Kriminalgeschichte
Das Phantom von Cildburg
Das Phantom von Cildburg
© 2004 by Ulrich Pethke
1. Der Unfall
Eine Lerche stieg jubilierend in den strahlenden Frühlingshimmel. Ihr schmetterndes Lied verkündete den neuen Tag, weckte die letzten Schläfer und ersetzte das heimliche Schweigen der Nacht durch die geschäftige Hektik des gewohnten Tagesablaufes. Unter ihr, auf der Autobahn, waren zu dieser frühen Stunde nur wenige Fahrzeuge zu sehen. Eben kam eine schwerere Limousine, die mit mäßiger Geschwindigkeit unbeirrt in Richtung Grenze strebte. Von der allgemeinen Euphorie angesteckt, hatte Peter, der Fahrer, das Fenster halb geöffnet um die laue Luft zu geniessen.
Peter summte ein lustiges Liedchen vor sich hin und freute sich an der erwachenden Natur, die ihm nach den endlos trüben Wintertagen strahlend schön und wunderbar geheimnisvoll erschien. Hier drüben die endlosen Felder, deren erdbraune Farbe zunehmend von einem zarten, transparenten Grünschleier bedeckt wird, auf der anderen Seite der erhabene, majestätisch anmutende Wald, auf dessen noch kahlen Zweigen sich zaghaft ein ebensolcher grüner Schimmer erahnen läßt, und über allem ein strahlend blauer Himmel, an dem die Sonne zum ersten Mal in diesem Jahr ihre wärmende Kraft erprobt und voll entfaltet hat.
Bei einem derartig herrlichen Frühlingswetter machte das Fahren Spaß und so fühlte sich Peter mit der erwachenden Natur wunderbar verbunden. Er mußte sich keine Sorgen machen, konnte die Fahrt voll genießen und er genoß sie.
Wie ein Uhrwerk schnurrte der starke Motor des silbergrauen Mercedes und der Wagen fraß Kilometer um Kilometer in sich hinein. Die Papiere wirkten echt und wenn wenn sie überhaupt gefälscht waren, dann sehr perfekt. Peter hatte das Gefühl, dass der Wagen direkt auf seinen Namen angemeldet worden ist. In einer guten halben Stunde wird er in Görlitz die Grenze nach Polen passieren und drüben den Wagen an einen Käufer ausliefern, der sicherlich jetzt schon auf die Uhr schaute. Auch Rasi wird pünktlich sein, hoffte er.
Wie immer, freute sich Peter auf die Rückfahrt mit dem dicken, etwas einfältigen Rasi. Der konnte Geschichten von seinen Fahrten und Erlebnissen erzählen, wie kaum ein anderer. Rasi selbst merkte von der Komik in seinen Erzählungen nie etwas, für ihn war das alles ernst, aber seine Zuhörer schmunzelten jedes Mal und konnten davon nicht genug bekommen. Peter dachte eben an die Fragen, die er ihm stellen wollte, da stand plötzlich ein blinkendes, riesiges Achtungszeichen auf der Autobahn und forderte ihn zum Drosseln der Geschwindigkeit auf.
Verkehrskontrolle, sie haben mich, durchfuhr es ihn und er bremste scharf.
Langsam rollte er auf den Parkplatz, der hinter dem Achtungsschild auftauchte und überlegte fieberhaft, was er jetzt tun soll. Die Papiere, die ihm eben noch so perfekt vorkamen, brannten plötzlich in seiner Tasche, er hätte am liebsten alles stehen gelassen und sich aus dem Staube gemacht. Aber wohin sollte er sich denn in dieser Gegend wenden, die ihm völlig unbekannt war? Wie er es auch drehte und wendete, es gab kein Zurück, er konnte nicht einmal zu Fuß weglaufen, man hätte ihn doch sofort erwischt.
Tja, das ist eben das Berufsrisiko von Schmugglern, sagte er sich bitter und erschrak bei diesem Wort. War er wirklich schon so tief gesunken, gehörte er bereits zu den Banditen? Er lehnte sich im Sitz zurück, schloß die Augen und erschauerte. Wie ein dunkles Unheil kam ihm plötzlich der Tag vor zehn Monaten vor, als er wieder einmal erfolglos beim Arbeitsamt vorgesprochen hatte.
Die registrieren doch hier nur noch die Zunahme der Arbeitslosen, überlegte er damals bitter, eine Arbeit haben sie in der letzten Zeit keinem mehr verschafft.
"He, Kumpel, hast du mal Feuer?", wurde er da von so einem Typen angesprochen.
"Bitte". Höflich gab er sein Feuerzeug hin.
Beim Anzünden der Zigarette betrachtete der andere Peter von oben bis unten.
"Arbeitslos, was, pfeifst ganz schön auf dem letzten Loch", stellte er fest.
"Scheinbar hats dich noch nicht erwischt. Freut mich, daß es tatsächlich jemand gibt, der noch Arbeit hat", gab Peter zurück und steckte sein Feuerzeug wieder ein.
"Ich bin ja auch nicht so doof, daß ich aufs Arbeitsamt renne, das Geld liegt doch auf der Straße. Wer heutzutage hierher geht, ist nur zu faul, sich zu bücken". Der andere sah Peter dabei mit einem besonderen Blick an.
"Und, darf ich fragen, wo hier welches liegen soll", antwortete Peter etwas ärgerlich, indem er ringsum auf die Straße wies, denn er fühlte sich von dem Angeber ganz persönlich angesprochen und verachtet.
"Mann, sei doch nicht gleich so eingeschnappt," der andere nahm ihn vertraulich beim Arm, um ihn am weiteren Herumfuchteln zu hindern, schaute sich kurz nach links und rechts um und sprach leise weiter, indem er sogar den Kopf senkte: "ich wollte doch nur sagen, wer selbst ein bißchen clever ist, braucht gar kein Arbeitsamt".
Peter sah ihn jetzt ganz offen an.
"Na, nun sag mir doch endlich mal, was du eigentlich machtst, vielleicht kann ich dich da besser verstehen."
"Ich überführe Autos", gab der andere zurück.
Einverstanden, ein wenig war er nun doch überrascht und vieles ging ihm im Kopf herum, an so eine Möglichkeit hatte er überhaupt noch nicht gedacht. Warum auch, die Autohändler hatten doch alle ihre Leute und bekamen die Wagen immer mit dem Großtransport. Vielleicht mußte hier und da wirklich mal ein Auto überführt werden, aber das war doch keine verläßliche Arbeit, und es bringt wahrscheinlich auch nicht allzuviel ein.
"Da stehe ich doch als Arbeitsloser besser da als du, wieviel Autos hast du denn schon überführt?", fragte er endlich spöttisch.
"Mehr, als du ahnst, und es bringt auch viel mehr ein, als du denkst", gab der andere zurück, "sehr viel mehr".
"Wirklich?" Peter blickte verständnislos hoch.
"Und ob, wenn du Lust hast, kannst du ja auch mal so einen dicken Schlitten überführen. Das macht Spaß und lohnt sich."
"Und du meinst, davon könnte ich leben?" Peter glaubte noch immer nicht so recht daran.
"Was ist, hast du nun Lust, ja oder nein", bekam er zur Antwort.
"Eigentlich ja, das wäre doch was für mich".
"Schön, dann gib mir deine Adresse und Telefonnummer, ich rufe dich an".
Heute weiß Peter, daß damals der Boss über ihn Erkundigungen eingeholt hatte und schließlich sein Einverständnis gab. Er mußte dann auch gleich mehrmals Autos nach Polen oder Ungarn fahren. Zuerst war er ja erfreut über die gute Bezahlung und daß es immer ganz tolle Kisten waren, aber dann kamen ihm doch Zweifel und er fragte Ede, so hieß der Typ, was das für Autos sind.
"Haste das denn noch immer nicht kapiert, was du da wegbringst", wunderte sich der.
"Geklaute Autos, ich gehöre zu einer Autoschieberbande", stellte Peter tonlos fest.
"Mach bloß keinen Wind, der Boss läßt dich sowieso nicht aus den Augen. Du steckst da auch ziemlich tief drin, hast schließlich schon mehrere Wagen überführt und dabei wohl ganz gut abgesahnt".
So kam es, daß er bei der Bande blieb. Er kannte weder den Boss, noch sonst irgendeinen anderen, nur Ede und Rasi. Aber die wohnten ganz bestimmt nicht hier, denn sie fuhren jedes Mal andere Wagen mit Berliner Nummern. Er war aber überzeugt, daß diese Nummern auch nicht stimmten.
Während Peter noch träumte, fuhr ein Auto auf den Parkplatz und schreckte ihn auf. Er sah sich kurz und gehetzt um, gab dann Gas und fuhr schnell weiter.
Die Sperre gab es natürlich immer noch und davor stauten sich einige, wenige Fahrzeuge. Peter ahnte nicht, worum es geht, aber er bildete sich ein, daß die Polizei das alles wegen ihm veranstaltete.
Im Radio brachten sie laufend die Meldung von den drei Schwerverbrechern, die in Bauzen ausgebrochen sind. Aber leider hatte er das Radio nicht eingeschaltet. So glaubte er, weil zufällig zwei der Polizisten zu ihm hinblickten, daß sie ihn schon erwarten.
Da drehte er durch und gab Gas, versuchte an der Seite der Sperre durchzubrechen. Das gelang ihm aber nicht völlig, denn sein Auto rammte einen der Polizeiwagen, der durch die Wucht des Aufpralles beiseite schleuderte.
Den schweren Mercedes konnte er zum Glück abfangen und mit demolierter linker Vorderseite weiterfahren. Irgend etwas mußte defekt sein, das war klar, aber es blieb ihm keine Zeit, darüber nachzudenken. Mit Vollgas raste der starke Wagen auf der Autobahn dahin und ehe die Polizei ihre Autos in Gang setzen konnte, hatte er schon einen beträchtlichen Vorsprung.
Eigentlich war er über seine Tat selbst ebenso erschrocken wie entsetzt. Noch niemals im Leben hatte er gegen die Gesetze und die Ordnung verstoßen, lebte bisher als friedlicher und unbescholtener Bürger. Aber auf einmal fuhr er gestohlene Autos, durchbrach die Sperre der Polizei und mußte flüchten.
Als er wieder zur Besinnung kam, sah er einige Kilometer hinter sich zwei Polizeiautos mit Blaulicht, die ihm nachjagten und der Schreck ließ ihn erzittern.
Weg hier, waren seine einzigen Gedanken, ich muß sofort weg. Da kam der nächste Parkplatz, den er im letzten Augenblick sah und er bremste scharf, um einbiegen zu können.
Doch zu seinem hellen Entsetzen schleuderte der Wagen plötzlich nach rechts.
Die Bremse, beim Aufprall auf den Polizeiwagen hat es die Bremse erwischt, durchfuhr es ihn siedendheiß, als er die Leitplanke auf sich zukommen sah.
Fuß weg, laß die Bremse los, dachte er noch, war aber vor Schreck so gelähmt, daß der Fuß das Pedal kraftvoll durchdrückte und die Hände um das Lenkrad krampften.
Da krachte der Wagen an die Leitplanke, zum Glück in sehr spitzem Winkel, sodaß er schleifend weiterfuhr und wohl auch zum Stehen gekomnmen wäre. Leider aber kam die Einfahrt zum Parkplatz, wo die Leitplanke aufhört und wo er sofort hineinschoß.
Der Wagen drehte sich nun völlig und stellte sich damit quer zur Fahrtrichtung. Er blieb an der Bordkante des gegenüberliegenden Straßenrandes hängen und überschlug sich. Auf dem Dach rodelte er über die frische Wiese, bis ihn ein Busch auffing und zum Stehen brachte.
Obwohl er sich bei dem Unfall verletzt hatte, kroch Peter aus dem Wagen. Gebrochen war wohl nichts, es waren nur tüchtige Blessuren. Er hatte einen gewaltigen Schock und zitterte am ganzen Körper. Zunächst begriff er gar nichts, doch dann tönten die Sondersignale der Polizei.
Wie ein Tier fühlte er, daß dieses Signal eine Gefahr für ihn bedeutet, ohne zu wissen, warum. Zum Glück hatten die Polizisten den Unfall wohl nicht bemerkt und fuhren erst einmal an ihm vorüber. In Panik stürmte er in den Wald und hetzte einen kaum sichtbaren Weg entlang. Erst nach unendlich langer Zeit, wie lange, konnte er nicht sagen, wurden seine Gedanken langsam wieder klarer und er erinnerte sich an das Geschehene. Neben dem Weg floß ein Bach, in den er hineinsprang und eine gute Strecke im Wasser, aber in entgegengesetzter Richtung weiterstürmte.
Da lichtete sich der Wald und vor ihm lagen Felder. Peter lief noch immer wie ein gehetztes Tier, bis ihm die Luft wegblieb und er sich setzen mußte. Ihm wäre es egal gewesen, wenn sie ihn in diesem Augenblick geschnappt hätten. Seine Beine waren schwer wie Blei und die Anspannung machte sich jetzt bemerkbar. Er wollte nur noch ausruhen.
So wie er aber aussah, würde ihn doch jeder gleich erkennen, sein Steckbrief wurde ganz gewiß ununterbrochen im Radio gesendet. Zwischendurch kam ihm der Gedanke, daß ihn die Polizei ja gar nicht gesehen hatte und niemand wußte, wer er war.
Doch es schien trotzdem sicherer, erst einmal in die Scheune zu gehen, die etwas entfernt auf dem Feld stand, um sich zu beruhigen. Welche Freude war es, als er das Handy in seiner Tasche spürte, das ihm Ede immer für einen Notfall mitgab.
2. Edmund Fromm
Einige Jahre vor diesem Ereignis betrat ein Mann den Salon des Autohändlers Hall in Cildburg.
"Guten Tag, Herr Fromm, womit kann ich ihnen behilflich sein, wünschen sie einen neuen Wagen?" Oscar Hall ging erfreut auf seinen Kunden zu und begrüßte ihn wie einen guten Freund mit Handschlag.
"Welche Ehre, der Chef persönlich", antwortete der soeben Hereingekommene gutgelaunt.
"Gute Kunden bediene ich gern selbst". Oscar sah erwartungsvoll auf Edmund Fromm, der schon mehrere Nobelschlitten bei ihm gekauft hatte.
"Ja, Herr Hall, es ist wieder einmal soweit, ich möchte mal wieder was anderes haben. Meinen alten nehmen sie doch in Zahlung?"
"Aber selbstverständlich, das ist doch klar", versicherte Hall und brachte einige Prospekte. Er kannte den Geschmack seines Kunden genau und wußte, daß er nur die teuersten Wagen fahren will. Dabei kam es ihm weniger auf sportlichen Charakter als auf Komfort an. Er würde einen großen Mercedes einem Porsche vorziehen.
"Was darfs denn diesmal sein, haben sie einen speziellen Wunsch oder besondere Ideen?" Oscar fragte pflichtgemäß obwohl er genau wußte, daß Fromm niemals Vorstellungen von seinem neuen Wagen mitbrachte. Stets hat er sich beraten lassen und anhand von Prospekten den neuen Wagen ausgesucht.
Um so erstaunter war Hall, daß Edmund Fromm diesmal klare Vorstellungen von dem neuen Auto mitbrachte. Aber noch mehr staunte er, als er den Wunsch hörte
"Ich brauche diesmal einen Wagen, mit dem ich über die Felder fahren kann, also einen Jeep, oder sowas ähnliches, den können sie mir doch besorgen?"
"Selbstverständlich, Herr Fromm, wir haben auch einige einfache Modelle am Lager, aber ich würde doch empfehlen, ein paar Tage Geduld aufzubringen, dann kann ich ihnen etwas Anspruchsvolleres besorgen."
"Herr Hall, ich brauche den Wagen spätestens in einer Woche. Was er kostet und der Hersteller sind mir egal, aber bringen sie etwas Gediegenes."
"Da kann ich sie beruhigen, Herr Fromm, die Off-Roader sind heute ebenso komfortabel wie die normalen Straßenwagen."
"Das habe ich auch schon gehört. Wissen sie was, besorgen sie einen Mercedes, da bleibe ich bei meinem Hersteller. Natürlich mit Ledersitzen, mit herabklappbarem Verdeck und allem Schnick-Schnack den sonst ein guter Oberklassewagen hat."
"Wir würden gar nicht auf die Idee kommen, für sie etwas anderes als Oberklasse zu bestellen", versicherte Hall und bat ihn an den Kundentisch. Dort stand schon eine Kanne Kaffee mit Gebäck bereit und Hall bestellte obendrein in der Kantine noch eine Platte mit belegten Brötchen. Dann legte er seinem Kunden die Prospekte vor.
Eine Stunde später traten beide aus dem Büro auf den Hof. In diesem Augenblick kam der Lackierer Eduard Neumeister aus dem Farblager und ging in die Lackiererei. Er hatte eine Büchse mit Farbe in der Hand, auf die er aufmerksam starrte und sich wahrscheinlich eine komplizierte Farbmischung ausdachte.
"Der arbeitet wohl bei ihnen?", entfuhr es Fromm.
Halls Kopf sauste herum.
"Was ist mit ihm, gibt es Ärger?"
"Ärger? Nein, ich kenne ihn doch gar nicht, weiß nicht mal, wer das ist."
"Herr Neumeister ist einer meiner zuverlässigsten Mitarbeiter, eine ausgezeichnete Fachkraft. Erinnern sie sich an den Kratzer an ihrem Wagen, voriges Jahr, den hat er beseitigt."
Und ob sich Fromm erinnerte, es war nicht nur ein Kratzer, sondern ein beinahe tödlicher Unfall gewesen. Er kam damals auf einer nassen Straße in Schleudern und sauste auf einen Baum zu. Erst im letzten Augenblick gelang es ihm, den Wagen abzufangen und dem Baum doch noch auszuweichen. Dafür kippte er zuletzt in den Graben und zerbeulte sich die gesamte rechte Seite.
Den Schaden hat die Werkstatt Hall zu seiner vollsten Zufriedenheit ausgebessert. Eine Tür und die Scheiben mußten ersetzt werden, ansonsten waren jede Menge Schrammen und Beulen entstanden. Die Werkstatt hatte ausgezeichnet gearbeitet, nach einigen Tagen bekam der den Wagen wie neu zurück.
"Und das hat dieser Herr Neumeister gemacht?" fragte er noch einmal.
"Ja, zumindest die Lackierarbeiten und die sind dabei die Hauptsache. Aber möchten sie mir nicht verraten, was sie gegen Ede haben?"
"Gar nichts, ich kann sie beruhigen. Er ist mir nur seit einigen Wochen aufgefallen, weil er ständig auf die Rennbahn geht und Geld verwettet. Aber er scheint von Pferden und Pferderennen nichts zu verstehen, er verliert immer und wird dann ganz blaß. Wahrscheinlich braucht er Geld und setzt auf die Wettscheine viel Hoffnung."
"Wenn es weiter nichts ist, dann bin ich beruhigt. Das Privatleben meiner Mitarbeiter geht mich nichts an, da kann jeder nach seiner Fasson glücklich werden. Ich passe nur auf, daß keiner von ihnen irgendwelche krummen Dinger dreht, dann schreite ich natürlich sehr scharf ein. Ich kann ihnen auch versichern, daß Herr Neumeister bei mir sehr gut verdient."
Als Fromm den Hof verließ, kam eben Veronika Hall, Oscars Frau hereingefahren und sah nur noch kurz, wer da im Wagen saß.
"Hoher Besuch, was wollte er denn?", fragte sie ihren Mann
"Einen Off-Roader, natürlich vom Feinsten".
"Einen Geländewagen? Was will der denn damit machen?"
"Was weißt du denn, was er überhaupt macht, er ist stinkreich und niemand weiß, woher das Geld stammt. Er hat sich vor drei Jahren die größte Villa von Cildburg gekauft, fährt die teuersten Wagen und hat mehrere Flugzeuge. Kein Mensch hat ihn jemals arbeiten gesehen, er läuft nur in den teuersten Designerklamotten herum und gibt viel Geld aus." Oscar hatte sich in Rage geredet.
"Beruhige dich doch mal, Oscar, das ist doch nicht verboten, was er macht", unterbrach ihn seine Frau, "wenn er soviel Geld hat, dann darf er es doch auch ausgeben."
"Ich sag ja gar nichts, schließlich ist er mein bester Kunde, aber irgendwie geheuer ist mir das nicht, wenn jemand nur rumgammelt und Geld ohne Ende ausgibt."
"Na ja, in unserem Kränzchen sprechen wir auch manchmal von ihm, wir wundern uns auch darüber. Noch nicht einmal der Gasmann oder der Elektrische dürfen in seine Villa, er hat die Zähler gleich neben dem Eingangstor installieren lassen."
"Und hat er eine Putzfrau, wer hält seine Sachen in Ordnung? Ich kann mir nicht vorstellen, daß er das selbst macht, dazu die große Villa."
"Er hat richtiggehend Personal, da ist auch so ein Typ, der sich wie ein englischer Buttler benimmt. Es würde uns nicht wundern, wenn es tatsächlich einer ist. Und so ein Personal schweigt wie das Grab über das, was in der Villa passiert."
"Interessieren würde es mich doch".
"Und uns erst mal, wir glauben fast, daß dort nur gefeiert und gegammelt wird". Irene blickte in die Ferne, ohne etwas zu sehen, sie träumte.
"Und nun braucht er plötzlich nächste Woche einen Geländewagen, als ob er doch irgendwas macht", sinniert Oscar.
Wenige Tage später stand der Wagen auf dem Hof und das ganze Personal um ihn herum.
"Mann, das ist ein Schlitten, den traust du dir nicht mal anzufassen", stellte Fips, der Lehrling, fest.
"Laß ja die Finger davon, sonst ist was los", warnte ihn sein Lehrmeister Otto Gramme.
"Ich werde ihn schon nicht klauen, nur mal ansehen, das darf man doch noch", entgegnete Fips etwas trotzig.
Gramme lächelte. Fips war ein guter Lehrling und hatte Gespür für das Auto. Er konnte ihm die kompliziertesten Reparaturen anvertrauen, Fips hat bisher nicht ein einziges Mal gesagt, daß er das nicht schafft. Aber er war eben auch ein normaler Jugendlicher, mit gefärbtem Haar, Ohrringen und einer großen Klappe.
"Und wer hat sich so'n Ding bestellt?" fragte Max Lauschke, der Wagenwäscher.
"Fromm, der die Villa dort oben hat". Ede zeigte in Richtung der Villa.
"Na ja, der hat auch das Geld dazu. Neulich habe ich ihn gesehen, wie er telefonierte. Ein Handy hat der, sowas gibts sonst nicht nochmal, das war ein ganzer Computer."
"Und hast du was gehört, was er gesprochen hat, oder mit wem er telefoniert hat?" Gramme war ganz aufgeregt.
"Nein, er hat ganz leise gesprochen und ich war leider auch zu weit weg".
"Schade", sagten gleich mehrere.
Da kam Oscar Hall aus dem Büro und blickte auf seine Leute.
"Na, gefällt er euch?" Dabei zeigt er auf das Auto.
"Gefallen schon, bloß für mich ist er 'ne Nummer zu groß", brummte Max.
"Hauptsache, er gefällt Herrn Fromm", lächelte Oscar, "für den ist er vielleicht 'ne Nummer zu klein."
Da fuhr ein Passat auf den Hof und Ludwig Kniebaum, der Geschäftsführer, stieg aus. Auch er ging zuerst auf den Off-Roader zu und besah ihn sich von allen Seiten.
"Da wird Fromm aber zufrieden sein, der hat ja wirklich alles Spielzeug, was man sich denken kann."
"Sogar ein elektrisches Spill, mit 20m Seil". Fips zeigte auf seine Entdeckung und alle nickten andächtig dazu.
"Mensch, das kannste sogar umschalten, im Langsamgang schafft das bestimmt mehr als fünfzehn Tonnen", stellte Arnold Schmidt, der Elektriker, fest.
"Herr Kniebaum, hier sind die Papiere, bitte kümmern sie sich um die Anmeldungen und Verträge", Hall reichte seinem Geschäftsführer eine Mappe, "spätestens morgen muß ich den Wagen bei Herrn Fromm abliefern.
"Herr Fromm, für mich sieht er eher wie ein arbeitsscheuer Schmarotzer aus und nicht wie ein Herr", brummte Kniebaum, "sowas gehört auf die schwarze Liste".
"Na, na, Ludwig", sagte Gramme, "behalt deine Meinung lieber für dich, für uns ist er ein guter Kunde".
"Hm, na ja, hast ja recht, ich bin vielleicht bloß neidisch". Versöhnlich klopfte er Gramme auf die Schulter.
Insgeheim hatte Oscar Hall ja gehofft, mit seinem Kunden in ein vertrauliches Gespräch zu kommen, wenn er der Wagen persönlich abliefert. Ob er mich wohl in seine Villa einläßt, fragte er sich.
"Gib's zu, du bist bloß neugierig", feixte Veronika, "und ich dachte, daß das nur uns Frauen passiert."
"Ich bin nicht neugierig, aber ich muß meinen Kundenstamm betreuen und pflegen. Da macht es sich gut, wenn ich mal persönlich bei den Leuten auftauche", erwiderte Oscar etwas pikiert.
Als Oscar bei der Frommschen Villa vorfuhr, erschien der Buttler und bat um etwas Geduld. Kurze Zeit später erschien Fromm und begrüßte ihn freundlich. Die beiden führten ein langes Gespräch, das sich um den Wagen und um Autos speziell drehte, aber etwas Privates war nicht dabei.
"Ein schönes Grundstück haben sie, ist das nicht etwas groß, wenn man allein lebt?", wagte Oscar einmal eine Frage.
"Ich leb ja nicht allein, meine Leute leben auch hier. Und was das Einsame betrifft, ist es gut gesichert," er zeigte auf einige versteckte Kameras", das ist noch längst nicht alles, wir sind total gesichert, das können sie mir glauben."
Als sie sich verabschiedeten, war Oscar Hall nicht in Fromms Haus, ja, noch nicht einmal auf seinem Grundstück gewesen.
3. Hall
"Paß auf", schrie Freddi und hielt Cindi zurück, die um ein Haar in einen riesigen schwarzen Mercedes gelaufen wäre, der eben um die Kurve kam.
"Der träumt wohl, bildet sich ein, mit seinem dicken Schlitten kann er sich alles erlauben. Wenn ich das machte, wäre ich sofort dran", schimpfte er sich seinen Schreck von der Seele.
"Laß gut sein, ist ja nichts passiert", beruhigte ihn Cindi, "der hatte es vielleicht eilig und ist dir jetzt dankbar, daß du mich zurückgezogen hast".
Oscar Hall hatte es in der Tat so eilig, daß er das Stopschild bewußt ignorierte. Um zehn Uhr gab der Bürgermeister einen Empfang für die japanische Staatsdelegation und da durfte er als Abgeordneter natürlich nicht fehlen. Schließlich würde er als Großunternehmer ja auch seinen Nutzen aus der Zusammenarbeit mit Japan ziehen, obwohl die Gäste vorrangig wegen Geschäften mit der Eichenthal-Elektronik nach Cildburg gekommen sind. Aber in diesen Zeiten mußte man einfach jede auch noch so winzige Möglichkeit suchen, um ein Geschäft abzuschließen.
Hall, ein kleiner korpulenter Mann mit rundem, roten Gesicht und einer spiegelnden Glatze, hatte sich emporgearbeitet. Von seinem Vater übernahm er nach dem Krieg die Autoservicewerkstatt Hall und hatte schon bald darauf zwei Mitarbeiter. Er verstand es, jede Chance zu nutzen und war bei seinen Methoden auch nicht unbedingt immer wählerisch. Als er dann Veronika heiratete, die ebenso geschäftstüchtig war, übernahm sie die Leitung der Firma. Hall blieb lieber in der Werkstatt, denn er liebte seinen Beruf als Automechaniker.
Veronika baute das Geschäft aus, nahm weitere Serviceleistungen in das Programm und allmählich wurden die Halls eine vermögende Familie.
Heute besitzen sie zwei Luxusautosalons, in denen die teuersten Wagen angeboten werden, einige Vertragsautohäuser mit zusätzlichem Gebrauchtwagenhandel, mehrere Tankstellen, Autowerkstätten, ein Reisebüro, zwei Transportunternehmen, drei Lagerhallen und einen gut gehenden Autoverleih allein in Cildburg. Und nach der Wende hat Veronika in vielen Städten der neuen Länder Zweigstellen errichtet, sodass die Firma Hall bereits eine grosse Verbreitung gefunden hat und zu den führenden Unternehmen der Branche gehört. Oscar prüft die Mitarbeiter persönlich, bevor er sie einstellt. Mit sicherem Instinkt sucht er stets die besten aus. Durch die zuverlässige Arbeit dieser ausgesuchten Mitarbeiter in allen seinen Betrieben geniesst die Firma bundesweit einen guten Ruf.
Veronikas grösster Triumph in der letzten Zeit war es, dass sie bereits in fünf größeren Städten der alten Bundesländer ebenfalls gutgehende Zweigstellen errichten konnte.
Halls sind jederzeit bereit, weiter zu expandieren, obwohl die Geschäfte nicht mehr ganz so gut gehen, wie einst. Schuld daran hatte wohl die enorme Arbeitslosigkeit mit allen ihren Folgen. Außerdem haben sich inzwischen Konkurrenzunternehmen in Cildburg angesiedelt, sodaß Hall, wenn er ein Geschäft witterte, unbedingt darum kämpfen mußte. Die Familie war aber trotzdem noch immer sehr reich.
Ihr Vermögen wird auf mehrere hundert Millionen geschätzt, obwohl Veronika bemüht ist, so wenig wie möglich bares Geld auf dem Konto zu haben. Schon vor zwanzig Jahren kaufte sie deshalb ein schönes Wochenendgrundstück auf Ibiza, das aufwendig instandgehalten und modernisiert wird und auf dem die Familie fast jedes Wochenende verbringt.
Die aus Schleswig-Holstein stammende Veronika war in ihrem Tatendrang nicht zu bremsen. Ständig hatte sie neue Gedanken, die aber meist an Kleinigkeiten scheiterten. Mal war das Vorhaben zu branchenfremd, wie etwa der Betrieb von Übernachtungsgaststätten oder die Einrichtung eines Reiterhofes, mal mußten Kredite aufgenommen werden, wie etwa beim Bau neuer Werkhallen. Veronika wollte die Gehäuse-just-in-time-Fertigung für die Eichenthal-Elektronik übernehmen.
Und von Krediten wollte Oskar nichts wissen, Schulden kamen nicht in Frage, basta!
"Aber wir würden eine Menge Geld damit machen, denk an unsere Kinder", beschwor ihn seine Frau.
"Wir machen auch ohne Schulden Geld, die Kinder sind für ihr ganzes Leben abgesichert, unser Unternehmen läuft gut". Damit war das letzte Wort gesprochen.
Seit langem hat sich in der Firma Hall der Brauch eingebürgert, daß der monatliche Sieger des internen Wettbewerbes mit seiner gesamten Familie nach Ibiza eingeladen wird. Mancher Angestellte war schon öfter dort. Oscar Hall fliegt sie selbst manchmal mit seinem Hubschrauber, aber lieber doch mit der zweimotorigen Cessna hin. Sie werden von Halls dort behandelt, als ob sie mit zur Familie gehören.
Ein solches Verhalten macht die Familie Hall natürlich beliebt und bringt ihnen Sympathien bei den Mitarbeitern ein. Zudem ist Oscar der ideale Chef, freundlich, immer zu einem Spaß bereit und nicht aus der Ruhe zu bringen. Noch heute zieht er sich gern seinen Kittel an und repariert ein Auto. Niemand versteht davon so viel wie er.
Hinter seinem Rücken wird natürlich über seine Marotten gespottet, doch er hört es zum Glück nicht. So ist Oscar viel zu vertrauensselig. Vor zwei Jahren hat er einem Kerl Geld geborgt, weil der ihm eine herzzerreißende Geschichte erzählt hatte. Auf dieses Geld wartet er heute noch, er kennt nicht einmal den Namen und die Adresse des Mannes. Aber anstatt nun die Polizei einzuschalten, hält er lieber den Mund.
Auch in der Firma hat er manchen Euro bezahlt, wenn man ihm eine gute Geschichte dazu erzählte. Vor allem die jungen Lehrmädels wissen das und gehen ihm um den Bart. Er ist der Meinung, daß er davon nicht arm wird, dafür aber um so beliebter.
In einem ist er aber unerbittlich. Seine Sachen darf keiner benutzen. Noch nie hat er einem seiner Mitarbeiter die Schlüssel zu seinem Mercedes gegeben, noch nie hat jemand seine Flugzeuge geflogen oder sein Motorboot gefahren.
Heute bei dem Empfang machte die Eichenthal-Elektronik zwar ein gewaltiges Geschäft, aber Oskar Hall konnte sich immerhin die Transportaufträge sichern und war zufrieden.
Auf dem Rückweg sah er gleich noch einmal in der Stammwerkstatt vorbei. Mit einigem Stirnrunzeln nahm er zur Kenntnis, daß auf seinem Parkplatz im Betriebegelände ein anderes Fahrzeug stand. Eben kam Ede, der Lackierer, und wollte über den Hof zum Farblager gehen.
"Was ist denn das für ein Wagen, es ist doch genügend Platz, da muß er nicht auf meinem Parkstreifen stehen", fragte Oscar unwillig.
"Ich habe ihn nicht hingestellt, aber ich bringe ihn gleich weg, er stand eben noch nicht hier", entgegnete Ede und setzte sich ans Steuer. In diesem Augenblick kam Fips aus der Werkstatt gestürzt und sah Ede in dem Wagen sitzen.
"Ich fahr ihn schon weg, wer konnte denn auch ahnen, daß ausgerechnet in diesem Moment der Alte kommt", rief er ihm zu und biß sich im gleichen Augenblick auf die Lippen, weil Oscar Hall die Bemerkung gehört hatte.
"Wie oft soll ich dir noch sagen, daß dieser Platz frei bleibt, egal ob Herr Hall hier ist oder nicht".
Der 31-jährige Junggeselle Eduard Neumeister, der nur Ede genannt wurde, war richtig wütend auf den 19-jährigen Automechaniker Jens Günzel. Den riefen alle in der Firma Fips, weil er der Jüngste war.
"Ist ja schon gut, nur keinen Streit", beschwichtigte Oscar die beiden und ging in die Werkstatt.
Nach einer Weile kam er in seinem Arbeitskittel wieder heraus und wandte sich einem Golf zu, der auf dem Sammelplatz abgestellt war. Er fuhr den Wagen auf die Hebebühne und hob ihn hoch. Ruhig und geschickt wechselte er die Bremsbeläge und erneuerte die Radlager, entlüftete die Bremsen und stellte ihn wieder auf den Platz zurück.
"Herr Neumeister, sehen Sie sich dann mal den Golf an, da ist vorn rechts der Kotflügel beschädigt", kam er schließlich in die Lackiererei.
"Habe ich schon gesehen", brummte Ede.
"Na, na, noch immer schlechte Laune? Das verdirbt den Appetit und es ist gleich Feierabend", scherzte der Chef.
"Es ist zwar meine Laune, aber ich wüßte doch gern, was mit meiner Karre los war. Gestern früh lief sie noch wie neu, abend war sie Schrott".
"Materialfehler, das gibt es immer wieder". Hall ärgerte sich insgeheim über den groben Ton seines Lackierers.
"Aber so einen komischen habe ich noch nie erlebt".
"Na ja, ein bißchen seltsam ist das schon, nur vom Rumstehen geht sonst kein Motor kaputt."
"Egal, ich habe mir heute den schwarzen Porsche gekauft, der vorgestern reingekommen ist", sagte Ede stolz und beobachtete, wie der Chef erstaunt aufsah.
Als Hall gegangen war, wurde Ede schweigsam. Er wußte ganz genau, daß ihm der Boss eine Strafe verpasst hatte, als Antwort auf den verlorenen Mercedes. Dabei fühlte er sich für das Versagen dieses Peter gar nicht verantwortlich.
Auf der anderen Straßenseite stand ein junger Mann mit Brille und einer beginnenden Stirnglatze. Auffällig war, daß er ein Handy in der Hand hielt und die Werstatt Hall aufmerksam beobachtete. Als Ede auf den Hof kam, trat er einen Schritt zurück. Ein Beobachter hätte vermutet, daß er von Ede nicht gesehen werden will.
4. Cindi und Freddi
Cindi, wie die 22-jährige Sandra von Eichenthal nur genannt wird, hatte den Vorfall mit dem Mercedes schnell vergessen. Und auch ihr Freund Freddi, der eigentlich Manfred Schadok hieß, beruhigte sich bald. Der Tag war wunderschön, sie hatten beide keine Vorlesungen und es standen auch keine Prüfungen an. Also schlug Cindi einen Stadtbummel vor.
Das schlanke, elegante Mädchen mit den großen blauen Augen und dem goldleuchtenden Pferdeschwanz war eine auffällige Erscheinung an der Uni und in den ersten Studienjahren waren wohl auch fast alle Studenten ihre Verehrer. Doch Cindi wollte noch keinen Freund haben, sie nahm zuerst einmal ihr Studium der Betriebswirtschaft ernst.
Wenn sie es so gut abschließt, daß ihr Vater Roland von Eichenthal zufrieden ist, wird sie bei Eichenthal-Elektronik die PR-Chefin. Und Cindi ist nicht nur eine bildhübsche Blondine, sondern entgegen allen Vorurteilen auch sehr intelligent und fleißig. Die Kommilitonen sahen bewundernd zu ihr auf. An ihre Leistungen kam keiner heran, das wußten sie.
Vor einem Jahr traf sie Freddi zum ersten Mal. Er hatte bisher an einer anderen Universität studiert, aber dort um seine Versetzung nach Cildburg gebeten.
Cindi hatte bisher immer nur erlebt, daß sich die Männer vor ihr wichtig machten und das stieß sie ab. Freddi dagegen lächelte ihr zwar bei der ersten Begegnung kurz zu, aber er schien dem weiter keine Bedeutung zu geben.
Ihr fielen an dem großen Mann mit dem männlichen Gesicht die langen dunklen Haare auf, die im Nacken von einem Gummi zusammengehalten wurden, sodaß sie wie ein Pferdeschwanz wirkten. Außerdem sah sie seine muskulösen Arme, die braungebrannt aus dem weißen T-Shirt herausragten.
Natürlich war sie zu stolz, um sich umzusehen, aber sie hätte diesen Mann gern länger betrachtet, das wußte sie sofort. Und als sie ihn dann am nächsten Tag die Stufen zur Uni hinaufsteigen sah, fing ihr Herz regelrecht zu klopfen an.
Auch Freddi hatte die Begegnung mit Cindi nicht unbeeindruckt gelassen. Sie war ihm schon auf dem Gang in der Uni aufgefallen. Aber ehe er riskiert, dass sie ihn einfach abblitzen läßt, wollte er sich erst einmal nach ihr erkundigen. Da wußte er wenigstens, was auf ihn zukommt.
Mittags sah er sie dann im Gespräch mit Kathleen, die aus dem gleichen Dorf stammt wie er. Sie kannten sich schon als Kinder und sind zusammen in die Schule gegangen. Also paßte er die Gelegenheit ab, als Kathleen mal allein war und fragte sie nach Cindi.
Kathleen kannte ihn gut genug, um seine Frage richtig deuten zu können. Sie erzählte ihm einige Dinge über Cindi und sagte dann zu ihm:
"Denk nicht, ich will auch noch Kupplerin spielen. Erobern mußt du sie schon selbst, bis jetzt hat das noch keiner geschafft."
"Na ja, einen Versuch ist es wert", war die Antwort.
"Schade, ich würde dich nicht abblitzen lassen", gab sie spitz zurück und entfernte sich.
Kathleen wußte genau, daß Freddi zwar ein guter Freund für sie ist, aber mehr wird daraus nie.
An diesem Tag verließ Freddi seine Anatomievorlesung zehn Minuten vor Schluß, um Cindi auf dem Gang zu treffen. Geduldig wartete er, bis sich die Tür ihres Hörsaales öffnete und die Studentenmassen herausquollen.
Cindi befand sich unter den letzten, weil ihr die Drängelei am Anfang nicht behagte. Sie hatte ihre Mappe unter den Arm geklemmt und schritt mit eleganten Bewegungen zum Ausgang. Da gewahrte sie Freddi und stockte.
"Kann ich dir helfen?" nutzte er diesen Augenblick sofort aus.
Eine freundliche und warme Stimme hat er, durchfuhr es sie.
"Nein, danke, es ist nichts, ich wollte nur noch mal zurück in den Hörsaal", log sie und fühlte, wie sie rot wurde.
"Komm, ich helf dir beim Suchen, was hast du denn vergessen?" Das Angebot klang ehrlich.
"Einen roten Kugelschreiber, mit dem ich etwas unterstrichen habe", log sie weiter. Jetzt gab es kein Zurück, er begleitete sie in den Hörsaal.
Zu ihrem Erstaunen lag tatsächlich ein roter Kugelschreiber in der Nähe des Platzes, auf dem sie gesessen hatte.
"Hier ist er, bitte", Freddi sah ihn zuerst, "übrigens, ich heiße Manfred Schadok, Med 3, aber alle nennen mich nur Freddi".
"Ich bin Cindi, BW 3".
Ihre gewohnte Sicherheit und ihr Selbstvertrauen waren wie weggeblasen, sie hatte viel eher das Gefühl der Hilflosigkeit. So hatte sie sich das ja nun nicht vorgestellt. Durch ihre eigene Schuld, weil sie lügen mußte, stand sie nun ganz allein mit dem Mann, der sie so verwirrte, in einem riesigen, völlig leeren Hörsaal. Aber Freddi dachte nicht daran, aus dieser Situation Nutzen zu ziehen.
"Gehen wir gemeinsam zur Mensa", schlug er vor, "allein ist es immer so langweilig".
Cindi war ihm dankbar. Sie wußte genau, daß er ihre Unsicherheit bemerkt hatte und ihr helfen wollte.
"Ein guter Gedanke". Sonst ging sie zum Essen eingentlich nach Hause, aber diesmal konnte sie nicht ablehnen. Und sie wollte es auch gar nicht. Draußen, im hellen Sonnenschein, fand sie schnell zu ihrer gewohnten Sicherheit zurück. Angeregt unterhielt sie sich auf dem Weg mit ihrem Begleiter und in der Mensa bemerkten sofort alle Studenten, wie die unnahbare Cindi mit dem Neuen aus der Med 3 so ungezwungen plaudert, als ob sie ihn schon jahrelang kennt.
Damit fing es vor einem Jahr an. Inzwischen verbindet Cindi mit Freddi eine so tiefe und echte Liebe, daß niemand und nichts auf der Welt die beiden wieder trennen kann.
Freddi will Arzt werden und wird ab September im Krankenhaus der Stadt, im Operationssaal der Notaufnahme, das große Praktikum, sein Physikum, beginnen. Er freut sich sehr darauf, denn Chirurgie war schon immer sein heimlicher Wunschtraum. Der Chefarzt hat ihn unter vielen Bewerbern ausgewählt, er scheint ihm am besten geeignet zu sein.
Cindi und Freddi sind aber nicht nur ein ideales Paar, sondern haben auch fast die gleichen Interessen. Vor allem ist es Sport, den beide lieben. Cindi hat zu Hause ein eigenes Fitnesstudio, das sie sich in einem großen Raum eingerichtet hat und mit Freddi macht das Üben noch mehr Spaß.
Und der ist stets aufs Neue erstaunt, zu welchen Leistungen Cindis zarter Körper in der Lage ist. Natürlich nutzt auch er die Geräte fleißig und stählt seine Muskeln. Und seit Freddi ihr einmal sein Ziel nannte, irgendeine schwere Übung zu schaffen, kündigen sie ihr nächstes Ziel immer an. Dann wird verbissen trainiert, bis es erreicht ist.
Doch lieben beide nicht nur Sport, nein, sie stellen immer wieder verwundert fest, daß sie bei fast allen Gelegenheiten die gleichen Interessen haben.
Als sie an diesem Tag im Schaufenster eines Reisebüros die bunten Bilder der Werbung für eine Kreuzfahrt in der Südsee sahen, blieben sie sofort stehen.
"So müßte man mal Urlaub machen, das wäre was ganz anderes als immer nur Mallorca oder Riviera", schwärmte Cindi.
"Wollen wir zusammen fahren?" Freddi sah sie an.
"Läßt es dein Stolz denn zu, daß ich dich einlade?"
"Nein, ich lade dich ein."
"Freddi, erzähle keinen Unsinn, das kannst du deinen Eltern nicht antun. Meine Eltern merken das nicht einmal. Bitte, laß dich von mir einladen."
"Kommt nicht in Frage. Wir fahren in die Südsee - sag kein Wort mehr". Und ehe sie etwas erwidern konnte, verschloß er ihren Mund mit einem Kuß.
5. Ede
An diesem Tag hatte sich Ede in die Arbeit gestürzt und wie verbissen geschuftet. Er wollte seine Ängste wenigstens für die nächsten Stunden vergessen. Aber als dann der Feierabend da war, legten sich die düsteren Gedanken sofort wieder wie eine schwere Last auf ihn.
Der Boss gab ihm die Schuld an Peters Versagen, schließlich hatte er ihn ja angebracht. Aber, verdammt noch mal, der Boss hat ihn selbst überprüft und zugestimmt. Was bildet sich dieser Kerl eigentlich ein, wer ist er denn überhaupt!
Eben das wußte Ede nicht und er hatte, wie alle anderen auch, eine mächtige Angst vor dem Boss. Und nur weil ihn keiner kennt, konnte der solche Angst verbreiten.
Er aber sah und wußte scheinbar alles. Vorgestern brachte er es sogar fertig, in den Motor seines Wagens eine Ladung Schmirgel hineinzugeben und den Ölfilter herauszunehmen.
Das Zeug vermischte sich dann mit dem Öl und nicht nur die Kolben und Zylinder, sondern auch sämtliche Lager und Dichtungen wurden innerhalb ganz kurzer Zeit zerstört. Sie klapperten oder leckten so, wie hundert Jahre alte Teile.
Ede war an diesem Tage eine ganze Stunde in der Kabine, da muss es geschehen sein. Aber die Kollegen hatten doch den Hof ständig im Blickpunkt. Niemand hatte etwas gesehen oder bemerkt, das war schon unheimlich und brachte dem Boss Respekt ein. Ede wagte keinen Vorwurf, wenn er mit ihm sprach.
"Mittag stand doch der Transporter von der Reinigung auf dem Platz daneben", überlegte Fips, "da konnten wir deinen Wagen etwa zehn Minuten lang nicht sehen."
Ede war in schweren Gedanken. Ob der Fahrer von der Reinigung der Boss war?
"Schönen Feierabend, Ede", rief ihm Hall hinterher.
Ede hörte das gar nicht und sein Chef schüttelte verständnislos den Kopf. Der Wagen war doch schon alt und Ede hatte genügend Geld, um sich den Porsche zu leisten. Außerdem hat er ihn bei der Firma ja auch günstig kaufen können. So sehr mußte er sich den Verlust der alten Karre nun wirklich nicht zu Herzen nehmen, das war ihm unverständlich.
"Wieso besitzt Ede plötzlich soviel Geld, hat es auf dem Rennplatz endlich einmal geklappt?" fragte Veronika noch auf dem Hof, als alle nach Hause gingen. Doch Hall schüttelte den Kopf und sagte, daß ihn so etwas nicht interessiert.
Wie erstaunt wäre Hall gewesen, wenn er in diesem Augenblick Edes Gedanken gelesen hätte. Der überlegte nämlich krampfhaft, wie er den Boss überlisten und erkennen kann.
Angefangen hat das alles vor drei Jahren, als er noch bettelarm war. Er erinnerte sich genau an den wunderschönen Sommertag, von dem er nichts hatte, weil unbedingt ein Auftrag fertig werden mußte. Das Geld aus den Überstunden brauchte er dringend für ein neues Auto und auch Cora stellte große Ansprüche. Damals hatte er es sogar mit Wetten beim Pferderennen versucht, aber er verstand nichts von Pferden und verlor noch mehr Geld.
Als Ede an diesem Tag dann endlich Feierabend hatte und sich in seinen alten Mazda setzte, lag auf dem Beifahrersitz ein Blatt Papier. Er stutzte und nahm es auf. Darunter bemerkte er eine unbeschriftete MC, die er erstaunt betrachtete und dann in das Autoradio schob.
"Sie können viel Geld verdienen, fahren sie zur alten Lagerhalle der Farben-GmbH in Lesta. Gehen sie dort ins Büro".
Die Stimme klang elektronisch, Ede konnte nicht einmal sagen, ob sie von einem Mann oder von einer Frau kam.
Tausend Fragen gingen ihm durch den Kopf. Wie kam die Kassette in sein Auto, was will man von ihm, auf was soll er sich überhaupt einlassen, was ist das für eine Farben-GmbH und vieles mehr. Lange blieb er noch auf dem Parkplatz stehen und spielte sich das Band immer wieder vor. Mehrmals nahm er es auch aus dem Recorder heraus und besah es von allen Seiten. Es war ein Band, das es überall zu kaufen gibt und sah ganz neu aus. Auch wenn er es noch so lange ansieht oder anhört, mehr, als ihm der Unbekannte mitteilt, konnte er nicht erfahren.
Aber schließlich siegte doch seine Neugier und Geld brauchte er dringend, also fuhr er nach Lesta.
Die Halle lag abseits vom Weg hinter einem Gehölz und war weder von der Straße, noch vom Dorf aus zu erkennen. Er fragte einen Bauern danach. Der wies mit der Hand auf den breiten Feldweg und fragte:
"Wem gehört die Halle denn jetzt eigentlich?"
"Keine Ahnung", gab Ede zurück und fuhr los.
Die Halle war nicht verschlossen, worüber er sich sehr wunderte. Im Kontor schien vor kurzem jemand gewesen zu sein, denn dort stand ein Kasten auf dem Tisch, aus dem vorn ein Lautsprecher herausragte.
"Guten Tag Ede", klang dieselbe Stimme aus dem Lautsprecher.
Ede sah sich um. Woher wußte der Fremde, daß er hier war?
"Bitte lass alles so, wie es ist. Ich kann dich sehen und du kannst mit mir sprechen, das genügt.
"Wer sind sie und wie können sie mich sehen?" wollte Ede wissen.
"Es ist besser, wenn du es nicht erfährst. Ich bin der Boss, das reicht."
"Und warum haben sie mich hierher bestellt?"
"Ich habe dich letzten Sonntag auf der Rennbahn gesehen, du hast viel Geld verloren und bist blaß geworden".
"Was geht sie das an?" Ede fuhr auf.
"Bitte bleib sitzen, ich habe mir erlaubt, Erkundigungen über dich einzuholen. Du arbeitst als Automechaniker bei Hall..."
"Autolackierer"
"Auch gut, also der alte Hall ist mit dir sehr zufrieden. Du bist recht intelligent und brauchst immer Geld."
"Na und, wer braucht das nicht?"
"Außerdem bist du nicht vorbestraft. Das ist von Vorteil".
"Ich drehe auch keine krummen Dinger", fauchte Ede.
"Wirklich nicht? Was ist denn mit den Autos, die du heimlich in der Nacht bei Hall lackierst? Wenn das der Alte erfährt, ob dem das wohl gefällt? Oder mit der Heckleuchte für den Audi, die du vorige Woche aus dem Lager mitgehen lassen hast. Wie war denn das in der Schule, hast du da nicht auch schon Geld geklaut, das aus der Tasche rausguckte, und später war wohl auch nicht immer alles so harmlos. Weißt du noch, wie du Zigaretten verkauft hast? Die stammten doch von den Vietnamesen, du hast gut dabei verdient und das nennst du keine krummen Dinger?"
Ede was sprachlos.
"Was wissen sie denn noch über mich?"
"Mehr, als du dir denken kannst. Aber ich will dich damit nicht erpressen. Du mußt nicht mitmachen, wenn du nicht willst."
"Ich will keine Schwierigkeiten bekommen. Natürlich brauche ich immer Geld. Doch ich verdiene auch genügend."
"Aber", fuhr die Stimme fort, "du hast teure Hobbys, der alte Schlitten, der draußen vor der Tür steht, ist wohl nur ein Kauf aus Verlegenheit, weil du das Geld auf dem Rennplatz verwettet hast."
"Hm", brummte Ede, "Sie wissen gut über mich Bescheid. Was wollen sie eigentlich?"
"Ich will dir ein Geschäft anbieten, bei dem du sehr viel Geld verdienen kannst."
"Warum kommen sie denn da nicht persönlich zu mir, sondern bestellen mich hier ans Ende der Welt".
Die Stimme schwieg eine Weile.
"Du hast es inzwischen erraten", tönte es erneut aus dem Kasten, "das Geschäft, das ich dir anbiete, ist nicht legal. Mit anderen Worten, du würdest dich mit den Gesetzen anlegen. Dafür verdienst du aber gutes Geld."
"Lohnt es sich?" fragte Ede leise.
"Bravo, das ist die Frage, die ich erwartet habe. Also, ich will einen Handel mit Luxusautos anfangen, die du so umbaust, daß sie nicht mehr zu erkennen sind."
"Autoklau?" Ede war ganz verdutzt und aufmerksam.
"Ja, nun ist es heraus."
"Wer klaut die Kisten und wie soll das dann funktionieren?" Ede fragte es sehr vorsichtig, "wer sagt mir, daß Sie nicht von der Polizei sind und mir eine Falle stellen?"
"Die Frage ist verständlich, aber warum soll man einem, der nicht vorbestraft ist, eine Falle stellen?"
"Also, was verdiene ich und was soll ich tun?"
"Du sollst ein Team aus vier, fünf guten Leuten zusammenstellen, die die Autos hereinholen, hier in dieser Halle umarbeiten und sie wegbringen. Das Ziel sage ich euch. Ihr kassiert sofort, wir machen halbe-halbe."
Ede rechnete kurz nach und war beeindruckt.
"Ich mache mit, verlange aber zwanzig Prozent", hörte er sich sagen.
"Wie du die fünfzig Prozent aufteilst, ist mir egal, mit dir mache ich halbe-halbe".
"Sechzig-vierzig", entgegnete Ede.
"Du bist ein zäher Bursche, aber ich habe keine andere Wahl und muß mitmachen, Partner. Du mußt also als erstes eine geeingnete Truppe zusammenstellen."
"Einverstanden, ich habe ein paar gute Freunde, die frage ich gleich..."
"Halt", donnerte es aus dem Lautsprecher und Ede zuckte richtig zusammen, "bevor jemand hierhergebracht wird, will ich drei Tage zuvor seinen Namen und seine Adresse haben. Ich überprüfe ihn auf meine Art und erst wenn ich zustimme, kommt er her. Klar? Ich bin der Boss und ohne meine Zustimmung läuft nichts."
"Klar, Boss", antwortete Ede etwas kleinlaut.
"Mach mir niemals Schwierigkeiten durch eigenmächtiges Handeln. Ich allein bestimme, was hier läuft, verstanden?"
"Aber meine Kleine kann doch mit her", bettelte Ede.
"Name, Adresse", fragte die unerbittliche Stimme.
"Corinna Boldin, sie ist 28 Jahre alt, Verkäuferin im Supermarkt Dolgau, hat ein Kind. Sonnengasse fünf."
"Und wie kann sie uns helfen?"
"Sie kann Auto fahren und ist nicht zimperlich".
"Gut, in drei Tagen gebe ich Bescheid. Wenn du mich vorher sprechen willst, so drück auf die Taste am Gerät. Wenn es geht, melde ich mich dann, sonst sprichst du auf das Tonband. Ansonsten vereinbaren wir das nächste Gespräch für Sonntag mittag, um 12.oo Uhr wieder hier."
"Einverstanden, bis dahin habe ich einge Adressen".
"Im Schrank hinter dir liegt ein Schloß, schließ die Halle immer gut ab."
6. Cora und der Ladendieb, die Polizei
Ganz am Rande von Cildburg, etwas versteckt hinter einem kleinen Waldstück und umgeben von idyllischen Bergen, lag der städtische Gewerbepark Dolgau.
Der Besucher fährt von der breiten Straße direkt auf den großen Parkplatz, hinter dem der riesige Gebäudekomplex der Gesamtanlage schon von weitem zu erkennen ist.
Links, riesigen Schrauben gleich, recken sich die mächtigen Zufahrtsrampen zu den Parkdecks, in denen ununterbrochen lange Schlangen von Autos auftauchen oder verschwinden. In der Mitte zieht die pompös glitzernde Glasfassade des Supermarktes den Blick auf sich, eingehüllt in die ständig gleiche ermüdend-abstumpfende Geräuschkulisse aus Popmusik und Alltagslärm, umgeben von Wolken aus Bratwurstduft, Gyrosdämpfen und Autoabgasen. Rechts stand das sechseckige Gebäude des Baumarktes mit seinen Werbefiguren und den großbuchstabigen, aber niemals nachprüfbaren Behauptungen und Versprechungen.
Solch ein Supermarkt ist ein ganz besonderes Bauwerk, jede noch so kleine Kleinigkeit hat nur den Zweck, die Kunden zum Kauf von Waren anzuregen, die sie eigentlich gar nicht kaufen wollten. Die Räume sind gefällig gestaltet, haben eine angenehme Atmosphäre und bieten alles, was man eben nicht benötigt.
Doch hinter den Säulen und Verkleidungen verbirgt sich ein Netz von high-tech Geräten und Drähten, die den Kunden vom Betreten des Marktes bis zu seinem Austritt ständig überwachen. Auch wenn er nichts kauft, wird sein gesamtes Verhalten dennoch genauestens registriert.
Welchen Weg geht er, wo sieht er hin, wie wühlt er sich durch die Wühlkisten, in welche Regale greift er zuerst, welche werden nicht beachtet, wo bleibt er stehen und tausend ähnliche Fragen wertet der Computer täglich aus. Der Kunde merkt davon nichts, doch sein Verhalten bestimmt, was sich am nächsten Tag im Angebot verändert hat.
Natürlich werden auf diese Art und Weise auch Ladendiebe erkannt. Dazu beschäftigt ein gut geführtes Haus mehrere Detektive. Aber auch die Verkäuferinnen müssen wachsam sein, denn trotz noch so raffinierter Technik gelingt es geschickten Ganoven immer wieder, irgendetwas mitgehen zu lassen.
In der Kosmetikabteilung hatte an diesem Vormittag Corinna Boldin ihren Dienst angetreten. Cora, wie sie von aller Welt nur genannt wurde, war sehr schlank, sah recht gut aus und hatte sich dementsprechend sparsam bekleidet.
Ihre schmalen Beine wirkten durch den knappen Minirock noch länger und ihr cyclamleuchtender Bubikopf bildete den krönenden Abschluß zu dem engen Shirt. Der Dienstkittel war ebenso knapp bemessen und paßte zur übrigen Kleidung. Die knallrot lackierten Fingernägel trug sie sehr lang. Auch im Gesicht hatte Cora nicht mit grellen Farben gespart.
Wer genauer hinsah bemerkte, daß der rechte Zeigefinger sowie der Daumen gelblich verfärbt waren.
Sie hatte gerade ihren Dienst angetreten, da sah sie, daß im Haarsprayregal einige Marken aufzufüllen waren und verschwand im Lager. Kurze Zeit später tauchte sie mit einem Karton unter dem Arm wieder auf und stellte ihn auf den Boden.
