese innere Kraft nicht nehmen indem ich seinen Glauben verleugnete. Ich würde nicht an seine Göttin glauben, aber ich konnte ihm das nicht verbieten. Ich und Myra hatten unsere Liebe die uns Kraft gab das alles durchzustehen. Craven brauchte auch etwas das ihm Kraft gab, und das war die Liebe zu seiner Göttin Torscha. Ich würde das respektieren.
"Na schön Drake." Cravens Stimme riss mich aus meinen Gedanken. "Du kennst sie am besten, machen wir es auf deine Art. Wie ist dein Plan?" Craven sah mich erwartungsvoll an. Ich atmete erleichtert durch. Nun konnten wir uns wieder unserer Arbeit widmen. Ich wandte mich wieder der Karte zu, Myra und Craven betrachteten sie aufmerksam.
"In Ordnung, lasst uns an die Arbeit gehen." erklärte ich und erläuterte meinen Plan.
5.
Gard fühlte sich nicht sonderlich wohl in seiner Haut. Nervös ließ er seinen Blick über die Zelte schweifen während er durch das Lager marschierte. Er hätte sich niemals auf diesen Handel einlassen sollen. Er war ein Narr zu glauben dass es so leicht sein würde. Wie konnte er nur diesen Kreaturen vertrauen? Er verwünschte sich während er seinen Rundgang fortsetzte und nachsah ob alles in Ordnung sei. Seine leicht zitternde Hand lag griffbereit am Heft seines Schwertes. Das alles würde böse enden, da war er sich sicher
"Nervös?" Borats Stimme schreckte den Söldner aus seinen Gedanken und er zuckte erschrocken zusammen. "Verflucht Borat, ich hätte dich fast abgestochen. Tu so was nie wieder!" fuhr er den lächelnden groß gewachsenen Mann an.
"Tut mir leid. Was ist los, du streunst herum wie ein hungriger Wolf?"
"Ich will hier raus, das ist los! Verdammt Borat, wir hätten uns niemals auf dieses Geschäft einlassen dürfen. Wir stecken bis zum Hals in der Scheiße!"
Borat zuckte unbekümmert die Schultern. "Sie zahlen gut. Und abgesehen davon kannst du gegen ihre Argumente nicht viel ausrichten. Entweder du gehorchst oder du bist tot. Die machen keine Gefangenen."
"Verflucht. Vor einem halben Jahr glaubte ich noch dass Vampire verdammte Legenden wären. Gruselgeschichten um kleine Kinder zu erschrecken. Und nun sitze ich in einem Lager wo es von ihnen wimmelt. Wie konnte es nur so weit kommen?"
"Du wusstest worauf du dich einlässt. Wir alle wussten es. Was ist los mit dir, warum machst du dir jetzt fast in die Hosen? Sie schlafen alle." Borat deutete auf die Sonne die hoch am Himmel stand und herunter brannte. "Du weißt ja dass sie nicht besonders gut auf sie zu sprechen sind."
"Vielleicht sollten wir sie einfach alle erledigen während sie schlafen." überlegte Gard laut und seine Finger schlossen sich um den Schwertgriff.
"Denk nicht mal im Traum daran. Du weißt was Straker mit Verrätern macht. Vielleicht hast du sogar das Pech es mit Barlow zu tun zu bekommen, oder gar mit..."
"Schluss damit!" rief Gard hastig. "Ich hab schon kapiert. War nur ein Gedanke. Aber hier wird es mir zu heiß. Du hast doch die Botschaft gelesen. Du weißt doch was mit o Kiels Ratsmitgliedern geschehen ist."
"Ein Häufchen Asche, kann uns doch nur Recht sein. Ich bezweifle das sie uns gefährlich geworden wären aber es ist immer gut wenn die Gilde schrumpft."
"VERFLUCHT NOCH MAL, DU WEIßT GENAU WAS ICH MEINE!" brüllte Grad Borat an. "Der Jäger ist hier. Er hat sie zur Strecke gebracht. Und wenn sie wussten wo wir uns aufhalten dann weiß ER es jetzt auch!"
"Hast du etwa Angst vor diesem Drake du Kane?" fragte Borat belustigt. "Vielleicht existiert er gar nicht. Nur eine Geschichte mit der die Vampire vertuschen wollen dass in Wahrheit ihr stiller heimlich geführter Krieg die Opfer fordert."
"Er existiert!" antwortete Gard düster. "Und er wird hierher kommen. Wenn du noch ein bisschen Hirn hast, siehst du zu, dass du von hier verschwindest bevor es soweit ist!" Mit diesen Worten ließ Gard seinen Kollegen stehen und verschwand in einem der Zelte. Borat sah ihm nach und verzog angewidert das Gesicht. "Wir werden sehen." flüsterte er.
"NEIN!" Ich sagte es laut und mit soviel Nachdruck wie ich es in meiner Gemütsverfassung zustande brachte, und das war eine ganze Menge. "Auf keinen Fall. Das ist lächerlich!" Das konnte nicht ihr Ernst sein. Ich musste mich verhört haben. Es war Scherz, es musste einer sein. Aber Myra scherzte nie in solch ernsten Situationen. Ich schritt aufgebracht durch den Raum. Craven saß auf einem wackligen Holzschemel und sah mich mit einem Stirnrunzeln an. Myra lehnte gelassen und mit diesem typischen Funkeln in ihren Augen am Türrahmen und sah mich eindringlich an.
"Ich werde gehen. So ist der Plan. Ich werde auf keinen Fall zulassen dass du dich diesen Monstern in die Fänge begibst. Sie wollen mich!" fuhr ich sie an.
"Sei kein Narr Drake und denke endlich einmal nach. Sie werden mir nichts tun, denn sie brauchen mich um an dich zu kommen. Wenn du gehst vernichten sie dich vielleicht auf der Stelle. Mich können sie als Druckmittel gegen dich verwenden. Sie wissen dass du alles daran setzen würdest um mich zu befreien."
"Worauf du dich verlassen kannst!" entgegnete ich energisch. Sie muß verrückt geworden sein. "Das ist viel zu gefährlich für dich, ich werde dich nicht diesen Blutsaugern übergeben..."
"Die alle schlafen. Schon alleine deshalb werden sie mir nichts tun. Ihre Herren wären bestimmt erzürnt wenn sie ohne ihr Einverständnis handeln würden."
"Vielleicht haben sie ja den Befehl jeden Eindringling sofort zu töten." wandte ich ein.
"Die Geliebte des Jägers? Du kennst diese Wesen doch jetzt so lange, du solltest es besser wissen. Ich bin viel zu wertvoll als einfach getötet zu werden."
Ich schüttelte energisch den Kopf doch Myra ließ mir keine Zeit etwas zu entgegnen sondern begann wütend auf mich einzureden. "Verdammt Drake, benimm dich nicht wie ein kompletter Vollidiot. Drei Leute können sich unter Tags auf keinen Fall an das Lager schleichen. Wir brauchen ein Ablenkungsmanöver. Du bist der Jäger Drake. Du weißt am besten was zu tun ist. Ich könnte dich nicht retten, aber du kannst es. Es muß sein, sieh es endlich ein!" Sie hatte mich an den Schultern gepackt und sah mir tief in die Augen. Ich konnte ihrem Blick kaum standhalten. Zornig biss ich mir auf die Unterlippe bis sie blutete und ballte die Hände zu Fäusten. Das schlimmste war, das sie Recht hatte. Aber ich konnte das unmöglich zulassen. Mir war schon ein lieb gewonnener Mensch im Leben von ihnen entrissen worden. Ich konnte doch nicht das wichtigste in meinem Leben meinem größten Feind übergeben. Mein Blick glitt zu Craven der mich wachsam musterte, das Kinn auf seiner Faust abgestützt. Er nickte langsam mit dem Kopf. Hatte sich den hier jeder gegen mich verschworen? Wütend hämmerte ich meine Faust gegen die Wand. Es musste doch noch einen anderen Weg geben. Ich musste eben alles noch einmal durchgehen. Es würde ein wenig Zeit in Anspruch nehmen, aber es ging eben nicht anders. Ich fuhr instinktiv zusammen als ich eine Hand auf meiner Schulter spürte.
"Ich bitte dich Drake", flüsterte Myra sanft, "du musst mir vertrauen. Wenn du mich wirklich liebst dann vertrau mir!" Ich schloss verzweifelt die Augen und biss die Zähne aufeinander. Ich fühlte mich völlig hilflos. Was sollte ich nur tun? Schließlich drehte ich mich um und nahm Myra fest in den Arm. "Ich werde dich sofort da raus holen. Das schwöre ich bei allem was mir heilig ist. Ich werde nicht zulassen dass sie dir etwas antun!" flüsterte ich stockend während ich sie an mich drückte.
"Ich weiß", flüsterte sie, "und ich liebe dich!"
"Ich liebe dich auch!" sagte ich jetzt mit festerer Stimme aber immer noch wackeligen Beinen und küßte sie als wäre es das letzte Mal das ich sie sehen würde. Der Schmerz in meinem Inneren blieb, doch jetzt war es zu spät es rückgängig zu machen. Die Würfel waren gefallen.
Craven schüttelte den Kopf und seufzte. Er konnte nicht glauben was er hier tat. Warum ausgerechnet er? In was war er hier nur hinein geraten? Torschas Wege waren unergründlich, aber das sie nun so etwas von ihm forderte. Er handelte gegen seinen Kodex, gegen seine Ehre, gegen alles was seinem Wesen entsprach. Das konnte doch nicht im Sinne seiner Göttin sein. Nachdenklich betrachtete er Rutex, seine mächtige, der Torscha geweihten Streitaxt. Aber es war zu spät um jetzt noch umzukehren.
"Was ist los?" fragte ihn Myra.
"Ich frage mich nur warum ich diesem Wahnsinn zugestimmt habe." entgegnete er hilflos. Myra konnte sich das Lachen nicht verkneifen. Craven sah sie fragend an. "Was ist denn daran so lustig?" fragte er wütend.
"Entschuldige, aber du klangst gerade eben genau wie Drake."
"Ach ja, kann ich mir nicht vorstellen." antwortete Craven während sie weiter marschierten. Weit und breit war niemand zu sehen. Es war kurz vor Mittag, die Sonne stand im Zenit und es war ein schwüler Tag. Myra und Craven folgten einem schmalen Waldpfad, sie würden ungefähr noch eine Stunde zu dem Vampirlager benötigen.
"Wieso nicht?" fragte Myra den Krieger. "Ihr beide habt eine Menge gemeinsam."
"Wer? Ich und Drake? Das glaube ich kaum."
"Oh doch, vertrau mir, eine Frau spürt so etwas. Ihr zwei seid euch sehr ähnlich. Rastlos, immer unterwegs, auf der Suche nach irgendetwas. Euch beide treibt eine innere Kraft an, ihr sucht nach etwas. Etwas um den Schmerz zu lindern der in euch wütet. Und ihr wärt bereit dafür zu sterben. Bei Drake weiß ich was es ist, seine Rache und sein Versprechen an seinen alten Lehrmeister. Ich frage mich was es wohl bei dir sein könnte."
Craven sah die Jägerin überrascht an. "Ich bin beeindruckt. Aber du würdest es wohl nicht verstehen. Es sind meine Probleme. Ich werde mit ihnen schon fertig."
Myra ergriff Cravens Hand, kein leichtes Unterfangen da ihre Hände mit festen Hanfstricken zusammen gebunden waren. Sie drückte die große schon fast Pranken gleiche Hand und sah dem fast zwei Meter großen Kämpfer in die blauen Augen. "Deine Probleme sind auch meine Probleme. Und die von Drake. Du bist jetzt einer von uns, ein C'ael Rohen. Wir sind eine Gemeinschaft."
"Das sieht dein Freund wohl anders." antwortete Craven knapp. Myra lächelte. "Drake mag dich. Er kann es nur nicht zeigen. Du musst ihn verstehen, er hat mehr ertragen müssen als die meisten anderen und er hat eine sehr lange Zeit alleine verbracht. Es fällt ihm schwer sich anderen Menschen zu öffnen. Gib ihm Zeit."
"Du liebst ihn wirklich, oder?"
"Natürlich, wieso fragst du?"
"Ich liebe meine Göttin auch über alles. In meinem ganzen Leben hatte ich keinen sehnlicheren Wunsch als ihr zu dienen. Mit meiner Axt wollte ich unrecht wieder gut machen. Ich lebte für den Kampf und für den feurigen Atem Torschas."
"Aber?"
Craven seufzte. Ihm schien es schwer zu fallen über seine Vergangenheit zu sprechen. "Sie erwiderte meine Liebe nicht. Ich wollte ein Priester werden, ein Paladin um genau zu sein. Doch ich bestand die Prüfung nicht. Ich verfüge über keine göttliche Kraft. Sie hat mich nicht erwählt, ich bin unwürdig."
"Unsinn. Gib dich nicht selbst auf. Du bist ein guter ehrenhafter Mann, da bin ich mir sicher. Und deine Göttin liebt dich ganz bestimmt. Du wirst sehen, eines Tages wird sie deinen Ruf vernehmen."
Craven schien ihr nicht zu glauben, aber Myra hatte den Eindruck ganz kurz ein Glänzen in seinen Augen erkannt zu haben. Sie konnte schon immer gut mit Menschen umgehen, wohl eine Gabe die ihr die Götter in die Wiege gelegt hatten. Sie kannte nun Cravens Schmerz doch in zu heilen vermochte sie nicht. Das konnte wohl nur Torscha selbst.
Craven blickte auf Myra und ihre gefesselten Hände. "Ich glaube nicht dass das was wir hier tun ihrem Willen entspricht."
"Wir vernichten das Böse. Torscha wird es verstehen."
"Trotzdem wäre mir ein ehrenhafter Zweikampf oder wenigstens eine ordentliche Schlacht tausendmal lieber als diese List. Falls sie überhaupt funktioniert. Ich kann Drake verstehen, das hier ist blanker Selbstmord."
"Es gibt aber keinen anderen Weg Craven. Sie kennen dich noch nicht. Du musst es tun, ich weiß dass du es kannst. Wir zählen auf dich." Craven holte tief Luft. "Also schön, versuchen wir es."
Ich spähte auf das Lager. Ich hatte mir den höchsten Baum gesucht der sich am Waldrand finden ließ. Das Lager war größer als ich dachte, ich konnte nur hoffen dass die Angaben aus dem Brief stimmten, sonst würden wir wohl eine böse Überraschung erleben. Ich konnte noch immer nicht fassen dass ich nachgegeben und Myra zugestimmt hatte. Das war einfach zu gefährlich. Ich sollte nun an ihrer Stelle sein. Und Craven? Ich kannte diesen Mann doch kaum. Was wenn er nicht der war für den er sich ausgab? Die Vampire würden alles versuchen um uns zu kriegen also warum nicht jemanden bei uns einschleusen. Aber ich wusste dass diese Gedanken Unsinn waren. Craven war kein Verräter, das spürte ich. Aber auch wenn nicht, er war unerfahren, er hatte vor nicht einmal 24 Stunden Dinge erfahren die sein ganzen Leben verändert hatten. Er musste alle Ideale aufgeben und ganz von vorne anfangen. Ich konnte nur hoffen dass er darunter nicht zusammenbrechen würde. Aber dieser Auftrag war eindeutig eine Nummer zu hoch für ihn. Wir konnten uns keinen Fehler leisten.
Die Wahrheit jedoch war das wir keine andere Wahl hatten. Im Lager wusste man bestimmt schon was auf dem Ball vorgefallen war und auch wer die Vampire vernichtet hatte. Ein Angriff war nun unmöglich, wir mussten sie überlisten. Und dazu brauchten wir Craven. Es kostete mich viel Überwindung aber schließlich musste ich mir eingestehen dass unser Erfolg von ihm abhängen würde.
6.
"Da kommt jemand" verkündete Borat und spähte durch das Fernrohr. Er stand zusammen mit Gard auf einem hölzernen Wehrgang. Der Palisadenwall der das Lager umgab war provisorisch und nicht sonderlich stabil konzipiert, doch es musste vorerst reichen.
"Wer? Wie viele?" fragte Gard schnell. Borat konnte die Angst in seiner Stimme deutlich hören. Gards zitternde Finger schlossen sich um das Heft seines Schwertes das er an seinem Gürtel trug.
"Es sind zwei. Ein Mann und eine Frau..."
"DIE JÄGER!" stöhnte Gard auf und war schon auf halbem Wege zur Leiter die den Wehrgang mit dem Boden verband. Borat verdrehte genervt die Augen und packte Gard an der Schulter. "Bleib gefälligst hier du Feigling. Es ist nicht Drake du Kane. Die Gestalt ist viel größer und breiter." Gard schien das nicht wirklich zu beruhigen. "Was wollen sie dann hier? Es gibt weit und breit keine Zivilisation."
Borat zuckte mit den Schultern. "Woher soll ich das wissen? Aber wir werden es ja bald herausfinden, die beiden kommen direkt auf uns zu." Borat blickte erneut durch das Fernrohr. Die beiden Fremden waren näher gekommen.
"Die Frau scheint gefesselt zu sein. Der Bursche sieht für mich nach einem Kopfgeldjäger oder einem Söldner aus."
"Und die Frau?"
"Ich bin mir nicht sicher, sie scheint ziemlich zugerichtet zu sein. Warte..." Borats Stimme hatte sich verändert. Er riss ungläubig die Augen auf und sah sofort noch einmal durch das Fernrohr ob er sich auch nicht täuschte.
"Was? Was ist denn los?" fragte Gard aufgeregt. Borat ließ das Fernrohr sinken und sah Gard an. "Es ist die Jägerin!"
"Du musst grimmig drein schauen. Verwegen, wie ein übler Söldner eben." sagte Myra leise zu Craven. Dieser verzog daraufhin tatsächlich das Gesicht, aber aus einem anderen Grund. Er wollte das hier nicht tun. Es widersprach seiner Natur. Aber sie hatten das Lager nun beinahe erreicht. Ein Ausguck auf dem Palisadenwall hatte sie bereits gesehen, Craven hatte sein Fernrohr in der Sonne aufblitzen sehen. Das Spiel hatte begonnen, nun mussten sie es auch durchziehen.
"Du weißt was du zu tun hast?" fragte ihn Myra.
"Ja." knurrte Craven und zog wie zur Bestätigung fester an Myras Arm, dass diese fast gestürzt wäre. "Gut so." flüsterte sie. Die beiden gingen weiter. Craven voran, Myra hinter sich herziehend. Dann hatten sie das Lager erreicht. Keine Wachen, nur ein normales Holztor. Sie mussten sich ziemlich sicher fühlen. Craven holte tief Luft. "Ich hoffe das funktioniert." sprach er mehr zu sich selbst. Dann hob er den freien Arm und pochte gegen das Tor.
Einen Moment herrschte beklemmende Stille. Nichts geschah. Craven und Myra sahen sich gegenseitig an. Der Krieger wollte schon erneut klopfen als von der anderen Seite Geräusche zu vernehmen waren. Jemand schien dass Tor zu öffnen, es klang als würde ein Riegel beiseite gehoben.
Dann wurde das Tor mit einem Ruck aufgerissen und den beiden standen ein Dutzend bewaffneter Wachen gegenüber. Allesamt Männer, ungewaschen und dreckig aber mit guten Waffen und Rüstungen ausgestattet.
'Soviel zu der schlechten Bewachung' dachte Craven und setzte sein verwegenstes Gesicht auf. Die Wachen betrachteten sie mit einer Mischung aus Vorsicht und Neugier, vor allem Myra die zusammen gekauert hinter Craven stand. Dann trat einer der Söldner nach vorne, offenkundig der Hauptmann.
"Wer seit ihr?" fragte er Craven scharf.
"Mein Name ist Tarox und ich habe etwas für euch." antwortete Craven mit tiefer Stimme und zog kräftig an den Hanfstricken um Myras Händen. Die Jägerin stolperte nach vorne und ließ sich in den Staub fallen, genau vor die Füße des Hauptmannes. Sie stieß einen gestellten Schmerzenslaut aus.
"Die Jägerin Myra!" verkündete Craven stolz. Die Reaktion war ein Raunen und die Wachen traten alle ein paar Schritte zurück. Nur der Hauptmann blieb unbeeindruckt stehen und betrachtete die Frau die vor ihm im Dreck lag. Sie sah schrecklich zugerichtet aus. Es hatte zwei Stunden gedauert bis Drake die Schminke aufgetragen hatte, doch nun sah es so aus als hätte Craven ihr ein blaues Auge, eine aufgeplatzte Lippe, eine Schnittwunde an der Stirn und eine Menge blauer Flecken verpasst. Der Anführer schüttelte völlig fassungslos den Kopf. "In der Tat, es ist die Jägerin. Wie ist euch das gelungen? Und wo ist Drake du Kane?"
Craven schüttelte den Kopf. "Das weiß ich nicht. Ich fand sie alleine vor und konnte sie im Schlaf überraschen. Doch die kleine Schlampe hat sich gewehrt wie der Leibhaftige!" Um seine Worte zu bekräftigen trat er mit dem Fuß gegen Myra die noch immer am Boden lag. Die Jägerin schrie auf und krümmte sich vor Schmerzen.
Craven fühlte sich schlecht. Natürlich war der Tritt nur angetäuscht, aber er machte dass trotzdem nicht gerne. Es war einfach nicht richtig.
"He, wartet." rief der Hauptmann. "Hört auf damit, wir brauchen sie vielleicht noch. Wenn Kane herausfindet das ihr seine Geliebte gefangen genommen habt wird er sicher hierher kommen um sie zu retten."
Craven verschränkte die Arme vor der Brust. "Das soll meine Sorge nicht sein. Ich bin Kopfgeldjäger und ich weiß dass ihr diese Frau sucht. Ich weiß nicht was sie oder dieser andere Typ in der schwarzen Kutte euch getan haben, aber ich weiß dass ihr die beiden sucht. Nun, hier ist sie, ich will nun meinen Lohn!"
"Ganz ruhig, eines nach dem anderen. Woher kennt ihr die Namen von den beiden und woher wisst ihr das wir sie suchen?" fragte der Anführer nach.
"Meine Quellen gehen euch nichts an. Ich will jetzt mein Geld!"
Das Gesicht des Hauptmannes verfinsterte sich. "Wie wagt ihr es mit mir zu sprechen? Ihr antwortete mir jetzt gefälligst oder ich..."
"Oder was?" fragte Craven im schärfsten Tonfall den er zustande brachte. Er musste den Unmut gegen diese Gestalten nicht spielen, er konnte dieses Pack wirklich nicht ausstehen. "Ich spreche mit euch wie es mir gefällt. Ich unterstehe weder euch noch sonst jemanden. Ich habe die Jägerin die ihr so fürchtet überwunden, also wenn jemand ein Problem mit mir hat, dann kommt doch her!" Mit diesen Worten griff Craven nach Rutex und zog die gewaltige Axt aus seinem Rückengehänge. 'Bitte lass es funktionieren' bettete er zu seiner Göttin. Gegen 12 Gegner hatte er keine Chance. Er konnte nur hoffen dass sie ihm das nicht anmerken würden. Er war nicht gut im Bluffen, aber er musste es einfach versuchen. Er hatte alles auf eine Karte gesetzt. Jetzt fiel die Entscheidung.
Keine der Wachen rührte sich. Der Anführer sah ihn einen Moment lang einfach nur an. Er schien zu überlegen. Dann begann er zu lachen und hob abwehrend die Arme. "In Ordnung, ihr habt Recht. Ich wollte euch nicht beleidigen. Aber wir müssen warten bis die Sonne untergeht, dann kann ich mit meinem Vorgesetzten sprechen. Bis dahin möchte ich euch bitten mein Gast zu sein. Wir könnten Leute wie euch gebrauchen. Bitte nehmt mein Angebot an."
Craven sah die 12 Menschen grimmig an, dann steckte er langsam seine Axt weg. "Einverstanden, ich nehme euere Einladung an." Durch die Reihe der Wachen schien ein erleichtertes Seufzen zu gehen. Ihren Respekt hatte sich Craven gerade erarbeitet. Zum ersten Mal hatte der Krieger wieder die Hoffnung dass dieser Plan vielleicht doch funktionieren könnte.
"Sehr schön, " grinste der Hauptmann, "folgt mir. Mein Name ist übrigens Borat."
Krachend fiel die schwere Gittertür ins Schloss. Der Wächter, der Myra in ihre neue Residenz geführt hatte drehte den Schlüssel im Schloss und grinste die Jägerin mit seinem zahnlosen Gebiss an. Er stank furchtbar nach Schweiß und billigem Schnaps. "Wünsch dir ne schöne Zeit, Süße." lachte er in fast unverständlichem Kauderwelsch. Dann entfernte er sich mit langsamen schleppenden Schritten.
Myra lehnte sich mit dem Rücken an die kalte Mauer ihres Gefängnisses und schloss die Augen. Langsam begann sie sich zu fragen was nur in sie gefahren war als sie diesen tollkühnen Plan erdachte. Vielleicht hatte Drake recht gehabt, er grenzte wirklich mehr an Wahnsinn. Aber jetzt war es zu spät, sie konnte nur hoffen das Craven durchhalten würde.
Craven sah sich vorsichtig um. Er war alleine. Endlich hatten ihn die Wachen alleine gelassen. Die ganze Zeit war er von Ihnen umringt gewesen. Obwohl sie sich eindeutig vor ihm fürchteten ließen sie ihn dennoch nie aus den Augen. Vor allem dieser Borat nicht. Er war die ganze Zeit neben ihm her getrottet und hatte ihm seine halbe Lebensgeschichte erzählt. Man traute ihm hier nicht, das war offensichtlich.
Dann, als Craven schon beinahe seine Beherrschung verloren hätte, verschwand der Hauptmann einfach kommentarlos. Nun war die Zeit gekommen für den nächsten Schritt. So unauffällig es ihm möglich war schlenderte er durch das feindliche Lager und tat so als würde er sich umsehen. Nickte ab und zu anerkennend, runzelte hier und da die Stirn. Er hatte früher, als er in seinem Tempel ausgebildet worden war Kriegskunde gelernt, von da her viel es ihm nicht schwer den Kritiker zu spielen. Doch die Stärken oder Schwächen des Lagers interessierten ihn gar nicht, die kannten sie sowieso schon. Er suchte etwas anderes. Und es dauerte nicht lange bis er fündig wurde. Vor ihm stand ein Stall in dem die Gardisten ihre Pferde unterbrachten. Vorsichtig blickte sich Craven noch einmal um. Niemand zu sehen. Die Wachen hatten nach einiger Zeit das Interesse an ihm verloren. Ihm war sehr schnell bewusst geworden das die Moral und die Motivation unter ihnen auf dem Tiefpunkt lag. Die Hälfte war betrunken, die andere in einer tiefen Resignation gefangen. Vermutlich wurden sie von den wahren Herren dieses Lagers zu der Arbeit gezwungen, kein Wunder also das sie diese vernachlässigten. So fiel es ihm auch nicht schwer unbemerkt in den Stall zu gelangen. Dort tastete er in seinen Taschen nach dem kleinen Stein dem ihm Drake gegeben hatte. Fasziniert betrachtete ihn Craven. Woher hatte Drake bloß immer diese Spielsachen? Kopfschüttelnd rieb Craven den Schwefelstein über eine der Mauern und sofort entflammte er. Schnell warf der Krieger den Stein auf einen Heuhaufen und verschwand aus dem Stall. Dicke schwarze Rauchschwaden folgten ihm hinaus und es würde nicht lange dauern, dann würde der ganze Stall in Flammen stehen. Er konnte nur hoffen dass diese Ablenkung ausreichte.
7.
Der schwarze Rauch über dem Lager war mein Zeichen. Erleichtert sah ich von meinem Versteck in den Bäumen wie er sich rasch über den Zelten ausbreitete. Craven hatte es tatsächlich geschafft. Nun musste ich mich beeilen. Elegant sprang ich zurück auf den Erdboden und rannte auf das Lager zu. Nun konnte ich nur hoffen, dass die Wachen so sehr mit dem Feuer beschäftigt waren, das keiner einen Blick nach draußen riskieren würde, sonst wäre alles verloren. Doch es hatte den Anschein als würde der Plan funktionieren. Keine Pfeile wurden auf mich abgeschossen und mir stürmte auch keine Armee von Gardisten entgegen. Ich konnte nur hoffen, dass sie mir keine Falle stellten. Für Zweifel war nun keine Zeit mehr, ich musste handeln.
Mittlerweile war ich nah genug um Rufe und Schreie im Inneren der Palisade zu hören. Ich glaubte auch Waffengeklirr herauszuhören. Craven! Hoffentlich kam ich nicht zu spät. Endlich hatte ich die Palisade erreicht. Ich klammerte mich an das Holz der Palisadenstämme und zog mich mit schnellen kraftvollen Bewegungen nach oben. Auf dem Wehrgang der Palisade hielt ich inne und sah nach unten auf das Lager. Der schwarze Rauch hatte sich in der ganzen Zeltstadt ausgebreitet und nahm mir die Sicht, doch ich konnte mehrere Gestalten ausmachen die offenbar planlos zwischen den Zelten herum rannten. Craven oder Myra konnte ich nicht sehen, doch ich konnte deutlich Kampfeslärm hören. Ich zog Fortigan und Korosan und sprang hinab in das Inferno.
Gard sah sich entsetzt um. Nackte Panik hatte von ihm Besitz ergriffen. Eine Falle, schoss es ihm immer wieder durch den Kopf. Das war eine Falle! Irgendwo im Lager brannte es, vermutlich in den Stallungen. Der beißende Qualm nahm ihm gleichermaßen den Atem und die Sicht. Mehrere Gestalten rannten an ihm vorbei, das Klirren von aufeinander schlagenden Waffen stahl sich aus einer anderen Richtung in sein Gehör. Zitternd umklammerte Gard sein Schwert. Er war hier, der Jäger war gekommen um sie alle zu holen. Das war die Strafe dass sie sich mit den Mächten der Hölle eingelassen hatten. Aber vielleicht war es noch nicht zu spät. Noch konnte er fliehen. Entschlossen drehte sich Gard herum und versuchte in dem schwarzen Rauch den Ausgang auszumachen. Plötzlich glaubte er hinter sich eine Bewegung wahrzunehmen. Blitzschnell schnellte er herum und das letzte was Gard in seinem Leben sah war das düstere Antlitz des Jägers.
Craven betrachtete den Gardisten kaum der vor ihm in die Knie brach und sich seinen blutenden Leib hielt. Von Rutex, die schwer und vertraut in Cravens Händen lag, tropfte Blut. Endlich hatte das Versteckspiel ein Ende. Zwei weitere Schemen kamen aus dem Qualm auf ihn zu ohne ihn zu erkennen. Als sie ihn und die blutige Axt sahen zögerten sie keine Sekunde und griffen ihn an. Keine Gegner für Craven. Er rammte dem ersten den Axtgriff ins Gesicht und zog Rutex quer über die Brust des zweiten. Er mochte nicht die heilige Gabe Torschas besitzen, aber im Umgang mit der Streitaxt war er ein vollendeter Kämpfer. Keiner der beiden Kontrahenten stand wieder auf. Craven schritt weiter durch das Lager, auf der Suche nach dem Ort wo sie Myra gefangen hielten. Er hielt in der Bewegung inne als er Gefahr spürte. Seine Intuition hatte ihn in Kämpfen schon oft vor dem sicheren Ende gerettet. Craven packte Rutex fester und wirbelte herum, gerade noch rechtzeitig um Borats Schwert abzublocken das sich gerade in Cravens Rücken bohren wollte.
Boart schien überrascht zu sein. "Ihr seit ein besserer Kämpfer als ich erwartet hätte."
Craven schritt auf Borat zu. "Ihr werdet euch noch wünschen, euch niemals mit den Mächten des Bösen eingelassen zu haben."
Borat grinste. "Schon möglich, aber wenn ich heute diese Welt verlasse, werde ich euch mitnehmen!" Mit diesen Worten griff der Hauptmann an.
Myra schritt aufgeregt in ihrer Zelle auf und ab und starrte durch die Gitterstäbe in das Chaos hinaus das um sie tobte. Sie betete das Craven nichts geschehen war. Sie musste hier raus.
" Wo bist du nur Drake?" flüsterte sie leise und klammerte sich an die Gitterstäbe. Dann nahm sie eine Bewegung aus den Augenwinkeln war. Ihr Kopf zuckte zu der Stelle und sie konnte gerade noch einen Körper zu Boden gehen sehen. Etwas bewegte sich in dem Rauch und kam auf sie zu. Im nächsten Moment hörte sie einen Schlüssel im Schloss der Zelle. Die Tür wurde geöffnet und im nächsten Moment konnte sie Drakes vertraute Gestalt aus dem Qualm treten sehen.
"DRAKE!" schrie sie vor Erleichterung und rannte ihm in die Arme.
Unendliche Erleichterung ergriff von mir Besitz als ich Myra in den Armen hielt und einen Moment schien alles andere um uns herum bedeutungslos geworden zu sein. Ich hielt sie einfach nur fest umklammert und wollte sie nie wieder loslassen. Schließlich ließ ich sie doch los und sah sie an. "Ich halte meine Versprechen." versuchte ich zu lächeln. Sie begann zu lachen und küsste mich innig.
"Wo ist Craven?" fragte sie mich schließlich als wir uns von einander losgeeist hatten. Ich schüttelte den Kopf. "Ich weiß es nicht, aber ich glaube Kampflärm aus Richtung Osten gehört zu haben."
"Dann los, wir dürfen keine Zeit verlieren." drängte sie. Ich nickte und hielt ihr stumm etwas entgegen. Myra sah erstaunt auf Faliceat, ihre Klinge, die in meinen Händen lag. "Ich dachte mir dass du das vielleicht wieder haben möchtest."
Myra sah mich dankbar an. Ich lächelte entschuldigend und drückte ihr das Schwert in die Hand. "Es war nicht sehr angenehm die ganze Zeit eine heilige Klinge mit mir herumzutragen. Und die Zwillingen werden schnell eifersüchtig." Myra schloss ihre Hand um den Griff des Schwertes und fühlte sich endlich wieder wie ein ganzer Mensch. Gemeinsam verließen wir die Zelle und suchten Craven.
Borat war besser als die anderen, aber auch er stellte keine Bedrohung für Craven dar. Borat wusste dies ebenso gut wie er, und dennoch stellte er sich Craven in den Weg, eine Tat die Craven trotz der Umstände eine gewisse Anerkennung abverlangten. Borats Augen allerdings ließen den Ritter schnell die Wahrheit erkennen. Nicht Tapferkeit war der Grund für Borats Verhalten, sondern schlichte Verzweiflung. Er hatte versagt. Und wenn nur die Hälfte von dem stimmte die ihm Drake über die Blutsauger erzählt hatte, dann würden diese Kreaturen kein Versagen dulden. Die Strafe würde fürchterlicher sein als alles was Craven ihm antun könnte. Borat zog den Tod durch Rutex vor. Craven tat ihm diesen letzten Gefallen, vielleicht gab es noch Hoffnung für diese verlorene Seele.
Borats Widerstand war mit einigen wenigen schnellen Attacken gebrochen. Craven war ihm haushoch überlegen und Borat hatte den Kampf sowieso schon verloren gewusst bevor dieser überhaupt begann. Mit einer schnellen Bewegung entriss Craven ihm seine Waffe und versetzte Borat einen Schlag in die Kniekehlen. Der Söldnerhauptmann ging vor dem Ritter in die Knie. Cravens Ehrenkodex verbot es die Waffe gegen Unbewaffnete zu heben. Einen Moment überkamen ihn Zweifel.
"Hast du noch etwas zu sagen?" fragte er ihn emotionslos. Borat sah ihn kalt an. "Wir sehen uns in der Hölle wieder." stieß der Hauptmann voller Hass hervor und zog einen Dolch aus seiner Kleidung. Craven reagierte ohne zu zögern und der Ausdruck des Hasses blieb auf Borats Gesicht, als sein Kopf neben seinem Körper auf den Boden aufschlug.
Craven ließ seufzend seine Axt sinken. Er war Krieger und der Tod gehörte zu seiner Berufung, dennoch tat er es nicht gerne. E sah sich um. Langsam verzog sich der Rauch und es war ruhig im Lager geworden. Waren denn schon alle Gardisten tot oder geflohen? In diesem Moment wurde er an der Schulter gepackt!
Craven zwang sich den Schrei zu unterdrücken der ihm auf den Lippen lag. Eine vertraute Stimme ertönte hinter ihm. "Deine Instinkte sind gut, aber du bist nicht wachsam genug. Wenn ich gewollt hätte, wärst du jetzt tot!"
"Ich freue mich auch dich zu sehen Drake." antworte Craven tief ausatmend und drehte sich zu ihm und Myra herum die neben ihm stand.
Es tat gut den Hünen wohlauf vor mir zu sehen. Myra fragte ihn besorgt ob er verletzt sei, was er verneinte. Er hatte sich gut gehalten, ohne ihn hätte dieser wahnwitzige Plan niemals funktionieren können.
"Ich denke hier oben haben wir alles erledigt. Kommen wir zur eigentlichen Aufgabe." sagte ich in die Runde und schritt auf das große Hauptzelt in der Mitte der Zeltstadt zu.
"Hast du eine Vermutung wo sie sich aufhalten könnten?" fragte Myra. Craven schien dieselbe Frage auf den Lippen zu liegen.
"Ja, ich denke ich weiß wo sie sich versteckt halten. Folgt mir!"
Gemeinsam betraten wir das große Rundzelt und sahen uns um. Ein Kommandozelt, wie ich es mir gedacht hatte. Ein großer runder Eichenholztisch stand in der Mitte eine Reihe von Stühlen war darum gruppiert. Auf dem Tisch befanden sich einige Karten der Region und andere Dokumente, doch ich sah bereits auf den ersten Blick dass ich hier nichts von Bedeutung finden würde. Unwichtiger Plunder mit denen man den Soldaten wohl das Gefühl geben wollte, ein Mitspracherecht in der Planung zu haben. Ein Vampir würde seine Pläne nie mit Sterblichen teilen, dies war lediglich Ablenkung.
"Wonach suchen wir?" fragte Craven. Statt ihm zu antworten packte ich den schweren Eichentisch und warf ihn auf die Seite. Die Karten und Schriftrollen verteilten sich raschelnd auf dem Boden.
"Danach!" antworte ich und deutete auf den Boden wo gerade der Tisch gestanden hatte. Es waren deutlich die Umrisse einer Falltür zu erkennen. Ich packte den schweren Eisenring der in die Klappe eingelassen war und zog die Falltür auf. Dunkelheit herrschte hinter der Falltür, ich konnte nicht sehen was uns erwartete.
"Ich werde vorangehen. Du kommst nach mir Myra. Craven, du bildest die Nachhut." Ich bemerkte den Befehlston gar nicht in meiner Stimme als ich unser Vorgehen koordinierte, doch den anderen beiden blieb es nicht verborgen als sie sich fragende Blicke zuwarfen. Mir wurde erst später bewusst dass ich seit jenem Moment ein Anführer war. Solange wir noch zu zweit waren, betrachtete ich uns als ein gleichwertiges Team, auch wenn ich natürlich viel mehr Erfahrung hatte und letztendlich die Entscheidungen traf. Doch nun waren wir zu dritt, eine Gruppe. Und ich sollte ihr Anführer sein. Doch in diesem Moment galt meine Aufmerksamkeit ganz dem dunklen Quadrat vor mir, und den möglichen Gefahren dahinter. Mit den schwarzen Zwillingen griffbereit an meiner Seite stieg ich in die Gruft hinab.
Fahles bläuliches Licht wies uns den Weg durch einen unbehauenen Felsentunnel. Das Licht ging von einem meiner magischen Leuchtsteine aus, von denen ich immer noch einige im Gepäck hatte. Man wusste nie wann man sie mal brauchen konnte. Der Gang schien sich ins endlose zu ziehen und ich überlegte bereits ob ich mich getäuscht hatte, vielleicht war dies nicht ihre Gruft sondern ein Fluchttunnel nach Draußen. Aber weshalb gingen wir dann stetig bergab? Meine Frage beantworte sich selbst, als sich im blauen Schein des Steines ein altes gusseisernes Tor aus der Dunkelheit schälte. Es war mit dämonischen Fratzen und Totenköpfe verziert und sah alt und rostig aus. Das Tor existierte schon viel längere Zeit als das Lager unter dem es sich befand. Langsam nahm ich einen der alten schweren Eisenringe in die Hände und zog den rechten Torflügel auf. Kein Staub kam mir entgegen, dieses Tor wurde noch benutzt, immer wenn die Sonne hinter den Bergen verschwand, dessen war ich mir sicher.
Vorsichtig betrat ich den Raum der sich hinter dem Tor befand und stellte fest dass mein Leuchtstein nun überflüssig war. Der Raum wurde von einem halben Duzend brennenden Fackeln beleuchtet. Myra und Craven folgten mir und sahen sich um.
"Ich denke wir haben gefunden was wir gesucht haben." sagte ich leise zu ihnen. Wir standen mitten in einer Gruft, vor uns im Schein der Fackeln lagen acht einfache Holzsärge in Reih und Glied aufgestellt. In der Mitte thronte ein weiterer größerer und reich verzierter Sarg.
8.
Vorsichtig näherten wir uns den Särgen. Ich zog eine handvoll Pflöcke aus meinem Gürtel und reichte Myra und Craven je einen. Craven sah den Pflock missmutig an. Seinem Gesicht konnte ich deutlich ansehen dass ihm seine Axt lieber gewesen wäre. Ich selbst nahm den letzten Pflock und machte mich an die Arbeit. Vorsichtig schob ich den ersten Deckel von dem Sarg. Im Inneren lag von edlem rotem Samt umgeben ein blasser Körper, die Augen wie im Schlaf geschlossen, die Hände vor der Brust verschränkt. Auf den ersten Blick eine einfache Leiche. Nicht schön anzusehen, aber eben doch nichts Ungewöhnliches in einem Sarg. Doch ich wusste es besser. Es waren Kleinigkeiten, die Tarnung der Untoten war sehr gut. Doch als Jäger lernte man auf Kleinigkeiten zu achten. Langsam hob ich den Pflock. Auch Myra und Craven hatten je einen Sarg geöffnet und taten es mir gleich. Ich setzte den Pflock am Herzen an und sah kurz zu meinen beiden Begleitern auf. Sie nickten mir entschlossen zu. Ich atmete noch einmal tief ein, dann rammte ich den Pflock mit aller Kraft in das untote Herz. Der Vampir schlug im selben Moment die Augen auf und öffnete den Mund zu einem stummen Schrei. Ein Blutschwall spritze mir ins Gesicht und im nächsten Moment begann der Körper unter mir zu brennen und verwandelte sich in wenigen Augenblicken in ein Häufchen rauchender Asche. Aus den Augenwinkeln sah ich dass die anderen meinem Beispiel folgten. Craven rammte den Pflock mit der Kraft eines Ochsen in den untoten Leib unter ihm. Myra, der unsere Kraft fehlte, schlug mit ihrem Schwertknauf mehrmals auf den Pflock. Auch ihre beiden Körper begannen zu Asche zu zerfallen. Ich nickte ihnen anerkennend zu.
"Ich finde das immer noch nicht richtig, ich fühle mich innerlich besudelt." sagte Craven und schüttelte den Kopf. Myra legte ihm einen Arm um die Schulter während sie sich das Blut des Vampirs aus dem Gesicht wischte. "Es muss sein. Vertrau uns."
"Wir müssen uns beeilen. Etwas stimmt hier nicht." spornte ich die beiden an. Ein Gefühl überkam mich. Das ging zu einfach. Etwas war hier nicht richtig. Konnten Vampire am Tage erwachen wenn sie Gefahr witterten? Ich sah mich in der Gruft um. Hier unten währen sie vor dem tödlichen Licht geschützt. Möglicherweise warnte sie eine Art Selbsterhaltungstrieb. Wir durften kein Risiko eingehen und mussten sie so schnell möglich vernichten.
Ohne Widerrede wandten sich Myra und Craven den nächsten Särgen zu. Auch ich ging zu dem nächsten Sarg und schob den Deckel herunter. Es bot sich mir das gleiche Bild wie bei dem anderen Sarg. Eine hagere bleiche Gestalt in einem samtenen Sarg, geschlossene Augen und gefaltete Hände. Doch irgendetwas stimmte hier ganz und gar nicht. Ich verspürte so ein Kribbeln im Nacken, wie immer wenn Gefahr drohte. Ich schüttelte den Kopf und versuchte mich auf meine Aufgabe zu konzentrieren Als ich den Pflock ansetzte glaubte ich einen Moment zu sehen wie das rechte Augenlied der Kreatur zuckte. Was zum...
Ich wollte gerade Myra und Craven eine Warnung zurufen als mich etwas am Arm packte. Eine bleiche klauenartige Hand hatte mich gepackt. Der Vampir unter mir schlug die Augen auf und starrte mich ausdruckslos an. Im selben Moment sah ich wie Myra und Craven mit einem Schrei von den Särgen zurückwichen. Die Vampire waren aus ihrem Schlaf erwacht.
Die Kreatur unter mir zischte unverständliche Verwünschungen hervor und versuchte mich anzuspringen. Ich ließ ihm keine Gelegenheit dazu. Kaum rührte sich die Kreatur in ihrem Sarg, da bohrte ich ihr den Pflock mit aller Kraft ins Herz. Ich spürte wie der Körper unter mir zu zerfallen begann während der Vampir noch seine Wut in die Gruft schrie. Aus den Särgen von Myra und Craven erhoben sich im selben Moment zwei Körper um sich auf die Eindringlinge zu stürzen. Ich sah Craven mit einem Kampfschrei nach vorne springen und seine Axt horizontal über den offenen Sarg schwingen. Zwei Sekunden nachdem der Kopf des Vampirs aus dem Sarg ragte hatte ihn Rutex bereits vom Leib geschlagen. Myra hatte indessen eine kleine Flasche aus ihrem Gürtel hervorgeholt und schleuderte das Gefäß in den Sarg aus dem sich gerade ihr Vampir erhob. Bevor die Kreatur wusste wie ihr geschah war sie mit heiligem Wasser benetzt das ihr die untote Haut von den Knochen ätzte und bereits begann den Vampir zu verbrennen.
In diesem Moment flogen krachend die drei Sargdeckel der anderen Vampire von den Särgen und landeten polternd auf dem unbehauenen Steinboden. Schneller als normale Augen es hätten erfassen können sprangen die drei Vampire aus ihren Totenbetten und gingen zum Angriff über. Ich warf den Pflock beiseite und zog die schwarzen Zwillinge. Ich wollte gerade zum Angriff übergehen als ein tiefes Dröhnen durch die Gruft hallte. Der Deckel des großen Sarges in der Mitte begann auf dem Sarg zu vibrieren und schwarzer Nebel ergoss sich aus seinem Inneren in den Raum. Das Dröhnen steigerte sich zu einem tiefen dunklen Brüllen und im selben Moment flog der Deckel von dem Sarg des hohen Vampirs!
Ich rief Myra und Craven zu dass sie sich um die anderen drei kümmern sollten. Ihr Fürst sollte mein Problem sein. Er erhob sich geschmeidig aus seiner Ruhestätte, eine gewaltige Gestalt in edlen Gewändern aus Seide. Ich hatte ihn noch nie zuvor gesehen, doch er schien mich sofort zu erkennen. Seine Augen weiteten sich und er zischte mich voller Hass an: "Kaaane...der Jäger in meinem Heiligtum. Tot den C'ael Rohen!!"
Ich hatte keine Zeit etwas zu erwidern, der Anführer ging sofort zum Angriff über.
Myra verpasste dem ersten Vampir der sich ihr näherte einen schwungvollen Tritt in den Magen während sie Faliceat aus der Scheide zog. Die Klinge schien zu summen als sie gezogen wurde. Myra verlor keine Zeit und versuchte sie dem Nachtwandler vor sich in die Brust zu rammen. Keiner der Vampire, dem Fürsten eingeschlossen, war bewaffnet, doch ihre langen klauenartigen Fingernägel und die tödlichen Fangzähne würden das zur genüge ausgleichen. Die Kreatur parierte die Hiebe mit den bloßen Händen, doch Myra merkte schnell dass die Kreatur immer noch überrascht von ihrem Angriff war. Verwirrt da er gewaltsam aus seinem Schlaf gerissen wurde, stellte er keine ernsthafte Gefahr dar. Myra versuchte ihn mit einigen schnellen aber ungezielten Streichen abzulenken. Der Vampir blockte ihre Angriffe und starrte sie mit seinen toten gierigen Augen an. Übermenschlich oder nicht, der Vampir war zu langsam um ihrem nächsten Manöver zu entkommen. Schnell wie der Blitz rammte sie der Kreatur zuerst den Schwertknauf ins Gesicht und während er Vampir seine Hände vor sein verletztes Gesicht schlug, rammte Myra ihm den rechten Fuß in die Schienbeine. Mit rudernden Armen ging der Vampir zu Boden. Myra sprang auf ihn zu, stellte sich breitbeinig über ihn und rammte Faliceat tief in seinen Körper.
Craven versuchte sich mit Rutex die anderen zwei vom Leib zu halten. Diese Kreaturen waren überrascht und verwirrt, das merkte er sofort. Trotzdem war es etwas anderes als gegen Menschen zu kämpfen. Diese Wesen schienen ständig mit ihrer Umgebung zu verschwimmen, eins zu werden mit der Finsternis. Mal schienen sie zu wachsen, dann wieder zu schrumpfen. Craven konnte es nicht in Worte kleiden, es war als würde man gegen ein Phantom kämpfen. Er konnte sich an keinen anderen Kampf erinnern indem er gegen solch eine mystische und unberechenbare Kraft gefochten hatte... bis auf einen. Doch das war etwas anderes, dieser Kampf spielte sich nur in seinem Geist ab und war schon viele Jahre her. Doch dies war real und ließ sich nicht mit dem Ritual von Turin vergleichen. Dennoch wusste Craven dass er diesen Kampf gewinnen würde. Untot hin oder her, dem Vampir vor ihm fehlte der Willen zu gewinnen. Craven schlug schnell und hart zu. Der Vampir mochte über unmenschliche Kraft verfügen, doch entweder konnte er davon nicht gebrauch machen solange die Sonne schien oder er war zu überrascht um sich darauf zu konzentrieren. Craven trieb ihn immer weiter in die Enge, Rutex prallte immer und immer wieder auf die immer schwächer werdende Deckung des Blutsaugers. Schließlich stieß der Vampir an die Wand der Grotte und sah sich hektisch um. Craven hatte ihn in die Ecke getrieben und der Vampir verhielt sich so wie jedes in die Ecke getriebene Tier. Er sprang Craven mit einem letzten verzweifelten Angriffsversuch an. Der Ritter wich dem Sprung problemlos aus und brachte den Vampir mit seiner Axt zu Fall. Ein kräftiger Hieb und es war vorbei.
Kaum begann der Vampir zu Asche zu zerfallen schoss dem Ritter ein Gedanke durch den Kopf: 'Es waren zwei! Wo war der andere?' Doch es war zu spät. Craven nahm gerade noch eine Bewegung über sich wahr, als sich der verbliebene Vampir von der Decke über ihm fallen ließ, dann wurde Craven zu Boden geworfen. Spitze Zähne suchten seinen Hals und das gierige Hecheln der Kreatur drang an seine Ohren. Craven versuchte an seine Axt zu gelangen, doch war ihm diese aus den Händen geglitten. Als Craven schon dachte, dass seine Zeit als C'ael Rohen zu ende war bevor sie überhaupt richtig begonnen hatte, ging ein Zucken durch den Vampirleib über ihn. Die silberne Spitze eines Pflockes ragte aus der blutenden Höhle die mal das linke Auge des Vampirs war. Der Körper fiel von ihm herunter, und er konnte Myra erkennen die dem Nachtwandler den tödlichen Streich mit ihrem Schwert versetzte. Der Vampir ging wie seine Brüder kreischend in Flammen auf.
"Ich wollte mir nur bei dir revanchieren." lächelte Myra ihn an. Es gelang Craven tatsächlich zurückzulächeln.
All dies sah ich nur aus den Augenwinkeln und doch nahm mein Geist jedes Detail des Kampfes auf. Hätte je ernsthafte Gefahr für die beiden bestanden hätte ich jederzeit eingegriffen. Doch diese Vampire waren schwach und überrumpelt worden. Sie fühlten sich zu sicher in ihrem Heim. Und das war wieder ein Beweis, dass Asteroths Macht wuchs. Wir hatten in letzter Zeit fast ausschließlich Jagd auf die Gilde gemacht, wohl ein weiterer Grund weshalb sich Asteroths Diener so sicher vor uns fühlten. Vermutlich glaubten sie in ihrer Verblendung dass wir es nicht wagten Asteroth anzugreifen. Ein Gedanke bei dem sich mein Gesicht zu einem grimmigen Lächeln verzog.
"Was lachst du Verdammter?" fuhr mich der Anführer erbost an, der lauernd auf meinen Angriff wartete. Auch er hatte gesehen wie schnell seine Diener vernichtet wurden. Er wusste dass es kein Entkommen gab.
"Ich stellte gerade fest das euere kümmerliche Bande, die sich diesem selbsternannten Bringer der neuen Ordnung verschrieben hat, noch viel erbärmlicher ist als ich erwartet hatte. Nach den ganzen Gildenvampiren hoffte ich auf etwas mehr Anspruch bei der Jagd, aber ihr seit noch verweichlichter als die Gilde."
Ich konnte deutlich sehen wie sich das Gesicht des Vampirs immer mehr zu einer Fratze verzog. Mit dieser Aussage hatte ich ihn voll erwischt. Hoher Vampir und Anführer waren vergessen, ihn unter die Gilde zu stellen war eine Beleidigung die er nicht auf sich sitzen lassen konnte. Voll blindem Hass hob er seine Klauen und rannte auf mich zu. Genau dorthin wo ich ihn haben wollte.
Er war schnell, schneller als ich vermutet hätte. Aber immer noch zu langsam. Sein Angriff ging ins Leere und die schwarzen Dämonen in meinen Händen vollführten ihr blutiges Tagewerk. Der Vampir konnte den ersten Attacken noch ausweichen, doch Fortigan und Korosan fuhren weiter gnadenlos auf ihn hernieder. Sie führten ihren eigenen mystischen Tanz auf, selbst meine Augen glaubten das sie miteinander verschmolzen, so schnell wirbelten sie vor mir durch die Luft. Meine Hände und mein Verstand führten sie in den Kampf, doch stellte ich immer wieder fest dass die Klingen ihren eigenen Regeln folgten. Sie waren wie bissige Hunde. Ich konnte sie eine zeitlang an der Leine halten, doch hatten sie erst einmal ihr Opfer gefunden und Blut geleckt, konnte ich nur noch versuchen sie zu bändigen. Sie hatten sich von mir losgerissen, und ihr tiefer uralter Hass entlud sich auf alles was ihnen in den Weg kam. In den vielen Jahren lernte ich sie zu beherrschen und auf die richtigen Ziele zu lenken. Seit ich Gefährten bekommen hatte, musste ich dafür Sorge tragen dass sich die Wut der Zwillinge nicht einfach Bahn brach und möglicherweise ihnen Schaden zufügte. Sie waren sehr gefährlich und nur ich hatte gelernt sie zu beherrschen. Und sie hatten diesen besonderen Hass auf Vampire entwickelt. Ich wusste nicht ob er durch meinen eigenen Hass entstand - immerhin teilten sie meinen Verstand - oder ob er schon immer da gewesen war. Mich akzeptierten sie nur, da sie wussten dass ich alle anderen Vampire vernichten würde. In mir sahen sie ein Werkzeug ihrem eigenen Begehren zu folgen und für mich waren sie dasselbe, und doch noch viel mehr. Zwei weitere Gefährten, und zwei Stimmen in meinem Kopf. In diesem Moment als ich gegen den Vampir kämpfte, hörte ich ihre gierigen Stimmen. Sie lechzten nach seinem Blut und seinem verbrannten Fleisch. Sie sollten ihren Willen bekommen.
