Weihnachtsmärchen
Das gerettete Weihnachtsfest
Das gerettete Weihnachtsfest
© 2004 by Ulrich Pethke
Es schneite schon seit Tagen. Große, dicke Flocken fielen ununterbrochen auf die Erde und breiteten eine gleichmäßige Fläche über die Wege, die Wiesen und die Felder. Der Wald deckte sich mit einer weißen Decke zu, die oben in den Baumkronen hing. Er schien im Frost erstarrt zu sein. Aber nein, gerade dort, wo er am tiefsten ist, wo die alte knorrige Eiche ihre breiten Zweige über eine versteckte Wiese ausbreitete, regte sich Leben. Ein kleines Reh war zuerst da und scharrte mit den Hufen, um vielleicht noch einen Grashalm von der Wiese zu finden. Aber bald kamen auch andere Tiere dazu und schließlich hatten sich alle Bewohner des Waldes an diesem Ort versammelt. Rings in den Bäumen saßen die Vögel, die Eichhörnchen und auch die Marder, auf der Wiese standen die Rehe, Hirsche, Füchse und unter dem Schnee hockten die Mäuse, die Käfer, Spinnen und all die anderen kleinen Tiere. Sogar der Waldschrat hatte sich eingefunden.
Es herrschte eine feierliche Stille, in der selbst Todfeinde, wie der Fuchs und der Hase, friedlich nebeneinander standen. Alles erwartete den Weihnachtsmann, der auf seinem Weg zu den Kindern immer hier bei den Tieren anhielt und Geschenke austeilte.
"Er kommt, er kommt", rief der Häher und hüpfte aufgeregt von Ast zu Ast. Dabei schüttelte er eine Ladung Schnee von den Zweigen, die dem Waldschrat genau auf den Kopf fiel.
"Bleib doch ruhig, wir hören ihn ja schon", rief der hinauf und jetzt hörten wirklich alle Tiere das wohlbekannte 'kling, kling, kling'.
Als der Schlitten anhielt, sang die Amsel ein wunderschönes Lied und alle Tiere versuchten mitzusingen. Das kleine Reh hatte einen Tannenzweig im Maul und reichte ihn dem Weihnachtsmann.
"Habt Dank, liebe Tiere für diese schöne Begrüßung. Ich wünsche euch allen ein fröhliches Fest", bedankte er sich und steckte den Zweig an seine Mütze.
Dann verteilte Knecht Ruprecht die Geschenke. Der Dachs bekam ein neues Fell, weil er sich bei einer Keilerei mit einem anderen Dachs seine Haut arg zerschunden hatte, der Fuchs erhielt einen neuen Schwanz, weil sein alter bei einem Kampf von einem Hund in der Mitte abgebissen wurde und der Amsel schenkte er ein neues Nest. In den letzten Ferientagen versuchte der kleine Sven nämlich auf den Baum zu klettern und riß dabei das Nest in die Tiefe. Zum Glück waren da die Kinder der Amsel schon ausgeflogen. Die Schnecke erhielt ein neues, größeres Haus. Der Alte hatte aber auch an alle Tiere gedacht. Nicht einmal die arme kleine Fliege wurde vergessen, die gerade noch der großen Kröte entkommen konnte, aber dabei einen Flügel lassen mußte. Knecht Ruprecht schenkte ihr einen ganz neuen, der sogar noch in Folie verpackt war. Beim Auspacken musste die Maus helfen, weil die Fliege vor Aufregung die Folie nicht allein öffnen konnte. Da nagte die Maus den Rand einfach ab.
Bald hatten alle Tiere ihr Geschenk erhalten und bedankten sich beim Weihnachtsmann mit einem Lied, einem Gesang oder einem besonderen Kunststück, wie das Eichhörnchen, das einen Sprung von einem Ast über die ganze Wiese auf einen Baum tat, bei dem es ordentlich vom Schnee verschüttet wurde. Da mußte sogar der Weihnachtsmann fröhlich lachen.