Wie erstaunt war sie, als im Gang vor ihr zwei Beine durch die Regale schimmerten, obwohl sie sicher war, daß kein Mensch in ihre Abteilung gekommen ist. Der Fremde schien sie noch nicht gesehen zu haben, aber er versteckte sich dort, das war sicher. Also blieb sie ebenfalls in der Hocke sitzen und wartete, was nun weiter geschieht.
Cora mußte nicht lange warten, denn der Mann kroch alsbald leise auf das Parfümregal zu und langte von unten mit der Hand hinein.
Natürlich die teuersten Parfüms, dachte Cora, aber dem werde ich es zeigen.
Die Anweisung lautete in diesem Fall, den Detektiv zu verständigen und sich nicht mit dem Kunden einzulassen. So klingelte Cora nach dem Sicherheitsdienst und ging zur Kasse, um nach dem Mann zu suchen. Sie kam keinen Augenblick zu früh, denn eben wollte der das Haus verlassen.
Auf der nahegelegenen Bundesstraße fuhr später ein Streifenwagen, in welchem der Polizeihauptmeister Fischer von seinem Chef, dem Kommissar Wilke den Auftrag erhielt, in den Supermarkt Dolgau zu fahren. Dort hat man einen Ladendieb gestellt und der droht mit Rache.
PM Chris Doberschütz wendete den Passat und fuhr mit Blaulicht und Sirene zum Supermarkt.
"Der wollte das hier mitgehen lassen", rief eine gutaussehende Frau mit Bubikopf und cyclamgefärbtem Haar ihnen zu, sobald sie das Büro betreten hatten.
"Nun mal der Reihe nach, sind Sie hier die Chefin?" fragte Fischer die junge Frau im knappen Minirock.
"Nein, das bin ich", kam eine rundliche Frau im mittleren Alter auf ihn zu, "Frau Boldin ist Verkäuferin in der Drogerieabteilung und hat den Dieb gefaßt."
"Also, Frau Boldin, wie war das nun?" wandte er sich an die junge Verkäuferin. Cora schien nicht im Mindesten von der Uniform beeindruckt zu sein und sprudelte los:
"Na ja, ich will eben das Haarsprayregal auffüllen, als ich den da bemerke"; sie zeigte auf einen unauffällig aussehenden Mann im Sessel, "er schaute sich nach allen Seiten um, hat mich aber noch nicht entdeckt. Ich habe mich auch gleich hinter die Säule gestellt und ihn im Spiegel weiter beobachtet. Da sehe ich doch, wie er in die Fächer greift und so einige Dinge einsteckt, natürlich die teuersten Parfüms.
Ich also gleich zur Kasse und nach dem Hausdedektiv geklingelt. Aber der kam zu spät, der da", sie zeigte wieder auf den Dieb, "wollte grade den Supermarkt verlassen.
Ich also zu ihm hin und habe ihn so laut gefragt, daß es alle hören konnten:
Sagen sie mal, habe ich gefragt, haben sie eigentlich ihr Parfüm bezahlt?
Was für Parfüm, hat er gefragt.
Na das, was sie eingesteckt haben, sage ich. Da will er weg, aber ich habe mich in den Weg gestellt und da kam auch schon der Hausdetektiv, der ihn festhielt."
"Eigentlich regeln wir das gleich hier im Supermarkt, aber ich habe doch lieber die Polizei gerufen, weil der gegen Frau Boldin wüste Drohungen ausgestoßen hat. Wenn er das wahr macht, möchte ich nicht die Verantwortung tragen", sagte der Detektiv.
"Also Diebstahl, Beleidigung und Bedrohung", stellte Chris fest und nahm den Ausweis des Mannes an sich.
"Was hat er denn gesagt", fragte Fischer.
"Elende Pute, hat er gesagt", Corinna Boldin war ehrlich entrüstet über soviel Unverschämtheit, "das hast du nicht umsonst gemacht, verlaß dich drauf. Von nun an gibt es für dich keine ruhige Minute mehr, ich werde überall sein. Und was dann mit dir geschieht, kannst du dir nicht mal in deinen schlimmsten Albträumen vorstellen. Vielleicht hast du Eltern, die schon alt sind oder Kinder, die du sehr liebst, auf alle Fälle mußt du ab sofort in ständiger Angst vor mir leben."
Chris nahm ein Protokoll auf und ließ es von allen, auch von dem Dieb unterschreiben. Aber der weigerte sich und wollte ohne seinen Anwalt keine Unterschrift geben.
"Das ist ihr gutes Recht", sagte Fischer.
Als sie den Ladendieb auf der Wache abgeliefert hatten, begegneten sie Kommissar Wilke auf dem Gang.
"Alles in Ordnung?" fragte er.
"Nicht ganz", kam es leise von Chris.
Fischer und der Kommissar sahen sie erstaunt an. Mit einer derartigen Antwort hatten beide nicht gerechnet.
"Was soll denn das auf einmal heißen, nicht ganz", wollte Wilke wissen.
"Na, ich meine nur, da habe ich jahrelang die Polizeischule besucht, habe mich auf Verbrecherjagden, auf Ermittlungen und auf den Schutz der Bevölkerung vorbereitet und was ist nun für mich die Wirklichkeit? Die Bevölkerung, die ich schützen soll, begeht immer mehr kriminelle Handlungen."
"Wie meinen sie denn das?" Wilke wußte nicht, was ihm Chris überhaupt sagen wollte.
"Wir registrieren den Anstieg von Gewalt und Verbrechen, bisher konnten wir die allermeisten zum Glück aufklären, aber die Kurve steigt doch immer steiler an. Ich frage mich, wie das möglich ist. Bisher wurde ein solcher Anstieg von Verbrechen immer nur in Zeiten registriert, wo Krieg und Unordnung herrschten. Aber wir haben beides nicht, und trotzdem gedeiht das Verbrechen, der Haß und die Fremdenfeindlichkeit. Es ist doch nur eine Frage der Zeit, bis das alles und noch mehr, wie Drogen und Schutzgelderpressung, auch in Cildburg zu finden ist". Chris hatte sich richtig in Eifer geredet.
"Darüber sollen sich die Politiker Gedanken machen, wir sind nur die Polizei", sagte Fischer.
"So einfach können wir uns das nicht machen, wenigstens über die Ursachen müssen wir uns im Klaren sein", entgegnete Chris.
"Ach, und die kennen sie?" Wilke sah gespannt auf.
"Na, sehen sie sich doch nur einmal um", ereiferte sich Chris, "täglich gibt es bei uns mehr Arbeitslose, kein Betrieb stellt jemand ein, aber jeder ist bereit, noch zwanzig, dreißig Prozent zu entlassen. In den Zeitungen schreiben sie immer von Rezession. Aber wo ist die denn, frage ich. Die Wirtschaft boomt in fast allen Bereichen, und das weltweit, da kann man doch nicht von Rezession sprechen."
"Na, na, PM Doberschütz", Wilke wurde nun doch ungeduldig, "haben sie da nicht etwas zuviel Phantasie? Es sind in den letzten Jahrzehnten große Industriezweige zugrunde gegangen, ich erinnere nur an die Stahlindustrie, oder den Bergbau, die Kohle".
"Dafür sind aber auch neue entstanden, wie die Elektronik mit unzähligen Branchen, die alle wie geschmiert laufen, andere boomen, wie die Autoindustrie samt allem, was drumrum ist, also Tankstellen, Handel, Werkstätten usw., oder die Touristik. Kein Mensch glaubt doch, daß die Industriezweige ewig bestehen, es werden immer einige verschwinden und dafür andere entstehen oder boomen. Und wenn ein paar kleine Firmen eingehen, haben sie auf dem Markt eben nicht bestanden. Ich sage, daß bei der Wirtschaft nichts von Rezession zu spüren ist. Unsere Probleme sind mit herkömmlichen Weisheiten nicht mehr zu lösen."
"Und sie haben die Erklärung gefunden!" Der Spott in Fischers Stimme war deutlich zu spüren.
"Gefunden, gefunden", Chris war nicht mehr zu bremsen, "sehen sie sich doch einmal um, die Industrie läuft fast automatisch, sie boomt und braucht kaum Arbeiter. Die werden entlassen und liegen auf der Straße. Die Folgen davon sind sozialer Abstieg, Schulden, Alkohol und Delikte. Das ist doch ein direkter Weg."
"Und wie wollen sie das ändern?" Fischer sah sie gespannt an.
"Wenn ich das wüßte", kam es resigniert.
"Na ja", erkannte Wilke an, "ihre Gedanken haben schon eine gewisse Logik, nur können wir mit ihnen nicht eine einzige Straftat verhindern. Wir müssen auch weiterhin Streife fahren, aufklärend wirken und wachsam sein".
Später, als Chris und Fischer wieder im Auto saßen und ihre Streife fortführten, sage Fischer zu ihr:
"Sie hätten in die Politik gehen sollen und nicht zur Polizei, wenn sie über Lösungen grübeln, sind sie hier fehl am Platz. Wir machen unseren Dienst nach der Devise: was wir zu tun haben wird ausgeführt, ohne darüber nachzudenken."
"Können sie mir etwas vorwerfen, wo ich meinen Dienst nicht ordentlich gemacht habe?" wollte Chris wissen.
"Nein, sie sind eine gute Polizistin", lenkte Fischer ein, "nur den Kopf der Politiker sollten sie sich nicht zerbrechen."
"Ich frage mich nur, ob die Politik diese Probleme überhaupt lösen kann. Wenn sie es nicht schafft, steuern wir auf das Chaos zu, dann reden alle in einigen Jahren so, wie ich jetzt".
Fischer sah sie betroffen an.
7. Ede und Cora
In den ganzen drei Jahren hat Ede mit dem Boss, seinem Partner, nur über die Freisprechanlage gesprochen. Nicht ein einziges Mal konnte er dabei etwas feststellen, das ihm einen Hinweis gab, wer der eigentlich war. Nicht einmal, ob es ein Mann oder eine Frau ist.
Aber nun will er doch endlich wissen, mit wem er die ganze Zeit Geschäfte macht. Der Zorn auf den Boss wegen dem Streich mit dem Motor saß sehr tief, obwohl er in der ganzen Zeit gut verdient hat und sogar ein sehr vermögender Mann geworden ist.
Nur, mit einem Phantom kann er nicht länger arbeiten. Doch wie soll man ein Phantom erkennen, noch dazu, wenn man vor ihm echte Angst hat?
Was ist eigentlich mit Peter los? Der hatte einen schweren Unfall und der Boss hat den Fall übernommen. Ganz seltsam wurde ihm bei dem Gedanken.
"Boss, wie geht es Peter?", fragte er denn auch sofort, als die Verbindung hergestellt war.
"Peter kann nicht mehr für uns arbeiten, du mußt so schnell wie möglich einen neuen Fahrer auftreiben. Inzwischen fährt Cora die beiden BMWs rüber", kam es zurück.
Ede erschrak, Cora wollte er doch raushalten. Aber wo sollte er so schnell einen neuen Fahrer hernehmen?
Ede blieb an diesem Tag nicht in Lesta, denn der Ärger über den unverschämten Streich seines Partners saß zu tief in ihm. Außerdem war er nicht einverstanden, daß Cora die nächsten beiden Touren übernimmt, das war viel zu gefährlich für sie. Er wollte allein sein und in Ruhe nachdenken.
Aber Cora war schon zu Hause und sah ihm den Ärger sofort an.
"Was ist denn los, hat es mit dem Porsche nicht geklappt", fragte sie.
"Doch, den habe ich, ist ein toller Schlitten, wir machen Sonntag einen Ausflug", gab er zurück.
"Was ist denn dann los, irgend was stimmt doch nicht".
Und Ede erzählte ihr, warum sein Motor kaputt war.
"Stell dir vor, Fips hat ihm auseinandergenommen und im Öl eine Ladung Schmirgel gefunden. Das reibt alle Lager, Gleitflächen und Dichtungen in wenigen Minuten ab. Ist doch eine Unverschämtheit von einem Partner, so zu handeln. Und das alles kann er sich nur leisten, weil ihn niemand kennt. Wenn ich nur wüßte, wie viele Helfer es gibt, wer das verflixte Zeug bei mir in den Ölstutzen reingefüllt hat."
"Ede, beruhige dich, wir haben doch schon oft darüber gesprochen, er will eben anonym bleiben. Na und, wir verdienen doch gut dabei und so soll es auch bleiben."
Ede sah sie an.
"Dich habe ich da mit reingezogen, ohne dich zu fragen. Wer weiß, was der noch so alles drauf hat, vielleicht bist du in Gefahr und er schlägt zu, wenn du mal was falsch machst."
"Hab nur keine Angst, so schnell lasse ich mir nicht Bange machen, darauf kannst du dich verlassen." Cora war sich sehr sicher.
"Das hat Peter auch immer gesagt, und nun ist er verschwunden. Seit dem Unfall hat er sich nicht mehr gemeldet. Und du sollst die beiden Klamotten rüberfahren, wenn ich keinen anderen finde. Wenn ich nur wüßte, wo ich Peter suchen soll."
"Ruf doch mal bei seiner Wirtin in Hannover an, du hast doch die Nummer".
"Na ja", überlegte Ede, "eigentlich darf ich das nicht tun, weil die nichts von unserer Firma wissen soll, aber das hier ist wohl ein Notfall."
Und Ede rief bei Peters Wirtin an. Plötzlich wurde er blaß und ließ den Hörer sinken. Er stierte vor sich hin und Cora erschrak richtig, als sie ihn sah.
"Ede", schrie sie, "was ist los?"
"Peter ist vorgestern im Steinhuder Meer ertrunken", sagte er.
"Im Steinhuder Meer, der war doch an der polnischen Grenze, denke ich, den Unfall haben sie sogar im Fernsehen gezeigt. Wie kommt er denn nun plötzlich nach Hannover?" Cora war ratlos.
"Hallo", tönte es aus dem Hörer.
Cora nahm ihn auf und fragte, wie Peter ertrunken ist.
"Der Arzt hat Erschöpfung festgestellt, er hat sich wohl übernommen. Wir wußten nicht einmal, daß er Winterbader ist". Seine Wirtin konnte auch nicht weiterhelfen.
"Cora, du mußt aussteigen, der Boss hat seine Finger überall drin. Wenn er Peter in wenigen Stunden quer durch Deutschland gebracht hat und der dann ganz natürlich beim Eisbaden ertrunken ist, bist du auch in Gefahr." Ede meinte es verdammt ernst.
"Glaube ich nicht", gab sie zurück, "bisher ist er mit mir zufrieden. Peter hat mit seiner Angst die ganze Firma in Gefahr gebracht. Der Boss hat ja immer gesagt, daß er so etwas nicht duldet. Ich wäre da oben nicht ausgerastet und damit auch nicht in Gefahr gekommen. Jedenfalls habe ich nicht die Absicht, auf meinen Nebenverdienst so schnell zu verzichten."
Ede schwieg und starrte vor sich hin.
"Mensch, du hast ja auch Angst vor ihm, du bist damit mehr in Gefahr als ich", fing Cora wieder an, "vor drei Jahren hatte ich diese Angst und du hast sie mir ausgeredet"
"Da war auch alles in Ordnung, damals, vielleicht kannst du dich sogar daran erinnern."
"Ja, ja, ich erinnere mich noch sehr genau", erklärte Cora, "weißt du noch, wie du zum ersten Mal ganz kleinlaut aber begeistert aus Lesta kamst?"
Und ob Ede das noch wußte, macht er sich doch deshalb schon selbst die größten Vorwürfe.
Es war gleich am ersten Tag, als er die Cassette im Wagen fand und mit dem Boss gesprochen hatte. Er war nach diesem Gespräch sofort zu Cora gefahren und suchte nach einer Möglichkeit, mit ihr darüber zu sprechen.
Zunächst sagte er einmal gar nichts, saß nur da, starrte vor sich hin und schwieg. Cora fühlte sehr genau, daß sie ihm keine Frage stellen durfte.
"He, was ist denn eigentlich los", fragte sie ihn dann endlich am nächsten Tag, "du grübelst schon die ganze Zeit. Heute ist Sonnabend, willst du uns das Wochenende vermiesen? Wenn es Ärger gibt, dann sag es mir, vielleicht kann ich helfen."
"Hast du schon mal was gemacht, für das du Knast bekommen hättest, wenn es rausgekommen wäre?"
"Wieso". Sie sah ihn verständnislos an.
"Na ja, würdest du sowas riskieren, wenn es sich lohnt?"
"Was hast du denn angestellt, raus damit. Suchen sie dich?" Coras Frage verriet ihr Erschrecken.
"Nein, natürlich nicht, ich habe gar nichts angestellt. Noch nichts", fügte er leise hinzu.
"Wieso noch nichts, willst du ein Ding drehen?"
"Kein Ding drehen. Ich brauche Geld, und du doch auch. Oder willst du ewig hier versauern?"
Ede sah sich in der winzigen Wohnung um. Überall, wo Platz schien, war etwas abgelegt worden. Auf den Schränken lagen blaue Müllsäcke voller Hausrat, in den Zwischenräumen zwischen Schrank und Wand standen flache Gegenstände, die Schränke waren randvoll und quollen über. Die Möbel selbst hatten auch schon andere Zeiten gesehen. Ede hatte sie zwar vor einem Jahr neu lackiert, aber viel besser wurden sie dabei nicht.
"Dieser Stall kann doch nicht dein Lebensziel sein!"
"Na ja, ein bißchen besser möchte ich schon leben", gab Cora vorsichtig zu.
"Wenn ich dir was biete, wo du sehr viel Geld machen kannst, aber das Ganze ist nicht legal, was würdest du sagen?" fragte Ede mit Spannung in der Stimme.
"Da müßte ich erst mal wissen, was es ist und was für mich dabei abfällt", Cora sah ihn neugierig an, "schließlich riskiere ich dabei auch meinem Job und das kann sich heutzutage wohl niemand mehr leisten."
Jetzt erzählte ihr Ede von dem seltsamen Gespräch, das er mit einem Gerät geführt hat.
"Und du hast dem tatsächlich meinen Namen und meine Adresse gegeben?" Cora wußte nicht, ob sie wütend sein oder ob sie sich freuen sollte.
"Du mußt ja nicht mitmachen, dann sahnt eben ein anderer ab", war die Antwort. Ede gab ihr einen Klaps auf den Po, der sich durch den knappen Rock besonders deutlich abhob.
"Das kommt mir alles viel zu plötzlich, ich muß da in Ruhe drüber nachdenken, so wie bei dir geht das bei mir nicht. Ich habe schließlich ein Kind und muß vorsichtig sein. Was geschieht mit Sandy, wenn ich in den Knast muß?"
"Wer sagt denn was von Knast, da müssen sie uns doch erst mal haben. Ich glaube, der Boss hat mehr drauf, als ich bisher kennengelernt habe". Ede versuchte noch immer, Cora für seine Gang zu gewinnen.
"Warte doch einfach ab, ob der Boss überhaupt zustimmt. Bis dahin überlege ich mir die Sache richtig."
"Na gut, aber nicht länger, der Boss will so schnell wie möglich anfangen. Ich habe ihm versprochen, eine gute und zuverlässige Truppe aufzubauen", sagte Ede mit fester Stimme, dann war das Thema vorerst beendet.
Das liegt nun schon drei Jahre zurück. Inzwischen steht die Gang und arbeitet zuverlässig. Aber es lohnt sich ja auch für jeden. Der Boss war mit ihnen immer zufrieden.
Nur, eben, manchmal zeigt er deutlich, daß er wirklich mehr drauf hat, als sie ahnen können. Jeder hatte wohl schon mal seinen moralischen Tag und wollte aussteigen. Der Boss hat das immer mit verblüffenden Mitteln verhindern können.
Fips zum Beispiel fand in seiner Geldbörse einen Zettel vom Boss, Latsch bekam während des Boxens Magenkrämpfe und wurde dadurch ziemlich verprügelt, Rasi hatte nachts auf der Straße eine Panne und beim Montieren bekam er einen Schlag auf den Kopf, der ihn wieder zur Truppe zurückholte, Cora bekam ein Paket, in dem sie Sandys Pullover fand. Und immer lag ein Zettel mit dem bekannten verschnörkelten B dabei.
"Mach dir keine Gedanken, durch sein strenges Regime verhindert der Boss doch nur, daß wir auffliegen", Cora versuchte noch immer, Ede zu trösten. Sie erzählte nun von dem Ladendieb.
"Die Alte hat mir selber gedankt, ohne mich wäre der weg", sagte sie stolz.
"Und wenn er dich angegriffen hätte?" Ein wenig Besorgnis klang in Edes Stimme doch durch.
"Dem hätte ich die Eier eingetreten, aber an die Wäsche wäre er mir nicht gekommen!"
Cora setzte sich selbstbewußt in einen Sessel, stand aber gleich noch einmal auf und nahm eine Kosmetikdose vom Sitz weg. Sie angelte dann nach der Zigarettenschachtel und dem Feuerzeug, zündete sich eine Zigarette an, schlug ihre Beine mit gut eingeübter Eleganz wie Marlene Dietrich übereinander und blies genußvoll Qualmwolken in den Raum.
Ede ging in die Küche und stutzte, denn der ganze Berg schmutziges Geschirr war abgewaschen und weggeräumt.
"Was ist denn hier passiert", rief er ins Wohnzimmer.
Er schlenderte zum Kühlschrank und nahm zwei Dosen Bier heraus. Noch ehe er wieder bei Cora war, öffnete er zischend eine davon. Die stellte er vor ihr auf den Tisch, indem er mit der Dose das Feuerzeug und die Zigarettenpackung wegschob.
Cora hatte inzwischen eine der Fernbedienungen unter der gestrigen Zeitung gefunden und den Fernseher eingeschaltet. Sie drückte auf die Knöpfe und suchte ein Programm, das ihr gefiel.
In diesem Augenblick war auf der Treppe ein lautes Poltern zu vernehmen, das immer näher kam. Nach einer Weile öffnete sich die Tür und Sandy, Coras zehnjährige Tochter, kam herein. An den Füßen hatte sie Rollerskates, mit denen sie nun über den Teppich zu einem der Sessel zu rollen versuchte. Sie plumpste schließlich hinein und bückte sich, um die Skates abzulegen.
"Ist was zu essen da?", fragte sie.
"Die Mama macht gleich was, meine Sonne, wir haben nur noch auf dich gewartet", war die Antwort.
Cora erhob sich und verschwand in der Küche, wo sie den Tisch für das Abendessen deckte.
"Onkel Ede, machst du mir das Rad wieder an?"
Sandy hielt einen Skate und eines seiner Räder in der Hand. Ede griff danach, besah sich den Schaden und sagte:
"Ich bringe morgen von Arbeit eine passende Schraube mit, dann mache ich es wieder heil."
"Prima, du bist der Beste", freute sich Sandy.
8. Latsch
Etwa zur gleichen Zeit vor drei Jahren, als Fromm seinen Geländewagen bekam, raste ein Motorrad über die Autobahn. Die aufgemotzte schwere Kawasaki heulte in den höchsten Tönen und die Autofahrer schüttelten verständnislos den Kopf über soviel Leichtsinn und Unvernunft.
Ralf Leschner, der hühnenhafte Fahrer, mußte sich abreagieren. Es war zwar nicht das erste Mal, daß ihm sein Jähzorn tüchtigen Ärger eingebracht hat, aber diesmal hat es ihn bis ins Innerste getroffen. Mußte er auch dermaßen zuschlagen, daß die Männer ins Krankenhaus kamen!
Ralf war Schweißer bei einer großen Firma. Vor einigen Wochen zeigte sich ein Riß an einem neuentwickelten Fachwerkträger und er erhielt von seinem Meister den Auftrag, die gerissene Strebe zu schweißen. Seine Einwände nahm der Meister gar nicht zur Kenntnis, die Erprobung mußte pünktlich beginnen.
Während der Erprobung riß der Träger erneut an der Schweißnaht und die gesamte Führungsmannschaft war in Aufruhr. Der Meister brüllte Ralf vor allen Leuten an, daß die Werkhalle zitterte. Angeblich hat er beim Schweißen gepfuscht.
Ralf wollte in seinem Jähzorn zuerst dem Meister an den Kragen, aber die Kollegen hielten ihn noch rechtzeitig zurück. Da warf er ihm sein Schweißgerät mit solcher Wucht vor die Füße, daß es sich völlig verbog und stürmte aus der Halle, ohne in seinem Zorn etwas zu sehen oder einen klaren Gedanken fassen zu können. Erst als er draußen gegen eine abgestellte Palette mit Kleinteilen prallte und sich schmerzhaft das Schienbein stieß, kam er zu sich.
Aber in die Halle ging er nicht zurück, er wäre bestimmt erneut in Raserei verfallen, wenn er dem Meister begegnete. Also stürmte er mit zornigen Schritten aus dem Betrieb. Niemand hatte den Mut, diesen bärenstarken Hünen aufzuhalten.
Ralf war eigentlich ein gutmütiger Kerl, nur reizen durfte man ihn nicht. Mit seiner Größe von 1,97m ragte er aus jeder Menschenmenge sichtbar heraus, seine kräftige Gestalt und die Schuhgröße 52 hatte ihm den Spitznamen 'Latsch' eingebracht. Er nahm das keinem übel, im Gegenteil.
"Ich würde ja selbst über solche Riesenlatschen lachen", war seine Antwort.
Seit einigen Jahren gehörte er einem Boxverein an und hatte ganz beachtliche Erfolge. Aber er könnte mehr erreichen.
Sein Boxtrainer sagte immer wieder zu ihm, daß er im Ring einen kühlen Kopf behalten soll. Leider ging nach ein paar Schlägen, die nicht richtig saßen oder die er selbst einfing regelmäßig sein Zorn mit ihm durch. Dann schlug er zwar wütend, aber ohne Taktik und verlor den Kampf zumeist. Manchmal ging er auf die Bretter, manchmal verlor er nach Punkten. Er nahm sich jedesmal vor, seinen Zorn zu zähmen.
An diesem Tag aber brauchte er Zerstreuung und Beruhigung. Er stürmte noch immer voll Groll in die Kneipe, wo er seine Freunde zu treffen hoffte.
Natürlich kamen die erst in ein paar Stunden, denn Latsch war ja während der Arbeitszeit eingekehrt. Lediglich ein paar Fremde, wahrscheinlich die Fahrer der beiden LKW vor der Tür, saßen zu dieser Stunde am Fenster und aßen Bockwürste. So steuerte er die Theke an und rief schon von weitem:
"Schorsch, einen Doppelten".
Georg Schuster, der Kneiper, nahm die Flasche und stellte ein Glas auf die Theke. Latsch nahm ihm die Flasche einfach aus der Hand und schenkte selbst ein. Er trank hastig mehrere randvolle Gläser hintereinander.
"Na, na, Latsch, beruhige dich, du bist noch auf Arbeit", ermahnte ihn Schorsch.
"Kümmere dich um deinen Laden", war die barsche Antwort.
Schorsch schüttelte den Kopf und versuchte ihm die Flasche aus der Hand zu winden. Latsch griff aber nach seinem Handgelenk und drückte so stark, daß Schorsch vor Schmerz aufschrie.
"Mach das nicht noch mal, hörst du?"
Tief und grollend kam es aus Latsch heraus, indem er um die Theke herumging und sich eine neue Flasche einfach aus dem Regal nahm. Während er sie öffnete, fühlte er plötzlich überrascht, daß er festgehalten wurde.
"Nein, laßt ihn in Ruhe, ist schon gut", schrie Schorsch.
Doch die beiden fremden Kraftfahrer, die Latsch nicht kannten, verstanden die Situation völlig falsch.
"Stell die Flasche hin, bezahle und verschwinde", sagte einer der Fahrer, die übrigens beide eine ziemlich kräftige und muskulöse Gestalt hatten.
Inzwischen hatte sich Latsch von seiner Überraschung erholt und erkannte die Situation. Von der fast vollen Flasche Cognac schon ziemlich benommen und zornig werdend, brüllte er wie ein eingekreistes Raubtier:
"Laßt mich sofort los, sonst schlage ich euch die Knochen ein, daß euch kein Arzt mehr zusammenflicken kann."
Schorsch hastete ans Telefon und rief die Polizei. Er fürchtete mit Recht für seine Einrichtung.
Die beiden Fahrer hatten Latsch fest im Griff und einer faßte ihm nun in die Haare, um seinen Kopf auf die Theke zu drücken. Da setzte er zur Gegenwehr an und schüttelte die beiden wie Kinder hin und her.
Jedoch die Fahrer ließen nicht los, sondern packten noch fester zu. Das brachte Latsch völlig in Raserei. Er stemmte sich mit den Beinen gegen den rechten Gegner und schob ihn immer schneller werdend gegen die Wand. Der schrie auf und ließ los. Wie ein Blitz schmetterte er nun seine gefürchtete Rechte dem linken Gegner ins Gesicht, daß der ebenfalls zusammenbrach.
Als er sich umsah, bemerkte er den anderen Fahrer, der wieder aufgestanden war und nun mit geballten Fäusten auf ihn zukam. Latsch landete zwei Schläge, die den endgültig außer Gefecht setzten. Der Angreifer flog auf einen Tisch und blieb mit dem Oberkörper auf der Platte leblos hängen.
Doch schon stand sein zweiter Gegner wieder auf. Obwohl der nicht mehr ganz sicher auf den Beinen stand, wollte er sich nicht so leicht geschlagen geben. Er holte aus und schlug kraftvoll zu. Latsch wehrte den Schlag mit Leichtigkeit ab und ließ zwei Haken folgen. Der Mann brach zusammen.
Durch den Kampf hatte sich Latsch abreagiert und sein Zorn verging so schnell, wie er gekommen war. Eben wollte er wieder nach der Flasche greifen, als die Tür aufflog.
"Polizei, bleiben sie ganz ruhig sitzen und legen sie die Hände auf den Tisch", sagte Chris.
Das war nun zwei Monate her und neulich hat die Verhandlung vor dem Amtsgericht stattgefunden. Die beiden Fahrer hatten gegen ihn Klage wegen Körperverletzung gestellt. Einer der beiden trug noch immer einen Verband. Der andere hatte eine leuchtend rote Narbe über dem Auge.
"Ich muß mich von keinem festhalten lassen", sagte Latsch dem Richter, "ich hatte sie ja auch gewarnt, wenn sie mich nicht loslassen, passiert ihnen Schreckliches."
Die Klage wurde schließlich zurückgewiesen und sein Verhalten als Notwehr ausgelegt. Das hatte er seinem geschickten Anwalt zu verdanken.
Von seinem Betrieb wurde er natürlich sofort entlassen. Dabei traf ihn gar keine Schuld, denn die Experten rechneten die Konstruktion noch einmal nach und entdeckten einen Fehler, der zum Bruch führen mußte. Daraufhin entschuldigte sich der Meister bei Latsch. Er hatte beim Schweißen nicht gepfuscht.
Daß er im Zorn den Betrieb verließ, verstanden alle, außer dem Chef. Der mußte ohnehin wieder Leute entlassen und so kam ihm der Vorfall in der Halle sehr gelegen. Er gab einfach Latsch die Schuld, dann konnte er die Entlassung vor dem Betriebsrat auch verantworten.
Tine, die Frau von Latsch, tobte, als sie davon hörte und rief im Betrieb an. Doch der Chef blieb bei seiner Entscheidung. Es wäre ja noch schöner, wenn jeder bei der geringsten Schwierigkeit gleich wegrennt und dann vielleicht noch dafür gelobt oder ausgezeichnet werden will.
Eigentlich dachte Latsch, daß es nicht mehr schlimmer kommen könnte. Aber heute, am Sonnabend, wurde er vor die Sportkommission gerufen, die ihm aufgrund der Schlägerei eine Sperre von einem Jahr aussprach.
"Aber es war Notwehr, das hat sogar das Gericht festgestellt", versuchte er sich zu rechtfertigen.
"Es hätte gericht, die Männer abzuschütteln. Sie kamen doch nur dem Wirt zu Hilfe und wollten dich aus der Kneipe bringen, mehr kann man ihnen nicht anhängen. Du mußtest sie nicht für Wochen ins Krankenhaus schicken."
Die Kommission war nicht zu überzeugen und blieb bei ihrem Urteil. Er durfte für ein ganzes Jahr nicht mehr in den Ring.
Zuerst hielt er sich zurück. Als er jedoch nach Hause kam, wurde ihm erst die Tragweite des Urteils klar. Da fing er an, auf die Kommission zu schimpfen und plötzlich packte ihn die Wut. Das hat er alles nur diesem Gratschek zu verdanken, der konnte ihn noch nie richtig leiden.
Aber zum ersten Mal in seinem Leben sagte er sich auch, daß er nicht wieder in blinde Raserei verfallen darf. Tine war mit den Kindern in der Stadt, sie hätte ihn jetzt zurückhalten können. So jedoch war er allein, und da kam er auf die Idee, mit der Kawasaki herumzufahren.
Als er auf die Autobahn kam und wenig Betrieb war, kehrten die Gedanken an die Boxsperre zurück. Unwillkürlich drehte er das Gas immer weiter auf, verkrampfte sich die Hand am Lenker, bis der starke, aufgemöbelte Motor seine volle Leistung und die Maschine ihre Höchstgeschwindigkeit erreicht hatten.
Durch die rasende Fahrt beruhigten sich seine Nerven tatsächlich und bald hatte er nur noch Freude am schnellen Fahren. Wie eine Biene sang der Motor unter ihm in den höchsten Tönen und die Autobahn hatte bei dieser Geschwindigkeit scharfe Kurven, in die er sich genußvoll hineinwarf. Doch plötzlich leuchtete eine Lampe im Cockpit auf. Der Tank war leer und er mußte an der nächsten Tankstelle stoppen.
Es war kein großer Rasthof, wo er hielt, nur eine Tankstation mit den zugehörigen Imbißbuden.
Latsch füllte seinen Tank und ging in den Shop, um zu bezahlen. Danach schlenderte er zu den Imbißbuden, um sich einen Döner und eine Cola zu kaufen. Bald stellte sich noch eine Familie mit zwei Kindern an seinen Tisch.
"Bist du der Verrückte auf dem Motorrad?", fragte ein Mädchen von etwa 5 Jahren.
Latsch sah sie überrascht an.
"Sehe ich so verrückt aus?"
"Nee", sagte die Kleine lachend, "aber auf dem Motorrad bist du verrückt".
"Katja", wies sie die Mutter zurecht, "laß den Mann in Ruhe, das ist doch seine Sache, wie er fährt".
"Aber Mutti, du hast doch selbst gesagt, daß der verrückt ist und woanders hin gehört, nur nicht auf die Straße!"
Die Frau wurde rot und wandte sich ab. Latsch amüsierte sich über die Szene und grinste. Da kam der Vater vom Kiosk und verteilte Speisen und Getränke.
"Verstehen sie es nicht falsch, was ich gesagt habe", begann die Frau wieder, "Rasen finde ich tatsächlich unvernünftig. Wenn sie wirklich zeigen wollen, wie toll sie sind, warum nehmen sie dann nicht am Wettkampf teil?"
"Was für ein Wettkampf?" fragte Latsch interessiert.
"Na, haben sie das Plakat dort nicht gesehen?"
Er hatte tatsächlich nicht auf das Plakat geachtet, obwohl es mit leuchtend bunten Farben auf sich aufmerksam machte.
Am 15. ist in irgendeinem Nest ein Sport- und Heimatfest, las er. Es gibt einen Sportwettkampf, an dem jeder teilnehmen kann. Ein Sponsor hat den ersten Preis mit 5000 Euro gespendet.
"Wer weiß, was ich an diesem Tag mache", sagte er zu der Frau.
"Aber das ist doch heute", gab sie zurück.
Er stutzte und sah sie an.
"Ich bin wohl wirklich verrückt", stellte er fest, "wo liegt denn dieses Vertin?"
Der Vater erklärte die Fahrtstrecke und wünschte ihm viel Erfolg. Die Kleine rief ihm nach, daß sie bestimmt zuschauen wird.
"Wir wohnen nämlich dort."
Vertin war ein mittleres Dorf, das sich für sein Fest besonders festlich geschmückt hatte. Die vielen Fahrzeuge auf der großen Wiese, die als provisorischer Parkplatz diente bewiesen, daß das Fest bereits einen guten Ruf in der Umgebung und bei Insidern hatte.
Vom Sportkomitee bekam Latsch einen Fragebogen, den er ausfüllte und gleich wieder abgab.
"Sie bekommen die Startnummer 157", erklärte ihm ein Mann und schickte ihn zur Kasse, das Startgeld zu bezahlen.
Der Wettkampf bestand aus keiner olympischen Disziplin, vielmehr wurden fünf verschiedene Sportarten gekoppelt, um den wirklich besten allgemeinen Sportler zu ermitteln. Das war in dieser Gegend wohl Tradition, denn keiner sagte etwas.
Laufen, Schwimmen, Torschießen, Gymnastik und Geräteturnen waren zu absolvieren.
Latsch war ein durchtrainierter Sportler und rechnete sich gute Chancen aus. Allerdings waren Sachen dabei, die er nicht aktiv betrieb, wie Gymnastik oder Geräteturnen.
Auch mußte er sich um die richtige Bekleidung keine Sorgen machen, denn zum Glück führte er im Tornister seines Motorrades leichte Sportkleidung mit. Das kam ihm nun sehr gelegen. Turnschuhe trug er ohnehin.
Aber während des Wettkampfes merkte er sehr schnell, daß er nicht der einzig trainierte Sportler war und sich so eine riesenhafte Gestalt beim Turnen eher hinderlich als nützlich erwies. In manchen Dingen war er durch seine enorme Kraft und Ausdauer eindeutig überlegen und konnte Punkte sammeln, die ihm dann allerdings bei anderen Übungen wieder vorlorengingen.
Und trotz der begeisterten Anfeuerungsrufe seiner kleinen Freundin vom Parkplatz reichte es zum Schluß doch nur für den sechzehnten Platz.
Latsch fühlte sich danach so ausgelaugt und leer, wie schon lange nicht mehr. Solch eine Niederlage tut verdammt weh. Wenn er jetzt zur Siegerehrung diesen kleinen, drahtigen Typ auf der Treppe stehen sah, der seine 5000 Euro kassierte, konnte er in die Luft gehen.
Was suchen solche Profis überhaupt hier, bei einem Fest für das Volk. Sie schnappen dem kleinen Mann nur die Preise vor der Nase weg. Sollen sie bei ihren Turnieren und Meisterschaften bleiben, hier haben sie nichts zu suchen. Es ist überhaupt eine richtige Unverschämtheit, daß solche Absahner vom Veranstalter zugelassen werden. Aber die wollen doch nur das Startgeld kassieren, je mehr sich melden, um so besser.....
Wenn jetzt ein Freund neben ihm gestanden hätte, der ihn kennt, wäre mit einem Wort wieder Ruhe in seine Seele eingezogen. Aber hier kannte ihn ja niemand und so merkte auch keiner, wie er sich in seine Wut immer mehr hineinsteigerte.
Also stürmte Latsch zu seinem Motorrad und wollte eben starten, als das kleine Mädchen vor ihm stand und den rechten Zeigefinger hob.
"Fahr nicht wieder wie ein Verrückter".
Doch Latsch hatte sie gar nicht richtig wahrgenommen. Mit laut quitschendem Hinterrad fuhr er los und donnerte zur Autobahn. Bald fühlte er wieder die beruhigende Wirkung der Geschwindigkeit und gab sich ganz dem Genuß der schnellen Fahrt hin.
Da sah er von weitem, wie die Fahrzeuge vor ihm stoppten und die Warnblinkanlagen einschalteten. Er drosselte die Geschwindigkeit, doch er hielt nicht an, sondern schlängelte sich zwischen den Fahrzeugen hindurch nach vorn.
Endlich aber ging es wirklich nicht mehr weiter und er mußte den Motor abstellen.
"Was ist denn los", fragte er einen Autofahrer.
"Sieh doch selbst", war die Antwort und der Mann wies nach vorn. Etwa fünfzig Meter vor ihm war ein PKW verunglückt. Er muß mit großem Tempo in die Leitplanke gerast sein und hat sich danach überschlagen. Das Auto war nur noch ein Haufen verbogenes Metall und der Fahrer lag mitten auf der Autobahn. Ein Hubschrauber sowie zwei Rettungswagen standen davor. Mehrere Ärzte knieten neben dem Verletzten und die Assistenten liefen geschäftig hin und her.
"So ein verrückter Idiot", schimpfte eine Frau aus einem kleinen Fiat, "der hat mich mit einem Tempo überholt, daß ich beim Zusehen schon Angst bekam. Er tut mir leid, aber er wollte es ja direkt so haben."
"Sowas sollte man generell verbieten. Wer so rast, müßte zum Idiotentest", forderte ein anderer.
"Diese Meinung würde ich lieber für mich behalten", bekam er zur Antwort.
"Warum, er hat recht. Wenn er nun mich anstatt der Leitplanke erwischt hätte, ich wäre jetzt tot. Solche Raser kann man nur mit dem Idiotentest in den Griff bekommen, ein Limit, wie schnell er fahren darf, hilft da gar nichts", ereiferte sich die Frau aus dem Fiat, "das Bußgeld zahlt der doch mit links".
Latsch hörte schweigend zu. An die Möglichkeit eines Unfalles hat er bisher noch mit keiner Silbe gedacht. Er glaubte von sich, ein guter Fahrer zu sein und beherrschte seine schwere Maschine in jeder Situation absolut sicher.
Hat ihn das kleine Mädchen heute früh nicht auch einen Verrückten genannt? Nur gut, daß das hier keiner ahnt.
Er blickte auf den Verletzten, der in einer großen Blutlache lag. Wenn ihm bei seiner Geschwindigkeit einmal etwas geschieht, dann liegt er ebenso da, vielleicht ist er sogar tot. Und ganz gewiß würden die anderen auch so über ihn sprechen, wie die hier über den dort.
Er tut mir leid, aber der Idiot wollte es doch so haben, hat die Frau gesagt. Latsch gestand sich ein, daß sie recht hat. Auch er muß ja immer mit einem Unfall rechnen und dreht seinen Gasgriff trotzdem stets bis zum Anschlag auf. Wenn ich mal so daliege, bin ich selbst Schuld, irgendwann geht ganz gewiß was schief, dachte er und nahm sich vor, nicht mehr so zu rasen.
Aber warum rase ich denn eigentlich? Damit will ich doch nur meine Wut und meinen Zorn abreagieren. Wenn ich doch nur nicht immer bei jeder Gelegenheit so ausrasten würde, das ist die eigentliche Ursache, auch für mein Rasen mit der Kawasaki. Ich habe sie mir ja vor zwei Jahren extra gekauft, um bei einem Wutausbruch abgelenkt zu werden.
Das hatte ihm übrigens sein Trainer empfohlen, als sie mal auf dieses Thema zu sprechen kamen.
"Lege dir ein Hobby zu, das dich ablenkt und auf andere Gedanken bringt", sagte er damals.
Na ja, sein Zorn verfliegt ja auch bald, wenn er auf der Autobahn ist, aber dafür kommt er in einen Geschwindigkeitsrausch, den er immer bis zuletzt auskostet. Die Gefahr dabei war ihm eigentlich noch gar nicht bewußt gewesen. Erst jetzt, wo er selbst so einen Unfall durch hohes Tempo sieht, wo ein Mensch in einer riesigen Blutpfütze liegt, denkt er nach.
Was wird aus Tine und den Kindern, wenn ich nicht mehr kann, dachte er. Im gleichen Augenblick fiel ihm ein, daß er ja seit zwei Tagen arbeitslos ist. Anstatt nun aber wieder auszurasten, befiel ihn eine tiefe Mutlosigkeit.
Als die Strecke wieder freigegeben wurde, fuhr er langsam wie alle anderen Fahrzeuge nach Hause.
Ich muß mir ein Ziel stellen, überlegte er. Bis jetzt lebe ich in den Tag hinein, ohne mir Gedanken zu machen, was später einmal wird. Und plötzlich erkannte er, daß alle seine Freunde auf ein bestimmtes Ziel zusteuerten und schon streckenweise viel erreicht hatten. Was soll aus uns später werden? Natürlich will ich einmal Erfolg haben und gut leben.
Wann denn, dachte er, ich bin inzwischen 26 Jahre alt, da haben es andere schon geschafft, nur Tine und ich warten immer noch aufs große Geld.
Ja Geld, mit Geld kann man alles erreichen. Seine paar Euro, die er als Schweißer verdient hat, reichten für die Familie nicht aus. Weil noch Tines Geld als Krankenschwester dazukam lebten sie zwar recht gut, aber ans Sparen haben sie bisher nicht gedacht und ein größeres Ziel steuern sie auch nicht an.
Vielleicht ist die Arbeitslosigkeit überhaupt ein Wink des Schicksals, etwas anzufangen, wo mehr Geld hereinkommt. Aber das Schicksal kann doch nicht bei soviel Menschen winken, wie jetzt auf der Straße liegen, dachte er.
Am nächsten Tag sprach er mit Ede, seinem Schwager, über die Sache. Ede erzählte, daß er sich einen guten Nebenverdienst suchen will. Aber Latsch nahm das nicht so genau zur Kenntnis, er wollte eine ordentliche Arbeit haben.
9. Arnold Hartmann
Kriminaloberkommissar Jochen Puck legte den Hörer auf und lehnte sich zurück.
"Geheimnisvolle Anrufe, und das in Cildburg, das darf doch nicht wahr sein", sagte er laut sinnend.
"Ich schlage vor, wir überprüfen erst einmal die bekannten Adressen, erinnerst du dich noch an den Einbruch bei Schulze?" Kriminalinspektor Kathi Sievers sah ihn erwartungsvoll an.
"Du meinst diesen Elektronikfreak, wegen dem er dann die Anzeige zurückgezogen hatte", Puck erinnerte sich dunkel.
"Wie war das gleich noch mal?" fragte er nach einer Weile.
Kahti hatte bereits die Akte besorgt und schob sie nun über den Tisch zu ihm hin.
Jochen schlug den Deckel auf und erinnerte sich plötzlich an den ganzen Fall, der zwar recht schnell abgeschlossen werden konnte, aber dennoch einige Fragen offen ließ.
Wer war denn eigentlich dieser Arnold Hartmann, was machte er, wovon lebte er.
Auch Kathi schien nicht ganz mit dem Ergebnis zufrieden zu sein und dachte immer mal wieder daran.
Angefangen hatte alles vor vier Jahren, als ein Anruf aus der Zentralallee kam, der einen Ladendiebstahl meldete. Sie machten sich damals sofort auf den Weg und trafen den eleganten Ladenbesitzer Roberto Schulze, der sie zum Schaufenster führte und auf einige leere Stellen in den Auslagen zeigte.
"Hier lagen elektronische Bauteile, sehr spezielle. Die wurden gestohlen", erklärte er.
"Was ist sonst noch entwendet worden", fragte Jochen.
"Das ist es ja, was ich nicht begreife, es fehlt nichts außer diesen Teilen, auch die Kasse ist nicht aufgebrochen worden".
"Sind sie sich da auch ganz sicher, daß außer diesen Teilen nichts fehlt?" Kathi sah sich in dem blitzsauberen Laden um und bemerkte eine so akribische Ordnung, daß jede Veränderung sofort auffallen mußte.
"Ich bin mir sicher, ich merke sofort, wenn etwas an meinen Sachen verändert wird", gab Schulze zurück.
"Und auf welche Höhe beläuft sich der Schaden?" Kathi machte sich eifrig Notizen.
"Sie werden es nicht glauben, es sind nur fünfzehn Euro und dreiundfünfzig Cent insgesamt".
Die beiden Kriminalisten blickten sich einen Augenblick an, sagten aber kein Wort dazu.
"Und warum hat Ihre Alarmanlage nicht funktioniert?" wollte Jochen wissen.
"Das kann ich mir auch nicht erklären, sie funktioniert, ich habe das bereits geprüft, es ist alles in Ordnung". Schulze blickte hilflos zu ihm hin.
Bei der Spurensuche fanden sich viele Fingerabdrücke des Täters, er hat sich nicht einmal die Mühe gemacht, seine Spuren zu verwischen.
Das Seltsame an der Sache war, daß er durch die elektronisch gesicherte Tür eingedrungen ist. Diese Tür öffnet sich nur durch einen Code, der wie bei einem Safe nach Belieben geändert werden kann. Wird dieser Code falsch eingegeben, löst sich der Alarm aus. Der Täter muß ihn also gakannt haben.
"Wer außer ihnen kennt den Code sonst noch?"
"Keiner, ich ändere ihn jeden Tag und gebe ihn niemandem bekannt, nicht einmal meiner Frau".
"Aber wenn sie ihn vergessen oder wenn sie einmal krank werden, einen Unfall haben, was dann?"
"Ich habe ein System in diesem kleinen Notebook, mit dem ich jeden Tag den neuen Code ermittle. Wenn ich mal nicht in der Lage bin, selbst das Geschäft zu öffnen, kann meine Frau den Code dadurch nachsehen. Aber das Notebook trage ich immer bei mir, das gebe ich nicht aus der Hand. Wenn es wirklich mal in fremde Hände fällt, kann auch keiner was damit anfangen, weil er mein System nicht kennt." Schulze hielt ein Gerät von der Größe eines Taschenrechners in der Hand, steckte es jedoch gleich wieder ein.
"Also konnte niemand den Code kennen?" Kathi wollte sich noch einmal vergewissern.
"Nein, bestimmt nicht."
"Und konnte der Täter nicht einfach einen Zufallsgenerator benutzt haben?"
Schulze lächelte und blickte von einem zum anderen.
"Ich habe die Anlage selbst noch verändert. Zwar gibt es mehrere Milliarden Möglichkeiten für den Code, aber ein Zufallsgenerator spielt die in kurzer Zeit durch. Sobald der richtige Code dabei ist, öffnet die Tür. Aber ich habe eine Zeitsperre erfunden, die das verhindert. Die Türsicherung schlägt erst an, wenn ein bestimmtes Zeichen des Codes mindestens fünf Sekunden gedrückt bleibt. Wenn der Generator also nur für Bruchteile von Sekunden den richtigen Code sendet, passiert rein gar nichts. Übrigens kann ich das Zeichen, das gedrückt bleiben muß, auch verändern. Damit brauchte der Zufallsgenerator Jahre, um alle Möglichkeiten durchzuspielen."
"Ist die Anlage beschädigt worden"? Kathi blickte auf.
"Nein, sie ist unbeschädigt."
"Und hier im Laden haben sie doch auch eine Überwachung!" Sie zeigte auf zwei Kameras und mehrere Bewegungsmelder, "können wir die Kassette mitnehmen?"
"Sicher, gern, doch darauf ist auch nichts zu entdecken."
"Herr Schulze, wenn sie noch etwas bemerken, rufen sie mich bitte an." Jochen gab ihm seine Karte und verabschiedete sich mit seiner Mitarbeiterin.
Die Fingerabdrücke waren nicht registriert und die Kassette wurde von Kriminaltechniker Ernst Bonse untersucht. Es ergaben sich keinerlei Anhaltspunkte.
"Bei dem geringen Schaden können wir uns nicht die ganze Zeit an dem Fall hochziehen", meinte Jochen schließlich und schloß die Akte.
Zu seiner Überraschung klingelte zwei Stunden später das Telefon. Herr Schulze war am Apparat und teilte ihm mit, daß er die Anzeige zurückgezogen hat.
Jochen und Kathi fuhren sofort zu ihm hin. Für sie war der Fall noch verworrener geworden.
Roberto Schulze hatte schon mit ihrem Besuch gerechnet und stellte ihnen Arnold Hartmann vor. Das war ein junger Mann mit Brille und beginnender Stirnglatze von dem er lächelnd behauptete, er sei der Einbrecher gewesen.
"Tut mir leid, daß ich ihnen Ärger gemacht habe", sagte Arnold mit leiser Stimme", aber ich brauchte ganz dringend noch einige Teile und da habe ich sie mir in der Nacht geholt."
"Er kam heute zu mir, um sie zu bezahlen", erklärte Schulze und blickte Jochen gespannt an.
"Ja, aber die ganze Sicherheitstechnik, wie sind sie in den Laden hineingekommen?" wunderte sich Kathi.
"Ach, das ist doch nur Elektronik, und die ist mein Hobby", war die verblüffende Antwort.
"Er hat es mir bereitwillig gezeigt, es ist eine high-tech Lösung, die selbst alte Experten in den Schatten stellt", warf Schulze ein.
"Und diese Lösung haben sie selbst gefunden?" Jochen blickte den Mann fast ungläubig an.
"Na ja, ich bin arbeitslos, da habe ich genügend Zeit für mein Hobby. Einer schreibt eben Programme, aber mich interessiert die Technik mehr. Ich habe auch schon meinen Computer umgebaut, auch mein Funktelefon", erschrocken blickte er auf die Kriminalisten, "aber ich mache damit nichts Unrechtes. Bei den Teilen hatte ich gehofft, daß Herr Schulze das noch gar nicht gemerkt hat".
"Na ja, Herr Hartmann, die Anzeige ist annulliert und gegen sie liegt nichts vor. Wir danken für Ihren Anruf, Herr Schulze, damit ist die Sache erledigt."
So ist das damals gewesen. Gern hätten Jochen und Kathi mehr über Arnold Hartmann gewußt, doch er ist niemals wieder in dieser Angelegenheit aufgefallen. Seltsamerweise taucht aber sein Name recht oft wegen Falschparkens auf der Bußgeldliste auf. Er parkt in einer Nische hinter dem Haus in der Kreuzerstraße, die der Stadt gehört. Hartmann aber ist der Meinung, daß er als Anwohner das Recht hat, sein Fahrzeug dort abzustellen. Die Bußgelder bezahlt er einfach nicht, sooft er auch dazu aufgefordert wird. Vorige Woche hat die Stadt die ganze Angelegenheit dem Amtsgericht übergeben.
Und nun bittet die Telefongesellschaft um Mithilfe bei der Aufklärung geheimnisvoller Telefonate, die sich nicht lokalisieren und zuordnen ließen. Die beiden waren überzeugt, daß Hartmann damit nichts zu tun hatte.
10. Rasi
Am gleichen Abend vor drei Jahren saßen in einem Rasthof nahe der französischen Grenze einige Kraftfahrer und spielten Skat. Ihre Trucks hatten sie auf dem riesigen Parkplatz abgestellt, denn sie saßen den ganzen Tag am Steuer und diese letzte halbe Stunde am Abend war ihre Freizeit, die sie genießen wollten.
Da öffnete sich die Tür und es kam ein junger Kraftfahrer herein, der sich schüchtern umsah. Sein T-Shirt spannte sich über dem runden Bauch und die plumpen, unsicheren Bewegungen verrieten, daß er nicht gerade ein Musterbeispiel des stolzen, selbstbewußten Truckers war.
"Mensch, Rasi", rief einer der Männer, "komm, setz dich her und mach ein Spielchen mit uns."
Der so Gerufene ließ sich das nicht zweimal sagen. Skat spielen war seine Leidenschaft, nur verlor er zumeist und mußte am Ende immer die Zeche zahlen. Die Zusammenarbeit seiner Skatfreunde gegen ihn hatte er noch niemals bemerkt.
Aber Rasi machte sich darum keine Sorgen. Für ihn war das Spiel wichtig und ob er verlor oder gewann, das war ihm im Grunde genommen egal. Übrigens spielte er nicht nur Skat, sondern bei jedem Spiel überkam ihn die Spielleidenschaft, ob es nun die Automaten in den Gaststätten oder irgendwelche Wetten waren, Rasi kam nicht daran vorbei.
Er fuhr einen 40t MAN-Lastzug für die Cildburger Logistik GmbH und hatte bei dieser Firma schon als Lehrling angefangen. Inzwischen war er 27 Jahre alt und ein erfahrener Kraftfahrer. Freilich waren seine geistigen Fähigkeiten nicht eben üppig entwickelt und auch die korpulente, weichliche Figur machte ihn nicht interessant.
Aber Rasi war jung und hatte noch viele Träume. Am häufigsten träumte er von einer eigenen Familie, von einer Frau und zwei Kindern.
Zu dieser Vorstellung von seiner Familie gehörte natürlich auch ein schönes Haus mit einem großen Garten, ein tolles Auto und vieles mehr.
Wenn er ab und zu einmal ein nettes Mädchen an einer Raststätte kennenlernte und sogar mit in seine Koje nahm, fehlten ihm am nächsten Morgen regelmäßig seine Brieftasche und sein Geld, er hatte sich deshalb angewöhnt, niemals viel bares Geld mit auf Fahrt zu nehmen.
Ach ja, Geld, seufzte er wohl manchmal, wenn er allein war und seine Träume auskostete, wenn ich genügend Geld hätte, würden auch die Mädchen bei mir bleiben und ich könnte ein Haus, ein Auto und viele andere schöne Dinge kaufen. Aber das wenige Geld, das er verdiente, ging nun mal für seine Spielleidenschaft und für die Mädchen an den Raststätten drauf.
Und so verlor Rasi auch an diesem Abend wieder die Runde und mußte die Zeche bezahlen.
Eigentlich war es stets die gleiche Situation, ein Fahrer kannte ihn und die anderen merkten sehr schnell, daß man ihn gut betrügen kann, daß er in Eifer griet, ohne ein großer Skatfreak zu sein. Und es war natürlich ein Gaudi für alle, diesen dussligen Kerl reinzulegen.
Rasi indes freute sich sogar noch über die Aufmerksamkeit, mit der man ihn behandelte, über die neuen Freunde und das schöne Spiel. Er hat verloren und muß bezahlen, das war selbstverständlich für ihn.
Zu Hause sagte seine Mutti wohl oft zu ihm:
"Steffen", sagte sie, "spare dein Geld, die anderen wollen nur auf deine Kosten leben, versprich mir, daß du dich nicht wieder so betrügen läßt."
"Aber Mutti", antwortete Rasi dann meist, "wir betrügen uns doch nicht, wir machen ein Spiel, und wenn ich verliere, dann muß ich eben bezahlen. Wenn ein anderer verliert, bezahlt er doch auch genau so wie ich."
"Spare dein Geld, dann kannst du dir auch was leisten", erhielt er von seiner Mutti zur Antwort.
Und tatsächlich nahm sich Steffen Rasper, wie Rasi eigentlich hieß, dann auch immer vor, auf seine Mutti zu hören und sein Geld zu sparen. Aber kaum saß er wieder in seinem Führerhaus, waren alle guten Vorsätze wie weggeblasen.
Am nächsten Tag benötigte Rasi noch eine gute Stunde bis zu seinem Entladeort in Frankreich. Wie immer, wenn dort Ware angenommen wurde, wimmelte es von Fahrzeugen.
Der Betrieb war recht groß und lag direkt an einem Berghang. Das hatte zur Folge, daß auch die lange Entladehalle direkt an den Hang gebaut worden war. Für die Fahrer bot diese Lösung einige Probleme, denn es galt, rückwärts entlang der Ladestraße bis zur Rampe in der Halle zu fahren. Diese Fahrstraße lag etwa 1,20m tiefer als die Lagerhalle und war fast vierzig Meter lang, aber nur vier Meter breit.
Als Rasi ankam, stand der Hof voller Fahrzeuge und alle warteten, daß sie hineinfahren konnten, was sie dann auch mit mehr oder weniger Geschick taten.
Freilich fuhren die meisten einen Sattelschlepper, der sich recht leicht rückwärts rangieren ließ. Aber die unendlich vielen Schleifspuren an der Hallenwand bewiesen, daß viele dabei ihre Probleme hatten.
Rasi fuhr einen Hängerzug, der sich ungleich schwerer rückwärts schieben ließ, zudem mußte er an der Einfahrt noch eine leichte Steigung und eine winzige Biegung bewältigen.