Die Abwehr des Vampirs wurde immer schwächer. Die Klingen schienen ihm förmlich seine Vitalität auszusaugen und er wurde von Sekunde zu Sekunde immer schwächer. Nach einigen schnellen kraftvollen Hieben hatte ich ihn in die Knie gezwungen. Der Hohe Vampir sah mich ohne Furcht an, aber die tödliche Erkenntnis stand ihm ins Gesicht geschrieben. "Ein weiterer Triumph auf eurem rastlosen Weg der Vergeltung Jäger. Doch wird er euch nichts nützen. Asteroth wird euch vernichten, wie jeden Feind der es wagte sich in seinen Weg zu stellen. Nichts kann ihn aufhalten, er ist über alles und jeden erhaben. Mein Ende wird mich nur seiner Göttlichkeit näher bringen." Der Anführer lächelte, er schien seine Worte tatsächlich zu glauben.
"Wie einfältig ihr doch seit. Ihr werdet keinen Frieden finden, nicht nachdem ihr auch das letzte bisschen Menschlichkeit das möglicherweise noch in euch war, Asteroth verschrieben habt. Den er duldet kein Versagen, und seine Strafe wird schlimmer sein als alles was ich euch antun könnte."
Das Lächeln auf dem Antlitz des Vampirs schwand als er begann meine Worte zu verstehen. Dieser Ausdruck von Überraschung und grausamer Erkenntnis brannte sich auf seinem Gesicht ein, als Fortigan seinen Kopf von den Schultern hob, bis das Feuer gnädigerweise diese schreckliche Maske des Grauens von seinen Zügen wusch.
Die Sonne versank im Westen hinter den Ausläufern des Gebirges als wir die Gruft verließen. Von dem Lager waren nur Trümmer übrig geblieben, das Feuer hatte alles vernichtet. Die Nachricht von unserem Angriff würde sich rasch herum sprechen. Vielleicht hatten wir Glück und man hielt es für O Kiels Werk, doch das bezweifelte ich. Und das war auch nicht wichtig, Asteroth wusste nun dass auch seine Mannen nicht vor den C'ael Rohen sicher waren. Er hatte vermutlich nur darauf gewartet wann wir den ersten Schritt tun würden.
Die letzten Strahlen der Sonne schienen in mein totes Gesicht, doch ich bemerkte es kaum, meine Gedanken waren woanders. Jahrzehnte waren vergangen seit ich Asteroth persönlich gegenüber stand und seit der Zeit auf dem Drake-Stone-Mountain war es beunruhigend ruhig um ihn geworden. Meine Blicke suchten Myra und Craven die neben mir standen und zufrieden in den Sonnenuntergang sahen. Wie viel wusste er über sie? Würde diese Tat nun sein Augenmerk auf uns richten?
Asteroth würde zurückschlagen und davor fürchtete ich mich mehr als vor allem anderen. Denn was, wenn der Angriff nicht mir sondern einem meiner Gefährten galt? Konnte ich sie dann vor solch einem Gegner beschützen? Kälte breitete sich in meinem Inneren aus, denn ich kannte die Antwort.
Was wird er nun tun, nun da er die schwere Bürde des Anführers zu tragen hat?
Die Stimmen waren unsicher. Er sollte ihnen gehören, noch immer verlangten sie nach seinem Blut. Doch er war stark geworden und sein Einfluss auf das Leben der Sterblichen wurde größer.
Sollte er tatsächlich der Begründer eines neuen Vampirjägerclans werden? Würden seine Taten ihn aus dem Vergessen befreien und würden wieder jene Ritter aus grauer Vorzeit sich dem Unheil, welches das Land bedrohte, stellen?
Oder würde sein Versuch letztlich scheitern und damit nicht nur ihn sondern auch seine Gefährten verdammen?
Konnte er sie vor dem Schicksal bewahren welches bereits von Mächten besiegelt wurde die sich unserer Vorstellungskraft entzogen?
Die Stimmen hatten Angst um ihn, den die Antwort würde mehr von ihm fordern als er möglicherweise geben konnte.
Kapitel 9
Dunkle Wolken am Himmel
1.
Tolur rannte durch die düsteren Hallen des alten Schlosses. Furcht konnte man in seinen Augen lesen, er zitterte am ganzen Leib. Ihm wäre der Schweiß auf der Stirn gestanden wenn sein Organismus in der Lage gewesen wäre zu schwitzen. Doch er war ein Geschöpf der Nacht, wie alle die diese Burg bewohnten. Für die einfachen Menschen war es nichts weiter als ein Schloss unter vielen, doch für die Eingeweihten war es der Hauptsitz von Tarim o Kiel, dem Vorstand des Gildenrates, dem höchsten Vertreter der Vampirgilde und oberster Führer der Untoten. Doch O Kiels Macht schwand zunehmend. Immer mehr Mitglieder der Gilde liefen zum Feind, dem Verräter Asteroth, über oder wurden von Drake du Kane, dem verdammten Vampirjäger, gestellt und zur Strecke gebracht. Es stand nicht gut um die Gilde, sie zerbrach Stück für Stück. Der Krieg forderte viele Opfer und der Waffenstillstand würde wohl nicht mehr lange währen, das ohnehin schon brüchige Band drohte nun vollends zu zerreißen.
Tolur hatte sein Ziel erreicht. Ohne anzuklopfen stieß er die gewaltige Eichenholztür auf und stürmte in den Thronsaal. Im Inneren konnte der Vampir 4 Personen ausmachen. Zarteg und Yorchon hatten eine hohe Position im Rat inne, doch waren sie letztendlich auch nichts weiter als Scharlatane die ihre Position ihren Titeln und nicht ihren Taten zu verdanken hatten. Die kleine gedrungene Gestalt mit den langen Zotteln daneben war Sagul. Obwohl er den Eindruck eines Bettlers machte, kannte Tolur seine wahre Gestalt. Er galt als einer der mächtigsten hohen Vampire innerhalb der gesamten Gilde, vielleicht gar der mächtigste hohe Vampir der existierte. Man durfte ihn aufgrund seines Aussehens nicht unterschätzen. Er verstand es sich geschickt zu tarnen.
In der Mitte auf einem goldenen Thron schließlich saß Tarim o Kiel persönlich, das Oberhaupt aller Vampire die noch dem alten Weg folgten wie man es innerhalb der Gilde nannte. Der Erzvampir wirkte sehr alt, obwohl man ihm natürlich kein Alter ansehen konnte. Bei keinem Vampir war es möglich dessen Alter zu schätzen da ihre Züge zeitlos und unwirklich zugleich wirkten. Aber die Verluste und Niederlagen standen dem Oberhaupt deutlich ins Gesicht geschrieben, Tarim o Kiels Blütezeit war längst vorbei. Tolur schluckte. Ein schlechter Zeitpunkt für seine Kunde, doch es konnte nicht warten.
Tarim o Kiel hatte erschrocken aufgeschaut als Tolur in den Saal stürmte. Wütend verzog er das Gesicht.
"Was soll das? Warum platzt du hier einfach herein ohne dass man nach dir hat schicken lassen? Wie kannst du es wagen einfach in meine Gemächer einzudringen..."
"Verzeiht mir, aber ich habe schlechte Nachrichten die keinen Aufschub dulden euer Hoheit." stammelte Tolur und verneigte sich so tief, das sein Gesicht fast den Boden berührte.
"Los raus damit, was ist passiert?" fuhr Tarim den Knienden an.
"Das...das Buch wurde gestohlen..."
"WAS???" Schneller als es ein menschliches Auge hätte erfassen können war der alte Erzvampir aufgesprungen und stürmte durch den Saal auf den unglücklichen Boten zu. Tolur merkte nur noch wie er gepackt und von den Füßen gerissen wurde. Im nächsten Moment sah er in das Antlitz von Tarim o Kiel. Seine Augen glühten, sein Gesicht war eine Maske des Zornes.
"Was sagst du da? Spiel keine Spielchen mit mir, Wurm."
"Es...es ist wahr, er hat das Buch gestohlen." keuchte Tolur.
"NEIN! DAS DARF NICHT WAHR SEIN!" brüllte Tarim und schleuderte Tolur durch den Saal. Auch die anderen Anwesenden waren erschrocken aufgesprungen als sie Zeuge von Tarim o Kiels Wutausbruch wurden. Tolur stöhnte und rang nach Atem während der Erzvampir durch den Raum schritt.
"Das kann er nicht tun." brüllte er die Wände an. Einrichtungsgegenstände flogen durch das Zimmer ohne dass sie jemand geworfen hätte. Klirrend zersprang eine Fensterscheibe nach der anderen und die Glassplitter regneten auf die teuren Teppiche die den Boden des Thronsaals schmückten. Die Schränke und Tische des Zimmers explodierten und Holzsplitter flogen tödlichen Geschoßen gleich durch den Raum. Tarim o Kiels unbeherrschte Gedanken hinterließen Chaos.
Endlich, als sämtliches Mobiliar in Trümmern lag kühlte sich das Temperament des Erzvampirs soweit ab, das er wieder zur Ruhe kam. Er schloss die Augen und atmete tief durch. Dann wandte er sich an Tolur, der immer noch zusammen gekauert in der Ecke lag.
"Wie konnte das passieren?"
"Es muß jemand aus unseren eigenen Reihen gewesen sein." antwortete Zarteg an Tolurs Stelle.
"Überläufer, Verräter die sich Asteroth angeschlossen haben. Ihre Anzahl wächst."
"Und sie wird weiter wachsen wenn sich die Nachricht von dem Diebstahl erst verbreitet hat." fügte Yorchon leise hinzu.
"Diesmal ist er zu weit gegangen." platzte es auf Tarim o Kiel heraus. "Seine Sabotageakte die von Jahr zu Jahr dreister wurden sind eine Sache, aber das ist zuviel! Seit dieses fadenscheinige Bündnis geschlossen wurde hat er keine Gelegenheit ausgelassen mich und die Gilde zu schwächen. Doch nun ist das Maß voll. Erst lehnt er den Glauben an das Necronomicon ab, was verwerflich genug wäre, und nun wagt er auch noch es zu stehlen. Seit über 300 Jahren, seit wir es von den C'ael Rohen zurückerobern konnten, befindet sich das heilige Buch in unserem Besitz."
"Er will euch bloßstellen. Euch und die ganze Gilde." sagte Zarteg.
"Euer Ansehen schwindet O Kiel", übernahm Yorchon das Wort, "das Volk der Vampire beginnt an euerer Berufung zu zweifeln. Die Gilde ist längst nicht mehr das was sie einmal war. Asteroth hat sie gespalten als er sich vor über einem halben Jahrhundert von ihr losgesagte. Jeder dritte Unsterbliche ist mittlerweile zu ihm übergelaufen und seine Macht wächst von Jahr zu Jahr. Die Gilde zerbricht O Kiel."
"SCHWEIGT!" fuhr der Erzvampir die Sprecher zornig an.
"Das Problem ist der Jäger." erhob Sagul das Wort. Es war das erste Mal das er sich äußerte. "Sein Einfluss wächst immer weiter. Er ist längst nicht mehr der einfache Schüler. Er schart Kämpfer um sich, versucht die C'ael Rohen wieder neu zu gründen. Sie sind nun schon zu dritt und er vernichtet alles was ihren Weg kreuzt."
"Ja", stimmte Zarteg zu, " die Gilde stirbt durch Asteroths Aktivitäten. Und Drake du Kane nutzt diese Schwäche. Noch nie in der Geschichte der C'ael Rohen gab es einen Jäger wie ihn. Die Vampire flüstern seinen Namen mit Furcht, sein Name bedeutete den Untergang für jeden. Ihn fürchten sie, nicht euch o Kiel. Und Asteroth nutzt dies um es gegen euch zu verwenden."
"ER GEHÖRT MIR!" brüllte Tarim o Kiel durch den Saal und warf mit den Überresten der zersplitterten Kommode um sich.
"Ihr müsst ihn finden." erklärte Sagul seinem Meister. "Er muß brennen. Er muß verurteilt und hingerichtet werden wie es unser Gesetz verlangt. Ihr müsst ein Exempel an ihm statuieren, der Gilde zeigen dass sich Tarim o Kiel nicht von einem C'ael Rohen beherrschen lässt. Dann werden sie wieder vertrauen zu euch haben und zu euch zurückkehren."
Tarim o Kiel betrachtete seinen kleinen buckligen Diener lange und nachdenklich. "Wir müssen den Rat einberufen, uns steht ein Kampf bevor. Asteroth hat das Buch nicht grundlos gestohlen. Er wird angreifen. Dieser Frevel war die Kriegserklärung, das Bündnis ist hiermit gebrochen. Kein Waffenstillstand mehr, wir werden kämpfen! Ich lasse mich von Asteroth nicht zum Narren halten!" Mit diesen Worten stapfte Tarim o Kiel wütend aus dem Saal.
2.
Ich rannte durch die Finsternis. Meine Lungen brannten, meine Beine schmerzten, aber ich hatte mein Ziel fast erreicht. Wenn ich doch nur wüsste was es war dass ich suchte. Eine Stimme rief mich. Eine vertraute Stimme, ich kannte sie irgendwoher. Wenn ich nur wüsste woher? Ich stand in einer Tropfsteinhöhle, bläuliches Zwielicht erhellte die Grotte. Ich kannte diesen Ort, obwohl ich noch nie dort gewesen war. Etwas Vertrautes umgab mich, durchströmte mich, ließ mich erschaudern. Was war dies nur für ein Ort und warum musste ich ihn finden? Etwas Wichtiges lag hier verborgen. Uraltes Wissen. Wessen Wissen?
'Unser Wissen Norin. Das wissen um ihre Schwächen.' vernahm ich eine Stimme hinter mir die ich seit einer Ewigkeit nicht mehr vernommen hatte. Langsam drehte ich mich um. Ich traute meinen Augen nicht, obwohl ich tief im Innersten schon wusste wer hinter mir stand. Mein Meister hatte sich nicht verändert, er sah genau so aus wie an dem Tag als er auf dem Drake-Stone-Mountain sein Leben gelassen hatte.
'Meister?' Meine Stimme hallte durch die Höhle und wurde als Echo zurückgeworfen.
'Geh und suche das Wissen deiner Ahnen. Der Weg ist nicht mehr weit. Sei stark und bleibe standhaft. Nur so kannst du sie besiegen.' Die Gestalt von Sen Lar begann zu verschwimmen.
'Meister, wartet? Was soll ich suchen? Und wo? Wartet, ich habe so viele Fragen an euch?'
'Die Antworten darauf musst du selbst finden.' hörte ich seine Stimme sagen als er bereits verschwunden war und ich wieder alleine war. Die Finsternis hatte mich wieder verschluckt und mir wurde kalt. Unendlich kalt. Etwas dunkles, eine Gefahr. Ich spürte sie. Etwas würde geschehen, ich konnte es fühlen.
Eine Bewegung ließ mich herumfahren. Etwas in der Dunkelheit. Gehetzt sah ich mich um. Überall. Überall um mich herum. Ich war umstellt. Kein Ausweg. Sie griffen an...
Schwer atmend schlug ich die Augen auf. Es war Nacht. Eine wunderschöne sternenklare Nacht. Ich lag auf meinem Lager aus Decken. Über mir erstrahlten die Sterne in ihrer vollen Pracht. Mein Blick schweifte nach links wo ich unser Lagerfeuer ausmachen konnte. Es brannte noch. Ich konnte zwei menschliche Silhouetten ausmachen die davor saßen und sich unterhielten. Langsam stand ich auf, zog mir eine Decke über die nackten Schultern und schritt auf das Feuer zu. Die beiden Sitzenden sahen auf als sie mich bemerkten.
Myra lächelte mich an. "Schlecht geschlafen?"
Ich nickte stumm und ließ mich neben ihnen nieder.
"Der selbe Traum?" fragte Craven während er mit einem Stück Holz in der Glut stocherte.
"Ja", antwortete ich, "er hat etwas zu bedeuten. Etwas mit mir, etwas mit uns. Mit dem Clan."
"Du meinst den C'ael Rohen?" fragte mich Myra.
"Etwas ist dort draußen. Und wir kommen ihm näher. Der Traum wird immer intensiver."
"Vielleicht bildest du dir das auch nur ein." entgegnete Craven skeptisch.
"Craven, das ist kein reiner Zufall. Gerade du solltest doch wohl am ehesten an Prophezeiungen und Visionen glauben." widersprach ich ihm aufgebracht.
"Du träumst diesen Traum jetzt seit fast drei Monaten, Drake. Was soll er denn bedeuten?"
"Ich weiß es nicht." gestand ich. Meine Gedanken rotierten in meinem Kopf. Ich war verwirrt, wie jedes Mal wenn ich diesen Traum hatte. Ich konnte mir einfach keinen Reim darauf machen. Sollte ich am Ende tatsächlich den Verstand verlieren? Waren dies die ersten Zeichen für Wahnvorstellungen? Jetzt, wo ich endlich das Gefühl hatte meine dunkle Seite ein für allemal besiegt zu haben.
Nein, es steckte mehr dahinter. Es gab diese Höhlen, und etwas war darin verborgen das wichtig war und das gefunden werden wollte. Von mir gefunden werden. Ich spürte Myras zarten Finger wie sei meinen Rücken streichelten. "Du siehst müde aus Drake. Du schläfst zu wenig. Vampir hin oder her, auch du brauchst Ruhe."
Sie hatte Recht, ich fühlte mich erschöpft und ausgelaugt. In den letzten Wochen hatte ich kaum ein Auge zugetan.
Die Jagd hatte sich in diesen Gefilden als wenig spektakulär erwiesen. Seit Monaten waren wir in diesen Landen auf keinen Untoten gestoßen. Sowohl von der Gilde wie auch von Asteroths Rebellion fehlte jede Spur. Die Neuigkeiten jedoch die einer von uns bisweilen aufschnappte verhießen nichts Gutes. Demnach wuchs Asteroths Armee weiter. Immer mehr desertierten und schlossen sich dem Bringer der neuen Ordnung an. Wir mussten ihn aufhalten, bald würde er auch für uns zu mächtig sein. Es waren nun fast sechs Jahre vergangen seit Craven zum C'ael Rohen wurde und ich hatte mich persönlich um seine Ausbildung gekümmert. Er war viel stärker als ich gedacht hätte. Er hatte viel innere Kraft und war willig zu lernen. Auch wenn die Jagd seinen alten Prinzipien widersprach, so hatte er sich mit der Zeit damit abgefunden und war nun ein vollwertiges Mitglied der C'ael Rohen. Es war verrückt. Nach der langen Zeit in der ich alleine unterwegs war und die Jagd als meine alleinige Bürde betrachtet hatte, die ich ganz alleine tragen musste, war es sonderbar andere Jäger um mich zu haben. Nun war meine Arbeit getan, ich konnte ihnen nichts mehr beibringen. Sie waren nun ebenso Jäger wie ich. Ich begann langsam an die Worte Sen Lars zu glauben als er mir damals sagte dass ich den Clan wieder neu erblühen lassen würde. Ich frage mich was der alte Mann noch alles gewusst hatte.
"Was ist los Drake? Du wirkst so abwesend?" riss mich Cravens Stimme aus meinen Gedanken.
"Oh, es ist nichts. Was ist mit euch, warum schlaft ihr nicht?"
"Wir konnten nicht schlafen." antwortete Myra.
"Also haben wir geredet. Du hast erschöpft gewirkt deshalb wollten wir dich nicht wecken." erklärte Craven und warf einen Holzscheit in das Feuer.
"Und worüber habt ihr geredet?" fragte ich sie.
"Über ihn." antwortete Myra leise. "Die Sache spitzt sich zu Drake. Die Gerüchte von einer Streitmacht häufen sich. Du hast selbst gesagt, Asteroth plant einen neuen Krieg. Die Zeit scheint gekommen, er hat mehr Macht als jemals zuvor und die Gilde ist geschwächt wie nie. Dieses Abkommen war ja von Anfang an ein fauler Kompromiss um gemeinsam gegen uns vorzugehen. Doch nun braucht er sich nicht mehr verstecken. Wenn es stimmt was du mir über ihn erzählt hast wird er nicht warten bis wir zu ihm kommen. Er wird zuschlagen."
"Sie hat Recht", nickte Craven, " ich mag zwar wie ein Barbar wirken aber die Priester haben mich auch in Politik unterrichtet. Wenn dieser Asteroth so schlau ist wie du behauptest und es bereits einen Krieg zwischen ihm und der Gilde gegeben hat, den er beinahe schon gewonnen hätte, dann wird er die Initiative ergreifen."
"Er ist mehr als nur gerissen. Er ist ein Stratege wie ich keinen zweiten kenne. Er denkt in ganz anderen Dimensionen, plant Jahrzehnte voraus. Und vor allem, er kann warten. Ich wurde vor 60 Jahren Zeuge wie er drei Parteien gleichzeitig gegen einander ausgespielt hatte und am Ende als Sieger hervorging. Und seit dieser Zeit hat er sich nicht mehr sehen lassen. Fast ein ganzes Menschenalter ist es her das ich ihn das letzte Mal gesehen hatte, doch für ihn ist dies nur ein Augenblick. Er existiert schon seit Jahrtausenden und festigt seine Macht. Oh ja, er wird angreifen. Sein Hass auf o Kiel ist grenzenlos, ebenso wie auf mich. Aber egal wie sich die Situation zwischen den beiden auch entwickeln mag, zunächst muß ich herausfinden was es mit diesen Träumen auf sich hat die mich Nacht für Nacht quälen. Und ich weiß das der Schlüssel dazu hier ganz in der Nähe liegt."
Craven und Myra warfen sich gegenseitig skeptische Blicke zu, doch sie sagten nichts. Craven zuckte die Schultern und begann wieder das Feuer zu schüren während Myra nachdenklich in die Flammen starrte. Schließlich erhob ich mich und streifte durch das Lager das wir einige Stunden vorher im letzten Tageslicht errichtet hatten. Hing meinen eigenen Gedanken nach.
"Warum sagst du mir nicht endlich was dich wirklich bedrückt?"
Erschrocken zuckte ich zusammen. Myra stand hinter mir und fixierte mich mit diesem fragenden Blick, den ich nicht ausstehen konnte. Ich hatte sie nicht gehört. Das war mir schon seit Jahren nicht mehr passiert, dass sich jemand an mich anschleichen konnte ohne dass ich es gemerkt hätte. Ich schüttelte hilflos den Kopf. Ich musste mit dieser Tagträumerei aufhören, es könnte mich den Kopf kosten. Und den von Myra und Craven. Ich war für die beiden verantwortlich. Ob ich es nun wollte oder nicht, ich war ihr Anführer und als solcher hatte ich Verpflichtungen ihnen gegenüber. Ich seufzte ergeben und drehte mich zu ihr um.
"Du solltest die drohende Gefahr eigentlich selbst spüren, sofern mein jahrelanges Training nicht völlig umsonst gewesen war." antwortete ich gereizt. Meine barsche Antwort hatte jedoch nicht den Erfolg den ich mir versprochen hatte. Statt es dabei bewenden zu lassen verschränkte Myra stur die Arme vor der Brust und betrachtete mich wütend. Manchmal konnte diese Frau sturer sein als ein Drache den man aus seiner Höhle verweisen wollte.
"Nur weil du schlechte Laune hast musst du nicht gleich ungehalten werden Drake. Wir alle spüren diese Gefahr, nicht nur du. Aber ich und Craven lassen uns davon nicht aufzehren so wie du. Also, was ist los? In letzter Zeit scheinst du dich in einer anderen Welt zu befinden. Du bekommst kaum noch etwas von deiner Umwelt mit. Craven macht sich Sorgen. Und ich mir auch."
"Ich weiß es ja selbst nicht. Ich bin nicht mehr Herr meiner Lage. Ich weiß nur dass ein drohender Schatten über uns liegt. Über der Gemeinschaft. Etwas droht sie zu zerreisen."
"Und du glaubst dass ER es ist?"
"Wer sollte es denn sonst sein? Seine Präsenz ist für mich immer fühlbar, es ist sein Blut das durch meine Adern fließt. Er will mich! Und er bekommt was er will." Zornig wollte ich mich von ihr abwenden, doch sie hielt mich am Arm fest.
"Jetzt hör mir mal zu. Es ist mir egal was ER will. ICH will dich nämlich auch. Und ich brauche dich. Und er braucht dich auch!" Sie deutete auf Craven der noch immer vor dem Feuer saß und mit leerem Blick in die Finsternis starrte. "Wir haben ihn in diese Sache hinein gezogen, nun müssen wir uns um ihn kümmern. Er gehört zu uns, und er ist ein verdammt guter Jäger."
"Er ist nicht schlecht." antwortete ich ruhig.
"Er ist viel mehr als das. Du bist stolz auf ihn, gib es endlich zu."
Ich verzog das Gesicht. Ich betrachtete Craven wie er da am Feuer saß. Sie hatte Recht, ich war stolz auf ihn. Er war ungestüm, ungeduldig, voreilig und unüberlegt. Aber er dürstete nach Wissen wie ein verdurstender nach Wasser. Und er war stark und stolz. Er erinnerte mich an einen Jungen Namens Norin Read der damals auf dem Drake-Stone-Mountain gestorben war. Craven war fast zu etwas wie einem Sohn für mich geworden.
"Deine Blicke verraten dich Drake du Kane. Ich weiß was du für ihn empfindest. Warum zeigst du es ihm nicht?"
"Ich kann nicht. Noch nicht. Die Zeit wird kommen, aber noch ist es zu früh. Aber ihn bedrückt auch etwas, das sieht man ihm an. Und das ist nicht das drohende Unglück." Myra nickte traurig. "Ja, er fühlt sich einsam. Torschas Präsenz wäre in letzter Zeit immer schwächer geworden und nun sei sie ganz verschwunden. Craven zweifelt an seinem Glauben."
Ich schwieg und sah meine Geliebte an. Ich hielt nichts von Torscha oder irgendwelchen anderen Göttern, aber Craven brauchte seinen Glauben. Er war das einzige das ihm außer uns halt gab. Ich hatte mein Versprechen, Myra ihre Liebe zu mir und dem Leben gegen dessen Auslöschung sie kämpfte, doch was blieb ihm?
"Du solltest mit ihm reden Drake. Er braucht dich. Er ist mein Freund und Kampfgefährte, aber du bist sein Mentor."
Ich nickte. "Ich werde mit ihm reden, aber nicht jetzt. Ich muß herausfinden was diese Träume zu bedeuten haben. Wenn wir das überstanden haben ist hoffentlich auch dieses Gefühl der drohenden Gefahr gebannt. Dann werde ich mir die Zeit nehmen. Versprochen."
Sie sah mich misstrauisch an. "Wirklich?"
Ich lächelte sie an und legte meinen Arm um ihre Schultern. "Wirklich."
3.
In mystischem bläulichem Licht lag es stumm da auf dem hölzernen Podest, umgeben von einem gläsernen Kasten. Das Buch der Ahnen, der Urquell allen Wissens und verantwortlich für Tod und Leid auf der Welt. Das Necronomicon, das Buch der Toten. Die Legenden berichtet von diesem Machwerk der Dämonen, welches mit Menschenblut geschrieben und in Menschenhaut gebunden wurde. In ihm steckt der Schlüssel zu den Toren der Unterwelt. Die größten Nekromanten der Welt hatten vergeblich versucht in seinen Besitz zu gelangen, enthielt dieses Buch doch die größte Sammlung von schwarzer Magie die es gab. Dämonen, ihre Namen, Stärken und Schwächen und wie man sie beschwören konnte um sie sich Untertan zu machen. Rituale, magische Artefakte und unheilige Waffen. Verbotene Plätze, Sternenkonstellationen, Gesänge, Formeln und verbotene Zauberformeln. Ein Kompendium des Bösen wie es kein zweites gab oder geben wird. Und die einzige korrekte Niederschrift über die Wesen der Nacht. Alles über SIE, über ihre Aussehen, ihre Stärken und Schwächen, ihre Art, ihren Charakter und ihr Auftreten.
Asteroth überfiel heute noch ein Schauer wenn er daran dachte was das Buch alles über sie wusste. Es war kein heiliges Buch das von irgendeinem Gott geschrieben wurde, da keine Götter existierten. Zumindest keine Vampirgötter. Asteroth verweigerte die Vorstellung das es Wesen gab die über ihm standen. Er war der Mächtigste. Wenn es jemals einen Gott geben würde, dann würde er das sein! Dennoch war das Buch mächtig. Das Wissen das es enthielt war mächtig. Mächtig und Gefährlich. Verträumt streichelten seine Finger über den Glaskasten unter dem das Buch der Bücher schlummerte. Endlich befand es sich in seinem Besitz. Er wünschte er hätte O Kiels Gesicht gesehen als man ihm die Kunde überbracht hatte. Er hatte ihn an seiner verwundbarsten Stelle getroffen, seinem Glauben. Es hatte begonnen, alle Karten lagen auf dem Tisch. So wie er Tarim o Kiel und seinen idiotischen Stolz kannte würde er diese Demütigung nicht auf sich sitzen lassen. Er wusste so gut wie Asteroth, das ein erneuter Krieg das Ende für die Gilde bedeuten konnte. Aber würde er nicht handeln wäre das Vertrauen in ihn vollkommen erloschen. Seine Untertanen würde Wiedergutmachung für die Schmach fordern die ihnen zuteil wurde. Wie man es auch drehen und wenden mochte, Asteroth war der Sieger.
Lächelnd wandte er sich von seinem neuen Schatz ab und betrachtete wieder diesen seltsamen roten Stein der seine Trophäensammlung nun schon so lange beherbergte. Er wusste dass ein mächtiges Wesen in diesen Stein gebunden war. Ein altes Wesen das, als seine Existenz auf dieser Welt sich dem Ende näherte, einen Packt für ewiges Leben einging. Seine unsterbliche Seele war nun in diesem Kleinod gebunden und es würde dem, der es zu neuem Leben erweckte, seine Kraft schenken. Obgleich die Macht nicht so groß war wie Asteroth gehofft hatte, so wollte er sie dennoch besitzen. Vor allem wollte er aber wissen wie man sie entfesseln konnte. Wie konnte man die Kreatur wecken? Es war nicht der einzige Stein, es gab noch mehr davon, dessen war er sich mittlerweile sicher. Wenn er alle besitzen würde hätte er eine schier unschlagbare Armee. Doch wo waren diese Steine und wie konnte man sie benutzen? Er würde es herausfinden. Asteroth war nicht in Eile, er hatte Zeit und konnte warten.
Meine Augen konnten den alten Tempel schon von weitem sehen. Er war heruntergekommen, verfallen und verlassen. Ich wusste nicht was ein Tempel hier so weit draußen verloren hatte, wo es weit und breit keine Stadt oder irgendwelche Dörfer gab.
"Hast du etwas entdeckt?" fragte mich Myra als sie meinen fragenden Blick bemerkte.
"Da vorne ist ein Gebäude." antwortete ich.
"Ein Gebäude? Hier Draußen?" Myra schüttelte den Kopf. "Was könnte das sein?"
"Es sieht aus wie ein alter verlassener Tempel." erklärte ich.
"Ein Tempel?" Cravens Kopf ruckte nach vorne und er versuchte vergeblich etwas in der Ferne zu erkennen, doch für menschliche Augen, wie gut sie auch sein mochten, war er noch zu weit entfernt.
"Was für ein Tempel?" fragte er aufgeregt.
"Kann ich nicht sagen, ich kenne ihn nicht. Aber ich glaube das er schon lange verlassen ist."
"Wir sollten ihn uns trotzdem einmal ansehen. Vielleicht finden wir dort etwas was auf deine Träume hinweist." schlug Myra vor. Craven nickte. "Ja, der Meinung bin ich auch. Ein Götterhaus so tief in der Wildnis muß etwas zu bedeuten haben."
Ich zuckte mit den Schultern. "Wenn ihr meint." Ich konnte mir zwar nicht vorstellen was mein Schicksal mit einem alten verfallenen Tempel zu tun haben sollte aber schaden konnte es nicht.
Als wir schließlich nahe genug an das Gebäude heran waren das jeder deutlich erkennen konnte um was es sich handelte riss Craven entsetzt die Augen auf. "Es ist ein Haus der Torscha!" hörte ich ihn rufen und im nächsten Moment hatte er sämtliche Vorsicht vergessen die ich ihm über die Jahre beigebracht hatte. Ungestüm wie ein kleines Kind rannte er auf den alten verfallenen Tempel zu. Myra wollte ihm folgen doch ich hielt sie zurück.
"Lass ihn, das betrifft nur ihn alleine."
"Es könnte eine Falle sein." entgegnete sie bestimmt. Ich schüttelte den Kopf. "Hier ist niemand. Hier ist schon seit Jahrzehnten niemand mehr." Zu meiner Überraschung ließ sie es dabei bewenden und sah Craven nach der den Tempel mittlerweile erreicht hatte und im Inneren verschwand.
Kurze Zeit später hatten auch wir den alten Torschatempel erreicht. Er musste früher einmal sehr prachtvoll gewesen sein, auch wenn er nicht sonderlich groß war. Die Wände bestanden aus weißem Marmor der im Laufe der Zeit schmutzig und rissig geworden war. Die Reste einer Statue waren zu erkennen die vor den Toren wachte. Eine Frau mit einem mächtigen Zweihänder in den Fäusten. Von dem Eingangstor selbst war nur noch ein Haufen verschimmelter Holzbretter. Vorsichtig setzte ich meinen Fuß auf die Schwelle. Nichts.
Ich konnte ungehindert eintreten, kein Gott wachte mehr über dieses Gebäude. Nichts Heiliges war mehr zu spüren. Im Gegenteil, fast glaubte ich eine befleckte Präsenz zu erhaschen. Ganz schwach, aber vorhanden. Ich beschloss Fortigan und Korosan vorsichtshalber griffbereit in den Händen zu halten. Myra tat es mir gleich als sie hinter mir in den Tempel schritt.
Kaum hatte ich das Gebäude betreten, drang mir der widerliche Gestank der Verwesung in die Nase. Schwach und schon sehr alt. Ich sah mich um. Das Gebäude schien nur aus drei Räumen zu bestehen. Einer großen Halle die wohl den eigentlichen Tempel darstellte und zwei kleine Räume links und rechts davon.. Der Raum besaß 4 Fenster dessen Scheiben jedoch in Scherben auf dem Boden verstreut lagen. An den Wänden hingen Ölgemälde die Schlachtszenen darstellten. Alle ausgebleicht und verwaschen durch den Zahn der Zeit. Auch einige Wandteppiche schmückten wohl mal den Tempel doch waren diese vergilbt und grau. Man konnte nicht mehr erkennen was sie einmal darstellen sollten. Von den Bänken zeugte nur noch der Haufen verschimmelten Holzes, der den halben Raum einnahm.
Am Ende der Halle konnte ich einen goldenen Altar erkennen, darüber ein Bild das eine wunderschöne temperamentvolle Frau darstellte. Ihre Haare waren Flammenzungen und ihre Augen schienen zu brennen. Das Bild war das einzige das scheinbar vom Verfall völlig verschont geblieben war.
Myra hatte sich dem rechten Raum zugewandt, ich beschloss mir den linken vorzunehmen. Auf halben Weg stürmte plötzlich Craven aus eben jenem Raum. Sein Gesicht war von Entsetzen verzerrt. Er hatte Rutex, seine mächtige Axt in den Händen und stürmte aus dem Gebäude. Ich sah ihm beunruhigt nach, beschloss aber dass es wohl das Beste wäre in vorläufig erst einmal nicht zu folgen. Stattdessen wollte ich herausfinden was Craven in dem Raum gefunden hatte das ihn so wütend gemacht hatte.
Langsam betrat ich den kleinen dunklen Raum. Der Verwesungsgeruch wurde stärker. Ein einziges Fenster spendete ein wenig Licht das durch die verdreckte Scheibe in das Zimmer fiel. Es handelte sich um ein Schlafquartier. Ich erkannte fünf Stockbetten in die jeweils zwei Personen Platz hatten. Ich trat an die ersten Betten heran und schlug die Decke zurück. Ein Totenschädel grinste mich an. Als ich Decke vollends vom Bett zog entdeckte ich auch den Rest des Gerippes. Er musste schon seit Ewigkeiten tot sein. Sein Brustkorb war gesplittert als hätte ihn jemand im Schlaf erschlagen, ich konnte am Boden bräunliche Flecken erkennen und roch schwach getrocknetes Blut. Sehr alt, aber vorhanden.
Ich durchsuchte nach und nach die zehn Betten und fand insgesamt sechs tote Körper vor, alle im Schlaf ermordet. Ansonsten konnte ich nichts entdecken. Ich verließ diesen Ort des Todes und kehrte zurück in die Halle. Craven stand dort. Er hatte mittlerweile seine Axt wieder weggesteckt und betrachtete nachdenklich das Abbild seiner Göttin. Ich ging zu ihm.
"Craven?"
"Warum hast du das zugelassen? Sie waren wehrlos. Keiner verdient es so zu sterben. Vor allem keiner der deinen." klagte er das Gemälde an.
"Craven!" Ich schüttelte ihn an der Schulter. Erschrocken fuhr er herum. Eine Sekunde starrte er mich an, als hätte er mich zum ersten Mal gesehen, dann entspannte er sich endlich. "Sie wurden nachts angegriffen. Im Schlaf feige ermordet. Wer würde so einen Frevel wagen?"
"Ich weiß es nicht. Aber es ist lange her."
"Das spielt keine Rolle. Es waren meine Brüder, ich muß sie rächen." Entschlossen ballte er die Hände zu Fäusten.
"Craven, hör zu, es..." setzte ich dann, doch wurde ich jäh unterbrochen als Myra aus dem anderen Raum kam. Sie war kreidebleich. "Eine Sakristei. Zwei Skelette liegen im inneren. Wohl im Kampf gestorben." erklärte sie sachlich. Ich nickte. Also fehlten zwei Priester. "Gut", setzte ich an, "ich schlage vor wir..."
"Drake!" unterbrach mich Myra ernst.
"Was?" fragte ich sie. Als ich ihren Blick bemerkte zuckte ich innerlich zusammen. Sie sah aus als hätte sie einen Geist gesehen.
"Du solltest dir das ansehen!"
4.
Ich wusste nicht was mich erwarten würde wenn ich die kleine Sakristei betrat, doch normalerweise konnte Myra nichts mehr so leicht erschüttern. Es handelte sich um ein normale Sakristei, nichts ungewöhnliches. Ein Schrank, ein Tisch und eine Kommode mit einer Menge Schubladen. Auf dem Tisch türmten sich Pergamente die wahrscheinlich bei der kleinsten Berührung zu Staub zerfallen würden. Amulette, verschiedene Kräuter und Kerzen lagen wild verstreut, eben alles was man für einen Göttinendienst benötigte. Hinter mir hatte Craven die kleine Kammer betreten und sah sich um.
"Hier." sagte Myra und deutete auf ein Stück Stoff das auf dem Tisch lag. Vorsichtig nahm ich es in die Hand und betrachtete es. Ich riss die Augen vor Erstaunen und Schrecken zugleich auf und hätte das Stück Stoff beinahe fallen lassen. Wie kam das hierher? Wie konnte das sein? Was...
In meinem Kopf begann sich alles zu drehen, meine Gedanken wirbelten umher und ich versuchte zu verstehen was ich da in der Hand hielt. Craven sah mir neugierig über die Schulter und betrachtete das seltsame schon völlig verblasste Emblem das den Stoff zierte.
"Was ist dass?" fragte er irritiert und betrachtete zuerst mich und dann Myra. Sie sah mich fordernd an. Ich schluckte und legte den Stofffetzen beiseite.
"Ein altes Zeichen der C'ael Rohen." erklärte ich stockend.
"Was?" fragte Craven verständnislos. Langsam dämmerte eine Erkenntnis in mir, doch die war so verrückt dass sie unmöglich wahr sein konnte. Myra hatte sich mittlerweile an den Schubladen der Kommode zu schaffen gemacht und förderte ein Stoffbündel daraus hervor. "Jetzt seht euch das an." Sie schlug den Stoff zurück und eine Reihe von Holzpflöcken und zwei Phiolen mit einer wässrigen Flüssigkeit kam darunter hervor. Ich verwettete die schwarzen Zwillinge dass sich Weihwasser in den Phiolen befand. Die Ausrüstung eines Vampirjägers.
"Was hat das zu bedeuten?" fragte mich Craven während ich mich erst einmal auf dem Tisch niederließ und dabei den größten Teil des Gerümpels zu Boden warf der ihn schmückte. Ich musste meine Gedanken ordnen, das eben gesehene verarbeiten. Ich dachte mich würde nichts mehr überraschen. Seit der Begegnung mit dem Orakel hatte ich immer wieder erfahren wie ausgeklügelt doch mein Dasein erschien. Ich wusste nicht welche Kräfte meine Bahnen lenkten doch an Phantasie schien es ihnen nicht zu mangeln. Aber langsam wurde mir das ganze Unheimlich. Wieder einmal fragte ich mich wo ich nun wieder hinein geraten war. Es war ohnehin längst zu spät umzukehren. Dafür war es seit 60 Jahren zu spät.
"Soll das heißen die Priester waren Jäger, so wie wir?" Cravens Frage blieb unbeantwortet, Myra und ich kannten die Antwort darauf bereits.
"Kann das tatsächlich möglich sein?" flüsterte ich zu mir selbst.
"Hast du mir nicht erzählt das sich unter den Reihen der C'ael Rohen nicht nur Kämpfer und Magier, sondern auch Priester und Geweihte befanden?" fragte mich Myra. "Welchen Göttern dienten sie?"
Ich versuchte mich verzweifelt daran zu erinnern was mir Sen Lar damals erzählt hatte, doch wollte es mir nicht einfallen. Ich schüttelte den Kopf. "Ich weiß es nicht. Ich glaube Sen Lar hat es mir niemals erzählt und ich habe es selbst nie herausgefunden."
"Was wenn Torschas Jünger zu den C'ael Rohen gehörten?"
Craven sah Myra an, die diese Frage ausgesprochen hatte. "Wenn es so ist, dann war unser Treffen kein Zufall. Ebenso wenig wie unsere Queste. Die Jagd ist etwas Heiliges, ich sehe sie nun mit ganz anderen Augen." Cravens Augen schienen zu strahlen. Bisher hatte er die Jagd als seine Pflicht angesehen. Etwas das er tun musste da er keine Wahl hatte. Eine Pflicht die ihn dazu zwang gegen seine Kodex zu verstoßen und das er vor Torscha nur damit rechtfertigen konnte, dass er damit das Böse bekämpfte. Er fürchtete das Torscha ihn wegen seines unehrenhaften Handels verstoßen haben könnte und er deshalb ihre Präsenz nicht mehr spüren konnte. Doch nun sollte sich herausstellen das es von Anfang an sein Schicksal gewesen war. Zum ersten Mal seit langer Zeit sah ich wie der dunkle Schleier sich löste der sein Gemüt so lange gefangen gehalten hatte. Ich wusste nun was es war das ihn so lange bedrückt hatte. Doch dieses kleine Stück Stoff hatte alles verändert und Craven wusste nun endlich das unsere Berufung auch sein Schicksal sein sollte.
"Du hast mir erzählt, das du bei deinem Unterricht von mir gehört hast", wandte ich mich an Craven, "wovon genau handelte der Unterricht?"
"Es ging um Mythen und Legenden. Von Fabelwesen. Uns wurde gesagt dass Vampire nicht existieren, dass sie der Phantasie des Menschen entsprungen wären. Aber auch wenn ich es mir einredete, konnte ich es nie ganz glauben." antwortete der Hüne zögernd.
"Warum nicht?" fragte ich ihn.
"Die Art wie mein Lehrer über sie sprach. Und wie genau er sie beschreiben konnte. Ganz so wie du es mich gelehrt hast. Und wie man sie angeblich bekämpfen könnte. Warum sollte er uns sagen wie man Fabelwesen bekämpft? Ich glaubte er wusste mehr als er uns gesagt hat."
"Er hat es gewusst, nicht wahr?" fragte Myra.
"Nein", antwortete ich, "aber vielleicht geahnt. Ich bezweifle das die Priester von der tatsächlichen Existenz des Clans wussten, aber als die C'ael Rohen ausstarben haben sie wohl auf diesem Weg versucht ihr Wissen weiterzugeben. In Form von Sagen und Legenden."
"Warum diese Heimlichtuerei?" fragte Craven.
"Damit die Gilde davon nichts mitbekam. Sie hielten die C'ael Rohen für ausgelöscht, doch ihr Wissen lebte in den Geschichten weiter." erklärte Myra.
"Ich wusste das sich der Clan nicht so leicht besiegen lassen würde." sagte ich und erhob mich.
"Aber wenn diese Menschen Jäger waren, was ist dann hier passiert? Und warum haben sie einen Außenposten soweit hier draußen in der Einöde?" fragte Myra.
"Es ist ein Wachtposten." erklärte ich.
"Wachtposten wofür?" fragte Craven.
"Genau das habe ich vor herauszufinden." antwortete ich und verließ den Tempel.
Die Spuren waren alt du verwittert, aber sie waren vorhanden. Meine über Jahrzehnte geschulten Sinne fanden immer wieder einen Hinweis. Ich vermochte nicht zu sagen wie alt diese Spuren schon waren, doch selbst ich hätte ihnen beinahe nicht folgen können. Myra und Craven folgten mir und sahen sich verwirrt um.
"Wohin gehen wir Drake?" fragte mich Myra.
"Diese Priester haben etwas bewacht. Das ist die einzige vernünftige Erklärung für einen Außenposten der soweit in der Wildnis liegt. Und irgendwo hier muß der Ort liegen denn sie bewacht haben."
"Der Ort aus deinen Träumen." mutmaßte Myra.
"Er muß es sein." pflichtete ich ihr bei und folgte weiter meiner Spur.
"Aber wie willst du diesen Ort finden?" Craven hatte seine Axt wieder griffbereit in den Händen und sah sich nach allen Seiten deckend um.
"Es befanden sich zehn Geweihte in dem Tempel, aber wir haben nur acht Leichen gefunden. Ich folge ihren Spuren."
"Woher willst du wissen dass sie ausgerechnet zu diesem Ort gelaufen sind? Vielleicht wollten sie in die nächste Stadt. Oder es waren nur acht Priester und die anderen Betten standen leer."
"Hier." Ich deutete auf eine Stelle im Gras. Meine zwei Begleiter beugten sich über besagte Stelle. Beide schüttelten den Kopf. "Was soll denn da sein?" fragte Craven.
"Altes Blut. Ich kann es riechen. Einer von den Priestern war verwundet. Und er schlug diesen Weg ein. Die beiden haben mit Sicherheit versucht die anderen zu warnen als der Angriff erfolgte. Als man sie ausfindig gemacht hatte."
"Drake, du redest dir da etwas ein. Diese Träume machen dich verrückt, du versuchst einfach nur um jeden Preis eine Antwort darauf zu finden." Myra schien schon fast verzweifelt.
"Nein. Ich glaube nicht mehr an Zufälle. Schon lange nicht mehr. Nicht nach allem was passiert ist. Ich weiß dass diese Höhle irgendwo da vorne liegt. Und ich weiß das ich dort Antworten finden werde."
Myra wollte etwas erwidern, sagte dann aber doch nichts. Sie hatte wohl eingesehen dass man mit mir in dieser Situation nicht diskutieren konnte. Ich hatte meinen Entschluss gefasst und würde mich nun auch nicht mehr umstimmen lassen.
Wir folgten der Spur über einer Stunde durch einen dichten Mischwald, bevor ich endlich fündig wurde. Es handelte sich tatsächlich um eine alte Grotte. Sie war mittlerweile so von Pflanzen zugewuchert das ich fast an ihr vorbei gelaufen wäre. Mit Fortigan und Korosan schlug ich eine Bresche in das Pflanzengeflecht und legte einen etwa mannshohen Eingang frei. Ich nickte zufrieden. "Hier ist es."
"Hältst du es wirklich für eine gute Idee dort hineinzugehen?" fragte mich Craven der sich erneut umsah. "Es gefällt mir hier nicht. Torscha ist fern an diesem Ort, auch wenn er einmal heilig gewesen war."
"Er hat Recht Drake. Etwas stimmt hier nicht. Lass uns bitte umkehren, dieser Ort ist unheimlich." Myras Stimme war nun tatsächlich ein Flehen, doch ich hörte es gar nicht. Ich hatte endlich mein Ziel erreicht.
"Drake bitte."
"Ich bin nicht so weit gekommen um nun umzukehren. Aber ihr könnt hier warten bis ich zurück bin."
"Das hättest du wohl gerne." erwiderte Craven barsch. "So leicht wirst du mich nicht los."
Myra seufzte. "Na schön, bringen wir es hinter uns."
Ich grinste. "Das sind meine Schüler." Mit diesen Worten betraten wir die Höhle. In diesem Moment hätte ich schwören können hinter mir eine Bewegung ausgemacht zu haben. Etwas das im Unterholz verschwunden wäre. Ich konnte aber nichts erkennen.
"Ist irgendetwas?" fragte Myra und sah sich um. Ein letztes Mal spähte ich in den Wald von wo ich glaubte die Bewegung gesehen zu haben. Doch dort war nichts. Ich vertrieb die Gedanken aus meinem Kopf und schüttelte den Kopf. "Nein, lasst uns gehen."
"Euere Hoheit?"
Asteroth zuckte leicht zusammen. Das war ihm schon seit zweihundert Jahren nicht mehr passiert. Er hatte bei der Betrachtung des Buches alles um sich herum vergessen. Wütend drehte er sich zu dem Sprecher um, einer kleinen gedrungenen Gestalt. Ein einfacher Diener, Asteroth kannte nicht mal seinen Namen.
"Wie zur Hölle bis du hier hereingekommen?" fauchte er den Diener an. Schliefen seine Wachen denn? Ließen diesen Wurm einfach in diese heiligen Hallen.
"Bitte hört mich an, ich bringe sehr wichtige Kunde." stotterte der Untergebene.
"Wie kannst du es wagen diese Hallen zu betreten und dir anmaßen meine Zeit zu verschwenden?"
"Es geht um den Jäger!" platzte es aus dem Diener heraus. "Er wurde gesichtet!"
Asteroth sah ihn interessiert an. "Was sagst du da? Los, sprich!"
"Einer euerer Späher hat ihn bei dem alten Heiligtum der C'ael Rohen gesehen."
Asteroth lächelte. "Hat er es also endlich gefunden. Ich fragte mich schon wie lange es wohl dauern würde bis er es endlich entdeckt. Nun, er wird dort nichts finden was ihm weiter helfen könnte. Was sonst noch?"
"Die Jägerin und dieser Barbar waren ebenfalls bei ihm." Asteroths Augen funkelten. "Tatsächlich? Nun dieser Barbar stellt keine Gefahr dar, aber er ist verantwortlich für die Zerstörung eines meiner Versorgungslager. Kein großer Verlust, aber ich lasse mich nicht gerne zum Narren verkaufen. Ich will seinen Kopf! Aber die Jägerin...sie ist etwas Besonderes."
"Was sollen wir tun Hoheit?"
Statt zu antworten schritt der Erzvampir auf eine schwere Stahltür die sich in der Westwand des Trophäenraumes befand. Schnell vollführte er eine Handbewegung und die Tür leuchtete in einem grellen Rot auf. Asteroth wandte sich an den Diener.
"Es ist lange her dass ich meinen Sohn gesehen habe. 60 Jahre sind eine lange Zeit um von seinem eigen Fleisch und Blut getrennt zu sein, selbst für einen Unsterblichen. Ich glaube es ist an der Zeit das ich wieder einmal in Aktion trete. Los, suche Barlow und Straker, sie sollen unverzüglich hierher kommen."
Der Diener verneigte sich und eilte davon. Asteroth zog die Stahltür auf und trat ins Innere. Eine Halle erstreckte sich vor dem Vampir. Schwärze hüllte ihn ein. Nur einige Kerzen spendeten ein wenig Licht, so das man indem Raum die Schemen einer riesigen Kreatur sehen konnte. Der Brustkorb des Wesens hob und senkte sich langsam. Ein monotones Rasseln erfüllte den Raum. Asteroth grinste als er seine Schöpfung betrachtete. Das Blutritual hatte fast zehn Jahre gedauert und ihn viel von seiner Kraft gekostet, doch nun war es endlich vollbracht. Vor ihm lag die ultimative Kampfmaschine. Zärtlich strich der Erzvampir dem Wesen über die schuppige Schnauze. Das Rasseln verstummte während sich ein großes geschlitztes Auge öffnete und Asteroth fragend ansah.
"Es ist soweit. Deine Zeit ist gekommen."
5.
Staunend betrachtete ich das Innere der Grotte. Denn es handelte sich dabei gar nicht um eine Höhle, wie es von außen den Anschein hatte. Ich befand mich mehr in einer Art heiligen Grabesstätte oder Gruft. Die Wände bestanden aus Sandstein in die Reliefs der C'ael Rohen und Bilder von Personen geschnitzt waren. Vermutlich erfolgreiche Jäger, ich kannte jedoch keines der Gesichter. Mächtige Säulen stützten die Decke und seltsame Leuchtsteine waren überall in die Wände eingelassen die auch nach den Jahrhunderten ihre Leuchtkraft nicht eingebüßt hatten. Jeder unsere Schritte hallte an den Wänden wieder und wir wurden von einem gespenstigen Echo begleitet. Ein innerer Frieden erfüllte mich, das Gefühl der Heimkehr und der Geborgenheit ergriff mich. Aber unter all diesen Gefühlen spürte ich auch die Dunkelheit. Eine Gefahr. Noch weit entfernt, schwer zu erfassen. Aber sie ließ mir keine Ruhe. Doch ich weigerte mich diesen Moment mit düsteren Gedanken zu zerstören. Ungläubig strich ich über die glatten Wände und ließ mich von der Schönheit und Ruhe dieses Ortes bezaubern. Nach all der langen Zeit fühlte ich mich hier zugehörig, ich glaubte fast meinen alten Mentor Sen Lar hier zu spüren.
"Das ist unglaublich." staunte Craven der von dem Ort ebenso gefesselt schien wie ich. "Es muß Jahre gedauert haben dies zu erschaffen." Schließlich konnte ich mich endlich von dem Anblick loseisen und entdeckte einen schmalen Weg der tiefer ins Innere führte.
"Mir gefällt dieser Ort hier nicht. Etwas stimmt nicht. Ich spüre es." Myras Stimme war nur ein Flüstern. Ich drehte mich zu ihr um. "Es wird dir nichts geschehen, das verspreche ich dir." Sie versuchte zu Lächeln, doch in ihren Augen konnte ich die Furcht sehen die sie gefangen hielt. Doch war ich zu Blind es zu merken, geblendet von diesem Ort. Ich sollte es bitter bereuen, mehr als alles andere in meinem verfluchten Dasein.
Wir gingen weiter. Ich betrat eine gigantische Grabkammer, mindestens 30 Meter lang und halb so breit. In die Wände waren Vertiefungen eingelassen, in denen insgesamt gut 50 Särge lagen. Vorsichtig näherte ich mich einem davon und legte meine zitternden Hände auf den Sargdeckel. Ich wusste nicht was mich erwarten würde wenn ich den Deckel öffnen würde. Ich holte tief Luft und schob dann den Deckel langsam zurück. Der Staub der Jahrhunderte nahm mir die Sicht. Als er sich langsam verzogen hatten konnte ich ein Skelett im Inneren ausmachen, einen alten Holzstab in den Händen, der jedoch vom Verfall völlig verschont geblieben war. Am Kopfende des Stabes war ein Rubin eingelassen. Ein Magierstab. Auf der Innenseite des Deckels entdeckte ich eine Inschrift: Targon von Cyrot, Jäger des dritten Kreises. Möge er hier den ewigen Frieden finden.
Also hatte ich Recht, es war eine Grabstätte der C'ael Rohen. Sen Lar hatte mir einmal erzählt das die Jäger in verschiedene Kreise unterteilt waren, ähnlich einer Rangordnung. Je höher der Kreis von denn es soviel ich noch wusste sieben gab, desto mächtiger war der Jäger. Ich wandte mich von dem Grab ab und während Myra und Craven den Toten betrachteten öffnete ich den nächsten Sarg. Ein ehr klein gewachsenes Skelett mit einem Florett in den Händen. Cyelina Farinera, Jägerin des zweiten Kreises und dieselbe Widmung.