"Habt Dank, liebe Tiere, ich muss jetzt weiter zu den Kindern. Auch sie warten auf ihre Geschenke. Also, bis zum nächsten Jahr", sagte er und schwenkte lustig seine Peitsche. Die sechs weißen Pferde zogen den Schlitten auf dem breiten Weg in den Wald hinein. Doch der Weg war auf der Wiese tief eingeschnitten und der Schnee hatte alles zugedeckt. Die Tiere sahen entsetzt, wie der Schlitten mit einer Kufe in die Tiefe sackte und umstürzte. Dabei war ein ganz häßliches "kraatsch" zu hören, denn der Weihnachtsmann hatte sich bei dem Sturz seinen schönen roten Mantel zerrissen, ein großes dreieckiges Loch klaffte an der rechten Seite.
"Au wei, und in einer Stunde sollte ich bei den Kindern sein". Der Weihnachtsmann blickte verzweifelt auf die herumliegenden Geschenke und auf seinen zerrissenen Mantel. Alle Tiere waren wie erstarrt, es wurde auf einmal ganz still im Wald
Und mitten in diese Stille hinein begann die Wiese in einem seltsamen Licht zu erstrahlen. Das Christkind mit seinen goldleuchtenden blonden Haaren erschien. Es sang mit heller, glockenreiner Stimme ein wunderschönes Lied, um dem Weihnachtsmann Mut zu machen.
"Wei oh wei", jammerte der Alte immer noch, "mein Ersatzmantel hängt zu Hause im Schloß Ruprechtshausen hoch im Norden im Weihnachtswald und bis dahin sind es sieben Tagereisen. So kann ich unmöglich vor den Kindern erscheinen. Das Fest muss in diesem Jahr ausfallen. Oh weh, oh weh, noch niemals hat es Weihnachten eine Panne bei mir gegeben!"
Unterdessen hatten sich die Tiere noch einmal versammelt und nun ging der Hirsch auf den Weihnachtsmann zu:
"Lieber Weihnachtsmann, wir helfen dir, du kannst doch noch pünktlich bei den Kindern sein", sagte er und richtete mit seinem starken Geweih den Schlitten wieder auf. Viele Tiere, die Vögel, die Mäuse und die Rehe sammelten die Geschenke wieder ein und verstauten sie in den Säcken, der starke Keiler hob sie auf den Schlitten und die Tauben fegten mit dem rechten Flügel den Schnee von den Sitzen. Die Wildschweine indes liefen voraus und trampelten den Schnee auf dem Weg fest, damit ihn der Weihnachtsmann leicht erkennen kann.
Um den Mantel aber kümmerten sich die Spinnen. Der Igel gab ihnen den schönsten Stachel aus seinem Kleid als Nadel und sie nähten das Loch so geschickt zu, dass es nicht mehr zu sehen war. Wie freute sich da der Weihnachtsmann. Er setzte sich auf den Schlitten und neben ihm nahm das Christkind Platz.
"Liebe Tiere, ich weiß gar nicht, wie ich euch danken soll", sagte er zum Abschied ganz gerührt, "es ist schön, wenn man echte Freunde hat, auf die man sich im richtigen Moment verlassen kann".
Die Kinder merkten von dem ganzen Unfall nichts. Der Weihnachtsmann lachte und scherzte mit ihnen wie immer. Vielleicht war er in diesem Jahr sogar ein ganz klein wenig fröhlicher als sonst. Doch das fiel bloß dem krummen Krischan auf, der wie jedes Jahr die Pferde des Alten fütterte. Weil Krischan von den anderen jedoch immer ausgelacht und als Dummkopf verspottet wurde, wenn er etwas sagt, schüttelte er jetzt lieber den Kopf, tat einen tiefen Zug aus seiner Flasche und schwieg.
Wenn sich jemand den Weihnachtsmannn aber einmal ganz genau anschaut, kann er an der rechten Seite unter der Tasche an seinem Mantel auch heute noch zwei feine Nähte entdecken. Doch der Weihnachtsmann wird wohl niemals verraten, wie sie dorthin gekommen sind.