Nun gibt es unter Kraftfahrern eine ganz bestimmte Eigenschaft, die sich leider auch bei den meisten privaten PKW-Fahrern, vor allem den Neulingen, nachweisen läßt.
Jeder Kraftfahrer hält sich für den einzigen absoluten Könner und alle anderen sind elende Stümper gegen ihn. Wenn es ums fahrerische Geschick geht, rümpft jeder über jeden die Nase. Und wehe, wenn es wirklich einmal einen erwischt, wehe, wenn jemand einen Fehler macht, o, wie geschickt kommen sich da gleich alle die anderen vor.
In dieser Halle, vor der Rasi nun stand, hat mancher Fahrer die Wand berührt und wird seitdem von seinen Kollegen belächelt. Aber tief im Inneren ist er trotzdem felsenfest überzeugt, besser als alle 'diese Idioten' zu sein, die über ihn spotten.
Rasi hatte solche Anwandlungen von Größenwahn nicht. Ihm war es egal, wer der beste Fahrer war. Aber er war der beste Fahrer, ohne daß es ihm selbst oder anderen bewußt wurde.
Alles wartete gespannt, bis er mit seinem Hängerzug rückwärts rangierte. Mancher sah dabei verstohlen auf die Uhr, wie lange es wohl dauert, bis er endlich einigermaßen gerade und vernünftig vor der Entladerampe stehen würde.
Zu aller Erstaunen ging das bei Rasi schneller und reibungsloser, als bei allen bisherigen Sattelschleppern. Er fuhr neben der Halle vor, zog soweit nach vorn, bis der Zug gerade vor der Einfahrt stand und legte den Rückwärtsgang ein. Ohne noch ein einziges Mal anzuhalten und wieder nach vorn zu fahren, schob er seinen Zug vor die Rampe.
Donnerwetter, das brachte ihm doch ehrliche Anerkennung bei seinen Berufskollegen ein und mancher gestand sich ehrlich ein, daß er mehr Schwierigkeiten dabei hat.
"Früher mußte ich mit zwei Hängern rückwärts fahren, dagegen ist das hier ein Sonntagskutschieren", sagte da einer.
"Na, der würde mit zwei Hängern ganz schön alt aussehen", gab ihm ein anderer Recht.
"So alt, wie beim Skat", lachten wieder andere.
Das Eis war gebrochen, Rasi war nicht mehr ein Könner, sondern wieder ein normaler Fahrer und jeder war sich sicher, viel besser als er zu sein.
Das merkte Steffen denn auch schon bald, als er entladen hatte und auf dem Parkplatz hielt.
"He, Rasi", sagte ein Fahrer gönnerhaft, "haste ganz gut gemacht, wie du den Zug da reingeschoben hast. Aber der Krause hat das früher mit zwei Hängern machen müssen. Was würdest du denn an seiner Stelle machen, würdest du jeden einzeln reinschieben, oder alle beide dranlassen?"
Alles blickte den dicklich-plumpen Rasi interessiert an. Der hatte den Zweck der Frage nicht einmal verstanden.
"Warum soll ich denn abhängen, die passen doch alle beide rein, ist doch genug Platz da", sagte er.
Donnerwetter, diese Antwort hätten die anderen nun doch nicht erwartet, in der gefürchteten le Pont-Halle mit zwei Hängern rückwärts an die Rampe fahren, das ist doch unmöglich, das schafft keiner.
Aufgeregt schnatterten sie nun durcheinander, jeder wollte seine Meinung zu Gehör bringen. Endlich ging einer der Männer auf Rasi zu und sagte:
"Das mußt du uns vormachen. Wir wollen sehen, wie du mit zwei Hängern da reinfährst. Hundert Euro, daß du das niemals schaffst, nimmst du an?"
"Hundert Euro?", wunderte sich Rasi, "für hundert Euro mache ich es sofort".
Langsam begann er zu begreifen, daß die anderen ihm das nicht zutrauen, mit zwei Hängern rückwärts in die Halle zu kommen. Doch er sah keine Schwierigkeit dabei. Er koppelte einen zweiten Hänger an und fuhr zur Halle zurück.
Die anderen Fahrer und wohl auch ein großer Teil der Arbeiter des Betriebes standen um und in der Halle bereit, um den Spinner zu sehen, der das Unmögliche versuchen will. Wetten wurden abgeschlossen, die Einsätze waren groß, nur auf Rasi setzte kaum jemand.
Und da zog er auch schon seinen überlangen Zug an der Halle vorbei, schwenkte links ein, um auf die Ausfahrtstraße zu kommen und fuhr soweit vor, bis beide Hänger in einer Reihe gerade hintereinander standen. Erschwerend kam hinzu, daß die Zugmaschine schon eingebogen stand, denn die Straße bis zum Betriebstor war nur relativ kurz.
Aber Rasi störte das nicht im Geringsten. Er hatte für den Zug ein so instinktives Gespür, wie es sonst wohl kaum ein Kraftfahrer aufbringen kann. Langsam, aber unaufhörlich schob er rückwärts. Wenn ein Hänger ausbrechen wollte, hatte er bereits vorher gegengelenkt, das spürte Rasi mit sicherem Instinkt voraus.
Bald war der gesamte Zug in der Halle, damit war der schwierigste Teil der Aufgabe erfüllt. Und unaufaltsam, mit fast unmerklichen Kurven, steuerte Rasi den Zug zur Rampe. Ein einziges Mal blieb er plötzlich stehen. Niemand konnte etwas besonderes merken, nur er zog einige Meter nach vorn und stellte die Zugmaschine dabei in einem winzigen Winkel quer.
Als er nun wieder rückwärts fuhr, merkten auch alle anderen, daß dieser winzige Winkel zum Ausgleich einer Linie geführt hatte, die den hinteren Hänger wahrscheinlich aus der Bahn gebracht hätte. Niemand außer ihm merkte das schon vorher. Und nun fuhr der gesamte Zug ohne noch einmal anzuhalten bis ans Ende der Strecke durch.
Als der erste Hänger die Rampe erreichte, blieb er mit der hinteren Kante genau parallel zur Rampenkante stehen. So exakt fuhren nur die besten Fahrer heran.
Alles jubelte ihm zu und Rasi war der Held des Tages. Er nahm seine hundert Euro, während die beiden Arbeiter, die auf ihn gesetzt hatten, sehr viel mehr in Empfang nehmen konnten.
"Na ja, rückwärts fahren kann er jedenfalls, das hat er uns bewiesen", sagte ein Berufskollege und die Herumstehenden nickten andächtig. Sie waren allesamt zutiefst davon überzeugt, daß Rasi in allen anderen Situationen weit in ihrem Schatten stehen würde.
Als Rasi am nächsten Tag wieder in Cildburg ankam, spürte er eine Veränderung in seiner Firma. Irgendetwas war mit der Logistik-GmbH geschehen und lag drückend auf dem Betrieb. Da ging er zu seinen Freund Sven, der im Lager arbeitete und fragte ihn, was eigentlich los ist.
"Alle sind so komisch und tun so seltsam", sagte er, "mir kommt das richtig unheimlich vor."
"Es ist auch unheimlich, Rasi", gab Sven zurück, "der Alte hat Konkurs anmelden müssen, wir sind alle entlassen. Hall hat uns die Aufträge weggenommen, wir sind Pleite."
"Und ich?", fragte Rasi mit großen Augen, "was wird aus mir?"
"Du bist auch entlassen. Wenn du keinen Fahrauftrag für morgen hast, bekommst du keinen mehr."
Rasi hatte keinen Auftrag für den nächsten Tag, dafür lag ein Brief in seinem Fach. Es war vom Alten der Dank für die Treue zum Betrieb und sein Bedauern, daß er ihn entlassen muß. Aber er wünscht ihm vollen Erfolg für den weiteren Weg.
Rasi begriff zunächst einmal überhaupt nichts. Er durfte nicht mehr auf Arbeit gehen, bekam keinen Fahrauftrag mehr, das war ihm klar. Aber was sollte er machen? Er mußte doch irgendetwas machen, jeder Mensch macht doch etwas.
In schwere Gedanken versunken ging er nach Hause und zeigte den Brief seiner Mutti.
11. Ede, Fips und Latsch
An diesem schönen Tag hatte es fast alle Menschen der Stadt hinausgezogen. Die älteren von ihnen flanierten in den Anlagen der gepflegten Promenade, die sich am Ufer der Cilde entlang erstreckte, oder sie saßen auf einer der vielen Bänke im Schatten eines Baumes und sahen dem beschaulichen Treiben zu. Hier fehlte die gewohnte Hektik des Alltages, hier wollte man Ruhe und Kraft schöpfen. Die Kinder, Jugendlichen, sowie alle diejenigen, denen es hier zu geruhsam zuging, trafen sich lieber an Orten, wo mehr buntes Leben und Treiben für Zerstreuung und sogar Nervenkitzel sorgte.
Die Menschen auf der Promenade kannten sich fast alle, wenigstens vom Ansehen her. Es waren ja auch immer wieder dieselben Gesichter, die hier Erholung und Entspannung suchten. Sie liebten diese schöne Anlge, zum Stadtpark gehörte.
In den letzten Jahren allerdings konnte man immer häufiger auch noch andere Gesichter sehen, ungepflegte und bartstopplige. Es waren Obdachlose, die sich in dieser Anlage aufhieten und hier den Tag verbrachten. Wie sie lebten, wo sie schliefen, was sie überhaupt taten, wollte keiner der Spaziergänger wissen. Pikiert wurden sie übersehen. Und die Obdachlosen hielten sich zurück, als ob sie sich schämten. Noch nie ist ein Passant von ihnen belästigt worden.
Damals aber lief ein Mann am Cildeufer entlang, der weder Erholung suchte, noch auf die Reize des Parkes oder Flusses achtete. Mit sorgenvollem Gesicht, die Hände in den Taschen seiner weißen Jeans vergraben, stierte Ede vor sich auf den Boden, ohne allerdings etwas davon wahrzunehmen. Auf einer der Bänke saß Fromm und blickte ihm lächelnd nach.
Ede hatte sich mit Cora beraten, wen er für seine Mannschaft ansprechen soll. Doch sie hatte bei all seinen Freunden Bedenken, denn jeder von ihnen war inzwischen verheiratet und sorgte für die Familie. Natürlich, Geld brauchten sie alle, aber sie kamen auch alle mit ihren Verdiensten soweit zurecht, daß sie keine krummen Dinger drehen mußten.
Er gab ihr insgeheim Recht, denn wenn er sich seine Clique der Reihe nach durch den Sinn gehen ließ, waren es lauter anständige Kerle. Für ein krummes Ding konnte er wohl keinen von ihnen gewinnen.
Wo aber so schnell einen guten Kfz-Mechaniker herkriegen, der einen Schaden ausbessern oder etwas umbauen kann. Die Lackierung war seine Angelegenheit, da ließ er auch keinen anderen ran. Aber wenn der Boss ein Extra verlangte, was dann?
Auch ein Schweißer wäre gut, überlegte er, manchmal gibt es auch etwas zu flicken.
Da fiel ihm sein Schwager ein. Der macht für Geld eigentlich alles und ist auch zuverlässig, überlegte er, der fragt nicht unbedingt nach, ob alles seine Richtgkeit hat. Und jetzt, wo er arbeitslos ist, wird er erst recht mitmachen. Über den muß ich mal mit Cora reden, nahm er sich vor.
Seine Stimmung bekahm gleich einen kleinen Aufschwung, er verließ die Uferpromenade und ging über die Brücke in die Stadt. Bei einem Straßenkaffee blieb er stehen, kaufte ein Bier und setzte sich an einen freien Tisch.
In diesem Augenblick kamen zwei Jugendliche, die sich einen Eisbecher bestellten und dann den Sommergarten betraten. Der junge Mann überflog die Tische und zeigte dann auf Ede. Dort waren noch drei Plätze frei.
"Dürfen wir uns hier hinsetzen?", hörte Ede eine Stimme, die ihm bekannt vorkam.
Er blickte auf und sah Fips mit einem Mädchen vor sich stehen. Einen Augenblick waren beide erstaunt, dann wies Ede mit der Hand auf die Plätze.
"Hallo, Fips", brach er das Schweigen.
"Hey, Ede", kam es zurück
"Na, macht ihr bei dem schönen Wetter heute auch einen kleinen Bummel?" Er bemühte sich, seiner Stimme einen freundlichen Klang zu geben.
"Na ja, eigentlich waren wir den ganzen Tag im Bad, wir wollen jetzt noch mal auf den Aussichtspunkt hoch", entgegnete Fips, "übrigens, das ist Marion"
"Ich bin der Ede, ein Kollege", stellte er sich selbst vor, indem er mit dem Kopf in Richtung der jungen Dame nickte.
Der knallrote Bubikopf mit der blaugefärbten Strähne nickte zurück und beugte sich über den Eisbecher.
"Sag mal, Fips", Ede hatte einen Einfall, "willst du dir nicht ein paar Cente dazuverdienen? An meinem Mazda müßte so einiges gemacht werden."
"Hm", brummte Fips und blickte seine Begleiterin an, "was springt denn raus und was muß gemacht werden?"
"Am besten, wir sehen uns das mal gemeinsam an".
"Aber heute und morgen ist Wochenende, da kann ich nicht". Fips legte seinen Arm um das Mädchen.
"Schon gut, ich will doch nicht an dein Wochenende ran, wollte dir nur anbieten, die Kiste zu reparieren. Wenn ich sie zum Alten mitnehme, mußt du sie vielleicht auch machen, nur kriegt dann der das Geld und nicht du". Ede sah ihn an.
"Abgemacht, also Montag".
Damit war das Thema vom Tisch und alles wartete nur noch, bis Marion ihre Schale wegschob. Auch Ede hatte sein Bier während der Unterhaltung ausgetrunken und stand auf.
"Na, dann noch viel Spaß, bis Montag".
Zufrieden ging Ede weiter. Fips arbeitete zuverlässig und mit Interesse. Er hatte in einigen Dingen noch wenig Übung, aber das war ja kein Hindernis.
Wenn ich den in mein Team reinnehme, ist das bestimmt nicht die schlechteste Lösung. Mit der Zeit werden wir ja alle wissen, was zu tun ist, dachte er, aber für alle Fälle brauchen wir einen guten Automechaniker.
So ein kleiner Erfolg schafft natürlich Pep und Auftrieb. Na ja, genau genommen war das noch gar kein Erfolg, denn er hatte Fips nur gebeten, an seinem alten Schlitten mal einiges in Ordnung zu bringen. Doch daran dachte Ede jetzt nicht. Fips hatte zuerst gefragt, was rausspringt und dann erst, was er tun soll. Also kann man ihn mit Geld ködern. Vielleicht ist heute mein Glückstag, dachte er, man soll das Eisen schmieden, solange es warm ist, und Ede steuerte unwillkürlich die Wohnung seiner Schwester an.
Tine war noch nicht zu Hause, aber Latsch war eben angekommen und hatte seine Kawasaki abgedeckt. Noch war er mit dem Ausziehen der Schuhe beschäftigt, als es läutete. Ede stand vor der Tür und begrüßte ihn mit echter Freude:
"Hei, alter Junge, wie geht es dir, ich wollte euch mal wieder besuchen. Wo ist denn mein liebes Schwesterherz?"
"Tine ist noch im Krankenhaus, hat aber bald Feierabend. Ich bin auch gerade erst angekommen. Komm rein, wir trinken inzwischen ein Bier".
Während sie es sich in den Sesseln bequem gemacht hatten und das Bier tranken, erzählte Latsch von seinen Erlebnissen an diesem Tag. Er sprach auch über seine verrückte Raserei, und daß er damit sofort aufhören will.
"Jetzt wird gespart und das Leben vernünftig geplant, wir wollen doch nicht ewig hier bei meinen Eltern wohnen. Neulich haben wir über ein Eigenheim gesprochen", teilte er mit.
"Vielleicht kannst du nebenbei manchmal ein paar Cente machen. Ich will auch einen Nebenjob anfangen, mit Autos spritzen und so. Wenn es dabei mal was für dich zu tun gibt, gebe ich dir gleich Bescheid".
Latsch merkte nichts von der Spannung, die bei diesen Worten in Edes Stimme lag.
"Du, das ist prima, auf mich kannst du zählen, wenn mal Not am Mann ist", sagte Latsch erfreut.
"Papa ist da". Die Tür flog auf und Sven, der fünfjährige Sohn, stürmte herein, die dreijährige Rebecca hinterher. Als sie Ede im Sessel sitzen sahen, stutzten sie einen Augenblick und stürmten dann los:
"Onkel Ede, du wolltest doch heute mit uns in den Zoo gehen, warum bist du denn nicht gekommen, wir haben so auf dich gewartet".
Ede fiel sein Versprechen wieder ein, das er den Kindern neulich gegeben hatte. Es war sogar seine Idee, heute in den Zoo zu gehen. Aber er fand einen Ausweg:
"Sonntag, habe ich gesagt, und das ist morgen".
"Und wir haben heute den ganzen Tag auf dich gewartet", sagten die Kinder.
Bald darauf kam Tine von der Arbeit nach Hause. Sie stellte das Auto in die Garage und kam ins Haus.
"Mutti, Onkel Ede geht doch erst morgen mit uns in den Zoo, sagt er".
Sven und Rebecca waren ganz aufgeregt, weil sie heute den ganzen Tag vergebens gewartet hatten.
"Na, Ede, ich habe aber auch etwas von Sonnabend gehört."
"Tut mir leid, war wohl ein Mißverständnis, ich habe jedenfalls Sonntag gemeint."
Erst auf dem Rückweg fiel ihm ein, daß er ja am Sonntagmittag das Gespräch mit dem Boss vereinbart hatte.
12. Fips
"Was ist denn das für ein Kollege, und warum nennt er dich Fips", fragte Marion, als sie wieder allein waren.
"Das war Ede, er ist bei Hall Lackierer. Ein guter Lackierer, der hat was drauf", sagte Jens bewundernd.
"Aber was soll das mit Fips, sagen das alle zu dir?"
"Was soll ich denn machen, ich bin nun mal der Jüngste und da rufen sie mich eben alle nur Fips", gestand Jens Günsel etwas kleinlaut ein, "am Anfang habe ich mich darüber aufgeregt, aber die haben nur gelacht und jetzt nennen mich alle so, sogar der Alte".
"Macht doch nichts, für mich bist du Jens. Mir ist es egal, wie dich andere rufen", gab Marion zurück.
"Find ich echt cool von dir, wollen wir fahren oder kraxeln?"
"Hoch können wir ja den Bus nehmen, aber runter macht es zu Fuß viel mehr Spaß".
Kaum saßen sie im Bus, kramte jeder von ihnen ein paar Kopfhörer hervor und stülpte sie über die Ohren. Kurze Zeit später sahen die anderen Fahrgäste kopfschüttelnd zu ihnen hin, denn von dort ging ein Lärm aus, der an eine Discothek erinnerte.
Oben auf dem Wolfsberg stiegen sie aus und liefen den schmalen Weg zum Aussichtspunkt "Cildeblick" schweigend nebeneinander her. Die Walkmans hatten sie abgestellt und ließen nun die laute Musik in sich nachklingen.
"Schau, ein Eichhörnchen", rief Marion.
Sie blickte dem rotbraunen Tierchen nach, das ohne die geringste Scheu vor den vielen Menschen von einem Baum herunterkam und mitten auf den Weg lief. Dort griff es geschickt nach irgend etwas Freßbarem und huschte den Baum ebenso schnell wieder hinauf. Leider benutzte es dazu die Rückseite des Stammes, sodaß es erst weiter oben wieder zum Vorschein kam, wo es über die Zweige lief und auf einen anderen Baum sprang.
"Die gibt es hier überall", meinte Jens uninteressiert.
"Gefallen sie dir nicht?"
"Wie kommst du denn darauf", fragte er verwundert.
"Weil du gar nicht hingesehen hast", war die Antwort.
"Ich beobachte gerade das Flugzeug dort, da übt einer Kunstflug, eben wollte er einen Looping fliegen, ist aber ins Trudeln geraten und muß nun wieder an Höhe gewinnen", erklärte er.
"Verstehst du denn was davon?" Marion sah ihn bewundernd an.
"Natürlich, jetzt fliegt er eine gesteuerte Rolle".
"Woher weißt du das denn", wollte sie wissen.
"Ooch, das hat mir mein Vater beigebracht, der versteht auch was davon".
Inzwischen waren sie am Cildeblick angekommen und versuchten, in der Menschenmenge einen Platz am Gitter zu bekommen. Das war nicht ganz so einfach, aber endlich standen sie ganz vorn. Unter ihnen fiel die Steilwand mehrere hundert Meter tief fast senkrecht ab und mündete in der wildromantischen, von steilen Klippen durchfurchten Cildeschlucht.
Cildburg liegt in einem romantischen Flußtal, das die Cilde im Laufe von unvorstellbaren Zeiträumen bis zu 250m tief in das Gebirge eingeschnitten hat. Der Wolfsberg ragte direkt am Ufer einige hundert Meter hoch auf. Er war die höchste Erhebung in der Landschaft und zugleich Abschluss einer plateuartigen Hochfläche, die sich über eine Länge von mehreren Kilometern oberhalb Cildburgs erstreckte.
Mit dieser günstigen Lage zog die Stadt jährlich Tausende von Touristen und Urlaubern an, die sich in der Ruhe und der gesunden Luft erholen wollten.
Von hier oben sah man sowohl den mittelalterlichen Stadtkern um die Nicolaikirche und den Markt, der von prächtigen Patrizierhäusern flankiert war, als auch die etwas störend wirkenden modernen Hotels und Geschäftsviertel am Stadtrand.
Aber weder Jens noch Marion hatten einen Blick für die Schönheit ihrer Stadt. Sie suchten das kleine Flugzeug und verfolgten interessiert die Figuren, die der Pilot flog. Manchmal blinkte es im Schein der niedergehenden Sonne. Jens erklärte Marion die Figuren, soweit er sie beurteilen konnte. Sie merkte sehr schnell, daß seine Kenntnisse nicht allzu groß waren.
Als das Flugzeug dann auf dem Privatflugplatz über dem vornehmen Villenviertel gelandet war, standen die beiden nebeneinander und blickten schweigend ins Tal. Die Arme hatten sie auf das Geländer gelegt und die Hände verschränkt. Endlich legte Jens den Arm um ihre Schultern. Sie ließ es geschehen, schien sogar schon darauf gewartet zu haben.
"Komm, wir machen ne Fliege, wir wollten doch runter laufen, sonst wird es noch dunkel", sagte Jens.
Ohne daß Jens den Arm von ihren Schultern nahm drehten sich beide um und liefen bergab. Zu dieser späten Stunde befanden sich kaum noch Spaziergänger auf dem steilen Weg.
Jens und Marion waren darüber nicht unglücklich und als sie an einer Bank vorbeikamen, setzten sie sich erst einmal eng umschlungen darauf.
Es war längst dunkel, als sie unten in der Stadt ankamen. Ihre Freunde waren wahrscheinlich alle in der "Partydisco", aber weder Jens noch Marion wollten jetzt in eine Dico. Also gingen sie umschlungen durch die fast leeren Straßen, bis sie an einem Kino vorbeikamen.
"Wie wärs, der Film ist Spitze", fragte Jens.
"Hm, wollte ich sowieso rein", war die Antwort.
Weit nach Mitternacht kam Jens zu Hause an. Er wohnte bei seinen Eltern in einer Mietwohnung und hatte dort ein Zimmer. Das Verhältnis zu seinen Eltern war recht angespannt, weil sie ihn nicht mehr verstanden, wie er meinte. Außerdem hatte sie ihre eigenen Probleme.
Auch heute empfing ihn sein Vater und fragte mit alkoholisierter Stimme, wo er so spät noch herkommt.
"Bin ich denn ein Baby, muß ich mich an- und abmelden?" Jens' Antwort war recht scharf.
"Werd nicht frech, sonst lang ich die eine hinter die Löffel, du Miststück", lallte der Vater.
"Jens, es geschieht so viel", flehte seine Mutter, "jedesmal wenn ich ein Sondersignal höre, denke ich schon, dir ist etwas passiert. Sag uns wenigstens, wo wir dich suchen können, wenn du mal nicht heimkommst".
"Dann werde ich schon meine Gründe dafür haben, und die muß ich euch nicht auf die Nase binden".
"Elender Strolch, wie redest du denn mit deiner Mutter, ich werde dir zeigen, wer hier der Herr im Hause ist".
Der Vater versuchte, seiner Stimme einen gefährlichen Klang zu geben und wollte aus seinem Sessel aufstehen. Aber Fips gab ihm einen Stoß, daß er zurückfiel. Der Alte griff nach der Schnapsflasche und brabbelte vor sich hin.
"Du kannst auch immer bloß schimpfen", fuhr ihn die Mutter an, "aber ein bißchen Verständnis hast du nicht".
"Elende Hure, du wagst es, mir sowas zu sagen", brüllte der Vater los, daß die Nachbarn an die Wände klopften, "wo du doch auch nur deinen Penner vom Markt im Kopf hast."
"Der läßt sich wenigstens nicht so gehen, wie du. Ja, er ist auch arbeitslos, aber er versucht wieder Arbeit zu kriegen und hängt nicht bloß an der Flasche wie du. Außerdem ist er nur ein Bekannter, mehr nicht", gab sie zurück.
Der Vater nahm die leere Flasche und warf sie mit aller Kraft in Richtung der Mutter. Sie traf den Glasschrank und zerbarst zwischen den Gläsern.
"Du schamlose Nutte, du Hure, dann zieh doch hin zu dem Schwein. Mach daß du aus dem Haus kommst, sonst schlag ich dich tot, hier hast du nichts mehr verloren."
Damit griff er weitere Gegenstände, die er gerade in die Hände bekam und bombardierte die Mutter. Doch durch den Alkohol war sein Sinn dermaßen getrübt, daß er immer rasender wurde und gar nicht mehr sah, wohin er warf. Erst als die Fensterscheibe klirrte, blickte er auf. Das gesamte Wohnzimmer glich einem Schlachtfeld und die Mutter blickte sich hilflos, mit Tränen in den Augen darin um.
"Bist du immer noch da, mach, daß du fortkommst, sonst erwürge ich dich auf der Stelle", brüllte der Vater schon wieder, erhob sich aus dem Sessel und torkelte auf die Mutter zu.
Das konnte Jens nicht mehr mit ansehen. Er hielt seinen Vater am Arm fest und versuchte, ihn wieder in den Sessel zu drücken. Doch der Vater schlug um sich, um Jens abzuschütteln, verlor dabei aber das Gleichgewicht und fiel lang hin.
"Laß Mama in Frieden, sonst kriegst du es mit mir zu tun", sagte Jens drohend.
"Du hast mir gar nichts zu sagen, du elender Hurensohn, schau deine Mutter an, ich bin ihr nicht mehr fein genug, da sucht sie sich einen anderen. Aber der ist auch bloß arbeitslos", fügte er noch hinzu.
Jens packte den Vater am Kragen und drohte:
"Wenn du noch einmal die Hand gegen Mama erhebst, dann schlage ich dich so zusammen, daß du nicht mal mehr saufen kannst".
"Junge, versündige dich nicht, laß Vater in Ruhe, er hat es schwer genug", bat die Mutter.
"Dann soll er doch endlich aufhören zu Saufen. Aber er ist ja schon ein chronischer Alkoholiker, der versteht doch gar keine andere Sprache."
"Mein eigener Sohn will mich umbringen", lallte der Vater, "die Mutter eine Hure und der Sohn ein Vatermörder. Verschwindet aus meiner Wohnung", brüllte er plötzlich los und warf den Verschluß der Schnapsflasche nach ihnen, weil kein anderes Geschoß mehr da war.
Jens hatte nun endgültig genug. Er hob den Vater hoch und brachte ihn ins Bad. Dort hielt er seinen Kopf unter die Wasserleitung. Danach trug er ihn aus der Wohnung und setzte ihn auf der Treppe ab:
"Wenn du wieder normal geworden bist, kannst du klingeln, vorher nicht".
Der Vater, durch das kalte Wasser etwas ernüchtert, sah ihn mit glasigen Augen fragend an. Aber Jens ließ ihn einfach sitzen und ging in die Wohnung zurück.
"Junge, denk daran, es ist dein Vater", beschwor ihn die Mutter und weinte leise.
"Na und, deshalb darf er doch nicht saufen, alles zerkloppen und uns aus der Wohnung treiben wollen."
"Jens, er ist ein verzweifelter Mann, er bekommt keine Arbeit und fühlt sich als Versager. Versuch doch, ihn zu vertehen", sagte die Mutter beschwörend.
"Wäre er doch bei der Fliegerei geblieben..."
In diesem Augenblick ging im Treppenhaus ein Höllenlärm los. Der Vater hatte wohl endlich begriffen, daß er ausgesperrt war. Er donnerte gegen die Tür und brüllte aus Leibeskräften:
"Aufmachen, oder ich trete die Tür ein. Hurengesindel da drin, ich kriege euch schon, ich werde euch schon noch zeigen, was ich mit euch mache."
Er trat vor die Tür und nahm Anlauf, um sich davorzuwerfen. Allein die Tür hatte er selbst eingebaut, als er noch Fensterbauer war, sie hielt allen Belastungen stand. Jens schob vorsichtshalber die eisernen Riegel auf der Innenseite davor.
Inzwischen hatten die Nachbarn die Polizei gerufen. Es waren wieder einmal Chris und Fischer, die gerade Dienst hatten.
Schon auf der Straße war das wütende Toben im Treppenhaus zu vernehmen.
"Na, da kommt was auf uns zu", sagte Chris.
"Erst mal sehen, was los ist", brummte Fischer.
Die beiden Polizisten versuchten vergeblich, die Mutter oder Jens zum Öffnen der Tür zu bewegen. Die beiden weigerten sich rundweg, den Vater einzulassen.
"Kommen sie rein, sehen sie, was er angerichtet hat, alles zerschlagen. Wenn er besoffen ist, dann dreht er durch", sagte Jens.
"Du Hurensohn, wenn deine Mutter keine Nutte wär, müßte ich sie auch nicht verprügeln", brüllte der Vater dazwischen, "aber mein Geld reicht ihr ja nicht mehr".
Er stockte und fing an zu weinen.
"Hier kommt er jedenfalls nicht rein", sagte Jens entschlossen.
Fischer sagte zu Chris:
"Ja, dann müssen wir ihn eben wegen Ruhestörung mitnehmen". "Begeben sie sich alle wieder zur Ruhe, es ist vorbei".
Chris blickte auf die Hausbewohner, die sich recht zahlreich auf der Treppe eingefunden hatten und dem Geschehen folgten, als wäre es ein Krimi.
Im Auto sagte sie zu Fischer:
"Sehen sie, das wars, was ich neulich meinte. Die Arbeitslosigkeit bringt Probleme, die mit allen bislang geltenden und gewohnten Normen brechen."
Jens und die Mutter waren inzwischen sichtlich erleichtert.
"Mama, ich lasse nicht zu, daß er dir was antut", sagte Jens entschlossen.
"Es ist nicht der Alkohol, es ist die Arbeitslosigkeit und die Hoffnungslosigkeit. Seine Firma hat Pleite gemacht und da hat es ihn aus der Bahn geworfen."
"Na ja, wenn die Haba-Fensterbau die gleichen Fenster viel billiger anbietet, würde ich sie auch dort kaufen. Die haben eben Computer, da geben sie nur die Maße ein und erhalten die fertigen Fenster, die Vater noch in Handarbeit fertigen mußte", antwortete Jens.
"Dafür machen sie aber alle kleinen GmbH's kaputt".
"Das ist nun mal soziale Marktwirtschaft, da kann jeder dort kaufen, wo er will. Und jeder kauft natürlich dort, wo es am Günstigsten für ihn ist", belehrte Jens seine Mutter.
"Und die Kleinen gehen kaputt!"
"Nicht alle, diejenigen, die sich anpassen können und schnell genug den richtigen Weg erkennen, überleben. Sieh doch nur Frenskes mit ihrer Metall-GmbH. Die lief solange ganz gut, bis dieser Lehmann in der Mariengasse auch so eine Metallfirma aufmachte. Da hat Frenske investiert, neue Maschinen gekauft und sich ausgebreitet. Heute ist Lehmann bei ihm beschäftigt", erklärte der Sohn.
"Aber mal was anderes, Jens", wechselte die Mutter das Thema, "ich mache mir auch um dich große Sorgen. Kannst du nicht wenigstens sagen, wann du weggehst, oder wo du hingehst? Es passiert so viel, wenn wir dich mal vermissen, wissen wir gar nicht, wo wir suchen sollen."
"Laß mich doch damit in Frieden, ich bin siebzehn Jahre alt, da werde ich wohl auf mich aufpassen können und muß nicht die Mutti um Erlaubnis fragen, wenn ich mal weggehe."
Ohne ihre Erwiderung abzuwarten, setzte er sich die gepolsterten Lederkopfhörer auf und drehte an den Knöpfen der Phonoanlage, die wie ein riesiger Quader in seinem Zimmer stand. Die Mutter wußte, daß es jetzt keinen Zweck mehr hatte, mit ihm zu reden und verließ resigniert das Zimmer.
Jens überlegte, ob er noch den Computer einschalten soll, aber dann mußte er gähnen und verschob seine Arbeit auf morgen, da war ja Sonntag.
Den Computer und auch die Anlage hatte er selbst zusammengespart. Seine Eltern waren damals stolz darauf, denn sie sahen darin einen Beweis, daß er sein Geld zumindest nicht für allerlei unnützes Zeug ausgibt.
Aber seit er vor zwei Jahren das gebrauchte Mofa geschenkt bekam, war er ständig unterwegs. Die Mutter machte sich jeden Tag Sorgen, ob ihm wohl auch nichts geschieht. Dabei ist Jens aber ein guter Fahrer, dem das Mofa längst zu klein ist.
Einmal kam Edes Schwager mit einer schweren Kawasaki bei Hall vorgefahren. Jens lief um die Maschine herum und stellte viele Fragen, er konnte gar nicht genug bekommen. Seitdem schwärmte er von einer schnellen Maschine. Dann würden seine Träume von fernen Ländern und tollen Erlebnissen ein gutes Stück realistischer werden.
In ein paar Monaten wird er achtzehn Jahre alt, da bekommt er den Führerschein. Es war immer sein Wunsch, gleich danach ein eigenes Motorrad oder ein schnelles Auto zu haben. Aber woher sollte er das Geld nehmen? Die Eltern hatten schon längst nichts mehr, sie schuldeten ihm sogar schon manchen Euro, obwohl er mehr als üblich Wirtschaftsgeld an sie zahlte.
Er gab das Wirtschaftsgeld immer direkt der Mutter. Wenn es der Vater in die Hände bekam, holte er sich erst einmal eine Flasche Schnaps. Der Vater war früher als Tischler bei einem Fliegerclub angestellt gewesen. Leider hatte er dort gekündigt, weil er als Fensterbauer mehr zu verdienen glaubte.
13. Der Ausflug
Freddi wußte gleich, daß er zu viel versprochen hatte und eigentlich wußte es auch Cindi. Seine Eltern waren Bauern, die sich mit einem Urlauberheim ihren Unterhalt aufbessern wollten. Aber auf die gleiche Idee waren fast alle Bauern im Dorf gekommen und so wurden die wenigen Gäste immer von der "Vereinigung Ferienvermietung" auf die Höfe aufgeteilt. Schadoks konnten davon leben, aber große Sprünge machen konnten sie nicht. Eine Kreuzfahrt zu zweit in die Südsee, das ging weit über ihre Verhältnisse.
Zu Hause brauchte Freddi gar nicht anzufragen. Aber er freute sich, daß er Cindi solch eine Reise versprochen hat und dachte in diesem Moment nicht daran, wo er das Geld hernimmt. Irgend etwas wird ihm schon einfallen.
Cindi hatte genügend Geld, um die ganze Gruppe zu der Kreuzfahrt einzuladen, das wußte er. Aber sein Stolz ließ nicht zu, daß er sich "aushalten" läßt, wie er es nannte. Er konnte sich das Geld ja auch von ihr borgen und später wieder zurückzahlen. Doch dann würde er sich gleich als Versager fühlen. Er hatte sie nun einmal eingeladen, also mußte er das Geld auch auftreiben.
Sein erster Weg führte ihn zur Sparkasse, die auch sein Konto führte.
"Herr Schadok, einen Kredit von vierzigtausend Euro können wir ihnen nicht bewilligen, dazu bieten sie uns zu wenig Sicherheiten, das werden sie sicherlich verstehen", sagte die Frau freundlich, aber entschieden.
Und wenn ich meine Eltern frage, ob sie für mich bürgen, überlegte er.
Nein, Bürgen soll man würgen, hatte Cindi erst neulich gesagt, als sie über genau dieses Thema sprachen. Seinen Eltern konnte er das auf keinen Fall antun.
Obwohl Freddi noch nicht wußte, wo er das Geld hernehmen soll, ging er zum Reisebüro und buchte die Kreuzfahrt für zwei Personen. Eine kleine Anzahlung konnte er schon leisten, denn soviel Geld hatte er auf seinem Konto.
"Hast du es tatsächlich gemacht, das ist ganz lieb", sagte Cindi zärtlich und gab ihm einen Kuß, "ich danke dir".
Sie kannte seine finanzielle Lage, aber auch seinen unbezwingbaren Stolz. Wenn er sich in derartige Unkosten stürzt, dann nur aus Liebe zu ihr.
Bei einer solchen Anerkennung vergaß Freddi im Moment sogar seine Sorgen mit dem Geld. Aber dafür kamen sie in der Nacht wieder, als er allein war.
Wie ein Alptraum stand der Termin für die Bezahlung vor ihm. Und wenn er die Summe tatsächlich aufbringt, hat er noch immer keinen Cent Taschengeld. Dabei ist Cindi sehr verwöhnt und er wird nicht zulassen, daß sie ihr eigenes Geld ausgibt. Die Reise hat sie von ihm geschenkt bekommen, also wird sie auch von ihm bezahlt, und zwar restlos!
Am Nachmittag kaufte er sich mehrere Lottoscheine und Lose. Darein setzte er eine unsinnige Hoffnung. Vielleicht hat er Glück und gewinnt genügend Geld, um die Reise bezahlen zu können, vielleicht sogar in der Luxusklasse.
Aber schon am nächsten Morgen war die Euphorie verflogen und er glaubte nicht mehr so recht an das Lottoglück. Niedergeschlagen ging er zur Vorlesung.
Mit jedem Tag, der verging, wurde er entmutigter und ratloser. Er blickte sich schliesslich im Spiegel an und schüttelte den Kopf, was sollte er tun? Grübelnd verliess er das Wohnheim.
Cindi war mit ihrem knallroten Alfa-Romeo-Cabrio vorgefahren, während eben Freddi mit einem Einkaufsbeutel aus der Tür trat.
"He, Freddi, du hast mir für heute einen schönen Ausflug versprochen. Komm, wir fahren ein Stück hinaus, in die Berge und suchen uns dort einen See zum baden." , rief sie gutgelaunt in die Sprechanlage
"Gern, aber ich muß erst noch einkaufen, sonst habe ich übers Wochenende nichts zu essen", bekam sie zur Antwort.
Cindi öffnete die Tür und machte eine Handbewegung, daß er einsteigen soll.
"Wir kaufen unterwegs irgendwo ein, werden doch an genügend Kaufhallen vorbeikommen."
"Mann, so'ne Braut müßte man haben", schwärmte ein Student, der die Szene beobachtet hatte, "da brauchste nichts weiter".
"Bei der ist nichts zu machen, da haben sich schon ganz andere die Zähne ausgebissen. Möchte nur mal wissen, wie der das geschafft hat", bekam er zur Antwort.
"Aber er hat auch seinen Stolz, der nimmt weder einen Cent Geld von ihr, noch zieht er zu ihr nach Hause, dabei hat die mehr Geld als man sich vorstellen kann".
"Na ja, er sagt immer, daß er die Frau liebt und nicht ihr Geld. Das muß Liebe sein", meinte eine Studentin theatralisch.
Freddi ahnte von diesen Bewertungen seiner Freunde nichts. Er saß glücklich neben Cindi und beobachtete ihr langes, volles Haar, das in der Sonne wie reines Gold glänzte und flatterte. Sie hatte es nicht zusammengebunden, es wirkte im Cabrio besser, wenn sie es offen trug.
Er nahm das Bild in sich auf und konnte sich nicht sattsehen. Ihr dezentes Make-up unterstrich die feinen Konturen des schönen Gesichtes und die ziegelroten Lippen gaben beim Lächeln den Blick auf die blendend weißen Zähne frei. Selbst beim Autofahren sah jede ihrer Bewegungen weich und elegant aus.
Freddi konnte es kaum fassen, von solch einem Mädchen geliebt zu werden. Er, der in seinem Leben stets im Schatten der reichen Unternehmerkinder gestanden hat.
Cindi spürte die verwunderten und verliebten Blicke natürlich, mit denen er sie ansah, obwohl sie aufmerksam die Straße beobachtete und den Wagen sicher steuerte.
Da fuhren sie durch eine Ortschaft, in der eine riesige Reklame auf das Einkaufszentrum hinwies. Cindi steuerte auf den Parkplatz und zog den Zündschlüssel ab.
Sie gingen gemeinsam in die Kaufhalle, Freddi legte schnell einige Dinge in seinen Korb. Cindi bemerkte stirnrunzelnd, daß er stets auf die billigsten Waren zurückgriff.
Natürlich wußte sie sofort, daß er für den Urlaub sparte. Sie hat ihn schon manchmal unterstützen wollen, aber er war viel zu stolz, um ihr Geld anzunehmen.
"Ich werde eines Tages Arzt sein, Chirurg, und sogar ein verdammt guter Chirurg. Dann verdiene ich auch irgendwann einmal verdammt gutes Geld und kann dir dein gewohntes Leben bieten. Bis dahin sind es zwar noch einige Jahre, aber die überstehen wir schon ohne das Geld deiner Eltern", hatte er geantwortet, als sie dieses Thema zur Sprache brachte.
"Freddi, bitte, ich lade dich dieses Wochenende zu uns ein, bleib bei mir", bot sie ihm an.
Der Gedanke, daß er nur Billigprodukte aus dem Kühlregal ißt, war ihr zuwider. Und sie hatte Glück, Freddi merkte von ihren wahren Motiven nichts.
"Das wird das schönste Wochenende vor dem Urlaub", jubelte er und schlang seinen Arm um ihren Hals. Er war ja schon oft bei Cindis Eltern zu Gast, aber über Nacht durfte er noch niemals dort bleiben, zumindest nicht in Cindis Zimmer.
Bevor sie wieder zum Auto zurückgingen, bummelten sie noch ein Stück an den Auslagen der Läden vorbei und standen plötzlich vor einem Reisebüro. Die Wände des Schaufensters waren mit bunten Südseebildern tapeziert, mit weißen Palmemstränden, Hawaiimädchen mit Blumen im Haar, Katamarane auf dem Wasser und viele schöne Dinge mehr.
Cindis Augen leuchteten bei diesen Bildern auf.
"Das alles werden wir bald erleben", jubelte sie.
Freddi versuchte ihre Freude zu teilen, aber es gelang ihm nicht. Mit Unmut bemerkte Cindi, daß seine Stimmung gewechselt hatte, ohne einen Grund dafür zu erkennen. Sie gab ihm die Autoschlüssel und stieg mit unnachahmlicher Eleganz auf der Beifahrseite des Cabrios ein. Viele der Besucher des Einkaufszentrums blieben stehen und betrachteten mit einiger Verwunderung dieses attraktive Paar.
Als Freddi die bunten Bilder von der Südsee sah, mußte er an seine bisher erfolglosen Versuche denken, das Geld für die Kreuzfahrt aufzubringen. Im Lotto hat er natürlich nichts gewonnen und die Lose anderer Lotterien brachten auch nichts.
Er lief vergebens von Bank zu Bank, versuchte dann seine kleine Lebensversicherung zu beleihen, aber selbst das reichte nicht aus. Ein paar tausend Euro wurden dafür zwar bewilligt, aber eben nicht genug.
Ich muß mir das Geld zusammenverdienen, dachte er, während ihn Cindi beobachtete.
Wie liebte sie dieses stolze, braungebrannte Gesicht mit den männlichen Zügen und den warmen, braunen Augen, seine kräftigen Hände, die so unglaublich zärtlich sein konnten, und die muskulösen Arme, in denen sie sich so restlos glücklich und geborgen fühlte, wie an keinem anderen Ort der Welt.
Aber irgend etwas ist seit ein paar Tage mit ihm los, dachte sie, er ist anders, schweigsamer, manchmal abwesend oder mürrisch, das paßt nicht zu ihm.
Doch noch während sie ihn betrachtete, änderte sich der mürrische Gesichtsausdruck und eine tiefe Zufriedenheit schien sich seiner zu bemächtigen. Wie aus einem düsteren, wolkenverhangenen Himmel die plötzlich hervortretende Sonne alles zum Strahlen bringt, so wurde aus einem sorgenvoll umwölkten Gesicht eine strahlende Miene.
In der Tat war Freddi mit seinem Einfall zufrieden. Er hatte sich überlegt, wenn er einen Job annimmt und ein regelmäßiges Einkommen hat, bekommt er auch von der Bank einen Kredit. Dieser Einfall nahm ihm seine düstere Laune, er hatte die Lösung seiner Probleme gefunden und konnte nun unbeschwert das schöne, verheißungsvolle Wochenende genießen.
"Sieh da, ein Helikopter", sagte er plötzlich und zeigte auf den
Rettungshubschrauber, der einen Verunglückten von der Autobahn in die Klinik flog.
14. Tine
Im Krankenhaus war schon alles für den Empfang des Verletzten und die Operation vorbereitet worden. Kaum, daß der Hubschrauber gelandet war, rannten zwei Pfleger mit der Krankentrage hin, rasteten die Räder aus und nahmen den Verletzten vorsichtig in Empfang. Beim Umladen halfen alle Personen, die sich dort aufhielten. Der Mann hatte eine Wirbelsäulenverletzung und durfte nicht bewegt werden. Er lag bereits im Heli auf einer sehr starren Unterlage, die nun einfach vorsichtig auf die Trage umgeladen wurde.
Ruhender Pol in dieser hektischen Situation war, wie immer, eine junge Krankenschwester. Ruhig und sicher, dabei aber schnell und präzise, verrichtete sie ihre Arbeit.
Schwester Christina, oder Tine, wie die meisten Menschen zu ihr sagten, war 27 Jahre alt, verheiratet und hatte zwei Kinder. Sie war keine auffällige Schönheit, wirkte mit ihrem etwas groben Gesicht, den breiten Schultern und ihrer erstaunlichen Körperkraft eher etwas androgyn. Die kurzgeschnittenen mittelblonden Haare, die auch einen Männerkopf zieren könnten, verstärkten diesen Eindruck noch.
Aber sie galt auf der Station als unbedingt zuverlässig, und im allgemeinen wollte jeder mit ihr zusammenarbeiten. Allerdings gingen ihr andere lieber aus dem Weg, denn sie war ziemlich herrisch und bestimmt.
Auch die Patienten nörgeln gern über diese kräftige und resolute Krankenschwester. Sie duldet keinerlei Widerspruch und bestimmt uneingeschränkt in ihrem Bereich. Weder die Stationsschwester, noch die Oberschwester kommen gegen sie an.
Doch die raue Schale täuscht erheblich, denn wer Tine einmal beim Versorgen eines verletzten Patienten oder eines kranken Menschen gesehen oder erlebt hat ist erstaunt, wieviel Einfühlungsvermögen und menschliche Wärme in dieser sonst so rigorosen Frau zu finden waren.
"Ich bin nicht hier, um zickigen Patienten ihre Launen und Mucken zu vertreiben", sagte sie immer, "mich brauchen die wirklich Kranken."
"Die Patienten werden wirklich immer zickiger", gab ihr der Chefarzt Recht.
"Eigentlich tun sie mir leid. Ist ihnen schon einmal aufgefallen, daß die Zahl der arbeitslosen Patienten ständig steigt? Die sind denn auch die Zickigsten. Und die Krankenkassen bezahlen immer weniger für die Behandlungen. Wenn ich hier so ohne Arbeit liegen müßte und vielleicht die Kosten noch selbst tragen soll, wäre ich garantiert auch zickig."
Der Chef sah Tine mit einem langen Blick an und entfernte sich dann wortlos.
Tines Mann war einst ebenfalls Patient im Krankenhaus. Damals war Tine noch Lernschwester gewesen, als er mit einer Sportverletzung eingeliefert wurde. Er hatte sich beim Fußball einen Riß der Achillessehne zugezogen und der Arzt riet ihm, diesen Sport ganz aufzugeben.
"Nicht auszudenken, wenn sie sich noch einmal einen Tritt an dieser Stelle einfangen, ihr Fuß könnte für immer steif bleiben", beschwor er ihn.
Ralf Lechner sah zwar die Argumente ein, aber seinen geliebten Fußball aufzugeben, das fiel ihm doch recht schwer. Er lag viele Tage teilnahmslos da und starrte an die Decke.
Damals setzte sich Lernschwester Tine einfach an sein Bett und sprach mit ihm. Sie tat das so behutsam und einfühlend, besser hätte es bestimmt auch ein Psychologe nicht gekonnt.
Das gesamte Personal war sprachlos. Ausgerechnet Tine, der niemand eine menschliche Regung zugetraut hätte, gab Latsch seinen Stolz, den Lebensmut und sein Selbstvertrauen zurück. Der riesige Mann entschied sich noch im Krankenhaus, Boxer zu werden.
Dafür entdeckte Latsch an dieser herben Frau eine Seite, die ihm im Laufe der Zeit immer mehr gefiel. Sie hatte Verständnis für menschliche Probleme und konnte Mut und Zuversicht vermitteln. Er fühlte sich bei ihr sicher und beschützt.
Das waren aber nicht die einzigen Tugenden an Tine. Alle Ärzte, das ganze Personal schätzte bald ihre schnelle und präzise Arbeit. Sie ließ sich nicht aus der Ruhe bringen, schreckte aber auch vor keiner noch so schwierigen Aufgabe zurück.
Mit Tatkraft und Energie ging sie jeden Auftrag an, den sie bekam. Noch niemals hatte es eine Klage wegen ihr gegeben, es sei denn, daß sie bei einem nörgligen Patienten nicht auf seine Launen und unnützen Aufträge eingegangen ist.
In ihren Zimmern hielt sie Ordnung, aber sie bestimmte auch, wann und wie lange die Fenster geöffnet werden, oder wer in welchem Bett liegt, egal, ob die Patienten damit einverstanden waren oder nicht.
Kleine Geschenke oder Trinkgelder nahm sie gern an. Ihre Eltern waren keine reichen Leute und konnten weder sie, noch ihren Bruder Ede verwöhnen. Stets hatten sie als Kinder vom großen Geld geträumt und sich immer wieder ausgemalt, was man damit alles anfangen kann.
Auch das hatte Ralf Lechner an ihr gefallen. Sie kannte weder Vorurteile, noch Zweifel, ob sie das Geld behalten soll. Wenn man es ihr anbietet, dann nimmt sie es.
Die folgende Zeit war eingentlich schön für beide. Ihre Liebe war nicht brennend heiß und plötzlich gekommen, sondern entwickelte sich still und wurde im Laufe der Zeit immer tiefer. Schließlich bat er sie, seine Frau zu werden.
Sie begleitete ihn auch zu den Boxkämpfen und beruhigte ihn, wenn er zornig wurde. Niemals behandelte er sie grob, sondern stets aufmerksam und mit Achtung. Seitdem ihr Bruder Ede die beiden in sein Team aufgenommen hatte, besaßen sie genügend Geld und lebten in ruhigem Wohlstand.
Wenn sie dann zu Hause waren, gab Tine natürlich den Ton an. Um sich gegen ihre Sturheit durchsetzen zu können, war Latsch viel zu gutmütig. Zwar war er größer und kräftiger, aber er hätte Tine niemals angegriffen. Sein Wille und sein cholerisches Wesen kamen gegen ihre ruhige, bestimmende Art nicht an.
Die Kinder, der achtjährige Sven und die sechsjährige Rebecca, haben wohl von beiden etwas geerbt. Sie wurden schnell zornig, und stur konnten sie bis zuletzt sein.
15. Gespräch auf Ibiza
"Herr Kahl, kommen sie und trinken sie auch ein Glas kühles Bier". Hall bot seinem Gast mit einer Handbewegung den freien Platz am Tisch an.
"Danke, Herr Hall, ich danke ihnen wirklich", antwortete der schmächtige Gernot aus der Gebrauchtwagenabteilung eifrig, der an diesem Wochenende zusammen mit seiner Frau und den beiden Kindern von den Halls nach Ibiza eingeladen wurde.
"Das haben sie sich durch ihre gute Arbeit verdient, dafür müssen sie sich nicht bedanken", war die Antwort, sie waren der Sieger im Betriebswettbewerb."
"Wir fühlen uns sehr geehrt, daß wir ihre Gäste sein dürfen". Gernot dienerte vor Oskar Hall und wußte gar nicht, wie er sich noch gefälliger und unterwürfiger zeigen konnte.
Kahls wohnten im Cildburger Stadtteil Schönaue in einer kleinen Mietwohnung. Sie hatten zwar viele großartige Pläne und Einfälle, aber kein Geld. Schon lange versuchte Gernot deshalb als Sieger im Wettbewerb hervorzugehen, um vom Chef nach Ibiza eingeladen zu werden, mal so ganz allein und privat mit ihm sprechen zu können. Die Familie Kahl erhoffte sich sehr viel von diesem für sie besonderen Wochenende.
Den Kindern war das natürlich egal, sie haben gleich am ersten Tag maßlos übertrieben und sich trotz aller Warnungen einen tüchtigen Sonnenbrand geholt. Nun dürfen sie morgen nicht ins Wasser und müssen im Schatten bleiben. Dafür können sie dann aber in der Schule mit ihren Erlebnissen prahlen. Wer fliegt denn schon übers Wochenende nach Ibiza!
"Ja, Herr Kahl, das ist also unser bescheidenes Ferienhaus auf Ibiza", begann Hall die Unterhaltung, "sie haben sicher schon davon gehört."
Gernot nickte, denn gehört hatte er in der Tat viel von diesem Haus. Aber was er dann zu sehen bekam, hatte mit einem Ferienhaus, wie er es sich vorstellte, nicht viel gemeinsam.
Das hier war ein Palast, eine Villa, die auch ein König nicht gediegener haben konnte. Alles strotzte von Marmor und edlen Hölzern, die vielen Zimmer waren mit kostbaren Teppichen ausgelegt und die Wände mit Gobelins behängt, dabei hatte jedes Zimmer eine andere Farbe und die dazu passende vornehme Einrichtung.
"Hier verbringen wir zumeist unsere Wochenenden, wir lieben die Ruhe und das Klima dieser Insel. Dabei können wir uns so richtig erholen", erklärte Hall.
Schüchtern kam jetzt Frau Irene Kahl dazu. Hall stellte ihr sofort ein Glas und eine gekühlte Flasche Bier hin. Sie bedankte sich und blickte ihren Mann an.
"Herr Hall erzählt mir gerade, daß man sich bei der Ruhe und dem Klima auf Ibiza herrlich erholen kann", sagte der.
"Natürlich, das haben sie doch heute ganz bestimmt schon gemerkt", fiel Oskar ein.
"Und wer hält das alles in Ordnung, wer paßt während der Woche auf das Haus auf?" Irene dachte viel praktischer als ihr Mann, der nur auf seine Chance hoffte.
"Ach, das machen unsere Ganzettis, eine einheimische Familie. Sie haben im Seitenflügel dort drüben eine Wohnung und sind der gute Geist des Hauses". Oskar zeigte auf den Bau gegenüber, vor dem zwei braungebrannte Kinder spielten. Eigenartigerweise sprachen sie amerikanisch, der Vater rief ihnen sogar einige deutsche Wörter zu, die nach norddeutschem Dialekt klangen.
"Ich denke, hier wird spanisch gesprochen?" fragte Irene.
"Hier werden viele Sprachen gesprochen, die Urlauber kommen doch aus der ganzen Welt und das färbt auf die Bevölkerung ab. Mir ist das egal, die Familie ist bei mir angestellt."
"Und zu denen haben sie ein ebensolches gutes Verhältnis, wie zu ihren Angestellten in Cildburg", stellte Gernot fest.
"Ja", war die einfache Antwort, dann tranken die drei erst einmal einen Schluck Bier, nachdem sie sich die Gläser gezeigt und zugenickt hatten.
Inzwischen hatte sich auch Veronika Hall eingefunden und wortlos nach ihrem Kristallbecher und einer Flasche Bier gegriffen. Alles wartete, bis sie das Glas absetzte.
"Und wie verleben sie sonst ihre Wochenenden, was haben sie für Interessen und Hobbys", wandte sich Veronika an Irene.
"Ach, wir leben bescheiden, wir können uns ja solche großen Sprünge sonst nicht leisten, eigentlich warten wir immer noch auf die Chance unseres Lebens", antwortete Gernot lauernd für seine Frau.
"Hm, und was heißt bescheiden, was tun sie immer an ihren freien Tagen?" Veronika ließ nicht locker.
"Wir sind meist im Garten, aber fahren auch ganz gern mal weg. Vor zwei Wochen waren wir zum Beispiel im Heidepark Soltau. Die Kinder möchten natürlich nach Eurodisney in Paris, aber dafür müssen wir erst einmal sparen", ergänzte Irene.
"Verstehe ich nicht, sie verdienen doch gut bei mir", Oskar sah Gernot mit verschmitzten, freundlichen Augen naiv fragend an, "und als Verkäuferin in der Boutique stehen sie sich auch nicht schlecht, da dürften solche Dinge doch gar kein Problem sein". Er blickte zu Frau Kahl.
"Wissen sie, Herr Hall," gab Irene zurück, "wenn man die Dinge so sieht, stimmt das. Aber wir fahren nicht nur zum Vergnügen in der Welt rum, wir müssen unser ganzes Leben von dem Geld bestreiten. Und da wird es schon ein wenig eng. Die Miete wird immer teurer, wir möchten vielleicht auch mal was Eigenes haben, das Auto ist nicht mehr neu und im Urlaub wollen wir auch was erleben. Da muß man wohl ein wenig rechnen."
"Na, ihr Auto kenne ich ganz gut. Es ist besser gepflegt als so mancher Neuwagen", warf Oskar ein.
"Trotzdem würde ich lieber einen Neuwagen fahren". Gernots Stimme hatte wieder diesen berechnenden Unterton und sein Lachen sollte heiter klingen, aber es klang gekünstelt.
"Ja, jeder hat so seine Probleme", stellte Hall fest, "mir sitzt die Konkurrenz im Nacken. Ich muß ständig jeden ihrer Schritte beobachten und dann noch richtig reagieren, sonst bin ich weg vom Fenster.
Ford-Geier bietet seinen Kunden seit Donnerstag zum Beispiel zwei Prozent Skonto, wenn sie sofort bezahlen. Und ab Montag machen das todsicher alle anderen auch. Was bleibt mir anderes übrig, ich muß mitziehen, sonst laufen mir die Kunden weg. Das sind aber -zig Tausende im Jahr, die ich Verlust habe."
"Das holen sie doch woanders wieder raus, das hört sich schlimmer an, als es ist", winkte Gernot ab.
"Wo denn, woanders ist es auch nicht besser. Jeder versucht, die Kunden mit tollen Konditionen zu ködern".