Ich hatte nicht alle Särge geöffnet, doch in jedem den ich untersuchte befand sich der Leichnam eines ehemaligen Jägers. Krieger, Magier, Diebe, Priester, sogar ein Skelett mit der Krone eines Königs fand ich. Hier wurden sie also beigesetzt. So fand ich meine Brüder und Schwestern, auch wenn sie alle schon seit Jahrhunderten tot waren. Welches Wissen sollte hier auf mich warten? Außer den Gebeinen meiner Ahnen war die Kammer leer. Doch führte ein Durchgang noch tiefer ins Innere.
"Das ist unglaublich Drake." Auch Myra schien die Faszination mittlerweile mitgerissen zu haben, ihre Augen leuchteten und sie schien ihre Furcht vergessen zu haben. "All diese Toten, sie waren alle C'ael Rohen."
"Ein wahrhaft mächtiger Clan, eine Schande dass er ausgestorben ist." seufzte Craven.
"Vielleicht wird sich das ändern." antwortete ich.
"Was meinst du damit?" fragte er mich. Ich sah ihn an, beschloss es aber dabei bewenden zu lassen. "Gar nichts. Kommt, wir müssen weiter."
Ich folgte dem Durchgang. Auf halben Weg blieb ich stehen. Ein Skelett lehnte an der Wand, in der Gewandung eines Torschapriesters, das Schwert noch immer in den skelettierten Fingern. Das musste der blutende Geweihte aus dem Tempel sein dessen Spur ich gefolgt war. Scheinbar hatte er es noch hierher geschafft und war dann verblutet. Es sah fast so aus als hätte er etwas bewachen wollen. Ich wollte dem Weg weiter folgen doch stellte ich fest dass der Weg hinter der nächsten Biegung abrupt endete. Verwirrt sah ich mich um. Ein Weg der in eine Sackgasse führte? Es musste doch hier noch irgendetwas geben. Das konnte doch nicht alles gewesen sein. Ich tastete die Wände ab. Kalter Stein.
Nein, das konnte nicht sein, es musste noch etwas geben.
Craven hatte sich vor seinen toten Ordensbruder niedergelassen und betrachtete das Skelett. "Als würde er Wacht halten."
"Wacht über was?" fragte Myra. Craven kniff die Augen zusammen und betrachtete die Wand hinter dem Toten. "Hier ist etwas!" rief er aus. Ich riss die Augen auf und rannte zu ihm. "Wo?"
"Hier, ein lockerer Stein." Craven streckte die Hand aus und machte sich an der Wand hinter dem Skelett zu schaffen. Plötzlich war ein Klacken zu vernehmen und ich konnte gerade noch beiseite springen bevor die Wand neben mir sich auftat und eine kleine versteckte Kammer frei gab. Ich sah den Hünen überrascht an. Er lächelte mich entschuldigend an. "Du hättest ihn bestimmt auch gefunden." schmunzelte er. Ich sparte mir die Antwort und betrat stattdessen die kleine Kammer.
Der Raum war vielleicht fünf Quadratmeter groß und seine Wände bestanden aus edlem Alabaster. Weitere Leuchtsteine erhellten ihn und in der Mitte stand ein einzelner großer Sarg. Erfurcht ergriff von mir Besitz als ich ihn dort stehen sah. Konnte er das sein? Ich hielt gespannt den Atem an. Es gab nur einen Weg das heraus zu finden. Mit weichen Knien näherte ich mich dem Sarg. Langsam und mit zitternden Fingern öffnete ich den Deckel. Im Inneren lag ein groß gewachsenes Skelett, es musste einem starken Kämpfer gehören. Ein mächtiges Schwert lag auf seiner Brust, der Sarg war voller Grabbeigaben in Form von heiligen Amuletten und anderen Talismanen, aber auch Silberpflöcken, Weihwasserphiolen und einigen Edelsteinen. Eine goldene Inschrift befand sich im inneren des Deckels:
Hier ruht Selfter Kane, Gründer der C'ael Rohen, Anführer des Ordens und Jäger im siebten Kreis. Wir werden dich nie vergessen. Deine Taten, dein Wissen und dein Stolz wird in unseren Herzen weiterleben.
Ich konnte es nicht fassen, vor mir lag der größte Vampirjäger der Geschichte. Auch wenn in der Welt dort draußen kaum jemand diesen Namen kannte, unter den Jägern war er Legende, manche glaubten sogar dass er nie existiert habe. Und nun stand ich vor ihm, der der sein Wissen geerbt hatte. Ich hatte meine beiden Begleiter völlig vergessen. Myra stand neben mir mit offenem Mund und starrte den Leichnam an während sich Craven hinter uns an der Wand zu schaffen machte.
"Craven was tust du da?" fragte ich ihn scharf.
"Ich glaube ich habe hier etwas entdeckt..." er hatte keine Zeit mehr den Satz zu vollenden. Ich weiß nicht was er ausgelöst hatte, doch offenbar handelte es sich um einen weiteren Geheimgang, den die Wand hinter Craven gab plötzlich nach und der Hüne verschwand von einem Augenblick zu nächsten in der Finsternis.
"CRAVEN!" rief ich und rannte zu ihm, doch die Wand hatte sich bereits geschlossen. Verzweifelt suchte ich nach dem Mechanismus, doch ich fand keinen.
"Was ist passiert?" Myra stand plötzlich hinter mir.
"Ich weiß es nicht, er war auf einmal verschwunden." Hilflos schlug ich die Arme über den Kopf. Myra sah sich die Wand an, doch auch sie konnte den Mechanismus nicht finden. Erst jetzt bemerkte ich dass sie eine Schriftrolle in der linken Faust hielt.
"Was ist dass?"
"Ich weiß nicht, es lag in seinem Sarg, eine der Grabbeigaben. Ich weiß, es ist ein Frevel es zu entwenden, aber ich glaube es ist wichtig. Und ich glaube es ist für uns bestimmt - für dich!" Sie gab mir das Schriftstück. Ich sah es einen Moment unsicher an. Für mich...wieder ein Wink des Schicksals? Ich überlegte ob ich es an Ort und Stelle öffnen sollte, entschied aber dass dies nicht der richtige Zeitpunkt war und verstaute es sicher in meinem Mantel. Wir mussten Craven finden.
"Ich denke wir..." Ich brach mitten im Satz, ab als mich eine Welle des Entsetzens übermannte. Etwas passierte!
Jetzt!
Eine Bedrohung, so stark wie ich sie seit einer Ewigkeit nicht mehr gespürt hatte ergriff mich, umklammerte mein Herz. Eiseskälte durchströmte mich, ich sah mich erschrocken um.
"Was ist los Drake?" schrie Myra schon fast hysterisch. Ich spürte eine Präsenz, stark, unglaublich stark. Etwas war unterwegs. Hierher unterwegs. Und es kam näher...
Ich packte Myra am Arm. "Wir müssen hier raus. SOFORT!" Dann rannten wir los.
6.
Craven rieb sich den schmerzenden Kopf. Er hatte keine Ahnung was genau geschehen war, nur das sich auf einmal die Wand gedreht hatte und es dann abwärts ging. Er schlug hart mit dem Kopf auf. Aber wo war er hier? Langsam erhob er sich, eine Welle von Kopfschmerzen malträtierte ihn. Langsam sah er sich um. Eine Höhle, roh und unbearbeitet. Er hörte das Rauschen eines nahen Flusses. Ein Tunnel führte durch die Finsternis. Ein Fluchttunnel?
Craven sah sich um. Es war der einzige Weg, und er musste hier raus und die anderen suchen. Das schlechte Gefühl war zurückgekehrt, ein Gefühl das nichts Gutes verhieß. Er musste die anderen finden, so schnell wie möglich. Wankend lief er los und folgte dem Tunnel. Unterwegs hielt er inne als er etwas am Boden fand. Es war ein Tierkadaver, nicht älter als drei Tage. Ein Kaninchen mit zerfetztem Hals, völlig ausgeblutet. Doch er konnte nirgends irgendwelche Blutspuren finden. Craven sah sich um. Da entdeckte er ein weiteres totes Kaninchen, und einen Rotluchs. Beide blutleer. Dazwischen fand er schon ältere Kadaver von denen schon fast nichts mehr übrig war. Und dazwischen sah er Knochen, Knochen von noch älteren Tierleichen. Der ganze Boden war voll davon. Craven überkam ein ungutes Gefühl.
Er fühlte sich auf einmal beobachtet, glaubte leise Atemgeräusche zu hören. Etwas lauerte in der Dunkelheit vor ihm. Etwas lebte hier unten - und es hatte Beute gewittert...
Ich rannte als wären alle Dämonen der Hölle hinter mir her. Mit Fortigan und Korosan in den Händen fühlte ich mich etwas sicherer, aber ich wusste das die Bedrohung sogar für sie zu groß sein würde. Myra schien es nun auch zu fühlen, ihr Schwert lag griffbereit in der Hand, ihre Augen spiegelten blankes Entsetzen wieder. Mir ging es nicht besser. Zum ersten Mal seit einer Ewigkeit hatte ich wirklich Angst, furchtbare Angst. Angst um sie, Angst sie zu verlieren. Obwohl sie direkt hinter mir war glaubte ich zu spüren wie sie mir entglitt. Unsere Liebe drohte unterzugehen, unsere Gemeinschaft. Ich wusste nicht warum, aber ich wusste dass ich es nicht zulassen würde. Sie war mein ein und alles, ich würde sie mir nicht nehmen lassen. Wir rannten schneller, vorbei an der gigantischen Grabkammer, den langen schmalen Korridor entlang. Ich konnte den Ausgang sehen, gleich hätten wir es geschafft. Ich stürmte vor, rannte so schnell ich konnte. Craven hatte ich völlig vergessen, ich hatte nur Myra im Kopf. Ich musste sie hier wegbringen, sie war in Gefahr!
Endlich hatten wir den Ausgang erreicht, der Himmel hatte uns wieder. Die Sonne war bereits untergegangen und ein blutroter Vollmond zierte das Firmament über uns. Es war noch nicht vorbei. Im Gegenteil, es hatte jetzt erst begonnen.
"Drake, was geschieht hier?" schluchzte Myra. Tränen liefen ihr übers Gesicht. Hilflos sah ich mich um, ich bekam keinen Ton heraus.
"Drake, ich habe Angst."
In diesem Moment verschlang ein gewaltiger Schatten den Wald indem wir standen und tauchte die Welt um uns herum in Dunkelheit. Etwas Großes war am Himmel und im selben Augenblick traf mich die Erkenntnis wie ein Schlag. Ich spürte etwas vertrautes, etwas altes, etwas durch und durch verdorbenes. Ich wusste wer angekommen war.
ER war es!
ER hatte uns gefunden!
Craven stand der Schweiß auf der Stirn, er hielt Rutex krampfhaft in den Fäusten. Es hatte ihn gefunden, er konnte es atmen hören, er spürte wie es näher kam. Er war bereit!
"Ahhh, frisches Blut." hauchte eine tiefe krächzende Stimme hinter Craven. Der Krieger fuhr herum und vor ihm stand ein ... ein Ding. Er wusste nicht wie die Kreatur sonst hätte beschreiben sollen. Sie musste einmal ein Mensch gewesen sein, doch war sie schrecklich deformiert. Der ganze Leib war mit eiternden Wunden übersäht, Knochen standen in schrecklich verdrehter Art und Weise aus dem gräulichen widerlich glänzenden Fleisch. Die Hände und Füßen waren riesige Pranken an denen sich lange Krallen befanden. Das Gesicht war ein Klumpen gräulichen Fleisches mit zwei Augen die in einem kranken Grün zu leuchten schienen und einem klaffenden Maul in dem sich lange Spitze Zähne befanden. Das Ding war mindestens drei Meter groß und doppelt so breit wie er. Alte zerrissene Stofffetzen hingen am Leib der Kreatur und Craven erschrak als er in den Fetzen die Ordenstracht der Priester wieder erkannte. Nein, das konnte doch nicht wahr sein.
Das Ding begann zu lachen, ein Geräusch das so grotesk klang das Craven sich instinktiv die Ohren zu halten wollte. "Du siehst richtig Götzendiener, vor dir steht einer deinesgleichen." kicherte die Kreatur.
Craven war entsetzt. Er hatte den zehnten Priester gefunden. Er ließ Rutex sinken. "Bei Torscha, was ist geschehen?"
"Torscha? Torscha ist fern, sie hat besseres zu tun als sich um das Schicksal der Sterblichen zu kümmern. Sie wird dir hier nicht beistehen. Mir hat sie auch nicht beigestanden, in jener Nacht vor über zweihundert Jahren als die Untoten uns überfallen und versucht haben mich zu einem der ihren zumachen. Und nun sieh was aus mir geworden ist."
"Was..."
"Ja, ganz recht. Seit zweihundert Jahren vegetiere ich nun hier unten und ernähre mich von Ratten und anderem Viehzeug. Sieh mich an, ich bin ein Monster, nicht einmal die Vampire wollten mich. Sie haben mich ausgestoßen, ebenso wie die Menschen. Darum lebe ich hier unten...im Dunkeln..." Die Kreatur kicherte irre, in ihren Augen lag der blanke Wahn.
"Aber du warst einer von uns. Komm mit mir, dein Platz ist bei mir und den anderen Dienern der Göttin." Die Kreatur brüllte auf und riss die Arme noch oben. Craven riss reflexartig seine Axt nach oben um den drohenden Wutausbruch der Kreatur abzuwehren.
"NEIN!!" brüllte das Ding durch die Grotte. "NIEMALS! Sie hat mich im Stich gelassen, mir in meiner dunkelsten Stunde nicht beigestanden. Dafür werde ich mich rächen. Jeder ihrer Diener soll des Todes sein, und mit dir werde ich anfangen!"
"Hör mir zu, es ist noch nicht zu spät. Ich kann dir helfen..."
"NIEMAND KANN MIR HELFEN! STIRB!" Mit diesen Worten rannte die Kreatur auf Craven zu. Er hatte keine Wahl. Wenn er leben wollte musste er gegen diese Höllenkreatur bestehen.
Die Erde bebte als die gewaltige Kreatur vor uns landete. Entsetzt riss ich Fortigan und Korosan in die Höhe, bereit unser Leben so teuer wie möglich zu verkaufen. Vor uns thronte ein gewaltiger Drache, zumindest war es einmal einer. Dort wo einst blaue Schuppen seinen Leib schmückten lagen nun blanke Knochen, nur stellenweise waren die Schuppen noch vorhanden, so als hätte man ganze Fleischbrocken aus seinem Leib herausgerissen. Vermodertes schwarzes Fleisch hing teilweise noch an den Knochen der Kreatur. Sein ganzer Körper wirkte als würde er gerade verwesen, als wäre dieses Wesen schon seit Jahren tot.
Ein tiefes Grollen drang aus der Kehle dieses Monstrums und es drehte den Kopf in unsere Richtung. Der Kopf des Drachen ähnelte einem gigantischen schwarzem Totenschädel, indem nur noch die Augen an ein lebendes Wesen erinnerten... seine Augen. Ich kannte diese Augen. Ich vergaß nie die Augen eines Wesens. Die Augen gaben uns Aufschluss über jede Lebensform, sie waren ein Spiegel ihrer Seele und alle Augen waren einzigartig, auch die von Drachen.
Und ich hatte diese Augen schon einmal gesehen, es war derselbe blaue Drache der mich und Myra vor 10 Jahren zu den beiden Vampiren geführt hatte. Vor mir standen die Überreste von Valotica!
Ich hatte meinen Schrecken kaum überwunden als ich auf seinem Rücken drei Gestalten ausmachen konnte. Das war unmöglich, aber es waren eben jene Zwillingsvampire auf seinem Rücken zu denen uns der Drache geführt hatte. Barlow und sein Bruder Straker saßen auf Valotica und sahen mich abschätzig und siegessicher an. Und dann war da noch eine Gestalt die sich im Hintergrund hielt, kaum zu erkennen, doch das war auch nicht nötig. Von ihr ging eine solch starke Präsenz aus, dass sie mir innerliche Schmerzen zufügte. Das Wesen aus meinen Träumen war zurückgekehrt. 60 Jahre konnte ich ihm erfolgreich entfliehen, aber ich wusste dass ich vor diesem Moment nicht ewig davonlaufen konnte. Das war es also, was ich die ganze Zeit gespürt hatte. Das war der drohende Schatten vor dem ich zu fliehen versuchte.
Auf dem Rücken des Drachen saß mein Schöpfer, mein Schmerz, mein Leid und mein Schicksal. Asteroth war zurückgekehrt.
In blinder Wut doch mit einer unmenschlichen Kraft attackierte der untote Priester Craven. Nur mit Mühe schaffte es der Krieger die Angriffe mit Rutex zu parieren. Immer wieder schlugen die riesigen Krallen auf die Axt und hätten sie Craven beinahe aus den Fäusten gerissen. Entschlossen trat Craven einen Schritt nach vorne, er war noch vor keinem Kampf geflohen. Und doch zögerte er. Sein Gegner war einst einer seiner Brüder gewesen. Er konnte doch keinen Diener Torschas töten, auch wenn er nun dem Bösen diente. Doch Zweifel waren der Tod des Kämpfers, er durfte sich nicht von ihnen beherrschen lassen. Mit einem wütenden Kopfschütteln verbannte er die Zweifel aus einem Kopf. Er musste leben, zu viel musste noch getan werden. Es gab keinen anderen Weg. Mit einem Aufschrei riss er Rutex in die Höhe und hieb nach der Kreatur. Obwohl die Waffe schwer und unhandlich war beherrschte Craven ihren Umgang mit verblüffender Schnelligkeit. Zu schnell für die Monstrosität die dem Schlag nicht mehr rechtzeitig ausweichen konnte. Das Axtblatt grub sich in das linke Schlüsselbein, Knochen brachen. Mit einem Schmerzensschrei drehte sich die Kreatur um die eigene Achse und schlug mit den Pranken aus. Craven spürte nur noch wie er durch die Luft flog und so hart aufschlug das es ihm die Luft aus den Lungen presste. Er keuchte, schluckte Staub. Rutex war ihm entglitten und lag neben ihm. Der Untote kam näher, bereit für den Todesstoß. Craven biss die Zähne zusammen und ignorierte die Schmerzen. Mit einem Satz war er auf den Beinen, hatte seine Axt gepackt und schlug nach der Kreatur. Diesmal hatte sie ihn jedoch nicht unterschätzt. Eine Pranke schoss vor und fing die Axt einfach im Schwung ab. Das Wesen packte die Axt fester und zog Craven zu sich bis sie sich Auge in Auge gegenüber standen.
"Wo ist nun deine Göttin Mensch?" knurrte das Monster. Craven hielt dem Blick stand. "Tief in meinem Herzen. Sie gibt mir die Kraft über dich zu triumphieren!" Bevor das Wesen noch etwas erwidern konnte schoss Cravens Kopf nach vorne und rammte den der Kreatur. Überrascht und wütend schlug der Untote um sich, doch Craven wich den blinden Attacken mit Leichtigkeit aus. Er packte seine Axt die der Untote vor Überraschung fallen gelassen hatte und rammte sie der Kreatur in den Magen. Grünlicher Schleim quoll aus der Wunde über Cravens Axt und sein Hände. Craven zog die Axt aus dem Bauch des Monsters und schlug erneut zu, rammte das Axtblatt in die Brust des Monsters. Die Kreatur kreischte. Der Untote wusste dass er besiegt war.
"Ich erlöse dich von deinen Schmerzen. Ich hoffe das Torscha dir deine Sünden vergibt!" Mit diesen Worten holte er aus und schlug der Höllenkreatur die einst einer seiner Brüder gewesen war den Kopf vom Rumpf. Das Geschöpf der Finsternis sackte zusammen, grüner Schleim aus dem Halsstumpf ergoss sich auf den Felsboden.
Erschöpft sank Craven zu Boden und schloss die Augen. Es war vorbei. Er betrachtete den toten Körper mit Trauer. Es hätte nicht so enden müssen. Er strich über die Reste der Priesterrobe die noch an der Kreatur hingen und flüsterte: "Ich hoffe du bist jetzt bei deinen Brüdern." Dann schloss er fast schon zärtlich dem Monstrum die Augen und seufzte tief.
Sein Blick glitt wieder zu dem Tunnel. Es blieb keine Zeit, er musste die anderen finden.
Wie in einem Traum beobachtete ich wie die drei Gestalten vom Rücken des Drachens stiegen und Posten bezogen. Straker rechts, Barlow links. Asteroth thronte in der Mitte, sein Gesicht strahlte, er sah mehr den je wie der geborene Herrscher aus.
"Es ist lange her dass wir uns das letzte Mal gesehen haben mein Sohn. Du siehst gut aus. Erfahrener, Stärker."
Unsere Blicke begegneten sich. Ich versuchte ihnen standzuhalten und stellte fest dass ich es konnte. Doch ihn nun wieder zusehen lähmte meine Gedanken. Viele Jahrzehnte waren ins Land gezogen seit ich ihm das letzte Mal von Angesicht zu Angesicht gegenüberstand und doch hatte er sich nicht verändert. Seine alterlosen Züge wirkten vertraut. Ich konnte das Blut in seinen Adern spüren, dasselbe Blut das auch durch mich strömte. Als ich ihm vor all den Jahren auf dem Drake-Stone-Mountain gegenüberstand war ich nur ein Schüler. Erst wenige Monate waren vergangen seit ich das dunkle Erbe trug und ich kannte meine Fähigkeiten noch nicht. Als ich Tarim o Kiel Jahre später erneut gegenüber trat war ich bereits ein erfahrener Jäger. Schon viele Vampire hatten ihr Ende durch mich erfahren und mein Name hatte sich in die Köpfe der Untoten eingebrannt. Doch auch dies lag nun in grauer Vorzeit. Nun war ich mehr als nur ein Jäger, mehr als nur ein Halbvampir. Meine Hände führten Waffen die nicht von dieser Welt waren, mein Geist hatte vieles erlebt an dem er gewachsen war und viele Gefahren und Prüfungen hatten meinen Körper gestählt. Ich war kein Schüler mehr, ich war auch kein einfacher Jäger mehr, ich war nun selbst Anführer eines Clans. Wenn auch klein so bildeten wir eine Gemeinschaft mit demselben Ziel. Und ob es mir passte oder nicht, ich war ihr Anführer, Mentor und Vorbild. Und ich trug die Verantwortung für sie.
Doch als ich nun Asteroth vor mir sah, fühlte ich mich wieder wie der junge Schüler Sen Lars. Ich war dieser Macht nicht gewachsen und doch musste ich mich ihr stellen. Ich hatte einen Eid geschworen und ich würde nichts unversucht lassen ihn zu erfüllen. Das war ich meinem Meister und dem Clan schuldig. In meinem Herzen jedoch, das Myra mit ihrer Liebe so sanft erwärmt und wieder zum Schlagen gebracht hatte, breitete sich die alte höllische Kälte aus die einst mein Sein beherrschte. Ich spürte eine Präsenz in mir, die lange geschlafen hatte und von der ich gehofft hatte, sie nie wieder zu fühlen. Mein Blut geriet in Wallung und eine mir leider nur zu vertraute Gier versuchte von mir Besitz zu ergreifen. Asteroth hatte das Tier in mir geweckt, meine dunkle Seite war erwacht.
Myra drückte Drakes Hand so fest dass es schmerzte als die drei Gestalten auf sie zukamen. Angst schnürte ihre Kehle zu als sie die beiden Zwillingsvampire betrachtete. Sie hatten sich nicht verändert. Nie würde sie Strakers grinsende Fratze vergessen, wie er sie in den Lavaschacht schubsen wollte.
Doch dann wanderte ihr Blick zu dem Wesen in ihrer Mitte und sie erstarrte augenblicklich. Sie hatte Asteroth noch nie gesehen, noch keinen der erzenen Oberhäupter der Vampire, doch Drake hatte ihr sehr viel von ihnen erzählt. Vor allem von Asteroth. Drake behauptete dass er der mächtigste von allen war und Myra zweifelte daran keine Sekunde. Seine Erscheinung war atemberaubend. Sie hatte in ihrem ganzen Leben nichts Vergleichbares gesehen. Vor ihr stand ein perfektes Wesen, jemand der geschaffen wurde um zu herrschen. Nun, da sie mit eigenen Augen ihren Feind sah, fragte sie sich wie sie sich jemals anmaßen konnten gegen ihn zu Felde zu ziehen. Konnte man solch ein Geschöpf überhaupt vernichten? Doch dass war nicht die eigentliche Frage die sich Myra stellte. Ein anderer Gedanke kam ihr und sie erschrak vor ihren eigenen Gedanken. Durfte man solch ein vollkommenes Wesen überhaupt bekämpfen? War das nicht Blasphemie? Sollte sie sich ihm nicht einfach hingeben? Ihm dienen und verehren wie es einem Wesen wie ihm gebührte?
Schockiert über ihre Gedanken schloss Myra die Augen und klammerte sich noch fester an Drake der wie stumm Asteroth anstarrte. Doch sie konnte sich ihm nicht entziehen. Immer wieder schweiften ihre Blicke zu ihm. Er war so wunderschön, ihr Götter so schön dass es wehtat. Sie liebte Drake von ganzem Herzen, aber Asteroth hatte ihr Denken hinfort gefegt wie ein Sturm die Blätter von den Bäumen. Sie musste nun stark sein. Er hatte sie bezaubert, vermutlich ohne dies überhaupt zu wollen. Es war sein ganzes Wesen das Menschen jeden Alters, Geschlechts oder Standes zu willigen Sklaven machte. Könige und Fürsten folgten ihm wie treue Hunde und selbst die mächtige Jägerin erlag seinem Zauber.
7.
"Ich bin nicht dein Sohn!" donnerte meine Stimme als ich endlich den Mut gefunden hatte mich meinem Nemesis zu stellen. Meine Stimme war fest und entschlossen, mein Blick kalt und emotionslos, doch in meinem Inneren wütete ein Sturm aus unendlichem Hass, Vergeltungsdrang und panischer Furcht. Furcht um mich und meine Queste, aber noch viel mehr um Myra, die sich zitternd an meinen Arm klammerte und deren leere Blicke starr auf den Erzvampir gerichtet waren. Sie schien nicht länger Herrin ihrer selbst zu sein und dass ängstigte mich mehr als die Vorstellung ihres Todes. Asteroth konnte ihr weitaus schlimmeres antun. Aber nicht solange ich noch Kraft hatte!
"Wie du willst Jäger. Verleugne weiterhin die Wahrheit wenn es deiner kümmerlichen Seele Frieden bringt. Es ist traurig dich so zu sehen. Da stehst du vor mir, stärker als je zuvor, mit meinem Blut zu einem der mächtigsten Geschöpfe der Welt geworden und dennoch klammerst du dich an die Menschlichkeit die du vor langer Zeit verloren hast. Du bist dazu auserkoren zu den stärksten Geschöpfen des Planeten zu gehören und du versuchst verzweifelt wieder Mensch zu sein. Statt Herrscher zu sein wählst du das Los des Beherrschten. Du enttäuscht mich Norin!"
"Dieser Name hat keine Bedeutung mehr. Sen Lars Schüler starb vor langer Zeit in der Schlacht. Er starb durch deine Hand, Asteroth. Als du Sen Lars getötet hast, starb auch der Lehrling und der Jäger wurde geboren dessen einziges Ziel es ist dich und deinesgleichen zur Strecke zu bringen. Das schwor ich bei meinem Blut am Grabe meines Mentors. Und ich halte meine Schwüre."
Asteroth begann zu lachen. "Blutschwüre? Ich liebe diese menschlichen Floskeln. Sie haben so etwas romantisches, findest du nicht auch? Ich schwöre bei meinem Leben euch ewig zu dienen und Rache für euren Tod zu nehmen und dergleichen. Nicht wahr?"
"Wage es nicht so über Sen Lar zu sprechen..."
"Oh verzeih mir, habe ich deine Gefühle verletzt? Und da heißt es immer der mächtige Jäger hat gar keine Gefühle und wäre so emotionslos wie der Tod den er bringt. Aber du warst in dieser Hinsicht schon immer schwach."
"Ich werde dir zeigen wie schwach ich bin." flüsterte ich und zog blank. Der schwarze Stahl glänzte im Schein des roten Mondes und ich konnte das Glitzern in Asteroths Augen sehen. Zum ersten Mal schien etwas wirklich sein Interesse geweckt zu haben.
"Das sind sie also, die legendären Dämonenklingen. Zu gern wüsste ich woher du sie hast, aber das wirst du mir sowieso nicht verraten, oder?"
Ich gab ihm keine Antwort sondern starrte ihn nur weiter an. Die Zwillinge brüllten in meinen Gedanken als sie das mächtige Blut der Vampire witterten. Sie wollten jagen, sie wollten töten, der Stahl lechzte nach Blut.
"Du wirst mich nicht angreifen Drake. Du weist das du verlieren würdest. Selbst deine Waffen würden dir nichts helfen. Aber ich habe nicht vor dich anzugreifen. Ich möchte dich an meiner Seite wissen. Du bist mein Fleisch und Blut und dass weißt du. Du hast die Kraft diese Welt zu beherrschen. Gemeinsam werden wir die Gilde von dieser Welt fegen und herrschen. Es ist dein Schicksal mir zu folgen." Asteroths Worte waren voller Inbrunst und Eifer gesprochen, er schien es ernst zu meinen. Einen schrecklichen Augenblick dachte ich tatsächlich darüber nach, bis ich mich wieder unter Kontrolle hatte.
"NIEMALS! Niemals werde ich dein Knecht sein und niemals wirst du diese Welt beherrschen. Noch ist es nicht vorbei."
Asteroth schüttelte traurig aber nicht überrascht den Kopf. "Was du doch für ein Narr bist. Ich töte nur ungern jemanden indem solch ein Potential steckt. Aber vielleicht ist dass auch gar nicht nötig. Weder dein Tod noch deine Treue sind für mich länger von Bedeutung. Ich habe etwas gefunden dass dich mühelos auf dem Thorn zu meiner rechten ersetzen wird." Seine gierigen Blicke glitten zu Myra die starr neben mir stand und Asteroth immer noch wie in Trance anstarrte. "Und wie schön sie zudem noch ist. Eine geborene Königin."
"NEIN!!!" In diesem Moment verlor sich all meine hart aufgebaute Beherrschung in diesem einzigen gequälten Aufschrei des Entsetzens.
Nicht sie!
Nicht Myra!
Niemals!
Von verzweifelter Wut getrieben stürmte ich mit erhobenen Schwertern auf Asteroth zu, doch weder er noch einer der Zwillinge bewegte sich. Meine Umgebung verlor sich in grauen Schleiern, ich nahm nur noch Asteroth wahr, der unverändert vor mir thronte und eine lässige Handbewegung ausführte. Ich vernahm ein donnerndes Grollen und dann war er über mir, ein gewaltiger halb geschuppter, halb skelettierter Leib ragte über mir auf und ich wurde mit erbarmungsloser Kraft zu Boden geworfen. Fortigan und Korosan entglitten mir und ich schlug mit dem Rücken hart auf dem Boden auf. Der Vollmond wurde von Valoticas gewaltigem verwesendem Schädel verdeckt als er sich über mich beugte. Eine seiner riesigen gewaltigen Pranken schnellte nach vorne und drückte mich gnadenlos in den harten Waldboden. Er tötete mich nicht, er hielt mich nur am Boden fest, während seine toten Augen mich voller Wahn anstarrten.
"Warum?" fragte ich ihn verzweifelt. Valotica gab ein wildes Knurren von sich und erhöhte den Druck. Bald würden meine Knochen brechen.
"Warum hast du das getan? Warum unterwirfst du dich ihm? Warum hast du dich in ein Monster verwandeln lassen? Ich dachte ihr Drachen seit eine edle Rasse? Es ist unter deiner Würde solch ein verwerfliches Bündnis einzugehen."
"Schweig Wurm!" grollte eine tiefe dröhnende Stimme in meinen Schädel. Er schien unter dem Druck zu bersten den die Stimme des Drachen hervorrief, doch die körperlichen Schmerzen waren nichts gegen die Pein die sich in meinem Herzen ausbreitete. Ich konnte nichts tun, Myra war ihnen schutzlos ausgeliefert. Ich spürte das Dunkle in meiner Seele, der Vampir war in mir erwacht. Doch selbst diese animalischen Kräfte würden gegen Valotica nichts ausrichten. Zum ersten Mal seit der Schlacht auf dem Drake-Stone-Mountain kam ich mir völlig hilflos vor. Und wieder war Asteroth der Grund dafür. Meine verzweifelten Blicke glitten zu Myra. Ihr leerer Blick war zu etwas noch schlimmeren geworden. Ich konnte Bewunderung, Hingabe und Freude in ihnen lesen, während sie Asteroth anstarrte. Er hatte sie bezaubert. Nein, das durfte nicht sein.
"Nein Myra. Bitte...tu es nicht." keuchte ich verzweifelt, doch ich hatte die Hoffnung bereits verloren. Nun wusste ich welch Schatten über unserer Gemeinschaft thronte, und ich wusste was geschehen würde.
Asteroth breitete lächelnd seine Arme aus. "Komm zu mir, meine Liebe."
Und Myra setzte sich in Bewegung.
Craven rannte durch den dunklen Tunnel, vorbei an weiteren verwesenden Kadavern und den Gebeinen der armen Geschöpfe die der unheiligen Bestie zum Opfer gefallen waren, die Craven gerade erschlagen hatte. Er konnte immer noch nicht fassen seine Axt gegen einen seiner Brüder erhoben zu haben. Er fühlte sich beschmutz, verdorben. Egal was aus dem Ordensbruder geworden war, er war dennoch einer der Seinen.
Doch fühlte Craven nun eine andere Furcht in seinem Herzen. Drake und Myra waren in Gefahr. Er konnte es spüren. Etwas Großes und Mächtiges war über sie gekommen. Etwas durch und durch böses. Er musste zu ihnen. Craven rannte schneller, der Tunnel wollte kein Ende nehmen. Seine Lungen brannten und er war erschöpft von dem Kampf. Er musste durchhalten! Endlich konnte er schwaches Mondlicht in der Ferne sehen. Er hatte es fast geschafft. Doch noch während er auf den Ausgang zu rannte, überkam ihn eine schreckliche Gewissheit. Tiefe Verzweiflung und Traurigkeit erfasste sein Inneres, so stark das es fast körperlich schmerzte. Craven wusste in diesem Moment, egal wie sehr er sich beeilen würde, er würde zu spät kommen!
Myra stellte entsetzt fest dass sich ihre Füße wie von selbst bewegten. Sie wollte schreien, sich wehren, doch sie schritt weiter auf den Erzvampir zu. Drake schien etwas zu ihr zu sagen, doch sie konnte ihn nicht hören, alles um sie herum schien an Bedeutung und Substanz zu verlieren, sie befand sich in einem Traum. Ein Alptraum aus dem sie nicht erwachen konnte.
Sie durfte ihn nicht ansehen. Nicht in seine Augen sehen. Nur ein Blick und sie würde sich für immer in ihnen verlieren. Doch es war bereits zu spät. Asteroth hatte von ihr Besitz ergriffen.
Am Rande ihres Blickfeldes konnte sie Straker sehen der sie voller Hass anstarrte.
"Bitte Meister, lasst sie mich töten. Dieses Miststück hat mich gedemütigt, ich fordere Wiedergutmachung."
"Schweig! Es war dein eigenes törichtes Verhalten dass dich in diese Lage gebracht hatte. Was geschah war nur recht und billig." Asteroth betrachtete ihn abschätzig und winkte ihn fort. "Verschwinde. Such seine beiden Schwerter. Ich will sie haben. Sofort!" Straker zuckte zusammen als wäre er geschlagen worden und ging von dannen um nach den schwarzen Zwillingen zu suchen. Doch das bekam Myra schon nicht mehr mit. Sie spürte nur noch wie sie grob von Barlow gepackt wurde.
"Das wird nicht nötig sein." sagte Asteroth ruhig und siegessicher. "Sie wird sich nicht wehren." Barlow lockerte den Griff, doch Myra konnte sich dennoch nicht bewegen. Ihre Augen weiteten sich als Asteroth näher kam und seine Arme um sie breitete. Er entblößte seine langen Eckzähne und seine dämonischen Augen schienen Feuer zu sprühen.
"Meine Braut." flüsterte Asteroth und beugte sich über sie. Ein letztes Mal in ihrem Leben sammelte Myra alle Kräfte die sie noch hatte und schaffte es ein letztes Wort zu flüstern: "Drake..."
Dann hörte Myra auf zu existieren.
Hilflos, dazu verdammt nicht einschreiten zu können, musste ich mit ansehen wie Asteroth seine Arme um meine Geliebte Myra ausbreitete und sich zu ihr hinab beugte. Der Anblick schien mich schier entzwei zu reißen. Meine Verzweiflung brach sich Bahn und mein ganzer Körper bäumte sich ein letztes Mal mit unmenschlicher Kraft auf. Für einen Moment schaffte ich es tatsächlich Valoticas Tatze ein Stück zu heben. Der Drache sah mich überrascht und wütend zugleich an und drückte mich so hart auf den Boden dass ich meine Knochen brechen hören konnte. Asteroth entblößte seine spitzen Zähne und näherte sich ihrem Hals.
"NEIN! MYRA! ICH LIEBE DICH! MYRA!" schrie ich in meiner endlosen Pein, doch ich konnte das unausweichliche nicht verhindern. Asteroth verbiss sich in Myras Hals die im selben Moment in seinen Armen zusammen sackte. Das war das letzte was ich noch wahrnahm bevor mir der Schmerz und die Qual mein Bewusstsein nahmen.
Asteroth blickte grinsend auf den erschlafften Leib der sich in seinen Armen befand. "Nun bist du mein." flüsterte er zärtlich und gab sie Barlow. Dann wandte er sich an Valotica, der immer noch über dem regungslosen Körper des Jägers thronte.
"Lass ab von ihm. Ihn jetzt zu töten wäre zu gnädig. Er soll leiden dafür dass er es wagte sich gegen mich aufzulehnen. Ich glaube kaum dass er jetzt noch eine nennenswerte Gefahr darstellt, sein Wille ist gebrochen." Die Blicke des Erzvampirs glitten nach Osten, wo bereits die Morgenröte zu sehen war. "Diese Nacht ist wahrlich schnell vergangen." Er grinste Barlow an, der den schlaffen Körper von Myra zu Valotica trug. "Wie schnell doch die Zeit verrinnt wenn man sich amüsiert."
Dann wandte sich er sich an Straker. "Wir müssen aufbrechen, die Sonne geht bald auf. Hast du sie gefunden."
Straker jedoch kam mit leeren Händen zurück. "Verzeiht Gebieter, aber sie sind nicht da."
"Was soll das heißen sie sind nicht da? Bist du denn zu überhaupt nichts zu gebrauchen. Ich sollte..."
"Bitte, Herr. Seht selbst, sie sind verschwunden." Strakers Stimme überschlug sich beinahe. Asteroth schubste in grob zur Seite und sah dorthin wo die Schwerter gefallen waren. Doch der Erdboden war leer. "Wie kann das sein?" entfuhr es Asteroth wütend.
"Gebieter", drängte Barlow, "wir müssen los. Sonst überrascht uns die Sonne während des Fluges. Asteroth schnaubte wütend. "Schön, wir werden gehen. Diese Klingen werden ihm ohnehin nichts mehr nützen. Ich habe ihm etwas viel wertvolleres entrissen."
Bei diesem Gedanken verbesserte sich gleich wieder seine Stimmung und den ganzen Flug auf Valotica lachte Asteroth.
Craven rannte. Er wusste er würde zu spät kommen, aber er rannte trotzdem. Er hatte den Fluchttunnel verlassen und sich in jenem Wäldchen wieder gefunden dass sie durchstreift hatten, bevor sie die Grotte fanden. Er konnte die Morgenröte im Osten sehen, die Sonne würde bald aufgehen. Wo waren sie nur? Craven rannte weiter. Ein Stück weiter vorne glaubte er eine Lichtung auszumachen und rannte auf sie zu. Was er dort fand, war schlimmer als befürchtete. Er konnte Drakes leblosen Körper in der Mitte der Lichtung liegen sehen, er war grässlich zugerichtet. Von Myra fehlte jede Spur. Schlimmer noch, Craven konnte sie nicht mehr fühlen. Auf eine intuitive Art und weise konnte jeder den anderen spüren, ein Gefühl das mehr war als nur Freundschaft. Sie waren eine Familie. Und Craven fühlte das Myra aus ihrer Mitte herausgerissen worden war.
Er beugte sich über Drake. Craven wusste nicht ob er sich erholen würde, verdammt er war ja schon tot, wie sollte er da nach Lebenszeichen suchen? Aber er glaubte nicht daran das Drake endgültig tot war. Etwas regte sich noch in ihm. Craven sah zu Bergen. Er musste ihn aus der Sonne schaffen, sofort. Vorsichtig hob er den Jäger hoch, als er etwas im aufgehenden Licht der Sonne glitzern sah. Dort lagen Drakes Schwerter. Seltsam, Craven hätte schwören können dass sie gerade noch nicht dort gelegen hatten, so als wären sie gerade erst dort aufgetaucht. Craven schüttelte den Kopf, zuerst musste er Drake in Sicherheit bringen, dann konnte r sie immer noch holen.
Und während Craven durch den Wald schritt und den leblosen Drake du Kane in seinen Armen hielt wusste er dass nichts jemals mehr so sein würde wie bisher.
Kapitel 10
Der Blutstein
1.
Die Nacht war bereits fortgeschritten als sich ein Sturm am Himmel zusammenbraute. Schwarze Wolken verdunkelten das helle Sternenlicht und der drohende Sturm fegte über das Land. Inmitten eines abgelegen Gebirgszuges, weit entfernt aller menschlichen Behausungen erhob sich ein gewaltiges altes Schloss. Das schwarze Gestein des Bauwerks schien mit dem Berg zu verschmelzen auf dem es thronte und war so auf die Entfernung kaum zu erkennen. Genau so wie es die Baumeister zu jener längst vergangenen Zeit geplant hatten, als sie diesen imposanten Unterschlupf für die Untoten errichtet hatten.
Es begab sich zu jener Zeit als die C'ael Rohen in der Blüte ihrer Macht standen und das Volk der Vampire erbarmungslos ausmerzten, dass die Blutsauger beschlossen ihr Dasein inmitten der menschlichen Zivilisation aufzugeben und im Interesse ihres Fortbestehens in den Untergrund zu gehen. Eine schmerzliche Entscheidung für das stolze Volk, doch so überdauerten sie die C'ael Rohen und schon bald gab es keinen Grund mehr sich zu verstecken. Der Vampirjägerclan war dem Ende geweiht und die Vampire kehrten zurück in das brodelnde Leben eines neuen Zeitalters. Ihres Zeitalters!
Einrichtungen wie dieses alte Schloss wurden überflüssig, die Vampire genossen es nun wieder in ihrem alten Ruhm und Ihrer Dekadenz zu schwelgen und frei unter ihren sterblichen Opfern zu wandeln. Doch gab es auch unter den Vampiren Gruppierungen die jene verborgenen Stätten noch immer benutzten wenn es sich als nützlich erwies. Denn die meisten Vampire verdrängten diese düstere Epoche ihrer Geschichte aus ihrem Gedächtnis und heute kannte kaum einer der Untoten noch die Stätten von einst. Perfekt für all jene die unerkannt bleiben wollen.
In jener Nacht hatte sich eine gewaltige Ansammlung von Vampiren in dem alten Schloss eingefunden. Sie galten als Verräter, Abtrünnige und Ketzer. Doch ihre Anzahl war Legion und schon bald würden sie zahlenmäßig der verhassten Gilde überlegen sein. Dann würden sie sich nicht länger verbergen müssen, die Zeit des Untergrundes näherte sich dem Ende. So wie der drohende Sturm das Land in Atem hielt, so würden sie die alte Ordnung der Vampire hinwegfegen und selbst über das Land regieren. So verkündete es ihr selbsternannter Anführer Asteroth jede Nacht und begeisterte durch seine Reden immer mehr Vampire. Gerüchte verbreiteten sich. Gerüchte um erneute Niederlagen der Gilde. Tarim o Kiel, deren Oberhaupt und erklärter Erzfeind der Rebellion unter Asteroth musste eine Niederlage nach der anderen einstecken. Der Sieg rückte näher und in dieser Nacht sollte sich alles ändern. Diese Nacht würde die Dinge verändern, eine neue Zeit würde für die Rebellen anbrechen. So lauteten die Worte die all jene zum Schloss lockten die an die neue Ordnung glaubten. Doch keiner der Anwesenden sollte ahnen was diese Nacht alles bereithielt.
Die aus allen Teilen der Welt angereisten Vampire hatten sich im Hof des alten Schlosses versammelt. Es mussten Hunderte sein, selten einmal sah man solch eine Menge an Nachtwandlern auf einem Haufen. Sie waren Einzelgänger, nur selten bildeten sich kleine Gruppen. Doch eine Armee wie diese gab es zuletzt bei der Zerschlagung der C'ael Rohen. Die Zeichen für eine Rebellion, es gab einen Krieg zu führen. Zum ersten Mal seit zwei Äonen zogen die Blutsauger gegen sich selbst zu Felde.
Unter den Vampire befanden sich auch Sterbliche, willenlose Sklaven der Blutsauger oder verlorene Seelen die, vom Leben enttäuscht, sich den Untoten in ihrem Krieg anschlossen um eines Tage selbst zu einem der ihren zu werden. Alles in allem standen über zweitausend Rebellen im Hof des Schlosses. Keiner sagte ein Wort, jeder starrte stumm nach Norden. Dort thronte ein Gebäude, dass eine groteske Mischung aus einer unheiligen Kirche und einem königliche Thronsaal gleichkam. Der blutrote Marmor aus dem das Bauwerk gefertigt wurde vermittelte den Eindruck die Mauern der Kirche würden bluten. Die Fassaden waren mit dämonischen Fratzen, grässlichen Gargoyles und unheiligen Schriftzeichen, Runen und Malereien bedeckt. Dort pflegte Asteroth seine Zeit zu verbringen wenn er ungestört sein wollte. Gleich wohl er natürlich über duzende solcher Schlösser und anderer Schlupfwinkel verfügte, so war dieses Schloss doch sein Lieblingsplatz. Man munkelte dass er im Inneren dieser Mauern magische Gegenstände aufbewahrte, doch keiner würde es jemals wagen diese verbotenen Kammern zu betreten. Asteroth zu erzürnen würde das sichere Verderben bedeuten.
Keiner der Anwesenden kannte den genauen Grund, warum er all seine Untertanen zu sich rief, doch es musste etwas Großes und Bedeutendes sein, wenn er solch ein Wagnis einging. Auch die Gilde hatte überall seine Spione, und es war mehr als riskant eine solche Versammlung an einem der geheimsten Plätze des Widerstandes abzuhalten. Wenn O Kiel herausfand wo sich Asteroths Schloss befand war es für ihn verloren. Dennoch bestand Asteroth angeblich persönlich darauf dass so viele wie möglich erscheinen sollten, egal wie groß ihr Einfluss oder ihre Macht war. Jeder sollte seine Worte hören. Wurde Asteroth langsam verrückt? Er verbrachte zuviel Zeit in seinen geheimen Kammern, erzählte man sich. Vielleicht raubten ihm diese dämonischen Artefakte seinen Verstand? Oder war er des ewigen Versteckspielens endgültig überdrüssig und er provozierte eine offene Konfrontation? Gerüchte sagten dass die Rebellion die Gilde nicht länger zu fürchten bräuchte. Doch was meinte Asteroth damit? Unter dem Volk der Untoten breite sich Unruhe aus. Alle starrten gebannt auf den mächtigen Balkon der unheiligen Kirche, der sich zehn Meter über den Köpfen der Versammelten in die Nacht erhob.
Dann spürten sie die Veränderung. Der Sturm wurde intensiver. Die langen Kutten und Gewänder der Versammelten begannen im Wind zu flattern. Ein tiefes Donnergrollen erfüllte das Gebirge. Blitze leckten über das Firmament und tauchten die Szenerie in gleißend helles Licht. Die Verdammten tauschten verunsicherte Blicke. Keiner musste was nun geschehen würde. Nachdem die Intensität des Sturmes noch weiter zugenommen hatte bildeten sich blaue und rote Nebelschleier auf dem Balkon des Insanctums. Drei Gestalten formten sich aus den Dunstschleiern. Nach wenigen Augenblicken konnten die Anwesenden die zwei Gestalten erkennen. Es waren Barlow und Straker, die beiden unheimlichen Geschwister. Man konnte die beiden nicht auseinander halten, so ähnlich sahen sie sich. Die Zwillingsvampire, beide in blank polierten schwarzen Rüstungen und mit mächtigen Zweihandschwertern bewaffnet, bezogen links und rechts des Balkons Posten, wo sie wie versteinert innehielten.
Unterdessen tobten der Sturm und das Gewitter noch immer und erneut manifestierte sich etwas auf dem Balkon. Eine schwarze Wolke reiner Energie ballte sich im Zentrum des Balkons zusammen. Violette Blitze zuckten in dieser Wolke und langsam begannen sich darin zwei Schemen zu bilden. Gebannt starrten die Versammelten auf die beiden Gestalten die aus der schwarzen Wolke traten, die sich im selben Moment verflüchtigte. Nun ließ auch der Sturm etwas nach und das Donnergrollen verstummte. Das Schauspiel war vorbei, Asteroth hatte seinen Auftritt gehabt. Er thronte nun in der Mitte des Balkons, herrisch und atemberaubend. Seinen Körper zierten edle schwarze Gewänder, ein blutroter Umhang wehte im Wind. Sein Mund verzog sich zu einem dämonischen Grinsen und seine unmenschlichen Augen schienen die Versammelten förmlich zu verschlingen.
Erst jetzt bemerkten die Verdammten die zweite Gestalt, eine kleine zierliche Person, die jedoch von Kopf bis Fuß in einer langen Kutte gehüllt war, ihr Gesicht von einer schweren Kapuze verborgen. Wer war dass?
Unter den Versammelten wurde getuschelt, fragende Blicke wurden einander zugeworfen und wilde Spekulationen machten die Runde. Jeder wollte wissen wer die unbekannte Person war, und warum sie sich nicht zu erkennen gab.
Asteroth brachte die Versammelten unter sich mit einer herrischen Geste zum schweigen. Es bedurfte keiner Worte dazu, wenn Asteroth etwas wollte, dann wurde es erfüllt ohne das er es vorher befehlen hätte müssen. Über diesen Machtstatus war er mittlerweile hinaus. Die Anwesenden konnten seine Wünsche förmlich fühlen, natürlich nur wenn er dies wollte. So verstummten schlagartig sämtliche Gespräche und alle Blicke richteten sich starr auf den Balkon und auf jene die dort standen. Zufrieden verzog sich Asteroths Züge zu einem Lächeln als er auf die Ansammlung seiner Dienerschaft hinab blickte, die sich in seinem Schlosshof versammelt hatte, um zu hören was er ihnen zu verkünden hatte. Seine verhüllte Begleitung trat etwas in den Schatten zurück, so dass nun Asteroth alleine im Zentrum des Balkons thronte und somit die ungeteilte Aufmerksamkeit aller genoss. Barlow und Straker standen weiter wie erstarrt links und rechts des Balkons Spalier.
Asteroth ergriff das Wort: "Es erfüllt mich mit Stolz euch so zahlreich erschienen zu sehen. Ihr seid die Generation der Unsterblichen. Zusammen werden wir die neue Ordnung der Welt sein. Viele Jahre sind ins Land gezogen seid wir uns von der Gilde losgesagt haben, als wir erkannten dass der alte Weg der Weg unseres Untergangs sein würde. Viele Jahre des Versteckens, der Intrigen und des Wartens. Ich weiß wie sehr ihr gehasst habt im Verborgenen zu bleiben während der verhasste Feind sich im Glanz der Öffentlichkeit gesuhlt hat. Ich habe es genauso verabscheut, doch leider war dieses Vorgehen notwendig. Denn nun sind wir größer und mächtiger als je zuvor. Was als einfacher Gedanke begann entwickelte sich zu dem was der Untergang für Tarim o Kiel und seine verfluchte Gilde sein wird." Voller Inbrunst stieß Asteroth diese Worte hervor und reckte wie zur Bestätigung seine Arme empor. Die Versammelten starrten ihn weiter stumm an, Jubel und Begeisterungsstürme gehörten nicht zum Wesen der Vampire. Doch in den Augen der Anwesenden konnte Asteroth das Feuer sehen, das er entfacht hatte. Sie waren es leid zu warten. Sie wollten kämpfen. Doch konnte er auch die Zweifel sehen. Die meisten glaubten nicht an einen Sieg gegen die Gilde. Wie mächtig ihre Rebellion auch in den Jahren geworden war, gegen die alte Ordnung zu bestehen war außerhalb ihrer Möglichkeiten. Asteroth lächelte. Wenn seine Ansprache vorbei war, würde sich dass ändern. Alles würde sich ändern.
"Ich sehe Zweifel in euch, doch seit gewiss dass sich heute Nacht das Blatt für immer wenden wird. Ich habe einige Überraschungen für euch."
Mit diesen geheimnisvollen Worten zog Asteroth etwas unter seinem Umhang hervor das wie ein in schwarze Tücher eingewickelter Foliant aussah.
"Nicht länger werden wir die Gilde und ihren veralteten Glauben fürchten müssen, den wir haben sie genau dieses Glaubens beraubt. Uns ist gelungen was Tarim o Kiel wohl in seinen kühnsten Phantasien nicht für möglich gehalten hätte. Sein Heiligtum und damit der Grundstein der gesamten Gilde befinden sich hier in meinen Händen. Seht her, das Necronomicon!" Mit diesen Worten riss Asteroth die Tücher von dem massigen Buch und hielt es triumphierend in die Höhe. Die Anwesenden erstarrten mit weit aufgerissen Augen und konnten die Blicke nicht von dem Buch abwenden dass Asteroth in die Höhe hielt. Das Allerheiligste der Gilde, die Grundlage ihres Glaubens, die Vampirbibel. Die meisten der Versammelten kannten es nur von Bildern, nur wenige hatten es tatsächlich mit eigenen Augen gesehen oder gar berührt. Und nur eine handvoll der mächtigsten Vampire hat darin gelesen. Dennoch waren sich alle einig dass es zweifelsfrei das Necronomicon war dass sie vor sich sahen. Von dem Buch ging eine uralte Kraft aus die sich nicht in Worte fassen ließ. Jeder konnte spüren, dass es das Buch sein musste. Asteroth hatte es tatsächlich an sich gerissen. Also war die Gilde verwundbar. Doch den Anwesenden war auch bewusst was dieser Schachzug bedeutete. Asteroth provozierte einen offenen Krieg. O Kiel würde sich diese Demütigung nicht gefallen lassen, ja er konnte es gar nicht. Wollte er seine Stellung wahren musste er diesen Diebstahl vergelten und das Buch zurückerobern.
Asteroth gab den Folianten an Barlow der es stumm verwahrte und wandte sich wieder an seine Diener. "Die Zeit des Versteckens ist vorbei, wir stehen im Krieg. Die Gilde hat keine andere Wahl mehr. Doch werden sie nicht gegen uns ankommen. Wir sind besser für eine Schlacht gerüstet als Tarim o Kiel ahnt. Meine Gedanken reichen viel weiter als sein Kleinkariertes Denken." Mit diesen Worten winkte er Barlow und Straker zu sich die neben ihm Posten bezogen.
"Ihr kennt Barlow und Straker. Einst dienten sie Morisia, einer treuen Verfechterin der Gilde. Die beiden galten als ihre besten Schüler und sind begnadete Kämpfer. Sie werden meine Heerführer in den bevorstehenden Gefechten sein. Wir werden die Gilde zerschlagen und den Thron der Welt für uns beanspruchen. Und nun werde ich euch zeigen womit wir ihre Legionen zerschmettern werden." Asteroth verstummte lächelnd und die Spannung unter den Anwesenden steigerte sich.
"Er ist die ultimative Kampfmaschine, die Krone meiner Schöpfung. Valotica!" Kaum hatte Asteroth diese Worte in die Nacht gebrüllt, da spürten die Versammelten etwas Großes über ihnen. Erschrocken reckten alle die Köpfe gen Himmel und erkannten ein gewaltiges geflügeltes Wesen über ihnen. Die Kreatur ließ sich auf den Zinnen eines Schlossturmes nieder und starrte hinunter in den Schlosshof. Ein gewaltiger halb verwester Drachenleib. Die untoten Augen in dem blanken Knochenschädel des Drachens glühten diabolisch. Der untote Drache faltete seine zerrissenen lederartigen Schwingen auseinander und brüllte theatralisch in die Dunkelheit. Keiner der Anwesenden sagte ein Wort, niemand hatte je solch eine Kreatur gesehen. Asteroth hatte einen leibhaftigen Drachen in einen Vampir verwandelt. Nun verstanden sie was Asteroth mit ultimativer Kampfmaschine meinte. Mit dieser Bestie in ihren Reihen und dem Segen des Necronomicon war ein Sieg gegen die Gilde möglich.
