Weihnachtsmärchen
Der falsche Weihnachtsmann
Der falsche Weihnachtsmann
© 2004 by Ulrich Pethke
Es lebte einmal ein reicher und böser Mann mit seiner Frau, die ebenso böse war. Sie stritten und zankten sich den ganzen Tag, aber den beiden gehörten viele Hotels, Supermärkte, Kaufhäuser und sie betrogen ihre Kunden, wo es nur ging. Sie bekamen niemals genug, alle Leute nannten sie nur 'die zankenden Krämers'.
"Stell dir vor, der arbeitslose Blechstedt, der von Sozialhilfe lebt, hat im Lotto gewonnen", kam die Frau eines Tages ganz aufgeregt nach Hause, "er hat jetzt mehr Geld als wir!"
Das war zuviel für die Beiden. Sie wurden ganz grün vor Neid und überlegten, was zu tun ist. Ausgerechnet der arme Blechstedt besitzt plötzlich mehr Geld als sie. Die Frau wurde richtig krank und immer dünner. Deshalb wollte sie der Mann auch auf andere Gedanken bringen. Er sagte:
"Bald kommt der Weihnachtsmann mit seinen Geschenken"
"Was die wohl wert sind?", überlegte die Frau laut und auf einmal hatte der Mann einen Einfall:
"Wenn wir den Zaubersack des Weihnachtsmannes hätten", sagte er, "bekämen wir alles, was wir uns wünschen. Wir brauchten nie wieder etwas zu kaufen und könnten noch alle anderen Geschäfte in der Stadt und im Land beliefern. Niemand wäre so reich wie wir. Vielleicht kann er sogar Geld zaubern!"
"Hurra, und dann kann Blechstedt vor Neid platzen", jubelte die Frau, "du mußt unbedingt den Sack beschaffen!"
Herr Krämer machte sich sofort an die Vorbereitungen und reiste in den hohen Norden. Dort schlich er sich heimlich in den Weihnachtswald und wo der am tiefsten ist, versteckte er sich. Er musste nicht lange warten, denn schon bald kam der Weihnachtsmann mit seinem Schlitten angefahren.
Auf einmal sprang der Krämer aus seinem Versteck hervor und hielt ihn an. Er zog den Weihnachtsmann vom Schlitten und der Alte hatte nicht die Kraft, gegen den Mann zu kämpfen.
"Die Klamotten und den Sack her, aber schnell", wurde der gute Alte angeschrien.
"Ich bin der Weihnachtsmann, du kannst damit doch gar nichts anfangen", sagte er.
Es war aber vergebens. Er musste seinen Mantel, die Mütze, Hose und die Stiefel hergeben. Krämer zog die Sachen an und fuhr mit dem Schlitten des Weihnachtsmannes davon. Er lachte noch und wusste doch nicht einmal, dass für den Zaubersack und den Schlitten auch unbedingt die Handschuhe des Weihnachtsmannes erforderlich waren. Er glaubte, dass die Kleidung ausreicht. Ohne Handschuhe aber machen Sack und Schlittenpferde was sie wollen. Den frierenden Weihnachtsmann liess der Räuber einfach im dunklen Wald zurück.
"Ich habe dir die Handschuhe gelassen, wärme dir die Hände", rief er lachend zurück.
Der arme Alte klapperte so sehr mit den Zähnen, dass es im ganzen Märchenreich zu hören war. Alle, die dort wohnten hatten Mitleid und schimpften auf den kecken Dieb. Sie brachten den Weihnachtsmann sofort auf Schloss Ruprechtshausen. Zum Glück war da ja noch seine Ersatzkleidung und er zog sich gleich um. Auch der alte Zaubersack hing noch in der Kammer, aber der war schon vielmals geflickt und jetzt hatte er an der Seite schon wieder ein grosses Loch.
"Ich setze schnell einen Flicken darauf"!
Seine Frau machte sich gleich an die Arbeit. Denn nur, wenn die Frau des Weihnachtsmannes den Sack und die Handschuhe näht, haben diese Dinge auch Zauberkraft. Bald schon konnte der Alte die Fahrt mit dem Ersatzschlitten fortsetzen.
Doch wie war es inzwischen dem dreisten Dieb ergangen?