Ich heule gleich mit, dachte Gernot. Laut aber sagte er:
"Und trotzdem sind sie der beste Chef von Cildburg, wir sind alle sehr froh, daß wir bei ihnen beschäftigt sind".
Auf solch eine Anspielung hatte Hall nur gewartet. Es war ihm nicht entgangen, mit welchem Eifer Kahl um das Wochenende auf Ibiza gekämpft hatte. Und dessen hündische Unterwürfigkeit wußte er ebenfalls genau zu deuten. Solch einen Mann brauchte er. Auch Hall hatte seine Pläne mit dem Gebrauchtwagenverkäufer. Er stellte eine neue Runde Bier auf den Tisch.
"Das sehen viele ihrer Kollegen aber anders", begann er seinen Plan in die Tat umzusetzen, "hinter meinem Rücken wird meist ganz anders gesprochen."
"Ich kann ihnen versichern, daß ich davon nichts weiß. Und wenn jemand in meinem Beisein so etwas sagen sollte, würde ich sofort dazwischenfahren", ereiferte sich Gernot.
"Ich wünschte, ich hätte noch mehr solche loyalen Mitarbeiter in meinem Unternehmen", sagte Hall zufrieden und winkte Frau Ganzetti zu. Die stellte alsbald einen kleinen Imbiß auf den Tisch, für die Kinder gab es Eis.
"Wie kommen sie denn eigentlich darauf, daß wir schlecht über sie sprechen", sprach Gernot seinen Chef an.
"Na ja, es gibt so einige Anzeichen, die ich mir nicht ganz erklären kann. Herr Neumeister zum Beispiel wirft plötzlich mit Geld um sich, als ob er Millionär ist. Neulich ist er mal schnell mit seiner Familie übers Wochenende nach Paris geflogen. Und mich behandelt er neuerdings immer so, als ob ich sein Untergebener bin."
"Wo Ede das Geld hernimmt, kann ich auch nicht sagen, aber es ist seines. Vielleicht stammt es aus einem Lottogewinn, oder von der Rennbahn, da ist er ein paar Mal gewesen, das weiß ich genau", versuchte Gernot zu erklären.
"Herr Kahl, ich würde mich freuen, wenn sie mir Beobachtungen dieser Art in Zukunft gelegentlich mitteilen würden, auch wenn jemand Sorgen hat oder Probleme, ein Arbeitgeber kann dann viel besser auf solche Dinge eingehen."
Hall sah Gernot abwartend an. Wenn er sich in dem nicht getäuscht hat, geht seine Rechnung auf.
"Ja, gern, aber ich komme doch aus meinem Laden nur selten mal raus, wie soll ich da wissen, was die anderen Kollegen reden oder wollen", versuchte Kahl einen Vorstoß.
"Es ist ihr Schade nicht, Herr Kahl", lockte Hall seinen Gast, "in ein paar Wochen geht Herr Kniebaum in Rente, dann muß ich die Stelle des Geschäftsführers neu ausschreiben. Sie sollten sich auch bewerben, ich werde dann ihren Antrag sehr wohlwollend prüfen".
Gernot wußte nicht, wie ihm geschah. Er sah seine Frau an und dann Veronika Hall, dabei wurde er abwechselnd rot und blaß. Oskar beobachtete ihn halb angewidert, halb belustigt. Er wußte, daß der sich genau so etwas erhofft hatte.
Dem möchte ich nicht ausgeliefert sein, aber auf diese Art und Weise erfahre ich an einem Tag mehr über meine Leute als bisher in einem Jahr, dachte er. Klug ist er, und als Geschäftsführer gibt er sich bestimmt ebenso große Mühe, wie jetzt als Verkäufer.
16. Der Auftrag
An diesem Montag kam Ede mit mieser Laune auf Arbeit und begann den Tag, indem er eine herumliegende leere Coladose mit großer Wucht an die Wand schoß.
"Na, na, Ede, hast du dich mit Cora gezankt?", wollten die Kollegen wissen.
"Steck den Finger in die eigene Nase", kam es grollend zurück, "da haste genug abzukratzen".
Eigentlich konnte er sich seine schlechte Laune selbst nicht erklären. Das Wochenende war so schön gewesen, er hat mit Sandy und Cora einen Ausflug im Porsche gemacht. Aber anstatt nur ein paar Kilometer zu fahren, sind sie den ganzen Tag mit flottem Tempo rumgekutscht. Cora war ja von der Karre genauso begeistert wie er.
Aber dann hat er in der Nacht geträumt, daß Cora die beiden BMW nach Polen fährt und unterwegs geschnappt wird. Er kam mit dem Porsche an und hat sie rausgehauen. Dafür wurde er von den Bullen mit einem Hubschrauber gejagt.
Als er endlich schweißgebadet aufwachte, dachte er an Peter. Ganz gewiß würde der Boss auch bei Cora nicht vor Strafe oder Mord zurückschrecken, wenn es um das Unternehmen geht. Diese Erkenntnis hat ihm die Laune gründlich verdorben.
Ich muß unbedingt noch heute einen Fahrer finden, schoß es ihm endlich durch den Kopf, die Kisten können auch noch ein paar Tage in der Halle in Lesta stehen bleiben, bis der Boss den Neuen überprüft hat.
Dieser Gedanke machte ihm wieder etwas Mut und er raffte sich auf. Zwar noch immer mürrisch, aber doch nicht mehr niedergeschlagen begann er einen roten Opel zu schleifen. Dabei erinnerte er sich, wie er vom Boss den ersten Auftrag bekam.
Das war nun schon mehr als drei Jahre her und auch dieser Tag begann so schön wie der heutige. Ein paar Tage zuvor hatte er den Boss zum ersten Mal gesprochen.
Wie ein unbarmherziger Störenfried schien die Sonne damals in das geöffnete Schlafzimmerfenster, genau auf den Schläfer, und kurze Zeit später wachte Ede durch ihren hellen Strahl auf. Der Wetterbericht hatte zwar schon eine Regenfront angedroht, doch noch zeigte sich keine Wolke am Himmel.
Ede wollte aber nicht aufstehen. Es war ja Sonntag und da bleiben alle Leute etwas länger im Bett. Also drehte er sich um, damit er die Sonne im Rücken hatte und blieb mit geöffneten Augen noch eine Weile liegen.
Langsam fielen ihn seine Versprechen für diesen Tag ein. Er hatte den Kindern seiner Schwester einen Zoobesuch versprochen, während er mit Cora und Sandy zur gleichen Zeit zum alten Steinbruch fahren wollte.
Seitdem man beim Sprengen eine Wasserader geöffnet hatte, war dort ein herrlich klarer See entstanden, der aber schwer zugänglich ist und deshalb nicht zum Baden zugelassen wurde.
Richtige Wasserratten stört das natürlich nicht, denn zu jeder Zeit war am diesem See ein reges Leben und Treiben. Das klare Quellwasser zog die Badelustigen scharenweise an.
Aber Ede mußte ja auch um 12.00 Uhr in Lesta sein, um den Boss zu sprechen.
Insgeheim verfluchte er seinen Leichtsinn. Mit Tine konnte er sich nicht anlegen, da zog er den Kürzeren. Mit Cora wollte er sich nicht anlegen, die würde es vielleicht übelnehmen, und den Boss durfte er auf keinen Fall versetzen.
Ich muß mit Cora sprechen, dachte er und blickte zu ihr hin. Noch schlief sie ruhig und gleichmäßig, aber ihre Augenlider zuckten schon eifrig und verrieten, daß sie eben einen interessanten Traum hatte. Gleich würde sie aufwachen.
Da stand er auf und ging in die Küche, wo die Kaffeemaschine erst einmal gereinigt werden mußte, ehe er frischen Kaffee ansetzen konnte. Danach deckte er den Tisch und schob die Brötchen von gestern in die vorgeheizte Backröhre. Cora würde sich bestimmt darüber freuen.
Doch noch bevor Cora aufwachte erschien Sandy in der Küche. Sie rieb sich die Augen und fragte:
"Onkel Ede, wann fahren wir denn zum Steinbruch?"
"Sandy, ich weiß nicht, ob wir überhaupt fahren können, es ist etwas dazwischen gekommen".
"Was? Was ist denn dazwischen gekommen", fragte Cora, die eben hereinkam und das Gespräch gehört hatte. Sie blickte Ede genauso fragend an, wie Sandy es tat.
"Tut mir ja leid, ich hatte gestern den Kindern von Tine einen Zoobesuch versprochen..."
"Das war gestern, heute hast du uns einen Badeausflug versprochen", erinnerte Sandy.
"Ja, nur konnte ich gestern nicht mit Sven und Rebecca in den Zoo gehen. Da haben sie mich gebettelt, daß wir heute gehen."
"Ach, und wir haben das zur Kenntnis zu nehmen und zu kuschen", schmollte Cora.
"Nicht doch, Cora, ich weiß nicht, wie ich alles in die Reihe bringen soll, ich wollte ja mit dir am Frühstückstisch darüber sprechen."
"Ach, daher der Eifer beim Tischdecken, der Herr hat ein schlechtes Gewissen."
Sandy stand mit Tränen in den Augen da und fragte:
"Fahren wir heute nicht zum Steinbruch?"
Hilflos sah Ede von einer zur anderen und sagte endlich:
"Nun setzt euch erst einmal hin, sonst werden die Semmeln wieder kalt, wir können das doch in Ruhe besprechen."
Schweigend setzten sich alle an den Tisch. Cora nahm ein Messer und schnitt für Sandy ein Brötchen auf.
"Habt ihr keine Lust, mit in den Zoo zu kommen", brach Ede endlich das Schweigen.
"Mit deiner Schwester?" Cora sah ihn widerwillig an.
"Nein, nur mit den Kindern. Sie sind ja noch viel kleiner als Sandy, da erlaubt Tine nie, daß wir sie zum Steinbruch mitnehmen können."
"Ach, eigentlich ist es mir egal, ob ich zum Steinbruch oder in den Zoo gehe", sagte Sandy und schöpfte neue Hoffnung für den heutigen Tag.
"Wenn mein kleiner Liebling das will, dann kommt die Mutti auch mit in den Zoo". Cora nickte Ede zu.
"Na ja, aber da ist noch etwas", entgegnete er unsicher.
Zwei Köpfe sausten herum und blickten ihn fragend an.
"Ich muß um zwölf in Lesta sein, da will mich doch der Boss sprechen", sagte er leise zu Cora.
"Na, das ist nun auch nicht mehr das Schlimmste, da fährst du eben mal für eine Stunde weg, ich schaffe das schon mit den Kindern im Zoo".
Dankbar und erlöst beugte sich Ede über den Tisch und drückte Cora einen Kuß auf die Lippen.
"Danke, Mäuschen", flüsterte er.
Eine Stunde später hatten sie Sven und Rebecca abgeholt und waren im Zoo. Sandy kam sich viel zu alt vor, um mit dem 'Kindergarten' rumzulaufen, denn sie ging immerhin schon in die Schule. Also lief sie stets vornweg und mußte pausenlos zurückgerufen werden. Cora machte sich heimlich Sorgen, daß sie bei dem Menschengewimmel mal verlorengeht.
Gegen Mittag verließ Ede die Gruppe und fuhr nach Lesta. Pünktlich um zwölf stand er vor dem Sprechgerät.
"Hallo Ede", begrüßte ihn der Boss, "es freut mich, daß du die Zeit einhalten kannst."
"Hallo, Boss", gab Ede zurück.
"Wie weit bist du, hast du schon jemand gefunden, der für uns geeignet ist?"
"Ja, Cora, die wollten sie bis heute überprüfen".
"Ich habe sie auch überprüft", sagte da der Boss, "sie ist in Ordnung und kann mitmachen."
Ede bedankte sich dafür und erzählte nun von seinem Schwager Latsch, dem Schweißer und von Fips, dem Automechaniker, den er aus der Werkstatt Hall kennt."
"Wird denn der alte Hall keinen Verdacht schöpfen, wenn ihr euch unterhaltet?"
"Nee, den interessiert doch nur, was zu reparieren ist und dann vielleicht noch sein Haus auf Ibiza. Da hängt er auch jetzt grade rum", gab Ede zurück.
"Na gut, wie sind die Adressen?"
Ede gab ihm die Adressen von Latsch und Fips. Dabei hatte er noch einen Einfall und nannte auch seine Schwester Tine, die Frau von Latsch.
"Ist in Ordnung, bis Mittwoch gebe ich Bescheid. Kannst du ein Türschloß öffnen und ein Zündschloß kurzschließen?"
"Hm, der alte Hall hat mir das schon ein paar Mal genau gezeigt, aber selber habe ich es noch nicht probiert."
"Im oberen Regal steht eine ausgeschnittene Tür mit Schloß. Nimm sie herunter und stelle sie auf den Klotz, dann kann ich sehen, was du machst. Gut so, und jetzt öffne das Schloß".
Ede tat, wie ihm geheißen und der Boss gab ihm dazu Anweisungen. Nach wenigen Übungen konnte er das Türschloß perfekt und schnell öffnen.
"Sie verstehen aber etwas davon, den Trick kennt noch nicht einmal der alte Hall", erkannte Ede an.
"Und nun nimm die Alarmanlage heraus".
Es dauerte gar nicht lange und Ede konnte auch die Alarmanlage außer Betrieb setzen. Der Boss erklärte ihm den Unterschied zu anderen Anlagen, dann zeigte er noch den Start und die Überlistung der Lenkersperre ohne Zündschlüssel.
"Warum zeigen sie mir das eigentlich alles so genau, ich muß es doch gar nicht wissen", fragte er endlich.
"Ich möchte, daß du bis Dienstag einen BMW der fünfer-Reihe hier hast, aber einen neuen."
Ede rutschte das Herz in die Hosen.
"Soll ich den selbst klauen?"
"Sieh mal an, wenn wir hier ein Geschäft machen wollen, müssen wir alle unser Risiko tragen. Glaub mir, auch ich wage sehr viel. Aber die Wagen müßt ihr schon besorgen. Bis jetzt habe ich nur dich und Cora, einer muß den BMW herbringen. Außerdem mußt du als Leiter der Gang die ganze Arbeit kennen."
Ede schwieg. Ihm gingen eine Menge Gedanken im Kopf herum. Über die Art des Autoklaus hatte er sich bisher keine Gedanken gemacht. Jetzt trifft es ihn plötzlich unmittelbar.
Wenn ihn nun jemand beobachtet oder der Fahrer dazukommt, er sah plötzlich überall nur Risiken, die er nicht überblicken und einschätzen konnte.
"Na, was ist, sind wir im Geschäft?", fragte der Boss.
"Ich werde es versuchen, aber versprechen kann ich nichts", hörte sich Ede sagen.
"Das ist ein Wort" lobte der Boss, "nur mache jetzt keinen Fehler. Es war richtig von dir, Latsch und Fips noch nichts von unseren Geschäften zu sagen. Den BMW bauen wir hier gemeinsam um und wenn sie dann die Kohle auf die Hand bekommen, sind sie dabei."
"Ich halte mich daran", entgegnete Ede.
"Also bis Dienstag".
Damit war das inhaltsschwere Gespräch beendet und Ede fuhr, in düstere Gedanken gehüllt, wieder in den Zoo zurück. Cora sah ihm an, daß er Sorgen hatte.
"Was hat der Boss gesagt, bin ich drin?"
Ede nickte:
"Er will bis Dienstag einen fünfer BMW von uns haben."
Cora hatte offenbar viel weniger Skrupel als Ede. Sie dachte nicht an das Risiko, sondern an praktische Dinge.
"Weißt du denn auch, wie man die Tür aufkriegt, wie man ihn ohne Schlüssel starten kann und wie eine Alarmanlage abgestellt wird?", fragte sie leise, denn die Kinder blickten schon zu ihnen hin.
17. Der Schock in Cildburg
An diesem Montag begann der gewohnte Tagesablauf im Polizeirevier Süd wie üblich mit einem kleinen Plausch über die Erlebnisse des Wochenendes, bevor PR Wilke die obligatorische Dienstbesprechung einberief.
Es war ein ruhiges Wochenende, nur einige Urlauber hatten zuviel getrunken und sind in der Nacht fröhlich singend durch die Straßen gezogen. Die Einwohner haben das aber ganz anders gesehen und die Polizei wegen Ruhestörung herbeigerufen. Ansonsten sind nur wenig Einsätze gefahren worden, zwei schwere Verkehrsunfälle im Landbereich, ein Wohnungsbrand, der rechtzeitig erkannt wurde und ein Einbruch in ein Spirituosengeschäft, das war schon alles. Die Einbrecher konnten übrigens sehr schnell festgenommen werden. Es waren rumänische Asylanten, die wahrscheinlich der Zigarettenmafia angehören, denn sie hatten das gesamte Zigarettenlager des Ladens geleert.
Ihre Festnahme war ein reiner Zufall. Die Rumänen kannten wohl die Stadt nicht genügend und sind mit ihrem Kleintransporter in eine Einbahnstraße falsch hereingefahren. Auf das Zeichen zum Halten haben sie die Flucht ergriffen, worauf der Streifenpolizist Hilfe anforderte. In einer Gemeinschaftsaktion mit den anderen Revieren wurde der Kleintransporter nach einer kurzen Verfolgungsjagd eingekreist und gestellt. Die Täter versuchten zwar noch zu fliehen, konnten aber ebenfalls mit Hilfe eines Fährtenhundes festgenommen werden.
"Hat doch keinen Zweck", sagte eben POM Lukascheck, "die werden doch noch heute wieder freigelassen. Übrigens hat Hartmann wieder ein Knöllchen bekommen", fügte er noch mit besonderem Tonfall hinzu.
"Der Computerfreak? Behauptet er wieder, daß er Anwohner ist und ein Recht auf das Parken an dieser Stelle nach dem Grundgesetz hat?", lachte ein anderer.
"Der hat schon acht Bußgelder nicht bezahlt. Bin gespannt, wie lange sich die Stadt das noch gefallen läßt", POM Chris Doberschütz sagte das nur beilaüfig und griff nach ihrer Dienstmütze.
Da läutete die Türglocke und Polizeihauptmeister Wagner, der Diensthabende, drückte auf den Türöffner.
Als sich die Tür öffnete, wurde ein völlig verstörter Mann sichtbar, der nur unzusammenhängend einige Worte stammeln konnte. Wagner konnte ihn weder verstehen, noch wußte er, wie er sich verhalten sollte. Deshalb bat er Wilke in die Wache. Neugierig öffneten die übrigen die Verbindungstür, um zu lauschen.
"Bitte setzen sie sich erst einmal, Herr...", begann Wilke
"Nosek, Rainer Nosek, ich bin aus Lennarc", stammelte der Mann.
"Also, Herr Nosek, was führt sie zu uns?".
"Mein Auto ist weg, da war mein Computer mit sämtlichen Unterlagen drin. Ohne den kann ich Konkurs anmelden". Der Mann blickte hilflos von einem zum anderen.
"Moment mal", wunderte sich Wilke, "soll das heißen, ihr Auto ist hier in Cildburg gestohlen worden?"
Herr Nosek nickte verzweifelt.
"Ich hatte es gestern abend gegen 19.00 Uhr auf dem Parkplatz des Cilde-Hotels abgestellt. Heute früh um sieben war es weg."
"Und sie wissen genau, daß sie ihr Auto auf diesem Parkplatz abgestellt haben? Kann es sein, daß sie sich irren?"
"Nein, ich bin oft in Cildburg und parke immer auf diesem Platz. Außerdem ist diesmal mein Geschäftspartner mitgefahren. Wir haben noch ein paar Stunden in der Bar gefeiert. Ich bin danach sofort auf mein Zimmer gegangen und habe bis zum Morgen geschlafen", erklärte der Mann.
"Herr Nosek, bitte sagen sie dem Polizeihauptmeister Wagner, was das für ein Wagen war und geben sie alle Daten zur Einleitung einer Fahndung", forderte ihn Wilke auf, "wir werden alles in die Wege leiten, damit sie ihren Wagen wiederbekommen."
"Wie hoch ist meine Chance?", wollte Nosek wissen.
"In Cildburg ist bisher noch kein Fall von Autodiebstahl bekannt geworden. Ich kann ihnen versichern, daß wir alles tun, um den Fall so rasch wie möglich aufzuklären."
Der Mann starrte kummervoll vor sich hin.
"Nun, Herr Nosek, bitte geben sie mir einmal die Papiere des Wagens," begann Wagner die ungewohnte Routinearbeit. logo
"Die habe ich im Handschuhfach liegen", war die verzweifelte Antwort.
Wilke wollte eben wieder zur Dienstbesprechung gehen und hatte schon die Tür geöffnet, als er diese Antwort hörte. Er stutzte und ging zurück in die Wache.
"Soll das heißen, daß alle Papiere den Tätern in die Hände gefallen sind?", fragte er ungläubig.
"Ja, auch mein Computer und meine EC-Card, gerade mein Geld hatte ich mitgenommen", kam es kleinlaut, "meine Frau sagt mir ja immer, daß ich zu leichtsinnig bin. Nun ist genau das passiert, was sie prophezeit hat."
"Polizeihauptmeister Wagner", forderte Wilke den Diensthabenden auf, "geben sie erst einmal die Fahndung heraus, stellen sie die übrigen Daten später fest."
"Also, Herr Nosek, was war das für ein Wagen und welche Farbe hatte er?", begann Wagner.
"Ein BMW 525, automatik, weinrot metallic, Colorverglasung, Alu-Felgen, tiefergelegt, Kennzeichen LC - J 584, Vollausstattung, mit einer kleinen Beule am linken hinteren Kotflügel."
Wagner gab sofort eine Fahndung heraus und beauftragte die Streife PHM Fischer und POM Chris Doberschütz mit dem Fall.
"Endlich mal ein richtiger Fall", freute sich Chris, "wollen wir denen mal zeigen, was wir drauf haben. Jetzt wird es hier mal interessant."
"Sachte, sachte, die Diebe sind auch nicht dumm, die müssen wir erst einmal finden", bremste Fischer ihre Freude.
"Na, und ob wir die finden!" Chris war selbstsicher und derartig zuversichtlich, als ob das ihre tägliche Arbeit ist.
Inzwischen waren sie beim Cilde-Hotel angekommen und sahen sich erst einmal den Parkplatz an.
Obwohl es für Gäste genügend Parkmöglichkeiten im Hof des Hotels gab, hatte Nosek den BMW leichtsinnigerweise auf dem öffentlichen Platz abgestellt. Dort konnte rund um die Uhr geparkt und weggefahren werden.
"Sieht nach Komplikationen aus", stellte Chris fest, als sie sich umgesehen und nicht die geringste Spur eines Einbruchs oder überhaupt eines Autos, das auf diesem Platz gestanden hatte, entdecken konnten, "als ob jemand einen Nachschlüssel benutzt. Aber wer kann in Cildburg für ein Auto aus Lennarc einen Nachschlüssel haben?"
"Fragen wir erst einmal, ob jemand etwas bemerkt hat", ordnete Fischer an.
Nach einer guten Stunde trafen sie wieder an ihrem Streifenwagen ein und hatten natürlich nicht einen einzigen Menschen getroffen, der etwas gesehen hat.
"Hier ist ein ständiges Gehen und Kommen, da fahren die ganze Nacht Autos rein und raus", sagten die meisten Anwohner, "das müßte ganz dumm zugehen, wenn da jemand etwas bemerkt."
Chris sah schon viel weniger zuversichtlich aus.
"Nun, Powerfrau, wie geht es weiter?", fragte Fischer und blickte sie belustigt an.
"Ja, wir können hier wohl im Moment weiter nicht viel machen", gestand sie sich ein.
"Wirklich nicht?" Fischer sagte das in einem Ton, der sie aufhorchen ließ, "wir können aber noch viel machen, vielleicht liegt die Lösung woanders".
Chris stutzte und wurde rot:
"Da dachte ich, daß ich alles gelernt habe und anwenden kann. Und nun lasse ich mich so verwirren, daß ich gar nichts mehr richtig mache. Wir müssen natürlich noch das Alibi des Fahrers überprüfen. Er kann den Wagen ja auch selbst weggefahren haben und versucht nun, seine Spuren zu verwischen."
"Fangen wir also an der Reception an", schlug Fischer vor.
Leider war auch das nicht ganz so einfach, wie sie es sich gedacht hatten, denn der Nachtportier hatte längst Feierabend und schlief wahrscheinlich ruhig und friedlich daheim in seinem Bett.
"Er hat irgend etwas von diesen beiden Herren erzählt, die gestern abend in der Bar saßen", berichtete sein Kollege, "der eine von den beiden kam gegen Mitternacht ziemlich benebelt und bat ihn, ein Taxi zu bestellen. Der andere hatte sich gestern früh ein Zimmer genommen und war auch nicht mehr ganz nüchtern. Er wünschte meinem Kollegen noch eine gute Nacht, dann fuhr er mit dem Fahrstuhl in seine Etage."
"Und hat er etwas gesagt, ob der Mann sein Zimmer danach noch einmal verlassen hatte?", fragte Chris.
"Nein, darüber haben wir nicht gesprochen. Aber wenn mein Kollege den in der Nacht noch einmal gesehen hätte, würde er es mir gesagt haben."
Mehr konnten sie jetzt nicht erfahren.
"Gehen wir mal zur Bar, ob da jemand die beiden kennt", schlug Chris eifrig vor. Sie hatte ihre kleine Schwäche längst vergessen und fühlte sich als große Ermittlerin.
"In der Nacht ist anderes Personal hier", erklärte die vollbusige Bardame, "da müssen sie schon heute abend wieder kommen. Ich könnte ihnen zwar sagen, wieviel Zeug aus jeder Flasche hier verschwunden ist, aber wer das nun geschluckt hat, das weiß ich doch nicht".
Etwas enttäuscht war Chris schon, während Fischer mit diesem Ergebnis gerechnet hatte.
"Na, dann nehmen wir uns diesen Geschäftsfreund vor, wie hieß er doch noch?", fragte er.
Roberto Schulze, Zentralallee 24", war die präzise Antwort.
Inzwischen war es bereits Mittag und die beiden verspürten regen Hunger. Also hielten sie schnell an einem Imbißwagen an, ehe sie weiterfuhren.
R. Schulze, Computer, Kopierer, Büroausstattungen, Heimelektronik, stand in großen Buchstaben auf einer Tafel.
"Der hat aber 'ne Palette, das muß gut laufen", staunte Fischer.
"Mal sehen, was er zu berichten weiß", erwiderte Chris und öffnete die breite Glastür am Eingang des Ladens.
Ein Geschäftsmann in mittleren Jahren kam ihnen entgegen.
"Hoher Besuch, wie kann ich der Polizei helfen?", fragte er gutgelaunt.
"Herr Schulze?", fragte Fischer.
"Ja, persönlich", wunderte sich der Mann.
"Herr Schulze, wir haben an sie ein paar Fragen, können wir uns irgendwo ungestört unterhalten?" Fischer sah ihn an.
"Ja, natürlich", seine gute Laune verflog und er wurde unsicher, "kommen sie mit".
Er führte sie in sein Büro hinter dem Laden. Es war peinlich sauber und aufgeräumt, obwohl an der Seite zwei Monitore abgestellt waren. Aber selbst die fügten sich in den ordentlichen Gesamteindruck harmonisch ein.
Herr Schulze wies mit der Hand auf die Besucherstühle und setzte sich in den Chefsessel hinter dem Schreibtisch. Er sah seine Besucher neugierig und abwartend an. Chris fragte sich, indem sie ihn beobachtete, ob er verstört wirkt.
"Herr Schulze, sie waren doch gestern abend mit einem Herrn aus Lennarc im Cilde-Hotel an der Bar", begann Fischer.
Schulze blickte überrascht auf. Das ist echt, stellte Chris fest, so kann sich niemand verstellen.
"Ja, was ist denn dabei falsch, wir haben ein gutes Geschäft abgeschlossen und darum ein wenig gefeiert", sagte er langsam und verwundert.
"Können sie uns den Verlauf des Abends genau schildern?"
"Na, wir kamen gegen neunzehn Uhr an die Bar und haben einige Drinks bestellt..." Fischer unterbrach ihn:
"Nein, ich meine schon das, was vorher geschah, wann haben sie das Geschäft abgeschlossen, wann sind sie losgefahren und was passierte auf der Fahrt, wo und wie haben sie geparkt, was taten sie danach".
"Der Vertrag war so gegen fünfzehn Uhr fertig, Herr Nosek ist dann noch einmal weggefahren und hat mich um 18.30 Uhr mit seinem BMW hier abgeholt. Ich zeigte ihm noch den Weg zum Cilde-Hotel durch die Springerstraße, denn er hatte dort ein Zimmer genommen. Er fuhr den Wagen auf den öffentlichen Parkplatz vor dem Hotel und wir stiegen aus. Herr Nosek schloß den Wagen ab und ich sah noch, wie die Alarmanlage zu blinken anfing. Dann sind wir direkt in die Bar gegangen. Herr Nosek winkte dem Portier im Vorbeigehen zu. Aber darf ich einmal erfahren, was eigentlich los ist?" Schulze sah seine Besucher fragend an.
Ohne auf seine Frage einzugehen, forderte ihn Fischer auf zu berichten, was danach geschah.
Verunsichert erzählte er weiter: "In der Bar waren gerade noch zwei Plätze an einem Tisch frei. Wir setzten uns und bestellten zunächst einmal jeder ein Bier, dazu einen Cognac. Der Kellner brachte gleich Doppelte. Wollen sie auch wissen, worüber wir uns unterhalten haben?"
"Ja", antwortete Fischer kurz und Chris nickte.
"Also, zunächst natürlich einmal von unserem Geschäft. Herr Nosek ist Vertreter eines Computervertriebes und diese Firma bietet neue, sehr günstige Konditionen für Großabnehmer an. Da ich eben einen größeren Auftrag bekommen habe, kam mir das Angebot sehr gelegen und ist für mich ein Bombengeschäft. Wir haben also einen Vertrag über die Lieferung einer größeren Menge Computer und Zubehör abgeschlossen."
Und darüber haben sie den ganzen Abend gesprochen?", fragte jetzt Chris.
"Nicht den ganzen Abend, wir haben ziemlich viel getrunken, das ist sonst nicht meine Art, auch für ihn war es wohl etwas viel, denn später fingen wir beide an, über persönliche Dinge zu sprechen. Er erzählte von seiner Familie in Lennarc, von seinen Kindern und ihren Erfolgen in der Schule. Auch ich habe von meiner Familie erzählt, meine Kinder sind schon erwachsen und wie ich Geschäftsleute. Später, als wir noch mehr getrunken hatten, haben wir uns das "du" angeboten und über die Damen in der Bar gesprochen. Reicht das?"
"Wieviel haben sie etwa getrunken", fragte Fischer.
"Ich habe nicht mitgezählt, aber die Rechnung hat Rainer bezahlt und das waren fast zweihundert Euro."
"Donnerwetter", entfuhr es Chris, "dafür kann sich ja eine ganze Kompanie vollaufen lassen".
Fischer sah sie strafend an.
"Na ja, wir wollten nicht soviel trinken, aber es wurde immer noch eins."
"Und was geschah nach dem Bezahlen der Rechnung?" Chris fragte sehr streng.
"Da haben wir uns verabschiedet und ich ließ mir ein Taxi kommen, das mich nach Hause brachte."
"Wo sind Sie eingestiegen, haben Sie den Parkplatz mit dem abgestellten PKW noch einmal gesehen?"
"Nein, wir sind vom hinteren Eingang abgefahren."
"Und Herr Nosek?", wollte Fischer wissen.
"Der hat den Fahrstuhl nach oben genommen, mehr weiß ich wirklich nicht."
"Und was haben sie getan, als sie zu Hause ankamen?" fragte Chris.
"Na was denn, ich habe mich geduscht und bin ins Bett gegangen. Das kann meine Frau bestätigen, sie hat noch geschimpft, daß ich so nach Alkohol roch."
"Hat sie der Taxifahrer ins Haus gehen sehen?"
"Er hat mir sogar die Tür aufgeschlossen, weil ich das Schlüsselloch nicht so schnell fand", lachte Schulze.
Die Polizisten erhoben sich.
"Danke, Herr Schulze, sie haben uns sehr geholfen", sagte Fischer und verließ das Büro.
"Können sie mir nicht wenigstens sagen, was los ist? Ist Herrn Nosek etwas passiert?" Schulze lief ihnen nach.
"Beruhigen sie sich, Herr Nosek ist gesund", gab Chris zurück., während sie sich die Beschreibung des Taxifahrers notierte.
"Ja, aber..." Schulze wußte, daß er keine Antwort erhält und gab auf. Er schloß die Tür hinter den beiden.
"Also, ich glaube, daß er wirklich von nichts weiß", begann Chris, als sie wieder im Auto saßen.
"Glaube ich ebenfalls", bestätigte Fischer.
"Wie wäre es, wenn wir mal die Kollegen in Lennarc fragen, ob Nosek dort als Alkoholiker bekannt ist, vielleicht hat er seinen Rausch nur vorgespielt", schlug Chris vor.
"Guter Gedanke", freute sich Fischer.
In diesem Augenblick meldete sich das Revier und die beiden wurden darüber informiert, dass Schulze einmal eine Anzeige gegen Hartmann aufgegeben und sofort wieder zurückgezogen hatte
18. Der Aufbau der Gang
An diesem Tag bekam Ede vom Boss die Erlaubnis, seinen Schwager Latsch und seine Schwester Tine mit in sein Team aufzunehmen. Aber noch ahnte keiner der beiden etwas davon.
In der Halle stand inzwischen der weinrote BMW, den Ede in der vorigen Nacht auf dem Parkplatz vor dem Cilde-Hotel weggefahren hatte. Es war ihm nicht leicht gefallen, so zu tun, als ob er der Eigentümer des BMW ist. Zuvor hatte er heimlich in der Werkstatt noch einmal das Öffnen des Schlosses und das Abschalten der Alarmanlage geübt. Nun stand der Wagen in der Halle und der Boss hatte ihn sehr dafür gelobt.
"Dieser Wagen wird für Übungszwecke und Schulungen hier stehen bleiben", sagte er, "der Computer und was sonst so drin war, kommt vorläufig in das kleine Lager."
Ede fand im Lager eine komplette und moderne Spritzanlage, mit deren Hilfe er dem Fahrzeug einen matten, fehlerhaften schwarzen Lack geben mußte. Auch die Nummernschilder vertauschte er mit neuen. So hätte den Wagen nicht einmal mehr der Besitzer selbst erkannt, er sah nun alt und schäbig aus. Den Kratzer am Kotflügel beseitigte Ede gleich mit.
Zum Glück fielen die Farbarbeiten in der Halle nicht weiter auf, da die ehemalige Farben-GmbH direkt für Spritzarbeiten eine Kabine gebaut hatte, die ohnehin voll Farbe war. Sogar die Absaugung und die Sicherheitsanlagen funktionierten noch.
"Die Innenausstattung muß auch ausgebaut werden", befahl der Boss und Ede schleppte die Sitze in ein Lager.
Dort wurden sie fein säuberlich aufgestellt und beschriftet. Der Boss hatte tatsächlich überall seine Kameras stehen und sah jeden Fehler.
Aber nun stand Ede die schwere Aufgabe bevor, Latsch und Tine in sein Geheimnis einzuweihen.
"Ich muß einen alten BMW aufmöbeln, da könnte ich gut deine Hilfe gebrauchen", sagte er am Abend zu seinem Schwager, "kommst du morgen mit mir mit?"
"Was ist mit hier?", fragte Latsch und rieb den Daumen auf dem Zeigefinger.
"Wir machen halbe-halbe, wenn du mir fleißig hilfst".
"Schwager, du hast dir eben einen Helfer gekauft", war die etwas geschwollene Antwort.
Am nächsten Tag nahm Ede seinen Schwager mit nach Lesta und zeigte ihm den BMW in der Halle.
"Was willst du denn mit dieser Mühle noch anfangen", zweifelte Latsch.
"Na, deshalb müssen wir ihn ja auch zerlegen und danach wieder zusammenbauen, dabei wird alles ausgewechselt, was nichts mehr taugt.
"Und wo kriegen wir die Teile her, hier ist doch kein Laden in der Nähe".
"Das ist unser Bier, am besten wären vielleicht gebrauchte Teile, wir bekommen für neue Teile auch nicht mehr, als für gebrauchte, der Preis ist ein Festpreis."
Latsch sah ihn aufmerksam an und hatte einen Einfall.
"Sag mal, Ede, gebrauchte Teile, wenn wir nun einfach einen anderen BMW ausschlachten, wäre das nicht einfacher?"
"Wo willst du den denn hernehmen, du hast doch nicht mal ein anderes Auto, nur deine Kawasaki."
"Laß das mal meine Sorge sein, morgen steht hier ein anderer BMW", prophezeihte Latsch.
"Aber wenn sie dich erwischen, sag nichts von mir und dieser Halle, hörst du, ich will damit nichts zu tun haben."
"Erstens erwischen die mich nicht und zweitens bin ich kein Plappermaul", entrüstet sich Latsch.
Ede zeigte ihm nun, wie man ein Schloß öffnet, ohne daß es auffällt, wie man eine Alarmanlage überlistet und ein Zündschloß kurzschließt.
"Nur eine Bedingung, der Wagen darf nicht von einem Parkplatz in der Umgebung von Cildburg stammen, je weiter weg, desto besser, verstehst du", beschwor er ihn.
Die Kawasaki blieb an diesem Tag in der Lagerhalle stehen und Ede fuhr seinen Schwager zum Bahnhof.
Am nächsten Tag stand tatsächlich ein BMW 525 in der Halle in Lesta, denn Latsch hatte sich den Schlüssel mitgenommen. Als Ede dazukam, hatte er schon die Sitze ausgebaut und den Kofferraum ausgeräumt.
"Ist ja toll, du bist der perfekte Autoknacker", lobt er ihn.
"Na ja, ganz so einerlei war es mir doch nicht, ich hatte schon ein wenig Schiß dabei."
"Latsch, ich habe dir einiges ein wenig anders erzählt, als es in Wirklichkeit ist", begann Ede.
Latsch sah ihn verständnislos an und bekam eine drohende Miene:
"Was ist denn anders, bekomme ich kein Geld?"
"Doch", beschwichtigte ihn Ede, "sogar eine Menge, aber der Wagen hier ist kein Auftragswerk der ist ja fast neu".
"Was, der hier?", Latsch blickte staunend auf den alten BMW in der Halle, "der soll neu sein?"
"Ja, er sah vorgestern noch weinrot-metallic aus und fuhr auf der Straße."
Latsch stierte eine Weile vor sich hin und sah dann auf.
"Soll das heißen, du hast ihn auch..."
"geklaut", ergänzte Ede.
"Ja, was, warum, was soll ich denn hier", Latsch kam aus dem Staunen nicht heraus, "warum hast du die Karre geknackt und läßt mich noch eine andere klauen?"
Jetzt erzählte Ede vom Boss, der ihm den Auftrag gegeben hatte, eine Gang zum Umbauen von Autos zusammenzustellen.
"Es springt für jeden ein Riesenscheinchen dabei raus", sagte er.
"Und wer ist der Boss?" wollte Latsch wissen.
"Den kenne ich auch nicht".
Latsch sprang auf und kam in Erregung:
"Ich klaue doch nicht für einen Typen Autos, den ich gar nicht kenne, da mache ich nicht mit."
"Schade, du hätest eine Menge Kies gemacht, aber es ist deine Entscheidung. Nur sag keinem Menschen etwas von dieser Halle, immerhin hast du auch schon einen Wagen hergebracht".
Da schaute ihn Latsch betroffen an und sagte: "Scheiße!"
"Latsch, überleg doch erst mal, ehe du wieder hochgehst. Was kann dir denn passieren, du bist arbeitslos und brauchst Geld. Hier machst du mehr Kies, als du jemals verdienen kannst. Und wenn wir vorsichtig genug sind, schnappen sie uns auch nicht. Und wenn, dann müssen wir es so drehen, daß sie uns immer nur eine Karre nachweisen können", beschwor ihn Ede.
"Zeig mir mal das Büro mit der Bossmaschine", sagte Latsch und folgte Ede ins Kontor. Neugierig sah er sich um und entdeckte gleich mehrere kleine Kameras.
"Na, der hat sich ja hier eingerichtet, dem entgeht nichts. Und wie kriegen wir ihn jetzt ran?"
"Der Boss ist schon hier, ich beobachte euch bereits eine ganze Weile. Willkommen in unserer Gang, Latsch", schnarrte da eine elektronische Stimme.
"He, Mann, wer sind sie?", fragte Latsch.
"Der Boss, das reicht doch aus. Wir wollen trotzdem ein gutes Team werden und recht viel Kohle machen."
Latsch starrte den Kasten an:
"Ich habe ein Auto geklaut, wann sehe ich die Mäuse?"
"So gefällst du mir, aber wir sind ein Team und Mäuse gibt es erst, wenn wir die Karre umgebaut und verkauft haben."
"Hm, klingt vernünftig", erkannte Latsch an.
Zusammen mit Ede brachte er seinen BMW in einen Nebenraum, sodaß er nicht gleich beim ersten Blick in die Halle zu sehen ist. Auch der erste BMW erhielt einen Platz in einem Raum. Dort soll er für Übungen aufgebockt werden.
Am Abend fiel Tine die Unruhe ihres Mannes auf. Latsch setzte sich bald auf einen Sessel, bald stand er auf und ging ans Fenster, um im nächsten Moment in die Küche zu gehen.
"Nun sag schon, was hast du denn heute, hast du wieder Mist gemacht, hast du irgendwo zugeschlagen?", fragte Tine.
"Nein, das ist es nicht", gab er zurück.
"Was dann?" Es klang wie ein Befehl.
"Tine, du wünscht dir doch auch ein neues Auto. Was würdest du sagen, wenn ich dir eins verspreche?"
"Sag mal, bist du total übergeschnappt? Du bist arbeitslos und redest wie ein Millionär. Oder hast du einen neuen Job?"
"Nein, ich war auf dem Arbeitsamt, sie können mir nicht helfen. Ich habe einen Antrag auf Arbeitslosengeld gestellt."
"Und davon willst du mir ein Auto kaufen, ja?" Tine lachte spöttisch.
"Nicht davon, aber ich kann auch noch auf andere Art Knete machen. Nur ist das nicht ganz in Ordnung".
"Raus mit der Sprache, was ist los?" Tine sagte das sehr scharf.
Zuerst etwas stockend, aber dann immer flüssiger, berichtete Latsch nun von seinem Treffen mit ihrem Bruder in Lesta. Bald sprudelten die Worte nur so aus ihm heraus und er malte den kommenden Geldsegen in so lebendigen Bildern, daß Tine ebenfalls zu träumen anfing.
Aber sie fing sich wieder, sobald ihr Mann mit der Erzählung aufgehört hatte und lief schnurstracks zum Telefon.
"Ja, Ede?", hörte Latsch sie reden, "komm doch bitte mal sofort zu uns. Was? Das ist mir einerlei, ich will dich sofort sprechen". Der Ton wurde immer schärfer.
So war das also vor drei Jahren. Beim Gedanken daran mußte Ede nun doch schmunzeln. Tine empfing ihn zwar wie einen Aussätzigen, aber sie war nur daran interessiert, in der Gruppe mitzuarbeiten. Wo es was zu holen gab, war sie schon immer zu finden.
Heute ist die gesamte Gang natürlich streng organisiert. Jeder hat seine Aufgabe, kann aber auch mal für einen anderen einspringen. Außer Cora, Latsch und Tine hat Ede noch Rasi als Teamfahrer und Fips als Fachkraft aufgenommen. Dazu kommt ein Fahrer.
Wenn es heute einen Auftrag gibt, wird der Wagen in Lesta nach dem Wunsch des Kunden zusammengebaut und ein Fahrer, der Ede nur unter falschem Namen kennt, fährt ihn zum Übergabeort. Dort wartet Rasi in einem anderen Wagen und bringt den Fahrer wieder zurück.
Auch der "Einkauf", wie sie es nannten, funktioniert perfekt. Ein Wagen wird vom Boss bezeichnet und vom Team geknackt. Dann steht Rasi mit einem Transporter in der Nähe, in dem der Wagen dann sofort verschwindet. In wenigen Minuten ist er soweit umgebaut, daß er den Papieren entspricht, die der Boss besorgt hat. Bisher gab es niemals Schwierigkeiten. Wahrscheinlich hat der Boss auch Informationen von der Polizei und würde eine Falle oder eine Fahndung sofort erkennen.
Der Fluch des Reichtums
Die Crew hatte sich unter den strengen Blicken des Bosses inzwischen gut eingearbeitet und jeder beherrschte seine Aufgaben perfekt. Der Boss knüpfte die Geschäftsverbindungen zu wohlhabenden Kunden aus den Ostblockländern, denen er preisgünstige Oberklassewagen anbot. Doch die Kunden wußten meist ganz genau, was sie haben wollten und äußterten ihre Wünsche sehr präzise. Es gehörte zu den Aufgaben der Gang, die Wagen nach den Wünschen der Kunden zu gestalten.
Manchmal störte nur die Farbe, da wurde das Auto eben umgespritzt. Das war natürlich Edes Revier, da ließ er niemand heran. Bei vielen anderen Aufträgen mußten die Wagen aber mehr oder weniger umgebaut werden. Dann halfen alle mit. Fips war für die Facharbeit zuständig, Latsch für Schweißarbeiten und zusammen mit Ede für Blecharbeiten. Cora und Tine halfen dabei, sie reinigten die Teile, leisteten Hilfsarbeiten und gaben den Fahrzeugen den letzten Schliff vor dem Verkauf. Der Boss konnte sich keine bessere Truppe wünschen. Natürlich gehörten noch Rasi und die Fahrer dazu. Aber Rasi durfte die Halle in Lesta nicht kennen und die Fahrer wußten gar nichts. Es reichte dem Boss, wenn die Fahrten reibungslos und ohne Komplikationen abliefen.
Entsprechend verdienten auch alle gutes Geld. Mindestens ein Wagen wurde pro Woche fertiggestellt, oft waren es zwei oder sogar drei. Und jeder Wagen brachte beim Verkauf zwischen zwanzig- und dreißigtausend Euro ein, das bedeutete für jeden einzelnen der Crew mehrere tausend Euro in der Woche, obwohl nicht jeder die gleiche Summe ausgezahlt bekam. Ede teilte das Geld sehr gerecht auf, je nachdem ob der Betreffende bei dem Klau des Wagens mitgewirkt hat oder anderswo dabei war, es gab für alles eine Bezahlung. Der Boss ermahnte sie immer wieder, nicht mit Geld um sich zu werfen oder aufzufallen. Das Geld durfte nicht auf eine Bank gebracht werden, jeder hatte seine eigene Sparbüchse irgendwo angelegt. Dort brachte es zwar keine Zinsen, aber es war sicher aufgehoben.
Naürlich ging es aber nicht so leicht, wie der Boss sich das gedacht hatte. Wenn jemand zu Geld kommt, egal auf welche Weise, so ändert sich auch sein Leben und sein Charakter. Und das war bei der Crew nicht anders. In der ersten Zeit wurden sie etwas geizig, dann wollten sie immer mehr verdienen und forderten vom Boss mehr Aufträge und Wagen.
Der Boss ging gern auf die Wünsche der Crew ein und besorgte genügend Aufträge. Aber bei etwa drei Wagen pro Woche war die Leistungsgrenze erreicht, obwohl alle verbissen und stumm schufteten. Das Geldfieber hatte sie gepackt und jeder dachte nur noch an die Arbeit. Ihre bis dahin ziemlich unbeschwerte Fröhlichkeit verschwand und machte einer mürrischen und verbissenen Laune Platz, die vor allem Marion, der Freundin von Fips, mißfiel:
"Mir ist das egal ob dein Alter säuft oder nicht, aber deine Stinklaune kannst du zu Hause lassen, hast du gehört?"
"Schon gut, hat auch nichts mit dir zu tun."
Zumeist macht ihr dann Fips in solchen Situationen ein teures Geschenk, was Marion wieder versöhnte. Sie kannten sich jetzt schon fast ein dreiviertel Jahr und eigentlich sind sie sich doch noch immer etwas fremd geblieben. Marion wußte nur, daß Jens bei Hall als Automechaniker arbeitete und er wußte von ihr, daß sie in einem Planungsbüro arbeitete. Sonst hatten sie über ihre Arbeit und ihre Probleme noch nicht gesprochen. Nur einmal hatte Jens erwähnt, daß sein Vater Alkohol trinkt, nachdem er arbeitslos geworden ist.
Marion fiel aber auf, daß er zunehmend schweigsamer und gereizter wurde. Das hält sie nicht mehr lange aus, trotz seiner teuren Geschenke. Darüber war sie sich im Klaren.
Doch auch bei den anderen Mitgliedern der Gang war es nicht viel anders. Am besten kam noch Tine damit zurecht. Sie galt im Krankenhaus sowieso als etwas eigenwillig und nun versteckte sie ihre miese Laune hinter eben dieser Eigenschaft. Latsch verbrachte seine meiste Zeit in Lesta, wo er unaufhörlich Bleche mit der Hand bearbeitete oder irgendetwas zu schweißen hatte. Das lenkte ihn ab und brachte auch viel Geld ein. Das Motorrad brauchte er nur, um zwischen Lesta und seiner Wohnung hin und her zu fahren. Aber auch er veränderte sein Wesen. Tine und auch alle anderen bemerkten erstaunt, daß er seinen Jähzorn viel besser im Griff hatte.
Ede und Cora besorgten sich erst einmal eine geräumige Wohnung, in der sogar Sandy ein großes Zimmer hatte. Aber die Geldgier hatte auch sie gepackt. Vor allem Cora mußte von ihrer Chefin mehrmals ermahnt werden, zu den Kunden freundlich zu sein und auch einmal zu lächeln. Ede schwieg verbissen auf Arbeit und gab sogar seinem Arbeitgeber Hall unhöfliche Antworten. Der schüttelte zwar unwillig mit dem Kopf, aber Ede war eine viel zu gute Fachkraft, als daß er deshalb einen Krach riskierte. Auch als sich Ede den Porsche kaufte, machte er sich keine Gedanken. Was seine Leute in der Freizeit tun, geht ihn nichts an, das war sein Leitmotto. Wenn Ede beim Pferderennen wettet oder Lotto spielt, ist das seine Sache. Schließlich hat er den Porsche ja bei ihm gekauft. Das hatte auch sein Gutes, da hat er an Edes Geld sogar noch verdient.
Der einzige, den das alles nicht aus der Bahn warf, war Rasi. Ede hatte sich als Chef einer Autowerkstatt vorgestellt, die für Geheimaufträge der Regierung Autos herstellt und niemand etwas davon erfahren darf. Rasi war damit zufrieden, er fragte niemals und gab das Geld seiner Mutti, die es für ihn sparte. Wo er es eigentlich her hatte, sagte er ihr nicht. Nur soviel wusste Mutti, er darf mit niemandem, auch nicht mit ihr darüber sprechen, weil es geheime Regierungsaufträge seiner Firma sind. Und Rasi fragte auch niemals, wieviel Geld er schon zusammen hatte. Irgendwann wird er sich ein Haus kaufen und eine richtige Familie gründen. Aber mit den Mädels vom Parkplatz geht das nicht, das hatte er inzwischen selbst gemerkt. So vergingen Wochen und Monate. Marion trennte sich von Jens, weil sie sein Wesen nicht mehr ertragen konnte.
"Schade", sagte sie, "mit uns hätte es etwas werden können. Du warst mal ein so dufter Typ, daß mich meine Freundinnen sogar beneidet haben. Aber heute bist du nur noch ein elender Stinker. Mensch, verzieh dich bloß, ich habe die Schnauze voll von dir."
Fips gab das zwar einen schmerzhaften Stich in der Brust, aber dann sagte er etwas, worüber er selbst am meisten erstaunt war:
"Dann hau doch endlich ab, so'ne Schlampe wie dich finde ich an jeder Ecke wieder."
Wie versteinert blickte Marion dem schweren Motorrad nach, das sich Jens inzwischen gekauft hatte. Der dachte nur noch kurz an seine Worte und mußte dann grinsen. Leid taten sie ihm nicht.
Über die Autodiebe berichteten die Zeitungen immer wieder, vor allem einige Skandalblätter bauschten das oftmals ganz groß auf. Sie sprachen mit den Opfern und brachten deren Sorgen und Verzweiflung in so herzzerreißender Form, daß jeder Leser zu Tränen gerüht wurde. Zuerst hatte die Gang auch Mitleid, aber je mehr davon in der Zeitung zu lesen war, je skrupelloser wurden sie. Zum Schluß machten sie ihre Witze über die Opfer.
"Hätte der sich richtig versichert, brauchte er jetzt nicht zu heulen", sagte Ede zu Latsch, als sie einen Jaguar umbauten und in der Zeitung ein Bericht über den Eigentümer stand. Er hatte für das Auto lange gespart und ist sehr stolz darauf gewesen. Nun weiß er vor Verzweiflung nicht, was er machen soll.
"Wer sich so'n Schlitten leisten kann, der verschmerzt den Verlust schon", war Coras Meinung.
Vor allem war es die Routine beim Autoklau, die zu immer größerer Verachtung der Opfer führte. Ein paar Mal fuhren Ede und Latsch wieder zurück, um sich den Schreck der Bestohlenen anzusehen. Als Fips davon hörte, wollte er das nächste Mal dabei sein. Zweimal ging das auch gut, aber dann erfuhr der Boss davon und hat es sofort streng verboten. Trotzdem fuhren Cora und Tine mit der Bahn einmal zu solch einem Ort und warteten darauf, was nach dem Entführen des Wagens geschehen wird. Am Abend amüsierten sie sich über das verzweifelte Gesicht des Fahrers.
"So schön kann es kein Schauspieler im besten Hitchcock-Film", sagte Tine immer wieder und schien dabei begeistert zu sein.
Irgendwie hatten sich alle verändert. Noch vor einem Jahr waren sie unbeschwert und fröhlich, jetzt waren sie hartherzig und gierig geworden.
20. Freddi und Ede
Ganz langsam und unmerklich entschwand die unbeschwerte Fröhlichkeit in ihrer Beziehung und Cindi bemerkte enttäuscht, wie sich Freddi immer mehr veränderte. Es fing damit an, daß er unkonzentriert wirkte und in sich gekehrt dasaß.
"Freddi, sag mir, was los ist, wir gehören zusammen und lösen auch dieses Problem gemeinsam", sagte sie sehr oft zu ihm.
Er nahm dann wohl ihre Hand und drückte sie dankbar. Aber was eigentlich los ist, verriet er nicht. Cindi hätte es ohnehin nicht verstanden und mit ihrem Geld die Sache stillschweigend aus der Welt geschafft. Aber genau das durfte niemals geschehen, er würde es nicht verkraften.
Als sie vor einigen Tagen durch die Straßen bummelten, mußte er plötzlich gähnen. Cindi bemerkte es zwar, sagte aber kein Wort. Erst später machte sie sich darüber ihre Gedanken. Warum ist Freddi müde, geht er abends noch weg, hat er vielleicht noch eine Andere?
Sie war nicht eifersüchtig, aber dieser Gedanke machte ihr Sorge. Läßt nicht das gesamte Verhalten ihres Freundes auf so etwas schließen? Er hat sich verändert, es gibt Geheimnisse zwischen ihnen, er ist unkonzentriert, uninteressiert, er gähnt. Das sind doch die klassischen Anzeichen für ein Verhältnis mit einer anderen Frau.
Bei dieser Erkenntnis schien die Welt für Cindi zusammenzustürzen. Sie konnte und wollte es noch immer nicht glauben. Freddi war so liebevoll und zärtlich, so aufmerksam, kann er sich wirklich so verstellen, durfte sie gleich das Schlimmste annehmen, nur weil er mal müde ist?
Aber nun mußte sie sich Gewißheit verschaffen, für ein Spielchen war sie sich denn doch zu schade. Sie überlegte, was zu tun ist, um hinter das Geheimnis ihres Freundes zu kommen. Sollte sie einen Dedektiv beauftragen?
Welch schrecklicher Gedanke, mißtraut sie ihrem Freddi schon so sehr, daß sie zu diesen Mitteln greifen muß? Zuerst kann sie ihn ja noch einmal fragen und ihm ehrlich ihre Gedanken mitteilen. Mal sehen, wie er sich dann verhält.
Noch nie hat Cindi einem Nachmittag so entgegengefiebert, wie an diesem Tag. Zum Erstaunen aller Kommilitonen war sie im Seminar unaufmerksam und mußte ermahnt werden. Das hatte in den gesamten fast fünf Jahren bisher noch niemand erlebt.
"Cindi, was ist mit dir los, stimmt etwas nicht?", fragte Sandra nach dem Seminar.
"Ich weiß auch nicht, irgend etwas hat Freddi, aber er will es mir nicht sagen. Er ist müde, unaufmerksam und gähnt. Ich will nicht glauben, daß eine andere Frau dahintersteckt, aber ich muß jetzt endlich Gewißheit haben. Ich frage ihn heute direkt."
"Das glaube ich von Freddi nicht, dazu kenne ich ihn viel zu gut, wir haben doch schon im Sandkasten zusammen gespielt. Er ist absolut zuverlässig und für mich wenigstens ein guter Freund", gab Sandra zurück, "ich beneide dich um ihn, aber ich wünsche euch allen beiden Glück".
"Danke, Sandra", sagte Cindi gerührt, "das ist ganz lieb von dir und wenn du eines Tages den Richtigen triffst, wünsche ich euch ebensoviel Glück."
Dann war es endlich so weit und Freddi kam lächelnd auf Cindi zu, gab ihr einen Kuß und legte seinen Arm um sie. Wie immer in solchen Augenblicken fühlte sie sich wohlig geborgen und nichts auf der Welt konnte ihre Liebe erschüttern.
So bummelten sie eng umschlungen durch die Straßen zur Promenade und setzten sich endlich auf 'ihre' Bank. Obwohl diese Bank etwas versteckt hinter losem Buschwerk stand, ließ sie doch einen Blick auf die Cilde und die dahinter liegenden Berge frei, den beide schon oft genossen hatten.
Auf der Bank blieben sie noch eine Weile eng umschlungen nebeneinander sitzen und betrachteten schweigend das Panorama. Dann machte sich Cindi los, öffnete ihre Mappe, holte einen kleinen Spiegel hervor und betrachtete sich kritisch darin. Sie strich sich mit der Hand ordnend durchs Haar, steckte den Spiegel wieder ein und legte die Mappe schließlich beiseite. Bis jetzt hatte keiner ein Wort gesagt.
Eigentlich tat sie das alles ja nur, um Zeit zu gewinnen. Das Gespräch war längst überfällig, es mußte also heute stattfinden und sie hoffte mit ganzem Herzen, daß sich ihre Gedanken als harmlos herausstellen.
Womit soll ich denn eigentlich anfangen, was kann ich ihm sagen, ohne ihn zu verletzen, fragte sie sich und richtete den Blick auf Freddi.
Wie angegriffen er aussieht, richtig müde und abgespannt, dachte sie. Und obwohl ihr der Verstand sagte, daß so etwas ein Beweis für ein Doppelleben ist, sträubte sich ihr Herz tapfer, daran zu glauben.
"Du siehst schlecht aus, angegriffen und müde", begann sie und Freddi blickte betroffen zu ihr hin.
"Ich bin vielleicht nicht ganz auf dem Posten, laß nur, das vergeht wieder, mach dir deshalb keine Sorgen. Wir fahren ja nun bald in die Südsee, da werde ich mich schon wieder erholen", war seine Antwort.