Doch Asteroth schien noch nicht am Ende der Überraschungen zu sein. Sein Blick schweifte zurück zu seinen Untergebenen, während Valotica dass Geschehen stumm von seiner Turmzinne aus beobachtete.
"Eines bleibt, wie ein bitterer Nachgeschmack. Bei all unseren Aktivitäten gegen O Kiel und seine Brut gibt es jemanden der uns ständig in die Quere kommt und sich als Ziel gesetzt hat unsere Rasse zu vernichten, gleichwohl er selbst dazugehört. Ihr wisst von wem ich rede. Er ist für die Vernichtung vieler unserer Brüder verantwortlich. Der letzte Jäger der C'ael Rohen. Drake du Kane!"
Bei der Erwähnung dieses Namens verzogen sich die Gesichter zu einer Maske des Hasses. Viele stuften Kane als weit größere Bedrohung als O Kiel ein. Es schien als könnte nichts und niemand ihn aufhalten. Er hatte den Tod überwunden, trug dämonische Waffen und versammelte neue Anhänger um sich herum. Kein Jäger seit Selfter Kane, dem Gründer der C'ael Rohen, hatte so etwas vollbracht.
"Der Jäger wird nicht länger eine Bedrohung für uns darstellen. Ich selbst habe mich ihm angenommen und ihm weitaus schlimmeres angetan als ihn zu töten. Ich habe ihm das entrissen was für ihn das wichtigste war. Sein Wille ist gebrochen. Ich zeige euch nun den Beweis dass Drake du Kane zu besiegen ist!" Asteroth deutete auf die verhüllte Gestalt die sich hinter ihm im Schatten gehalten hatte. Nun trat sie hervor ins Licht und streifte die Kapuze ab. Ein Raunen ging durch die Menge, fassungslose Gesichter starrten auf die Person neben dem Erzvampir. Das übertraf alles bisher gesehene. Neben Asteroth stand die Jägerin! Sie sah verändert aus, aber es war ganz eindeutig Myra, die Gelibete von Drake du Kane. Sie sah atemberaubend aus. Ihre langen nun pechschwarzen Haare umwehten ihr blasses Gesicht. Rotglühende Augen starrten in den Hof hinunter während sie finster lächelte und dabei ihre spitzen Eckzähne offenbarte. Sie war ein Vampir. Asteroth hatte sie verwandelt.
"Die Jägerin existiert nicht mehr", verkündete Asteroth, "vor euch seht ihr Lukryscha, eure neue Herrin. Wenn die Gilde vernichtet ist und ich das Oberhaupt der Welt bin, dann wird sie meine Königin sein. Sie ist der Beweis dass uns nichts und niemand aufhalten kann, nicht einmal der mächtige Drake du Kane!"
Diesmal konnten sich selbst die Vampire nicht beherrschen und es ging ein Jubel durch die Menge. Die Rebellion würde in den Krieg ziehen. Keiner konnte sie aufhalten. Und während der gesamte Schlosshof die Fäuste gen Himmel streckte und Tarim o Kiel den Krieg erklärte nahm Asteroth Lukryscha in seine Arme und küsste sie leidenschaftlich.
2.
Meine Erinnerungen an die letzten Wochen waren lückenhaft und verschwommen. Trauer und Schmerz beherrschten zu sehr meinen Verstand. Es war nun fast zwei Monate her, dass Asteroth mir das Wichtigste entrissen hatte was ich in diesem verfluchten Dasein hatte. Der einzige Grund warum ich versuchte wieder zu leben und nicht nur wie ein emotionsloser Toter zu jagen um meine Rache zu nehmen. Doch nun da Myra nicht mehr war fiel ich in ein endlos scheinendes Loch der Verzweiflung. Sie war nun selbst einer von Ihnen. Sie war nun ein Monster. Sie war nun mein Feind. Allein der Gedanke dass sie nun dieses Dasein fristen musste quälte mich mehr als das ich es hätte ertragen können.
Die ersten Tage nach der Konfrontation waren die schlimmsten in meiner Existenz. Zum ersten Mal hatte Asteroth beinahe gewonnen. Zum ersten Mal war ich so verzweifelt dass ich meinen Schwur vergaß und kurz davor meinem verdammten Dasein ein Ende zu bereiten. Es war Craven der mich wieder zur Vernunft brachte. Ich war zu dieser Zeit kaum zu einer intelligenten Handlung fähig, entweder ich tobte unkontrolliert und brüllend durch die Wälder oder ich lag stoisch und gleichgültig in einer Ecke und vegetierte vor mich hin. Zu groß war der Schmerz um einfach weiterzumachen.
Doch Craven gab mich nicht auf, immerhin war ich nun der einzige der ihm vertraut war in dieser verrückten Welt die ihm so fremd geworden war in den letzten Jahren. Fürsorglich kümmerte er sich um mich, sorgte dafür dass ich mich nicht sinnlos der Sonne aussetzte und flösste mir Blut ein. Ich beobachtete ihn aus meinem Delirium heraus oft, wie er nächtelang wach blieb um auf mich aufzupassen. Dieser Anblick holte mich schließlich nach fünf Tagen zurück in die Realität. Ich war nun schon ein ganzes Menschenleben Jäger, aber erst in jener Nacht erkannte ich was wahre Freundschaft bedeutete. Sen Lar war wie ein Vater für mich und Myra die Liebe meines Lebens. Aber noch nie hatte ich einen wahren Freund gehabt in all den langen Jahren. Ich wusste das Craven alles für mich tun würde und dass es meine Pflicht war dass gleiche für ihn zu tun. Ich musste aufhören mich meiner Trauer aufzuliefern. Es war Zeit von vorne anzufangen.
Craven hatte jeden Tag versucht mit mir zu reden, doch die ersten vier Tage strafte ich ihn mit Schweigen. Kein einziges Wort drang über meine Lippen. Am fünften Tag schließlich, nach dieser denkwürdigen Nacht der Selbsterkenntnis, in der ich beschloss nicht aufzugeben, sah ich ihm in die Augen als wir am Morgen in einer kleinen Höhle saßen, nicht weit von jenem Ort wo mir Asteroth meinen geliebten Engel geraubt hatte. Es war das erste mal dass ich ihn ansah und nicht einfach ins Leere starrte. Das erste mal das er wieder einen freien Willen in meinen Augen lesen konnte.
"Drake?" Seine Stimme war nur ein Flüstern, doch ich glaubte einen schwachen Hoffnungsschimmer darin zu hören.
"Ich bin zurück." antwortete ich leise und senkte den Blick.
"Drake ich...ich dachte schon ich hätte auch dich verloren." Ich konnte die Erleichterung deutlich in Cravens Stimme hören.
"Das hast du. Ich werde nie mehr so sein wie früher." Meine Stimme klang schwach und resigniert. Ich starrte weiter auf den Boden.
"Ich weiß nicht was ich sagen soll. Drake, es tut mir so leid, ich hätte da sein müssen..."
"Hör mit diesem Unsinn auf!" fuhr ich ihn wütend an, härter als ich es beabsichtigt hatte. "Es war nicht deine Schuld. Ich trage die Verantwortung für euch, es war mein Versagen. Ich konnte sie nicht retten." Ich sah Craven in die Augen. "Ein toller Jäger bin ich. Ich hätte es verhindern müssen."
"Es gab nichts dass du hättest tun können..."
"ICH HÄTTE SIE RETTEN MÜSSEN!" schrie ich ihn an und vergrub den Kopf in meinen Armen. Es gab für mein Versagen keine Entschuldigung. Ich spürte wie Craven meinen Arm nahm und stieß ihn wütend beiseite.
"Drake du musst aufhören dir die Schuld dafür zu geben. Es ist..."
"ICH HABE SIE GELIEBT CRAVEN!"
"VERDAMMT DRAKE, HÖR AUF!" brüllte mich Craven auf einmal an. Ich zuckte unwillkürlich zusammen und starrte ihn an. Craven sah mich völlig ruhig an. "Jetzt hör mir mal zu. Ich habe dich immer respektiert und sogar bewundert. Doch so kann es nicht weitergehen mit dir. Ich habe Myra auch geliebt. Sie war wie eine Schwester für mich und es quält mich jeden Tag wenn ich daran denke was diese Bestie ihr angetan hat. Doch wenn du jetzt aufgibst hat er gewonnen. Willst du das?"
Ich schüttelte den Kopf. "Gegen Asteroth kann man nicht gewinnen." flüsterte ich resigniert.
"Dann ist es also vorbei?" fragte Craven enttäuscht. "Soll es dass gewesen sein? Alles wofür du gekämpft und gelitten hast? Glaubst du dass wäre ihr Wille gewesen?"
"Sie hat keinen Willen mehr, sie ist nun ein Monster und daran bin ich Schuld."
"Hör auf dich selbst zu bemitleiden Drake. Was würde Sen Lar von dir denken wenn er dich so sehen würde?"
"Sen Lar ist tot. Wie alle die mit etwas bedeutet haben."
"Nein, ich lebe noch. Und ich habe gelernt nie aufzugeben. Mein Glaube verbietet es mir. Und deiner auch!"
"Du weißt dass ich an nichts glaube Craven."
"Oh doch dass tust du. Du hast einen Schwur geleistet. Willst du ihn nun brechen und deinen Mentor hintergehen?"
Ohne zu merken was ich tat, sprang ich auf die Beine und stürmte auf Craven zu. Er war zu überrascht um zu reagieren. Im nächsten Moment hatte ich ihn gepackt und mit dem Rücken gegen die Höhlenwand gedrückt. "Wage es nicht so mit mir zu reden." zischte ich ihn an. Craven verzog das Gesicht zu einer Grimasse. "Ja, dass ist der Drake du Kane denn ich kenne. Dass ist das Feuer in ihm. Und nun hör endlich auf zu jammern und tu deine verdammte Pflicht." Einen Moment sahen wir uns stumm in die Augen, doch Craven hielt meinem Blick stand. Langsam begann ich den Griff um ihn zu lockern, noch immer starrten wir uns gegenseitig an. Unglaublich wie stark er geworden war. War er schon immer so stark gewesen? Er hatte seit ich ihn kannte ein mutiges und treues Herz, doch erkante ich nun erst wie stark er wirklich war. Ich ließ von ihm ab und dachte nach. Er hatte Recht, ich konnte mich nicht einfach verkriechen. Ich war es Myra schuldig weiterzumachen. Noch war sie nicht endgültig verloren. Auch ich wurde von Asteroth gebissen und bewahrte mein menschliches Sein. Es war nur ein Gedanke, vermutlich nur eine Illusion, aber ich brauchte etwas an das ich mich klammern konnte. Ich brauchte Hoffnung. Vielleicht konnte ich Myra retten. Vielleicht war es noch nicht zu spät.
Ich sah Craven an. "Du hast Recht, ich war ein Narr. Craven, es tut mir Leid. Du hast soviel für mich getan, ich hatte kein Recht..."
Vergiss es!" unterbrach er mich kopfschüttelnd. "Es gibt nichts zu entschuldigen. Wir sind C'ael Rohen. Wir sind Brüder." Mit diesen Worten streckte er mir seine Hand entgegen. Ich sah ihn bewundernd an. Er hatte die Lehren meines Clans offenbar schneller begriffen als ich selbst, was für ein Narr ich doch war. Zum ersten Mal lächelte ich wieder und ergriff seine Hand. Auch Cravens Züge umspiegelten nun ein Lächeln und ich konnte sehen wie erleichtert er war. Ich war zurück, und dass verdankte ich ihm. Ich tat etwas auf dass auch er nicht gefasst war. Ich schritt auf ihm zu und umarmte ihn.
All diese Erinnerungen kehrten nun zurück als wir stumm nebeneinander einer alten Handelstraße folgten die sich durch den Wald zog. Es war ein stiller Tag, kaum ein Vogel war zu hören und die Sonne war von grauen Schleierwolken verdeckt. Der Wald wirkte leblos und trist, unsere monotonen Schritte waren die einzigen Geräusche. Wir waren nun schon den ganzen Tag dem Handelsweg gefolgt und es war Zeit für eine Rast. Craven und ich suchten uns einen abgelegen Platz im Wald.
Ächzend ließ sich der Hüne gegen einen Baumstamm fallen und legte Rutax sorgsam neben sich. Ich folgte seinem Beispiel und nahm ihm gegenüber Platz. Nachdenklich schnallte ich meine Rückengehänge ab und betrachtete meine Klingen. Es glich einem Wunder dass ich sie immer noch bei mir trug. Asteroth wollte diese Schwerter um jeden Preis besitzen und er hatte die Gelegenheit dazu als ich wehrlos unter Valoticas Pranken lag. Warum hat er sie nicht an sich genommen? Craven berichtete mir, dass er sie im Wald fand als er mich aus der Sonne schaffte. Er erzählte jedoch auch, dass er sich eingebildet hatte, dass er sie erst beim zweiten hinsehen im Gras lagen sah. Vermutlich hatte er sie in seinem Schockzustand einfach übersehen, aber ich begann daran zu zweifeln. Grübelnd strich ich mit meinen Fingern über den matten schwarzen Stahl. So lange Zeit waren sie nun meine Begleiter und ich wusste immer noch so wenig über sie.
"Was ist los Drake, stimmt etwas nicht?" fragte mich Craven und sah mich besorgt an. Ab und zu überkamen mich noch immer Rasereianfälle oder ich verlor mich so stark in meiner Trauer dass ich die Welt um mich vergaß. Die Anfälle wurden zwar von Woche zu Woche seltener, aber an manchen Tagen konnte ich mich ihrer nicht erwehren. Doch heute beschäftigte mich etwas anderes. "Keine Sorge, mir geht es gut." Eine glatte Lüge, mir ging es seit der Konfrontation keine Sekunde lang gut, aber Craven wusste was ich damit meinte. "Mir kann nur gerade ein Gedanke."
"Wegen deiner Schwerter? Was ist mit ihnen?" Craven betrachtete die Zwillinge mit einer Mischung aus Neugier und Abscheu, eine natürliche Reaktion auf ihr überirdisch bösartiges Wesen.
"Ich glaube Asteroth hat sie nicht an sich genommen weil sie es nicht wollten."
"Sie es nicht wollten? Du sprichst von ihnen als wären sie lebendig."
"Das sind sie auch. Du weißt was sie sind. In ihnen wurden Dämonen gebannt. Und sie haben ihren eigenen Willen. Hätte Asteroth sie genommen hätte das meinen Tod bedeutet, ohne das er es gewusst hätte."
"Und das wollten deine Schwerter verhindern?"
Ich schüttelte lächelnd den Kopf. "Glaube nicht, sie hätten das aus lauter Barmherzigkeit getan. Sie sind das pure Böse, aber sie sind von mir abhängig, ebenso wie ich von ihnen. Wäre ich gestorben wären sie an ihren ursprünglichen Aufenthaltsort zurückgekehrt, darauf gewartet bis sich ein neuer Träger ihrer als würdig erweist. Doch ich glaube sie haben Gefallen an dem gefunden was ich tue. Sie genießen das töten, und das Blut der Vampire ist besonders mächtig. Das ist ihr Wesen, der Tod. Wer weiß wie lange sie warten müssten bis ein neuer sie führe würde, wie lange sie nicht mehr töten könnten."
"Deshalb wollten sie bei dir bleiben." folgerte Craven nickend. Seine Spur von Furcht mischte sich in seinen Blick als er erneut die beiden Klingen betrachtete.
Ich nickte. "Ich weiß nicht wie sie sich seinen Blicken entzogen haben, aber sie zeigten sich im rechten Augenblick damit du sie sehen konntest."
Craven schwieg. Er dachte an den Moment als er zurück in den Wald ging um sie zu holen. Wie sie dort im Gras lagen, wie zwei giftige Schlangen. Craven besaß den Mut eines echten Kriegers, aber er brachte es nicht fertig sie anzufassen. Lediglich in Tücher gehüllt konnte er sie an sich nehmen.
Craven hatte mir später davon berichtet. Ich war erleichtert dass er sie nicht direkt berührt hatte, wer wusste was sie mit ihm angestellt hätten. Noch heute beobachtete ich ihn ab und zu am Fluss wie er sich wieder und wieder die Hände wusch, als versuche er irgendetwas abzuwaschen, dass ihn beschmutzt hatte.
Ich beschloss nicht weiter darüber nachzudenken, es gab wichtiges zu tun. Vorsichtig holte ich die Pergamentrolle aus einer meiner Tasche und rollte sie auf. Es handelte sich um die Rolle die ich in Selfter Kanes Sarg gefunden hatte. Nachdem ich wieder bei Verstand war begann ich sie zu studieren. Sie war in einer alten Sprache verfasst von der mir Sen Lar oft erzählt hatte. Ich konnte sie übersetzen, doch war es mühsam und zeitaufwendig. Ich verbrachte Tage und Nächte damit sie zu entziffern, zumindest konnte ich so die Gedanken an Myra verdrängen. Nach zwei Wochen hatte ich es geschafft und der Inhalt war so unglaublich dass ich sie zweimal lesen musste bevor ich Craven davon berichtete.
"Sind wir noch auf dem richtigen Weg?" Cravens Stimme riss mich aus meinen Gedanken. Konzentriert betrachtete ich die Karte die die hälfte des Pergaments einnahm. Ich nickte zufrieden. "Ja, wir kommen gut vornan. In weniger als einer Woche sind wir da."
Ich betrachtete die Karte und die Markierung darauf die unser Ziel war. Seit knapp sechs Wochen marschierten wir nun durch die Wildnis, immer streng der Karte folgend. Weit und breit gab es keine Zivilisation. Wir näherten uns einem abgelegen Gebirgszug. Dort befand sich unser Ziel. Es handelte sich um ein altes verlassenes Schloss das früher einmal einem reichen Fürsten gehört haben soll. Doch sein kleines Reich zerfiel und heute stehen nur noch einige Ruinen und eben jenes antike Schloss. Die C'ael Rohen jedoch hatte weit mehr über dieses Schloss und seine Bewohner herausgefunden und ihr Wissen dort versteckt wo sie es am sichersten glaubten, im Sarg ihres Gründers. Ich betrachtete es als Ironie des Schicksals dass es nun ausgerechnet mir in die Hände gefallen war.
Bei dem Fürsten handelte es sich um einen Vampir, um einen Erzvampir genau genommen. Und die Quellen waren sich einig dass jenes Schloss auch heute noch eines seiner Unterschlüpfe war, vermutlich sogar seine bevorzugte Heimstatt.
Bei dem Erzvampir handelte es sich um Asteroth!
3.
Asteroth betrachtete ohne großes Interesse die Menge die sich noch immer auf dem Schlosshof versammelt hatte. Durch die Turmfenster hatte er einen guten Überblick über das Geschehen während er sich in seinen Gemächern befand. Grinsend zog er die schweren Vorhänge zu und wandte sich von den Fenstern ab. Sie hatten es geschluckt. Solch überwältigenden Erfolgen konnten sich selbst die energischsten Zweifler nicht entziehen. Asteroth hatte sein Ziel erreicht. Er spürte eine sanfte Hand auf seiner Schulter. Lächelnd drehte er sich zu Lukryscha um und betrachtete sie.
"Wir haben es geschafft meine Liebe."
"Ich habe keine Sekunde daran gezweifelt. Du bist der geborene Führer." entgegnete sie ihm und musterte ihn mit ihren dämonischen roten Augen. Zu gern hätte Asteroth gewusst was in ihr vorging, doch aus irgendeinem Grund war es ihm nicht möglich in ihren Gedanken zu lesen, ein Umstand der ihn zornig machte.
"Was denkst du wirklich?" fragte er ungehalten. Lukryscha lächelte verschwörerisch während ihre Hand seine Brust streichelte. "Was spielt dass für eine Rolle? Ich liebe dich, du hast mir die Unsterblichkeit geschenkt. Wenn o Kiel erst besiegt ist werden wir gemeinsam über diese jämmerliche Welt gebieten. Dass ist alles was zählt."
Asteroth legte seine Hände um die ihre und küsste zärtlich ihre Finger während er sie weiter mit lauerndem Blick betrachtete. Lukryscha hatte sich in den letzten Wochen als unglaublich Willensstark erwiesen. Sie war eine perfekte Strategin und Diplomatin. Asteroth wusste dass mehr hinter ihren Worten steckte, als sie ihm preisgab. Vielleicht war Asteroth im Laufe der Jahrhunderte zu paranoid geworden, aber er wollte wissen warum er nicht in ihre Gedanken sehen konnte und was sie zu verbergen hatte.
"Was denkst du über unsere Armee?"
Lukryscha verzog angewidert das Gesicht während sie zu den Fenstern schaute von wo aus Asteroth den Hof beobachtet hatte. "Dreckige Herumtreiber. Lakaien und Kriecher. Nichts Wert aber gut genug um zu kämpfen. Kein großer Verlust."
"Barlow und Straker werden sie trainieren. Bald werden sie hervorragende Soldaten abgeben."
"Ich denke du überschätzt die Fähigkeiten deiner Hauptmänner. Ich bezweifle dass die beiden in der Lage sind jemanden anzuführen." Lukryscha gab sich keine Mühe ihre Abneigung gegen die beiden zu verbergen. Ihre Augen verzogen sich zu wütenden Schlitzen.
"Sie werden ihre Arbeit tun."
"Und dich wieder enttäuschen. Du weißt dass man sich nicht sie verlassen kann." Lukryschas Stimme bebte, nur mühsam konnte sie ihren Zorn im Zaum halten.
"Ich werde dafür sorgen dass sie mich nicht noch einmal enttäuschen werden."
Lukryscha begann zu lachen und schüttelte den Kopf. "Ja natürlich. Und dann dieses Schuppenvieh. Mein Geliebter, diese Kreaturen sind deiner unwürdig. So werden wir den Krieg nicht gewinnen. Ihnen fehlt die geistige Stärke."
"Die du besitzt? Du überschätzt dich Lukryscha."
"Du weißt dass ich ihnen überlegen bin. Lass mich deine Truppen befehligen, ich bin zehnmal besser als deine Führungskräfte!"
Asteroth sah sie überrascht an. Er zweifelte keine Sekunde daran dass sie damit Recht hatte. selbst Sagul, O Kiels Berater und einer der stärksten lebenden Vampire wäre ihrer nicht gewachsen. Aber er konnte ihr nicht trauen, sie stand ihm in Verschlagenheit in nichts nach. Er traute ihren Motiven nicht. Nein, er würde kein Risiko eingehen.
"Du wagst viel meine Liebe. Ich habe bereits andere für weit weniger hinrichten lassen. Wer gibt dir das Recht so mit mir zu reden?" Asteroths Stimme klang bedrohlich, doch Lukryscha grinste ihn nur an. "Ich bin deine Königin Asteroth und ich bin es Leid immer nur im Hintergrund zu stehen. Ich fordere..."
"Du fordert?" Asteroth sah sie überrascht und wütend an. Er begann seine Geduld mit ihr zu verlieren. Sie sah ihn trotzig an, ihre Augen schienen Feuer zu sprühen.
"Jetzt hörst du mir mal zu, meine Liebe. Ich habe dich erschaffen und du hast mir zu gehorchen. Du wirst den Platz schon noch bekommen der dir zusteht. Doch bis dahin hast du meine Entscheidungen zu akzeptieren."
Lukryscha schwieg und sah ihn immer noch wütend an. Asteroth trat auf sie zu. "Du bist an mich gebunden, vergiß dass nicht. Und ich verlange Gehorsam von meinen Kindern."
Lukryscha schluckte ihren Ärger hinunter und sah Asteroth an. Ihr Blick wurde weicher und sie begann sein Gesicht zu streicheln. "Es tut mir Leid." flüsterte sie zärtlich. "Ich wollte dich nicht verärgern." Doch der trotzige Ausdruck in ihren Augen verschwand nicht.
Barlow schloss leise die schwere Eichenholztür hinter sich und trat in das teuere Kaminzimmer des Schlosses ein. Asteroth saß in einem wuchtigen Ohrensessel und starrte nachdenklich in die Flammen die im vor ihm Kamin züngelten.
"Mein Gebieter." sagte Barlow als er den Sessel erreicht hatte.
"Es wird Zeit aufzubrechen." antwortete Asteroth ohne von den Flammen aufzusehen. "Ist der Mob endlich verschwunden?"
"All jene die euren Ruf vernommen hatten und Zeuge euerer Rede wurden haben mittlerweile dass Schloss verlassen. Sie reisen zurück in ihre Heimat und erzählen dort all jenen die nicht gekommen sind vom baldigen Feldzug gegen die Gilde."
Asteroth lächelte während er noch immer ins Feuer starrte. "Gut. Bald wird ein jeder Vampir auf der Welt wissen dass wir uns nicht länger verstecken brauchen. Zeit Tarim o Kiel die Nachricht zu überbringen. Ich möchte es ihm persönlich sagen, bevor er es aus anderer Quelle erfährt. Ich breche sofort auf. Du und dein Bruder werdet ein Auge auf alles werfen."
Barlow nickte, zögerte danach jedoch einen Moment als überlege er das Wort an Asteroth zu richten.
"Was ist?" fragte der Erzvampir, dem dies nicht entgangen war.
"Verzeiht die Frage, aber was ist mit Lukryscha?" In Barlows Stimme schwang mühsam unterdrücktes Missfallen mit. Er erinnerte sich an die Demütigung die sie Straker bereitet hatte als sie noch Jägerin war. Und auch wenn er den Hass von Straker auf sie nicht teilte so konnte er sie dennoch nicht ausstehen. Immerhin war Straker sein Bruder.
"Sie wird hier bleiben. Ich traue ihr nicht. Ich will nicht dass sie Tarim o Kiel zu nahe kommt. Auf sie werdet ihr besonders achten."
Barlow nickte stumm.
"Sie wird hier bleiben bis die ihren Platz akzeptiert hat." fügte Asteroth entschlossen hinzu und winkte Barlow weg. Das Gespräch war beendet.
Lukryscha nahm das Ohr von der Tür und verbarg sich schnell im Schatten als Barlow das Zimmer verließ.
Das Holz war dick, aber ihr Gehör war besser als das jedes Sterblichen. Sie hatte jedes Wort verstanden. Wütend starrte sie auf die wieder geschlossene Tür.
'Wir werden sehen wer sich hier wem unterordnet' dachte sie und schritt zornig den Flur hinab.
4.
Das war es also. Mich durchlief ein eisiger Schauer als ich das alte Gemäuer vor mir betrachtete. Über zwei Monate waren Craven und ich der Spur gefolgt und endlich waren wir am Ziel. Die ganzen Jahrzehnte hindurch hatte ich mich immer gefragt wie es wohl aussehen würde und es war genauso wie ich es mir immer vorgestellt hatte. Craven schien unwohl zumute zu sein, er betrachtete das Schloss das sich etwa einen halben Kilometer vor uns in die Flanke eines Berges schmiegte wachsam. Seine Finger umklammerte krampfhaft seine Axt.
"Etwas Bedrohliches geht von diesem Ort aus. Nichts Heiliges hat jemals diesen Platz bewohnt. Verdammnis lauert dort, ich fühle es in meinem Herzen."
Ich nickte stumm. Ja, es war der Hort des Bösen. Dennoch spürte ich eine beunruhigende Vertrautheit in diesen alten Mauern. Als würde ich diesen Ort kennen. Es war fast so als wäre ich noch einer endlosen langen Reise nach Hause gekommen. Beim Anblick von Asteroths Schloss wurde mir meine Abstammung mit erschreckender Intensität wieder bewusst. Es war mein Zuhause. Meine Gefühle ließen keine Zweifel zu, es musste tatsächlich Asteroths Versteck sein. Ich musste verrückt sein, aber ich musste einfach dort hinein. Ich wusste nicht was mich erwarten würde, aber ich hatte die Kontrolle verloren. Ich wusste weder wie gut dass Schloss bewacht war noch welche magischen Fallen dort lauern würden. Und eine erneute Konfrontation mit Asteroth würde ich höchstwahrscheinlich nicht überleben. Doch ich hatte geschworen alles zu versuchen um ihn aufzuhalten.
"Drake, das ist Selbstmord." flüsterte Craven verzweifelt.
Ich nickte. "Ich weiß. Aber ich habe keine Wahl. Ich muss dort einfach hinein."
"Dein Schwur in allen Ehren, aber dass ist Wahnsinn."
Ich sah Craven an, mein Blick war ruhig und ernst. "Es geht nicht um Sen Lar." Ich sah ihm tief in die Augen. Langsam klärten sich meine Gedanken. Asteroth war nicht da. Ich hätte seine Präsenz schon von weitem spüren müssen, doch ich fühlte überhaupt nichts. Ich war mir sicher dass er nicht in seinem Schloss war.
Craven sah mich verständnislos an.
"Craven, sie ist dort drin."
Der Hüne zog zischend die Luft ein und sah mich erschreckt an. "Drake, nein. Vergiss es. Myra ist tot, du kannst nichts für sie tun."
Ich schüttelte den Kopf. "Nein, noch besteht Hoffnung. Mich hat er auch verwandelt und ich habe zurück zum Pfad der Menschlichkeit gefunden. Ich kann sie retten." Ich glaubte meinen Worten selbst nicht, ich wusste dass ich mir selbst etwas vormachte. Aber ich musste mich an irgendetwas klammern wenn ich nicht endgültig den Verstand verlieren wollte. Ich musste sie einfach sehen. Zu wissen dass sie dort in diesem Schloss war, so nah und für mich doch unerreichbar zerriss mich.
Craven packte mich am Arm und sah mich lange an. "Drake, du kannst sie nicht retten und das weißt du auch."
Ich streifte seinen Arm ab. "Aber ich muss es zumindest versuchen. Dass bin ich ihr schuldig." Ich sah in Cravens Gesicht dass er aufgab. Er wusste dass es sinnlos wäre mich umstimmen zu wollen. Ich hatte meine Entscheidung getroffen.
"Du musst mich nicht begleiten. Ich denke es ist besser wenn du hier bleibst."
Craven schüttelte empört den Kopf. "Ich werde mich hier bestimmt nicht wie ein Feigling verstecken."
"Craven hör mir zu. Hier geht es nicht um Ehre oder Stolz oder irgendeinen Kriegerkodex. Ich werde vielleicht nicht zurückkehren und dann bist du der einzige der das Wissen der C'ael Rohen weitergeben kann. Wir dürfen nicht riskieren dass das Wissen mit uns stirbt."
"Ich werde dich dort nicht alleine reingehen lassen." Craven sagte diese Worte in ruhigen Tonfall, doch ich kannte ihn gut genug um zu merken das ich ihn von seiner Entscheidung ebenso wenig abbringen konnte, wie er mich von meinem Entschluss.
"Na schön, dann lass uns keine Zeit verlieren."
Lukryscha stand am Fenster des oberen Wachturms und starrte hinaus in die dunkle sternenlose Nacht. Eine Sehnsucht überkam sie, die sie gleichermaßen überraschte wie schockierte. Das war ihr nun schon öfters passiert, aber sie hatte Asteroth natürlich nichts davon erzählt. Sie hatte nichts übrig für die närrischen Gefühle der Sterblichen, sie war ihnen nun weit überlegen. Aber tief in ihrem Inneren war noch etwas. So sehr sie auch versuchte es zu unterdrücken, manchmal erfasste es sie und tief in ihrem Unterbewusstsein spürte sie diese Sehnsucht. Ihre Finger glitten gedankenverloren über das kalte Glas und sie stellte sich vor wie es wäre unter den wärmenden Strahlen der Sonne zu wandeln.
Erschrocken zuckte sie zusammen. Was war nur in sie gefahren? Sie hasste die Sonne, sie war ihr Todfeind! Sie schüttelte ärgerlich den Kopf und verfluchte sich selbst. Wie konnte sie nur solch Schwäche zeigen? Sie brauchte die verfluchte Sonne nicht, sie hatte nun die Kräfte eines Gottes, was bedeuteten da schon ein paar Sonnenaufgänge? Sie stand über solchen Gefühlsduseleien.
Lukryscha wurde jäh aus ihren Gedanken gerissen als sie zwei Schemen bemerkte die just in diesem Moment über die Mauer kletterten. Eindringlinge? Hier draußen? Völlig unmöglich, keiner wusste von diesem Schloss. Konnten dass Späher der Gilde sein? Nein, sie verhielten sich anderes. Der eine musste ein Mensch sein, doch die vordere Gestalt bewegte sich mit einer Art wie kein Mensch es vermochte, wie...
Lukryscha erstarrte. Sie kannte diese Bewegungen. Nur einer bewegte sich so. Bilderfetzen schossen ihr durch den Kopf, Bilder von Freude. Bilder von Schmerz. Bilder von L...
"Das kann nicht sein." stöhnte sie ungläubig und ballte die Hände zu Fäusten. Drake du Kane hatte Asteroths Schloss gefunden, es gab keinen Zweifel an dieser Erkenntnis. Eine Welle von Empfindungen brach über ihr herein die sie nicht verstehen konnte. Energisch verdrängte sie sie aus ihrem Kopf. Nachdenklich fuhr sie sich über ihre linke Wange und erinnerte sich an ihr letztes Gespräch mit Asteroth vor einer Stunde.
Sie hatte ihn abgefangen als er gerade aufbrechen wollte. Er wollte ihr nicht sagen wohin er wollte, es kam zum Streit. Lukryscha wollte in die Pläne Asteroths eingeweiht werden, doch er gab ihr eindeutig zu verstehen dass sie keinerlei Recht hatte irgendetwas von ihm zu verlangen. 'Ich bin für dich nichts weiter als eine Trophäe' hatte sie ihn angeschrieen. 'Ich bin dir völlig egal, du hast mich nur verwandelt um Kane zu quälen und allen zu beweisen wie mächtig du bist. Ich bin nichts anderes als ein Symbol für deine Allmacht. Aber wenn du glaubst du kannst mich einfach in eine Ecke stellen wo mich jeder anstarren kann, dann irrst du dich gewaltig. Wenn ich deine Königin sein soll dann hast du mich dementsprechend zu behandeln' Lukryscha konnte deutlich sehen wie Asteroth drauf und dran war die Geduld zu verlieren, doch sie stachelte ihn weiter an 'Du brauchst mich. Ohne mich ist deine ganze Rebellion nichts Wert, und dass weißt du!' Doch damit war sie zu weit gegangen. Asteroth verlor die Geduld, seine sonst so ruhige und selbstbewusste Fassade fiel und lies dem Tier freien lauf. 'Schweig' brüllte er sie an und ohrfeigte sie so heftig das sie quer durch den Raum flog. 'Du wirst es nie wieder wagen so mit mir zu sprechen. Du tust was ich dir sage, hast du das verstanden? ' Lukryscha sah ihn giftig an, während Blut ihre Wange hinab lief, doch sie gab ihm keine Antwort. Ohne ein weiteres Wort war er wütend aus dem Raum gestürmt. Kurz darauf flog er auf dem Rücken von Valotica davon.
Ihre Wange pochte noch immer, auch wenn die Wunde natürlich schon lange verheilt war. Sie vermutete dass Asteroth unterwegs zu O Kiel war und sich eher seinen elenden Stiefelleckern anvertraute als ihr. Das kränkte sie am meisten. Sie würde herrschen und sich nicht beherrschen lassen. Von niemanden. Und als sie nun Drake du Kane und seinen Schüler Craven sah wie sie über den Schlosshof schlichen kam ihr eine Idee. Ein Plan nahm Gestalt an und sie lächelte ihr diabolisches Lächeln.
5.
Ich hatte mich immer gefragt wie Asteroth wohl leben würde. Oft hatte ich versucht mir seinen Unterschlupf bildlich vorzustellen. Ich kannte ihn besser als er ahnte und so überraschte es mich nicht dass das Schloss ziemlich genau meinen Vorstellungen entsprach. Es war zwar sehr groß jedoch in keinerlei Hinsicht protzig oder dekadent wie es wohl bei Tarim o Kiel der Fall sein würde. Asteroth schien sich auf Zweckmäßigkeit und vor allem auf mystisches und geheimnisvolles Ambiente zu beschränken. Und er wollte jeden der den Ort nicht in und auswendig kannte verwirren. Das ganze Gebilde Bestand im Grunde aus endlos langen Korridoren, verwinkelten und verzweigten Wegen die sich wie ein Labyrinth durch das ganze Schloss zogen. Ich gab es auf mich irgendwie orientieren zu wollen, es war sinnlos hier nach irgendwelchen markanten Stellen Ausschau zu halten. Zwar war das Schloss mit Gemälden, Gobelins, Skulpturen und durchaus edlem Mobiliar verziert, doch hielt Asteroth die ganze Einrichtung in einem monotonen tristen Stil. Ich hatte den Eindruck dass alles gleich aussah. Zum zehnten Mal lief ich an einem Gemälde vorbei das eine düstere Moorlandschaft unter dem Vollmond zeigte oder passierte die Statue eines Gargoyles der mich finster angrinste. Ich kam mir vor wie in einem gigantischen Labyrinth in Form eines Museums das sich auf düstere Kunst beschränkte. So gut ich Asteroth auch kannte, es überraschte mich, dass er sein Heim sosehr dem Klischee des Vampirschlosses entsprach wie man es aus Märchen und Gutenachtgeschichten kannte. Cravens zweifelnde Mine offenbarte mir dass er wohl ähnlich dachte. Ich vermutete dass dies alles Tarnung war, Asteroth offenbarte dass was man von ihm erwarten würde. Doch ich kannte ihn besser. Der labyrinthartige und zweckmäßige Aufbau entsprachen genau seinem Wesen, nicht jedoch dieses düstere Flair, das war nichts weiter als Blendwerk.
Die wenigen Räume die wir bisher gefunden hatten waren allesamt ernüchternd unbedeutend. Große Speisesäle, Salons, Küchen, Waffen- und Rüstkammern, ein Wappen- und ein Jagdzimmer... nichts unterschied dieses Schloss von den hundert anderen in denen ich im Laufe meines Unlebens gejagt hatte, abgesehen von den langen verwinkelten Korridoren.
Außerdem schien dieser Ort kaum bewohnt zu sein. Ich fand zwar genügend Hinweise dass dieser Ort noch benutzt wurde und keineswegs verlassen war, aber uns war bisher noch niemand über den Weg gelaufen. Selbst wenn man die Größe des Schlosses bedachte, hätte ich schon längst die Präsenz von einem Vampir spüren müssen.
"Mir gefällt das hier überhaupt nicht." flüsterte Craven hinter mir. "Es ist hier viel zu ruhig. Glaubst du man weiß das wir hier sind?"
Ich schüttelte den Kopf. "Wozu dieses Versteckspiel? Wenn Asteroth tatsächlich wüsste das wir hier sind, wären wir längst tot oder gefangen."
"Aber wo sind sie dann alle? Ich komme mir vor wie in einer Gruft."
"Vermutlich liegst du damit gar nicht so falsch. Aber ich kann dich beruhigen. Asteroth ist nicht hier."
"Wie meinst du dass?" Craven sah mich fragend an.
"Zuerst war es nur eine Vermutung, aber als wir das Schloss betraten war ich mir sicher. Er ist nicht hier. Vertrau mir, ich spüre so etwas. Wir sind vom selben Blut. Jeden Vampir verbindet so etwas wie ein unsichtbares Band mit seinem Schöpfer oder seinen Kindern."
"Aber er war hier?"
Ich nickte. "Ja, da bin ich mir ganz sicher. Dieser Ort trägt seine Handschrift. Es sind nur Kleinigkeiten, doch zusammen sprechen sie eine eindeutige Sprache. Ich kann dir das nicht erklären, du musst mir einfach glauben."
Craven zögerte und sah sich unschlüssig um. "Drake du weißt das ich stets auf deine Intuition und dein Wissen vertraut habe, aber im Moment befindest du dich in einer emotionalen Lage wo du möglicherweise selbst nicht mehr auf deine Gefühle vertrauen kannst."
Ich musste Lächeln. "Ich kann verstehen dass du skeptisch bist aber ich habe dir ja gesagt dass du außen warten sollst."
"Und ich habe gesagt dass ich dich nicht allein lasse. Ich meine ja nur dass du sosehr von dem Gedanken besessen bist hier Antworten zu finden dass du dir vielleicht etwas vormachst. Was wenn sich die C'ael Rohen getäuscht haben? Vielleicht war dies hier ja auch wirklich mal Asteroths Unterschlupf aber er hat ihn längst aufgegeben."
"Vielleicht, " gestand ich ein, "vielleicht aber auch nicht. Und deshalb werde ich kein Risiko eingehen. Noch ist es nicht zu spät um umzukehren Craven."
Der Ritter lachte leise und sah sich hilflos um. "Alleine finde ich hier nie raus. Du hast mich in diese Lage gebracht, jetzt wirst du mich aushalten müssen."
Ich nickte stumm und wir setzten unseren Weg ins Innere von Asteroths Schloss fort.
Lukryscha versteckte sich im Schutz der Dunkelheit und spähte die Empore hinunter auf den Marmorsaal durch den gerade die beiden Eindringlinge schritten. Ein bösartiges Grinsen stahl sich auf ihr Gesicht während sie die beiden betrachtete. Es war ein leichtes für sie dafür Sorge zu tragen dass die beiden ihren Weg ungehindert fortsetzen konnten. Tatsächlich gab es in Asteroths Schloss nur sehr wenige Diener. Dem Erzvampir waren seine Hallen heilig und er wollte so wenig Augen wie möglich in seinen Räumlichkeiten wissen. Es gab kaum Wachen da ohnehin kaum jemand wusste wo sich dass Schloss befand. Bis letzte Nacht, als Asteroth beschlossen hatte sich nicht länger verstecken zu müssen, kannten nur etwa zwei Duzend Vampire und kein Sterblicher seine Heimstatt. Und nun spielte es nach Asteroths Auffassung ohnehin keine Rolle mehr. Nun stand er über allen anderen und keiner würde es wagen sein Schloss zu betreten. Lukryscha schüttelte amüsiert den Kopf. Wenn er wüsste das gerade sein Erzfeind durch sein Reich schritt. Der Rausch des Triumphes hatte ihn offensichtlich so sehr verblendet dass er diese Möglichkeit nicht einmal in Betracht gezogen hatte, obwohl Lukryscha selbst ihn mehrmals darauf hingewiesen hatte. Und es gab niemanden der mehr von den Denkweisen und dem Verhalten von Drake du Kane wusste als sie. Doch Asteroth hatte sie ignoriert und belächelt. Es erfüllte Lukryscha mit einer tiefen inneren Befriedigung zu sehen wie der Jäger und sein Lakai durch seine Räume schritten, doch eines fehlte noch um ihren Triumph zu perfektionieren.
Lautlos schlich Lukryscha davon. Ihr Ziel waren Asteroths private Gemächer. Sein Allerheiligstes. Außer ihm durfte es niemand betreten, nicht einmal diese beiden Bastarde Barlow und Straker. Lukryscha verzog angewidert das Gesicht. Sie hasste diese beiden Blutsauger. Sie wusste nicht genau was es war, eine tiefe unterbewusste Antipathie gegen die beiden. Möglicherweise ein Ereignis aus ihrem früheren Leben. Im Gegensatz zu all den anderen Vampiren in Asteroths Reich glaubte sie denn beiden früher schon einmal begegnet zu sein, als sie noch schwach und zerbrechlich war. Nun würde sie sich vor den beiden nicht mehr fürchten müssen.
Lukryscha besann sich wieder auf ihr eigentliches Vorhaben. Asteroth war davon überzeugt das niemand in seine privaten Räume eindringen konnte. Lukryscha musste zugeben das die magischen Siegel und Schutzzauber ausgeklügelt und hinterhältig waren, die Fallen sogar für Vampire absolut tödlich. Doch sie wusste mehr als Asteroth ahnte. Wenn er dachte dass sie die letzten Wochen nur brav in ihrem Zimmer gesessen hatte, bis er sie ab und zu seinen Untertanen vorführte, dann erlag er einem gewaltigen Irrtum. Asteroth suhlte sich die letzten Wochen so sehr in seinem Siegestaumel das er nicht einmal bemerkte wie sie Bücher aus seinen Bibliotheken stahl und sich Stück für Stück sein Wissen aneignete. Ein Sterblicher hätte mehrere Jahre benötigt, doch ihr reichten die paar Wochen um seine Vorkehrungen zu umgehen die seine Räume schützten. Er hätte sie lieber nicht unterschätzen sollen, immerhin hatte er sie erschaffen und damit zu einem der mächtigsten Vampire gemacht die diese Welt bevölkerten - vielleicht sogar der Mächtigste nach den Erzvampiren. Lukryscha war davon fest überzeugt. Und deshalb würde sie sich nicht kontrollieren lassen, von niemandem!
Als Lukryscha die vier Wachen vor Asteroths Gemächern (einige der wenigen die er dann doch für sinnvoll hielt) erblickte musste sie grinsen. Sie gehörten zu seinen besten Soldaten, aber das würde ihnen nichts nutzen. Lässig trat sie auf die vier zu. Gerade wollte der erste das Wort an sie richten und sie höflich aber bestimmt bitten wieder zu gehen, da war es schon zu spät. Lukryscha nutzte den Überraschungseffekt und schleuderte ihnen schneller als ihre Sinne es realisiert hatten eine Phiole entgegen. Als das Glas zersprang und sich das Weihwasser über die Wachen ergoss war Lukryscha bereits verschwunden. Genüsslich sah sie den Vampiren bei ihrem Todeskampf zu bis von den Wachen nur noch Staub übrig war. Das Weihwasser hatte sie bei ihrer alten Ausrüstung gefunden die Asteroth vor ihr versteckt hatte. Sie wusste dass es ihr eines Tages noch nützlich sein würde.
Schnell verwischte sie alle Spuren und begann dann damit Asteroths magische Siegel zu knacken. Immer wieder musste sie an Asteroths Gesicht denken wenn er zurückkam. Endlich konnte sie sich für die Demütigung rächen. Lukryscha begann zu lachen.
Straker drehte sich ruckartig herum und lauschte. Er blickte Barlow an, der unweit von ihm auf einem Balkon stand und in die Nacht hinausstarrte.
"Hast du etwas gehört?" fragte dieser ohne sich umzudrehen, weiter in die Nacht blickend.
"Ich bin mir nicht sicher." murmelte Straker und konzentrierte sich. "Irgendetwas stimmt hier nicht."
"Bist du sicher?"
"Nur so ein Gefühl, aber es wird stärker. Wir sollten nachsehen."
Barlow drehte sich um und lächelte. "Worauf warten wir dann noch, Bruder?"
6.
Es erschien mir als wären wir nun schon ewig in diesem verfluchten Schloss umhergeirrt. Zeit schien hier ihre Bedeutung zu verlieren, tatsächlich fiel es mir schwer auch nur zu schätzen wie lange wir nun schon tatsächlich in diesen Mauern waren. Endlose Räume kreuzten unseren Weg, mich überkam das Gefühl dieser Ort nahm überhaupt kein Ende mehr.
Doch dann spürte ich etwas. Wie ein Schauer. Es war ein ähnliches Gefühl wie damals als ich das erste Mal die schwarzen Zwillinge erblickte. Und sie merkten es auch. Mit einemmal überfluteten sie meinen Geist mit ihrer Präsenz und ich konnte sie kaum im Zaum halten. Was immer dort vorne auf uns wartete, die Klingen wollten mit aller Kraft dorthin und ich wusste dass ich sie nicht davon abhalten konnte. Ich beschleunigte meine Schritte.
"Was ist denn los? Hast du etwas gehört?" fragte mich Craven erschrocken.
"Nein, aber dort vorne ist etwas. Etwas Wichtiges."
"Was? Woher weißt du das? Was ist es denn?"
Doch ich antwortete ihm nicht sondern wurde noch schneller. Wir rannten nun beinahe durch die Gänge. Ich ließ alle Vorsicht fallen, wenn sich jemand hier befand würde er uns hören. Doch dies war mir einerlei. Tatsächlich hatten wir auf unserem ganzen Weg insgesamt nur fünf Wachen entdeckt die alle auf eine seltsame Art und Weise benommen wirkten. Es war ein leichtes sie außer Gefecht zu setzen, fast als hätte sie jemand betäubt oder bezaubert. Das war natürlich Unsinn, aber die Unsicherheit blieb. Es war zu einfach.
Doch jene Zweifel verloren schlagartig an Bedeutung. Im Moment wollte ich nur wissen was eine solche Anziehung auf mich und die Dämonen in meinen Klingen ausübte. Und so rannte ich durch die Gänge, Craven dicht hinter mir, bis ich jäh zum Stillstand kam...
Ich stand vor einer wuchtigen reich erzierten Eichenholztür. Vorsichtig strichen meinen zitternden Finger über das Holz. Asteroths Gemächer. Ich war sprachlos. Es gab keinen Zweifel, ich stand vor seinen Privaträumen auch wenn ich nicht sagen konnte woher ich das wusste. Die Tür war nicht verschlossen, mit einem lauten Knarren schwang sie auf und mir bot sich der Blick eines edel eingerichteten Salons.
Craven hinter mir wurde unruhig. "Das ist eine Falle, das muss dir klar sein." Unruhig sah er sich um. "Wenn dort etwas Wichtiges drin ist wird Asteroth wohl kaum die Tür offen und unbewacht zurücklassen. Das ist ein Trick."
Langsam drehte ich mich zu ihm um und sah ihn an. "Ich weiß. Aber es ist zu spät um noch umzukehren. Ich kam hierher um Antworten zu finden. Wenn es sie gibt, dann hinter dieser Tür. Mir bleibt keine Wahl."
Craven schüttelte den Kopf. "Du bist verrückt Drake. Willst du dass er beendet was er beim letzten Mal nicht getan hat?"
"Asteroth will mich nicht töten, dazu hatte er längst Gelegenheit. Nein, er will mich leiden sehen."
Craven wirkte nicht überzeugt. "Es wäre dir wohl lieber gewesen er hätte es zu ende gebracht." sagte er wütend.
"Ja vielleicht, " knurrte ich ihn ebenso wütend an, "aber bis dahin werde ich tun was ich tun muss. Willst du nun mit oder nicht?"
"Du weißt dass ich dich nicht allein gehen lasse."
Ohne ein weiteres Wort trat ich in die Gemächer ein. Der Geruch von altem Pergament, verbrannten Kerzen und alter Erde lag in der Luft. Der Salon war edel aber nichts Besonderes, Asteroth gehörte nicht zu der Sorte Vampir denen Luxus viel bedeutete. Es gehörte eben dazu, mehr aber auch nicht.
Ich vergeudete keine Zeit und begann seine Räumlichkeiten zu durchsuchen. Neben dem Salon gab es ein kleines Arbeitszimmer und einen Balkon. Kein Schlafzimmer, Asteroths Sarg, sofern er überhaupt einen besaß, war nicht hier. Auch die Ausbeute im Arbeitszimmer war enttäuschend gering. Ich hatte seine Gemächer wohl überschätzt.
"Drake, sieh mal da." Craven deutete auf ein schweres Stahlschot das sich hinter einem Bücherregal befand. Ich nickte Craven anerkennend zu. Für einen einfachen Kämpfer nicht übel, aber ich hatte ihn auch lange genug trainiert um auf solche Dinge zu achten.
"Vielleicht bekommen wir sie gemeinsam auf." schlug Craven vor. Ich bezweifelte es stark, aber es kam auf einen Versuch an. Gemeinsam traten wir vor das Stahlschott und begannen dran zu ziehen als es sich wie von selbst öffnete und aufschwang. Wir sahen uns nachdenklich an. Craven schüttelte den Kopf.
Ich ignorierte ihn und durchschritt dass Schott.
Ich fand mich in einem riesigen abgedunkelten Saal wieder. Lediglich einige wenige Kerzen spendeten gerade genug Licht um vage Konturen zu erkennen. Die Wände waren mit Fresken, Reliefs und seltsamen Runen versehen. Ich konnte mich nicht daran entsinnen schon einmal so etwas gesehen zu haben. Gewaltige Bücherregale füllten einen Großteil des Raumes aus. Es waren hunderte, vielleicht tausende. Verglichen hierzu wirkte Sorlags Bibliothek geradezu lächerlich. Hinter mir schritt Craven staunend durch den Raum. Seine Finger strichen ehrfürchtig über die Buchrücken. Kein Staub. Vorsichtig schlossen sich seine Finger um eines der Bücher und er zog es langsam heraus.
Ein Kribbeln im Nacken ließ mich herumfahren. Ich wollte Craven noch einen Warnung zurufen doch er hatte das Buch bereits geöffnet dass im selben Moment in seinen Händen Feuer fing. Eine gewaltige Stichflamme schoss aus dem geöffneten Buch und Craven hatte es nur seinen geschulten Instinkten zu verdanken dass er es gerade noch rechtzeitig wegwarf bevor das Feuer sein Gesicht und seinen Körper entzündet hätte. Von dem Buch war schon nichts weiter als Asche übrig.
"Craven, alles in Ordnung?" fragte ich während ich zu ihm eilte. Craven betrachtete seine Hände und Arme. Seine Kleidung war dort verbrannt, die Haut darunter stark gerötet. Es bildeten sich bereist Brandblasen.
"Das sieht nicht gut aus." sagte ich zu ihm, doch erschüttelte trotzig den Kopf. "Ich komm schon klar. Sieh du dich weiter um, ich kann schon alleine auf mich aufpassen."
Ich sah ihn noch einen Moment unschlüssig an, beschloss aber es dabei bewenden zu lassen. Wenn sich Craven was in den Kopf gesetzt hatte könnte man genauso gut mit einer Wand diskutieren. Eine Eigenschaft die er mit Myra teilte...
Wie ein Stich in mein untotes Herz kehrten meine Gedanken zu ihr zurück. Bewegungsunfähig verharrte ich zwischen den Bücherregalen und schloss gepeinigt die Augen bis der Gefühlsausbruch vorüber war. Ich durfte diese Schwäche nicht zulassen, ich hatte einen Auftrag. Ich erinnerte mich an die Meditationen die mir Sen Lar beigebracht hatte und konzentrierte mich. Als mein Bewusstsein sich von meinem Körper getrennt hatte fühlte ich wie der Schmerz langsam wich. Schließlich öffnete ich die Augen. Eine Hand auf meiner Schulter ließ mich zusammenzucken.
"Alles klar bei dir." fragte mich Craven mit besorgter Mine.
"Ja." antworte ich knapp und drehte mich zu ihm um. Er hatte seine Arme fachmännisch verbunden wie ich es ihm beigebracht hatte. Es würde verheilen, aber es musste höllisch wehtun. Doch Craven kannte keinen Schmerz.
"Suchen wir weiter. Aber halt dich von den Büchern fern." Craven nickte stumm und wir setzen unsere Erkundung fort. Neben den Bücherregalen fanden wir ein sehr großes weiteres Stahlschott. Es war uns jedoch nicht möglich es zu öffnen, so sehr wir es auch versuchten. Doch meine Aufmerksamkeit wurde in diesem Moment ohnehin von etwas anderem in Anspruch genommen. Die Schwarzen Zwillinge brüllten nun regelrecht auf vor Eifer. Dort in der Ecke war etwas. Langsam schritt ich darauf zu.
Dort standen drei Glasvitrinen auf etwa einen Meter hohen Sockeln. Die erste Vitrine war leer, bis auf zwei Halterungen. Es sah aus als wären sie für zwei gleichgroße Schwerter gedacht.
'Wolltest du hier meine Klingen bewundern Asteroth?' dachte ich belustigt. Ich hatte keinen Zweifel daran dass dieser Platz für Fortigan und Korosan gedacht war. Und nun hatte ich sie ihm gebracht. Doch er würde sie nicht bekommen. Das Begehr der beiden Schwerter jedoch schien sich in der zweiten Vitrine zu befinden von der ein pulsierendes tiefrotes Glühen ausging. Der Ursprung des Glühens war ein etwa kirschgroßer Stein, der auf einem Samtkissen gebettet unter dem Glas ruhte. Seine Oberfläche war völlig ebenmäßig und glatt, er schien vollkommen zu sein. Etwas war in diesem Stein, ich konnte eine Stimme hören. Leise und weit entfernt aber präsent. Das gleiche Gefühl wie bei den Schwarzen Zwillingen überkam mich, wenn auch ungleich schwächer.