Kaum hatte er sich auf den Schlitten gesetzt, da merkten die Pferde auch schon, dass nicht der Weihnachtsmann die Zügel in der Hand hielt. Sie preschten davon und sprangen in die Luft. Der Schlitten wirbelte hinterher und der Mann musste sich ordentlich festhalten. In Todesangst rief er um Hilfe und flehte die Pferde an, doch wieder auf die Erde zurückzukehren. Doch die hatten das ganze Jahr über im Schloss Ruprechtshausen verbracht und waren froh, sich einmal richtig austoben zu können. Also flogen sie übermütig hin und her, vollführten die tollsten Kunststückchen und kümmerten sich nicht weiter um den Schlitten und den daranhängenden schreienden Mann. Endlich wurden sie müde und landeten wieder auf der Erde. Der Mann fiel ängstlich aus dem Schlitten und torkelte zu einem Taxi, das ihn nach Hause fuhr. Es war sehr weit und sehr teuer, aber er hatte ja den Sack des Weihnachtsmannes, der jeden Wunsch erfüllt, so glaubte er jedenfalls.
Frau Krämer meckerte wie eine Ziege, weil sie das teure Taxi bezahlen musste.
"Du bist sogar viel zu blöd, um ein paar Pferde im Zaum zu halten", schrie sie ihn an.
Doch sie beruhigte sich sofort wieder und jubelte los, als sie den Sack des Weihnachtsmannes sah.
Da entdeckten die Kinder der Stadt den vermeintlichen Weihnachtsmann, denn er trug ja Mantel, Hose, Stiefel und Mütze des richtigen Weihnachtsmannes. Doch er schrie alle an, zu verschwinden und die erschrockenen Kinder rannten schreiend nach Hause. Seine Frau indes ergriff den Sack und beide liefen ins Wohnzimmer ihres Hauses. Sie legten den Sack behutsam auf den runden Tisch und zogen die Fenster zu, damit ihnen niemand zusehen konnte.
Die Frau wünschte sich zuerst eine kostbare Perlenkette. Sie griff in den Sack, aber zu ihrem Schrecken ertönte ein grässliches Lachen. Heraus kamen die Bewohner des Märchenreiches, um die beiden für den frechen Überfall zu bestrafen. Trolle, Elfen, Geister, Feen, Hexen, Zauberer und viele andere Märchenfiguren wimmelten plötzlich im Haus der beiden herum. Der grosse Zauberer Rilan trat auf Krämer zu und sagte:
"Wer den Frieden im Märchenwald stört, wird nach unseren Gesetzen bestraft. Wer aber den Weihnachtsmann angreift, der wird von uns allen bestraft."
"Bestraft, bestraft", nickten die Trolle und stellten sich hinter die beiden.
Die Frau begann zu schreien, aber Rilan machte eine Handbewegung und sie war stumm.
Jetzt kamen die Hexen auf ihren Besen angeflogen und umkreisten die beiden. Sie hatten inzwischen in der Küche einen Topf Schreckenssuppe gekocht. Jede von ihnen gab noch einen Stengel Angst, Zittern, Entsetzen, Furcht, Beben, Grauen oder Panik dazu. Diesen Topf stellten sie auf den runden Tisch und bespritzten die beiden mit der Suppe.
Danach kamen die Feen. Sie sprachen jede einen Unglücksspruch aus. Alt, arm, warzig, hässlich, krank und verzweifelt sollten sie werden.
Nach und nach erschienen der Reihe nach alle Bewohner des Märchenreiches. Jeder hatte seine eigene Art, den beiden Unglück und Verderben zu wünschen.
Krämers hingegen standen wie gelähmt vor Entsetzen und hörten sich alle die schlimmen Dinge an, die ihnen gewünscht wurden. Zum Schluss trat Rilan auf die beiden zu und hob die Hand. Da waren ihr Haus, die Hotels und Supermärkte verschwunden. Der Mann und die Frau standen frierend auf der Strasse und wussten nicht, wo sie bleiben sollten.
Sie ergriffen sich schließlich an den Händen und liefen so schnell als ihre Füsse sie tragen konnten aus der Stadt heraus.
Die neuen Supermärkte, Hotels und alles andere gehören heute den Blechstedts. Die Krämers aber wurden nie wieder gesehen und keiner weiss, wo sie geblieben sind. Nur der krumme Krischan behauptet immer wieder, er habe auf der grossen Wiese ein warziges Krötenpaar streiten gesehen, das ihn stark an die zankenden Krämers erinnerte.
Aber Krischan war damals ganz bestimmt betrunken und darum glaubt ihm auch niemand.