Nicht auf dem Posten, krank, dachte Cindi. Ja, das ist wohl auch eine Möglichkeit, über die sie bisher noch gar nicht nachgedacht hatte. Aber was war das für eine Krankheit, über die er mit mir nicht sprechen will, wie krank ist er wirklich, können wir die Reise überhaupt machen, so überschlugen sich die Gedanken in ihrem Kopf.
"Freddi, ich will jetzt klipp und klar wissen, was du hast. Es ist mein Recht, das zu fragen. Hast du eine andere, bist du krank oder ist es noch etwas anderes. Versuche nicht wieder, mich zu trösten und dich herauszureden", sagte sie bestimmt.
"Was? Ich habe doch keine andere, ich liebe dich, wie kommst du denn auf so eine Idee", er legte erschrocken seinen Arm um sie und zog sie zu sich heran. Cindi fühlte sich glücklich darüber und umschlang ihn nun ebenfalls.
Aber endlich drückte sie seinen Kopf weg und sagte:
"Was ist es dann, wir gehen hier nicht weg, bis du es mir gesagt hast."
"Wunderbare Idee, dann bleiben wir ewig hier auf unserer Bank", scherzte er und küßte sie erneut.
"Nein, Freddi, heute gebe ich nicht auf, lasse mir nicht gut zureden, bis ich den Mund halte. Ich will wissen, was du hast. Wenn es keine andere Frau ist, was ist es dann?"
"Nichts, es hat sich doch nichts zwischen uns geändert, wir lieben uns und das wird ewig so bleiben."
"Freddi, du bist seit einiger Zeit müde, abgespannt und gähnst sogar. Glaub nicht, daß mir so etwas nicht auffällt, ich will wissen, was los ist. Wenn du etwas angestellt hast, dann sag es mir. Wir finden zusammen schon einen Weg, um da rauszukommen", ermahnte sie ihn eindringlich.
"Cindi, Liebes, bitte, es ist nichts, glaub mir doch. Vielleicht sind es meine Examina, die mich so mitnehmen, ich weiß es doch auch nicht. Jedenfalls bin ich gesund, das kannst du einem Mediziner schon glauben, es ist ein Fachurteil", lächelte er zurück.
"Wollen wir unsere Reise lieber verschieben, bis du deine Prüfungen hinter dir hast?", bot sie an.
"Kommt ja gar nicht in Frage", fuhr er auf, "ich schaffe meine Aufgaben auch so, und auf eine Reise mit dir verzichte ich auf keinen Fall, lieber gebe ich mein Studium auf".
"Du sollst nicht auf die Reise verzichten und auch dein Studium nicht aufgeben. Aber ich verlange absolute Ehrlichkeit, wenn ich dir vertrauen soll. Das ist wohl das Mindeste, das ich verlangen kann."
Damit war das peinliche Gespräch beendet. Cindi wußte zwar immer noch nicht, ob er ihr etwas verschwieg, aber sie sah die Nutzlosigkeit weiterer Fragen ein. Freddi liebte sie und dachte gar nicht an andere Frauen, darüber hatte sie nun Gewißheit und das reichte ihr erst einmal.
Und auch Freddi war froh, daß sie keine bohrenden Fragen mehr stellte. Er mußte sich winden und drehen, bei ihren Fragen. Natürlich kann man eine Frau wie Cindi nicht hinters Licht führen, dachte er, man sieht es mir ja auch genau an, wie abgespannt und müde ich bin.
Er hatte sich ganz heimlich einen Job als Beifahrer in einer Speditionsfirma besorgt und arbeitete nun jede Nacht einige Stunden.
Dort mußte er schwere Pakete schleppen, das Auto beladen und dann die Waren beim Kunden ins Lager tragen. Wenn er spät nach Mitternacht endlich in seinem Zimmer war, fiel er völlig übermüdet aufs Bett und schlief sofort ein.
Um dann am anderen Tage fit zu sein, trank er Kaffee und nahm starke Medikamente. Und das veränderte ihn natürlich so sehr, daß es Cindi auffiel.
Noch einmal werde ich sie nicht besänftigen können, dachte er. Aber wenn sie von diesem Job etwas erfährt, dann war alles umsonst und sie bezahlt die Reise. Die paar Wochen werde ich schon noch aushalten. Morgen gehe ich mit meinem ersten Verdienst auf die Bank und besorge mir einen Kredit.
Doch wie so oft bei einem schönen Plan, sollte alles anders kommen. Als Freddi in dieser Nacht aus dem Fahrerhaus kletterte, um einen Kunden zu beliefern, stand plötzlich ein Mann vor ihm.
"Hallo, Kumpel, hast du mal Feuer?", fragte er ihn.
Freddi war Nichtraucher und verneinte. Der andere schien sich für den Job zu interessieren und fragte ihn, was er denn bei dieser Arbeit so verdient.
Da brach es aus Freddi heraus und er erzählte dem Fremden von seiner Buchung und dem Job, nur um an einen Kredit heranzukommen. Es tat ihm richtig gut, eimal mit jemandem über diese Probleme sprechen zu können.
Der Fremde feixte nur und fragte, ob er denn weiter keine Idee zum Geldverdienen hatte, als diese Knochenmühle.
Freddi sah ihn mit großen Augen an.
"Nein", sagte er, "ich habe alles versucht, aber nur das hier gefunden."
"Schön dumm, dabei gibt es soviel Möglichkeiten, sie liegen direkt auf der Straße", war die Antwort.
"Und wie soll das aussehen?" Freddi sah ihn gespannt an.
Es war Ede, den Freddi hier zufällig traf und der einen neuen Fahrer suchte. Während Freddi sprach, kam ihm eine glänzende Idee. Der hier brauchte Geld und tut alles, um es zu besorgen. Aber er tut nichts Ungesetzliches.
Wenn ich ihm die zwanzig Riesen borge, kann ich ihn damit dann unter Druck setzen. Er muß sie abarbeiten und das ist meine Chance, dachte Ede, oder er sagt es seiner reichen Tussi, dann bekomme ich es auch wieder, wer weiß, wozu das alles noch gut ist.
"Nun, man kann zum Beispiel gute Freunde fragen, ob sie einem das Geld borgen können", lockte er.
Und in der Tat horchte Freddi auf.
"So reiche Freunde habe ich nicht, wir sind alle Studenten und chronisch knapp bei Kasse", war die Antwort.
"Wie wäre es, wenn ich mich mal für dich umhöre, ich kenne auch viele Leute. Und einige von ihnen könnten dir schon helfen, du mußt ja nicht mitmachen, aber anhören kannst du dir die Vorschläge ja mal."
Aber Freddi hörte nicht den seltsam lauernden Klang der Stimme, für ihn war das Angebot so wichtig, daß er richtig ins Schwitzen kam. Er starrte den Fremden mit großen Augen an und fragte dann unsicher:
"Heißt das, sie bieten mir das Geld an?"
"Wenn du willst, können wir darüber reden", hörte er den Fremden entgegnen.
"Ja, und wie, wann kann ich es bekommen, ich muß es noch in dieser Woche haben, sonst nützt es nichts".
"Meinetwegen können wir sofort einen Vertrag über vierzig Riesen abschließen."
Freddi traute seinen Ohren nicht. Eben wollte er etwas erwidern, als der Fahrer kam und auf die Uhr zeigte. Sie mußten sich beeilen.
"Ich habe in einer halben Stunde Feierabend, vielleicht treffen wir uns dann."
"Ich hole dich ab", sagte Ede noch.
In der Tat stand der Fremde, der sich als Rolf Henrich vorstellte, nach Freddis Feierabend vor dem Betrieb und fuhr ihn ins Internat. Sie setzten sich in den Klubraum und handelten einen Vertrag aus. Nur sechs Prozent Zinsen verlangte Herr Henrich und war mit einer Rückzahlfrist von zwei Jahren einverstanden.
Glücklich und zufrieden zählte Freddi vor dem Einschlafen noch einmal die vierzig Tausender und schloß die Augen.
Aber sein Schlaf war doch unruhig, wo sollte er denn zwei Jahre lang monatlich tausend Euro hernehmen?
21. Zweifel an Peters Tod
Kommissar Wilke winkte PHM Fischer in sein Büro und wies mit der Hand auf einen Stuhl. Fischer setzte sich, ohne den Blick von seinem Vorgesetzten zu nehmen.
"Hauptmeister Fischer, wir haben eine Anfrage aus Hannover. Sie erinnern sich doch noch an den gestohlenen BMW vor drei Jahren, der nicht wieder aufgetaucht ist", begann der Kommissar etwas umständlich das Gespräch.
Und ob Fischer sich erinnerte, er selbst hat ja damals mit seiner Kollegin Chris Doberschütz die Ermittlungen geführt. Es gab wohl nicht die geringste Möglichkeit, die sie außer Acht gelassen hatten. Aber der BMW blieb verschwunden.
"Hat man den jetzt etwa in Hannover gefunden?" Fischer bekam große Augen.
"Leider nein, aber es gibt Ungereimtheiten bei einem Ertrunkenen. Er wurde vorgestern im Steinhuder Meer gefunden und ist ganz eindeutig ertrunken, er muß bei der Kälte gebadet haben und dann reichten die Kräfte nicht mehr aus.
Aber seine Angehörigen bezweifeln diese Variante. Der Mann hatte eine Abneigung gegen Kälte und wäre nie im März baden gegangen. Bei der Überprüfung ist man auf eine Spur gestoßen, die nun verfolgt wird. An der polnischen Grenze hat am Tag vorher ein gestohlenes Fahrzeug einen Unfall gebaut. Der Fahrer konnte fliehen und ist verschwunden."
"Und was hat das mit dem Ertrunkenen in Hannover zu tun?", wollte Fischer wissen.
"Das ist eben das Seltsame", erklärte Wilke, "es spricht alles dafür, daß das der geflohene Fahrer war."
"Ach", brachte Fischer verwundert hervor, "wie ist denn der auf einmal in das Steinhuder Meer gekommen?"
"Dafür haben die Kollegen auch keine Erklärung, sie verfolgen wohl jede kleinste Spur. Und nun fragen sie bei uns an, ob bei dem BMW-Diebstahl vor drei Jahren irgendetwas herausgekommen ist, das für sie einen Hinweis geben könnte". Der Kommissar sah Fischer abwartend an.
"Tut mir leid", sagte der, "wir hatten ja nicht den geringsten Anhaltspunkt."
"Na ja, wäre auch zu schön gewesen, wenn wir den Kollegen helfen könnten". Wilke erhob sich als Zeichen, daß das Gespräch damit beendet war.
"Sprechen sie nochmal mit ihrer Kollegin darüber", riet er noch.
"Mache ich", war Fischers Antwort.
Chris wartete schon ungeduldig im Streifenwagen.
"Wo bist du denn noch so lange gewesen, ich bin ja hier schon fast angewachsen", empfing sie ihn und startete den Motor.
Fischer setzte sich auf den Beifahrersitz und Chris steuerte den Wagen auf die Straße. Sie fuhr in gemäßigtem Tempo in Richtung Markt und grüßte aus dem Auto mehrere Bekannte.
"Was wollte denn der Alte noch", fragte sie.
"Es geht mal wieder um Autodiebstahl. Ein gesuchter Wagen hat an der polnischen Grenze einen Unfall mit Fahrerflucht gebaut und kurze Zeit später fand man den Fahrer auf natürliche Art ertrunken im Steinhuder Meer".
"Das iss'n Ding, wie ist denn der dahin gekommen?" wunderte sich Chris.
"Das weiß man eben nicht, jetzt fragen sie bei uns an, wegen damals, ob wir irgendeinen Hinweis haben, der für sie wichtig sein kann".
Chris wurde schweigsam und erinnerte sich an den aufregendsten Fall ihrer bisherigen Laufbahn, bei dem sie nach ihrer eigenen Überzeugung jämmerlich versagt hatte.
Auch vor drei Jahren wurde ihr Kollege vom Kommissar zurückgerufen und allein befragt. Der nimmt mich bis jetzt noch immer nicht für voll, ärgerte sie sich.
"Hauptmeister Fischer, was gibt es Neues im Fall des gestohlenen BMW", wollte Wilke damals wissen, "die Kollegen in D fahnden ebenfalls nach einem BMW 525".
"Hm, die hatten im letzten Jahr bereits mehrere Autodiebstähle, das muß mit unserem Fall nicht unbedingt zusammenhängen. Aber wir werden uns mit denen in Verbindung setzen. Vielleicht gibt es Gemeinsamkeiten, die auf denselben Täterkreis schließen lassen", antwortete Fischer.
"Die Presse sitzt uns ganz schön im Genick, sie fragen in allen Blättern, was wir unternehmen. Ich weiß schon nicht mehr, was ich antworten soll". Wilke wirkte rührend hilflos.
"Tut mir leid, aber es gibt keine verwertbaren Spuren, das war eine Arbeit von Profis". Fischer blickte seinen Vorsitzenden in der Hoffnung um Verständnis an.
"Erkundigen sie sich erst einmal, was in D los ist. Vielleicht gibt es Hinweise, die uns weiterhelfen können."
Damit war Fischer entlassen und suchte seine Kollegin, die er in der Wache fand, wo sie eben einen Kaffee trank. Er teilte ihr die Neuigkeit gleich mit:
"Chris, in D wird auch nach einem fünfer BMW gesucht, er ist seit gestern verschwunden."
"Das ist ja seltsam. Aber irgendwie glaube ich nicht an eine Bande, die sich auf fünfer BMW's spezialisiert. Vielleicht ist es reiner Zufall, denn in D ist ja bereits öfter schon mal ein Auto gestohlen worden.
Wenn es allerdings kein Zufall ist, wenn sich wirklich eine Bande organisiert hat, schlachten sie die Autos aus und bauen sie neu zusammen. Dann sind es Profis und es wird verdammt schwer, ihnen auf die Schliche zu kommen", überlegte Chris.
"Egal, ob Zufall oder organisierte Kriminalität", sagte Fischer, "wir haben damit vielleicht eine neue Spur und müssen ihr nachgehen. Fragen sie doch mal die Kollegen in D, ob sie schon Hinweise geben können, die uns weiterhelfen."
Nach einer Weile kam Chris zurück und berichtete, daß das Auto völlig spurlos verschwunden sei, obwohl es verschlossen und mit Alarm gesichert war.
"Die Kollegen tappen noch völlig im Dunkeln, sie können uns auch nicht weiterhelfen", erklärte sie.
"Und der Besitzer? Vielleicht gibt es irgendeine Verbindung zu unserem Nosek aus Lennarc, die uns weiterführen könnte". Fischer sah sie hoffnungsvoll an.
"Ich habe ihnen sogar ein Bild von Nosek und auch gleich von Schulze hingefaxt, aber der Fahrer ihres BMW wohnt ganz woanders. Sie prüfen das jetzt zwar nach, nur gibt es nicht viel Hoffnung. Auf alle Fälle sollen wir sie über unsere Ergebnisse auf dem Laufenden halten."
Fischer sah sie endlich an und versuchte zum hundertsten Male, ihr die Schuldgefühle auszureden:
"Nun fang doch nicht schon wieder damit an, Chris, wir haben nicht versagt, schließlich werden seit damals überall in Deutschland teure Autos geklaut und man hat noch nicht einen einzigen Fall aufgeklärt, da müssen wir uns nicht schämen".
"Ich weiß doch, aber trotzdem ist es frustrierend", gab Chris zurück.
"Ist jetzt wieder eines jener Moralgespräche fällig, die bei dir immer den Frust kompensieren?", fragte Ernst Fischer.
"Ersparen wir uns das, freuen wir uns lieber, daß in Cildburg bis jetzt so wenig geschieht. Mir wäre es freilich lieber, wenn ich mehr ermitteln könnte, das wollte ich immer."
"Du bist trotzdem eine sehr gute Polizistin, immerhin wurdest du ja auch schon befördert, Polizeoberimeisterin Doberschütz", versuchte Fischer lächelnd eine Auflockerung des Gespräches zu erreichen.
"Hör mit dem Süßholzraspeln auf, sprechen wir lieber mal über den Toten im See. Ich will nicht so recht an einen Unfall glauben, irgendwas stimmt dabei nicht".
"Deine Nase in Ehren, aber von Cildburg aus werden wir das nicht aufklären können".
22. Peter Steinitz
Im Auftrag vom Boss nahm sich Ede am nächsten Donnerstag und Freitag frei. Kniebaum knurrte zwar herum, weil zwei Wagen noch nicht fertig waren, aber Ede hatte genügend Überstunden zum abfeiern.
Weil auch Cora an diesen Tagen frei hatte, fuhr die ganze Familie zwei Tage in die neuen Bundesländer. Sie benutzten dazu den BMW, für den der Boss Papiere auf einen falschen Namen und eine falsche Nummer besorgt hatte. Irgendwo in der Lausitz nahmen sie Quartier und freuten sich auf die kommenden vier Tage. Sie beschlossen spontan, übers Wochenende zu bleiben, wenn sie schon mal Ferien machten.
Die Gegend war herrlich, mehrere Seen luden zum Baden ein und eine Fahrt durchs Land brachte ständig neue Erlebnisse.
Aber Ede war nicht zum Erholen hergekommen, er hatte einen festen Auftrag. Also ließ er Cora und Sandy allein zurück und fuhr verkleidet in die Stadt.
In Kamenz stellte er seinen BMW auf einem Parkplatz ab und bummelte durch die Straßen. Dabei sah er sich die Leute aber sehr gut an. Vor allem solche, die etwas heruntergekommen aussahen, betrachtete er sich genauer. Er suchte nach einem passenden Verbindungsmann, der hier eine Gang aufbauen konnte. Der Boss wollte expandieren und Ede sollte die neue Gruppe anleiten. Also mußte ein passender Mann gefunden werden.
Als er sich schließlich an einen Kiosk stellte, an dem mehrere Typen ihr Bier tranken, kam er bald mit ihnen ins Gespräch. Er stellte interessierte Fragen, wer sie sind und warum sie schon zu dieser Zeit Bier trinken können.
"Du Arschloch, du blöder, idiotischer Wessi, ihr Fettsäcke könnt hier doch bloß doof und hohl rumquatschen und dann mit euren noblen Schlitten wieder abhauen. Wir sind arbeitslos und haben nicht mal mehr eine Wohnung und da ist das Leben nur noch im Suff zu ertragen."
Der ganz schön angetrunkene und ziemlich verwahrloste Mann glotzte ihn mit leeren Augen an und wartete wohl auf Streit. Aber er wurde von einem anderen zurückgehalten. "Tamme, du hast jetzt genug. Verzieh dich und schlaf deinen Rausch aus", und zur Verkäuferin im Kiosk, während er auf den Betrunkenen zeigte: "nichts mehr, es reicht". Die Frau nickte und Tamme schwankte tatsächlich auf unsicheren Beinen in Richtung Stadtpark davon.
"Scheinen ja harte Sitten bei euch zu sein", meinte Ede.
"Was weißt du denn davon, du hast ja keine Ahnung, sieh hier." Der Mann hob sein Hemd an und Ede sah eine riesige häßliche Narbe über seinem Bauch.
"War 'ne Messerstecherei, wegen zwanzig Euro", erklärte er, "ich lag drei Wochen im Krankenhaus".
"Und eine Hoffnung gibt es für dich nicht?", wagte Ede einen Vorstoß.
"Nee, wenn du so weit wie ich in der Scheiße sitzt, ist hier absolute Endstation. Irgendwann verrecken wir alle auf der Straße."
"Was hast du denn früher gemacht, ich meine, vorher."
"Ich bin Diplomingenieur, hab an der Technischen Universität in Dresden studiert, Maschinenbau, hab mein Diplom mit Auszeichnung gemacht", er lachte bitter, "wofür, warum das alles?"
"Tut mir leid, aber warum hast du aufgegeben? So'n intelligenter Mensch wie du muß doch Ideen haben und was anfangen können mit seinem Leben".
"Ich war vor der Wende verheiratet, zwei Kinder, meine Frau war Sekretärin im gleichen Betrieb wie ich, uns ging es sehr gut. Aber nach der Wende ging der Betrieb ein und solche wie wir laufen zu Tausenden auf jeder Straße rum, an neue Arbeit ist nicht zu denken. Na ja, zu Hause gab es da immer öfter Streit und endlich hat sie mich rausgeschmissen. Seitdem vergammele ich hier in der Gosse. Meine Kinder sehe ich nur noch von weitem."
"Und an einen neuen Anfang hast du nicht gedacht?"
"So dusslig kann wirklich nur ein Wessi quatschen, es gibt keine Chance. Wir reden von nichts anderem, träumen jede Nacht vom großen Geld. Aber dann wachst du wieder auf und liegst irgendwo rum, wo du nicht hingehörst."
"Was würdest du denn für einen Job tun, bei dem du ans große Geld herankommen kannst?" Ede wagte nun einen weiteren Vorstoß. Der andere schien sofort verstanden zu haben und blickte ihn erstaunt mit großen Augen an.
"Wenn's nicht gerade Mord oder Rauschgift für Kinder ist, würde ich alles versuchen, auf so ein Angebot warten wir doch täglich, aber ich dachte nie, daß es mir mal jemand macht."
"Was ich meine, ist keins von beiden".
Der andere sah sich kurz nach allen Seiten um:
"Komm mit, wir setzen uns auf eine Bank, hier haben die Tische Ohren."
Er führte Ede zu einer Bank, die tatsächlich recht einsam dazustehen schien.
"Schieß los, was hast du anzubieten?"
"Zuerst wollen wir uns einmal vorstellen, ich bin Sven Niedorf aus Goslar", stellte sich Ede vor. Der Boss hatte ihm auf diesen Namen einen Paß gegeben.
"Peter Steinitz", stellte sich der andere vor. Bei dem Namen Peter stutzte Ede und lächelte dann.
"Ich gehöre zu einer Organisation, die mit Autos handelt", begann er vorsichtig, "wir verkaufen sie an Abnehmer vor allem in den Ostblockländern. Wir haben aber mehr Aufträge als wir erledigen können und wollen hier eine neue Geschäftsstelle eröffnen. Ich suche dafür einen Geschäftsführer, der eine zuverlässige Mannschaft aufbaut."
Peter hatte sofort verstanden.
"Autoklau, na ja, ich wüßte auf Anhieb mindestens zehn Mann, die das machen würden."
"Nein nein, nicht so schnell. Wir nehmen nur ausgesuchte Leute und ein Aussteigen gibt es nicht. Wenn du mitmachen willst, kann ich dir in einer Woche Bescheid geben, solange dauert es, bis wir dich überprüft haben. Bis dahin darfst du mit keinem Menschen ein Wort darüber reden. Du weißt auch, was in einer Organisation passiert, wenn einer nicht spurt. Da kommt er nicht mit einer Narbe am Bauch weg."
Peter war nun doch beeindruckt und etwas eingeschüchtert. Aber er war viel zu froh über das Angebot, als daß er sich Gedanken über Skrupel gemacht hätte.
"Ich nehme das Angebot an, Sven, du hast euren neuen Geschäftsführer gefunden".
Feierlich standen sie auf und reichten sich die Hand. Zum Abschied reichte ihm Ede heimlich einen Umschlag mit Geld.
"Das hier ist ein kleiner Vorschuß. Werd aber nicht gleich üppig, du darfst nicht auffallen, denke dran. Nächsten Sonnabend bin ich wieder hier."
Sie verabredeten noch Zeit und Ort des Treffs, dann fuhr Ede hochzufrieden zu Cora zurück. Zuerst nahm der seine Perücke und den Bart ab. Die dicke Brille ersetzte er duch eine Sonnenbrille. Gutgelaunt gab er dem Boss sofort den Namen und die Anschrift Peters bekannt.
Die drei verlebten ein herrlich schönes Wochenende in der Lausitz und Sandy freundete sich sogar mit ein paar Kindern an, die sie dort kennenlernte. Sie tauschten eifrig ihre Adressen und Telefonnummern aus und wollten sich gegenseitig anrufen.
Cora lächelte dazu, denn so glücklich hatte sie ihr Mäuschen schon lange nicht mehr gesehen.
23. Der Schnüffler
"Da ist was faul, irgendetwas hecken die aus", murmelte Gernot Kahl und trat direkt ans Fenster, um Fips und Ede besser sehen zu können. Die beiden sprachen leise einige Worte und dann ging jeder an seine Arbeit.
Gernot trat entschlossen vor die Tür des Chefs und klopfte an. Als Geschäftsleiter hatte er von seinem Zimmer aus eine Verbindungstür und mußte nicht erst an der Sekretärin vorbei.
"Kommen sie rein, Herr Kahl, ich wollte ohnehin mit ihnen über die neue Wagenwaschanlage sprechen", empfing ihn Hall erfreut und zeigte auf die Clubsesselgarnitur an der Seite des Schreibtisches.
Er brachte auch gleich eine Flasche und zwei Gläser dazu.
"Nun, wie lange brauchen sie zum Auswechseln der Technik, ich schlage vor, daß wir am Wochenende eine Sonderschicht fahren, dann können wir am Montag gleich wieder öffnen."
"Natürlich Chef, das ist eine gute Idee", beeilte sich Gernot eifrig zu versichern.
"Also Beginn am Sonnabend um 9.00 Uhr, ich habe das schon so herausgegeben. Freut mich, daß wir wie immer einer Meinung sind." Der Chef goß die Gläser voll und schob eines davon zu seinem Geschäftsführer hinüber.
"Auf gutes Gelingen, wir müssen sehen, daß Kramer aus der Fiatwerkstatt Wilhelmstraße mitmacht, der kennt die Anlage am besten".
Der Chef hob das Glas und Gernot nickte zustimmend.
"Auf gutes Gelingen, aber eigentlich habe ich noch ganz was anderes, worüber ich mit ihnen sprechen wollte", begann er vorsichtig.
"Na dann los, wir sind eben so schön beim Plaudern", Halls gute Laune steckte an, Gernot wagte ein Lächeln.
"Ach, vielleicht täusche ich mich, aber Ede und Fips, die hecken irgendwas aus. Sie stecken laufend zusammen und wenn ich dazukomme, sind sie plötzlich still."
"Na ja, sie arbeiten eben beide hier", entgegnete Hall, ohne dem besondere Aufmerksamkeit zu widmen, "da laufen sie sich dauernd über den Weg. Vielleicht reden sie über Fußball oder über Autos, ich habe zu beiden Vertrauen. Sie arbeiten gut und machen doch keine Schwierigkeiten, oder?". Er blickte auf Gernot, der den Kopf schüttelte.
"Nein, nein, ich kann nicht klagen, nur ihre Heimlichtuerei, das gefällt mir nicht."
"Na schön, Herr Kahl, passen sie ein bißchen auf die beiden auf, man kann ja nie wissen und ihre Tips waren bis jetzt noch immer gut." Für Hall war damit das Thema beendet, er lenkte das Gespräch noch einmal auf Sonnabend und die Waschanlage.
Als Gernot später allein Büro war, nahm er sofort den Hörer und wählte seine Privatnummer.
"Hallo Irene", hörte ihn Hall telefonieren, "du mußt Doktors am Sonnabend absagen, ja, tut mir leid, aber ich werde dringend hier im Betrieb gebraucht. Nein, das weiß ich doch auch nicht, aber wir holen bestimmt alles nach, lade sie doch einfach für nächsten Sonnabend ein."
Oscar Hall schmunzelte und setzte sich wieder an seinen eichenen Schreibtisch. In Kahl hatte er sich nicht getäuscht, der ist ihm unterwürfig wie ein Hund. So erfährt er manches, das ein Chef sonst nicht wissen muß, und als Geschäftsführer hat Kahl heimlich sogar einen Lehrgang Betriebswirtschaft besucht. Es gab nichts zu klagen, die Geschäfte liefen gut und auf Gernot ist Verlaß, wenn auch seine Kriecherei abstoßend wirkt. Seitdem Oscar Hall ihm eine Gehaltserhöhung in Aussicht gestellt hatte, war er ihm völlig ergeben. Hall nahm es gelassen, aber er beglückwünschte sich insgeheim doch für seine Informationsquelle.
"Großartig, Herr Kahl, das war gut organisiert", lobte er ihn am Sonntag, als die Anlage stand.
"Danke, Chef, ohne Sie wären wir jetzt aber noch nicht fertig. Grüßen Sie Ihre Gattin von mir, ich muß mich jetzt erst mal ausschlafen", antwortete Kahl erfreut.
Niemand aus der Werkstatt bemerkte den jungen Mann, der gegenüber das Haus beobachtete und hinter einen Baum trat, als eine Bewegung auf dem Hof zu erkennen war. Wahrscheinlich wollte er nicht gesehen werden. Er hatte dunkles Haar und eine beginnende Stirnglatze.
Als Gernot jedoch zu seinem grünen Ford Mondeo ging fiel ihm auf, wie Ede seinen Porsche abschloß und zu Fips in dessen Opel stieg. Ohne sich noch einmal umzusehen, fuhren die beiden davon.
Kahl suchte nach dem Chef, ob der vielleicht diesen Vorfall auch beobachtet hat. Aber zu seinem Bedauern saß Hall schon in seinem Mercedes und der stand so, daß er die beiden bestimmt nicht sehen konnte.
Kurz entschlossen gab er Gas und fuhr hinter Fips und Ede her. Es gab ja viele dunkelgrüne Ford's und so konnte er ziemlich sicher sein, von ihnen nicht bemerkt zu werden.
Zwar hatten sie schon einen kleinen Vorsprung, aber zum Glück fuhr Fips nicht allzu schnell, sodaß Gernot sogar noch etwas aufholen konnte. Da bog der Opel auf die Straße nach Lesta ein und Kahl blieb wieder etwas zurück, denn auf dieser langen und meist leeren Strecke war die Gefahr wohl doch etwas größer, daß er bemerkt wurde.
Gernot steigerte sich immer mehr in seine Vorstellungen hinein, daß er die beiden bei einem Verbrechen erwischen würde. Er kam sich mittlerweile wie der Detektiv vor, den er neulich im Fernsehen bewundert hatte. Auch der verfolgte den Möder in weitem Abstand, um dann plötzlich und im richtigen Moment aufzutauchen und den Mann zu überwältigen.
Da sah er von weitem, wie der Wagen von der Straße abbog.
Als er selbst in den Feldweg hineinfuhr, mußte er erst eine kleine Steigung überwinden, ehe die Sicht wieder frei war. Etwas entfernt stand eine alte Werkhalle, vor der eben Ede und Fips aus dem Opel stiegen.
Gernot hielt so an, daß der Wagen hinter einem Strauch nicht zu sehen war und schlich sich im Schutze des Wegrandes näher an die Halle heran. Von drinnen hörte er undeutlich Stimmen, es klang wie eine elektronische Roboterstimme. Leider konnte er kein Wort verstehen und huschte deshalb in die Halle hinein.
An der Seite stand eine Tür offen. Als er eine Bewegung in der Halle bemerkte, schlüpfte er in diesen kleinen Raum und merkte zu spät, daß das eine Falle war. Die Tür schlug hinter ihm zu und Gernot war in diesem Raum gefangen.
24. Coras Auslieferungsfahrten
"Was soll denn das, ich bin doch nicht so doof wie dein Peter, daß mir die Nerven durchgehen. Mit den Bullen werde ich schon fertig", versuchte Cora die Bedenken Edes zu zerstreuen.
Der Boss hatte für die Auslieferung knallharte Termine gesetzt und einen anderen Fahrer konnte Ede nicht beschaffen. Also sollte jetzt Cora zeigen, was sie drauf hat.
"Sie ist auch keine Ausnahme, jeder von uns hat sein Risiko zu tragen. Und wenn der Deal über Ostern laufen soll, muß sie ran", beendete Tine die Diskussion.
Ede sah sie wütend an. Wer ist denn hier der Chef, er oder sie! Tine bestimmt einfach, was zu tun ist. Das soll sie gefälligst zu Hause bei Latsch machen, hier hat sie sich zu fügen. Aber er sah auch ein, daß sie Recht hatte. Es gab keine andere Wahl und Cora wird schon keinen Mist bauen.
"Hat noch jemand eine Meinung dazu?", fragte er.
"Ganz wohl ist mir bei der Sache nicht, wenn Cora auffliegt, dann sind die Bullen hier. Peter wußte von uns nichts, das war gut so, aber Cora ist eine von uns", gab Fips zu bedenken.
"Du spinnst wohl, denkst du, daß ich denen die Adresse von hier auf die Nase binde? Du kannst die Klamotten ja auch selber rüber fahren, wenn du es besser schaffst".
Cora sah sich in der Runde um: "Will es jemand machen?... Na also, dann fahre und kassiere ich!"
"Ein paar Tage hätten wir ja nun auch noch warten können, bis wir einen neuen Kurierfahrer haben, das wäre trotzdem sicherer", maulte Fips weiter.
"Jetzt halt endlich deine Klappe, ich verdiene mir das Geld und basta", fuhr ihn Cora an.
Ihre Vorbereitung sah überraschend anders aus, als sonst üblich. Sie setzte sich in einen der BMW und fuhr einige Kilometer über den Feldweg. Es hatte eben geregnet und der Wagen war danach schön verdreckt.
"So, wenn sie mich mit so'ner Karre sehen, kommen sie nie auf den Gedanken, daß da was nicht in Ordnung ist", meinte sie, "außerdem sind die Papiere auf meinen Namen ausgestellt".
"Ich fahre mit dem Porsche hinter dir her, wenn was ist, kann ich dich gleich raushauen", sagte Ede.
"Paßt auf euch auf, meine Freunde", kam es aus dem Lautsprecher vom Boss.
Alle sahen sich erstaunt an. Noch niemals hatte der Boss in irgend einer Form ein Zeichen des Gefühls erkennen lassen.
War es die Sorge um Cora und Ede oder Nervosität um sein Geschäft, fragte sich in diesem Augenblick wohl jeder. Aber der Lautsprecher schwieg.
Am nächsten Tag war Karfreitag und Cora setzte sich mit ihrer Tochter in einen der BMW. Sie hatte sich dabei etwas einfältig zurechtgemacht, trug ein Kopftuch und eine rote Strickjacke, dazu einen Glockenrock und weiße Kniestrümpfe. Selbst Ede mußte erst einmal lachen, als er sie so sah.
"Du siehst aus, wie Lieschen Müller vom Lande", stellte er erheitert fest.
"Genau so will ich auch aussehen, da kommt keiner auf die Idee, mich genauer zu filzen", gab sie zurück.
"Weißt du noch, wieviel Bedenken du am Anfang hattest, wo sind die jetzt nur alle geblieben", seufzte er.
"Ich weiß doch genau, daß du auf Sandy aufpaßt, wenn mir was passiert, da bin ich ganz ruhig", rief sie zurück und gab langsam Gas.
Ede stieg in seinen Porsche und fuhr hinterher. Auf der Autobahn rief er Cora über CB an. Die Verbindung war gut, also mußten sie nur noch Glück in Görlitz haben.
Und sie hatten tatsächlich Glück, denn der polnische Markt war an diesem Tag sehr gut besucht, am Grenzübergang wartete eine lange Schlange Autos. Ede stand zwei Wagen hinter Cora. Das hatten sie vorher verabredet, damit sie nicht etwa von demselben Beamten kontrolliert wurden, der dann vielleicht Verdacht schöpfte. Mit Erleichterung sah Ede, wie Cora über die Neißebrücke fuhr und drüben kaum beachtet wurde. Sie hielt ein Stück hinter der Grenze und stieg mit Sandy aus.
Als Ede vorfahren wollte, wurde er an die Seite gewinkt und gründlich kontrolliert. Er mußte sogar die Sitze verschieben und den Tank öffnen, man kontrollierte die Reifen, ob irgendwelche Schrauben neu waren und vieles mehr. Seine Papiere, die erst wenige Tage alt waren, erregten Aufmerksamkeit und es wurde eine Rückfrage nach Cildburg gestartet, ob er wirklich den Porsche angemeldet hat. Nach etwa einer dreiviertel Stunde durfte er dann schließlich weiterfahren.
Cora hatte den Vorfall von Polen aus beobachtet und empfing ihn lachend:
"Na, haben sie dich nun gründlich gefilzt? Mich hat gar keiner für voll genommen, in meinem Aufzug und dem schmutzigen Auto".
"Was haben die denn mit dir gesprochen?", wollte Ede wissen.
"Sie wollten nur wissen, wo wir hinfahren. Ich habe gesagt, zu meiner Großtante väterlicherseits, aufs Land, da waren sie zufrieden", lachte Cora.
Ede war erstaunt, denn Cora hatte tatsächlich so eine Großtante irgendwo in Polen, zu der es natürlich nicht die geringste Verbindung gab. Im Notfall wäre das aber doch eine gute Ausrede gewesen, aus der man was machen kann.
Zwei Tage später fuhr Cora den anderen BMW über Frankfurt nach Polen. Wieder war Ede hinter ihr. Beide wurden an der Grenze zwar nicht zur Seite herausgewinkt, aber trotzdem sehr gewissenhaft überprüft.
Jeweils drei Beamte sahen sich die Papiere an und liefen mehrmals rund um die Fahrzeuge herum, Cora mußte sogar den Motorraum und den Kofferraum öffnen. Dann drückten sie die Tasten ihrer Laptops, tuschelten miteinander, um schließlich gute Fahrt zu wünschen und das nächste Fahrzeug heranzuwinken.
"Ich dachte schon, die finden was", sagte Ede danach und zündete sich erst einmal eine Zigarette an. Cora tat es ihm nach und Sandy angelte nach einem Schokoladenriegel.
"So was lasse ich nie wieder zu, und wenn ich zehn Fahrer besorge, von uns fährt keiner mehr", kündigte Ede an.
"Na ja, eine Gefahr ist schon dabei, wo sie doch jetzt immer öfter von Automaffia und so rumquatschen", antwortete ihm Cora,"wenn von uns einer hochgeht, hat der Boss alles verloren. Ist schon besser, wenn es einer macht, der uns nicht kennt, obwohl wir dabei ja sehr gut verdienen. Aber warum der Boss den Peter dann gleich umbringt, ist mir nicht klar. Der war doch keine Gefahr für uns, der wußte doch gar nichts."
"Rasi hatte sich dummerweise vorgestellt, und ich habe mich auch als Ede bezeichnet. Edes gibt es wohl viele, und ob sie auf mich gekommen wären, glaube ich noch gar nicht. Aber einen einfältigen Kraftfahrer, der Rasi genannt wird, den gibt es bestimmt nicht oft. Wenn die den Peter also gekriegt hätten, wären wir auch bald dran".
Ede warf die Kippe weg und trat darauf: "beim Nächsten nenne ich mich Karl und Rasi ist Michael, das habe ich ihm schon eingebleut, sogar ein Schild mit diesem Namen habe ich ihm gegeben, das soll er sich an die Frontscheibe stellen."
"Klingt gut, alle Achtung", erkannte Cora an, "aber warum geht der Boss dann das Risiko ein, uns heute hierherzuhetzen?"
"Weil der Auftrag ein Terminauftrag ist und ein Riesengeschäft nach sich zieht. Der Boss muß seine Zuverlässigkeit beweisen, die Sache mit Peter hat schon für genügend Aufsehen gesorgt."
Eine halbe Stunde später hatten sie den BMW übergeben und das Geld kassiert. Mit dem geübten Griff des Fachmannes entfernte Ede einen Teil der Seitenverkleidung des Porsche und schob es hinein.
"Kommt, wir fahren bis Thüringen zurück und machen einen schönen Osterspaziergang", lud er die beiden ein.
25. Der Traumurlaub
In Cildburg war inzwischen der Termin der Abreise in die Südsee herangerückt. Freddi blickte unruhig auf die Uhr und besah sich zum zwanzigsten Male im Spiegel.
Wenn nur nichts dazwischen kommt. Eigentlich hätte er nicht auf den Vorschlag eingehen sollen, daß Cindis Mutter die beiden zum Flughafen fährt. Wenn er so etwas selbst organisiert, dann klappt es auch. Jetzt machte er sich Vorwürfe, daß sie das Flugzeug noch verpassen könnten.
Während er immer mehr in Unruhe geriet, klingelte es und Cindi stand vor der Tür. Sie trug eine enge weiße Hose und ein leichtes weißes T-Shirt mit buntem Aufdruck.
"Bist du fertig?", fragte sie zur Begrüßung und drückte ihm einen Kuß auf die Lippen.
"Und ob, ich warte schon ganz ungeduldig. Laß dich mal ansehen, du bist wunderschön, Cindi, hoffentlich merken das nicht zu viele andere Männer auf dem Schiff."
"Ist der Herr jetzt schon eifersüchtig?"
"I wo", scherzte Freddi, "es sind bestimmt noch andere hübsche Mädchen dabei."
Cindi nahm sein Gesicht zwischen ihre Hände:
"Wag dir's". Dann gab sie ihm erneut einen langen Kuß.
Die Hupe der Mutter brachte die beiden in die Wirklichkeit zurück. Schnell griffen sie sich Freddis Koffer und liefen damit die Treppe hinab.
Rita von Eichenthal, Cindis Mutter, war trotz ihrer 45 Jahre noch immer eine auffallend schöne Frau. Cindi hatte von ihr die ruhige Art, Probleme anzugehen und die Fröhlichkeit geerbt.
Auch rein äußerlich ähnelten sich Mutter und Tochter. Sie hatten die gleichen dichten Haare, wenn sie auch bei Rita dunkler waren und nicht in dem leuchtenden Gold glänzten wie bei Cindi, und sie hatten sogar die gleiche schlanke Figur mit den langen Beinen und den eleganten Bewegungen.
Natürlich gefiel Freddi der Mutter gleich bei der ersten Begegnung und sie freute sich über die Wahl ihrer Tochter. Gern hätte sie ihren zukünftigen Schwiegersohn etwas verwöhnt, wie es alle Schwiegermütter tun. Aber Freddi fühlte sich in dieser Atmosphäre des Reichtums und des Geldes nicht wohl, er schämte sich seiner ärmlichen Herkunft und war viel zu bescheiden, um Geschenke anzunehmen. Eichenthals hatten sich inzwischen daran gewöhnt und waren sogar etwas stolz auf diesen Schwiegersohn, dem Cindis Geld so vollkommen einerlei war, der sich nicht einen Cent schenken ließ.
Alle Welt kannte Rita von Eichenthal nur in Begleitung ihrer beiden Dalmatiner, die frei neben ihr liefen und aufs Wort gehorchten. Auch jetzt saßen sie im hinteren Wagenteil und begrüßten die beiden mit erfreutem Winseln.
Freddi gab Rita die Hand und strich danach den Hunden über den Kopf, während er ihnen liebevolle Worte zuflüsterte. Dann nahm er neben Cindi im Fonds des Wagens Platz und Rita fuhr zum Flughafen nach Frankfurt.
Es war eine lange Fahrt, die sie ohne Zwischenstop zurücklegten. Sie wollten lieber auf einen Imbiss verzichten, um das Flugzeug nicht zu verpassen.
In Frankfurt hatten sie dann aber doch noch genügend Zeit für ein gutes Essen. Rita lud dazu ein und war sichtlich froh, daß Freddi ihre Einladung annahm.
Zum Abschied umarmte Cindi ihre Mutter und auch Freddi legte seinen Arm um ihren Hals. Liebevoll verabschiedeten sich die beiden anschließend von den Hunden, die mit kläglichem Winseln antworteten, dann wünschte Rita ihnen glückliche und unbeschwerte Ferien.
Kurze Zeit später saßen sie im Flugzeug nach Hawaii. Es wäre Freddi nicht einmal in den Sinn gekommen, für Cindi weniger als die first class zu buchen. Das erwies sich auf dem langen Flug jetzt als Vorteil und sie war ihm dafür dankbar. logo
Natürlich hatte er die ganze Reise als luxus class bezahlt, durch die vierzigtausend Euro, die ihm Herr Henrich geliehen hatte, war das möglich. Einige Tausender hatte er vorher ja auch schon selbst zusammengespart. So blieb sogar noch genügend Geld übrig, um Cindi auf der Reise ein wenig zu verwöhnen.
Die Reisegruppe aus Deutschland war nicht sehr groß. Dafür bestand sie aber fast nur aus solchen Leuten, die irgendwie zu Wohlstand gekommen sind. Und das wollten sie nun auf dieser Reise aller Welt zeigen.
Das Millionärsgehabe dieser größtenteils völlig unbedeutenden, aber eingebildeten Menschen stieß Freddi ab. Cindi war zwar an den Umgang mit solchen Typen von Kindheit an gewöhnt, aber sie sah sie plötzlich mit Freddis Augen und fühlte sich ebenfalls von ihnen angewidert.
Die vernünftigsten Leute waren das Ehepaar Schneider aus Duisburg, die wohl lange für diese Reise gepart hatten und ein junges Paar auf der Hochzeitsreise, das man aber selten zu Gesicht bekam und die sich für niemand interessierten.
Dafür wurden sie von der Südsee reichlich entschädigt. Allein die zwei Tage Hawaii ließen Freddi schon alle seine Sorgen vergessen, und die Wirklichkeit war ja noch viel schöner, als auf den Bildern in den Reisebüros. Ob dieses Gefühl wohl etwas damit zu tun hatte, daß Cindi stets bei ihm war?
Auch sie war total glücklich und fröhlich, es gab nicht einmal einen dunklen Hauch in ihrem Bewußtsein.
Bei einer solchen ungezwungenen Sorglosigkeit, die man mit dem liebsten Menschen, den es auf der Welt gibt teilen kann, wird jeder Augenblick ein göttliches Geschenk und sie genossen dieses Geschenk bis zur letzten Neige.
Vor allem die hübschen Hawaiimädchen mit ihren Blumenkränzen umringten überall den Traummann Freddi und ihm gefiel natürlich auch die Aufmerksamkeit dieser exotischen Wesen. Aber Cindi war klug genug, um sich keine Sorgen darüber zu machen. Wem gefällt es schließlich nicht, wenn er begehrt wird, auch ihr starren ja stets die Männer nach und sie genießt es.
Nein, alle hübschen Hawaiimädchen mitsamt ihren Verführungskünsten konnten Freddis Liebe nicht im Geringsten beeinflussen. Wenn ihn Cindi, geschmückt mit einem Blumenkranz, begrüßte, war sie für ihn noch viel schöner, als alle Hulamädchen von Hawaii zusammen. Darüber waren sich wohl auch die Reisegäste einig, daß Cindi die Inselschönheiten zumindest durch ihre Ungezwungenheit und Natürlichkeit aussticht.
Sie galten überhaupt als das ideale Paar, waren stets freundlich und heiter und überall beliebt.
26. Gauneralltag
Ede wachte fröhlich auf und summte beim Frühstück sogar ein Liedchen. Heute war Sonntag und er wollte mit Cora und Sandy zum Steinbruch baden gehen.
Da plötzlich gab der Piepser, den der Boss allen Mitgliedern der Gang schon vor drei Jahren gegeben hatte, einen Ton von sich, und Ede sah unwillig Cora an. Sie mußten erst einmal in Lesta vorbeifahren, ob sie wollten oder nicht. Aber der Boss wollte Sandy dort nicht sehen, sie sollte von der Halle möglichst nichts wissen.
"Ihr müßt jetzt wieder fort und wir können wieder nicht schwimmen gehen", maulte sie da auch schon los.
"Laß nur, Mäuschen, wir bleiben bestimmt nicht lange und können dann noch baden gehen", versuchte Cora ihre Tochter zu beruhigen, ohne selbst so richtig daran zu glauben.
Sandy sah sie zweifelnd an: "Immer euer Boss, der macht doch immer alles kaputt, und heute auch".
Cora nahm sie in die Arme und drückte sie an sich. Sandy schlang die Arme um ihren Hals und so blieben sie noch einen Moment sitzen.
Da erhob sich Ede und sagte schmunzelnd zu Sandy:
"Weißt du was, du räumst jetzt hier das Frühstück weg, da wird dir die Zeit nicht so lang, bis wir wieder kommen".
"Ph, soll das doch euer Boss machen".
Mit hoch erhobenem Kopf ging Sandy in ihr Zimmer uns setzte sich vor ihr neues Videospiel. Dabei konnte sie hören, wie ihre Mutti und Ede in Coras Wagen wegfuhren.
Das hatte natürlich seinen Grund, denn Ede vermied es vorsoglich, in seinem Porsche nach Lesta zu fahren. So ein Nobelschlitten fiel doch zu sehr auf, in dem kleinen Dorf. Und der Boss legte großen Wert darauf, daß die Gruppe nicht auffiel. Nach Coras Astra sah sich kein Mensch um, der war unauffällig.
"Hallo Cora, hallo Ede", begrüßte sie der Boss
"Hallo Boss, was ist los, wir wollten heute eigentlich mal so richtig einen in Familie machen", gab Ede zurück.
"Das könnt ihr auch noch, was ich dir sagen will, dauert nicht lange. Also, wir brauchen wieder neue Wagen, ich habe einen größeren Auftrag übernommen. Den ersten könnt ihr nächsten Freitag in Wiesbaden abholen, er wird am Abend auf dem Parkplatz stehen, wo ihr damals den roten Mercedes geholt habt."
Ede notierte sich den Wagen und die Nummer. Er wußte, daß er nächsten Freitag hier in Lesta Papiere für den Wagen finden würde, die auf den Namen von Fips ausgestellt sind. Dann fuhren Cora und Ede zurück. Sandy freute natürlich sehr, daß der Ausflug doch noch gerettet war.
27. Die Kreuzfahrt
Ihre Kreuzfahrt begann am dritten Tag auf einem schneeweißen Traumschiff, das den verheißungsvollen Namen "Pearl of South" trug und mehrere tausend abenteuerlustige Passagiere aus aller Welt an Bord hatte.
Gleich am ersten Tag schlenderten sie neugierig durch das Schiff und entdeckten die Fitneßräume. Für Interessenten wurden dort sogar Lehrgänge in Karate und Selbstverteidigung durchgeführt.
"Wollen wir nicht Karate lernen", scherzte Cindi.
"Die sollen mich wohl "Bruce Lee von Cildburg" nennen", gab Freddi schmunzelnd zurück.
"Warum nicht, ich wäre sogar sehr stolz darauf", sagte Cindi ganz ernst, "bitte, Freddi, ob wir nun an Deck im Liegestuhl rumgammeln oder uns hier schaffen, ist doch egal."
"Ich glaube fast, du meinst es ernst".
"Und ob ich es ernst meine, ich melde uns beide sofort an."
Damit schritt sie zielstrebig voran und Freddi folgte ihr. Er freute sich eigentlich, denn was kann es Schöneres geben, als sich die Zeit mit Sport zu vertreiben. Durch Cindis Fitneßraum waren sie ohnehin gut in Form.
Von nun an hielten sich Cindi und Freddi viele Stunden am Tag in den Trainingsräumen auf. Wenn sie auch in den wenigen Wochen keine Karatekämpfer werden konnten, aber die Grundbegriffe und einige Techniken der Selbstverteidigung und sogar des Kampfes lernten sie doch. logo
Sie übten tagelang unbequeme Stellungen, ohne den Sinn einzusehen, danach kam das Kihon, die langweilige Grundschule. Sie mußten sich laufend selbst überwinden, mußten lernen, Schmerzen zu ertragen, aber ihre große Ausdauer und ihr Wille zwangen ihnen auch immer neue Erfolge ab.
"Erstaunlich, zu welchen Leistungen solch eine wunderschöne, zarte Frau fähig ist", erkannte selbst "Jule", der Trainer, an. Er war natürlich ein Japaner, klein, aber kräftig und geschmeidig wie eine Katze, mit schwarzem Gürtel. Sein Name war unaussprechlich japanisch. Er hörte sich irgendwie nach 'Jule' an, und so nannten ihn denn auch alle. Er nahm es niemandem übel und sagte immer gutgelaunt:
"Ich abe ja auch schlechte Englis"
Cindi und Freddi wollten es schaffen, das Kihon abzuschließen und einige Grundtechniken zu erlernen.
Am Ende der Kreuzfahrt hatten beide die Bedingungen für den gelben Gürtel erfüllt und wandten sich sogar schon schwierigeren Übungen zu. Bereitwillig zeigte ihnen Jule auch einige sehr schwierige Angriffe, die aber höhere und teilweise sogar den schwarzen Gürtel erfordern. Sie probierten es trotzdem.
"Vielleicht gibt es in Cildburg auch eine Karateschule, ich mache dann jedenfalls weiter mit", kündigte Cindi an, "und dir macht es doch auch Spaß".
"Womöglich werde ich doch noch der Bruce Lee von Cildburg und du wirst Kung-Fu-Lady", lachte Freddi.
Aber noch war es nicht so weit und die Perle des Südens zog ihre Bahn von einem Inselparadies zum nächsten. Eines Tages standen die beiden an der Reeling und schauten in die Ferne, wo in der Unendlichkeit des gewaltigen Ozeans undeutlich in den Sonnenreflexen flimmernd, wieder eine neue Inselkette aufzutauchen schien.
Plötzlich ertönte ein gellender Schrei und vom Oberdeck fiel etwas laut platschend ins Wasser.
"Jennyyyy...", schrie eine Frau mit sich verzweifelt überschlagender Stimme, während der Ruf "Mann über Bord" durch das Schiff gellte. Jetzt tauchte unter den beiden der Schopf eines kleinen Mädchens aus den Fluten auf.
Ohne zu überlegen machte Freddi einen Satz über die Reeling und sprang in das Wasser, direkt neben das Mädchen. Er riss sie hoch und war erleichtert, als sie ihn erschrocken ansah und mit einen tiefen Atemzug eine Menge Wasser aushustete. Um vom Schiff so schnell wie möglich wegzukommen, schwamm und ruderte er kraftvoll und verzweifelt, während sich das Kind in panischer Angst schmerzhaft an ihn klammerte. Der Heckstrudel wirbelte die beiden zwar gefährlich herum, aber sie waren schon zu weit entfernt, um in den Sog der Schraube gezogen zu werden. Freddys kraftvoll schlagende Beine taten ein Übriges. Nach ein paar bangen Sekunden schwammen sie allein mitten im stillen Ozean.
Das Schiff entfernte sich sehr schnell und etwa hundert Meter von ihnen entfernt flog noch ein Rettungsring über Bord. Freddi ahnte dankbar, daß ihn Cindi geworfen hat.
Er beruhigte die kleine Jenny, die etwa acht bis neun Jahre alt sein mochte, aber einen tüchtigen Schock hatte, und schwamm mit ihr auf den Ring zu. Als er ihn erreichte, setzte er sie hinein und hielt sich an der Seite fest. Die Perle des Südens hatte inzwischen ungefähr einen Kilometer von ihnen entfernt gestoppt und ließ ein großes Schlauchboot zu Wasser. Freddi kannte es, darin fuhr die Besatzung an Land, wenn es dienstliche Besorgungen gab. Es war wendig und flink.
Mit Schrecken sah Freddi dreieckige Flossen aus dem Wasser auftauchen und sie umkreisen. Zudem erkannte er, dass die Kreise schnell enger wurden und einige der größten Haie bereits auf Reichweite herangekommen waren. Da versuchte er verzweifelt, sie mit heftigen Bewegungen zu verscheuchen.
Zunächst gelang ihm das zwar auch, aber ewig würde es nicht so bleiben. Und richtig, im nächsten Moment schoß auch schon ein großer Hai so an ihm vorbei, daß er von dessen Rumpf gestreift wurde. Freddi fühlte die Sandpapierhaut über sein Shirt streichen und zuckte sofort erschrocken zurück. Nackte Haut wäre jetzt verletzt und würde bluten, schoß es ihm durch den Kopf, nur nicht mit nackter Haut einen Hai berühren, durch das Blut werden sie blindwütig angriffslustig.
Aber das Wetter war zum Glück ruhig und freundlich, sie waren gut zu erkennen und so konnte er nur auf das Boot warten. Zudem fand er sogar noch beruhigende Worte für die kleine Jenny.
Ihre Retter wurden vom Kapitän über Funk geleitet. Der stand auf der Brücke und konnte den roten Rettungsring mit dem weissen T-Shirt des Kindes im Fernglas gut erkennen. Freddi dagegen schwamm im Wasser und ob sein dunkelblonder Haarschopf in der blauen See auch zu erkennen war, bleibt wohl für immer das Geheimnis des Kapitäns. Jedenfalls erhielt der erste Offizier, der das Boot steuerte vom Kapitän den Kurs vorgegeben und bald schon sah er selbst sein Ziel. Als Beifahrer hatte der Schiffsarzt im Boot Platz genommen, um sofort erste Versorgungen in die Wege leiten zu können.
Freddi schwamm den Rettern entgegen und schob dabei den Ring mit dem Kind vor sich her. Das Boot wurde von einem starken Motor angetrieben und kam schnell näher. Noch ehe die Haie sie erneut verletzen konnten, war es bei ihnen und nahm sie auf. Freddi schob zuerst den Ring mit Jenny zu den Männern, ehe er selbst an Bord kletterte.
Natürlich sind bei dem Ruf "Mann über Bord" sofort alle Passagiere auf Deck gehastet und haben zugesehen. Es war keine der dramatischen Rettungsaktionen aus aufregenden Aktionfilmen gewesen, aber Freddi war trotzdem der Held des Schiffes. Und daß er fast gleichzeitig mit dem Kind ins Wasser gesprungen war, obwohl er die Gefahr durch die vielen Haie genau kannte, bewunderten alle an ihm.
Jennys Eltern waren Tankstellenbesitzer aus den USA. Für eine solche Tat, wie sie Freddi vollbracht hat, ist allgemein ein Dank in Form eines Schecks fällig. Aber Freddi und Cindi reisten ja in der Luxusklasse und galten daher von vornherein auf dem ganzen Schiff als wohlhabend. Die Dillons, wie Jennys Eltern hießen, hatten nur die zweite Klasse gebucht und glaubten, daß man Freddi mit Geld nicht danken kann.
"Mr. Schadok, wenn sie nach Detroit kommen, können sie so oft kostenlos bei mir tanken, wie sie wollen", bot Mr. Dillon Freddi an, der sich lächelnd bedankte.
Dafür hatte er eine kleine Freundin gewonnen, denn Jenny war ein aufgewecktes, fröhliches Kind, das ihm von nun an nicht mehr von der Seite wich und ununterbrochen plapperte. Cindi nahm es von der heiteren Seite und deshalb hatte die Langeweile bei ihnen auf dieser Fahrt keine Chance mehr.
Aber auch der Schiffsarzt, der ihn nach der Rettung untersuchte und in Freddi einen zukünftigen Kollegen erkannte, bewunderte ihn. Beim Essen bat er Cindi und Freddi an seinen Tisch, wo sich bis zum Ende der Reise eine regelrechte Freundschaft entwickelte. Dr. Janai aus Indien war ein sehr interessanter Mensch. Er sprach gut Deutsch, denn er hatte in Deutschland studiert.
Als die Reise zu Ende ging, hatten die beiden nicht nur schöne Erinnerungen an einmalige Erlebnisse, sondern auch sehr viele neue Freunde und Bekannte.
28. Sorgen
Der Rückflug verlief ohne Besonderheiten und in Frankfurt stand nicht Cindis Mutter, sondern der Hubschrauber der Eichenthal-Elektronik mit Cindis Bruder, dem Bankier Steffen von Eichenthal, der sie nach Cildburg zurückbrachte. Dafür erzählten sie bei Cindis Eltern einige Stunden lang über ihre Erlebnisse in der Südsee.