Ich wusste das Asteroth diese Vitrinen mit seinen stärksten Schutzzaubern belegt haben würde, doch ich wusste ebenso dass ihm das nichts nützen würde. Denn die Magie der Schwerter war selbst der Magie eines Erzvampirs überlegen. So wie einst Sorlag hatte wohl auch Asteroth diese Magie unterschätzt. Und so wie die Klingen einst den Zauberbann von Sorlag gebrochen hatten, so würden sie nun auch dieses Siegel brechen. Intuitiv legte ich die Klingen an das Glas. Ein schwarzes bedrohliches Leuchten entsprang den beiden Schwertern und das Glas zerbarst. Während die Scherben noch zu Boden fielen hatte ich meine Hand bereits nach dem Stein ausgestreckt und ihn an mich genommen. Ich hielt ihn an die Klingen und fühlte sofort ihre tiefe Verbundenheit. Sie wollten sich vereinigen doch konnten sie diese Symbiose noch nicht eingehen. Es fehlte ihnen etwas. Ich erinnerte mich wieder an die Worte des Orakels: Die Klingen, der Stein und die Kraft die verbindet. Finde alle drei!
Ich fragte mich einmal mehr was das Orakel noch alles über mich wusste. Schmerzhaft erinnerte ich mich an ihre Worte über Myra.
Achte darauf dass sie nicht dein Fein wird hatte das Orakel gesagt und ich hatte es nicht verhindert. Dieses verfluchte Ding hatte es gewusst, schon damals. Ich wünschte ich...
"DRAKE!" rief Craven aufgeregt und riss mich zurück in die Wirklichkeit. Er stand vor der dritten Vitrine und sah voller Unglauben auf das Buch das darin verschlossen lag.
"Ist es dass was ich glaube?" flüsterte Craven.
Ich sah in die Vitrine und konnte im ersten Moment nicht glauben was ich dort liegen sah. Meine Augen mussten mir einen Streich spielen. Dort vor mir lag das Necornomicon, jenes heilige Buch welches das komplette Wissen der Vampire enthielt. Es wurde den C'ael Rohen vor langer Zeit von der Gilde geraubt und galt seitdem als verschollen. Aber wie kam es hierher? Hatte es Asteroth tatsächlich gewagt der Gilde ihr Allerheiligstes zu stehlen? Zitternd legte ich meine Finger auf die Vitrine. Ein Energieschlag durchdrang meinen Körper, so stark dass ich in die Knie brach. Dieser Schutz war anders, mächtiger. Vielleicht hatte ich Asteroth unterschätzt. Dieses Buch hatte nichts mit den Zwillingen zu tun. Und die Zwillinge interessierten sich auch nicht dafür, sie hatten was sie wollten. Sie würde mir nicht helfen diesen Bann zu durchbrechen. Ich musste mir etwas anderes einfallen lassen.
"Drake, wir müssen verschwinden. Ich weiß nicht warum aber wir wurden entdeckt. Ich kann es fühlen, jemand kommt. Eine sehr starke Präsenz."
Ich stand auf. Meine Gedanken kreisten nur um dieses Buch. Ich wünschte Sen Lar wäre in diesem Moment bei mir gewesen. Was er wohl zu dieser Entdeckung gesagt hätte? Doch der drängende Unterton in Cravens Stimme zerstreute meine Gedanken.
"Ja. Ich fühle es auch. Es sind zwei, deshalb ist die Präsenz so stark." antwortete ich leise. Oh ja, es waren zwei. Ich wusste wer da auf uns zukam. Ich kannte diese beiden Wesen. Und ich hatte noch eine Rechnung zu begleichen. Ich warf einen letzten sehnsüchtigen Blick auf das Buch, doch ich wusste dass ich es nicht an mich nehmen konnte. Der magische Schutz war zu stark und unsere Zeit zu knapp. Mit gezogenen Waffen rannten wir aus Asteroths Gemächern.
Der Rückweg würde nicht so einfach werden.
Lukryscha bemerkte Barlow und Straker als sie durch das Schloss eilten. Sie würden jeden Moment auf die beiden Eindringlinge treffen, die sich gerade aus Asteroths Gemächern zurückzogen.
Lukryscha grinste. Der Kampf zwischen ihnen würde bestimmt äußerst unterhaltsam werden.
7.
Unsere Schritte hallten durch die gewaltigen Gänge von Asteroths Schloss. Ohne uns umzusehen rannten wir durch dieses Labyrinth ohne zu Wissen ob wir dem richtigen Weg folgten oder uns in einer Sackgasse wieder finden würden. Uns blieb nur der Weg nach vorne, wir hatten keine Zeit zu wählen.
Doch im Grunde wusste ich dass es keinen Unterschied machen würde. Wir würden es nicht mehr rechtzeitig schaffen. Die beiden Vampire hatten bereits die Jagd aufgenommen und sie würden uns nicht kampflos gehen lassen. Grimmige Zufriedenheit erfüllte mich bei diesem Gedanken. So sollte es sein, ich hatte nicht vor zu fliehen. Ich würde Rache nehmen oder bei dem Versuch untergehen. Heute war der Tag der Abrechnung.
Ich spürte ihre Anwesenheit bereits bevor ich sie sah. Wir erreichten eine gewaltige Marmorhalle. Überall prangten Gemälde an den Wänden die Asteroth selbst in all seiner Herrlichkeit portraitierten. Ritterrüstungen die Hellebarden, Streitäxte und gewaltige Zweihänder hielten schmückten die Halle. Ein gewaltiger goldener Kornleuchter hing an der Decke und ein Meer aus brennenden Schwarzen Kerzen verlieh dem Raum sein erhabenes Ambiente. Ein seltener Anblick indem sonst so schlicht eingerichteten Gemäuer. Ich bezweifelte das dies ein Zufall war. Der Kampf sollte hier vor den Augen des Schlossherrn stattfinden, auch wenn es nur sein Portrait war. Die Zwillingsvampire warteten bewusst hier auf uns, sie hatten schon damals als ich sie zum ersten Mal sah eine Schwäche für große Auftritte.
Ich realisierte eine Bewegung links neben mir und verharrte. Auch Craven kam zum Stillstand. Ich erblickte eine gewaltige leicht gewundene Treppe die zu einer Empore führte. Roter Teppich war über die Stufen ausgebreitet. Und dort stand Barlow auf der obersten Treppenstufe und sah mich mit vor der Brust verschränkten Armen an. Ich glaubte Überraschung in seinen Zügen zu erkennen.
"Drake du Kane." intonierte er grinsend und breitete seine Arme aus. "Ich hätte nicht damit gerechnet dich hier anzutreffen. Ich hätte dich nicht für so dumm gehalten."
"Barlow, das treue Schoßhündchen von Asteroth." sagte ich verächtlich und sah mich um. "Wo ist dein schleimiger Bruder, ich weiß dass ihr zwei euch niemals trennt."
"Näher als du denkst Jäger." lachte Strakers unverwechselbare Stimme über mir. Dort auf der Empore stand das Spiegelbild von Barlow. Es war in der Tat unmöglich die beiden auseinander zuhalten. "Und wie ich sehe hast du mir wieder ein neues Spielzeug mitgebracht." Gierig fielen seine Blicke auf Craven. "Ich hoffe dass ich mit ihm ebenso viel Spaß haben werde wie einst mit deiner kleinen Freundin."
Bei der Erwähnung von Myra verkrampften sich meine Finger unwillkürlich um die Schwertgriffe von Fortigan und Korosan, meine Augen verzogen sich zu schmalen Schlitzen.
"Ach ja", wandte sich Barlow an mich, "es muss hart für dich sein zu Wissen dass sie nun eine von uns ist. Und wie sehr sie Asteroth bewundert und ihn umgarnt." Barlow grinste mich sadistisch an doch es gelang mir ruhig zu bleiben. Unter all dem Gehabe hörte ich eine Unsicherheit in Barlows Stimme. Er schien sich seiner Worte nicht so sicher zu sein wie er mir glauben machen wollte. Ich wusste nicht was dass zu bedeuten hatte doch ich schöpfte daraus neue Hoffnung. Vielleicht war noch nicht alles verloren.
"Was soll diese Farce? Was wollt ihr von uns?" platzte es aus Craven heraus.
"Dein Begleiter ist ungeduldig Kane. Nicht sehr höflich, findest du nicht?" fragte mich Barlow und kam langsam die Stufen zu mir herabgestiegen.
"Vielleicht sollte er dir zeigen wie höflich er mit seiner Axt umzugehen versteht." antwortete ich unbekümmert.
"Du hast dich nicht verändert Kane. Doch ich Frage mich was dich nur dazu getrieben hat ausgerechnet hierher zu kommen. Du weißt dass du dieses Schloss nicht mehr verlassen wirst. Asteroth hat dich verschont und du wagst es seine heiligen Wände mit deiner Anwesenheit zu schänden. Du musst verrückt sein. Oder hat dich der sinnlose Versuch deine Geliebte zu sehen zu dieser selbstmörderischen Tat getrieben?"
Ich antwortete nicht.
Barlows Augen weiteten sich und ein vergnügter Ausdruck schlich sich auf seine Züge. "So ist dass. Der große Jäger hält es ohne sie nicht mehr aus. Oh wie ich diesen Anblick genieße. Drake du Kane, vor dem allen Vampire zittern, stürzt sich wie ein liebeskranker Thor in sein eigenes Verderben und zieht seinen Schülern mit in den Untergang. Fast schon tust du mir Leid, Wurm." Barlow hatte den Fuß der Treppe erreicht. Seine Züge wurden wieder ernst.
"Nun endlich werde ich mich für die Schmach rächen die du mir in der Dämonenfestung bereitet hast. Ich werde dich Asteroth als Geschenk machen und mir damit den Platz des Ersten Ritters sichern."
Barlow vollzog eine schnelle Handbewegung und von einer der Ritterrüstungen löste sich mit einem Ruck das wuchtige Zweihandschwert, welches die Rüstung umklammert hatte und fand sich in Barlows Händen wieder. Aus den Augenwinkeln sah ich Straker mit einem gewaltigen Satz von der Empore springen. Er wandte sich zu einer anderen Ritterrüstung und entriss ihr mit einem Ruck die Hellebarde die sie hielt. Von der Blutgier getrieben schritt er lauernd auf Craven zu, der in Kampfstellung ging.
Barlow kam auf mich zu. "Nun gehörst du mir." flüsterte der Vampir. Ich hob die Schwerter. Der Kampf hatte begonnen.
Straker stürmte auf Craven zu und schwang die gewaltige Hellebarde als wäre sie aus Luft. Craven hatte Schwierigkeiten den schnellen Angriffen seines Kontrahenten zu parieren. Er schaffte es immer gerade noch Rutex schnell genug in die Höhe zu reißen bevor sich das gewaltige Blatt der Hellebarde in seinen Leib bohrte. Er hatte kaum Zeit selbst in die Offensive zu gehen und wurde von Straker immer weiter nach hinten gedrängt. Schon nach wenigen Schlägen spürte Craven Taubheit in den Armen. Seine Hände schmerzten von der Verbrennung durch das Buch. Er versuchte den Schmerz zu ignorieren. Dieser Gegner war mit keinem zu vergleichen gegen die er bisher gekämpft hatte. Wütend packte er seine Axt fester. Keine Schwäche vor dem Gegner zeigen. Er würde Torschas Antlitz nicht durch eine Niederlage beleidigen. Er hatte bisher noch jeden Kampf gewonnen.
Schnell sprang er beiseite als Straker ausholte. Mit einem metallischen Kreischen bohrte sich die Hellebarde in den Marmorboden. Craven sah seine Chance und ging in den Angriff über. Doch Straker war zu schnell. Er ließ den Griff der Hellebarde los und sprang beiseite, wich den Angriffen von Craven mühelos aus.
"Gib auf sterblicher Wurm. Du kannst mich nicht besiegen." verspottete ihn der Vampir und tänzelte um Craven herum. Craven sah wie Straker einige schnelle Bewegungen vollführte und bemerkte wie sich die Waffen in den Rüstungen um ihn herum zu regen begannen. Lautlos lösten sich drei gewaltige Schwerter aus den eisernen Griffen der Rüstungen und flogen gleich tödlichen Geschossen auf den Hünen zu. In letzter Sekunde warf sich Craven zu Boden, der Zweihänder piff über ihn hinweg und prallte scheppernd gegen die Wand. Aus den Augenwinkeln erkannte er den zweiten und rollte sich aus dem Gefahrenbereich. Ein flammender Schmerz im rechten Bein zuckte durchfuhr ihn, er war zu langsam gewesen, das Schwert hatte ihm eine tiefe Schnittwunde beigefügt. Den Schmerz ignorierend sah er das letzte Schwert genau auf sein Gesicht fliegen. Mit einem wütenden Aufschrei schwang er Rutex und schlug damit den Zweihänder beiseite.
"Gar nicht schlecht für einen Menschen. Du überrascht mich Ritter." sagte Straker der mittlerweile eine der Streitäxte in den Händen hielt und kam auf ihn zu. Craven biss die Zähne zusammen und erhob sich, Rutex in Angriffstellung.
Wieder vollführten die schwarzen Zwillinge ihr tödliches Spiel in meinen Händen. Ihre Bewegungen, die einem mystischen Tanz glichen, waren mir in den Jahrzehnten so in Fleisch und Blut übergegangen das ich kaum noch denken musste. Die Handhabung lief intuitiv ab und angefacht von ihrer Begeisterung über den roten Stein waren sie heute stärker als sonst. Dennoch gelang es mir nicht Barlows Deckung zu durchbrechen, auch wenn er sichtlich überrascht von der Kraft der Klingen war.
"Deine Dämonenschwerter werden dich nicht retten können Kane." knurrte Barlow und deckte mich mit einer schnellen Folge von kraftvollen Angriffen ein. Geschickt wich ich seinen Angriffen aus, des war jedoch kein leichtes Unterfangen. Es fiel mir schwer mich völlig in den Kampf zu verlieren wie ich es sonst tat. Etwas störte meine Konzentration. Ich wusste das Sie irgendwo hier in diesem Schloss war, ich war mir sicher. Ich wusste das ich sie nicht finden würde, doch allein zu Wissen dass sie irgendwo hier war machte mich verrückt. Doch ich durfte mich nicht davon ablenken lassen, sonst hatte Barlow leichtes Spiel. Wieder ging ich in den Angriff und drängte Barlow mit einigen schnellen Attackefolgen, Finten und Ausfällen zurück. Barlow zog sich etwas zurück und schloss kurz die Augen. Ich bemerkte wie sich die drei Ritterrüstungen um uns plötzlich zu bewegen begannen. Barlow hatte sie mit unheiligem Eigenleben versehen und nun griffen sie mich an.
Die erste Rüstung die mich erreichte holte mit einer gewaltigen Axt aus um mir den Schädel zu spalten, doch die Rüstung war langsam und ungeschickt. Ich wich ihr problemlos aus und deckte sie meinerseits mit Hieben ein. In sekundenschnelle schlug ihr Fortigan die beiden Arme ab während Korosan das gleiche mit den Beinen tat. Scheppernd flogen die Gliedmaßen auf die blank polierten Marmorplatten und der Torso fiel zu Boden. Ich einem schwungvollen Rundumschlag löste Fortigan der Rüstung den Kopf ab während sich Korosan bereits der zweiten Rüstung zuwandte und ihren Hieb mit dem Zweihänder parierte. Die Wucht des Schlages überraschte mich und ich fühlte ein taubes Gefühl in meinem Arm. Von rechts kam die dritte Rüstung und versuchte mir ihre Hellebarde in den Bauch zu rammen. Schnell rollte ich mich aus dem Gefahrenbereich und kam sicher hinter dem Rücken der Rüstung auf die Beine. Bevor sich die Rüstung zu mir umwenden konnte hatte sie bereits ihren Kopf verloren, doch das störte die Rüstung offenbar nicht. Kopflos kam sie auf mich zu und holte erneut mit der Hellebarde aus. Ich überkreuzte meine Klingen und klemmte so das Axtblatt dazuwischen ein. Mit aller Kraft zog ich an und entwaffnete die Rüstung indem ich ihr gleich den ganzen Arm aus dem Gelenk riss. Mit wenigen schnellen Hieben schickte ich auch diese Rüstung zu Boden und wandte mich der dritten zu. Gerade noch rechtzeitig, denn diese holte gerade mit ihrem Zweihänder aus um mir den Schädel zu spalten. Elegant sprang ich nach hinten und zog Korosan waagerecht durch den stählernen Leib des Angreifers. Unbekümmert stapfte die Rüstung weiter auf mich zu, doch ihre langsamen Angriffe waren keine Herausforderung. Es kostete mich nur wenige Hiebe mit Fortigan und Korosan um sie zu ihren beiden Vorgängern zu schicken.
Doch kaum waren die drei Rüstungen beseitigt, explodierte neben mir der Fußboden. Marmorsplitter flogen mir um die Ohren und neben mir klaffte ein rauchendes Loch im Boden.
"Nicht schlecht Jäger. Aber ich bin noch nicht mit dir fertig." ertönte Barlows Stimme hinter mir, der den ganzen Kampf nur stumm zugesehen hatte. Ich drehte mich zu ihm um und sah gerade noch wie er den nächsten Zauber nach mir warf. Schnell hechtete ich hinter eine Säule die im nächsten Moment, von der astralen Energiekugel getroffen, zerbarst. Ich schüttelte mir die Trümmer aus den Haaren und suchte Barlow. Er stand immer noch unverändert am Fuße der Treppe und bereitete schon neue Zauber vor.
Craven und Straker belauerten sich gegenseitig. Straker grinste seinen Kontrahenten mit erhobener Streitaxt entgegen, unternahm jedoch keinerlei Angriffsversuche. Craven konnte sich nicht länger im Zaum halten. Mit einem wütenden Schrei stürmte er auf den Vampir zu. Doch er war zu langsam, Straker war bereits verschwunden. Craven sah sich fragend um, als hinter ihm Strakers Stimme ertönte: "Du bist zu langsam Sterblicher."
Gehetzt fuhr Craven herum und erblickte seinen Gegner drei Meter hinter sich. Craven ließ die Rutex sinken. "Bist du so Feige das du auf magische Spielereien zurückgreifen musst? Hast du Angst vor einem fairen Zweikampf?" fragte er den Vampir erzürnt.
Straker begann zu lachen. "Ritter und ihr Ehrenkodex. Wieso sollte ich mich darauf einlassen, ihr sterblichen Menschenwürmer seit es nicht wert. Meine Macht wird dich zerschmettern." Mit diesen Worten fühlte Craven wie er emporgehoben und durch den Raum geschleudert wurde. Hart prallte er gegen eine der Marmorsäulen und ging zu Boden. Ächzend kam er wieder auf die Beine.
Craven registrierte eine Bewegung hinter sich, doch da war es bereits zu spät. Straker war hinter ihm. Er sah gerade noch die Streitaxt und versuchte dieser auszuweichen, doch Straker zwar einfach zu schnell. Zwar streifte das Axtblatt nur Cravens Rücken, doch der sengende Schmerz der ihn durchfuhr nahm ihm schier den Atem. Er spürte warmes Blut unter seiner Rüstung die ihn vor diesem Schlag nicht bewahren konnte. Craven wollte sich seinem Gegner zuwenden, doch Straker hatte schon erneut ausgeholt und schmetterte den Axtstiel gegen Cravens Hinterkopf. Stöhnend ging der Hüne zu Boden, noch mehr Blut lief ihm übers Gesicht. Craven kämpfte gegen die drohende Ohnmacht an, während Straker über ihm thronte und seine sichere Beute betrachtete. "Das Blut eines C'ael Rohen." flüsterte er gierig.
8.
Ich merkte das Craven in Schwierigkeiten war, doch Barlow ließ mir keine Gelegenheit ihm zu Hilfe zu eilen. Er war stärker als damals, als ich ihm das erste Mal begegnete, viel stärker. Asteroths Einfluss war unverkennbar. Erneut versuchte ich mit einer komplizierten Kombination von Angriffen seine Deckung zu durchbrechen, doch er war selbst für mich und die schwarzen Zwillinge zu schnell. Er schaffte es sich so schnell zu bewegen dass meine Augen seinen Bewegungen kaum zu folgen vermochten. Gerade als ich erneut versuchte ihm Fortigan quer über die Brust zu ziehen und gleichzeitig mit Korosan einen Bogen beschrieb um ihm den rechten Arm abzutrennen, verschwand er vor meinen Augen und materialisierte sich gut fünf Meter von mir entfernt. Er hob die Hände gen Himmel und vollführte eine komplizierte Bewegung und plötzlich spürte ich die magische Energie die sich um mich herum zusammenballte. Im letzten Moment sprang ich beiseite als hinter mir ein magischer Blitz in den Marmorboden einschlug. Gleißend helles Licht, ein gewaltiger Donner und im nächsten Moment barst der Boden und Marmorbrocken flogen durch die Luft. Ich rappelte mich wieder auf, doch da kam bereits sein nächster Angriff. Diesmal schaffte ich es nicht ihr auszuweichen. Ich sah nur noch eine Kugel aus gleißender Helligkeit auf mich zurasen und im nächsten Moment fand ich mich auf dem Rücken wieder. Fortigan und Korosan flogen mir us den Händen und landeten klirrend mehrere Meter entfernt.
Barlow kam auf mich zu, da hörte ich Craven hinter mir aufstöhnen. Meine Blicke fanden ihn blutend auf dem Boden kniend, etwa 15 Meter von mir entfernt. Straker stand über ihm und entblößte seine diabolischen Reißzähne. Er würde ihn beißen, sein Blut nehmen und dadurch noch stärker werden. Ich musste meinem Waffenbruder helfen, doch Barlow hatte mich bereits erreicht. Ich spürte wie sein Wille eiserne Ketten aus der Luft schmiedete und mich damit am Boden hielt. Ich konnte mich nicht mehr bewegen.
"Das ist das Ende." verkündete Barlow überzeugt. "Nun sieh Jäger. Sieh zu, wie Straker deinem Schüler das Blut aus dem Leib saugt. Sieh zu wie du auch deinen zweiten Gefährten verlierst."
Dann geschah alles ganz schnell...
Lukryscha betrachtete das Spektakel von ihrem Versteck aus. Die Jäger waren den beiden Zwillingsvampiren hoffnungslos ausgeliefert. Selbst der mächtige Jäger Kane konnte sich nicht gegen die Macht zur Wehr setzen mit der Asteroth die beiden Vampire ausgestattet hatte. Lukryscha verzog das Gesicht. Diese Wendung gefährdete ihren ganzen Plan. Die Demütigung von Asteroth sollte perfekt sein und dazu brauchte sie die beiden. Schnell konzentrierte sie ihre Gedanken. Diese magische Kraft über die sie nun verfügte war noch neu und ungewohnt für sie, aber sie hatte schnell gelernt sie zu kontrollieren und zu nutzen. Und wie mächtig Straker auch sein mochte, hiermit würde er nicht rechnen. Lukryscha grinste. Endlich konnte sie sich für das rächen was er ihr in grauer Vorzeit, vor ihrer neuen Existenz, angetan hatte. Und auch wenn sie sich nicht daran erinnern konnte befriedigte sie dieser Gedanke zutiefst. Mit einem hasserfüllten Lächeln lies sie den Zauber frei.
Craven spürte wie sich der Blutsauger über ihn beugte, ihn grob packte und seinen Hals entblößte. Gleich würde er seine spitzen Zähne spüren, wie sie ihn sein Fleisch eindrangen und ihm seines Lebenssaftes berauben würden. Und er wusste dass es seine letzte Empfindung sein würde. Doch plötzlich zuckte Straker über ihm zusammen. Craven glaubte für einen Moment eine blaue knisternde Aura um den Körper des Vampirs zu erkennen, dann brach Straker plötzlich neben ihm in die Knie, einen Schrei des Schmerzes und der Überraschung ausstoßend. Craven reagierte ohne zu zögern. Er wusste dass dies seine einzige Chance war, die Benommenheit fiel augenblicklich von ihm ab. Er packte Rutex und kam auf die Beine. "Bei Torscha, STIRB KREATIR!" brüllte er und hieb auf den Knienden ein.
Straker starrte ihn völlig überrascht an und versuchte dem Hieb zu entgehen, doch diesmal sollte der Vampir verlieren. Der letzte Ausdruck in den Zügen von Straker war völlige Verwunderung und die grausame Erkenntnis das ein einfacher Mensch in besiegt hatte, dann trennte Rutex seine Kopf vom Rumpf. Strakers Kopf war noch nicht auf dem marmorierten Boden aufgeschlagen da begann sein Körper bereits Feuer zu fangen und brannte lichterloh.
Craven rollte sich mit letzter Kraft von dem Inferno weg, als er hinter sich einen Schrei vernahm, der so unmenschlich war das er ihn nie vergessen sollte.
Ohne richtig zu realisieren was gerade eben geschehen war sah ich die Hülle die einmal Straker war brennend am Boden liegen. In diesem Moment brach Barlow über mir kreischend zusammen. Die unsichtbaren Fesseln die sein Geist um mich geschlungen hatte waren verschwunden. Ich bemerkte wie Barlow sich neben mir in einem Martyrium aus Schmerzen wand, er blutete aus dem ganzen Körper. Offenbar waren die beiden nicht nur geistig sondern auch körperlich miteinander verbunden. Der Tod von Starker musste Barlow grausame Schmerzen zufügen. Sofort war ich auf den Beinen und rannte zu den schwarzen Zwillingen um es zu beenden. Ich ergriff die Schwerter und wollte mich Barlow zuwenden...doch er war verschwunden. Hektisch sah ich mich in der Halle um, doch er war nirgends zu sehen. Wo konnte er nur...
Ich erstarrte mitten in der Bewegung als mein Blick suchend über die Empore des Saales glitt. Dort stand jemand. Ich konnte es genau sehen, auch wenn sich die Person in den Schatten versteckte. Sie schien uns die ganze Zeit belauert zu haben und ich hatte keine Zweifel das sie es gewesen war die Straker abgelenkt hatte. Ich wusste wer dort in den Schatten lauerte, ich hätte sie überall wieder erkannt. Dort oben stand Myra und starrte mich an, ich wusste dass sie es war. Ich konnte ihre Gegenwart nicht fühlen, sondern eine bösartige, teuflische Aura ging von dieser Person aus, aber ich wusste dennoch dass sie es war. Sie musste es sein, es gab keinen Zweifel. Ich stand wie gelähmt in der Halle und vergaß alles um mich herum. Ich war unfähig zu sprechen oder eine andere Handlung auszuführen, ich konnte einfach nur ihre Umrisse zwischen den Säulen anstarren. Sie bewegte sich nicht, aber ich spürte ihre Blicke auf mir ruhen. Ich glaubte ihre Augen zu sehen, zwei rote glühende Punkte in den Schatten.
Dann packte mich etwas an der Schulter, zerrte mich grob herum. Craven starrte mich an, er blutete stark und schien unter Schock zu stehen. "Drake, wir müssen sofort verschwinden."
Ich befreite mich aus seinem Griff und suchte Myra, doch ich fand sie nicht. Der Platz wo sie eben noch stand war nun leer. Hatte ich mir das nur eingebildet? Nein! Nein, sie war dort. Verzweifelt sah ich mich indem gewaltigen Saal um, doch sie war nicht mehr da. Ich musste sie suchen!
"DRAKE!" schrie mich Craven an. "Drake, wir müssen gehen. Barlow ist entkommen, er wird nicht alleine zurückkommen, bald weiß das ganze Schloss von uns."
"Ich kann nicht gehen." antworte ich ihm wie in Trance.
"Was?"
"Sie ist hier. Ich habe sie gesehen. Ich muss sie finden. Ich..."
"Drake, Myra ist tot. Selbst wenn sie hier ist, ist sie eine dämonische Dienerin von Asteroth. Und wir sind es ebenfalls wenn wir nicht sofort von hier verschwinden."
Ich wollte mich ihm entziehen, da durchfuhr mich plötzlich ein Schmerz im Gesicht. Überrascht sah ich den Ritter an. Craven hatte mich geschlagen. Die Überraschung wandelte sich in Wut und ich hob meine Schwerter zum Angriff.
"Willst du mich jetzt töten? Deinen Schüler? Den einzigen den du noch hast? Deinen Freund?"
Meine Hände zitterten als ich ihm in die Augen sah. Ich wusste dass ich ihn nicht angreifen würde. Ich wusste dass er Recht hatte, wir mussten verschwinden. Zu bleiben würde unseren sicheren Tod bedeuten. Aber ich konnte Myra hier nicht zurücklassen, auch wenn sie nur noch einer jener unheiligen Blutsauger war. Eine Sehnsucht, so stark wie ich sie sie zuvor empfand, zerriss mich.
"Drake, bitte. Du musst leben wenn du sie und deinen Meister rächen willst. Denk an deinen Schwur!"
Ich gab den Widerstand auf. Asteroth würde mich nicht bekommen, noch einmal würde ich ihm den Gefallen nicht tun. Ich warf dem Raum einen letzten sehnsüchtigen Blick zu. "Wo auch immer du bist, ich werde dich finden Myra. Das schwöre ich." flüsterte ich. Dann folgte ich Craven der bereits auf dem Weg aus dem Schloss war.
Lukryscha stand wieder am Fenster ihres Zimmers und betrachtete die beiden Gestalten wie sie über die Mauer kletterten und sich vom Schloss entfernten. Ihr Plan hatte funktioniert. Oh wie gerne würde sie Asteroths Gesicht sehen, wenn er sein Heim geschändet vorfand. Straker war vernichtet, Barlow schien dem Wahnsinn verfallen zu sein und sein roter Schatz befand sich nun in den Händen seines verhassten Gegners. Doch Lukryscha würde schon weg sein wenn Asteroth zurückkam. Es war zu gefährlich hierzu bleiben. Asteroth würde wissen das sie mit dem Überfall zu tun hatte. Nein, sie war lange genug in diesen kahlen Mauern eingesperrt. Nun war es an der Zeit den letzten Schritt zu tun und damit Asteroths Demütigung vollkommen zu machen.
Lukryscha lächelte zufrieden und sah in die Nacht hinaus. Welch Genuss es war den verhassten Straker in Flammen aufgehen zu sehen. Ihr Handeln war riskant gewesen. Sie war sich nicht sicher, aber der Jäger schien sie bemerkt zu haben. Seine Augen starrten sie an, und sie...Lukryscha schüttelte den Kopf. Erinnerungsfetzen geisterten durch ihren Kopf. Was war nur los mit ihr? Er war ein Vampirjäger, er brachte ihresgleichen zur Strecke. Sie hasste ihn. Sie würde ihn töten wenn sich die Gelegenheit dazu bot. Doch das sichere Lächeln auf ihren Lippen verschwand, denn tief in ihrem Inneren war noch etwas anderes. Lukryscha wusste nicht was es war und was es zu bedeuten hatte.
Seine Augen waren die Antwort auf die Frage die sie tief in ihrem Inneren quälte. Sie waren der Schlüssel zu ihrer Vergangenheit. Zornig verdrängte sie diese Gedankengänge und wandte sich vom Fenster ab. Die Nacht war bald vorüber und Asteroth würde bald wiederkehren. Es wurde Zeit für sie zu gehen. Es gab noch viel zu tun.
Die Zeit heilt alle Wunden, doch der Schmerz des Jägers war ebenso zeitlos wie er selbst. Wut und Verzweiflung, Hass und Ohnmacht beherrschten nun sein ganzes Sein. Wurde ihm denn die Fähigkeit zu lieben nur geschenkt um sie ihm nun auf solch grausame Weise wieder zu entreißen?
Der Traum eines neuen Clans zerbrach und nur die tiefe Freundschaft seines Gefährten konnte den Jäger nun davor bewahren sich seiner dunklen Seite hinzugeben, die keine Trauer kannte.
Großes stand den beiden nun bevor. Sie spürten die Veränderungen die kommen würden. Was auch geschehen mochte, es würde endgültig sein.
Drake du Kane musste sich seinen größten Ängsten stellen. Würde er vor ihnen bestehen können oder würde er in den dunklen tiefen seiner eigenen Seelen untergehen und alle Hoffnung mit sich reißen?
Kapitel 11
Die Offenbarung
1.
Ein Sturm durchfuhr die Nacht und gleißende Blitze illuminierten die Nacht. Das tiefe Grollen des Donners drohte die Welt zu verschlingen. Regen ergoss sich in Sturzbächen auf die Erde und prasselte beständig an die dicken Scheiben von Tarim O Kiels Burg. Es war schon weit nach Mitternacht und der alte Erzvampir saß in seinem Arbeitszimmer vor seinem wuchtigen Schreibtisch und war in seine Gedanken versunken. Nur mühsam gelang es ihm die Beherrschung zu wahren, blinde Wut und der ohnmächtige Drang auf Vergeltung zerrten an ihm. Vor seinem geistigen Auge stellte er sich vor wie er Asteroth sein verfaultes Herz aus der Brust reißen würde und ballte die Hände zu Fäusten. Es war noch keine Stunde vergangen seit der verfluchte Verräter es wagte hier in seinem Heim aufzutauchen. Auf einer grässlichen geflügelten Kreatur, die nur noch entfernte Ähnlichkeit mit einem Drachen hatte, flog er durch das Gewitter. Er wagte nicht einen Fuß auf O Kiels geheiligten Boden zu setzen sondern verkündete seinen Spott vom Rücken seiner grausigen Schöpfung. Seine Stimme, tief und bedrohlich, strahlte eine innere Kraft aus die selbst den tobenden Sturm übertönte. O Kiel zuckte bei diesem Gedanken innerlich zusammen. Er hatte seinen Widersacher offenkundig unterschätzt, ein Ausrutscher der ihm nicht noch einmal passieren würde. Die Botschaft war kurz und deutlich. Asteroth hatte sich selbst zum Bringer der neuen Ordnung gekrönt. Und als dieser erklärte er Tarim o Kiel nun offiziell den Krieg. Seine Armee wäre bereit für das letzte Gefecht und würde die Gilde niedermähen. Tarim o Kiel konnte sich nicht länger zurückhalten und nahm die Herausforderung an. Für die Schmach die er ihm zugefügt hatte, für den unbeschreiblichen Frevel den er an der Gilde begangen hatte, als er das Necronomicon seiner Wiege entrissen hatte. Er würde sich nicht vor diesem Emporkömmling verstecken. Asteroth sollte für seine Verbrechen bezahlen. Doch Asteroth reagierte mit Gelächter auf Tarim o Kiels Drohungen und das machte ihn rasend. Ohne ein weiteres Wort verschwand Asteroth in der Nacht und ließ O Kiel außer sich vor Wut zurück.
Seitdem saß er nun hier alleine in seinem Arbeitszimmer und überlegte verzweifelt was er tun konnte. Die Berichte über Asteroths Streitmacht von seinen Spionen waren erschreckend. Tarim o Kiel durfte jetzt nicht vorschnell und töricht handeln. Darauf wartete Asteroth nur. Er provozierte ihn solange bis er einen Fehler beging um dann zuzuschlagen. Nein, er würde ihn nicht unterschätzen.
Tarim o Kiels Überlegungen wurden jäh unterbrochen als ein Geräusch aus seinem angrenzenden Schlafgemach an seine Ohren drang. Es klang als würde jemand an seine Scheibe klopfen. Was bei allen Höllen...
Der alte Erzvampir sprang auf, der Stuhl auf dem er eben noch gesessen hatte fiel polternd um. Entschlossen schritt er in den angrenzenden Raum und sah sich um. Tarim o Kiels Schlafgemach war riesig, es maß mindestens 15 m² und die Decke befand sich in fast fünf Metern Höhe. Die Decke wölbte sich zur Mitte des Raumes was ihr ein kuppelförmiges Aussehen verlieh. In O Kiels Augen verlieh das dem Raum das Aussehen einer Kapelle - es sollte einen heiligen Raum darstellen. Von jener kuppelförmigen Ausbuchtung hing ein gewaltiger goldener Kronleuchter herab indem ein Meer aus schwarzen Kerzen brannte. Unter dem Kronleuchter befand sich O Kiels riesiges Himmelbett. Kissen und Decken aus Samt und
Seide waren für den Erzvampir gerade gut genug. Die Wände des Raumes zierten überwiegend edle Wandteppiche die die Geschichte der Gilde dokumentierten. Auf einigen war er selbst abgebildet. In den Ecken des Raumes standen gewaltige Kandelaber in denen ebenfalls schwarze Kerzen brannten und so den Raum in ein düsteres Lichtermeer tauchten. Die Südseite des Raumes wurde fast vollständig von einer Fensterfront eingenommen die sich bis unter die Decke erstreckte, so das es den Eindruck erweckte die ganze Südseite des Raumes bestünde aus Glas. Dahinter befand sich sein Balkon der schon eher eine Dachterrasse war. Im Moment jedoch wurde sowohl Fenster sowie Balkon von edlen blutroten Vorhängen aus Brokat verdeckt. Das klopfende Geräusch kam von dort.
Tarim O Kiel verzog hasserfüllt das Gesicht. Sollte er es tatsächlich wagen zurückzukehren um ihn weiter zu verspotten? Dieses Mal würde Asteroth die Früchte seines Hochmutes ernten. Der Erzvampir schritt auf den Balkon zu, packte mit beiden Händen die Vorhänge und zog sie mit einem Ruck auseinander. In diesem Moment erhellte ein Blitz den Balkon vor seinen Augen und O Kiel erkannte das es nicht Asteroth war der dort im stürmischen Regen stand und ihn neugierig betrachtete. Im gleißenden Licht des Gewitters erkannte Tarim o Kiel ein Wesen von dämonischer Schönheit das ihn mit glühend roten Augen musterte und deren lange schwarzen Haare im Wind um ihr bleiches Gesicht wehten. Tarim o Kiel konnte sich nicht erinnern je ein Wesen von solcher Schönheit gesehen zu haben, dennoch wusste er sofort wenn er vor sich hatte.
"Die Jägerin" flüsterte er überrascht. Er wusste natürlich das Asteroth sie zu einem Kind der Finsternis gemacht hatte, und hätte er es nicht gewusst hätte es ihm ein flüchtiger Blick enthüllt. Kein sterbliches Wesen konnte so schön und so dämonisch zugleich sein. Doch was wollte sie hier? Hatte Asteroth sie an seiner Stelle zu ihm gesandt? Weshalb sollte er das tun?
Misstrauisch öffnete Tarim o Kiel die gläserne Tür die in die Fensterfront eingelassen war und sah die Besucherin prüfend an die klatschnass auf dem Balkon stand.
"Ich weiß wer du bist. Ich sollte dich auf der Stelle vernichten." zischte er Lukryscha an. Auf ihrem Gesicht stahl sich ein amüsiertes Lächeln. "Tarim o Kiel." flüsterte sie betörend. "So wie ich ihn mir immer vorgestellt habe." Das Lächeln wurde zu einem breiten Grinsen. "Ihr würdet mich töten ohne wissen zu wollen warum ich hier bin?"
"Vermutlich hat dich dein Meister geschickt um mich weiterhin zu beleidigen. Doch ich lasse nicht mit mir spielen."
"Ich handle nicht im Auftrag von Asteroth. Und er ist auch nicht mein Meister. Ich diene nur mir selbst."
"Ich glaube dir kein Wort."
"Das spielt keine Rolle. Ich verabscheue Asteroth ebenso sehr wie ihr. Er unterjocht alles was er erschafft. Doch ich lasse mich nicht gerne kontrollieren."
"Was willst du dann von mir?"
Lukryscha nickte mit dem Kopf in Richtung des Schlafgemaches. "Mir wäre es lieber wenn wir unsere Unterhaltung im Trockenen fortsetzen könnten."
Tarim o Kiel sah sie weiter misstrauisch an. Schließlich trat er einen Schritt zurück und gab die Balkontür frei. "Wenn du mich reinlegst werde ich dich vernichten."
Lukryscha ignorierte diese Bemerkung und betrat O Kiels privates Heiligtum. Ihre Stiefel hinterließen kleine Wasserpfützen auf den edlen Marmorfliesen. O Kiel verschloss die Tür hinter ihr und wandte sich ihr dann wieder zu. "Und nun sag mir was du hier willst! Ich bin nicht für meine Geduld bekannt, Weib."
Lukryscha lächelte wieder. "Ich bin hier um euch einen Handel vorzuschlagen."
Tarim o Kiel hob argwöhnisch eine Augenbraue. "Ich höre."
"Ich möchte Asteroth ebenso gerne fallen sehen wie ihr. Und ich kann euch dabei helfen."
"Wie solltest du mir dabei helfen? Ich kenne Asteroths Standpunkte und ebenso seine Verbündeten. Es gibt nichts was du mir über ihn berichten könntest, das ich nicht schon wüsste."
"Ich spreche nicht von Asteroth. Ich habe etwas viel wertvolleres für euch."
"Was soll das heißen?" Tarims Stimme wurde lauter. Er verlor die Geduld mit ihr. Obgleich ihn ihre Schönheit noch immer lähmte würde er nicht zögern sie mit bloßen Händen zu töten. Und er sah ihr an dass sie das wusste. Dennoch blieb sie ganz ruhig. Sie hatte Mut, das musste ihr O Kiel eingestehen. "Was könntest du mir geben? Sprich!" forderte er herrisch.
Lukryscha lächelte nun wieder auf diese verschlagene und zugleich betörende Art. "Ich kann euch Drake du Kane bringen."
Tarim o Kiel riss überrascht die Augen auf. Daran hatte er gar nicht gedacht. "Was?" war alles was er herausbrachte.
Lukryscha schien mit dieser Reaktion gerechnet zu haben und fuhr fort. "Ich weiß das Asteroth euch den Krieg erklärt hat. Aber ihr seid ihm nicht gewachsen. Ich habe seine Streitmacht gesehen. Und es werden täglich mehr. Ihr wisst dass er nicht dumm ist. Er würde euch nicht herausfordern wenn er sich seines Sieges nicht sicher wäre..."
"ICH werde mich vor diesem verdammten Frevler nicht geschlagen geben! Er wird..." Tarim o Kiel schnitt Lukryscha mit seinem wütenden Aufbegehren das Wort ab, doch sie setzte gleich wieder an und versuchte ihn zu beruhigen: "Hört mich an. Ich bin hier weil ich weiß dass ihr ihn besiegen könnt. Also seit kein Narr. Ich braucht mich."
"Ich brauche niemanden! Sie werden vor mir erzittern!" Entschlossen reckte o Kiel die geballte Faust in die Höhe.
"So hört euch zumindest an was ich zu sagen habe. Danach könnt ihr immer noch frei entscheiden was ihr tun wollt."
"Also gut. Sprich weiter!"
"Euer Ansehen ist geschwunden. Und wenn sich die Nachricht vom Diebstahl des Necronomicons erst einmal verbreitet hat wird es noch schlimmer. Und daraus gewinnt Asteroth seine Macht. Ihr müsst zuerst das Vertrauen in euere Untergebenen wieder gewinnen. Und dabei kann ich euch helfen."
"Ach ja?" fragte Tarim o Kiel zweifelnd. Doch hinter seiner Stirn begann er zu verstehen worauf Lukryscha hinauswollte. Neue Hoffnung breitete sich in ihm aus.
"Wenn ihr den gefürchteten Drake du Kane lebend gefangen nehmt und ihn nach den Regeln der Gilde hinrichtet, könnt ihr ein Exempel an ihm statuieren. Euch ist dann das gelungen was Asteroth nicht konnte. Den Jäger, der für den Tod so vieler Vampire verantwortlich ist, zur Strecke zu bringen. Wenn ihr das tut, werden sie zu euch zurückkehren und Asteroth wird alleine dastehen. Ein Krieg ist dann nicht mehr nötig. Ihr hättet gewonnen. Asteroths Sentimentalität zu seinem Sohn hat ihn zurückgehalten als er ihn hätte töten können. Dieses Zeichen der Schwäche wird sein Verderben sein."
Tarim o Kiel rieb sich nachdenklich das Kinn und dachte darüber nach.
"Ich weiß das ihr Drake du Kane schon einmal bezwungen habt. Er kehrte zurück und ihr wurdet als unfähig abgestempelt. Dieses Ereignis war der Wendepunkt der Ereignisse, durch dieses Ereignis hat Asteroth die meisten seiner Untertanen gewonnen. Wollt ihr euch nicht an Kane dafür rächen?" fragte Lukryscha.
Tarim o Kiel sah sie lange und nachdenklich an.
"Drake du Kane war der Auslöser euerer Misere und er wird sie mit seinem Tod auch wieder beenden. Das ist Schicksal." flüsterte Lukryscha.
"Nehmen wir einmal an es stimmt was du sagst. Wie willst du das anstellen. Wie willst du mir Kane bringen?"
Lukryscha lächelte und streichelte sanft über o Kiels Brust. "Er wird mir nichts tun wenn ich ihm gegenübertrete. Er liebt mich noch immer. Er mag zum Teil Vampir sein. Aber er ist noch immer Sklave seiner dummen menschlichen Empfindungen. Er kann mich nicht töten. Er ist mir hilflos ausgeliefert."
"Und wenn du dich täuschst?"
Lukryschas Augen funkelten und ihre Mine nahm einen lüsternen Ausdruck an während sie begann Tarim o Kiels Hemd zu öffnen. "Ich irre mich nie. Und ich habe äußerst gute Argumente." flüsterte sie und begann mit ihrem Mund O Kiels nackte Brust zu liebkosen. Tarim o Kiel stellte fest das es ihm kaum gelang ihr zu widerstehen. Und er erkannte dass dies auch gar nicht nötig war. Vor ihm stand das Instrument mit dem er Drake du Kane endgültig vernichten konnte. Er packte ihren Kopf und zog sie zu sich hinauf. Und während er sie gierig und grob küsste musste er innerlich lachen. Asteroths geliebte Schöpfung, die er schon neben sich auf dem Thron gesehen hatte, lag nun in seinen Armen. Asteroth hatte sein Buch, doch er hatte nun seine Königin. Tarim o Kiel begann zu lachen während er Lukryscha zu seinem Bett führte.
Draußen wurde der Sturm immer heftiger während sich Tarim o Kiel und Lukryscha im unheimlichen Schein der Kerzen hart aber leidenschaftlich liebten.
Auf dem Höhepunkt stieß Lukryscha einen Schrei des Triumphes aus und zerkratzte O Kiel in wilder Extasse den Rücken. Blut lief seinen kalten bleichen Körper hinab und Lukryscha zog es gierig in sich auf. Tarim o Kiels Extasse entlud sich in einer gewaltigen Explosion die die Glasfront seines Raumes zerbersten ließ. Die blutroten Vorhänge flatterten im stürmischen Wind und im erhabenen Gleißen der Blitze verschmolzen die beiden Körper miteinander.
2.
Nachdenklich drehte ich den seltsamen roten Stein im Schein unseres Lagerfeuers und betrachtete ihn stumm. Craven beobachtete diese Prozedur, die ich nun Nacht für Nacht seit wir aus Asteroths Festung entkamen vollzog, von seinem Schlafplatz aus. Eine Woche war seitdem vergangen. Mir kam diese Zeit seltsam unwirklich vor. So wie schon die Zeit davor, die Zeit nach Myras...Verwandlung. Verbittert umklammerte ich den Stein bis es wehtat. Mir ging einfach dieses Bild nicht aus dem Kopf. Wie sie dort im Schatten der Marmorsäule kauerte und mich mit diesen toten dämonischen Augen anstarrte. Da war nichts. Keine Emotionen, kein Mitgefühl oder Gnade in diesem Blick. Er war so kalt wie die Augen jedes Vampirs dem ich in meinem verfluchten Dasein begegnet war. Das war das was mir am meisten zu schaffen machte. Nicht die Tatsache dass ich sie nicht retten konnte sondern dass sie mich offenbar nicht einmal erkannte. Sie erkannte in mir vielleicht den gefürchteten Jäger, aber nicht ihren Geliebten. Jede freie Sekunde dachte ich darüber nach was ich nur tun konnte. Sen Lar hatte zu mir gesagt das die einzige Heilung gegen den Vampirismus die vollständige Vernichtung war. Doch das konnte...das wollte ich nicht akzeptieren. Es musste einfach einen anderen Weg geben.
"Was glaubst du wozu er wohl da ist?"
Cravens Stimme holte mich zurück in die Wirklichkeit. Ich sah in fragend an. Er deutete auf meine rechte Hand die immer noch zur Faust geballt war. "Der Stein. Wozu ist er da?"
Langsam öffnete ich die Hand und betrachtete den roten Schatz. "Ich weiß es nicht. Er gehört zu den Klingen. Ich glaube er beherbergt eine mächtige Kreatur - ebenso wie die Zwillinge."
"Und wie rufst du diese Kreatur?"
Ich schüttelte den Kopf. "Genau das ist das Rätsel des es zu lösen gilt. Die Zeit wird kommen in der sich der Stein offenbaren wird. Ich denke es fehlt noch ein weiteres Puzzleteil bevor der Stein seine Kräfte entfalten kann."
Craven nickte stumm und sah nachdenklich in die Flammen. Ich folgte seinem Beispiel. Wir waren mittlerweile weit von Asteroths verderbtem Einflussbereich entfernt und befanden uns auf neutralem Boden. Zumindest war er noch neutral. Bald würde es keinen neutralen Boden
mehr geben. Asteroths hatte der Gilde den Krieg erklärt, es konnte nun nicht mehr lange dauern bis die letzte Schlacht anbrechen würde und eine Seite so mächtig wäre dass sie das ganze Land unterwerfen konnte. Doch entgegen seiner sonst so aufbrausenden Natur hatte Tarim o Kiel noch keinerlei Schritte in die Wege geleitet. Seit wir aus Asteroths Schloss entkamen hatte der alte Erzvampir nichts unternommen um auf Asteroths Kriegsruf zu reagieren. Er plante etwas. Doch was konnte das sein?
Meine Blicke schweiften durch unsere Umgebung. Wir hatten unser Lager in einer verfallenen Burgruine aufgeschlagen. Über uns war der klare Sternenhimmel während wir in einem Labyrinth aus eingestürzten oder fast abgebrannten Grundmauern kampierten. Rußgeschwärzte Mauerbrocken, verkohlte Holzreste und gesprungene Glasscherben umgaben uns. Die Mauern verdeckten den Feuerschein und gaben uns damit einen gewissen Schutz. Asteroth würde bestimmt überall nach uns suchen lassen. Wir konnten nur hoffen dass er im Moment wichtigeres zu tun hatte.
"Drake?" erhob Craven das Wort ohne von der Flamme aufzusehen.
"Ja?"
"Etwas passiert heute Nacht, oder?"
"Wie kommst du darauf?"
Craven hob endlich den Kopf uns sah mir in die Augen. Sein Blick drückte Ärger, vielleicht sogar Wut aus. "Hör auf mit den Spielchen. Ich weiß das du es auch fühlst."
Ich seufzte ergeben und nickte langsam. "Ja, ich spüre es schon seit zwei Nächten. Veränderungen werden eingeläutet. Ein neuer Kurs im großen Plan des Schicksals wenn du so willst."
"Es muss etwas großes sein wenn wir es so intensiv fühlen. Glaubst du es hängt mit dem Krieg zusammen?"
Ich dachte gründlich darüber nach und schüttelte schließlich den Kopf. "Nein. Nein ich glaube nicht. Zumindest nicht vordergründig. Aber du hast Recht. Etwas Großes wird passieren. Ich weiß nur nicht ob zum Guten oder Schlechten."
"Drake, ich habe Angst."
Es gelang mir nicht meine Überraschung zu verbergen als ich meinen treuen Gefährten ansah. "Tatsächlich. Das hätte ich nicht aus deinem Mund erwartet."
"Es ist aber die Wahrheit. Ich fühle einen drohenden Schatten auf uns lasten. So wie damals, als...du weißt schon, Myra von uns ging."
Die bloße Erwähnung ihres Namens bereitete mir einen qualvollen Stich in der Brust doch ich versuchte mir das nicht anmerken zu lassen. Entweder es gelang mir besser als erwartet oder Craven reagierte einfach nicht darauf, denn er redete ohne zu zögern weiter: "Ich fürchte mich nicht davor zu sterben. Aber ich fürchte mich vor dem Vergessen. Davor das unsere Sache umsonst gewesen sein könnte und Torscha mich nicht akzeptiert."
"Wir werden dem Weg der für uns gemacht wurde so lange folgen wie wir die Kraft dazu haben. Und noch darüber hinaus." war alles was ich entgegnete. Was hätte ich auch schon sonst sagen sollen? Mich quälten dieselben Fragen schon seit Jahrzehnten. Natürlich nicht über die Akzeptanz irgendwelcher Götter, dies war mir einerlei. Aber die Furcht vor dem Vergessen unseres Wissens. Dem Vergessen der C'ael Rohen und unserer Taten. Sen Lar war zufrieden gestorben, denn er wusste dass sein Opfer nicht vergeblich war und jemand seinen Platz einnehmen würde. Würde es mir einmal genau so ergehen? Ich wünschte es mir von ganzem Herzen, ich war der Jagd so müde. Doch ich würde nicht aufhören. Niemals.
Craven und ich wurden im selben Moment aus unserem Schweigen gerissen als wir eine Bewegung in der Nacht ausmachten. Etwas näherte sich unserem Lager. Und es musste sehr groß sein.
'Valotica' schoss mir durch den Kopf und ich zog die schwarzen Zwillinge während ich mich hektisch umsah. Craven folgte meinem Beispiel und hielt Rutex griffbereit. Langsam verteilten wir uns und suchten die Dunkelheit nach dem nächtlichen Eindringling ab. Wie
konnten sie uns nur gefunden haben? Wir hatten sorgsam darauf geachtet all unsere Spuren zu verwischen. Ich kannte ihre Denkweisen und war mir sicher auf alles geachtet zu haben. Also wie um alles in der Welt hatten sie uns aufgespürt? Entschlossen hob ich die Zwillinge. Sie würden keine Gelegenheit bekommen meine Frage zu beantworten. In diesem Moment hörte ich Craven einen Entsetzensschrei ausstoßen: "BEI TORSCHA, WAS IST DASS??"
Sofort rannte ich zu ihm und konnte im fahlen Mondlicht eine gewaltige Kreatur zwischen den Ruinen ausmachen. Sie überragte Craven um weitem in Höhe und Breite und trotzdem hätte ich sie beinahe für einen Teil der Ruinen gehalten. Im Dunklen sah es fast aus als würde sie aus Stein bestehen. Plötzlich trat die Kreatur auf Craven zu, der kampfbereit die Axt erhob und breitete riesige Flügel aus. Nun erkannte ich dass die Kreatur tatsächlich aus Stein bestand und ich fing an zu begreifen. Craven wollte gerade auf die Kreatur zustürmen als ich ihn erschrocken zurückhielt: "CRAVEN NICHT!"
Craven hielt tatsächlich inne, vermutlich mehr aus Reflex als aus Überzeugung und sah unschlüssig zwischen mir und der Kreatur hin und her. Ich senkte langsam die Waffen und deutete Craven es mir gleichzutun. Zögernd kam er der Bitte nach und die Kreatur trat in das Licht unseres Lagerfeuers. Es handelte sich um einen Gargoyl, das war nun deutlich zu erkennen. Und auch wenn ich es nicht vermochte diese Wesen zu unterscheiden wusste ich sofort wer uns gefunden hatte. Ich wusste nur nicht warum.
"Cas'tohr?" flüsterte ich ungläubig.
Craven sah mich fassungslos an. "DU kennst dieses DING?"
Cas'thors Stimme erklang dröhnend, sie hatte sich nicht im Geringsten verändert als er ungeduldig das Wort an mich richtete: "Uns bleibt keine Zeit für Erklärungen Jäger. Du musst mit mir kommen. Sofort! Das Orakel muss dich sprechen."
3.
Es dauerte einige Momente bis die Worte des Gargoyles in mein Bewusstsein gelangten. Das Orakel? Wie konnte das sein?
Craven indessen schien allmählich zu begreifen und musterte den Wasserspeier erstaunt. "Ihr seit das Wesen von dem Drake mir erzählt hat. Der ihn zu diesem dubiosen Orakel führte." rief er verstehend. Cas'thor betrachtete den Hünen gleichgültig. "Ja. Und ihr seit wohl Craven, Drake du Kanes Schüler."
"Woher wisst ihr das?"
"Welch närrische Frage, ich diene einem Orakel. Natürlich kenne ich euch. Ich weiß alles was passiert ist in den Jahrzehnten die ins Land gezogen sind seit sich meine Wege und die des Jägers getrennt haben."
"Was tust du hier Cas'thor?" fragte ich schließlich den Gargoyl.
"Was soll die Frage. Ich habe dir gesagt das ich dich unverzüglich zum Orakel bringen muss." antwortete der Gargoyl ungeduldig.
"Das ist nicht die Antwort auf meine Frage. Du warst frei als du deine Schuld bei dem Orakel beglichen hattest. Also warum dienst du ihm noch immer. Es hat dich nicht gehen lassen, oder?"
Cas'thor schüttelte energisch den Kopf, eine Geste die bei einem Wesen wie ihm geradezu grotesk wirkte. "Nein, du verstehst nicht. Es hielt Wort und ich kehrte zu meinem Clan zurück. Doch zuviel Zeit war vergangen und ich wurde von ihnen verbannt. Sie sagten ich wäre befleckt von der Heuchelei die ich dem Orakel entgegenbrachte. Du musst wissen dass wir Gargoyles ein sehr stolzes Volk sind. Sie haben mich verstoßen und ich blieb heimatlos zurück. Ich wusste nicht wohin ich sollte und eine unbändige Wut überkam mich. Ich suchte das Orakel und wollte mich an ihm rächen. Doch die Dinge änderten sich. Das Orakel gewährte mir Einblick in tiefgründigere Dinge. Es zeigte mir viel über mich und mein Schicksal. Ich erkannte dass meine Rache sinnlos wäre, es hätte nichts geändert - selbst wenn ich die Möglichkeiten besessen hätte dem Orakel etwas anzutun. Stattdessen war es nun meine einzige Heimat. Ich beschloss aus freien Stücken ihm weiter zu dienen. Was hätte ich tun sollen? Ich hatte sonst nichts mehr. Im Laufe der Zeit wurde es fast zu etwas wie einem Vertrauten - soweit dies bei einem Wesen das so völlig anderes ist wie alles was wir kennen überhaupt möglich ist."
Ich nickte zögernd. "Offenbar sollte das wohl dein Weg sein."
"Das Orakel erzählte mir das sich unsere Wege eines Tages wieder kreuzen würden. Dann wenn die Zeit reif wäre. Und wenn dieser Tag kam, sollte ich dich zu dem Orakel führen."
"Aber was will es von mir? Nochmehr verschleierte Prophezeiungen? Davon habe ich genug, danke. Seit jener schicksalhaften Begegnung wurde ich zum Spielball höherer Mächte. Ich frage mich ob das Orakel nicht möglicherweise die Ursache dafür ist."
"Ich kann deinen Gram verstehen Jäger. Doch du kannst mir glauben dass das Orakel keinen Einfluss auf den Ablauf der Dinge nehmen kann. Das ist der Preis für die Allwissenheit."
Ich seufzte und gab mich meinem Schicksal hin, ich konnte ihm ohnehin nicht entgehen. "Nun gut, aber verrate mir wie willst du uns dorthin bringen. Du kannst nicht zwei Personen fliegen und wir werden Craven sicher nicht hier zurücklassen."
Craven nickte entschlossen. "Ich werde dich auf jeden Fall begleiten."
Cas'thor schien dies alles kalt zu lassen, doch bei dieser Rase waren Gefühlregungen ohnehin eine Seltenheit und schwer zu erkennen. "Das wir auch nicht nötig sein. Wir werden zu Fuß gehen, in weniger als zwei Stunden sollten wir dort sein."
Verwundert betrachtete ich den alten Gargoyl und suchte nach einem Zeichen des Spottes. Wollte die Kreatur mich für dumm verkaufen. "Was soll dieser Unsinn? Das nördliche Gebirge ist mindestens einen strammen Wochenmarsch entfernt."
Cas'thor schüttelte wieder den Kopf, seine Mine sah fast mitleidig aus. Als würde er zu einem kleinen Kind oder einem geistig Beschränkten sprechen. "Ich hätte mehr von dir erwartet. Du denkst immer noch wie die einfältigen Sterblichen. Das Orakel existiert in anderen Maßstäben. Es ist überall und nirgendwo. Glaubst du es existiert nur in dem Gebirge das du betreten hast? Das Orakel existiert an vielen Orten. Doch nur die wenigsten wissen davon. Nur jene die auserwählt wurden, finden jene geheiligten Orte an denen das Orakel sich in dieser Ebene des Dasein manifestieren kann."
"Was soll das bedeuten?"
"Diese geheiligten Orte sind so etwas wie das Medium durch dass das Orakel mit dieser Welt kommuniziert. Der Fokus der die Kraft des Orakels bündelt damit es in unserer Welt Präsent sein kann."
Craven, der bisher stumm der Weisheit des alten Gargoyles gelauscht hatte erhob nun schließlich doch das Wort. "Und woher stammt dieses Wesen? Wenn es nicht aus unserer Welt ist, woher dann?"
"Das", erklärte Cas'thor geheimnisvoll, "weiß wohl nur das Orakel selbst. Doch soll dies nicht eure Sorge sein. Wir müssen uns nun beeilen. Die Zeit drängt." Mit diesen Worten erhob sich der Gargoyl und folgte einem gewundenen Pfad der aus den Ruinen in einen nahe gelegenen Nadelwald führte.
Craven sah mich unruhig an. "Bist du sicher dass wir diesem Steinmonstrum trauen können?"
Ich überlegte, sah aber schließlich keine bösen Absichten in den Taten des Gargoyles. "Ich denke wir haben gar keine andere Wahl. Wenn es wirklich der Wille des Orakels ist werde ich mich ihm kaum widersetzen können. Vielleicht hat es einige Antworten für mich. Ich glaube dies ist der Anfang der großen Veränderung die wir gefühlt haben."
"Aber nicht deren Ende."
Ich schüttelte den Kopf. "Nein. Nein es wird noch einiges passieren. Doch die Dinge haben begonnen ihren Lauf zu nehmen. Und nun können wir nicht mehr zurück."
Tarim o Kiel stand an der Brüstung seines Balkons und starrte in die Nacht hinaus. Fast hätte er Lukryscha nicht bemerkt die sich von hinten an ihn anschlich und zärtlich die Arme um ihn schwang. Verspielt legte sie den Kopf auf seine Schulter und folgte seinem Blick in die Dunkelheit.
"Worüber denkst du nach?" fragte sie ihn leise.
"Was diese Nacht für mich bereithalten mag. Und ob deine Informationen sich als richtig erweisen."
Lukryscha lächelte. "Er wird da sein. Glaub mir, ich spüre ihn ganz deutlich."
Der Erzvampir drehte sich zu ihr um und sah sie prüfend an, versuchte ihre Worte abzuschätzen. Wieder stellte er fes wie schwer ihm das fiel. Wie schwer diese Frau zu durchschauen war und wie mächtig sie für einen gewöhnlichen Vampir war. Sie ließ selbst die Hohen Vampire weit hinter sich. Er kannte außer Sagul niemanden von solcher Macht. Er wollte etwas erwidern, doch in diesem Moment betrat eben jener hohe Vampir Tarims Schlafgemach an den der Erzvampir gerade noch gedacht hatte. Sagul verbeugte sich und warf Lukryscha einen abschätzigen Blick zu. In seinen Augen stand Missbilligung und Abneigung geschrieben. Tarim o Kiel glaubte sogar Neid darin zu lesen. Sagul betrachtete Lukryscha eindeutig als Konkurrenz. Und damit lag er möglicherweise nicht einmal so falsch.
"Was gibt es zu berichten Sagul?" fragte ihn O Kiel.
Sagul rang einen Moment nach Worten und sah Lukryscha wieder verbissen an. Offenbar gefiel ihm nicht was er zu sagen hatte. "Die Informationen haben sich als richtig erwiesen. Wir haben den Jäger und seinen Begleiter gefunden." presste Sagul voller Widerwillen hervor. Lukryschas Grinsen wurde indessen immer breiter. "Wie ich es dir gesagt habe. Ich kenne seine Denkweise."
Tarim o Kiel nickte zufrieden. "Das wäre alles Sagul. Bereite alles für die Abreise vor, wir brechen sofort auf."
Sagul verbeugte sich demütig und schritt abrupt aus dem Raum. O Kiel erkannte dass er die Hände zu Fäusten geballt hatte. Er würde sich mit diesem Problem auseinander setzen müssen, doch das musste warten. Jetzt gab es Wichtigeres. Er wandte sich wieder an Lukryscha. "Es wird Zeit mir zu beweisen wie nützlich du mir wirklich bist. Wenn du deine Versprechen einhellst wirst du meine Königin werden."
"Ihr werdet nicht enttäuscht werden." hauchte ihm Lukryscha entgegen.
"Was ist das für ein seltsamer Wald?" fragte Craven atemlos und sah sich um. Er konnte nicht bestimmen was an der Umgebung nicht stimmte, aber irgendetwas war anders. Ich spürte es ebenfalls, doch ich kannte die Antwort darauf. Ich spürte dasselbe vor langer Zeit als ich das Gebirge erblickte indem das Orakel sich mir offenbarte. Was Craven spürte war die Präsenz des Orakels. Ich hatte nun keine Zweifel mehr an Cas'thors Worten. Auch wenn ich es mir nicht erklären konnte, das Orakel war hier. Dieselbe mystische Präsenz, meilenweit von der Höhle entfernt wo ich meine Lebenskraft hingab um meine Zukunft zu erfahren. Ich fragte mich was dieses Mal der Preis sein würde den ich zu entrichten hatte. Nichts war umsonst.
"Wir haben den Einflussbereich des Orakels betreten." antwortete Cas'thor auf Cravens Frage. Ich spürt ES. Wir sind nun fast da."
"Was wird mich dort erwarten?" fragte ich den Gargoyl. Er gab ein tiefes Brummen von sich, ich konnte nicht einordnen was es zu bedeuten hatte. "Diese Antwort musst du selber finden Vampir. Du hast es schon einmal getan. Ich kann dir dabei ebenso wenig helfen wie damals."
Ich hatte mit solch einer Antwort gerechnet. Schweigend setzen wir unseren Weg fort, bis Cas'thor etwa fünf Minuten später stehen blieb.
"Was ist los?" fragte ihn Craven.
"Vor uns liegt die Schwelle zum inneren Zirkel." antworte Cas'thor schlicht.
"Zum was? Was soll das bedeuten?"
"Das bedeutet dass ich ab hier meinen Weg alleine fortsetzen muss, nicht wahr?" fragte ich den Gargoyl.
Dieser nickte. "Ja. Dieser Pfad ist nur für dich bestimmt. Wir werden hier auf dich warten."
"Moment mal, was soll das..." begehrte Craven auf, doch ich gebot ihm zu schweigen. "Schon gut Craven. Dies ist meine Aufgabe. Es ist wie damals auf dem Berg, nicht wahr. Da hättest du mir auch nicht in die Höhle folgen können, selbst wenn du es gewollt hättest?" Cas'thor schüttelte den Kopf. "Nein, das Orakel duldet niemanden in seiner Nähe. Selbst mit mir nimmt es nur telepatischen Kontakt auf."
"Soll das heißen dass du dieses Ding noch nie gesehen hast? Und trotzdem dienst du ihm seit über einem Jahrhundert?" fragte ihn Craven völlig fassungslos.
"Hast du deine Göttin schon einmal erblickt?"
"Das ist etwas völlig anderes..."
"Wir alle dienen unseren Göttern Mensch. Akzeptiere die Gebote des Orakels."
"Ich habe langsam genug von diesem Orakel." entgegnete Craven trotzig.
"Hört auf!" sagte ich zu ihnen und betrachtete den Pfad vor mir. "Ihr wartet hier auf mich, ich werde bald zurück sein." Mit diesen Worten ließ ich die beiden zurück und setzte meinen Weg durch diesen seltsamen Wald fort. Doch mich überkam das ungute Gefühl das ich die beiden vielleicht nicht mehr so bald sehen würde wie ich es mir innerlich einredete. Das Gefühl der Bedrohung wurde stärker, und ich glaubte nicht dass es von dem Orakel ausging. Irgendetwas würde geschehen.
4.
Ich folgte dem verschlungenen Pfad durch die Dunkelheit. Ein beunruhigendes Kribbeln befiel meinen Körper und ich bemerkte wie sich Fortigan und Korosan begannen zu regen. Ich hatte die Klingen lange nicht mehr so aufgeregt erlebt. Ihre Stimmen hämmerten in meinen Verstand, drängten mich kehrtzumachen. In ihre mir so vertrauten Forderungen mischte sich eine neue Stimme, leiser und nicht annähernd so dominant, und ich wusste dass dies der Blutstein sein musste. Ihre Stimmen vereinten sich in meinem Geist zu einer lautstarken Kakophonie des Grauens, doch ich beachtete ihre Täuschungsversuche nicht. Die Zwillinge dienten mir bei der Jagd, aber es waren immer noch Dämonen die immerzu versuchten mich zu täuschen und mir die Wahrheiten hinter den Dingen vorzuenthalten. Sie waren Meister der Scharade - ebenso wie das Orakel. Vielleicht war das der Grund weshalb sie es fürchteten. Dachten sie das Orakel könnte mich besser manipulieren als sie selbst? Mir war es gleich, ich war zu weit gekommen um nun umzukehren.
Schließlich verstummten ihre Stimmen als sie erkannten dass ich mich nicht beeinflussen lassen würde. Vorsichtig sah ich mich um. Ich konnte vor mir im dichten Geflecht des Waldes ein eigentümliches Licht erkennen. Es war nicht weit vor mir. Ich spürte dass ich mich dem Zentrum näherte. Langsam streckte ich meine Hände aus und schob die Büsche auseinander. Vor mir lag der Ursprung des hellen Scheins dem ich gefolgt war, eine kreisrunde Lichtung. Meine Stiefel sanken tief in die weiche vor Leben strotzende Erde ein als ich diese seltsame Lichtung betrat. Die Bäume die diesen Platz flankierten überragten ihre Brüder um ein vielfaches und bildeten eine grüne Mauer um die Lichtung. Ich hörte Vögel zwitschern und bunte Lichter zwischen den Zweigen schweben bei denen ich instinkttief an Glühwürmchen denken musste. Alles war hier voller Geräusche und Bewegungen. Der ganze Wald schien hier voller Leben überzuquellen. Als würde das Orakel die Natur hier mit seiner Lebenskraft speisen. Nur widerwillig gelang es mir den Blick von diesem Anblick zu lösen und die eigentliche Lichtung zu betrachten. Doch dieser Anblick war nicht weniger faszinierend.
In konzentrischen Kreisen waren hier schwarze Monolithen aufgestellt worden. Jeder einzelne dieser Steine schien von innen heraus zu glühen, jenes seltsame Schimmern das ich durch das Geäst des Waldes gesehen hatte. Ein leises Summen drang an meine Ohren, wie damals als ich die Höhle in den Bergen betreten hatte. Es schien ebenfalls aus den Monolithen zu stammen. Gefesselt von diesem Anblick sah ich im Zentrum dieser Monolithen einen schwarzen Obsidianblock. Er sah genau so aus wie der erste Altar in der Höhle. Ich stieß einen tiefen Seufzer aus, nun gab es keinen Zweifel mehr. Ich hatte das Orakel gefunden.
Etwas durchfuhr meine Gedanken und überrascht presste ich die Hände an die Schläfen als eine vertraute Stimme zu mir sprach: "Drake du Kane. Du bist zu mir zurückgekehrt."
Meine Blicke schweiften umher während ich die Hände von den Schläfen nahm. Die Stimme schien aus allen Monolithen gleichzeitig zu kommen und fiel wie ein tausendfaches Echo über mich her.
"Ja, ich bin deinem Ruf gefolgt. Ich hätte nicht erwartet dir noch einmal zu begegnen."
"Deine Wege sind bisweilen sogar für mich unergründlich. Du bist der erste dem die Ehre zuteil wird zweimal meine Offenbarungen zu empfangen."
"Darauf kann ich getrost verzichten. Deine Weisheiten haben mir nur Kummer beschert. Ist den mein ganzes Leben nur eine vom Schicksal gelenkte Schachfigur?"
"Das Leben aller die große Veränderungen bringen ist vorherbestimmt." antworte das Orakel schlicht.
" Du hast gewusst was mit Myra passieren würde, nicht wahr?" Das Orakel schwieg.
"DU HAST ES GEWUSST!!!" schrie ich meine Wut und meine Verzweiflung in die Nacht.
"Es hätte nichts geändert. Der Plan des Schicksals kann nicht verändert werden. Ich kenne den Plan, doch ich vermag ihn nicht zu beeinflussen."
"Du bist ein Monster." flüsterte ich.
"Sprich nicht unbedacht zu mir Drake du Kane. Du kannst nicht ermessen was es bedeutet das Schicksal der Welt zu kennen und nichts daran ändern zu können. Ich bin was ich bin um meine Aufgabe erfüllen zu können. So wie du bist was du bist um deine Aufgabe zu erfüllen."
"Und was ist meine Aufgabe?"
"Du wirst es erkennen. Doch bevor es soweit ist musst du noch etwas wissen."
"Und was ist diesmal der Preis dafür?"
"Ich fordere nichts von dir, du hast mir genug gegeben."
"Versuch nicht mit mir zu spielen. Ich weiß dass nichts umsonst ist. Was hättest du davon mich zu erleuchten?"
"Immer noch der alte Drake du Kane. Ich hatte fast vergessen wie amüsant die Gespräche mit dir sind." Die Stimme des Orakels klang belustigt. "Nun gut. Deine Taten die folgen werden sind mein Lohn. In weiter Zukunft wird mir jemand einen Gefallen tun, jedoch nur wenn du erfolgreich bist. Mehr musst du nicht wissen." Das Orakel verstummte. Ich wusste, mehr würde es mir nicht sagen.
"Nun gut, was willst du von mir?"
"Heute ist eine besondere Nacht Jäger. In diesem Augenblick wird in weiter Ferne dein Erbe geboren."
Sprachlos sah ich zwischen den Monolithen hin und her während diese Worte in meinen Verstand eindrangen.
"Mein Erbe? Was meinst du damit?"
"Er wird in ferner Zukunft dein Schüler werden. In etwas mehr als zwanzig Jahren. Du wirst ihm auf jenem Eiland namens Tharos begegnen. Er wird einer deiner Begleiter sein. Du wirst ihn erkennen wenn die Zeit gekommen ist. Und du wirst ihm dein Wissen hinterlassen."
Ich dachte über diese Worte nach. In meinen Gedanken war immer Craven mein Erbe. Doch tief im Inneren wusste ich dass er nicht der Richtige war. Ich wusste dass ich meinen wahren Schüler noch nicht gefunden hatte. Doch würde er Craven sehr ähnlich sein, dessen war ich mir sicher. Daher kam meine Rastlosigkeit. Ich war immer noch auf der Suche nach ihm. Nach dem, der mein Erbe weiterführen würde - das Erbe der Nacht.
"Wie kann ich ihn finden?" fragte ich das Orakel.
"Alles zu seiner Zeit. Geh deinen Weg, alles andere kommt von alleine. Und nun komm zu mir. Lass dich erleuchten."
Ich wusste was das Orakel mir damit zu verstehen geben wollte. Langsam näherte ich mich dem Altar. Vorsichtig strichen meine Finger über das kalte Obsidiangestein. Ich schickte mich an mich meiner Kleider zu entledigen, doch das Orakel gebot mir Einhalt: "Das wird nicht nötig sein."
Das Kribbeln wurde stärker als ich mich auf dem Altar niederließ und sofort umschloss mich die eisige Umklammerung des Orakels. Es zerrte mich fort und mein Geist schien einen endlosen Strudel hinabzustürzen. Ich sah Bilder vor meinem geistigen Auge aufblitzen. Zukünftige Ereignisse. Es war anders als beim ersten Mal. Weniger bedrohlich aber noch verwirrender als damals. Ich wusste nicht was diese Bilder bedeuten sollten, doch sie brannten sich in mein Unterbewusstsein ein. Es waren Bilder dieser seltsamen Insel. Etwas Gewaltiges ging dort vor sich, doch lagen diese Ereignisse noch in weiter Zukunft.
"Du wirst verstehen was ich dir soeben mitgeteilt habe wenn du bereit dafür bist. Vergiss diese Bilder nicht, von ihnen hängt weit mehr als nur dein eigenes Leben ab. Und nun erhebe dich, die Zeit drängt."
Wie in Trance erhob ich mich von dem Altar. Mein Körper fühlte sich seltsam fremd an, als befände ich mich in der Hülle von jemand anderem. Über mir vollführten die Glühwürmchen ihren seltsamen Tanz und der Himmel schien ein Kaleidoskop aus Farben zu sein. Der Anblick hatte etwas erhabenes, einen Moment lang war ich unfähig mich von der Stelle zu rühren, gefesselt von dieser Schönheit. Dann bemerkte ich eine Disharmonie in dem Summen das aus den Monolithen erklang. Etwas stimmte nicht.
"Du musst nun gehen. Sie sind fast da."
"Wer? Wer ist fast da?"
"Sie kommen um dich zu holen. Und ich kann sie nicht davon abhalten in meinen Zirkel einzudringen. Sie sind sehr mächtig."
'Asteroth' dachte ich erschrocken. 'Das verdammte Ding hatte mir eine Falle gestellt'.
"Du weißt ich kenne deine Gedanken. Doch ich habe sie nicht hergeführt."
"Ich glaube dir kein Wort."
"Es spielt keine Rolle was du glaubst. Das Schicksal nimmt seinen Lauf und du bist ebenso Teil davon wie ich. Und nun geh. Du wirst mich nicht wieder sehen. Ab sofort bist du auf dich alleine gestellt."
Und mit diesen Worten verstummte das Orakel und der seltsame Schimmer aus den Monolithen erlosch, ebenso wie das eigentümliche Summen und der Tanz der bunten Lichter. Die Lichtung wurde jetzt nur noch vom Sternenlicht erhellt. Das Kribbeln war verschwunden, doch dafür kehrten die Stimmen der Zwillinge zurück. Sie versuchten mich zu warnen. Doch ich spürte die Gefahr auch so, auch ohne die Worte des Orakels und die Warnungen der Schwerter.
Ich begann zu laufen. Ich ließ den Steinkreis hinter mir und bahnte mir meinen Weg zurück durch den Wald. Aber ich wusste dass ich es nicht schaffen würde. Was immer mich aufgespürt hatte, es war nun da. Ich zog Fortigan und Korosan und bereitete mich innerlich auf den Kampf vor. Ich wusste nicht das mich ein Kampf erwarten würde der mit Klingen nicht zu gewinnen war.
5.
"Etwas stimmt nicht." Craven lief aufgewühlt hin und her und sah alle fünf Sekunden in das Dickicht des Waldes, indem Drake verschwunden war.
"Das Orakel wird ihm nichts tun. Hab Vertrauen." antwortete Cas'thor ruhig. Craven warf dem Gargoyl einen wütenden Blick zu. "Was verstehst du schon davon? Ich spüre wenn Gefahr in der Luft liegt. Vielleicht ist es wirklich nicht dein ach so geliebtes Orakel, doch irgendetwas passiert. Ich werde ihn suchen gehen." Mit diesen Worten schickte sich Craven an, dem Pfad zu folgen den Drake eingeschlagen hatte.
"Halt. Du darfst den inneren Zirkel nicht betreten. Du erzürnst das Orakel." rief Cas'thor erschrocken aus.
Craven drehte sich zu dem Gargoyl um und sah ihn entschlossen an. "Ich fürchte mich nicht vor deinem Orakel. Drake ist meine Freund, ich muss ihm helfen." Ohne ein weiteres Wort verschwand der Ritter in der Dunkelheit.
Intuitiv blieb ich stehen und sah mich um. Sie waren da. Wer auch immer es sein mochte, ich spürte sie nun ganz deutlich. Aber sie waren abseits des Weges. Wie gebannt starrte nach links in den Wald. Ich musste einfach nur geradeaus meinen Weg fortsetzen. Doch etwas zog mich an. Ich fühlte etwas Vertrautes und einen Moment überkam mich ein Gefühl der Sehnsucht und des Verlustes. Was war das? Ich musste es herausfinden. Wider aller Vernunft verließ ich den Pfad und bahnte mir meinen Weg durch den verwilderten Wald. Das leise Rauschen eines Baches drang an meine Ohren. Ich hatte mein Ziel beinahe erreicht.
Mit zitternden Händen schob ich das grüne Dickicht vor mir beiseite und erblickte vor mir das Ufer eines kleinen Flusses. Fahles Mondlicht beleuchtete den Platz vor mir und ich konnte eine Gestalt erkennen die am Rande des Ufers stand und auf den Fluss hinab sah. Es war zu dunkel um diese Person zu erkennen, doch wieder überkam mich dieser tiefe Schmerz. Langsam trat ich aus dem Wald, Fortigan und Korosan noch immer kampfbereit erhoben.
Als hätte die Gestalt mich erwartet drehte sie sich um und trat ins Licht. Eine eisige Umklammerung packte mich, schnürte mir die Luft ab. Ich brachte nur ein entsetztes Keuchen hervor während meine Beine weich wurden. Meine Gedanken drifteten davon und ich hatte wieder dieses Gefühl in einen tiefen Abgrund zu stürzen. Vor mir stand Myra!
Doch sie war verändert. Es waren nicht nur die schwarzen Haare, die bleiche Haut und diese vampirischen roten Augen. Ihre Schönheit, schon zu Lebzeiten außergewöhnlich, war nun von einer geradezu dämonischen Intensität. Doch die einstige Wärme war aus ihrem Blick verschwunden. Ich konnte keine Emotionen darin lesen. Es war als stände ein Toter vor mir. Und damit wurde mir wieder schmerzlich bewusst was sie nun war. Zu was sie Asteroth gemacht hatte und meine Verzweiflung raubte mir schier die Sinne.
Sie schien meine Qualen zu bemerken und zu genießen. Sie lächelte mich an. "Drake." flüsterte sie.
"Myra?" stieß ich ungläubig hervor. Es klang mehr wie ein Keuchen als wie eine Frage. Einen kurzen Moment glaubte ich ein Zögern in ihrem Blick gesehen zu haben, doch vermutlich hatte ich mir das eingebildet.
"Dieser Name existiert nicht mehr. Du kannst mich Lukryscha nennen."
Ich wankte einen Schritt auf sie zu. "W...Was haben sie dir nur angetan?"
Lukryscha lachte. "Sie haben mir die Augen geöffnet. Mir einen Blick auf das wahre Gesicht der Welt werfen lassen. Und mir gefällt was ich sehe."
Ich schüttelte den Kopf, mein ganzer Körper bebte. "Nein. Sie haben dich belogen. Sie haben ein Monster aus dir gemacht. Aber ich kann dir helfen."
"Ich bitte dich, du weißt so gut wie ich dass das eine Lüge ist. Und ich will deine Hilfe nicht. Ich bin nun stärker als jemals zuvor."
"Myra, bitte. Ich liebe dich." Meine Stimme war nur noch ein Flehen.
"Hör auf mich so zu nennen. Mein Name ist Lukryscha!" fuhr sie mich wütend an. Ihr alter Name schien sie wütend zu machen. Aber warum? "Und ich brauche deine Liebe nicht. Liebe ist für Narren und Schwächlinge. Du solltest über solchen Dingen stehen. Du verleugnest deine edle Abstammung."
Ihre Worte waren wie Dolchstöße. Eisige Kälte lag in ihrer Stimme. Ich wollte einfach nicht glauben was ich eben gehört hatte. "Du hast mich diese Werte einst geleert. Erinnerst du dich denn nicht daran?"
"GENUG!" brauste sie wütend auf. "Ich will davon nichts hören. Deine sentimentalen Torheiten werden dir nichts nützen. Ich kenne dich nicht Kane. Was früher zwischen uns gewesen war ist nun vorbei." Mit diesen Worten zog Lukryscha ein reich verziertes Schwert. Es hatte keine Ähnlichkeit mehr mit Faliceat. Es war wuchtiger, schwerer. Zu Lebzeiten hätte sie es niemals mit einer Hand führen können. Langsam kam sie auf mich zu.
"Bitte Myra. Ich will dich nicht verletzen." flehte ich sie an.
Doch sie schritt weiter unbeirrt auf mich zu. "Du bist der Schlüssel zu meinem Triumph. Also setz dich zur Wehr Jäger. Oder soll ich den mächtigen Drake du Kane einfache erschlagen wie einen räudigen Straßenköter?"
Irgendwie schaffte ich es Fortigan und Korosan in Kampfstellung zu bringen. Doch es waren die Schwerter selbst und ihre unstillbare Gier nach dem Blut der Untoten und nicht mein freier Wille der dies tat. Ich konnte nicht gegen sie antreten. Und sie wusste das ebenfalls. Lächelnd hob sie ihr Schwert. "Du kannst nicht gegen mich kämpfen."
"Myra bleib stehen." presste ich hervor.
"Du sentimentaler Narr. Vor dir erzittern alle Vampire?" spottete sie über mich.
"Ich warne dich. Komm nicht näher."
"Wie erbärmlich. Du gehörst mir."
Schneller als bei jedem anderen Vampir an den ich mich erinnern konnte fuhr ihre Klinge auf mich herab. In letzter Sekunde blockte ich mit Korosan. Doch wieder waren es die Zwillinge, nicht ich, die den Schlag parierten. Sie wollten mich beschützen, denn ich war der einzige der ihren Blutrausch befriedigen konnte. Sie wollten nicht zurück in ihr altes Gefängnis um dort wieder Jahrhunderte auf einen Auserwählten zu warten. Mein Tod würde auch ihr Schicksal besiegeln.
Lukryscha schien von meiner Reaktion überrascht. Sie grinste mich an. "Oh, es steckt also doch noch Feuer in dir. Gut, das macht es interessanter."
"Hör auf mit diesem Wahnsinn. Du bist nicht du selbst." keuchte ich atemlos.
Lukryscha breitete wie in Extasse die Arme aus. "Ich bin sosehr ich selbst wie nie zuvor. Zu schade dass du nie die wahre Kraft der Vampire erfahren wirst. Deine kümmerlichen Versuche dich an deine Menschlichkeit zu klammern verschließe dir den Weg zu wahrer Macht."
Mir wurde übel als ich sie so reden hörte. Sie klang wie Asteroth. Was hatte er nur mit ihr gemacht. Die Klingen in meinen Händen forderte ihr Blut. Sie waren wie bissige Hunde. Ich versuchte sie zu zähmen. Es kostete mich all meine Kraft sie im Zaum zu halten.
Lukryscha schnellte nach vorne und deckte mich mit einer raschen Abfolge von Schlägen ein. Es gelang mir jeden ihrer Schläge abzuwehren, doch meine Kräfte würden das nicht lange durchhalten.
"Ich bedauere wie sich die Dinge entwickelten. Wir hätten zusammen über diese Welt regieren können Drake."
"Du wirst niemals über diese Welt regieren. Und das weißt du."
"Wir werden sehen." antwortete Lukryscha und griff wieder an. Diesmal gelang es mir nicht alle ihre Attacken zu parieren. Schmerzhaft schnitt ihr Schwert über meine Oberschenkel und meinen linken Unterarm. Entsetzt sah ich wie Lukryscha ihr Schwert zum Mund hob und genüsslich begann mein Blut von der Klinge zu lecken. "Das Blut des Jägers." seufzte sie.
"Wie süß es ist."
Ich wusste dass es keinen Ausweg gab. Vor mir stand nicht länger Myra sondern ein weiterer Dämon aus Asteroths Schöpfung. Doch ich konnte einfach nicht vergessen was sie einst war. Ich konnte sie nicht verletzen, und wenn es mich meine Existenz kosten würde.
Wieder attackierte sie mich, meine Abwehr wurde immer schwächer. Sie fügte mir eine klaffende Wunde quer über den Bauch zu und ich brach vor ihr in die Knie. Die schwarzen Zwillinge fielen mir aus den Händen.
"Du bist keine Herausforderung Jäger." sagte Myra kalt.
"Ich liebe dich." röchelte ich am Ende meiner Kräfte. Wieder glaubte ich einen kurzen Moment ein Aufflackern in ihren toten Augen zu sehen, doch die Welt begann bereits vor meinen Augen zu verschwimmen und ich wusste nicht mehr was Real war und was ich mir nur einbildete.
Lukryscha schüttelte ärgerlich den Kopf. "Das wird dir auch nicht weiterhelfen. Wenn du dich nicht wehren willst dann stirbst du eben auf Knien wie ein Feigling." Wieder hob sie ihr Schwert, als eine herrische Stimme aus den Büschen erklang: "Das ist genug Lukryscha! Ich brauche ihn lebend."
Lukryscha hielt inne und ließ ihr Schwert sinken. Ich glaubte Enttäuschung und Wut in ihrem Gesicht zu lesen, die ersten richtigen Emotionen die ich darin sah. Eine zweite Gestalt trat aus dem Schatten. Spielte mir mein Verstand einen Streich? Ich musste bereits Halluzinationen haben. Einen Moment glaubte ich Tarim o Kiel neben ihr zu sehen.
Dann schwanden endgültig meine Sinne und ich stürzte in die Finsternis.
Craven beschleunigte seine Schritte als er Kampfeslärm hörte. Hektisch sah er sich um. Verflucht, woher kamen diese Geräusche? Er verließ den Pfad der zum Zentrum des Orakels führte und versuchte den Geräuschen zu folgen. Er zog Rutex aus seiner Rückenscheide und hackte sich seinen Weg durch den Wald. Seine Gedanken kreisten um Drake. Warum musste ihn dieser Kerl immer in Schwierigkeiten bringen? Er stürmte schneller durch den Wald. Schließlich verstummten die Kampfgeräusche und Craven überkam ein ungutes Gefühl. Doch er glaubte Stimmen zu hören. Direkt vor ihm. Er stürmte nach vorne.
Kampfbereit brach er aus dem Unterholz, vor sich erblickte er ein Flussufer. Ein seltsames blaues Leuchten ging vom Waldrand aus und als sein Blick dem Licht folgte erkannte er dort etwas dass wie ein Dimensionstor aussah. Er wusste nicht wie er es anderes beschreiben sollte. Zwei Gestalten schleppten einen bewusstlosen Körper in das Leuchten und verschwanden im selben Moment. Craven konnte nur einen flüchtigen Blick auf sie werfen aber es gab keinen Zweifel. Die bewusstlose Gestalt war Drake.
Zwei weitere Gestalten standen vor dem Tor und drehten sich überrascht zu ihm herum. Die eine war ein kleiner aber extrem breiter Mann den Craven noch nie zuvor gesehen hatte. Doch er sah genau so aus wie Drake immer Tarim o Kiel, das Oberhaupt der Gilde, beschrieben hatte. Konnte das sein?
Craven wollte sich auf sie stürzen, doch hielt er erschrocken inne als er die zweite Gestalt erkannte. Nein, das konnte nicht sein. Craven traute seinen Augen nicht.
Lukryscha hob ihr Schwert und wandte sich an O Kiel. "Was ist mit ihm?"
Doch o Kiel schüttelte den Kopf. "Wir haben keine Zeit mehr. Wir haben was wir wollten, lass uns gehen." Mit diesen Worten drehten ihm die beiden Gestalten den Rücken zu und schritten durch das Portal. Craven stürmte mit erhobener Axt auf sie zu, doch das Portal war verschwunden bevor er es erreichen konnte.
Craven blieb alleine zurück.
Kapitel 12
Erlösung
1.
Ich erwachte in einer Welle aus Schmerzen die meinen ganzen Körper malträtierten. Doch weit schmerzhafter als dieses körperliche Martyrium waren die Erinnerungen an Myras kalte Augen als sie mir den finalen Stoß versetzen wollte. Sie war zu einer Bestie geworden, nichts zeugte mehr von der einstigen Güte die einmal von ihr ausging. Ich glaubte noch nie an Gerechtigkeit, doch diese Qual war einfach zuviel für mich. Ich drohte endgültig zusammenzubrechen. Sollte sich dieses verfluchte Orakel jemand anderen für seine Zwecke suchen. Sollte das verhasste Schicksal das mich mein Leben lang nur gedemütigt und gequält hatte einen anderen Narren wählen mit dem es spielen konnte. Das Schicksal der Welt kümmerte mich nicht länger.
Doch etwas tief in mir regte sich noch. Mein Feuer mochte fast erloschen sein, doch noch glomm irgendwo in mir verborgen die Glut, bereit ein letztes Mal entfacht zu werden. Ich durfte es so nicht enden lassen. Ich musste Myra rächen für das was ihr angetan wurde und sei es das ich dieses Ding das sie nun befehligte vernichten würde um ihre Seele zu erlösen. Und ich musste Craven vor dem selbem Schicksal bewahren. Und schließlich gab es immer noch meinen Schwur der mich die Jahrzehnte überdauern ließ. Viele Male war ich kurz davor ihn zu brechen und doch hatte er mich all die Zeit über begleitet und mir die Kraft gegeben weiterzumachen, egal was auch geschehen war.
Ich öffnete die Augen und sah mich um. Ich fand mich in einer dreckigen dunklen Zelle wieder. Mein geschundener Körper lag auf einer hölzernen Pritsche. Ansonsten war die Zelle leer. Rostige Gitterstäbe gaben den Blick auf einen alten feuchten Tunnel frei. Einige brennende Fackeln beleuchteten eine steinerne Treppe die nach oben führte. Ich konnte leise das tropfen von Wasser hören. Ich musste mich in einem Verlies tief unter der Erde befinden. Schmerzlich stellte ich fest dass die schwarzen Zwillinge fort waren, doch ich hatte nichts anderes erwartet. Ich wusste nicht wie lange ich bewusstlos war, doch das nagende Gefühl in meinen Eingeweiden sagte mir das es zu lange war. Ich betrachtete meinen Körper. Die Wunde sollten längst verheilt sein, doch der Schmerz durch den Verlust der Klingen lähmte mich und verlangsamte den Prozess der Heilung. Ächzend rollte ich mich von der Pritsche und kam langsam auf die Beine. Wieder durchfuhren mich Schmerzen und mit einem erstickten Aufschrei brach ich in die Knie. Meinen einst so starken Körper in dieser hilflosen Lage zu sehen erfüllte mich mit Wut. Sie mochten meinen Körper brechen, doch noch hatte ich meinen Willen. Zitternd kam ich auf die Beine und schaffte es diesmal stehen zu bleiben, als ich hörte wie sich über mir eine Tür öffnete. Jemand kam die Treppe herab, ich hörte schwere herrische Schritte. Es gelang mir nicht meine Überraschung zu verbergen als ich Tarim o Kiel erblickte der die Treppe hinab schritt und einen rostigen Eimer in der rechten Hand trug. Also hatte ich mir das doch nicht eingebildet. Aber wie konnte das sein, was hatte Myra mit diesem verfluchten Parasiten zu schaffen?
Tarim o Kiel blieb vor den Gitterstäben stehen und stellte den Eimer auf dem Boden ab. Er war keine zwei Meter von mir entfernt. Zufrieden verschränkte er die Arme vor der Brust und betrachtete mich durch die Gitterstäbe. "Meine Anwesenheit scheint dich zu überraschen Jäger."
"Ich hatte beinahe vergessen wie sehr euere Anwesenheit die Luft verpestet." erwiderte ich.
"Deine freche Reden werden dir noch vergehen Kane. Zum zweiten Mal befindest du dich in meiner Gewalt."
"Und erneut werde ich euere Überheblichkeit Lügen strafen wenn ich euch entkomme."
Der Erzvampir begann zu lachen. "Oh nein, dieses mal nicht. Ich werde kein zweites Mal den Fehler begehen dich zu unterschätzen. Es ist mir ein Rätsel wie du damals überleben konntest, doch das spielt nun keine Rolle mehr. Nun gehörst du mir. Und ebenso deine Dämonenschwerter die Asteroth sosehr begehrte."
"Sie werden dir nichts nützen. Sie existieren einzig und allein um Vampire zu vernichten."
"Möglich. In diesem Fall werden sie mir als Trophäe dienen. Als Zeichen für den Untergang von Drake du Kane, dem letzten der C´ael Rohen."
Ich schritt langsam auf den Erzvampir zu und ballte wütend meine Fäuste um die Gitterstäbe. "Diesen Tag werdet ihr nicht mehr erleben." flüsterte ich ihm ins Gesicht.
"Deine Zeit ist abgelaufen Jäger. Dein Tod wird die Rettung der Gilde sein. Mit deiner Vernichtung werde ich der Welt zeigen dass ich ihr Herrscher bin. Du wirst brennen Kane und ein Leuchtfeuer für alle Vampire sein, dass ihnen zeigt wer am Ende über diese Welt herrschen wird. Asteroth wird vergehen wie der Schnee im ersten Sonnenlicht des Frühlings. Und das habe ich alles dir zu verdanken. Ich hoffe dieses Wissen wird dich in deinem Grab trösten."
"Ihr seit dem Wahn verfallen O Kiel. Euere Macht ist schon lange versiegt."
"Deine alte Gefährtin scheint das anders zu sehen."
"WAS HAT SIE MIT EUCH ZU SCHAFFEN? WAS HABT IHR GETAN?" brüllte ich ihn an und zerrte mit aller Kraft an den Gitterstäben. Ich spürte wie mich dass letzte bisschen Kraft verließ und meine Beine nachgaben. Hilflos sank ich an den Gitterstäben zu Boden. O Kiel sah voller Hohn und Verachtung auf mich herab. "Sie kam aus freien Stücken zu mir. Die Geschichte wird von den Siegern geschrieben und dass wusste sie."
"Ihr lügt." keuchte ich und spürte wie mir erneut die Sinne schwanden.
"Du kannst dich der Wahrheit nicht verschließen Kane. Früher oder später hat sie dich. Dein Schwur war sinnlos. Die Vampire sind die rechtmäßigen Herrscher über diese Welt. Sen Lar wusste das. Er hat dich belogen."
"Niemals." Meine Stimme war kaum noch ein Flüstern.
"Du wirst die Wahrheit erkennen. Doch dann wird es zu spät sein." Mit diesen Worten entfernte sich der Erzvampir von meiner Zelle. Ich hörte seine Schritte auf der Treppe, dann sank ich erneut in die Bewusstlosigkeit.
Als ich wieder zu mir kam lag ich noch immer auf dem stinkenden modrigen Boden meiner Zelle. Der rostige Eimer den O Kiel bei sich hatte stand vor den Gitterstäben auf dem Boden. Erst jetzt bemerkte ich den Geruch der von ihm ausging und mich überkam meine uralte Gier. Ein flüchtiger Blick offenbarte mir was ich bereits vermutete. In dem Eimer befanden sich blutige Fleischfetzen und Innereien, vermutlich von Tieren. Ich traute O Kiel jedoch ohne weiteres auch zu, dass es die Überreste von Menschen waren. Wie lange war es her dass ich das letzte Mal getrunken hatte? Ich wusste es nicht, aber ich konnte mich vor Schwäche nicht einmal mehr aufrichten. Angewidert betrachtete ich den Inhalt des Eimers und die Gier in mir wurde unerträglich. Ich hatte keine Wahl. Ich musste zu Kräften kommen wenn ich überstehen wollte was mich noch erwarten würde.
Voller Selbstekel streckte ich meinen Arm durch die Gitterstäbe und griff in den Eimer. Das Blut war kalt und abgestanden und doch löste es ein Gefühl der Extasse in mir aus und mein Hunger wurde nur noch gewaltiger. Wie ein hungriges Tier stürzte ich mich über die blutigen Fleischklumpen her und spürte wie meine Kräfte langsam zurückkehrten. Das nagende Gefühl des Verlustes dass ich wegen der schwarzen Zwillinge empfand war nun etwas leichter zu ertragen und auch meine Wunden schmerzten nicht mehr so stark wie vorher.
Erst jetzt, da meine Sinne wieder schärfer wurden bemerkte ich die kleine bucklige Gestalt die just in diesem Moment aus dem Schatten trat und mich belustigt anstarrte.
"Welch ein Anblick. Der einst mächtige Drake du Kane wie er über einen Eimer verfaulter Fleischbrocken herfällt wie ausgehungertes Vieh." lachte Sagul.
"Ich werde deinen Humor teilen wenn ich dein stinkendes Herz in meinen Händen halte." antwortete ich ihm und erhob mich. Ich überragte diese kümmerliche Kreatur um mehr als einen Kopf, doch ich wusste dass sein harmloses Aussehen schon so manchen hinters Licht geführt hatte. Sagul war in der Tat einer der mächtigsten unter den Hohen Vampiren und er hatte mich schon einmal übertölpelt. Doch so wie ich ihn unterschätzte als er mir den vermeintlich tödlichen Streich zufügte, so hatte auch er mich unterschätzt als er erkennen musste dass ich mitnichten durch seine Hand gefallen war. Welch Schmach musste es für ihn gewesen sein, zu erfahren dass ich seine Tat überlebt hatte? Sein Hass auf mich war grenzenlos und umso mehr schien er nun diesen Moment zu genießen.
"Ich wusste dass wir dich eines Tages kriegen würden. Welch Ironie es doch ist, dass ausgerechnet deine frühere Liebschaft dich uns servierte."
Wieder konnte ich mich nur schwer beherrschen, doch dieses Mal würde ich nicht die Nerven verlieren. Diesen Triumph würde ich ihm nicht eingestehen.
"Welch Ironie das du dich mit deinem Henker unterhältst, Sagul. Wenn du brennend vor mir liegst werde ich dich daran erinnern." sagte ich stattdessen zu ihm.
"Dein Optimismus ist wirklich bewundernswert Jäger. Nun, man gesteht dem Delinquenten einen letzten Wunsch zu, nicht wahr? Ich werde dich in deinem lächerlichen Glauben lassen wenn dich das beruhigt." Mit diesen Worten schickte sich Sagul an den Kerker zu verlassen. Doch ich packte ihn durch die Gitter an der Schulter und hielt ihn zurück. "Ich werde euch vernichten. DAS ist ein Versprechen."
Wütend packte er meine Hand und löste sie von seiner Schulter. Ohne mich eines weiteren Blickes zu würdigen verließ er den Raum. Doch ich glaubte in seinen Augen ein nervöses Funkeln zu sehen. Die Art wie ich ihm mein Versprechen gab verunsicherte ihn. Sagul war der einzige Beteiligte dieses Spiels der möglicherweise sein Schicksal erahnte.
2.
"Es war meine Schuld. Ich hätte einfach schneller sein müssen." Craven saß niedergeschlagen auf einem Stein und starrte zum Horizont. Es war fast Mittag. Er hatte die ganze restliche Nacht und den Morgen nach Drake gesucht, ihn aber natürlich nicht finden können. Wie auch, er wusste ja nicht einmal ansatzweise wo er sich befinden könnte. Schuldgefühle plagten ihn. Er hatte gewusst dass es ein Fehler war ihn alleine gehen zu lassen.
"Es war seine eigene Wahl, dich trifft keine Schuld."
Craven sah zweifelnd zu der großen steinernen Gestalt die ein Stück neben ihm im Schein der aufgehenden Sonne stand und ihn eindringlich ansah.
"Ich dachte Gargoyles vertragen kein Sonnenlicht." sagte Craven.
"Nur in den Legenden Junge." antwortete Cas´thor.
"Was tut ihr immer noch hier? Ihr habt eueren Auftrag ausgeführt. Drake war bei diesem Orakel."
"Ich mag im Dienste des Orakels stehen, doch ich habe dennoch einen freien Willen. Ich habe nicht vor Drake du Kane seinen Häschern zu überlassen."
Craven betrachtete den Gargoyle überrascht. "Weshalb tut ihr das?"
"Weshalb willst du ihn retten?" stellte der Gargoyle die Gegenfrage.
"Wie könnt ihr das fragen. Er ist mein Mentor, mein Kampfgefährte und Clansbruder."
Craven verstummte einen Moment und fügte dann hinzu: "Vor allem aber ist er mein Freund. Ich werde ihn nicht im Stich lassen. Er war immer für mich da in all den Jahren. Nun werde ich einmal für ihn da sein. Das bin ich ihm schuldig."
Cas´thor nickte bedächtig. "Gut gesprochen für einen Menschen. Ehrgefühl und wahre Freundschaft ist selten geworden bei euerer Rasse. Du beeindruckst mich Ritter. Deshalb werde ich dir helfen. Und Drake beeindruckt mich schon seit ich ihn das erste Mal getroffen hatte. Mir liegt nichts daran ihn in den Händen dieser Blut saugenden Parasiten zu sehen."
Craven schüttelte den Kopf. "Offensichtlich habe ich euch falsch eingeschätzt. Ich muss mich wohl für meine harten Worte vorhin bei euch entschuldigen."
"Es gibt nichts zu entschuldigen. Wir müssen handeln. Die Frage ist wo sie ihn hingebracht haben."
Craven dachte intensiv nach. Er musste etwas übersehen haben. "Ich vermute dass er von Myra…von diesem Ding getäuscht wurde. So wie ich Drake kenne brachte er es nicht übers Herz sie anzugreifen. Verflucht, mir wäre es wohl nicht anders ergangen." Wütend ballte Craven seine Hand zur Faust und schlug sich damit auf den Oberschenkel um seine Worte zu bekräftigen.
"Vermutlich. Ich habe gehört was aus euerer Gefährtin wurde. Es muss hart sein sie nun als Feind zu haben."
"Es hilft Drake nicht wenn wir hier herum sitzen und darüber nachdenken. Ich bin mir nicht sicher wer der andere Kerl war, aber ich könnte schwören das die Beschreibung exakt auf Tarim o Kiel passte."
"Das Oberhaupt der Vampirgilde? Ich hab von ihm gehört. Ein sehr unangenehmer Zeitgenosse."
Craven rieb sich die Schläfen. "Was könnte er vorhaben? Warum hat er ihn nicht auf der Stelle vernichtet? Die Gilde ist auf ihrem Tiefpunkt und wir haben erfahren das Asteroth den Krieg gegen sie erklärt hat. O Kiel hat aber bisher nichts deswegen unternommen."
"Warum? Wenn er keine Truppen aufstellt wird ihn der andere Erzvampir, dieser Asteroth, einfach überrennen." stellte Cas´thor fest.
Cravens Augen funkelten aufgeregt als er begann die Hintergründe zu verstehen. "Weil Tarim o Kiel nie vorhatte gegen Asteroth zu kämpfen. Offensichtlich hat sich Myra", wieder stockte Craven kurz als er ihren Namen aussprach, "der Gilde aus welchen Gründen auch immer angeschlossen und O Kiel sah darin einen Weg an Drake ran zu kommen."
"Aber wozu?"
"Um seine Macht zu demonstrieren. Wenn sich herumspricht das es ihm gelungen war den Jäger zu fangen werden sich die Vampire von Asteroth abwenden und sich wieder der Gilde anschließen. Das ist ihr Wesen. Sich dem stärkeren zuzuwenden. In diesem Fall würde Asteroth bald allein dastehen und ein Krieg wäre überflüssig."
"Aber wie will er beweisen dass er Drake hat?"
Craven schluckte. "Er wird ihn öffentlich hinrichten lassen."
Cas´thor brummte wütend. "Feiglinge. Das müssen wir verhindern. Aber wo tun sie das?"
Plötzlich sprang Craven hektisch auf und sah den Gargoyle aufgeregt an. "Ich weiß wo er ist."
"Wo?"
"Wenn es stimmt was mir Drake von O Kiel und seiner Denkweise erzählt hat gibt es nur einen Ort der dafür in Frage kommt. Er wird es dort beenden wo der Krieg seinen Ursprung hatte. Auf dem Drake-Stone-Mountain."
Gedankenversunken strich Asteroth über den weichen Einband des Necronomicons. Trotz all der Jahrtausende war die Menschenhaut, in die das Buch gebunden war, noch immer ganz zart und geschmeidig. Er verbrachte neuerdings viel Zeit mit der Betrachtung des Buches. Er hatte einen hohen Preis dafür bezahlt. Zu hoch. Asteroth gestand es sich ungern ein, aber er hatte seine Feinde unterschätzt. Er hatte den Willen von Kane unterschätzt als er es in seiner Abwesenheit wagte in sein Schloss einzudringen. Nun besaß er den Blutstein den er die ganzen Jahre über sicher hier in seiner Obhut wusste. Doch das war nicht weiter schlimm. Asteroth wusste das es irgendwo in der Ferne ein Eiland gab wo es diese Steine zu Duzenden gab. Eines Tages würde er das Rätsel um diese mysteriöse Insel lösen und dann würde nichts mehr zwischen ihm und der Macht der Steine stehen. Doch der Diebstahl des Steines hinterließ einen bitteren Beigeschmack. Straker war vernichtet und Barlow war nach diesem Vorfall dem Wahnsinn verfallen und zu kaum einer intelligenten Tat mehr fähig. Seine zwei besten Soldaten waren wegen dieses verfluchten Steines außer Gefecht.
Und dann Lukryscha. Er hatte ihre Dreistigkeit unterschätzt. Er wusste dass sie sich ihm nicht so leicht beugen würde. Aber er hätte nicht gedacht dass sie es wagen würde sich O Kiel und dieser verhassten Gilde anzuschließen. Und nun hatten sie dank ihrer Hilfe auch noch Kane gefangen genommen.
Zum ersten Mal seit einer Ewigkeit hatte Asteroth das Gefühl das er die Kontrolle über die Ereignisse verlor. Wie sich die Dinge doch innerhalb einer einzigen Nacht verändern konnten. Doch er hatte früher schon schlimmere Rückschläge überwunden. Möglicherweise würde sein Sieg noch etwas länger dauern als er dachte, doch noch war nichts verloren.
Sanft streichelte der das Buch. "Du denkst wirklich dass du mich besiegen könntest." flüsterte er leise zu sich selbst. "Du armseliger Narr." Asteroth wusste was O Kiel vorhatte, er kannte ihn besser als jeder andere. Endlich konnte er den verhassten Jäger hinrichten. Er wollte ihn mit dieser Tat bloßstellen, Asteroths Unfähigkeit beweisen. Und natürlich gab es nur einen Ort dafür, den Drake-Stone-Mountain. Tarim o Kiel würde es sich nicht nehmen lassen dorthin zurückzukehren wo ihm Asteroth einst die größte Schmach beigefügt hatte indem er seinen Glauben verleugnet hatte. O Kiel war so einfach zu durchschauen das Asteroth innerlich lächeln musste.
Asteroth wandte sich von dem Necronomicon ab und schritt durch sein Allerheiligstes. Sein alter Rivale würde sich noch wundern. Asteroth hatte nicht vor sich aus dieser Hinrichtung ausladen zu lassen, immerhin war es seine Schöpfung die der Sonne übergeben werden sollte. Und noch hatte er ein paar Trümpfe im Ärmel. Er würde seine Vergeltung bekommen.
3.
Die Zeit schien in meiner engen Zelle stillzustehen. Es kam mir wie eine Ewigkeit vor, dass ich mich in O Kiels erlauchter Gesellschaft befand. Ich schritt in meinem Domizil auf und ab wie ein hungriger Wolf. Seit meiner Gefangenschaft bei dem Schwarzmagier Sorlag ertrug ich keine Gitter mehr die meinen Weg versperrten. Dieser Zustand war für mich schlimmer als sämtliche Qualen die mich noch erwarten sollten.
Ich musste mich nun schon fast zwei Tage hier befinden, ich spürte wie die Schmerzen schlimmer wurden die mir meine Schwerter durch ihre Abwesenheit bereiteten. Wenn nicht bald etwas passieren würde, konnte sich O Kiel seine Hinrichtung sparen. Ich würde einfach in seiner Zelle zusammenbrechen. Der Gedanke dass meine Zeit so enden würde war mir unerträglich.
Das vertraute Geräusch einer sich öffnenden Tür verdrängte diese Gedanken. Jemand kam und ich hatte das unbestimmbare Gefühl das etwas Großes bevorstand. Wie auch immer diese Geschichte ausgehen sollte, nun hatte es begonnen. Schritte hallten auf den Stufen, kein Schatten im Fackelschein. Ich wusste wer zu mir kam, die Erkenntnis traf mich noch bevor ich sehen konnte wer es war. Ich spürte sie ganz deutlich und meine Hände verkrampften sich schmerzhaft um die Gitterstäbe meiner Zelle.