So begeistert schwärmten sie, daß Eichenthals richtig wehmütig wurden. Die beschlossen dann auch spontan, in der nächsten Zeit einen längeren Familienurlaub in der Südsee zu machen. Und sie luden ihren zukünftigen Schwiegersohn dazu ein. Er wollte zwar zuerst ablehnen, aber da nahm ihn Cindi ganz fest bei der Hand und sagte leise:
"Freddi, bitte, wir fahren alle, und du gehörst doch auch schon zu uns".
"Denk nicht, daß ich dich allein fahren lasse", hörte er sich da sagen und wunderte sich selbst, daß es ihm so leicht fiel, ja, daß er sich sogar darauf freute.
Frohgelaunt wurde er dann am Abend im Internat empfangen.
"Freddi, da bist du ja wieder", riefen ein paar Freunde, "du, da will dich so ein Typ sprechen, ein Rolf Henrich, der kommt in einer Stunde noch mal vorbei."
Ein ungutes Gefühl beschlich ihn nun doch. Die Rückzahlung war fest vereinbart worden, innerhalb von zwei Jahren. Das Geld mußte er sich nachts bei der Spedition verdienen, und am Tage führte er im Krankenhaus als Praktikant sein Studium fort. Und wenn er nun zur Nachtschicht eingesetzt würde?
Tausend Fragen und Zweifel drängten sich ihm auf einmal auf. Was will dieser Henrich von ihm, will er etwa jetzt schon sein Geld zurückhaben?
"Hallo, Freddi", begrüßte ihn Herr Henrich erfreut, "wie war der Urlaub, haben dir die Hawaiinixen gefallen?"
Rolf lachte laut und unmißverständlich.
"O danke, der Urlaub war schön", gab er angewidert zur Antwort, "weshalb wollen sie mich eigentlich sprechen, wir haben doch alles genau geregelt."
"Das schon, aber ich stecke leider inzwischen in Schwierigkeiten und brauche das Geld schon eher zurück."
Freddi sah ihn mit großen Augen erschrocken an.
"Eher, was soll denn das heißen, wie schnell brauchen sie es denn?"
"Ehrlich gesagt, sofort". Ede sagte das in einem Ton, der Freddi zusammenfahren ließ.
"Ich habe es aber nicht sofort, das wissen sie genau, ich muß es mir erst verdienen." Freddi sah ihn hilflos an.
"Versteh mich nicht falsch, ich will mein Geld zurück haben, und zwar so schnell wie möglich. Ich kann auf dein Abstottern nicht mehr warten." Er sah Freddi mit lauerndem Ausdruck ins Gesicht und es klang offen drohend.
"Haben sie denn eine Idee, wie ich das machen soll? Sie wußten doch vorher, daß es nicht schneller geht."
"Das ist mir egal, ich brauche mein Geld und komme morgen wieder. Da will ich es haben, sonst..." Damit erhob sich Herr Henrich und ging ohne Gruß hinaus.
Eigentlich war Ede mit seinem Auftritt sehr zufrieden. Er war selbst überrascht, wie leicht es ihm fiel, Härte zu zeigen. Diesen Penner hat er jedenfalls fest in der Tasche, der frißt ihm morgen aus der Hand.
Als er den Raum verlassen hatte, blieb Freddi wie vom Donner gerührt sitzen. Das kann doch nicht wahr sein, ist dieser Rolf Henrich tatsächlich so ein Halsabschneider, wie man es oft in den Medien hört? Muß er die Drohung wirklich so ernst nehmen, wie es das Fernsehen immer bringt?
Er rief sich noch einmal den Tag ins Gedächtnis zurück, da er Herrn Henrich kennengelernt hatte. Der war damals wie aus dem Nichts aufgetaucht und hat ihm ja das Geld regelrecht aufgedrängt, so, als wollte er es ihm unbedingt geben. Und was das Schlimme daran ist, er war über das Geld viel zu glücklich, gestand er sich ein, um über Henrich oder sein seltsames Benehmen nachzudenken. Wo blieb seine Menschenkenntnis, auf die er sonst immer so stolz ist? War er wirklich auf einen Betrüger hereingefallen und sollte nun erpreßt werden?
Freddi überlegte angestrengt, was er jetzt noch tun kann. Er hatte um sich keine Angst, aber Henrich wußte über Cindi Bescheid. Wenn er nun Cindi etwas antut, was dann? Mit einem Mal beschlich ihn eine ungeheure Angst.
Wer war denn dieser Kerl überhaupt? Nur der Name Rolf Henrich stand auf dem Vertrag, keine Adresse, keine Telefonnummer, gar nichts. Freddi konnte sich ohrfeigen, daß er sich nicht einmal den Ausweis hatte zeigen lassen. Das ist doch ein klassisches Beispiel für das Vorgehen von Ganoven!
In seiner Freude und Begeisterung hat er diese wohl allen gut bekannten Anzeichen völlig außer Acht gelassen und weiß nun gar nichts über seinen Gläubiger. Wie sollte er ihn finden, wo suchen, war Henrich überhaupt sein richtiger Name?
Das Telefonbuch fiel ihm ein, da mußte der Name zu finden sein, denn ein Geldverleiher hat doch ein Telefon.
Freddi griff also nach dem Telefonbuch und schlug es auf. Er fand mehrere Hennich, dann Martha Hendrich und noch ein Klaus Hentzig, weiter standen keine Namen, die wenigstens so klangen wie Henrich, darin.
Was sollte er tun, er war in seiner Vertrauensseligkeit einem Ganoven in die Hände gefallen, der schon ganz offen mit Gewalt gedroht hatte. Und der kannte Cindis Namen und wahrscheinlich auch schon längst ihre Adresse.
Das Blut schoß ihm ins Gesicht und er fuhr bei dem Gedanken auf, daß dieser widerliche Kerl Cindi etwas antun könnte.
Ruhig, Freddi, ganz ruhig bleiben, redete er sich ein, ich muß ganz ruhig überlegen.
Vor Gericht hat solch ein Zettel wohl keine Chance, dort kann der sich sein Geld nicht holen, wenn er nicht Rolf Henrich heißt. Also ist es noch Schlimmer. Wenn es eine maffiaähnlich organisierte Bande ist, dann muß ich so schnell wie möglich aus dem ganzen Schlamassel herauskommen. Am besten, wenn ich das Geld morgen Abend hätte.
Aber wo sollte er das hernehmen, das war unmöglich und auf diese Weise ging es nicht. Freddi beschloß, sich erst einmal hinzulegen und auszuschlafen. Der Morgen ist bekanntlich klüger als der Abend. Nach den ganzen Aufregungen des Tages schlief er bald ein und hatte nur gegen Morgen einige unruhige Träume.
29. Irene
"Aber bitte, Frau Kahl, beruhigen sie sich doch erst einmal, wir werden ihren Mann schon finden", versuchte die nette Polizistin Irene zu trösten.
Doch Irene hatte eine schreckliche Ahnung und erkannte die gute Absicht nicht einmal, sie war viel zu aufgeregt:
"Wo wollen sie ihn denn finden, er war bis gestern Mittag im Betrieb in ist dann nicht nach Hause gekommen. Ich habe am Abend schon hier angerufen, aber man hat mir gesagt, daß ich erst nach 24 Stunden eine Vermißtenanzeige aufgeben kann."
"Nun erzählen sie doch mal der Reihe nach, wo arbeitet denn ihr Mann?"
"Bei der Firma Hall-Automobile, er ist dort Geschäftsführer", sagte Irene nicht ohne Stolz.
"Und warum war er am Sonntag auf Arbeit?"
"Das war ein freiwilliger Einsatz, sie haben eine neue Maschine oder so was ähnliches aufgestellt."
"Wissen sie, wann ihr Mann den Betrieb verlassen hat?"
"Herr Hall sah ihn um dreizehn Uhr wegfahren, ich habe ihn danach gefragt."
"Was für einen Wagen fährt denn ihr Mann?"
"Einen Ford-Mondeo, Grün-metallic, Nummer CLD-H 731"
Die Polizistin hatte sich währenddessen Notizen gemacht und setzte sich danach an die Schreibmaschine, um die Vermißtenanzeige zu schreiben.
Irene war viel zu aufgeregt, um sich Einzelheiten zu merken. Sie war ganz sicher, Gernot mußte etwas Schreckliches passiert sein. Noch niemals hat er seine Zeit länger als eine Stunde überzogen, solange sie verheiratet sind. Und gar zum Dienst, da ist er immer pünktlich erschienen. Fehlen, das gab es bisher überhaupt nicht ein einziges Mal.
Sie hat die ganze Nacht gewartet und ist am Morgen gleich zur Werkstatt Hall gefahren, sogar so schnell, daß sie auf der Goethestraße geblitzt wurde. Aber das war ihr gleichgültig, wenn sie nur bald von Gernot ein Zeichen erhielt.
Hall war ebenfalls sehr erstaunt, daß sein Geschäftsführer noch nicht erschienen war. Er wiederholte Irene das letzte Gespräch von gestern und versuchte eine logische Erklärung für Gernots Verhalten zu finden. Doch es fiel ihm keine ein.
"Er stieg ganz normal in sein Auto und war weder aufgeregt, noch irgendwie anders, er wollte gleich nach Hause fahren und sich ausschlafen", brummte Oscar Hall vor sich hin.
Irene verließ wortlos sein Büro und fuhr zur Polizei.
"Hier bitte, sie müssen das unterschreiben, lesen sie es sich bitte noch einmal durch". Die Stimme der Polizistin brachte Frau Kahl in die Gegenwart zurück. Sie überflog das Schriftstück und unterschrieb es mechanisch.
Zwei Tags später läutete das Telefon bei Kahls und die Polizei teilte Irene mit, daß der Wagen ihres Mannes in Zermatt in der Schweiz gefunden wurde. Er war ordentlich verschlossen und auf einem Parkplatz abgestellt, die Schweizer Polizei hat ihn sichergestellt. Von Gernot allerdings fehlt jede Spur.
Irene sprang auf und setzte sich sofort in ihren Wagen. Dann besann sie sich aber und lief noch einmal in die Wohnung, um einige Dinge, die sie vielleicht brauchen könnte, einzupacken. Wenig später fuhr sie bereits auf der Autobahn in Richtung Zermatt.
An die Fahrt konnte sie sich danach nicht mehr erinnern, ihre Gedanken waren bei Gernot. Warum ist er in die Schweiz gefahren, was wollte er am Matterhorn? Das haben sie sich einmal bei einer Wochenendfahrt angesehen, aber keiner von beiden hat jemals den Wunsch geäußert, noch einmal dorthin zu fahren. Sie waren keine Bergsteiger.
In Zermatt ging sie sofort zur Polizei. Dort zeigte man ihr zuerst den Mondeo und fragte, ob das der Wagen Ihres Mannes ist. Irene hatte den Ersatzschlüssel mit und schloß ihn auf. Es war alles ordentlich und an seinem Platz, nicht einmal eine Spur für etwas Ungewöhnliches konnte sie entdecken.
Dann hielt man für Irene noch eine Überraschung bereit. Ein Urlauberpärchen hatte sich mit einer Videokamera zufällig in der Nähe des Berges aufgehalten und viele Aufnahmen gemacht. Als sie das Plakat entdeckten, daß ein Herr Kahl gesucht wird und das Bild sahen, erinnerten sie sich an einen Bergsteiger. Den hatten sie zufällig aufgenommen, weil er so gar nicht den Typen entsprach, die sonst auf den Berg klettern.
Er hatte keine Bergsteigerausrüstung, noch nicht einmal Bergsteigerstiefel. Er kam wie ein Stadtmensch, in Hemd und Hose mit Halbschuhen und nur ein Seil hing ihm über der Schulter. Damit stapfte er zielstrebig in Richtung Aufstieg Matterhorn.
Einige Zeit später haben wir ihn dann noch einmal im Fernrohr gesehen und mit der Videokamera gefilmt. Er ist ganz allein eine steile Felswand heraufgekraxelt.
Irene sah sich die Aufnahmen mehrere Male an und schüttelte immer wieder verständnislos den Kopf. Gernot war in Hamburg geboren und aufgewachsen, von Bergen verstand er nichts. Cildburg liegt zwar auch in einer Talsohle, aber er ist kein einziges Mal geklettert, gefährliche Wände gibt es dort ohnehin nicht. Was um alles in der Welt ist in ihren Mann gefahren, daß er sich in eine solche Gefahr begibt!
"Frau Kahl, ist das ihr Mann?" Das war eine reine Routinefrage, sie gehörte wohl dazu.
"Ja", antwortete Irene artig und sah den Mann kurz an, "das ist er, nur weiß ich nicht, warum er das tut".
"Aber er geht allein, ohne Zwang, nicht wahr?"
"Ja, das verstehe ich eben nicht", Irene schüttelte abermals den Kopf, "aber wo ist er geblieben, inzwischen muß er doch schon wieder hier sein, hoffentlich ist ihm nichts zugestoßen."
"Wir wissen auch nicht, wo er geblieben ist", sagte da ein Polizist, "eine Meldung über einen Unfall liegt uns nicht vor. Trotzdem ist es ungewöhnlich, daß ein Bergsteiger über Nacht im Berg bleibt und sich nicht meldet. Eigentlich war ja das Wetter sehr gut. Bei solchem Wetter hat ein erfahrener Bergsteiger nichts zu befürchten."
"Aber Gernot ist gar kein Bergsteiger, er ist noch niemals geklettert", fuhr Irene auf, "unternehmen sie doch was".
"Wir haben bereits die Bergwacht verständigt, es sind zwei Suchtrupps aufgebrochen, schon vor mehreren Stunden."
Irene konnte nicht mehr ruhig bleiben. Sie fragte, wo die Bergwacht zu finden ist und fuhr dorthin.
"Bei uns ist noch kein Stadtmensch aufgetaucht", hörte sie soeben eine Stimme aus dem Funkgerät.
Sie setzte sich mit großen Augen auf einen Stuhl und versuchte, ihre Gedanken zu ordnen. Aus dem Fenster hatte sie einen guten Blick auf den Berg.
Irgendwo dort oben ist Gernot, wenn ich nur wüßte, daß es ihm gut geht, dachte sie.
"Bitte, sie wünschen?" wandte sich die Frau an Irene.
"Ich wollte nur wissen, ob sie meinen Mann schon gefunden haben", brachte Irene mit Mühe hervor und dachte gleichzeitig 'gefunden', als ob er irgendwo liegt.
"Sind sie die Frau des vermißten Bergsteigers?"
"Mein Mann ist kein Bergsteiger, er ist in seinem ganzen Leben noch niemals geklettert, ich weiß nicht, warum er das tut."
"Nun beruhigen sie sich doch erst einmal, wir können hier weiter nichts tun als abzuwarten. Es kann nicht mehr lange dauern, unsere Leute suchen den ganzen Berg ab und jeder Bergsteiger, der dort ist, sucht mit.
In diesem Augenblick meldete sich das Funkgerät.
"Absturz am Südhang, das Opfer liegt in einem unzugänglichen Tal, brauchen den Hubschrauber".
30. Das große Ding
Am Freitag trafen sich Ede, Fips, Latsch und Rasi in Lesta, um den "Neuen" abzuholen. Kamen sie sich in der ersten Zeit noch wie Verschwörer vor, so hatte das alles längst einen professionellen Charakter angenommen. Das Vertrauen in die Fähigkeiten des Bosses war grenzenlos. Fips nahm den elganten Diplomatenkoffer mit seiner "Dienstkleidung" aus dem Schrank. Rasi holte inzwischen den Mercedes-Transporter, den sich die Gang zugelegt hatte aus der Garage und die anderen fuhren mit einem BMW, der Ede gehörte, hinter ihm her.
"Also toi, toi, toi", verabschiedete sie der Boss.
Der BMW war der Stolz der Gang, denn sie hatten ihn selbst aus einem offiziell gekauften Unfallwagen aufgebaut, sodaß alle Kennzeichen echt sind und keine Untersuchung scheuen müssen. Natürlich war der Motor auf Höchstleistung getrimmt worden.
Sogar die Papiere sind echt. Als Ede den Wagen in seiner Firma, also bei Hall kaufte, wurde er ganz legal auf seinen Namen zugelassen. Seitdem steht er in Lesta und wird nur für 'Anschaffungsfahrten', wie die Gruppe ihren Autoklau nannte, benutzt. Wenn es einmal so richtig brenzlich werden sollte, wenn etwa die Polizei das Auto sucht, kann er es jederzeit vermißt melden.
Als Zielpunkt hatte der Boss dieses Mal Wiesbaden angegeben, wo auf einem Parkplatz gegen neunzehn Uhr ein Mercedes stehen soll. Die Nummer des Wagens und die Papiere lagen ebenfalls püntlich im Schränkchen. Sie waren für Fips ausgestellt. So lief die Sache stets ab und bisher ging auch immer alles total reibungslos. Woher der Boss bloss seine Informationen hatte!
Ede fuhr wie immer mit Fips und Latsch zum Zielplatz. Latsch stieg etwas eher aus und schlenderte in der Nähe des Wagens herum. Es war seine Aufgabe, die Gegend aufmerksam zu beobachten. Wenn jemand etwas merken sollte, so hat er einen Streit anzufangen oder ihn sonstwie abzulenken. Ede fuhr noch eine große Runde. Dann stieg Fips aus und öffnete den Wagen. Er war darin vollkommen perfekt und es ging sehr schnell. Wenn er losfuhr, stieg Latsch wieder bei Ede ein und sie trafen sich außerhalb der Stadt an einem vereinbarten Treffpunkt, wo Rasi schon mit dem Transporter wartete. Nachdem der 'Neue', wie sie den geklauten PKW nannten, im Transporter verstaut war, fuhren sie wieder nach Lesta. Ede und Latsch blieben während der Fahrt in der Nähe von Rasi, um bei Gefahren sofort zur Stelle zu sein.
Bisher verlief aber immer alles ganz glatt, der Boss mußte sehr gute Verbindungen überallhin haben. Jedenfalls gab es noch niemals einen Zwischenfall.
Die drei kamen pünktlich in Wiesbaden an, aber es stand noch kein Auto auf dem Platz. Latsch stieg schon mal aus und schlenderte die Straße entlang. Eine mißtrauische Frau musterte ihn genau und er starrte sie an, bis sie sich abwandte. Da fuhr auch der gemeldete Mercedes auf den Platz.
"Sei vorsichtig", verabschiedete sich Ede von Fips, als der sich eine Maske über den gesamten Kopf gestreift, eine dunkle Brille und eine blonde Perücke aufgesetzt hatte und in dünne Latexhandschuhe hineingeschlüpft war. Erst dann durfte er seine Kleidung wechseln, um keine Hautschuppen zu übertragen, die dann evtl. auf der Polsterung des Wagens gefunden werden könnten. Seine "Dienstkleidung" bestand aus einem hellgrauen Anzug, weissem Hemdteil und braunen Lederschuhen mit Ledersohle. Dazu trug er einen eleganten Diplomatenkoffer.
An einer Ecke, etwas abseits des Parkplatzes, verliess Fips den BMW. Er umrundete aufmerksam noch einmal den Häuserblock und ging dann zielstrebig auf das parkende Auto zu. Mit ein paar geschickten Bewegungen öffnete er die Tür und stieg ein. Kurz darauf sprang der Motor an. Aber da kreischte plötzlich eine Frau und zeigte auf Fips.
"Das Auto hat ein anderer Mann dort abgestellt, ich habe es genau gesehen", rief sie und zeigte auf den davonbrausenden Mercedes.
Latsch war sofort zur Stelle.
"Ich kriege dich noch", schrie er Fips hinterher und sprang auf die Fahrbahn, genau vor Edes Wagen, um ihn scheinbar zum Anhalten zu zwingen. Die Menschen auf der Straße sahen atemlos zu, wie er mit der Hand auf den entschwindenden Mercedes zeigte und wie ihn der BMW verfolgte.
"Mann, das war knapp", meinte Ede und Latsch sah sich um. Die Menschen rings um den Parkplatz standen bewegungslos und blickten ihnen nach.
"Wenn die sich unsere Nummer aufgeschrieben haben".
"Geht nicht, ich habe mir vom Boss eine falsche Nummer geben lassen und die Papiere sind auf diese Nummer ausgestellt. Ich werde sie heute noch wechseln und mir vom Boss neue Papiere besorgen", grinste Ede.
"Wie wäre es, wenn du immer neue Nummernschilder und neue Papiere mitnimmst, die kannst du dann unterwegs sofort wechseln, wenns mal heiß wird".
"Mensch, Latsch, ne gute Idee, ich werde gleich mit dem Boss darüber reden."
Fips war inzwischen völlig verstört aus Wiesbaden herausgefahren und raste auf einer ruhigen Strasse in Richtung eines Wäldchens. Er bog in einen Waldweg ab, der ihn auf eine andere Strasse brachte und sah voll Schreck, wie zwei Polizeiautos mit Blaulicht den Weg entlangrasten, den er soeben verlassen hatte. Zum Glück blieb er unentdeckt, aber kurze Zeit später sah er entsetzt einen Hubschrauber, der über dem gesamten Gebiet kreiste. Geistesgegenwärtig fuhr er zurück in den Wald und versteckte das Auto erst einmal unter einem dichten Gebüsch etwas abseits des Weges.
Hoffentlich hat das Ding keine Satellitenortung, dachte er besorgt und klemmte vorsorglich die Batterie ab. Aber er wusste auch ganz genau, dass das nichts half. Das Sicherheitspaket hatte seine eigene Stromversorgung und die konnte überall angebracht sein.
"Ede, die Polizei ist hinter mir her", flüsterte Fips in sein Handy, obwohl ihn niemand hören konnte.
"Stell den Wagen sofort irgendwo verdeckt ab und komm uns entgegen", antwortete Ede und gab Gas.
Als Ede in der Nähe war, winkte Fips wie ein Anhalter. Die Maske, die Perücke, den Staubmantel, die Krawatte, das weiße Hemdteil, die Brille, den Bart hatte er abgenommen und den Anzug sowie die Schuhe und Socken ausgezogen. Das alles steckte zusammen mit dem eleganten Diplomatenkoffer in einem abgewetzten Campingbeutel. Jeden Handgriff hat er vor dem Boss solange üben müssen, bis alles in wenigen Augenblicken erledigt war. Fips sah jetzt wie ein normaler Jugendlicher mit kurzen rot-blau gefärbten Haaren auf einem Spaziergang aus, der Flatter-Jeans, ein buntes T-Shirt und Sportschuhe trägt.
Bevor Fips einstieg, zog er noch einige weiße Selbstklebefolien von der Karosserie des Wagens ab, sodaß jetzt auch der BMW anders aussah als in Wiesbaden.
Kurze Zeit später mußte Ede an den Straßenrand fahren, weil die Polizei mit Blaulicht und großem Tempo an ihm vorbeifuhr. Einer der Polizisten blickte aufmerksam zu ihnen hin.
"Wie konnte das geschehen, warum haben die Bullen Verdacht geschöpft, es war doch alles in Ordnung, wie immer. Irgendwas muß uns doch verraten haben". Fips saß der Schreck ganz schön in den Gliedern.
"Beruhige dich doch erst mal, wahrscheinlich hat die Alte in Wiesbaden noch so lange rumgezetert, bis jemand die Bullen gerufen hat. Noch haben sie den Wagen nicht gefunden und wenn sie ihn haben, sind wir weg. Du hast doch deine Handschuhe angehabt?" Ede blickte durch den Innenspiegel zu Fips und wartete auf dessen Antwort.
"Natürlich, Fingerabdrücke habe ich nicht hinterlassen und ein paar Beutel Pfeffer habe ich auch verstreut."
Das mit dem Pfeffer hat ihnen der Boss geraten. Wenn es mal knapp wird, sollen sie ihre Spuren mit Pfeffer verwischen. So eine Spur verfolgt kein Fährtenhund. Im Wagen war ebenfall nicht die geringste Spur zu entdecken, denn nicht einmal eine Hautschuppe oder ein Haar können zurückgeblieben sein, höchstens von der Perücke. Außerdem war die Arbeit der Spurensicherung durch den scharfen Pfeffergeruch ohnehin sehr erschwert.
Die Kleidung blieb immer in Lesta, sodass sie bei einer evtl. Haussuchung nicht zu finden war. Jetzt musste sie natürlich ausgetauscht werden, weil irgendwelche Fasern bestimmt gefunden werden.
"Na, Gott sei Dank, dann ist ja alles noch mal gut gegangen".
Ede rief Rasi an und schickte ihn nach Lesta zurück.
Er konnte sich Zeit nehmen, denn die Polizei suchte, wenn überhaupt, einen weißen BMW 518. Sie aber saßen in einem metallic-rotbraunen BMW 530 und wurden dadurch auch nicht angehalten.
Die Sache war am Abend ganz groß in den Medien.
'Schlag gegen die Auto-Maffia', hießen die Schlagzeilen. Es zeigte sich, daß die Menschen am Parkplatz dermaßen unterschiedliche Angaben zum Hergang machten, daß nicht einmal der Typ des Autos klar war, in das Latsch gestiegen ist. Die meisten glaubten, daß es ein weißer Opel Vectra war.
Übrigens äußerte niemand den Verdacht, daß Latsch mit dem Täter unter einer Decke steckt, die Reporter fragten immer wieder danach. Sie forderten Latsch durch alle Medien auf, sich zu melden. Auch die Beschreibungen zu seiner Person waren recht ungenau, niemand schien seine enorme Größe und seine großen Schuhe bemerkt zu haben. Fast alle sagten, das war ein Mann, etwa 185m groß und sportlich.
Von Fips hatten sie ein Phantombild anfertigen lassen. Aber das hatte so wenig Ähnlichkeit mit ihm, daß jeder zweite Mann auf der Straße danach verdächtigt werden konnte. Vor allem seine dichten blonden Haare und der elegante Anzug mit Krawatte sind den Leuten aufgefallen. Das Gesicht hatte sich niemand gemerkt, sogar über die Brille herrschte geteilte Meinung. Manche sprachen von einer Sonnenbrille, andere von einer Sportbrille, wieder andere hatten gar keine Brille bemerkt. Auch der schwarze Diplomatenkoffer wurde nicht erwähnt.
Als einzigen konkreten Anhaltspunkt konnte man den Mercedes vorweisen, den die Polizei nach einigem Suchen gefunden hatte. Die Kriminaltechnik untersuchte ihn zwei Tage lang, aber es wurde weder eine konkrete Spur vom Täter gefunden, noch war klar, wie er in das Fahrzeug gelangen und es starten konnte. Gefunden wurden sehr viele Fasern, aber sie konnten zumeist den Kleidern des Fahrers und seiner vielen Beifahrer zugeteilt werden. Der Fahrer konnte oder wollte nicht einmal Angaben machen, wer in seinem Wagen in der letzten Zeit mitgefahren ist, es schien ihm peinlich zu sein. So blieb unklar, ob Fasern vom Täter dabei waren. Zu dieser Zeit waren die Kleider, die Fips getragen hatte, längst vernichtet worden. Die Polizei tappte wie immer im Dunkeln.
"Er muß aus dem Umfeld des Besitzers kommen, denn der Wagen ist einwandfrei mit einem Zweitschlüssel gestartet worden", erklärte ein Polizist vor der Kamera.
"Wie ist es der Polizei überhaupt gelungen, auf das gestohlene Fahrzeug aufmerksam zu werden?", fragte die Reporterin.
"Wir sind dem Hinweis einer wachsamen Einwohnerin nachgegangen, der das Auto und ihr Fahrer aufgefallen sind. Als plötzlich der Täter erschien und sich hineinsetzte, schlug sie Alarm".
Die Frau mußte ihre Beobachtung vor der Kamera wiederholen und war sichtlich stolz auf ihre Tat.
Am nächsten Tag traf sich die Gang ziemlich niedergeschlagen in Lesta und beriet, wie es nun weitergehen sollte.
"Wir sind in eine Falle getapst, nur gut, daß niemand richtig aufgepaßt hat", meinte Fips
"Das war keine Falle, es war reiner Zufall, daß die Frau das Auto so genau beobachtet hat. Wenn mehrere Wagen auf dem Parkplatz gestanden hätten, wäre ihr wahrscheinlich nichts aufgefallen. Aber wer soll denn auch ahnen, daß ausgerechnet zu dieser Zeit dort keine Autos abgestellt sind", versuchte der Boss die Gruppe zu beruhigen.
"Und wenn das mit der Frau kein Zufall war, wenn sie schon auf uns gewartet haben?" Fips war immer noch ängstlich.
"Dann hätten sie das Gebiet ganz anders abgeriegelt und euch auch geschnappt, das ist doch klar."
Das Argument leuchtete ein. Der Boss gab ihnen eine Woche frei und kündigte an, daß er dann wieder ein neues Auto benennt, das er haben will.
"Ich weiß nicht, ob ich weiter mitmache", sagte Fips zu Ede, "der Schreck sitzt bei mir zu tief."
"Mensch, mach keinen Scheiß, der Boss läßt dich nicht gehen. Außerdem verdienst du gutes Geld".
"Aber wenn sie mich kriegen, verbringe ich meine Jugend im Knast! Nein danke, ich kann mir mein Geld auch anders verdienen".
"Überleg dir's noch mal, das ist kein Spaß, sich mit dem Boss anzulegen, denk an Kahl. Kein Mensch weiß, warum und wieso der ausgerechnet auf das Matterhorn gekommen ist". Ede sagte das richtig furchtsam.
Am nächsten Tag fand Fips in seinem Handschuhfach die blonde Perücke, die doch eigentlich vernichtet sein sollte.
Und schon zwei Tage später gab es eine erneute Aufregung in den Medien. Das Fernsehen brachte die Nachricht vom Tod der Frau, die in Wiesbaden die Polizei gerufen hatte. Sie ist in Mannheim eine Steintreppe herabgestürzt und hat sich das Genick gebrochen. Wie die Polizei mitteilte, liegen keine Anhaltspunkte für ein Verbrechen vor. Was die Frau allerdings in einer fremden Stadt auf dieser Treppe zu suchen hatte, ist unklar. Sie galt in der Nachbarschaft als vorsichtig und ängstlich.
Ede blickte bei dieser Nachricht Fips nur an und wußte, daß der nicht mehr an Aussteigen dachte.
31. Die Erpressung
Wer Freddi an diesem Tag auf dem Weg zur Uni sah der hatte den Eindruck, daß er an einer schweren Krankheit litt. Er sah blaß aus und schleppte sich mit letzter Kraft den Weg entlang.
So traf ihn auf halbem Wege Cindi, die erfreut hupend anhielt. Aber es genügte ein Blick und sie runzelte die Stirn. Freddi sah aus, als ob er soeben bei einer Anderen aus dem Bett gestiegen ist.
"Freddi", sagte sie mißtrauisch, "sag mir nicht wieder, daß du heute Nacht krank geworden bist. Ich will jetzt und sofort wissen, was mit dir los ist. Wenn du bei einer anderen gewesen bist, dann steig sofort aus."
Cindi hielt an, aber Freddi blieb sitzen. Einmal, weil er kaum noch laufen konnte, zum anderen um Cindi zu beweisen, daß er kein schlechtes Gewissen hatte.
"Bitte, Cindi, vertrau mir doch einfach. Hast du so wenig Glauben an mich, daß du auf solche Gedanken kommst? Da ist keine andere und es wird auch niemals eine andere für mich geben, das weißt du genau."
"Für wie naiv hältst du mich denn eigentlich", fuhr Cindi auf und krallte sich ans Lenkrad, "gestern warst du ausgeglichen und gut erholt, heute bist du ein übermüdetes Nervenbündel, das kaum die Augen offenhalten kann. Wenn dich der Chefarzt so sieht, wirft er dich raus. Oder nimmst du Medikamente ein? Nein, mein Lieber, ich will genau wissen, wo du die Nacht verbracht hast, sonst kannst du mir gestohlen bleiben."
"Ich war bei keiner anderen, ich habe in der Nacht meine Bücher durchgesehen und gelernt. Bitte, Cindi, glaub mir doch und hab ein wenig Vertrauen."
Mit einem Ruck hielt sie den Wagen an und deutete auf die Tür.
"Raus, aber sofort. Eine noch dümmere Ausrede ist dir wohl nicht eingefallen, nicht einmal eine ordentliche Lüge hast du für mich übrig."
Während Freddi ausstieg, fing sie haltlos an zu weinen. Einige Passanten drehten den Kopf nach ihr um, da schloß sie das Verdeck und legte den Kopf auf das Lenkrad. Sie konnte jetzt nicht Auto fahren, sie weinte haltlos und hilflos.
Sollte das das Ende sein? Wenn Freddi wenigstens ehrlich wäre, aber das hatte sie nicht verdient. Belügen läßt sie sich nicht, nicht einmal von ihm.
Freddi schlich mit trüben Gedanken automatisch den Weg zum Krankenhaus entlang. Er fühlte sich zerschlagen und müde. In der Nacht hatte er zwar gutes Geld verdient, aber auch eine Sonderlieferung entladen müssen. Das war schwere Knochenarbeit und dauerte bis zum Morgen.
Im Krankenhaus nahm er tatsächlich zuerst einmal einige Pillen zu sich, die ihn etwas aufputschen sollten. Danach fühlte er sich besser und leistete sogar gute Arbeit. Die Gedanken an den Streit mit Cindi hatte er zunächst verdrängt, damit würde er sich nach der Arbeit auseinandersetzen.
Aber was sollte er ihr auch sagen, daß sie die ganze Urlaubsfahrt nur auf Pump durchgeführt hatten, daß er einem Lumpen in die Hände gefallen war? Sie würde ihm das Geld sofort geben, das wußte er. Aber er wußte auch, daß er ihr nie wieder in die Augen sehen könnte. Dann lieber so, es würde sich schon wieder alles einrenken, redete er sich ein.
Und wenn sie inzwischen einen anderen kennenlernt, wenn ich ihr gleichgültig werde?
Die Aufputschmittel wirkten jetzt und Freddi sah wüste Visionen, wie ihn Cindi an der Seite eines anderen auslachen würde. Er legte sich auf eine freie Pritsche im Krankenhaus und war sofort eingeschlafen.
Eine Schwester kam in den Raum und weckte ihn auf.
"Herr Schadok, sie werden schon gesucht, was ist mit ihnen, fühlen sie sich nicht wohl?"
Freddi mußte sich erst einmal zurechtfinden.
"Schwester Claudia, entschuldigen sie bitte, ich bin wohl eingeschlafen. Sie werden mich doch nicht verraten?" Dabei sah er sie so bittend an, daß sie lächelte und es versprach.
Freddi schlief sofort ein, sobald er wieder in seinem Zimmer im Internat war.
"He, ich denke, du willst das Geld besorgen, statt dessen pennst du hier rum", wurde er ziemlich grob geweckt. Ede hatte sich für die harte Tour entschlossen.
"Herr Henrich", fuhr Freddi auf, "ich denke, sie wollten erst um sieben hier sein?"
"Ich brauche mein Geld, egal wie du das machst".
"Ich kann es aber nicht sofort zurückgeben, das wissen sie".
"Dann sieh, was dir blüht", brachte Ede heraus und bemühte sich, recht grimmig auszusehen. Er stieß die Tür auf und ein Riese kam herein, der die ganze Breite der Tür einzunehmen schien. Ohne Umschweife ging er auf Freddi zu und hob ihn mühelos von seinem Lager in die Luft.
"Ist dir jetzt eingefallen, wie du das Geld besorgen kannst?" fragte Henrich, als Latsch ihn wieder auf den Boden gestellt hatte.
"Wissen sie denn einen Ausweg? Ich verdiene nur soviel, daß ich langsam zahlen kann", stammelte Freddi und griff sich an den Hals.
"Ich habe dir ja gesagt, daß das Geld auf der Straße liegt, du mußt es nur aufheben. Ich könnte dir einen Vorschlag machen, wie du deine Schulden ohne Probleme loswerden kannst".
"Und warum kommen sie erst jetzt damit, sagen sie doch schon, was das ist."
"Bring mir einige Autos, aber teure. Du bekommst für jeden ein oder auch zwei Tausender."
"Waaaas, ich soll Autos klauen?" Freddi hatte große, erschrockene Augen.
Überleg es dir, es ist deine einzige Chance", sagte Herr Henrich versöhnlich.
"Das kann ich nicht, und wenn sie mich erwischen?"
"Bravo, du denkst also schon darüber nach, das gefällt mir."
"Ich denke nicht daran, so etwas zu tun, sie bekommen ihr Geld wie vereinbart", brauste Freddi da auf.
"Ich brauche mein Geld jetzt, mir sitzen die Probleme genauso im Genick wie dir. Aber du kannst ja wohl noch ruhig schlafen."
"Jetzt halten sie mal die Klappe", brüllte Freddi zu seiner eigenen Überraschung los, "sie haben mir das Geld ja freiwillig gegeben und sogar fast aufgedrängt. Wir haben einen Vertrag und den gedenke ich einzuhalten. Wenn sie nicht mit Geld umgehen können, so ist das ihre Sache. Lassen sie mich da raus. Ich zahle meine Schulden so zurück, wie wir es vereinbart haben. Wenn sie nicht einverstanden sind, suchen sie sich einen guten Anwalt und klagen sie das Geld ein.
Kommen sie in zwei Jahren wieder, da bin ich Arzt und kann es zurückzahlen. Ich denke nicht daran, mich weiter kaputtzumachen, nur weil sie in Schwierigkeiten sind. Ich brauche meine Ruhe und muß mein Leben erst wieder in Ordnung bringen. Wenn sie noch was wollen, kommen sie mit einem Anwalt zurück. Haben sie mich verstanden?"
Dabei wies er mit der ausgestreckten Hand wütend auf die Tür. Latsch wollte gerade nach Freddi greifen, als Stimmen anderer Studenten laut wurden, die den Lärm gehört hatten und nun nachsehen wollten, was es gibt.
Ede war sprachlos über Peters Ausbruch und fühlte sich hilflos. Dieser Heini war entschlossen, seinen Plan zunichte zu machen. Der pocht auf sein Recht und wenn er zum Gericht geht, rastet der Boss aus, fuhr es ihm durch den Sinn.
"Das wirst du noch bereuen", zischte er gefährlich und warf die Tür wütend hinter sich und Latsch in Schloß.
Freddi fühlte sich erleichtert. Denen hatte er es aber gegeben. Und ab sofort wird er seine Arbeit in der Nacht aufgeben. Die monatliche Rückzahlung ist überhaupt Quatsch, davon steht doch kein Wort im Vertrag.
Herr Henrich hatte selbst die Formulierung:
'rückzahlbar im Laufe von 24 Monaten' vorgeschlagen und war noch stolz auf diesen Einfall. Freddi ist bisher der Meinung gewesen, daß er kontinuierlich zahlen muß. Aber wenn er es wörtlich deutet, so kann er dem das Geld auch auf einmal innerhalb dieser Zeit geben. Und in zwei Jahren sieht alles anders aus, da war er überzeugt.
Ede indessen stürmte die Straße entlang, Latsch konnte kaum Schritt halten. Wütend riß er seinen falschen Bart herunter und auch Latsch nahm die Gummiglatze, die filzigen, dicken Augenbrauen und die Brille ab.
"Jetzt schnappen wir uns seine Mieze. Mal sehen, was der feine Herr dazu zu sagen hat", zischte er. Sie fuhren mit dem Porsche zur Eichenthalschen Villa, aber Cindi ließ sich an diesem Tage nicht mehr sehen.
Sie bemerkten erst zu spät, daß soeben ein Geländewagen an ihnen vorbeigefahren war.
32. Steinitz ist weg
Obwohl die elektronische Stimme immer gleich klang, bemerkte Ede doch die Unmut des Bosses über Peter Steinitz, der seine Forderungen ständig weiter in die Höhe schraubte.
"Dieser Kerl ist ja geldgierig", kam es aus dem Kasten. "Heute verlangt er siebzig zu dreißig und morgen alles. So geht das nicht weiter. Ich will, daß du ihn am Wochenende aufsuchst und zurechtstutzt. Dreißig-siebzig sind vereinbart und zehn Prozent für dich. Wenn du Zugeständnisse machst, geht das zu deinen Lasten, haben wir uns verstanden? Schließlich möbeln wir die Dinger hier auf meine Kosten auf."
"Hm, sie haben ihn doch überprüft, ich konnte ja nicht wissen, wie sich das entwickelt", druckste Ede herum. Er wußte ganz genau, daß Steinitz auf seinen Forderungen bestehen bleibt.
"Du nimmst einfach dein I-Handy mit, dann bin ich auch dabei", sagte der Boss.
Diese Handys hat er ausgegeben, um immer mit ihnen verbunden zu sein. Aüßerlich sind sie viel aufwendiger gestylt als ein normales Gerät und der Boss kann sich jederzeit einklinken, ohne daß es jemand bemerkt. Er kann damit an jedem Gespräch teilnehmen und seine Stimme klingt laut und elektronisch. Warum er die Dinger I-Handys genannt hat, ist sein Geheimnis.
Also fuhr Ede am Sonnabend in ziemlich mieser Laune allein nach Kamenz.
Den BMW konnte er nicht nehmen, das hatte der Boss verboten, der durfte nicht zu oft auf den Straßen gesehen werden. Also nahm er Coras Astra und montierte andere Nummernschilder an, die Papiere waren für Sven Nieberg aus Goslar ausgestellt. Auch vergaß er seine Verkleidung nicht und kam so präpariert gegen Nachmittag in Kamenz an.
Steinitz war nicht zu Hause, er wohnte inzwischen in einer eigenen Wohnung, die er sich zugelegt hatte.
Seine Gruppe bestand aus vier Mann, die die Autos nur besorgten, meist einfache Straßenwagen aller Typen, ganz selten einmal einen Luxusschlitten. Der Boss hatte sie ebenso wie die Cildburger Gruppe ausgebildet, in einem verlassenen Armeebunker und ohne Auto, an Schlössern und Einzelteilen. Aber sie waren ebenso geschickt wie Edes Gruppe. Die Geräte standen jetzt in Peters Garage, da waren sie sicherer als in dem Bunker.
Rasi und zwei andere Mitarbeiter aus Cildburg holten die Wagen dann mit dem Transporter ab. Natürlich hatte der Boss auch hier viele Sicherheiten eingebaut. So kam Rasi niemals auch nur in die Nähe von Kamenz. Meist war es Ede oder Fips, die in ihren Verkleidungen bei Steinitz auftauchten und den Wagen aus dessen geräumiger Neubaugarage wegbrachten.
Obwohl Steinitz genau wußte, daß die Wagen kostspielig umgebaut werden, stellte er seit einiger Zeit immer höhere Forderungen. Er drohte, das Geschäft in die eigenen Hände zu nehmen, wenn seine Wünsche nicht berücksichtigt werden, wie er es nannte.
Ede hatte sich schon ein paar Mal mit ihm über das I-Handy unterhalten, aber Steinitz blieb hart.
Nach einiger Zeit stieg er im eleganten Anzug aus einem AUDI. Ede verschlug es fast die Sprache. Er folgte ihm in die Wohnung und stellte ihn zur Rede.
"Ich habe dir gesagt, du sollst nicht üppig werden, wie willst du denn erklären, woher du plötzlich das viele Geld hast? Vor zwei Jahren warst du obdachlos, plötzlich lebst du wie Lord Kacke, das fällt doch auf."
"Wieso kommst du denn heute an, wir sind doch erst am Dienstag verabredet", Peter schien über Edes Besuch nicht sonderlich erfreut zu sein.
"Das fragst du noch? Nach soviel Unverschämtheit muß ich dich mal an unseren Vertrag erinnern. Aber wenn ich das hier so sehe, dann weiß ich auch, wozu du soviel Geld brauchst. Damit ist ab sofort Schluß, Freundchen, du bekommst dreißig Prozent und keinen Cent mehr. So fliegst du in ein paar Tagen auf und dann kommen sie auch zu uns nach Goslar!"
"Mir können sie allerhöchstens immer einen Wagen anhängen, und den wollte ich ausschlachten. Die sollen erst mal das Gegenteil beweisen."
"Trotzdem ist Schluß und du trittst ganz schön kürzer, das ist noch sicherer."
"Weißt du was, ihr alle könnt mich mal, ich kann sehr gut eine eigene Firma aufbauen, die sich Partner in Polen sucht, ich habe es von hier aus nämlich wesentlich näher dorthin als ihr aus Goslar."
"Und ich habe dir gesagt, daß aus unserer Organisation niemand aussteigen kann. Auch du nicht."
"Wer will mich denn daran hindern? Du etwa?"
"Nein, ich", meldete sich da der Boss aus Edes Handy, "ich habe dich bereits zweimal gewarnt, das ist einmal mehr, als sonst bei mir üblich."
"Meinst du den Mummenschanz mit dem vertauschten Türschild und dem abgeklemmten Wasserhahn? Darüber habe ich doch nur gelacht. Wie bist du denn eigentlich in meine Wohnung gekommen, das ist die eigentliche Frage dabei."
"Eben", kam es nur aus dem Lautsprecher.
"Peter, paß auf dich auf, du wärst nicht der erste, den der Boss verschwinden läßt, und auch nicht der erste, der Peter heißt", warnte Ede, "ich würde ihn nicht so verärgern."
"Du hast ja auch Schiß vor ihm, ich nicht. Ich will Knete sehen, das ist alles."
"Ab sofort dreißig-siebzig, wie vereinbart. Du weißt, was dir blüht, wenn du dich querlegst."
"Komm, verschwinde, komm Dienstag wieder, da habe ich einen Wagen für dich."
Damit schien das Thema für ihn beendet und er übersah Ede in seiner Wohnung. Er ging zum Kühlschrank, stellte ein Bier auf den Tisch, holte ein Glas, goß es ein und trug das Abendessen auf. Während des Essens schaltete er mit der Fernbedienung den Fernseher ein. Ede stand die ganze Zeit da und beobachtete ihn.
"Ede, was ist los, warum sprecht ihr nicht mehr miteinander", meldete sich der Boss.
"Peter Steinitz zeiht es vor, sein eigener Herr zu sein, mich gibt es wohl nicht mehr".
"Was ist denn das für ein Lärm in meiner Wohnung", fuhr Peter herum und tat, als bemerke er soeben, daß Ede noch anwesend ist, "ach du bist immer noch da, und ich dachte, du bist schon wieder in Goslar."
"Peter, mach dich nicht unglücklich", sagte Ede und verließ die Wohnung. Unterwegs nach Cildburg unterhielt er sich angeregt mit dem Boss. Der interessierte sich vor allem für die Geschäfte des alten Hall, aber davon wußte Ede recht wenig. Er bat den Boss, seinen Arbeitgeber zu verschonen.
"Wir haben doch überall soviel Erfolg, warum müssen wir da an unsere unmittelbare Nachbarschaft? Ich käme mir wie ein Schuft vor, wenn ich Hall bestehlen sollte."
"Na ja, schließlich sind wir Partner und da hast du auch ein Wörtchen mitzureden", war die Antwort.
Am nächsten Dienstag fuhr Ede mit Latsch in einem Geländewagen nach Kamenz. Steinitz hatte diesmal einen roten Toyota Corolla gemeldet.
Als Ede den Wagen sah, schätzte er seinen Wert auf zehntausend Euro und Steinitz war einverstanden. Ede gab ihm dreitausend Euro, aber da schloß Steinitz die Garage.
"Ich bekomme siebentausend Euro, oder der Wagen bleibt hier stehen. Die Dreitausend nehme ich als Anzahlung."
"Bist du übergeschnappt, wir haben einen Vertrag und damit stehen dir dreitausend zu."
"Zeig mich doch an, bitte, das Gericht ist gleich dort drüben". Er wies mit der Hand ins Leere.
"Peter, zum letzten Mal, mach die Garage auf."
"Zum letzten Mal, rück meine Viertausend raus."
"Du hast es nicht anders gewollt, dann paß mal auf", sagte Ede und drückte einen Knopf an seinem I-Handy.
Auf dieses Signal hatte Latsch nur gewartet. Er fuhr mit dem Geländewagen das Tor zur Garage ein und packte Steinitz am Kragen. Die beiden hatten sich noch nie gesehen und Peter wurde beim Anblick dieses Riesen blaß.
Latsch hob ihn mit einer Hand an und holte mit der anderen zum Faustschlag aus.
"Wieviel steht dir zu?", kam es drohend aus Latsch heraus.
"Drdddrdreitausend", stammelte Peter ängstlich.
Latsch stellte ihn ab und setzte sich in den Geländewagen. Ede bestieg den Corolla und fuhr gemütlich hinter ihm her zu Rasi und nach Cildburg zurück.
Einen Tag später rief Cora bei Steinitz an, sie brauchten dringend einen Golf. Auf diese Wagen war die Kamenzer Gruppe besonders spezialisiert. Aber Steinitz war nicht zu Hause, nur der Anrufbeantworter meldete sich. Da rief sie bei Karl, einem anderen Mitglied der Gang an und gab den Golf in Auftrag. Wo Peter war, wußte der aber auch nicht.
Nach drei Tagen wollte sie die Bestätigung haben, daß der Golf da ist oder bald kommt. Sie erfuhr, daß Steinitz während der ganzen Zeit nicht aufgetaucht ist.
"Seine Kinder haben ihn heute erst als vermißt gemeldet", sagte Karl. Cora rief nun mehrmals täglich an, ob Peter wieder aufgetaucht ist.
"Die Polizei hat Hinweise, daß er mit seinem Audi an die Ostsee gefahren ist", sagte er endlich.
Einige Zeit später erfuhr Cora, daß der Audi in Warnemünde auf einem Parkplatz steht. Es sieht nichts nach einem Verbrechen aus, er ist ordentlich abgeschlossen und einige der Stammgäste konnten sich auch an Peter erinnern. Der ist am Mittwoch mit einem Surfbrett auf dem Dach dort angekommen und hat es sofort zu Strand getragen. Mehr wissen sie nicht, den Surfer hatten sie nie wieder gesehen.
"Noch besteht Hoffnung, denn es ist keine Leiche angespült worden", meinte Karl.
"Konnte Peter denn surfen?" wollte Cora wissen.
"Ja, er war im Surfclub, aber er ist doch nur auf unseren Seen hier rumgepaddelt, soviel wir wissen, war er noch niemals an der Ostsee oder einem anderen Meer."
"Wird sich schon alles aufklären, immerhin haben sie schon eine Spur", meinte Cora.
"Das glaubst du doch nicht im Ernst, daß sich da was zum Guten klärt", entgegnete Ede.
"Von was Gutem habe ich auch nicht gesprochen, nur daß es sich aufklärt".
"Aber als Unfall", betonte Ede.
33. Der Streit
"Guten Abend, Tine", sagte Cora etwas kühl und ließ Lechners ein. Ihre Kinder begrüßte sie ebenfalls recht zurückhaltend. Auch Sandy sprühte nicht vor Begeisterung, als sie Rebecca und Sven sah. Ihr war der letzte Streit noch ganz gut in Erinnerung, bei dem sich die beiden mit Hilfe ihrer Mutti stets Vorteile zu verschaffen wußten. Immer hieß es: Der Klügere gibt nach, und Tante Tine erwartete von ihr ganz selbstverständlich, daß sie als Ältere nachgab.
Einzig Ede begrüßte seinen Schwager erfreut, dafür seine Schwester etwas kühler.
"Komm Latsch, wir trinken in der Küche erst mal ein Bierchen. Laß die Weiber quatschen, das ist sowieso nichts für uns", empfing er ihn.
"Nein", befahl Tine bestimmt, "ihr bleibt hier, was wir zu sagen haben, geht alle an."
Ede hob zwar die Augenbrauen und wollte ihr eine heftige Abfuhr erteilen, aber Cora hielt ihn zurück.
"Warte doch erst mal, was sie überhaupt so Wichtiges hat, dann kannst du immer noch schimpfen".
"Sehr vernünftig, Cora", lobte Tine, "wir müssen uns mal über die Aufteilung des Gewinnes unterhalten. Latsch und ich sind der Meinung, daß uns mehr Geld zusteht."
Tine drehte sich zu ihrem Mann um, der sichtlich nervös war und scheinbar uninteressiert in eine Ecke sah.
"Latsch", donnerte Tine. Er zuckte zusammen und sah Ede betreten an.
"Ja, wir haben mal darüber gesprochen", brachte er schließlich mühsam heraus.
"Was heißt hier mal darüber gesprochen", fauchte Tine, "wir haben genau nachgerechnet, was jeder von uns macht und wieviel er am Gewinn beteiligt ist. Wir sind nicht damit einverstanden, daß du doppelt kassierst."
Ede sah sie erstaunt und wütend an. Doch dann entschloß er sich sehr schnell, gegenüber seiner Schwester den harten Mann zu spielen:
"Ich bin immer noch der Partner vom Boss und habe euch zu festen Bedingungen eingestellt. Ihr könnt ja aufhören, wenn ihr damit nicht mehr einverstanden seid. Habt ihr denn nicht genug verdient, reicht es euch plötzlich nicht mehr?"
"Was ist denn auf einmal in euch gefahren", empörte sich Cora, "bis jetzt war doch immer alles ok, warum wollt ihr plötzlich alles durcheinanderbringen?"
"Weil wir endlich schlau geworden sind, weil wir merken, daß ihr auf unsere Kosten doppelt kassiert."
"Sag mal, spinnst du, wir haben immer ehrlich aufgeteilt. Ich habe die Abrechnungen jedesmal der ganzen Gruppe vorgelegt", warf Ede erregt ein.
"Daß ich nicht lache, du hast fünfzig Prozent angesetzt und in Wahrheit sechzig kassiert." Tine sah ihn triumphierend an.
"Ich habe dir gesagt, daß ich der Partner vom Boss bin und damit als Gesellschafter einen Anteil am Gewinn der Firma habe."
"Eben, und den Anteil finden wir zu hoch, wir verlangen ebenfalls mehr Geld."
"Kommt nicht in Frage, wir haben eine Vereinbarung und die wird eingehalten oder ihr steigt aus. Was der Boss dazu zu sagen hat, muß euch aber klar sein."
Aus Sandys Zimmer drang auf einmal tüchtiger Lärm und das Geheule von Rebecca. Tine, die immer mehr in Rage kam sprang hoch und riß die Tür auf.
"Sandy, was machst du schon wieder mit Rebecca, kann man sich denn nicht mal eine Minute lang ruhig unterhalten, wenn du dabei bist?"
"Mama, die läßt mich nicht mit ihrem neuen Auto spielen", wurde Tine nun von ihrer Tochter aufgeklärt.
"Sandy, gib Rebecca das Auto, ich will hier Ruhe haben". Ihre Stimme klang bestimmt und drohend.
"Aber damit spielt doch Sven", antwortete Sandy.
"Dann gib ihr etwas anderes, ich will nichts mehr hören. Du bist die Älteste, du sorgst sofort für Ruhe."
Tine setzte sich wieder an ihren Platz, im Kinderzimmer blieb es tatsächlich still.
"Also, was ist jetzt", fragte sie und sah Ede an.
"Was soll sein, wir haben einen Vertrag und nach dem erfolgt die Bezahlung, wie immer. Wir teilen unsere Hälfte auf, wie wir es bisher getan haben.
"Wir teilen sechzig Prozent auf, und keinen Cent weniger".
Tine sagte es so herrisch und bestimmt, wie sie konnte. Aber Ede kannte seine Schwester ganz genau und ließ sich davon nicht beeindrucken.
"Gib dir keine Mühe, Tine, wenn du nicht willst, brauchst du nicht mitzumachen. Ich bin euer Arbeitgeber und ich teile den Gewinn auf, wie vereinbart."
"Soll ich dir mal vorrechnen, wieviel Latsch und ich machen, um die alten Schlitten auf Vordermann zu bringen, und was tust du, wenn ich fragen darf? Du kassierst bloß das große Geld, dabei hast du noch Arbeit, während Ralf arbeitslos ist."
"Schäm dich, Tine", fuhr Cora dazwischen, "Ede ist immer dabei, wenn es brenzlich wird, er riskiert jedesmal Kopf und Kragen. Er lackiert die Schlitten, besorgt auch die Leute und holt die Wagen von Kamenz ab."
"Ph, daß ich nicht lache, laß mich das machen, ich bringe das auch, aber dann kassiere ich auch doppelt."
"Wie kann man sich nur so gehen lassen, euch geht es doch gut, seit ihr den Job beim Boss habt. In jeder Firma gibt es einen Teilhaber, der am Gewinn beteiligt ist, und das ist nun mal Ede. Wärst du es, würden wir es auch akzeptieren", gab Cora erregt zurück.
"Aber ich bin es nicht und ich weiß genau, daß ihr euch auch aufregen würdet".
"Merkst du denn nicht, wie lächerlich deine Forderungen sind, du hast doch alles, aber es reicht dir noch nicht."
"Weil du gut reden hast, du bist ja mit am großen Geld beteiligt. Bestimmt weißt du auch, wer der Boss ist, Ede weiß es doch auch."
"Nein, Ede weiß es eben nicht, aber er ist mit dem zufrieden, wie es läuft. Der Boss kassiert nun mal den Löwenanteil."
"Damit bin ich aber nicht mehr zufrieden, ich will jetzt wissen, wer das ist und dann werde ich ihm meine Forderungen unter die Nase reiben."
"Tine, wenn das der Boss hört, ich würde an deiner Stelle vorsichtiger sein", warnte Cora.
Der Streit hatte sich jetzt ganz zwischen den beiden Frauen entwickelt. Ede gab seinem Schwager einen Wink und beide verschwanden in der Küche, wo er zwei Flaschen Bier aus dem Kühlschrank nahm.
"Laß die noch eine Weile schnattern, die beruhigen sich auch wieder", grinste er.
"Aber nicht Tine, sie geht mir seit Wochen damit auf den Geist, sie will mehr Geld sehen", erwiderte Latsch.
"Es bleibt alles, wie es ist, das mußt du ihr klarmachen. Wenn wir anfangen, uns zu streiten, zerfällt die Gang und wir wandern ab". Er hielt sich die gespreizte Hand vor die Augen.
"Mensch, laßt mich doch damit in Frieden, ich mache weiter mit, schon wegen dem Jux. Mir macht es Spaß und Geld bekomme ich doch genug."
"Bringe das mal meinem Schwesterleinchen bei", stöhnte Ede.
"Warst du eigentlich gerstern im Stadion, du wolltest doch gehen", beendete Latsch das Thema.
"Ja, stell dir vor", entgegnete Ede eifrig, "Ich hatte da eine interessante Unterhaltung. Fromm sah mich im Stadion. Er hielt mich an und fragte, ob ich ihm schnellstens einen Kratzer in seinem Off-Roader ausbessern kann."
"Und, hast du zugesagt?"
"Aber natürlich, ich freue mich sogar schon darauf. Er will die Karre morgen zu Hall bringen, ich nehme sie dann gleich vor."
"Der rückt bestimmt mit 'nem fetten Trinkgeld raus".
Ede sah seinen Schwager dabei seltsam an. Ob Latsch dieselben Gedanken hatte wie er?
Da schallte aus dem Korridor Tines wütende Stimme.
"Damit kommt ihr nicht mehr durch, mal sehen, was die anderen dazu sagen. Latsch, Rebecca, Sven, wir gehen".
Latsch sah Ede ergeben an und ging hinaus.
Als Cora zu Ede kam, war sie sehr erregt. Sie griff sich eine Büchse Bier und fauchte:
"Wenn du Tine auch nur einen Cent mehr gibst, kriegst du es mit mir zu tun, verstanden?"
"Nun beruhige dich doch erst mal, ich habe nicht die Absicht, ihr mehr zu geben."
Ede griff sich das Telefon und rief in Kamenz bei Peter Steinitz an, natürlich ohne Erfolg. Da versuchte er es bei Karl und der war zufällig selbst am Apparat.