Als Lukryscha ins Licht der Fackeln trat umspiegelte wieder dieses listige Schmunzeln ihr Gesicht. Sie betrachtete mich zufrieden und voller Stolz, wie eine Trophäe.
"Du siehst nicht gut aus Drake." sagte sie nachdem sie mich gründlich betrachtet hatte.
Ich versuchte mich unter Kontrolle zu halten und war selbst überrascht wie gefestigt meine Stimme klang: "Was willst du hier?"
Lukryscha tat als wäre sie beleidigt. "Ist das die Art wie man alte Bekannte begrüßt?"
"Hör auf mit den Spielchen. Kommst du um mich zu holen?"
Lukryschas Miene wurde ernst. "Tarim o Kiel hat deine Hinrichtung für heute Nacht veranlasst. Jedes verbliebene Ratsmitglied der Gilde ist bereits eingetroffen um Zeuge deines Ablebens zu werden. Diese Nacht ist etwas ganz besonderes."
"Du machst dich gut als O Kiels Lakai. Offensichtlich behandelt er dich besser als Asteroth."
Lukryscha grinste. "Ich diene ihm so lange er mir von Nutzen ist. Sollen er und Asteroth sich nur gegenseitig auslöschen. Wenn keiner mehr von ihnen da ist werde ich die Herrschaft über die Vampire übernehmen."
Ich schüttelte den Kopf. "Du hast den Verstand verloren. Du leidest an Größenwahn."
Sie schien wütend zu werden. "Ich glaube an eine Vision. Und an meine Stärke. Ich dachte gerade du solltest das verstehen."
Ich hielt überrascht inne. Dieser ungestüme Ausbruch von Gefühlen und die Art wie sie ihre Worte aussprach erinnerten mich an die alte Myra, als sie mich damals überzeugen wollte, dass sie mich begleiten sollte. Diese Nacht schien ein Äon her zu sein und doch entsann ich mich daran wie sie voller Leidenschaft zu mir sprach. Sie kannte mich damals erst wenige Stunden und doch wurde sie von einem Moment zum anderen von flammender Leidenschaft ergriffen wie ich sie nie zuvor bei einem Menschen gesehen hatte. Ohne zu zögern hatte sie gegen meine Entscheidung aufbegehrt und von ihrer Vision erzählt, dass wir zu zweit durch die Welt ziehen und Unrecht verhindern würden. Schon damals sah ich dieses Glitzern in ihren Augen. Genau dasselbe Glitzern sah ich nun auch in ihren toten Augen. Vampir oder nicht, dieselbe Leidenschaft hatte von ihr Besitz ergriffen. Möglicherweise war diese innere Kraft die sie zu Lebzeiten besaß einfach zu groß um durch den Fluch des Vampirismus vollständig vernichtet zu werden. Vielleicht gab es doch noch Hoffnung.
Ich lächelte und sah sie erstaunt an.
"Was ist so lustig?" fragte sie mich wütend.
"Du erinnerst mich nur gerade an jemanden den ich sehr gut kannte."
"Und wer soll das sein?"
"Ihr Name war Myra. Sie war ein junges Mädchen die ich vor langer Zeit kennen gelernt hatte. Unerfahren und töricht war sie, aber sie besaß damals schon eine innere Kraft wie ich sie noch nie bei einem Menschen gesehen hatte. Sie hatte eine Vision genau wie du…"
"Was soll das?" unterbrach sie mich zornig. "Spiel keine Spielchen mit mir Jäger, ich bin dir bei weitem überlegen. Ohne deine verfluchten Dämonenschwerter bist du nichts als ein verblendeter Narr." Doch ihre Stimme schien zu zittern, ich konnte ein Zögern in ihren Augen sehen. Ich fuhr fort: "Ich habe sie ausgebildet. Sie hatte das Zeug zum C´ael Rohen und nie sah ich jemanden der seine Aufgabe mit mehr Hingabe und Überzeugung erfüllt hatte als sie."
"Hör auf damit!" zischte sie mich an.
"Die Vampire hatten ihre ganze Familie ausgelöscht. Vater, Mutter, ihren Bruder, sogar ihre kleine Schwester. Sie hasste die Vampire von ganzem Herzen für das was sie ihr angetan hatten…"
"DU SOLLST DAMIT AUFHÖREN!" schrie sie mich an. Ich sah die Pein in ihren Augen. Es war die ersten echten Emotionen die ich in diesen Augen sah seit man sie verwandelt hatte.
"Diese Frau war etwas Besonderes. Und ich liebte sie. Liebte sie von ganzem Herzen. Und sie liebte mich…."
"SCHWEIG!!!" kreischte sie und ich spürte wie eine unsichtbare Kraft mich hochhob und quer durch die Zelle warf. Schmerzhaft prallte ich mit dem Rücken gegen die Steinmauer und ging zu Boden. Stöhnend drehte ich mich zu ihr um. Lukryscha stand bebend vor meiner Zelle und starrte mich aus verwirrten und erschrockenen Augen an. Von ihrer Gelassenheit war nichts verblieben.
"Myra." flüsterte ich ihr zu. "Ich weiß dass du mich hörst."
"Genug!" sagte sie laut und indem gewohnt fordernden Tonfall. Sie schloss einen Moment die Augen und als sie sie wieder öffnete waren es wieder die kalten toten Augen die mich ansahen. "Deine Tricks wirken bei mir nicht Kane. Deine Zeit ist abgelaufen." Ohne einen weiteren Blick auf mich zu werfen verließ sie mich. Doch ich hatte hinter die Fassade geschaut. Asteroth hatte nicht alles von Myra vernichtet, das wusste ich jetzt. Noch gab es Hoffnung, und dieser Gedanke gab mir Kraft. Ich klammerte mich an diese Hoffnung als wenige Minuten später O Kiels Häscher kamen um mich zur Oberfläche zu bringen. Ich wusste dass es nun kein zurück mehr gab. Ich fühlte dass eine große Schlacht bevorstand.
Craven war alles andere als wohl, als ihm Cas´thor erläuterte wie er ihn zum Drake-Stone-Mountain bringen wollte. Sie konnten unmöglich zu Fuß aufbrechen, soviel Zeit hatten sie nicht, dafür war das Gebirge viel zu weit entfernt. Doch als der Gargoyle ihn grob packte und sich mit ihm in die Lüfte schwang wünschte sich der Ritter er hätte sich das ganze noch mal überlegt. Der Gargoyle flog durch die Nacht, Craven fest umklammert. Die Landschaft unter ihnen glitt vorüber und Craven verlor bald jede Orientierung.
"Und du bist dir sicher dass du den Weg kennst?" brüllte er dem Gargoyle zu um den pfeifenden Wind zu übertönen.
"Hab Vertrauen, ich kenne den Weg."
"Wie lange wird es dauern bis wir da sind?" fragte Craven der keine Minute länger als nötig in dieser misslichen Position bleiben wollte. Hätte Drake ihn so gesehen hätte er sich ein Lachen wohl nicht verkneifen können. Genau dasselbe war ihm damals auch durch den Kopf gegangen als Cas´thor ihn zum Orakel flog.
"Eine Stunde, höchstens zwei. Ich hoffe nur wir kommen nicht zu spät." antworte der Gargoyle besorgt.
Cravens Antwort war einfach. "Wir dürfen nicht zu spät kommen!"
Lukryscha stand nachdenklich in einem der Zimmer von O Kiels Unterschlupf. Der Erzvampir besaß Häuser über den ganzen Kontinent verteilt. Dieses Anwesen war für seine Verhältnisse nur einfacher Durchschnitt, aber es stand direkt am Fuße des Drake-Stone-Mountain. Früher gehörte es einem Fürsten Namens Menzhold III der einst über dieses Gebiet geherrscht hatte und der bei der Schlacht auf dem Berg ermordet wurde, verraten von Tarim o Kiel. Nun bewohnte sein Henker das Haus und herrschte über dessen Gebiet.
Rastlos wanderte Lukryscha in dem prachtvollen Herrenhaus umher. Ihr gingen die Worte von dem Jäger nicht mehr aus dem Kopf. Erinnerungen schossen durch ihren Kopf, von denen sie nicht wusste ob sie Wahrheit oder Trugbild waren. Bilder von einer möglichen Kindheit, längst vergangene Gesichter ihrer Eltern und Geschwister. Grausige Bilder eines Massakers indem ihre Familie umkam. Und Bilder von Drake du Kane wie er an ihrer Seite gegen die Mörder ihrer Familie kämpfte. Wütend verdrängte sie diese Bilder aus ihrem Kopf. Er hatte sie verzaubert. Irgendwie. Er versuchte sie mit Illusionen zu verwirren. Sie hatte die Kontrolle über sich verloren und das machte sie rasend. Sie war nicht mehr Herrin über sich selbst.
Entschlossen ging sie zu einem der Fenster und sah in die Dunkelheit hinaus. Sie konnte den Fackelzug erkennen der den Jäger den Bergpass hinaufführte, 10 von O Kiels besten Kriegern. Angeführt wurde die Prozession von Sagul selbst, der rechten Hand des Erzvampirs
In dieser Nacht würde es enden. Drake du Kane würde nichts weiter als eine Legende bleiben, und selbst die würde man bald vergessen haben. Doch warum spürte sie bei diesem Gedanken einen Stich in ihrer Brust? Was hatte er mit ihr angestellt? Als Lukryscha sich anschickte der Gruppe zum Plateau zu folgen, spürte sie eine völlig neue Empfindung. Sie hatte Angst.
4.
Der Mond stand in seiner vollen Pracht am nächtlichen Firmament und tauchte das Hochplateau des Drake-Stone-Mountain in sein mystisches Licht. Der Himmel war wolkenlos und die Sterne strahlten über das Land. Alte Erinnerungen erwachten zum Leben als mein Blick über das Plateau schweifte. Es waren jetzt 60 Jahre vergangen seit ich das letzte Mal auf diesem Berg stand. 60 Jahre seit jener schicksalsträchtigen Nacht in der mein Meister starb und aus dem Schüler Norin Read der Jäger Drake du Kane wurde. Mir kamen diese Ereignisse wie ein böser Traum vor, ein dunkler Schleier lag stets über dieser Nacht. Doch als mich O Kiels Schergen nun über jenes Schlachtfeld führten. war mir, als wäre diese Nacht erst gestern gewesen. Ironie des Schicksals das ich mich nun wieder hier befand. Mir fielen die Worte von Sen Lar ein. Dieser Berg war von jeher ein Ort an dem große Veränderungen im Leben derer eingeläutet wurden, die vom Schicksal erwählt worden waren. Einmal hatte sich dies in meinem Fall bereits erfüllt. Und ich wusste dass mich in dieser Nacht ein ähnliches Schicksal erwarten würde. Ich verwettete die schwarzen Zwillinge darauf dass auch die Sternenkonstellation dieselbe war wie vor 60 Jahren.
Die Söldner von O Kiel verteilten sich über das Bergplateau und begannen Fackeln zu entzünden die kreisförmig um das Plateau aufgestellt wurden. O Kiels Soldaten waren allesamt niedere Vampire, doch machten sie auf mich den Eindruck von gut ausgebildeten Kämpfern. Sie verstanden sich zu bewegen und mit der Dunkelheit zu verschmelzen. Keine leichten Gegner. Nachdem alle Fackeln brannten und mich so in einen brennenden Ring einschlossen, konnte ich den Regenten selbst ausmachen. Tarim o Kiel stand im Zentrum, gekleidet in edelste Gewänder die ihm einmal mehr das Aussehen eines Königs verliehen. Zu seiner rechten stand Sagul, wie einst sein treuer Diener. Links sah ich Lukryscha stehen, sie wirkte unbeteiligt und kalt. Ihr Anblick schmerzte, ich konnte den Blick nicht länger auf sie richten. Ich hatte gehofft meine Worte hätten sie bekehrt, doch nun schien jeder Zweifel aus ihren Zügen verschwunden.
Hinter den dreien stand eine weitere Gruppe von Vampiren. Einige Gesichter kannte ich, andere waren mir fremd. Es gab jedoch keinen Zweifel dass es sich bei diesen 8 Gestalten um die verbliebenen Ratsmitglieder der Gilde handelte. Sie sollten Zeuge der Ereignisse werden. Tarim o Kiel war sich seines Sieges offenbar so sicher das der komplette Rat der Gilde diesen Geschehnissen beiwohnen sollte. Hatte er in seiner Verblendung nicht bedacht wie riskant es war die ganze Stärke der ohnehin angeschlagenen Gilde an einem Ort zu versammeln?
Ich hatte keine Zeit darüber nachzudenken, den im selben Moment wurde ich von den Söldnern grob bepackt und nach vorne gedrängt. Nun konnte ich erkennen dass sich neben O Kiel ein großes hölzernes Kreuz befand. Die klassische Methode unter den Vampiren mit denen man Verräter und Kriegsgefangene bestrafte. Der Delinquent wurde gekreuzigt und der Sonne übergeben. So verlangte es der Brauch seit jeher und Tarim o Kiel schien daran festzuhalten. Ich fügte mich meinem Schicksal, es wäre zwecklos Widerstand zu leisten.
Ich wurde an das kalte Holzkreuz gedrückt, kräftige Stricke fixierten meine Handgelenke an den Querbalken, meine Beine ließ man achtlos einen halben Meter über dem Erdboden nach unten hängen. Sofort spürte ich wie sich die Stricke schmerzhaft in meine Handgelenke schnitten und mein ganzes Gewicht auf meinen ausgestreckten Armen lastete. Wie lange würde ich diese Tortur ertragen können? Ich brauchte Hilfe, alleine würde ich es diesmal nicht schaffen. Ich blickte zu Lukryscha die mich zufrieden anstarrte. Das Lächeln war aus ihrem Blick verschwunden, ihre Mine war ernst. Zumindest schien sie die Situation nicht länger zu amüsieren, meine Worte hatten sie vielleicht doch mehr beeinflusst als ich befürchtet hatte. Aber ich sah kein Mitleid oder ein anderes Gefühl in ihrem Blick. Würde sie mir helfen? Konnte sie mir überhaupt gegen diese Übermacht helfen? Und wo war Craven? Diese Frage hatte ich mir in den letzten Stunden häufig gestellt. Doch was konnte er gegen diese Übermacht ausrichten? Und wie sollte er mich finden? Seufzend legte ich meinen Kopf gegen das Holz des Längsbalkens und schloss die Augen. Was wenn das Orakel sich irrte? Zum ersten Mal begann ich zu zweifeln. Würde dies meine letzte Nacht sein? Sollte meine Reise so enden?
Die Stimme des Erzvampirs rief mich in die Realität zurück: "Drake du Kane. Letzter Vertreter des Clans der C´ael Rohen. Das letzte Bindeglied zu einer vergessenen Kultur die mit ihm endgültig aussterben wird." Tarim o Kiel riss dramatisch die Arme in die Höhe und wandte sich an die Ratsmitglieder hinter ihm. "Ich habe euch hier versammelt um Zeuge zu werden wie dem Recht der Vampirgilde genüge getan wird. Werdet Zeuge der Macht unserer Gemeinschaft und unseres unerschütterlichen Glaubens der nicht durch Verräter wie Asteroth und seine Bande aus Heiden gebrochen werden kann. Seht mit eigenen Augen wie ich, Tarim o Kiel, Regent und Führer der Gilde, den einst mächtigen und gefürchteten Jäger der Sonne übergeben werde."
Unter dem Rat herrschte gespannte Neugier. Leise tuschelten die mächtigen Blutsauger miteinander und sahen mich teils voller Hass, Abscheu, Triumph und Schadenfreude an. Sie wollten mich brennen sehen.
Der Erzvampir wandte sich nun wieder mir zu. Mit einem zufriedenen Lächeln begann er zu sprechen. "Du weißt weshalb wir hier sind C´ael Rohen. Du bist angeklagt der Verfolgung und des Mordes unzähliger Vampire über einem Zeitraum von mehr als einem halben Jahrhundert. Doch noch weitaus schlimmer ist die Tatsache dass das Blut unserer Ahnen in deinen Adern fließt und dir so Kräfte verlieh die kein Sterblicher besitzt. Diese Gabe, unser Geschenk, hast du missbraucht um uns zu vernichten. Deshalb klagen wir dich zusätzlich des Hochverrates an unserer Rasse an. Ich brauche wohl nicht zu erwähnen, dass die Tatsache, dass du von unserem Erzfeind abstammst deine Lage nicht gerade begünstigt. Hast du zu diesen Vorwürfen etwas zu sagen?"
Ich hob langsam den Kopf und sah Tarim o Kiel an. Trotz der Schmerzen brachte ich ein Lachen zustande. Als ich o Kiels wütendes Gesicht bemerkte musste ich nur noch mehr lachen. Ich lachte von ganzem Herzen, den mehr viel mir zu seinen Worten nicht ein.
"Was ist so lustig Jäger?" fuhr mich der Regent wütend an.
"Euere selbstgefällige Rechtfertigung amüsiert mich. Ihr klagt mich der Verfolgung und des Mordes an? Ich frage mich welche Rasse es ist, die verfolgt und mordet. Ihr verurteilt mich euer so genanntes Geschenk zu missbrauchen, um welches ich nie gebeten habe. Es ist ein Fluch der auf mir lastet, ein Dasein ohne Hoffnung oder Erlösung zu dem ihr mich verdammt habt. Und meine Rache an euch ist das einzige was meine Pein zu lindern vermag. Ihr glaubt über mich richten zu können? Dann tut es gefälligst und verschwendet nicht meine Zeit mit euren heulerischen Reden."
Schweigen breitete sich auf dem Berg aus. Tarim o Kiels Gesicht verzog sich grimmig und seine Hände ballten sich zu Fäusten. Doch der erwartete Ausbruch kam nicht, O Kiel entsann sich seiner Rolle und beruhigte sich.
"Schön. Wenn du nichts zu deiner Verteidigung zu sagen hast, verkünde ich hiermit das Urteil. Kraft meines Amtes als höchster Vertreter der Vampire in dieser Welt, das mir von meinen treuen Untertanen und der göttlichen Almacht unserer Ahnen verliehen wurde, verurteile ich hiermit den C´ael Rohen Drake du Kane der Verfolgung und Ermordung von unzähligen Vampiren deren genaue Anzahl unbekannt ist, sowie des Hochverrates. Deshalb wird er, so wie es unser Gesetz verlangt ans Kreuz gebunden und dem Sonnenaufgang übergeben."
Langsam kam der Erzvampir auf mich zu. Der sadistische Ausdruck in seinem Blick war nicht zu übersehen, er genoss sichtlich seine Macht über mich. "Dieses Mal wirst du mir nicht entwischen. Dieses Mal wird dein Tod endgültig sein und keine Macht der Welt wird dich zurückbringen. Dein Ende wird mein größter Triumph werden. Ich muss dir danken."
"Spart euch eure Worte. Ich rede nicht mit verblendeten machthungrigen Irren wie Ihr einer seid. Euer erbärmliches Dasein wird sich schneller dem Ende zuneigen als ihr in euerer beschränkten Sichtweite erkennen könnt."
Ich spürte wie mich der Schlag von O Kiel hart im Gesicht traf und mein Kopf gegen das kalte Holz des Kreuzes geschleudert wurde. Blut lief meine Wange hinab und füllte meinen Mund. Einen Moment schwanden mir die Sinne. Ich war einfach zu schwach ihnen etwas entgegenzusetzen. Ich brauchte meine Schwerter.
"Deine unverschämten Reden werden dir vergehen wenn das Feuer des Tages die Frechheit aus dir heraus brennt. Weißt du, eigentlich gilt unsere Hinrichtungsmethode als äußerst barmherzig. Der Verurteilte hängt ein paar Stunden am Kreuz und verbrennt im ersten Licht des anbrechenden Tages. Doch da du zum Teil noch menschlich bist wird dich die Sonne nicht sofort töten. Nein, du wirst langsam und qualvoll unter ihr dahinsiechen. Wie lange glaubst du kannst du ihr widerstehen? Ein paar Stunden. Einen Tag? Zwei Tage? Wie viel Menschlichkeit steckt noch in dir? Wird dich die Sonne vernichten oder wirst du vom Blutdurst in den Wahnsinn getrieben? Leider werde ich nicht selbst Zeuge der Antwort werden können, du weißt ja dass mir die Sonne nicht bekommt. Aber ich bin wirklich gespannt was am Ende dein Tod sein wird. Du wirst unvorstellbare Qualen erleiden, das ist der Preis das du unsere Gabe verweigert hast. Wie du siehst ist unser Gott ein gerechter Gott."
"Wie ich sehe seid ihr sogar noch tiefer gesunken als ich erwartet hatte. Ich dachte immer Asteroth und seine Kreaturen wären das größte Übel dieser Welt. Aber ihr übertrumpft ihn sogar noch um Längen."
Wieder sah ich die Wut in seinen Augen, doch wieder schaffte er sie niederzukämpfen.
"Du versuchst also mich zu provozieren." sagte er. "Nicht einmal im Angesicht des Todes zeigst du Reue. Nun gut, offenbar sehnst du dich nach den Qualen vor dem Tod. Ich habe noch etwas für dich."
Tarim o Kiels Grinsen verhieß nichts Gutes als er Sagul befahl ihm etwas zu bringen. Ich hatte keine Ahnung was er mir präsentieren wollte, doch der Regent hatte meine Hinrichtung offenkundig genauestens geplant. Meine Erniedrigung sollte perfekt sein. Und so überraschte es mich nicht wirklich auf dem roten Samtkissen das Sagul seinem Meister brachte Fortigan und Korosan zu erblicken. Voll sadistischer Zufriedenheit legte der Erzvampir das Kissen mit meinen Schwertern vor mir auf den Boden, jedoch peinlichst bemüht die Klingen nicht zu berühren. Ich konnte Respekt und Furcht in seinen Augen lesen. Er wagte nicht sie anzufassen. Sicherlich hatte er es versucht und aus dem Ergebnis seine Konsequenzen gezogen. Doch die Absicht die hinter dieser Geste steckte war klar. Eine weitere Methode mich zu quälen indem der meine Schwerter direkt vor mich legte, so nah und doch unerreichbar für mich. Und das schlimmste war, dass er damit Erfolg hatte. Es gelang mir kaum den Blick von ihnen zu nehmen, ich konnte sie in meinem Kopf hören. Sie kreischten und fluchten. Sie wollten töten, sie wollten alle töten. Ihr Hass und ihre Bosheit stießen mich ab und dennoch verspürte ich eine grausame Sehnsucht nach ihnen. Ich wusste wenn ich sie nur berühren könnte wären die Schmerzen verschwunden. Meine Gedanken wären wieder klar und ich hätte wieder meine alte Kraft.
"Ihr seit ein mieser Parasit O Kiel. Der Tag wird kommen an dem ihr euere gerechte Strafe erhalten werdet. Und wenn ich es nicht bin, wird es ein anderer tun. Mein Tod wird nichts ändern."
"Oh, du spielst vermutlich auf deinen Freund an. Keine Sorge um ihn werden wir uns zu gegebenen Zeit kümmern. Er stellt keine Bedrohung dar. Gesteh es dir ein Kane, dein Mentor hat sich geirrt. Du warst niemals bestimmt die C´ael Rohen neu zu gründen. Und das weißt du. Deine vergeblichen Versuche uns zu stürzen haben das Schicksal des Clans nur hinausgezögert."
Ich gab ihm keine Antwort. Ich hatte mir diese Frage in der Tat schon gestellt. War ich wirklich dazu bestimmt den Clan neu zu gründen. Sen Lar war davon überzeugt, doch ich wollte nie so Recht daran glauben. Warum hatte mir das Orakel nie etwas darüber gesagt? Mein Schicksal schien in eine andere Richtung zu gehen. Myra und Craven? Waren sie der Beginn des neuen Clans oder war ihre Bestimmung eine andere? Ich kannte die Antwort nicht, doch ich begann zu zweifeln.
Tarim o Kiel blickte zufrieden zum Horizont. Ich glaubte das erste schwache Licht der Morgenröte zu erkennen.
"Es dauert nun nicht mehr lange. Noch eine halbe Stunde und die Sonne wird aufgehen. Ich werde tagsüber ein paar meiner menschlichen Diener auf dem Plateau postieren, damit du nicht so alleine bist. Wer weiß, vielleicht lebst du nächste Nacht ja noch. Ich bin wirklich gespannt wie du…"
Tarim o Kiels Worte verstummten mit einemmal. Sein Blick wandte sich nach Westen zum Himmel und im selben Moment spürte ich was ihn aufgeschreckt hatte. Etwas kam auf uns zu. Ich konnte eine starke Präsenz fühlen und nur die Schwäche durch den Verlust der Klingen hatte verhindert dass ich seine Nähe nicht schon eher gefühlt hatte. Am westlichen Firmament war ein gewaltiger Schatten zu erkennen der sich rasch näherte. O Kiel fletschte die Zähne, seine Augen sprühten. "Verdammt, was will der verfluchte Bastard hier?" zischte er. Schnell wandte er sich an Sagul und seine Soldaten, sie sollten sich für eine Konfrontation bereitmachen.
Währenddessen kam der Schatten immer näher und wurde zu der Silhouette eines gewaltigen Drachens. Ich wusste dass er kommen würde. Es war unvermeidlich ihn hier an diesem verrückten Ort zu begegnen. Asteroth würde sich seinen Auftritt nicht nehmen lassen.
5.
Es war, als würde ein riesiger Schatten die Welt verschlingen. Einen Moment wurde der Mond und die Sterne vollständig verdeckt und erdrückende Dunkelheit überzog das Hochplateau. Das dröhnende Geräusch von riesigen Flügeln erfüllte die Luft und einen Moment später erzitterte die Erde, als die gewaltige Kreatur landete. Beim Anblick dieser dämonischen Kampfmaschine aus Knochen und verfaulten Drachenschuppen die früher einmal Valotica waren zuckten die Ratsmitglieder erschrocken zusammen. Viel hatte man in der Gilde über diesen untoten Drachen gehört, doch die wenigsten hatten ihn bisher selbst gesehen. Auch die Wachtposten wirkten unruhig beim Anblick dieses Kolosses. Lediglich Lukryscha, Sagul und natürlich Tarim o Kiel blieben unbeeindruckt. Ihr blick galt ganz der Gestalt die auf ihrem Rücken saß.
Asteroth, gekleidet in schwarze eng anliegende Lederkleidung saß voller Selbstzufriedenheit auf seiner Schöpfung. Amüsiert ließ er seine Blicke über das Plateau schweifen, die Verachtung in seinen Blicken war kaum zu übersehen. Mit einem Ruck sprang er von Valotica und landete elegant auf dem Boden. Erst jetzt erkannte ich eine zweite Gestalt auf dem Rücken des Drachens die nun ebenfalls herunter sprang. Es war Barlow, der mir bei der Konfrontation in Asteroths Schloss erneut entkommen war. Doch er hatte sich auf schreckliche Weise verändert. Was früher ein edles, vielleicht sogar schönes Gesicht war, hatte sich nun in eine von Wahnsinn verzerrte Fratze verwandelt. Es sah aus als würde eine Krankheit an ihm nagen die ihn langsam von innen heraus zerfraß. Sein Gesicht bestand nur noch aus eiternden Fetzen, seine einst stolze Haltung war einer verkrümmten buckligen Gestalt gewichen die kaum noch menschliche Proportionen besaß. Sagul sah im Vergleich dazu wie ein Adonis aus. War dies die Folge von Strakers Tod? War es ein Blutsband zwischen den beiden, ein Pakt? Welche Kraft konnte dies verursachen? Voller Grauen sah ich zu den beiden Schwertern vor meinen Füßen. Würde ich genau so enden wenn ich sie nicht bald wieder in meinen Händen hielt? Ich wagte nicht darüber nachzudenken.
Meine Aufmerksamkeit richtete sich wieder auf die eigentliche Bedrohung dieser Welt. Asteroth schien leise mit dem Drachen zu sprechen, was erneut für erschrockene Gesichter unter den Vampiren sorgte. Schließlich breitete der Drache die Flügel (oder was davon übrig war) aus und erhob sich wieder in die Lüfte um etwas abseits der Prozession wieder zu landen, nahe genug um jederzeit eingreifen zu können. Offenbar wollte Asteroth kein Risiko eingehen, möglicherweise hatte ihn mein Diebstahl vorsichtig werden lassen.
Schließlich schritt er gemächlich auf seinen Erzfeind zu, Barlow trottete ihm wie ein treuer Hund hinterher. Tarim o Kiel schien sich nur mühsam unter Kontrolle halten zu können.
"Wie ich sehe vollziehst du deine Hinrichtungen immer noch im großen Stil." sagte Asteroth und sah sich prüfend um.
"Was willst du hier Asteroth?"
"Du hast doch nicht ernsthaft geglaubt ich würde mir dieses Spektakel entgehen lassen? Immerhin geht es hier um meine Schöpfung die ihr brennen lassen wollt."
Bei diesen Worten wurde mir übel. Als Asteroths Schöpfung tituliert zu werden war schlimmer als die Aussicht auf das Martyrum das mich erwartete.
"Du hast hier nichts verloren Abtrünniger. Du entweihst die heilige Prozession der Gilde und unser althergebrachtes Ritual."
Asteroth lachte. "Du klingst immer noch so wie vor hundert Jahren. Es hat sich nichts geändert. Du folgst weiter deinen heiligen Schriften und Kodexen. Wann wirst du endlich begreifen das uns dieser Weg vernichten wird?"
Tarim o Kiel bebte vor Zorn. "Wie kannst du es wagen hier in unserer Mitte, unter den Augen der höchsten Gildenvertreter, deine lästerlichen Reden kundzutun? Bist du schon so verzweifelt das dies dein letzter Ausweg ist?"
Asteroth wirkte verständnislos und sah o Kiel fragend an. "Verzweifelt? Du scheinst zu vergessen wer das Necronomicon besitzt. Und wer eine Armee ausgestellt hat die unsere Rasse noch nicht gesehen hat. Und wer über die ultimative Kampfmaschine verfügt!" Bei den letzten Worten richtete sich Asteroths rechter Arm triumphierend in Valoticas Richtung der lauernd am Rande des Plateaus saß und alles aus seinen leeren Augenhöhlen beobachtete.
"Nein Asteroth, du bist nicht so allmächtig wie du es deinen Jüngern stets vorgabst. Deine Macht beginnt zu schwinden. Berichte verbreiten sich das der Jäger dich erneut übertölpelt hat, dieses Mal in deiner eigenen Festung. Er hat dir etwas Wertvolles gestohlen. Wichtiger noch, er hat deinen zweitbesten Krieger vernichtet und deinen besten in den Wahn getrieben!" Tarim o Kiel deutete auf die kauernde Gestalt hinter Asteroth. "Und nun sehe ich mit eigenen Augen die Wahrheit. Euer erster Ritter ist nur noch eine sabbernde ekelhafte Kreatur."
Barlow knurrte wütend griff nach dem gewaltigen Zweihänder den er auf dem Rücken trug. Er schien die Worte O Kiels durchaus noch verstanden zu haben. Doch Asteroth gebot ihm Einhalt. Tarim ließ seinem Gegner keine Zeit zu antworten sondern fuhr fort: "Euere Geliebte hat sich von euch abgewandt und kämpft nun auf meiner Seite. Sie hat erkannt wem die Zukunft dieser Welt gehört. Sie wird meine Königin sein!"
Asteroth starrte bei diesen Worten Lukryscha an, die ein Stück hinter ihrem neuen Meister stand. Ich konnte seinen Blick nicht deuten, tatsächlich schien der Blick völlig emotionslos zu sein. Ihre stummen Blicke trafen sich, doch Lukryscha widerstand Asteroth. Ich glaubte einen kurzen Anflug von Ärger in seinen Zügen zu erkennen. Und Überraschung. Asteroth war es nicht gewohnt das ihm jemand widerstand.
"Du magst das heilige Buch durch deinen frevlerischen Diebstahl entweiht haben", setzte Tarim o Kiel seine Rede fort, "doch dies kann vergolten werden. Es ist nicht das erste Mal in der Geschichte dass das Necronomicon von Ungläubigen entwendet wurde. Die C´ael Rohen haben dafür einst mit ihrem Blut bezahlt. Und heute Nacht werden wir den letzten von ihnen richten. Und dies wird mein größter Triumph werden. Ich werde tun was du nie vollbracht hast. Der große Drake du Kane wird brennen und endlich werden wieder die Vampire die alleinigen Beherrscher dieser Welt sein."
Asteroths bohrende Blicke fixierten nun mich. Er schien O Kiel überhaupt nicht mehr zu beachten, seine Aufmerksamkeit galt ganz alleine mir.
"Du hättest mein Angebot annehmen sollen." sagte er seufzend zu mir. "Gemeinsam hätte die Welt uns gehören können."
"Allein der Gedanke dir damit zu schaden lässt mich meine Qualen vergessen. Der Tod wird eine Befreiung für mich sein, wenn es den das Schicksal so will."
Dieses Mal schien Asteroth tatsächlich wütend zu werden. "Du verfluchter Narr. Ich hätte dich niemals erschaffen sollen. Ich hätte wissen müssen das ihr Menschen einfach zu schwach und einfältig seid um unser Geschenk zu begreifen und zu würdigen."
"Deine Einsicht kommt recht spät Asteroth." höhnte O Kiel. Er genoss es sichtlich endlich mal derjenige zu sein der die Oberhand hatte. Doch Asteroth ließ sich davon nicht aus der Ruhe bringen. "Du solltest dir deinem Triumph nicht so sicher sein." wandte er sich nun an den Erzvampir. "Du weißt doch dass dieser Berg für seine Überraschungen bekannt ist. Glaubst du unser Zusammentreffen hier wäre Zufall?"
"Nein." antwortete Tarim. "Der Berg war Zeuge deines Bruches mit der Gilde vor 60 Jahren und nun wird an eben jenem Ort der Gerechtigkeit genüge getan, indem genau hier die alte Ordnung wieder hergestellt wird. Dieses Mal werde ich siegen Asteroth. Kane wird brennen und die Gilde damit neu begründen. Schon bald wirst du und deine lächerliche neue Ordnung nur noch ein Mythos sein."
"Oder der Berg bekundet heute Nacht die endgültige Vernichtung der Gilde. Du weißt genau dass du mir nicht gewachsen bist. Ich war schon immer mächtiger als du. Und von deinem Gildenrat wird keiner dieses Plateau verlassen, dafür wird Valotica sorgen."
Unter den Ratsmitgliedern wurde es unruhig. Einige sahen ängstlich zu dem gewaltigen Drachen, andere suchten in Asteroths Zügen ein Zeichen des Bluffs. Doch sie fanden es nicht.
Tarim o Kiel brachte sie barsch zum Schweigen und wandte sich wieder an Asteroth um ihr Gespräch fortzusetzen. Doch meine Aufmerksamkeit galt jemand anderem. Während des Disputes der beiden Erzvampire hatte sich Lukryscha immer weiter von ihnen entfernt und kam nun auf mich zu.
"Es ist ein komisches Gefühl die beiden nach so langer Zeit wieder zusammen zu sehen. Beim ersten Mal war ich nur ein einfacher Schüler und wäre allein an der Präsenz der beiden fast gescheitert. Ohne Sen Lar hätte ich diese Nacht nicht überlebt. Und nun Jahrzehnte später stehe ich an jener Stelle an der mein Meister starb und sehe das gleiche Schauspiel noch einmal. Wie ein endloser Alptraum aus dem ich nicht zu erwachen vermag." Ich sprach leise aber bestimmt. Meine Augen waren in die Ferne gerichtet.
"Warum erzählst du mir dass Jäger? Erwartest du von mir Mitleid?" Lukryschas Stimme war so kalt wie immer, doch als ich sie ansah, erblickte ich etwas Neues. Sie schien sich unsicher zu sein. Etwas hatte sich seit meinem Gespräch mit ihr im Kerker verändert. Ich konnte Myra in ihren Augen sehen. Tief im Inneren dieser Kreatur war sie noch am Leben.
"Nein." antwortete ich auf ihre Frage. "Aber ich möchte dass du verstehst was hier heute Nacht geschehen wird. Mein Tod wird nichts ändern. O Kiel und Asteroth werden weiter ihren endlosen Krieg führen. Vielleicht gewinnt einer von ihnen eines Tages die Oberhand, doch dann wird es neue Gegner geben. Der Krieg wird niemals enden, den die Vampire kennen nichts anderes."
"Du redest unsinniges Zeug. Die Vampire sind die Könige unter den Rassen. Und es wird nicht mehr lange dauern bis ihr Sterblichen nur noch dass seid wozu ihr schon immer bestimmt wart. Ihr werdet unsere Nahrung sein und sonst nichts. Wir werden diesen Planeten regieren."
"Und zu welchem Preis?" fragte ich sie.
"Zu jedem Preis der dafür notwendig ist."
Ich lächelte schwach und ließ meinen Kopf gegen das Holzkreuz sinken. Bald würde mein Körper aufgeben. "Siehst du, ihr kennt nur den Krieg und das Leid. Euer ganzes Bestreben ist das Töten."
"Für Moral ist in dieser Welt kein Platz. Der Stärkere überlebt, das ist die natürliche Ordnung."
"Ja, wahrscheinlich hast du Recht. Das dachten sich vermutlich auch die Vampire die deine Familie getötet haben. Warum die Schwachen am Leben lassen, sie haben es schließlich nicht verdient auf dieser Welt zu sein."
Lukryschas Kopf ruckte erschrocken zu mir herum und ihre Blicke schienen mich förmlich zu verschlingen. "Was redest du da?" fauchte sie mich an. "Ich habe keine Familie. Versuche nicht mich zum Narren zu halten." Doch ihre Augen sagten mir etwas anderes. Die dämonische Kälte wich aus ihnen und gab etwas anderes Preis.
"Warum bist du dann jahrelang durch das Land gezogen und hast das kämpfen erlernt?"
"Hör auf deine Lügen zu verbreiten."
"Warum hast du mich gesucht? Was wolltest du von mir wenn nicht die Möglichkeit auf Rache und Gerechtigkeit."
"DU LÜGST!" schrie sie mich an. Einige der Wachen sahen überrascht zu uns, doch ansonsten schien uns niemand zur Kenntnis zu nehmen. Die Ratsmitglieder beobachten immer noch voller Furcht Valotica und die Erzvampire und ihre Begleiter waren so sehr in ihr Gespräch vertieft das sie alles um sich herum zu vergessen schienen.
Ich wandte mich wieder an Lukryscha und konnte nun deutlich den Schmerz in ihren Augen lesen. Ich hatte es fast geschafft. Da wo Schmerz war, war auch Menschlichkeit, denn ein Vampir kannte kein Leid.
"Sollen Kreaturen über diese Welt herrschen die nicht wissen was Liebe, Freundschaft und Mut bedeutet? Gefühle die uns beide und Craven verbunden haben?"
"NEIN!" keuchte sei und sank in die Knie, die Hände gegen die Ohren gepresst.
"Willst du zu jenen gehören die deine Eltern umgebracht haben. Deinen Bruder Thalon und deine Schwester Sara?"
"Hör auf!" Ihre Stimme klang wie ein Wimmern.
"Du sagtest du würdest kämpfen bis zu deinem Tod. Bedeutet dir das nichts?"
"Ich….ich kann….nicht…." Sie zitterte am ganzen Körper. In meiner Euphorie vergaß ich alles um mich herum. Ich konnte nur hoffen dass dies niemand bemerken würde. Vielleicht gab es noch Hoffnung.
"Was ist mit dem Clan? Was ist mit Craven? Was ist mit mir?"
"Ich……."
"Myra ich liebe dich! Ich liebe dich mehr als alles andere. Komm zurück zu mir. Bekämpfe es!"
"Nein…."
"Doch, du kannst es! Wehre dich dagegen und komm zurück. Myra Bitte!!"
In diesem Moment spürte ich die Veränderung. Ihr Körper lag still vor mir und ich wusste dass ich gewonnen hatte. Asteroths Fluch war verschwunden. Ich wusste nicht wie das möglich war, doch irgendwie war es mir gelungen – oder Myra selbst. Vielleicht war sie ihre Menschlichkeit von jeher zu stark für den Fluch.
Langsam regte sich die Gestalt vor mir und als sie zu mir aufsah konnte ich Myras Augen sehen, so unendlich schön wie sie einst waren.
6.
"Sieh nur, das muss es sein!" brüllte Craven aufgeregt und deutete auf den brennenden Kreis aus Fackeln. Wie ein Leuchtfeuer markierte er ein kleines Hochplateau in diesem riesigen Gebirge auf das der Gargoyl zuflog.
Cas´thor nickte und ging in den Sinkflug. Der legte die steinernen Schwingen an den Leib und flog noch schneller durch die Nacht. Craven hielt erschrocken die Luft an und sandte ein Stoßgebet an Torscha. Nun gab es für sie kein zurück mehr.
Die Ereignisse auf dem Drake-Stone-Mountain ab diesem Augenblick sind schwer zu beschreiben. Die Dinge überschlugen sich quasi zeitgleich und tatsächlich dauerte alles wohl nur wenige Minuten. Dennoch erinnere ich mich an jede Einzelheit, für mich schien das ganze Geschehen in Zeitlupe abzulaufen.
Myra erhob sich vom Boden und sah mich einen Moment lang einfach nur an. Dann umspielte ein Lächeln ihre Züge und sie strich mir sanft über meine blutende Wange. In diesem Moment erst stellte ich fest wie sehr ich ihre sanften Berührungen vermisst hatte und war unfähig zu sprechen. Träumte ich? Es war mir einerlei, solange dieses Gefühl nur nicht enden würde. Doch es schwand als Myra ihre Hand zurück zog und stattdessen spürte ich nackte Panik in mir aufsteigen. Erneut spürte ich wie sie mir entglitt als sie hinter mich trat und sich an meinen Stricken zu schaffen machte. Ich verdrängte meine Gefühle und bereitete mich auf den bevorstehenden Kampf vor. Gleich würde ich frei sein, ich spürte bereits wie die Fesseln lockerer wurden. Doch dann hielt Myra plötzlich inne und trat wieder vor mich. Die Stricke waren gelockert, ich würde mich befreien können, aber es würde es wohl etwas dauern. Warum hatte Myra mich nicht ganz losgebunden? Sie lächelte wehmütig und ich konnte Trauer in ihren Augen sehen. Etwas Endgültiges lag darin. Was immer sie vorhatte, sie hatte ihre Entscheidung getroffen und es schien sie zu bekümmern. Sie war den Tränen nahe. Ich versuchte zu sprechen doch ich bekam keinen Ton heraus.
Sie sah mich gefasst an und flüsterte: "Ich danke dir Drake das du meine Seele gerettet hast. Deine Liebe war stärker als der Fluch. Du trägst noch immer die Kraft des Jägers in dir. Du wirst deine Mission zu Ende bringen." Ihr Blick schweifte zu den beiden Erzvampiren die noch immer miteinander stritten, umringt von den gefesselten Blicken der anderen Anwesenden. Niemand beachtete uns. Einen Moment betrachtete Myra die beiden Fürsten der Dunkelheit bevor ihr Blick zu den Zwillingsschwertern schweifte die vor ihr auf dem Samtkissen lagen und sie nickte entschlossen.
"Doch selbst du kannst nicht gegen zwei von ihnen bestehen." flüsterte sie und griff ohne zu zögern nach Fortigan. Ich zog entsetzt die Luft ein als sich ihre Finger um den Griff der verfluchten Waffe schlossen. Einen Moment lang zuckte ihr Körper als sich die Klinge gegen den neuen Benutzer wehrte. Ein schmerzhaftes Seufzen entrann ihrer Kehle und sie begann zu zittern. Doch sie widerstand dem Schmerz und erhob sich mit dem Schwert in ihrer Hand. Was hatte sie vor, Fortigan würde sie töten. Ich schüttelte hilflos den Kopf und begann an meinen Stricken zu zerren. Myra wandte sich noch einmal mir zu und sah mich sehnsüchtig an. "Ich kenne nun mein Schicksal. Nun liegt es an dir deines zu erfüllen. Ich liebe dich Drake. Ich habe dich immer geliebt." Mit diesen Worten drehte sich sie um und schritt langsam auf die beiden Erzvampire zu. In diesem Moment wusste ich was sie vorhatte und diese Erkenntnis ließ mich entsetzt aufbegehren. Ich wollte schreien, sie anflehen es nicht zu tun, doch ich wusste dass es sinnlos war. Ich zerrte an den Stricken und spürte dass sie langsam nachgaben. Aber ich würde nicht schnell genug sein. Erneut war ich dazu verdammt hilflos zuzusehen. Ich zerrte mit aller Kraft an meinen Fesseln. Doch der Drake-Stone-Mountain wollte Blut sehen. Myra hatte die beiden Erzvampire erreicht.
Tarim o Kiel und Asteroth standen sich wie die Kontrahenten in einem Faustkampf gegenüber und starrten sich hasserfüllt an. Ihre Augen sprühten Feuer und Blitze. Atemlos starrten die restlichen Anwesenden diese beiden Wesen an die die mächtigsten Vampire des Planeten verkörperten. Ein Knistern lag in der Luft, etwas braute sich zusammen. Niemand vermochte zu sagen ob dies von den Vampiren oder von dem Berg selbst ausging, doch ein jeder spürte diese unsichtbare Energie.
"Es ist vorbei Asteroth. Lass und diesen Konflikt endlich beenden." O Kiels Stimme hallte Ehrfurcht gebietend über den Berg.
"Du irrst, es fängt gerade erst an. Ich habe noch viel zu tun. Doch deine Zeit scheint in der Tat zu Ende zu sein. Ich fühle es in der Luft. Spürst du es nicht? Der Berg erwartet deine Essenz. Es ist sein hungriger Atem der in der Luft liegt."
"Du wirst mich nicht vernichten."
Asteroth hielt nach diesen Worten inne und lauschte einem Moment. Ein fragender Ausdruck erschien in seinem Gesicht. "Vielleicht hast du sogar Recht." antwortete er zögernd und in diesem Moment konnte er eine Gestalt hinter dem Erzvampir ausmachen. Eine Hand legte sich sanft auf Tarim o Kiels Schulter und der Erzvampir fuhr barsch herum. Lukryscha stand hinter ihm, doch etwas stimmte nicht mir ihr. Etwas war anders. Tarim o Kiel sah sie wütend an. "Was soll das? Wie kannst du es wagen mich jetzt zu stören…" Der Erzvampir verstummte als er den Ausdruck auf dem Gesicht seiner zukünftigen Königin sah. Erschrocken sah er in ihre Augen.
"WAS ZUM…?" entfuhr es ihm, doch es war zu spät. Ein stechender Schmerz explodierte in seiner Brust als sich Fortigan durch sein Herz bohrte. Tarim o Kiel riss fassungslos die Augen auf. In seinem Gesicht lagen Überraschung und Entsetzen gleichermaßen als er keuchend in die Knie brach. Mit einem Ruck zog Myra das Schwert aus O Kiels Leib und drehte sich zu mir herum. Ich brüllte ihr etwas zu, doch mein Ruf ging in dem Getümmel unter, dass in diesem Moment über dem Berg hereinbrach. Ein zwei Sekunden standen die Gardisten der Gilde einfach nur regungslos da und starrten auf ihren Gefallenen Herren bevor Sagul etwas brüllte und sie mit gezogenen Schwertern auf Myra zustürmten. Myra sah mich an und sammelte das bisschen Kraft das ihr das Dämonenschwert noch gelassen hatte um Fortigan von sich zu schleudern. Ich sah die Klinge wie sie sich mit der Klinge in den Erboden grub und dort zittern stecken blieb, nur wenige Schritte von Korosan entfernt das noch immer auf dem Samtkissen zu meinen Füssen ruhte. Sofort schnellte mein Blick wieder zu Myra die sich mit letzter Kraft auf den Beinen hielt und mich anlächelte. Wie in Trance hob sie die Arme gen Himmel und schloss die Augen. Dann erreichten sie die Soldaten und ein Teil von mir starb bei dem Anblick, als ein Duzend Schwerter auf sie einstachen, bevor ihr Körper von denen der Soldaten verdeckt wurde. Ich stieß einen Schrei der blanken Verzweiflung aus und riss mich endgültig von den Stricken los die mich hielten.
Mit einem Satz war ich bei den Zwillingen und hob sie auf. Als ich sie in meinen Fäusten spürte wich sofort meine Erschöpfung und ich spürte wie sich augenblicklich meine Wunden begannen zu schließen. Mein Geist war zerrüttet und betäubt von Myras Opfer, doch mein Körper hatte seine alte Stärke wieder. Und ich kannte nun nur noch ein Ziel. Diesen Berg würde niemand mehr verlassen, dafür würde ich sorgen.
Aus den Augenwinkeln sah ich eine Gestalt auf mich zukommen und ich hob die Zwillinge. Es war Sagul und ich erkannte das er fest entschlossen war zu Ende zu bringen was ihm einst nicht gelang.
Im selben Moment registrierte ich eine Bewegung über mir und erkannte eine steinerne Kreatur die im Sturzflug auf die Söldner zuhielt die Myra nieder gestreckt hatten. Es war der Gargoyl und in seinen Klauen konnte ich Craven mit seiner Axt in seinen Händen erkennen.
Es war soweit. Die letzte Schlacht hatte begonnen.
7.
Mit der Urgewalt eines echten Gargoyles brach Cas´thor in die Reihen der Soldaten ein. Craven fand sich auf dem Boden wieder und stellte fest das der Kampf um ihn herum begonnen hatte. Die Söldner der Gilde hatten ihre Überraschung schnell überwunden und griffen ohne zu zögern den Gargoyl an. Craven raffte sich auf und wollte dem Kampfgefährten zu Hilfe eilen, als er ein wahnsinniges und durch und durch unmenschliches Kreischen vernahm. Sofort wandte er sich dem Geräusch zu und erkannte eine furchtbare Kreatur die voller Wahn und blindem Hass auf ihn zugestürmt kam.
"DU!! MÖRDER! RACHEEEE!!!" kreischte die Kreatur und hielt einen mächtigen Zweihänder hoch erhoben. Nun erkannte Craven das es sich bei der entsetzlichen Kreatur um die Überreste von Barlow handelte. Offenbar hatte er nicht vergessen wer seinen Bruder getötet hatte und verantwortlich für sein schreckliches Schicksal war. Craven packte seine Axt fester. Barlow kannte nun keine Rücksicht mehr. Sein einziges Bestreben galt Cravens Tod.
Cas´thor spürte wie mehrere Schwerter auf ich niederfuhren und ihm Steinbrocken aus dem Leib hieben. Zwar war er gut gepanzert doch diese Soldaten verstanden ihr Handwerk und konnten ihm durchaus gefährlich werden. Mit einem wütenden Brüllen befreite er sich aus ihrer Umklammerung und schleuderte zwei weit von sich. Einer schlug hart auf dem Boden auf und blieb reglos dort liegen, der andere stürzte vom Plateau und wurde von der Finsternis verschluckt. Die anderen Söldner hielten kurz inne und sahen einander an, doch Cas´thor stürmte bereist seinerseits auf sie zu, entschlossen keinen von ihnen entkommen zu lassen.
Verstört sahen sich die Ratsmitglieder auf dem Schlachtfeld um. Sie spürten dass die Dinge schief gelaufen waren. Sie mussten schnellstens von hier verschwinden. Doch noch bevor sie die nötigen Zauber sprechen konnten erblickten sie einen gewaltigen Schatten über sich. Valotica hatte seinen Platz am Rande des Geschehens verlassen und starrte nun die Ratsmitglieder an. Als das erste Ratsmitglied fliehen wollte schnellte sein Hals blitzschnell vor und verschlang den hohen Vampir mit einer Geschwindigkeit die die der Vampire bei weitem überstieg. Unter dem Rat breitete sich die Gewissheit aus dass der Drache sie nicht entkommen lassen würde und sie spürten am eigenen Leib dass ein Vampir durchaus in der Lage war Angst zu empfinden – sogar Todesangst!
Asteroth betrachtete überrascht und voller Selbstzufriedenheit die gefallene Gestalt von Tarim o Kiel die vor ihm in die Knie gebrochen war und sich stöhnend die Brust hielt. Er konnte in den Augen von O Kiel lesen dass dieser so gut wie Asteroth wusste dass diese Wunde selbst für einen Erzvampir tödlich war. Die geballte Macht des Dämonenschwertes hatte sein Herz zerfetzt. Nun erst wurde Asteroth die Ironie bewusst das sein ärgster Rivale den er seit Jahrtausenden kannte sterbend vor ihm lag und dass es nicht durch seine Hand dazu kam. Asteroth war die ganzen Jahre über davon überzeugt gewesen das er eines Tages der Existenz seines Bruders ein Ende setzen würde. Mit diesem Ausgang hatte er nicht gerechnet, doch die Tatsache das es die Tat von Lukryscha war, der Frau die ihn für O Kiel verraten hatte, machte seinen Triumph nur noch viel köstlicher. Er begann zu lachen während er Tarim o Kiel bei seinem Untergang zusah.
Sagul war so schnell und tödlich wie einst. Doch dieses Mal kannte ich seine Kräfte. Und dieses Mal besaß ich Waffen denen auch er nichts entgegensetzen konnte. Ich dachte an die Bilder von Myra wie sie unter den Söldner begraben wurde und sagte mich damit endgültig von jeglichen Gefühlen und meiner verbliebenen Menschlichkeit los. Dieses Mal würde es enden. Ich ließ die Bestie in mir frei und spürte sofort wie das Tier in mir die Kontrolle über mein Handeln übernahm. Sagul zuckte einen Moment zurück als er die Verwandlung in mir bemerkte. Seine Augen zeigten deutlich dass er sich seines Sieges nun nicht mehr so sicher war, auch wenn er vermutlich der mächtigste Hohe Vampir war den es jetzt noch gab.
Entschlossen schritt ich auf ihn zu und führte die schwarzen Zwillinge in den Kampf. Die Klingen kreischten voller hungriger Erwartung und die Aussicht auf solch eine mächtige Beute trieb sie in blutige Extasse. Ich versuchte nicht sie zurückzuhalten. Sollten sie tun was immer sie wollten, es war einerlei. Ich war dazu geschaffen zu töten.
Immer schneller und unerbittlicher fuhren die Schwerter auf Sagul hernieder. Der Vampir war schneller und geschickter als jeder andere Vampir gegen den ich je gekämpft hatte, dennoch wurde er unter meinen Hieben deutlich zurückgedrängt und kam seinerseits kaum zum Schlag.
Sagul führte einen fein geschliffenen Krummsäbel in den Kampf mit dem er vortrefflich umzugehen verstand. Es war derselbe Säbel der mich einst das Leben kostete. Offensichtlich glaubte Sagul damit seinen Sieg wiederholen zu können. Immer wieder versuchte er mich mit Ausfällen und Finten zu täuschen doch kaum holte er aus war eine meiner Klingen im Weg und blockte seinen Angriff. Weder das Tier in mir noch die Dämonen in den Schwertern würden sich ihre Beute nun noch nehmen lassen.
Schnell vollführte Sagul einige hastige Bewegungen und verschwand vor meinen Augen um hinter mir wieder aufzutauchen. Ich vollführte eine halbe Drehung und parierte seinen feigen Angriff bevor dieser sein Ziel fand. Sagul starrte mich ungläubig an und stieß einen Fluch aus. Der Vampir wich ein Stück zurück und murmelte etwas vor sich hin. Grünliche Nebelschleier zogen um ihn herum auf und sein Körper schien mit ihnen zu verschmelzen. Es schien als würde ich gegen einen Schemen kämpfen, ein unsichtbares Phantom am Rande meines Sichtfeldes. Doch die Schwerter ließen sich nicht täuschen. Zielsicher hieben sie in den Nebel und ich hörte einen überraschten Schmerzenslaut. Seine Illusionen konnten ihn nun auch nicht mehr retten. Der Nebel begann sich zu lichten und dort stand der Vampir und funkelte mich zornig an. Eine lange Schnittwunde zog sich über seine Brust.
"Verflucht sollst du sein!" fauchte er mich zwischen zusammen gebissenen Zähnen an und begann erneut die magischen Energien um sich zu sammeln. Ein Dröhnen unter mir erklang und ich merkte wie der Boden zu schwanken begann. Unter meinen Füssen klafften Risse im Felsen auf und zogen sich durch das Plateau während das Beben mich um mein Gleichgewicht ringen ließ. Sagul, der von dem Erdbeben unberührt blieb, nutze diese Gelegenheit und sprang mit einem Satz auf mich zu. Ich spürte wie sein Säbel durch meinen Leib schnitt und mein Blut durch die Luft spritzte. Doch ich spürte keine Schmerzen. Solange das Tier in mir wütete war ich unempfänglich für Schmerzen. Ohne auch nur zu zucken holte ich aus und stieß den Vampir weit von mir. Sagul schlug hart auf den Boden. Das Beben verstummte. Langsam ohne jede Hast schritt ich auf ihn zu während sich meine Wunden bereits wieder zu schließen begannen. Eisige Kälte umwehte mich als ich vor dem Vampir stehen blieb. Ich spürte wie der Vampir neuerlich nach der Kraft griff und Blitze begannen um uns herum zu zucken. Etwas Gewaltiges braute auf, Sagul schien seine ganze Kraft anzusammeln für einen letzten entscheidenden Angriff. Etwas zerrte an meinem Körper, wollte ihn von innen heraus zerreisen. Ich spürte ein kaltes Feuer in meinem Inneren das meinen Leib verbrennen wollte. Pure Energie strömte durch meinen Körper und lähmte ihn. Ohne die animalischen Kräfte der vampirische Bestie in mir wäre ich unter diesem Angriff längst zu Boden gegangen. Doch der Vampir in mir würde jetzt nicht aufgeben. Mit einem wilden tierischen Brüllen riss ich die Arme in die Höhe und befreite mich von der eisigen Umklammerung. Ein greller Lichtblitz explodierte in meinem Geist und ließ mich taumeln. Ich blutete aus unzähligen Wunden am ganzen Körper, doch ich war frei. Taumelnd schritt ich einen weiteren schritt auf Sagul zu der am Ende seiner Kräfte vor mir lag und mich voller Entsetzen anstarrte.
"Was bist du?" flüsterte der Hohe Vampir voller Ehrfurcht. Ich gab ihm keine Antwort als ich Korosan tief in sein untotes Herz stieß. Ohne einen Laut des Schmerzes, nur mit diesem von Schrecken und Wahn verzerrten Gesichtsausdruck ging Sagul in Flammen auf und verbrannte in der langsam aufziehenden Morgenröte.
Craven spürte den Hauch seines eigenen Todes als die wuchtige Klinge des Zweihänders nur wenige Zentimeter vor seinem Gesicht durch die Luft schnitt. Funken sprühten durch die Luft als das Schwert mit voller Wucht gegen den felsigen Boden schlug. Barlow, der seine ganze Kraft in diesen von blankem Hass getriebenen Schlag gesetzt hatte, taumelte und wäre beinahe gestürzt. Craven nutzte diese Gelegenheit und ging seinerseits in den Angriff. Er versuchte seinen Gegner einzuschätzen, musste sich jedoch eingestehen dass ihm dies nicht möglich war. Er empfand nur lähmenden Schrecken für das was aus dem einst so kühnen Vampir geworden war. Zwar hatte er mit ihm nie die Klingen gekreuzt, dennoch hatte er den Kampf zwischen ihm und Drake in Asteroths Heim so gut verfolgt wie ihm das in seiner Situation möglich gewesen war. Doch von diesen Eindrücken war nun nichts mehr da. Der damalige Barlow hatte vorsichtig und äußerst gerissen agiert, er war verschlagen und listig. Die Kreatur die nun vor ihm stand hatte seinen Verstand endgültig aufgegeben und sich ganz dem Hass verschrieben. Die diabolischen Augen die bei anderen Vampire stets unergründlich, mystisch und von finsterer Weisheit erfüllt aussahen glänzten bei Barlow voller Wahn. Speichel lief ihm aus dem Mund als er seine spitzen Zähne bleckte während er Cravens Attacke abwehrte. Die Kraft die in dieser Bestie steckten war unglaublich. Craven spürte wie seine Arme taub wurden und er von Barlow nach hinten geschleudert wurde. Das Gewicht von Rutex riss Craven schließlich endgültig zu Boden. Der kantige Fels bohrte sich schmerzhaft in seinen Rücken und Craven blieb für einen Moment die Luft weg. Im nächsten Moment sah er Barlow bereits über sich. Er sah die Spitze des Zweihänders und rollte sich in letzter Sekunde zur Seite. Wieder sprühte Barlows Schwert Funken als es den Felsen traf. Doch schon vollführte der Vampir die nächste Attacke und wieder gelang es Craven nur knapp dem Schlag zu entgehen. Für einen Moment hatte Barlow ihm den Rücken zugewandt und ohne nachzudenken holte Craven mit dem rechten Fuß aus und trat dem Vampir mit aller Kraft in die Kniekehlen. Barlow stieß ein überraschtes Kreischen aus und ging ebenfalls zu Boden. Craven nutze das bisschen Zeit das er dadurch gewonnen hatte um wieder auf die Beine zu kommen. Doch auch Barlow erhob sich mit unglaublicher Geschwindigkeit und ging bereits zum nächsten Angriff über. Craven kam nicht zur Ruhe und spürte bald wie seine Kräfte nachließen. Das hohe Tempo das Barlow vorgab erschöpfte den Krieger, seine Axt wurde immer schwerer. Wieder schlug Barlow mit wütendem Gebrüll zu, Metal traf auf Metal und die Kraft des verrückten Vampirs zwang den muskulösen Ritter beinahe in die Knie. Mit einem Ruck riss sich Craven los, doch schon wieder schnellte Barlow vor und attackierte ihn. Der Vampir zeigte keine Anzeichen von Ermüdung und setzte seinen erbarmungslosen Kampf fort. Lange würde Craven dem nicht mehr standhalten können. Ein Seitenblick offenbarte ihm das Drake im Kampf mit Sagul lag. Etwas ging in Drake vor, er schien von einer geradezu dämonischen Kraft beflügelt zu sein. Der Hohe Vampir schien deutlich unterlegen. Doch würde ihm das helfen? Craven bezweifelte es als neue Hiebe seine Axt trafen und ihn aufstöhnen ließen. Seine Beine wurden weich und er taumelte nach hinten. Plötzlich stellte er fest dass hinter ihm der Boden aufhörte. Craven hatte den Rand des Plateaus erreicht. Barlow stürmte auf ihn zu, mit der festen Absicht seinen verhassten Gegner vom Berg zu werfen.
Wie Strohpuppen flogen die verbliebenen Söldner durch den nächtlichen Himmel als die gewaltige Gestalt des Gargoyles zum Schlag ausholte. Lange war es her das Cas´thor das letzte Mal das Fieber des Gefechtes in seinem Herzen aus Stein gefühlt hatte und nun brach es sich mit unglaublicher Intensität Bahn und fegte seine Widersacher vom Schlachtfeld. Nur noch drei Kämpfer blieben übrig die sich mit dem Mut der Verzweiflung auf den steinernen Koloss stürzten. Sie wussten dass sie keine Chance hatten, doch sie würden diesen Ort ohnehin nicht mehr verlassen. Diese bittere Erkenntnis stand ihnen deutlich ins Gesicht geschrieben nachdem sie den Fall ihres Meisters gesehen hatten. Und so griffen sie ein letztes Mal an und tatsächlich schafften sie es dem Gargoyl einige weitere Wunden zu schlagen. Stein splitterte, Cas´thor brüllte auf vor Schmerz und geriet ins Wanken. Die Vampire sahen ihre letzte Chance und stürzten sich auf ihn. Doch Cas´thor bäumte sich auf, packte den ersten der heran stürmenden und zerriss ihn einfach in zwei Teile, die augenblicklich in Flammen aufgingen. Bevor die beiden letzten Söldner etwas unternehmen konnten griff der Gargoyl an. Er überrannte die Soldaten förmlich, packte sich den ersten und schlug ihm mit seiner steinernen Faust den Kopf von den Schultern. Während sich der Körper des Enthauptenten in Asche verwandelte wandte sich der Gargoyl dem letzten der Gildenkrieger zu, der bewegungslos auf den brennenden Körper seines Kameraden starrte. Cas´thor setzte dem Geschehen ein Ende indem er seine Faust tief in die Brust des Vampirs bohrte so das diese mit dem noch schlagenden Herzen wieder aus dem Rücken austrat. So fand auch der letzte Kämpfer sein Ende.
Cas´thor entwich ein erschöpftes Schnauben während er sich auf dem Schlachtfeld umsah. Der Jäger hatte seinen Feind, einen offenbar sehr mächtigen Vampir der Gilde, in diesem Moment bezwungen. Doch der Ritter stand in arger Bedrängnis. Die Kreatur, die mehr Tier den Vampir zu sein schien, hatte ihn an denn Rande des Hochplateaus gedrängt. Er musste ihm zu Hilfe eilen. Der Gargoyl setzte sich in Bewegung.
Doch schon nach wenigen Schritten wurde ihm der Weg versperrt. Ein gewaltiger Schatten überragte ihn und er sah sich dem einzigen Teilnehmer dieser Schlacht gegenüber der größer war als er selbst. Valotica grinste ihn böse an.
"Wohin willst du Wasserspeier?" fragte ihn der Drache verächtlich. Es war kein Geheimnis das sich Drachen und Gargoyles seit Jahrtausenden befehdeten, auch wenn niemand mehr den genauen Grund dafür kannte. Vermutlich war es der Neid der Drachen nicht mehr die einzigen intelligenten Lebewesen zu sein die den Himmel beanspruchten. Und auch wenn Valotica sich längst von seiner ehemaligen drachischen Existenz losgesagt hatte um eine untote Vernichtungswaffe zu werden, so loderte tief in seinem Inneren noch immer die alte Rivalität.
Cas´thor breitete entschlossen die steinernen Flügel aus. "Geh mir aus dem Weg Kreatur. Ich fürchte mich nicht vor deiner verderbten Erscheinung und ich beuge mich keinem Heuchler der seine eigene Rasse verleugnet um einem verdammten Blutsauger zu dienen!"
Aus Valoticas Kehle drang ein wütendes Knurren und mit einem urgewaltigen Brüllen stürmte der Vampirdrachen auf den Gargoyl zu.
Zufrieden stellte Asteroth fest dass keiner des Gildenrates mehr am Leben war. Seine Schöpfung hatte sie alle vernichtet. Dies war das endgültige Aus der Vampirgilde. Betont langsam sank Asteroth vor der zusammen gekrümmten Gestalt von Tarim o Kiel in die Knie und hob dessen Kopf so dass er ihm direkt in die Augen sehen konnte. Die fahle Haut des Gildenanführers begann sich bereits aufzulösen und seine Augen waren bereits von der kommenden Schwärze umwölkt. Er versuchte noch einmal zu sprechen, doch ihm fehlte die Kraft. Asteroth sah ihm tief in die Augen und lächelte. "Dies ist dein Ende Bruder. Und ebenso das Ende der Gilde. Nun wird die Welt mir gehören. Sieh mich gut an, das Gesicht des Herrschers über die Vampire. Denn es ist das letzte was du sehen wirst. Und nun geh, deine Zeit ist abgelaufen." flüsterte Asteroth schon fast zärtlich seinem sterbenden Bruder zu, in dessen Augen sich eine letzte Emotion zeigte. Das Verstehen seiner Niederlage. Und mit diesem Ausdruck verwandelte sich Tarim o Kiel in einen Haufen Staub der vom Wind fort getragen und über den gesamten Drake-Stone-Mountain verstreut wurde.
Ich lief starr über das Schlachtfeld. Mir war mein Triumph über Sagul gar nicht bewusst, er interessierte mich auch nicht. Ebenso wenig wie die Dinge die sich um mich herum abspielten. Ich hatte nur ein Ziel. Vor mir sah ich Myras leblosen Körper liegen. Die Soldaten die ihr das angetan hatten waren verschwunden, der Gargoyl des Orakels hatte sie offenbar getötet, doch dies kam mir in diesem Moment nicht in den Sinn. Mein ganzes Denken galt nur Myra. Als ich sie erreichte fiel ich vor ihrem Körper auf die Knie und nahm sie in die Arme. Ich bettete ihren Kopf in meinem Schoß und strich ihr das blutige Haar aus der Stirn. Stumm betrachtete ich ihr Antlitz, als sie langsam die Augen aufschlug.
Craven spürte die Erschöpfung an ihm nagen. Barlow stürmte noch immer auf ihn zu und mit jedem seiner Hiebe schwand die Kraft des Ritters. Rutex schien Tonnen zu wiegen und er stolperte einen weiteren Schritt auf den Abgrund zu. Barlow grinste irre und griff wieder an. Craven spürte wie Barlows Körper gegen den seinen prallte und versuchte ihn in den Abgrund zu schubsen der nun nur noch zwei Meter hinter ihm war. Craven sammelte all seine Kraftreserven und rammte Barlow die flache Seite des Axtblattes gegen die Stirn. Überrascht taumelte der Vampir ein Stück nach hinten, doch Craven spürte wie diese Aktion das letzte bisschen Kraft aus ihm zog. Rutex entglitt seinen tauben Fingern und er spürte wie etwas Hartes gegen seinen Kopf schlug. Warmes Blut rann sein Gesicht hinab, während er in die Knie brach und mit der drohenden Ohnmacht kämpfte. Er sah Barlow über sich der zum finalen Schlag ausholte. Craven schloss die Augen. ´Bitte Herrin, hilf mir nur dieses eine mal` bettete er zu Torscha.
Und dann geschah das unglaubliche. Er spürte wie sein Gebet erhört wurde. Er fühlte eine Präsenz in seinem Inneren. Etwas erfüllte ihn, etwas Mächtiges. Sofort spürte er neue Kraft in sich. In diesem Moment fuhr Barlows Schwert herab. Blitzschnell wich ihm Craven aus und ließ den Vampir von der Wucht des Zweihänders mitgerissen ins Leere laufen. Craven griff seine Axt und sprang auf die Beine. Als sich Barlow verdutzt umdrehte vollführte Craven eine schnelle Bewegung aus dem Handgelenk und rammte dem überraschten Vampir seinen Axtgriff ins Gesicht. Die Wucht des Schlages schleuderte Barlow nach hinten, der Zweihänder fiel ihm aus der Hand. Sofort setzte Craven dem Vampir nach der nun nur noch einen Schritt vom Abgrund entfernt stand. Mit einem wilden Schrei vollführte er mit Rutex einen waagerechten Schlag und trennte damit Barlows Kopf von seinem Rumpf, der nach hinten umkippte und vom Plateau stürzte. Craven sah wie Barlows Körper im Fall Feuer fing und vollständig zu Asche verbrannte bevor er unten aufschlagen konnte.
In diesem Moment wich die göttliche Kraft Torschas von ihm und er sank völlig erschöpft zu Boden. Schwer atmend schloss er die Augen. Doch es war noch nicht vorbei, etwas tief in seinem Inneren versuchte ihn zu warnen. Aber es war zu spät, Craven vernahm hinter sich eine Stimme: "Ich gratuliere, du hast soeben meinen besten Krieger vernichtet."
Ich war wie versteinert als mich Myras vertraute grüne Augen ansahen. Ich wusste dass ich sie nicht mehr retten konnte. Ihre Wunden waren zu zahlreich. Wäre sie kein Vampir gewesen so wäre sie schon längst tot. Doch auch so würde es wohl nicht mehr lange dauern. Sie begann zu lächeln und ihre blutige Hand hob sich langsam um mein Gesicht zu berühren.
"Ich wusste dass du kommen würdest." flüsterte sie kraftlos.
"Sei still, du darfst dich nicht anstrengen." antwortete ich stockend. Ich spürte wie ich die Kontrolle über mich zurück gewann und das Tier wieder dorthin verbannte wo es hingehörte.
"Es spielt keine Rolle mehr, meine Zeit ist gekommen." flüsterte Myra. Ich schüttelte verzweifelt den Kopf. "Nein. Nein, sag das nicht. Du wirst wieder gesund."
Myra lächelte und zog ihre Hand zurück. Langsam griff sie unter ihr Gewand und holte etwas hervor. Es war das silberne Medaillon dass sie um den Hals trug seit ich sie kennen gelernt hatte. Es war immer ihr größter Schatz gewesen, das einzige was sie noch von ihrer Familie besaß. Selbst als Vampir hatte sie es offenbar nicht über sich gebracht es abzulegen, obwohl das Silber ihr starke Schmerzen zugefügt haben musste. Sie sah es einen Moment lang an, bevor sie wieder zu mir aufsah. "Du musst mir eines versprechen Drake." flüsterte sie, ihre Stimme wurde jetzt immer leiser.
"Alles was du willst." antwortete ich.
"Versprich mir Gut zu sein. Setzte deine Berufung fort und erfühle deinen Schwur den du an Sen Lar geleistet hast, aber lass dich nicht von dem Tier in dir beherrschen und verzehren. Führe ein gutes Leben. Hilf den Schwachen und lass dich nicht vom Bösen verführen."
Ich sah sie einen Moment lang schweigend an bevor ich antwortete: "Ich schwöre dir das ich alles in meiner Macht stehende tun werde um diese Bitte zu erfüllen. Du hast mich gelehrt was es heißt Gut zu sein. Solange ich auf dieser Welt bin werde ich mich an deine Worte erinnern."
Myra lächelte und drückte mir das Medaillon in die Hand. "Hier. Nimm es. Trage es immer bei dir und lege es nie ab. Es soll dich an dein Versprechen erinnern."
Mit gefühllosen Fingern ergriff ich das Kleinod und hing es mir um den Hals. Das kalte Silber schmiegte sich an meine Haut ohne mich zu verletzen und ich spürte sofort das erdrückende Gewicht das auf ihm lastete. Myras Vermächtnis war eine schwere Bürde, die ich von nun an um meinem Hals hängen hatte.
"Myra ich…" setzte ich an, ohne genau zu wissen was ich sagen sollte, doch sie schüttelte nur lächelnd den Kopf. Ihre Bewegungen wurden immer langsamer. "Ich weiß." flüsterte sie. Ihre Stimme war nun kaum mehr zu verstehen. "Ich liebe dich Drake." war das letzte was sie sagte bevor sie ihre Augen für immer schloss und in meinem Schoss starb. In diesem Moment spürte ich etwas Neues in mir, eine Trauer die tiefer war als alles Bisherige. Ich fühlte Feuchtigkeit in meinen Augen und eine Sekunde später tropfte eine Träne auf Myras Gesicht.
Konnten Vampire weinen? Ich hätte es bis zu diesem Augenblick nicht für möglich gehalten. Vielleicht war einfach noch zu viel Menschliches in mir, vielleicht war die Trauer auch einfach nur zu groß. Doch ich spürte heiße Tränen über meine Wangen laufen und sah wie sie Myras bleiches Gesicht bedeckten während ich sie in meinem Schoß wiegte und mich der Trauer hingab.
8.
Das restliche Mondlicht spiegelte sich in den verbliebenen Schuppen des Drachens und der aufziehende Westwind blies durch die blank liegenden Knochen. Die leeren schwarzen Augenhöhlen starrten Cas´thor an. Diese Erscheinung war so unfassbar, so verderbt und wider aller Gesetzte der Ordnung und des Lebens, dass der Gargoyl nur einen weiteren Schritt zurückweichen konnte. Was hatte Asteroth nur mit ihm getan, welch Teufelswerk machte dies möglich?
"Bestaunst du meine Erscheinung Steinfratze?" höhnte Valotica siegessicher.
Cas´thor schüttelte den Kopf. "Was immer du nun auch sein magst, es hat dich deine Seele gekostet."
Valotica gab einen seltsames tiefes Grollen von sich, das sich für Cas´thor wie ein Lachen anhörte. "Die Unsterblichkeit ist jeden Preis wert." Im selben Moment schlug der Drache mit seiner Vordertatze zu. Nur mit Mühen gelang es dem Gargoyl den Angriff abzufangen. Der schieren Kraft dieses Monstrums hatte er kaum etwas entgegenzusetzen. Dieses Mal war er der Zwerg und sein Gegner der Titan.
Cas´thor versuchte seine Klauen in den Leib des untoten Drachen zu schlagen, doch selbst sein massiver Stein vermochte nicht die Schuppen zu durchbrechen. Und selbst wenn, was wollte er verletzten? Die Fetzen verfaulten Fleisches die noch an ihm hingen? Oder seine blanken Knochen? Valotica war schon tot und ihm würde er nicht so einfach den Kopf abtrennen können. Cas´thor begriff die Sinnlosigkeit seines Tun als ihn ein weiteren harter Schlag von Valoticas zerfetzten Schwingen traf und nach hinten schleuderte.
Als Craven begriff wer hinter ihm stand war es bereits zu spät. Asteroth packte den Hünen lässig mit der rechten Hand. Seine klauengleichen Finger bohrten sich in seinen Hals und Craven spürte wie er keine Luft mehr bekam. Er spürte wie er hochgehoben wurde und den Boden unter den Füßen verlor. Asteroth grinste ihn an. "In dir scheint Potential zu stecken. Barlow war nur noch eine sabbernde Missgeburt, ich bin froh ihn los zu sein. Aber ich hätte nicht gedacht dass ein Mensch diese Kraft besitzen würde. Stell dir nur vor wie viel größer deine Macht mit meinem Geschenk wäre. Die Ehre gebührt dem Sieger. Du könntest Barlows Platz an meiner Seite einnehmen. Du würdest Macht jenseits deiner Vorstellung von mir bekommen und zusammen würden wir das Land beherrschen. Was sagst du?"
Der Druck um seinen Hals ließ nach und Craven zog keuchend Luft ein. Als er schließlich zu Atem gekommen war sah er Asteroth in die Augen. Sofort spürte er diese hypnotische Anziehungskraft die es ihm untersagte sich ihm zu verwehren. Er spürte den Drang ihm alles zu versprechen, vor ihm auf die Knie zu fallen und ihn anzubeten. Doch etwas anderes war noch immer in ihm. Eine Präsenz die noch mächtiger war und so rein wie es die verderbte Aura des Vampirfürsten niemals sein konnte. Torschas Atem pochte in Cravens Herz und so widerstand er der Versuchung.
"Fahr zur Hölle Dämon." zischte er Asteroth entgegen und spuckte ihm ins Gesicht. Für einen kurzen Moment loderte Zorn in den ruhigen Augen des Erzvampirs auf, doch dann wich dieser Ausdruck der gewohnten Gelassenheit. "Nun gut, " entgegnete der Vampir, "ich sehe schon, du bist ein genauso hoffnungsloser Fall wie dein Mentor." Sofort wurde der Druck auf Cravens Hals wieder verstärkt während Asteroth seinen Blick über das Plateau streifen ließ. "Doch sieh dich um, es ist vorbei. Der Kampf ist zu Ende." Tatsächlich war der Berg nur noch von den Waffen und Rüstungen der Besiegten übersäht deren Asche längst vom Wind zerstreut wurde. Asteroth wandte sich Valotica zu, der in diesem Moment den Gargoyl mit voller Wucht gegen einen Felsen schleuderte. Cas´thor blieb regungslos liegen und Valotica setzte ihm nach um den Körper in einen Haufen Geröll zu verwandeln.
"STOP!" herrschte ihn Asteroth an. Valotica reagierte verständnislos und zornig auf diesen Befehl, doch Asteroth fuhr fort. "Lass ab von ihm. Die Sonne geht jeden Moment auf. Es wird Zeit zu gehen." Der Drache schien einen Moment zu zögern, Wut und Enttäuschung schien sich in den leblosen Zügen widerzuspiegeln. Doch schließlich beugte sich der Drache seinem Meister und wurde sich wieder bewusst welchen Preis seine Macht forderte.
All dies bekam Craven nur noch am Rande mit. Er spürte wie jedes Gefühl langsam aus seinem Körper wich. Am Rande der Bewusstlosigkeit die sein sicheres Ende bedeuten würde sah er Drake auf sich zukommen.
Als meine zitternden Finger Myras Augen geschlossen hatten, deren Körper immer noch vor mir lag und nicht zu Staub verbrannt war, wurde ich mir der Geschehnisse um mich herum wieder bewusst. Ich kämpfte gegen die Gleichgültigkeit an, die die Trauer in mir herauf beschwor und stand langsam auf. Die Trauer musste warten, meine Aufgabe hier war noch nicht beendet. Mein Kopf klärte sich und ich wusste dass ich weiterleben musste wenn Myras Tod nicht sinnlos sein sollte. Nun lastete ein weiterer Schwur auf mir als der Berg mir den zweiten geliebten Menschen entrissen hatte. Doch vielleicht konnte ich verhindern dass es noch mehr wurden. Ich stellte fest dass das Hochplateau annähernd verlassen war. Von Tarim o Kiels Gilde waren alle vernichtet worden, das gleiche galt für Asteroths ersten Ritter Barlow. Cas´thor lag bewegungslos am Boden, sein Bezwinger Valotica stand starr ein Stück daneben und musterte die einzigen beiden Gestalten die außer mir noch hier waren. Ich konnte Craven in den Klauen von Asteroth erkennen und sofort breitete sich wieder das Entsetzen in mir aus. Sie standen in der exakt gleichen Posse wie damals vor 60 Jahren an der exakt gleichen Stelle. Nur das Asteroth dieses Mal nicht meinen Meister Sen Lar in seinen Klauen hielt, sondern meinen Schüler Craven. Grinsend sah er mich, der Triumph in seinen Augen quälte mich.
"Kommt dir diese Szene bekannt vor Jäger? Dieser Berg scheint sich gerne zu wiederholen."
Asteroths Stimme echote über das Plateau während ich hinter ihm die erste Röte des Morgens erkennen konnte.
"Lass ihn gehen, du willst mich und nicht ihn." entgegnete ich kalt und zog die Zwillinge. Wieder spürte ich das Tier in mir aufbegehren und hielt es mit aller Kraft zurück. Langsam schritt ich auf in zu.
Asteroth schüttelte den Kopf. "Du würdest ihn opfern? Nun wo du schon deinen Meister und deine Geliebte an den Berg verloren hast würdest du ihm auch noch deinen Waffenbruder überlassen?"
"Du warst derjenige der sie auf dem Gewissen hat, nicht der Berg. Mein ganzes Leben lang warst du die Ursache für all meinen Schmerz, meine Qual und meinen Verlust. Und ich bin es leid es zu ertragen. Ich werde es beenden." Ich spürte wie das Tier während dieser Worte hervorkam und auch die Zwillinge ihre Gier in meine Stimme legten. Ich wollte nun nur noch Asteroth, ganz gleich was es fordern würde. Asteroth zögerte, er schien die Veränderung in mir zu bemerken. Er schien den Griff um Craven zu lockern, der am Rande der Bewusstlosigkeit ein paar hektische Atemzüge nahm. Asteroths Blick glitt zu den ersten Sonnenstrahlen die über die Bergkette strahlten und sein Gesicht verzog sich. Sein Blick glitt zurück zu mir, dann zu denn Schwertern und wieder zu mir. Konnte ich da Unsicherheit in seinem Blick lesen? Die aufgehende Sonne schien ihn zu schwächen. Oder war dies wieder einer seiner Tricks?
Asteroth knurrte mich an. "Also gut Jäger, du hast dir etwas verdient." Der Vampir wandte sich an Valotica. "Flieg zurück zum Schloss!" Der Drache reagierte nicht darauf, ungläubig starrte er seinen Herrn an als ob dieser den Verstand verloren hätte. "Na los, " zischte Asteroth, "dies ist nur für mich und den Jäger bestimmt. Verschwinde endlich. Wenn ich falle bist du frei in deiner Unsterblichkeit und magst das Land unterjochen wie es dir gefällt. Aber bis dahin tust du was ich dir befehle. GEH!"
Schließlich setzte sich der Drache tatsächlich in Bewegung. Er breitete seine zerschlissenen Flügel aus und verschwand hinter den Bergen Richtung Westen. Nun blieben nur noch wir drei. Ich wusste nicht Recht was Asteroth damit bezwecken wollte.
"Ich spüre die Sonne auf meiner Haut." sagte der Erzvampir. "Noch ist sie nicht stark genug mich zu vernichten aber ich spüre ihre sengenden Strahlen und meine Kraft schwindet zusehends unter ihrer Wärme. Bald werde ich nicht stärker sein als jeder gewöhnliche Vampir."
"Was soll das? Was ist das für ein Spielchen?" fragte ich verständnislos.
Doch Asteroth lächelte weiter. "Ich hatte dir gesagt dass du dir etwas verdient hast. Tatsächlich bist du stärker als ich es jemals geahnt hätte. Trotz all der Bemühungen meiner Rasse weilst du noch immer hier. Vielleicht ist es das Schicksal oder eine andere Macht die ihre schützende Hand über dich hält, ich gebe zu, ich weiß es nicht. Du bist eines der wenigen Rätsel die ich nie ergründen konnte Drake. Du beeindruckst mich, deine Kraft und dein unbeugsamer Wille gleichermaßen. Darum nun stell ich dich vor die Wahl."
"Was für eine Wahl?" fragte ich vorsichtig. Irgendetwas war hier Faul.
"Die Wahl zwischen Leben und Tod. Zwischen Erlösung und Verdammnis." Mit diesen Worten schleuderte er Craven von sich. Ich sah den Ritter auf den Abgrund zuschlittern. Gleich würde er hinabstürzen. Doch im letzten Moment ergriff er eine Felskante und hielt sich daran fest. Er lag bäuchlings auf dem kahlen Felsplateau während seine Beine bereits den Abgrund hinab hingen. Ich sah in Cravens Gesicht wie er noch immer mit der Ohnmacht kämpfte. Er würde sich nicht mehr lange halten können, ein Sturz aus dieser Höhe würde seinen sicheren Tod bedeuten.
"Nun entscheide dich." Asteroths donnernde Stimme riss meinen Blick von Craven los. Asteroth stand in mitten des Plateaus, bar jeder Waffe. Die ersten Sonnenstrahlen bedeckten seine Körper und er sah über alle Maßen zufrieden aus. Ich wusste nicht wie er dies alles so genau planen konnte, es schien mir unmöglich das er dies alles genau so wollte. Doch in seinem Gesicht sah ich, das es genau so war.
"In meiner jetzigen Verfassung wäre es ein leichtes für dich mit zu besiegen. Also tu es. Löse deinen Schwur ein und bringe es endlich hinter dich. Vernichte mich und setzte damit dem Fluch deiner Existenz ein Ende.
Oder rette deinen Freund und vergeude die einzige Gelegenheit die du jemals erhalten wirst mich zu bekämpfen. Denn von nun an werde ich ohne die Gilde immer mächtiger werden. So mächtig das du mich niemals mehr bezwingen kannst. Du hast die Wahl."
Ratlos pendelte mein Blick zwischen Asteroth und Craven hin und her der sich mit letzter Kraft an den Felsen klammerte. Was sollte ich nur tun? Wenn ich Craven rettete würde ich mir die beste und vielleicht einzige Chance Asteroth zu vernichten verspielen. Doch täte ich es nicht würde das bedeuten mich endgültig dem Tier und der Verdammnis hinzugeben.
"Tod oder Leben. Erlösung oder Verdammnis. Treffe deine Wahl!" Asteroths Stimme hallte über den Berg und erfüllte alles um uns herum. Meine Finger schlossen sich um Myras Medaillon das um meinen Hals hing als ich die schwarzen Zwillinge in den Staub fallen ließ. Vermutlich hatte dieses Kleinod und das Versprechen welches damit besiegelt wurde meine Seele gerettet.
Craven spürte wie die Kraft aus ihm wich. Seine Finger wurden taub und er spürte wie er den Halt verlor und zu rutschen begann. Würde so das Ende sein? Seufzend dachte Craven an all die Dinge die er noch gerne getan hätte, nun da er den Ruf seiner Göttin vernommen hatte. Sein letzter Wunsch war das sein Tod nicht vergebens sein sollte, als plötzlich ein stechender Schmerz durch sein Handgelenk fuhr. Ein Ruck ging durch seinen Körper und er rutschte plötzlich nicht mehr nach unten. Verschwommen sah er eine Gestalt die seinen Arm gepackt hatte, konnte sie jedoch nicht erkennen.
Eine vertraute Stimme drang an seine Ohren. "Gib mir deine andere Hand Craven, schnell." Wie in Trance streckte er seinen anderen Arm nach oben, er schien Tonnen zu wiegen. Doch irgendwie gelang es ihm doch ihn der Gestalt über ihm zu reichen. Er spürte noch wie er gepackt und nach oben gezogen wurde, dann verlor er endgütig das Bewusstsein.
9.
Verzweifelt versuchte ich Craven aus den Fängen des Todes zu retten. Ich wusste, wenn er nicht bald aus der Ohnmacht erwachen würde wäre es zu spät. Seine Wunden waren tief und sein bleiches Gesicht zeigte keinerlei Leben mehr in ihm. War denn nun alles umsonst gewesen? Meine Blicke schweiften über den Drake-Stone-Mountain. Asteroth war mit einem zufriedenen Lächeln verschwunden als ich meine Wahl getroffen hatte. Ein letztes Mal hatte er versucht meine Menschlichkeit zu zerstören und mich dem Tier zu überlassen. Er hatte seine eigene Vernichtung riskiert um aus mir endlich das zu machen was er wollte. Und obwohl ich mich anders entschied und ihm damit erneut entsagte schien er trotzdem zufrieden zu sein. Denn er war noch da, während sein Feind, die Gilde, nun nur noch der Vergangenheit angehörte. Wieder stand Asteroth als Sieger da, es war von Anfang an egal wie meine Entscheidung ausfallen würde. Asteroth gelange es immer wieder am Ende zu triumphieren. Und nun stellte ich fest dass ich Craven doch nicht retten konnte, das auch er in meinen Armen sterben sollte, wie schon Myra vor ihm. Nein, das würde ich nicht zulassen. Mir blieb noch ein letzter Ausweg. Ich hatte dies noch nie zuvor versucht. Vor langer Zeit hatte ich meinen Mentor Sen Lar gefragt ob die natürliche Heilung die allen Vampiren angeboren war auch auf andere Wesen übertragbar wäre. Mein Meister hatte dies verneint, ihm wäre kein solcher Fall bekannt. Doch ich musste es zumindest versuchen.
Langsam legte ich meine Hand auf Cravens Brust und begann mich zu konzentrieren. Ich versank in meine Meditation, wie ich es immer tat wenn ich meine eigenen Wunden heilen musste. Doch sofort spürte ich den Widerstand. Es war nicht mein eigener Körper den ich in und auswendig kannte. Dieses Mal versuchte ich einen völlig fremden Organismus zu heilen von dem ich keine Ahnung hatte. Die Anstrengung ließ mich zittern, Schweiß rann von meiner Stirn und ich spürte wie sich meine Kehle zuschnürte. Würde ich diese Anstrengung aushalten und die Meditation aufrecht halten können? Ich musste es einfach. Ich biss die Zähne zusammen und konzentrierte mich weiter. Langsam spürte ich die Wärme in meiner Handfläche. Es funktionierte. Etwas ging in Cravens Körper vor. Ich musste durchhalten. Schmerzen drangen in meinen Kopf als würden tausend glühende Nadeln in meinem Kopf stecken, doch ich ließ nicht nach. Die Kraft wurde stärker und ich spürte wie Cravens Körper unter mir leicht zu vibrieren begann. Nur noch ein kleines Stück…
Ich spürte wie mein Körper taub wurde. Sterne tanzten vor meinen Augen und die Welt begann sich um mich herum zu drehen. Dann plötzlich stieß Craven einen keuchenden Atemzug aus und sein Körper bewegte sich. Ich hatte es geschafft. Ich ließ die Meditation fahren und verlor auf der Stelle das Bewusstsein.
Es war nun bereits das zweite Mal das ich die Reise in das Innere des Drake-Stone-Mountain antrat. Erinnerungen an längst vergangene Tage geisterten durch meinen Kopf als ich die Grabkammern der alten Helden betrat. Das spärliche Licht aus Cravens Fackel offenbarte mir, dass ich am Ziel angelangt war. Vor mir konnte ich den eingestürzten Tunnel erkennen indem ich vor einer Ewigkeit meinen Mentor begraben hatte. Einen Augenblick lang starrte ich einfach nur den Haufen Geröll an, denn ich damals selbst verursacht hatte als ich die Grabkammer für alle Zeit versiegelt hatte. Wie gerne hätte ich meinen Meister noch einmal gesehen.
"Drake?"
Cravens leise Stimme riss mich aus meinen Gedanken. Ich nickte stumm und setzte meinen Weg fort. Ich nahm die erste Grabkammer die nach meinem Mentor kam. Sie war leer, bereit gestellt für einen weiteren gefallenen Helden. Langsam betrat ich die Kammer. Craven blieb mit der Fackel in der Hand in der Tür stehen, während ich mich der Einbuchtung in der Felswand näherte. Dort bahrte man die Toten auf um sie zu ehren und für alle Zeit zu bewahren. So hatte ich es einst mit Sen Lar getan, und so würde ich es heute wieder tun.
Langsam legte ich Myras toten Körper nieder, den ich den ganzen Weg in meinen Armen getragen hatte. Ihr Körper hatte sich nicht aufgelöst, alle Spuren des Vampirismus waren von ihr gewichen indem Moment als ihre menschliche Seite endgültig die Oberhand gewonnen hatte. Sie war nun wieder die Frau die ich einst geliebt hatte. Ich unterzog sie derselben Prozedur wie einst meinen Meister. Ich wusch ihren Körper und legte Faliceat unter ihre vor der Brust gefalteten Hände. Sie sah so friedlich aus.
Ich betrachtete das Medaillon, das letzte was ich von ihr noch hatte und dachte an mein Versprechen. Würde ich es halten können?
Ohne die Antwort zu wissen küsste ich Myra ein letztes Mal auf ihre kalten Lippen und verließ die Höhle ohne mich noch einmal umzudrehen. Craven und ich versiegelten die Höhle auf die gleiche Art und Weise und verließen die Krypta.
Als wir die Oberfläche des Berges erreichten bot sich uns eine Überraschung. Dort stand im strahlenden Licht des Morgens eine arg angeschlagene aber durchaus lebendige steinerne Gestalt.
"Cas´thor?" fragte ich ungläubig.
Der Gargoyl brummte und breitete vorsichtig seine Schwingen aus. "So leicht sind wir nicht zu töten Jäger. Ich habe noch eine Aufgabe zu erfüllen. Das Orakel erwartet mich. Und ihr habt ebenfalls noch Aufgaben zu erfüllen."
Craven und ich nickten stumm.
"Es hat mich gefreut dich noch einmal wieder zusehen. Und es war schön noch einmal den Rausch des Kampfes in meinem müden Gestein zu fühlen. Es war mir eine Ehre mit dir in die Schlacht zu ziehen Drake du Kane. Und auch mit dir, edler Ritter Craven."
"Nein, uns war es eine Ehre. Ich hoffe, du wirst noch viele Sonnenaufgänge erleben, Freund." antworte ich und reichte dem Koloss meine Hand. Cas´thor schien überrascht über diese menschliche Floskel, doch er ergriff sie mit seiner Pranke. Ich sah wie es Craven mir gleichtat.
"Lebt wohl." war das letzte was Cas´thor sagte bevor er sich in die Luft erhob und der aufgehenden Sonne entgegen flog, bis er schließlich ganz verschwunden war. Es war das letzte Mal das ich den Gargoyl gesehen hatte.
Craven und ich standen stumm auf dem Plateau und betrachteten den Sonnenaufgang. Ich konnte Tränen in Cravens Augen sehen und nahm seine Hand.
"Es wird niemals enden, oder?" fragte er mich leise.
Ich schwieg während ich die Sonne betrachtete, die mich daran erinnerte was ich war und was ich alles verloren hatte. Wie einst stand ich an dieser Stelle und sah ein völlig neues Leben vor mir. Wieder hatte mich der Drake-Stone-Mountain verändert. Was würde die Zukunft bringen? Was hatte Asteroth gesagt? Erlösung oder Verdammnis? Was davon war mir zugedacht?
Erlösung?
Verdammnis?
Meine Hand schloss sich fester um die von Craven als ich ihm schließlich die Antwort gab:
"Nein, es endet nie."
Epilog
Im Schein einer einzelnen Kerze sitze ich nun hier in diesem einsamen kalten Zimmer und schreibe nieder was mein Vermächtnis sein soll. Ich höre den Regen wie er an die Fensterscheiben prasselt und spüre dass ein Sturm aufzieht. Vor mir liegt meine Lebensgeschichte, die nun fast ein ganzes Jahrhundert umspannt. Wie durch Zauberhand habe ich dieses Werk nun in einer einzigen Nacht geschrieben, einer Nacht in der Zeit offenbar jegliche Bedeutung verloren hat. Ich weiß nicht wie viel Zeit vergangen ist seit ich die ersten Zeilen zu Papier gebracht habe, doch es kommt mir vor als wären seitdem Jahre vergangen und nicht nur eine einzige Nacht. Erst jetzt, da sich meine Erzählung dem Ende zuneigt sehe ich den Morgen dämmern und weiß das es Zeit ist aufzubrechen.
Doch vorher sollen noch ein paar Dinge gesagt werden. Was geschah nach jener Konfrontation auf dem Drake-Stone-Mountain die mittlerweile 22 Jahre zurück liegt? Craven und ich verließen den Berg, doch wir gingen nie wieder gemeinsam auf die Jagd. Diese Zeit war endgültig vorbei. Craven erzählte mir von seinem Erlebnis im Kampf mit Barlow und das er den Ruf seiner Göttin vernommen hatte. Er wusste jetzt was seine Berufung war. Ich war wie ein Vater für ihn und die Jagd war über Jahre hinweg sein ganzer Lebensinhalt, doch nun war es an der Zeit loszulassen. Ich konnte ihn verstehen. Seit meinem zweiten Treffen mit dem Orakel wusste ich das es nicht meine Aufgabe sein sollte den Clan der C´ael Rohen neu zu begründen. Eigentlich wusste ich das schon immer. Craven sagte er wolle nun, da er die göttliche Kraft in sich fühlen konnte in die Dienste Torschas treten und Paladin werden. Er würde weiterhin Jagd auf die Blutsauger machen, aber nun als Geweihter, soweit ihm dies möglich sein sollte. Er schwor kein Wort über mich, den Clan, die Vampire und all die anderen Geheimnisse zu verlieren solange er leben würde. Ich glaubte ihm, er war ein Mann von Ehre. Und vor allem war er mein Freund. Er würde eher sterben als ein Wort darüber zu verlieren. Außerdem würde ihm sowieso niemand glauben.
So ließ ich Craven ziehen. Wie ich später hörte wurde er zu einem mächtigen Kriegsherr. Man erzählte sich das er unter dem besonderem Schutz Torschas stünde. Fünf Jahre nach unserer Trennung wurde er zum Priester geweiht und drei Jahre später wurde er zum Vorstand eines der größten Tempel der Torscha. Viele Schlachten hatte er gefochten und war siegreich hervor gegangen, sein Name wurde zur Legende. Ich sollte ihn nie wieder lebend sehen. Er fiel vor drei Jahren auf dem Schlachtfeld. Sein Leichnam liegt nun aufgebahrt in seinem Tempel und er wird als Heiliger in die Annalen der Geschichte eingehen. Als ich von seinem Tod erfuhr pilgerte ich zu jenem Tempel. Es war das einzige Mal in den ganzen 22 Jahren das ich einen Tempel betrat, doch ich wollte ihn noch einmal sehen. Und dort in den Hallen seiner Ahnen nahm ich Abschied von meinem Freund. Er sah glücklich und zufrieden aus. Ich war davon überzeugt dass er ein gutes und erfülltes Leben hatte.
Ich dachte oft an ihn, ebenso an Myra, Sen Lar oder Cas´thor. Viele Freunde waren von mir gegangen im Laufe der Jahre. Doch am Ende war ich wieder alleine. Dies war wohl der Lauf der Dinge.
Ich setzte meine Jagd so gut es mir möglich war fort. Asteroth baute seine Streitmacht wieder auf. Die Gilde war Führerlos und am Ende war es Morisia die die Nachfolge von Tarim o Kiel antrat und diplomatisch mit Asteroth einen Kompromiss schloss. Um die Zahl der Vampire nicht noch weiter zu dezimieren verbündeten sich schließlich alle Vampire. Die Gilde und die Allianz der neuen Ordnung verschmolzen zu etwas neuem. Asteroth sollte sie anführen, die drei verbliebenen Erzvampire mit Morisia als Sprecherin fungierten als seine Berater. Tatsächlich schien dieses System zu funktionieren und ich sah mich einer nicht enden wollenden Anzahl von neuen Vampiren gegenüber. Doch ich tötete so viele ich konnte, und bald wusste man dass der legendäre Jäger noch immer sein Unwesen trieb. Doch mein ganzes Bestreben galt weiterhin ganz und gar Asteroth. In den 22 Jahren konnte ich ihn nur ein weiteres Mal stellen. In einer stürmischen Nacht kam es zu dem Gefecht mit dem ich meine Geschichte eröffnet hatte. Doch wieder sollte er mir entkommen. Valotica sah ich hingegen nie wieder, obwohl es Gerüchte gibt das der verfluchte Drache noch immer seinem finsteren Herren dient.
So zogen die Jahre ins Land und ich dachte oft an die Prophezeiung des Orakels. Seit jener Nacht auf dem Drake-Stone-Mountain war keine der Vorhersagen mehr eingetroffen. Doch vor wenigen Wochen ging eine Veränderung unter den Vampiren vor. Asteroth schien etwas entdeckt zu haben. Wochenlang musste er in seinen Kammern gebrütet haben. Und dann war er plötzlich verschwunden. Niemand wusste wo er war. Er ließ all seine Untergebenen ohne ein Wort des Abschieds oder einer Erklärung zurück. Morisia übernahm kurzerhand die Führung und die Dinge nahmen wieder ihren Lauf. Doch von Asteroth fehlte jede Spur. Doch ich wusste wohin er verschwunden war. Nachdenklich betrachte ich den roten Stein den ich aus seinen Gemächern entwendet hatte. Er liegt hier auf dem Tisch und der Schein der Kerze bricht sich in seiner geschliffenen Oberfläche. Noch immer kenne ich nicht sein Geheimnis. Doch er barg die Antwort über Asteroths Verbleib. Der Erzvampir hatte Tharos gefunden, die Insel von der angeblich diese Steine stammten – und auch die magischen Waffen wie die Zwillinge es waren. Auf diesem Eiland der Magie vermutete Asteroth noch viel mehr solcher Steine und seit Jahrzehnten versuchte er es zu erreichen. Und nun schien es ihm endlich gelungen zu sein. Mit der Macht der Steine erhoffte er sich gottgleiche Macht. Ich musste ihn aufhalten. Und nun, knapp zwei Monate nach Asteroths Verschwinden habe auch ich endlich die Passage nach Tharos entdeckt. Ich weiß dass dies kein Zufall ist. Das Orakel sprach von einem fernen Eiland das ich einst bereisen würde. Und das ich dort Asteroth zum letzten Gefecht herausfordern würde. Und das ich dort meinen Erben treffen würde. Ich dachte oft an ihn, obgleich ich ihn nie kennen gelernt hatte. Er musste jetzt etwa 22 sein und im richtigen Alter um mit der Ausbildung zu beginnen. Auch dies war wohl kein Zufall. Wie er wohl sein würde? Und wer waren die anderen Gefährten von denen die Rede war? Wieder neue Jäger? Ich war zu alt um noch einmal eine Gruppe anzuführen. Ich war nun seit 82 Jahren Vampir und feierte vor drei Monden meinen 105ten Geburtstag. Zu lange schon war ich nun auf dieser Welt. Ich wollte nur mein Erbe weiterreichen und dann mein Schicksal in dem entscheidenden Kampf gegen Asteroth finden.
Was auch immer mich auf dieser fernen Insel erwarten würde, ich wusste das dies meine letzte Reise sein würde. Ich spüre wie meine Zeit knapp wird. Noch in dieser Nacht werde ich aufbrechen. Noch einmal werde ich mich den Gefahren stellen die dort auf mich lauern und die letzten Zeilen der Prophezeiung erfüllen, bevor ich hoffentlich endlich meine Ruhe habe und wieder mit all den verloren Seelen meiner Geschichte vereint bin.
Ich bin der letzte der C´ael Rohen. Ich trage das Wissen in mir, welches die einzige Waffe gegen die Vampire darstellt. Darum schrieb ich meine Geschichte nieder. Möge der, der sie einst finden möge aus ihr lernen. Wenn ich nicht mehr da bin, bist du, der diese Zeilen hier liest der einzige der noch etwas gegen die Untoten unternehmen kann. Und vielleicht triffst du dereinst jemanden der mein Erbe trägt und einen Clan zu neuer Blüte verhilft dessen Namen ich durch die Geschichte trug.
Mögest du dereinst ebenso zur Legende werden wie ich und meine treuen Gefährten.
ENDE
Eigentlich bin ich kein großer Freund von langen sentimentalen Erklärungen am Ende einer Geschichte, doch habe ich das Gefühl das ich den Leuten dort draußen eine Erklärung schuldig bin. Als ich im Jahr 2000 mit dieser Geschichte begonnen hatte, hätte ich nie gedacht dass sie einmal jemand anderes als ich und meine engsten Bekannten lesen würde. Doch während der Entstehung der Geschichte stellte ich (ehrlich gesagt überrascht) fest das sie offenbar auch Leuten gefiel, die mich überhaupt nicht kannten. Natürlich freut mich das und macht mich auch ganz offen gestanden ein wenig stolz. Allerdings bedeutet dies nun auch dass Leute die Geschichte lesen, die über die Entstehung der Figur des Drake du Kane nichts wissen. Viele Leser werden nicht so recht glücklich mit diesem sehr offenen Ende sein, bei dem so viele Fragen ungeklärt bleiben (super, jetzt hab ich es geschafft wie Stephen King bei DT zu klingen). Der Grund für dieses Ende, dass ja nicht das Ende der eigentlichen Geschichte und auch nicht von Drakes Leben ist, hat seinen Ursprung in der Entstehung der Figur von Drake du Kane. Die gab es nämlich bereits vor dem Erben der Nacht. Meinen Freunden ist diese Geschichte bekannt, doch für alle anderen will ich versuchen diese Entstehung zu erklären, denn ich glaube jeder der diese lange Geschichte bis hier her gelesen hat, verdient es zu erfahren warum alles so endet.
Drake du Kane war ursprünglich ein Charakter-Konzept für ein Rollenspielsystem. Ich hoffe euch ist klar was ein Rollenspiel (wie z.B. DSA oder AD&D) ist, denn um das zu erklären fehlt mir hier wahrlich der Platz. Wir spielen diese Systeme bereits seit vielen Jahren und begannen auch eigene Systeme und Welten zu erschaffen. Mein Freund hatte damals gerade seine neue Kampagne fertig die er "Tharos" nannte, benannt nach der Insel auf der die Kampagne spielen sollte. Eine Insel, die er sich komplett selbst erdacht hatte, von der Geographie bis zur Geschichte und Religion (ein Hobby-Tolkien wenn man so will). Und wie bei jeder neuen Kampagne musste sich jeder von uns einen passenden Held ausdenken den er in dieser Welt darstellen wollte. Ihr ahnt es schon, Drake war mein Held. Spätesten seit Filmen wie Interview mit einem Vampir oder Blade wollte ich einmal solch einen Helden spielen (und man wird in meiner Geschichte Ähnlichkeiten zu diesen und anderen Werken erkennen).
Und natürlich brauchten diese Figuren einen Hintergrund. Also begann ich (wie ich es auch bei all meinen vorherigen Charakteren gemacht hatte) einen kurzen Abriss des Lebens der Figur niederzuschreiben. Da mein Vampir schon ziemlich alt sein sollte (so um die hundert) wurde das dieses Mal etwas länger als sonst. Am Ende hatte ich 5 Seiten knapp zusammengefasste Story über das Leben meiner Figur vor der RPG-Kampagne. Schon bald merkte ich jedoch das sich daraus mehr machen ließ und begann es als Roman niederzuschreiben. So wurden aus ursprünglich 5 Konzeptseiten nun 250 DIN A4 Romanseiten. Jede neue Idee konnte ich beim Rollenspiel in die Figur einfließen lassen und machte sie damit lebendiger. Die Ironie war dass, als die Kampagne im Jahre 2001 zu Ende ging, mein Roman nicht mal zur Hälfte fertig gestellt war, er aber natürlich davor spielte.
Ich denke nun dürfte langsam das Problem klar werden. Was ihr gerade gelesen habt ist sozusagen nur die Vorgeschichte, auch wenn sie am Ende bedeutend länger als die eigentliche Tharos-Kampagne wurde. Die Kampagne meines Freundes begann vor vier Jahren mit Drakes Ankunft auf Tharos, also kurz nachdem diese Geschichte hier endet. Die vier Gefährten von denen das Orakel sprach waren meine Freunde, die die anderen Charaktere der Heldengruppe verkörperten (von denen wiederum einer dann der besagte Erbe werden sollte). Das Geheimnis des roten Steins, die Abrechnung mit Valotica und natürlich der finale Endkampf mit Asteroth war alles Bestandteil dieses Rollenspiels.
Jetzt stellt sich vielleicht der ein oder andere vielleicht die Frage ob diese Kampagne nicht auch einfach als Roman adaptiert werden könnte. Theoretisch ist das sicherlich möglich. Ich weiß jedoch nicht ob ich das tun möchte. Denn ein paar Punkte sind dabei zu beachten:
- die Kampagne war das Werk meines Freundes, und nicht meines. Die Geschichte würde sich daher deutlich vom Erben der Nacht unterscheiden, es wäre ein ganz anderer Stil (eine sehr gute Geschichte, keine Frage, aber eben anders)
- die Thematik hat nichts mit Drakes Berufung zu tun. Die Vampirjagd und auch die Jagd auf Asteroth treten stark in den Hintergrund. In der Kampagne ging es darum eine alte Gottheit an seinem Widererwachen zu hindern, und nicht einen Erzvampir zu bekämpfen, dies war nur eine Nebenhandlung
- Drake ist nicht länger die Hauptfigur, sondern gleichwertig unter den anderen vier Helden. Ich würde in diesem Fall auch von der Erzählweise der Ersten Person auf die Dritte Person wechseln. Tharos wäre keine Biographie mehr wie der Erbe der Nacht.
Die Tharos-Kampagne war durchaus eine gute (sogar sehr gute) Geschichte die es wert wäre erzählt zu werden. Doch wie oben erwähnt wäre es eine völlig andere Art von Geschichte wie der Erbe der Nacht, in der Drake eben nur einer von fünf ist. Einzig sein Endkampf mit Asteroth entspräche noch etwa der Erzählstruktur dieser Geschichte.
Ich möchte daher keine Versprechungen machen. Bisher liegen noch keinerlei Entwürfen für eine Fortsetzung vor und ich arbeite derzeit an anderen Geschichte die viel Zeit erfordern. Sollte jedoch eine Fortsetzung verlangt werden, werde ich noch mal darüber nachdenken. Ihr seid Drake so lange gefolgt, ihr habt das Recht zu erfahren wie seine Geschichte endet.
Wer Interesse haben sollte darf mir gerne unter
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mailen und mir seine Meinung sagen, ob er eine Fortsetzung möchte oder nicht. Auch über jede Art von Kritik, Anregungen oder Fragen eurerseits bin ich offen. Da es mir die Zeit leider nicht erlaubt eurem (wirklich guten) Forum beizuwohnen, könnt ihr über diesen Weg Kontakt mit mir aufnehmen, wenn ihr das möchtet. Ich würde mich darüber freuen und versuche jede Mail zu beantworten.
Zum Schluss möchte ich noch kurz anmerken, das Drakes Hinrichtung durch Kreuzigung eine reine schriftstellerische Freiheit von mir darstellt um ein möglichst dramatisches Finale zu bieten und keinerlei Bezug zu irdischen Gebräuchen oder Religionen hat. Ich hoffe damit niemanden in seinem Glauben verletzt oder beleidigt zu haben.
Abschließend bleibt mir nur noch zu sagen, dass ich hoffe, dass euch die Geschichte gefallen hat und möchte mich ganz herzlich bei euch für euer Interesse bedanken.
Martin Moser
Aktualisiert (Donnerstag, den 10. September 2009 um 07:04 Uhr)

