"Ede, Peter ist tot", hörte er dessen Stimme, "man hat seine Leiche in der Ostsee, fast in Dänemark gefunden. Er ist eindeutig beim Surfen ertrunken. Wir stehen vor einem Rätsel, warum ist er plötzlich an die Ostsee zum Surfen gefahren?"
Ede bekam einen tüchtigen Schreck und erblaßte. Würde der Boss eigentlich vor seinem Partner zurückschrecken?
"Mensch, beruhige dich erst mal", sagte er schließlich, "Peter wollte ja nicht auf mich hören, er hat dem Boss Schwierigkeiten gemacht und nun ist er in der Ostsee ertrunken."
"Denkst du, das war der Boss? Da liegst du falsch, denn Peter ist allein an der See angekommen und allein losgesurft, das haben viele Zeugen bestätigt."
"Und trotzdem ist einiges nicht richtig dabei, er war nicht der erste, der auf unerklärliche Weise tot ist. Kahl ist allein aufs Matterhorn geklettert, Peter ist im Winter allein ins Steinhuder Meer gestiegen" Ede versuchte seine Angst zu verbergen.
Cora hatte ihn beobachtet, aber sie konnte ihn nicht trösten. Schon mehrfach hatte sie mit Ede darüber gesprochen, in was sie da reingeschlittert sind. Früher hatten sie kein Geld und lebten in einer elenden Bude, das stimmt schon, aber schließlich hatten sie beide noch Arbeit und verdienten auch gutes Geld, da wäre einmal auch so mit dem Schlamassel Schluß gewesen.
Heute dagegen haben sie Geld und eine schöne Wohnung, doch so richtig froh können sie darüber nicht sein. Ständig die Angst vor der Polizei oder vor dem Boss.
"Weißt du was, wir machen uns heute mal einen netten Abend. Wir gehen in eine gemütliche Bar und trinken danach noch eine gute Flasche aus", schlug sie vor und Ede nickt erfreut.
Am nächsten Tag wurde Ede von Fips bereits vor dem Tor zum Betrieb abgepaßt.
"Ede, wir müssen uns mal unterhalten", begann er.
"Ach, du hast wohl mit Tine gesprochen? Spar dir deine Worte, hier gibt es nichts zu sagen!"
"Nee, du, so einfach kommst du nicht davon. Wir reden am Sonnabend darüber."
Bei diesen Worten kam Fromms Off-Roader um die Kurve und Fips verschwand schnell in der Werkstatt.
Am Sonnabend dann stand die ganze Gang schon in der Halle, als Ede und Cora eintrafen. Tina baute sich vor ihnen auf:
"Ede, war haben beschlossen, daß wir keinen Handschlag mehr machen, wenn nicht sechzig Prozent aufgeteilt werden".
Ede blickte in die Runde und sah Rasi ins Gesicht, der von der Crew zum ersten Mal nach Lesta eingeladen worden war.
"Rasi, warst du auch bei dem Beschluß dabei?"
Rasi nickte nur, aber er fühlte sich dabei nicht wohl, das war ihm deutlich anzusehen.
"Und ich kann nur immer wieder sagen, wir haben eine Vereinbarung, mit der ihr bisher sehr gut gefahren seid. Ich bin Gesellschafter der Firma und habe dadurch einen Anteil, wie das in jedem Betrieb ist. Was ihr hier veranstaltet, ist Meuterei. Und der letzte, der gemeutert hatte, war Peter Steinitz. Den haben sie Mittwoch aus der Ostsee gefischt, er ist beim Surfen ertrunken, obwohl er noch nie vorher in der Ostsee gesurft hatte".
Bei diesen Worten breitete sich Stille aus. Jeder dachte wohl daran, was der Boss mit ihm machen würde.
"Das geht mich alles nichts an, ich will nicht meutern, sondern mehr Geld", fand Tine die Sprache zuerst wieder.
"Und ich mache die ganze Facharbeit, mir steht auch mehr zu", meinte Fips.
"Macht das dem Boss klar, vielleicht verzichtet der auf seine Anteile, ich habe mit euch einen Vertrag und den halte ich ein, also kann ich von euch dasselbe verlangen."
"Dann sag uns endlich, wer der Boss ist", fauchte ihn Tine an.
"Das möchte ich selber gern wissen", sagte Ede
"Wozu denn", meldete sich da der Boss, "es lief doch bisher immer alles gut und von euch kann sich keiner beklagen, daß es ihm schlecht geht. Warum seid ihr plötzlich unzufrieden?"
"Weil wir nur als Cash-Cow benutzt werden", erwiderte Tine erregt, "sie melken uns und wir tragen das ganze Risiko."
"Glaubt mir, mein Risiko ist genau so groß. Ich muß die Kontakte knüpfen und für unsere Geschäftspartner garantieren. Wenn ich dabei einen Fehler mache, fliegen wir alle auf, auch ich."
Doch Tine ließ sich nicht beruhigen: "Das ist doch kein Grund, uns zu melken und auszunehmen. Wir sind Partner und verlangen die prozentuale Aufteilung des gesamten Gewinnes. Latsch, sag auch mal was dazu."
Latsch ging auf den Kasten zu und sprach ziemlich drohend hinein:
"Hören sie, Boss, ich habe keine Lust, mich mit meiner Frau zu zanken und was sie sagt, das stimmt. Sie kassieren den Löwenanteil und wir werden mit Peanuts abgespeist."
"Ihr geht jetzt schön ruhig an eure Arbeit, der Wagen muß heute fertig werden. Über Geld diskutieren wir nicht weiter, es bleibt alles so, wie es war."
"Ich höre wohl nicht recht", schrie Latsch und ballte die Fäuste, "hab ich nicht eben gesagt, daß wir hier über Geld sprechen?"
"Nein, hier wird der Wagen fertig gemacht", schrie der Boss zurück.
Da stürzte Latsch zum Tisch und zertrümmerte den Kasten mit einem gewaltigen Faustschlag. Es gab einen dumpfen Knall, bei dem alle zusammenzuckten. Latsch wischte die Reste vom Tisch und trampelte mit den Füßen darauf herum. Er war außer sich und niemand getraute sich an ihn heran.
Endlich ging Tine zu ihm hin und packte ihn an der Hand. Latsch wollte sie wütend wegziehen, aber plötzlich sah er seiner Frau ins Gesicht und wurde schlagartig ruhig.
"Entschuldige, Tine, ich konnte das plötzlich nicht mehr hören, wie der mit uns umspringt."
Tine hatte ängstliche Augen uns sah sich wie gehetzt in der Halle um.
"Latsch, das hättest du nicht tun sollen, wir haben doch besprochen, daß wir ständig mehr Geld fordern, bis wir es endlich erreicht haben. Aber hier alles kaputtzuschlagen, das nützt doch nichts."
Latsch blieb mit gesenktem Kopf stehen, Wer diesen riesigen Menschen so stehen sah, konnte direkt Mitleid mit ihm haben.
Er ging wortlos in die Halle und nahm den Werkzeugkasten mit. Cora und Tine folgten ihm.
"Für mich ist das noch lange nicht zu Ende, ich will mehr Geld haben, Ede", sagte Fips laut und drohend.
"Für heute ist es zu Ende, es bleibt alles wie bisher".
Ede erklärte die Kundenwünsche und wie der Wagen umgebaut auszusehen hatte.
34. Die Macht des Bosses
"Was haben wir bloß falsch gemacht", sagte Ede zu Cora, als sie beide am anderen Tag nach Hause kamen, "bisher lief doch alles prima. Aber auf einmal kommt meine gierige Schewster auf den Geschmack und will mehr Geld. Bisher ist sie doch immer mit dem zurechtgekommen, was sie hatte, ohne zu klagen. Aber nun, wo sich ihr Konto füllt, wird sie gierig. Und die anderen sind genauso, sie lassen sich nur zu leicht von ihr überzeugen. Ich denke aber nicht daran, meinen Anteil am Geschäft aufzugeben. Ich frage ja meinen Chef auch nicht, wieviel er hat und ob es gerecht ist, mir so wenig davon abzugeben. Er ist eben der Chef, genauso wie ich es hier für euch bin."
Reg dich doch erst einmal nicht so auf, Ede", versuchte Cora zu trösten, "sie werden sich schon wieder beruhigen und wie bisher weitermachen."
"Da kennst du aber meine Schwester schlecht, wenn die sich was in den Kopf gesetzt hat, so gibt sie keine Ruhe mehr, bis sie es erreicht hat."
"Wie wäre es, wenn wir mal eine Bilanz aufstellen, was wir bisher geleistet haben und wieviel jeder von uns schon daran verdient hat?", schlug Cora vor.
"Du, das ist 'ne tolle Idee, da kann dann niemend mehr davon sprechen, nicht genug abbekommen zu haben. Ich fahre gleich morgen nach Lesta, dort ist der Ordner."
"Eigentlich sollten wir noch mal in Ruhe mit Tine und Latsch reden, schließlich ist sie deine Schwester. Wenn die Familie zusammenhält, kommen wir viel besser gegen Fips und die anderen durch", überlegte Cora.
"Das habe ich nach eurem Streit gar nicht vorzuschlagen gewagt", antwortete Ede, "ich bin froh, daß du auch so denkst."
Sie gaben Sandy Bescheid, die aber keine Lust verspürte, ihre Cousine zu sehen, und fuhren zu Lechners.
Als sie an der Kreuzerstraße vorbeikamen, erhielt dort eben der Ford von Robert Hartmann wegen Falschparkens ein Knöllchen.
"Tine, wir müssen noch mal mit euch über alles reden, es wäre doch zu schade, wenn jetzt, wo die Sache so gut läuft, die Gruppe wegen interner Querelen auffliegt", begrüßte Cora ihre Schwägerin.
Tine nickte nur ernst und hielt die Tür auf. Latsch saß am Tisch und starrte vor sich hin.
"He, ein Freudenfest feiert ihr ja gerade nicht", Ede überflog die Szene mit einem kurzen Blick und sah dann seine Schwester ratlos an, "oder habt ihr Zitronen gegessen?"
Es sollte scherzhaft klingen, aber es schwang doch auch eine große Besorgnis durch. Zwischen Tine und Latsch gab es sonst keine Probleme. Hatten sie sich nun verzankt, war das vielleicht der Anfang vom Ende ihrer Ehe?
"Nein, nein, beruhige dich, hier ist alles in Ordnung", versuchte Tine ihren Bruder zu trösten. Aber der glaubte nicht so recht an ihre Versicherung. Das fiel doch sogar einem Deppen auf, daß hier etwas nicht stimmte.
"Also, ihr seid der Meinung, daß alles so bleiben soll, wie es bisher lief", begann Tine nach einer Weile, "wir sind zwar immer noch nicht dieser Ansicht, aber wir machen weiter mit, wie bisher."
Cora und Ede sahen sich sprachlos an. Das hatten sie nun doch nicht erwartet, daß ausgerechnet Latsch den Mumm hat, seine Frau zu überzeugen, auch wenn sie sich dabei ziemlich heftig gestritten hatten. Ede sah ihn an.
"Danke, Latsch, das war ein vernünftiger Entschluß".
"Von wegen Entschluß", fuhr Latsch auf, "guck mal, was da steht." Er wies stumm in eine dunkle Ecke des Zimmers, wo Ede zu seinem Erstaunen einen Kasten stehen sah. Als er näher heranging, um ihn zu betrachten, kam auch Cora dazu. Plötzlich erkannten beide, daß es eine neue Variante des Apparates war, den Latsch in Lesta zertrümmert hatte.
"Ede, wie kommt das Ding hier in unsere Wohnung", stammelte Tine, die hat Ralf doch einbruchsicher gebaut, hier kann niemand rein, das ist unmöglich".
"Und das hier lag auf dem Tisch". Latsch hielt ihm einen Zettel mit einem verschnörkelten B hin.
Jetzt verstanden Cora und Ede schlagartig die Situation. Der Boss ist in Tines Wohnung gewesen und hat dort einen neuen Apparat hingestellt. Sie sollten ihn sofort nach Lesta bringen und installieren.
Aber die Wohnung war einbruchsicher, Latsch hatte schwere Eisen zusammengeschweißt, gehärtete Stahlriegel und schwere, teure Schlösser genommen, die ebenfalls einbruchsicher waren. Das alles kleidete er in Holz und verzierte es mit Blenden. Von außen sah die Tür leicht und zerbrechlich aus, aber niemand konnte sie bezwingen.
Und nun ist der Boss einfach so hindurchgegangen, kein Kratzer war zu sehen, keine Beschädigung, wie ein Geist.
"Der muß einen Schlüssel haben, knacken kann man das Schloß nicht", sagte Latsch tonlos.
"Aber wie kommt er an so einen Schlüssel ran, wir haben unsere immer bei uns, niemand hat sie bis jetzt in der Hand gehabt." Tine war ratlos
Ede sah sie an und sagte: "Das weiß ich auch nicht".
"Wenn der Boss sogar in die Wohnungen kann, wie es ihm beliebt, dann kann er uns auch jederzeit erledigen, wie er es schon mit den beiden Peters und mit dem Kahl gemacht hat", warf Latsch kläglich ein.
Was Cora nie gedacht hätte, dieser riesige Kerl hatte entsetzliche Angst vor dem Boss.
Na ja, daß der nicht spaßt, hat er schließlich schon oft genug bewiesen. Wenn es wenigstens normale Morde wären. Aber die Art, wie der Boss vorging, hatte etwas Gespenstisches an sich. Und wer das unheimliche Gefühl, vom Boss beobachtet zu werden und womöglich auf der Abschußliste zu stehen einmal erlebt hat der merkt sehr schnell, wie tief er mit drin steckt und daß man nicht mehr heraus kann. Auch Ede und Cora waren sich dessen bewußt. Der Kasten war schon beklemmend und der Boss verstand es gut, Angst zu verbreiten.
"Mensch, verkriechen braucht ihr euch nun auch nicht gerade", versuchte Cora zu vermitteln, "ihr seid für den Boss viel zu wertvoll, als daß er euch beseitigen will. Es soll wohl nur eine Warnung sein. Am besten, wir bringen den Kasten gleich nach Lesta, der Boss will bestimmt mit uns sprechen."
Alle nickten schweigend und Latsch nahm den Kasten auf.
In Lesta verbanden sie den Apparat mit der Telefonbuchse und versuchten sofort, beim Boss anzurufen. Leider meldete sich nur der Anrufbeantworter.
"Boss, wir wollten mit Ihnen reden, aber das hat nun auch bis Sonnabend Zeit", sprach Cora für alle.
Irgendwie fühlten sich Tine und Latsch dadurch erleichtert und ihre sorgenvollen Mienen wurden ein wenig heller.
"Wollen wir nicht Fips anrufen, wir sprechen vernünftig mit ihm, er wird sofort begreifen, daß wir nicht an der bisherigen Arbeit rumnörgeln sollten", schlug Tine vor.
Fips war nur über sein I-Handy zu erreichen. Wo er sich aufhielt, wollte er nicht verraten.
"Du, Ede", sagte er mit leiser Stimme, "der Boss war an meinem Computer. Er hat einiges durcheinandergebracht, aber wenn ich einschalte, erscheint zuerst ein verschnörkeltes B. Das ist richtig unheimlich, denn bei uns ist doch immer jemand zu Hause, aber keiner hat den Boss gesehen. Ich kann zwar den genauen Zeitpunkt feststellen, wann das gespeichert wurde, aber das bringt mich auch nicht weiter. Zu dieser Zeit war mein Vater in der Wohnung. Und Mutter hatte abgeschlossen, als sie ging."
"Und jetzt haste Schiß", stellte Cora fest, "aber beruhige dich, der Boss ist scheinbar überall, auch bei Lechners war er in der Wohnung."
"Cora, was will der von mir? Ich habe doch nichts getan und bin kein Risiko. Jeder versucht doch, nach einer Weile mehr Geld zu bekommen, das ist doch nichts Schlimmes!"
"Mensch Fips, der Boss will dich warnen. Du hast gedroht, keinen Finger mehr krumm zu machen, und das bringt Verluste. Sei also vernünftig und mache wie bisher mit, dann ist alles in Ordnung. Ein Gutes hat die ganze Sache auch, wenn alles klappt, stehen wir unter dem Schutz des Bosses, dann sind wir sicher und haben immer genügend Geld in der Tasche". Cora hatte sich richtig in Rage geredet.
"Ich habe ja niemals gesagt, daß ich nicht mehr mitmachen will", antwortete Fips, "ich wollte nur mehr Geld haben. Aber ich bin einverstanden, daß alles ertst mal so weiterläuft wie bisher."
"Na, ist ja prima, dann gibt es keine Probleme mehr", freute sich Ede, "Rasi sagt sowieso kein Wort von allein".
"Wie geht es eigentlich in Kamenz weiter?" wollte Tine wissen.
"Ich will Karl als Chef einsetzen, der ist ein helles Köpfchen und weiß, wie weit er gehen kann", antwortete Ede.
"Und was ist mit deinem Freddi, ich meine, du wolltest ihn doch vielleicht als neuen Kurier einsetzen."
Ede runzelte die Stirn und wurde wütend, als er an das letzte Gespräch mit ihm dachte. Von diesem Typen ließ er sich nichts vorschreiben, er war schließlich der Gläubiger und diktierte hier, wie der Hase läuft.
"Den muß ich erst mal überzeugen, der macht jetzt schon mehr Ärger als Peter Steinitz je gemacht hat. Aber das kann er sich gleich abschminken, noch habe ich den Trumpf in der Hand, ich bin es schließlich, der ihm Geld geborgt hat."
"Ede, bitte keinen unüberlegten Ärger", meldete sich überraschend der Boss, "wir haben schon mal darüber gesprochen, dieser Freddi ist nicht der Typ, den wir einsetzen können."
"Aber ich lasse mich von so einem Wichser nicht lächerlich machen, dem jage ich einen Schreck ein, den er sein Leben lang nicht mehr vergißt."
"Aber Vorsicht, er darf dich nicht mit unserer Firma oder anderen Dingen in Verbindung bringen, hast du gehört?" Fast bittend klang die elektronische Stimme.
"Schon gut, ich bin doch nicht blöd".
"Also, dann bis Sonnabend".
Als Ede das Tor schloß, bemerkte er Latsch, der ihn abwartend ansah.
"Du denkst auch dasselbe, wie ich", wandte er sich um.
"Es wäre jedenfalls ein Jux". Latsch grinste dabei unverschämt.
"Also, morgen. Wir treffen uns nach der Arbeit."
Am nächsten Tag stand Ede mit einem Audi, den er für einen Kunden lackieren sollte und dem er schnell mal falsche Nummernschilder verpaßt hatte, vor Lechners Wohnung.
"Na dann los, wir fahren gleich zu der Tussi", entschied Ede, als er Latsch begrüßt hatte und kramte seine falschen Haare, Bart und Brille hervor. Auch Latsch verwandelte sich in einen anderen Menschen.
Sie postierten sich unweit von Eichenthals Grundstück. Lange mußten sie nicht warten, da kam Cindi aus dem Haus und schritt die Straße in Richtung Innenstadt entlang.
35. Kidnapping
Wenn man plötzlich allein gelassen wird, hat man nur noch das Gefühl einer gähnenden Leere in sich. Freddi schlich schon den zweiten Tag ziellos umher und verstand die Welt nicht mehr. Aber er sagte sich auch, daß Cindi gar keine andere Schlußfolgerung aus seinem Verhalten ziehen konnte. Umgekehrt hätte er bestimmt auch an einen anderen Mann gedacht.
Ich muß mit ihr reden, muß alles aufklären, dachte er und haßte zum ersten Mal seinen verdammten Stolz. Nun ja, sie würde ihm das Geld sofort geben und er war seine Sorgen los, aber er wird sich als ihr Schuldner fühlen, solange, bis er es zurückgezahlt hat. Immer noch besser, als sie zu verlieren. Und wem er es nun zurückzahlte, ist doch schliesslich einerlei. Eben kam er im Internat an, als Carsten Ried, ein Kommilitone, sein Motorrad abstellen wollte.
"Carsten, du bist mir noch was schuldig", sprach ihn Freddi an, "bitte leihe mir mal dein Motorrad, ich bringe es bald zurück."
"Wo willst du denn hin?"
"Zu Cindi".
Carsten war damit zufrieden, denn er wußte nichts von dem Streit und der Trennung. So warf er ihm den Zündschlüssel zu und sagte noch, daß er eben getankt hat. Freddi brauste in Richtung Villa Eichenthal davon. Schon von weitem sah er Cindi aus dem Hause kommen, sie wollte wohl in die City.
Cindi erging es ebenso wie Freddi. Auch sie lief ruhelos umher und fühlte eine Leere in sich, die mit nichts in der Welt aufzufüllen ging.
"Habe ich ihm Unrecht getan, hat er eine andere oder nicht", fragte sie ihre Mutter, "ich kann es nicht glauben, daß alles zu Ende ist. Ein Mann, der eine Frau verlassen will, schenkt ihr doch keine Südseereise, die weit über seine Verhältnisse geht, wenn ich nur wüßte, was ich machen soll".
"Geh zu ihm, sprecht euch richtig aus. Wenn du dann immer noch der Meinung bist, daß er eine andere hat, dann mach endgültig Schluß. Das hier ist nur ein zielloses Durcheinander, eine ordentliche Trennung, zu der es wenigstes einen Grund gibt, habt ihr euch doch beide verdient."
"Daran habe ich auch schon gedacht, aber soll ich ihm zu Kreuze kriechen?"
"Hast du ihm nicht gesagt, daß du ihn nicht mehr sehen willst? Ein Mann wie Freddi nimmt so etwas ernst, das kannst du mir glauben, den siehst du nicht wieder, wenn du ihn nicht selbst aufsuchst, das hat mit Kreuze kriechen nichts zu tun, du hast die Trennung ausgesprochen, das ist bei seinem Stolz für ihn endgültig."
"Ich glaube, du hast Recht, wenn ich es mir genau überlege, muß ich zu ihm gehen. Aber denke nicht, daß ich es ihm so leicht mache, ich will diesmal wirklich ganz ganau wissen, was los ist. Und wenn er es mir wieder nicht sagt, dann ist endgültig Schluß". Bei diesen Worten standen Tränen in ihren Augen.
Cindi ging auch sofort in die Garage, überlegte es sich dann aber anders und verließ das Haus zu Fuß. Vor dem Internat gab es niemals einen freien Parkplatz und ehe sie lange herumfährt und sucht, ist sie das Stück auch gelaufen. Da kann sie sich schon mal in Gedanken mit dem bevorstehenden Gespräch befassen. Ohne auf die Umgebung zu achten, lief sie die Straße entlang.
"Verzeihung, Fräulein", hörte sie da eine Stimme und blickte auf den Mann im Audi, der sie angesprochen hatte, "kennen sie sich hier aus, wir suchen die Klopstock-Allee".
"Eine Klopstock-Allee gibt es in Cildburg nicht", erwiderte sie und ging näher an das Auto heran.
"Aber hier ist sie doch eingezeichnet", sagte der Fahrer und hielt eine Karte hoch.
Cindi trat nun ganz an das Auto heran und wollte eben nach der Karte greifen, da sprang die Tür auf, sie wurde hineingezerrt und bekam eine schwarze Maske über den Kopf gezogen. Das alles ging dermaßen schnell, daß sie zunächst nichts begriff. Doch als dann der Fahrer Gas gab, kam sie zu sich.
"Was soll das, halten sie sofort an, ich will aussteigen", schrie sie den Fahrer an. Aber der Riese neben ihr zischte: "Ganz ruhig, dann passiert dir auch nichts. Wenn du schreist, stülpe ich dir den Müllsack über den Kopf". Und wie zur Bestätigung knisterte eine Plastetüte.
"Das funktioniert nie, sie können mich doch nicht am hellen Tag auf der Straße kidnappen. Wieviel werden sie denn für mich verlangen?" Cindi war überzeugt, Lösegelderpressern in die Hände gefallen zu sein.
"Ruhe, meine Puppe, laß das unsere Sache sein."
Cindi verhielt sich ruhig. Was hätte sie auch tun sollen, gegen zwei so kräftige Männer hatte sie keine Chance. Aber sie hatte auch keine Angst. Wer Lösegeld haben will, der tut seiner Geisel nichts, war ihre Überzeugung.
"Da ist die ganze Zeit ein Motorrad hinter uns", sagte der Fahrer plötzlich, "möglich, daß wir verfolgt werden."
"Polizei?", fragte der Riese und sah nach hinten.
"Glaube ich nicht, vielleicht hat der was gesehen".
Endlich hielt der Wagen. Cindi hatte den Eindruck, daß er auf ein Betriebegelände gefahren ist. Aber so sehr sie sich auch anstrengte, sie hörte kein Geräusch einer Maschine, nicht einen Menschen. Es war alles ganz ruhig. Sie wurde durch eine Tür geführt, dann nahm man ihr die Augenbinde ab.
Freddi war dem Audi in einiger Entfernung gefolgt. Als er in den Weg nach Lesta einbog, mußte er offen hinterherfahren, was ihm nicht sehr gefiel. Aber eine andere Möglichkeit gab es nicht, ohne den Kontakt zu verlieren.
Vor Lesta bog der Wagen in einen Feldweg ein. Freddi hielt an und beobachtete, wie er vor einer großen Halle hielt. Die Tür wurde geöffnet und Cindi mit verbundenen Augen herausgeführt.
Freddi wartete, bis Cindi in der Halle verschwunden war. Dann stellte er sein Motorrad ab und schlich sich hinter Bäumen versteckt näher heran.
Als er den Hallenhof erreicht hatte, stand er hinter einem Busch und überlegte, wie er sich an das Fenster heranschleichen könnte. Leider war alles dahinter dunkel und er wußte nicht, wo sich die Männer befanden und ob sie ihn sehen konnten.
Aber die Sorge um Cindi war übergroß und so entschloß er sich, unauffällig wie ein Fußgänger die Strecke langsam zurückzulegen. Eben wollte er losgehen, da wurde er am Kragen gepackt und hochgehoben.
"Sieh einmal an, wen haben wir denn da", höhnte Latsch, "wenn das mal nicht der Freddi ist".
Freddi erkannte ihn ebenfalls sofort. Zu dumm, daß er nicht auch die Umgebung beobachtet hat. Aber nun war es zu spät und Latsch trug ihn in die Halle.
"Ede, sieh mal an, wen ich hier habe".
"Ede?", fragte Freddi verständnislos, "ich dachte, sie heißen Rolf Henrich!"
"Du denkst ein bißchen zu viel, mein Guter", erhielt er zur Antwort, "was jetzt los ist, muß ich dir wohl nicht weiter erklären. Eigentlich wollte ich dich überzeugen, daß du ein Auto klaust, wenn du deine Braut wiedersehen willst, aber das ist wohl jetzt nicht mehr möglich".
"Sie bekommen ihr Geld so, wie wir es vereinbart haben, innerhalb von zwei Jahren. Wir haben keinen festen Termin genannt, also muß ich es nicht heute schon zurückzahlen. Und nun lassen sie mich zu Cindi, sie fährt mit mir zurück."
Freddi wollte sich an Ede vorbeidrücken, aber Latsch hielt ihn zurück.
"Hiergeblieben, Freundchen, versuche nicht abzuhauen, das würdest du bitter bereuen."
"Was soll denn das heißen, wollt ihr mich hier festhalten?"
Ede gab Latsch einen Wink und der band Freddi mit einem Strick die Hände hinter dem Rücken zusammen. Danach fesselte er auch dessen Füße und brachte ihn in einen anderen Raum.
36 Die Entscheidung
Das Zimmer war klein und dunkel. Es dauerte eine Weile, bis er Cindi erkannte, die ebenso wie er gefesselt dasaß. Ringsum lagen eine Menge Dinge verstreut, die wohl einmal zu einem Betrieb gehört haben mochten. Früher war das bestimmt ein Lagerraum, jetzt sah er aber ziemlich verwahrlost aus.
"Cindi, haben sie dir etwas getan?", fragte er besorgt, "ich konnte ja nicht ahnen, auf was ich mich da eingelassen habe."
"Freddi, was sind das für Typen, ich habe euer Gespräch gehört, was ist das für eine Vereinbarung?" "Ruhe", brüllte Latsch von draußen und stieß die Tür auf. Durch das Licht geblendet, schlossen sie erst einmal die Augen. Aber das interessierte Latsch nicht. Mit ein paar Schritten war er bei ihnen und schob ihnen irgendwelche schmutzigen Tücher als Knebel in den Mund.
"Und wenn ihr weiteren Ärger macht, hänge ich euch an den Beinen hoch. Ich hoffe, ihr seid auch so vernünftig und verhaltet euch ruhig".
Damit ließ er sie wieder allein. Der Raum hatte nur fast keine Schallisolierung zum Kontor, sodaß die beiden jedes Wort, das dort gesprochen wurde verstehen konnten.
Dieser Henrich, oder Ede oder wie auch immer unterhielt sich mit jemandem, der eine eigenartige Stimme hatte. Es dauerte eine Weile bis sie begriffen, daß das eine elektronisch verzerrte Stimme war, die aus einem Lautsprecher kam. Bei genauem Hinsehen erkannte Freddi auch zwei Kameras in seinem Gefängnis, durch die er und Cindi von irgend jemandem beobachtet wurden. Er machte Cindi mit den Augen darauf aufmerksam, sie hatte die Objektive auch schon bemerkt.
"Boss, ich wußte doch nicht, daß der Penner uns folgt, weiß der Teufel, wie der das mitgekriegt hat", sagte Ede.
"Das ist mir vollkommen egal. Weißt du denn überhaupt, wen du da gekidnappt hast? Es ist die Tochter der Eichenthals, der reichsten Familie in Cildburg, dazu das Nesthäkchen. Was meinst du, was hier gleich losgehen wird, wenn die das bemerken? Die Polizei bildet eine Soko, nach euch wird international gefahndet, ihr kommt in den Knast, bis ihr verschimmelt seid und dort sind Mörder die größten, aber Kidnapper sind nicht beliebt, sie müssen die Drecksarbeit machen."
"Bis jetzt haben sie uns aber noch nicht," erwiderte Ede etwas kleinlaut, "und wenn wir es geschickt anstellen, dann wird noch alles gut."
"Gar nichts wird gut. Denkst du, ich lasse mir von euch das Geschäft verderben? Wenn du sie wenigstens nicht in die Halle gebracht hättest, ich habe dir genau das gestern noch verboten. Zumindest dieser Schadock kennt die jetzt genau, der ist euch doch hinterhergefahren".
Eine Weile blieb es ruhig, wahrscheinlich überlegte Ede und der Riese saß stumm daneben.
"Boss, was können wir jetzt tun?", fragte Ede endlich.
"Für heute gar nichts mehr. Seid morgen früh um sieben wieder hier, aber pünktlich. Bis dahin überschlafen wir alle einmal gründlich die Situation."
Kurze Zeit später ging die Tür auf und Ede kam herein. Er prüfte die Knebel und die Fesseln. Dann drehte er Freddi ganz auf die Seite, sodaß der Cindi nicht einmal sehen konnte. Ohne ein einziges Wort zu verlieren, verließ er den Raum. Draußen rumpelte es noch einmal beängstigend, dann wurde es ruhig. Die beiden hörten, wie er die Halle verschloß und wie der Audi davonfuhr.
Eine Unterhaltung war durch die Knebel nicht möglich und die Fesseln waren so stark und fest, daß sie sich nicht einmal bewegen konnten. Dabei war ihnen klar, daß sie von dem Unbekannten durch die beiden Kameras beobachtet würden.
Freddi beschloß, sich bis zur Dunkelheit erst einmal ruhig zu verhalten. Wenn es ganz dunkel ist, kann der Beobachter auch durch die beste Kamera nichts mehr sehen. Er blickte sich in seiner Umgebung um und bemerkte einen Nagel, der bis zur Hälfte aus einem Brett hervorstand. Bis dorthin konnte er sich bewegen.
Als es einige Stunden später so dunkel war, daß auch durch eine gute Kamera nichts mehr zu sehen war, rutschte Freddi zu dem Nagel hin. Zuerst spießte er ihn in den Knebel und zog sich den Fetzen Tuch damit aus dem Mund, dann drehte er sich auf den Rücken und zerriß das Seil, mit dem er gefesselt war, an dem Nagel. Aber das ging nicht so schnell, wie er es sich wünschte, er brauchte sehr lange dazu. Endlich aber hatte er seine Hände frei und konnte auch seine Beine losbinden.
Vorsichtig richtete er sich auf und tastete nach der Kamera. Er fand sie schließlich und riß mit einem Ruck die Kabel heraus. Dann mühte er sich durch den Dreck zu der anderen Kamera, die er auch schnell fand und unschädlich machte. Im nächsten Augenblick hatte er Cindi befreit und hielt sie in seinen Armen.
"Freddi, ich verstehe noch immer nichts, was sind das für Leute, warum solltest du für die ein Auto klauen, wer ist der Boss, warum sollen wir die Halle nicht kennen und was wollen die mit uns machen?"
Cindi brachte das nur mühsam heraus, nach der langen Knebelei konnte sie noch nicht wieder richtig sprechen.
"Jetzt nicht", sagte er, "zuerst müssen wir mal hier raus, dann werde ich dir alles sagen."
Aber ihr Gefängnis erwies sich als ausbruchsicherer, als sie es erwartet hatten. Ede mußte etwas großes und Schweres vor die Tür geschoben haben, als es am Abend so rumpelte, jedenfalls ließ sie sich auch mit einer Brechstange, die im Lager lag, nicht öffnen. Die übrigen Wände waren zwar dünn, doch zu ihrem Entsetzen aus Metall. Freddi stieß verzweifelt mit der Brechstange gegen die Wände, es dröhnte wie ein Gewitter, aber die Wände hielten stand. Endlich begriffen sie, daß sie nicht herauskonnten.
Später merkten sie, daß Ede eine ehemalige kleine Spritzkabine als Gefängnis ausgesucht hatte, die zuletzt als Lager diente. Wahrscheinlich hat man sie nicht mehr benutzt, weil der Lärm im Kontor zu stark war.
Cindi erkannte ihre Lage zuerst.
"Gib es auf, Freddi, schone deine Kräfte, wir kommen hier nicht raus. Die Wände sind aus Eisen."
"Aber wo kam denn das Licht her, irgendwo muß doch ein Fenster sein."
Trotz aller Sucherei fanden sie kein Fenster. Das Licht kam durch schmale Lichtspalte, die ganz oben an der Decke angeordnet waren, um ihre Verschmutzung bei den Spritzarbeiten zu verhindern. Aber das wußte Freddi nicht und so fand er keinen Ausweg aus der dunklen Kabine.
"Cindi, wir müssen bis zum Tag warten, vielleicht sehen wir dann mehr. Jetzt können wir nichts tun."
"Und wenn wirklich jemand unser Donnern hört, dann denken die Leute, daß hier gearbeitet wird", ergänzte sie.
So setzten sie sich auf den Boden und Freddi erzählte der Reihe nach, wie er an Herrn Henrich gekommen ist. Er ließ nichts aus und Cindi fiel es wie Schuppen von den Augen. Sie wußte jetzt plötzlich, warum Freddi immer so abgespannt war, wenn sie ihn unvermittelt sah.
"Freddi, verzeih mir, ich habe dir Unrecht getan", sagte sie, als sie ihn küßte, "du hast keine andere, ich habe es ja auch immer gefühlt".
"Aber ein wenig sah es schon so aus", fügte sie noch hinzu.
"Und ich wollte gestern gerade zu dir, habe mir sogar ein Motorrad geborgt, als ich deine Entführung sah. Da bin ich euch natürlich nachgefahren, aber leider nicht vorsichtig genug gewesen, deshalb hat mich dieser Riese gefunden."
"Und was wolltest du mir sagen, gestern?"
"Die Wahrheit, glaube mir. Ich möchte zwar nicht, daß du mir Geld gibst, weil ich mich dann als Versager fühlen würde, aber das ist mir jetzt gleich. Lieber ein Versager sein, als ganz auf dich zu verzichten."
"Eigentlich hätte ich mir so etwas denken müssen, ich weiß doch, wie es um dich steht. Aber wir haben uns noch niemals über Geld unterhalten können, du blockst da immer gleich ab. Und wo du das Geld für die Reise her hattest, darüber habe ich nie nachgedacht, ich bin an solche Gedanken eben nicht gewöhnt. Bitte Freddi, verzeih mir, es ist alles meine Schuld, ich habe mich nur gefreut, daß du mir diese Reise geschenkt hast. Aber daß du das Geld eigentlich gar nicht haben konntest, das wird mir erst jetzt so richtig klar."
"Ich will...", wollte Freddi eben erwidern, als draußen ein Auto hielt und Türen klappten. Danach hielten noch einige Autos, Stimmen wurden laut.
"Leg dich wieder so hin, wie der dich gestern abend verlassen hat", flüsterte Freddi und ging an seinen Platz. Beide banden sich die Seile locker um die Hände und Füße.
Die Personen versammelten sich im Kontor, Freddi und Cindi konnten jedes Wort hören, das dort gesprochen wurde. Die gesamte Gang außer Rasi war gekommen.
"Was habt ihr euch ausgedacht, wie wir die Sache in den Griff bekommen?", fragte der Boss.
"Wir lassen die beiden frei und drohen ihnen etwas Schreckliches an, wenn sie darüber reden, eine andere Möglichkeit sehe ich nicht", erwiderte Ede.
"Nein, das geht nicht. Die reden bestimmt darüber. Wenn das nicht die Eichenthal-Tochter wäre, dann vielleicht, aber ausgerechnet die mußtest du dir schnappen", donnerte der Boss.
"Aber was dann, wir sollen sie doch nicht etwa umbringen", fragte eine Frauenstimme.
"Nein, nicht selbst. Sie müssen sich schon von alleine töten, wie die anderen auch. Hauptsache, auf uns fällt kein Verdacht.
Also hört jetzt gut zu, was ich euch sage. In Coras Astra liegt im Handschuhfach ein kleines Päckchen. Es enthält zwei Tabletten Hypotaxal. Die müssen sie schlucken, nach einer Stunde befehlt ihr ihnen, sich zu töten, denkt euch was aus, wie sie es machen sollen, sie werden es tun."
"Freddi, was ist Hypotaxal?", fragte Cindi ängstlich.
"Eine neue Droge aus Ostasien, wir haben in einem Rauschgiftseminar darüber gesprochen. Sie lähmt den Willen und macht ihn gefügig für andere. Du führst dabei jeden Befehl aus, den du bekommst, auch wenn es deinen Tod bedeutet. Und was noch schlimmer ist, die Droge löst sich nach der Einwirkung auf das zentrale Nervensystem so auf, daß sie nicht mehr nachweisbar ist. Sie schädigt die Nerven bis zu 8 Stunden. Man kann den Opfern aber Pillen mitgeben und ihnen befehlen, alle sechs Stunden eine zu schlucken und sie tun es auf die Minute genau. Seltsam, daß es das Zeug schon in Europa gibt.
Hör zu, Cindi, du darfst das Ding nicht einnehmen. Verstecke sie unter der Zunge und spucke sie dann weg. Sie ist nur fettlöslich, also nur im Darm wirksam. Und in einer Stunde benimm dich wie ein Schlafwandler, wenn sie dir etwas befehlen, dann nickst du und führst es aus..."
In diesem Moment wurde die Tür geöffnet und Latsch kam herein. Er richtete Cindi auf und führte sie hinaus.
"Denk an Jule und die Perle des Südens, wer du bist", rief ihr Freddi nach.
"Schauze, sonst knallts", schrie Latsch.
Aber Cindi hatte begriffen. Jule war ihr Karatelehrer auf dem Schiff und Freddi nannte sie Kung-Fu-Lady. Sie sollte natürlich ihre Karatekünste anwenden.
Auch Freddi wurde geholt.
"Denk an Jule und die Perle des Südens, wer du bist", äffte Fips, "der hat wohl schon 'n Schatten?"
"Hat euch gar nichts genützt, daß ihr euch befreien konntet", höhnte Ede, "nun paßt mal auf, wie es weitergeht. Ich habe mir gedacht, daß wir uns gütlich einigen. Wenn ihr bei uns einsteigen wollt, dann muß jeder von euch ein Auto klauen und hierher bringen, aber einen Nobelschlitten. Zwei solche Karren und das Geld ist vergessen, einverstanden?"
Freddi und Cindi sagten kein Wort. Sie blickten sich an und versuchten, sich dadurch gegenseitig Mut zu machen.
"Na gut, aber jetzt werdet ihr sicherlich tüchtigen Hunger haben, schließlich wart ihr seit gestern mittag in dem Loch. Eßt erst einmal, dann sehen wir weiter."
Damit schob ihnen Tine zwei appetitliche Frühstücksteller hin, mit frischen Brötchen und je einem Pfirsich.
Cindi und Freddi hatten tatsächlich Hunger und aßen jeder ein Brötchen und einen Pfirsich. Beide konnten sich sofort denken, daß Ede die Tabletten in den Pfirsich eingedrückt hatte. Und beide hatten das Glück, sie zu finden. Es war nicht schwer, sie unter der Zunge zu verstecken, keiner merkte etwas davon.
"Was war denn das?", fragte Freddi plötzlich, um Cindi aufmerksam zu machen, "ich muß ein Stück vom Stein verschluckt haben, das war aber hart.
"Bei mir war es auch so", gab sie zurück, "die Pfirsiche sind vielleicht zu früh gepflückt worden."
Da wußte Freddi, daß Cindi ihre Tablette ebenfalls gefunden und versteckt hatte.
Und Cindi erwies sich auch als ausgezeichnete Schauspielerin. Sie bedankte sich für das Frühstück und plauderte mit der Gang so unbefangen wie mit Freunden. Bei einem vorgetäuschten Hustenanfall ließ sie die Tablette in ihrem Taschentuch verschwinden, auch Freddi spuckte seine aus.
Nach einer halben Stunde griff sie sich an die Stirn und blinzelte, alle beobachteten das gespannt. Aber Cindi spielte ihre Rolle weiter, sie erzählte über ihre Erlebnisse in der Südsee, erwähnte aber mit keinem Wort den Karatekurs oder den Namen ihres Schiffes. Auch Freddi konnte die anderen täuschen und ergänzte recht verdreht Cindis Ausführungen. Die beiden wurden scheinbar immer verwirrter, sie stierten mit glasigen Augen auf die anderen und erzählten Witze, über die sie selber unmäßig lachten.
"Genug jetzt", unterbrach Ede nach einer Stunde die Unterhaltung, ich will, daß ihr das Büro hier aufräumt."
"Machen wir", sagte Freddi und räumte mit einem Arm den Tisch ab. Auch Cindi beteiligte sich daran. Eben wollte sie schwungvoll den neuen Apparat herunterreißen.
"Halt", rief Ede, "ich habe aufräumen gesagt, aber nicht alles runterwerfen. Hebt das sofort wieder auf."
"Klar", sagte Freddi und hob die Papiere wieder auf. Er legte sie ohne weiter darauf zu achten unsortiert auf den Tisch.
"Boss, was sollen wir machen, ist das in Ordnung?", fragte Ede und wendete sich dem Kasten zu.
"Alles klar, so muß es sein, die Dosis war sehr stark", war die Antwort.
"Na dann hört jetzt gut zu, ihr beiden. Ich will, daß ihr euch auf das Motorrad schwingt, den Wolfsberg hinaufdonnert und am Aussichtspunkt mit Vollgas über die Steilklippe fahrt! Habt ihr das verstanden?"
"Wird gemacht", sagte Freddi und ging in die Halle. Dabei sah er Cindi an und für einen Moment trafen sich ihre Augen. Das genügte, um sicher zu sein, daß beide das gleiche dachten. Vor allem galt es wohl, zuerst den Riesen und dann die übrigen Männer auszuschalten. Die Frauen waren nicht so gefährlich. Es war auf alle Fälle sehr riskant, denn davon hing ihr Leben ab. Wenn sie erst einmal auf dem Motorrad saßen, fuhren doch alle anderen neben ihnen, dann war ihre Chance noch geringer. Außerdem hätte es einen Unfall geben können, der niemals aufgeklärt wird.
"Was ist denn, fangt endlich an", sagte Ede ungeduldig.
Aber die beiden standen ziemlich steif nebeneinander und schienen sich ihrer Sache doch nicht so sicher
Da ging Latsch auf Freddi zu und wollte ihn eben angreifen, als Cindi ihm mit voller Kraft ihren Spitzenabsatz in den riesigen Fuß bohrte. Mit einem Schmerzensschrei zuckte Latsch zusammen. In diesem Augenblick drehte sich Freddi um seine Achse und donnerte ihm seinen rechten Fuß kraftvoll ins Gesicht. Latsch war aber als Boxer nicht so leicht umzuwerfen, er stand langsam wieder auf. Da nahm Freddi mit wilder Verzweiflung Anlauf, sprang hoch und stieß ihm im Flug beide Beine vor die Brust. Der Stoß hätte einen Ochsen töten können, denn Freddi war groß und stark. Aber gegen Latsch wirkte er eher kläglich. Doch durch den Stoß taumelte der rückwärts, stolperte, schlug auf den Rücken und stieß mit dem Kopf gegen einen Pfeiler. Er blieb regungslos liegen. Sofort sprangen Ede und Fips vor. Doch Freddi war nun in Fahrt gekommen und versetzte Ede einen Stoß, der ihn sicherlich außer Gefecht gesetzt hätte. Aber leider drehte sich Ede kurz vorher zur Seite, sodaß der Tritt nicht richtig saß. Er taumelte lediglich zurück. Cindi dagegen versetzte Fips einen Stoß mit dem Arm in die Rippen und mit dem Handballen vor die Stirn, daß dem Hören und Sehen verging. Er sackte zusammen und Cindi bückte sich, um eventuell noch einmal nachzustoßen. Aber es war nicht nötig, Fips träumte bereits.
Da versuchte Ede noch einen Angriff auf Freddi. Aber er taumelte schon und so traf ihn dessen Angriff diesmal im richtigen Moment. Auch Ede lag nun auf der Erde.
"Ralf", schrie Tine und stürzte sich auf Cindi. Aber der fiel es nicht schwer, ihr einen Stoß zu verpassen, der sie zu Boden gehen ließ. Cora saß die ganze Zeit wie gelähmt dabei und sagte kein Wort. Sie stierte vor sich hin.
"Faß mit an", befahl ihr Freddi und griff sich ein Bein von Latsch. Die beiden Frauen zogen an dem anderen. So bugsierten sie einen nach dem anderen in die Kabine, die vorige Nacht das Gefängnis von Cindi und Freddi war. Zuletzt schob Cindi auch Cora einfach mit hinein. Sie ließ es wie eine willenslose Marionette geschehen. Freddi untersuchte noch kurz den verletzten Latsch, aber der war nur ohnmächtig.
Nachdem die Tür verschlossen war, sodaß sie von innen ganz bestimmt nicht geöffnet werden kann, rief Cindi erst ihre Eltern und dann die Polizei an. Ihre Eltern hatten schon eine Vermißtenanzeige aufgegeben.
37. In letzter Minute
Wie im Traum ließ Cindi den Hörer sinken und starrte vor sich hin. Jetzt, da die Gefahr vorüber war, kam ihr die ganze Tragweite ihrer Erlebnisse erst so richtig zum Bewußtsein.
Freddi ahnte, was in ihr vorging. Behutsam legte er seinen Arm um sie und bat um Verzeihung.
"Weißt du, daß wir jetzt alle beide tot sein konnten?", fragte sie tonlos.
"Cindi, bitte, du mußt versuchen diese Geschichte zu vergessen, oder wenigstens vorerst nicht daran zu denken. Später werden wir vielleicht einmal darüber lachen können", versuchte er sie abzulenken. Aber das war gar nicht so leicht, wenn der Zusammenbruch kurz bevorsteht.
"Dieser Riesenkerl, den sie Latsch nennen, hat dich mit einer Hand hochgehoben wie seine Kaffeetasse. Wenn der nicht gestolpert wäre, der hätte uns umgebra...."
Weiter kam sie nicht, denn plötzlich begann ein wildes Brüllen und Toben in der Kabine. Latsch war zu sich gekommen. Schmerzen, Wut und das Gefühl der Gefangenschaft in der Kabine ließen ihn in Raserei verfallen. Vergeblich versuchten Tine, Ede und die anderen ihn wieder zu beruhigen.
Latsch nahm Anlauf. Er warf sich brüllend und mit voller Wucht vor die Tür. Aber die hielt seinem Ansturm stand. Freddi hatte sie von außen sehr gut verrammelt. Eine riesige Kiste und sogar noch eine Maschine standen davor, die Türklinke war extra noch mit einer Stange gesichert. Das hielt jedem Angriff stand, dagegen kam selbst Latsch nicht an.
Cindi zuckte bei dem Gebrüll zusammen. Zuerst schien es, als ob sie sich fürchtete. Aber dann spannte sich ihr Körper und sie stand auf.
"Komm, Cindi, wir verschwinden", mahnte Freddi.
"Wenn die hier raus wollen, dann werden wir es verhindern!", sagte sie entschlossen.
"Cindi, du hast aber Mut", sagte er bewundernd.
"Mut nicht, aber Vertrauen, ich bin ja bei dir."
Und schon brüllte Latsch abermals. Er muß in dem dunklen Raum wohl die Brechstange gefunden haben. Zu dumm, daß keiner daran gedacht hatte, sie mit herauszunehmen. Jetzt fand sie Latsch und donnerte an die Wände, daß es noch in Lesta wie ein schweres Gewitter zu vernehmen war. Aber die Wände hielten stand.
Latsch kam immer mehr in Wut, er wußte wohl schon nicht mehr, warum er überhaupt auf die Wand einschlug. Für ihn war sie ein Gegner, den es zu vernichten galt. Wie ein Besessener schlug er mit der Spitze auf das Blech. Und plötzlich schoß von dort ein Lichtstrahl in die dunkle Kabine. Latsch stutzte einen Augenblick, dann kam er wieder zur Besinnung und besah sich die Brechstange und das Loch.
Auch Freddi hatte das Geräusch gehört, als das Blech nachgab und wußte, daß sie sich wieder in großer Gefahr befanden. Er wollte mit Cindi fliehen, draußen standen genügend Autos, aber Cindi lehnte ab.
"Nein, wenn die hier ausbrechen, dann haben wir keine Ruhe, sie lauern uns doch überall auf. Wir müssen sie festhalten", gab sie nur zur Antwort und lief zu dem Loch.
"Freddi, faß mit an", rief sie und versuchte, einen Stahlschrank davorzuschieben. Gemeinsam gelang das auch und nun traf Latsch mit der Brechstange abermals auf Stahl und es war auch wieder dunkel im Raum.
Da verfiel er erneut in Raserei und stieß die Brechstange in das Loch. Cindi und Freddi verkeilten inzwischen den Stahlschrank mit Kanthölzern und sonstigen Dingen zwischen der Wand und der Kabine, sogar einen Tisch stellten sie dazwischen.
Nach längerer Zeit gelang es dem immer rasender werdenden Latsch, auch in den Stahlschrank ein Loch zu stoßen. Aber durch dieses Loch fiel kein Licht. Da bgriff die Gang, daß das der Stahlschrank war.
Sie setzten nun die Brechstange zwischen dem Schrank und der Kabine an, um die Wand wie mit einem Büchsenöffner aufzuschneiden. Das gelang unter Aufbietung aller Kräfte immer nur ein kleines Stück, aber immerhin ging es.
Alle faßten mit an und zogen an der Brechstange, um endlich wieder einen winzigen Millimeter weitergekommen zu sein.
"Freddi, was machen die denn jetzt? Es hört sich an, als ob sie schwer schuften, aber ich sehe nicht, wo."
"Das sagen doch die Geräusche, die nehmen die Brechstange, um die Wand damit aufzureißen. Wenn sie erst einmal ein Loch haben, dann geht das andere leichter."
"Freddi, mach was, dort steht ein Schweißgerät, kannst du damit was anfangen?"
Freddi schob das Gerät an die Kabine. Er hatte noch nie in seinem Leben geschweißt, aber schon manchmal zugesehen. So schloß er das Kabel an der Kabine an und nahm die Zange mit einer Elektrode in die Hand. Es dauerte auch nicht lange, da hatte die Gang das Loch so weit vergrößert, daß es nun hinter der Wand des Stahlschrankes herauskam. Als die Brechstange dort zu sehen war, hielt Freddi die Elektrode daran und es gelang ihm auch, die Brechstange an der Wand festzuschweißen. Leider fehlte ihm die Erfahrung, um eine haltbare Naht hinzulegen. Nach dem kurzen Schreck in der Kabine griff Latsch wieder nach der Stange und riß sie ohne große Mühe heraus.
Nun donnerte Latsch wieder mit der Stange an die Wand und Freddi versuchte, mit seiner Elektrode die Stange festzuschweißen. Aber er erreichte nur das Gegenteil, durch seine Schweißversuche glühte er den Stahl der Wand aus, den Latsch dann fast ohne Mühe herausschlagen konnte. So wurde der Riß in der Wand immer länger.
"Cindi, bringe mir Eisen, das ich hier draufschweißen kann", rief Freddi verzweifelt.
Cindi brachte auch einige brauchbare Stücke, aber es fehlte die Erfahrung und auch das Werkzeug. Freddi verblitzte sich sogar die Augen an dem Lichtbogen, glücklicherweise nur ganz leicht. Aber er war für eine Weile außer Gefecht.
Die Gang benutzte diese Zeit fleißig, um ihren Ausbruch vorzubereiten.
Als Freddi endlich wieder sehen konnte, war der Spalt in der Wand bereits fast einen Meter lang.
Da hatte Freddi einen Vorschlaghammer in der Hand. Als die Brechstange wieder zu sehen war, schlug er mit voller Kraft auf die Spitze. Ein Wehgeheul in der Kabine antwortete ihm, Latsch hatte wohl mit etwas Derartigem nicht gerechnet und die Stange vor das Bein bekommen.
Zu Freddis Entsetzen bog Latsch plötzlich die Wand auseinander. Das Loch war groß genug, um einen Menschen durchzulassen. Zwar schlug Freddi sofort mit dem Hammer darauf, aber schließen konnte er das Loch trotzdem nicht.
"So, Freundchen, gib es auf, jetzt seid ihr dran", zischte Ede aus dem Loch.
"Ich habe hier ein Schweißgerät und einen Vorschlaghammer. Wer an das Loch tritt, der macht damit Bekanntschaft".
"Wollen wir mal sehen".
Eine Hand packte die Kante des Stahles, Freddi hielt die Elektrode daneben. Es blitzte und mit einem Schrei verschwand die Hand wieder.
Plötzlich schlug Latsch mit der Brechstange an der anderen Seite der Kabine an die Wand. Cindi lief sofort hinüber, um zu sehen, welche Chancen er damit hat.
Nach eine Weile kam sie zurück.
"Ich habe eine Bank davorgeschoben, aber das reicht nicht aus. Geh du mal hin ich passe hier auf".
Freddi übergab ihr das Schweißgerät und ging auf die andere Seite. Etwas entfernt stand ein schwerer Schlossertisch. Den warf Freddi nun um und schob ihn an die Wand. Wenn Latsch durchkam, so mußte er wenigstens erst noch den Tisch überwinden, und der war immerhin auch mit einem Blech beschlagen. Zu seiner Freude fand er noch einige große Blechtafeln. Die waren zwar sehr schwer, aber es gelang ihm doch, eine davon noch vor die Wand zu schieben. Eine zweite wollte er eben zu dem Loch bringen, als Cindi aufschrie. Freddi rannte sofort hin und sah, wie Cora frei in der Halle herumlief und die Tür der Kabine zu erreichen suchte. Cindi rief verzweifelt nach Freddi und als sie ihn sah, setzte sie hinter Cora her. Eben wollte Fips durch das Loch, als er von Freddi einen Schlag auf den Kopf bekam, der ihm fast die Besinnung raubte. Cora war inzwischen an der Kabinentür angekommen und schlug den Stock weg, der den Türdrücker blockierte. Schon rückte sie an der Kiste, als Cindi heran war und Cora mühelos außer Gefecht setzte. Aber nun wurde von Innen an der Tür gerüttelt, Cindi konnte so schnell gar nicht den Stock darunterschieben.
Da mußte ihr Freddi zu Hilfe kommen. Er sprang vor die Tür, daß drinnen sofort ein "Au, verdammt", zu vernehmen war und stellte gleichzeitig den Stock unter die Klinke.
Aber schon war Freddey wieder am Loch, wo Ede eben seine Hand herausstrecken wollte. Er schlug darauf und Ede zog sie zurück.
Von innen wurde er beschimpft, dann wurde überraschend die Brechstange quer durch den Spalt geschlagen und traf ihn seitlich am Bein. Freddi sackte mit einem Schrei zusammen und wußte, daß das Bein gebrochen war. Er hatte wahnsinnige Schmerzen und krümmte sich auf der Erde.
Plötzlich tauchte Fips hinter der Kabine auf. Er mußte in dem Moment aus dem Loch gekrochen sein, als Freddi die Tür erneut verriegelt hatte.
Fips hielt ein Kantholz in der Hand und stürzte sich damit auf Cindi. Während des Laufes holte er zum Schlag aus und als Cindi über irgendetwas stolperte, schlug er zu. Cindi gelang es aber, den Schlag abzuwehren. Trotzdem wurde sie am linken Arm mit dem Holz getroffen, wenn auch nicht mehr mit voller Wucht. Sie verspürte aber im Moment den Schmerz nicht, es war wohl Jules Training zu verdanken, und so sprang sie wieder auf. Fips hatte jetzt keine Chance. Sie trat ihm mit ihrem spitzen Absatz auf den Fuß und als er vor Schmerz zusammenzuckte, rammte sie ihm wiederum den Ellenbogen in die Rippen und versetzte ihm einen Stoß auf die Stirn, daß er neben Cora zusammensackte.
"Freddi", schrie Cindi auf und stürzte zum Loch.
"Paß auf", sagte Freddi nur und sie drehte sich um.
Ede hing halb aus dem Loch und wollte eben ganz herauskriechen, als Cindi ihm einen der Tritte verpaßte, die sie sich von Jule nur zum Spaß einmal hatten zeigen lassen. Eigentlich waren dazu weit mehr Kenntnisse erforderlich, als sie besaßen, aber Jule war ein guter Lehrer und die Tritte hatten sie begriffen. Sie waren eigentlich Geheimwaffen der schwarzen Gürtelträger. Ihre spitzen Absätze taten ein Übriges.
Ede sackte zusammen und hing bewußtlos mitten im Loch. Cindi hörte, wie Latsch von innen fluchte und Tine verzweifelt fragte, was los ist. Latsch zerrte an Edes Beinen, um ihn aus dem Loch zu ziehen. Doch so einfach war das nicht, wenn er ihn nicht verletzen wollte, mußte er ganz vorsichtig ziehen.
Da hatte Cindi einen Einfall. Sie sprang auf und griff nach dem Kantholz. Das schob sie Ede durch die Arme. Nun war es nicht mehr möglich, ihn nach innen zu ziehen, denn das Holz verklemmte sich an der Wand.
"Bravo, Cindi, das hast du gut gemacht", erkannte Freddi an. Er versuchte, trotz seines gebrochenen Beines aufzustehen.
Jetzt spürte Cindi ihren Arm, der sichtlich angeschwollen und auch schon verfärbt war. Sie würde viele Tage lang mit einem blauen Arm herumlaufen. Sie zeigte ihn Freddi, der eben dabei war, sein Bein mit notdürftigen Mitteln zu schienen. Er tastete vorsichtig den ganzen Arm ab und sagte:
"Das muß zwar noch geröntgt werden, aber ich glaube nicht, daß etwas gebrochen ist. Grün und blau wird er ganz bestimmt."
"Ist er ja schon", gab sie zurück.
"Wird aber noch schlim..."
Latsch brüllte wie ein gefangener Tiger auf und stürzte sich mit der Brechstange an die Tür. Er hieb mit aller Gewalt auf das Schloß ein, aber das hielt zur Erleichterung von Cindi und Freddi seinen Schlägen stand, weil von außen genügend Ballast vor der Tür lag.
Da drehte Latsch erneut durch und stieß die Brechstange mit voller Kraft auf der anderen Türseite zwischen die Türbänder. Und hier hatte er Glück, die Stange drang zwischen dem Haspen und der Wand ein. Mit einem einzigen Druck hatte Latsch die Tür am Scharnier ausgehebelt. Ein darauffolgender Tritt und die Tür hing nur noch vor dem Kasten und der Maschine. Latsch hatte sich noch immer nicht beruhigt, er warf sich vor die Tür und stemmte sich dagegen, bis er den gesamten Ballast so weit weggeschoben hatte, daß er hindurchpaßte.
Cindi ist vor Schreck, als die Tür aufging, sofort hingelaufen, um irgendetwas zu tun. Aber sie kam zu spät, Latsch hatte sich schon befreit.
Mit einem Gebrüll wie ein Löwe stürzte er sich nun auf Freddi, indem er die Brechstange schwang. Cindi gelang es, ihm ein Bein zu stellen, sodaß er stolperte. Trotzdem sauste die Brechstange mit voller Wucht herunter und er wunderte sich später immer noch, wie es Freddi gelungen war, so schnell auszuweichen. Die Brechstange donnerte auf den Hallenboden und Latsch stürzte hinterher. Er bekam die zurückprellende Brechstange vor den Kopf und fiel mit der Brust auf das Kantholz, das sich schmerzhaft in seine Rippen bohrte.
Cindi fühlte sich im gleichen Moment von hinten gepackt und festgehalten. Ehe sie begriff, was los war, bekam sie eine Ohrfeige, wie sie etwas ähnliches noch nie erlebt hatte. Tine war nach Latsch aus der Kabine herausgekommen und konnte sich von hinten an Cindi anschleichen.
Aber Cindi fühlte auch diesmal keinen Schmerz, sie trat mit ihrem Absatz kräftig auf Tines Fuß, sodaß diese unmäßig laut aufheulte und sofort losließ. Da sauste Cindi herum und traf Tine mitten ins Gesicht. Sie sackte blutüberströmt zusammen.
Aber damit war die Gefahr nicht vorbei. Latsch begann eben wieder zu brüllen. Er hatte sich aufgerichtet, war aber recht wackelig auf den Beinen. Trotzdem stürzte er sich auf Freddi, der sich einen Stock gesucht hatte und hinkend Cindi zu Hilfe kommen wollte. Da sah Latsch seine blutüberströmte Frau auf dem Boden liegen und heulte auf. Er schwang die Brechstange und stürzte sich auf Freddi, der aber wiederum ausweichen konnte. Durch die Wucht seines Angriffes wurde Latsch vorwärtsgerissen, er stürmte an Cindi vorbei und blieb mitten in der Halle stehen, die Brechstange noch immer über dem Kopf.
"Lassen sie die Stange fallen und stellen sie sich dort an die Wand", hörte er eine schneidend kalte Stimme vor sich.
Das brachte ihn zur Vernunft und er blickte um sich. Vor ihm stand ein Polizist, der ihm eine Pistole entgegenhielt und rings um ihn standen weitere Polizisten. Sie waren während des Kampfes in die Halle gekommen und hatten sich unbemerkt verteilt. An der Tür standen Cindis Eltern.
Resigniert ließ Latsch die Brechstange sinken.
"Hände hoch", ertönte es und er befolgte den Befehl. Willenlos ging er an die Wand. Kaum stand er davor, wurden seine Arme heruntergerissen und hinter dem Rücken mit Handschellen gefesselt. Er durfte sich umdrehen und bemerkte, daß ihm eine junge Frau die Handschellen angelegt hatte.
Vorsorglich hatte Cindis Mutter schon einen Krankenwagen mit Notarzt nach Lesta gerufen, was sich nun als wahrer Segen erwies. Wie fast jeder der Gang, so mußten auch Cindi und Freddi ärztlich behandelt werden.
Als der Notarzt Tines Fuß untersuchte, sagte er kalt: "Guten Tag, Schwester Tine".
Kein Wort mehr, aber Tine wäre am liebsten in den Boden versunken. So hatte sie sich noch niemals in ihrem ganzen Leben verachtet und gedemütigt gefühlt.
Cindi lief auf ihre Eltern zu und schloß sie in die Arme.
"Kind, in was bist du hier nur hineingeraten, was soll das alles, ich verstehe überhaupt nichts", fragte ihr Vater.
"Später, ich erkläre euch alles, jetzt muß ich mich erst einmal um Freddi kümmern", gab sie zur Antwort.
Freddi hinkte mit seinem gebrochenen Bein durch die Halle, er hatte es notdürftig hochgebunden. Niemand beachtete, wie er sich bückte und eine kleine weiße Pille aufhob, die er dort hingespuckt hatte.
38. Polizeiliche Ermittlungen
"Wie wäre es, wenn wir heute in der City-Bar ein Tänzchen machten", scherzte Freddi.
Er humpelte mühsam an Stöcken neben Cindi her. Seine Schmerzen waren vergessen, vergessen auch der durchstandene Schreck. Wichtig war nur, daß Cindi ihm verziehen hatte, daß er nicht mehr zu heucheln brauchte und nicht mehr lügen mußte.
Sie trug ihren linken Arm in einem schwarzen Dreiecktuch, das einen starken Kontrast zu seinem blendend weißen Gipsbein bildete. Trotz des Verbandes sah sie immer noch elegant aus. Mit dem rechten Arm hatte sie ihn eingehakt. Er mußte sich an diese Art des Laufens eben erst noch gewöhnen.
"Aber ich mache heute nur die ganz verrückten Tänze mit", gab sie zurück und lachte.
Da kam eine Nebenstraße und Freddi stand vor dem Problem, mit seinem Gipsbein die Bordsteinkante herunterzuklettern. Dabei stolperte er, vielleicht wäre er sogar hingestürzt. Doch Cindi hielt ihn fest, obwohl er sich freimachen wollte.
"Freddi, laß deinen Stolz mal gleich stecken, der bringt uns bloß in Teufels Küche", sagte sie streng und er wurde tatsächlich richtig rot.
"Verzeih mir, Cindi, ich bringe dich niemals wieder in Gefahr, das verspreche ich dir feierlich. Ich werde dich immer beschützen".
"Zuerst werde mal wieder gesund, sieht ganz so aus, daß ich dich beschützen muß", lächelte sie und Freddi konnte ihr gar nicht böse sein.
Zu ihrem Verdruß hielt schon wieder so ein Reporter eine Kamera in der Hand, vielleicht hatte er die kleine Szene sogar gefilmt. Seit zwei Tagen wurden die beiden auf Schritt und Tritt von der Presse verfolgt, das ganze Land kannte die Geschichte bereits, wie sie zu zweit eine ganze Autoschieberbande außer Gefecht gesetzt hatten. Ihr Bild war in allen Zeitungen.
"Hoffentlich ist das bald vorbei, ich möchte mich mal wieder frei bewegen können", meinte Cindi, "würde mich nicht wundern, wenn ich morgen genau das Bild in der Zeitung finde, auf dem du über die Kante stolperst."
"Die sind wie die Schmeißfliegen, solange die Sache nicht abgeschlossen ist, wittern die überall eine Sensation. Und abgeschlossen ist es erst, wenn der Boss sitzt". Freddis Worte klangen nicht gerade tröstlich.
"Mein Vater wollte heute noch zur Polizei gehen, er hat einige Insiderkenntnisse über eine neue Technik. Er glaubt, daß die I-Anlage sowas ist".
"Na ja, aber wie die damit den Boss finden wollen, ist mir nicht klar."
Vor dem Polizeigebäude stand tatsächlicht der silbergraue Firmenmercedes Roland von Eichenthals.
Kriminaloberkommissar Puck begrüßte seinen Gast erfreut und bot ihm einen Platz an seinem Schreibtisch an.
"Herr Puck", begann Roland das Gespräch, "ich möchte eine Belohnung zur Ergreifung des Bosses aussetzen und meine Kenntnisse bei der Aufklärung zur Verfügung stellen. Die von der Bande benutzten Handys haben mein Interesse geweckt, ich habe Kenntnis von einer neuen Entwicklung."
Der Oberkommissar fühlte sich offensichtlich nicht ganz wohl bei diesem Gespräch. Vorsichtig erwiderte er: "Herr von Eichenthal, wir beide kennen uns schon Jahrzehnte, wir sind fast Nachbarn und haben uns wohl auch schon diese oder jene kleine Gefälligkeit erwiesen".
Roland von Eichenthal nickte: "Wie es so unter Nachbarn üblich ist".
"Eben", antwortete Puck, "wir sind zwar nicht befreundet, aber als gute Bekannte möchte ich unser Verhältnis zueinander doch einschätzen."
"Einverstanden, aber ich verstehe nicht so richtig, was das mit der Angelegenheit zu tun hat."
"Sehen sie, Herr von Eichenthal, ich bin mit der Aufklärung des Falles beauftragt worden und möchte da kein Porzellan zerschlagen. Wenn sie an meiner Stelle wären, in welchen Kreisen würden sie denn den Boss zuerst vermuten?"
Roland sah ihn überrascht und verwirrt an:
"Ja, natürlich hat er hervorragende Kenntnisse in der Elektronik, und Geld hat er wohl auch. Damit muß ich ihr Hauptverdächtiger sein. Hm, eine bloße Versicherung, daß ich damit nichts zu tun habe, reicht hier wohl nicht aus."
"Ich glaube ihnen gern", versicherte Puck eifrig, "aber bevor der Boss nicht identifiziert ist, darf ich sie aus dem Kreis der Verdächtigen nicht ausschließen."
"Ja, natürlich, dafür habe ich volles Verständnis, aber darf auch so ein Verdächtiger mal seine Vermutungen äußern und seine Mitarbeit anbieten?"
"Wenn es zur Aufklärung des Falles beiträgt, dann gern".
"Sehen sie", begann Roland von Eichenthal etwas gedehnt, "mir sind die Handys aufgefallen, die von der Bande benutzt wurden."
"Ja, das sind ganz außergewöhnliche Dinger, unsere Techniker kennen sie nicht, sie wenden sich jetzt an andere KTIs, ob die sowas schon mal gesehen haben."
"Ich glaube, da kann ich ihnen helfen, die Bande nannte sie doch I-Handys. Mir ist ein interner Bericht bekannt, nach dem das FBI einen neuen Computertyp erprobt, den sie ISC nennen.
Das Neue an diesem Computer sind seine winzig kleinen Abmessungen. Es werden nicht mehr wie herkömmlich einzelne Chips hergestellt und durch Steckverbindungen gekoppelt, sondern viele Funktionen in Superchips vereinigt und die werden auch nicht mehr gesteckt, sondern untereinander sofort verbondet und vergossen. Auf diese Weise läßt sich das riesige Gehäuse eines PC fast völlig einsparen. Nachteilig sind die wenigen Schnittstellen und die Erwärmung. Zum Problem der Schnittstellen kann man sagen, daß die ISC gezielt für Spezialaufgaben hergestellt werden und die Erwärmung hat man im Griff, wenn die erreichbare Leistung mindestens fünfzehn bis zwanzig Mal höher ist als die abgeforderte Leistung. Die Dinger dürfen also niemals voll ausgelastet werden, sonst schmelzen sie weg."
"Na gut, aber was hat das mit unseren I-Handys zu tun?" Oberkommissar Puck sah keinen Zusammenhang.
"Der ISC ist wie gesagt, winzig klein, er soll an Geheimagenten ausgegeben werden. Das FBI hat ihn mit einem Funkgerät gekoppelt, das auch als Handy für alle Telefonnetze eingesetzt werden kann. Außerdem läßt es sich induktiv an Telefonleitungen koppeln und ist damit nicht nachzuweisen. Die Besonderheit dieses Telefons liegt darin, daß es viel intelligenter als die herkömmlichen ist und für Spezialaufgaben eingesetzt werden kann."
"Und sie meinen, die I-Handys sind solche ISC-Computer?" Puck hatte plötzlich den Gedankengang seines Gastes verstanden.
"Die Vermutung liegt doch nahe". Roland sah ihn abwartend an.
"Aber wie sollen die denn vom FBI nach Cildburg gekommen sein, das FBI hat sie doch bestimmt unter Verschluß und behandelt sie als streng geheim."
"Na ja, wie sie sehen, hat die Industrie schon Informationen darüber. Leider sind vor einiger Zeit wichtige Unterlagen auf rätselhafte Art und Weise nach Indochina gelangt. Dort hat man nicht lange gebraucht, um die ISC nachzubauen. Das einzige Wunder ist hierbei, daß es die Dinger nun offenbar auch schon in Europa gibt".
"Und sogar in Cildburg, wenn sie Recht haben", nickte Puck nachdenklich, "ich muß dieses Gespräch sofort an unsere Techniker weitergeben, dort wird man schnell feststellen, ob das tatsächlich ISC-Computer sind."
Roland von Eichenthal bot der Polizei auch weiterhin seine Hilfe an und verabschiedete sich.
Oberkommissar Puck rief seine Leute zusammen.
"Wir haben Hinweise darauf, daß es sich bei den I-Handys um eine neue Entwicklung des FBI handelt, die von ostasiatischen Firmen ausspioniert und kopiert wurde. Wie sie nach Deutschland gekommen sind, müssen wir klären. Zunächst brauchen wir eine Liste aller Firmen, die in Ostasien Geschäftspartner haben. Außerdem müssen wir private Kontakte dorthin feststellen."
"Und wie sollen wir das machen, sollen wir eine Umfrage starten, wer jemand in China oder Japan kennt?"
Die Frage löste Erheiterung aus, aber Puck blieb ernst.
"Wir dürfen nicht übersehen, wir suchen einen brutalen Mörder, der alle Leute, die ihm gefährlich werden können, durch Drogen tötet. Von vier Fällen wissen wir, wie viele es wirklich sind, ist nicht bekannt."
"Hat man die Droge inzwischen untersucht?", wollte jemand wissen.
"Sie ist verschwunden, niemand kann sich das erklären, aber die Droge ist nicht im Labor angekommen. Wir können nur vermuten, daß sie bei der Festnahme in Lesta verlorengegangen ist. Leider weiß Fräulein von Eichenthal nicht genau, wem sie die Tablette überreicht hatte, ich habe sie selbst telefonisch befragt."
"Da können wir nur vermuten, was es war?" Wer das fragte, wollte Puck gar nicht wissen, es ging doch alle an.
"Herr Schadock hat den Namen Hypotaxal gehört, wir müssen davon ausgehen, daß es tatsächlich diese Droge ist."
"Und was ist das, Hypotaxal". Im Raum herrschte gespannte Aufmerksamkeit.
Eine neue Droge, die ebenfalls aus Ostasien stammt. Und was das Seltsame daran ist, bisher ist sie noch niemals in Europa aufgetaucht. Man kann den Willen des Menschen damit beeinflussen, ihn sogar bis zum Suizid treiben".
"Also eine zweite Spur nach Japan".
"Nicht Japan, ganz Ostasien", sagte Puck, "von Japan war hier nie die Rede."
Am Nachmittag bekam Puck noch einmal Besuch, diesmal von Freddi und Cindi.
"Cindi hat mir erzählt, daß sie nach der Droge gefragt haben, die sie einnehmen sollte", begann Freddi.
"Herr Schadock, wir müssen ihnen leider mitteilen, daß die Droge nicht in unserem Besitz ist. Sie muß in Lesta verloren gegangen sein."
"Herr Oberkommissar, ich habe da wohl einen Fehler gemacht. Als ich nach der Festnahme der Leute noch einmal durch die Halle gegangen bin, fand ich die Droge, die ich weggespuckt hatte. Ich wußte doch ungefähr, wo sie lag, und da habe ich sie natürlich gesucht. Ich habe sie ins Seminar meiner Gruppe an der Uni mitgenommen, wo wir sie gemeinsam untersucht haben.
Natürlich gibt es jetzt keine Probe mehr davon, dafür aber ein Untersuchungsprotokoll, das exakte Angaben über die gesamte Droge liefert."
Puck zog die Brauen hoch:
"Ist ihnen klar, daß sie damit Untersuchungsmaterial unterschlagen haben?"
"Ja", kam es kleinlaut von Freddi zurück, "aber die genaue Zusammensetzung steht doch in unserem Protokoll."
"Wer garantiert uns, daß sie als Studentengruppe exakt gearbeitet haben?"
"Na, die Untersuchung wurde schließlich von Professor Freygang geleitet, der selbst sehr interessiert an dem Ergebnis war. Wenn sie an seinen Untersuchungen Zweifel haben, dann müssen sie ihm das schon selbst beibringen. Ich wage es mir jedenfalls nicht, so etwas auch nur zu denken."
Professor Freygang war ein international anerkannter Pharmakologe, der von den Studenten ebenso gefürchtet wie verehrt wurde. Sie waren stolz, daß er bei ihnen las, aber sie fürchteten seine Prüfungen, bei denen er sehr hohe Maßstäbe anlegte.
Oberkommissar Puck wußte auch, daß er als Gutachter bei Gericht einen hervorragenden Ruf genoß. An seinen Untersuchungen war nicht zu zweifeln.
"Nun gut, wir können die Ergebnisse wohl so verwenden, wie sie im Protokoll stehen, ich danke ihnen, daß sie uns darauf aufmerksam gemacht haben", schloß Puck das Gespräch.
"Das scheint noch mal gut abgegangen zu sein", sagte Cindi, als sie das Polizeigebäude verlassen hatten und wieder in ihrem Auto saßen, "der ist bestimmt froh, daß wenigstens die Ergebnisse vorliegen."
Am nächsten Tag stellte die Bild-Zeitung wieder die Frage, wer nach Indochina Verbindungen hat. Außerdem wurde ein Foto gebracht, das Freddi zeigte, wie er von Cindi gestützt das Polizeigebäude betrat.
"Freddi hat Droge unterschlagen", lautete die Schlagzeile und die Frage wurde gestellt, ob die Polizei an den Ergebnissen von Prof. Freygangs Untersuchungen zweifelte, nur weil die Studenten dabei geholfen haben.
"Wie diese Paparazzis immer an solche Sachen herankommen", erboste sich Freddi.
"Es ist doch ihr Beruf", erklärte ein Student, "und die sind eben Profis."
"Na, mal sehen, was der olle Freygang dazu sagt", meinte ein anderer.
"Der sagt gar nichts", ertönte in diesem Augenblick die Stimme des Professors hinter ihnen, "der olle Freygang ist an solche Dinge nämlich längst gewöhnt. Ich habe schon oft Gutachten vor Gericht abgegeben und jedesmal bin ich von der Bildzeitung zerpflückt worden. Aber ich sage mir immer, daß ich als Chef dieser Zeitung vielleicht auf dieselbe Idee kommen würde, schließlich bringt es Umsatz ein."
Professor Freygang blickte den Studenten an, der die Frage gestellt hatte:
"Nun, Herr Kollege, ist Ihre Neugier damit befriedigt?"
"Bitte, Herr Professor, es war nicht abwertend gemeint"
Freygang schmunzelte: "das wollte ich mir auch verbeten haben, na ja, ich war ja auch mal Student"
Die Studenten, die zuerst ein wenig betroffen waren, weil der Professor ihre Diskussion gehört hatte, lachten nun befreit auf. Professor Freygang war privat gar kein so übler Typ.
Da brachte einer die Nachricht mit, daß im Prozeß gegen Hartmann das Urteil gesprochen wurde.
Wegen Mißachtens von Bußgeldbescheiden muß er für zwei Jahre hinter Gitter, ohne Bewährung. Der Staat läßt sich eben nicht lächerlich machen!
39 Neue Erkenntnisse
"Mit der Verhaftung der Autoschieberbande haben wir internationales Aufsehen erregt. Es gibt kaum eine Zeitung in der Welt, die nicht davon berichtet hat. Cildburg ist zur Zeit in aller Munde", erklärte Kriminaloberkommissar Puck in der Besprechung, "aber wenn wir nicht bald den Boss ermitteln, wird die ganze Welt über seine Polizei lachen."
"Da können wir doch endlich mal beweisen, daß wir mehr drauf haben, als Parksünder und Kaufhausdiebe zu schnappen", rief PM Chris Doberschütz dazwischen.
"Und du hast schon einen Plan, wie wir das machen müssen?" Fischer fragte das mit deutlicher Ironie.
"Nein, aber wenn wir alle Gedanken zusammentragen, wird doch ein Ansatzpunkt für die weiteren Ermittlungen dabei sein."
"Leider kann uns die Telekom nicht helfen", sagte Puck, "sie hat keinen Hinweis, wie und von wo aus die Gespräche mit der Bande geführt worden sind."
"Wir haben die Elektronikfreaks der Stadt befragt, auch die Herren Schluze, Hartmann, sogar Fromm hat überraschend gute Kenntnisse. Alle haben schon vom ISC-Handy gehört und würden es gern besitzen, Fromm hat sogar eines, aber helfen kann uns keiner. Ob einer von ihnen der Boss ist, wird zur Zeit ermittelt", warf Kommissar Wilke ein.
"Wie kommt Fromm zu dem Handy?" riefen sofort mehrere gleichzeitig.
"Das wird eben geprüft, aber es hat total andere Daten als die Handys der Bande. Und es ist auch eine ganz andere Variante, das reicht für eine Anklage nicht aus."
"Hat uns Herr von Eichenthal nicht seine Hilfe angeboten? vielleicht kann der uns helfen", schlug Chris vor.
"Hm, probieren können wir es ja mal, vielleicht ist das doch ein Weg zum Boss", überlegte Puck.
Etwa zur gleichen Zeit hielt Cindi eine Zeitung in der Hand, die sie lächelnd Freddi reichte. Auf dem Bild erkannte er sich, wie er an der Bordkante stolperte und von Cindi gehalten wurde.
"Habe ich doch geahnt, daß das einer fotografiert hat", sagte er kopfschüttelnd, "als ob so etwas jemand interessiert. Aber ich bekomme im Internat eine Menge Post von Leuten, die ich gar nicht kenne. Sie wünschen mir gute Genesung und bedanken sich für meinen Mut. Auch von der Besatzung unseres Schiffes war ein Telegramm dabei, Jule ist ganz stolz auf uns, und stell dir vor, sogar die kleine Jenny aus Detroid hat mir geschrieben."
Cindi staunte: "Ja, wie geht es ihr denn, hat sie auch über sich geschrieben?"
"Natürlich, sie geht wieder in die Schule und ist eine gute Schülerin. Von ihrem Sturz über Bord hat sie der ganzen Klasse erzählt und als unser Bild in der Zeitung erschien, hat sie es allen voller Stolz gezeigt."
"Weißt du eigentlich, daß ich auch Post von fremden Leuten bekomme?" fragte Cindi.
"Das glaube ich dir gern, was schreiben die denn so?"
"Es sind meist Junggesellen, die mir Heiratsanträge machen, sie schicken gleich Bilder mit. Ich kann mir Alte und Junge, Dicke und Dünne, jede Haarfarbe oder Glatzköpfe aussuchen."
"Verdammte Schmierfinken", rief Freddi und sah sich um, ob irgendwo ein Reporter zu sehen war, "die sollen sich um anderen Käse kümmern, aber uns in Ruhe lassen."
"Freddi, beruhige dich doch, mir macht die ganze Sache jedenfalls Spaß. Einen interessanten Anruf hatte ich gestern. Der Cildburger Kampfsportclub hat uns eingeladen, bei ihnen mitzumachen. Wollen wir uns das nicht schon mal ansehen? In drei Wochen kommt dein Gips ab und dann könnten wir einsteigen."
"Und ob", rief er begeistert aus, "gleich heute noch."
Inzwischen war Roland von Eichenthal bei Kriminaloberkommissar Puck eingetroffen. Er sah sich den Bericht der Telekom an, daß über Eichenthalsche Anschlüsse keine Gespräche nach Lesta geführt wurden. Aber Gespräche wurden nachgewiesen!
"Ein wenig verwirrend das Ganze", sagte Puck.
"Für mich nicht ganz", erhielt er überraschend zur Antwort, "schließlich haben wir es mit mehreren ISC-Handys zu tun. Die lassen sich induktiv an jedes Telefonkabel ankoppeln. Wenn das zum Beispiel eine Hauptleitung ist, kann man es kaum entdecken. Aber der Empfänger kann alle Gespräche abhören und sich unerkannt in Gespräche einschalten. Er kann auch über diese Leitungen Gespräche mit anderen ISC-Handys führen, wenn sie ebenfalls induktiv angekoppelt sind."
"Heißt das, auch unsere polizeilichen Dienstgespräche können abgehört werden?" Puck sah erschrocken auf.
"Natürlich, alle Gespräche", war die Antwort.
"Das glaube ich einfach nicht", rief Puck verzweifelt, "dann weiß der Boss doch über alle unsere Schritte Bescheid. - Hm, vielleicht sitzt er ja nicht immer am Telefon, er kann doch nicht alle Gespräche abhören".
"Darauf würde ich mich nicht verlassen, das ISC ist ein intelligenter Computer, er selektiert die Gespräche, die mit dem Fall zu tun haben automatisch und kann sie zum Beispiel auf jedem Anrufbeantworter speichern."
"Ein entsetzlicher Gedanke, jetzt wird mir auch klar, wieso er immer über unsere Schritte ganz genau unterrrichtet gewesen ist. Aber so erwischen wir ihn ja nie!"
"Es sei denn, wir schlagen ihn mit seinen eigenen Waffen", lächelte Roland von Eichenthal verschmitzt.
"Was denn, wie denn, haben sie einen Einfall, wissen sie einen Weg?" Puck sah ihn hoffnungsvoll an.
"Na ja, zum Boss führt die Sache nicht sofort, da müssen wir uns ganz allmählich rantasten. Aber wir könnten vielleicht die Zapfstellen ermitteln, an denen die Geräte angekoppelt sind."
"Und wie wollen sie das machen?"
"Vor allem dürfen keine Anrufe über dieses Thema geführt werden, am besten, wenn nur wir beide darüber Bescheid wissen, es muß total geheim bleiben."
"Herr von Eichenthal, sie wissen, daß sie immer noch zu den Hauptverdächtigen gehören. Aber ich glaube, daß ich diesem Plan trotzdem zustimmen kann. Wenn sie wirklich der Boss sind, wird ihnen auch ein solches Manöver nichts nützen, irgendwann kommen wir ihnen auf die Spur. Wenn sie mit dem Boss nichts zu tun haben, ist es vielleicht eine sehr gute Chance."
"Die einzige, sagen sie es ruhig, Herr Puck. Aber ich kann sie beruhigen, ich bin nicht der Boss und mein Angebot ist ehrlich. Mich interessiert nämlich ebenfalls, wer hier in Cildburg soviel von Elektronik versteht und diese wertvollen Kenntnisse nur dazu benutzt, sich kriminell zu bereichern, dabei sogar über Leichen geht." Die Stimme Roland von Eichenthals hatte bei diesen Worten einen so grimmigen Klang, daß Puck erstaunt aufsah.
"Sie denken auch an ihre Tochter, nicht wahr!"
"Natürlich, und ich will wissen, wer ihr das angetan hat".
"Dann erklären sie mir jetzt bitte, welchen Weg sie sehen, um den Boss zu entdecken."
"Vor allem", begann Roland, "darf der nichts davon ahnen, sonst ist alles umsonst. Es muß unter uns bleiben. Er fühlt sich nur sicher weil er glaubt, daß wir den Trick mit den induktiven ISC-Computersensoren nicht kennen."
Kriminaloberkommissar Puck nichte zustimmend.
"Also", fuhr Herr von Eichenthal fort, "der Sensor ist irgendwo an einem Telefonkabel angeklemmt. Ich habe den Vernetzungsplan der Telekom studiert. An einem Hauptkabel ist sowohl die Polizei und überhaupt alle Verwaltungen, aber welch ein Zufall, auch die Halle in Lesta angeschlossen. Natürlich hätte jeder als Boss wohl diesen Strang angezapft.
Die günstigste Stelle dafür liegt zwischen der Steinstraße und der Wilhelmstraße, sehen sie", er holte eine selbstgefertigte Skizze aus dem Aktenkoffer. Selbstverständlich war sie über einen eingescannten Stadtplan am Computer entstanden und somit sehr maßstabsgerecht und genau, "hier münden die Stränge der Stadtverwaltung ein und hier die Polizei. Der Strang nach Lesta liegt hier, von den Mitgliedern der Bande sind außer Familie Günzel auch alle in diesem Bereich mit ihren Kabeln vertreten. Sogar das Internat, in dem Freddi, ich meine Herr Schadock wohnt, ist mit dabei".
Puck beugte sich interessiert über die Karte: "Wenn sie Recht haben, müssen wir den Sensor also in diesem Bereich suchen."
"Ganz recht", bestätigte Roland, "dann muß der Empfänger aber auch über diesen Strang zu erreichen sein oder noch an anderer Stelle einen Sensor angebracht haben, das müssen wir herausfinden. Zuerst heißt es, diesen Strang zu untersuchen und der hat eine Länge von eintausendachthundert Metern.
Ich habe mir den Verlauf der Trasse schon an Ort und Stelle angesehen. Es gibt mindestens zwanzig Schächte an günstigen Lagen. Wahrscheinlich wurde der Sensor nachts angebracht, dann würde ich einen versteckten Zugang aussuchen. Dafür kommen drei Stellen in Frage."
"Donnerwetter, sie gehen ja wie ein ausgebildeter Kriminalbeamter vor", erkannte Puck an, "aber wenn wir den Sensor wirklich finden, was können wir damit dann anfangen?"
"Wir müssen ihn nicht einmal finden, wir müssen nur wissen, daß unsere bisherigen Überlegungen richtig sind", antwortete Roland, "dann zwingen wir den ganzen Apparat zur Arbeit und das Weitere ist dann Sache der Kriminalpolizei".
"Ich verstehe nicht ganz..."
"Das will ich ihnen gerade erklären. Wenn der Sensor Informationen weitergibt, dann auch induktiv über das Kabel. Und das ist die Schwachstelle seines gesamten Planes, die lassen sich nämlich mit der richtigen Technik entziffern.
Wir setzen also irgend eine gut überlegte Meldung ab, die den Sensor dazu anregt, mit dem Empfänger Verbindung aufzunehmen und empfangen die Signale, die er abgibt ebenfalls. Wenn wir das ganz geschickt anstellen, können wir den Boss zu einer Handlung anregen, die ihn verrät."
Puck hatte sofort verstanden: "Und wie wollen sie die Signale aufnehmen? Die beschlagnahmten I-Handys kann ich ihnen dazu jedenfalls nicht zur Verfügung stellen."
"Wozu bin ich denn Chef einer Elektronikfirma", lächelte Roland und öffnete seinen Aktenkoffer. Er nahm zwei Geräte heraus, die darin eben Platz gefunden haben mochten.
"Das sind zwei solcher Geräte, wie sie im ISC-Computer benutzt werden, allerdings mit herkömmlicher Technik gebaut und darum so groß. Wenn wir einen davon als Sensor und einen als Reserve einsetzen, können wir die Signale empfangen, uns in die Vermittlung einschalten und sogar von hier aus mit dem Boss korrespondieren!"
"Um Gottes Willen", meinte Puck, "der hört doch nur seinen Anrufbeantworter ab, wenn wir korrespondieren, können wir ihn ja gleich anrufen."
"So meinte ich das doch nicht, wenn wir erst die Frequenz und den Code kennen, können wir ihm selbst fingierte Meldungen zukommen lassen."
"Hm, jetzt verstehe ich ihre Gedanken, eigentlich großartig", erkannte Puck an, "wir müssen aber noch eine zuverlässige Streifenbesatzung in unseren Plan einbeziehen. Die kann dann von draußen alles beobachten, eingreifen, Hilfe anfordern oder was auch immer, wir wissen ja nicht, was alles nötig wird."
"Das ist Sache der Polizei, aber es darf um Gottes Willen nichts durchsickern!"
"Unsere zuverlässigste Besatzung ist PHM Fischer und POM Doberschütz. Die junge Kollegin will sowieso immer beweisen, was sie kann", überlegte Puck, "jetzt gebe ich ihr eine Chance".
40. POM Doberschütz steigt ein
"Papa, was ist los, hat dich die Polizei in Verdacht?" fragte Cindi ihren Vater beim Frühstück, "Freddi hat mir erzählt, daß du ihn sogar gestern im Internat besucht und dort ein winziges Gerät aufgestellt hast."
"Na, das muß dir doch dein Verstand selbst sagen, daß ich zu den Hauptverdächtigen zähle, schließlich bin ich Elektronikspezialist und der Boss auch. Viel mehr scheint die Polizei von ihm nicht zu wissen."
"Nimms nicht so tragisch, das wird sich bald aufklären. Freddi und ich haben es jedenfalls schon vergessen."
"Hoffentlich hast du Recht, ich möchte mit dem Herrn Boss gern auf meine Art abrechnen. Jeder, der meine Tochter bedroht, legt sich auch mit mir an." Der Vater sagte es fest und bestimmt. Dann nahm er seine Tasche und ging aus dem Haus.
Um halb Neun hatte Puck die Besprechung mit der Funkwagenbesatzung angesetzt, zu der er ebenfalls geladen war. Roland wußte ganz genau, daß der Kriminaloberkommissar ihm immer noch mißtrauen mußte, aber sein Plan war die einzige Hoffnung, dem Boss auf die Spur zu kommen. Und es ging auch nicht ohne elektronische Spezialkenntnisse und Geräte, die er als Chef der Eichenthal-Elektronik ebenfalls ohne aufwendigen Papierkrieg unauffällig zur Verfügung stellen konnte.
"Herr von Eichenthal, ich habe unsere beiden Verbündeten bereits über ihren Plan informiert", empfing ihn Puck gutgelaunt, "hoffentlich gelingt uns der entscheidende Durchbruch".
"Zuerst werden die beiden Geräte an der Telefonhauptleitung induktiv angekoppelt", erklärte Roland, "dann muß von hier aus an eine andere Polizeistelle eine Meldung abgesetzt werden, die den Boss interessiert. Sein Sensor nimmt diese Meldung auf und gibt sie codiert an einen Anrufbeantworter weiter, induktiv über das Kabel. Diese codierte Meldung fangen wir über unser Gerät auf und müssen dann den Code knacken. Das macht wahrscheinlich das Gerät schon selbst, es ist dafür ausgelegt".
"Und wofür ist das zweite Gerät da?", wollte Chris wissen.
"Einmal zur Sicherheit, falls das erste ausfällt, aber auch zur Unterstützung, falls zu viele Daten anfallen. Die Geräte schalten sich untereinander selbst."
Chris meldete sich zu Wort:
"Dann schlage ich vor, der Chef ruft uns im Streifenwagen über Telefon an und schickt uns nach Lesta, um das Röhrchen zu suchen, in dem das Rauschgift war. Es soll auf Fingerabdrücke untersucht werden. Darauf müßte doch das ISC reagieren."
"Großartig, POM Doberschütz, während sie dann nach Lesta fahren, versuchen wir hier den Code zu knacken." Puck stimmte diesem Plan erfreut zu.
Zu aller Bedauern fand sich in Lesta kein Röhrchen, dafür brachte die Besatzung aber die Kassette mit, die der Boss einst in Edes Wagen gelegt hatte und mit der alles anfing. Ede hatte bei jeder Vernehmung von dieser Kassette gesprochen, konnte sie aber nicht vorweisen. Fischer fand sie in der Ecke eines Schrankes im Büro, der bei der Durchsuchung wohl übersehen worden war.
Die meisten Fingerabdrücke auf der Kassette gehörten natürlich Ede und auch Tine, aber ein Abdruck stammte offensichtlich vom Boss. Leider hat ihn Ede fast völlig verwischt und so war nicht allzu viel damit anzufangen. Vielleicht konnten aus mehreren solchen Fragmenten die vollständigen Abdrücke zusammengesetzt werden, aber woher sollte man die nehmen.
"Vieleicht von dem Sensor am Telefonkabel", schlug Chris vor.
"Dann weiß der Boss auf alle Fälle Bescheid, daß wir ihm auf der Spur sind", gab Roland zu bedenken, "ich würde mir das sozusagen als zusätzliches As erst einmal im Ärmel behalten. Wenn unser Plan hier schief geht, ahnt der Boss noch immer nichts, aber wenn wir an seinem Sensor rumfummeln, weiß er Bescheid."
Puck sah seine Streifenwagenbesatzung an.
"Was ist ihre Meinung dazu? Herr von Eichenthal ist einer der Hauptverdächtigen. Wenn wir zustimmen und er ist der Boss, gibt ihm das die Gelegenheit, seine Spuren zu verwischen. Wenn er der Boss nicht ist, verschenken wir eine gute Chance".
"Ich glaube nicht, daß Herr von Eichenthal als Boss das Leben seiner einzigen Tochter aufs Spiel setzen würde, er hätte die Sache anders gelöst", sagte Chris mit Überzeugung.
"Das sage ich mir ja auch immer", meinte Puck, "aber vom Verdacht freisprechen darf ich ihn nicht."
"Das weiß ich doch, Herr Puck", Roland sah ihn bittend an, "aber wenn sie den Sensor untersuchen und nichts finden, sind unsere Chancen um ein Vielfaches gesunken, ihn überhaupt noch zu überführen."
"Nun gut, einverstanden, und wie soll es jetzt weiter gehen?"
"Wir haben inzwischen den Code geknackt, damit können wir direkt ohne Anzurufen eine Meldung an den Boss absetzen", erklärte Roland, "wir müssen versuchen, ihn zu einem Anruf zu bewegen. Dann läßt sich der Standort seines zweiten Gerätes bestimmen. Ich habe schon einige Geräte in meiner Firma, in meinem Hause und bei Freddi im Internat aufgestellt. Natürlich habe ich niemandem gesagt, wozu sie dienen. Aber sie helfen mir so ähnlich wie eine Funkpeilung von mehreren Stellen aus den Standort des Senders zu erkennen.
"Dazu habe ich einen Gedanken", meldete sich Chris erneut zu Wort, "in Lesta ist doch noch alles so, wie es einmal war, das heißt, es durfte noch nichts abgebaut werden. Also kann der Boss dort noch anrufen und sogar über seine Kameras beobachten.
Wir schicken dem Boss die Meldung, daß wir morgen um zehn dort erneut nach dem Röhrchen suchen. Er wird sich das natürlich ansehen. Ich gehe dann an den Kasten und schalte ihn ein, tue so, als ob ich spiele. Dabei rufe ich den Boss, vielleicht antwortet er mir."
"Na ja, eine kleine Möglichkeit ist das immerhin, wenn sie es geschickt machen, ahnt der Boss noch immer nicht, daß wir sein Geheimnis kennen. Und wenn er tatsächlich antworten sollte, verrät er den Standort seines Senders."
Am nächsten Morgen war die Cildburger Polizei in heller Aufregung. In ihrer Stadt wurde in der Nacht ein Mercedes der S-Klasse entwendet. Hatte der Boss noch weitere Eisen im Feuer? Die Reporter umlagerten die Wache wie ein Bienenschwarm und versuchten jeden, der sich sehen ließ, zu einer Meinungsäußerung zu bewegen. Kriminaloberkommissar Puck hatte aber strengstes Stillschweigen angeordnet und so erfuhr niemand etwas über den Stand der Erkenntnisse. Nur, daß um zehn eine Besatzung nach Lesta fährt, um das Röhrchen zu suchen, wurde bekannt gegeben. Aber die Halle war weiträumig abgesperrt worden und damit für die Reporter nicht zu erreichen.
Wie staunten Chris und Fischer, als der verschwundene Mercedes in der Halle stand. Und eine leere Coladose lag daneben. Aber sie wußten, daß sie sich hier nicht laut über ihre Gedanken unterhalten durften. Der Boss hatte überall seine Sensoren, er konnte sie hören und sehen. Also spielten sie die einfältigen Polizisten.
"Das darf doch nicht wahr sein, die müssen eben hier gewesen sein, wir haben sie bestimmt gestört", rief Fischer seiner Kollegin zu. Die begriff sofort seine Gedanken und antwortete:
"Wir müssen sofort eine Fahndung auslösen, vielleicht erwischen wir noch einen."
Auch Puck war zunächst verblüfft über diese Entwicklung. Der Boss wußte seit gestern nachmittag, daß die Suche stattfindet. Warum stellt er dann den Wagen dort hin und läßt noch eine Coladose, augenscheinlich mit seinen Fingerabdrücken, zurück?
Mit Roland von Eichenthal kam er zu dem Schluß, daß der Boss sich sehr sicher fühlen muß und mit ihnen ein Spielchen veranstaltet. Keiner der beiden glaubte, daß die Coladose die Fingerabdrücke vom Boss enthält.
Chris und Fischer hatten inzwischen eifrig in alle Ecken geleuchtet und kamen nun ins Büro.
"Das ist doch der Kasten, mit dem der Boss immer seine Anweisungen gegeben hat", sagte Chris scheinbar neugierig, "wie funktioniert der denn eigentlich?"
"Das weiß der Teufel, davon verstehe ich nichts", erhielt sie zur Antwort.
Sie beugte sich interesseirt über den Kasten und suchte einen Schalter, der aber nicht vorhanden war.
"Irgendwie muß das Ding doch einzuschalten sein", sagte sie eifrig, "dann könnten wir auch mal mit dem Boss sprechen."
"Chris, hör auf und bring uns nicht in Teufels Küche", flehte Fischer.
"Boss, he, Bossilein", flüsterte Chris etwas einfältig, "vielleicht hören sie mich, he, antworten sie doch. Ich bin Chris Doberschütz und wer sind sie?"
"Chris", mahnte Fischer erneut.
"Ich will ja nur mal seine Stimme hören, weiter nichts. Also, Boss, lieber Bossi, melden sie sich doch."
Sie hätte tatsächlich auch Schauspielerin werden können, dachte PHM Fischer amüsiert.
"Ich glaube, daß wir den Schalter nicht finden können. Wie geht das verflixte Ding nur einzuschalten?"
"Es ist eingeschaltet", schnarrte der Kasten plötzlich.
Stille, beide sahen sich sprachlos an.
"Boss?" Die Stimme von Chris klang leise, neugierig und verschwörerisch.
"Ja, ich bin der Boss", knarrte der Kasten wiederum.
"Das is'n Ding, ich wollte schon immer mal mit ihnen sprechen. Wer sind sie denn nun wirklich?"
"Der Boss, und der will ich auch bleiben. Bestellt euren Schnüfflern einen schönen Gruß."
"Wer hat denn den Mercedes hier abgestellt? Die Halle wird doch von uns überwacht, warum sind sie eigentlich so dumm?" Chris spielte die einfältige Unschuld vom Lande hervorragend.
"So, so, Mädchen, du findest mich also dumm? Ich wußte sogar, daß ihr heute herkommt. Den Mercedes habe ich euch auf dem Tablett serviert um zu zeigen, daß ihr keine Chance habt. Mich kann man nicht entdecken, gebt es auf, die Ermittlungen kosten bloß eine riesige Summe Steuergelder."
"Die Polizei wird sie schon finden, schließlich werden wir dafür bezahlt. Dann werden wir uns persönlich unterhalten."
"Ha, ha, ha, sie wissen ja nicht einmal, wie man einen Computer einschalten muß, und da wollen sie mich finden? Um den Kasten zu verstehen, der vor ihnen steht und aus dem meine Stimme klingt, muß man schon eine Menge von Elektronik verstehen. Und dazu brauchten sie viele Jahre, glauben sie mir."
"Was ist denn Besonderes an diesem Kasten?" Chris besah ihn sich von allen Seiten.
"Daß er ein Geheimnis für sich behalten kann".
Damit war das Gespräch beendet, so sehr sich Chris auch mühte, die Einfältige zu spielen. Fischer hatte die Coladose inzwischen geborgen und so sicherten sie den Mercedes und die Halle, bevor sie nach Cildburg zurückfuhren.
"Chris, sie sind die geborene Schauspielerin. Wenn ich nicht genau wüßte, daß sie hochintelligent sind, ich würde sie ebenfalls für einfältig halten. Bestimmt haben sie auch noch optisch so gewirkt", empfing sie Puck und sah Fischer an.
In diesem Augenblick wurde Herr von Eichenthal gemeldet. Er brachte eine Cassette, die er in den Videorecorder schob und die das Gespräch zwischen Chris und dem Boss zeigte. Alle im Raum schmunzelten über die Verstellkünste der Polizeimeisterin.
"Haben sie eigentlich den Standort des Senders?" fragte Puck ungeduldig.
"Ja", war die Antwort und Roland breitete eine Karte von Cildburg auf dem Tisch aus. Sie zeigte Kabelverläufe, die eine Rückverfolgung möglich machten. Alle Linien schnitten sich in einem Punkt.
Puck sah auf diesen Punkt und pfiff durch die Zähne. Auch Chris und Fischer konnten einen erstaunten Ruf nicht unterdrücken.
"Vorerst kein Wort darüber, wir vermuten jetzt, wer es ist, nur fehlt noch der Beweis.", ordnete Puck an.
Da klingelte das Telefon. Es war das Ergebnis der Untersuchung der Coladose. Die darauf enthaltenen Fingerabdrücke gehörten zu einem Obdachlosen.
41 Der Boss
Etwa ein Jahr nach diesen Ereignissen beendeten erst Cindi und ein halbes Jahr später auch Freddi das Studium. Cindi begann ihre berufliche Tätigkeit in der Eichenthal-Elektronik AG als neue PR-Chefin und wurde innerhalb kürzester Zeit nicht weil sie die Tochter des Chefs war, sondern aufgrund ihrer soliden Kenntnisse und Erfolge von allen geachtet.
Freddi blieb im städtischen Krankenhaus als Assistenzarzt in der Chirurgie. Er versuchte, bei Professor Prandt, den er schon auf der Universität verehrte, zu promovieren. Wahrscheinlich half Roland von Eichenthal etwas nach, aber sein Wunsch erfüllte sich später tatsächlich.
Cindi und Freddi waren damals in den Cildburger Kampfsportclub eingetreten und ihre Spitznamen Kung-Fu-Lady und Bruce Lee von Cildburg wurden gleich mit übernommen. Sie brauchten sich aber auch nicht dafür zu schämen, denn ihre Leistungen konnten sich sehen lassen. Zwar gab es immer wieder einen anderen, der besser war, aber bei Wettkämpfen waren sie doch bald gefürchtete Gegner in ihrer Klasse. Übrigens sprachen die beiden nun auch zum ersten Mal ernsthaft über ihre Hochzeit.
Im September desselben Jahres begann der Prozeß gegen die Autoschieberbande. Natürlich wurde er von den Medien mit großem Interesse verfolgt und die Frage nach dem Hauptschuldigen stand täglich in den Zeitungen.
Nach Meinung der Sachverständigen haben die Mitglieder der Bande mit hohen Gefängnisstrafen zwischen neun und fünfzehn Monaten zu rechnen.
Die Angeklagten hatten sich die besten Anwälte aus ganz Deutschland besorgt. Aber auch der Staatsanwalt und das Gericht waren hervorragend besetzt, sodaß ein spannender Prozeß vorprogrammiert war.
Einer der Höhepunkte waren die Zeugenaussagen von Cindi und Freddi.
Freddi wurde zuerst aufgerufen. Er schilderte seinen Versuch, sich nachts Geld zu verdienen und die Begegnung mit Herrn Henrich, der eigentlich Eduard Neumeister heißt. Auch über dessen Verkleidungen sprach Freddi und wie sich nach der Reise plötzlich aus dem netten Herrn ein skrupellos fordernder Geldhai entwickelt hat, der mit seinem Gorilla Ralf Lechner Angst zu verbreiten versuchte.
"Hatten sie Angst?", fragte der Staatsanwalt.
"Natürlich, wenn man von solch einem Riesen mit einer Hand mühelos hochgehoben wird, hat man schon Angst", gab er zu.
"Wurden sie bedroht?"
"Ja, aber zu dieser Zeit nur verbal. Ich weiß heute, daß ich zu Diebstählen von Luxusautos überredet werden sollte."
"Sie sagen 'sollte', hat man ihnen so ein Angebot gemacht?" "Ja, wenn ich zwei Wagen anbringe, wollte mir Herr Henrich, ich meine Herr Neumeister, meine Schulden erlassen."
"Und wie haben sie reagiert?"
"Ich habe ihn an unseren Vertrag erinnert. Dort stand, daß das Geld innerhalb von zwei Jahren zurückgezahlt werden muß, aber nichts von monatlichen Raten. Also habe ich mir gedacht, daß nur der Termin von zwei Jahren eingehalten werden muß, wann ich zahle, ist nicht festgeschrieben. Ich habe in diesem Jahr mein Studium beendet und verdiene jetzt das erste Geld. Davon wollte ich die Schulden bezahlen."
"Und warum haben sie das Angebot ihrer Partnerin nicht angenommen, das Geld vorzuschießen?"
"Ich war damals zu stolz dazu, wäre mir als Versager vorgekommen. Auch heute noch habe ich den Vorsatz, Herrn von Eichenthal die volle Summe termingemäß zurückzuzahlen. Ich fühle mich tief in seiner Schuld."
Freddi blickte bei diesen Worten zu Eichenthals, die alle Vier ein leichtes Schmunzeln nicht unterdrücken konnten. Natürlich hatte Roland die gesamte Summe sofort an die Justizkasse eingezahlt, als er die ganze Wahrheit kannte. Der Bankier Steffen von Eichenthal, Cindis zwei Jahre älterer Bruder, hat das Geld in seinem Auftrag überwiesen.
Nach Freddi mußte Cindi in den Zeugenstand, dann Hall, die Eltern von Fips, Nachbarn der Angeklagten und Geschädigte. Auch Fromm und Schulze wurden je einmal aufgerufen, aber es wurden dabei nur ihre Fachkenntnisse in der Elektronik benötigt.
Einen Zwischenfall gab es lediglich bei der Vernehmung von Herrn Günzel, der betrunken in den Zeugenstand trat und dafür mit einer Geldstrafe belangt wurde.
Dann kam die von allen mit Spannung erwartete Zeugenaussage der Polizei. Endlich muß sie ihr Schweigen brechen und bekennen, was sie über den Boss weiß.
Kriminaloberkommissar Puck betrat das Zeugenpult und beantwortete einige Fragen zum Hergang der Festnahme und zur Durchsuchung der Halle in Lesta.
"Wir haben sie versiegelt, aber noch im ursprünglichen Zustand belassen", sagte er, "damit bei einem eventuellen Lokaltermin alles so ist, wie wir es vorgefunden haben."
"War nicht der Boss trotz Ihres Siegels in der Halle und hat sogar einen gestohlenen Wagen dort abgestellt?", wollte der Staatsanwalt wissen.
"Leider ja, er fühlte sich zu sicher und ahnte nicht, daß wir ihm zu dieser Zeit schon auf der Spur waren".
Bei diesen Worten entstand Tumult im voll besetzten Saal und der Richter mußte für Ruhe sorgen.
"Heißt das, sie wissen, wer der Boss ist?"
"Wir haben einen begründeten Verdacht, aber es ist uns nicht gelungen, ihn auch zu beweisen."
"Bitte erklären sie sich genauer."
"Sehen sie, Herr Staatsanwalt", begann Puck und blickte sich im Saal um, "die I-Handys der Bande sind ganz neuartige high-tech-Geräte, die eigentlich ISC-Computer heißen. Sie wurden vom FBI für Geheimagenten entwickelt und sind äußerlich durch nichts von einem normalen Handy zu unterscheiden.
Leider erwies sich einer der Spezialisten des FBI, der Deutsche Herbart, als korrupt. Er verkaufte Kopien der Entwicklungsunterlagen nach Ostasien, wahrscheinlich an Indochina. Als die Sache aufflog, verschwand Herbart spurlos.
Die Ostasiaten brauchten einige Zeit, um die Dinger zu bauen und weiterzuentwickeln, schließlich sind dafür ganz neue Techniken und Innovationen erforderlich, aber es gelang ihnen schließlich doch. Vor fünf Jahren wurde darüber erstmalig berichtet. Herbart scheint irgendwo an einem stillen Ort untergetaucht zu sein. Er wird zwar vom FBI gesucht, aber gehört nicht zu den Gejagten. So kann er unter falschem Namen lange unerkannt bleiben, wenn er sich nicht verrät.
Angenommen, er traf in seinem Versteck auf einen Partner, der ebenso skrupellos ist wie er, dann kann er durch seine Beziehungen nach Indochina natürlich jederzeit solche ISC-Computer und die gesamte zugehörige Technik besorgen und der andere baut in Deutschland eine Bande auf, die kaum zu fassen ist.
Dieser Freund, von dem wir glauben, dass er sich Boss nennt, ist übrigens ein überdurchschnittlich geschickter Mensch, der vor keinem Schloß und keiner noch so komplizierten Technik kapituliert. Er hat es sogar fertig gebracht, am Auto eines der Angeklagten eine Ladung Schmirgel ins Öl zu schütten. Seine Frau dagegen hält die geschäftlichen Fäden in der Hand, sie vermittelt die Autos an ausländische Käufer und nimmt deren Wünsche entgegen. "
"Wieso war die Bande kaum zu fassen?"
Weil jeder ein ausgebildeter Spezialist auf seinem Gebiet ist und die Gespräche nicht zurückverfolgt werden können. Ohne das unüberlegte Kidnapping der Studentin und des Studenten durch Neumeister und Lechner wären wir ihnen wohl kaum auf die Spur gekommen. Für uns war es ein Glücksfall, dass die Entführte die Tochter Herrn von Eichenthals ist, dadurch hat der uns mit seinem Wissen und seinen Geräten unterstützt, er will wissen, wer das seiner Tochter angetan hat. Ohne ihn würden wir vielleicht jetzt noch im Dunkeln tappen. Wir benötigten ein volles Jahr, um die jetzigen Erkenntnisse zusammenzutragen, denn immer wieder stießen wir auf high-tech, das wir erst knacken mußten."
"Und das Rauschgift Hypotaxal?"
"Ist ebenfalls eine neuartige Entwicklung aus Indochina, die Herbart durch seine Geschäftsfreunde besorgen kann. Mit Hilfe seines Geschickes verschaffte sich der Boss Eintritt in Wohnungen, z.B bei Günzels, um am Computer herumzumanipulieren. Er hat dem Vater einfach Alkohol angeboten, der das Hypotaxal enthielt. Danach befahl er ihm, alles zu vergessen."
"Und wie hat er den Geschäftsführer von Hall überreden können, auf einen Berg zu klettern?"
"Auch mit Hypotaxal, genau so wie bei den anderen Ermordeten. Vielleicht benutzt er das Gift auch als Gas und kann es in deren Autos legen, oder er spricht persönlich mit seinen Opfern und bietet dabei z.B. einen Drink an."
"Und wie hat er stets die Parkplätze voraussagen können, wo die Opfer ihre Autos abstellen würden?"
"Sehen Sie", Puck drehte sich zum Publikum um, "er hat die Besitzer von Luxusautos wahrscheinlich alle genau beobachtet. So kannte er ihre Gewohnheiten, er hörte ihre Telefongespräche ab, wusste, wann und wo sie Besprechungen haben. Und er wusste, wo sie ihre Autos parken. Die meisten von uns bleiben doch ihren gewohnten Parkplätzen treu, und das wurde ihnen zum Verhängnis."
"Und woher kamen die falschen Papiere, die kaum als Fälschungen zu erkennen sind?"
"Dazu gehört doch nicht viel mehr als das richtige Papier und ein spezieller Drucker. Der könnte sogar in einer Aktentasche transportiert und über einen Laptop gesteuert werden, das ist doch kein Problem. Und das Papier ist längst nicht so gesichert wie beim Geld, es lässt sich recht unkompliziert herstellen. Auch ein Siegel ist kein Problem, dazu reicht eine Klemmzange und natürlich der Stempel. Für den Boss mit seinen Vebindungen nur eine Kleinigkeit."
"Aber wer ist denn nun endlich mal der Boss?" Der Staatsanwalt klang ungeduldig
"Das kann jeder von uns sein, er verwischt seine Spuren perfekt"
"Damit wollen sie also sagen, daß sie den Boss nicht ermitteln können?"
"Jedenfalls mit herkömmlichen Methoden nicht. Er klemmt seine I-Handys induktiv an die Kabel an und benutzt ausgefallene Frequenzen, um digitale Signale zu übertragen. So etwas führt nicht einmal zum Verdacht bei der Telekom."
"Aber wissen sie eine Methode, um den Boss zu enttarnen?"
"Wir haben ein Jahr lang die Gespräche des Bosses mit Herbart überprüft, um hinter alle Geheimnisse der Organisation zu kommen."
"Aber wer ist der Boss?"
Puck hielt jetzt ein Gerät hoch.
"Das ist so ein I-Handy. Wie gesagt, es kann einfach als Handy für jedes Netz benutzt werden, aber dafür ist es wohl zu teuer. Wer es als I-Handy anrufen will, muß einen Sperrcode kennen. Und dieser ist einer der kompliziertesten Codes, die es gibt."
"Kennen Sie den Code nun oder nicht, wissen sie wer der Boss ist?"
"Ich vermute sogar, daß er hier im Saal sitzt, aber ich kann es nicht beweisen."
Bei diesen Worten entstand abermals Tumult und jeder sah sich im Saal um. Natürlich konnte niemand einen Verdächtigen erblicken, viele kannten sich sogar persönlich.
Als der Richter für Ruhe gesorgt hatte forderte er Puck auf, in seinen Ausführungen fortzufahren.
"Wenn ich hier", Puck zeigte auf die Tasten des I-Handys, "durch Zufall den richtigen Code eingeben würde, könnte ich mit dem Boss Verbindung aufnehmen."
Puck drückte einige Tasten des Gerätes und auf einmal erscholl im Saal der Rufton eines Handys. Eine verstörte Person sprang auf und wollte den Saal eilig verlassen. Vor der Tür standen jedoch viele Polizisten, die sie in Empfang nahmen.
"Das Spiel ist endgültig aus, Frau Hall, alias Boss, ihr Mann wurde vor zehn Minuten festgenommen und die Ganzettis alias Herbarts auf Ibiza, der Zentrale ihrer Organisation, hat die spanische Polizei bereits heute früh dem FBI ausgeliefert. Zur Zeit werden parallel ihr Haus in Cildburg und auf Ibiza durchsucht. Wir hoffen, darin die Kommandozentrale zu finden, mit der sie ihren Leuten in Lesta Anweisungen gegeben haben. Wahrscheinlich werden wir morgen noch ihre Fingerabdrücke oder andere persönliche Spuren auf den Sensoren an den Kabeln bei der Telekom finden."
Die Mitglieder der Autoschieberbande erhielten Strafen zwischen neun und achtzehn Monaten Gefängnis. Rasi kam mit einer Bewährungsstrafe davon, weil er von den ganzen kriminellen Aktivitäten der Bande nichts gemerkt hatte. Er glaubte bis zuletzt, für eine geheime Autowerkstatt zu arbeiten.
Der Verhandlungstermin für den Boss wird noch bekanntgegeben.
Aktualisiert (Mittwoch, den 18. Oktober 2006 um 14:48 Uhr)


